4,99 €
Der schon ergraute Andy lernt die junge Selina in einem Club kennen. Es entwickelt sich eine besondere Freundschaft zwischen diesen beiden. Da sie ihren Beruf aufgeben möchte, ihr aber die finanziellen Mittel fehlen, hilft und unterstützt er sie über mehrere Jahre mit beträchtlichen Geldsummen. Er baut ihr ein Haus und kauft einen Shop für eine Boutique. Seine Familie bemerkt von seinen hohen Ausgaben zunächst nichts. Als es dann herauskommt, entwickelt sich eine nie dagewesene Beziehungskrise in der gesamten Familie. Man glaubt, Andy sei zu entmündigen und vermutet, dass er betrügerisch ausgenutzt wurde. Sogar die Polizei wird eingeschaltet. Unendlich viele zermürbende Diskussionen sind die Folge, auch therapeutische Maßnahmen werden notwendig. Die Entwicklung ist dramatisch, aber nicht hoffnungslos.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 106
Veröffentlichungsjahr: 2020
Es ist dunkel geworden. Ich saß im Auto und die Scheinwerfer waren erloschen. Nur der trübe Schein einer einzelnen Straßenlaterne spendete ein wenig Licht. Kein Mensch war zu sehen, kein Autoverkehr zu dieser Zeit. Ich rauchte eine Zigarette und ließ meine Gedanken des Tages nochmals an mir vorüberziehen. Hatte der Urologe wirklich Recht, der auf Grund meiner Erektionsstörungen und meiner langjährigen Ehe die Empfehlung aussprach, es einmal mit einer anderen Frau zu versuchen? Seit Jahren lief ich von einem Arzt zum anderen ohne dass irgendeiner hätte helfen können. Tabletten, Injektionen, Testosteronbehandlungen, alles erfolglos. Nur eines hatte sich geändert, ich war wieder interessiert an dem weiblichen Geschlecht, vorher hatte ich Frauen kaum wahrgenommen. Die Gedanken ließen mich nicht los, ich warf den Zigarettenstummel aus dem Fenster und zündete mir gleich eine neue an. Um mich herum war es still, noch immer keine Menschenseele zu sehen, das war mir ganz wichtig und ich beobachtete intensiv weiter die Umgebung. Ok, wenn ich es versuchen sollte dann jetzt. Ich stieg aus, warf die Zigarettenkippe zu dem Müll auf dem Bürgersteig der sich dort angesammelt hatte und ging wenige Meter um die Straßenecke. Die weiße Eingangstür des FKKKlubs war hell angestrahlt. Ich ging auf dem ebenfalls weißen Kiesweg nur einige Meter und öffnete die abgedunkelte Glastür. Im trüben rötlichen Licht stand hinter einem Tresen eine langhaarige Blondine mit Jeans und weit ausgeschnittenem Top. Trotz ihrer Schminke bemerkte ich, dass sie schon in die Jahre gekommen war. Sie begrüßte mich sehr freundlich. „Hey, bist Du zum ersten Mal hier?“ Ich erwiderte „Ja, ich hoffe das macht nichts“ Sie lachte „Logisch nicht, ich erkläre Dir mal wie es hier abläuft! Sag mir doch mal deine Schuhgrösse?“ Ich antwortete: „45 und warum willst du das wissen?“ „Danach suche ich dir deinen Spind raus! Dort findest du dann deine Badeschuhe in der richtigen Größe!“ Sie erklärte mir noch wie die Bezahlung mit den Getränken funktioniert und zeigte mir wo ich mich umziehen kann. Nachdem ich meinen Eintritt bezahlt hatte und bestens aufgeklärt wurde, nahm ich Handtuch und Bademantel und ging in den Umkleideraum. Alles machte einen sauberen und aufgeräumten Eindruck. Meine Sachen verstaute ich in dem viel zu kleinen Spind und machte mich dann auf den Weg zur Bar, die durch eine ebenfalls weiße Pendeltür von dem Eingangsbereich abgetrennt war. Sowohl an der Bar als auch auf mehreren Couchgarnituren saßen viele Mädels, deren Kopf sofort zu der Pendeltür drehte, um zu schauen wer jetzt wohl kommt. Mit einem flauen