Die neue Macht - Roland Enders - E-Book

Die neue Macht E-Book

Roland Enders

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Beschreibung

Nachdem Traigar den Schwarzen Abt, welchen er für den mächtigen Magier Semanius hielt, getötet hat, erfährt er vom Betrug seines Auftraggebers Lord Gadennyn: Der Lord selbst entpuppt sich als Reinkarnation des gefährlichen Magiers. Traigar und seine Gefährten treten dem Schwarzen Orden bei und schwören, Gadennyn bei seinem Vorhaben, die Welt zu unterjochen, aufzuhalten. Während dieser durch politische Intrigen bald den Thron an sich reißt, ziehen Traigar und Duna, die junge Feuermagierin, begleitet von den Kämpfern des Schwarzen Ordens nach Süden in Richtung Koridrea. Sie rekrutieren erst Hunderte, dann Tausende, und ihre "Schwarze Armee" wächst für Gadennyn zu einer Bedrohung heran. Doch ein Heer ist nicht genug, um ihn aufzuhalten. So entwickeln sie mit ihren Verbündeten einen Plan ... Zweiter Teil einer Trilogie.

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Seitenzahl: 547

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Roland Enders

Die neue Macht

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Karte

Die Dürre des Herzens

Der Schwur

Ein Tagebuch

Spins Plan

Gothers Flucht

Die Machtergreifung

Trennung und Aufbruch

Helmseth

Das Land der Drachen

Inay

Die Äbtissin

Dämonenwesen

Baumeister und Bildhauer

Winterweiden

Das Turnier

Die Verwandlung

Die Personen

Danksagung

Impressum neobooks

Karte

Im Anhang finden Sie ein Personenregister.

Was bisher geschah

Vor Jahrhunderten stürzte der Lordmagier Semanius das Alte Königreich mit Hilfe seiner magischen Kräfte in einen Bürgerkrieg, um die Macht an sich zu reißen. Tausende starben durch seine Hand, bevor man ihn schließlich besiegen konnte. Daran erinnern sich die Menschen mit Unbehagen. Deshalb fürchten und verachten sie die Magie.

Nur noch wenige Magier leben heute in den Ländern des zersplitterten Reiches. Die meisten von ihnen verbergen ihre Fähigkeit aus Furcht vor Verfolgung und Ausgrenzung, so auch der junge Traigar, der aus seinem Dorf verstoßen wird, nachdem er sein Talent offenbart hat. Er zieht als wandernder Gaukler umher und bleibt nirgends lange genug, um Freunde zu gewinnen.

Zufällig gerät er in einen Kampf zwischen zwei Männern. Einer von ihnen ist Hauptmann Gother, der in Diensten Lord Gadennyns, eines Provinzfürsten, steht, der andere ein dämonisch wirkender, ganz in Schwarz gekleideter Reiter. Um sich zu verteidigen, setzt Traigar seine Magie ein und hilft Gother damit, seinen Gegner zu töten. Der Soldat nimmt ihn mit zur Burg Lord Gadennyns, und der Lord stellt Traigar in seinen Dienst.

In den nächsten Monaten durchläuft der junge Magier eine harte Ausbildung. Er erlernt die Sprachen der Länder des Alten Königreichs und dessen Geschichte, die Gesetze der Naturwissenschaften und die Gebote und Hintergründe des Glaubens an Wathan, den Weltenerschaffer. Er übt sich im Reiten und Fechten. Vor allem aber unterrichtet ihn sein greiser Freund und Mentor Harold, der als Magier in Gadennyns Diensten steht, in der magischen Kunst. Der Lord steht dieser mystischen Kraft wohlwollend gegenüber und hält sie zu Unrecht für verfemt.

Eines Tages wird Gadennyn von einer dämonischen Bestie angegriffen und überlebt nur dank der magischen Fähigkeiten Traigars. Danach erzählt ihm Gadennyn eine Geschichte: Als junger Mann im Auftrag seines Vaters im weit entfernten Vulcor unterwegs, sei er dort überfallen, entführt und in das Kloster des berüchtigten Schwarzen Ordens verschleppt worden. Dessen Oberhaupt Nunoc Baryth – oder wie er auch genannt wird: der Schwarze Abt – habe sich damit gebrüstet, die Reinkarnation des Lordmagiers Semanius zu sein. Er verfolge erneut das Ziel, die Macht an sich zu reißen und die Länder des Alten Königreichs unter seiner Herrschaft zu vereinen. Er hätte beinahe damit Erfolg gehabt, Gadennyn zu brechen und ihn zu seinem Vasallen zu machen, aber der junge Lord konnte zu seinem Glück entfliehen. Seitdem habe es zahlreiche Anschläge auf sein Leben gegeben, zuletzt den Angriff der Bestie. Semanius würde nicht ruhen, bis er tot sei. Schlimmer noch: Den Menschen drohe ein furchtbarer Krieg, und falls Semanius obsiege, die totale Unterwerfung unter dessen Willen. Jemand müsse ihn aufhalten. Nur Traigar könne dies mit seinen magischen Kräften schaffen.

Dem jungen Mann geht auf, dass der Lord nur aus diesem Grund so viel in ihn investiert hat. Gadennyns glaubwürdig wirkende Erzählung und der Angriff der dämonischen Kreatur, die nur Semanius ausgesandt haben konnte, überzeugen Traigar, ihm zu vertrauen. In der Burg hat er eine neue Heimat und Freunde gefunden. Er muss seine magische Kraft nicht länger verbergen, wird nicht mehr davongejagt, gefürchtet und geächtet. Er glaubt, es seinem Dienstherrn schuldig zu sein, dessen Wunsch zu erfüllen.

Nach gründlicher Vorbereitung brechen sie auf: Traigar, Hauptmann Gother mit zwei Soldaten, Traigars Freunde Spin, der Waldläufer, Cora, die Heilerin, Boc, der Schmied, und Winger, der Baumeister. Um unentdeckt von Nunoc Baryths Spionen nach Vulcor zu gelangen, überqueren sie die Berge und schlagen sich durch die weitgehend unbekannten Ostlande, eine gefährliche Gegend, aus der kaum jemand je zurückgekehrt ist. Sie geraten mehrfach in größte Lebensgefahr und begegnen dem geheimnisvollen Zpixs, einem Wesen vom Volk der Xhingi, das Macht über die Zeit besitzt. Sie geraten in die Gefangenschaft des irren Amaran, Herrscher des Ostvolkes. Traigar muss ihn töten, um sich und seine Freunde zu retten. Sie stoßen auf die gefährlichen Grim: tierhafte, von Menschen abstammende Geschöpfe, die Semanius vor Jahrhunderten in entmenschliche Kreaturen verwandelt und seinem Willen unterworfen hat. Schließlich erreichen sie unentdeckt das Kloster des Schwarzen Ordens in Vulcor. Gadennyn hat Traigar einen vergifteten Armbrustbolzen mitgegeben, den er von einem Versteck aus mit magischer Kraft durch ein Fenster in Nunoc Baryths Wohnturm lenken soll, denn für einen gewöhnlichen Schuss ist die Entfernung zu weit. Der Bolzen würde den wiedergeborenen Magier sofort töten. Aber Traigar zweifelt und versagt. Er bringt es nicht über sich, ein weiteres Mal einem Menschen das Leben zu nehmen. Und so versucht es Gother an seiner Stelle. Doch der Schwarze Abt überwältigt ihn mit seiner magischen Kraft. Traigar, der dem Hauptmann gefolgt ist, um ihn von seinem Vorhaben abzubringen, sieht sich gezwungen, Nunoc Baryth zu töten, um Gother zu retten. Dabei greift ihn die Feuermagierin Duna, eine Gefolgsfrau des Schwarzen Abts, an. Das Letzte, an das er sich erinnert, sind heiße Flammen, die ihn einhüllen und ihm den Atem rauben.

Als er wieder aufwacht, ist er zu seinem Erstaunen unverletzt, aber gefesselt. Die magischen Stricke widerstehen seiner eigenen Magie. Dann treten ein Schwarzer Mönch und Duna in seine Zelle, und sie teilen ihm etwas Schreckliches mit: Nicht ihr Abt Nunoc Baryth, den er ermordet habe, sei Semanius gewesen, sondern sein eigener Herr Gadennyn, der ihn hinters Licht geführt habe. Durch den Tod ihres Ordensführers sei der Lord seinen größten Widersacher losgeworden. Nun sei niemand mehr stark genug, dem wahren Semanius entgegenzutreten.

Die Dürre des Herzens

Gormen Helath ließ den Blick über die am großen Eichentisch versammelten Personen schweifen: die Schwarzen Mönche des Führungszirkels des Klosters, mit ihm sieben an der Zahl. Darunter zwei Frauen: die Feuermagierin Duna, die den jungen Attentäter außer Gefecht gesetzt hatte, und eine grauhaarige Ordensschwester.

„Nunoc Baryth ist tot“, begann er. „Meine Seele ist voller Trauer, denn wie ihr habe ich einen väterlichen Freund verloren. Nunoc zeigte sich stets als gütiger Mensch, in der Not immer für uns da, ein guter Ratgeber, wenn wir mit Sorgen zu ihm kamen. Und er zeichnete sich als großer Anführer aus. Unter seiner Leitung hat sich der Orden hervorragend entwickelt, und wir haben neue Mitglieder gewonnen. Sein Tod ist ein gewaltiger Verlust für unsere Gemeinschaft und jeden Einzelnen von uns. Nun obliegt es mir, seinem Stellvertreter, das Kloster bis zur Wahl eines neuen Abts zu führen. Diese Pflicht ist sehr schmerzlich für mich. Ich hoffe, ich kann der Verantwortung gerecht werden.“

Ein Mönch namens Teuben, ein dicklicher Mann mit verblassten Tätowierungen auf dem kahlen Schädel, erhob sich:

„Es steht doch außer Frage, Gormen: Wir wählen dich zum Abt. Keiner ist geeigneter für das Amt. Aber bevor wir zur Wahl schreiten, müssen wir erst die Umstände von Nunocs Tod vollständig aufklären. Was hast du von den beiden Attentätern erfahren?“

„Mit dem Soldaten habe ich bisher nicht sprechen können. Er ist immer noch ohnmächtig. Doch er kommt durch. Der Junge hat freiwillig Auskunft gegeben. Er schien überzeugt davon, seine Tat sei gerechtfertigt. Ihr wisst ja, Athlan Gadennyn, der Lord von Shoala, hat ihm den Mordauftrag erteilt. Damit haben sich Nunocs schlimmste Befürchtungen bestätigt. Athlan ist die Reinkarnation von Semanius.“

„Was hat das Verhör des Jungen über Gadennyn noch ergeben?“, erkundigte sich ein anderer Mönch.

