Die ohne Gnade sind - Udo Ulsperger - E-Book

Die ohne Gnade sind E-Book

Udo Ulsperger

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Beschreibung

Frank Baumann ist Privatdetektiv. Aber nicht irgendeiner. Baumann ist smart, cool, clever und hart. Mit einem Wort: Simply the best. Findet er zumindest selbst. Schließlich hat er bisher noch jedem in den Arsch getreten, der ihm blöd gekommen war. Aber dieses Mal kommt es wirklich dicke: Mord, Mädchenhandel, Kunstdiebstahl, Drogenschmuggel. Alles zusammen, alles gleichzeitig. Mordversuch an ihm selbst inklusive. Erschwerend kommt hinzu, dass jemand Hauptkommissar Schmickler ein schwerwiegendes Verbrechen anhängen will und Baumann Schmicklers letzte Rettung zu sein scheint. Also mehr als genug haarsträubende Verwicklungen für einen einzigen Mann. Aber Baumann wäre nicht Baumann, wenn er sich nicht höchst motiviert, wenn auch weitestgehend ohne Plan, in die Ermittlungen stürzen und mit seinen Aktionen eine Kette wilder Ereignisse in Gang setzen würde.

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Seitenzahl: 388

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Zum Buch:

Frank Baumann ist Privatdetektiv. Aber nicht irgendeiner. Baumann ist smart, cool, clever und hart. Mit einem Wort: Simply the best. Findet er zumindest selbst. Schließlich hat er bisher noch jedem in den Arsch getreten, der ihm blöd gekommen war.

Aber dieses Mal kommt es wirklich dicke: Mord, Mädchenhandel, Kunstdiebstahl, Drogenschmuggel. Alles zusammen, alles gleichzeitig. Mordversuch an ihm selbst inklusive.

Aber Baumann wäre nicht Baumann, wenn er sich nicht höchst motiviert, wenn auch weitestgehend ohne Plan, in die Ermittlungen stürzen und mit seinen Aktionen eine Kette wilder Ereignisse in Gang setzen würde.

Die ohne Gnade sind - nach Tödliche Konsequenzen und Im Morgengrauen wartet der Tod der dritte Fall um den Kölner Privatdetektiv Frank Baumann und seine Freunde.

„Gekonnte Mischung zwischen rustikaler Action und grotesker Situationskomik“ - Kölner Stadtanzeiger

Udo Ulsperger

Die ohne Gnade sind

Frank Baumanns dritter Fall

© 2025 Udo Ulsperger

Website: https://www.udo-ulsperger.com

E-Mail: [email protected]

Druck und Distribution im Auftrag des Autors:

tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Germany

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland.

Fürchte dich nicht vor den Dummen die nichts wissen, fürchte dich vor den Schlauen die nichts fühlen.

Erich Kästner

Inhalt

Cover

Titelblatt

Urheberrechte

Prolog

Kapital 1

Heute

Kapital 2

Zwei Wochen vorher

Kapital 3

Heute, Sonntagabend

Kapital 4

Kapital 5

Kapital 6

Kapital 7

Kapital 8

Kapital 9

Kapital 10

Kapital 11

Kapital 12

Kapital 13

Montag

Kapital 14

Kapital 15

Kapital 16

Kapital 17

Kapital 18

Kapital 19

Kapital 20

Kapital 21

Kapital 22

Dienstag

Kapital 23

Kapital 24

Kapital 25

Kapital 26

Kapital 27

Kapital 28

Kapital 29

Kapital 30

Mittwoch

Kapital 31

Kapital 32

Kapital 33

Kapital 34

Kapital 35

Kapital 36

Kapital 37

Kapital 38

Kapital 39

Kapital 40

Kapital 41

Kapital 42

Donnerstag

Kapital 43

Kapital 44

Kapital 45

Kapital 46

Kapital 47

Kapital 48

Freitag

Kapital 49

Kapital 50

Kapital 51

Kapital 52

Kapital 53

Kapital 54

Kapital 55

Samstag

Kapital 56

Kapital 57

Kapital 58

Kapital 59

Kapital 60

Kapital 61

Kapital 62

Kapital 63

Kapital 64

Drei Tage später, Dienstag Abend

Kapital 65

Vier Wochen später

Kapital 66

Epilog

Baumann, Schmickler, Wondrascheck Private Ermittlungen

Danke …

Zum Autor:

Die ohne Gnade sind

Cover

Titelblatt

Urheberrechte

Epigraph

Prologue

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Epilogue

Die ohne Gnade sind

Cover

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Prolog

Die Türen der Sparkasse wurden plötzlich aufgerissen.

Zwei mit Skimasken vermummte Männer stürmten in den Kassenraum. „Überfall! Auf den Boden! Alle!“, schrie der eine und fuchtelte mit seiner Pistole herum, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen.

Ein Handwerker und ein älterer Mann im Anzug ließen sich da, wo sie standen, auf den Boden sinken. Eine Mutter nahm ihren Sohn, der sich mit großen Augen an ihr Knie klammerte, an die Hand und setzte sich ebenfalls auf den Boden.

Der zweite Mann war geradewegs zum Bankschalter gelaufen. „Ihr da, Hände hoch, wo ich sie sehen kann!“, brüllte er und richtete ebenfalls drohend eine Waffe auf die beiden verängstigten jungen Angestellten hinter dem Schalter. „Und Finger weg vom Alarmknopf! Wenn keiner den Helden spielt, wird niemandem was geschehen!“ Der Bankräuber zerrte zwei Plastiktüten aus seiner Jacke und schob sie unter der Trennscheibe durch. „Das Geld da rein! Los, los, los!“

Die junge Frau hinter dem Schalter bewahrte die Ruhe, ergriff eine der Tüten und füllte sie hastig mit dem Geld, das sie in bar zur Verfügung hatte. „Mehr ist nicht da“, sagte sie dann und sah verängstigt zu Boden. „Das Geld, das wir hier auszahlen, wird immer erst nach der Legitimation unserer Kunden maschinell angeliefert.“

Der Bankräuber fuhr herum zu dem zweiten Angestellten hinter dem Schalter, der sich bisher nicht gerührt hatte. „Was ist mit dir? Los, mach, dass das Geld da rein kommt!“ Der junge Mann reagierte immer noch nicht, stand nur weiter reglos da, klammerte sich kreidebleich und zitternd an den Tresen.

In diesem Moment wurde die Sirene eines Polizeifahrzeugs laut und näherte sich schnell. „Das warst doch du!“, schrie der Bankräuber voller Wut. „Ich … ich…“, konnte der junge Angestellte nur noch sagen, bevor ihn der Schuss in die Brust traf und ihn vom Tresen wegriss. Der Bankräuber raffte die gefüllte Tüte an sich und rannte hinter seinem Komplizen her, der schon auf dem Weg zur Tür war.

