Die Parallelwelt der Puppengedanken - Jule Mailis - E-Book

Die Parallelwelt der Puppengedanken E-Book

Jule Mailis

0,0
9,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Jeden Tag passieren neue Dinge. Man beschreitet neue Wege und ehe man es sich versieht, ist man in der größten und mächtigsten Geschichte angekommen. Dem Leben selbst. -die Parallelwelt- Irgendwann werde ich dich treffen und wir beide werden Spaß haben. Ich werde bei dir sein, wenn du deinen letzten Atemzug machst. Woher ich das weiß? Ich bin dein Richter. -die Puppengedanken- Nora lernt Paul kennen. Sie verlieben sich. Beginnen ein gemeinsames Leben. Alles ist gut. Bis sich die Tür zur Parallelwelt öffnet.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2021

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Jule Mailis

Die Parallelwelt der Puppengedanken

Roman

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Jule Mailis

Die Parallelwelt der Puppengedanken

Roman

Jeden Tag passieren neue Dinge. Man beschreitet neue Wege und ehe man es sich versieht, ist man in der größten und mächtigsten Geschichte angekommen.

Dem Leben selbst.

- die Parallelwelt -

Irgendwann werde ich dich treffen und wir beide werden Spaß haben.

Ich werde bei dir sein, wenn du deinen letzten Atemzug machst.

Woher ich das weiß?

Ich bin dein Richter.

- die Puppengedanken -

Nora lernt Paul kennen. Sie verlieben sich. Beginnen ein gemeinsames Leben. Alles ist gut.

Bis sich die Tür zur Parallelwelt öffnet.

Für meine drei Spezialisten

Kapitel 1

Der Typ und ich

Oder die Geschichte von Paul und mir

Alles begann an einem lauen Frühsommerabend vor über 25 Jahren.

Ich war süße 18 Jahre alt und zog mit einer Clique älterer Jungs um die Häuser. Mein Hund Fred war immer mit im Gepäck. Fred ist ein Beagle Wolfshund Mix, so wird es vermutet. Wobei ich mir da durchaus die Frage gestellt habe, wie das wohl funktionieren konnte. Er hat die Eigenschaften eines Beagles geerbt und die Größe eines Wolfshundes. Das scheint er aber nicht zu wissen, denn er verhält sich nicht so. Fred ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Schoßhund. Am liebsten döst er in der Sonne oder macht mit mir lange Spaziergänge. Das Einzige was er überhaupt nicht mag ist Autofahren, und wenn er sauer ist, kann er tagelang schmollen. Dass ich mal auf den Hund kommen sollte, war so nicht geplant. Es hatte sich so ergeben und war im Nachhinein die beste Entscheidung meines Lebens.

An diesem Sommerabend also stand ich mit Oliver, Fausto und Justus an dem Gartentor von Paul.

Paul war ebenfalls in der Clique und dadurch dass er im Ausland studiert hatte, mir noch gänzlich unbekannt. Gestern war er zurückgekommen, und das musste gefeiert werden. Ob es nicht unüblich ist, dass ein Mädel nur mit Jungs rumhängt? Nein, ich denke nicht. Außerdem, wenn sie nichts von einem wollen, ist es praktisch. Oft ist es völlig entspannt und für mich im Moment gerade richtig. Natürlich hatte ich auch eine reine Mädels Clique. Aber ab einem gewissen Alter gibt es da nur Zickenkrieg, Neid und nur das eine Thema was dann irgendwann einfach nur nervt. Dann kann man sich entscheiden – wird man erwachsen oder bleibt man stehen und es geht nicht weiter. Ich habe mich für ersteres entschieden, bin ausgezogen nach dem Schulabschluss und habe meine Ausbildung angefangen. Das bedeutete für mich in den nächsten Ort zu ziehen und erst mal allein dazustehen. Aber es war eine gute Entscheidung, irgendwann traf ich die Jungs und damit begann ein Abenteuer. Zuerst traf ich Fausto, und durch ihn lernte ich die anderen kennen.

Neuer Ort, neues Glück sozusagen. So warteten wir also auf Paul.

Paul wohnte mit seinen Eltern und seiner Schwester in einem Haus am Ortsrand einer kleinen Gemeinde, in der Nähe von Heide.

Ich wusste nicht viel über ihn und war dementsprechend gespannt.

Es war geplant, dass wir in den nächsten Ort zum Essen fahren, als eine Art Willkommensfeier für Paul. Oliver fing an zu maulen, wo denn der Grieche bliebe, schließlich habe man nicht ewig Zeit und schließlich müssten wir ja auch noch hinfahren.

Unser Ziel war das „Ali Baba“, ein Restaurant, das von Hüseyin und seiner Familie geführt wurde. Hier gab es laut den Jungs den besten Döner weit und breit. Auch ich, die kaum oder wenig Fleisch aß, kam hier auf meine Kosten denn er zauberte mir immer eine andere fleischfreie Köstlichkeit.

Also lohnte es sich für mich doch auch. Der Name „Ali Baba“ war in den siebziger Jahren aufgekommen, als Restaurants dieser Art noch neu waren und die Leute es nicht einordnen konnten. Ich glaube es hatte ursprünglich einen anderen Namen, aber den kannte keiner mehr. So hieß es eben „Ali Baba“, und jeder wusste was gemeint war. Fred wurde auch etwas ungeduldig und Justus begann ihn hinter den Ohren zu kraulen. Auch Justus wurde knotterig, denn er hatte den ganzen Tag in der Werkstatt seines Vaters gearbeitet. Mein Magen fing auch langsam an zu knurren. Paul könnte mal langsam aufkreuzen. Fand ich auch. Kaum gedacht ging die Haustür auf und ein Typ mit schwarzen, lockigen, über schulterlangen Haaren und einem Ramones-Shirt trat heraus. Er trug noch dazu eine John Lennon-Gedächtnis-Brille und seine Muskeln an den Oberarmen füllten das T-Shirt komplett aus. Über die Chucks an den Füssen und die Röhrenjeans in grau, wollen wir besser nicht reden. Ja, alles klar. Was war das denn bitte?

Ihm folgte eine kleine rundliche Frau, die ihm in wild gestikulierender, mir unverständlicher Sprache, irgendwas hinterher rief. Paul drehte sich um und sagte, dass er nicht zu spät zurückkomme und auf dem Heimweg Paula mitnehmen würde. Sie brauche sich keine Sorgen zu machen, im übrigen seien sie alt genug, das solle sie nicht vergessen.

Paul und Paula.

Liebe Eltern, ist das euer Ernst?

Oliver murmelte: „ Endlich beehrt uns nun der Grieche auch mal mit seiner Anwesenheit.“

Paul kam zum Gartentürchen, machte es auf und trat heraus. Da sich die Jungs alle noch nicht gesehen hatten seit Pauls Rückkehr, folgte erst mal ein großes Hallo. Die Jungs, artig wie sie waren grüßten und wünschten der Frau die Paul begleitet hatte, einen guten Abend. Sie lachte und jeder bekam eine in Küchenpapier eingepackte duftende Köstlichkeit überreicht. Ich bekam nichts.

Aber nur für einen kurzen Moment, bis sie mich bemerkte.

„Paul, wer ist denn das? Warum weiß ich nichts davon, dass ihr ein Mädchen mitnehmt?“ Sie sah ihn an. Da erst bemerkte Paul mich. „Ob du es glaubst oder nicht, ich wusste auch nichts davon.“

Mir war das ganze sehr unangenehm.

Fred sah sabbernd auf die Serviette von Fausto, dieser wiederum sah mich an und meinte: „Der verhungert gleich, darf er, nur ein kleines Stück?“

Ich lachte, denn ich wusste, auch wenn ich nein sagen würde, gäbe es einen Haps für den halb verhungerten Hund. Also nickte ich. Das wiederum bekam Pauls Begleiterin mit. Sie sauste zurück ins Haus, so schnell konnte ich gar nicht gucken. Ich zweifelte stark daran, dass das Pauls Mutter war. Aber nun gut. Wenig später kam sie mit einem Stück Fleischwurst für Fred und einem in eine Serviette gepackten Teigteilchen für mich zurück.

Ich war gerührt und bedankte mich. Sie lächelte und erwiderte: „Schon gut, lassen sie es sich schmecken.“

Wir verabschiedeten uns und sie ging ins Haus. Fred war ganz verzückt und inhalierte die Fleischwurst in einem Stück. Paul fragte, ob wir los wollen, es sei schon an der Zeit. Woraufhin Oliver erwiderte dass wir schon längst da sein könnten, hätte Paul nicht getrödelt. Wir liefen zu den Autos.

