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Clementine ist sechzehn und eigentlich hatte sie bisher angenommen, ihr Leben wäre völlig normal. Doch dann durchlebt sie eines Tages ihre erste Verwandlung in ein Dämonenwesen. Währenddessen entdeckt ein Junge im gleichen Alter ebenfalls, dass er besondere Fähigkeiten besitzt. Beide müssen ihre Familien und ihr altes Leben hinter sich lassen, um sich einer speziellen Ausbildung zu unterziehen und mehr über ihr Schicksal zu erfahren. Schon bald merken die beiden Teenager, dass sie durch ihre Geburt zum Spielball rachsüchtiger Menschen geworden sind und dass es allein in ihren Händen liegt, die Welt vor ihrem Untergang zu bewahren.
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Seitenzahl: 388
Veröffentlichungsjahr: 2020
Jule Beatsch
Die nächste Generation
Gejagt
Impressum
Text: © 2020 Copyright by Jule Beatsch
Cover: © 2020 Copyright by Jule Beatsch
Print:
All rights reserved; no part of this book may be used or reproduced by any means without credit or permission.
978-3-347-14046-2 (Paperback)
978-3-347-14047-9 (Hardcover)
978-3-347-14048-6 (e-Book)
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg.
Für Annika, die mich dazu ermutigt hat, niemals aufzugeben
Vorwort:
Als erstes möchte ich mich bedanken, dass jemand dieses Buch in Händen hält, um es zu lesen. Meine Hauptzielgruppe sind von Anfang an Jugendliche gewesen, denn ich möchte ihnen mit diesem Buch zeigen, dass Bücher lesen Spaß machen kann. Als ich mit dem Schreiben dieses Buches anfing, war ich gerade mal dreizehn Jahre alt und habe das nur aus Langeweile gemacht. Aber die Idee umfasste mit der Zeit unglaubliche viele Details und es kamen immer mehr Seiten hinzu. Meine Grundidee war es das Buch so zu schreiben, dass jeder für sich einen Charakter finden kann, in der er sich gut hineinversetzen kann und sich mit diesem identifiziert. Ich habe auch Probleme angesprochen, die sicherlich der ein oder andere kennt oder vielleicht sogar jeden Tag damit konfrontiert wird: Schulstress, Depressionen, Angst, Einsamkeit oder auch das Gefühl einfach anders zu sein. Doch es sind auch Themen, wie Individualität, Teamgeist, Liebe und Zusammenhalt in diesem Buch zu finden. Dies soll bedeuten: auf schlechte Zeiten folgen gute; man darf sich nie selbst aufgeben und nie den Kopf hängen lassen. Dieses Buch soll euch einfach zeigen, dass es immer wieder Lichtblicke gibt, egal wie klein sie sind, man muss nur die Augen öffnen, um sie sehen zu können.
In dem Sinne: Danke fürs Lesen. Ich hoffe ich kann hiermit etwas bewirken. Die Kapitelüberschriften sind übrigens Songs, die meiner Meinung nach perfekt zu den darin angesprochenen Themen passen.
Clementine
(Mark Owen, 1996)
Gott wird oft als übernatürliches, körperloses Wesen definiert, für das die Naturgesetze nicht gelten.
Anders formuliert ist unser Gott ein unsterbliches höheres Wesen von Menschengestalt, das die Verkörperung einer Naturkraft oder einer geistigen oder sittlichen Macht darstellt. Gott bedeutet: allmächtig und gerecht. Jeder von uns dachte doch einmal, dass Gott ein lieber und freundlicher alter Mann mit weißem Bart und einem weißen Gewand ist, welcher immer auf uns aufpasst und uns vor all dem Bösen in der Welt bewahrt. Der oben auf einer riesengroßen weichen Wolke sitzt und uns vor Gefahren beschützt, sodass wir niemals Angst haben müssen. Jemand, der uns zeigt, dass uns jeder Fehler vergeben wird. Jemand, der in schwierigen Zeiten immer für uns da ist. Eine Art Belohnung für unseren Glauben. Ja, das ist alles schön und gut, aber mal ehrlich: Als Kind haben sie dir immer erzählt, wie wunderbar und perfekt der religiöse Glauben ist. Ist er für manche Menschen ja auch. Aber nie hat jemand was von der anderen Seite unseres Glaubens berichtet. Vom Jenseits. Dort kommen alle bösen Seelen nach dem Tod hin, Menschen, die in ihrem Leben Fehler gemacht haben und genau das ist die Lücke in unserem Glauben. Denn jeder Mensch, jede Kreatur und jedes Wesen macht Fehler, das ist unvermeidbar. Ich schlussfolgere, dann müsste ja eigentlich jeder in das Jenseits beziehungsweise in die Hölle kommen, ich meine, die müsste ja dann schlichtweg total überfüllt sein. Hätte ich all das vorher gewusst, hätte ich sicherlich einiges davon vermeiden können, ich hätte mein Leben mehr geachtet, ich hätte es wertgeschätzt und ich wäre zu einigen Menschen netter gewesen. Glaubt mir, ich hätte sehr viel anders gemacht. Nun ist es vorbei. Es ist unaufhaltsam. Und irgendwann erwischt es auch dich. Und du wirst es viel zu spät bemerken.
***
„Clementine! Hast du deine Hausaufgaben für morgen in Chemie schon gemacht? Du weißt, das wird benotet, und du weißt, dass du dich mehr anstrengen musst! Davon hängt sehr viel ab; das weißt du doch selbst! Stell dir mal vor, du würdest sitzen bleiben! Es würde unseren Ruf ruinieren, es wäre eine Tragödie!", rief ihre Mutter, Mrs. Campbell, aber mehr jammernd und mehr zu sich selbst, als wäre eine schlechte Note in Chemie ihr Todesurteil. Clementine hatte im ersten Stock einer sündhaft teuren Villa in den Beverly Hills der Stadt Los Angeles ihr Zimmer und rief trotzig durch die offene Zimmertür nach unten: „Ja, ich habe das Zeug fertig und ja, ich habe mich angestrengt! Und keine Sorge, ich werde schon nicht sitzenbleiben. Zufrieden?"
Ein tiefes Seufzen war die Antwort und sie hörte wie ihre Mutter zu sich selbst sagte: „Dieses Kind!"