„Leider gar nichts. Er ist in einen Schockzustand gefallen, liegt mit offenen Augen da, spricht, trinkt und isst nicht. Er hat ganz offensichtlich nicht gewusst, dass ihn Semanius als Werkzeug missbrauchte. Gadennyn hat ihn irgendwie glauben gemacht, unser Abt sei der wiedergeborene Semanius. Aus Traigar, so heißt der junge Mann, bekommen wir vorläufig nichts mehr heraus. Er leidet an der Dürre des Herzens.“

„Dürre des Herzens? Was ist das?“, erkundigte sich Duna.

„Eine Gemütskrankheit. Wenn ein Mensch eine schreckliche Tat begeht, belastet das sein Gewissen schwer. Manchmal kann er das nicht ertragen und zieht sich tief in sein inneres Selbst zurück. Der Volksmund sagt: Das Herz trocknet aus. Der Kranke verdrängt alle Empfindungen, um den Seelenschmerz über das begangene Unrecht nicht mehr fühlen zu müssen. In manchen Fällen gelingt ihm das nur, wenn er sein Denken ganz ausschaltet. Er befindet sich dann in einem schlafähnlichen Zustand. Seine Augen sind geöffnet, er sieht und hört, aber er versteht nicht, was ihm seine Sinne mitteilen.“

„Bist du sicher, er spielt uns das nicht vor, um der Strafe für seine barbarische Tat zu entgehen?“

„Vollkommen sicher. Traigar ist kein Mörder. Der Junge ist selbst ein Opfer Gadennyns.“

Einer der Mönche widersprach:

„Das spielt keine Rolle. Wir müssen ihn bestrafen. Diese Tat darf nicht ungesühnt bleiben!“

Gormen Helath blickte den Jüngeren eindringlich an und erinnerte ihn:

„Das ist eines Mönchs des Schwarzen Weges nicht würdig, Benic! Erinnere dich an Nunoc Baryths Worte zum rechten Weg:

Der Weiße Weg scheint einfach und klar, aber er führt in die Irre: Glaube sei Erlösung, täuscht er uns. Unglaube bedeute Verdammnis. Schuld verlange Strafe, Vergebung sei Schwäche. Zahle stets mit gleicher Münze zurück, verlangt er.

Der Schwarze Weg ist beschwerlicher und doch der rechte: Der Zweifel weist uns den Pfad zur Erkenntnis. Frommer Glaube webt ein Gespinst, das die Wahrheit verbirgt. Ihr sollt stets zweifeln und abwägen. Zweifelt an der Moral des Oberflächlichen, an Dogmen und Doktrinen, zweifelt an euch selbst, wägt jede Entscheidung in freiem Willen ab und lasst euch nicht sagen, was richtig oder falsch sei, ja, zweifelt auch an meinen Worten!

So lehrte er uns. Vergesst nicht, der Schwarze Weg ist der des Zweifels, aber auch der Gnade und Vergebung. Die Schuld selbst ist eine Last, eine Strafe. Deshalb übt nicht Vergeltung an denen, die euch Unrecht angetan haben. Helft ihnen, die Schuld zu überwinden.“

Benic senkte die Augen.

„Danke, dass du mich daran erinnert hast, Gormen. Es tut mir leid! Der Schmerz über unseren Verlust ist groß, und deshalb trübten Rachegedanken meine Vernunft.“

„Ich kann dich verstehen, Benic. Mir geht es wie dir.“ Duna klang aufgebracht. „Wir können die Mörder nicht einfach so davonkommen lassen. Denn Nunoc meinte auch, dass schwere Verfehlungen bestraft werden müssen.“

„Das ist richtig“, pflichtete ihr Gormen Helath bei. „Doch er sprach nicht von Rache oder Vergeltung, sondern davon, die Gesellschaft vor dem Täter zu schützen und den Täter vor sich selbst. Er soll Gelegenheit bekommen, über seine Tat nachzudenken und sie zu bereuen. Ein Dieb, der nicht tief in seinem Inneren versteht, wie er dem Bestohlenen, gleichgültig ob reich oder arm, schadet, hört nicht auf zu stehlen. Er muss erst erkennen: Der Schaden ist nicht nur materiell, er verletzt durch seine Handlung auch die Würde des anderen. Er soll begreifen, was er seinem Opfer angetan hat, wie dieses sich fühlt. Das gelingt manchmal mit einer angemessenen Bestrafung. Doch im Fall Traigars hätte sie keinen Sinn. Der Junge ist schon mehr als genug gestraft.“

„Und der andere? Dieser Ritter? Weiß er auch nicht, was er getan hat?“

„Wir werden sehen. Ich verhöre den Mann, sobald er wieder bei Sinnen ist.“

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür des Versammlungsraums. Ein Mönch in grauer Kutte trat ein.

„Verzeiht die Störung. Einer der Jäger wünscht Euch zu sprechen, Gormen. Es sei sehr wichtig, sagt er.“

„Schicke ihn herein.“

Ein Mann, dessen braun-grün gefleckte Lederkleidung ihn aussehen ließ, als wäre er mit Blättern und Gras bewachsen, betrat den Raum. Gormen Helath forderte den Späher mit einem Nicken auf zu sprechen.

„Ihr habt uns angewiesen, die Augen offen zu halten und zu berichten, falls sich etwas Ungewöhnliches in der Nähe tut“, sagte der Jäger. „Nun, ich habe einige berittene Fremde im Nachbartal entdeckt, die sich offensichtlich dort verstecken. Ich zählte allerdings mehr Pferde als Menschen und nehme daher an, die Gruppe umfasst mehr Personen, als ich gesehen habe. Ich fand außerdem einige Fährten, die über den Höhenrücken zwischen den Tälern führen. Ich vermute, mindestens zwei dieser Fremden halten sich hier im Klostertal auf.“

Unruhe breitete sich unter den Mönchen aus. Der stellvertretende Abt hob die Hand und gebot Ruhe.

„Das werden die zwei sein, die wir bereits in Gewahrsam haben, also Traigar und der Soldat, dessen Namen wir noch nicht kennen. Sie haben demnach Komplizen.“

Er wandte sich an einen der schwarz gekleideten Mönche:

„Methor, weise ein paar deiner Leute an, sie einzufangen. Sie dürfen aber kein Blut vergießen! Und du“, wandte er sich wieder an den Jäger, „begleitest sie und zeigst den Schwarzen Kämpfern den Lagerplatz der Fremden.“

Wenig später betrat Gormen Helath mit Duna den dunklen Kellerraum, in dem Hauptmann Gother gefesselt auf einer schmalen Pritsche saß. Einer seiner Wächter hatte ihm mitgeteilt, der Gefangene sei aufgewacht.

„Wer bist du?“, wollte Gormen mit scharfer Stimme wissen. Gother antwortete nicht.

„Wer hat dich geschickt?“ Schweigen.

„Bist du zu feige, um dich zu deinem Namen zu bekennen?“

Die Augen des Gefangenen blitzten wütend auf.

„Ich bin Hauptmann Gother.“

Der Stellvertreter Nunoc Baryths musterte ihn eindringlich. „Ich kenne dich, ich habe dich schon einmal gesehen.“

Gother presste die Lippen zusammen und schwieg.

„Ja, jetzt erinnere ich mich: Du warst vor mehr als einem Jahr hier im Kloster. Du hast auf dem Wagen eines Bierbrauers gesessen und dich als sein Gehilfe ausgegeben! Als Stellvertreter des Abts hatte ich auch den Posten des Zahlmeisters des Klosters inne. Du bist mir gleich verdächtig vorgekommen. Als ich dich anwies, du sollest das Leichtbier in den ersten und das Starkbier in den zweiten Kellerraum bringen, hast du die Fässer verwechselt. Der Brauer musste deinen Irrtum korrigieren. Von Bier verstehst du nicht genug, um mich zu täuschen. Ich erkannte deine heimlichen Blicke, die mehr als bloße Neugier widerspiegelten. Die Blicke eines Spions! Als ich Nunoc Baryth von meinem Verdacht berichtete, schickte er einen unserer Schwarzen Kämpfer hinter dir her, um herauszufinden, was du vorhast. Er ist nie zurückgekehrt. Was hast du mit ihm gemacht?“

„Ich habe ihn getötet.“ Aus Gothers Stimme klang unverhohlener Stolz.

Gormens Hand schoss nach vorn, seine Finger krümmten sich in der Luft zu Krallen, als würgten sie einen unsichtbaren Gegner. Der etwas entfernt sitzende Gefangene schnappte nach Luft, die Augen traten aus den Höhlen.

„Gormen!“, zischte Duna scharf.

Der Schwarze Mönch ließ die Hand sinken. Röchelnd sog Gother die Luft ein.

