Die Orks - Stan Nicholls - E-Book
SONDERANGEBOT

Die Orks E-Book

Stan Nicholls

0,0
3,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 3,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

»Furios und verrückt ... Der größte Spaß, den Sie je mit einem Haufen Orks haben werden!« Tad Williams Eines der meistgelesenen Fantasywerke überhaupt: Die Orks führen einen erbitterten Krieg gegen die Menschen, die die Erdmagie im Land Maras-Dantien aus dem Gleichgewicht gebracht haben. Stryke, Anführer der erfolgreichsten Ork-Söldner, erhält einen gefährlichen Auftrag: Er soll ein magisches Artefakt wiederbeschaffen, mit dessen Hilfe der Feind zurückgeschlagen werden könnte. Zunächst scheint die Mission erfolgversprechend – doch dann wird das Artefakt von Kobolden geraubt. Eine dramatische Jagd beginnt ... In seinem Klassiker »Die Orks« zeigt Stan Nicholls, dass Orks nicht immer die Bösen sein müssen!

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2014

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Entdecke die Welt der Piper Fantasy:

Übersetzung aus dem Englischen von Christian Jentzsch

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Buchausgabe

1. Auflage 2014

ISBN 978-3-492-96290-2

© 1999, 2000 Stan Nicholls Die englischen Originalausgaben erschienen von 1999-2000 bei Gollancz, London in drei Bänden: »Bodyguard of Lightning« (1999), »Legion of Thunder« (1999), »Warriors of the Tempest« (2000) Deutschsprachige Ausgabe: © Piper Verlag GmbH, München 2014 Deutsche Erstausgabe: Wilhelm Heyne Verlag, München 2002 Covergestaltung: Guter Punkt, München Covermotiv: Guter Punkt unter Verwendung eines Motivs von Shutterstock Karte: Erhard Ringer Datenkonvertierung: CPI books GmbH, Leck

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

Wir werden lärmen und bellen wie echte orkische Gesellen,

wir werden lärmen und bellen, so laut es geht,

mit Beute bepackt und beladen kehren wir heim aus fernen Gestaden,

ach, was für Schätze und Wunder ihr dann seht.

Lebt wohl und Wiederschaun, ihr schönen orkischen Fraun,

lebt wohl und ade ihr Frauen daheim,

wir finden großen Gefallen an Stechen und Balgen,

und danach waschen wir die Klingen rein.

Wir plündern und brennen und später dann trennen

wir ihnen den Kopf vom Hals und den Beutel vom Gurt,

wir kämpfen gegen sie, schlachten sie ab wie Vieh

und saufen ihr Bier, haben sie auch noch so gemurrt.

Im ersten Land, in das wir kamen, einen hohen Turm wir sahen,

wir schlichen uns an bei Nacht und legten Feuer,

wir nahmen Silber und Gold, nein, wir waren ihnen nicht hold,

und hoffen, nächstes Jahr ist’s nicht mehr, das Gemäuer.

Wir sahn einen Bauern so fett mit seiner Tochter so nett,

die Spitzen unserer Dolche weckten ihn rau,

er fing an zu stammeln und zu kreischen, gab uns Gold ohne zu feilschen,

die Tochter floh, also brieten wir seine Frau.

Und jetzt, orkische Lumpen, hebt euren vollen Humpen,

in tüchtigen Schlucken sauft das starke Bier,

spießt sie auf im Geplänkel wie von Schweinen die Schenkel,

fett und reich, so sehen wir Vielfraße uns wieder hier!

Altes Kriegstrupp-Marschlied

1

Vor lauter Leichen konnte Stryke den Boden nicht mehr sehen.

Er war taub vom Geschrei und vom Klirren des Stahls. Trotz der Kälte stach ihm der Schweiß in die Augen. Seine Muskeln brannten, sein Körper schmerzte. Blut, Schlamm und verspritzte Hirnmasse befleckten sein Wams. Und jetzt gingen noch zwei von den widerlichen, weichen rosa Geschöpfen mit Mord im Blick auf ihn los.

Er genoss den Spaß.

Er hatte keinen sicheren Stand mehr und strauchelte. Der reine Instinkt ließ ihn das Schwert hochreißen, um dem ersten Hieb zu begegnen. Der Aufprall fuhr ihm durch Mark und Bein, hielt die andere Klinge aber auf. Er wich hurtig einen Schritt zurück, duckte sich und stürzte wieder vorwärts, unter der Deckung seines Gegners hindurch. Das Schwert bohrte sich in den Bauch seines Feindes. Stryke riss es rasch aufwärts, tief und fest, bis es eine Rippe traf und Gedärme aus der Wunde glitten. Das Geschöpf ging mit verdutzter Miene zu Boden.

Es blieb keine Zeit, den Sieg zu genießen. Der zweite Angreifer war heran und hielt ein beidhändiges Breitschwert so, dass sich die funkelnde Spitze gerade außerhalb von Strykes Reichweite befand. Eingedenk des Schicksals seines Kameraden war dieser Gegner vorsichtiger. Stryke ging zum Angriff über und deckte die Klinge seines Feindes mit einem Hagel heftiger Schläge ein. Sie parierten und stießen, bewegten sich in einem unbeholfenen Tanz, da ihre Stiefel Halt auf den Leichen von Freund wie Feind suchten.

Strykes Waffe eignete sich besser zum Fechten. Größe und Gewicht des Breitschwerts machten die Bewegungen seines Gegners schwerfällig. Die Waffe musste in einem weiten Bogen geschwungen werden. Nach mehreren Ausfällen litt das Geschöpf bereits unter der Anstrengung und schnaufte Wolken gefrorenen Atems. Stryke begnügte sich mit plänkelnden Stößen aus der Distanz und wartete auf eine günstige Gelegenheit.

In seiner Verzweiflung sprang ihm das Geschöpf entgegen und hieb mit dem Schwert nach seinem Gesicht. Es verfehlte ihn zwar, kam ihm aber so nah, dass er den Windhauch spürte. Der Schwung riss das Breitschwert über das Ziel hinaus, wodurch sich die Arme des Geschöpfs hoben, sodass die Brust ungeschützt war. Strykes Klinge fand das Herz und rief eine scharlachrote Fontäne hervor. Das Geschöpf sank zu Boden und fand seinen Platz im Gedränge der Toten.

Ein Blick hangabwärts zeigte Stryke die Vielfraße, die in die Schlacht auf der Ebene verwickelt waren.

Er wandte sich wieder dem Gemetzel zu.

*

Coilla schaute den Hügel empor und sah Stryke nicht weit von den Mauern der Siedlung entfernt mit äußerster Wildheit über eine Gruppe von Verteidigern herfallen.

Sie verwünschte seine verdammte Ungeduld.

Aber einstweilen war ihr Anführer auf sich allein gestellt. Der Kriegstrupp musste ernsthaften Widerstand überwinden, bevor er zu ihm gelangen konnte.

Hier im Hexenkessel der eigentlichen Schlacht reichte das blutige Gemetzel in jeden Winkel. Ein wüstes Durcheinander aus kämpfenden Truppen und scheuenden Pferden trampelte alles zu Brei, was noch vor wenigen Stunden wogende Felder gewesen waren. Das schallende Getöse erklang überall, und der herbe Geruch des Todes stieß ihr sauer im Hals auf.

Die Vielfraße bildeten einen dreißigköpfigen, stahlstarrenden, rasenden Keil. Sie hielten dichte Formation und wühlten sich durch die Masse der Verteidiger wie ein riesiges, stachelbewehrtes Insekt. Unweit der Spitze des Keils half Coilla dabei, die Bahn freizumachen, indem sie mit dem Schwert nach jedem Feind hieb, der ihnen den Weg versperrte.

Zu schnell, um sie richtig wahrzunehmen, huschte eine Abfolge höllischer Szenen an ihr vorbei. Ein Verteidiger mit einem Beil in der Schulter; einer, der sich mit blutverkrusteten Händen die Augen zuhielt; ein anderer, der lautlos aufschrie, mit einem roten Stumpf anstelle eines Arms; einer, der auf ein Loch in seiner Brust von der Größe einer Faust starrte; ein kopfloser Körper, aus dem rote Fontänen spritzten, während er taumelte. Ein durch die Schläge ihrer Klinge in Fetzen gehacktes Gesicht.

Eine Unendlichkeit später waren die Vielfraße am Fuß des Hügels angelangt und stürmten ihn hinauf.

Eine kurze Unterbrechung bei der Metzelei gestattete Stryke, sich ein Bild von den Fortschritten seines Trupps zu machen. Sie hackten und stachen sich durch Trauben von Verteidigern und waren auf halbem Weg den Hügel empor.

Er drehte sich wieder um und begutachtete die massiven Holzwälle der Festung auf der Kuppe. Bis zu den Toren war es noch ein weiter Weg, und es galt noch einige Dutzend Feinde zu überwinden. Aber Stryke kam es so vor, als lichteten sich ihre Reihen.

Als sich seine Lungen mit kalter Luft füllten, spürte er die Intensität des Lebens, die immer kam, wenn der Tod so nahe war.

Coilla traf keuchend ein, der Rest des Trupps folgte dichtauf.

»Ihr habt euch Zeit gelassen«, bemerkte er trocken. »Ich dachte schon, ich müsste den Laden allein stürmen.«

Sie wies mit dem Daumen auf das wogende Chaos in der Ebene. »Sie waren nicht scharf darauf, uns durchzulassen.«

Sie wechselten ein Lächeln, das beinahe irre war.

Der Blutdurst hat auch sie gepackt, dachte er. Gut.

Alfray, der Hüter des Banners der Vielfraße, gesellte sich zu ihnen und rammte die Lanze mit der Flagge in den gefrorenen Boden. Die zwei Dutzend gemeinen Soldaten des Kriegertrupps bildeten einen Verteidigungsring um die Offiziere. Als Alfray sah, dass einer der Soldaten eine üble Kopfwunde erlitten hatte, holte er einen Feldverband aus seinem Hüftbeutel und machte sich daran, die Blutung zu stillen.