Oliver hatte auf der gegenüberliegenden Straßenseite geparkt und steuerte darauf zu. Paul sagte im Laufen: „Wenn wir Paula noch mitnehmen, dann wird es mit uns allen eng. Ich fahre noch zusätzlich. Der Hund braucht ja auch seinen Platz.“ Sprachs und lief zurück zum Haus. Ich sah ihm nach. Oliver grinste, sagte aber nichts. Paul war unterdessen in der Garage neben dem Haus verschwunden, und kurz darauf hörten wir einen Höllenlärm, der durch das Anlassen eines Autos verursacht wurde. Fausto sah uns an und fragte fast ein wenig genervt: „Herrgott, will der wirklich mit dem Pony fahren?“

Ich verstand nicht was er meinte, und war sicher, dass es sich um einen Insider handeln musste. Also erwiderte ich nichts. Mit einem unbeschreiblichen Brummen und Knattern und einem „WROOOM“ kam aus der Garage ein Auto gerollt, dass ich so noch nicht gesehen hatte. Ich sah Oliver an. Der rollte nur die Augen und meinte: „Der Audi der Mutter hätte es auch getan, aber nein, das Pony muss es sein.“

Das blaue Geschoss mit den Rallystreifen und V8 Sound war also ein Pony. Ich dachte kurz nach, dann verstand ich was er meinte. Ein Mustang. Ja, na sicher.

Guten Morgen Nora, was bist du schwer von Begriff.

Ich grinste. Dieser Paul begann gerade sehr interessant zu werden, stellte ich fest.

„Was dachtest du denn, denkste der lässt die Sally im Stall? Der hat sie ein Jahr lang nicht gesehen, da ist es ja wohl klar, dass er den Audi von der Mutter nicht nimmt.“ Justus war da ganz bei Paul. Mir war es grundsätzlich egal mit welchem Auto wir fuhren, Hauptsache wir kamen mal langsam los.

Paul fuhr grinsend das Pony aus der Garage, der Sound ging durch Mark und Bein. Die Luft wurde von Auspuffduft getränkt und ein wohliges Blubbern erklang. Paul beugte sich aus dem Fenster und wollte wissen wer denn nun wo mitfahren würde? Da ich wusste, dass Fred mit Ledersitzen nicht so gut konnte, fuhr ich bei Oliver mit und Fausto stieg bei Paul ein.

Und so setzten wir uns langsam in Bewegung. Ich denke wir gaben ein interessantes Bild ab. Oliver fuhr den alten Mercedes Leichenwagen aus dem Firmenbesitz, denn die Familie führte seit Generationen ein Bestattungs-

unternehmen. Justus hatte den Wagen in der Werkstatt seines Vaters so umgebaut, dass es eine Rückbank gab, auf der ich Platz genommen hatte. Fred saß oder lag auf der ehemaligen Ladefläche, die nun hauptsächlich dazu diente das bandeigene Schlagzeug zu transportieren.

Auch wenn es eine etwas größere Stadt war, so wirkte alles hier doch sehr ländlich. Verkehr gab es nicht viel und so konnte man gut an den einzelnen Geschäften entlang schlendern, ohne dass man von herannahenden Autos ausgebremst wurde, was ich als sehr angenehm empfand.

Es gab ein Kino und einige Pizzerien, Eissalons und Kneipen.

Ich war gerne hier, denn immer wieder entdeckte ich was Neues. Vom Teeladen, der versteckt im alten Ortskern lag bis zum Second Hand Laden, war alles vertreten.

Wir kamen also beim Dönermann an, fanden sogleich einen Parkplatz, was erstaunlich war, denn der Bestatter nahm schon gut Platz ein. Dann der Mustang noch dazu, aber alles passte.

Wenn es mal mit dem Bestatter nicht passte, dann war Oliver so frei ein Schild mit der Aufschrift „Bestatter im Einsatz“ hinter der Windschutzscheibe anzubringen, und alles war erklärt.

Hüseyin wartete schon auf uns, denn er hatte uns einen Tisch reserviert. Er war ein mittelgroßer, dickstämmiger, immer gut gelaunter und gutmütiger Mann mit dem größten Schnurrbart den ich je gesehen hatte.

Seine Frau kam aus dem Ort, hieß Elke und war seine große Liebe seit der Schulzeit. Hüseyin hatte das Lokal von seinem Vater übernommen, als der vor Jahren beschlossen hatte, des Klimas wegen in sein Haus nach Izmir zurückzukehren. Auch wollte er mit seiner Frau die freie Zeit genießen, gearbeitet hatte er lange genug. Elke half ab und zu im Laden aus, hauptberuflich war sie Lehrerin in der Grundschule. Hüseyin freute sich sehr, dass Paul wieder mit dabei war und umarmte ihn fest. Paul strahlte ihn an, und Hüseyin zwickte ihn in die Backe, dann fragte er: „Mit allem, mein Lieber? Und eine große Cola? Die haben dich ja am gestreckten Arm verhungern lassen, an dir ist ja nichts mehr dran.“ Paul lachte und nickte.

„Fausto, mit doppelt Fleisch, große Pommes, doppelt Majo und einen Lahmacun zum mitnehmen? Dazu eine Apfelschorle?“

Fausto nickte und antwortete: „Du hast es wie immer scharfsinnig erkannt.“

„Ihr beide“, er deutete auf Justus und Oliver „ Dönerteller, extra scharf, mit Radler alkoholfrei?“ Justus bejahte dies für beide.

„Nora, für dich wieder Spezial, mit großem Wasser, oder kann ich dich mal zu was anderem überreden?“ Er grinste, und fast hätte er mich soweit gehabt, aber dann sagte er: „War nur Spaß, und dann noch ein wenig gekochtes Hühnchen für dich, mein kleiner Freund.“ Damit streichelte er Freds großen Wuschelkopf und lachte übers ganze Gesicht. Dann holte er ein großes Stofftaschentuch aus seiner Schürze, die er um seinen stattlichen Bauch gebunden hatte, hervor und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

„Seid froh, dass ihr draußen sitzen könnt, die Luft steht drinnen. Mir unbegreiflich, wie manche Leute extra in den Süden fahren, die Hitze hält doch kein Mensch aus.“ Dann wandte er sich um und ging ins Lokal. Hüseyin hasste die Hitze, fuhr lieber in die Berge und freute sich jedes mal aufs Neue wie ein kleines Kind wenn es schneite. Wir saßen unter einem großen Sonnenschirm, unter dem man es sehr gut aushalten konnte. Ich saß Paul gegenüber, und hatte so die Möglichkeit ihn zu mustern.

Es gab erwartungsgemäß viel zu quatschen bei den Jungs, und ich beschränkte mich aufs zuhören, denn vieles war aus ihrer gemeinsam verbrachten Zeit. Paul wurde auf den neuesten Stand gebracht, was dieses und jenes betraf.

Zwar hatten sie auch mal telefoniert in der Zeit als Paul weg war, oder auch der ein oder andere Brief war um die Welt gegangen, aber sich gegenüber zu sitzen und es zu erzählen, war schon was anderes, keine Frage.

Die Getränke kamen und wir stießen auf Pauls Rückkehr an. Oliver forderte Paul auf, alles haarklein zu erzählen und bloß nichts zu vergessen. Hüseyin brachte uns bald darauf das Essen und Fausto machte sich sogleich darüber her. Paul sagte, dass er das gerne tun wolle, aber vorher galt es noch zu klären wer ich denn überhaupt sei. Darüber war ich etwas verdattert, denn ich hatte angenommen dass Fausto ihn ins Bild gesetzt hatte, aber dem war nicht so.

Daher sagte ich: „Stimmt, wir haben uns noch gar nicht richtig vorgestellt. Ich heiße Nora Twist und das zu meinen Füssen ist Fred.“

Paul grinste als er sagte: „Sehr erfreut, ich bin der Sandmann und nein das ist kein Witz, ich heiße wirklich so. Du kannst aber auch Paul sagen.“

Ich erwiderte, dass ich mich freue ihn kennenzulernen. Leider machte ich den Fehler und erwähnte dass ich sein Auto toll finden würde, was bei Paul ein Strahlen hervorrief und bei den Jungs ein Stöhnen.

„Das ist ein 1965er Mustang.“ Ich legte den Kopf schief und erwiderte: „Ach, wirklich?“

Das brachte ihn aus der Fassung. Oliver fing an zu lachen und Justus stimmte ein. Ich sah Paul belustigt an und erklärte ihm dass mich die anderen aufgeklärt hätten. Paul sagte ein wenig enttäuscht: „Ach so.“

Justus rollte die Augen: „Nun mach schon.“

Und los ging es, ein Vortrag von Paul über den Mustang folgte, bis Hüseyin kam und fragte ob es denn nicht schmecke, er würde ja gar nicht essen. So kam es zur ersten Begegnung von Paul und mir. Den Abend genoss ich sichtlich, und auch Fred war ganz angetan von Paul, fand er in ihm doch endlich einen, der ganz genau wusste wie er ihn hinter den Ohren kraulen musste. Paul erzählte uns über seine Zeit in Australien und dem Abstecher nach Neuseeland. Ich war ein klitzekleines bisschen eifersüchtig, denn nach Neuseeland wollte ich auch gerne einmal. Er hatte in Australien studiert und bereitete sich hier nun auf seinen Abschluss in Meeresbiologie vor, etwas wovon ich absolut keine Ahnung hatte.

