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Die See-Eselin Gwen lebt im Jahr 2046 mit ihrem wortwitzigen Sohn Paul auf einer kleinen Insel im Süden Floridas. Als Gwen Zeugin eines unheilvollen Gesprächs wird, nimmt die Idylle ein jähes Ende: Angeblich werden Meerestiere mit besonderen Fähigkeiten in einer Einrichtung namens "PSI-World" mitten im Meer gefangen gehalten. Gwens Neugier ist entfacht, doch Paul trifft für sich eine folgenschwere Entscheidung… Die Ozeangefährten führen uns auf eine spannende Weise in die Zukunft. Durch sie erleben wir hautnah mit, wie Klimawandel und Großkonzerne unsere Welt verändert haben. Wir erfahren, was mit der Demokratie geschehen kann, und dadurch mit der Pressefreiheit. Und sie zeigen uns auf humorvolle und berührende Art, was Menschlichkeit bedeutet und wie gewaltfreie Lösungen in einer lebenswerten Zukunft gelingen können.
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Seitenzahl: 421
Veröffentlichungsjahr: 2019
Birgit Schmidmeier
Die Ozeangefährten
Zukunftsroman
Impressum:
© 2019 Birgit Schmidmeier
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359
Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7482-4493-6
Hardcover:
978-3-7482-4494-3
e-Book:
978-3-7482-4495-0
Bildquellen: Adobe Stock, www.stock.adobe.com
• Datei: 164804902 – Planet Earth-USA ©1xpert
• Datei: 47669324 – Abstract sea and ocean backgrounds for your design ©Dmytro Tolokonov
• Datei: 71360376 – Carrot © atoss
• Datei: 74537128 – Donkey © Alvaro
• Datei: 101471358 – dolphin and sea lion underwater © Andrea Izzotti
• Datei: 119060684 – Morning sky, sun breaking through white clouds © mozZz
• Datei: 20901198 – sand of beach caribbean sea © Iakov Kalinin
• Datei: 88066045 – Gold Round Shining Paint Stain Hand Drawn Illustration © shumo4ka
• Datei: 186857733 – Odręcznie narysowane słońce na białym tle ©piotrszczepanek
Buchcover: Corina Witte-Pflanz www.ooografik.de Graphiken im Innenteil: Birgit Schmidmeier
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Gewidmet: Mutter Erde.
Vorwort von Markus Mauthe
Prolog
Teil 1. Das Wal-Auge
1. Die Tierschützer
2. Der Sonntagsausflug
3. Die E-Mail
4. Im Labyrinth
5. Der Anruf
6. Mas Welten
7. Paul
8. Alte Bekannte
9. Training
10. Tiefsee
11. Auszeit
12. Unterwegs
13. Therapie
14. Ankunft
15. Verpasst
16. Delphin-Forschung
17. Tierfütterung
18. Alexis Fisher
19. Paul macht sich nützlich
20. Chronos
21. Das sehende Auge
22. Gwen
Teil 2: Die Muschel
23. Waffensicher
24. Vermittlung
25. Paul trainiert alleine weiter
26. Wieder zurück
27. Eine Begegnung der anderen Art
28. Das erste Treffen
29. David
30. Fluchtgedanken
31. Mit Chronos unterwegs in der Zeit
32. Verpeilt
33. Wissenschaftliches Meeting
34. Feigling oder Held?
35. Viel zu viele Stimmen
36. Auf eigene Faust
37. Die letzte Fahrt
38. Dr. Steins Triumph
39. Plastic Island
30. Die Kauri-Muschel
41. Auf Augenhöhe
Teil 3: Der Seestern
42. Überwacht
43. Miami Island
44. Der große Tag
45. Gregs Reise
46. Die Pressekonferenz
47. Der Kreisel
48. Endlich frei!
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Danksagungen:
Vorwort von Markus Mauthe
Eines Abends erscheint bei einer meiner Live-Fotoshows eine mir unbekannte Frau am Bühnenrand und bittet mich darum, einleitende Worte für ihren ersten Roman zu schreiben. Dieser handle vom Ozean und habe auch sonst viele Gemeinsamkeiten zu meiner Arbeit als Naturfotograf und Umweltaktivist. Aus einem Gefühl heraus sage ich zu, und merke bei der Lektüre der »Ozeangefährten« sehr schnell, dass uns sehr emotionale Dinge verbinden: Ich spüre in jedem Wort dieser Geschichte die tiefe Verbundenheit und Liebe der Autorin zur Natur. Kaum verwunderlich, dass wir darüber hinaus auch in der Sorge um die Zukunft unserer Heimat, der Erde, auf derselben Wellenlänge liegen.
Für mich hat Birgit Schmidmeier weit mehr als nur einen Zukunftsroman geschrieben, in dem hochbegabte Tiere uns Menschen vor Augen führen, was es bedeutet, menschlich zu sein.
Der Leser wird in eine Handlung hineingezogen, deren Gesellschaft eher innerhalb einer düsteren Version unserer Zukunft spielt. Dystopien sind ja in diesem Genre keine Seltenheit.
Ich bin sicher, eine überwältigende Mehrheit unserer Zeitgenossen würde sich eine andere Realität für unsere Nachfahren wünschen als die hier im Buch beschriebene.
Genau hierin liegt das Geschenk der Autorin und der Mehrwert des Romans. Sie zeichnet nicht nur Schwarz und schließt die Türe zum Paradies, sondern weist uns praktisch in jedem einzelnen Kapitel den Weg zu besseren Alternativen.
Die Abenteuer des jungen See-Esels Paul spielen nämlich nicht in einer weit entfernten Epoche unserer Zeit, sondern genau dann, wenn unsere Kinder erwachsen sein werden. Genauso wie wir heute haben sie ein Recht darauf, zusammen mit dann vielleicht neun oder zehn Milliarden Brüdern und Schwestern in Menschenwürde diesen schönen Planeten zu bevölkern. Vorausgesetzt, wir sind schlauer als die Romanmenschheit und lassen den dritten Weltkrieg ausfallen.
Nimmt man die hochbegabten Tiere aus der Geschichte heraus, wird in den »Ozeangefährten« der Zustand unseres Planeten erschreckend realistisch dargestellt.
In den letzten fünfzig Jahren haben wir Menschen es geschafft, sechzig Prozent aller auf der Erde lebenden Säugetiere zu töten, einen Großteil der Regenwälder zu vernichten und Flächen fruchtbaren Graslands in riesige Agrarwüsten zu verwandeln.
Greenpeace ist im Roman verboten und agiert nur noch im Untergrund. Ist das im Hier und Jetzt undenkbar?
Mitnichten – es ist vielmehr ein Traum des aktuell gewählten brasilianischen Präsidenten Bolsonaro, der gerne jeden Widerstand gegen seine wahnwitzigen Pläne zur Ausbeutung des Amazonasgebietes per Handstreich wegfegen würde.
Auch in vielen anderen Ländern erleben wir mehr und mehr diktatorische Strukturen, denen jegliches zivilgesellschaftliche Engagement ein Dorn im Auge ist. Vielerorts wird mit Gesetzen das Wirken von Nichtregierungsorganisationen erschwert. Auch in Deutschland, wo bei manchem Verein, der unangenehme Fragen stellt, inzwischen die Gemeinnützigkeit hinterfragt wird.
Viele Menschen sind aufgrund der Auswüchse eines unkontrollierten Kapitalismus zu Recht verängstigt und fühlen sich entwurzelt. Das wissen gerade Parteien, die im rechten Spektrum anzuordnen sind, mit lauten Parolen und einfachen Botschaften recht erfolgreich zu nutzen.
Doch gerade mit dem Erscheinen dieses Buches erhebt sich Widerstand, diesmal an der richtigen Stelle. Die junge Generation engagiert sich im zivilen Ungehorsam, und zwar weltweit. Das macht sie so kraftvoll und gibt auch mir persönlich wieder Hoffnung, dass wir das Ruder in Richtung einer nachhaltigen Gesellschaft doch noch herumreißen können.
