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Nach außen hin ein elitärer Bund, in der die Creme de la Creme der Schriftsteller, die es in diesen geschafft haben, sich entweder sonnt (die apathische Masse) oder ihre intriganten Spielchen treibt (das Komitee). An der Schwelle der Pariser Gesellschaft steht zur nämlichen Zeit, als Hauptfigur des Romans, der junge, aber bereits erfolgreiche Schriftsteller Luuk van Breukelen. Je mehr der Holländer in die Geheimnisse und Machenschaften des Bundes eintaucht, um so mehr beschleichen ihn ernsthafte Zweifel, ob dieser Schritt der Richtige ist. Ein Schritt in eine Vereinigung voller Egomanen, Egoisten und Egozentrikern, die um ihretwillen vor nichts zurückschrecken. Auch nicht vor Mord.
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Seitenzahl: 542
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Die Handlung des vorliegenden Romans ist frei erfunden. Ähnlichkeiten mit beschriebenen Orten sowie lebenden oder bereits verstorbenen Personen sind rein zufällig.
Jan Gunter Berger (*1968) ist seit den frühen 1990er Jahren in verschiedenen Bereichen journalistisch und publizistisch tätig. Der in Dresden geborene Schriftsteller arbeitet zudem als Berater in Kommunikationsangelegenheiten für diverse global agierende Unternehmen. Der Autor des Romans „Die Pariser Gesellschaft“ lebt und arbeitet in der Nähe von Salzburg, Berlin und unweit der thailändischen Metropole Bangkok.
Meinem Vater
PROLOG
DER ZUG FÄHRT GEN NORDEN oder WAS VOM SCHREIBEN ABHÄLT
I. TEIL
KLEINES STÄDTCHEN AM MEER oder EINE REIHE ANNEHMLICHKEITEN
DAS SCHLOSS oder SCHRECK IN DEN GLIEDERN
DER ALTE oder UNHEIMLICH ANMUTENDE VISITATION
DIE SCHWARZE KATZE oder DAS ZERSTÖRTE WERK
LAUTER HILFESCHREI oder EIN TIEFGREIFENDES FRÜHSTÜCK
ERSTE EINBLICKE oder EINE MORDTHEORIE
NOCH EINE EINLANDUNG oder EIN KURZER ABRISS ÜBER JUAN
DAS GALA-DINNER oder WILLKOMMEN IM CLUB
UNTER BEOBACHTUNG oder EIN SCHÄBIGES SPIEL
DER FALL DES PEDRO DA SILVA oder WÜRGEMALE AM HALS
II. TEIL
EINE WARNUNG oder DER BEGINN EINER ABRECHNUNG
DAS KOMPLOTT oder ZWEI ALPHATIERE UNTER SICH
DER TOD DES LYRIKERS oder MEIST STIRBT MAN IM STILLEN
VERBALES SCHLACHTFELD oder EIN ERSTER SCHLAGABTAUSCH
DER MÄZEN oder EIN UNGLEICHES PAAR
EIN FIESES SPIEL oder DAS GESTÄNDNIS
ERNSTE ZWEIFEL oder DAS AUFNAHMERITUAL
III. TEIL
DER BASTARD oder DAS BEKENNTNIS DES KLEINEN PEDRO
DIE FLUCHT oder JUAN’S GESCHICHTE
INTENSIVER MONOLOG oder EIN MORGENDLICHER SPAZIERGANG
DER VAMPIR oder EIN UNRUHIGER TRAUM
EIN KURZES FRÜHSTÜCK oder VERFLOGENE EUPHORIE
ZWEI KONTRAHENTEN oder EIN MORDVERDACHT
REIBUNGSLOSE AUFNAHME oder EIN SICH ABZEICHNENDES DUELL
IV. TEIL
AUS DEN FUGEN GERATEN oder INS GLEICHGEWICHT GEKOMMEN
MACHTWECHSEL oder EIN UNERWARTETER BESUCH
ALLIANZEN SCHMIEDEN oder STRATEGISCHE ÜBERLEGUNGEN
BITTGESUCH oder PAKT MIT DEM TEUFEL
HOFFNUNG oder RESIGNATION
TOTENFEIER oder DIE PLÄNE DES KATALANEN
DIE GRUPPE oder BEGINN EINES AUFBRUCHS
EIN TRAUM oder TOTENSTILLE IM SAAL
GEMEINSAMES FRÜHSTÜCK oder ZWEIFELHAFTE EINTRACHT
DES BRITEN REDE oder DIE TEILUNG DER MACHT
SCHWARZE WOLKEN oder NICHT AUSGERÄUMTE ZWEIFEL
V. TEIL
GEIST DER SPALTUNG oder VERÄNDERUNGEN KÜNDIGEN SICH AN
ERSTE TUMULTE oder EIN REINIGENDES GEWITTER
GEDANKEN ÜBER GEDANKEN oder EIN UNRUHIGER SCHLAF
DIE SHOW DES BRITEN oder EIN LETZTES AUFBÄUMEN
LEICHTES FRÜHSTÜCK oder FRAGEN ÜBER FRAGEN
UNERWARTETER BESUCH oder EIN TEUFLICHER PAKT
DIE WAHL oder DAS ENDE EINER FARCE
EPILOG
DIE LETZTE REISE oder EIN GESTÄNDNIS
Es war nicht der lärmende Trupp junger Franzosen, welcher Luuk van Breukelen davon abhielt, sich seinem Manuskript, dessen Korrektur er sich für die länger dauernde Reise aufgespart hatte, mit hinreichender Aufmerksamkeit zu widmen. Auch die ratternden Geräusche der sich dahin quälenden Eisenbahn, gekoppelt mit dem unverwechselbaren wie unnachgiebigen Schaukeln der Waggons waren nicht ursächlich dafür, dass die potenzielle Leserschaft des entstehenden Romans sich wohl noch ein bisschen länger würde gedulden müssen. Und selbst die tief im Westen stehende Sonne, die ihm in ihrer unverblümten Weise und mit immerhin noch beachtlicher Kraft in sein jugendliches Antlitz strahlte, störte ihn nicht in der Art, wie sie es sonst gelegentlich zu tun pflegte. Sie zeigte nur an, der Zug fährt gen Norden.
Es war das Ziel, welches Luuk van Breukelen kaum einen klaren Gedanken fassen ließ, obgleich er sonst höchstens durch äußere Einflüsse vom Schreiben abgehalten werden konnte. Wie zum Beispiel durch lärmende Kinder, die mitunter in seiner unmittelbaren Reichweite, wenn nicht auf Reisen, dann vor seinem Fenster oder in der Nähe seines Tisches im Café oder Gasthaus, positioniert wurden. Nicht dass er etwas gegen Kinder gehabt hätte, nein, aber die Tonhöhen, die die kleinen Bälger gelegentlich anschlugen, waren für die einen herzerschütternd, für die anderen nervenzerreißend und für Luuk van Breukelen gleich beides zusammen. Schreiben jedenfalls konnte er dann nicht.
Genauer gesagt, das Ziel im eigentlichen Sinne war es auch nicht, was den Holländer unangenehm berührte. Sein Bestimmungsort, das Château Noire, klang zwar recht mystisch, lag aber, wie er bereits erfahren hatte, elegant eingebettet in den Weinbergen dieser Region. In einer Idylle, die jedem – so auch Luuk van Breukelen – das Herz höherschlagen ließ, der die Kombination von Komfort und einem guten Tropfen nicht missen mochte. Überhaupt war der Holländer ein Genießer, ein lebensfroher junger Mann, der sein jugendliches Aussehen heute und dort, wo es sich geziemte, mehr und mehr zu unterstreichen versuchte. Dies besaß jedoch keine lange Tradition, denn noch vor Kurzem war er gelegentlich sogar darauf bedacht, optisch das eine oder andere Jahr hinzuzumogeln. Jetzt, als Endzwanziger, war dies aus seiner Sicht kaum noch nötig, im Gegenteil, der Holländer gab mehr und mehr Obacht, dass die vergehenden Jahre nicht allzu große Spuren an ihm und seinem Äußeren hinterließen. Wie gesagt, er liebte die Genüsse des Lebens, gutes Essen und erlesene Weine sowieso, und wenngleich er es sich durchaus vorstellen konnte, eines Tages in ebenso einer Idylle, wie sie ihn nun erwartete, einen einsamen Hof samt Weinberg zu bewirtschaften, hatte er vom Weinbau freilich keine Ahnung. Dafür aber vom Schreiben.
Bevor es Luuk van Breukelen zu langweilig wurde, war er einige Zeit für mehr oder weniger bedeutende Gazetten unterwegs und hatte dabei sein Handwerk gewissermaßen im Selbstkurs vervollständigt. Hinzu kam: Er konnte hervorragend beobachten und es war ihm ein Leichtes, Stimmungen in seiner Umgebung nicht nur wahrzunehmen, sondern diese auch zu absorbieren und in die zahlreichen in seinem Kopf oder dem omnipräsenten Notizblock in Fragmenten vorhandenen Geschichten einzubinden. Es war heute zum Teil wie früher in Luuk van Breukelens Reporterzeit, in der er aus der Flut der tagtäglich an ihn gerichteten Informationen, die jeweils richtigen auswählen musste. Ohne dabei zu wissen, ob die ausgesonderten am Ende nicht vielleicht doch den Leser noch ein wenig mehr interessiert hätten. Auch wenn ihm der Job des „Rasenden Reporters" – dann und wann war es wirklich so, wie sich die Legende um Egon Erwin Kisch rankt – immer Spaß gemacht hatte und auch zumindest lokal begrenzt zu einem Stück weit Ansehen in der Gesellschaft verhalf, für Luuk van Breukelen war klar, dass eines Tages ein Wechsel hermusste. Und so wurde er Schriftsteller.