Oliver war schon Bestatter im Familienbetrieb und machte gerade seinen Meister, ebenso Justus, der KFZ- Mechaniker war. Beide wollten die Familienbetriebe übernehmen. Fausto studierte Jura, und plante bei seinem Vater in die Kanzlei einzusteigen. Ich selbst schlug hier aus der Art, denn ich erlernte den Beruf der Buchhändlerin. Etwas ganz anderes aber absolut meine Welt, hier fühlte ich mich wohl, zwischen all den Büchern mit ihren unzähligen Geschichten. Zwar könnte ich auch studieren, müsste dafür allerdings mein Abitur machen, aber ich wollte zuerst eine Ausbildung machen, vielleicht ergab es sich später, wer weiß.

Das Essen war wie immer sehr lecker, und ich erfuhr dass man einen einfachen Döner sehr glücklich machen könne, in dem man ihn aufessen würde. Dies erklärte mir Paul ganz ernsthaft, und Fausto meinte, er solle einfach essen, auch das würde den Döner glücklich machen.

Zu etwas vorgerückter Stunde kam Hüseyin noch zu uns an den Tisch, das war schön, auch er wollte wissen wie es Paul ergangen war. Da heute Freitag war und er jeden Freitag mit seinen Eltern telefonierte, kamen wir alle in den Genuss, wie er seiner Mutter vorjammerte wie heiß es hier sei, und dass er lieber im Schnee sitzen würde. Es war jedes mal eine Herausforderung für meine Lachmuskeln, denn er konnte einfach zu schön jammern. Er stellte auf Lautsprecher und so konnten wir alle seine Eltern hören, sie freuten sich sehr auch mit Paul zu sprechen, und baten ihn zum Schluss, schöne Grüße an Christo und Philia auszurichten, was Paul sehr gerne zusicherte. Hüseyin sprach noch einen Moment mit seinen Eltern, und ich war so neugierig, weil ich wissen wollte wer denn die beiden seien zu denen die Grüße gehen sollten, dass ich ohne mich bremsen zu können fragte: „Wer sind denn Philia und Christo?“

„Das sind meine Großeltern, meine Oma hast du vorhin schon gesehen.“

„Du bist Grieche?“, wollte ich dann wissen, was Paul bejahte, also war Olivers Bemerkung kein Insider gewesen, wie ich erst vermutet hatte. Allerdings sei er nur ein halber Grieche, der Rest sei hier aus dem Norden. Er musste fast darüber lachen, als er es sagte. Von Fausto wusste ich dass alle in einem Haus wohnten, die ganze Sippe, nur die andere Oma wohne nebenan. Im Prinzip ein Haufen Leute. Genauer hatte er es mir dann nicht erklären wollen, ich solle es mal irgendwann mit eigenen Augen sehen. Nach einer Weile, in der Paul und ich uns angeregt unterhalten hatten, fragte Oliver wann denn Paula kommen würde, es sei schon spät, und er müsse früh raus. Aber kaum hatte er es gesagt, knatterte ein Mofa auf uns zu, darauf zwei Mädels, im Alter der Jungs.

So lernte ich auch Paula kennen, Pauls Zwillingsschwester, wobei er der um 8 Minuten Ältere sei. Paula begrüßte uns und Justus wurde lila im Gesicht.

Sie sah Paul schon irgendwie ähnlich, beide hatten leuchtend grüne Augen, lange Wimpern und beide hatten lockige lange Haare, die Paul nun zum Zopf trug. Ihre Begleitung auf dem Mofa war ihre Freundin Sanne, mit der sie im Kino gewesen war.

Hüseyin kam und fragte ob beide noch was trinken wollten, was sie jedoch verneinten, es war wirklich schon spät. Das war das Stichwort für uns und so zahlten wir und verabschiedeten uns. Ich fand es etwas schade, denn ich hätte mich gerne noch ein wenig mit Paul unterhalten, oder ihn heimlich beobachtet, sein schmales Gesicht mit dem Bärtchen rund ums Kinn, seine lachenden, strahlenden Augen, seine Art zu erzählen gefiel mir. Wir teilten uns auf die Autos auf und verabschiedeten Sanne, kurz darauf fuhr sie auf ihrem Moped davon. Paul und Paula stiegen mit Fausto in den Mustang, was ja schon ein wenig witzig aussah, denn Fausto war so hoch wie er breit war und ein absoluter Schrank. Als Hobby war er Türsteher in der hiesigen Disco und seine Erscheinung war schon etwas gewöhnungsbedürftig. Ich hatte es schon erlebt, dass die Leute die Straßenseite wechselten wenn er auf sie zukam. Dabei war er lammfromm, außer es ging um seinen jüngeren Bruder, da gabs kein Pardon weil dieser einfach „ ein Vollidiot“ sei, da gäbe es nichts dran zu rütteln.

Im Mustang musste er hinten sitzen, was mit seiner Größe von 1,90 Meter nicht einfach war, und ich hörte Paul sagen: „Wag dich und futter den Lahmacun hier im Auto! Ich steck dich in die Regentonne!“ was Fausto dann grummelnd verneinte. Wir fuhren los und ich fragte Oliver dann nach der Sache mit der Regentonne, Fausto passe da doch nicht wirklich rein, wie groß sind denn Regentonnen bitteschön?! Woraufhin Oliver mir erklärte, dass wir über die Tonne nicht nachdenken sollten. Justus erklärte, dass er auch lieber nicht wissen wollte was da so alles drin sei, in so einer Tonne.

Ich beschloss an dieser Stelle nicht weiter darauf einzugehen, irgendwann würde ich sicher eine Erklärung zu der Tonne erhalten. Oder war es mal wieder ein Insider, den ich nicht verstand? Oliver setzte mich an meinem Zuhause ab, wir verabschiedeten uns und ich ging mit Fred ins Haus.

Puppengedanken

Tagebucheintrag

ZWISCHEN DEN FENSTERN

ZWISCHEN DEN FENSTERN SITZT SIE.

GOLDEN MIT WALLENDEM KLEID

BRAUNEN KULLERAUGEN.

AUSDRUCKSLOS SIEHT SIE DURCH DAS GLAS

WELCHES VON WEIßEN RAHMEN GEHALTEN WIRD.

NENNT SICH VERGANGENHEIT WELCHE SIE ABZUSTREIFEN VERSUCHT.

NUR VERGEBENS.

SIE GLAUBT ZU KÖNNEN DOCH ES BLIEBT VERSCHLOSSEN.

DAHINTER ZUKUNFT.

DOCH SIE SITZT ZWISCHEN DEN FENSTERN.

KANN NICHT VOR

WEIL SIE DIE GEGENWART WEGEN DER VERGANGENHEIT NICHT LEBEN KANN.

DAS WARUM AUF DIE AUSSAGE FOLGT WIE DIE FRAGE AUF JETZT.

JETZT SITZE ICH HIER VOR DEN FENSTERN.

IN EINEM CAFÉ.

AN DER STRASSE MITTEN IN WIEN.

UND DIE PUPPE DIE IN MEINER PHANTASIE

ZWISCHEN DEN FENSTERN SITZT

LÄCHELT MIR ZU.

Kann man jemanden vermissen den man gar nicht kennt? Oder anders gefragt, kann man jemanden vermissen den man zwar kennt, aber fast nichts von ihm weiß? Und wenn er dann in dein Leben zurückkehrt, nachdem er lange verschwunden war, dich dann bis aufs Blut verletzt und kränkt, sodass dir die Luft zum atmen wegbleibt, kann man dann davon sprechen dass man ihn nicht kennt?

Denn so wie er vorher war, ist er nicht mehr, und so wie es sein sollte auch nicht.

Jetzt ist es nur noch schmerzhaft und belastend, mit keinem Wort zu beschreiben.

Hier in dem kleinen Café, mitten in Wien, hinter dem Stephansdom gelegen, überrollen mich meine Gedanken, ich habe das Gefühl in einer schier endlosen Spirale zu sitzen. Wie ein sich immer wieder drehendes Karussell.

Sie dreht sich, immer und immer wieder, ohne Unterlass, mir wird mulmig, schlecht und schwindlig.

Doch ich kann nicht heraus, weil ich die Zukunft nicht leben kann, wenn ich die Vergangenheit nicht bewältigen kann.

Ich nippe vorsichtig am Tee, er ist schön heiß, wärmt mich von innen, umschmeichelt meinen Gaumen. Er schmeckt kräftig, ausfüllend und der Geruch des Schwarztees der so intensiv nach Bergamotte duftet dringt immer tiefer in meine Nase, macht Lust auf mehr.

Ich greife zu den Scones, die mit Clotted Cream und Orangenmarmelade gefüllt sind, beiße hinein, und sofort treten Geschmacksempfindungen an mich heran die ich so zuletzt in England erleben durfte.

Darüber freue ich mich. Denke zurück an die schöne Zeit, wie unbeschwert ich damals war, wie leicht und weit sich alles anfühlte.

Wie sorglos und frei ich war, wie offen und bereit für Neues.

So wie hier, zwischen den Häusern, in dem kleinen Café in Wien.