Clementine rollte nur mit den Augen, drehte dem Flur mit vergoldeten Stuck-Wänden den Rücken zu und schloss die Tür. Sie hatte ihrer Mutter nicht die ganze Wahrheit gesagt, denn ihre Hausaufgaben in Chemie, „von denen ja soooo viel abhing", hatte sie nicht mal zur Hälfte fertig. Sowieso hatte Clem nur wirres Zeug mit irgendwelchen Formen und Stoffen aufs Blatt geschmiert, so was H2O-mäßiges. Es würde schon schiefgehen; ihr Chemielehrer war eigentlich relativ locker, was Hausaufgaben betraf. Im Wesentlichen saß er im Unterricht immer nur vorne am Pult und las irgendwas, solche historischen Bücher, die er aus der Schulbibliothek auslieh. Mittlerweile war Clementine aber felsenfest davon überzeugt, dass er schon mindestens die Hälfte aller Bücher dort gelesen hatte, so müde wie er immer aussah mit seinen zerzausten Haaren, der schiefen Brille mit den dicken Gläsern und seinem zerknitterten Anzug. Nicht zu vergessen: seine gestreifte Krawatte. Clem war sowieso nicht so der „Ichlerne-weil-es-mir-Spaß-macht-Typ", sondern eher der „Ich-lernenachts-um-drei-weil-ich-die-Personifizierung-der-Faulheit-bin". Das könnte vermutlich der Grund sein, weshalb sie nicht so großartige Noten schrieb. Ihr persönlich war das ja auch nicht so wichtig, aber für Clems Mutter, das in Los Angeles hoch angesehene und heiß begehrte Model, war das ja das Wichtigste auf der Welt. Es hätte Clementine nicht gewundert, wenn sie Lehrerin geworden wäre, falls es mit der Model-Karriere nicht hingehauen hätte. Jedenfalls hatte sie die große Angst, Clem würde nicht erfolgreich werden. Ihre Vorstellung von der Zukunft ihrer Tochter war nämlich, dass Clementine wie sie ein Model werden würde oder zumindest eine Schauspielerin. Erfolg war alles für sie, und auch ihr Stiefvater hatte einen tollen Job: Er arbeitete als Regisseur von weltbekannten Filmen, die in allen möglichen Ländern ausgestrahlt wurden. Clementine selbst hatte noch keinen Beruf vor Augen, eine Modelkarriere wäre für sie allerdings das langweiligste auf der Welt. Immer nur perfekt lächeln, einen hässlichen roten Teppich entlang stöckeln und posieren? Dann könnte sie ja gleich Prostituierte werden, also mal ehrlich. Seufzend ließ sie sich auf ihr goldenes Himmelbett fallen. Die zahlreichen Kissen federten sie, sodass sie wie auf einer Wolke landete. So lag sie da eine ganze Weile und starrte die Decke an, die über und über mit beigen Paisleymustern verziert war. Natürlich hatte Clementines Mutter ihr Zimmer eingerichtet. Aber sonderlich beschweren konnte sie sich nicht darüber; es war besonders groß und geräumig, und sie besaß einen Balkon mit Blick auf den Schriftzug „Hollywood". Sie ließ ihren Blick kurz über die restliche Einrichtung ihres Zimmers schweifen. Sie besaß einen großen Kleiderschrank, eine etwas kleinere Kommode und einen hübschen Schminktisch.
Erschrocken fuhr das Mädchen hoch, als das laute Klingeln ihres Handys sie aus ihren Tagträumereien riss. Verwundert blinzelte Clementine und starrte verwirrt auf das Display.
„Oh wie schön, Kai ruft an!", murmelte sie und ging natürlich sofort ran.
„Hi Clem", begrüßte die Stimme eines Jungen sie mit seiner sanften und ruhigen Stimme, wodurch Clementine sich sofort besser und fröhlicher fühlte. Kai war Clementines Freund und sie gingen in die gleiche Klasse. Er war in ihren Augen ihr Seelenverwandter, ihr Lebenssinn.
„Hallo Kai, wie geht es dir?", fragte Clementine verträumt und zeichnete mit ihrem Zeigefinger wilde Muster in ihre Bettdecke.
„Alles gut, nur Training nervt. Jordan ist so ein schlechter Spieler! Mich wundert es, dass der Coach ihn noch nicht aus dem Team geworfen hat. Sogar ein Nilpferd im Tanga würde besser spielen als er.", berichtete er ihr und Clementine prustete los. Kai war ein leidenschaftlicher Footballspieler, der Sport war einfach alles für ihn, mehr als nur ein Hobby.
„Ach was, soooo verdammt schlecht wird er schon nicht sein.", grinste sie und hatte immer noch die Vorstellung von dem Nilpferd im Kopf.
„Wie geht es dir sonst so?", fragte er sie als nächstes, doch die Verbindung schien abzubrechen, denn Clementine hörte nur noch komische kratzende Geräusche, als befände Kai sich gerade in einem Funkloch.
„Mir geht es gut, nur meine Mutter nervt voll rum, mit meinen lebenswichtigen Hausaufgaben und so", erzählte sie ihm, aber die Verbindung wurde immer schlechter.
„Ich… ch… rufe… dich…sp…später …zurück", knirschte seine vertraute Stimme und die Verbindung brach ab
Bitter sweet Symphony
(The Verve, 1997)
„Der Wolf (Canis Lupus) ist das größte Raubtier aus der Familie der Hunde (Canadiae). Wölfe leben meist in Familienverbänden, fachsprachlich Rudel genannt. Die Art war seit dem späten Pleistozän in mehreren Unterarten in weiten Teilen [der Erde] heimisch Außerdem zählen sie zu den bekanntesten Raubtieren überhaupt, denn sie haben frühzeitig den Weg in viele Mythen und Märchen der alten Völker gefunden. Sie sind zudem die Stammform aller Haushunde und des sekundär wilden Dingos“.
„Hmmm, irgendwas fehlt noch, nicht wahr Jake?", murmelte Tarik konzentriert und kraulte seinen treuen Hund, der immer zur Stelle war, wenn er traurig war. Sein Blick jedoch war auf den Bildschirm seines PCs vor ihm gerichtet, denn dort schrieb er gerade einen Text über sein Lieblingstier, den Wolf. Er fand diese wilden Tiere wunderschön und war fasziniert von ihrer Stärke. Jake erhob sich auf seine Pfoten und riss das Maul auf, um zu gähnen. Dabei entblößte der Husky-Rüde eine Reihe perlweißer, scharfer Fangzähne und sah Tarik mit seinen großen, unschuldigen türkis-blauen Augen an. Tarik schmunzelte und strich seinem Freund sanft über den Kopf. Er liebte Tiere und auch die Wissenschaft. Es faszinierte ihn einfach immer wieder von Neuem, wie vielfältig diese Wesen waren und welch verblüffende Verhaltensweisen sie an den Tag legten. So war es auch bei Jake. Der Husky hatte schönes, glatt anliegendes schwarz-weißes Fell und einen sanftmütigen und durchaus menschenfreundlichen Charakter, weshalb Tarik diese Hunderasse auch so sehr mochte. Huskys sind in vielen Bereichen einsatzfähig, was Menschen betrifft, und deshalb auch unter vielen Kindern beliebt. Jake bellte kurz und hechelte Mitleid erregend.
