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Mord in der Bildungsbranche...? An einem warmen Frühsommermorgen im idyllischen Meinigen findet der Dozent Hartmut Gundlach nicht nur die Eingangstür zu den Büros der Bildungsakademie unverschlossen, sondern auch den Körper seiner Kollegin Silvia Rieger kalt und still auf dem Boden des Foyers. Die daraufhin erfolgenden Untersuchungen von Kommissar Hoffmann ziehen nicht nur nach und nach immer mehr Verdächtige wie den Schulleiter Thomas Feldmann oder die ehemalige Schülerin Eva Stark in ihren Strudel, sondern fördern auch so manche Verwicklung zu Tage, die vielleicht besser unerkannt geblieben wäre...
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Seitenzahl: 217
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Eva hatte sich den letzten Rest ihres neuen Lieblingsweissweines vom Supermarkt eingeschenkt und balancierte ihr Glas und ihren Tablet - PC nach draussen auf ihre grosse Balkonterrasse. Leicht beschwipst, sei es vom Wein oder auch vom heutigen Tag, lümmelte sie sich wenig elegant, dafür umso bequemer, in ihren Aluminiumgartenstuhl und liess die frisch von der Maisonne gebräunten Beine über die Armlehne baumeln. Ihre Blicke schweiften über die sie rings umgebenden herrlich grünen Hügelketten, das weite Tal und dabei zog noch einmal der heutige Tag an ihr vorüber.
Sie hatte sich mit drei ihrer ehemaligen Mitschülerinnen, mit denen sie teilweise sogar freundschaftlichen Kontakt hielt, heute wieder an der Bildungs-Akademie in Meiningen, kurz „BAM“ genannt, getroffen. Zuerst hatten sie auf ihre Lieblingsdozentin Silvia Rieger gewartet und dann mit ihr Kaffee getrunken und geplaudert.
Danach hatten sich die vier Frauen noch beim Chinesen nebenan ein leichtes Essen gegönnt und stundenlang angeregt gequatscht und gekichert. Das allein hätte Eva's Laune schon gehoben, aber der Hauptgrund ihrer Hochstimmung war, dass sie Thomas Feldmann heute wiedergesehen hatte und vor allem die Äußerungen, die Frau Rieger so vom Stapel gelassen hatte.
Es war das erste Mal, dass Eva Thomas live gesehen hatte nach seiner aus ihrer Sicht vollkommen surrealen, scheinbar hinter dritten versteckten und vor allem ziemlich unglaubwürdigen Zurückweisung ihr gegenüber, und wie zu ihrer BAM-Zeit war es auch heute wieder sehr offensichtlich in seinem Gesicht geschrieben gewesen, wie verliebt er in sie war.
Sie verabschiedeten sich nämlich gerade fröhlich winkend und enthusiastisch von Frau Rieger, die zurück in ihren Unterricht musste, als Thomas Feldmann, seines Zeichens Standort - Leiter der BAM, mit einem Geschäftspartner plaudernd aus dem Haupteingang trat.
In dem Moment, als er registrierte, dass es Eva war, die mit ihrer Gruppe auf dem Parkplatz Frau Rieger verabschiedete, stockte ihm buchstäblich der Fuss, er zögerte zuerst, weiterzugehen. Auch aus über zehn Meter Entfernung konnte Eva sehen, dass Thomas's Mund halboffen stehen blieb und er kurz aufhörte zu reden. Die Röte stieg ihm ins Gesicht, als sich ihrer beider Augen trafen. Eva allerdings ging es nicht anders, und sie wäre am liebsten auf ihn zu gelaufen und hätte ihn geküsst.
Dann hatte Thomas sich jedoch wieder im Griff und lief weiter mit seinem Kollegen an der Glasfront des Bürogebäudes entlang. Seine völlig überraschte Reaktion erfüllte Eva mit einer gewissen Schadenfreude, es geschah ihm ganz recht, so unvorbereitet auf ihren Anblick zu treffen, dachte sie.