Die beiden jungen Streifenpolizisten hatten Deckung hinter den geöffneten Türen ihres grün-weißen Streifenwagens genommen. Der Fahrer visierte mit seiner Dienstwaffe den Eingang der Sparkasse an. Seine Hand zitterte leicht, sein Gesicht war weiß vor Anspannung. Der Beifahrer sprach aufgeregt in das Funkgerät: „Zentrale, Zentrale, hier Streifenwagen Peter 3. Banküberfall in der Sparkasse Ehrenstrasse. Erbitten Verstärkung! Es wurde geschossen!“

In diesem Moment wurden die Schwingtüren der Sparkasse aufgestossen und zwei Maskierte stürmten auf den Gehweg. Als sie den Streifenwagen erblickten, eröffnete der, der als erster die Bank verlassen hatte, sofort das Feuer. Hinter dem Streifenwagen sank eine Passantin getroffen zu Boden. Menschen warfen sich schreiend zu Boden oder suchten hinter Autos und in Hauseingängen Deckung. Beide Polizisten schossen zurück. Der Schütze, der die Passantin angeschossen hatte, fiel sofort getroffen zu Boden. Der andere Bankräuber lief brüllend auf den Streifenwagen zu, eine Plastiktüte wie einen Schutzschild vor sich haltend, und konnte noch mehrere Schüsse abgeben, bevor auch er im Feuer der Polizisten zusammenbrach.

1

Heute

Undurchdringliches Dunkel.

Bleiern lastende Stille, nur manchmal unterbrochen von leisen Schluchzern. Dann das Geräusch des sich knirschend im Schloss drehenden Schlüssels, das unnatürlich laut klang, als es so plötzlich die trügerische Ruhe des Kellers zerriss. Eine junge Frau, die schon seit Tagen hier unten war, flüsterte hastig in gebrochenem Englisch: „Danger. Policemen. Don`t say anything.“

Dann schwang die Tür auf und eine gleißend helle Lichtbahn durchschnitt die absolute Finsternis. Etwas Pelziges huschte beiseite. Die in einer Ecke kauernden jungen Frauen drängten sich enger aneinander. Manche hoben bittend die Hände, wimmerten leise; andere lagen apathisch und still.

Weitere schwarze Silhouetten füllten den Türrahmen. Männer betraten den Raum, zerrten mehrere der weinenden Frauen grob von ihren Matratzen und stießen sie durch die Tür.

„Stellt sie ruhig. Wascht sie. Zieht sie an. Sie müssen heute noch abgeliefert werden“, hörte man noch jemanden sagen, bevor die Tür wieder zuschlug und die zurückbleibenden Frauen wieder in Dunkelheit, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit versanken.

2

Zwei Wochen vorher

„Tako zelo te ljubim. Ich liebe dich so sehr“, sagte die junge Frau und schmiegte sich enger in die Arme ihres Freundes.

„Ich liebe dich auch“, antwortete Andrej und küsste sie auf den Mund. „Aber jetzt musst du wirklich gehen. Sonst fährt der Transporter noch ohne dich los.“

Die junge Frau wollte sich noch nicht von ihm lösen. „Ich habe ein wenig Angst“, flüsterte sie.

„Das brauchst du nicht“, versuchte er, sie zu trösten. „Alles wird gut, du wirst sehen. Es sind doch nur zwei Jahre. Du wirst in Deutschland viel Geld verdienen und kannst damit deine ganze Familie unterstützen.“

„Mutter will nicht, dass ich gehe. Sie sagt, dass das nur ein böses Ende nehmen kann. Sie hat doch nur noch mich, seitdem Vater tot ist. Und Luka ist zu klein, um ihr auf dem Hof zu helfen.“

„Aber gerade deshalb werdet ihr das Geld, das du in Deutschland verdienen wirst, doch so gut gebrauchen können. Deine Mutter macht sich halt Sorgen. Deshalb sieht sie so schwarz. Das kann man ja auch gut verstehen. Aber denk doch auch an deinen kleinen Bruder Luka. Er kann von dem Geld zur Schule gehen, einen Beruf erlernen. Und du wirst ihm das alles ermöglichen. Das ist deine große Chance und die deiner Familie.“

„Du hast ja recht“, gab sie sich jetzt tapfer, konnte aber nicht verhindern, dass jetzt doch Tränen ihre Wangen hinunterliefen. Sie sah Andrej mit tränenfeuchten Augen an. „Wirst du auf mich warten?“

„Natürlich werde ich auf dich warten, mein kleiner Liebling.“ Andrej gab ihr einen Kuss und nahm sie dann an die Hand. „Komm, ich bringe dich noch zum Transporter.“

Sie gingen hinüber zu einem startbereit wartenden weißen Kleinbus, dessen Fenster dunkel getönt waren. Ein Mann mit tief ins Gesicht gezogener Schiebermütze erwartete sie schon. Er öffnete die Schiebetür und half der jungen Frau einzusteigen. Andrej warf ihr noch eine Kusshand zu und wandte sich dann ab. Der Mann zog die Schiebetür zu, die mit einem harten Geräusch einrastete.

Drei weitere junge Frauen hatten auf den zwei hinteren Sitzreihen Platz genommen, ihre Gesichter blickten ernst und angespannt. Zwei waren noch minderjährige Mädchen, kaum älter als sechzehn. Sie drückten ihre Taschen an sich, als könnten sie ihnen Halt und Sicherheit verleihen. Die junge Frau setzte sich auf einen freien Platz und schnallte sich an.

Sofort fuhr der Wagen an.

3

Heute, Sonntagabend

Katja und Baumann saßen auf ihrer neuen Ledercouch, die noch zum Schutz vor Farbspritzern mit Plastikfolie bedeckt war, und besahen sich zufrieden ihr Werk.

„Ist schön geworden, die neue Farbe“, stellte Katja mit einem amüsierten Blick auf Baumann fest, der sich Gesicht, Kleidung und Haare in der Hitze des Gefechts auch mit einer großen Portion sonnigem Gelb verschönert hatte.

„Ja, gefällt mir auch“, antwortete Baumann, dem die feine Ironie in Katjas Feststellung entgangen war.

Katja schmiegte sich enger an Baumann. „Das hast du wirklich gut gemacht.“

Baumann wurde auf der Stelle misstrauisch. „Okay, was willst du?“

Sie schaute ihn mit Unschuldsmiene an. „Wie kommst du denn darauf, dass ich etwas von dir will?“

„Ich kenne dich. Du hast doch was vor, das spüre ich genau. Aber eins sage ich dir: Ich streiche nicht nochmal. Und pleite bin ich auch. Viel geht also nicht mehr bei mir.“

„Du bist immer pleite. Und viel ist bei dir noch nie gegangen.“

Baumann zog eins seiner verständnislosen Gesichter. „Was soll das denn jetzt heißen?“

Katja knuffte ihn in die Seite und erhob sich lachend. „Es geht um Charlie“, sagte sie, während sie in die neue Wohnküche zum Kühlschrank ging, zwei Flaschen Fassbrause entnahm, die Kronenkorken gekonnt entfernte und zu Baumann auf die Couch zurückkehrte.