Die Feldwebel Haskeer und Jup schoben sich durch die Reihen der Soldaten. Wie üblich war Haskeer missmutig und Jup unergründlich.

»Na, hat euch der Spaziergang gefallen?«, spottete Stryke in sarkastischem Tonfall.

Jup ignorierte die Bemerkung. »Was nun, Boss?«, fragte er barsch.

»Was wohl, Kurzarsch? Eine Pause, um Blumen zu pflücken?« Er funkelte seine beiden Stellvertreter an. »Wir gehen da rauf und tun unsere Arbeit.«

»Wie?«

Coilla starrte in den bleiernen Himmel und schirmte die Augen mit einer Hand ab.

»Frontalangriff«, erwiderte Stryke. »Hast du einen besseren Plan?« Die Frage war eine Herausforderung.

»Nein. Aber es ist offenes Gelände, und es geht bergauf. Wir werden Verluste haben.«

»Haben wir die nicht immer?« Er spie aus und verfehlte nur knapp die Füße seines Feldwebels. »Aber wenn du dich danach besser fühlst, fragen wir unseren Strategen. Coilla, was hältst du davon?«

»Hmmm?« Ihre Aufmerksamkeit blieb auf die schweren Wolken gerichtet.

»Wachen Sie auf, Gefreiter! Ich sagte …«

»Seht ihr das?« Sie zeigte himmelwärts.

Ein schwarzer Punkt stieß durch die Düsternis herab. Auf diese Entfernung waren keine Einzelheiten zu erkennen, aber sie konnten sich alle denken, was es war.

»Könnte nützlich sein«, sagte Stryke.

Coilla war nicht so sicher. »Vielleicht. Jeder weiß, wie eigensinnig sie sind. Wir gehen besser in Deckung.«

»Wo?«, wollte Haskeer wissen, während er das nackte Gelände begutachtete.

Der Punkt wurde größer.

»Er bewegt sich schneller als ein Funke aus dem Hades«, stellte Jup fest.

»Und kommt steil herunter«, fügte Haskeer hinzu.

Mittlerweile waren der klobige Leib und die gewaltigen gezackten Schwingen deutlich auszumachen. Jetzt konnte kein Zweifel mehr bestehen. Massig und plump stieß die Bestie auf die Schlacht herab, die unten in der Ebene unvermindert tobte. Kämpfer hielten inne und starrten nach oben. Manche flohen vor ihrem Schatten. Die Bestie stieß dessen ungeachtet immer tiefer herab und zielte auf die Anhöhe, wo sich Strykes Vielfraße versammelt hatten.

Er blinzelte zu ihr empor. »Kann jemand den Bändiger ausmachen?«

Sie schüttelten den Kopf.

Das lebende Geschoss flog ihnen unaufhaltsam entgegen. Die gewaltigen geifernden Kiefer klafften und enthüllten Reihen gelblicher Zähne. Grüne Schlitzaugen blitzten. Ein Reiter saß steif auf dem Rücken der Bestie, winzig verglichen mit seinem Reittier.

Stryke schätzte, dass es nicht mehr als drei Schläge seiner mächtigen Flügel entfernt war.

»Zu tief«, flüsterte Coilla.

Haskeer bellte: »Macht euch lang!«

Der ganze Kriegstrupp warf sich flach auf den Boden.

Stryke wälzte sich auf den Rücken und erhaschte einen flüchtigen Blick auf graue ledrige Haut und gewaltige Krallenfüße über sich. Er glaubte fast, er könne die Hand ausstrecken und die Bestie anfassen.

Dann spie der Drache eine gewaltige, orange lodernde Flammenzunge.

Für einen Sekundenbruchteil war Stryke von der Intensität des Lichts geblendet. Als er durch den Dunst blinzelte, rechnete er damit, den Drachen aufschlagen zu sehen. Stattdessen schraubte sich die Bestie in atemberaubend steilem Winkel in die Höhe.

Weiter hügelaufwärts hatte sich die Szenerie verändert. Die Verteidiger und einige Angreifer waren durch den Flammenhauch in Brand gesetzt worden und hatten sich in kreischende Feuerbälle verwandelt oder waren nur noch schwelende Haufen. Hier und da brannte und blubberte sogar die Erde.

Der Geruch nach gebratenem Fleisch lag in der Luft und bewirkte, dass Stryke das Wasser im Mund zusammenlief.

»Jemand sollte die Drachenmeister daran erinnern, auf welcher Seite sie stehen«, grollte Haskeer.

»Aber dieser hat unsere Last verringert.« Stryke nickte in Richtung der Tore. Sie brannten lichterloh. Er rappelte sich auf und brüllte: »Zu mir!«

Die Vielfraße stießen einen schallenden Kriegsruf aus und stürmten ihm nach. Sie trafen auf wenig Widerstand und mähten die verbliebenen Feinde mühelos nieder.

Als Stryke die rauchenden Tore erreichte, fand er sie so schwer beschädigt vor, dass sie kein wirkliches Hindernis darstellten; eines hing schief und würde jeden Augenblick fallen.

Daneben stand ein Pfahl mit einem verkohlten Schild, auf dem in ungelenken Buchstaben das Wort Heimaterde gemalt war.

Haskeer kam zu Stryke gerannt. Er sah das Schild, hieb verächtlich mit dem Schwert danach und schlug es in der Mitte durch. Es fiel herunter und brach in zwei Hälften.

»Sogar unsere Sprache ist kolonisiert worden«, knurrte er.

Jup, Coilla und die übrigen Truppmitglieder holten sie ein. Stryke und mehrere Soldaten bearbeiteten das verkohlte Tor mit Tritten, bis es fiel.

Sie stürmten durch den Torbogen und fanden sich in einem geräumigen Hof wieder. Rechts von ihnen war eine Koppel mit Nutzvieh. Links stand eine Reihe von Obstbäumen mit reifen Früchten. Voraus erstreckte sich ein ansehnliches hölzernes Bauernhaus.

Davor hatten sich mindestens doppelt so viele Verteidiger wie Vielfraße aufgereiht.

Der Kriegstrupp stürmte vorwärts und griff die Geschöpfe an. Im anschließenden Handgemenge erwies sich die Disziplin der Vielfraße als überlegen. Da den Verteidigern jegliche Fluchtmöglichkeit fehlte, waren sie von Verzweiflung erfüllt und kämpften wild und grimmig, aber nach wenigen Augenblicken hatte sich ihre Anzahl drastisch verringert. Die Verluste unter den Vielfraßen waren weitaus geringer: eine Handvoll erlitt leichtere Wunden. Das reichte nicht, um ihren Vormarsch aufzuhalten oder die Hingabe zu beeinträchtigen, mit der sie auf ihre Feinde einhieben.

Schließlich wurden die wenigen überlebenden Verteidiger zum Eingang zurückgedrängt. Stryke führte den abschließenden Angriff gegen sie Schulter an Schulter mit Coilla, Haskeer und Jup.

Stryke riss seine Klinge aus den Eingeweiden des letzten Verteidigers, fuhr herum und ließ den Blick über den Hof schweifen. Er sah, was er brauchte, als Bestandteil des Koppelzauns. »Haskeer! Schaff einen dieser Pfähle her. Wir brauchen ihn als Ramme!«

Der Feldwebel lief los und bellte Befehle. Sieben oder acht Soldaten lösten sich aus dem Trupp und folgten ihm, während sie ihr Beil aus dem Gürtel zogen.

Stryke winkte einen Fußsoldat zu sich. Nach zwei Schritten brach der Gemeine mit einem schlanken Schaft im Hals zusammen.

»Bogenschützen!«, rief Jup und zeigte mit seiner Klinge auf das Obergeschoss des Hauses.

Der Trupp verteilte sich, als sie aus einem offenen Fenster mit einem Pfeilhagel eingedeckt wurden. Ein Vielfraß ging zu Boden, von einem Schuss in den Kopf gefällt. Ein weiterer wurde in der Schulter getroffen und suchte Deckung bei seinen Kameraden.

Coilla und Stryke, die dem Haus am nächsten waren, liefen vorwärts, um unter dem Dachüberhang Schutz zu suchen, und drückten sich zu beiden Seiten der Tür flach an die Wand.

»Wie viele Bogenschützen haben wir?«, fragte sie.

»Wir haben gerade einen verloren, also noch drei.«

Er ließ den Blick über den Hof wandern. Haskeers Trupp schien den Großteil der gegnerischen Salven abzubekommen. Während ihnen Pfeile um die Ohren pfiffen, hackten die Soldaten forsch auf die Pfosten ein, die einen der gewaltigen Pfähle der Koppel stützten.

Jup und die meisten von den anderen lagen nicht weit entfernt auf dem Boden. Gefreiter Alfray bot dem Pfeilhagel die Stirn und kniete, da er dem in der Schulter getroffenen Soldat einen Verband anlegte. Stryke wollte gerade einen Befehl rufen, als er sah, dass die drei Bogenschützen ihre Kurzbogen spannten.

Der Länge nach auf dem Boden zu liegen war keine ideale Schussposition. Sie mussten den Bogen zur Seite drehen und aufwärts zielen, während sie die Brust anhoben. Dennoch sandten sie bald darauf einen steten Strom von Pfeilen nach oben.

In ihrer unsicheren Zuflucht konnten Stryke und Coilla nichts weiter tun als zuzuschauen, wie die Pfeile zum Stockwerk über ihnen emporflogen und andere heruntersausten. Nach ein oder zwei Minuten brach rauer Jubel unter den Soldaten aus, offenbar vor Freude über einen Treffer. Aber der Schusswechsel hielt an, sodass sich zumindest noch ein weiterer Bogenschütze im Haus aufhielt.

»Warum verschießen wir keine Brandpfeile?«, regte Coilla an.