„Oh, sag bloß du hast schon wieder kein Futter mehr! Es ist doch nicht mal eine halbe Stunde her, seit – okay, ich hatte Recht, du Vielfraß. Wie kann man nur so verfressen sein? Wie schaffst du es nur, innerhalb von dreißig Minuten dein ganzes Futter zu verschlingen? Naja, man muss ja nicht alles auf dieser Welt verstehen…", murmelte Tarik und seufzte grinsend. Irgendwann würde dieser Hund ihnen noch die Haare vom Kopf fressen. „Na dann komm schon mit ", forderte er den Vierbeiner mit einer einladenden Handbewegung auf und wartete an seiner Zimmertür, bis Jake an ihm vorbei gehuscht war. Tarik schloss geräuschlos die Tür hinter sich und fuhr sich mit der rechten Hand noch einmal prüfend durchs schwarze Haar, dessen Strähnen über seiner Stirn hingen. Das sieht süß aus, sagte seine Mutter immer. Seine graugrünen Augen bekamen einen traurigen Ausdruck, als der Junge an seine Mutter dachte. Sie machte so viel für ihn. Sie arbeitete für einen Professor in einem Labor als Assistentin. Früher hatte sie Biologie mit dem Schwerpunkt Botanik studiert, deshalb kannte sie sich in diesem Themengebiet auch ziemlich gut aus. Sie hatte früher auch einen guten Job gehabt, aber das war gewesen, bevor sein Vater seine Mutter verlassen hatte. Tarik kannte ihn nicht einmal, er war abgehauen, als Mrs. North mit ihm schwanger gewesen war. Einfach abgehauen. Seitdem kamen sie nur schwer über die Runden. Mrs. North arbeitete hart und viel, um ihrem Sohn alles zu ermöglichen. Tagsüber eben im Labor und in der Nacht hatte sie noch einen anderen Nebenjob. Tarik hatte seine Mutter früher oft gefragt, wer sein Vater sei, wo er wohne oder wie er aussah. Sie hatte darauf immer mit „Eines Tages wirst du das alles verstehen mein Schatz. Eines Tages, aber nicht heute." geantwortet. Jetzt war er sechzehn und hatte sehr wohl verstanden, was sie damals gemeint hatte. Sein Vater, Logan McCallister, hatte nun eine andere Familie. Er hatte eine schottische Frau geheiratet und mit ihr einen Sohn, der nicht viel jünger als Tarik war. So viel zu „Familien halten zusammen". Gar nichts hält zusammen.
„Wuff!" bellte Jake ungeduldig und wedelte mit seiner Rute auffordernd gegen Tariks Schienbein.
„Ja, ist ja gut, ich komme ja schon, Geduld ist wohl ein
Fremdwort für dich, was?“, neckte Tarik liebevoll und lief die alte Holztreppe hinunter in die geräumige Küche.
Das Haus, in dem der Junge mit seiner Mutter wohnte, war schon ziemlich alt, bestimmt wurde es Anfang oder Mitte der neunziger Jahre erbaut, denn es war fast ausschließlich aus Holz, mit einem schönen Muster an der Fassade. Hier in Kanada war es sehr ruhig, die Dörfer waren abgelegen und man kannte sich untereinander. Das war eines der Dinge, die Tarik nur zu gut wusste. Nachdem er seinem Hund etwas Fressen und ein bisschen frisches Wasser in den Napf gefüllt hatte, hörte er, wie sich der Schlüssel im Schloss drehte. Jake spitzte die Ohren, hob aber nicht den Kopf. Er kannte die vertrauten Schritte seiner Besitzerin.
„Tarik? Bist du Zuhause?", fragte eine weibliche Stimme und es folgte ein heftiges Keuchen. Der schwarzhaarige Junge machte einen Sprung über Jake, der mit seinem Futter total im Weg stand, und huschte den Flur entlang zur Haustür. Seine Mutter, Mrs. North, hatte zwei volle Tüten in der Hand, die sie den langen Weg vom Labor mit nach Hause geschleppt hatte, denn ein Auto besaßen sie nicht. Entweder fuhren sie mit dem Bus oder gingen zu Fuß.
„Wieso hast du mich denn nicht angerufen, Mum? Ich wäre dir doch entgegengekommen und hätte dir was abgenommen!", tadelte Tarik seine Mutter und nahm ihr schleunigst die schweren Taschen ab.
Sie lächelte dankbar: „Ich weiß, mein Junge, aber du machst doch gerade deine Wissenschafts-Sachen. Da wollte ich nicht stören.", sagte sie und ihre Miene hellte sich auf, als der Husky um die Ecke getrottet kam. Liebevoll begrüßte Mrs. North den Familienhund und gab ihm eine Streicheleinheit der Extra-Klasse.
„Kann ich wieder hochgehen oder brauchst du mich noch? Und, was ist eigentlich in den Taschen? Die sind nämlich wirklich voll schwer!", fragte Tarik neugierig. Seine Mutter, eine Frau mittleren Alters mit schulterlangen blonden Haaren, lächelte vielsagend: „Nichts Besonderes, das sind nur ein paar Setzlinge und Blumen. Ich habe sie aus dem Labor mitbekommen; der Professor hat sie in meine Obhut gegeben. Aber es wird schon ein Weilchen dauern bis sie wachsen", erklärte sie und ihre Augen bekamen einen wehmütigen Ausdruck. Tarik wusste, dass sie es vermisste, eine richtige Biologin zu sein. Das hatte ihr so viel bedeutet und so viel Spaß gemacht.
„Musst du noch etwas für die Schule machen, Schatz? Ich könnte dich später gerne abfragen, wenn du willst", meinte sie und wollte so wahrscheinlich das Thema wechseln. Tarik war das ganz recht.
„Ich muss nur eine Seite Spanisch Vokabeln lernen. Mr. Moreno fragt morgen ab. Abgesehen davon, dass er so cool ist, sind seine Abfragen ziemlich schwierig…", ergänzte er und begann mit seinen Fingerknöcheln zu knacksen.
„Na dann lern mal fleißig! Falls du Hilfe brauchst, kannst du mich ja fragen. Ich bin im Wohnzimmer und schaue mir eine Doku an.", erzählte seine Mutter beiläufig und drehte ihrem einzigen Sohn den Rücken zu. Tarik grinste und lief gut gelaunt die Treppe nach oben in sein Zimmer. Hätte er gewusst, dass das wohl der letzte Abend sein würde, an dem alles normal war, hätte er die Doku bestimmt mit ihr zusammen geschaut….
A whole Universe…
(Bare naked ladies, 2008)
„Tarik, verdammte Scheiße! Man, wo bist du gewesen? Wieso hat das denn nur so lange gedauert?", fragte ein braunhaariger Junge mit schokoladenbraunen Augen vorwurfsvoll und zerrte Tarik am Ärmel den Flur entlang.
„Hey, mal halblang Alan! Wir haben noch drei Minuten und Mr. Moreno kommt doch eh immer etwas zu spät", beruhigte Tarik seinen aufgebrachten Freund und verlangsamte seine Schritte wieder.
„Ich muss noch lernen! Ich kann keine EINZIGE Vokabel!! Wenn der mich abfragt, bin ich am Arsch!", rief Alan und kramte sein Spanischbuch aus dem schwarzen Rucksack mit dem Aufnäher: The Sky is the Limit.