„Was hat der kleine Idiot jetzt wieder angestellt?“

„Nichts. Und sag nicht immer Idiot zu ihm. Das ist nicht nett“, erwiderte Katja und drückte Baumann eine der Flaschen in die Hand. „Susi hat angerufen und mir seine Situation geschildert. Seitdem wir beide hier in die Voreifel gezogen sind, seht ihr euch nicht mehr so oft. Das macht ihm sehr zu schaffen.“

„Er hat doch noch Didi.“

„Das ist doch wohl nicht dasselbe. Du weißt genau, wie sehr Charlie an dir hängt.“

„Sicher. Aber ich hänge nun mal mehr an dir“, erwiderte Baumann und machte einen tapsigen Annäherungsversuch.

„Lass das.“ Katja gab ihm was auf die Finger. „Du bist voller Farbe.“

„Es weht ein eiskalter Wind in diesem, unserem neuen Heim“, sagte Baumann in gespielter Frustration.

„Jetzt nimm das bitte ernst, Frank. Charlie ist schließlich dein bester Freund.“

Baumann seufzte. „Du hast ja recht. Wir können ihn und Susi ja ab und zu mal zum grillen oder so einladen. Und ich kann mich hin und wieder mit ihm auf ein Bier bei Pitter treffen.“

„Ja, das könntest du machen. Oder …“

Baumann zuckte zusammen. Jetzt kam es. Der Anschlag. Das, worum es Katja wirklich ging. Verdammt. Und er hatte keine Chance, ihr etwas entgegenzusetzen. Wie immer, wenn sie sich etwas in ihren hübschen Kopf gesetzt hatte. Ganz klar: Er war geliefert.

„Oder … du machst ihn zum Kompagnon in deiner Detektei“, ließ Katja die Katze aus dem Sack. „Dann seht ihr euch immer bei der Arbeit und alle sind happy.“ Sie strahlte ihn an. „Und? Wie findest du das?“

Baumann fand erst mal gar nichts. Nach mehreren Räusperern fand er zumindest seine Sprache wieder. „Ich … ich … ich soll mit dem kleinen Spinner …“ Katja schaute ihn vorwurfsvoll an. „Ich habe nicht Idiot gesagt“, verteidigte sich Baumann. „Ich soll wirklich mit Charlie zusammenarbeiten. Im Büro? Jeden Tag? Auch bei Ermittlungen?“

„Das ist doch keine schlechte Idee! Charlie hat dir schon öfter geholfen, oder etwa nicht?“

„Ja, schon. Trotzdem weiß man nie, was dabei herauskommt, wenn er einen Auftrag durchführt. Er ist chaotisch, reagiert ständig impulsiv und handelt, ohne über die Konsequenzen nachzudenken.“

„Kommt mir irgendwie bekannt vor“, gab Katja schmunzelnd zurück.

Baumann warf ihr einen verärgerten Blick zu. „Außerdem ist er total ungeschickt. Tritt ständig in Fettnäpfchen und so. Die Entfernung zwischen zwei Fettnäpfchen …“

„…ist ein Charlie“, unterbrach sie ihn. „Den kannte ich schon.“

Baumann fasste diese Bemerkung als Kritik an seiner Eloquenz auf. Und auf Kritik, naja, da konnte er nun mal nicht so. „Jedenfalls wundert es mich manchmal, dass er nicht ständig in Brunnen fällt oder in Bärenfallen tritt“, brummte Baumann entsprechend angesäuert.

„Wo es in Köln auch so viele Bärenfallen und tiefe Brunnen gibt.“

„Du weißt genau, was ich meine. Charlie bräuchte einen Job, wo er keinen Blödsinn machen kann. Alleine, als Nachtwächter im Museum zum Beispiel. Oder als Leuchtturmwärter.“

„Übertreib nicht so maßlos. So schlimm kann das ja wohl nicht sein. Immerhin hat er dir sogar einmal das Leben gerettet, vergiss das nicht.“

„Wie könnte ich das jemals vergessen? Ich werde ja ständig daran erinnert. Von Charlie selbst, von Didi, von Charlie, von Susi, von Charlie, von Onkel Theo, von Charlie und allen anderen möglichen Leuten.“ Baumann warf die Hände in die Luft. „Weiß der Teufel, woher die das alle haben. Und jetzt auch noch von dir, Brutus!“

„Jetzt prahl nicht so mit deiner rudimentären Allgemeinbildung. Komm schon, Frank. Denk wenigstens einmal darüber nach. Charlie ist cleverer, als es scheint. Das weißt du genau. Und er ist motiviert. Und er kann aufgrund seiner, sagen wir mal, Eigenarten Dinge übernehmen, die dir nicht möglich wären.“

„Ja, das stimmt zumindest“, musste Baumann zugeben.

„Die Leute öffnen sich ihm mehr als dir, sind zugänglicher. Sie mögen ihn einfach.“

„Seltsamerweise ist er schon irgendwie … sympathisch.“ Bei Baumann klang das, als wäre das eine schwerwiegende charakterliche Deformation.

„Also, was meinst du? Ich finde, ihr würdet euch sehr gut ergänzen.“

Baumann war längst klar geworden, dass nicht nur Katja das fand, sondern auch Susi. Und dass die beiden schon alles besprochen, geregelt, verabredet und mit Blut besiegelt hatten. Immerhin durfte er der Form halber nochmal darüber nachdenken. Um sich dann erst zu entscheiden, ob er zustimmte oder ja sagte. Also gab er gleich auf. „Er ist trotzdem ein Spinner“, führte er leise murrend ein letztes Rückzugsgefecht.

„Du hast ja recht. Genau deshalb ergänzt ihr euch ja so gut. Weil du der Vernünftige bist und ein sehr guter Detektiv dazu. Und Charlie ist der kreative Spinner, der für Überraschungsmomente sorgt. Das kann doch durchaus hilfreich sein. Außerdem könntest du Unterstützung gebrauchen, damit du nicht so viel arbeitest.“

„Ich arbeite doch gar nicht so …“

Katja gab ihm einen Kuss. Verdammt. Wie sollte er sich jemals gegen dieses mit allen Wassern gewaschene Teufelsweib durchsetzen? Ach scheiß drauf, dachte Baumann. Seinen eigenen Willen hatte er ohnehin an dem Tag, an dem er sie das erste Mal gesehen hatte, an der Garderobe abgegeben und dann für immer dort hängen lassen. Soviel stand fest: Er war tatsächlich geliefert. Erstaunlicherweise machte es ihm noch nicht einmal etwas aus.