Kein bedeutender zunächst, völlig klar, da der Holländer in seinen jungen Jahren erst noch am Beginn einer möglichen Karriere stand. Außerdem ist freilich nicht jeder, der geschickt Worte zu Papier bringen kann, automatisch in den Rang der Bedeutung zu heben, nur weil er eine hinreichend große Leserschaft mit seinen Allüren zu beglücken versucht. Dennoch verhieß das beginnende Lebenswerk des Luuk van Breukelen, ein erfolgreiches zu werden. Denn abgesehen von der bereits erlangten Bekanntheit, wenn auch nur auf das Erscheinungsgebiet jener Gazetten bezogen, für die er schrieb, hatte er mit seinem ersten Buch etwas geschafft, was anderen erst mit den Jahren und manchen gar nicht gelingt. Der Holländer stand an der Schwelle der Pariser Gesellschaft.
Diese Pariser Gesellschaft – ein elitärer Bund, dessen Mitglieder eine meisterlich gefertigte, stilisierte Schreibfeder en miniature als Zeichen eben jener Gesellschaft dezent als goldene Nadel am Revers vor sich hertrugen. Sie hatte weltweit nur wenige hundert Gefolgsleute, dafür aber eindeutige Kriterien, was die Aufnahme Neuer in den heiligen, wie erstrebenswerten, aber auch nicht unumstrittenen Bund anbetraf. So wurde beispielsweise vor geraumer Zeit vergeblich versucht, den Passus auszuräumen, welcher den Beitritt von Frauen zur Pariser Gesellschaft verhinderte. Dies führte seinerzeit fast zum Auseinanderbrechen des Bundes, und auch für die männliche Gilde war es keineswegs so, dass die Mitgliedschaft jedem Schriftsteller offenstand, sei er noch so berühmt. Im Gegenteil. Neben der wenn möglich adligen, zumindest aber gutbürgerlichen Herkunft, wobei letztere so manchem vornehmlich lang gedienten Mitglied bereits suspekt war, schaute das Aufnahmekomitee vor allem auf die Publikationen. Auch hier war gelegentlich weniger mehr, denn wer, wie Luuk van Breukelen, es schaffte, mit nur einem einzigen Buch für entsprechendes Aufsehen zu sorgen, der war dem Billett für die Pariser Gesellschaft zumindest ein Stückchen näher gerückt. Dann kam man wohl in die engere Wahl.
Einer Handvoll verdienter Aktivisten oblag es schließlich, über den Beitritt eines Anwärters zu befinden, wobei es eigentlich keine Rolle spielen sollte, welche literarische Vorlieben der potenzielle Neue seinen Werken, die von diesem Komitee im Vorfeld der Entscheidung gelesen und begutachtet wurden, zugrunde legte. Nichtsdestotrotz hatte auch jedes Mitglied des Komitees seinen eigenen Geschmack, um nicht zu sagen seine eigenen Macken. Dieses wählte auf mit Pomp und Gloria zelebrierten Zusammenkünften, die jährlich einmal im Herbst auf dem Château Noire stattfanden (und, obwohl offiziell kürzer, nicht selten aber eine Woche, manchmal sogar länger dauerten), aus der Reihe der potenziellen Neuen diejenigen, die sich dann mit der stilisierten Schreibfeder und dem damit einhergehenden Ruhm schmücken durften. Und das bewegte Luuk van Breukelen.
Formell erfüllte der Holländer alle Voraussetzungen, auch das Elternhaus, aus dem er stammte, zählte jedenfalls in seiner engeren Heimat zu den Besseren. Gleichwohl es seine Familie – sein Vater war ebenfalls Journalist und Herausgeber – nie zu außerordentlich viel Ruhm und Reichtum, verglichen mit dem Durchschnitt der Mitglieder der Pariser Gesellschaft, gebracht hatte. Das schien sich nun in der nächsten Generation ein wenig zu ändern, so hoffte es jedenfalls Luuk van Breukelen. Er hatte im Unterschied zum Vater nicht so lange gewartet, ehe er das erste Buch in Angriff nahm, welches eben nun für gewisses Aufsehen in der Pariser Gesellschaft und vor allen aus dem aus fünf illustren Persönlichkeiten bestehenden Aufnahmekomitees sorgte. Aber das reichte nicht.
Denn eben jenes Komitee, welches für ihn immer noch ein Buch mit sieben Siegeln war, wartete auf ihn im Château Noire. Luuk van Breukelen war auserkoren, einer der wenigen auf dem diesjährigen Herbsttreffen der Pariser Gesellschaft zu sein, dem eine Aufnahme zuteilwerden könnte, würde das Ergebnis des obligatorischen Aufnahmegespräches, das auf der Tagesordnung stand, zu seinem Gunsten beschieden werden. Einerseits sah er sich hierfür durchaus gewappnet, schließlich war Luuk van Breukelen weder auf den Kopf noch auf den Mund gefallen. Andererseits aber war ihm zu Ohren gekommen, dass deutlich begnadetere Aspiranten der Pariser Gesellschaft vom Komitee abgelehnt wurden, da sie, nach Meinung der illustren fünf, nach näherer Prüfung nun doch nicht in den Bund passen würden. Und obgleich hier die Verschiedenheit oder auch Individualität des Einzelnen – wozu sich das Gros der Schriftstellergilde, insbesondere der Teil, welcher die Meinung der Pariser Gesellschaft bestimmte, zählte – immer und immer wieder betont wurde, scheiterte doch so manche Aufnahme eben gerade an diesen Eigenheiten. Und so war sich Luuk van Breukelen gelinde gesagt immer noch nicht im Klaren darüber, ob er im Falle eines Falles dem Komitee nach dem Munde reden sollte, um der Aufnahme in den Bund nicht noch unnötig Steine in den Weg zu legen. Oder ob er, so wie er es sich in seinem jungen Leben zumindest vorgenommen hatte (wenngleich er sich oft genug für gelegentlich aufkommende Forschheit umgehend schämte), gegebenenfalls seine Meinung auch dann klar und deutlich zu artikulieren, wenn es ihm zum Nachteil gereichen sollte. In diesem Fall hieß das, dass eine solche Forschheit seine Aufnahme in die Pariser Gesellschaft erschweren, wenn nicht gar gänzlich verwehren könnte. Dies hielt Luuk van Breukelen vom Schreiben ab.
Zur nämlichen Zeit
Das Haus, in das sich Luuk van Breukelen eingemietet hatte, lag ideal für einen, dessen Gewohnheit es war, sich zu jeder Tageszeit etwas, wonach im gerade gelüstete, besorgen zu können, denn es fehlte an nichts in dieser leicht abschüssigen Straße im Herzen des kleinen, anmutend wirkenden katalonischen Städtchens unweit der großen Metropole. Letztere mied Luuk van Breukelen weitgehend, da er – obgleich von Hause aus an das Stadtleben gewöhnt - der Überzeugung war, dass ihm, nach all dem Trubel um seinen ersten Erfolgsroman, ein wenig Abgeschiedenheit ganz guttun würde. Dennoch zog es ihn nicht gänzlich aufs Land, da er sich erstens nicht zur Ruhe setzen wollte und zweitens durchaus ein wenig pulsierendes Leben, auch wenn es sich dabei nur um Markttreiben und geschäftiges Auf und Ab in den mittelalterlich anmutenden Gassen handelte, um sich herum brauchte. Daraus entstanden auch seine Geschichten.
Ja, schreiben konnte er in Ruhe in dem Zwei-Zimmer-Appartement hoch droben unter dem Dach, welches einfach, aber für seine Bedürfnisse – er war zwar anspruchsvoll, jedoch alles andere als abgehoben – ebenso zweckdienlich wie ausreichend eingerichtet war. Luuk van Breukelen hasste es, sich bereits jetzt bezüglich eines festen Wohnsitzes festzulegen, weshalb er stets, um eine gewisse Flexibilität zu bewahren, möblierte Appartements bevorzugte. Das besagte besaß neben einem kleinen Schlafraum, der nur das Notwendigste wie ein Bett, einen Kleiderschrank, ein Nachttisch sowie einen Ankleidespiegel beherbergte, ein geräumiges Atelier, das von ihm gleichsam als Wohn- und Arbeitsbereich genutzt wurde. Es war mit nicht mehr ganz neuen, dafür aber umso ansehnlicheren Möbeln ausgestattet, was zum einen dazu führte, dass Luuk van Breukelen eine seiner Lebensgewohnheiten – nämlich mit Papier und Bleistift bewaffnet, in einer für diese Aufgaben seinem Empfinden nach zweckdienlichen Lokalität zu erscheinen und dort stundenlang, manchmal sogar bis jenseits der eigentlichen Schließzeiten zu verweilen – wenn nicht aufgab, dann aber jedenfalls deutlich zurückschraubte. Zum anderen gereichte es ihm oder besser seinem Geldbeutel zum Vorteil, wenn er die sich in seinem Atelier bietende Möglichkeit redlich nutze, obgleich er nach dem Erhalt der ersten Rate für sein Buch, bereits der Überzeugung war, dass Geld zukünftig in seinem Leben zwar noch eine Rolle spielen würde, jedoch nicht unbedingt eine sorgenvolle. Gleichwohl, für ihn war es die Mischung der unterschiedlichen Atmosphären, die ihn zum Schreiben animierte. Einerseits eben das Umfeld, das Flair und die für ein ungeübtes Auge eines möglichen Betrachters oft gar nicht wahrnehmbaren Situationen, die sich im Kaffeehaus, der Gaststube oder dem Weinlokal boten. Andererseits die Ruhe, wenn er an dem abgeschmirgelten Schreibtisch in seinem Atelier saß und dabei entweder seine Gedanken ordnete, die ihm unterwegs zuteilwurden, oder in eine Welt hinabtauchte, die die Fragmente der entstehenden Geschichte so miteinander verband, dass später tatsächlich etwas Lesenswertes dabei herauskam. An und für sich war es egal, zu welcher Tageszeit sich Luuk van Breukelen zum Schreiben niedersetzte. Obwohl der Erker, den er zu seinem Arbeitsbereich auserkoren hatte, nach vorn heraus ging, drang der Betrieb, der auf der leicht abschüssigen Straße herrschte – welche, ob der sehr nahe beieinanderstehenden Häuser, eher den Namen Gasse verdient hätte – kaum nach oben drang. Nur morgens, wenn meist im Schutz der Dunkelheit die teilweise schrillen Stimmen der zum Hafen ziehenden Marktweiber durch die noch menschenleeren Gassen drangen, konnte man hier von einer Art Berufsverkehr sprechen, der unter Umständen geeignet war, erst gar keine Ordnung in etwaige wirre Gedankenkonstrukte zu bringen, die für die Romane des Luuk van Breukelen unabdinglich zu sein schienen. Aber um diese Zeit schlief er ohnehin meist, da die ihm innewohnende Kreativität sich vornehmlich die Morgen-und Vormittagsstunden für ihre eigene Ruhezeit reserviert hatte, und diese, da konnte er machen, was er wollte, auch unerbittlich einhielt. Meist saß Luuk van Breukelen, auch wenn er nicht mehr schrieb, noch bis weit nach Mitternacht in seinem Lehnsessel, welcher ein wenig an den von Sherlock Holmes erinnerte, mit einem Glas Rotwein in der einen und einer Zigarre in der anderen Hand, und ließ entweder den Tag oder den gerade entstandenen Teil seiner Geschichte Revue passieren. Manchmal auch beides.