„Ah, da ist es ja! Komm Alter, es klingelt gleich!", drängte Alan und hetzte den blau gestrichenen Flur entlang, an dessen Wänden zahlreiche Bilder hingen, die von niedrigeren Klassen gemalt worden waren. Einige davon zeigten Blumenwiesen, ein paar andere eine hübsche verschneite Winterlandschaft mit
Schneemännern und Schlitten, und die meisten waren Tier-zeichnungen. Fast alle zeigten das Nationaltier Kanadas, den kanadischen Biber. Das schrille Läuten der Schulglocke zwang Tarik dazu seinen Blick von den Gemälden abzuwenden, und gemeinsam mit seinem Freund mischte er sich unter die Menge an Schülern, die alle fröhlich durcheinander plapperten. So gelangten die beiden in ein großes Klassenzimmer. Alle Schüler des Spanischkurses waren bereits anwesend, manche saßen auf ihren Tischen, zeigten sich gegenseitig Fotos auf ihren Smartphones und kicherten. Andere hockten lässig an ihrem Platz und blätterten noch einmal ihre Schulunterlagen durch. Aber die meisten – und das wunderte Tarik überhaupt nicht – saßen bei Nina Smith und schrieben eilig die Hausaufgaben ab. Typisch Nina. Sie hatte einfach IMMER die Hausaufgaben. Als Tarik sich an seinen Platz in der zweiten Reihe neben Alan setzte, musterten ihn einige Mitschüler argwöhnisch und flüsterten sich Dinge zu. Er wusste, dass es Dinge waren, die mit ihm zu tun hatten, denn er wurde immer wieder schief von der Seite angeschaut. Das war für ihn allerdings nichts Neues; in seiner Klasse war er nur als „der verrückte Tier-Nerd" bekannt und das schon seit der 6. Klasse. Mittlerweile störte ihn das fast gar nicht mehr; er hatte sich mit der Tatsache abgefunden.
„¡Buenos dias!", begrüßte Mr. Moreno die Schüler des Spanischkurses freundlich und gut gelaunt, so wie an jedem anderen Tag auch. Er hatte ein nettes, breites Grinsen im Gesicht und seine grauweißen Haare waren sauber nach hinten gekämmt. Der Lehrer legte seine braune Wildledertasche auf das Pult und verschränkte die Arme hinter dem Rücken.
„Setzt euch", forderte er die Schüler mit einem Kopfnicken auf und wartete, bis alle Gespräche verstummt waren. Seine Augen huschten über die Klasse und er fragte nachdenklich:
„Hatte ich euch vorgestern etwas aufgegeben?“ Dabei kratzte er sich am Kinn. Ein paar Jungs schüttelten den Kopf, als würden sie sich fragen „Was für Hausaufgaben? Das habe ich ja noch nie gehört!" Doch sofort schnellte Ninas Zeigefinger in die Höhe:
„Ja Mr. Moreno, wie hatten im Buch Seite 34. Nummer 5 A) und B) auf", erklärte sie und deutete vielsagend auf ihr Heft, um ihren Worten noch etwas Nachdruck zu verleihen.
„Ach, stimmt ja, danke Nina! Dann schlagt bitte alle umgehend Seite 34 auf, damit wir die Hausaufgabe besprechen können. Dann frage ich heute mal nicht ab", sagte Mr. Moreno gut gelaunt und drehte sich um, um etwas an die Tafel zu schreiben. Alan seufzte erleichtert auf und flüsterte in Tariks Richtung: „Glück gehabt".
Ein paar Schüler zischten „Streber" oder „Schleimer" in Ninas Richtung, aber das ließ sie völlig kalt, sie war sowieso eine Musterschülerin, schrieb fast nur 1er oder 2er, selten war auch eine 3 dabei. Bei Tarik war es auch so. Er schrieb auch ausschließlich Bestnoten, was sein Ansehen nicht gerade verbesserte. Gerade als Tarik sein gelbes Heft aus dem Rucksack holen wollte, um die Hausaufgabenverbesserung mit aufzuschreiben, traf ihn eine Papierkugel im Nacken. Er verdrehte die Augen und tat so, als hätte er es gar nicht gemerkt, aber ein paar Sekunden später traf ihn schon die nächste Kugel. Genervt drehte Tarik sich um und hob den zerknüllten Zettel vom
Boden auf. Als er aufsah, blickte er in das hämisch grinsende Gesicht von Nate. War ja klar. Nate war der beliebteste Junge schlechthin; er wurde von ausnahmslos allen respektiert oder fast schon gefürchtet. Seufzend faltete Tarik den Zettel auf. In krakeliger Schrift stand
Tir-FREAK
auf dem Papier. Tarik musste beinahe grinsen, denn offenbar kannte Nate das Wort „Rechtschreibung“ nicht. Er holte einen Kugelschreiber aus seinem Mäppchen, strich das Wort durch und schrieb:
Es heißt Tier-Freak, du Grammatik-Allergiker!
darunter. Zufrieden faltete er den kleinen Zettel zusammen und warf ihn geschickt nach hinten.
Als es endlich zur Pause klingelte, war Tarik froh, die Schulstunde ohne weitere Zwischenfälle überstanden zu haben. Das sollte aber nicht von Dauer sein, denn als er hinaus auf den Gang lief und den Weg zu seinem Spind einschlug, wurde er von einer kräftigen Hand am Pullover gepackt und nach hinten gezogen. Die Hand gehörte, wie nicht anders zu erwarten, zu Nate. Eine Gruppe von fünf oder sechs anderen Jungs stand neben ihm und sie blickten Tarik höhnisch an. Auf Nates Gesicht erschien ein wutverzerrtes Grinsen und er packte den Zettel aus und wedelte damit hektisch vor Tariks Gesicht herum: „Deine Klugscheißerei kannst du dir sonst wo hin stecken kapiert, du Spinner?", befahl er und schüttelte Tarik, als er nicht antworte: „Ich habe dir eine Frage gestellt! Beantworte sie gefälligst!", brüllte der riesenhafte Junge und es sah fast so aus, als würde er gleich die Beherrschung verlieren. Tarik sammelte allen Mut, den er noch übrig hatte (es war nicht besonders viel) und sah in Nates rotes Gesicht. Dann verschränkte er die Hände und sagte überzeugt:
„Erstens, du hast mir keine Frage gestellt, sondern einen Befehl geäußert. Zweitens war das auf dem Zettel eine Feststellung. Das ist ein Unterschied."
Stille breitete sich auf dem gesamten Flur aus. Tarik blinzelte vorsichtig zur Seite und erhaschte einen Blick auf seine Mitschüler, die einen Kreis um Nate und ihn gebildet hatte. Keiner von ihnen wagte es, etwas zu sagen. Viele starrten Tarik schockiert an. Noch nie hatte jemand so direkt mit Nate gesprochen. Niemand. Dieser holte wortlos aus und schlug Tarik seine Faust mitten ins Gesicht.
„Rede niemals wieder so mit mir! Verstanden du Spinner!?", schrie er aufgebracht und warf Tarik wie ein totes Tier auf den Boden. Dann beugte er sich hinunter uns sagte etwas leiser:
„Das wird ein Nachspiel haben, du Spinner. Ich kriege dich noch!" Seine Schar folgte Nate den Flur entlang und himmelte ihn an wie einen Gott. Tarik spuckte etwas Blut und rieb sich die schmerzende Wange. Dann wanderte seine Hand weiter zu seiner Nase und er zuckte heftig zusammen, als er sie berührte. Fühlte sich gar nicht gut an, hoffentlich war sie nicht gebrochen. Tarik schaffte es, sich aufzusetzen und murmelte:
„Wenn er mal sein Gehirn so gut wie seine Fäuste benutzen könnte“, knurrte Tarik genervt und wollte sich aufsetzen. Dann stöhnte er kurz vor Schmerzen auf, als er seinen Arm belasten wollte. Bei seinem Sturz musste er auf ihn gefallen sein.
„Tarik! Bist du wahnsinnig! Dich so mit Nate anzulegen… Hast du dir was getan?", fragte Alan bestürzt und eilte zu seinem Freund, der noch immer am Boden saß. Tarik stützte sich auf seine rechte, unverletzte Hand und erhob sich wieder.