„Ich fahre direkt zu Susi und überbringe ihr die gute Nachricht“, sagte Katja und erhob sich.

„Jetzt noch? Es gibt doch Telefon. Sogar hier. Außerdem ist es schon recht spät. Da wirst du erst mitten in der Nacht zurück sein“, reklamierte Baumann enttäuscht. Er hatte sich etwas anderes von dem Abend versprochen. Als Entschädigung für den gerade erst erlittenen Niederschlag sozusagen.

„Du hast recht“, stimmte Katja ihm zu. „Es ist schon spät. Deshalb werde ich auch bei Susi übernachten.“

„Ach, komm. Ich dachte, wir hätten einen gemütlichen Abend für uns. Mit Zweisamkeit. Romantik. So in der Art.“

„Aber das werden wir doch auch. Ich habe Zweisamkeit mit Susi. Und du machst dir einen romantischen Abend mit dem Fernseher. Oder dem Internet.“ Sie gab ihm einen flüchtigen Kuss. „Warte also nicht auf mich.“

Baumann stotterte noch etwas Unverständliches. Aber Katja war schon raus aus der Tür. Baumann schaute einigermaßen fassungslos. Was war das denn jetzt gewesen? Und wieso benahm er sich in ihrer Gegenwart immer wie ein völlig verunsicherter, tapsiger Volltrottel? War so weich, wie Butter, die den ganzen Tag in der Sonne gestanden hatte? Er war doch sonst immer so cool und taff. Zumindest seiner Meinung nach.

Andererseits war er durchaus auch ein sensibler Mann, ein Frauenversteher, oder etwa nicht? Bei diesem Gedanken musste Baumann über sich selbst lachen. Manchmal hatte er schon seltsame Vorstellungen, was seine eigene Person anbelangt. Nicht selten drifteten da Wunsch und Wirklichkeit meilenweit auseinander. Er zuckte amüsiert die Schultern und ging hinüber zum Kühlschrank. Was soll`s. Normales Leben und Job: Cool und taff. Zusammenleben mit Katja: tapsiger Volltrottel. Darauf konnte man sich einigen, denn so war es nunmal. So und und nicht anders.

Baumann öffnete den Kühlschrank und nahm sich ein Bier. Kam er also mit klar. War sowieso alles nicht so wichtig, überlegte er weiter und nahm einen Schluck. Die Hauptsache war doch, sie hatten Vertrauen zueinander, waren füreinander da. Und das war völlig unstrittig der Fall. Es passte kein Blatt Papier zwischen sie beide. Daher hatte er auch keinen Moment Zweifel an Katja, weil sie noch zu dieser Uhrzeit zu Susi fuhr. Er vertraute ihr uneingeschränkt und verspürte keinerlei Impuls, sie zu kontrollieren. Schließlich hasste er es selbst, kontrolliert zu werden. Das hatte er durch seinen Vater zur Genüge am eigenen Leib erfahren.

Baumann beschloss, duschen zu gehen, um sich seiner „Kriegsbemalung“ zu entledigen. Nachdem das erfolgreich erledigt war, versorgte er Waldtraut, die ihm hungrig um die Beine strich, mit ihrem Lieblingsfressen. Baumann beeilte sich, den Napf zu füllen und auf den Boden zu stellen, bevor er ohnmächtig wurde. Das Zeug stank hundert Meter gegen den Wind nach vergammeltem Fisch. Aber Waldtraut war happy. Und das war doch auch schon was.

Baumann nahm sich selbst eine Tüte Chips und schmiss sich auf die Couch. Kurz nachdem er es sich bequem gemacht hatte, kam Waldtraut ebenfalls heran und sprang auf seinen Bauch, drehte sich ein paar Mal um sich selbst und rollte sich dann gemütlich zusammen. Baumann kraulte Waldtraut im Nacken, die mit vernehmlichem Schnurren ihr Wohlgefallen zum Ausdruck brachte.

In Erwartung eines entspannten Abends schaltete Baumann die Glotze an. Doch der Abend sollte sich ganz anders entwickeln.

4

Gut verborgen hinter dicht stehenden Bäumen beobachtete die junge Frau die in stetig zunehmender Dunkelheit versinkende Landstraße.

Nachdem sie sicher gewesen war, dass ihr niemand mehr gefolgt war, hatte sie im Wald einen weiten Bogen geschlagen und war dann zurückgekehrt zu der Stelle, wo sie hatte entkommen können. Das war kein Problem für sie gewesen. Sie kannte sich aus im Wald. Sie wusste, woran man sich orientieren konnte. Selbst in der Nacht. Weil Vater sie schon seit frühester Kindheit mitgenommen hatte, wenn er auf die Jagd oder in die Pilze ging. Behutsam berührte sie ihre Wange. Tiefhängende Zweige hatten ihr Gesicht und Hände zerkratzt. Als ihr Puls und ihr Atem sich wieder normalisiert hatten, schmeckte sie Blut. Ihr eigenes Blut. Es war ihr egal. Sie war entkommen. Das war das einzige, das in diesem Moment zählte. Den anderen Frauen und Mädchen war das nicht gelungen, davon war sie überzeugt. Sie waren kopflos die Straße entlang geflüchtet, obwohl sie gerufen und wie verrückt gewinkt hatte, dass sie ihr folgen sollten. Als einer der Männer sich umwandte, sie erblickte und auf sie zulief, hatte sie nicht länger warten können und war in den Wald gelaufen. Den Mann dort abzuschütteln, war leicht gewesen. Laut fluchend war er unbeholfen durch das ungewohnte Terrain gestolpert und hatte bald jegliche Orientierung verloren. Als seine Kumpanen ihn riefen, hatte er aufgegeben und war umgekehrt.

Vorsichtig lugte sie hinter dem Baumstamm hervor und wagte sich erst nach mehreren Minuten in freies Gelände. Der Lieferwagen, der sie transportiert hatte, war weg. Dennoch blieb sie vorsichtig. Vielleicht warteten sie hinter der Biegung nur darauf, dass sie ihre Deckung aufgab?

Ein Motorengeräusch näherte sich. Scheinwerfer durchschnitten plötzlich die Nacht. Waren das die Männer? Kamen sie zurück, um sie zu suchen? Die junge Frau zog sich instinktiv ein wenig mehr zurück in den Schatten des Waldrands. Das Motorengeräusch wurde lauter. Schnell kam das Fahrzeug näher.