„Vollende doch, was dein Herr begonnen hat, und töte mich“. Seine Stimme klang rau und gepresst. „Oder will er es selbst zu Ende führen?“

„Du Scheusal!“, schrie Duna. „Er wäre niemals zum Mörder geworden, nicht einmal an dir. Ihr seid die Meuchelmörder!“

Gother runzelte nachdenklich die Stirn, dann begriff er. Für einen Moment erschien ein Ausdruck von Triumph auf seinem Gesicht.

„Dann ist er also tot? Der Junge hat seinen Auftrag demnach doch erfüllt!“

„Ja, Nunoc Baryth ist tot“. Gormen klang müde. „Euer Herr, Athlan Gadennyn, hat sein Ziel erreicht.“

Gother lächelte. „Nun steht ihm kein würdiger Gegner mehr im Weg. Semanius vereint das Alte Königreich bald wieder unter seiner Herrschaft.“

Duna starrte Gormen mit blitzenden Augen an. „Du kanntest also das wahre Gesicht Gadennyns! Im Gegensatz zu Traigar, den sein Herr getäuscht hat.“

***

Gadennyn biss gerade in eine blaue Weinbeere und verschluckte sich fast daran, als er es spürte: das unbändige Triumphgefühl des Hauptmanns. Der Lord, mit seinem Untergebenen über ein schwaches geistiges Band verbunden, konnte über zweitausend Meilen hinweg nicht mit Gothers Augen sehen und auch nicht dessen Gedanken lesen. Er empfand jedoch einen Hauch von dessen Emotionen. Das Unternehmen schien bisher unter einem schlechten Stern gestanden zu haben, denn bis eben hatte er nur Gothers Zweifel, Ärger, Wut und Frustration gespürt. Doch jetzt erkannte er deutlich die Freude über den Sieg. Nunoc Baryth musste also tot sein!

Eine Furcht fiel von Gadennyn ab, doch Gothers triumphales Glücksgefühl konnte er nicht teilen. Eigentlich hätte er große Erleichterung verspüren sollen, aber seine Gefühle blieben seltsam gedämpft und widersprüchlich. Es stand außer Frage: Traigar, Gother und die anderen würden den Schwarzen Mönchen nicht entkommen und für diese Tat bezahlen. Er empfand ein wenig Mitgefühl für seine Untergebenen, weil er sie in den sicheren Tod geschickt hatte. Doch es hatte sich als notwendig erwiesen. Er konnte nicht einmal Genugtuung darüber empfinden, dass sein ehemaliger Lehrer und gefährlichster Widersacher Nunoc Baryth nun nicht mehr unter den Lebenden weilte.

Gadennyn schüttelte seine seltsamen und beunruhigenden Empfindungen ab, wie jemand, der den Staub von seiner Kleidung klopft. Jetzt musste er sich der Zukunft und seinen Plänen widmen. Aturo Pratt sollte nun seine Schuld bei ihm begleichen.

Der Lord erinnerte sich: Nachdem Traigar und Harold seinen Burgverwalter des Mordes an Wingers Frau überführt hatten, lehnte er eine Gerichtsverhandlung in der Burg mit der Begründung ab, sein Sekretär fiele als Beamter des Königs unter die Gerichtsbarkeit des Hofes. Er ließ ihn von einer Eskorte aus Soldaten nach Inay überführen und gab dem Offizier einen Brief an den König mit. Der Mann glaubte, er übermittele mit dem Brief die Mordanklage und ritt mit seinen Leuten nach der Überstellung des Gefangenen zurück nach Shoal. In dem Brief stand jedoch nichts von einem Mord. Stattdessen enthielt er ein von Pratt unterzeichnetes und von Gadennyn bewilligtes Versetzungsgesuch an den königlichen Hof. Der Lord von Shoala hatte Pratt angeboten, für ihn als Spion zu arbeiten und ihm im Gegenzug Straffreiheit versprochen. Doch er hatte viel mehr mit Pratt vor. Es genügte ihm nicht zu wissen, was am Hof vorging. Der ehemalige Burgverwalter würde als sein verlängerter Arm dienen und für ihn – wenn die Zeit reif war – nach der Krone greifen.

Gadennyn ließ sich Feder und Pergament bringen und setzte einen Brief an Pratt auf, den er persönlich verschloss und versiegelte.

***

Gormen war mit Duna in den Versammlungsraum des Klosters zurückgekehrt.

„Es ist wahr“, berichtete er den anderen Ordensmitgliedern. „Gother ist der Einzige, der von der wahren Identität seines Herrn wusste. Traigar und seine Begleiter waren tatsächlich fest davon überzeugt, Nunoc sei der wiedergeborene Semanius. Das hat uns der Gefangene bestätigt.“

„Und was ändert das?“ meldete sich die ältere Frau zu Wort.

„Sie könnten sich als wertvolle Verbündete gegen Gadennyn erweisen. Sie kennen seine Burg und das Land, das sie umgibt. Traigar scheint eine beachtliche magische Begabung zu besitzen. Sie haben ihre Fähigkeit und Entschlossenheit schon bewiesen. Semanius konnte sie davon überzeugen, sich auf die lange und gefährliche Reise zum Land des vermeintlichen Feindes zu begeben. Sie hätten ihr Leben für diese Mission geopfert – leider für die falsche Seite. Vielleicht sind sie ja bereit, das Gleiche für die richtige zu tun.“

„Meinst du denn, wir können ihnen vertrauen?“

„Das wird sich erweisen. Wir wollen sehen, wie sie reagieren, wenn wir ihnen mitteilen, dass sie von ihrem Herrn verraten wurden.“

Traigar befindet sich in der Unterwelt, der Heimat der Geister und Dämonen, dem Reich Wathan-Khas, Fürst der Schatten. Dunkelheit und Kälte herrschen an diesem Ort. Er wandert ziellos in einer grauen Ödnis umher. Kein Strauch, kein Halm wächst in dieser steinernen Wüste, keine Vogelstimme, kein Summen von Insekten durchbricht die Grabesstille. Er wandelt im Reich des Todes. Er fühlt, sein Körper lebt noch, aber seine Seele spürt er nicht. Ist sie verloren?

Er ahnt, er hat etwas Schlimmes getan, bloß was? Er erinnert sich nicht. Soll er büßen für ein Verbrechen, dessen er sich nicht entsinnen kann? Er hat sein Gedächtnis von der frühen Kindheit an durchforscht, aber es endet abrupt bei seinem Artistenleben im Wanderzirkus. Was ist danach geschehen?

Grausame Eindrücke aus einem Krieg erscheinen vage vor seinem inneren Auge. Die Bilder schärfen sich: Leichen und Verstümmelte ringsumher. Eine gesichtslose Gestalt mit hängenden Schultern und gesenktem Kopf taumelt über die Schlachtfelder, der einzige Überlebende weit und breit. Ist er es selbst, der da durch dieses Land des Schreckens wandelt? Ist er es, der diese furchtbaren Taten begangen hat?

Traigar verjagt die Traumbilder und setzt seinen Weg durch die trostlose Einöde fort, folgt ziellos seinem Schatten. Schatten? Am düsteren Himmel scheint doch gar keine Sonne! Woher kommt dann der dunkle Scherenschnitt, der ihn begleitet? Die schwarze Silhouette auf dem Boden vor ihm materialisiert und richtet sich auf: Ein seltsames Wesen, diese bleiche und ausgemergelte, fast durchscheinende Gestalt mit dem Insektenkopf. Große, schwarze Facettenaugen, stumpf und matt, bar jeden Lebenfunkens, starren ihn an.

„Wer bist du?“, fordert Traigar zu erfahren.

Als der Fremde spricht, bewegen sich die Mandibeln des Insektenmauls, und die Fühler wippen auf und ab.

„Dein Schatten, das was von dir in der wirklichen Welt noch übrig ist.“

„Ich bin ein Insekt?“

„Dummkopf! Du weißt, du warst ein Mensch. Du erkennst dich in dieser Gestalt wieder, weil du keine Gefühle mehr besitzt. Dein Herz ist so kalt wie das eines Ungeziefers.“

„Aber ich fühle doch etwas!“

„Wenn ich von Gefühlen spreche, dann meine ich Empfindungen für andere, nicht Angst und Selbstmitleid, wie sie alle Wesen in der Unterwelt verspüren. Sag mir: Spürst du Reue, Liebe, Mitleid?“

Traigar schweigt. Jetzt erkennt er, er bedauert wirklich nur sich selbst. Doch für wen soll er sonst etwas empfinden, wenn er sich an keine Person aus seinem Leben erinnert? Was soll er bereuen, wenn er nicht weiß, was er getan hat? Wütend erwidert er:

„Du hast gut reden! Ich weiß überhaupt nicht, weshalb ich hier bin.“

„Du bist ein Mörder“, klagt ihn sein Schatten an, „deshalb befindest du dich an diesem Ort.“

Traigar fühlt sich geschockt. „Was habe ich getan? Wen habe ich ermordet?“

„Deine Laufbahn als Mörder begann früh. Schon als Kind hast du einen anderen Jungen fast umgebracht, als du ihn gegen einen Baum schleudertest. Beim zweiten Mal warst du erfolgreicher. Du hast einen Schwarzen Kämpfer in das Schwert Gothers gestürzt. Als Entlastung kann man vielleicht anführen: Du hattest Angst und fühltest dich bedroht. Aber kurz darauf hättest du fast deinen Lehrer Harold umgebracht, als du ihm ein Weinfass gegen den Kopf werfen wolltest. Im letzten Moment hat deine Vernunft noch einmal gesiegt.

Dein nächstes Opfer war eine alte Frau. Du hast sie in so große Angst versetzt, dass ihr Herz stehenblieb. Dann folgte ein Tyrannenmord. Zugegeben, er wäre berechtigt, wenn sein Motiv so edel gewesen wäre, wie du gerne glauben möchtest. Aber du hast Amaran nicht getötet, um euch zu retten und einen Krieg zu verhindern, sondern aus blankem Hass und heißer roter Wut!