Menschen laufen an mir vorbei, haben ihre Fotoapparate gezückt, halten Augenblicke fest, saugen Situationen ein, freuen sich, sind neugierig was sich hinter der nächsten Häuserecke verbirgt, was möchte noch entdeckt werden?

Ich nehme noch einen Schluck Tee, er ist nun leicht abgekühlt. Schade. Meine Gedanken drehen weiterhin die Spirale an, ich schweife ab.

Sehe genauer hin, lausche den Gesprächen der mir fremden Menschen. Höre Kinder rufen, Eltern lachen, fremde Menschen die sich begegnen grüßen einander, unterhalten sich kurz, oder sind es Bekannte, gar Freunde?

Wer weiß das schon. Ich bin mittendrin, mit diesem einem Teil der das Ganze ausmacht, mit dem ich aber nicht mehr zurecht komme. Weil die Erinnerung zu sehr schmerzt, weil es raus will aus mir, aus meinem Kopf, meinen Gedanken. Meinem Leben.

Weil es raus muss, ich muss es loswerden, ich muss diese immer und immer wiederkehrenden Gedanken loswerden.

Ich will frei sein, will Augenblicke genießen und mich wieder an Kleinigkeiten freuen können. Im Moment kann ich es nicht, denn alles in mir ist verschlossen, hinter meter dickem Stahl, abgetrennt vom Dasein.

Mein Herz ist mit Eisenringen fixiert und wenn es könnte, würde es weinen, aber das geht nicht, eine mir unbekannte Macht verhindert es.

Hindert mich. Lässt mich nicht frei atmen. Hält mich klein. Immer werde ich klein gehalten, darf nicht frei sein, muss erdulden was SIE mir zufügt.

Tagein, Tagaus, immer.

Auch jetzt noch, SIE ist überall, omnipräsent. Sehe SIE, spüre SIE.

Blicke in mir fremde Gesichter von Frauen, jeden Alters, Müttern, Großmüttern, Schwestern, Ehefrauen. Alle haben dieselben Gesichter, und ich frage mich, ob sie alle so sind wie SIE. Kann es nicht unterscheiden.

Drehen, drehen, drehen, nichts anderes passiert in meinem Kopf.

Und immer wieder die Frage ums WARUM? Manchmal glaube ich, dass ich wahnsinnig werde, finde keine Antwort auf das mich quälende WARUM.

Warum keine Liebe, warum Qualen? Warum nicht einfach festhalten, Geborgenheit geben, für mich da sein? Wunschdenken von mir. Immer schon.

Hoffnung die nicht da ist, oder doch? Ist es die Hoffnung gewesen die mich hat immer weiter atmen lassen, um irgendwann Besserung zu erleben?

Wann hört Hoffen auf und wann fängt Hass an?

Der Tee ist mittlerweile kalt, schade.

Die Clotted Cream ist zerlaufen, die Kellnerin straft mich mit einem Blick.

Sie also auch. Strafender Blick. Ich versuche sie anzulächeln, sehe ihr in die Augen, sie hält dem Stand. Fixiert mich. Ich werde unsicher, weiß nicht was ich tun soll, denn reden will ich nicht, kann ich nicht.

Sie dreht sich um, geht wieder in den Laden.

Aufatmen.

Das Karussell dreht sich wieder und wieder. Absteigen unmöglich.

Einmal bin ich abgestiegen, das war ein Fehler, SIE hat dafür gesorgt dass ich es nie wieder gemacht habe. Mich immer noch schlecht fühle, dabei ist es Jahre her.

Vor mir fällt ein Kind hin, schlägt sich die Knie auf.

Weint bitterlich, seine Mutter stürzt herbei, nimmt es hoch, betrachtet das Knie, hält das Kind fest und versichert dass alles wieder gut werden wird, dass sie pusten wird, dann hilft es sofort. Das Kind kuschelt sich an die Mutter und sagt das sie ganz feste pusten muss. Die Mutter pustet den Schmerz weg, das Kind beruhigt sich. Gemeinsam laufen sie langsam weiter, durch die Gassen Wiens. Ich freue mich für das Kind, es hat eine gute Mutter, die Situation macht mich neidisch. Wenn ich fiel, war der Schmerz hinterher tagelang, denn nach mir sah niemand. Keine Mutter in Sicht.

Die Kellnerin bringt mir eine neue Tasse Tee und dazu Shortbread. Ich sehe sie an, sie nickt mir zu, räumt das andere Geschirr weg, lächelt aufmunternd.

Neben der dickbauchigen Kanne in der das Teegebräu zieht, liegt ein kleiner Zettel, auf dem mit einer geschwungenen Schrift steht:

Oft vermag die Zeit das Karussell anzuhalten.

Ich weiß es, denn ich bin darauf gefahren.

Die Alptraumtänzerin

Ich starre den Zettel an, sehe hoch, versuche sie im Gewusel des Cafés zu entdecken, lese den Zettel erneut. Blicke wieder hoch. Sehe sie nicht.

Verstehe es nicht.

Ich lege ein Stück Kandiszucker in meine Tasse, lasse den frischen Tee hereinlaufen und lausche dem Knistern und Knacken des Zuckers. Rieche sein Karamellaroma, das sich an der zitronigen Note vorbeischmuggelt, beiße in das Shortbread, augenblicklich macht sich sein buttriges Aroma in meinem Mund breit. Ich muss die Augen schließen und mich ganz diesem Geschmackserlebnis hingeben. Meine Zunge verstreicht das Keksstück am Gaumen, noch mehr Buttergeschmack mit einer angenehmen Süße kommt zum Vorschein. Ich schlucke es herunter, zart und heimelig fließt es meine Speiseröhre hinab, rinnt in den Magen und verbreitet augenblicklich eine Wärme, schenkt mir Wohltat, ich fühle mich liebevoll umarmt. Spüre es in jeder Phase meines Körpers, bis ganz tief drin. Erschrocken über dieses mir so lange verborgene Gefühl öffne ich die Augen, ich bin immer noch mitten in Wien, sitze im Café und mein Gedankenkarussell fängt an sich wieder zu drehen. Einen kurzen Moment hatte es aufgehört, das war wunderbar. Da will ich wieder hin. Zu dem Moment in dem ich es anhalten kann, aussteigen kann und mich frei fühle.

Wieder versuche ich sie zu finden, sehe in das Café hinein, stelle fest dass nur Kellner da sind, keine weibliche Bedienung. Suche die Straße mit meinen Blicken ab, nichts. Nur Fremde, immer noch. Sie taucht nicht auf.

Habe ich es mir nur eingebildet? Fühle den Zettel in meiner Hand, weiß dass es real war. Oft kann ich nicht unterscheiden was real ist und was nicht, wenn die Spirale sich so stark dreht dass mir schwindelig wird ist es fast unmöglich dabei klar zu bleiben. Für all das hat SIE gesorgt. In der Sekunde in der SIE mich zur Welt brachte. Ich habe SIE nie wirklich gekannt, das was ich von ihr kannte war ausnahmslos böse, und voller Rachsucht. An mir, einem Baby.

Die Zeit verging heute wie im Fluge.

Oft sitze ich einfach nur irgendwo herum, weil ich nicht in der Lage bin einen Fuß vor den anderen zu setzen. Fühle mich festgekettet und zurückgehalten.

Manchmal sitze ich auf der Kellertreppe, unter mir Schwärze, um mich herum der blanke, kalte Beton. Meine Finger streichen darüber, suchen ihn ab. Ich verletze mich, er ist uneben, hart, Risse in meiner Haut.

Vor mir liegt ein Gang, das habe ich nach langem Nachdenken heraus gefunden. Wohin er führt weiß ich nicht, aber ich weiß das er in die richtige Richtung führt, auch das habe ich herausgefunden, in endlosen Gedankengängen, die mir fast den Atem geraubt haben.

Oft bin ich aufgeschreckt, orientierungslos. Dennoch das Ziel klar vor Augen.

Das Ziel heißt Leben. Immer schon.

Es dämmert mittlerweile, das Fenster des Hauses, vor dem ich hier inmitten aller, in dem kleinen Café sitze, ist erleuchtet, die Puppe ist verschwunden.

Ich stehe auf, sehe erneut zum Fenster, sie bleibt weg.

Ich lege das Geld auf den Tisch, abgezählt. Schiebe den Stuhl zurück, es knirscht auf dem Kopfsteinpflaster, nehme meine Tasche und hänge sie mir über die Schulter. Mein Blick ist nach vorne gerichtet, den Kopf erhoben mache ich den ersten Schritt, spüre den Boden unter den Füssen und setze den nächsten Schritt an. Und noch einen. Es geht wie von selbst.

Nach vorne.

Immer mehr Schritte folgen, weiter und immer weiter, bis ich im Strom der Menschen zwischen den Häusern der kleinen Gassen hier mitten in Wien verschwinde.