»Ich will das Haus nicht niederbrennen, bevor wir haben, was wir wollen.«

Ein lautes Krachen kam von der Koppel. Haskeers Einheit hatte den Pfahl befreit. Die Soldaten machten sich daran, ihn zu heben. Sie mussten immer noch auf der Hut vor feindlichem Beschuss sein, obwohl die Pfeile jetzt weniger häufig flogen.

Neuerlichem Triumphgebrüll der am Boden liegenden Soldaten folgte ein lautes Gepolter von oben. Ein Bogenschütze schlug vor Stryke und Coilla auf den Boden. Beim Aufprall brach der Pfeil in seiner Brust entzwei.

An der Koppel war Jup auf den Beinen und bedeutete allen, dass vom Obergeschoss keine Gefahr mehr drohte.

Haskeers Einheit lief mit dem Pfahl zum Haus, alle Muskeln straff gespannt und die Gesichter verzerrt von der Anstrengung, dessen gewaltiges Gewicht zu schleppen. Alle legten Hand an die improvisierte Ramme und hämmerten damit gegen die verstärkte Tür, von der Holzstücke absplitterten. Nach einem Dutzend Rammstößen gab sie mit lautem Krachen nach und flog nach innen.

Drei Verteidiger erwarteten sie. Einer sprang vor und tötete den vordersten Soldat an der Ramme mit einem einzigen Streich. Stryke fällte das Geschöpf, sprang über den fallen gelassenen Pfahl und ging auf das nächste los. Nach einem kurzen Schlagabtausch sank es leblos zu Boden. Durch die Ablenkung hatte Stryke sich eine Blöße gegeben, die der dritte Verteidiger ausnutzen wollte. Er sprang vor und holte zu einem wilden Hieb aus, um ihn zu enthaupten.

Ein Wurfmesser bohrte sich in die Brust des Geschöpfs, das ein kehliges Krächzen von sich gab, das Schwert fallen ließ und der Länge nach zu Boden fiel.

Strykes Grunzen war alles, was Coilla als Dank erwarten konnte.

Sie zog ihr Messer aus der Brust ihres Opfers und zückte ein weiteres, da sie eine Klinge in jeder Hand vorzog, wenn mit Nahkampf zu rechnen war. Die Vielfraße strömten hinter ihr ins Haus.

Vor ihnen befand sich eine offene Mitteltreppe.

»Haskeer! Nimm die halbe Kompanie und säubere dieses Stockwerk«, befahl Stryke. »Die Übrigen kommen mit mir!«

Haskeers Leute schwenkten nach rechts und links. Stryke führte seinen Trupp die Treppe empor.

Sie hatten fast das Ende erreicht, als zwei Geschöpfe auftauchten. Stryke und sein Trupp hackten sie in vereintem Zorn in Stücke. Coilla erreichte das Obergeschoss zuerst und stieß auf einen weiteren Verteidiger. Er schlitzte ihr den Arm mit einer gezahnten Klinge auf. Sie wurde dadurch nicht langsamer, sondern schlug ihm die Waffe aus der Hand und stieß ihm die Klinge in die Brust. Heulend brach er durch das Geländer und stürzte in den Tod.

Stryke warf einen Blick auf Coillas blutende Wunde. Sie beklagte sich nicht, also richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf den Grundriss dieses Stockwerks. Sie befanden sich auf einem langen Flur mit einer Vielzahl von Türen. Die meisten waren geöffnet und enthüllten offenbar leere Räume. Er schickte Soldaten los, um sie zu durchsuchen. Sie kehrten rasch zurück und schüttelten den Kopf.

Am entfernten Ende des Flurs befand sich die einzige geschlossene Tür. Sie näherten sich ihr verstohlen und gingen davor in Stellung.

Die Kampfgeräusche aus dem Erdgeschoss ebbten bereits ab. Kurz darauf war nur noch der gedämpfte, entfernte Lärm der Schlacht in der Ebene und das unterdrückte Keuchen der Vielfraße zu hören, die nach Luft schnappten, da sie sich im Flur sammelten.

Stryke schaute von Coilla zu Jup und gab dann den drei stämmigsten Gemeinen ein Zeichen. Sie warfen sich mit der Schulter gegen die Tür, einmal, zweimal und noch einmal. Sie sprang auf, und sie warfen sich mit erhobenen Waffen und Stryke und den anderen Offizieren dichtauf hindurch.

Ein Geschöpf, das eine doppelschneidige Axt schwang, trat ihnen entgegen. Es ging unter einer Vielzahl von Hieben zu Boden, bevor es Schaden anrichten konnte.

Der Raum war groß. An seinem entfernten Ende standen zwei weitere Gestalten, die etwas abschirmten. Eine der Gestalten gehörte der Rasse der verteidigenden Geschöpfe an. Die andere war von Jups Art, und sein kleiner, quadratischer Körperbau wurde durch die hagere Statur seines Gefährten noch hervorgehoben.

Er trat vor, mit Schwert und Dolch bewaffnet. Die Vielfraße machten Anstalten, ihm entgegenzutreten.

»Nein!«, rief Jup. »Der gehört mir!«

Stryke verstand. »Lasst ihn!«, bellte er.

Seine Soldaten senkten die Waffen.

Die untersetzten Gegner maßen einander. Für eine Zeitspanne von vielleicht einem halben Dutzend Herzschlägen standen sie stumm da und betrachteten einander mit einem Ausdruck tiefen Abscheus.

Dann hallte das Klirren ihrer aufeinander prallenden Klingen durch den Raum.

Jup wischte jeden Hieb seines Gegners beiseite und wich den beiden Waffen mit einer aus langer Erfahrung herrührenden flüssigen Gewandtheit aus. Wenige Sekunden waren vergangen, als der Dolch durch die Luft sauste und sich in eine Fußbodenplanke bohrte. Augenblicke später klirrte das Schwert zu Boden.

Der Feldwebel der Vielfraße erledigte seinen Gegner mit einem Stich in die Lunge. Sein Widersacher sank auf die Knie, stürzte vorwärts, zuckte krampfhaft und starb.

Nicht länger unter dem Bann der blutigen Auseinandersetzung, hob der einzig übrig gebliebene Verteidiger sein Schwert und machte sich für seinen letzten Kampf bereit. Dabei konnten sie erkennen, dass er ein weibliches Mitglied seiner Rasse schützte. Geduckt und mit an der Stirn klebenden Strähnen unscheinbarer heller Haare hielt die Frau ein Junges ihrer Art im Arm. Das Kind, dessen plumpes Fleisch die Farbe der aufgehenden Sonne hatte, war kaum mehr als ein Säugling.

Ein Schaft ragte aus dem Oberkörper der Frau. Pfeile und ein Langbogen lagen auf dem Boden verstreut. Die Frau war einer der gegnerischen Bogenschützen gewesen.

Stryke bedeutete den Vielfraßen mit einer Handbewegung abzuwarten und durchschritt den Raum. Er sah nichts, wovor er sich fürchten musste, und beeilte sich nicht. Er umrundete die sich ausbreitende Blutlache, in der Jups toter Gegner lag, erreichte schließlich den letzten Verteidiger und sah ihm in die Augen.

Einen Moment lang hatte es den Anschein, als werde das Geschöpf reden. Stattdessen sprang es plötzlich vor und drosch mit dem Schwert um sich wie ein Wahnsinniger.

Ungerührt lenkte Stryke die Klinge ab und erledigte die Sache, indem er dem Geschöpf die Kehle durchschnitt und ihm dabei fast den Kopf abschlug.

Die blutüberströmte Frau stieß ein schrilles Geheul aus, teils Kreischen, teils wehklagendes Jammern. Stryke hatte so etwas schon ein oder zwei Mal gehört. Er starrte sie an und sah eine Spur von Trotz in ihren Augen. Doch Hass, Furcht und Schmerz traten in ihren Zügen am deutlichsten hervor. Alle Farbe war aus ihrem Gesicht gewichen, und ihr Atem ging mühsam. Sie drückte ihr Junges in einem letzten schwachen Versuch an sich, es zu schützen. Dann verließ sie der letzte Funken Lebenskraft. Sie kippte langsam zur Seite und blieb leblos auf dem Boden liegen. Der Säugling fiel ihr aus den Armen und fing an zu plärren.

Da er keinerlei Interesse mehr an der Sache hatte, stieg Stryke über die Leiche hinweg.

Er stand vor einem Uni-Altar. Genau wie andere, die er gesehen hatte, war er eher schlicht: ein hoher Tisch, gedeckt mit einem weißen Tuch mit gestickter Goldborte und einem bleiernen Kerzenleuchter an jeder Ecke. In der Mitte und etwas nach hinten versetzt stand eine Schmiedearbeit aus Eisen, die, wie er wusste, das Zeichen ihres Kults war. Sie bestand aus zwei Ruten aus schwarzem Metall, die auf einem soliden Fundament standen und in einem Winkel zusammengeschweißt waren, sodass sie ein einfaches X bildeten.

Aber es war der Gegenstand vorn auf dem Tisch, der ihn interessierte: ein Zylinder, vielleicht so lang wie sein Unterarm und mit dem Durchmesser seiner Faust, von kupferner Farbe und mit verblassten Runenzeichen versehen. An einem Ende befand sich ein Deckel, der ordentlich mit rotem Wachs versiegelt war.

Coilla und Jup kamen zu ihm. Sie betupfte die Wunde an ihrem Arm mit einer Hand voll Watte. Jup wischte mit einem schmutzigen Lumpen rote Flecken von seiner Klinge. Sie starrten den Zylinder an.

Coilla brach das Schweigen: »Ist es das, Stryke?«

»Ja. Ihre Beschreibung passt darauf.«

»Sieht nicht so aus, als wäre es so viele Leben wert«, bemerkte Jup.

Stryke griff nach dem Zylinder und untersuchte ihn kurz, bevor er ihn in seinen Gürtel schob. »Ich bin nur ein bescheidener Hauptmann. Natürlich hat unsere Gebieterin jemandem so Unwichtigen keine Einzelheiten mitgeteilt.« Sein Tonfall war zynisch.