Und schließlich dein größtes Verbrechen, dein letztes Opfer: ein guter Mann. Sein Name war Nunoc Baryth.“

Traigar fällt alles wieder ein. Kaltes Entsetzen packt ihn. Er beginnt zu schreien. Schreit, bis ihm fast die Lunge birst und er nach Luft schnappt. Der Fremde wartet ungerührt ab, bis die Schreie zu einem leisen Wimmern verebben, bevor er fortfährt:

„Zu schreien nutzt dir gar nichts. Ich erkenne aber an: Nicht nur Selbstmitleid, sondern auch echte Reue verursachen deine Pein. Dein Schatten in der wirklichen Welt zeigt sich nur schwach. Noch kannst du in sie zurückkehren, wenn du deine Taten wenigstens zum Teil ungeschehen machst.“

Traigar hat sich wieder etwas gefasst. Hoffnung keimt in ihm auf.

„Was soll ich tun?“

„Du musst den wahren Semanius aufhalten.“

Winger hatte auf Schlaf verzichtet und wanderte fast die ganze Nacht hindurch. Der Wald lag bald hinter ihm, und der große Mann stieg einen sanft ansteigenden Hang hinauf, bis der Mond unterging und das Licht zu schwach war, um den Weg fortzusetzen. Da legte er sich auf den harten Boden, und seine Augen fielen zu. Beim ersten Morgengrauen kletterte er weiter, darum bemüht, keine verräterischen Spuren zu hinterlassen. Er hoffte, selbst Spin, der außergewöhnlich gute Kundschafter und Spurenleser, könne auf diesem felsigen Untergrund seine Fährte nicht entdecken.

Jetzt befand sich der Baumeister hoch oben auf der Flanke des Berges, dessen Ausläufer einen Rücken zwischen den beiden Tälern bildete, und spähte hinab. Im linken entdeckte er das Kloster und im rechten das Wäldchen, in dem sich die Gefährten versteckt hielten. Hier oben fühlte er sich sicher, sowohl vor seinen Begleitern, die ihn wohl vermissten und wahrscheinlich schon suchten, als auch vor den Schergen des Schwarzen Abts.

Doch wie sollte er nun in Erfahrung bringen, was im Kloster geschehen war? Hatten Traigar und Gother Erfolg gehabt oder versagt? Winger hatte auf ein Zeichen gehofft, vielleicht auf einen Alarm oder das Glockengeläut für eine Aufbahrung. Aber nichts war geschehen. Alles wirkte friedlich im Kloster. Kein Anzeichen von Aufregung oder Trauer. Er schalt sich einen Dummkopf. Was hatte er sich eigentlich vorgestellt? Dass ihm Wathan-Bejhi erscheinen würde? ‚Winger mein guter Diener: Traigars Mission ist erfolglos geblieben. Nun ist es an dir, sie zu vollenden. Gehe denn mit meinem Segen.’

Der Baumeister verfluchte seine Dummheit. Offenbar hatte ihm der jahrelange Missbrauch von Wein und Schnaps den Verstand vernebelt. Unschlüssig, ob er zurückkehren sollte, ließ er sich auf einen Stein sinken und stierte vor sich hin. Auf einmal erregte etwas seine Aufmerksamkeit: Auf dem Höhenzug zwischen den Tälern bewegte sich etwas! Kleine schwarze Punkte, aus der Ferne winzig wie Ameisen. Vielleicht Schafe? Nein, die würden nicht zielgerichtet den Bergrücken überqueren, sich auf der anderen Flanke verteilen und von allen Seiten in den Wald eindringen! Winger sprang auf und hastete mit großen Sätzen den Hang hinab.

Spin verfolgte die Spur des Baumeisters ein Stück, bis der steinige Boden keine Stiefelabdrücke mehr zeigte. Es schien, als habe Winger das Wäldchen verlassen und sei immer weiter den Hang hinaufgestiegen. Der Waldläufer gab die Suche nach dem Verschwundenen auf, kehrte zurück zu den Gefährten und erklärte ihnen seine Vermutung:

„Ich hoffe, es ist ihm nichts geschehen. Vielleicht ist er unserer Gesellschaft ja einfach überdrüssig und deshalb fortgegangen.“

„Ein Fahnenflüchtiger ist er!“, zischte Dremion. „Der Hauptmann hatte recht. Wir hätten ihm nicht trauen sollen.“

Boc wischte die Bemerkung des Soldaten mit einer Handbewegung beiseite.

„Er wird schon allein zurechtkommen. Wir haben Wichtigeres zu tun, als ihn zu suchen. Traigar und Gother sind nun schon fast einen Tag in der Hand des Schwarzen Ordens. Wir wissen nicht, wie es ihnen geht. Wir müssen mehr über ihr Schicksal herausfinden.“

„Ich gehe!“ Cora klang sehr bestimmt. „Ich reite einfach ganz offen durch die Schlucht in das Klostertal. Den Wachen am Eingang tische ich irgendeine Geschichte auf, etwas in der Art: Arme Frau auf der Flucht vor Räubern, die ihren Mann ermordet haben und sie schänden wollen, sucht Zuflucht bei edlen Mönchen.“

„Das kommt überhaupt nicht in Frage!“, begehrte Boc auf. „Ich …“

„Still!“, zischte Spin. „Da kommt jemand.“

Sie lauschten und vernahmen das leise Knacken und Rascheln von Füßen, die auf trockene Zweige und Blätter traten. Es kam von allen Seiten! Kurz darauf traten etwa zwei Duzend Männer in schwarzen Kutten mit drohend erhobenen Kampfstäben auf die Lichtung und umzingelten die Gefährten. Dremion zog sein Schwert, doch Spin hielt Gegenwehr bei dieser Überzahl für sinnlos.

Ein Mann trat vor und schlug seine Kapuze zurück. Rote Zeichen bedeckten Schädel und Gesicht des Schwarzen Kämpfers.

„Wir wollen euch nichts tun“, sagte er mit sanfter Stimme. „Bitte übergebt uns eure Waffen und folgt uns.“

Der Schwur

Traigars Zunge fühlte sich an wie eine dicke, ausgetrocknete Schnecke. Seine verdorrte Kehle kratzte, und sein Kopf dröhnte, als habe ihn jemand als Pauke benutzt. Er schlug die Augen auf. Er lag immer noch auf demselben Bett, stellte er fest, jetzt aber nicht mehr an die Bettpfosten gefesselt. Er richtete sich auf. Auf einem Nachttisch fand er einen Krug mit Wasser und einen Becher. Er schenkte sich ein und leerte ihn durstig, wobei sein Hals beim Schlucken schmerzte.

Traigar fühlte sich völlig entkräftet. Seine Hand, die den erneut gefüllten Becher zum Mund führte, zitterte stark, und er vergoss ein paar Tropfen.

Er erinnerte sich jetzt wieder an alles, und deshalb fühlte er sich so grauenvoll. Die Stimme in seinem Traum hatte ihm vorgehalten, er sei ein Mörder. Und es stimmte! Gadennyn hatte ihn hinters Licht geführt, daran bestand kein Zweifel mehr. Der Schatten in der Unterwelt hatte ihn überzeugt. Die Autorität, die das insektenhafte Wesen ausstrahlte, machten Traigar sicher, es konnte sich nur um Wathan gehandelt haben.

Wie sollte er den Mönchen in die Augen blicken können, denen er den Anführer und einen geliebten Menschen genommen hatte? Er fühlte unbändigen Hass auf Gadennyn in sich emporsteigen und ballte die Fäuste, bis das Blut aus ihnen wich und die Knöchel weiß durch die Haut schimmerten. Doch seine Wut schlug rasch in Trauer und Selbstverachtung um. Er hatte als Todeswerkzeug des Lords gedient und damit große Schuld auf sich geladen.

Bedrückt erhob Traigar sich und wankte zum Fenster. Von hier aus konnte er in den Hof des Klosters hinabschauen. Ein Schreck durchfuhr ihn, als er einige seiner Gefährten dort unten erblickte. Sie saßen gefesselt auf dem gepflasterten Boden, und zwei in Schwarz gekleidete und mit Kampfstäben bewaffnete Männer bewachten sie. Er entdeckte Spin, Boc, Cora und Dremion. Von Winger und Gother keine Spur. Sind sie vielleicht entkommen? Hoffentlich, dachte er.

Traigar trat zur Tür. Er musste zu seinen Gefährten, ihnen das Unfassbare erklären, seinen furchtbaren Fehler gestehen. Ohne Hoffnung drückte er die Klinke nieder und fand den Ausgang zu seinem Erstaunen unverschlossen. Draußen erstreckte sich ein kurzer Flur mit einigen weiteren Türen, der in ein Treppenhaus mündete. Er folgte den Stufen hinab in eine Halle, öffnete die Pforte zum Hof und trat hinaus. Die Sonne stand im Südosten - Vormittag. Er musste einen ganzen Tag und eine Nacht geschlafen haben! Hatten ihm die Mönche etwas eingeflößt? Langsam schlurfte er zu den Gefangenen in der Mitte des Hofs. Cora entdeckte ihn als Erste und stieß einen Ruf der Überraschung aus, durch den die Wächter alarmiert wurden. Doch sie stürzten sich nicht wie erwartet auf Traigar, um ihn wieder festzunehmen. Stattdessen entfernte sich einer der Mönche und verschwand im Klosterturm.

Traigar erreichte die Freunde, die ihn bestürzt anblickten. Sie schienen nicht zu wissen, ob sie sich freuen sollten, ihn unverletzt und frei zu sehen, oder sich um ihn sorgen sollten, weil er so unendlich traurig wirkte.

„Ich …“, setzte er an, doch Spin unterbrach ihn.