Kapitel 2

Der Typ und ich

Ich bewohnte ein kleines, zwei Zimmer Hutzellhäuschen mit Bad und Küche. Ein winziger Garten gehörte auch dazu. Der Vermieter wurde vom Himmel geschickt so fand ich, denn er wollte so gut wie kein Geld von mir, er wollte einfach nur dass es bewohnt war, und fand dass junge Menschen Chancen auf eine bezahlbare Unterkunft bräuchten. Durch einen Aushang im hiesigen Supermarkt war ich darauf aufmerksam geworden. Das Haus war Teil einer Reihenhaussiedlung, und hatte gerade mal 80 Quadratmeter Wohnfläche, die mir aber völlig ausreichten. Zu den Häusern gehört ein kleiner Park, an den einige Gärten angrenzten. Witzigerweise verläuft hinter dem Park die Straße in der Paul wohnt.

Als ich zu Hause auszog, hatte ich mich in ein Minizimmer in einer WG eingemietet, was jedoch für mich eine absolute Katastrophe war, denn meine Mitbewohner feierten eine Party an der nächsten und Fred musste mit der Gemeinschaftskatze auskommen, was für ihn kein Spaß war. Das ganze war praktisch eine Win Win Situation. Ich zog also ein, wir hatten ein Dach über dem Kopf. Der Vermieter baute mir eine neue Küche ein sowie ein neues Bad, der Rest war Schönheit, die konnte warten.

Kommen wir aber nochmal zu Paul und mir, denn ich schweife ab. Es gibt da noch so viel zu erzählen dass ich langsam mal weiter machen sollte. Nachdem ich ihn also kennengelernt hatte, kam ich nicht umhin sehr oft an ihn zu denken. Ich träumte oft am Tag so vor mich hin, dass es schon auffällig wurde.

So beschloss ich, dass es Zeit wurde, dass wir alle uns wieder mal trafen.

Völlig unauffällig natürlich. Wir alle waren eingespannt in Prüfungen, Oliver und Justus machten gerade ihre Abschlüsse. Da schadete ein bisschen Ablenkung nicht. Die Jungs sahen das genauso und so kam es, dass wir mit den Rädern zum Waldsee fuhren. Es ist kein natürlich vorkommender See, sondern das ehemalige Gelände der hiesigen Kieswerke. Diese Gegend ist beliebt und gleichzeitig ranken sich da viele Geschichten drum rum.

Eine Geschichte besagt, dass der See und mit ihm das Wesen, welches in ihm wohnt, jeden Sommer eine blonde Jungfrau holt und sie mit in die Tiefe ziehen würde. Gut, dass ich rote Haare habe.

Eine andere Geschichte sagt, dass im See ein Wassermann wohnt der sich kleine Kinder holt. Das halte ich ebenso für eine gut erfundene Geschichte.

Was jedoch wahr ist, ist, dass niemand weiß wie tief der ganze See ist, daher ist er auch zu weiten Teilen abgesperrt.

Der abgesperrte Teil ist nur durch einen illegalen Weg im Wald und ein Loch im Zaun erreichbar. Es dürfte klar sein welchen Weg wir genommen haben.

Auch wenn ich Fred dabei habe, so muss ich sagen, dass ich doch ein kleiner Hasenfuß bin.

Fausto holte mich zu Hause ab, wir wollten uns mit Oliver, Justus und Paul am Parkplatz treffen und so fuhren wir mit Fred im Schlepptau Richtung Ortsausgang. Von da verlief ein Radweg durch ein kleines Waldgebiet.

Der Weg endete an einem Waldparkplatz. Der war noch legal. Von dort aus konnte man die öffentlichen Waldwege begehen. Wegweisend war eine Wanderkarte, die für uns jedoch völlig uninteressant war. Die öffentlichen Wege führten alle, mit unterschiedlicher Länge, zu ihrem eigentlichen Ziel, dem See.

Wer das nicht wollte, für den war hier Schluss.

Oder aber er tat es wie wir, denn wir ketteten unsere Räder an den Zaun und warteten auf Paul, denn der war, als Fausto und ich ankamen, nicht da. Allerdings war nicht ganz klar gewesen ob er auch kommen würde, denn er war zur Zeit sehr eingespannt. Da wir etwas zu früh waren, beschlossen wir einfach einen Moment zu warten. Oliver, Fausto und Justus warteten geduldig, Fred lang ausgestreckt unter einer Tanne.

„Meint ihr er kommt noch?“, fragte ich nach einer Weile, bemüht unauffällig.

„Was denkst du wohl, der kommt immer zu spät“, sagte Justus. Es bestand Hoffnung. Nun gut. Warten wir also. Fred döste und wir unterhielten uns.

Von Ferne hörte man das Knattern eines Zweitakters, das kontinuierlich näher kam. Kurz darauf sahen wir es. Ein Moped näherte sich uns.

Ich musste 2 mal hinsehen, denn das, was ich sah, konnte ich nicht fassen.

Auf der Knattermaschine fuhr Paul. Allerdings oben ohne. Die Haare wehten im Fahrtwind, er fuhr ohne Helm und kam kurz vor uns zum stehen. Damit hatte ich so überhaupt nicht gerechnet, und war kurzzeitig perplex. Junge Männer sah man oben ohne bestenfalls am Strand, aber doch nicht hier, am Waldrand. Ich war so gefesselt, dass ich die absurdesten Gedanken hatte, und nicht wegsehen konnte. Gut sah er aus, so durchtrainiert und tätowiert wie er war.

Paul lachte und stellte das Gefährt ab. Es war schwarz metallic lackiert, und hatte einen glänzenden Auspuff aus Chrom. Fred bellte und sprang freudig an der Maschine hoch, Berührungsängste hatte er nicht.

„Sorry, Sally sprang nicht an, und fürs Rad war es zu knapp.“

Die Jungs verdrehten die Augen, die übliche Leier, denn der Mustang machte öfter mal was er wollte, ich hatte davon gehört. Dafür hatte ich jetzt aber keinen Kopf, ich war raus. Was ein Typ.Oh mein Gott! Das letzte mal konnte ich nur erahnen was sich unter dem T-Shirt verbarg, aber das nun auch mal live zu sehen, das war dann doch zu viel. Ich seufzte und schmachtete. Paul hatte muskulöse Oberarme die beide von Tattoos übersät waren, nautische Symbole und Meerestiere. Noch dazu war er braun gebrannt und trug die Haare offen, ich hatte den Eindruck, dass sie seit dem letzten Treffen etwas länger waren.

Nun gut, es war Sommer, und da bot es sich ja an, oben ohne zufahren, theoretisch. Aber ich hätte es von Paul nicht gedacht. Er kam mir irgendwie so anständig vor. Paul nahm ein Stück Stoff vom Gepäckträger und faltete es auseinander. Sein Shirt, doch wie sah es aus? Über und über mit Öl besudelt.

Wollte er das jetzt anziehen? Nein, scheinbar nicht, denn er sagte: „Stimmt, da war ja was, das Shirt wollte ich waschen. Na dann muss es eben so gehen.“

Damit befestigte er es wieder auf dem Gepäckträger und wir setzten uns in Bewegung.

Nach einer Weile waren wir in den Wald gelaufen, und irgendwie auf den verbotenen Wegen gelandet. Wie das passierte weiß ich nicht, denn ich war ja noch mit dem Rücken von Paul und mit den Tattoos beschäftigt.

Wir gingen tiefer und tiefer in den Wald. Ich kannte mich hier überhaupt nicht aus, und musste die Führung den anderen überlassen. Je weiter wir kamen, desto dichter war es bewachsen, längst gab es keine Wege mehr, auch der Trampelpfad vom Anfang war verschwunden. Irgendwie unheimlich.

Fred hatte die Nase hoch erhoben und war bis aufs äußerste gespannt. Hier und da knackte es und langsam wurde es dämmrig, da die Bäume immer dichter wurden. Wir liefen eine gefühlte Ewigkeit und mir war nicht ganz so wohl bei der Sache. Paul, Oliver und Justus liefen vorne, Fred, Fausto und ich hinten. Das war mir auch ganz recht, so fühlte ich mich sicherer, ein kleines bisschen zumindest. Als ich schon dachte dass wir uns bestimmt verlaufen haben, und ich schon mit dem Hexenhäuschen gerechnet hatte, tat sich der Wald auf. Und vor uns lag der Silbersee.

Silbersee deshalb, weil sobald der Mond scheint und die Oberfläche des Sees trifft, er silbern schimmert und glitzert. Wunderschön.

Wir fanden die Stelle im Zaun schnell, durch die wir uns zwängten. Fausto fand es nicht witzig und stellte fest, dass er nicht ohne Kratzer und Blessuren durchpasste, irgendwie sei das Loch im Zaun seit dem letzten Mal kleiner geworden, schimpfte er. Er lief ein Stückchen weiter am Zaun entlang, kletterte an einem abgestorbenen Baum empor und schwang sich über den Zaun.

Wir liefen noch ein kleines Stückchen bis wir an eine flache Stelle im Boden kamen. Oliver und Justus hatten große Decken mitgebracht und diese breiteten wir aus. So ließen wir uns nieder und Fred nutzte die Gunst und sprang ins Wasser. An der Stelle, an der wir waren, sagte mir Oliver, sei es noch übersichtlich und nicht tief, da könnten auch wir schwimmen gehen. Warm genug war es zwar, aber ich hatte keine Badesachen an. Das war mir nichts, mit dem See, denn ich fand alles unheimlich. Fausto ließ sich nicht lange bitten und zog sich das T-Shirt über den Kopf. Wieder war es an mir zu staunen.