Coilla runzelte die Stirn. »Ich verstehe nicht, warum dieses letzte Geschöpf sein Leben weggeworfen hat, um eine Frau und deren Sprössling zu beschützen.«

»Hat überhaupt irgendetwas einen Sinn, das Menschen tun?«, erwiderte Stryke. »Ihnen fehlt die Gelassenheit von uns Orks.«

Das Weinen des Säuglings steigerte sich zu einem Dauergeplärr.

Stryke drehte sich zu ihm um und sah ihn an. Seine grüne Vipernzunge huschte über scheckige Lippen. »Seid ihr auch so hungrig wie ich?«, fragte er.

Sein Scherz löste die Anspannung. Sie lachten.

»Genau das würden sie von uns erwarten«, sagte Coilla, indem sie den Säugling im Nacken packte und aufnahm. Während sie ihn mit einer Hand auf gleicher Höhe mit ihrem Gesicht hielt, starrte sie auf seine tränenden blauen Augen und die plumpen Wangen mit den Grübchen darin. »Aber, ihr Götter, diese Dinger sind vielleicht hässlich.«

»Das kannst du laut sagen«, pflichtete Stryke ihr bei.

2

Stryke führte Jup und die anderen Orks aus dem Raum. Coilla trug den Säugling mit einer Miene des Abscheus.

Haskeer erwartete sie am Fuß der Treppe. »Alles gefunden?«, fragte er.

Stryke klopfte auf den Zylinder in seinem Gürtel. »Fackelt die Bude ab.« Er ging zur Tür.

Haskeer zeigte auf zwei Soldaten. »Ihr beide. An die Arbeit. Alle anderen, raus!«

Coilla versperrte einem verblüfften Gemeinen den Weg und drückte ihm den Säugling in die Hand. »Reite in die Ebene und leg das hier irgendwohin, wo die Menschen es finden werden. Und versuch … sanft mit dem Ding umzugehen.« Sie eilte erleichtert davon. Der Soldat ging und hielt das Bündel, als enthalte es Eier, einen verwirrten Ausdruck im Gesicht.

Alles befand sich im Aufbruch. Die auserwählten Brandstifter fanden Lampen und fingen an, Öl zu verspritzen. Als sie fertig waren, entließ Haskeer sie und holte einen Feuerstein aus seinem Stiefel. Er riss ein Stück Stoff vom Hemd eines toten Verteidigers ab und tunkte den Fetzen in Öl, dann entzündete er den Lappen mit einem Funken, warf ihn und rannte davon.

Mit einem Ffummp loderten gelbe Flammen auf. Feuerwände breiteten sich über den Boden aus.

Ohne sich auch nur umzudrehen, trabte er über den Hof, um seine Gefährten einzuholen.

Sie waren bei Alfray. Wie üblich betätigte sich der Gefreite als Feldarzt für den Kriegstrupp, und als Haskeer eintraf, befestigte er gerade die letzte Stütze an der improvisierten Schiene eines Soldaten.

Stryke wollte eine Verlustmeldung.

Alfray zeigte auf die Leichen zweier toter Kameraden, die nicht weit entfernt im Gras lagen. »Slettal und Wrelbyd. Abgesehen von diesen beiden noch drei Verwundete, obwohl keiner von den dreien daran sterben wird. Ungefähr ein Dutzend hat den üblichen Kleinkram abbekommen.«

»Also sind fünf außer Gefecht, sodass wir einschließlich der Offiziere noch fünfundzwanzig Mann zählen.«

»Was ist bei einem solchen Unternehmen ein akzeptabler Verlust?«, fragte Coilla.

»Neunundzwanzig Mann.«

Sogar der Soldat mit der Schiene fiel in das Gelächter ein. Obwohl sie wussten, dass ihr Hauptmann keine Witze machte, wenn es hart auf hart kam.

Nur Coilla blieb ernst, und ihre Nüstern bebten ein wenig, da sie nicht wusste, ob er sie wieder zur Zielscheibe des Spotts auserkoren hatte, weil sie der neuste Rekrut war.

Sie muss noch viel lernen, sann Stryke. Und sie tut es besser schnell.

»Unten geht es ruhiger zu«, meldete Alfray über den Verlauf der Schlacht in der Ebene. »Es ist zu unseren Gunsten ausgegangen.«

»Wie erwartet«, erwiderte Stryke. Er machte einen gelangweilten Eindruck.

Alfray bemerkte Coillas Wunde. »Soll ich mir das ansehen?«

»Es ist nichts. Später.« An Stryke gewandt, fügte sie steif hinzu: »Sollten wir nicht aufbrechen?«

»Alfray, such einen Karren für die Verwundeten. Überlasst die Toten den Plünderern und Aasfressern.« Er wandte sich an die neun oder zehn Gemeinen, die herumhingen und zuhörten. »Macht euch bereit für einen Gewaltmarsch zurück nach Grabhügelstein.«

Sie zogen lange Gesichter.

»Die Nacht bricht bald herein«, bemerkte Jup.

»Und wenn schon. Wir können trotzdem marschieren, oder nicht? Es sei denn, ihr habt alle Schiss vor der Dunkelheit!«

»Armselige, verdammte Infanterie«, murmelte ein Gemeiner im Vorbeigehen.

Stryke verpasste ihm einen kräftigen Tritt in den Hintern. »Und vergiss das ja nicht, du erbärmlicher kleiner Wicht!«

Der Soldat ächzte und hinkte eilig davon.

Diesmal lachte Coilla mit den anderen.

Von der Viehkoppel drang Lärm herüber, eine Mischung aus Gebrüll und zwitscherndem Gekreisch. Stryke machte sich auf den Weg, Haskeer und Jup folgten ihm. Coilla blieb bei Alfray.

Zwei Soldaten lehnten am Koppelzaun und betrachteten die Tiere.

»Was ist los?«, wollte Stryke wissen.

»Sie sind verschreckt«, antwortete einer der Soldaten. »Sie sollten nicht so eingepfercht sein. Das ist nicht natürlich.«

Stryke ging zum Zaun, um selbst einen Blick darauf zu werfen.

Das nächste Tier war nicht weiter als eine Schwertlänge entfernt. Doppelt so groß wie ein Ork, stand es hoch aufgerichtet da, das Gewicht ganz auf den kräftigen Hinterbeinen und die Krallenfüße halb im Boden vergraben. Die Brust des katzenhaften Leibs war angeschwollen, das kurze, staubig gelbe Fell gesträubt. Der Adlerkopf bewegte sich ruckartig und krampfhaft, und der gekrümmte Schnabel klapperte nervös. Die riesigen Augen, pechschwarze Kreise vor reinweißem Hintergrund, standen nie still. Die Ohren waren gespitzt und bebten aufmerksam.

Das Tier war offensichtlich aufgeregt, dennoch verlieh ihm seine aufrechte Pose eine sonderbare Würde.

Die über hundert Tiere starke Herde war zum größten Teil auf allen vieren, den Rücken zum Buckel gekrümmt. Hier und da standen auch Paare aufrecht und schlugen mit dünnen Ärmchen aufeinander ein, die tückisch scharfen Krallen ausgefahren. Ihre langen Ringelschwänze peitschten rhythmisch hin und her.

Ein Windbö wehte ihnen den Gestank des Dungs der Greife zu.

»Gant hat Recht«, bemerkte Haskeer mit einem Nicken in Richtung des Soldaten. »Ihr Pferch sollte ganz Maras-Dantien sein.«

»Sehr poetisch, Feldwebel.«

Wie beabsichtigt, verletzte Strykes Spott Haskeers Stolz. Er sah so verlegen aus, wie dies einem Ork überhaupt möglich war. »Ich meinte nur, dass es typisch für Menschen ist, wilde Tiere einzupferchen«, sprudelte es abwehrend aus ihm hervor. »Und wir wissen alle, dass sie mit uns dasselbe anstellen würden, wenn wir sie ließen.«

»Ich weiß nur«, warf Jup ein, »dass diese Greife schlecht riechen und gut schmecken.«

»Wer hat dich gefragt, du kleiner Zeckenschiss?«, fuhr Haskeer auf.

Jup fühlte sich beleidigt und machte Anstalten, mit gleicher Münze zurückzuzahlen.

»Haltet das Maul, alle beide!«, schnauzte Stryke. Er wandte sich an die Soldaten. »Schlachtet ein Paar als Proviant und lasst den Rest frei, bevor wir aufbrechen.«

Er ging weiter. Jup und Haskeer folgten ihm, wobei sie mörderische Blicke wechselten.

Das Feuer griff im Haus um sich. Flammen waren jetzt auch in den oberen Fenstern zu sehen, und aus der Haustür wallte Rauch.

Sie erreichten die zerstörten Tore des Gehöfts. Als sie ihren Oberbefehlshaber kommen sahen, richteten sich die dort postierten Wachen auf und täuschten Wachsamkeit vor. Stryke stauchte sie nicht zusammen. Er war mehr daran interessiert, was in der Ebene vorging. Die Kämpfe hatten aufgehört, da die Verteidiger entweder tot oder geflohen waren.

»Die Schlacht zu gewinnen ist eine nette Dreingabe«, stellte Haskeer fest, »wenn man bedenkt, dass sie nur als Ablenkung gedacht war.«

»Sie waren in der Unterzahl. Wir haben den Sieg verdient. Aber kein unbedachtes Gerede über Ablenkungen, nicht außerhalb des Trupps. Es wäre nicht gut, das Pfeilfutter wissen zu lassen, dass die ganze Schlacht nur angezettelt wurde, um unsere Mission zu verschleiern.« Seine Hand fuhr unwillkürlich zum Zylinder.

Tief unter ihnen liefen die Sammler von einem Gefallenen zum anderen und nahmen ihnen Waffen, Stiefel und alles andere ab, was einen Nutzen hatte. Andere Trupps waren abkommandiert worden, um die verwundeten Feinde und jene aus den eigenen Reihen zu erledigen, denen nicht mehr zu helfen war. Die ersten Scheiterhaufen brannten bereits.