»Die Ozeangefährten« kann zur Lektüre der »Generation Weltrettung« werden. Ich wünsche Birgit Schmidmeier viele LeserInnen jeglicher Altersgruppen, die sich von der spannenden Geschichte unterhalten lassen, und sich gleichzeitig motiviert fühlen, aktiv für den Erhalt dieses schönen Planeten einzustehen.
Wir sind die letzte Generation, die den Zusammenbruch der Ökosysteme noch verhindern kann. Das ist kein Alarmismus innerhalb eines Zukunftsromans, sondern die unschöne Wahrheit zu unserer aktuellen Lebensrealität.
Markus Mauthe
Naturfotograf und Umweltaktivist
www.markus-mauthe.de
Prolog
Nur drei kleine Heringe fing der alte Fischer an diesem späten Nachmittag. Müde lenkte er sein Boot an den einsamen Sandstrand am Rande des kleinen Dorfes zurück. Wie jedes Mal, wenn er es an Land zog, blätterte etwas mehr vom spröden Lack der Holzplanken ab. Das Boot hatte – ebenso wie er selbst – schon bessere Zeiten erlebt.
Ein schweres Unwetter hatte in der Nacht zuvor das Meer wild aufgepeitscht und allerlei an Land gespült. Der Strand lag deshalb an diesem Tag mit jeder Menge Seetang und Treibgut übersät vor ihm. Möwen pickten darin in der Hoffnung, Futter zu finden.
Der Fischer brachte den mageren Fang in seine Hütte und machte sich dann in der kühlen Abendluft auf den Weg, um das letzte Tageslicht für eine Sichtung des Treibguts zu nutzen. Vielleicht fand sich das eine oder andere Holzbrett, um ein paar morsche Dielen in der Hütte auszubessern. Er konnte es sich nicht leisten, Holz zu kaufen.
Mit den Füßen, die in alten Gummistiefeln steckten, schob er die Seetangberge und Plastikmüllreste auseinander. Ein alter Autoreifen war diesmal auch dabei. Er schüttelte den Kopf und ging weiter. Nach einigen Schritten stieß er mit der Stiefelspitze gegen etwas Hartes, und da ein hohler Ton zu hören war, blieb er stehen. Er grub mit dem Fuß ein wenig im Sand, bis er im Dämmerlicht die hölzerne Wand einer Kiste erkennen konnte.
Neugierig ging er in die Hocke, wobei seine Knie knacksten und der Rücken schmerzte. Mit bloßen Händen befreite er das Fundstück von Sand und Algen. Es war eine kleine Truhe aus dunklem Holz, die mit metallenen Eckbeschlägen verziert war.
Das Herz des Alten begann schneller zu schlagen. Eine Schatzkiste wie von einem gekenterten Piratenschiff! Hier im Atlantischen Ozean um Florida geschah es oft, dass Hurrikans Schiffe verschlangen. Vielleicht käme er nun durch einen wertvollen Fund zu etwas Geld. Er könnte seiner Enkelin das Studium im fernen Kalifornien mit einem Mietzuschuss erleichtern. Wie wundervoll das wäre!
Die Truhe schien unversehrt. An der Vorderseite war sie mit einem Schnappverschluss fest verriegelt. Mit zittrigen Fingern ließ er diesen aufspringen. Es knirschte, als er den Deckel öffnete, und die Truhe offenbarte dem erstaunten Fischer unter den letzten rötlichen Sonnenstrahlen ihr Inneres.
Er entdeckte eine etwa zehn Zentimeter große, gesprenkelte Kauri-Muschel, einen getrockneten blauen Seestern und eine seltsame graue Kugel, etwa so groß wie eine Grapefruit. Diese fühlte sich erstaunlich leicht und an der Außenseite wie welkes Laub an. Der Fischer kniff die Augen zusammen, denn im schwindenden Abendlicht konnte er nicht erkennen, was es mit den Gegenständen auf sich hatte. Er nahm die drei Dinge hastig heraus und legte sie neben sich. Die Truhe war mit weinrotem Samt ausgeschlagen und innen erstaunlicherweise ganz trocken und sauber. Irritiert untersuchte er die leere Kiste auf verborgene Falten im Stoff und Geheimfächer, konnte aber nichts entdecken. Sollte das jetzt alles gewesen sein? Keine Goldmünzen oder Edelsteine? Nur drei wertlose Dinge, die das Meer hier ohnehin zahlreich an Land spülte?
Enttäuscht packte er die Muschel, den Seestern und diese komische Kugel wieder in die Kiste und warf verärgert den Deckel zu. Er erhob sich mühsam, seinen Rücken spürte er jetzt mehr als zuvor. Die Lust am Stöbern war ihm gründlich vergangen. Resigniert machte er sich auf den Nachhauseweg.
Doch irgendetwas verlangsamte seinen Schritt bereits nach wenigen Metern. Wie von einem magischen Gummiband gezogen, das um seinen Bauch befestigt zu sein schien, ging er zur Truhe zurück, bis er wieder über ihr stand. Er blickte einmal um sich, um zu sehen, ob ihn jemand beobachtete. Doch der Strand war menschenleer. Langsam beugte er sich hinab, hob die Truhe hoch und nahm sie mit nach Hause. Vielleicht interessierte sich ja seine Enkelin, die Meereskunde studierte, für den Inhalt. Er würde ihr die Kiste zeigen, wenn sie ihn das nächste Mal besuchte.
Teil 1. Das Wal-Auge
1. Die Tierschützer
Es war heiß auf der Insel. Die See-Eselin Gwen robbte gemächlich zum Strand, um sich ihr tägliches Bad zu gönnen. Sie lebte hier nur mit ihrem halbwüchsigen Jungen Paul, der gerade im Schatten der Palmen seinen Mittagsschlaf hielt.
Trotz Ebbe stand das Wasser hier so hoch, wie sie es zuvor noch nicht gesehen hatte. Mittlerweile befand sich sogar ihr Lieblingsfelsen, auf dem sie nach dem Baden so gerne in der Sonne lag, ständig unter Wasser.
Die See-Eselin wusste nichts vom weltweiten Klimawandel. Doch dieser erwärmte die Atmosphäre kontinuierlich und brachte das Eis an den Polkappen zum Schmelzen. Dadurch war der Meeresspiegel in den letzten Jahren um mehrere Meter gestiegen.
Seit Paul auf der Welt war, mussten sie deshalb schon dreimal umziehen, da ihre bisherigen Inseln eine nach der anderen untergegangen waren.
Gwen erinnerte sich an ihre Kindheit bei den Florida Keys. Oft war sie damals mit den anderen See-Eseln aus ihrem kleinen Rudel bis in die Everglades hinein geschwommen, um mit den Alligatoren Verstecken zu spielen. Doch diese Zeiten gehörten längst der Vergangenheit an, denn seit einigen Jahren lagen die Inseln der Florida Keys etwa drei Meter unter der Meeresoberfläche, genau wie das Grasland der Everglades. Als Paul noch kleiner war, hatte sie ihn zu der Inselkette mitgenommen, um ihm ihre Heimat zu zeigen. Dabei hatte sie ihm das Tauchen beigebracht. Zuerst lernte er, seine langen See-Esel-Ohren anzulegen, damit beim Tauchen kein Wasser hineinlief. Das war ihm schnell gelungen und sie hatten viel Spaß. Sie hatte gehofft, dort auf Artgenossen zu treffen, denn sie vermisste die Gemeinschaft einer größeren Familie sehr. Ihr kleines Rudel wurde damals von einem Hurrikan in alle Winde zerstreut und sie hatten sich leider nicht wiedergefunden. Doch da es weltweit nur wenige See-Esel gab, war ihre Suche vergebens gewesen.
Die kleine Insel, die sie jetzt bewohnten, war vor nicht allzu langer Zeit noch ein Stück Festland im Süden Floridas gewesen. Gwen hoffte, hier noch länger wohnen zu können, denn es gab ein Labyrinth aus großen Steinen, das sie besuchte, wenn sie nachdenken wollte. An einer sonnigen Stelle wuchsen leckere wilde Möhren. In der Mitte der Insel standen alte Orangen- und Apfelbäume und am Strand sogar Kokosnusspalmen, die sie beide so liebten.