„Ich weiß, Traigar. Ich habe alles gesehen. Du hast Semanius getötet.“

„Du weißt gar nichts. Nicht Semanius!“ Die Stimme des jungen Magiers brach fast. „Nunoc Baryth war ein großer und verdienstvoller Mann. Die Welt ist viel ärmer ohne ihn. Ich habe einen Unschuldigen getötet. Doch das ist noch nicht das Schlimmste: Der wahre Semanius ist …“

„Lord Gadennyn!“, unterbrach ihn eine Stimme in seinem Rücken in fast akzentfreiem Koridreanisch. Gormen Helath, der neue Führer des Ordens, trat neben ihn.

Er musterte die Gefangenen, die nicht zu begreifen schienen, was der große, schlanke Mann ihnen da erzählte. Doch der ließ ihnen keine Zeit, das Unvorstellbare zu verstehen.

„Euer Herr, der Lord von Shoala, hat euch an der Nase herumgeführt. Immerhin sei euch eines zu Gute gehalten: Ihr wusstet nicht, was ihr tatet. Mit einer Ausnahme: Gother hat gestanden, dass er Gadennyns Absichten und dessen wahre Identität als Einziger kannte.

Wir haben lange darüber nachgedacht, wie wir mit euch verfahren sollen. Viele von uns wollten euch hart bestrafen, denn das Unheil, das ihr angerichtet habt, ist groß. Vielleicht gelingt es Semanius Dank eurer Hilfe jetzt, die Welt ins Verderben zu stürzen. Doch ich messe mir einige Menschenkenntnis zu und bin mir sicher, Traigar bereut seine Tat und will sie wiedergutmachen. Ich gebe auch euch die Gelegenheit dazu, wenn ihr dem Orden bedingungslose Treue schwört. Ich lasse euch nun allein, damit ihr darüber nachdenken könnt. In zwei Stunden kehre ich zurück und erwarte eure Antwort.“

Diese beiden Stunden zählten für die Gefährten zu den schlimmsten ihres Lebens. Als ihnen ins Bewusstsein drang, was sie angerichtet hatten und in welchem Ausmaß Gadennyn ihre Loyalität missbraucht hatte, versanken sie zunächst in tiefe Trübsal, stierten auf den Boden und wälzten dunkle Gedanken. Irgendwann rief Cora sie dazu auf, miteinander zu reden. Aber sie sprachen nicht über das, was vor ihnen lag, sondern über die Vergangenheit, über verpasste Chancen, suchten Gründe für ihr Verhalten, Ausreden und Entschuldigungen. Sie verfluchten Gadennyn und Gother. Vor allem Dremion fühlte sich von seinem Vorgesetzten tief enttäuscht.

Traigar beteiligte sich nicht an dem Gespräch. Er grübelte und machte sich heftige Vorwürfe. Wenn jemand aus ihrer Gemeinschaft neben dem verräterischen Hauptmann Schuld trug, dann er selbst. Seine Freunde hatten ihn auf dieser Mission um seinetwillen begleitet, ihm vertraut. Traigar hätte Gother besser kennen müssen als sie, ja selbst besser als Dremion, dessen Untergebener. Der junge Magier hatte sich von dem Hauptmann und vor allem von Gadennyn hintergehen lassen. Seine Menschenkenntnis hatte aufs Schlimmste versagt. Erst ganz am Schluss der Reise war sein Gewissen erwacht, und dennoch hatte er nicht auf sein Herz gehört und den Schwarzen Abt getötet. Die Erinnerung an seine furchtbare Traumreise durch die Unterwelt und die insektenhafte Gestalt, die ihn zur Rede gestellt hatte, kam wieder auf. Das Wesen – konnte es wirklich Wathan gewesen sein? – hatte Traigar eine neue Aufgabe gegeben. Er sollte den wahren Semanius zur Strecke bringen, um seine Schuld zu begleichen. Nur dadurch würde er seinen Seelenfrieden wiedergewinnen. Entschlossen unterbrach er die fruchtlose Debatte seiner Gefährten.

„Ja, wir sind verraten worden und haben einen schlimmen Fehler gemacht. Wir waren uns einig im Ziel unserer Mission und haben uns furchtbar geirrt. Aber ich habe die Tat begangen! Dafür seid ihr nicht verantwortlich. Ich werde wohl nie überwinden, was ich getan habe. Ein schlechtes Gewissen ist die mindeste aller Strafen, die ich für ein solches Verbrechen verdiene. Doch es hilft nichts, wenn wir jammern und uns selbst bemitleiden. Wir müssen Semanius’ Pläne, das Land zu unterjochen, durchkreuzen.“

Seine Gefährten stritten ab, dass er die alleinige Schuld trug. Sie pochten auf ihre Mitverantwortung. Aber sie gaben ihrem jungen Anführer Recht: Wenn ihnen der stellvertretende Abt die Wahrheit erzählt hatte, so mussten sie helfen, Gadennyn aufzuhalten. Doch Cora hatte Zweifel:

„Dürfen wir diesen Schwarzen Mönchen denn trauen? Was, wenn sie gelogen haben, um die Schmach ihrer Niederlage zu verringern? Was, wenn Nunoc Baryth doch der wiedergeborene Lordmagier war?“

„Nur einer kann uns darüber die Wahrheit sagen“, meinte Boc, „nämlich Gother.“

Bevor sie über Gormens Angebot, dem Orden Treue zu schwören, nachgedacht hatten, kehrte dieser zurück.

Spin erklärte dem stellvertretenden Abt ihren Standpunkt:

„Vielleicht haben wir einen großen Fehler begangen, aber vielleicht führst du uns ja an der Nase herum. Bevor wir dir helfen, wollen wir erst mehr wissen. Erzähle uns alles über Nunoc Baryth, euren Orden und wie ihr erfahren haben wollt, Gadennyn sei Semanius. Außerdem wollen wir dies von Gother bestätigt haben.“

Gormen schien das Ansinnen nicht als Anmaßung zu verstehen. Er hatte wohl damit gerechnet.

„Gut, so soll es sein. Ich werde euch die Fesseln abnehmen lassen, doch noch seid ihr Gefangene. Die Freiheit erhaltet ihr, nachdem ihr den Schwur geleistet habt. An eine Flucht braucht ihr gar nicht erst zu denken. Die Klosterpforten sind geschlossen und schwer bewacht. Sonst gibt es keinen Ausgang.“

Nachdem die Wachen die Gefährten losgebunden hatten, fuhr er fort:

„Kommt mit, ich führe euch jetzt zu Gother.“

Winger beobachtete von der Felsenplattform am Hang des Klostertals, wie man die Gefangenen in ein Gebäude führte. Aus dieser Entfernung konnte er sie ohne Fernrohr nicht erkennen, aber er zählte insgesamt acht Menschen und nahm an, die in der Mitte Gehenden seien seine Freunde. Der Baumeister rätselte: War Semanius tot? Drohte seinen Gefährten unmittelbar Unheil? Würde man sie sofort töten oder ihnen später den Prozess machen?

Doch jetzt, am helllichten Tag, konnte er nichts unternehmen. Er wollte bis zur Dunkelheit warten und dann in das Kloster eindringen.

Traigar blickte voller Verachtung in das grinsende Gesicht des Hauptmanns, der gefesselt auf seiner Pritsche in einer Zelle im Kellergewölbe des Klosters hockte. Gother hatte gerade Gormens Behauptung bestätigt.

„Ja, es stimmt. Ihr alle habt Semanius gedient – trotz eurer mangelnden Loyalität besser, als ich erwartet habe. Und ich bin ein bisschen stolz auf euch. Ihr habt große Gefahren gemeistert, um den gefährlichsten Feind des Lords zu töten. Ich wünschte, wir könnten zurückkehren, um gemeinsam die Anerkennung und Dankbarkeit Lord Gadennyns zu erfahren. Vielleicht würdet ihr es ja dann begreifen: All dies war notwendig.“

„Erkläre es uns jetzt!“, forderte Spin mit kalter Stimme.

Gother seufzte. „Ich glaube kaum, dass ihr das versteht. Aber ich will es versuchen:

Gadennyn ist zweifellos ein großer Mann, überaus fähig und von Wathan dazu auserkoren, das Reich zu einen und wieder zu alter Größe zu führen. Aber er verfügt nicht über Armeen, um diesen Anspruch zu verwirklichen. Die Mächtigen im zersplitterten Königreich, seien es die koridreanischen Fürsten, unser eigener unfähiger König, der idiotische Herrscher von Orinokavo, die Kaufleute und die Bandenführer von Pheldae, ja, nicht einmal der Pridemus, würden ihm folgen und ihre eigene Macht aufgeben für einen Traum von einem Großreich, das bis an die Grenzen der Welt reicht. Doch es ist Wathans Wille: Jemand soll diesen Traum verwirklichen. Deshalb sandte er seinem auserwählten Volk einen Führer und schenkte ihm eine gefallene Seele, die des letzten Lordmagiers, eines Mannes, der über beinahe unbegrenzte magische Kraft verfügte. Vielleicht wollte Semanius ja damals zu viel, forderte mehr von der Welt, als sie ihm zu geben bereit war, ging zu unbedacht und zu stürmisch vor. Aber Lord Gadennyn, der neue Semanius, ist ein anderer. Einer, dem man die Welt anvertrauen darf, der das Beste für sie will. Oder vielmehr: das Beste für die Menschen des wiedervereinten Reiches, denn er wird dessen Feinde vom Erdboden tilgen!

Ihr kennt die Geschichte der Eroberungsfeldzüge aus dem Süden, die nur Dank der Magier des Alten Königreichs aufgehalten werden konnten. Sonst hätten die Südländer die Städte niedergebrannt und geplündert, die Frauen und Kinder versklavt und die Männer getötet. Semanius hat noch ein paar Rechnungen mit ihnen offen. Und ich werde seine Liste um ein weiteres Feindesvolk ergänzen, nämlich das der verdammenswerten Ostmenschen! Auch wenn du ihren Herrscher Amaran getötet hast, Traigar: Seine Untertanen sind und bleiben eine Gefahr für die Menschen des Westens und müssen ausgerottet werden.“

„Also will Gadennyn ebenfalls die Welt mit Krieg überziehen“, stellte der junge Magier mit tonloser Stimme fest.