In der zunehmenden Dämmerung wurde es allmählich kälter. Eine eisige Brise peitschte Strykes Gesicht. Er schaute über das Schlachtfeld auf die weiter entfernte Prärie und die nächsten baumbedeckten Hügel. Durch die länger werdenden Schatten weicher gezeichnet, war es eine Szene, wie sie auch seine Vorfahren erblickt haben mochten. Abgesehen vom fernen Horizont, wo die schwachen Umrisse der vorrückenden Gletscher als dünner Streifen aus leuchtendem Weiß zu erkennen waren.

Wie schon tausend Mal zuvor verfluchte Stryke im Stillen die Menschen dafür, dass sie Maras-Dantiens Magie aufgezehrt hatten.

Stryke schüttelte den Gedanken ab und wandte sich praktischen Dingen zu. Da war noch etwas, das er Jup fragen wollte. »Was hast du empfunden, als du deinen Zwergengenossen im Haus getötet hast?«

»Empfunden?« Der untersetzte Feldwebel blickte verwirrt drein. »Dasselbe wie sonst auch, wenn ich jemanden töte. Und er war nicht der Erste. Jedenfalls war er kein Zwergengenosse. Er gehörte nicht einmal zu einem Stamm, denn ich kenne.«

Haskeer, der den Vorfall nicht miterlebt hatte, wurde neugierig. »Du hast einen deiner eigenen Art getötet? Dein Drang, dich zu beweisen, muss tatsächlich sehr stark sein.«

»Er hat die Partei der Menschen ergriffen, und das machte ihn zu einem Feind. Ich verspüre keinen Drang, irgendwas zu beweisen!«

»Ach nein? Wo sich so viele von deinen Klans auf die Seite der Menschen schlagen und du der einzige Zwerg bei den Vielfraßen bist? Ich glaube, du hast eine Menge zu beweisen.«

Die Adern in Jups Nacken traten hervor wie straffe Kordeln. »Was willst du damit sagen?«

»Ich frage mich nur, ob wir deinesgleichen in unseren Reihen brauchen.«

Ich sollte dem Einhalt gebieten, dachte Stryke, aber es braut sich schon zu lange zusammen. Vielleicht ist es an der Zeit, dass sie es sich gegenseitig aus dem Leib prügeln.

»Ich habe mir meine Feldwebel-Streifen bei diesem Trupp verdient!« Jup zeigte auf die halbmondförmigen Tätowierungen auf seinen zorngeröteten Wangen. »Dafür war ich gut genug!«

»Du warst?«, höhnte Haskeer.

Coilla, Alfray und mehrere Soldaten trafen vom Streit angelockt ein. Mehr als einer der Soldaten hatte angesichts der Aussicht auf eine Schlägerei zwischen Offizieren eine hämische Miene aufgesetzt. Oder in Erwartung von Jups Niederlage.

Jetzt wurden offen Beleidigungen ausgetauscht, von denen die meisten die Abstammung der beiden Feldwebel betrafen. Um eine ganz bestimmte Feststellung zu entkräften, packte Haskeer Jup am Bart und zog kräftig daran.

»Sag das noch mal, du wehleidige kleine Filzkugel!«

Jup riss sich los. »Ich kann mir wenigstens Haare wachsen lassen! Ihr Orks habt Köpfe wie der Arsch eines Menschen!«

Es sah so aus, als würden Worte Taten weichen. Sie bauten sich mit geballten Fäusten voreinander auf.

Ein Soldat bahnte sich unter Einsatz seiner Ellbogen einen Weg durch die Zuschauermenge. »Hauptmann! Hauptmann!«

Die Zuschauer waren nicht gerade begeistert über die Störung. Ein allgemeines Ächzen der Enttäuschung war zu hören.

Stryke seufzte. »Was ist denn?«

»Wir haben etwas entdeckt, das Sie sich ansehen sollten, Hauptmann.«

»Kann das nicht warten?«

»Ich glaube nicht, Hauptmann. Es sieht wichtig aus.«

»Also schön. Hört auf, ihr zwei.« Haskeer und Jup rührten sich nicht. »Es reicht«, knurrte er drohend. Sie senkten die Fäuste und wichen zurück, widerwillig und immer noch hasserfüllt.

Stryke trug den Wachen auf, niemanden durchzulassen, und befahl den Übrigen, sich wieder an die Arbeit zu machen. »Das hat es hoffentlich in sich, Soldat.«

Der Soldat führte Stryke zurück in den Hof. Coilla, Jup, Alfray und Haskeer, deren Neugier geweckt war, trotteten hinterher.

Das Haus brannte jetzt wie Zunder, und die Flammen leckten bereits aus dem Dach. Sie konnten die Hitze, die es verströmte, noch bei den Obstbäumen spüren, wo der Soldat scharf nach links abbog. Die höheren Äste der Bäume brannten, da jede Windbö einen Funkenschauer auf sie niedergehen ließ.

Nachdem sie die Obstbäume hinter sich gelassen hatten, kamen sie zu einer hölzernen Scheune, deren Doppeltor weit offen stand. Drinnen standen zwei weitere Soldaten mit brennenden Fackeln. Einer inspizierte den Inhalt eines Jutesacks. Der zweite war auf den Knien und starrte durch eine angehobene Falltür nach unten.

Stryke ging in die Hocke, um sich den Sack anzusehen, während sich die anderen um ihn versammelten. Er war mit winzigen durchsichtigen Kristallen gefüllt. Sie hatten einen leicht violett-rosa Schimmer.

»Pelluzit«, sagte Coilla im Flüsterton.

Alfray befeuchtete einen Finger und tauchte ihn in die Kristalle. Er nahm eine Kostprobe. »Allerbeste Qualität.«

»Und sehen Sie mal hier, Hauptmann.« Der Soldat zeigte auf die Falltür.

Stryke nahm dem knienden Soldat die Fackel ab. Ihr flackernder Schein zeigte ihm einen kleinen Keller gerade so hoch, dass ein Ork darin stehen konnte, ohne sich bücken zu müssen. Auf dem Boden aus gestampfter Erde lagen zwei weitere Säcke.

Jup stieß einen anerkennenden Pfiff aus. »Das ist mehr, als ich bisher in meinem ganzen Leben gesehen habe.«

Haskeer, der seinen Disput mit dem Zwerg einstweilen vergessen hatte, nickte zustimmend. »Das stellt einen ziemlichen Wert dar!«

»Wie wär’s mit einer Kostprobe?«, schlug Jup hoffnungsvoll vor.

Auch Haskeer reichte sein förmliches Gesuch ein. »Das kann nicht schaden, Hauptmann. Haben wir uns das nicht verdient, nachdem wir diesen Auftrag erledigt haben?«

»Ich weiß nicht …«

Coilla schaute nachdenklich drein, hielt aber den Mund.

Alfray beäugte skeptisch den Zylinder in Strykes Gürtel. »Es wäre nicht klug, die Königin zu lange warten zu lassen.«

Stryke schien ihn nicht zu hören. Er nahm eine Hand voll der feinen Kristalle und ließ sie langsam durch die Finger rieseln. »Dieser Vorrat ist ein kleines Vermögen in Geld und Einfluss wert. Überlegen Sie mal, wie er unserer Gebieterin die Schatzkammer füllen würde.«

»Genau«, bestätigte Jup eifrig. »Sehen Sie es doch mal von ihrem Standpunkt. Wir haben unseren Auftrag erfolgreich beendet, ein Sieg in der Schlacht und ein Königreich in Kristallblitz erbeutet. Sie wird Sie wahrscheinlich befördern!«

»Denken Sie darüber nach, Hauptmann«, sagte Haskeer. »Wenn der Stoff erst in der Hand der Königin ist, wie viel werden wir wohl je davon sehen? In ihr steckt genug von einem Menschen, dass die Antwort auf diese Frage kein Rätsel für mich ist.«

Das gab den Ausschlag.

Stryke wischte sich die letzten Kristalle von den Händen. »Was sie nicht weiß, macht sie nicht heiß«, entschied er, »und ein oder zwei Stunden später von hier aufzubrechen macht keinen großen Unterschied. Und wenn sie sieht, was wir mitgebracht haben, wird sogar Jennesta zufrieden sein.«

3

Manche tragen es mit Würde und Nachsicht, wenn sie ihren Willen nicht bekommen. Andere betrachten Hemmnisse für ihre Zufriedenheit als unerträgliche Bürden. Erstere verkörpern einen bewundernswerten Gleichmut. Letztere sind gefährlich.

Königin Jennesta gehörte mit Bestimmtheit in die zweite Kategorie. Und sie wurde langsam ungeduldig.

Der Kriegstrupp, den sie mit der geheiligten Mission beauftragt hatte, die Vielfraße, war noch nicht zurückgekehrt. Sie wusste, dass die Schlacht vorbei und zu ihren Gunsten ausgegangen war, aber sie hatten ihrer Herrscherin nicht gebracht, was sie ersehnte.

Wenn sie kamen, würde sie ihnen bei lebendigem Leib die Haut abziehen lassen. Falls sie versagt hatten, erwartete sie ein weit schlimmeres Schicksal.

Eine Unterhaltung war für sie vorbereitet worden, während sie wartete. Sie war nötig und praktisch und versprach noch dazu ein gewisses Vergnügen. Wie üblich, würde sie hier in ihrem Allerheiligsten stattfinden, dem innersten ihrer Privatgemächer.

Die Kammer, tief unter ihrem Palast in Grabhügelstein, war aus Stein. Ein Dutzend Säulen stützten die leicht gewölbte Decke. Ein paar verstreute Kerzenleuchter und tropfende Fackeln sorgten für gerade genug Licht, denn Jennesta bevorzugte Schatten.

