Die Päpste - Jörg Ernesti - E-Book

Die Päpste E-Book

Jörg Ernesti

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Beschreibung

Das Papsttum fasziniert als scheinbar uralte Institution mit unveränderlichen Machtbefugnissen und Ritualen. Jörg Ernesti erklärt demgegenüber, wie der Primat der Bischöfe von Rom in der Antike allmählich entstand. Im Mittelalter gewannen die Päpste politische Macht, kompensierten ihren Machtverlust in Renaissance und Barock mit einer einzigartigen Kultur, richteten in der Neuzeit die katholische Weltkirche auf sich aus und avancierten weit darüber hinaus zur moralischen Autorität. Ein kompakter, anschaulicher Überblick über eine überraschend wandlungsfähige und dabei erstaunlich beständige Institution.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Titel

Jörg Ernesti

DIE PÄPSTE

Von der Antike bis zur Gegenwart

C.H.Beck

Übersicht

Cover

Inhalt

Textbeginn

Inhalt

Titel

Inhalt

Karte: Der Kirchenstaat in der Zeit Innozenz’ III.

Karte: Der Staat der Vatikanstadt

1. Die Anfänge

Petrus – der erste Papst?

Der Vorrang der römischen Kirche

Profilierung des päpstlichen Primats in der Spätantike

Das Verhältnis zum Staat

2. Papsttum und Kaisertum im Mittelalter

Pippin, Karl und die Anfänge des Kirchenstaates

Die kaiserliche Schutzfunktion

Gregorianische Reform und Investiturstreit

Neugewonnene Unabhängigkeit: Die Papstwahl

«Schiedsrichter der Welt»: Innozenz III.

3. Spielball der europäischen Mächte

Unheilige Kriege und heilige Jahre

Exil in Avignon, Päpste und Gegenpäpste

4. Das konfessionelle Zeitalter

Die Dekadenz des Renaissancepapsttums

Luthers Papstkritik

Papsttum und Katholische Reform

Inquisition und Bücherzensur

Barockes Mäzenatentum

5. Aufklärung, Französische Revolution und die Folgen

Das 18. Jahrhundert

Aufhebung und Restauration des Kirchenstaates

Antiaufklärerische Ausrichtung

Pius IX. und das Ende des alten Kirchenstaates

Unfehlbar?

Das Zeitalter der Diplomatenpäpste

6. Die Päpste in der Zeit der totalitären Regime

Der neue Staat der Vatikanstadt

Die Konkordatspolitik

Pius XII., Zweiter Weltkrieg und Holocaust

7. Neue Herausforderungen: Kirchenreform und Medienpapsttum

Das Zweite Vatikanische Konzil

Die Ökumene

Die moderne Kurie: Zentralverwaltung statt Hofstaat

Der slawische Papst

Der «deutsche Papst» Benedikt XVI.

Ein Neuanfang: Franziskus

Der Heilige Stuhl und die internationale Politik

Ausblick: Das Papsttum im 21. Jahrhundert

Zeittafel

Literaturhinweise

Bild- und Kartennachweis

Personenregister

Zum Buch

Vita

Impressum

Karte: Der Kirchenstaat in der Zeit Innozenz’ III.

Karte: Der Staat der Vatikanstadt

1. Die Anfänge

Petrus – der erste Papst?

Auf die Frage, wer der erste Papst gewesen ist, erhält man für gewöhnlich die Antwort: Petrus. Nach der offiziellen Titulatur ist der Papst «Stellvertreter Christi» und «Nachfolger des Apostels Petrus». Man muss also zunächst auf das Neue Testament und die anderen frühen Schriften des Christentums schauen, wenn man die Ursprünge des «Petrusamtes» rekonstruieren will.

Die galiläischen Fischer Simon Petrus und sein Bruder Andreas waren die ersten Jünger, die von Jesus von Nazareth berufen wurden, um zu «Menschenfischern» zu werden. Im Zwölferkreis der Apostel hatte Petrus eine herausgehobene Stellung inne. So wird er in den Evangelien in allen Auflistungen zuerst genannt. Unter Bibelwissenschaftlern umstritten ist die Deutung von Matthäus 16,18f., wo Jesus spricht:

Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und die Pforten der Unterwelt werden sie nicht überwältigen. Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird im Himmel gelöst sein.

Die beiden Verse, die keine Parallele in den anderen drei Evangelien haben, werden heute zumeist nicht dem historischen Jesus, sondern einer späteren Redaktion zugeschrieben. Der Beiname des Apostels wird hier allegorisch als Abwandlung des griechischen Wortes «Fels» (pétros) gedeutet. Petrus wird damit als das Fundament vorgestellt, auf dem die Kirche gründet. Martin Luther und nach ihm die meisten protestantischen Exegeten übersetzen das Wort ekklesía nicht mit «Kirche», sondern mit «Gemeinde». Das ist auch treffender, denn zum Zeitpunkt der Entstehung des Matthäusevangeliums zwischen 80 und 100 ist damit zuerst die Gemeinschaft der Christen eines Ortes gemeint, daneben erst in einem übertragenen Sinne die Gesamtheit aller Christen. Bestimmend ist in der frühen Christenheit das von Paulus geprägte Bild des «Leibes Christi». Die Kirche als eine universale Institution ist im Neuen Testament dagegen zumeist noch nicht im Blick.