Mit einem genussvollen »Iaaa« glitt Gwen in die Brandung. Wie wohl ihr das samtweiche Wasser tat, das ihren Körper einhüllte und sie so leicht trug. Sie drehte sich auf den Rücken und ließ sich sanft von den Wellen schaukeln. Mit ihren schwarz-weiß gestreiften Flossen schaufelte sie sich das Wasser über ihren runden Bauch und betrachtete dabei die funkelnden Wassertropfen, die von ihrem hellgrauen Fell abperlten.
Voll und ganz im Hier und Jetzt. Das war Gwens Lebensmotto, und damit fühlte sie sich vor allem im Wasser kraftvoll und entspannt zugleich. Sie tauchte in die türkisfarbene Welt hinab, um Seegras zu fressen. Ein paar kleine Fische drehten erschrocken ab. Keine Sorge, dachte sie, ich tue euch nichts, ich mag doch nur Pflanzen. Sie sammelte noch eine große Portion von den hellgrünen Stängeln, um sie Paul mitzubringen. Dann ließ sie sich langsam von der sanften Brandung wieder zurück an den Strand spülen und genoss die Ruhe.
Doch plötzlich knatterte etwas sehr Lautes um das andere Ende der Insel herum. Erschrocken rappelte sie sich auf. Ein schwarzes Schlauchboot mit Außenbordmotor und drei Menschen darin schoss durch die Wellen auf ein Schiff zu, das, bislang von Gwen unbemerkt, in der Nähe vor Anker lag. Hier kamen selten Boote vorbei, da das Wasser zu flach war – was sich bald ändern könnte, wenn der Meeresspiegel noch weiter steigen würde. Die Leute im Schlauchboot schienen es eilig zu haben und sie winkten aufgeregt der Besatzung auf dem großen Schiff zu, an deren weißem Bug »PSI-World-Discovery« zu lesen war. Jetzt entrollten die drei Menschen ein Banner, auf dem stand:
»STOPPT PSI-WORLD –
RETTET DIE MEERESTIERE!!!«
Das Schlauchboot trug die Aufschrift »Zodiac«.
Ob die drei Insassen so heftig winken, weil sie auf dem großen Schiff mitfahren wollen?, grübelte Gwen. Was hatte das zu bedeuten? Sie interessierte sich eigentlich nicht für Menschen – sofern sie sie in Ruhe ließen. Aber dieses Schauspiel weckte ihre Neugier. Da streckten plötzlich zwei Taucher neben der PSI-World-Discovery ihre Köpfe aus dem Wasser empor und hielten triumphierend einen kleinen Behälter in die Höhe. Gwen fragte sich, ob die etwas Interessantes gefangen hätten. Die Leute an der Reling brachen in Jubelschreie aus. Das Zodiac preschte nun mit Vollgas auf die Taucher zu. Das sah aber gefährlich aus! Jetzt erst bemerkten die Seeleute auf der »PSI-World-Discovery« das herannahende Schlauchboot, stutzten und hievten die Taucher in Windeseile mit einem Kran aus dem Wasser. Gerade noch rechtzeitig, wie Gwen aufgeregt beobachtete, sonst hätte das Schlauchboot die Taucher überfahren. Wie eine wild gewordene Wespe umrundete das kleine Boot mit den gestikulierenden Menschen nun das Schiff. Durch ein Megafon ertönte immer wieder ihr Ruf:
»LASST DIE MEERESTIERE FREI!«
Doch die »PSI-World-Discovery« holte bereits den Anker ein, startete den Motor, gab Vollgas und fuhr los. Das Schlauchboot geriet dadurch in den Strudel der Schiffsschraube und wurde auf und ab geworfen wie eine Kokosnussschale in der Brandung. Beinahe wäre das Zodiac gekentert! Die Menschen konnten sich gerade noch an den wulstigen Außenrändern ihres Schlauchboots festklammern, doch ihr Banner und das Megafon flogen in hohem Bogen ins Meer. Gwen konnte ihre Wut und Enttäuschung deutlich spüren, als das große Schiff massiv an Fahrt gewann und davonfuhr.
Tja, das war es wohl. So eine merkwürdige Verfolgungsjagd habe ich hier noch nie zu Gesicht bekommen, dachte sich Gwen kopfschüttelnd. Mit dem Bündel Seegras in der langen Schnauze begab sie sich nachdenklich an Land. Da hörte sie hinter sich den Lärm des Außenbordmotors lauter werden. Sie drehte sich um und erstarrte: Jetzt fuhr das Zodiac direkt auf sie zu! So schnell sie konnte, robbte sie ins nahe gelegene Dickicht aus Palmen und Gestrüpp. Um Himmels willen, hoffentlich entdecken sie mich nicht, dachte Gwen. Voller Angst eilte sie jetzt in Richtung der Palmen auf der anderen Seite der Insel. Doch da fiel ihr ein: Wenn sie sie verfolgten, führte sie die Menschen direkt zu Paul. Sie blieb stehen und sah sich gehetzt um. Schnell wandte sie sich in die andere Richtung. Weg von Paul und parallel zum Strand. Die kleine Insel kannte sie mittlerweile in- und auswendig. Mit dem Seegras im Maul blieb sie immer wieder im Gebüsch hängen, doch sie kämpfte sich weiter so schnell sie konnte. Einige Minuten später erreichte sie erschöpft ein Versteck zwischen Felsen. Hinter dem größten davon verbarg sie sich und schnappte nach Luft. Sie war völlig außer Atem. Ihr Herz raste und ihr Fell war vom Gehetze durch das Gestrüpp zerwühlt. Wenn ich mich doch nur mit meinen Flossen und dem dicken Leib an Land genauso elegant und schnell bewegen könnte wie im Wasser, haderte sie mit ihrer Gestalt. Doch langsam beruhigte sich ihr Atem etwas.
Gwen lauschte gebannt und hörte – nichts.
Einerseits fand sie das beruhigend.
Andererseits war ›nichts‹ ein bisschen wenig.
Vermutlich sollte ich jetzt heim zu meinem Kind robben. Aber es gibt so viel, was ich wissen muss. Ob andere Tiere auch mit solch einer starken Neugierde zu kämpfen haben wie See-Esel und insbesondere ich?, fragte sich Gwen. Sie musste jetzt einfach um diesen Felsen herum kriechen und nachsehen, wo die drei Leute mit ihrem Schlauchboot geblieben waren. So leise wie möglich begab sie sich zurück zum Strand. Sie duckte sich hinter einen Busch und spähte zwischen seinen großen Blättern hindurch. Das Seegras, das sie immer noch in ihrer Schnauze mit sich herumtrug, tarnte sie zusätzlich.
Da waren sie! Das Zodiac lag auf dem Strand. Die drei Menschen saßen mit hängenden Schultern daneben und unterhielten sich. Gwen war hin und her gerissen. Ihr Mutterinstinkt riet ihr einerseits, sich zurückzuziehen und sich schleunigst auf den Nachhauseweg zu machen. Doch andererseits fraß sich die Neugier wie eine hektisch knabbernde Maus in ihr Hirn. Sie rückte vorsichtig noch ein wenig näher an den Strand, damit sie die Stimmen verstehen konnte.
»Ich habe überhaupt keine Ahnung, was die da heute für ein Tier gefangen haben. Das war doch nur ein winziger Behälter, den die Taucher da aus dem Wasser gezogen haben«, hörte Gwen soeben das blonde Männchen im grünen Hemd lamentieren.
»Jedenfalls scheinen sie gefunden zu haben, was sie suchten, sonst hätten die nicht so einen Freudentanz aufgeführt«, erwiderte das andere, kleinere Männchen im blauen Hemd.