„Das werde ich ihm heimzahlen, selbst wenn ich mir dafür Flügel wachsen lassen muss!", knurrte er und konnte ja nicht ahnen, wie viel Wahrheit in diesem Satz steckte.
Love hurts
(Nazareth, 1976)
„Oh Mann, kann mal jemand bitte denjenigen, der die Schule erfunden hat, fragen, ob der total hobbylos war?", seufzte Clementine niedergeschlagen und ließ sich auf das große pastellfarbene Sofa fallen, das im Eingangsbereich der Villa stand. Auch hier reihten sich viele „Kunstwerke" aneinander, wobei Clementine diese immer als „Aus Versehen entstandene Kunst" bezeichnete, da sie selbst nicht viel davon hielt. Für sie war das nur Platzverschwendung, mehr nicht. Doch ihr Stiefvater sammelte leidenschaftlich gerne diese Bilder, die Clementines Ansicht nach nur aus wirren Strichen bestanden; er erstand diese meistens auf Auktionen.
„Schule ist so scheiße und unnötig.", murmelte Clementine zu sich selbst und erhob sich wieder. Nun stand sie im menschenleeren Eingangsbereich und sah sich um. Heute war sie ganz allein zuhause; ihre Mutter hatte ein Fotoshooting und ihr Stiefvater war mal wieder bei einem wichtigen Drehtag als Regisseur. Also im Klartext hieß das, sie hatte die Riesenvilla für sich. Das war auch gut so, denn schon seit heute früh fühlte sich das Mädchen nicht so wohl und war ganz froh und dankbar über ein bisschen Ruhe. Sie hatte ein merkwürdiges Gefühl in der Magengegend, das am Morgen ganz plötzlich aufgetaucht war und seitdem nicht besser wurde. Ruhig schlenderte sie in die großzügige Küche der Familie und warf einen forschen Blick in den Kühlschrank. Auch in diesem Raum war sie heute allein, denn die Angestellten hatten frei bekommen. Angewidert schloss sie die Kühlschranktür wieder, denn darin befand sich nur ekelhaftes veganes Zeug, Smoothies und Gemüse – Clementines Mutter legte besonders großen Wert auf ausgewogene und gesunde Ernährung. So ein Öko-Freak, dachte Clementine nur und lief wieder zurück in die Eingangshalle, schnappte sich ihre teure Markenhandtasche und stapfte die auffällige weiß-goldene Marmortreppe hinauf. In ihrem Zimmer angekommen, pfefferte sie die Tasche in eine Ecke und setzte sich auf ihren großen Balkon. Die Veilchen, die ihre Mutter im Frühjahr dort gepflanzt hatte, waren mittlerweile aufgegangen und blühten in einem wunderschönen kräftigen Violett. Gerade als Clementine ihre Kopfhörer aufsetzen wollte, um ein bisschen Musik zu hören, ertönte die Klingel.
Irritiert legte sie die Kopfhörer zurück auf den kleinen Tisch aus Glas, der neben ihr stand. Dann erhob sie sich, ging zurück ins Zimmer und öffnete ihre Zimmertür einen Spalt. Hatte sie sich verhört? Nein, offenbar nicht, denn die Klingel ertönte ein zweites Mal.
„Wer kann das wohl sein?", überlegte Clementine leise und schritt eilig die Treppe hinunter. Als sie die große schneeweiße Tür öffnete, begann sie zu strahlen:
„Kai! Was machst du denn hier? Ich dachte du hättest heute ein wichtiges Training?", bombardierte sie ihren Freund mit Fragen und fiel ihm um den Hals. Er roch so gut nach dem Parfüm, das Clementine ihm letztes Jahr zum Geburtstag geschenkt hatte.
„Ich wollte nur meine Freundin besuchen, da war mir das Spiel egal", lächelte er, doch Clementine hätte schwören können, dass er sie traurig ansah, als der Junge sich geschickt aus ihrer Umarmung löste.
„Kann ich vielleicht kurz reinkommen?", bat Kai sie und fuhr sich durch seine perfekt sitzenden blonden Haare.
„Kurz? Du kannst natürlich so lange bleiben, wie du willst!", erwiderte Clementine und schloss die Tür hinter den beiden.
„Du siehst so besorgt aus Kai, was ist denn?", fragte sie dann leise und wollte ihrem Freund eine weitere Umarmung schenken, doch diesmal wich er absichtlich aus und kratzte sich nachdenklich und irgendwie auch nervös am Arm. Clementine runzelte die Stirn und verschränkte die Arme vor der Brust: „Was ist los Kai?", fragte sie eindringlich und starrte ihn an. Er hatte noch nie eine Umarmung von ihr ausgeschlagen. Das hier war das erste Mal gewesen.
„Es ist so, Clementine… Du, du bist wirklich ein tolles Mädchen und ich mag dich, aber…ich …ich habe einfach keine Gefühle mehr für dich und ich dachte, es wäre nur fair, wenn du es von mir hörst. Nimm es bitte nicht persönlich okay? Du wirst darüber hinwegkommen", sagte er fast ohne zu zögern, aber dafür gänzlich ohne Bedauern in der Stimme. Clementine stand ihm fassungslos gegenüber und starrte ihn verletzt an, sie konnte nicht glauben, was er da sagte.
„Soll das etwa heißen, du willst mit mir Schluss machen?“, fragte sie bestürzt.
„Clem, es tut mir wirklich leid, aber ich liebe dich einfach nicht mehr", sagte er sachlich und schwieg dann.
„Warum tust du das? Was soll diese Aktion! Ich habe doch nie irgendwas falsch gemacht, ich habe mich immer bemüht, eine gute Freundin zu sein! Warum tust du mir das an!“, rief sie sauer und verletzt und hielt sich die Hände an den Kopf.
„Was soll ich sagen, die Gefühle sind verschwunden und es ist besser es zu beenden, als eine gefühllose Beziehung zu führen!?“ antwortete er kopfschüttelnd und sah sie an.
„Soll das etwa heißen, dass es ein anderes Mädchen gibt? Ist es das, was du mir damit sagen willst??!“, fauchte Clementine ihn wütend an und ihr fiel es nun schon schwer, ihre Tränen zurückzuhalten. Kai zögerte einige Sekunden, bevor er antwortete:
„Nein, gibt es nicht“. Aber Clementine war nicht dumm. Das Zögern hatte ihr die Antwort bereits geliefert.
„Ich gehe dann mal wieder", versuchte er beiläufig zu sagen und wollte gerade nach der Klinke greifen, als Clementine sprach: „Oh nein, du wirst nirgendwo hingehen, mein Lieber."
„Clem, was…?" fragte Kai verwirrt und drehte sich um, aber das, was er sah, ließ ihn das Blut in den Adern gefrieren. Clementine stand völlig regungslos ein paar Meter vor ihm entfernt. Sie merkte, wie sie wütend wurde, und zwar sehr, sehr wütend. Auf einmal durchzuckte sie ein übler Schmerz; es fühlte sich an, als würden tausende Klingen ihren Körper durchstechen. Ihr Kopf schmerzte und sie schrie auf. Kai drückte sich ängstlich an die Tür und wollte wegrennen, aber Clementine sah auf und schrie: „Du verfluchter Mistkerl! Zur Hölle mit dir!"