Wandbehänge stellten komplizierte kabbalistische Symbole dar. Die vom Zahn der Zeit angenagten Granitplatten des Bodens waren mit Webteppichen bedeckt, deren Muster von gleichermaßen geheimnisvoller Art waren. Ein hochlehniger Holzstuhl, kunstfertig geschnitzt, aber doch kein richtiger Thron, stand neben einer Eisenpfanne mit glühenden Kohlen.

Zwei Dinge beherrschten den Raum. Das eine war ein Quader aus schwarzem Marmor, der als Altar diente. Das andere befand sich vor und unterhalb des Altars, war aus demselben Material, nur weiß, und hatte die Form eines langen niedrigen Tisches oder einer Couch.

Ein silberner Kelch stand auf dem Altar. Daneben lag ein Krummdolch, dessen Knauf mit goldenen Intarsien verziert und in dessen Klinge Runenzeichen eingeätzt waren. Wiederum daneben lag ein kleiner Hammer mit schwerem, abgerundetem Kopf. Er war auf ähnliche Weise verziert und beschriftet.

An beiden Enden der Marmorplatte waren Handschellen angebracht. Sie strich langsam und sacht mit den Fingerspitzen über ihre Oberfläche. Die glatte Kühle des Marmors fühlte sich sinnlich an.

Ein Klopfen an der beschlagenen Eichentür unterbrach ihre Versunkenheit.

»Herein.«

Zwei Imperiale Wachen scheuchten einen menschlichen Gefangenen mit ihren Speerspitzen in das Gemach. Mit Ketten an Händen und Füßen gefesselt, trug der Mann nur ein Lendentuch. Etwa dreißig Lenze alt, war er ein typisches Exemplar seiner Rasse, da er die Orks, die ihn vor sich her trieben, um Kopf und Schultern überragte. Blutergüsse verfärbten sein Gesicht. Seine blonden Haupt- und Barthaare waren blutverkrustet. Er ging steif, was teils an den Fußfesseln lag, hauptsächlich aber an der Auspeitschung, die ihm nach seiner Gefangennahme in der Schlacht verabreicht worden war. Sein Rücken war kreuz und quer mit leuchtend roten Striemen übersät.

»Ah, mein Gast ist eingetroffen. Sei gegrüßt.« Der honigsüße Tonfall der Königin war blanker Hohn.

Er sagte nichts.

Während sie sich mit trägen Bewegungen näherte, riss eine der Wachen an der Kette, mit welcher die Handgelenke des Gefangenen gefesselt waren. Der Mann zuckte zusammen. Jennesta begutachtete seine robuste, muskulöse Gestalt und kam zu dem Schluss, dass er für ihre Zwecke geeignet war.

Er musterte sie daraufhin seinerseits, und seine Miene verriet unzweifelhaft, dass ihn verwirrte und bestürzte, was er sah.

Mit der Form ihres Gesichts stimmte etwas nicht. Es war ein wenig zu platt, eine Spur breiter an den Schläfen, als es hätte sein dürfen, und es verjüngte sich zu einem Kinn, das spitzer war, als angemessen schien. Ebenholzfarbene Haare mit so ausgeprägtem Glanz, dass sie nass aussahen, fielen bis zur Taille. Ihre dunklen, unergründlichen Augen hatten eine Schräglage, die ihre außerordentlich langen Wimpern nur noch betonten. Die Nase war ein wenig gebogen, und der Mund wirkte übermäßig breit.

Eigentlich war nichts davon unangenehm. Vielmehr war es so, als seien ihre Züge eine Abweichung von der Norm der Natur und ihrer ganz eigenen Evolution gefolgt. Das Resultat war verblüffend.

Auch ihre Haut war nicht ganz richtig. Der flackernde Kerzenschein erweckte in diesem Augenblick den Eindruck einer smaragdgrünen Tönung und im nächsten den eines silbrigen Glanzes, als sei sie mit winzigsten Fischschuppen bedeckt. Sie trug ein langes scharlachrotes Kleid, das ihre Schultern unbedeckt ließ und an den Umrissen ihres üppigen Körpers klebte. Ihre Füße waren nackt.

Sie war ohne jeden Zweifel attraktiv. Aber ihre Schönheit hatte etwas entschieden Beunruhigendes. Ihre Wirkung auf den Gefangenen bestand darin, dass sie einerseits sein Blut in Wallung brachte und andererseits Gefühle der Abscheu in ihm hervorrief. In einer Welt, in der es von rassischer Vielfalt nur so wimmelte, lag sie außerhalb seines Erfahrungshorizonts.

»Du erweist mir nicht die gebührende Achtung«, sagte sie. Ihre bemerkenswerten Augen waren faszinierend. Sie weckten in ihm das Gefühl, nichts vor ihnen verbergen zu können.

Der Gefangene riss sich aus den Tiefen dieses verschlingenden Blicks. Trotz seiner Schmerzen lächelte er, wenn auch zynisch. Er warf einen Blick auf die Ketten, die ihn banden, und ergriff zum ersten Mal das Wort. »Selbst wenn ich dazu bereit wäre, könnte ich es nicht.«

Jennestas Lächeln war zutiefst beunruhigend. »Es wird meinen Wachen ein Vergnügen sein, dir behilflich zu sein«, erwiderte sie fröhlich.

Die Soldaten zwangen ihn grob auf die Knie.

»Das ist schon besser.« Aus ihrer Stimme troff künstliche Lieblichkeit.

Ob der zusätzlichen Unannehmlichkeit keuchend, fielen ihm ihre Hände auf. Ihre schlanken Finger mit den langen spitzen Nägeln grenzten ans Abnormale. Sie trat neben ihn und streckte eine Hand aus, um die Striemen auf seinem Rücken zu berühren. Das geschah sanft, aber er zuckte dennoch zusammen. Sie zog die hochroten Linien mit den Spitzen ihrer Nägel nach, was Rinnsale frischen Bluts daraus hervorquellen ließ. Er stöhnte. Sie unternahm keinen Versuch, ihr Behagen zu verbergen.

»Sei verflucht, du heidnische Schlampe«, zischte er schwach.

Sie lachte. »Ein typischer Uni. Jeder, der eure Art ablehnt, muss ein Heide sein. In Wirklichkeit seid ihr mit euren abwegigen Vorstellungen von einer einzigen Gottheit die Ungläubigen.«

»Während du den alten, toten Göttern anhängst, die von ihresgleichen angebetet werden«, konterte er mit einem funkelnden Blick auf die Ork-Wachen.

»Wie wenig du weißt. Der Manni-Glaube huldigt noch viel älteren Göttern. Lebendigen Göttern, im Gegensatz zu dem Trugbild, an das ihr euch klammert.«

Er hustete, und seine Gestalt wurde jämmerlich geschüttelt. »Du bezeichnest dich als Manni?«

»Und wenn?«

»Die Mannis sind im Irrtum, aber wenigstens sind sie Menschen.«

»Hingegen bin ich keiner und kann mich daher nicht dazu bekennen? Deine Ignoranz würde den Graben um diesen Palast füllen, Bauer. Der Weg der Mannigfaltigkeit ist für alle da. Trotz allem bin ich zu einem Teil Mensch.«

Er hob die Augenbrauen.

»Hast du noch nie eine Hybride gesehen?« Sie wartete seine Antwort nicht ab. »Offensichtlich nicht. Ich bin nyadischer und menschlicher Abstammung und vereinige das Beste beider Rassen in mir.«

»Das Beste? So eine Vereinigung ist … widernatürlich!«

Die Königin fand das noch amüsanter und warf den Kopf in den Nacken, um wiederum zu lachen. »Genug davon. Du bist nicht hier, um mit mir zu diskutieren.« Sie nickte den Soldaten zu. »Macht ihn bereit.«

Er wurde auf die Beine gerissen und dann zu der Marmorplatte gezerrt, wo sie ihn an Armen und Beinen packten. Der Schmerz, ohne viel Federlesens auf die Platte fallen gelassen zu werden, ließ ihn aufschreien. Er blieb liegen, keuchend und mit Tränen in den Augen. Sie entfernten die Ketten und fesselten ihn mit den Hand- und Beinschellen.

Jennesta ließ die Wachen barsch wegtreten. Sie verbeugten sich und stolperten hinaus.

Sie ging zur Kohlenpfanne und streute pulverisiertes Räucherwerk auf die Glut. Ein berauschender Duft stieg auf. Sie ging zum Altar und nahm den Zeremoniendolch und den Kelch.

Mit großer Mühe wandte der Mann den Kopf in ihre Richtung. »Gewähre mir wenigstens die Gnade eines schnellen Todes«, flehte er.

Jetzt stand sie vor ihm, den Dolch in der Hand. Er holte hörbar Luft und stimmte irgendein Gebet oder eine Beschwörung an. Seine Panik verzerrte die Worte zu einem unverständlichen Gebrabbel.

»Du schnatterst Unsinn«, schalt sie. »Halt deine Zunge im Zaum.« Mit der Klinge in der Hand beugte sie sich über ihn und schnitt das Lendentuch durch.

Sie durchtrennte den Stoff und schlug ihn beiseite. Während sie den Dolch auf den Rand der Marmorplatte legte, betrachtete sie ihn in seiner Nacktheit.

Vollkommen verwirrt stammelte er: »Was …?« Sein Gesicht rötete sich vor Verlegenheit. Er schluckte und wand sich.

»Ihr Unis habt eine sehr unnatürliche Einstellung zu eurem Körper«, teilte sie ihm sachlich mit. »Ihr empfindet Scham, wo es keine geben dürfte.«

Sie hob mit einer Hand seinen Kopf und hielt ihm mit der anderen den Kelch an die Lippen. »Trink«, befahl sie, indem sie das Gefäß entschlossen kippte.

Genug von dem Trank rann durch seine Kehle, bevor er würgte und in die Wandung des Kelchs biss. Sie nahm das Gefäß weg und ließ ihn husten und speien. Ein wenig von der urinfarbenen Flüssigkeit lief ihm aus den Mundwinkeln.