»Zumindest ist uns der Proviant und das Zelt nicht über Bord gegangen, als sie uns beinahe überfahren haben«, sprach das Weibchen und fuhr grimmig fort: »Das ist wirklich ein Skandal. Ob wir die Sache an Wangari Esperanza melden sollten? Wie könnten wir ihr das erklären, damit sie uns hilft?«
»Gute Idee! Ganz einfach, wir werden sie mit Fakten überzeugen«, ereiferte sich der Blonde und legte gleich zu einem Vortrag los:
»Viele Meeresbewohner sind in den letzten 30 Jahren seit 2016 bereits ausgestorben und bei manchen Arten verkleinerten sich die Bestände so stark, dass es viele Jahre dauern wird, bis die Schwärme wieder groß sind. Und diese Leute fangen auch noch Meerestiere für ihr PSI-World und sperren sie dort bei erbärmlichen Lebensbedingungen ein, damit Touristen sie für viel Geld begaffen können. Das kann doch nicht angehen!«
Das ist aber mal ein besonders engagierter Tierschützer, dachte Gwen. Interessant. Gab es eigentlich unter den Tieren Menschenschützer? Gwen fiel niemand ein.
»Das mit Wangari kannst du vergessen, David«, bemerkte das Blauhemd entmutigt. »Erstens kämpft sie im Untergrund um ihr eigenes Überleben, seit der Präsident sie von ihrem Senatorinnenposten verjagt hat, und zweitens haben wir doch überhaupt nichts in der Hand. Fox, unser Spitzel von der PSI-World-Discovery, hat uns lediglich den Tipp gegeben, dass das Schiff heute ausfährt, um das vorletzte Tier zu erbeuten. Deshalb sind wir ihnen gefolgt. Er hat gehört, dass es sich um Meerestiere mit irgendwelchen besonderen Fähigkeiten handelt. Diese Leiterin von PSI-World, wie heißt die noch gleich …?«
»Alexis Fisher«, ergänzte der lange Grüne verächtlich.
»Ja genau, die ist an Bord, um mit einem besonderen Navigationssystem, das aber niemand sehen darf, die Tiere aufzuspüren. Die tut wohl sehr geheimnisvoll damit. Mehr weiß Fox selbst nicht.«
»Was auch immer sie dort heute gefangen haben, wandert jetzt unverzüglich in dieses neue PSI-World vor New Miami. Und ihre besonderen Talente konnten sie leider nicht davor bewahren, gefangen zu werden«, sprach das Weibchen leise.
Ob diese PSI-World-Tiere wohl auch Karotten durch die Luft tanzen lassen können wie ich, fragte sich Gwen amüsiert. Das findet Paul immer so toll, dass er vor Vergnügen quietscht.
Da riss sie der Blonde mit seiner enthusiastischen Stimme aus den Gedanken.
»Also beamen scheinen sie offensichtlich noch nicht zu beherrschen, sonst wären sie nicht gefangen worden. Jedenfalls haben wir noch eine einzige Chance, ihren Plan zu vereiteln. Ein Tier fehlt angeblich noch. Fox hat belauscht, dass es sich dabei um ein extrem seltenes Meerestier handelt, das ebenfalls hier im warmen Golf von Mexiko zu finden ist. Er gibt uns sofort Bescheid, wenn er mehr dazu weiß.«
Gwen spürte, wie ihr Herz für einen kurzen Moment aufhörte zu schlagen. Ein extrem seltenes Meerestier? Mit besonderen Fähigkeiten? Keine Ahnung, auf wen diese Beschreibung sonst noch zutrifft – auf mich jedenfalls schon. Aber das ist völlig ausgeschlossen. Niemand weiß von mir und Paul außer den unmittelbaren Nachbarn, den Papageien, den kleinen Fischen und den Seekühen im Süden der Insel. Was soll ich jetzt tun? Hätte ich doch nur meine langen See-Esel-Ohren rechtzeitig zugeklappt, dachte Gwen.
2. Der Sonntagsausflug
Heute lief ja schon wieder alles schief. Als sich Jimmy zum Frühstück für seine Cornflakes die Milchersatz-Flasche aus dem Kühlschrank geholt hatte, rutschte ihm diese durch die Finger und zerbrach in tausend Scherben.
»So eine Schweinerei«, tobte er. »Warum ist unser Haus eigentlich noch nicht an die Multi-Getränke-Pipeline angeschlossen, so wie alle anderen Nachbarhäuser?«
»Aber Jimmy-Schätzchen«, flötete seine Mutter, die schon mit dem Vater am Frühstückstisch saß, »das können wir uns gerade einfach noch nicht leisten. Und diese Baustelle da hast du ja gleich aufgewischt.« Dabei sah sie nur einmal kurz von ihrem ID auf und chattete gleich mit irgendwem weiter.
Jetzt muss ich das auch noch selbst machen, dachte Jimmy genervt. Nur weil Mum gerade so darauf abfährt, dass ich im Haushalt mithelfe.
Der Allzwecksauger der Familie befand sich – wie konnte es auch anders sein – gerade in der Reparatur. Deshalb dauerte es etwas, bis er den Milchersatz und die Scherben aufgewischt hatte. Dabei schnitt er sich in die linke Hand.
»Autsch, so ein Mist, jetzt blute ich auch noch!«, heulte er wehleidig auf und begann, in der Küchenschublade nach dem Spraypflaster zu kramen. Heute fühlte er sich nicht so tough, wie er es gerne hätte.
Sein Vater blickte vom ID hoch, auf dem er gerade nebenbei die Tageszeitung las.
»So, meine Lieben, heute unternehmen wir mal einen richtig tollen Familienausflug ins PSI-World«, verkündete er freudestrahlend.
»Wie bitte?«, meuterte Jimmy fassungslos. »Ich freue mich jetzt schon seit zwei Wochen darauf, dass heute das entscheidende Frauen-Fußballspiel zwischen `Orlando Pride´ und den `Seattle Reign´ stattfindet. Ich komme sogar kostenlos ins Stadion, weil mich Tom durch die Lichteingangsschleuse schmuggeln kann.«
»Aber Jimmy-Schätzchen, mit deinen zwölf Jährchen können wir dich doch noch nicht alleine dort hinlassen! Du machst dafür heute einen schönen Ausflug mit Mummy und Daddy, und wenn du schön brav bist, kriegst du auch ein Eis«, versuchte seine Mutter ihn zu überreden.
Doch Jimmy wurde nur noch bockiger. »Nur weil ihr euch nicht für Sport interessiert, darf ich da nicht hin! Und hört endlich auf, mich wie ein Baby zu behandeln!«
»Ein bisschen Tierbeobachtung kann aber doch nicht schaden und es ist ja auch wichtig, dass wir mal als Familie etwas unternehmen«, warf sein Vater ein. »PSI-World hat jetzt schon fast ein Jahr geöffnet und wir waren noch kein einziges Mal dort. Iss jetzt deine Cornflakes auf, damit wir pünktlich am Hafen ankommen und den Shuttle nicht verpassen.«
Bei der Vorstellung, mit dem Drohnenshuttle fliegen zu müssen, wurde es Jimmy gleich ganz flau im Magen, denn er hatte Angst vor dem Fliegen. Nach einer kurzen Schmollpause versuchte es Jimmy noch einmal:
»Aber ich habe mich verletzt und beim Fliegen wird mir schlecht. Ich bleibe lieber zu Hause.«
»Ach was«, winkte der Vater ab, »der kleine Schnitt bringt dich nicht um und draußen weht kein Lüftchen, da wird der Shuttle fliegen wie auf Schienen!«
Aus Mangel an guten Argumenten gab Jimmy sich vorerst geschlagen, kochte jedoch innerlich vor Wut. Trotzig sprach er kein Wort mehr, als er seine Schüssel abspülte. Als er damit fertig war, warteten die Eltern schon ungeduldig auf ihn und sie machten sich auf den Weg.
Der Drohnenshuttle stand schon am Anlegesteg, als sie aus der Schnellbahn stiegen. Touristen aus der ganzen Welt wollten ebenso wie sie das herrliche Wetter für einen Ausflug nutzen und bildeten eine lange Menschenschlange. Nach längerer Wartezeit betraten Jimmy und seine Eltern die Drohne, die bis zu 30 Personen befördern konnte. PSI-World lag etwa 150 Kilometer südöstlich vor der Küste New Miamis und war nur per Schiff oder mit dem Drohnenshuttle zu erreichen.