„Ja, aber mit einem Krieg, der uns den Sieg und die Herrschaft über alle Länder beschert. Jetzt, wo Nunoc Baryth tot ist, kann niemand mehr den Lord aufhalten. Schade, wir werden es nicht mehr erleben, denn diese schwarzen Krähen bringen uns zweifellos um.“

„Da irrt Ihr Euch, Hauptmann“, erwiderte Gormen Helath. „Wir töten niemanden.“

Gother lachte: „Umso besser! Wenn ihr mir nicht das Leben nehmt, entkomme ich euch irgendwann, oder Gadennyn wird mich befreien. Und auf seiner Liste stehen nicht nur die Feinde von außen, sondern auch die von innen. Er wird mit euch nicht so gnädig verfahren.“

Dremion sprach mit zitternder Stimme. „Ich habe Euch vertraut, Hauptmann, dachte, Ihr seid ein guter Mensch. Aber Ihr seid grundböse!“

Wieder lachte der Gefangene auf. „Du bist naiv, kleiner Soldat. Moral kann man drehen und wenden. Die Bösen stehen immer auf der jeweils anderen Seite. Deshalb ist es so einfach, Kriege zu begründen.

Boc spuckte aus. „Bei ihm ist guter Wille verloren. Wir haben gehört, was wir erfahren mussten. Gehen wir.“

Der stellvertretende Abt führte sie in eine kleine Halle. Wandteppiche, die religiöse Szenen darstellten, schmückten sie. Der Raum besaß an der einen Seite hohe Fenster und wirkte hell und freundlich, wies aber keinerlei Mobiliar auf. Lediglich einige Sitzkissen lagen auf dem Boden.

„Dies ist unser Meditationsraum“, erklärte Gormen. „Hier finden wir in den Stunden zwischen dem Abendmahl und dem Nachtgebet Ruhe, Einkehr und Besinnung. Bitte setzt euch. Ich erzähle euch nun alles, was ich weiß.“

Er schickte die Wachen aus dem Raum. Die Gefährten und er ließen sich auf den Kissen im Kreis nieder. Er blickte sie einen nach dem anderen an, bevor er begann:

„Ihr wolltet mehr über Nunoc Baryth und den Schwarzen Orden erfahren. Ich weiß: Viele Menschen verbinden die Farbe Schwarz mit dem Bösen, ein Vorurteil, dass Gadennyn natürlich gut passt. Der Tod kommt in schwarzem Gewand, will man Legenden und Kamingeschichten glauben, und deshalb erweckt schwarze Kleidung, wie wir sie tragen, bei einigen Angst und Schrecken. Auch in der religiösen Tradition unseres Ordens steht schwarz für den Tod. Aber nicht für den Tod als schreckliches Ende, sondern für den Neubeginn, für die Ablösung der Seele vom schwachen Fleisch und für das spirituelle Leben nach der Vereinigung mit Wathan. Schwarz ist für uns die Farbe Gottes, des ewigen Lebens und der Freude.

Nunoc Baryth hat den Schwarzen Orden nicht gegründet, er ist schon Hunderte von Jahren alt. Bereits zu Semanius’ Zeiten – des ersten Semanius’ meine ich – existierte er schon lange. Damals eine gewöhnliche Klosterbruderschaft, unterschied er sich durch seine Riten und Zeremonien nur wenig von anderen Orden. Bald aber ragte er heraus durch die Gelehrsamkeit seiner Glaubensbrüder. Unsere Gemeinschaft war die erste, die Frauen in ihre Reihen aufnahm. Nicht selten in der Ordensgeschichte stand eine Hohe Äbtissin an seiner Spitze.

Der Schwarze Orden hat nie das weltliche Wissen gebrandmarkt; ganz im Gegenteil: Er war berühmt für seine großen Naturforscher und Denker. Die bedeutende Philosophin Meire Tessalin, die den ‚Kodex für die Herrschenden’ verfasst hat, und der Astronom Pashamar gehörten ihm an. Wir sind dem Großtempel Wathans schon immer ein Dorn im Auge gewesen, weil wir undogmatisch sind und nicht jedes Ereignis göttlichem Handeln zuordnen. Wathan hat die Welt erschaffen, das stimmt, aber er hat ihr auch die Naturgesetze geschenkt, die es ihr erlauben, ohne sein ständiges Wirken zu funktionieren. Wathan schickt keine Stürme, Fluten, Dürren oder Hungersnöte. Das sind Naturereignisse, voraussehbare Wirkungen, die auf weltlichen Ursachen beruhen. Wathan bestraft in diesem Leben weder die bösen Menschen noch führt er die guten in Versuchung. Er hat Mensch und Tier einen Platz in der Welt zugewiesen, und wir müssen selbst sehen, wie wir damit zurechtkommen. Alle Ungerechtigkeiten, die uns widerfahren, werden jedoch vergessen sein, wenn wir einst mit ihm vereint sind ... Oh, verzeiht, ich schweife ab.

Ich sagte, dass sich der Schwarze Orden als Hort der Forschung und Lehre hervortat. Ein Zweig des Wissens hat es uns besonders angetan, die Geschichte unseres und anderer Völker dieser Welt. Wir beobachten das Wirken der Menschheit schon lange, denn auch wenn wir keine Mittel gegen Naturkatastrophen, gegen Krankheit und Tod haben: Die größte Gefahr für uns Menschen geht immer noch von uns selbst aus. Unsere schlimmsten Geißeln sind Krieg, Unterdrückung, Unfreiheit, Hass und Verachtung für die, die wir als gering von Wert einschätzen. Menschen tun den Menschen Schlimmes an. Und die größte Bedrohung geht von den Mächtigen aus. Nicht alle Fürsten und Könige, ja nicht einmal die hohen Würdenträger des Tempels sind gute Menschen. Manche missbrauchen ihre Macht zu ihren eigenen Zwecken.

Aus der Vergangenheit kann man vieles lernen. Man kann sie mit Entwicklungen der Gegenwart vergleichen und erkennen, ob diese zum Guten oder Schlechten führen. Also haben wir schon immer beobachtet, aufgeschrieben, verglichen und analysiert.

Wir haben uns bemüht, unsere Erkenntnisse einzusetzen, um gute Entwicklungen zu fördern und schlechte zu verhindern. Über Jahrhunderte hinweg sandten wir Berater an den Hof der gerade regierenden Könige und Königinnen, an Fürstensitze im ganzen Reich, an Stadträte, die Verbände der Kaufleute, der Bauern und an alle Einflussreichen, die die Geschicke der Menschen mitbestimmten. Viele von ihnen hießen unseren Rat willkommen, doch nicht wenige hörten nicht auf uns, und manche verfolgten uns gar mit bitterem Hass. Einer von diesen war Semanius, der Lordmagier. Der Schwarze Orden beobachtete ihn und sein Wirken und warnte Königin Kierande. Doch er konnte das heraufziehende Unheil nicht verhindern. Semanius ließ unsere Klöster überall niederbrennen. Weit mehr als die Hälfte unserer Mönche und Nonnen starben. Wahrscheinlich hätte er unseren Orden ganz ausgelöscht, wenn er nicht seltsamerweise freiwillig aus dem Leben geschieden wäre.

Nach seinem Tod dauerte es sehr lange, bis die überlebenden und weit zerstreuten Brüder und Schwestern wieder zusammenfanden und neue Klöster überall im Königreich errichteten, darunter dieses hier, in dem ihr euch befindet. Der Orden bekam großen Zulauf. Viele Menschen suchten nach all den Schrecken des Bürgerkriegs einen neuen Lebenssinn. Aber dem damaligen Hohen Abt genügte es nicht, einfach so weiterzumachen wie bisher. Er berief eine Klausur ein. Alte und neue Ordensmitglieder berieten viele Wochen und fassten weitreichende Beschlüsse, die die Grundziele des Ordens neu definierten. Die Versammlung zeigte sich einig: Eine so schreckliche und gewaltsame Unterdrückung wie unter Semanius dürfe nie wieder geschehen. Es reiche nicht aus, zu beobachten und zu warnen, sondern man müsse auch eingreifen, um das Schlimmste zu verhindern. Man fand Ordensbrüder und -schwestern mit entsprechenden Fähigkeiten – darunter Magier, Magierinnen und ehemalige Soldaten – und bildete sie zu Kämpfern aus. Sie sollten eingesetzt werden, wann immer die Mächtigen bestimmte Grenzen verletzten, Grenzen, deren Überschreitung in Krieg oder Völkermord münden konnte. Sie waren nicht mit Schwertern und Streitbeilen, sondern mit magischen Waffen ausgerüstet, Waffen, die nicht töteten, sondern die Gegner nur kampfunfähig machten und entwaffneten.

Die Schwarzen Kämpfer haben so manchen Kampf gefochten, manchen Krieg verhindert, manchen Tyrannen gestürzt. Sie besaßen großen Rückhalt in der Bevölkerung, bis Pridemus Erthon der Fünfte seine Macht von ihnen bedroht sah. Er betrachtete die Herrschenden (und damit sich selbst) als von Wathan Auserwählte, deren Handlungen dem Willen Gottes entsprachen und betrachtete Widerstand gegen sie als Sakrileg. Er verbot den Schwarzen Orden mit der Begründung, er würde Irrlehren verbreiten und die Gewalt verherrlichen. Dabei hatten unsere Brüder und Schwestern die neuen Ordensstatuten gerade geschaffen, um Gewalt als Mittel der Macht zu bekämpfen! Natürlich konnten wir uns nicht dem geistigen Oberhaupt unserer Religion widersetzen. Wir mussten uns fügen. Der Pridemus ließ unsere Klöster auflösen. Ihre Mönche und Nonnen, die unseren Prinzipien abschworen, wurden in andere Orden aufgenommen. Die Schwarzen Kämpfer aber bannte und verjagte man.