Gefühl im Bauch ging ich direkt zur Bar und suchte mir einen Platz, bei dem nebeneinander einige Barhocker frei waren. Ich hatte nicht vor mich sofort in die Nähe zwischen die Mädels zu setzen. So glaubte ich alles erst einmal in Ruhe beobachten zu können. Der Raum war spärlich beleuchtet, leise spielte im Hintergrund Musik. Kaum hatte ich mich dort hingesetzt wurde ich schon von dem ersten langhaarigen blonden Mädel angesprochen. Sie fragte mit einem gewinnenden Lächeln ob ich denn Gesellschaft wünsche. „Nein danke“ sagte ich „ ich bin eben erst gekommen“. Eine dümmere Ausrede ist mir in dem Moment nicht eingefallen. Aber sie akzeptierte meinen Spruch mit dem Hinweis, ich könnte ihr ja dann Bescheid sagen und wechselte auf ihren unglaublich hohen High Heels wieder zu den anderen. Mein Gehirn begann fieberhaft zu arbeiten und ich suchte verzweifelt nach einer Strategie wie ich denn nun weiter vorgehen sollte. Schließlich wollte ich mir keine Blöße geben. Nachdem ich noch weitere Mädels erfolgreich abgewimmelt hatte ließ man mich in Ruhe, offensichtlich hatten sie an mir altem Knochen das Interesse verloren. Plötzlich bemerkte ich ein sehr nett aussehendes Mädel, das sich von den anderen auf besondere Art hervorhob. Sie war zurückhaltend, sehr hübsch, unterhielt sich mit ihren Kolleginnen und lachte auf eine hinreißende Art. Unsere Blicke kreuzten sich und ich lächelte ebenfalls zu ihr herüber. Nachdem wir das mehrfach wiederholt hatten, ergriff sie die Initiative und kam zu mir herüber an die Bar. „Hallo, ich heiße Selina, bist du heute das erste Mal hier?“ Jetzt musste ich Farbe bekennen und sie war mir nicht unangenehm. „Ja“ erwiderte ich „ich bin zum ersten Mal hier“. „Wie heißt Du denn“ fragte sie und ich antwortete unsicher mit einem falschen Vornamen „Andy“, denn ich vermutete, dass ihr Name auch nicht der Richtige war. Wir unterhielten uns dann woher ich komme und was ich arbeite. Es machte Spaß mit ihr zu erzählen, auch sie beantwortete meine Fragen und ich erfuhr dass sie aus Bulgarien stammt. Sie war schon längere Zeit hier, hatte sich die deutsche Sprache selbst angeeignet und sprach mit einem angenehmen ausländischen Akzent, der die Unterhaltung noch spannender machte. Ich lud sie zu einem Piccolo ein und nach vielleicht einer Stunde fragte sie mich ganz direkt, ob wir uns denn nicht in einen der Räume zurückziehen wollten. Schlagartig war mir bewusst, dass ich genau jetzt eine Entscheidung treffen musste. Mein Stresspegel war am Limit, es gab keinen Aufschub mehr. Ich stimmte zu und wir verließen die Bar. Sie schwebte in ihren High Heels vor mir her, dann betraten wir beide das Zimmer. Wir setzten uns nebeneinander auf das Bett und erzählten weiter von Belanglosigkeiten. Meine Anspannung fiel langsam von mir ab, ich nehme an, dass sie es gespürt hat. Ich überlegte kurz und beschloss dann ihr reinen Wein einzuschenken. „Ich habe Erektionsstörungen, bei mir funktioniert gar nichts“ gestand ich ihr. Sie lächelte mich verständnisvoll an und erwiderte, dass es viele Männer gäbe die schon mit sehr viel jüngeren Jahren davon betroffen sind. Wir sprachen länger über dieses Thema und sie versuchte mir einfühlsam meine innere Barriere zu nehmen. Und da ihr die Unterhaltung in deutscher Sprache nicht so einfach fiel, wechselten wir auf die englische, diese konnte sie sehr viel besser. Bei mir tat sich tatsächlich wie schon befürchtet nichts und als die vereinbarte Zeit vorbei war, gab sie mir ihr hinreißendes verständnisvolles Lächeln mit auf den Weg.