Nie hätte ich gedacht dass die Masse die er mit sich herumtrug, fest und definiert war. Ein Muskelpaket durch und durch. Der Rücken war ein einziges Gemälde das aus einzelnen Tattoos bestand, das sich von den Schultern bis zur Brust erstreckte und über beiden Armen an der T-Shirtgrenze aufhörte. Düstere Bilder, mit viel dunkelblau und schwarz. Alle Achtung, aber es passte zu ihm und seiner ganzen Erscheinung von knapp 1,90 Meter, dazu trug er Dreadlocks und einen gut gestylten Vollbart. Alles passte in sich zusammen.

Zack, zog er seine Hose aus, darunter war eine quietschgelbe Badehose.

Ach du liebe Zeit, die passte ja nun überhaupt nicht dazu. Ich musste grinsen.

Oliver tat es ihm nach und schon rannten sie wie kleine Kinder ins Wasser, quietschend, schubsend. Zum piepen. Paul zog es vor nicht schwimmen zu gehen und unterhielt sich mit Justus über Paula. Ich hatte ja schon an unserem ersten Kennenlernen gemerkt, dass da was war, aber mehr wusste ich nicht.

Ich tat so als wäre ich mit den Keksen die wir mitgenommen hatten beschäftigt, viel verstand ich nicht, denn Oliver und Fausto lieferten sich eine Wasserschlacht. Wie es ihr denn ginge? Was sie denn die letzten Tage so gemacht hätte? Justus fragte es völlig unauffällig, versteht sich.

Nach einer Weile hatte er genug an Informationen und beschloss auch ins Wasser zu gehen, mir nur recht. Denn so hatte ich Chancen allein mit Paul zu sein. Jetzt gilt es, dachte ich. Paul sah mich an und meinte: „Gehst du nicht ins Wasser?“ Ich verneinte und fragte ihn, ob er denn ginge. Er schüttelte den Kopf, er gehe nicht gerne in Seen, lieber gehe er ins Meer.

Wir sahen den anderen noch eine Weile schweigend zu und knabberten an unseren Keksen. Irgendwie kam ich mir vor wie früher im Sommercamp, wenn man mit dem ersten Schwarm alleine ist, aber nicht weiß wie man ein Gespräch anfangen soll. Man hofft, dass er den ersten Schritt macht und das tat Paul, als hätte er meine Gedanken gelesen. Er bat mich etwas von mir zu erzählen. Das tat ich gerne, auch wenn ich die Art und Weise der Formulierung, oder vielmehr seiner Aufforderung ungewöhnlich fand.

„Wie ich heiße weißt du ja schon, bis ich hierher zog habe ich zusammen mit meinen Eltern in Sankt Peter-Ording gewohnt, wir haben dort seit Generationen einen Gärtnereibetrieb. Im Moment ist das Verhältnis zu meinen Eltern leider eher angespannt, da ich nicht wie erwartet eine Lehre zur Gärtnerin angefangen habe, sondern meiner Leidenschaft zu Büchern nachgegeben habe, und aktuell eine Ausbildung zur Buchhändlerin mache. Meine Mutter ist darüber ausgerastet und redet seitdem nicht mehr mit mir.“

Ich zuckte die Achseln. Das war traurig, aber nicht zu ändern. „Die einzige die sich meldete war meine Tante, Vaters Schwester. Das wars. Auch sie war das schwarze Schaf der Familie und verstand daher meine Situation. Sie war auch diejenige die mich in meinem Entschluss bekräftigt hatte zu gehen. Seine Träume muss man leben. Das hatte sie gesagt. Dafür war sie noch mehr in Misskredit gefallen. Aber das nahm sie in Kauf.

Nach dem Schulabschluss hatte ich mich an sämtlichen Buchhandlungen deutschlandweit beworben, Hauptsache raus daheim, aber insgeheim gehofft dass es doch hier im Norden klappen würde. Umso erfreuter war ich dann als die Zusage hier in Heide kam. Dafür daheim raus und alles aufgeben?

Aber sicher. Zuerst wohnte ich in einem kleinen Zimmer am Marktplatz, was aber auf Dauer keine Lösung war. Dann entdeckte ich das Inserat „der kleinen Schätze“ und zog ein.“

Paul stutzte: „Wenn ich das richtig weiß, sind es jene Häuser die hinter dem Park bei mir stehen, oder? Die sollten doch alle abgerissen werden, da sollten Nobelvillen hin, selbst der Park sollte plattgemacht werden?“

Ich nickte.

„Das stimmt, aber die Besitzer konnten den Immobilienhai vergraulen und so kam ich zu meinem kleinen Häuschen, in dem Fred und ich nun genug Platz für uns beide haben. Meine Freundin hat ihn angeschleppt, ich wollte keinen Hund haben, aber er tat mir leid und so kamen wir zueinander.

Meine Mutter war dagegen dass er im Haus war und so musste er im alten Gewächshaus wohnen und schlafen. Das war für mich auch keine Lösung. Darum war klar, sobald ich meinen Abschluss habe, ziehe ich aus.

Meiner Mutter gehört die Gärtnerei, mein Vater betreibt eine Schreinerei auf dem Gelände. Leider warf die Gärtnerei nicht den erwünschten Gewinn ab, und mühsam zogen sich die Monate hin, teilweise waren die Gewächshäuser am verfallen, weil das Geld fehlte. Meine Mutter gab natürlich meinem Vater die Schuld und sah die Fehler nicht bei sich. Ich sollte den Betrieb übernehmen, aber mit so vielen Schulden? Das war mir nichts, außerdem fehlte mir das Interesse.“

Ich zuckte die Schultern, Paul nickte.

All das erzählte ich ihm.

Einfach so.

Und er hörte zu.

Einfach so.

Dann hatte ich genug erzählt und drehte den Spieß um.

Er war dran.

Wer war Paul?

Paul begann zu erzählen: „Ich war, wie du ja jetzt weißt, ein Jahr in Australien, ursprünglich war nur ein Semester geplant, aber ich hatte so tolle Chancen, dass ich verlängert habe. Denn das konnte ich mir nicht entgehen lassen. Ich habe dort soviel erlebt und gelernt, nebenbei gejobbt und bin um viele Erfahrungen reicher geworden. Aber ich muss mich echt umgewöhnen, denn hier ist alles so anders, enger, und drückender, da wo ich war herrschte eine schier grenzenlose Weite, die Leute sind dort so offen und nicht so verschlossen wie hier. Vieles ist ungezwungener. Und ich glaube, ich sollte das nächste mal ein Ersatzshirt dabei haben, war wohl etwas schräg vorhin.“

Er lachte.

„Hast du deine Familie nicht vermisst?“, wollte ich wissen.

„Doch schon, aber ich habe so schnell andere Leute kennengelernt, und es gab so viel zu sehen oder zu lernen, ich war nie allein. Die Zeit verging wie im Fluge, wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich weiter verlängert, vom Land konnte ich ja in der Zeit nur einen Bruchteil sehen.“ Er wurde nachdenklicher.

Dann erzählte er mir noch, dass er, wie ich ja wusste, mit seinen Eltern, seiner Zwillingsschwester, seinen Großeltern und der Oma väterlicherseits in einem Haus, oder vielmehr auf einem Grundstück wohnte. Ich musste so verdutzt geguckt haben, dass er sich in der Pflicht sah mich mal näher ins Bild zu setzen. Also, damals vor vielen Jahren kam sein Opa mit der Oma aus Griechenland hierher. Der Opa war Flugzeugmechaniker und die Oma Näherin bei der hiesigen Fluggesellschaft. Die beiden bekamen 4 Kinder, wovon eine Tochter Pauls Mutter war. Pauls Mutter ist mit dem Chef der Polizeistation, Robert Sandmann, verheiratet und hat 3 Kinder. Drei? Ich dachte es gäbe nur Paul und Paula? Nein, falsch gedacht, es gab noch Rosalie, die ältere Schwester, aber die lebte nach dem Studium in Paris. Sie hatte das Vorstadtleben satt und strebte nach höherem. Na bitte. Rosalie war mit einem Modezeichner einer bekannten Mode Linie zusammen, in wilder Ehe, und kam nur selten nach Hause. Siehe da, auch in anderen Familien gab es schwarze Schafe. Pauls Vater hatte noch seine Mutter, Oma Frieda.

Auch sie lebte in der großen Hausgemeinschaft, denn ihr Haus stand direkt nebenan. Einen Zaun gab es nicht, ein überdimensionaler Wintergarten verband beide Häuser miteinander. Somit war das Grundstück riesengroß.

Pauls Opa, Friedas Mann, war schon lange verstorben und so hatte Oma Frieda immer jemand zum Reden in erreichbarer Nähe. Beide Opas hatten zusammen als Mechaniker gearbeitet und daher kannten sich die Familien schon ewig. So waren seine Großeltern auch zu dem Haus gekommen.