Eva und ihre Freundinnen brachen nun zum nahegelegenen Chinesen auf und trabten parallel zu den Männern auf der anderen Seite des Parkplatzes auf dem Bürgersteig entlang, wobei es nicht ausblieb, dass Thomas und Eva verstohlen zueinander hinüber schielten. Auch als Thomas mit seinem Kollegen anderthalb Stunden später wieder vom ihrem Mittagessen zurückkehrte, nahm Eva, die sich gerade wieder auf ihren Platz draussen auf der Restaurantterrasse setzen wollte, wahr, dass Thomas einige Sekunden zu ihr herüber schaute. „Wie in alten Zeiten…“ dachte sie lächelnd und schaute sehnsüchtig seiner grossen sportlichen Figur nach, bis er um die Ecke verschwunden war.
Eva nippte weiter an ihrem erfrischend kühlen Sauvignon Blanc und vertiefte sich gedanklich wieder in den Nachmittag. Frau Rieger hatte nämlich einige Äußerungen gemacht, die Eva's Herzschlag deutlich beschleunigten. Den Wortlaut bekam sie gar nicht richtig zusammen - sie war wohl zu abgelenkt gewesen vor lauter Gedanken an Thomas. Helga jedoch, eine ihrer Freundinnen aus der Zeit an der BAM, die auch um ihre Gefühle wusste, hatte noch genauer zugehört und sie eben noch mal per Whats-App mit der Nase darauf gestossen, weil Eva ihrer Wahrnehmung nicht richtig trauen wollte.
Silvia Rieger hatte, als das Gespräch auf Männer, Verehrer und Evas zurückliegende Trennung kam, eine Andeutung nach der anderen gemacht, die verdeutlichten, dass sie von Eva's zwei Briefen an Thomas nach ihrer BAM-Zeit und damit auch von ihren Gefühlen für ihn wusste, was Eva aber nicht störte, dafür mochte sie Frau Rieger zu gerne. Die beiden Briefe hatten leider damals einen ungeplanten Umweg durch die Hände der indiskreten Sekretärin Elvira Brockhaus gemacht, die das ganze Thema überall verbreitet und damit auch Thomas abweisende Reaktion mit provoziert hatte.
Was Eva jedoch wie ein kleiner, aber süßer Hammer ein wenig erschlagen hatte, war Silvia's Aussage, ohne dabei Namen zu nennen, jedoch unmissverständlich, dass Thomas Feldmann Eva's Verehrer sei…
Eva's Hoffnungen auf eine Zukunft mit Thomas schwankten ständig, denn obwohl es offensichtlich war, dass sie sich in einander verliebt hatten, fehlte von Thomas's Seite immer noch der letzte Schritt zu Eva. Seine Position als Leiter der BAM war zunächst das eine Hindernis gewesen, und seine wohl kalte Ehe und vor allem mit Sicherheit Überlegungen wegen seiner zwei süssen Töchter, hatten ihn bisher davon abgehalten, Eva endlich in seine Arme zu ziehen. Eva verstand ihn besser als er wahrscheinlich ahnte, denn ihre eigene Trennung war ja noch nicht so lange her, auch wenn sie zu ihrem Leidwesen keine Kinder hatte. Sie vermisste ihn oft furchtbar und versuchte die allgegenwärtigen Gedanken an Thomas wegzuschieben, doch an diesem Abend erlaubte sie sich die süssesten Träume und Hoffnungen seit langem…
Müde und ausgelaugt betrat Thomas Feldmann sein Büro und liess sich auf seinen Drehstuhl fallen. Er drehte sich langsam herum und sah aus der Glasfront hinaus auf den Parkplatz. Genüsslich streckte er dabei seine langen Beine aus und dehnte gähnend seinen verspannten Körper. Es war ein langer Tag gewesen, und seine Seminarteilnehmer waren ihm heute ziemlich unwillig vorgekommen, was natürlich an der schwülen Hitze draussen gelegen haben konnte. Möglicherweise lag das aber auch an seiner eigenen Wahrnehmung, denn seit seiner Mittagspause konnte er sich nicht mehr so recht auf seinen Vortrag konzentrieren. Als Eva heute mittag so unvermutet auf dem Parkplatz gestanden und fröhlich Silvia zugewinkt hatte, hatte sein Herz für einen Augenblick ausgesetzt.