Die tollen Frauen von `Orlando Pride´ liefen sich in Jimmys Gedanken in ihren violetten Trikots gerade warm. Seufzend versuchte er, sich darauf zu konzentrieren, was er über PSI-World wusste. Einer aus seiner Klasse war doch hier gewesen, als PSI-World gerade neu aufgemacht hatte. Er wollte damals allerdings nichts über seinen Ausflug erzählen und wirkte ziemlich kleinlaut. Mike aus dem Baseball-Team gab nach seinem Besuch in PSI-World mächtig damit an, dass er dort einen Hai getötet hätte. Irgendwie wusste Jimmy überhaupt nicht, worum es in diesem PSI-World eigentlich ging und was dort geboten wurde. Ist das ein Zoo? Oder eher ein Vergnügungspark, in dem man die Tiere jagen und abschießen kann? dachte er. Seine Eltern wollte er auch nicht fragen, denn diese waren schon wieder in ihre IDs vertieft und beachteten ihn nicht. Sein Vater las vermutlich die Zeitung weiter, wie jeden Tag, und seine Mutter vergnügte sich entweder mit sinnlosen Spielen oder surfte durch die sozialen Medien. Nur mit ihm spielte sie nicht.
Der Flug mit der Drohne dauerte nur eine halbe Stunde. Schade, dass mir gar nicht schlecht wurde, dachte Jimmy bedauernd, ich hätte meinen Alten gerne etwas Ärger beschert, indem ich mich hier vor allen anderen Passagieren übergebe. Mann, bin ich sauer!
Die Drohne landete auf einer Plattform mitten im Meer, die durch einen Steg mit einer riesigen gläsernen Kuppel verbunden war. Aus der Mitte dieser Kuppel ragte ein hoher Turm. Die Tiere und alles andere sollen ja irgendwie unter Wasser sein, erinnerte sich Jimmy. Hoffentlich ist dieses Glasteil gut im Boden verankert, sonst wird mir doch noch schlecht.
Zusammen mit den anderen Menschen drängten sie sich den Steg entlang durch das Eingangsportal in die Kuppel und dort über eine Brücke aus Glas Richtung Kassenterminal im ersten Stockwerk. Jimmy blickte gerade durch den Boden der Brücke in das Becken rechts unter ihm, als dort ein riesiger Hai vorbeischwamm und die Zähne fletschte!
»Ahhhhh ……!!!!«, schrie er. »Habt ihr gesehen, wie der mich angesehen hat mit seinen schwarzen Augen?«
Ob das der Hai ist, von dem mein Baseball-Kumpel erzählt hat, dass er ihn irgendwie interaktiv kaltgemacht hat? Das kann ich mir nicht vorstellen. Das ist ja ein Monster! Da fiel ihm ein, dass er wohl eben ziemlich ängstlich geschrien hatte und das war ihm sehr peinlich. Er wollte nicht dastehen wie ein kleines Mädchen. Tief durchatmend rückte er seine Baseballmütze zurecht und ging weiter, als ob nichts gewesen wäre. Die Eltern bemerkten von dem Zwischenfall nichts, denn sie waren längst vorausgelaufen.
Da sie an den Kassen kurz anstehen mussten, holte Jimmy seine Eltern wieder ein. Nachdem die Familie die Zahlschleuse passiert hatte, luden sie erst noch am Infoterminal die PSI-World-App auf ihre Identities, die überall nur IDs genannt wurden. Es war weltweit vorgeschrieben, diese weiterentwickelten Smartphones stets fest am Unterarm befestigt mit sich zu führen.
Alle drei informierten sich nun mithilfe ihrer IDs über PSI-World.
PSI-World war wie ein riesengroßer gläserner Kreisel gebaut. Es bestand aus einer Kugel, die zur Hälfte unter Wasser lag, der Turm ragte wie der Griff des Kreisels kerzengerade aus dem Dach der Kugel empor. Unter der Kugel trat in der Mitte ein spitzer Pfeiler hervor und verankerte das Bauwerk im Meeresboden. Komisch, dass dieses Gebilde nicht umkippt, dachte Jimmy.
An diesem Tag war er froh über die obligatorische Ortungsfunktion des IDs per GPS. Damit konnte sich jeder Mensch an jedem Ort der Welt zurechtfinden, da er auf der Karte im Display als blauer Punkt auftauchte. Damit würde er sich hier nicht verlaufen. Darüber hinaus konnte man auch andere Menschen orten, mit denen man über den Chat verbunden war. Die Regierung hatte natürlich Zugriff auf jedes ID und konnte damit beispielsweise Verbrechen viel schneller aufklären.
Stolz sah Jimmy auf sein neues ID am Handgelenk, das er zum zwölften Geburtstag von den Großeltern geschenkt bekommen hatte. Mit diesem Teil in glänzendem Chrom fühlte er sich gleich viel erwachsener als mit dem alten, aus peinlich-babyhellblauem Kunststoff. Die vielen Ausweis-, Organizer- und Versicherungsfunktionen des IDs interessierten ihn nicht. Ihm waren die zahlreichen Spiele-Apps, die sozialen Medien, das Bildtelefon und die Kamera viel wichtiger.
»Und pass ja gut auf dein neues ID auf«, schärfte ihm sein Vater zum gefühlt tausendsten Mal ein, »du darfst es unter keinen Umständen verlieren. Denn ohne ID ist man ein Mensch ohne Identität.«
Gerade bei dichtem Gedränge kam es immer wieder vor, dass IDs von Leuten aus dem Untergrund gestohlen wurden. Sie versuchten, sich dadurch wieder eine legale Identität zu verschaffen. Deshalb nahm man das ID nicht einmal beim Duschen oder Schlafen ab.
»Also ich muss jetzt gleich unbedingt mit dem superputzigen Delphin schwimmen«, zwitscherte seine Mutter.
»In Ordnung und ich gehe dann mal zu dieser Riesenkrake. Und du mein Junge suchst dir auch ein Tier aus, das du besuchst. In zwei Stunden treffen wir uns wieder hier am Eingang und dann essen wir gemeinsam oben im Aussichtsrestaurant. Dann können wir uns erzählen, was wir alles erlebt haben«, beschloss der Vater für alle drei.
Im Nu verschwanden seine Eltern im Gedränge. Jimmy war richtig wütend. Hier lassen sie mich schon alleine stehen, aber zum Fußball darf ich nicht mit Tom! Wann bin ich endlich erwachsen, damit ich gehen kann, wohin ich will? Ich könnte gerade echt Amok laufen. Wenn ich jetzt daheim am Computer Aliens abknallen könnte, hätte ich garantiert die höchste Punktzahl und käme endlich auf das nächste Level.
Aber er war nicht daheim, konnte sich nicht in eine heldenhafte Fantasiewelt flüchten, sondern stand hier in der Realität reichlich unbeholfen herum. Was sollte er jetzt mit diesen zwei Stunden anfangen?
Er blickte wieder auf den PSI-World-Plan auf seinem ID und las sich durch, welche Tiere es hier gab. Bei der Riesenkrake stand: »Werde, was du willst!« Jimmy stieß ein ironisches Lachen aus. Sicherlich will Dad dort herausfinden, wie er es anstellen muss, damit er endlich mal befördert wird. Dann können wir uns endlich die komplette Solaranlage für Haus und Garten leisten und hätten stets einen warmen Swimmingpool. Wäre das fein. Es ist einfach so grottenpeinlich, dasswir immer noch die Kleingeräte wie diesen abgetakelten Solarrasenmäher von Opa im Einsatz haben.
Die Tiere auf dem Plan interessierten ihn gerade nicht wirklich. Er sah sich im Eingangsbereich um. Auf einem großen Display stand: »Neu in PSI-World eingetroffen: Besuchen Sie unser sympathisches Seepferdchen-Pärchen und erfahren Sie etwas über die Fortpflanzungs- und Erziehungsmethoden der Zukunft!« Jimmy dachte: Na da sollten Mum und Dad mal hinschauen, vielleicht würden ihnen ein paar Lichter aufgehen. Dann würden sie vielleicht mal die Nasen von ihren IDs nehmen und mir zuhören und auch mal das machen, was ich mir wünsche.
Erstaunt entdeckte er auf seinem ID-Display, dass sein Vater ihm gerade das Taschengeldkonto aufgeladen hatte. Na, wenigstens etwas, dachte er mit ein wenig besserer Laune, dann werde ich mal sehen, dass sie der Tag richtig teuer zu stehen kommt.