Die Wirkung trat schnell ein, war aber nur von kurzer Dauer, also verschwendete sie keine Zeit. Sie löste die Schnüre ihres Kleids und ließ es zu Boden gleiten.

Er starrte sie mit weit aufgerissenen Augen an. Sein Blick fiel auf ihre üppigen Brüste und glitt ihren straffen Bauch herab zur ansprechenden Wölbung ihrer Hüften, zum langen, kurvenreichen Schwung ihrer Beine und zum verschwenderisch flaumigen Hügel im Schritt.

Jennesta besaß eine körperliche Vollkommenheit, welche die üppigen Reize einer Menschenfrau mit dem fremdartigen Erbgut ihres hybriden Ursprungs vereinte. Er hatte noch niemals etwas Vergleichbares gesehen.

Was sie betraf, so erkannte sie in ihm ein Ringen zwischen der Prüderie seiner Uni-Erziehung und dem angeborenen Hunger männlicher Begierde. Das Aphrodisiakum würde dabei helfen, die Waagschale in die richtige Richtung ausschlagen zu lassen, und darüber hinaus die Schmerzen seiner Auspeitschung betäuben. Wenn es sein musste, konnte sie auf die Überzeugungskräfte ihrer Zauberei zurückgreifen. Doch sie wusste, dass der beste Anreiz keiner Magie bedurfte.

Sie glitt auf die Kante der Marmorplatte und brachte ihr Gesicht nah an seines. Die sonderbare, süßliche Würze ihres Atems weckte ein Kribbeln in seinen Nackenhaaren. Sie blies ihm sanft ins Ohr und flüsterte schockierend freizügige Worte. Er errötete abermals, diesmal jedoch nicht gänzlich aus Scham.

Schließlich fand er seine Stimme wieder. »Warum quälst du mich so?«

»Du quälst dich selbst«, erwiderte sie heiser, »indem du dir die Freuden des Fleisches versagst.«

»Hure!«

Kichernd beugte sie sich weiter vor, sodass die Spitzen ihrer schaukelnden Brüste seine Brust kitzelten. Sie tat so, als wolle sie ihn küssen, zog sich aber im letzten Moment zurück. Sie befeuchtete ihre Finger und ließ sie langsam um seine Brustwarzen kreisen, bis sie sich aufrichteten. Sein Atem ging schwerer. Die Wirkung des Tranks setzte ein.

Laut schluckend brachte er so viel Entschlossenheit auf, zu stammeln: »Die Vorstellung, mit dir zu verkehren, ist mir widerlich.«

»Tatsächlich?« Sie kroch förmlich an ihm empor und setzte sich rittlings auf ihn, sodass sich ihre Schamhaare gegen seinen Unterleib pressten. Er wehrte sich gegen die Handschellen, aber nur schwach.

Jennesta genoss seine Erniedrigung, die Aufweichung seiner Entschlossenheit. Das verstärkte ihre eigene Erregung. Sie öffnete den Mund und streckte eine Zunge heraus, die für die Größe ihrer Mundhöhle überlang zu sein schien. Sie fühlte sich rau an, als sie begann, seinen Hals und seine Schultern zu lecken.

Ohne es zu wollen, wurde er erregt. Sie presste die Beine noch fester in die Flanken seines schweißnassen Körpers und liebkoste ihn mit neuerlicher Leidenschaft. Eine rasche Abfolge von Gefühlen huschte über sein Gesicht: Erwartung, Ekel, Faszination, Begierde. Furcht.

Halb schrie er, halb schluchzte er: »Nein!«

»Aber du willst es doch«, beschwichtigte sie ihn. »Warum würdest du dich sonst für mich bereit machen?« Sie hob sich ein wenig, ergriff seine Männlichkeit und führte sie ein.

Sie bewegte sich langsam auf ihm, und ihre geschmeidige Gestalt hob und senkte sich in einem bedächtigen, gemächlichen Rhythmus. Sein Kopf fiel von einer Seite auf die andere, die Augen glasig, den Mund weit aufgerissen. Sie erhöhte das Tempo. Er wand sich und begann zu stöhnen. Die Bewegung wurde schneller. Er reagierte darauf, zaghaft zunächst, dann mit kräftigen, härteren Stößen. Jennesta schlug ihre Haare zurück. Die Wolke rabenschwarzer Locken fing das Licht in winzigen Funken, die sie in einen Feuerschein zu hüllen schienen.

In dem Bewusstsein, dass er jeden Augenblick seinen Samen verspritzen würde, ritt sie ihn gnadenlos im Bestreben nach einer wollüstigen, zügellosen Ekstase. Er wand, bockte und krampfte sich zum Höhepunkt.

Plötzlich hatte sie den Dolch in beiden Händen und hob ihn hoch.

Orgasmus und Entsetzen kamen gleichzeitig.

Die Klinge fuhr in seine Brust, wieder und immer wieder. Er kreischte entsetzlich und schürfte sich die Haut an den Gelenken ab, da er sich gegen die Hand- und Fußfesseln wehrte. Sie stach und hackte ungerührt weiter und durchbohrte sein Fleisch.

Seine Schreie wichen einem nassen Gurgeln. Dann fiel sein Kopf mit einem satten Knall zurück, und er bewegte sich nicht mehr.

Sie warf den Dolch weg und wühlte mit den Händen in der blutigen Höhlung herum. Als die Rippen entblößt waren, nahm sie den Hammer und schlug auf sie ein. Weiße Knochensplitter flogen, als sie brachen. Nachdem dieses Hindernis entfernt war, ließ sie den Hammer fallen und krallte sich durch die Organe, bis zu den Ellbogen blutverschmiert, um sein immer noch schwach schlagendes Herz zu packen. Mit einem Ruck riss sie es heraus.

Sie hob das tropfende Organ an ihre geöffneten Lippen und schlug die Zähne in seine warme Weichheit.

So groß ihre sexuelle Befriedigung auch gewesen war, sie war nichts im Vergleich zu der Erfüllung, die sie jetzt erlebte. Mit jedem Bissen verstärkte die Lebenskraft ihres Opfers ihre eigene. Sie spürte, wie der Zustrom sie körperlich erfrischte und die Quelle auffüllte, aus der sie ihre lebenswichtigen magischen Energien bezog.

Mit untergeschlagenen Beinen auf der dampfenden Brust des Leichnams sitzend, Gesicht, Brüste und Hände blutverschmiert, nahm sie glücklich ihre Mahlzeit ein.

Schließlich war sie gesättigt. Einstweilen.

Während sie sich die Finger ableckte, kam eine junge schwarz-weiße Katze aus einer dunklen Ecke der Kammer geschlichen. Sie miaute.

»Hierher, Saphir«, lockte Jennesta, indem sie sich auf den Oberschenkel klopfte.

Die Katze sprang mühelos auf die Marmorplatte und schmiegte sich an ihr Frauchen, um sich kraulen zu lassen. Dann beschnüffelte sie die verstümmelte Leiche und leckte die offene Wunde ab.

Mit einem nachsichtigen Lächeln erhob sich die Königin von der Marmortafel und ging zu einer samtenen Klingelschnur.

Die Ork-Wachen zögerten keinen Augenblick, ihrem Ruf zu folgen. Falls sie irgendetwas im Angesicht des sich ihnen bietenden Anblicks empfanden, ließen sie es sich nicht anmerken.

»Schafft den Kadaver weg«, befahl sie.

Bei ihrer Annäherung huschte die Katze in die Schatten. Die Wachen machten sich an den Fesseln zu schaffen.

»Gibt es Neuigkeiten, was die Vielfraße betrifft?«, fragte Jennesta.

»Keine, o Königin«, erwiderte eine der Wachen, ohne ihrem Blick zu begegnen.

Das war nicht das, was sie hören wollte. Die wohltuende Wirkung der Erfrischung ließ bereits nach. Königliches Missvergnügen stellte sich ein.

Im Stillen schwor sie, dass die Vielfraße auf eine Weise sterben würden, die ihre schlimmsten Albträume übertraf.

*

Zwei Gemeine der Vielfraße lagen ausgestreckt an einen Baumstamm gelehnt, von einem Schwarm winziger Feen verzaubert, die über ihren Köpfen flatterten und herumtollten. Weiches buntes Licht schillerte auf den Flügeln der Feen, und ihr sanfter Gesang perlte melodiös durch die spätabendliche Luft.

Einer der Orks griff abrupt zu und schloss sie um einige der Wesen. Sie kreischten jämmerlich. Er stopfte sich ihre sich windenden Leiber in den Mund und kaute geräuschvoll darauf herum.

»Aufreizende kleine Wichte«, murmelte sein Kamerad.

Der erste Soldat nickte weise. »Ja, aber lecker.«

»Und dämlich«, fügte der zweite Soldat hinzu, als sich der Schwarm neu über ihren Köpfen formierte.

Er sah ihnen eine Weile zu und beschloss dann, sich selbst eine Hand voll zu greifen.

Sie saßen kauend da und starrten dumpf auf die rauchenden Trümmer des Bauernhauses auf der anderen Seite des Hofs. Die Feen begriffen endlich, was los war, und flatterten davon.

Ein Augenblick verstrich, ehe der erste Ork sagte: »Ist das gerade wirklich passiert?«

»Was?«

»Das mit den Feen.«

»Feen? Aufreizende kleine Wichte.«

»Ja, aber lecker …« Der leichte Tritt eines Stiefels vor sein Schienbein unterbrach die Unterhaltung.

Sie hatten die Ankunft eines anderen Soldaten nicht bemerkt, der jetzt neben ihnen stand. Er bückte sich grunzend und reichte ihnen eine Tonpfeife. Leicht schwankend stolperte er davon.

Der erste Soldat hob die Pfeife und inhalierte tief.

Sein Kamerad schmatzte und verzog das Gesicht. Er bohrte mit einem schmutzigen Fingernagel zwischen den Vorderzähnen und puhlte etwas heraus, das wie ein winziger glänzender Flügel aussah. Achselzuckend schnippte er ihn ins Gras. Der andere Ork reichte ihm die Pfeife mit dem Pelluzit.