„Dass Eva aber auch ausgerechnet heute hier aufkreuzen musste…“ murmelte Thomas vor sich hin. Wobei sie eigentlich auch an jedem beliebigen anderen Tag hätte auftauchen und ihn aus der Bahn werfen können, er dachte ohnehin jeden Tag an sie, und sein schlechtes Gewissen stach ihn dabei jedes mal wie eine Distel. Er wusste, dass er ihr ziemlich wehgetan hatte, obwohl das eigentlich das letzte gewesen war, was er wollte.
Ihre zwei herzlichen Briefe und das Bild mit den intensiven warmen Farben, das sie ihm gemalt hatte, berührten sein Herz jedes mal aufs tiefste, wenn er sie zur Hand nahm - und das kam häufig vor… Bis heute hatte er es nicht über sich gebracht, es ihr wie versprochen zurückzuschicken. Und doch hatte er mit harten, abweisenden Worten jegliches private Interesse an ihr geleugnet… Eigentlich stimmte das sogar fast, denn es war tatsächlich weit mehr als privates Interesse, wenn er ehrlich zu sich selbst war.
„Wieso schickt sie die Briefe aber auch einfach an die BAM… war doch klar dass das Sekretariat sie öffnet!“ sinnierte er zum hundertsten Mal. „Wenn sie nur wüsste was hier los war deswegen…!“
Thomas schüttelte sich, als er daran dachte, wie Elvira Brockhaus ihm mit blitzenden Augen und irgendwie fast hämisch wirkendem Lächeln den ersten und später den zweiten Brief geöffnet auf den Schreibtisch legte. Sie war unbestritten eine sehr gute und zuverlässige Sekretärin, sie hatte aber auch eine ziemlich scharfe Zunge und mischte sich gerne ein, und so hatte sie natürlich beide Briefe geöffnet, gelesen und den Inhalt in der gesamten BAM verbreitet bis hin zum Geschäftsführer.
Es hatte Thomas absolut in Panik versetzt, dass der Eindruck entstanden war, er hätte seine Position als Leiter für eine Liebschaft benutzt, er war immerhin erst ein gutes Jahr Leiter.
Er hatte Elvira zwar klipp und klar gesagt, was er von ihrer Tratscherei hielt, aber der Schaden war da von ihr ja schon angerichtet. Irgendwie hatte er in seiner Panik keinen anderen Ausweg gesehen, als alles abzuleugnen, und demonstrativ einen entsprechenden Brief bzw. eine Mail verfasst, welche hier ja auch öffentlich zugänglich für das Sekretariat waren, und an Eva gesendet. So langsam hatten sich dann die Wogen diesbezüglich in der BAM wieder geglättet, aber stolz war er wahrlich nicht auf sein Verhalten.
Er erhob sich von seinem Drehstuhl und verstaute langsam seinen Laptop in seiner grünkarierten Tasche, während seine Gedanken weiter schweiften. Er hätte Eva ja eigentlich trotzdem heimlich irgendeine SMS oder Email schicken können, ohne dass es jemand hier oder zuhause mitbekam. Einerseits verstand er sich selber nicht, warum er das nicht gleich getan hatte. Oder er hätte sie anrufen können… aber andererseits, wenn sie erst mal gemailt und geredet hätten, wäre es nicht ausgeblieben dass sie sich auch gesehen hätten… Und Thomas wusste genau, dass er sich der starken Anziehung zwischen ihnen beiden einfach nicht aussetzen wollte und konnte, diesen Stein solange noch nicht ins Rollen bringen konnte, bis er sich dazu durchgerungen hatte, klare Verhältnisse in seiner jetzigen Familie zu schaffen. Es widersprach seinen Vorstellungen von Treue und Moral komplett, wenn er nicht mit offenen Karten spielen und sich zuvor trennen würde. Sich jedoch solchen Umwälzungen zu stellen, hatte er bisher vermieden, immerhin hatte er ja auch einiges zu verlieren…
Im Grunde genommen war ihm zwar schon klar, dass Eva ihn auf so vielen Ebenen so intensiv berührt hatte wie noch niemand, und die Konsequenz daraus war für ihn, dass er all diese Ebenen, und damit letztlich sein Leben, mit ihr teilen wollte.