In der Tat bot sich dem jungen Schriftsteller hier ein Umfeld, das er bisher vergeblich gesucht hatte. Er war zum ersten Mal in der Lage, seinen Wohnort halbwegs frei von finanziellen Zwängen zu wählen, ganz im Gegensatz zu seiner Zeit als Reporter, als er noch penibel darauf achten musste, dass sich Geld- und Monatsende in etwa die Waage hielten. Katalonien stand nie ganz oben auf seiner Liste der Gegenden, in welcher er gern hätte einmal wohnen wollen, so wie sich manch einer hinreißen lässt, die Toskana, Kalifornien oder die Cote d'Azur zu seinem bevorzugten Aufenthaltsort zu erküren. Luuk van Breukelen hatte zuvor zwar einiges gehört über diese Gegend, war dann jedoch überaus angetan und vor allem überrascht von dem Ambiente, welches sich ihm bot. Egal aus welcher Einstellung heraus man dieses kleine Städtchen am Meer betrachten wollte, neben dem maritimen Klima bot es noch eine Reihe andere Annehmlichkeiten. Schon bei der Betrachtung vom Meer her stach die kleine, aber dennoch markante Kirche dem heransegelnden Fremden sofort ins Auge, da deren strahlendes Weiß nicht nur den optischen Mittelpunkt des Ortes ausmachte, sondern sich auch vom dunklen Hintergrund-Hügel und der an manchen Stellen beinahe senkrecht aus dem Meer aufsteigenden Felsen geradezu abhob. Wohltuend abhob.
Des Städtchens Schicksal war es, dass es nie zu einer bedeutenden Größe würde heranwachsen können, da es eingebettet lag in eine vergleichsweise massive Bergformation, die ihrerseits wieder dafür verantwortlich zeichnete, dass ob der Idylle jede Menge Künstler – und solche, die sich für solche hielten – dieses Fleckchen Erde zumindest zeitweise zu ihrer Heimat machten. Schwer fiel das nicht, denn malerisch gelegen war des Holländers temporäre Heimat allemal. Wer es sich leisten konnte, zog in eine der Villen, die sich wie Schwalbennester hoch droben an die Felsen schmiegten. Aber auch unten im Ort ließ es sich gut aushalten, wie das Beispiel Luuk van Breukelen zeigte. Gleich hinter der Kirche stieg das Städtchen langsam, aber sicher den Hang hinauf, was die Gassen dazu brachte, immer enger zu werden, je höher es bergan ging. Luuk van Breukelen hatte sich im Ort niedergelassen, nicht zwingend deshalb, weil er es sich nicht hätte leisten können, auch etwas abgeschiedener am Hang zu leben. Nein, er liebte es, kurzerhand zum Hafen gehen, von da zum nahegelegenen Markt zu schlendern und nach getanem Einkauf noch einen Umweg in Kauf nehmend durch die Gassen zu pilgern, um schließlich im „Reale", dem Eckcafé in der Häuserzeile, in der er wohnte, noch einige Minuten zu verweilen. Hier traf er auch Javier de Oliveda.
Die Sonne stand schon tief, und was Luuk van Breukelen nicht wusste, war, dass das Château Noire noch ein gehöriges Stück entfernt von dem Punkt lag, an dem der Zug ihn so eben entließ. Die alte Dampfmaschine hatte zum Schluss gar mächtig kämpfen müssen, denn das letzte Stück, welches sie beinahe im Schritttempo hinaufstampfte, war zwar kurz, dafür aber steil und hatte es, trotz der wenigen Waggons, die sich mit der Zeit nahezu komplett leerten, in sich. Bei klarem Wetter müsste man von oben bald bis zum Meer blicken können, jedenfalls einen hervorragenden Überblick über die Gegend haben, dachte sich Luuk van Breukelen. Die, im wahrsten Sinne des Wortes, Aussicht darauf ließ ihn den jetzt noch vor ihm liegenden Weg hinauf zum Schloss bereits von diesem Aspekt aus gesehen als lohnend erscheinen – viel mehr war er aber gespannt auf die Dinge, die ihn in den kommenden Tagen erwarten würden. Vielleicht entpuppte sich das Ganze als eines der üblichen Treffen, gleich welchem Bund man so angehörte, auf denen zumeist die Altvorderen ein wenig auf die eigene Geschichte und die zu erwartende Zukunft blickten, ein paar Neulinge meist wie Missgeburten herumgezeigt wurden und ansonsten vor allen Dingen sich selbst kräftig feierten. Im Schloss wahrscheinlich nur noch ein wenig pompöser.
Wäre es noch früher am Tag gewesen, der Weg mit der besagten Aussicht, der vor Luuk van Breukelen lag, hätte jeden halbwegs begnadeten Maler dazu animiert, mit einigen Pinselstrichen auf einer Leinwand festgehalten zu werden. Auf einer stattlichen Anhöhe stand das altehrwürdige Gemäuer, zwar nicht spektakulär und eher an eine Burg als ein Schloss erinnernd, aber ward umgeben von Weinbergen, welche, das hatte Luuk van Breukelen mal irgendwo gelesen, einen edlen und nicht allzu preiswerten Tropfen abgaben. Geradezu malerisch hoben sich die einzelnen, kleinen Weingüter vom Hintergrund ab, und allein die Idylle, welche von dieser Szenerie an schönen Tagen auszugehen vermochte, war es nach Ansicht von Luuk van Breukelen wert, einmal im Bild festgehalten zu werden. Das wahre Ausmaß der das Schloss umgebenden Schönheit konnte er im Moment jedoch nur erahnen, da bereits der Abend hereingebrochen war und die Sonne, die schon lange nicht mehr blendete, samt ihrer wärmenden Kraft langsam, aber sicher hinter den Hängen verschwand, um am kommenden Morgen sicherlich wieder in ihrer Gänze dieses Stückchen Erde zu beglücken. Langsam wurde es auch richtig kühl.
Luuk van Breukelen war klar, dass ihm gar nichts weiter übrig blieb, als sich hinauf zum Schloss zu begeben, samt seines Gepäcks, welches er, immer auf in der Nähe befindliche Droschken oder wenigstens Träger setzend, für diese Reise nicht wirklich auf das Mindestmaß gebracht hatte. Schließlich wusste er nicht, was ihn erwartete, sodass er beim Packen es präferierte, neben seiner bequemen Garderobe, auch noch zwei Abendanzüge sowie für den Fall der Fälle den schwarzen Gehrock dabei zu haben. Das rächte sich jetzt.
So war es nicht verwunderlich, dass er auf dem zwar nicht übermäßig steilen, sich dafür aber in die Länge ziehenden Weg an den Weinbergen entlang, langsam, aber sicher kein Auge mehr für die Gegend hatte, da es ohnehin für einen idyllischen Blick bereits langsam zu dunkel wurde und das ständige Absetzen der beiden Koffer auch nicht dazu beitrug, dass das Schloss spürbar näherkam. Er hasste solche Situationen, vor allem dann, wenn ihm objektiv gesehen gar kein anderer Ausweg blieb. Denn ausgeschlossen war auch die zumindest theoretisch übrig gebliebene Möglichkeit des Umkehrens, da sich um diese Zeit definitiv kein Zug mehr zum Bahnhof drunten verirrte. Er hatte zwar keine Angst vor der Dunkelheit, schließlich verbrachte er zahlreiche Stunden in ihr, und seine Kreativität erreichte zu dieser Zeit meist ihren Höhepunkt, jedoch so ganz wohl fühlte sich Luuk van Breukelen auch nicht, denn er konnte sich durchaus angenehmere Dinge vorstellen, als des Nachts durch ihn unbekanntes Terrain zu streifen. Plötzlich knackte es verdächtig neben ihm.