Nun, bis in den hohen Norden reicht der Arm des Großtempels nicht mehr, seitdem das Alte Königreich zersplittert ist. Hierhin konnten sich die wenigen Anhänger unseres Ordens und die Kämpfer zurückziehen, und hier hat unsere Bruderschaft überlebt. Unser Wirkungskreis ist nach dem Bann aber verschwindend klein geworden. Doch wir beobachten die Welt und ihre Mächtigen weiter aufmerksam und registrieren die politischen Entwicklungen.

Kommen wir zur nahen Vergangenheit und zur Gegenwart:

Nunoc Baryth war über vier Dekaden unser Abt, ein großer Mann und ein ungewöhnlich begabter Magier. Unter seiner Führung nahm das Kloster viele Novizen mit magischer Begabung auf, die eine Zuflucht vor Verfolgung fanden, denn ihr wisst ja, dass Magier heutzutage nicht sehr beliebt sind.

Vor etwa zwanzig Jahren kam Athlan, ein junger Novize eines anderen Ordens aus Vulcor, zu uns. Er hatte sein magisches Talent erst vor kurzem entdeckt. Doch als er dies dem Abt seines Klosters offenbarte, zwang ihn dieser – ein erbitterter Gegner der Magie, die er für das böse Werk Wathan-Khas hielt – den Orden auf der Stelle zu verlassen. Athlans Vater, der Fürst von Shoala, hatte seinen Sohn zur Ausbildung in den Orden geschickt, und der junge Mann traute sich nicht, mit der Schmach zurückzukehren, dass man ihn hinausgeworfen hatte. Den Grund konnte er Lord Gadennyn nicht nennen, denn dieser wusste nichts von seinen Fähigkeiten und verabscheute Magie. Also begab er sich auf eine ziellose Wanderschaft. Dann hörte Athlan vom Schwarzen Orden, und er vernahm Gerüchte, dass man dort der Magie freundlich und offen gegenüberstehe. Also kam er zu uns und bat um Aufnahme. Nunoc Baryth erkannte schnell das außerordentliche Talent des jungen Mannes, das dem seinen ebenbürtig schien, daher förderte und lehrte er ihn. Doch bald bemerkte er, dass Athlan nichts daran lag, spirituelle Erkenntnis zu erlangen. Ihm ging es einzig darum, die Magie ausüben und seine magischen Fähigkeiten erweitern und vertiefen zu können. Er lernte rasch, und seine Macht wuchs unaufhaltsam. Nunoc bezweifelte nun, ob es richtig gewesen war, den Jungen auszubilden. Er wurde ihm langsam unheimlich. Selbst die Schwarzen Kämpfer hatten Angst vor ihm. Keiner schien ihm mehr gewachsen. Der Abt erinnerte sich an den ganz ähnlichen Werdegang des jungen Semanius, Jahrhunderte zuvor. Natürlich kam ihm da noch nicht in den Sinn, es könne eine Verbindung zwischen dem toten Lordmagier und dem Novizen geben, aber er fürchtete, Athlan könnte ein zweiter Semanius werden. Eines Tages bat er ihn zu einem Gespräch. Er wollte ihm die Geschichte des Lordmagiers als abschreckendes Beispiel für den Missbrauch der Magie erzählen, aber als er dessen Namen nannte, fing der Junge an zu lachen, bis ihm die Tränen die Augen traten. Über Semanius brauchst du mir wirklich nichts zu erzählen, sagte er. Ich weiß mehr über ihn, als du je erfahren wirst!

Nunoc verstand erst nicht, doch dann berichtete Athlan über Details aus dem Leben des Lordmagiers, die nicht einmal ihm bekannt waren. Der Abt glaubte ihm natürlich kein Wort, hielt den jungen Mann für einen Aufschneider. Aber nachdem Athlan ihn verlassen hatte, ging er sofort in die Ordensbibliothek, öffnete eine verborgene magisch versiegelte Tür, von der nur wenige Eingeweihte wussten, und betrat das Geheimarchiv. Dort las er in den Aufzeichnungen des Ordens über Semanius und erfuhr zu seiner Bestürzung, dass alles, was Athlan behauptet hatte, stimmte. Es gab nur zwei Möglichkeiten, wie er davon wissen konnte. Entweder hatte er das Geheimarchiv gefunden und es irgendwie geschafft, die Tür zu öffnen, oder – aber das schien undenkbar!

Nunoc übertrug die Führung des Klosters seinem damaligen Stellvertreter, sattelte sein Pferd und machte sich unter dem Vorwand, Hilfe für einen sehr kranken Klosterbruder zu suchen, auf die lange Reise zu einem anderen Orden am Fluss Thes. Er kannte die Äbtissin. Sie war im Geheimen eine Geistmagierin, eine, die spüren konnte, ob jemand die Wahrheit sprach oder log. Er bat sie um Hilfe, und sie ritt mit ihm. Nach vielen Wochen trafen sie wieder hier ein. Die Äbtissin gab sich als Heilerin aus, die gekommen war, um den kranken Mönch zu pflegen. Tatsächlich verstand sie einiges von der Heilkunst, doch der wahre Grund ihrer Anwesenheit bestand natürlich darin herauszufinden, was der junge Athlan im Schilde führte. Sie suchte sein Vertrauen, und der Junge fühlte sich trotz des Altersunterschieds von fünfzehn Jahren zu der hübschen Frau hingezogen. Sie unterhielten sich oft, und Athlan erzählte ihr einiges von dem, was er schon Nunoc Baryth berichtet hatte, aber darüber hinaus viel mehr, denn sie konnte die Menschen mit ihrer Gabe zum Reden bringen.

Athlan hatte nicht gelogen, berichtete sie unserem Abt: Er war wirklich der Sohn und Erbe des koridreanischen Fürsten Lord Gadennyn, der ihn zur Ausbildung in den hohen Norden geschickt hatte. Es stimmte auch, dass der Junge zuerst in einem anderen Kloster gelebt hatte und man ihn von dort fortjagte, nachdem er sein magisches Talent offenbart hatte. Und sie bestätigte Nunoc Baryths furchtbaren Verdacht, dass sich der junge Mann für den wiedergeborenen Semanius hielt. Athlan hatte es ganz offen zugegeben. Aber es gab einen Punkt, an dem er verschlossen wie eine Auster blieb, nämlich, als ihn die Frau fragte, wann er es entdeckt habe und wie ihm seine zweite Persönlichkeit bewusst geworden sei. Selbst mit ihren außergewöhnlichen Fähigkeiten konnte sie es ihm nicht entlocken. Athlan hatte sich sofort misstrauisch gezeigt, als sie darüber sprach, als ob sie ihm mit diesem Wissen die Identität und die Macht Semanius’ hätte rauben können. Der junge Mann verbarg etwas vor ihr.

Nunoc Baryth fühlte sich ratlos. Was sollte er tun? Er durfte Athlan nicht weiter ausbilden, so viel schien klar – gleichgültig ob der Novize an einer Wahnvorstellung litt oder wirklich der war, für den er sich ausgab. Seine magische Kraft nahm von Tag zu Tag zu. Doch wenn er den Jungen des Klosters verwies, beraubte er sich jeden Einflusses auf ihn. Die anderen Oberen des Ordens bedrängten ihn, Semanius alias Athlan Gadennyn zu verstoßen. Sie fürchteten, er könne die Macht an sich reißen. Schweren Herzens befolgte der Abt ihren Rat. Er teilte Athlan mit, er müsse das Kloster verlassen. Der junge Magier zeigte sich gekränkt und wütend, aber er ging.

In den vergangenen Jahren versuchten wir immer wieder, etwas über ihn in Erfahrung zu bringen. Wir wollten wissen, was aus ihm geworden ist. Deshalb schickte Nunoc Baryth von Zeit zu Zeit Kundschafter nach Koridrea. Und sie berichteten, dass Athlan inzwischen das Erbe seines Vaters angetreten hatte und als Lord die Provinz Shoala regierte, doch er verhielt sich unauffällig und ruhig, schien sich als besonnener, um das Wohl seiner Untertanen besorgter Fürst zu erweisen. Es gab keinerlei Anzeichen von Machtgier oder Eroberungsgelüsten. Nunoc zeigte sich erleichtert. Doch dann, vor nicht allzu langer Zeit, kam ein Mann aus dem Süden mit koridreanischem Akzent in unser Kloster – Gother, wie sich nun herausgestellt hat. Ich fasste den Verdacht, er sei ein Spion, und Nunoc sandte ihm deshalb einen Schwarzen Kämpfer nach, der herausfinden sollte, für wen Gother spionierte. Natürlich ahnten wir es schon. Als unser Mann nicht mehr zurückkehrte, schien es Gewissheit zu sein: Lord Gadennyn hatte seine Aufmerksamkeit auf uns gerichtet. Das konnte nichts Gutes bedeuten. Wir verschärften unsere Wachsamkeit, konnten aber dennoch nicht verhindern, dass ihr unseren Abt getötet habt!“

Am Schluss klangen seine Worte bitter. Die Gefährten schwiegen betreten.