Wir waren so vertieft und ich klebte an Pauls Lippen, dass wir gar nicht gemerkt hatten dass die anderen wieder aus dem Wasser draußen waren und dass es schon stockdunkel war. Ach herrje! Und es wurde auch kalt, trotz des Spätsommers den wir hatten. Ach Mensch. Aber es half alles nichts, wir mussten aufbrechen.

Gleicher Weg zurück, Fausto zwängte sich durch den Zaun, erarbeitete sich Kratzer und Schrammen und wir ernteten üble Flüche. Wieder ging es durch den Wald, Fred dicht an meiner Seite. Diesmal gingen die Jungs um mich herum und neben mir lief Paul. Wir redeten nicht mehr viel und liefen einfach unseren Weg. Um uns herum, so schien es, waren 1000 Augen die uns beobachteten. Mein Hasenfuß war greifbar. Aber ich ließ mir nichts anmerken. Es knackte neben uns, und mir war als hätte ich trotz der Dunkelheit etwas gesehen. Woher sie wussten wo lang wir gehen mussten war mir ein Rätsel.

Ich wollte nur eines. In mein Bett. Meine Füße in den Sandalen taten weh und mir war kalt. Merke, Nora, das nächste mal zieh feste Schuhe an! Und nimm eine Jacke mit. Innerliches Augenrollen. Obwohl ich mich fürchtete, genoss ich Pauls Nähe. Er war ganz vertieft in seine Gedanken. Oliver und Justus redeten über Autos und Sanne, die Freundin von Paula. Wenn man mit Jungs unterwegs ist, ist das nun mal das Top Thema. Bleibt nicht aus. Da stellte sich mir plötzlich die Frage, hatte Paul eine Freundin? Irgendwie war das noch gar nicht zur Sprache gekommen. Kurz darauf erhielt ich die Antwort. Justus fragte Paul wie es Anne ginge. Einfach so. Obwohl es eben noch um Sanne ging.

Paul erwiderte, dass er es nicht wüsste, aber in einem Ton, der keine weiteren Fragen mehr duldete. Anne sei noch in Australien, das war alles was er noch sagte. Mir wurde flau im Magen, Paul war sehr schweigsam für den Rest des Weges. Der Rückweg ging um einiges schneller als der Hinweg und im Nu waren wir wieder bei unseren Rädern und Pauls Moped. Er hielt sich auch nicht lange auf, sondern rief uns zu: „Wir sehen uns dieser Tage, kommt gut heim“, und fuhr davon. Ich glaube die Frage nach dieser Anne hatte ihn geärgert.

Fausto brachte mich nach Hause, und auf der Fahrt fragte ich ihn wer denn Anne sei, und er erklärte mir, dass Anne Pauls Freundin sei. Anne und er waren gemeinsam nach Australien gegangen, seit der Oberstufe waren sie zusammen. Es machte plopp und meine Seifenblase mit Paul zerplatzte.

Er hatte eine Freundin, einer der so aussieht ist natürlich vergeben. All dass was ich so vor mich hingesponnen hatte, löste sich in Luft auf. Wie hatte ich glauben können dass ich da eine Chance hatte. Aber mir war auch klar, dass ich mich nicht in das, was auch immer da zwischen Paul und Anne noch existierte, dazwischen drängen würde, denn das macht man nicht. Traurig war ich schon, das muss ich zugeben, denn Paul war eine Versuchung wert, keine Frage.

Ein paar Tage später trafen wir uns alle beim Bestattungsunternehmen Wittlich und Söhne. Oliver hatte die Meisterprüfung bestanden und das musste gefeiert werden. Ich hatte mich noch nicht ganz von der Tatsache erholt dass Paul eine Freundin hatte, und ich hatte bis zum Schluss gezögert ob ich mitfeiern wollte.

Zu traurig war ich, obwohl ich ihn noch nicht lange kannte und kaum was von ihm wusste, nur ein bisschen was aus seinen Erzählungen vom Waldsee.

Aber das hatte gereicht dass ich Blut geleckt hatte und ihn näherkennen lernen wollte. Und das nach so kurzer Zeit. Aber dann dachte ich mir, Nora, du kennst ihn nicht, du weißt nichts über ihn, vielleicht ist er ein Idiot? Ich erfand gefühlt 1000 Gründe Paul nicht mehr zu mögen. Und stellte fest, dass es unmöglich war. So etwas war mir noch nie passiert, dass mich ein Typ der Art gefesselt hatte. Scheiße. Aber ich wollte Oliver gern gratulieren und das wäre ihm gegenüber auch nicht fair gewesen, er konnte ja nichts dafür. Wofür denn?

Dass ich dabei war mich in einen unerreichbaren Typen zu verknallen, den ich noch dazu nicht kannte? Ja danke auch. Passierte sowas wirklich?

Also duschte ich und zog mich an, schnappte mir den Hund, und los ging es.

Das Bestattungshaus Wittlich und Söhne war mitten im Ort. Es hatte einen schönen Innenhof in dem das Trösterkaffee in einer umgebauten Scheune stattfinden konnte. Olivers Bruder hatte das ins Leben gerufen, weil der hiesige Gasthof ein Halsabschneider war und die Leute gnadenlos ausnahm. Die Möglichkeit wurde von den Trauernden gut angenommen und war stets gut besucht. Heute diente es der Feier von Olivers Abschluss. Aber Kuchen gab es trotzdem. Und gegrillt wurde auch, mit vielerlei Salat und selbstgebackenem Brot. Olivers ganze Familie war da, seine Eltern, Großeltern, beide Brüder mit ihren Frauen und Kindern. Das war schön zu sehen.

Ich entdeckte ihn in der Menge und umarmte ihn und gratulierte. Er freute sich mich zu sehen, und bedankte sich artig. Justus hatte sich an den Grill gestellt und Fausto machte die Bar. Ich kam mir ein wenig unnütz vor, aber nur kurz, denn kurz darauf begann die Schlacht am kalten Buffet. Für mich gab es Gemüsespieße, viele Salate waren fleischfrei. Bei meiner Familie hätte es das für mich so nicht gegeben. So eine Feier, oder Rücksicht beim Essen existierte nicht, Mutter fand meinen Splen kaum oder kein Fleisch zu essen kindisch, und einer pubertären Laune geschuldet. Mein Vater akzeptierte es, und versuchte Mutter klarzumachen, dass dies eine gesunde Lebensweise sei, und dass sie doch froh sein solle dass ich mir als junger Mensch Gedanken um meine Ernährung machen würde. Sinnlos. Wo immer sie konnte wetterte Mutter dagegen und zwang mich ihre Gerichte, die sie uns vorsetzte, zu Essen, was immer zu Eskalationen führte. Das war ein Grund mehr für mich, daheim auszuziehen. Einen Abschluss zu feiern fand Mutter ebenso völlig unnötig. Papa konnte sich auch zu meinem Realschulabschluss nicht durchsetzen und die Grillfeier mit meinen Freunden durfte nicht auf unserem Hof stattfinden, was ich ihr lange nicht verziehen habe.

Fausto versorgte uns mit Getränken und sicherte sich den Anteil an Würstchen und Salaten um sich selbst gerecht zu werden. Olivers Großvater hielt eine bewegte Rede, er hatte Tränen in den Augen und versicherte uns, dass er sehr stolz war, dass das Hause Wittlich und Söhne somit Weiterbestand habe, damit habe er, als er es von seinem Vater übernommen hatte, niemals gerechnet.

Dann überlies er Olivers Vater den Rest. Dieser fasste sich kurz und dankte all seinen Kindern für ihr Engagement, und gratulierte Oliver nochmals sehr herzlich. Oliver bekam einen Umschlag überreicht und seine Mutter meinte grinsend, er solle es nicht alles auf einmal auf den Kopf hauen. Oliver grinste zurück. Damit war der offizielle Teil beendet und die Party startete.

Während des Essens war mir aufgefallen dass einer nicht da war.

Paul.

Zu etwas vorgerückter Stunde kam er dann. Mit dem Mustang. Nicht zu überhören, oder zu übersehen. Der Abend war für mich gelaufen, irgendwie.

Er kam auf uns zu, inzwischen saßen wir in der Gruppe zusammen draußen am Feuerkorb. Kein Wort kam über seine Lippen, kein Hallo, kein nichts, sein Gesicht war verschlossen, seine Augen wirkten unendlich traurig. Oliver sah ihn an, sagte nichts, sondern deutete mit einem Kopfnicken zum Buffet. Paul nickte und ging hin. Fausto stand auf und lief ihm nach. Was ist denn mit dem los, wunderte ich mich. Das dachte ich gerade noch als Justus sagte: „Es war abzusehen, trotzdem ist das nicht die feine englische Art.“

„Was ist denn passiert?“, ich verstand nicht was er von mir wollte.