„Ihr schien es ja schon ähnlich zu gehen, wenn man ihre Worte in den Briefen so bedenkt. Und wie wir uns immer angesehen haben…“ seufzte er mit einem süßen, wehmütigen Lächeln. Aber die Realität war immer noch, dass er stattdessen jeden Abend zu seiner Doppelhaushälfte zurückfuhr. Wenn er an die pragmatische, oft fordernde Art der Frau dachte, mit der er seit über 9 Jahren verheiratet war, fröstelte ihn immer ein wenig. Früher hatte sie durch ihre kleine zierliche Figur und ihr etwas schüchternes Wesen seine Beschützerinstinkte geweckt und auch ihr zuverlässiger, stabiler Charakter hatten ihn angezogen, und eigentlich mochte er das auch heute noch an ihr. Sie hatten geheiratet und eine Familie gegründet, und ihre Kinder aufwachsen zu sehen, bedeutete für beide Freude und Erfüllung.
Darüber war ihm aber entgangen, dass er sich dazu auch echte Berührung, intensive Herzenswärme, Begeisterungsfähigkeit und Leidenschaft, sowie einfach mal schlichtes Angenommen sein ohne ständige Forderungen wünschte. Doch bei ihr fand er all das nicht, noch empfand er es für sie. Das echteste und beste an ihrer Beziehung waren ihre beiden Töchter, dachte Thomas, und der Gedanke daran, mit ihnen heute Abend zu schmusen und sie ins Bett zu bringen, durchwärmte sein Herz.
Gleichwohl fürchtete er sich auch beinahe ein wenig vor deren fragenden Kinderaugen, denn obwohl sie nichts von der Situation ihrer Eltern wussten, schienen sie doch instinktiv zu spüren, dass Vater und Mutter ihnen etwas vorspielten, das nicht existierte. Sie schauten beide oft unsicher und verstohlen zwischen ihren Eltern hin und her, als fragten sie sich, wieso ihnen Mama oder Papa nicht einfach erzählten, was los mit ihnen war.
Thomas's Lippen verzogen sich zu einem ironischen Lächeln, als er daran dachte, dass Elvira's privater Rededrang, denn sie war ja mit seiner Frau auch bekannt, es ihm wenigstens abgenommen hatte, selbst zu Hause über die Briefe Evas zu berichten. Seine damit endgültig offenbar gewordenen Gefühle für Eva schien seine Frau jedenfalls schon viel länger geahnt zu haben, denn sie reagierte nicht sehr überrascht auf Elvira's eifrig anklagenden Bericht. Ob es ihr tatsächlich so gleichgültig und sie sich seiner - in Wirklichkeit immer mehr bröckelnden - Loyalität dem heilen Familienbild gegenüber wirklich so sicher war, vermochte er nicht einzuschätzen. Wie wenig sie sich doch eigentlich kannten…
Thomas packte die lose herumliegenden Akten abwesend auf den nächstbesten Stapel und schloss den Reissverschluss seiner Schultertasche. Er knipste seine Schreibtischlampe aus und während er langsam aus seinem Büro schlenderte, dachte er daran, wie Eva und er sich zum ersten Mal begegnet waren.
Mit einem Schmunzeln erinnerte er sich an das Eignungsgespräch mit ihr an der BAM, an ihre gleichzeitig lustigen und intelligenten Wortgefechte und wie sie entdeckt hatten, dass ihre Interessen nahezu dieselben waren. Sie hatten beide drauflos geredet, als wenn sie sich schon ewig kennen würden und genauso hatte es sich auch angefühlt. Eva's Augen hatten vor Lebensfreude gefunkelt, doch er hatte tiefer hineingesehen und durch ihre vertrauensvollen Worte bestätigt gefunden, dass hinter ihrer intensiven Lebendigkeit auch der ein oder andere Kummer und Schmerz verborgen war.
„Ach Eva, warum muss nur alles so kompliziert sein mit uns…“ flüsterte er vor sich hin und durchquerte das schwach erleuchtete Foyer, um seine Kaffeetasse in die Spülmaschine zu bringen.