Ganz überflüssig zu erwähnen ist, dass Luuk van Breukelen mächtig erschrak und sich unweigerlich zurückversetzt fühlte in die Kindheit, als er und seine Freunde trotz Verbots auch noch nach Einbruch der Dunkelheit vorzugsweise in der Nähe des alten Friedhofs zu spielen pflegten – ganz ähnlich wie seinerzeit Tom Sawyer und Huck Finn. In der Tat wollten sie damals die alle faszinierenden Geschichten der beiden amerikanischen Jungs nachempfinden und ahnten nichts von der drohenden Gefahr, in der sie schwebten, ob des in dieser Gegend seinerzeit sein Unwesen treibenden Kindermörders. Das Tier, eine Katze, vielleicht auch ein Marder oder ein kleiner Fuchs, so sicher war er sich da nicht, welches in Bruchteilen von Sekunden den Weg Luuk van Breukelens kreuzte, war nun nicht wirklich gefährlich. Dennoch, der Schreck, der ihm in die Glieder gefahren war, ließ ihn das Tempo ungeachtet des zu bewältigenden Ballastes noch ein wenig anziehen. Nach gefühlten Stunden öffnete er das Tor des Schlosses.
Trotz der sich mehr und mehr abkühlenden Temperaturen war Luuk van Breukelen nun ordentlich durchgeschwitzt und fast völlig außer Atem, als er das Foyer betrat, was auch dem Portier nicht verborgen blieb. Dieser betrachtete den Neuankömmling durch eine für sein eher schmales und zerfurchtes Gesicht viel zu große Brille prüfend und skeptisch zugleich. Komische Gestalt, dachte sich Luuk van Breukelen und überlegte, ob vielleicht alle sich an einem derart abgelegenen Ort aufhaltenden Gestalten gewisse Eigenarten aufwiesen, denn außer der gebückten Haltung, welche den Ansatz eines Buckels obendrein unterstrich, war da noch der schlurfende Gang und die näselnde Stimme seines Gegenübers. Die Stimmung hier im Schloss passte irgendwie zu der von draußen, denn es schien, dass sich die mittlerweile aufgezogenen Nebelschwaden, welche sich gespenstisch anmutend an den alten Gemäuern festsetzten, durch die von Luuk van Breukelen während seines Eintretens geöffnete Tür samt einer Katze hindurchgeschlüpft waren. Riesige Rundbögen, aufwendig verziert mit Ornamenten aus längst vergangenen Zeiten, dominierten das dunkle Vestibül, in dem nicht nur leichter Nebel stand, sondern auch unzählige gelblich-weiße Kerzen für diffuses Licht sorgten. Trotzdem war der Portier in der Lage, nach eingehender Betrachtung Luuk van Breukelens diesen, wenn nicht gleich willkommen zu heißen, dann doch kurz zu begrüßen und die notwendigen Formalien für den geplanten Aufenthalt zu erledigen. Jetzt atmete er zum ersten Mal richtig durch.
„Darf ich Euch auf Euer Zimmer begleiten?", näselte der Portier, und Luuk van Breukelen glaubte seinen Augen kaum zu trauen, als dieser aus seinem, einem überdimensionalen Beichtstuhl ähnelnden Kabuff entstieg. Es war keineswegs so, dass der Portier beim Empfang saß, wie jedermann, der durch das riesige Foyer zu ihm schritt, denken musste, sondern er pflegte seine Obliegenheiten stets im Stehen auszuüben. Der Portier maß knapp Einsfünfzig.
„Sehr gern!", rutschte es aus Luuk van Breukelen heraus, der alle Mühe hatte, sich eine gewisse Belustigung nicht anmerken zu lassen, denn die gesamte Situation war einer untrüglichen Komik nicht abholt. Der Portier, Gustave mit Namen, steuerte in seinen goldenen und die Spitze nach oben gebogenen Pantinen eiligst auf die in der Nähe stehenden Koffer zu und verschwand mit diesen in einem der zahlreichen Gänge. Es blieb weder Zeit zum Lachen noch zum Überlegen oder Nachdenken, Luuk van Breukelen musste hinterher, da der Portier trotz Zwergenwuchs, der schweren Koffer und vor allem ob der Schuhe eine ganz beachtliche Geschwindigkeit an den Tag legte, um das nämliche Zimmer, welches eine Treppe höher lag, zu erreichen. Jetzt schwitzte der Portier.
„Da wären wir!"
In der näselnden Stimme lag eine Spur Erleichterung und beide betraten nun den Raum, der Luuk van Breukelens Obhut für die kommenden Tage sein sollte. Dies empfand er spontan als sehr angenehm, denn das Zimmer, welches die Größe seines Appartements zu Hause noch zu übertreffen schien, bot so einiges. Es musste sich um ein Turmzimmer handeln, da die der Tür gegenüberliegende Wand eine nicht zu übersehende Wölbung aufwies, was darauf hindeutete, dass sich das Gemach im östlichen Teil des Anwesens befand. Soweit er sich erinnern konnte, begrenzte das Schloss im Osten eine Art Turm, der es eben eher wie eine Burg aussehen ließ. Das Zimmer selbst schien sogar besonders gehobenen Ansprüchen zu genügen, denn es ließ neben einem Himmelbett auch nicht den Komfort vermissen, auf den ein Schriftsteller im Allgemeinen und ein Mitglied der Pariser Gesellschaft, im Besonderen, nur ungern auf seinen Reisen verzichtet. In der Nähe des Fensters stand ein Pult und bot genügend Arbeitsfläche für etwaige Gedankensprünge. Hinzu kam eine abgetrennte, große, einem eigenen Raum gleichkommende Sitzecke für den gemütlichen Plausch am Abend. Luuk van Breukelen, er war ja den ganzen Tag unterwegs gewesen, nahm zunächst ein Bad, das ihm seine verlorenen Lebenskräfte wiedergab, und legte sich dann so, wie ihn Gott geschaffen hatte, auf das Himmelbett. Hier ließ er die Ereignisse des Tages noch einmal an sich vorüberziehen, welche gepaart waren mit einem Gefühl der Gespanntheit hinsichtlich seines Aufenthalts auf dem Château Noire. Dann schlief er ein.
Ein paar Wochen zuvor
Es schien an sich ein sehr heißer Tag zu werden, denn im Spätsommer hatte die in dieser Jahreszeit noch hochstehende Sonne die nötige Kraft, um den von ihr beschienenen Flecken Erde mehr als hinreichend zu erwärmen. Und so war es auf den ersten Blick zwar verwunderlich, dass im „Reale" die Gäste im Freien saßen, jedoch sorgten die engen Gassen des Ortes für genügend Schatten und Kühle, sodass, bahnte sich die Sonne dennoch einen Weg hier her, es selten unerträglich wurde. Die meisten, ob Einheimische oder Fremde, tranken dort ihren Kaffee, nur wenige hatten, im Gegensatz zur allgemeinen Annahme Künstler täten so, bereits in den Vormittagsstunden Alkohol vor sich. Die Gäste beobachteten entweder das Treiben in den Gassen samt der vom nahen Hafen nach einem Leckerbissen ausschauhaltenden Möwen oder blickten, so schien es jedenfalls, einfach nur ins Leere. Für gewöhnlich achtete Luuk van Breukelen nicht auf die Besucher im „Reale", da er, wenn er um diese Zeit das Haus verließ, es zumeist nur tat, um für sein Frühstück etwas Fehlendes zu besorgen. Heute schaute er aber genauer hin.
Sicher nicht deshalb, weil der alte Mann, welcher nah am Eingang saß, entgegen der vormittäglichen Sitte nicht an einer Kaffeetasse, sondern bereits an einem Glas des auch in dieser Region mitunter vorzüglichen Weißweines nippte, sondern weil dieser ihn, Luuk van Breukelen, ausgiebig zu mustern schien. An sich war dies nichts Ungewöhnliches in Orten mit einer beschränkten Einwohnerzahl, in denen das Erscheinen eines Fremden im einzigen Gasthaus am Platze stets zu einem abrupten Absenken des Geräuschpegels, kombiniert mit der anschließenden stillen, für den Betreffenden fast unheimlich anmutenden Visitation, führt. Nur hier war es etwas anderes, er ging in kein Gasthaus, sondern die Straße hinab, und kannte trotz seiner erst kurzen Verweildauer hier, neben dem Wirt auch einen Großteil der Gäste im „Reale": jedenfalls vom Sehen her – der Fremde gehörte nicht dazu. Er beeilte sich, den Blicken des Alten durch die engen Gassen zu entkommen, und beschloss seinen eigentlich auf nur wenige Minuten geplanten und dem Erwerb von Eiern und Früchten gewidmeten Gang zum nahegelegenen Markt etwas auszudehnen. Gleichwohl kam ihm das zwei Ecken weiter schon ein wenig komisch vor, denn einerseits litt Luuk van Breukelen keinesfalls an Verfolgungswahn, dessen war er sich gewiss, auf der anderen Seite, das wusste er als Schreiberling nur zu gut, hat es oft den Anschein des irgendwohin Starren, wenn jemand angestrengt über etwas nachdenkt oder gar gedanklich in einer anderen Welt versinkt. Außerdem, was konnte der Alte ihm anhaben?