Sie traf eine Entscheidung und trat auf die Straße, breitete die Arme aus und vertraute ihr Schicksal Gott, der Vorsehung, Kismet oder dem Zufall an.

Wer auch immer sich ihrer annehmen wollte.

Sie war bereit.

5

Hauptkommissar Schmickler schrak hoch und war mit einem Schlag hellwach.

Er musste eingenickt sein. Der eBook-Reader, mit dem er gerade noch seinen Krimi gelesen hatte, lag neben ihm. Die Lesebrille hatte er auch noch auf. Schmickler nahm sie ab und legte sie auf den Nachttisch. Er stützte sich auf die Ellenbogen und lauschte angestrengt. Ein ungewohntes Geräusch hatte ihn aus dem Schlaf gerissen. Ein Geräusch, das nicht in die friedliche Stille der Nacht gehörte. Gisela schlief tief und fest neben ihm. Sie würde noch nicht einmal dann wach werden, wenn neben ihr eine Bombe hochginge. Da, weitere Geräusche. Leise zwar, aber eindeutig. Einbrecher.

Schmickler öffnete vorsichtig die Nachttischschublade und entnahm ihr seine Schreckschusspistole und eine Taschenlampe. Dann schlüpfte er aus dem Bett und schlich auf nackten Sohlen in den Flur. Von unten, aus der großen Eingangshalle, war Flüstern zu hören. Selbst jetzt, da sich seine Augen einigermaßen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, konnte Schmickler nur mehr erahnen als sehen, dass jemand ein Gemälde von der Wand nahm.

Schmickler schlich die Treppe hinunter. Die Männer, es waren zwei, hatten ihn noch nicht bemerkt. Sie waren zu konzentriert darauf bedacht, möglichst geräuschlos weitere Bilder abzuhängen. Als Schmickler den letzten Treppenabsatz erreicht hatte, knipste er die Taschenlampe an, richtete den Lichtstrahl auf die Männer und rief: „Stehen bleiben! Polizei! Ich bin bewaffnet!“

Die beiden Männer erstarrten und hoben die Hände.

„Keine Bewegung jetzt“, kommandierte Schmickler. Er ging, ohne die Einbrecher aus den Augen zu lassen, hinüber zum Lichtschalter und schaltete den Kronleuchter ein. Im hellen Licht erkannte Schmickler, dass die Männer ganz in Schwarz gekleidet waren, Skimasken trugen und offensichtlich unbewaffnet waren.

Er musste die Kollegen rufen. Alleine konnte er sie ja nicht ewig in Schach halten. Er fluchte innerlich. Das Handy. Er hatte es oben im Schlafzimmer gelassen. Dann fiel ihm ein, dass in der Halle, auf dem Sekretär, ein Festnetztelefon stand, das nur noch selten benutzt wurde.

Schmickler wollte sich in Bewegung setzen, als ihm geradezu schmerzhaft bewusst wurde, dass hinter ihm eine weitere Person aufgetaucht war. Schmickler erstarrte. „Gott, was bist du für ein dummer Idiot“, war sein letzter Gedanke, als realer Schmerz wie ein roter Feuerball in seinem Gehirn explodierte.

„Mann, das wurde aber auch Zeit“, sagte einer der beiden Männer und nahm erleichtert die Hände runter.

„Ja“, erwiderte der Neuankömmling, richtete die Waffe, mit der er gerade Schmickler niedergeschlagen hatte, auf seinen Komplizen und schoss.

6

Katja fuhr beschwingt die Landstrasse Richtung Hürth hinunter.

Ihr Ziel war der Kölner Stadtteil Zollstock, wo Susi sich eine Eigentumswohnung gekauft hatte. Diese hatte sie von dem Gewinn finanziert, der durch den Verkauf des Hauses ihres Stiefvaters nach dessen Tod zustande gekommen war. Auch die Steuerberaterkanzlei ihres Stiefvaters hatte sie samt Mandantenstamm an einen Nachfolger verkauft und dadurch einen beträchtlichen Erlös erzielt.

Susi war also jetzt eine recht wohlhabende Frau und Katja gönnte ihr das von Herzen. Denn was Susi in ihren jungen Jahren hatte durchmachen müssen, reichte für ein ganzes Leben und mehr. Der vermeintliche Vater war nicht nur der Mörder seiner eigenen Mutter und der Mörder seiner Geschäftspartner, sondern auch der seiner Ehefrau und damit Susis Mutter gewesen. Dazu ihre Jahre auf dem Babystrich, ihre überwundene Drogenabhängigkeit, der Mordversuch ihres Stiefvaters an ihr selbst. Katja schauderte es. Kaum zu glauben, dass man das schadlos überstehen konnte. Aber Susanne Frings - Susi, wie sie von ihren Freunden genannt wurde - war robust und stark. Und sie hatte einen klaren Plan für die Zukunft, den sie zielgerichtet in die Tat umsetzte. Sie suchte und fand eine gute Therapeutin und brachte nach und nach Ordnung in ihre Gefühlswelt und damit in ihr Leben. Es gelang ihr zunehmend besser, ihre Ängste abzuschütteln und eine positiv besetzte Zukunftsvision zu verinnerlichen. Zumal zu Susis großer Erleichterung bis heute keine Auswirkungen einer Posttraumatischen Belastungsstörung festgestellt werden konnten, was, wenn man die dramatischen Ereignisse betrachtete, beinahe an ein Wunder grenzte.

Susi trennte sich in der Folge von allem, was sie auch nur im Entferntesten an ihren Stiefvater und ihre Vergangenheit erinnern konnte. Nur das Kleid ihrer Mutter, das sie die Wahrheit hatte erkennen lassen, behielt sie als schmerzhafte, wenngleich wichtige Brücke zu dem besseren Teil ihres früheren Lebens. Ganz zuletzt war sie nach Zollstock, einen charmanten, familienfreundlichen Stadtteil im Süden Kölns, gezogen. Hier hatte sie Ruhe gefunden, hatte einen Job in einem netten Cafe angenommen und arbeitete weiterhin daran, ihr Leben in den Griff zu bekommen. Und ihr Zukunftsplan schloss Charlie ein. Was keine Selbstverständlichkeit war. Denn Charlie in all seiner Absonderlichkeit war alles Mögliche, aber ganz sicher kein Traumprinz auf dem weißen Pferd.