Nach einer langen Pause erklärte Traigar: „Ich schwöre den Eid.“

Eine Weile danach warteten die Gefährten auf Geheiß Gormen Helaths auf dem Klosterhof, wo die Feier nach der Zeremonie der Vereidigung stattfinden sollte. In graue Kutten gekleidete Mönche und Nonnen – es gab nicht wenige Frauen unter den Bewohnern des Klosters – trugen Stühle und Tische nach draußen und deckten sie mit Tellern und Bechern. Aus dem Fenster der großen Küche drangen Gerüche, die den Koridreanern das Wasser im Mund zusammenlaufen ließen. Sie konnten sich kaum an ihr letztes Mahl erinnern, das sie an einem Tisch eingenommen hatten. Doch das musste noch warten, denn zuvor sollten sie den Eid leisten. Die Gefährten fühlten sich etwas nervös, denn sie wussten nicht genau, was sie erwartete. Der zukünftige Abt hatte von einer heiligen Zeremonie gesprochen, von einem Versprechen, das sie nicht ihm, Gormen Helath, sondern Wathan, dem Höchsten, persönlich geben müssten. Sie sollten ihre Gedanken reinigen und sich bewusst machen, dass dieser Schwur ihr Leben ändern würde, hatte er nachdrücklich erklärt. Sie sollten ihn nicht leichtfertig leisten.

Duna, die Feuermagierin, näherte sich ihnen. Traigar hatte zum ersten Mal Muße, sie genauer zu betrachten. Sie trug eine graue Kutte, deren Kapuze sie zurückgeschlagen hatte. Die junge Frau von zierlicher Gestalt besaß langes braunes Haar, haselnussfarbene Augen, ein herzförmiges Gesicht mit einem Grübchen am Kinn. Die gerade Nase schien ein wenig zu lang, die Mundwinkel hatte sie mürrisch leicht herabgezogen. Zu seiner Bestürzung bedeckten einigen rote Tätowierungen die gerunzelte Stirn und die Schläfen, jene seltsamen Zeichen, die auch die anderen Schwarzen Mönche und Kämpfer trugen.

Duna musterte die Menschen aus Koridrea misstrauisch. Sie schien sie nicht zu mögen. Kein Wunder, zeigten sie sich doch für den Tod des verehrten und geliebten Abts, Nunoc Baryth, verantwortlich.

„Gormen hat gesagt, ich soll eure Fragen beantworten, falls ihr noch welche habt, und euch die Zeremonie erklären. Fragt also“, erklärte sie barsch.

Cora ergriff das Wort.

„Du bist traurig und zornig, das sieht man. Es wäre vermessen von uns, wenn wir dir versicherten, wie wir das alles bedauern. Es würde deinen Schmerz nicht lindern. Ich weiß, du kannst uns jetzt nicht vergeben. Ich könnte es an deiner Stelle ebenso wenig.“

„Und was willst du, das ich tun soll?“

„Gar nichts. Verfluche und beschimpfe uns. Hasse uns ruhig eine Weile. Uns ginge es an deiner Stelle vermutlich nicht anders. Trauere um Nunoc Baryth. Der Schmerz wird nach und nach vergehen, und vielleicht kannst du uns irgendwann verzeihen.“

Duna blickte sie an.

„Ich hasse euch nicht. Aber ich kann auch keine Freundschaft für euch empfinden. Das werde ich vielleicht niemals können. Mehr möchte ich dazu nicht sagen. Nun stellt eure Fragen.“

Die Gefährten schwiegen einen Augenblick betreten. Schließlich ergriff Spin das Wort:

„Wir wissen noch viel zu wenig über Euch, um den Treueid in voller Überzeugung ablegen zu können. Dies ist kein Orden, wie ich ihn aus Koridrea kenne. Dort leisten alle dem Pridemus Gehorsam. Ich sehe aber in diesem Kloster Männer und Frauen. Der Stellvertreter Wathans hat aber, soweit ich weiß, gemischte Orden verboten. Er sagt, dies leiste Unkeuschheit Vorschub.“

„Wir erkennen den Pridemus nicht als Stellvertreter Wathans an. Die Pridemi der Vergangenheit haben gezeigt, wie fehlbar sie sind. Von den Sünden, die sie begangen haben, scheint mir Unkeuschheit noch die harmloseste! In unserem Orden dienen Frauen und Männer Wathan, dem Erhabenen. Sie arbeiten, beten und essen zusammen. Nur zum Schlafen ziehen sie sich in getrennte Häuser zurück.“

Spin nickte. Traigar stellte die nächste Frage:

„Hier gibt es in Grau gekleidete Ordensbrüder und -schwestern ebenso wie solche in schwarzen Roben. Manche sind tätowiert wie du und Gormen Helath, andere tragen keine Zeichen. Was hat es denn damit auf sich?“

„Nicht alle in unserer Gemeinschaft fühlen sich dazu berufen, für Wathan auf andere Weise zu kämpfen als mit Worten. Dennoch steht das Kloster jedem offen, der Gott dienen will. Nur diejenigen, die bereit sind, die Gründungsregeln unseres Ordens ohne Einschränkung zu befolgen und eine schwere Prüfung bestehen, dürfen Schwarz anlegen und die roten Zeichen tragen. Normalerweise ist dafür eine jahrelange Ausbildung erforderlich.“

„Aber du trägst sie doch ebenfalls“, warf Traigar ein. „Es ist noch kein Jahr her, da habe ich dich in Shoal gesehen. Da warst du noch nicht tätowiert. Außerdem bist du viel zu jung, um eine langjährige Ausbildung erhalten zu haben. Du trägst auch keine schwarze Kutte. Wie kannst du dann zum Schwarzen Orden gehören?“

Duna runzelte die Stirn und musterte ihn neugierig.

„Ja, jetzt erinnere ich mich wieder an dich. Auf dem Gauklerwettbewerb, nicht wahr? Du warst gut! Ich habe dich nicht erkannt, denn damals warst du ziemlich mager und sahst viel jünger aus.

Du hast recht: Ich gehöre den Schwarzen Kämpfern an. Ich habe mich damals nach Vulcor eingeschifft, weil ich hörte, im Norden werde die Magie noch nicht als Makel betrachtet, den man verstecken muss. Ich wollte sie ausüben, ohne Angst und Scham. In Helmseth traf ich einen Schwarzen Mönch. Allerdings trug er eine graue Kutte, die sein Haupt verhüllte. Er schien mich zu durchschauen und sprach mich an. In seinem Kloster, so versicherte er, gebe es einen Platz für mich. Magier seien in seinem Orden hoch geachtet. Nun, ich wollte mein Leben nicht unbedingt als Nonne beenden, aber er überredete mich, mit ihm zu kommen. Als ich seinen Herrn, Nunoc Baryth, traf, lernte ich zum ersten Mal einen Menschen kennen, dem ich vorbehaltlos vertraute. Er war … ich kann es nicht beschreiben. Du hättest ihn kennen lernen sollen! Aber …“

Sie brach ab und schluckte. Eine Träne rollte über ihre Wange. Für einen kurzen Moment blitzen ihre Augen Traigar böse an. Doch dann fasste sie sich wieder und fuhr fort:

„Magier brauchen keine lange Ausbildungszeit. Ihre Aufgabe ist nicht der physische Kampf. Zwar hat Nunoc Baryth mich vieles gelehrt, auch, meine Magie besser einzusetzen, aber meine Aufnahme in den Schwarzen Orden erfolgte schon nach vier Monaten.“

„Aber warum trägst du keine schwarze Kutte?“, wollte Dremion wissen.

„Die schwarze Robe müssen wir nur zu besonderen Anlässen anlegen, etwa beim Gebet oder der Meditation. Ansonsten kleiden wir uns in Grau wie die Novizen und die Brüder und Schwestern, die zwar dem Kloster angehören, sich aber nicht berufen fühlen, in den Schwarzen Orden einzutreten, und Wathan lieber auf andere Weise dienen wollen. Einigen meiner Ordensbrüder ist es zu lästig, sich mehrmals am Tag umzuziehen, deshalb tragen sie ständig schwarz. Ich halte es mit Nunoc Baryth, der als Zeichen seiner Demut die meiste Zeit die graue Kutte trug. Nun muss ich aber auch Schwarz anlegen, denn euer Eid steht bevor. Folgt mir.“

Duna führte sie in eine Kleiderkammer in einem der Klostergebäude. Hier hingen schwarze und graue Kutten an den Wänden. Sie öffnete eine Kiste und nahm einige nicht getragene graue Kleidungsstücke heraus.

„Ihr müsst euch nackt ausziehen und dürft nur diese Sachen tragen. Sucht euch aus, was euch passt. Du –“, sie zeigte auf Cora, „wie heißt du?“ Die Angesprochene nannte ihren Namen. „Gut, Cora. Folge mir in den Umkleideraum der Schwestern. Euch hole ich hier wieder ab.“

Etwas später standen sie alle wieder beisammen, gekleidet in graue und mit einem Lederriemen gegürtete Kutten aus rauem, grobem Stoff, der unangenehm auf der Haut kratzte. Nur Duna trug Schwarz. Sie wies sie an, ihre Häupter mit den Kapuzen zu verhüllen, bevor sie das Allerheiligste beträten. Damit meinte sie den Tempel des Klosters, in dem die heiligen Zeremonien abgehalten wurden. Die Koridreaner folgten ihr in den schlichten, schmucklosen Raum, in dessen Mitte ein Altar stand. Auf diesem Altar hatte man eine senkrechte Eisenstange angebracht, auf der zwei durchbohrte, etwa kopfgroße Kugeln aufgereiht waren, die obere schwarz und die untere Rot. Das Zeichen Wathans.

Cora verstand. Die schwarze Kugel stand für Wathan-Bejhi, die rote für Wathan-Kha. Deshalb die schwarzen Roben und die roten Tätowierungen der Mitglieder des Ordens. Sie dienten beiden Aspekten Gottes, nicht nur dem Schenker, Schöpfer und Lebensspender, wie es die meisten anderen Orden taten, sondern auch dem Fordernden, dem Richter und Strafenden.

Duna wies sie an, vor dem Altar niederzuknien. Nach und nach füllte sich der Tempel mit Männern und Frauen, die in einem Kreis um die Knienden Aufstellung nahmen.