Luuk van Breukelen war nicht ängstlich, vielleicht nur ein wenig zu empfindlich, da er, zwar Neuem stets aufgeschlossen, sich in fremder Umgebung zunächst immer etwas unwohl fühlte. Auf der anderen Seite gehörte er aber keineswegs zu den Sesshaften, welche jedwedem Ortswechsel im Leben von Natur aus skeptisch entgegenstanden. Oder anders ausgedrückt: Es gab Flecken, die er trotz objektiver Schönheit nach einiger Zeit subjektiv grauenvoll fand und von denen er sich baldmöglichst absentierte, und so hatte es ihn schließlich hier her verschlagen, womit er seinem noch jungen Leben eine weitere Wandlung verpasste, die ihn nebenbei auch zu neuem Literatenstoff verhelfen sollte. Obwohl Luuk van Breukelen es sich selten eingestand, trieb es ihn durchaus nach gesellschaftlicher Anerkennung gleich welcher Art, und vielleicht gab es in seinem Unterbewusstsein etwas, was den Städter gerade nicht in die großen Metropolen trieb, sondern ihn dorthin ziehen ließ, wo er oder sein Name in relativ kurzer Zeit nicht mehr gänzlich unbekannt war. So wie hier.
„Was darf es denn heute sein, Señor Breukelen?" Maria, eine der wenigen Händlerinnen, auf dem kleinen Markt am Hafen, deren Namen er kannte, da er diesen an einem seiner ersten Tage hier zufällig aufgeschnappt hatte und seitdem fast ständig bei ihr einkaufte, ließ beharrlich das „van" weg. Er hatte keine Ahnung, ob sie dies aus Prinzip oder aus Unwissenheit tat. Einerseits erfüllte es Luuk van Breukelen schon mit einem gewissen Stolz, dass man ihn hier bereits kannte, andererseits hingegen ärgerte es ihn gewaltig, wenn jemand seinen Namen in irgendeiner Art und Weise verunstaltete, im schlimmsten Fall sogar den nichtssagenden, jedoch wohlklingenden Namenszusatz tilgte. Jedoch war er Manns genug, um schlussendlich einzusehen, dass eine Diskussion hierüber auf dem Markt alles andere als tauglich zu sein schien, und er beschränkte sich darauf, die ihm für ein seinen Vorstellungen entsprechendes Frühstück absenten Ingredienzien zu erstehen. Diesbezüglich gab es bei ihm gewissermaßen nur Extreme, da Luuk van Breukelen, der das Frühstück im Gegensatz zu früheren Gewohnheiten nie ausließ, sich entweder auf ein Petit Dejeuner im „Reale" niederließ oder aber, stand ihm der Sinn danach, in seinem Appartement fürstlich, aber leider allein zu speisen pflegte. Denn wirklich richtig kannte er niemanden im Ort.
Das lag an zwei Dingen, so machte sich Luuk van Breukelen, welcher grundsätzlich schon ein geselliger Typ war, immer wieder klar, nämlich zum einen daran, dass er, sogar für seine Begriffe erst seit Kurzem hier weilte. Zum anderen auch deshalb, weil er, ging er einmal aus, sich nur zum Schreiben oder zum Beobachten der Szenerie ins „Reale" oder auch einige andere Lokalitäten des Ortes begab. Er hätte sich schon gewünscht, dass er gelegentlich eines seiner nicht täglichen, aber wenn, dann opulenten und mitunter kreativ anmutenden Frühstücke mit jemandem hätte teilen können, doch ließ sich Luuk van Breukelen vom gegenwärtigen Alltag nicht entmutigen. Er kannte trotz des Alleinseins keine Einsamkeit, denn diese zu kompensieren hatte er frühzeitig gelernt und es war seiner Überzeugung nach im Übrigen auch eine Grundvoraussetzung dafür, dass er gedanklich in die Welten vordringen konnte, in welcher seine Geschichten entstanden. Geselligkeit störte da zuweilen nur.
„Hättet Ihr mal Feuer?"
Luuk van Breukelen, bepackt, ob des schön zu werdenden Tages zusehends gut gelaunt und bereits auf dem Rückweg vom Markt, schrak aus seinen Gedanken auf, die sich um das zuzubereitende Frühstück, vielleicht aber auch um sein Dasein hier im Allgemeinen oder gar um beides rankten. Natürlich hatte er keine Streichhölzer dabei, denn abgesehen von der einen oder anderen abendlichen Zigarre schwor er bereits in seiner Zeit als Reporter dem Rauchen ab, was für diese Zunft eher ungewöhnlich war, ihn aber vermutlich gerade deswegen seinerzeit animierte, so zu tun, abgesehen vom Nutzen, welchen seine Gesundheit zusätzlich hatte. Nun war Luuk van Breukelen von Hause aus ein Mensch mit Manieren, was ihn dazu trieb, nicht gleich mit dem Kopf zu schütteln, sondern zunächst geschäftig in allen möglichen Taschen seiner morgendlichen Kleidung nach dem Gewünschten zu suchen, um dann höflich mit einem taktvollen Blick hin zum Fragenden zu verneinen. Dass er dabei erschrak, vernahm der Alte sehr wohl.
„Wollt Ihr Euch nicht einen Moment setzen?", fragte die undeutliche Stimme des Alten, die aber hauptsächlich durch die von seinen schmalen Lippen gehaltene, aber bis dato noch nicht brennende Zigarette verursacht wurde. Er war in helles Leinen gekleidet, welches ihm gutstand, und welches er sicher nicht hier in einen der zahlreichen Läden bezogen hatte. Im Gegenteil, man sah sofort, dass das Gewand von einem Schneider aus der Großstadt, der sein Handwerk richtig erlernt hat, gefertigt worden war. Seine Augen, mit welchen er Luuk van Breukelen bereits auf dessen Weg zum Markt gemustert hatte, sahen trotz der mehr als sechzig Jahre, in denen diese ein Gutteil der Welt erblickt haben mochten, immer noch gestochen scharf und wurden in ihrer Sicht nur durch das gelegentlich in die Stirn fallende dünne weiße Haar gestört. Sie blitzten stahlblau aus dem gebräunten Gesicht.
Was kann passieren, dachte sich Luuk van Breukelen, aber er überlegte in Windeseile, ob es nicht doch besser wäre, zunächst seinen getätigten Einkauf nach oben zu bringen. Dies hätte ihm ein wenig Bedenkzeit gegeben, aus der unter Umständen resultieren konnte, dass er gar nicht mehr zurückkehrte an den Tisch des Alten. Dieser schien Ähnliches zu ahnen, denn ehe der Holländer es sich versah, bestellte er zwei Kaffee, nahm ihm kurzerhand den kleinen gut gefüllten Marktkorb ab und rückte den leeren Stuhl des Straßentisches zurecht, sodass Luuk van Breukelen sich genötigt sah, Platz zu nehmen. Dann zündete der Alte seine Zigarette an.
„Mein Name ist Javier de Oliveda", sagte er, nun erstmals ohne störende Zigarette im Munde mit einer wohlklingenden Stimme.
„Ich denke, Ihr habt kein Feuer", erwiderte Luuk van Breukelen und schämte sich sofort seiner Worte, da es ihn erstens, so glaubte er jedenfalls, nichts anging, ob der Alte, welcher nun einen Namen hatte, im Besitz von Zündhölzern war oder nicht, und zweitens es sich nicht ziemte, auf die Vorstellung seines Gegenübers mit einer solchen Aussage zu reagieren.
„Ich heiße van Breukelen. Luuk van Breukelen", schob er schnell nach, um den von ihm begangenen Lapsus umgehend wieder aus der Welt zu schaffen.
Javier de Oliveda lächelte, zog an seiner Zigarette und lehnte sich, so gut das bei diesen Stühlen im „Reale" ging, zurück, wobei er ein wenig aussah wie der alte Hemingway, nur dass dieser einen Bart trug und bei weitem nicht so gepflegt erschien wie des Holländers neue, aber unfreiwillige Bekanntschaft. Meist sind diese am Ende jedoch die fruchtbarsten und interessantesten, ließ dieser sich durch den Kopf gehen, denn, so lehrte ihn seine Erfahrung, auch bei den zahlreichen Festivitäten und Feiern, auf die er damals noch als Reporter gelegentlich geladen wurde, war es so, dass die von vornherein unspektakulär anmutenden Empfänge diejenigen waren, welche am Schluss zu den Besten zählten. Mittlerweile brachte der Kellner die beiden Kaffee.
„Ich weiß", entgegnete Oliveda.
„Wie, ich weiß?"
„Ihr seid mir sehr wohl bekannt", schob der Alte nach und begutachtete mit sichtlichem Genuss, wie Luuk van Breukelen ein wenig um Fassung rang und die Schwierigkeit hatte, die richtigen Worte oder gar überhaupt welche zu finden. Es war eher unwahrscheinlich, dass sein einziger veröffentlichter Roman, der zwar im germanischen Sprachraum nicht ganz unerfolgreich geblieben war, ausgerechnet in diese Hemisphären vorgedrungen sei. Es gab wohl Überlegungen seitens seines Verlages, das Erfolgswerk umgehend auch dem romanischen Sprachraum zugänglich zu machen, bis heute aber, so Luuk van Breukelens Kenntnisstand, wurden diesbezüglich keinerlei Übersetzungen realisiert. Oder sollte er sich irren?
„Ich kenne Euch aus den Zeitungen." Javier de Oliveda sprach nun englisch, da er der Ansicht war, dies würde die Konversation bedeutend erleichtern. Luuk van Breukelen hatte sich zwar äußerlich gefasst, rang aber in seinem Inneren immer noch um Fassung, zumal – soweit man dies nach dem kurzen Dialog bisher hatte feststellen können – in den Ausführungen des Alten unüberhörbar ein französischer Tonfall mitschwang. Sein Name klang jedoch eher spanisch.
Er wolle nicht aufdringlich sein, so begann der Alte und Luuk van Breukelen dachte im Stillen, dass er sich dies schon ein wenig eher hätte überlegen müssen, da das Kind bereits in den Brunnen gefallen war. Jedenfalls, was das Thema Aufdringlichkeit betraf, dachte man an die bohrenden Blicke auf den Holländer am beginnenden Morgen, die schließlich in einer Fangfrage nach den Hölzern mündeten. Diese war so geschickt wie banal.