„Na Thomas, führst du wieder Selbstgespräche?“ klang es aus der Küche. Thomas schreckte aus seinen Erinnerungen auf und sah hinab in Silvia Riegers freundliches Gesicht. Er grinste zurück und erwiderte:
„Tja ja, du hast mich ertappt. War aber auch echt ein langer, nerviger Tag heute!“
„Mm, bei mir auch. Aber der Besuch von heute Mittag war doch eine schöne Überraschung, findest du nicht?“ zwinkerte Silvia und Thomas wurde zum zweiten Mal an diesem Tag rot im Gesicht.
„Mich hat's ganz schon umgehauen in dem Moment… ach Silvia, ich weiß einfach nicht, wie ich mit all dem umgehen soll…“
„Doch, Thomas, im Grunde weisst du's schon, und du weisst auch längst, was du eigentlich willst. Ein Blinder mit 'nem Krückstock sieht doch, dass ihr euch ernsthaft ineinander verliebt habt. Was muss die Frau denn noch für Handstände machen, damit du endlich den Mut findest, dein Familienchaos zu klären? Ich will dich ja nicht nerven, aber du tust niemandem einen Gefallen damit, auch nicht deinen Kindern, wenn du nicht endlich mal offen und ehrlich zu deinen Gefühlen stehst!“
„Ich weiss ja. Ich weiss. Du hast so was von recht. Aber es ist auch nicht so leicht, wie du denkst. Alles auf den Kopf stellen und verändern, was jahrelang einfach da war und normal für mich war. Das geht bei mir nicht so schnell.“
„Das versteh' ich doch. Wollte dir ja auch nicht reinreden. Aber ich mag dich halt sehr und Eva auch, deswegen gefällt mir wohl die Vorstellung, euch glücklich verliebt in den Armen liegend zu sehen, wirklich ungemein…“
„Mir auch, das kannst du mir glauben! Aber ich muss jetzt langsam mal los, hab der Grossen versprochen, mit ihr Mensch ärgere dich nicht zu spielen heute Abend. Soll ich dich mit zum Bahnhof nehmen?“
„Danke Thomas, aber ich muss noch ein paar Klausuren korrigieren, der Kurs liegt mir damit schon seit Wochen in den Ohren. Ich nehme einfach den nächsten Zug 'ne Stunde später.“
„Okay, dann mach's mal gut, seh'n uns ja morgen. Komm gut heim!“
„Ja, du auch, Thomas, bis morgen!“
Thomas war froh, dass Silvia nie eine dumme Bemerkung über die Brief-Geschichte gemacht oder ihn gar verurteilt hatte. Ihre direkte kumpelhafte Art hatte es ihm leicht gemacht, über Eva mit ihr zu reden, zumal er ja wusste, dass Silvia Eva in ihrem Kurs gehabt hatte und sich gut mit ihr verstand.
Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr und beschleunigte seine Schritte zum Ausgang, es war später geworden, als er beabsichtigt hatte. Im Sekretariat brannte noch Elvira's Lampe, die Tür stand offen und irgendwo huschte auch ihr Schatten durch den Raum. Thomas vermied seit der Geschichte mit Evas Briefen jeden unnötigen Kontakt mit Elvira, ihr indiskretes Verhalten hatte ihren vormals kameradschaftlichen Umgang auf ein rein dienstliches Auftreten abgekühlt. Also verliess er das Foyer ohne Gruß, wühlte in der Tasche nach seinem Autoschlüssel und trat mit einem tiefen Atemzug nach draussen in die milde Abendluft. Es duftete nach Sommer, Wärme und seine Gedanken wanderten langsam über die grünen Hügel zu Evas Wohnort. Ob sie wohl dort auch gerade an ihn dachte? Er konnte schon darauf hoffen, wenn er an das Aufleuchten in ihren blauen Augen heute mittag dachte…
Silvia hatte endlich auch die letzte Klausur fertig korrigiert und nahm müde aber zufrieden das Blatt mit der Notenliste in die Hand. Ihre jungenhaft kurz geschnittenen blonden Haare standen mittlerweile ein wenig kreuz und quer ab.
„Nicht so viele Einsen wie damals in Evas Kurs!“ dachte sie, und nahm den Klausurenstapel und die Liste, um beides ins Sekretariat zu bringen, zum Abheften und zum Eingeben. Vielleicht war Elvira ja noch da, Licht brannte im Flur jedenfalls immer noch.