Da fiel ihm der Hai wieder ein. Ob ich mich doch trauen sollte? Dann könnte ich im nächsten Training damit angeben. Aber Alter, wenn ich daran denke, wie fies mich der Hai gerade angesehen hat. Ob mir da etwas passieren kann? Das Becken sah nach oben hin ganz offen aus und man lief nur auf dieser Glasbrücke drüber. Schon krass! Hin- und hergerissen zwischen Angst und aufgesetzter Coolness redete er sich gut zu: So einem tollen Typen wie mir kann doch gar nichts passieren. Hasta la vista, Baby!
Er begab sich in den Tower und fuhr mit dem Aufzug vom ersten Stockwerk in das erste Untergeschoss. Dort lagen die Eingänge in die fünf verschiedenen Bereiche des Innercircle. In diesem innersten Kreis fanden die Interaktionen mit den Tieren statt und es durfte jeweils immer nur eine Person hinein. Auch hier war keine Information zu finden, was einen dort drin genau erwartete. Vor jedem Eingang gab es eine Zahlstelle und eine Lichtschleuse, damit man von außen nicht durch die Tür sehen konnte. Es warteten bereits einige Menschen davor.
Mit einem etwas mulmigen Gefühl stellte er sich vor dem Eingang zum Hai hinter den wartenden Menschen an. Nach einiger Zeit war nur noch ein einziges Mädchen vor ihm an der Reihe. Die Lichtschleuse öffnete sich. Er versuchte, einen Blick ins Innere zu erhaschen, doch der Vorhang aus Licht war absolut undurchlässig. Heraus kam ein Junge mit aufgerissenen Augen und schrie nach seiner Mutter. Meine Güte, soll er doch daheim bleiben, der Schisser, dachte Jimmy überheblich. Vor ihm ging jetzt das Mädchen in den Innercircle. Nach ein paar Minuten kam sie bereits mit einem siegreichen Lächeln wieder heraus. Da gibt es bestimmt vereinfachte Programme für Mädchen, grinste Jimmy. Nun war er endlich an der Reihe. Er hielt das Handgelenk mit dem ID an die Laser-Zahlstelle. Stolzer Preis! Der Eintritt in einen Innercircle betrug das Dreifache des regulären Eintrittes. Nun, das war ihm gerade recht. Seine Eltern wollten schließlich unbedingt, dass er mitkam – dann sollten sie auch bezahlen. Die Lichtschleuse öffnete sich und er trat ein.
Er war alleine. Um ihn herum war es still und er sah niemanden, obwohl die Anlage aus Glas bestand. Er befand sich in einem dreieckigen Raum. Der Eingang hinter ihm bildete einen spitzen Winkel. Die Wände seitlich von ihm waren verdunkelt und er blickte auf eine Glasfront in ein Aquarium mit vielen Pflanzen und …
»Aaahhhhh«, schrie Jimmy unwillkürlich, »da ist er wieder!«
Der Hai mit dem weißen Bauch kam mit offenem Maul geradewegs auf ihn zu. An der Scheibe drehte er ab und glitt elegant an der Seite entlang, um hinter Felsen in der Tiefe des Beckens zu verschwinden. Doch bei Jimmy kehrte die Angst zurück: Ob er ihn erkannt hatte? Was machte er hier eigentlich? Konnte er nicht einfach wieder gehen?
Da ertönte eine Stimme aus dem Nichts: »Willkommen im magischen inneren Kreis von PSI-World. In diesem Becken begegnen Sie als Taucher einem vier Meter langen und sehr hungrigen Weißen Hai. Als Waffen stehen Ihnen eine einmalig zu verwendende Harpune und ein kurzes Messer zur Verfügung. Das Spiel dauert so lange, bis einer von Ihnen den anderen bezwungen hat. Nehmen Sie nun in diesem Liegestuhl Platz und setzen Sie den Helm auf. PSI- World wünscht Ihnen viel Spaß und ein langes Leben!«
Hämisches Gelächter beendete die Ansage. Jimmy setzte sich in den Liegestuhl, den er bisher gar nicht wahrgenommen hatte, und wie durch Geisterhand senkte sich ein Helm auf seinen Kopf herab.
~~~
Dies ist heute schon mein zweiter Tauchgang. Die Jungs von unserem Team liegen faul in ihren Liegestühlen. Klasse Idee von unserem Trainer, mal ein Trainingslager auf einer karibischen Insel zu machen. Zum Glück haben mich meine Alten fortgelassen. Beim ersten Tauchgang heute früh waren die anderen alle noch dabei und die bunten Korallenwände sahen einfach toll aus. Da hätte ich gerne mit den anderen ein bisschen Tiefseekrieg gespielt, wo wir schon Harpunen haben. Apropos Harpune: Wozu habe ich die jetzt eigentlich mitgenommen? Ach ja, ich bin nach dem Training noch mal ins Wasser gegangen, weil es doch bestimmt toll wäre, irgendeinen Fisch zu fangen, den wir später grillen könnten. Außerdem sitzen am Strand ein paar hübsche Mädchen und da käme das schon gut, wenn ich mit einer Delikatesse voll cool und neptunmäßig aus dem Wasser steigen würde. Nun versuche ich einfach mal mein Glück.
Irgendwie sind diese Korallen plötzlich ein wenig blasser geworden, als ob der Schatten einer Wolke darauf läge. Ich sehe nach oben und… – mir bleibt fast das Herz stehen! Über mir schwimmt gerade ein riesengroßer Hai mit weißem Bauch vorbei! Oh mein Gott, hoffentlich hat er mich noch nicht entdeckt. Er zieht ein paar Meter über mir vorbei. Ich bin ganz alleine hier unten und bereits etliche Tauchminuten von meinem Schlauchboot entfernt. Hoffentlich schwimmt er einfach weiter. Was soll ich jetzt nur machen? Er ist in Richtung meines Schlauchbootes davon geschwommen, also versuche ich vielleicht am besten, direkt an den Strand zurück zu tauchen. Mein Herz rast wie irre. Das war ja ein Hai wie aus dem Horrorfilm. Ich tauche mit kräftigen Flossenbewegungen an der Korallenwand entlang zurück. Allerdings muss ich den Schutz dieser Wand jetzt hier verlassen, wenn ich zum Strand zurück will. Eine Strömung erfasst mich mit aller Wucht und ich muss dagegen ankämpfen, um nicht abgetrieben zu werden. Ich erinnere mich wieder: Beim Hertauchen fühlte sich die Strömung wie Rückenwind an und es kostete mich kaum Kraft. Jetzt schlägt mir diese Strömung allerdings entgegen und ich komme nur so langsam vorwärts wie in einem Albtraum. Ein Blick auf den Tauchcomputer am Handgelenk sagt mir, dass ich nur so viel Zeit und Luft habe, um gerade noch rechtzeitig an den Strand zurückzukommen. Ich zittere am ganzen Körper. Hektisch schaue ich über die Schulter zurück und da sehe ich ihn wieder! Nur noch etwa zwei Meter entfernt sehe ich sein geöffnetes Riesenmaul mit den vielen spitzen Zähnen von hinten auf mich zukommen. Oh nein – dass mir das passiert! Ich bin doch erst zwölf! Er schwimmt rechts über mir vorbei und in meinem Kopf glaube ich die Stimme des Hais zu hören:
»Ich rieche dein Blut!«
Mein Blut? Das kann doch gar nicht sein. Ich schaue auf meine Hände und tatsächlich: Ich hatte mir heute im Training die linke Hand verletzt und diese blutet jetzt wieder. So ein Mist. Das lockt natürlich Haie an! Zum Glück fällt mir die Harpune wieder ein, die ich in der Hand halte.