Wie es dann zu dieser seltsamen Verbindung gekommen war? Nun, Susi hatte irgendwann entdeckt, dass ihr Stiefvater - gut verborgen hinter einer sorgfältig aufgebauten gutbürgerlichen Fassade - ein gewissenloser Mörder gewesen war. Als sie ihn damit konfrontiert hatte, wurde auch sie von ihm niedergeschossen. Baumann und Charlie waren gerade noch rechtzeitig dazugekommen, um ihren Stiefvater aufzuhalten und ihr das Leben zu retten. Diese dramatischen Ereignisse hatten Charlie und sie seinerzeit zusammengeführt und waren in eine Beziehung gemündet, die wider alle Wahrscheinlichkeit bis heute hielt. Aber es war nicht bloße Dankbarkeit, die Susi an Charlie festhalten ließ. Es war echte Zuneigung, die sie gegenüber diesem eigenartigen kleinen Kerl empfand und die sie und Charlie fest zusammenschweißten. Charlie war, so sonderbar das klingen mochte, das stabilisierende Element in ihrem Leben, verlieh ihr Mut und Zuversicht und erfüllte sie in dunklen Momenten mit neuer Lebensfreude. Und so stand Susi felsenfest zu ihrem Charlie, egal was andere über ihn denken oder sagen mochten.

Auch zwischen Susi und Katja war eine echte Freundschaft entstanden und die beiden Frauen hatten es sich irgendwann zur gemeinsamen Aufgabe gemacht, nicht nur ihr Leben, sondern auch das ihrer Männer in geordnete Bahnen zu lenken. Katja seufzte. Keine leichte Aufgabe bei diesen beiden „Prachtexemplaren“, dachte sie und musste lächeln, als sie an die Szene heute Abend zurückdachte.

Frank war die Liebe ihres Lebens, dessen war sie sich absolut sicher. Aber seine Versuche, bis in alle Ewigkeit den Easy Rider zu geben, waren - wenn auch hier und da amüsant - meistens extrem anstrengend. Und manchmal wurden sie sogar gefährlich. Denn Frank schien Ärger magisch anzuziehen. Und Charlie saß oft genug bei Frank auf dem imaginären Sozius und fuhr fröhlich mit. Deshalb hatten Susi und sie beschlossen, dass Charlie bei Frank fest in der Detektei einsteigen sollte. In der Hoffnung, dass sie gegenseitig aufeinander aufpassen würden. Dass die Verantwortung des einen für den anderen sie in ihrem Übermut ein wenig bremsen würde. Katja lächelte erneut. Auch sie war ja tagtäglich im Büro und würde mehr denn je ein Auge auf die beiden haben. Und sie würde weitere Sicherungsleinen spannen. Sie wusste zwar noch nicht genau wie, aber Susi und sie würden es irgendwie schaffen, ihre „Kerle“ sicher durch sämtliche Untiefen ihres Jobs zu lotsen.

Katja wischte sich über die Augen. Es war doch eine anstrengendere Fahrt, als sie gedachte hatte. Insbesondere hier im Wald auf unbeleuchteter Landstraße. Besser, sie konzentrierte sich wieder mehr auf die Strecke.

Eine Linkskurve tauchte auf. Katja verringerte das Tempo, durchzog die Kurve, beschleunigte am Kurvenausgang, stieg dann erschrocken in die Bremsen, brachte den Wagen schlingernd zum stehen und spähte ungläubig in die Nacht.

Einige Meter weiter stand mitten auf der Straße und hell erleuchtet vom Fernlicht ihres Wagens eine reglose Gestalt.

Eine junge Frau.

Mit ausgebreiteten Armen stand sie da, das Gesicht zum Himmel gewandt.

So, als warte sie auf göttlichen Segen.

7

Gisela Steinfeld erwachte.

Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Ein lautes Geräusch hatte sie aus dem Schlaf gerissen. Ein Knall? Eine Explosion gar?

„Gerd. Wach auf!“, rief sie und griff hinüber, um ihn zu wecken. Aber sein Bett war leer, die Bettdecke zurückgeschlagen. Er musste hinunter gegangen sein, schoss es ihr durch den Kopf. Denn durch die halboffen stehende Schlafzimmertür fiel helles Licht in breiter Bahn und nur der Kronleuchter in der Eingangshalle verbreitete derart strahlende Helligkeit. Vielleicht war er in die Küche im Erdgeschoss gegangen, weil er Hunger oder Durst gehabt hatte. Jetzt wieder etwas beruhigt, schlüpfte Gisela aus dem Bett, warf sich den Morgenmantel über und ging zur Tür.

„Gerd?“, rief sie in den Flur.

Als keine Antwort kam, betrat sie leise den Flur und ging die große Wendeltreppe hinunter, die in die Eingangshalle führte. Dann sah sie zwei Männer am Fuss der Treppe liegen. Einer davon war Gerd!

Gisela stürzte die restlichen Stufen hinunter und warf sich neben Schmickler zu Boden. Fieberhaft fühlte sie seinen Puls und als sich ihr eigener Herzschlag etwas beruhigt hatte, hörte sie ihn auch atmen. Erleichtert schloss sie für einen Augenblick die Augen. Dann nahm sie seinen Kopf in beide Hände und bemerkte das Blut, das aus seinem Hinterkopf sickerte.

Gisela zog ihren Morgenmantel aus, bettete Schmicklers Kopf vorsichtig darauf und holte das Festnetztelefon. Während sie die 110 wählte, ging sie eilig hinüber zu dem zweiten Mann und fühlte auch ihm den Puls. Dann wurde ihr Anruf entgegengenommen.

„Gisela Steinfeld hier, Brennergasse 16 in Rodenkirchen. Hauptkommissar Schmickler liegt verletzt hier bei mir und ein weiterer Mann ebenfalls, den ich nicht kenne. Der ist allerdings tot. Erschossen, so wie es aussieht“, sagte sie und warf einen besorgten Blick auf die Pistole, die Schmickler in der Hand hielt.

8

Baumann hatte es sich mit einem zweiten Bier auf der Couch gemütlich gemacht.

Waldtraut, seine Maine-Coon, lag immer noch schwer auf seinem Schoß, stank erbärmlich nach Fisch und schnurrte vernehmlich, während Baumann sich durch die Programme zappte. Er war die letzten Minuten bei einem Trash-Sender hängen geblieben und traute seinen Augen kaum. Man hatte anscheinend einige hastig zusammengecastete Vollpfosten auf irgendeine Insel verfrachtet, wo ihre Aufgabe darin bestand, den zu diesem Zweck ebenfalls dort versammelten jungen Frauen auf die großzügig zur Schau gestellten Reize zu glotzen und ihnen so lange hinterherzuhecheln, bis der einen oder anderen die Puste ausging und sie sich zur Freude der grenzdebilen Zuschauerschaft ihrer von vorne herein nur notdürftig vorhandenen Bekleidung entledigen ließ.

Baumann schaltete ab und rieb sich müde die Augen. Falls irgendeine außerirdische Intelligenz die Menschheit beobachtete, würde sie einen weiten Bogen um Mutter Erde machen, soviel stand für ihn fest. Dann hörte er, wie jemand die Eingangstür aufschloss. Baumann scheuchte Waldtraut von seinem Schoß, was diese mit einem unwilligen Fauchen kommentierte.