Bei den Überresten des Hauses saßen Stryke, Coilla, Jup und Alfray rings um ein kleines Lagerfeuer und ließen ihre eigene Pfeife herumgehen. Haskeer rührte mit einem Stock in einem schwarzen Kessel herum, der über den knisternden Flammen hing.

»Ich sage es nur noch ein Mal«, sagte Stryke zu ihnen, ein klein wenig aufgebracht. Er zeigte auf den Zylinder in seinem Schoß. »Dieses Ding haben Unis einer schwer bewaffneten Karawane geraubt, nachdem sie die Wachen getötet hatten. Das ist die Geschichte.« Seine Stimme klang immer undeutlicher. »Jennesta will es zurück.«

»Aber warum?«, fragte sich Jup nach einem Zug aus der Pfeife. »Schließlich ist es nur ein Botschafter für Behälter … ich meine, es ist nur ein Behälter für Botschaften.« Blinzelnd reichte er die Pfeife an Coilla weiter.

»Das wissen wir«, erwiderte Stryke und winkte träge ab. »Muss eine wichtige Botschaft sein. Geht uns nichts an.«

Während er eine dampfende, milchigweiße Flüssigkeit aus dem Kessel in Zinnbecher füllte, bemerkte Haskeer: »Ich wette, dieses Pelluzit hat auch zur Fracht der Karawane gehört.«

Alfray, der selbst in seinem gegenwärtigen Zustand seine charakteristische Korrektheit an den Tag legte, versuchte Stryke an dessen Pflichten zu erinnern. »Wir dürfen uns hier nicht zu lange aufhalten, Hauptmann. Wenn die Königin …«

»Kannst du nicht mal ein anderes Lied pfeifen?«, unterbrach Stryke ihn gereizt. »Merk dir meine Worte: unsere Gebieterin wird uns mit offenen Armen empfangen. Du machst dir unnötige Sorgen, Knochensäger.«

Alfray versank in trübsinniges Schweigen. Haskeer bot ihm einen Becher mit der aufgegossenen Droge. Er schüttelte den Kopf. Stryke nahm das Gebräu und trank einen ordentlichen Schluck.

Coilla hatte unter dem Einfluss des Pelluzits mit leerem Blick vor sich hin gedöst. Jetzt sagte sie: »Alfray hat nicht ganz Unrecht. Sich Jennestas Zorn zuzuziehen ist nie ein guter Plan.«

»Musst du auch noch auf mir herumhacken?«, erwiderte Stryke, indem er den Becher hob. »Wir machen uns bald auf den Weg, keine Bange. Oder willst du ihnen ein wenig Muße verwehren?« Er schaute in die Richtung der Obstbäume, wo die meisten Vielfraße es sich gemütlich gemacht hatten.

Die Soldaten des Trupps rekelten sich vor einem großen Feuer. Sie amüsierten sich mit rauem Gelächter, derben Späßen und heiserem Gesang. Ein Paar war mit Armdrücken beschäftigt, mehrere waren in unbeholfener Haltung zusammengesunken.

Stryke wandte sich wieder an Coilla. Aber die Szenerie hatte sich vollkommen verändert.

Sie lag zusammengerollt auf dem Boden und hatte die Augen geschlossen. Alle anderen schliefen ebenfalls, und ein oder zwei schnarchten. Das Feuer war längst erloschen. Er richtete den Blick wieder auf die Gruppe der Gemeinen. Auch sie schliefen, und ihr Feuer war nur noch kalte Asche.

Es war mitten in der Nacht. Die Sterne standen in ihrer ganzen funkelnden Pracht am Himmel.

Was ihm wie ein Augenblick vorgekommen war, hatte sich als Illusion erwiesen.

Er musste alle wecken und die nötigen Befehle für den Marsch nach Grabhügelstein geben. Und das würde er auch. Ganz gewiss würde er.

Aber er musste seine bleischweren Glieder ausruhen und die Benommenheit aus dem Kopf bekommen. Ein oder zwei Minuten waren alles, was er brauchte. Nur eine Minute.

Sein nickender Kopf fiel herunter, und das Kinn schlug auf die Brust.

Eine warme Benommenheit kroch in jede Faser seines Wesens. Es war so schwer, die Augen offen zu halten.

Er kapitulierte vor der Dunkelheit.

4

Er öffnete die Augen.

Die Sonne brannte senkrecht vom Himmel. Er hob eine Hand, um die Augen zu beschatten, und richtete sich blinzelnd auf. Der Teppich aus üppigem Rasen unter seinen Füßen fühlte sich frühlingshaft an.

Vor ihm erhob sich eine entfernte Kette aus sanft gewellten Hügeln. Darüber zogen reinweiße Wolken friedlich über einen makellos blauen Himmel. Die Landschaft war grün und idyllisch.

Zu seiner Rechten wurde die Aussicht vom Rand eines gewaltigen Waldes beherrscht. Zu seiner Linken plätscherte ein Bach den Hang hinunter, bevor er sich um eine Biegung schlängelte und aus seinem Blickfeld verschwand.

Stryke fragte sich staunend, auf eine abstrakte Art und Weise, was aus der Nacht geworden war. Und er hatte keine Ahnung, wo die anderen Vielfraße sein mochten.

Aber diese Fragen beschäftigten nicht mehr als eine winzige Ecke seines Verstandes.

Dann kam es ihm so vor, als könne er über das Plätschern des Bachs noch andere Geräusche hören. Geräusche, die Stimmen ähnelten und Gelächter, und dazu das leise rhythmische Schlagen einer Trommel. Ihr Ursprung war entweder in seinem Kopf oder am Ende des Bachs.

Er folgte dem Bach, indem er in ihm watete, und seine Stiefel knirschten auf den Kieseln, die durch das endlose Polieren des Wassers glatt geschliffen waren. Sein Abstieg verursachte auf beiden Seiten Rascheln im Unterholz, da winzige Wesen verstohlen aus dem Weg huschten.

Eine angenehm warme Brise strich über sein Gesicht. Die Luft war frisch und sauber. Sie bewirkte, dass er sich leicht benommen fühlte.

Er erreichte die Bachbiegung. Die Stimmen wurden deutlicher und lauter, als er der Schleife folgte.

Vor ihm lag der Eingang zu einem kleinen Tal. Der Bach schlängelte sich durch eine Ansammlung runder Holzhütten, die mit Stroh gedeckt waren. Auf der einen Seite stand ein Langhaus, das mit den Schilden eines Klans geschmückt war, den Stryke nicht kannte. Kriegstrophäen hingen ebenfalls dort: Breitschwerter, Speere, die gebleichten Schädel von Säbelzahnwölfen. Die Luft war mit dem Geruch nach Rauch und gebratenem Wild gewürzt.

Es gab angebundene Pferde, streunendes Vieh und umherstolzierendes Geflügel.

Und Orks.

Männer, Frauen, Kinder. Sie erledigten Hausarbeiten, kümmerten sich um Feuer, hackten Holz oder lungerten lediglich herum, da sie den anderen bei der Arbeit zusahen und sich unterhielten. Auf der Lichtung vor dem Langhaus übte eine Gruppe von Anfängern mit Schwert und Stab, während der regelmäßige Schlag auf einen Tamburin den Takt für die Übungskämpfe vorgab.

Niemand schenkte ihm besondere Aufmerksamkeit, als er die Siedlung betrat. Alle Orks trugen Waffen, wie es sich für ihre Art geziemte, aber obwohl ihm dieser Klan unbekannt war, fühlte Stryke sich nicht bedroht. Er empfand nur Neugier.

Jemand kam ihm entgegen. Sie ging mit leichtfüßiger Selbstsicherheit und machte keine Anstalten, nach dem Schwert zu greifen, das in einer Scheide an ihrem Gürtel hing. Sie war einen Kopf kleiner als er selbst, obwohl ihr leuchtend roter Kopfschmuck, der mit goldenen Streifen durchwirkt war, den Größenunterschied ausglich. Ihr Rücken war gerade, ihre Statur auf attraktive Art muskulös.

Sie zeigte keinerlei Überraschung angesichts seiner Anwesenheit. Tatsächlich war ihre Miene beinah ungerührt oder wenigstens so ungerührt, wie ein derart hübsches und ausdrucksstarkes Gesicht es überhaupt sein konnte. Als sie sich ihm näherte, lächelte sie, offen und mit Wärme. Er war sich einer schwachen Regung in seinen Lenden bewusst.

»Einen schönen Tag«, sagte sie.

Da er über ihre Schönheit nachdachte, antwortete er nicht sofort. Als er es tat, geschah es zögerlich. »Einen schönen … Tag.«

»Ich kenne dich nicht.«

»Ich dich auch nicht.«

Sie fragte: »Welchem Klan gehörst du an?«

Er sagte es ihr.

»Der Name sagt mir nichts. Aber es gibt so viele.«

Stryke betrachtete die ihm unbekannten Schilde am Langhaus. »Mir ist dein Klan auch nicht bekannt.« Er hielt inne, von ihren entzückenden Augen wie gebannt, bevor er hinzufügte: »Bist du nicht argwöhnisch einem Fremden gegenüber?«

Das schien sie zu verwirren. »Sollte ich es sein? Herrscht Streit zwischen unseren Klans?«

»Nicht, dass ich wüsste.«

Sie ließ ihre ansprechenden, zugespitzten gelben Zähne aufblitzen. »Dann gibt es keinen Grund zur Vorsicht. Es sei denn, du kommst in böser Absicht.«

»Nein, ich komme in Frieden. Aber würdest du mich auch so freundlich empfangen, wenn ich ein Troll wäre? Oder ein Goblin? Oder ein unbekannter Zwerg?«

Der Ausdruck der Verwirrung kehrte zurück. »Troll? Goblin? Zwerg? Was ist das?«

»Du weißt nicht, was ein Zwerg ist?«

Sie schüttelte den Kopf.