Diese sass in der Tat noch fleissig schreibend an ihrem Tisch und Silvia flachste fröhlich herum:
„Na Elvira, du hast wohl 'ne feuchte Wohnung, oder warum machst du noch keinen Feierabend?“
„Ach, es ist soviel liegengeblieben. Alles bleibt ja immer an mir hängen…“
„Na ja, meine Liebe, du hängst dich aber auch in so vieles mit rein!“
Elvira fuhr gereizt hoch, doch Silvia hängte noch an:
„Lass doch auch mal die anderen was machen oder lass es Thomas liegen, du musst ja jetzt nicht auch noch die Zeugnisse unterschreiben. Ist doch sein Job.“
„Ach so, die Zeugnisse. Ich dachte schon, du spielst mal wieder auf die Briefe an von dieser blauäugigen Schülerin.“
„Jetzt wo du's erwähnst… ich find's schon immer noch mies, dass du das alles so verbreitet hast, und mit der Meinung steh' ich im Kollegium nicht alleine da. Hast du eigentlich auch nur einen Moment lang daran gedacht, dass du damit nicht nur Eva Stark bloss gestellt hast, sondern dass du damit auch Thomas's Position beinahe gefährdet hättest? Ganz zu schweigen davon, dass die Gefühle der beiden ihre Privatsache sind.“
„Phhhh…“ machte Elvira, „Gefühle… die will den doch bloss ins Bett zerren. Thomas ist zu gut für so eine, und einer muss ihn ja vor sich selbst beschützen… und seine Familie. Sonst hätte ich doch nie die vertrauliche Post von ihm aufgemacht.“
„Also du bist ja echt nicht mehr zu retten! Die Briefe waren auch noch vertraulich? Sei froh, dass Thomas das nicht weiss! Hast du schon mal was vom Briefgeheimnis gehört, dafür kann man gefeuert werden!“
Elvira wurde rot vor Ärger, zum einen weil ihr das mit der Post entfahren war, und vor allem weil Silvia sich hier so vor ihr aufspielte.
„Mensch Elvira, so überspannt kenn' ich dich gar nicht. Ich glaub' du solltest echt Feierabend machen, bevor du noch mehr Blödsinn redest. Die zwei haben nichts unmoralisches getan, nur sich ineinander verliebt. Man könnte ja fast meinen, du wärst eifersüchtig, so wie du dich aufführst.
Also, ich mach jetzt jedenfalls Feierabend. Hab dir eben noch die Notenliste fertig gemacht. Mach am besten jetzt auch Schluss, okay?“
„Mhhh, gleich. „ brummte Elvira eingeschnappt.
Silvia massierte sich mit beiden Händen die Schläfen. „Sag mal, Elvira, hast du zufällig was gegen Kopfweh hier? Ich hab das Gefühl, mir platzt gleich der Schädel!“
„Hm, ja. Ich mach dir was zurecht, ich hab' so Ibuprofen-Brausetabletten da…“ gab Elvira, augenscheinlich schon etwas versöhnlicher, zurück.
Später ging sie noch mit Silvia bis zur Tür, während diese ihre Jacke überstreifte und auf ihren dicken Rucksack zusteuerte, den sie auf einem der Sessel im Foyer zwischengelagert hatte.
Der Dozent Hartmut Gundlach betrat am nächsten Morgen mit geröteten Wangen und sehr guter Laune das Foyer der BAM. Elvira schien noch nicht da zu sein, aber er war auch extrem früh heute, er hatte das sonnige warme Wetter genutzt um einige Fotos von der herrlichen Morgensonnenstimmung über der Stadt zu machen. Er liebte es, zu so einer Zeit seinem Hobby nach zu gehen.
Er wollte das Foyer aufschliessen, doch zu seinem Erstaunen war das Schloss schon offen. Da war wohl jemand am Abend zuvor sehr nachlässig gewesen, dachte er, als er die Türe aufzog. Dann fiel sein Blick verwundert auf das Gepäck, das auf den Designersesseln lag. „Das sind doch Silvia's Sachen! Hat sie gestern wohl liegen gelassen!“ murmelte er und zog ein wenig missbilligend seine Mundwinkel herab „Wieder mal typisch…“ Er war schon rechts an den Sesseln vorbeigegangen, als er aus dem Augenwinkel die lang ausgestreckte kleine Gestalt auf dem Boden wahrnahm.