Ha, soll der doch wieder kommen. Dann mache ich Fischburger aus ihm. Da werden die Mädels staunen, wenn ich ihnen eine Haifischflosse als Trophäe mitbringe. Denn die schneide ich ihm gleich mit dem Messer ab, das ich an meinem Schenkel befestigt habe. Kaum zu Ende gedacht, schon dreht das Riesenmonster um und kommt diesmal direkt auf mich zu. Da unter Wasser durch die Tauchmaske alles größer erscheint als in der Realität, kann ich schlecht schätzen, wie groß dieses Vieh ist, aber ich habe das Gefühl, es kommt gerade ein geöffneter Kofferraum auf mich zu! Ich ziele mit der Harpune auf sein schwarzes Auge. Er kommt immer schneller auf mich zu, ich drücke den Abzug. Der Harpunenpfeil streift seine hässliche Fratze, reißt aber nur einen kleinen Kratzer in die Haut und fällt dann abwärts Richtung Meeresgrund. Während der Hai mit einem plötzlichen Ruck seitlich abdreht, kann ich erkennen, wie er das Auge aufreißt und sein Blick sagt mir:
»Du entkommst mir nicht!«
Entschlossen ziehe ich sofort mein Messer aus der Halterung – aber NEIN! Es entgleitet meinen zittrigen Händen und fällt ebenfalls langsam – aber schneller als ich es greifen kann – unaufhaltsam in die Tiefe. Entsetzen packt mich. Wie soll ich mir unbewaffnet meine Trophäe holen und noch schlimmer: Wie kann ich jetzt überhaupt entkommen?
Schon wieder werde ich wütend auf meine armselige Familie. Schließlich gäbe es mittlerweile hochwirksame Unterwasserlaser und Überdruckgewehre statt dieser steinzeitlichen Harpunen. Aber das hilft mir jetzt auch nichts mehr. So schnell ich kann tauche ich Richtung Strand. Da erscheint vor mir plötzlich die Ankerschnur meines Schlauchbootes. Gott sei Dank – ich kann mich retten. Ich strample, bis meine Beine vor Anstrengung fast taub werden und sehe dabei nach unten. Von schräg unten taucht aus dem endlosen dunklen Blau ein großer Schatten auf und wird zu einem entsetzlichen Gesicht, das ich bereits aus der Nähe kenne. Wütend und mit noch weiter aufgesperrtem Maul rast er wie eine Rakete auf mich zu. Ich bin wie gelähmt. Es gibt kein Entkommen. Das Mundstück des Atemgerätes verliere ich bei meinem letzten Schrei und dieser wiederum verliert sich in einer schwarzen, von spitzen Zähnen umrahmten Leere.
Dann wird mir diese schwarze Leere vom Kopf gezogen, als ob mich der Hai wieder ausspucken würde. Mein Todesschrei gellt durch das endlose Meer, als eine freundliche Stimme ertönt:
»Willkommen in PSI-World! Leider haben Sie diesen Kampf gegen den Weißen Hai verloren. Wir hoffen, Sie bald wieder bei uns begrüßen zu dürfen, und wünschen Ihnen noch einen angenehmen Aufenthalt hier in PSI-World!«
~~~
Torkelnd und wie aus einem grauenhaften Albtraum erwacht, verließ Jimmy den Liegestuhl und passierte die Lichtschleuse. Draußen begegneten ihm die mitleidigen Blicke derer, die noch in der Schlange warteten. Sein Magen rebellierte und er sehnte sich nach einer Cola. Benommen schüttelte er den Kopf, um wieder einigermaßen an Ort und Stelle anzukommen. Das eben war irgendwie eine ganz andere Erfahrung, als seine Virtual-Reality-Computerspiele. Das war viel echter. Er hatte überhaupt keine Chance den Hai zu steuern oder irgendwie zu beeinflussen. Es fiel ihm auf, dass er beim Tauchen völlig vergessen hatte, dass er nur mit dem Helm auf dem Kopf auf diesem Liegestuhl saß. Wie konnte das sein?
Da bemerkte er, dass der Schnitt an seiner linken Hand von heute Morgen wieder begonnen hatte, zu bluten.
3. Die E-Mail
Von: Gregor X. Desert/Präsident der USWA
An: Alexis Fisher/PSI-World
Liebe Alexis,
bereits seit einem Jahr lasse ich Ihnen regelmäßig finanzielle Mittel und Tierfutter für den Betrieb Ihres PSI-World zukommen. In der Zwischenzeit konnten Sie die Einrichtung eröffnen und mit den ersten Tieren starten. Soweit ich informiert bin, hat Ihre Forschungsabteilung ebenfalls die Arbeit aufgenommen.
Dazu herzlichen Glückwunsch an Sie und Ihr Team.
In diesem Zusammenhang muss ich Sie bedauerlicherweise an Ihre zugesagte und noch nicht erbrachte Gegenleistung erinnern. Wie bereits besprochen, liegt mir der jährliche Welt-Vereinigungs-Tag am 4. Juli sehr am Herzen. Wie jedes Jahr will ich dem amerikanischen Volk und den Mitgliedern der Kolonien zu diesem Festtag nicht nur Gelegenheit geben, weltweit zu feiern, sondern jedem Menschen ein wirklich hilfreiches Geschenk präsentieren.
Gerne darf es etwas sein, das insbesondere die Sicherheit des amerikanischen Volks erhöht, wenn Sie verstehen, was ich meine.
Ich bin mir sicher, dass ich meinen Vertrauensvorschuss in Sie richtig investiert habe – schließlich gab es zum Zeitpunkt meiner Zusage noch kein einziges Tier für PSI-World.
In diesem Sinne vertraue ich auf Ihre Loyalität und die Kompetenz Ihrer Forschungsabteilung und freue mich auf einen kreativen Vorschlag zum diesjährigen Welt-Vereinigungs-Tag innerhalb der nächsten 14 Tage bis Mittwoch, dem 4. Juli 2046.
Andernfalls müsste ich mich für den Vorschlag eines anderen Kandidaten entscheiden, was die weitergehende staatliche Finanzierung Ihrer Einrichtung unnötig bremsen würde.
Mit den besten Wünschen
Gregor X. Desert
Präsident der Vereinigten Staaten von Welt-Amerika
(USWA)
Friedensnobelpreisträger für die erfolgreiche Umsetzung des Weltfriedens.
Mittwoch, 20.06.2046, im Weißen Haus, Washington D.C.
4. Im Labyrinth
Es war bereits der fünfte Tag, nachdem diese drei Menschen für ein paar Stunden auf der Insel von Gwen und Paul gelandet waren. Seitdem war Gwen beunruhigt. Bislang hatte sie Paul noch nichts von ihrer Beobachtung erzählt. Sie versuchte sich abzulenken, doch sie konnte einfach nicht so tun, als ob sie das Gespräch der Menschen nicht belauscht hätte. Was hat das alles zu bedeuten? Wäre ich doch nur nicht so neugierig gewesen, ärgerte sie sich. Aber andererseits: Vielleicht war das eine lebenswichtige Warnung? Wenn Paul und sie durch die Menschen irgendwie in Gefahr waren, dann musste sie jetzt handeln – nur wie?
Sie beschloss, in dieser schwierigen Frage das Labyrinth im Norden der kleinen Insel aufzusuchen. Es war zwar ungewiss, wie lange sie dort verweilen würde, denn die Zeit verging dort langsamer, aber sie plante, wieder zurück zu sein, bevor Paul aus dem Mittagsschlaf erwachte.
Schon seit vielen Monden hatte Gwen das Labyrinth nicht mehr besucht. Die schönen Naturfelsen, die vor Urzeiten hier zu einer mystischen Form zusammengetragen worden waren, lagen noch so an Ort und Stelle, wie sie es in Erinnerung hatte. Sieben Umgänge nach kretischer Art waren zu durchrobben, bis man den Temenos erreichte – den Ort des Verweilens. Diese Mitte des Labyrinths symbolisierte das innere Zentrum, die eigene Mitte. Um das Labyrinth wieder zu verlassen, nahm man denselben Weg zurück. Anders als in einem Irrgarten konnte man sich in der Geborgenheit des Labyrinths nicht verirren. Der Weg bis zum Temenos führte ellipsenförmig um ihn herum, manchmal näher heran, mal weiter weg. Man gewann unterwegs sozusagen unterschiedliche Perspektiven, und dadurch auch verschiedene Antworten auf die eigenen Fragen. Auf diese Weise ergaben sich oft spontan neue Erkenntnisse.