„Und es liegt mir fern, Euch zu nahe treten zu wollen, aber ich kann nicht anders. Ihr seht, ich bin ein alter Mann und vielleicht habe ich, so Gott will, noch ein paar Jährchen auf dieser Erde. Ich habe immer gut gelebt, aber was heißt das, wenn man einsam ist?", fuhr der Alte fort und das eher jugendliche Blitzen in seinen Augen war verschwunden. Oliveda trank, wenngleich nicht exzessiv, doch regelmäßig, und das oft schon am Vormittag, wie eben heute im „Reale", was – wie er erzählte – für das Scheitern der Ehe, welches er nach eigenem Bekunden mittlerweile verschmerzten konnte, als offizieller Grund gelte. Er selbst sei aber nach wie vor der Meinung, dass ein Jüngerer an die Seite seiner Frau und damit an seine Stelle in der Familie getreten war. So bliebe ihm nur Juan.
„Er ist wunderbar", fuhr Oliveda fort, „und als ich zufällig Euer Foto in den Zeitungen sah, Ihr wisst schon, bei der Preisverleihung für Euer Buch, da dachte ich, ich sehe Juan."
Luuk van Breukelen betrachtete sich den Alten noch etwas genauer, als er es ohnehin schon getan hatte, aber er konnte, so sehr er sich auch zu mühen vermochte, nicht im Entferntesten eine Ähnlichkeit mit seinem Vater oder auch nur etwaige Wesenszüge seiner Mutter im Gesicht von Oliveda erkennen. Zwar mochte der Alte, mit dessen Namen Luuk van Breukelen auch nach angestrengtem Nachdenken nichts anfangen konnte, theoretisch noch einen Sohn, eher einen Enkel, in van Breukelens Alter haben, und das übliche Phänomen betagter Menschen, dass mit der Zunahme an Lebensjahren die Treue zum Detail schwindet und nur das Alter als Vergleichsbasis der jüngeren Generation zählt, trat auch hier ein – oder Oliveda hatte einfach einen Adoptivsohn. Vielleicht war der Alte auch nur verrückt.
Luuk van Breukelen hörte jedoch aufmerksam zu, gleichwohl das Ganze nicht zu einem Mehr an Sicherheit beitrug, und er schwankte zwischen mehreren Gefühlen. Nämlich zwischen Mitleid und Sympathie für den Alten, welcher während seines kurzen Monologes unentwegt mit dem leeren Weinglas spielte, und dem mehr und mehr aufsteigenden Hungergefühl in seinem Magen, der nach wie vor vergeblich auf sein verdientes Frühstück wartete. Einerseits war es Luuk van Breukelen zuwider, immer wieder irgendwelche Schicksalsgeschichten irgendwelcher Leute anhören zu müssen. Auch dies war ein Grund, weshalb er sich innerhalb der schreibenden Zunft vom Reporterleben an der Front zurück ins Hinterland der Schriftsteller verzogen hatte. Anderseits faszinierte ihn der Alte langsam, aber sicher, und nicht nur deswegen, weil er ihn offenbar mit seinem Sohn verglich. Er fühlte, da war noch mehr.
„Es war so ähnlich wie bei Euch", versuchte Oliveda nun eine psychologische Brücke zum Gesprächspartner zu bauen, „als Ihr Eure Auszeichnung für den Roman erhalten habt. Es sollte eine Feierstunde par excellence werden. Alles war hervorragend inszeniert, der Saal festlich arrangiert, das Bankett vom Feinsten, wie es sich geziemt. Es fehlte an nichts, das dachten wir alle – wir, denen an diesem für einen Schriftsteller wohl bedeutendsten Abend eine Ehre zuteilwerden sollte, wie sie bloß wenige unserer Zunft je erhalten haben und erhalten werden." In der Stimme von Javier de Oliveda klang mit einem Mal auch eine ganze Portion Stolz mit.
Natürlich fehlte es zu solchen Festivitäten an nichts, das wusste Luuk van Breukelen ebenfalls, obgleich er sich noch nicht im Klaren war, welchen Anlass der Alte nun explizit meinte, aber den Vergleich, den Oliveda zu der Feierstunde, in welcher er seine ersten Schriftstellerehren erhielt, zog, schien gerechtfertigt. Auch der Holländer hatte, als er mit einem Festakt für das Aufsteigen seines Romans in die nationalen Bestsellerlisten geehrt wurde, das Gefühl, dass all der Pomp und Gloria, der ihm und seinen zwei Mitstreitern damals zuteilwurde, ein wenig übertrieben zu sein schien. Aber vielleicht gehörte dies nur zum guten Ton.
„Wir waren fröhlich an jenem Abend und vergaßen so ziemlich alles um uns herum. Wir waren in einem Schloss, der ganze Bund, und ich war so stolz auf mich, sodass ich an diesem Abend dem Alkohol in besonderem Maße zusprach."
Javier de Oliveda holte tief Luft und Luuk van Breukelen glaubte mit einem Mal ein paar Tränen in den stahlblauen, eigentlich sehr stark stets seine nähere Umgebung musternden Augen zu sehen. Er unterließ es aber, in dieser Situation durch gezieltes Nachfragen, dem Anlass der so plötzlich auftretenden Emotionen auf den Grund zu gehen, da, obwohl in seinem omnipräsenten Reporterherz die Neugier anfing sich zu regen, die Pietät die Oberhand behielt. Der Alte fuhr fort.
„Hätte ich an diesem Abend nur nichts getrunken!", schrie er beinahe, und die übrigen Gäste im „Reale" schauten zu dem Tisch am Straßenrand, an welchem, falls gerade keine Worte fielen, Luuk van Breukelen und Javier de Oliveda fast synchron an ihren nun schon leeren Kaffeetassen nippten.
„Darf ich noch zwei bringen?" Die Frage des Wirtes, welche inmitten der indes eingetretenen Stille zwischen Luuk van Breukelen und Javier de Oliveda platzte, führte nach deren Bejahung durch den Alten unverzüglich zum Thema zurück.
„Hätte ich nur nichts getrunken", sagte Javier de Oliveda sichtlich verzweifelt, und um diesen Eindruck, welcher durch das Zittern seiner Stimme untermauert wurde, noch zu unterstreichen, schob er sich nervös das dünne weiße Haar nach hinten. Irgendetwas stimmte da nicht.
„Ich weiß." Die Stimme des Alten fiel mit einem Mal wieder in ihre ursprüngliche Lage zurück. „Das Ganze wirkt auf Euch irgendwie fremd und abstoßend, wenn ich mir Euren Gesichtsausdruck genau ansehe, aber versteht mich bitte, ich muss mit Euch darüber reden!" Ein Flehen konnte Luuk van Breukelen in der Stimme des Alten aber nicht erkennen – eher eine Aufforderung.
„Worüber wollt Ihr mit mir reden?", fragte van Breukelen, was ein wenig genervt klang, dabei meinte er dies gar nicht so unhöflich, wie es vielleicht den Anschein haben mochte, aber ihm war schon daran gelegen zu erfahren, was das Ziel von Oliveda war, da beide ja nicht rein zufällig im „Reale" zusammengefunden hatten, sondern der Alte es regelrecht darauf angelegt hatte. Die Ähnlichkeit mit dem Sohn konnte es allein nicht gewesen sein.
„Ihr habt Hunger, oder?", leitete Javier de Oliveda unvermittelt ein neues und von Luuk van Breukelen seit einiger Zeit verdrängtes Thema ein, denn dass dessen Magen deutlich hörbar knurrte, konnte man getrost auch an einen der Nachbartische vernehmen. Die Frage, welche er kurz bejahte und die dennoch so unerwartet auftauchte wie die nach den Hölzern, brachte Luuk van Breukelen in seine Realität zurück. Schließlich war er an diesem Morgen gestartet, um die letzten Notwendigkeiten für sein Frühstück zu besorgen, und nicht, um sich mehr oder weniger interessante Geschichten eines ihm nach wie vor unbekannten Alten anzuhören. Er überlegte kurz, welcher Variante er den Vorzug geben sollte, nämlich entweder gleich hier im „Reale" etwas zu sich zu nehmen oder doch, wie vor seinem Aufbruch geplant, das Morgenmahl, welches zu dieser Stunde den Namen fast nicht mehr hätte tragen sollen, in seinen eigenen vier Wänden zu genießen. Er tendierte nach kurzer Überlegung zur zweiten Variante, wohl auch deshalb, da seine innere Stimme, auf die er zumeist zu hören pflegte, ihm dazu riet, und so entschloss er sich obendrein, da es ihm sonst unhöflich vorgekommen wäre, den Alten mit zu sich einzuladen. Womöglich erfuhr er da mehr.
„Wenn Ihr wollt, dann kommt mit", trällerte Luuk van Breukelen in der kindlich frohen Hoffnung, sein Magen bekäme nun langsam doch etwas zugeführt, was diesen veranlassen könnte, die in immer kürzeren Frequenzen abgegebenen Knurrtöne zu stoppen und darüber hinaus zum allgemeinen Wohlbefinden des gesamten Körpers beizutragen.
„Sehr gern", antwortete der Alte, und ihm war sichtlich anzumerken, dass es ihm sehr gelegen kam, nun auch noch ein wenig mehr an Luuk van Breukelens Privatsphäre teilzuhaben. Denn obwohl es überhaupt keine äußerlichen Ähnlichkeiten zwischen ihm und Juan gab, fühlte er sich durch die Gegenwart des Holländers offenbar sehr an ihn erinnert.