„Was passiert mit dir?!", keuchte Kai atemlos und zitterte, als er sah, wie die Augen von Clementine sich komplett schwarz färbten. Auf einmal verwandelten sich ihre zarten Finger in lange messerscharfe Klauen, und ihr wuchsen gewaltige dunkel gedrehte Hörner an beiden Seiten aus dem Kopf. Ihre blasse Haut bekam einen rötlichen Ton, aus ihren Schultern schossen riesige schwarze, Fledermaus-artige Flügel und lange scharfe Eckzähne kamen zum Vorschein. Bedrohlich, als wäre sie besessen, schritt sie auf Kai zu und leckte sich genüsslich über die Lippen.
„Clementine…. das ist nicht lustig… bitte… nein!", flehte Kai und kauerte sich auf dem Boden zusammen. Clementine ragte über ihm wie ein Wolf vor einem Schaf und sagte:
„Dafür wirst du bezahlen! Wenn ich dich nicht bekomme, soll es auch keine andere! Das ist alles allein deine Schuld, ganz allein deine Schuld!", kreischte sie und holte mit ihren langen, gefährlichen Klauen weit aus. Kai sah sie mit vor Schreck geweiteten Augen an und flüsterte:
„Du bist nicht Clementine. Du bist ein Monster".
Doch im gleichen Augenblick versenkte Clementine ihre Klauen im Hals ihres Ex-Freundes und riss ihn förmlich in Fetzen. Dabei schrie sie immer wieder aufs Neue:
„Du verdammter Mistkerl! Du sollst LEIDEN! Was hast du mir nur angetan!?!".
Blut, dunkelrot wie manche Rosen, die im Garten der Villa wuchsen, spritzte an die weißen Wände und färbte auch die helle Couch. Immer wieder, obwohl Kai schon tot war, schlug sie auf ihn ein, riss seine Haut in Fetzen, kreischte wütend und bohrte ihre Krallen tief in sein Fleisch, bis sie sogar die blanken Knochen spüren konnte. Doch sie konnte nicht aufhören. Nach einiger Zeit wurden ihre Schläge jedoch schwächer, ihre Bewegungen langsamer und ihre Haut bekam wieder eine normale Farbe. Die Flügel verschwanden, auch die Hörner waren weg und ihre Zähne schrumpften wieder auf die normale Größe. Clementine stand blutverschmiert und völlig schockiert vor der komplett zerstückelten Leiche von Kai. Traumatisiert vor Schreck wich sie einige Schritte zurück.
„Kai… was habe ich nur getan… es tut mir so leid", schluchzte sie tränenerstickt und hielt ihre Hände vors Gesicht. Als sie aber sah, dass dort noch mehr Blut von der Person klebte, die sie doch so geliebt hatte, begann sie heftig zu zittern. Das ganze Blut an den Wänden war machte es für sie nur noch schlimmer.
„NEIN!", schrie sie panisch und begann sich vor dem Schmerz zu winden, der sich in ihr breitmachte: „Das wollte ich nicht Kai, ich wollte dich nicht töten!", weinte sie und brach in der Eingangshalle zusammen. Unter Tränen und furchtbaren Schuldgefühlen wusste sie tief in ihrem Inneren, dass nichts mehr so sein sollte, wie es einmal war. Das war nicht sie gewesen. Hatte sie gerade eine Art Transformation erlebt? Wer war sie? Was war eben mit ihr passiert? Clementine schluchzte und lehnte sich immer noch unter Schock stehend an die Wand. Jetzt, in genau diesem Moment stand sie in einer für Hollywoods Verhältnisse völlig normalen Villa in Los Angeles, der man von außen nichts von all dem Übel, das gerade geschehen war, anmerken konnte, und neben ihr lag eine brutal zugerichtete Leiche. Ein ganz normaler Tag eben.
Immer noch betäubt von ihrer herzlosen Tat stand Clementine in der Eingangshalle und konnte sich nicht von der Stelle rühren. Da lag er, oder besser gesagt, das, was noch von ihm übrig war, denn überall im Umkreis von mindestens drei Metern waren Teile seines Körpers verteilt. Sie schluchzte und konnte einfach nicht fassen, dass sie das gewesen war. Wie hatte das nur passieren können? So derartig war sie noch nie ausgerastet. Doch was war das?
Heftig atmend wischte sich das blonde Mädchen die Tränen aus dem Gesicht, als sie draußen das verräterische Geräusch eines parkenden Autos hörte.
„Was mache ich jetzt nur?", keuchte sie atemlos und versuchte einige der Körperteile unter das Sofa zu schieben. Sie wusste nicht einmal genau, warum sie das tat; derjenige, der jetzt zur Tür hereinkommen würde, würde sowieso sehen, was sie angerichtet hatte. Und in genau diesem Moment drehte sich der Schlüssel im Schloss und ihre Mutter schob sich ins Haus:
„Hallo Schatz, ich bin wieder zu… WAS zum???“, flüsterte Mrs. Campbell erschrocken und ließ den Schlüssel fallen.
Am liebsten wäre Clementine ihrer Mutter um den Hals gefallen und hätte ihr erzählt, dass sie das alles nicht gewollt hatte und es ein riesiges Missverständnis war. Aber was sollte sie denn zu ihr sagen? Oh hallo Mama, ich habe meinen Freund ermordet, weil ich sauer war, hoffentlich macht es dir nichts aus, dass er hier tot in unserem Flur liegt, wollen wir ein Eis essen? Sicher nicht. Stattdessen begann Clementine wieder zu weinen und schluchzte:
„Es… es tut mir so leid, Mum… ich wollte das nicht machen… ich habe mich verwandelt… etwas hat von mir Besitz ergriffen… ich weiß nicht, was ich bin."
Mrs. Campbell lief schnell zu ihrer Tochter und schloss sie fest in die Arme. Clementine war irritiert:
„Mum, ich bin eine MÖRDERIN! Wie kannst du mich jetzt mit dem Wissen noch in den Arm nehmen?", heulte sie völlig überfordert und sackte wieder in sich zusammen. Die Leiche in ihrem Haus ließ ihre Mutter wohl völlig kalt, denn sie lief zu Clementine und bückte sich zu ihr nach unten.
„Sieh mich an, Clem", sagte sie in einem ernsten Ton. Das Mädchen hob den Kopf und versuchte zu erkennen, wie enttäuscht ihre Mutter von ihr war. Aber zu ihrem Erstaunen sagte sie etwas völlig anders, womit sie niemals gerechnet hätte: „Das ist das Erbe deines Vaters."
Verständnislos musterte Clementine ihre Mutter und wollte einfach nicht glauben was sie da sagte:
„Welches Erbe? Ich kenne meinen Vater doch gar nicht! Was hat das denn mit ihm zu tun?!", fragte sie total und sichtlich überfordert. Mrs. Campbell half ihrer Tochter wieder auf die Beine und sagte:
„Setz dich, ich muss dir etwas erzählen".
Clementine warf noch einen schmerzvollen Blick auf Kais Leiche, dann kam sie immer noch etwas wackelig auf den Beinen zu ihrer Mutter ins Esszimmer und setzte sich an den Esstisch.