Gwen sah, dass der Weg in die Mitte schon fast gänzlich mit Gras bedeckt und von weißen Blümchen überwachsen war, die sie so lecker fand. Ihr voller Name, Gwendolyn, bedeutete im Keltischen »weiße Blume«. Vielleicht schmeckten sie ihr deshalb so vorzüglich.
Neben dem Eingang sah sie die hölzerne Sitzbank, die irgendwann jemand dort aufgestellt hatte. Mittlerweile war der Platz von wunderschönen Wildrosen umrankt.
Gwen befand sich nun direkt vor dem Eingang des Labyrinths und versuchte, sich trotz ihrer inneren Unruhe zu sammeln und auf ihre Fragen zu konzentrieren:
Was soll ich in dieser Situation tun? Was dient dem höchsten und besten Wohl aller?
Schließlich setzte sie sich in Bewegung, senkte den Kopf und begann, die weißen Blüten abzuknabbern. In diesem Moment brach ein Sturm von Fragen und Bildern in ihr los.
Bewaffnete Menschen kommen auf die Insel und suchen uns. Wir müssen fliehen – aber ist das überhaupt möglich?
Wer ist Alexis Fisher und wie kann sie Tiere mit besonderen Gaben durch ein »Navigationsgerät« finden?
Wenn wir entdeckt werden, nehmen sie Paul und mich gefangen und verschleppen uns auf die »PSI-World-Discovery«.
Panik steigt in mir auf.
Das waren heftige Bilder! Sie graste gerade um die zweite Kehre, als ihr schlagartig klar wurde, dass sie und ihr Sohn dringend Schutz brauchten. Warum bin ich darauf nicht früher gekommen, dachte sie entsetzt. Hoffentlich war es noch nicht zu spät.
Sie verharrte, wo sie war, schloss die Augen und konzentrierte sich mit aller Kraft. Sie dachte dabei so intensiv an das Wasser um die Insel, bis sie selbst das Wasser war. Gwen versammelte ihre Lebensenergie in ihrem Solarplexus und schickte mit ihrem Ausatmen mental einen Feuerstrahl über das Wasser hinweg, bis sich ein Ring aus Feuer um die Insel bildete, den sie vor ihrem inneren Auge klar sehen konnte. Durch die Hitze auf dem Wasser bildete sich jetzt Wasserdampf, der in dicken Schwaden aus dem Meer quoll. Ein nicht enden wollendes Brodeln und Zischen durch den Feuerring ließ weiteren Dampf aufsteigen, der sich zu dichten Wolken formierte und weiter in den Himmel stieg. Die undurchdringliche Nebelwand wölbte sich schließlich nach innen und erschuf eine vollständige Kuppel über der ganzen Insel. Das Feuer erlosch. Sie hatte es geschafft. Durch diesen Nebel würde sie keiner mehr finden. Gwen wurde ruhiger, doch der intensive Gebrauch ihrer Kräfte erschöpfte sie gleichzeitig sehr. Langsam robbte sie weiter.
Wenn uns die »PSI-World-Discovery« zu diesem PSI-World bringen könnte, dann wüssten wir, wie es dort aussieht und was da vor sich geht. Aber See-Esel in Gefangenschaft? Das gab es noch nie. Das ist wie Sterben. Und doch ist da wieder dieses Neugier-Nagetier in meinem Hirn.
Sie graste um die nächste Kehre.
Kann uns vielleicht diese Wangari Esperanza irgendwie helfen? Andererseits – wenn die von ihrem Posten verjagt wurde, hatte sie bestimmt etwas Böses angestellt.
Gwen bog um die nächste Kurve und gelangte mehr zur Mitte.
Was ist mit Paul? Wie denkt er darüber? Er ist jetzt kein Kind mehr. Mutterliebe lässt mein Herz überfließen.
Mit einem entschlossenen kleinen Sprung lag sie plötzlich in der Mitte des Labyrinths und ließ sich auf ihrem molligen See-Eselinnen-Bauch nieder. Nach einer Weile spürte sie eine unumkehrbare Erkenntnis in sich, wie eine sich plötzlich öffnende Kokosnuss. Gwen traf ihre Entscheidung. Sie drehte sich um und robbte entschlossen, ohne den Blumen weitere Beachtung zu schenken, auf dem gleichen Weg zurück.
Noch heute erzähle ich Paul alles. Gemeinsam finden wir einen Weg, um weiter in Frieden leben zu können. Wir verschwenden keine Zeit mehr. Aufregung und Hoffnung steigen in mir auf!
Am Ausgang des Labyrinths drehte Gwen sich noch einmal um. Eine warme Welle des Danks strömte aus ihrem Herzen. Erneut hatte ihr das Labyrinth geholfen, Klarheit in einer schwierigen Lebenssituation zu finden. Gestärkt trat sie den Heimweg an.
5. Der Anruf
17.30 Uhr. Nach Ansicht von Dr. Frank Stein, dem Wissenschaftler in der Keller-Etage von PSI-World, wurde es langsam Zeit, dass die BesucherInnen die Einrichtung verließen. Um 18 Uhr mussten sie draußen sein. Dann konnte er endlich weitermachen.
Ich hole mir gleich einen Energydrink, denn es wird noch ein langer Abend, dachte er. Heute würde er zum ersten Mal eine neue Methode bei dem Delphin anwenden und er war gespannt auf das Ergebnis!
Seine hektischen Gedanken sprangen in die Vergangenheit zurück. Es war wirklich ein toller Zufall, dass ihn die Chefin von PSI-World vor einem Jahr einstellte. Und praktisch war es obendrein, weil hier niemand von seiner Vergangenheit wusste.
Er erinnerte sich an die Zeit beim Militär. Das war schon ein strengeres Regiment. Dort stand er unter mächtig viel Druck. Kein Wunder, dass er da auf diese Pillen gekommen war. Er saß schließlich an der Quelle. Außerdem war er auf diese Weise viel leistungsfähiger, und das zählte schließlich bei den Jungs in der Army. Bei den Versuchen mit den Minenhunden erzielte er daraufhin richtig gute Fortschritte. Aber sie waren ihm wegen dieser Drogensache schon dicht auf den Fersen. Deshalb gab er seine Festanstellung in der Army gerne zugunsten von PSI-World auf. Schließlich konnte er sich seitdem »Dr. Frank Stein, Experte für die Kommunikation von Meerestieren, speziell bei Delphinen« nennen. Er musste nur weiterhin so clever dafür sorgen, dass der Schein nach außen hin sauber gewahrt blieb und niemand von seinem Drogenproblem erfuhr.
Trotz Klimaanlage war dieses kleine Kellerloch heiß wie ein Treibhaus und dieser weiße Laborkittel brachte ihn noch um. Den Energydrink vergaß er aus Unkonzentriertheit, dabei zeigte die Uhr bereits 17.45 Uhr. Er beschloss, endlich eine Pille einzunehmen, um sich zu beruhigen, als das ID am Handgelenk klingelte.
Wer ruft mich denn jetzt kurz vor Schluss noch an?
Sein Herz raste wie wild. Hatte er irgendetwas falsch gemacht? Konnte jemand Verdacht geschöpft haben? Er las den Namen Alexis Fisher auf dem Display. Das ID klingelte erneut.
Es hilft alles nichts, ich muss ans Telefon gehen. Energydrink später holen. Pille hinterher einwerfen. Durchschnaufen.
»Dr. Stein am Apparat, was kann ich für Sie tun?«, meldete er sich.
»Hallo Dr. Stein, hier ist Alexis Fisher. Entschuldigen Sie, wenn ich Sie kurz störe, aber das macht Ihnen doch sicher nichts aus, oder?« So erklang die überaus liebenswürdige aber keinen Widerspruch duldende Stimme der Betreiberin von PSI-World.
Warum zittert mir jetzt verdammt noch mal das ID am Handgelenk? Entspann dich, Franky-Boy, dachte er.
Mrs. Fisher wartete nicht auf eine Antwort, sondern fuhr mit freundlicher Stimme fort. »Dr. Stein, ich wollte mich heute bei Ihnen vergewissern, dass der Auftrag, den ich Ihnen bereits vor knapp einem Jahr erteilt habe, zügig voranschreitet.«