„Anne ist in Deutschland, aber sie kam bloß um mit Paul Schluss zu machen, weil sie sich in einen Surfer verliebt hat. Wenn du mich fragst, war das schon lange vorbei. Böse Zungen behaupten sogar dass es vorbei war, bevor beide nach Australien aufbrachen. Sie war von Anfang an nur auf Pauls Geld aus, aber Paul wollte es nicht wahrhaben“, erwiderte Oliver. Ach was!

Mehr erfuhr ich nicht, denn in dem Moment kamen Paul und Fausto zurück.

Fausto hatte sich aus Solidarität zu Paul einen kleinen Snack zusammen- gestellt, der aus einem Berg Würstchen nebst der Schüssel mit dem restlichen Kartoffelsalat bestand. Wir rückten alle zusammen, und Fred, an den ich gar nicht mehr gedacht hatte, kam ebenfalls zu uns, zusammen mit der Familienhündin. Sie legten sich abseits an den Korb und genossen es sichtlich.

In meinem Hirn überschlugen sich die Gedanken. Sie hatte Schluss gemacht?

Paul war also frei? Du törichtes Mädchen, schallt ich mich! Siehst du nicht wie er leidet? Gab es vielleicht doch eine Chance für mich?

Gott, Nora, was ist denn mit Dir los? Ich war verblüfft, denn so kannte ich mich gar nicht.

Wir unterhielten uns über dies und das, belanglos, Olivers Brüder kamen dazu und dann auch die Eltern. Es wurde ein schöner Abend, auch wenn einer kein einziges Wort sagte und mit versteinertem Gesicht die Zeit verbrachte.

Paul.

Puppengedanken

Tagebucheintrag

Esmereldas Ersuch

Du wolltest mich sehen.

Wolltest vorführen was du nun alles hast.

Wie ein Kind sein neues Spielzeug.

Wir sollten zu dir kommen.

Du hast Jahre dafür gebraucht.

Jahre in denen wir dir egal waren.

Jahre des nicht Meldens und der Ignoranz.

Dann auf einmal Interesse.

Und du wolltest uns sehen.

Uns alle.

Aber nicht einfach so, nein du hast uns mit einer Karte eingeladen, auf feinstem Büttenpapier.

Um Abendgarderobe wird gebeten.

Wie lächerlich ist das denn bitte?

Aber wir haben den Spaß mitgemacht.

Ich stach ein wenig heraus, in deinen Augen, obwohl ich den Unterschied nicht gesehen habe und mir sicher bin, dass es keinen gab.

Es gab ihn nur, weil du wolltest dass es ihn gab.

Dass einer da war.

Ein Grund dass du wieder was an mir zu meckern hattest.

Dass du mir wieder zeigen konntest, dass du am längeren Hebel sitzen würdest.

Du präsentiertest uns dein Anwesen.

Es gehört dir nicht.

Noch nicht.

Überall sinnlose Zeichen der Dekadenz.

Vom Maibach in der Garage, der deinen Namen in Gold im Fenster eingraviert hat, reden wir nicht, denn dann wird das ganze noch lächerlicher als es eh schon ist.

All die vielen Zimmer in der Villa, wir durften uns ja frei bewegen und sehen und staunen.

Im Keller gab es einen Partyraum.

Mit Kamin.

Nicht schlecht.

Daheim fällt die Heizung aus, aber Püppi hat Kamin.

Nett.

Das ist schon ein wenig pervers.

Findest du nicht?

Und schon wieder unnötig.

Der Hammer ist allerdings das Kaminzimmer im Garten.

Ich habs erst gar nicht gesehen.

Es gibt doch wirklich ein Kaminzimmer im Garten!

Und angrenzend ein Schwimmbad, unfassbar.

Soviel für 2 Personen?

Denn ich glaube nicht dass dein Personal diese ganze Schweinerei auch mal nutzen darf, oder?

Du bittest uns zu Tisch.

Allerdings in der Küche, bzw. im Separee der Küche.

Da isst dann das gemeine Volk.

Nicht im Esszimmer.

Ich lerne schnell.

Es gibt eine Auswahl an Käse, Wurstwaren, Brot und Wein.

Butter auf feinstem Porzellan.

Die ganze Zeit frage ich mich wo ER denn ist?

Sollten wir ihn denn nicht auch kennenlernen?

Kaum gedacht klingelt es.

Du springst auf.

Wir sehen uns an.

Durch das geriffelte Fenster sehen wir einen kleinen Lieferwagen vor dem Haus stehen.

Zwei Männer steigen aus und verbeugen sich vor dir.

SIE VERBEUGEN SICH!

Dann hören wir wie sie ins Haus kommen, und du delegierst.

Wir sind verunsichert.

Wir hören wie sie in den Keller gehen.

Hören Geklapper.

Stimmengewirr.

Dann Stille.

Keine Geräusche aus dem Keller.

Wir hören wie sie sich verabschieden und sich artig bedanken.

Was hast du ihnen gegeben?

Wieviel seines Geldes durftest du auf den Putz hauen?

Nach einer Weile tauchst du wieder auf.

Entschuldigst dich für die Unannehmlichkeiten die es gab, und versicherst uns, dass sie nun zur Strafe nur ein kleines Trinkgeld bekommen haben.

Weil sie so böse waren und nicht schon vor unserer Ankunft alles hergerichtet haben.

Wer denn bloß?

Der Partyservice, Dummerchen.

Sagst du.

Und schüttelst missbilligend den Kopf.

Ich Dummerchen.

Nun verstehe ich das ganze Theater.

Es gibt also eine Party.

Für wen und warum?

Und die Frage, wer alles kommt?

Ich beginne mich unwohl zu fühlen.

Du bittest uns dir zu folgen.

In den Keller.

Die kleinen Kronleuchter brennen links und rechts des Kellerabgangs.

Überall brennen plötzlich Lichter.

Wir folgen dir in den Partyraum, wobei ich immer noch nicht mit dem Namen dessen einverstanden bin.

Irgendwas stört mich da.

Auch er ist hell erleuchtet, im Kamin prasselt ein Feuer.

Links neben der Tür ist nun ein langer Tisch aufgebaut mit strahlend weißen Tischdecken.

Darauf silberne Wärmebehälter für Speisen unter denen kleine Öllampen brennen um die Wärme zu halten.

Und als ich denke ich komm nicht klar, entdecke ich neben dem Tisch einen Kellner in Livree.

Eine leichte Verbeugung lässt sich erahnen.

Das ist nun nicht mehr zu toppen.

Nun sind wie von Zauberhand weitere Menschen im Raum, ich bin sicher, die waren vorhin noch nicht da.

Wir werden einander nicht vorgestellt, sie sind einfach da.

Wann sie gekommen sind weiß ich nicht, aber ich vermute, zusammen mit dem Essen.

Ich bin aber offensichtlich die Einzige die sprachlos ist.

Von den anderen höre ich nur Komplimente.

Die wissen wie sie sich zu benehmen haben, ich weiß es nicht.

So kommt es mir vor.

Ich weiß nur eins.

Das alles ist nicht echt.

Das ist nicht meine Welt.

Ich will hier weg.

Unbehaglichkeit macht sich in mir breit.

Unwohlsein.

Übelkeit.

Schritte näheren sich.

Du fängst an zu strahlen.

Wir drehen uns um und sehen zur Tür.

Was wir dann sehen, ist in Worte kaum zu fassen.

Ein Mann mittleren Alters, mit schon ergrauten Haaren, leicht gebeugt und untersetzt, in einem beigen Anzug, glänzend polierten Schuhen und gelbem Einstecktuch kommt auf uns zu.

Wer ist dieser Mensch?

In der Hand hält er einen exorbitant großen Blumenstrauß, den er dir mit den Worten überreicht:

„Entschuldige, mein Herz, ich wurde aufgehalten. Ich hoffe, ihr habt nicht zu lange warten müssen. Wie ich sehe ist alles schon angerichtet.“

Dann geht er an die gedeckte Tafel, die wie aus dem nichts aufgetaucht ist, und nimmt Platz.

Du bittest den Kellner die Blumen ins Wasser zu stellen und forderst uns auf Platz zu nehmen.

Zu perplex um anders zu reagieren setzen wir uns.

Die Party kann beginnen, denn der Herr des Hauses ist soeben eingetroffen.

Kapitel 3

Das Adventswunder

Jemand zu vermissen, den man eigentlich gar nicht kennt, ist schon ein seltsames Gefühl. Wir sahen uns alle eine ganze Weile nicht, weil auch irgendwie ständig was anderes war. Ich musste viel lernen und fand kaum die Zeit Fred gerecht zu werden. Aus kurzen Telefonaten wusste ich, den anderen ging es ähnlich. Paul hatte sich bei keinem von uns bis dato gemeldet und irgendwie fühlte es sich falsch an, dass ich oder wir uns auch nicht bei ihm meldeten. Aber Oliver meinte, dass er das nun brauchen würde und er schon kommen würde wenn er es wollte. So ging die Zeit ins Land und es wurde Herbst. Und dann Winter. Die Fenster meines Häuschens hatten Eisblumen gebildet von innen, weil der Ofen es nicht schaffte das Haus zu heizen, eine Heizung hatte das Haus nicht. Das hatte ich nicht bedacht in meiner Euphorie.