An den folgenden Tagen musste ich oft an dieses Erlebnis und vor allem auch an Selina denken. Sie war so locker und fröhlich wie ich es schon lange nicht mehr erlebt hatte. Und das gefiel mir sehr. Ich fasste den Entschluss sie nochmals zu besuchen. Als es die Zeit erlaubte, ging ich wieder zu dem Club und dachte überhaupt nicht darüber nach, ob sie auch wirklich dort ist. Dies wurde mir aber erst bewusst als ich den Eintritt schon bezahlt hatte. Nun aber würde ich es ja feststellen. Es fiel mir wesentlich einfacher wie beim ersten Mal, da ich jetzt schon wusste was mich erwarten würde. Viele Mädels erkannte ich wieder, sie mich allerdings auch und in einer kleinen Gruppe kichernder Mädels sah ich Selina. Unsere Blicke trafen sich und wir lächelten uns an, sie kam daraufhin sofort zu mir herüber. Wir begrüßten uns herzlich als würden wir uns schon ewig kennen, tranken etwas an der Bar, erzählten uns viel in Deutsch und Englisch und zogen uns dann zurück. Sobald wir alleine waren wurde ich sehr viel lockerer und unsere Unterhaltung natürlich auch. Irgendwie hatte ich das Gefühl eine besondere Verbindung zu ihr zu haben, die ich allerdings nicht einzuschätzen vermochte. Und da unsere Gespräche wesentlich intensiver wurden, unterhielten wir uns wie bei unserem ersten Treffen sowohl in deutscher wie auch in englischer Sprache. Damit kamen wir beide sehr gut zurecht.
In den kommenden Wochen trafen wir uns öfter in dem Club. Sie hatte inzwischen Vertrauen zu mir gefasst und mir auch ihre Handynummer gegeben, sodass wir uns dort verabreden konnten. So war ich sicher dass sie auch da ist. Sie erklärte mir viel von ihrer Arbeit wie sie es nannte und ich begriff langsam, dass es tatsächlich auch eine war. Voraussetzung waren zunächst ein attraktives Aussehen, ein aufreizendes Outfit, ein erotischer Duft, lange Wimpern, hübsche Fingernägel und eine besondere Frisur und das kostete eine Menge Zeit und Geld. Alle Mädels hier arbeiteten Schicht, das bedeutet sie mussten 12 Stunden tagsüber oder nachts anwesend sein. Dabei spielte es keine Rolle ob viel oder wenig Gäste anwesend waren. Auch der einzelne sollte mehrere Mädels vorfinden, sonst wäre er enttäuscht und das möchte der Club auf jeden Fall vermeiden. Dies spricht sich in diesen Kreisen schnell herum. Sie arbeiteten selbstständig und auf eigene Rechnung und sollten die Landessprache wenigstens etwas beherrschen. Selina konnte sich außer in Deutsch und Englisch z.B. auch in Spanisch oder Italienisch unterhalten. Wenn ein Gast die Bar betrat, entschied sie für sich auf den ersten Blick, ob er einen sympathischen Eindruck machte. War es für sie stimmig begann die Akquise, diese ist in Anbetracht der vielen konkurrierenden Mädels nicht zu unterschätzen. Es galt den richtigen Zeitpunkt abzuwarten um den Gast anzusprechen, damit er sich nicht unter Druck gesetzt fühlte. War der Gast mit ihrer Gesellschaft einverstanden, musste sie ein vernünftiges Gespräch führen können, etwas von seinen Vorstellungen erfahren und sich auf ihn einstellen. Stellte sich dabei heraus, dass er wider Erwarten eigenartige Neigungen hatte, oder doch ein unangenehmer Typ war, zog sie sich sofort zurück. Ich hätte nicht vermutet, dass nicht nur das Geld eine Rolle spielt, eine gewisse Portion Sympathie gehörte also auch dazu.