Katja betrat das Wohnzimmer, hinter ihr eine junge Frau, dünn, abgerissen, Schmutz und Blut im Gesicht und an der Kleidung und ganz offensichtlich stark verängstigt. Baumann stellte vorsichtig die Flasche ab, blieb aber sitzen, damit sie sich nicht von ihm bedroht fühlte. Er sah Katja fragend an, die eine beschwichtigende Handbewegung machte. Er nickte und schwieg.

Katja nahm die junge Frau an die Hand und sagte in beruhigendem Tonfall: „Das ist Frank, mein Mann. Frank ist ein guter Mann. Du bist hier in Sicherheit. Verstehst du das?“

Die junge Frau erwiderte nichts, machte aber wenigstens keine Anstalten, wegzulaufen.

„Hast du Hunger? Durst?“, fragte Katja und machte entsprechende Gesten.

Ein zaghaftes Nicken.

„Gut. Wollen wir rüber zur Küche gehen und uns etwas zu essen machen?“, schlug Katja vor und zog aufmunternd an ihrer Hand.

Die junge Frau folgte ihr, ließ dabei aber Baumann nicht aus den Augen. Katja stellte einen Teller auf die Arbeitsplatte, nahm das Brot aus dem Brotkasten und Margarine, Käse und Wurst aus dem Kühlschrank. Dann legte Katja ein Besteckmesser neben den Teller, trat einen Schritt zurück und machte eine einladende Geste. Die junge Frau griff nach dem Messer und zögerte einen Moment, als wisse sie nicht, was sie als nächstes tun solle.

„Hier wirst du das nicht brauchen“, sagte Katja wieder beruhigend. „Du bist hier bei Freunden. Du bist hier sicher.“

„Freunde“, wiederholte die junge Frau leise. Dann hatte sie offensichtlich einen Entschluss gefasst. Sie begann sich Brote zu belegen und stopfte sich, während sie noch das zweite Brot schmierte, das erste gleich zur Hälfte in den Mund. Katja nahm eine Mineralwasserflasche und goss ein Glas voll. Die junge Frau trank genauso gierig, wie sie ass. Dann hatte sie genug und legte das Messer beiseite.

Katja lächelte sie an. „Wie heißt du denn, Kleine?“ Als sie nicht reagierte, zeigte Katja auf sich selbst und sagte: „Katja. Mein Name ist Katja.“

Die junge Frau nickte und zeigte ebenfalls auf sich. „Julija“, sagte sie.

Katja deutete hinüber zum Wohnzimmer, wo Baumann weiterhin still auf der Couch sass. „Frank.“

Julija nickte wieder.

Katja nahm sie sanft bei der Hand. „Bist du verletzt? Sollen wir dich zu einem Arzt bringen?“

Julija schaute verständnislos.

„Oder in ein Krankenhaus? Eine Klinik?“

Julija zuckte erschrocken zusammen und schüttelte heftig den Kopf. „Brez Klinike, prosim. Brez Klinike!“

Katja schaute Baumann an. Der zuckte die Schulter. „Wir sollten besser die Polizei rufen“, meinte er dann leise.

Übergangslos wurde Julija kreidebleich, schlug die Hände vor das Gesicht und brach augenblicklich in Tränen aus. „Prosim te! Brez Policije! Brez Policije!“, rief sie, immer wieder unterbrochen von tiefen Schluchzern.

Katja nahm sie erschrocken in den Arm, wiegte sie sanft und wiederholte immer wieder: „Brez Policije. Okay? Brez Policije.“

Irgendwann hatte sich Julija einigermaßen beruhigt. Sie hing erschöpft in Katjas Armen und gab nur hin und wieder kleine Schniefer von sich.

„Sie muss ins Bett. Das arme Kind ist vollkommen fertig.“

Baumann nickte. „Das Gästebett steht doch immer bereit, falls mal Charlie und Susi hier übernachten wollen“, erwiderte er leise.

Katja strich Julija sacht über die Wange. „Bett. Schlafen“, sagte sie, lächelte wieder beruhigend und legte sich die gefalteten Hände an die Wange. Julija antwortete nicht, ließ sich aber ohne Widerstand von Katja die Treppe hinauf ins Gästezimmer führen. Katja ließ sie sacht auf das Bett sinken, zog ihr die Schuhe aus und legte ihr die Bettdecke über, die sich Julija sogleich bis ans Kinn hochzog.

„Hvala“, murmelte Julija und schloss die Augen.

Katja ging hinüber zum Lichtschalter, um das Licht zu löschen, als sie einen klagenden Laut von Julija hörte. „Soll das Licht anbleiben?“, fragte Katja leise und zeigte auf die Lampe.

Julijas bittender Blick gab ihr die Antwort.

Katja nickte verständnisvoll und schloss die Tür.

9

Ichhabe Angst.

So große Angst.

Wo ist Papi?

10

Der weiße Kastenwagen mit der Aufschrift eines großen Kölner Aufzugreparaturservices fuhr auf der B 265 mit angepasstem Tempo durch Klettenberg, ließ den RheinEnergie Sportpark hinter sich und näherte sich schon bald dem Uni Center.

„Mann, wer konnte denn auch ahnen, dass der plötzlich mit einer Knarre die Treppe runterkommt?“, meldete sich der Fahrer, nachdem sie bisher geschwiegen hatten.

Der Beifahrer schwieg weiter.

„Was ich nicht verstehe“, fuhr der Fahrer fort. „Wieso hast du Benni erschossen und nicht den Alten? Was sollte das, Boss?“

„Benni wollte uns hinhängen“, gab der Beifahrer wortkarg zurück.

„Benni? Niemals. Das kann ich nicht glauben.“

„Ist aber so. Ich habe vor ein paar Tagen ein Telefonat von ihm belauscht. Er wollte der Versicherung auf eigene Faust die Bilder zurückgeben. Die zahlen, wenn man geschickt verhandelt, bis zu fünfzig Prozent des Wertes an denjenigen, der die Bilder wiederbeschafft. Soviel werden wir für den Verkauf an den Hehler nicht bekommen.“

„Ja, schon. Aber Benni? Ich dachte echt, er wäre okay.“

„Haben wir alle gedacht. Aber vielleicht wollte er endlich mal den ganz großen Schnitt machen und dann auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Vielleicht mit seiner Frau oder `nem Kumpel. Ich meine, mit irgendjemandem muss er ja telefoniert haben, oder?“

Der Fahrer schien noch nicht ganz überzeugt.