„Hübsch habt Ihr es hier", schnaufte der Alte, nachdem er sich die Treppen hinaufgeschleppt hatte, und Luuk van Breukelen freute sich in seinem Innersten, dass es ihm bereits vor einigen Jahren gelungen war, dem Laster Rauchen weitgehend Lebewohl zu sagen. Er musste wohl die eine oder andere Bemerkung dieser Art beim Eintreten in sein Appartement fallen gelassen haben, denn Javier de Oliveda sagte, nachdem er sich demonstrativ eine neue Zigarette angesteckt und sich in dem alten Lehnsessel niedergesetzt hatte, kurz und trocken: „Ich rauche wieder, seitdem Juan tot ist."
„Ihr mögt doch Eier, oder?", versuchte Luuk van Breukelen da wieder herauszukommen, denn es war ihm in gewisser Weise anzumerken, wie peinlich die ganze Sache für ihn war, und um der Situation zumindest vorübergehend zu entgehen, verschwand er in der Küche.
Juan habe auch immer Eier zum Frühstück gemocht, erzählte der Alte Teile seiner erlebten Historie, am liebsten gebraten. Und in den letzten Jahren ihres gemeinsamen irdischen Daseins hätten sich beide gelegentlich einen Sport daraus gemacht, wer von ihnen es schaffte, den Dotter exakt in der Mitte des in der gusseisernen Pfanne befindlichen Eies zu platzieren. Und er berichtete über die gemeinsamen Frühstücke, welche zwar selten, dann aber umso umfangreicher ausfielen, und auch davon, wie Juan einmal erst seines und dann Olivedas Ei in der Gewissheit verspeiste, als Heranwachsender das erste Anrecht darauf zu haben, und an viele andere kleine Episoden, welche sich gelegentlich zugetragen hätten. Nun in Gedanken versunken nickte der Alte plötzlich ein.
Luuk van Breukelen hätte vor Schreck beinahe die Eier fallen lassen, welche er – liebevoll dekoriert – auf zwei zu großen Tellern in den Essbereich des Wohnreiches balancierte, da es im ersten Moment den Anschein hatte, der Alte wäre Juan friedlich und stumm gefolgt. Doch er sah beim zweiten Hinblicken, wie sich der Brustkorb unter dem blauen Leinenhemd langsam, aber sicher hob, und auch das Schnaufen war nun deutlich zu vernehmen, welches Luuk van Breukelen wieder schmerzlich an seine Torheit von vorhin erinnerte. Mit gerötetem Kopf servierte er das Frühstück, von dem er kaum einen Bissen herunterbekommen sollte. Da wachte der Alte wieder auf.
Zur nämlichen Zeit
Dass es eine schwarze Katze war, welche Luuk van Breukelens Weg zum Schloss kreuzte, hatte er ob der Dunkelheit nicht erkennen können. Aber die schwarze Katze, welche gerade sein Manuskript zu Konfetti verarbeitet hatte, nur weil sich wohl noch eines der den Proviant bildenden Würste irgendwo in seiner Tasche befand, sah er sehr wohl. Er pflegte sonst nicht, auf Kurzreisen all seine schriftlich festgehaltenen Gedanken dabei zu haben. Da er aber erstens damit rechnete, am Abend auf dem Schloss genügend Zeit für seine Arbeiten zu haben und zweitens es an der Zeit war, die bereits komplett fertigen Kapitel des neuen Buches in Ruhe Korrektur zu lesen, befand sich in seiner Tasche auch das Werk der letzten Monate, welches die schwarze Katze gerade genüsslich zerfetzt hatte. Ehe er die Situation richtig einordnen konnte, war es ohnehin zu spät, denn die gesamte Sitzecke lag, wie von Neuschnee beehrt, unter einer Decke weißer Schnipsel. Diese beherbergten, abhängig davon, an welcher Stelle der ursprünglich kompletten Seite Papier sie sich zuvor befanden, gelegentlich unwiederbringliche Gedanken des Luuk van Breukelen. Es dauerte eine ganze Weile, bis er begriff, was da vor sich ging, denn das Ausmaß der Zerstörung war zwar physisch gesehen eher marginal, der geistige Wert der Destruktion aber ließ sich schwer abschätzen. So viel stand jedoch fest, dass die Arbeit von mehreren Wochen, wenn nicht gar Monaten, die hintere linke Ecke des Aufenthaltsbereiches seines Zimmers mit grobem Konfetti schmückte. Die verschiedensten in derartigen Situationen üblichen Emotionen, wie Hass, Wut oder Verzweiflung durchfuhren ihn, und jedes dieser Gefühle war bestrebt, ob der unerfreulichen Ereignisse von soeben selbst die Oberhand zu gewinnen. Dies führte dazu, dass Luuk van Breukelen abwechselnd die schwarze Katze – er hatte als Kind eine ähnliche, nur ein wenig kleiner besessen – jagte, alternativ gegen die Wand trommelte oder aber sich dem von vornherein zum Scheitern verurteilten Versuch hingab, aus den Tausenden seine Sitzecke bevölkerten Papierfetzen noch zu etwas Brauchbaren zusammen zu puzzeln. Da hörte er draußen ein Lachen.
Es war ein merkwürdiges, helles, höhnendes Lachen, beinahe ein Kichern, dessen er durch die dicke Zimmertür gewahr wurde, und es schien sich langsam, aber sicher von seinem Gemach zu entfernen – genau wie die Person, welche dies von sich gab. Das Lachen wurde immer leiser, und Luuk van Breukelen begann zu überlegen, ob dies mit dem von der schwarzen Katze begangenen Vernichtungsfeldzug gegen seine geistigen Ergüsse, die sich bereits zu den ersten Teilen eines aus seiner Sicht Erfolg versprechenden Werkes zusammengefunden hatten, in Verbindung zu bringen war. Welche Schmach, dachte er, denn im Vorfeld der erwarteten Zeremonie anlässlich der angestrebten Aufnahme in die Pariser Gesellschaft musste er den Inszenatoren, das war nicht nur Brauch, sondern auch eine Obliegenheit der potenziellen Neuen, aus einem neuen, jedoch noch nicht veröffentlichen Werk oder dessen Anfängen rezitieren – und nun das! Guter Rat war da jetzt teuer, schon deshalb, weil es schließlich nicht darum ging, nur den groben Inhalt des Werkes bei der Aufnahmeprozedur zu präsentieren, sondern der kritischen, wie egozentrischen Zuhörerschaft eine Kostprobe seines belletristischen Könnens darzubieten, wozu er ohne Zweifel etwas schriftlich Dargelegtes benötigte. Es war völlig ausgeschlossen jetzt noch irgendetwas zusammen zu zimmern, denn die Sahnestücke seiner Formulierkunst ließen sich nicht herbeirufen, sondern resultierten aus nicht immer omnipräsenten Momenten, welche genauso ungefragt gehen, wie sie zu kommen pflegten. Gekommen war auch Gustave.
Luuk van Breukelen hatte ihn gar nicht eintreten hören, und da er mit dem Rücken zur Tür sich immer noch, sinnierend ob eines geeigneten Ausweges, im Aufenthaltsbereich seines Gemachs befand, sah er ihn auch nicht, was schlussendlich dazu führte, dass der Holländer mit einem Mal mörderisch erschrak. Es erklang die näselnde Stimme des Portiers.
„Man erwartet Euch!"
Die Stimme klang etwas hohler als vorhin und besaß den Hauch eines Echos, gleich so, als ob man in ein leeres Glas sprechen würde, was aber Luuk van Breukelen zunächst nicht auffiel, da er noch mit seinem Innersten kämpfte – nämlich einerseits mit dem derzeit präsenten Schrecken, andererseits aber damit, wie er aus der verzwickten Situation herauskommen sollte. Gustave winkte, der Holländer solle sich anschließen, und die Armbewegungen des Portiers, mit denen er ihm bedeutete zu folgen, waren ausschweifender als üblich und schienen sich auch ungewöhnlich langsam abzuspielen. Sie erinnerten ihn entfernt an das unbeschwerte Flügelschlagen einer Krähe. Die leicht gebogene Nase passte da ganz hervorragend.
„Kommt schon!" Der Tonfall des Portiers war freundlich, aber bestimmt, und das Hohle in der näselnden Stimme war nun noch deutlicher zu vernehmen. Dies irritierte Luuk van Breukelen jedoch genauso wenig wie die Tatsache, dass er völlig nackt – so hatte er sich schließlich völlig erschöpft vom Marsch zur Burg ins Himmelbett gelegt – Gustave durch das riesige Schloss nach unten folgte. Träume kennen keinen Realismus.