Mit aufgerissenen Augen blieb er so ruckartig stehen, dass ihm seine Brille fast heruntergefallen wäre. Er stürzte sich neben der Gestalt auf die Knie, berührte sie am Handgelenk und an der Stirn und fühlte, wie kalt die Haut war. Unter ihrem Kopf hatte sich eine kleine Blutlache gebildet, das kalkweisse Gesicht mit geschlossenen Augen lag halb abgewendet zu den Sesseln hin. Hartmut schaffte es irgendwie, sein Handy aus seiner Jackentasche zu fischen und tippte mit zitternden Fingern die Nummer der Notrufzentrale. Die leichenblasse Gestalt auf dem Boden war seine Kollegin Silvia.
Am gleichen Morgen, aber eine knappe Stunde später als Hartmut betrat Thomas die BAM und sah diesen mit hängenden Schultern und starr auf den Boden gerichteten Augen auf den Sesseln im Foyer sitzen.
„Wow, der ist aber heute echt schlecht drauf, das kennt man an dem gar nicht…“ dachte Thomas.
„Na, was ist denn mit dir los? Schlecht geschlafen oder sind die Fotos nicht gelungen?“ zog er seinen Mitarbeiter auf.
Hartmut sah jedoch mit einem derart starren und und geschockten leeren Blick vor sich hin, dass Thomas sofort sein fröhliches Lächeln gefror.
„Sie haben sie eben mitgenommen…“
„Wie? Was meinst du? Wen haben sie mitgenommen? Was ist denn los, dass du hier dermassen belämmert sitzt? Kann ich dir irgendwie helfen?“
„Thomas, sie haben Silvia mitgenommen. Ich hab sie vorhin gefunden.“
„Silvia? Mann, ich versteh' nur Bahnhof. Gefunden?“
„Sie war schon ganz kalt. Sie lag da. Ich konnte nicht helfen. Und jetzt haben sie sie mitgenommen.“ brachte Hartmut die Worte heiser und stossweise hervor.
Thomas liess langsam seine Tasche zu Boden gleiten und sich auf den Sessel neben Hartmut fallen. Dieser sah endlich vom Boden auf und in Thomas's noch immer mit ungläubigem Entsetzen gefüllte Augen.
Allmählich drang in Thomas's Bewusstsein, was Hartmut in diese Schockstarre versetzt hatte und er spürte wie ein trostlos graues Gefühl in ihm hochstieg und seine Kehle sich zuschnürte. Er fühlte sich seltsam beraubt und schüttelte unwillkürlich den Kopf. Der Krankenwagen kam ihm in den Sinn, der ihm, kurz bevor er vorhin zur BAM einbog, an der Ampel die Vorfahrt nahm. Er hatte noch vor sich hin geschimpft, weil die beiden Fahrzeuge sich beinahe gestreift hatten. Und darin hatte Silvia gelegen…
„Thomas, gleich kommt die Polizei noch einmal. Zur Vernehmung. Sie denken, es war kein Unfall…“
„Hey, das kann doch alles nicht sein? Ich hab doch gestern Abend noch mit ihr in der Küche gestanden und geplaudert!! Sie kann doch nicht einfach tot sein!… Moment, was hast du gesagt? Die Polizei? Aber wieso denn?“
„Die Wunde am Kopf. Sie glauben es war Mord, Thomas. Ich versteh das nicht. Ich meine, Silvia? Wer sollte sie denn umbringen?“
Hartmut schluchzte es mehr, als dass er es aussprach, und Thomas schüttelte nur langsam mit dem Kopf.
Die beiden Männer versuchten verzweifelt, das Unfassliche hinunterzuschlucken und konnten doch nicht verhindern, dass ihnen das Wasser in die Augen stieg. Thomas zog mit einem schiefen Grinsen zwei Tempotaschentücher aus seiner Jeans, und so polierten sie gerade beide ihre Brillengläser, als Elvira Brockhaus mit schnellen Schritten das Foyer betrat, dicht gefolgt von zwei Polizeibeamten.
„Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Kommissar Hoffmann, und das ist Wachtmeister Pfeiffer. Wir möchten Ihnen allen gerne einige Fragen stellen. Gibt es hier einen Raum, wo wir ungestört reden können?“ nahm der ältere der beiden Beamten sogleich das Gespräch auf. Seine kleinen grauen Augen blitzen, während er seine Blicke aufmerksam durch das Foyer schweifen liess, und seine ebenso grauen Haare und Bart waren kurz geschnitten und glatt gekämmt, er wirkte durchweg diszipliniert und durchorganisiert.
„Also, meine Haare sehen nie so ordentlich aus…“ dachte Thomas und fuhr sich unwillkürlich durch seinen in der Tat meist ein wenig zerwühlten, dunklen Haarschopf, der an ein paar Stellen auch schon ein paar kleine graue Strähnen aufwies. „Komisch, dass mir so was unwichtiges ausgerechnet jetzt auffällt.“ Laut sagte er:
„Ja, natürlich, wir können den Besprechungsraum gegenüber der Küche benutzen. Kommen Sie bitte hier entlang.“
„Und wer sind Sie, wenn ich fragen darf?“
„Ach so, ja, sorry. Ich hab mich gar nicht vorgestellt. Ich bin Thomas Feldmann, der Schulleiter, und hier ist mein Kollege, Herr Gundlach. Er hat Silvia Rieger gefunden, heute morgen. Aber das erzählt er besser selbst.“
„Ja, der Meinung bin ich allerdings auch. Nun, Herr Gundlach, dann kommen Sie bitte gleich als erstes mit uns.“
Hartmut rückte seine rundes Metall-Brillengestell zurecht, strich mit der Hand abwesend über seinen fast kahlen Kopf und erhob sich mühsam beherrscht. Er schlurfte schwerfällig hinter den Beamten her in den Raum, den Thomas ihnen aufschloss, und die Last des vor nicht mal einer Stunde erlebten drückte seine Schultern herunter wie ein überdimensionaler Rucksack.
Elvira Brockhaus lief unruhig im Sekretariat hin und her, ihre beiden Teilzeit-Kolleginnen sassen schon an ihren Schreibtischen und fuhren ihre PCs hoch.
„Was wohl die Polizei hier will?“
„Vielleicht ist was geklaut worden?“ grübelten die drei Frauen halblaut abwechselnd.
„Ich frag jetzt Thomas, ich halt das nicht mehr aus.“ sagte Elvira, öffnete kurz entschlossen die Seitentür zu Thomas's Büro und stürmte direkt zu seinem Schreibtisch.
„Schon mal was von Anklopfen gehört?“ blaffte Thomas gereizt, mit einer schnellen Bewegung schob er die Schublade oben rechts zu, worin Evas Zeichnung immer lag.
„Früher warst du nicht so empfindlich!“ gab Elvira schnippisch zurück.
„Früher war so manches anders…!“ sagte Thomas in einem sehr scharfen und mehrdeutigen Ton. Dann wich der wütende Ausdruck aus seinem Gesicht und seine tiefblauen Augen wurden dunkel vor Trauer bei dem Gedanken, was er ihr und seinem ganzen seinem Kollegium heute würde mitteilen müssen.
„Wahrscheinlich willst du wissen, warum die Polizei hier ist, nicht wahr? Ich kann's selbst noch nicht wirklich begreifen, aber Silvia ist tot. Hartmut hat sie hier im Foyer gefunden.“
Elvira stand starr, wie vom Donner gerührt auf einem Fleck und ihr Gesicht wurde kalkweiss.
„Ob Silvias Gesicht auch so weiss war heute morgen?“ schoss es Thomas durch den Kopf und für einen Moment war er froh, dass Hartmut Silvia gefunden hatte und nicht er. Eine Sekunde später schämte er sich fast dafür, denn Hartmut würde das Bild wahrscheinlich nie wieder aus seinen Gedanken verbannen können.
„S-Silvia ist tot? W-Wie kann das sein? Und wieso kommt deswegen die P-Polizei?“ stotterte Elvira halblaut, ihre Hände zitterten dabei unkontrolliert.