„Das konnte ich einfach nicht riskieren“, fuhr der Beifahrer fort. „Stell dir vor, er hätte die Übergabe vermasselt und wäre geschnappt worden. War schließlich nicht die hellste Glühbirne am Schminkspiegel, der gute Benni. Dann wären nicht nur die Bilder futsch, sondern auch wir zwei Hübschen ruckzuck hinter Schloss und Riegel. Oder glaubst du, dass er dichtgehalten hätte, wenn man ihm Hafterleichterung oder eine geringere Strafe angeboten hätte?“

Der Fahrer schüttelte den Kopf.

„Na, siehste. Und außerdem bleibt so für uns beide mehr übrig. Ist schließlich besser durch zwei, als durch drei zu teilen“, gab der Beifahrer zu bedenken.

„Das ist richtig.“ Der Fahrer dachte eine Weile über diese neue Situation nach.

„Dann ist mein Anteil jetzt … dreihunderttausend?“

„Hört sich gut an, oder?“

„Ja, hört sich verdammt gut an. Meine Alte will schon lange für ein ganzes Jahr nach Malle oder so. Da kommt mir die Kohle gerade recht.“

„Sag ich doch.“

„Aber warum geben wir die Bilder statt über den Umweg mit dem Hehler nicht selbst an die Versicherung zurück, wenn da noch mehr Kohle drin ist? Wäre doch keine schlechte Idee.“

„Nee, lieber nicht. Wir brauchen den Hehler noch für die anderen, größeren Jobs. Und wenn der keinen Bock mehr auf uns hat, weil der sich verarscht fühlt, ist das in Summe für uns der schlechtere Deal.“

„Man muss also alle unsere unterschiedlichen Aktionen wie eine einzige große Unternehmung betrachten? Ist es das, was du sagen willst?“

„Genau. Ich sehe, du hast es kapiert.“

Der Fahrer brummte zufrieden und sie setzten die Fahrt eine Weile schweigend fort. „Da ist aber noch was“, druckste er nach einiger Zeit rum. „Ist ja nicht so, als dass ich dir nicht vertraue, Boss. Im Gegenteil.“

„Kein Ding. Spuck`s schon aus.“

„Der Alte. Warum hast du den nicht auch noch umgenietet, wo du doch schon die Knarre hattest.“

„Ja, das stimmt“, antwortete der Beifahrer nachdenklich. „Und warum nicht auch dich gleich dazu, wenn ich sowieso grade dabei bin, alle kaltzumachen?“

Der Fahrer verriss beinahe das Lenkrad und der Beifahrer brach in raues Gelächter aus. „Nun mach dir mal nicht ins Hemd.

War `n Scherz. Ich sagte ja schon, dass Benni uns linken wollte. Und dass du koscher bist, das weiß ich.“

„Aber der Alte?“

„Der Alte hat nichts gesehen, was uns gefährlich werden könnte. Und …“ Der Beifahrer machte eine Kunstpause. „Er ist `n Bulle.“

„`n Bulle? Bist du sicher?“

„Absolut. Hat nen Kumpel von mir drangekriegt. Der Kerl ist sogar bei der Mordkommission. Kannst du dir vorstellen, was los gewesen wäre, wenn ich den umgelegt hätte? Die hätten uns gejagt mit allem, was sie haben. So geht es nur um Einbruch und um einen toten Einbrecher. Und um eine Knarre, die der Bulle in der Hand gehabt hat und mit der er allem Anschein nach den Einbrecher erschossen hat. Die Bilder werden über den Hehler und einen Mittelsmann wieder der Versicherung und damit bei dieser reichen Tussi auftauchen und alles beruhigt sich wieder. Kein Aas wird mehr nach uns suchen, weil die Bullen Wichtigeres zu tun haben, wenn die Bilder längst wieder da sind.“

„Und Benni? Was ist mit dem? Werden die Bullen nicht ihrem Kollegen glauben und nach dem suchen, der ihn wirklich umgenietet hat?“

„Vielleicht. Aber sie werden trotzdem genug damit zu tun haben, zu beweisen, dass der verdammte Bulle nicht geschossen hat. Wenn ihnen das überhaupt gelingt. Ich denke, sie werden das Ganze am Ende vertuschen wollen, damit der werte Herr

Kommissar seine weiße Weste behält. Aber damit ihnen das nicht so einfach fällt, rufst du morgen wie besprochen an. Klar soweit?“

Der Fahrer grinste zufrieden. „Klar soweit.“

„Siehst du. Das hält sie auf Trab und verhindert, dass sie sich allzu intensiv mit uns beschäftigen.“ Der Beifahrer lehnte sich zufrieden zurück. „Läuft alles nach Plan. Glaub mir. Läuft alles nach Plan.“

11

Vor Gisela Steinfelds Anwesen war die Polizei dem Anlass entsprechend mit ganz großem Aufgebot angerückt.

Zwei Polizeiwagen, ein Rettungswagen, ein Notarztfahrzeug, ein Leichenwagen und der Kastenwagen der Spurensicherung machten mit ihren Scheinwerfern und zuckenden Blaulichtern die Nacht zum Tag. Im und vor dem Haus war inzwischen die polizeiliche Ermittlungsmaschinerie voll angelaufen. Spurensicherer untersuchten den Tatort, markierten und fotografierten, nahmen Faser-, Gewebe- und sonstige Proben, untersuchten und tüteten alles ein, was ihnen relevant erschien. Natürlich wurde auch die Tatwaffe ermittlungstechnisch untersucht und konfisziert. Sie ließen sich von Schmickler und Gisela zeigen, wo und wie Schmickler gelegen hatte und wo die Waffe gewesen war, als Gisela ihn entdeckt hatte. Gisela Steinfeld demonstrierte zudem eindrucksvoll, dass sie in Krisensituationen alles im Griff hatte. Sie blieb ruhig und souverän, reichte Getränke, kochte für alle Kaffee oder Tee und gab im Anschluss einer uniformierten Beamtin das Geschehen der Nacht aus Ihrer Perspektive zu Protokoll.

Hauptkommissar Schmickler saß - immer noch leicht benommen - im Wohnzimmer auf der Couch und wehrte unwillig die Versuche eines Notfallsanitäters ab, seine Platzwunde am Hinterkopf zu versorgen. Dabei präsentierte er dem jungen Mann großzügig eine Kostprobe seiner beachtlichen Fähigkeit, ausdauernd zu fluchen, ohne sich wiederholen zu müssen. Dann ließ er sich, nach dieser emotionalen Abkühlung bedeutend friedfertiger gestimmt, von einer Kollegin erkennungsdienstlich behandeln. Nachdem sie fertig war, trat Günther Biel, Leiter der Spurensicherung, zu ihm und legte in gewohnter Manier seine Hände auf den Körperteil, den er liebevoll sein „Kölschgeschwür“ nannte. Schmicklers an dieser Stelle übliche Frotzeleien blieben heute aus. Dafür war die Situation zu ernst.