Es war eine Szene, wie sie sich selbstverständlich nur in der Illusion einstellte, und daher mutete es für keinen der Beteiligten in irgendeiner Weise seltsam an, dass sich beide halb schwebend, halb tänzelnd fortbewegten. Das Innere des Schlosses bot sich dabei in einem irrealen Licht dar: glitzernd und gleißend, funkelnd und feurig und gar nicht mehr so düster, mit einer Nuance der Romantik versehen. Die Wände flogen an ihnen vorüber, auch die Treppen, die sie nach unten trugen, auch das Parkett, über welches beide glitten. Es schien von dem ganzen Gebäude, durch das sie sich schier endlos drehten, wenn nicht gleich eine Herzlichkeit, dann doch aber eine gewisse Wärme auszugehen. Nur der Raum, den sie jetzt betraten, war kalt. Ja, es fröstelte Luuk van Breukelen ein wenig, wohl deshalb, weil er nunmehr stillstand in der Mitte des kargen Raumes, in den kein Tageslicht und somit auch keine wärmenden Sonnenstrahlen fielen – oder weil er einfach nur da lag ohne Decke in seinem Himmelbett und von einem bevorstehenden Tribunal träumte. Fünf Augenpaare musterten ihn, nur ihn allein, denn Gustave war ebenso selbstverständlich verschwunden, wie er gekommen war. Diejenigen, denen die Augenpaare gehörten, saßen in einer Reihe wie Hühner auf der Stange, und wenngleich ein solches fehlte, stellte der Rest der Anwesenden, auch ohne Anspruch auf Vollständigkeit, einen guten Querschnitt durch Brehms Tierleben dar. Sie symbolisierten mittels der ihnen von wem auch immer zugeordneten Eigenschaften, Verhaltensmustern und Angewohnheiten auch in hervorragender Art und Weise die Mitglieder der Pariser Gesellschaft. Da war von Luuk van Breukelens Perspektive aus gesehen ganz links der Fuchs, und wie in derartigen Träumen nicht unüblich, wechselte innerhalb von Sekunden mehrfach dessen Erscheinungsbild. Er sah kurzzeitig ein Gesicht, welches er nicht zuzuordnen vermochte, das sich schließlich aber wieder in den ursprünglichen Fuchs verwandelte. Luuk van Breukelen konnte die Hinterhältigkeit, die List in der Stimme des Fuchses regelrecht spüren, als dieser ohne Begrüßung anhob und dem Holländer zweideutig zu verstehen gab, dass die gesamte Gilde über alles vollständig informiert war. Auch über seine nunmehr schneeweiße Sitzecke.
„Wir haben schon viel über Euch gehört!" Die Augen des Fuchses blinzelten gar listig, ganz so, wie es von jemandem erwartet wird, der von Intelligenz und Hinterlist geleitet, irgendetwas im Schilde führt, und dies – obgleich gut versteckt – subtil durch gekonntes Öffnen von Ventilen dergestalt an die Oberfläche lässt, dass der Gegenüber die Situation zwar zu erkennen vermag, jedoch nicht zu einer zielgerichteten Erwiderung imstande ist. Neben dem Fuchs saß ein Schwein, was unter anderen Umständen mit Sicherheit eine lustig anmutende Szene dargeboten hätte. Aber die kleinen, zwar recht dumm dreinblickenden Augen, musterten Luuk van Breukelen unentwegt, und auch ohne, dass das Schwein, welches den Fuchs um ein Vielfaches überragte, zunächst irgendetwas sagte, wirkte es auf den Holländer durchaus bedrohlich, schon ob seiner massiven Art. Doch im Gegensatz zu seiner ersten Annahme, die auf dem äußerlichen Eindruck basierte, schien das Schwein eine nicht zu verachtende Kombinationsgabe, gepaart mit Witz und Ironie, zu besitzen, denn schließlich meldete es sich ganz beiläufig und dabei erwartungsfroh in die Runde blickend zu Wort. Wobei seine Stimme ein wenig quiekte.
„Eure Bücher verbreiten sich in Windeseile, nicht?"
Es hielt die Anspielung auf die Sitzecke in Luuk van Breukelens Zimmer, im Gegensatz zu ihm selbst, für ausgesprochen witzig, und in sein Gemisch aus Grunzen und Quieken stimmte peu a peu das komplette animalische Ensemble ein. Wie es dabei eigentlich zu erwarten war, stach aus dem abnormalen Geräuschpegel, der leise und langsam begann, dann aber unentwegt anschwoll, nur das Gejaule des Affen heraus. Der saß ganz rechts. Das heißt, eigentlich saß er gar nicht, sondern turnte unentwegt auf seinem Schemel hin und her und brachte zu jedem noch so kleinen Ereignis, das sich zutrug, und zu jeder Bemerkung, die fiel, mit wilden Gesten besserwisserisch seine Zustimmung oder Ablehnung zum Ausdruck. Er war der ganze Gegenpol zu dem neben ihm sitzenden Pferd, welches die Grazie persönlich zu sein schien, denn es saß während der gesamten Veranstaltung wie teilnahmslos da, nur dann und wann die Mähne schüttelnd. Es besaß jedoch die Eigenschaft, sehr scharf und präzise zu beobachten, und wenn es einmal etwas sagte, dann kam es auf den Punkt zugespitzt aus seinem mit schneeweißen Zähnen besetzen Maul. Zwischen allen saß der Pfau, eitel, herausgeputzt und voreingenommen, denn er wusste, er hat die Macht hier im Raum und auch im Schloss. Währenddessen er den Holländer konkret nach seinem Manuskript fragte und ihn gar nicht zu Wort kommen lassend immer wieder fragte, hackte der Pfau wie zur Untermalung fordernd auf dem Tisch herum. Davon wachte Luuk van Breukelen auf.
Ein paar Wochen zuvor
Javier de Oliveda besaß einen mächtigen Appetit, den ihn Luuk van Breukelen wegen der eher schmalen Gestalt des Alten gar nicht zugetraut hätte. Er selbst kaute ein und denselben Bissen schon eine geraume Zeit hin und her, dabei schwankend zwischen Scham ob der unglücklichen Bemerkung beim Eintritt in sein Appartement und einer gewissen Unruhe, die Oliveda, der unbekannte Juan oder gar beide bei ihm ausgelöst hatten. Oliveda dachte gar nicht mehr daran, auf die nicht beabsichtigte Unverschämtheit des Holländers einzugehen. Dieser hat sie schon längst bereut, das sah der Alte ihm deutlich an, auch wenn Luuk van Breukelen es versucht hätte, dies zu übertünchen, denn die Menschenkenntnis von Oliveda war bestechend. Stattdessen kam er zur Sache.
„Es ist nun schon einige Jahre her", begann der Alte seinen Monolog, „dass wir Juan begraben haben. Ich bitte Euch, junger Freund, mich nicht zu unterbrechen, denn es fällt mir immer noch nicht leicht, über alles zu sprechen. Ihr habt ja bereits von der Pariser Gesellschaft gehört."
Sicher, wollte Luuk van Breukelen einwerfen, doch er erinnerte sich sofort an die Bitte des Alten, die eher wie eine Warnung klang, nicht dazwischen zu reden. Denn gemessen an den Folgen einer etwaigen Unterbrechung, hätten, so schien es ihm, alle anderen von ihm verursachten Unzulänglichkeiten des heutigen Tages eher marginale Bedeutung. So nickte er nur stumm.
„Die haben ihn umgebracht!", entfuhr es dem Alten und Zornesröte von einer Qualität, welche Luuk van Breukelen bisher nur selten zu Gesicht bekommen hatte, schoss ihm ins Antlitz. Gleichwohl erholte sich Oliveda sofort wieder, nahm eine bequeme Sitzhaltung ein und fuhr mit seichteren Tönen fort: „Es war nicht mehr so warm an jenem Abend, ich erinnere mich genau, denn es sollte der schönste Tag in meinem Schriftstellerleben werden. Ich, eigentlich nur mittelmäßig erfolgreich, stand dank des Buches ,Eismeer‘ urplötzlich an der Schwelle zur High Society, zum Elitebund der schreibenden Zunft, denn ehe ich einige Tage nach der Prämierung wieder daheim ankam, lag die Einladung der Pariser Gesellschaft bereits vor."
Javier de Oliveda sah in den neugierig dreinblickenden Augen nicht nur, dass Luuk van Breukelen seiner Erzählung interessiert lauschte, sondern auch, dass dieser mehr über die Pariser Gesellschaft erfahren wollte, denn schließlich besaß der Holländer seit Kurzem eine offensichtlich ähnliche Postille aus Paris. Er hatte sich, und da kam ihm der Alte gerade recht, vorgenommen, der Sache nachzugehen, da derlei Nachrichten einen nun einmal nicht tagtäglich erreichten und es in Literaturkreisen durchaus zu den ganz großen Auszeichnungen gehörte, wenn man von der Pariser Gesellschaft eingeladen wurde. Oliveda fuhr fort.
„Lasst mich bitte erst die Geschichte mit Juan zu Ende erzählen, nachher erfahrt Ihr alles Weitere, in Ordnung?" Und ohne eine Antwort seines Gegenübers abzuwarten, legte er die Hand auf des Holländers Unterarm und sagte: „Hört zu, mein Sohn! Man freue sich, so stand auf feinem Büttenpapier geschrieben, mich nun endlich einmal kennenzulernen, als ob der Bund es sich nicht aussuchen könnte, wann er wen zu welchem Anlass kennenlernen mag. Man habe meine literarische Leistung in den vergangenen Jahren stets zu schätzen gewusst, haha, und nun habe man beschlossen, mich wegen des ,Eismeeres‘ in ihrem erlauchten Zirkel willkommen zu heißen. Ich folgte ihrer Einladung, fuhr ins Château Noire und war überwältigt, ja geradezu geblendet von all dem Pomp, der dort zelebriert wurde. Es war ein rauschendes Fest, fast eine ganze Woche lang. Ich kam leider erst zum Schluss, aber ich habe mir sagen lassen, die Tage vergingen wie im Fluge. Man hatte kaum etwas anderes gemacht als gegessen, getrunken, geraucht, geschlafen, gelegentlich auch – das ist ein Ritual der Pariser Gesellschaft – aus unveröffentlichten Manuskripten gelesen, natürlich nur, wenn man noch halbwegs nüchtern war. Auch am Abend als ich eintraf war es so."
Die Augen von Javier de Oliveda glänzten und Luuk van Breukelen konnte in gewisser Weise darin die Erinnerungen des Alten an jene Tage auf dem Schloss erblicken, denn der Glanz der blauen Augen symbolisierte, da war sich der Holländer ganz sicher, die überschwängliche Stimmung im Château de Noire. Aber auch den Tod von Juan.