Da die Clubbesuche nicht mein Ding waren, schließlich wollte ich dort nicht gesehen werden, fragte ich sie, ob wir uns denn nicht mal in der Stadt zum Essen treffen wollen. Da dies seitens des Clubs nicht gewünscht war zögerte sie zunächst, aber willigte dann doch ein. Wir verabredeten uns in der City zum Mittagessen. Der Tag kam, es war kühl und sah nach Regen aus und ich wartete im Freien an dem verabredeten Treffpunkt. Ich dachte an meine Familie, vor allem was sie zu meinem Treffen wohl sagen würde. Ich verdrängte diese Gedanken relativ schnell, es fehlte uns im Moment die familiäre Nähe. Meine Frau widmete sich dem Golf, dem Sport, sowie anderen sozialen Dingen und war die ganze Woche zeitlich ausgebucht. Vielleicht fühlte ich mich irgendwie vernachlässigt, ohne dass es mir zu diesem Zeitpunkt tatsächlich bewusst war. Wie bei Frauen üblich war Selina nicht pünktlich, ich dachte schon, sie hätte es sich anders überlegt und schickte ihr eine Whattsapp. Sie antwortete nur wenige Minuten später, dass sie bereits im Taxi sitzen würde, sie hätte sich verspätet. Tatsächlich bog sie nach einiger Zeit um die Ecke und ich erkannte sie zunächst nur an ihrem Gesicht und den langen wilden rotbraunen Haaren. Sie sah ganz anders aus wie erwartet, trug Jeans und silberne Sneakers und da es ja kühl war, einen dünnen Stoffmantel darüber. Ich freute mich, dass sie unsere Verabredung doch eingehalten hatte. Schließlich war ich schon fast doppelt so alt wie sie. Wir überlegten kurz und gingen zusammen in einem Restaurant essen wo wir auch rauchen konnten. Schnitzel mit Pommes, das ist doch was. Obwohl ich es so in diesem Moment nicht gesehen habe, kamen wir uns durch die persönlichen Erzählungen ungewöhnlich nahe. Sie arbeitete hier in Deutschland um ihre Familie zu versorgen, hatte zwei Kinder und war geschieden. Ich versuchte mehr zu erfahren und fragte weiter. Ich spürte plötzlich dass ihr meine Fragerei zu weit ging, ihre Antworten wurden ungewöhnlich kurz und knapp. Es dauert bis ich ihr weiteres Vertrauen gewinnen kann dachte ich mir und stellte deshalb keine Fragen mehr. Sie sollte nicht den Eindruck haben ich wollte sie aushorchen, das lag mir völlig fern. Wir wechselten das Thema und machten noch ein wenig Small Talk über Musik und Urlaub. Und so endete unser erstes Date an diesem Nachmittag lustig und fröhlich.
Ich fühlte mich innerlich wie zerrissen. Auf der einen Seite die Familie, auf der anderen Seite Selina. Ich bewunderte ihre lockere und aufgeschlossene Art, ganz anders, als ich es von zu Hause kenne. Dort bin ich gut für alle möglichen Tätigkeiten rund um Haus und Hof, es wird allerdings nicht so wie ich es mir wünsche wahrgenommen. Es wird mehr als Selbstverständlichkeit gesehen. Bei ihr jedoch erfuhr ich eine Aufmerksamkeit, die ich sonst nur annähernd während meines Berufslebens verzeichnen konnte.
Bei unserem nächsten Treffen ähnelte sich vieles, unsere Unterhaltung wurde vertrauter und sowohl sie als auch ich sprachen über viel Persönliches. Sie mochte ihren Beruf nicht und würde viel lieber bei ihren Kindern und bei der Familie zu Hause sein. Ich konnte dies gut verstehen, denn sie sah diese normalerweise nur alle 2 bis 3 Monate oder bei familiären Anlässen für einige wenige Tage. Sie schickte laufend Bargeld nach Hause, die Eltern waren arm und hatten ihr auch keine richtige Schulausbildung ermöglichen können. Wie sie mir verriet, besaß sie lediglich von früher noch ein Baugrundstück und ihr Traum war es, einmal in eigenen vier Wänden zu wohnen. Ich freute mich, dass sie trotz aller widrigen Umstände so positiv in die Zukunft blicken konnte.