„Also, wer ist mein Vater?", fragte Clementine, nachdem sie sich etwas beruhigt hatte und lehnte sich gespannt etwas vor. Mrs. Campbell holte tief Luft.
„Du darfst mich aber nicht für verrückt erklären", forderte sie und sah Clementine fast flehend in die Augen.
Die Tochter lachte sarkastisch auf: „Nach diesem Tag halte ich gar nichts mehr für verrückt", versprach sie.
„Nun gut, Clem. Dein Vater ist der Teufel."
„Das ist ein Witz, oder?", fragte Clementine ungläubig und starrte ihre Mutter schockiert an: „Den Teufel gibt es doch gar nicht!"
„Würde es ihn nicht geben, würde es dich auch nicht geben", erwiderte Mrs. Campbell traurig und Clementine wurde plötzlich bewusst, dass ihre Mutter die Wahrheit sagte. Das war zu viel für sie.
„Bitte Clem, du musst mir glauben! Ich wusste, dass das eines Tages passieren würde! Du bist die Tochter des Teufels und ich hätte es dir wirklich schon früher gesagt, ich habe gehofft du würdest nicht so werden wie er. Aber nun wissen wir es ja beide. Du bist der nächste Teufel und ich wünschte, ich könnte dir dieses Schicksal ersparen, aber die Dinge sind nun einmal so, wie sie sind", sagte ihre Mutter ernüchternd und sah Clementine fest in die Augen.
„Mum, ich habe gerade einen Menschen getötet! Und das nimmst du einfach so hin? Belastet es dich denn gar nicht, was für ein Monster ich bin? Könntest du mir vielleicht auch gleich mal erklären, weshalb ich mich in so ein schreckliches Ding verwandelt habe?", fragte sie gereizt und schlug die Hände verzweifelt über ihrem Kopf zusammen. Mrs. Campbell nahm vorsichtig die Hand ihrer Tochter und drückte sie sanft:
„Hör mir zu. Ich weiß, ich bin nicht gerade erfreut darüber, dass du jemanden umgebracht hast. Aber ich kannte deinen Vater. Glaubst du, er hat nie jemandem etwas getan?", fragte sie mit ruhiger Stimme. „Außerdem, glaube ich, hattest du einen guten Grund ihm sowas anzutun, denn normalerweise ist das nicht deine Art", fügte ihre Mutter noch hinzu. Clementine sah sie an: „Es ist generell nicht meine Art Leute abzuschlachten, Mum", schluchzte sie leise, zog die Knie an ihren Körper und schlang die Arme darum.
„Clementine, warst du in dem Moment, in dem du Kai angegriffen hast, wütend?", fragte Mrs. Campbell forsch und versuchte mit ihrer Tochter Blickkontakt herzustellen. Clementine wich ihrem Blick jedoch aus.
„Clem! Wenn Du Antworten auf deine Fragen haben willst, dann musst Du mit mir kooperieren!", schimpfte ihre Mutter ärgerlich und sah auf die Uhr. „Wir haben nicht viel Zeit bis dein Stiefvater zurückkommt! Also, warst du in diesem Moment wütend, oder nicht?", fragte sie erneut.
Clementine hob den Kopf: „Ja, ich war sogar sehr wütend. Ich konnte mich nicht kontrollieren. Es ist einfach passiert", sagte sie und man konnte großes Bedauern an ihrer Stimme spüren. Clem wischte sich die restlichen Tränen aus dem Gesicht.
„Na also. Denn genau das ist der Grund deiner Verwandlung, Clem. Durch das Gefühl der Wut verwandelst du dich in ein Teufelswesen. Das ist dein anderes Ich. Du musst lernen, diese Wut in den Griff zu bekommen, sonst werden noch viele Menschen, die dir etwas bedeuten, leiden müssen. Und das willst du doch nicht, oder?"
Clementine schüttelte sofort energisch den Kopf. Mrs. Campbell stand auf und seufzte:
„Nun, wo deine Kräfte erwacht sind, bist du nirgendwo mehr sicher. Sie werden Jagd auf dich machen", flüsterte das Model angespannt und lief unruhig im Raum auf und ab. Clementine sah ihre Mutter verwirrt an:
„Wer wird Jagd auf mich machen? Und vor allem: Warum?", fragte sie, doch sie bekam nicht sofort eine Antwort.
„Weil du mächtig bist und weil du anders bist. Hier bist du definitiv nicht mehr sicher. Ich muss dich fortbringen, an einen sicheren Ort. Geh schnell nach oben in dein Zimmer und packe das nötigste zusammen, Clem. Es wird wohl ein Weilchen dauern, bis du wieder hierherkommen kannst.“
A Kind of Magic
(Queen, 1986)
„Autsch, verflixt", fluchte Tarik leise und rieb sich den schmerzenden Arm, als er die Haustür öffnete. Die Schlägerei in der Schule hatte ihre Wirkung erzielt, sein Arm fühlte sich geprellt an und sein Gesicht schmerzte, als wäre jemand ein paar Mal mit einem Mähdrescher darüber gefahren (und so sah es, ehrlich gesagt, auch aus). Jake lief dem Jungen freudig entgegen, sprang voller Freude an ihm hoch und bellte ein paar Mal.
„Hallo, mein Freund", begrüßte Tarik den Vierbeiner und streichelte den schwarz-weißen Husky ausgiebig. „Warte mal kurz, ich räume nur kurz meine Schulsachen auf", fügte er mit ruhiger Stimme hinzu, warf sich seinen Rucksack mit Camouflage-Muster über den Rücken und lief in sein Zimmer hinauf. Hier war er sowieso am liebsten. Hier nannte ihn niemand einen „Spinner" oder einen „Tier-Freak". Hier war er einfach nur Tarik und mehr wollte er auch nicht sein.
„Wuff", bellte Jake von unten und kläffte ein paar Mal ungeduldig.
„Ich komme doch gleich", rief der schwarzhaarige Junge hinunter und warf dann doch noch schnell einen Blick auf eine seiner Tierzeichnungen auf dem Schreibtisch, die er in seiner Freizeit anfertigte. Diese hier war eine ganz besondere. Sie zeigte ein Wolfsrudel bei der Jagd. Auf dieses Bild war Tarikfurchtbar stolz und er wollte es nachher unbedingt seiner Mutter zeigen. Also schnappte er sich das Papier und rannte schwungvoll die alte Holztreppe wieder hinunter. Jake kratzte erwartungsvoll am Boden herum und seine hellen Augen leuchteten freundlich und fröhlich. Bei diesem süßen Anblick musste Tarik einfach grinsen. Schon damals, als sie Jake im Welpenalter adoptiert hatten, war der Husky unfassbar süß gewesen. Das war noch gar nicht so lange her. Zwei Jahre vielleicht oder zweieinhalb. Länger aber nicht.
„Weißt du was? Ich glaube, wir haben noch Fleisch von gestern Abend übrig. Ich schaue mal schnell", sagte Tarik und schlängelte sich flink an seinem Hund vorbei in die Küche, denn der Husky stand mal wieder mitten im Weg. „Aha, wusste ich es doch, hier ist es!", triumphierte Tarik und angelte ein Stück Restfleisch aus dem Kühlschrank. „Aber so ein großes Stück bekommst du nicht", ermahnte der Junge seinen Hund und holte sich noch ein Messer und ein Schneidebrett, um ein Stück für den Vierbeiner zurechtzuschneiden. Tarik erhob das scharfe Messer und setzte an.