Das Fels-Wort ziert heute in meterhohen goldenen Lettern die Kuppel des Petersdoms, gleichsam als Begründung des päpstlichen Primats, der Vorrangstellung des Bischofs von Rom. Ein solcher Triumphalismus kann sich kaum auf das Neue Testament stützen. Die Evangelien berichten, dass Petrus seinem Herrn Jesus zunächst die Treue geschworen, ihn aber vor dessen Verurteilung verleugnet hat. Sein Versagen ist Teil seiner Sendung: «Ich aber habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht erlischt. Und wenn du wieder umgekehrt bist, dann stärke deine Brüder!» (Lukas 22,32) Im Johannesevangelium (21,17) ergeht erst nach dreimaliger Rückfrage Jesu, ob Petrus ihn auch wirklich liebe, der Auftrag: «Weide meine Schafe». Petrus wird also nicht trotz seiner Schwäche zum Hirten erwählt, sondern gerade ihretwegen. Hier klingt der neutestamentliche Topos an, dass die Ausbreitung des Glaubens nicht Menschenwerk, sondern Werk Gottes ist (2 Korinther 12,9f.) Die Indienstnahme begründet also keine besondere Würde des Petrus, sondern verweist auf Jesus Christus als das eigentliche Fundament der Kirche: «Wichtig ist festzuhalten, dass die Schwachheit des Petrus und des Paulus offenbar macht, dass die Kirche auf der unendlichen Macht der Gnade gründet.» (Johannes Paul II., Ut unum sint 91)

Der Apostel Petrus gehörte zu den Personen, denen der auferstandene Jesus erschien (Lukas 24,34; 1 Korinther 15,5). Nach der Auferstehung hatte er der Apostelgeschichte zufolge (die um das Jahr 80 verfasst worden sein dürfte) in der Jerusalemer Gemeinde zusammen mit dem Apostel Jakobus dem Älteren eine Vorrangstellung inne. Er missionierte auch außerhalb von Jerusalem und soll dabei Heilungen und Totenerweckungen bewirkt haben. Bei der Apostelversammlung im Jahr 48 sprach er sich für die Mission unter Heiden aus, von Menschen also, die nicht zuvor Juden gewesen waren (Apg 15,7–​11). Trotzdem kam es gerade in dieser Frage zu einem heftigen Zusammenstoß mit dem Apostel Paulus, da Petrus in Gegenwart von Personen des Jakobus-Kreises den Umgang mit Christen mied, die nicht dem Judentum entstammten (wie Paulus im Brief an die Galater 2,11–​21 berichtet). Über das weitere Schicksal des Petrus macht die Apostelgeschichte keine Angaben.

Wie die Apostelgeschichte, die neutestamentliche Briefliteratur und die um das Jahr 100 entstandenen Schriften der sogenannten Apostolischen Väter zeigen, gab es in jener Frühzeit in der Gemeinschaft der Christen neben Petrus noch andere Protagonisten. Bemerkenswert ist, dass der Apostel Paulus, der Jesus nie von Angesicht zu Angesicht gesehen hatte, von Anfang an einen ähnlich hohen Rang wie Petrus einnahm.

Die Tradition der Kirche sieht in Petrus und Paulus die Gründer und Leiter der römischen Gemeinde. Beide haben nach der Überlieferung in der Christenverfolgung des Kaisers Nero um das Jahr 64 das Martyrium erlitten. Petrus soll am Vatikanhügel und damit bei der Stätte seines Todes begraben worden sein. Doch dass Petrus tatsächlich in Rom war, wird seit der Mitte des 19. Jahrhunderts immer wieder in Zweifel gezogen. Die problematische Überlieferungslage fasst der Kirchenhistoriker Ernst Dassmann zusammen:

Ob Petrus in Rom gewesen ist, wenn ja wann und wie oft und wie lange, ob er die Christengemeinde in Rom gegründet und vielleicht sogar als ihr erster Bischof gewirkt hat, ob er in Rom den Märtyrertod gestorben und begraben worden und sein Grab bis heute erhalten und bekannt geblieben ist, darüber ist unübersehbar viel gestritten, gemutmaßt und entsprechend geschrieben worden, weil eindeutige, nicht anders interpretierbare und unwiderlegbare Zeugnisse fehlen und nur über Indizienbeweise und Schlussfolgerungen eine Lösung versucht werden kann. (Heid 13)

Man müsse sich bewusst sein, dass es bei dieser Frage nicht nur um «historisches Interesse» gehe. Sie rühre vielmehr an das Grundverständnis der katholischen Kirche. Diese begründet die Vollmacht des Papstes bis heute mit den Zusagen Jesu Christi an Petrus. Zuletzt wurden die Argumente, die gegen einen Aufenthalt des Apostels in Rom sprechen, im Jahr 2009 durch den Altphilologen Otto Zwierlein stark gemacht. Zwei Tagungen in Freiburg i.Br. und in Rom (2010), welche die schriftlichen und archäologischen Zeugnisse umfassend in den Blick nahmen, konnten keine letzte Klarheit erbringen.