„Autsch", erschrak er und ließ das Messer fallen. „Verdammt!" Schnell versuchte Tarik das herablaufende Blut von seinem Finger zu lecken. „Oh das war ein tiefer Schnitt", bemerkte er und drückte fest auf die Wunde, sodass es nicht mehr blutete.
„Mensch, wo sind denn die Pflaster? Haben wir eigentlich überhaupt noch welche?", fragte er sich selbst und wühlte in allen möglichen Schränken herum. „Ah, hier, mal schauen, ob… ähm was…?", rief Tarik verwirrt aus und starrte auf seine Hand. Der Schnitt war weg.
„Hä?", sagte er verwundert und drehte seine Hand im Licht. Nichts. Da war nichts mehr zu sehen. Gar nichts. „Ich hätte schwören können, dass ich mir gerade in den Finger geschnitten habe", murmelte Tarik höchst verwundert, aber dann hatte er einen Geistesblitz. Er lief wieder zurück zu dem Stück Fleisch und dem Messer. Vorsichtig nahm er es in die Hand und hielt die Klinge so in das Licht, dass er kleine Blutstropfen darauf erkennen konnte. Er hatte sich also doch nicht getäuscht; er hatte sich tatsächlich geschnitten.
„Mal sehen, ob…", flüsterte er und setzte das Messer vorsichtig noch einmal an seinen Handrücken. Er kniff die Augen zusammen und drückte kurz zu. Als er die Augen wieder öffnete und die Klinge anhob, quoll leuchtend rotes Blut aus der kleinen frischen Wunde. Aber dann sah Tarik etwas, was er sich nicht erklären konnte. Sekundenschnell begann die Wunde sich zu verschließen. Das Blut verschwand augenblicklich und es blieb nicht einmal eine klitzekleine Narbe zurück. Gar nichts dergleichen. Man konnte nichts mehr erkennen.
„Wow, sowas habe ich ja noch nie gesehen", staunte Tarik und sah seine Hand an, als wäre sie das achte Weltwunder. Jake bellte wieder ungeduldig und trat Tarik mit seinen Pfoten ans Bein.
„Cool, was?", grinste der Junge begeistert. „Ach ja, jetzt hätte ich es fast vergessen: Hier für dich!", fügte er noch hinzu und reichte seinem Husky das Fleischstück, das Jake gierig und in schnellen Bissen verschlang.
„Tarik kannst du mir vielleicht kurz etwas abnehmen, bitte?", fragte eine Frauenstimme, die aus der Richtung der Haustür kam.
„Ja Mum, ich bin sofort da!", rief Tarik aufgeregt und legte das Messer und das Schneidebrett schnell auf die Anrichte.
Dann rannte er in einem Affentempo den Flur entlang und hätte fast eine Vase mitgerissen.
„Tarik, was ist denn mit deinem Gesicht passiert?", fragte Ms. North besorgt und strich ihrem Sohn vorsichtig über die Wange. Er machte eine wegwerfende Handbewegung und sagte ausweichend:
„Bin nur blöd hingefallen, es ist nichts passiert, mir geht es gut!", versicherte er seiner Mutter und versuchte möglichst glaubhaft zu erscheinen, denn er wollte nicht, dass sie sich Sorgen um ihn machen musste. Denn auch so hatten sie schon genug Probleme. Schnell schnappte er sich eine der beiden Tüten und sagte:
„Komm mal mit in die Küche, ich muss dir etwas zeigen!".
Ms. North nickte nur müde und folgte ihrem Sohn zu Jake in die Küche; der Hund strich der blonden Frau freudig um die Beine und bettelte um Streicheleinheiten.
„Sieh mal", rief Tarik begeistert, nahm sich das Messer aus der Spüle und setzte an.
„Tarik, halt, was soll das den werden??", rief seine Mutter und wollte vorschnellen und ihm das Messer aus der Hand reißen. „Nein, warte Mum! Es ist einfach unglaublich, sieh doch selbst!
Mir wird nichts passieren!", versicherte ihr der Junge und schnitt sich geschwind noch einmal in die Hand, genau wie beim ersten Mal auch. Es blutete, was ja auch nicht anders zu erwarten war.
„Was sollte das denn Tarik!? Das war eine dumme Idee! Ich will das nie wieder von dir se – was…??", stotterte sie ungläubig, als sie mit eigenen Augen sah, wie sich die kleine Wunde binnen Sekunden wieder verschloss.
„Cool, nicht wahr?", neckte Tarik zufrieden und sah Mrs. North stolz an. Diese sackte fassungslos auf ihren Stuhl zurück und war einfach nur sprachlos.
„Wie…wie kann das nur möglich sein? So etwas habe ich noch nie gesehen!", murmelte sie und fixierte gedankenverloren irgendeinen Punkt in der Küche.
„Weißt du, was das bedeutet?", fragte Tarik immer noch ganz aufgeregt. Seine Mutter schüttelte stumm den Kopf und seufzte, als könnte sie das alles, was sie hier sah, nicht glauben.
„Das bedeutet, dass ich jetzt kein Tier-Freak mehr bin, sondern etwas Besonderes!", schlussfolgerte Tarik glücklich und lief um den Tisch herum zu seiner Mutter hinüber, die immer noch kein
Wort gesagt hatte. „Mum, was ist denn?", wollte er mit gerunzelter Stirn wissen und sah ihr in die Augen. Ihr Blick sagte mehr als tausend Worte, man konnte ihr ansehen, dass ihr Tariks (wie sollte man das am besten nennen? Talent? Fähigkeit? Angewohnheit?) mehr Angst machte als Freude.
„Ach Junge, auch so bist du etwas Besonderes, bloß… so etwas ist einfach nicht möglich, kein Mensch auf dieser Welt kann das. Es geht einfach nicht…", stammelte sie und man sah, wie krampfhaft sie überlegte, ob es vielleicht doch eine Lösung gab, sein Verhalten vernünftig zu erklären. Doch vergebens.
„Vielleicht bin ich ja gar kein Mensch", sagte Tarik nur zum Spaß, hatte aber keine Ahnung, dass es eine Tatsache war.
Highway to Hell
(AC/DC, 1979)
Clementine rannte, immer noch unwissend wie es jetzt weitergehen sollte, und mit einem ziemlich überfüllten Koffer in der Hand die Marmortreppe hinunter in die Eingangshalle, und erwartete dort wieder den Anblick ihres toten Freundes. Doch zu ihrem großen Erstaunen war er (oder das, was sie von ihm übrig gelassen hatte) weg.
„Mum, was… wo… wo hast du ihn hin?", fragte sie mit piepsiger Stimme und drückte an ihrem Handgelenk herum, bis jegliche Farbe aus diesem wich, und ihre sowieso schon sehr blasse Haut weiß wurde. Ihre Mutter nickte ihr nur ernst zu und sagte:
„Lass das mal meine Sorge sein, Schatz."
Clementine senkte stumm den Kopf und alles begann sich zu drehen. Sie glaubte, Stimmen zu hören, die ihr sagten: „Du bist nicht schuld, es war ein Unfall.", aber auch: „Du bist ein furchtbares Wesen, keiner braucht dich. Scher dich sonst wo hin!"
