Die Perserinnen - Sanam Mahloudji - E-Book
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Die Perserinnen E-Book

Sanam Mahloudji

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Beschreibung

Flucht aus dem Iran und der Kampf um Identität und Anerkennung Seit 1979, mit dem Sturz des Schahs, sind die Töchter der hochgestellten iranischen Familie Valiat im amerikanischen Exil. Nur ihre Mutter, die noch immer Heimat, Tradition und Stolz verkörpert, blieb damals in Iran. Als bei dem alljährlichen Familientreffen in Aspen die Dinge aus dem Ruder laufen und die exaltierte Shirin erst gegen Kaution wieder aus der Arrestzelle entlassen wird, verändert sich etwas in den Frauen, jede muss sich schmerzlichen Fragen stellen: Wie sie zu ihren persischen Wurzeln steht. Und wer sie in Zukunft sein will. Die Exil-Iranerin Sanam Mahloudji legt ihren ersten Roman vor. Elegant, politisch, voller absurder Komik erzählt sie eine außergewöhnliche Familiengeschichte, die internationales Aufsehen erregen wird.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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((bei fremdsprachigem Autor:))

Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Katharina Martl

© Sanam Mahloudji 2025

Titel der enlgischen Originalausgabe:

»The Persians«, Fourth Estate, London 2025

© Piper Verlag GmbH, München 2024

Covergestaltung: FAVORITBUERO, München

Coverabbildung: Bilder unter Lizenzierung von Shutterstock.com genutzt

Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)

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Inhalt

Inhaltsübersicht

Cover & Impressum

Widmung

Zitat

I – Ein zweites Gesicht

BITA

SHIRIN

ELIZABETH

SIMA

SHIRIN

NIAZ

II – Wir lieben Gift

BITA

ELIZABETH

NIAZ

SHIRIN

BITA

SHIRIN

SIMA

BITA

NIAZ

ELIZABETH

BITA

SHIRIN

NIAZ

BITA

III – Operation Ajax

SIMA

NIAZ

BITA

ELIZABETH

SHIRIN

BITA

SHIRIN

BITA

SHIRIN

SIMA

NIAZ

ELIZABETH

Buchnavigation

Inhaltsübersicht

Cover

Textanfang

Impressum

Für meine Töchter

»All die Sorglosigkeit, all die Fröhlichkeit ist nur vorgetäuscht.«

Jean Rhys:Guten Morgen, Mitternacht

IEin zweites Gesicht

BITA

Die Woche war eine einzige Cartoon- und Drogenparty gewesen, bis vor einer Stunde, als ich meine Tante Shirin gegen Kaution aus dem Gefängnis von Aspen holen musste, wo sie wegen versuchter Prostitution festgehalten wurde.

Auf der Rückbank des Taxis, eines weißen Suburban, der durch die unebenen verschneiten Straßen pflügte, steckte sie den Kopf aus dem Fenster und wich meinen Fragen aus. Irgendwann drehte sie sich zu mir um, die Wangen rosig und lebendig, und schrie mich auf Farsi an, ich solle mich nicht einmischen. »Fozuli nakon!«

Zurück im Hotel marschierte Tante Shirin in ihren zwölf Zentimeter hohen Overknees den Flur im dritten Stock entlang und ohne ihr Tempo zu drosseln an der 3E vorbei. »Keinen Nerv für Houmans Kumbaya-Bullshit. Bita Jun, mein Schatz, ich komm mit zu dir.«

Ich hielt die Schlüsselkarte vor das Schloss, und die Tür ging auf.

Eine halbe Stunde später kam Shirin in einem weißen Hotelbademantel und mit einem Handtuch um den Kopf aus dem Badezimmer. Der Wasserdampf, der durch die Tür quoll, roch süßlich chemisch.

Sie nahm das Handtuch ab und schüttelte ihr Haar aus. Dann legte sie sich mit dem Gesicht voraus auf die wolkige Daunendecke im breiten Doppelbett. Wir hatten mein Zimmer Club 3M getauft. Shirins Sohn Mo, ich und die ganzen idiotischen Sprösslinge der Freunde unserer Eltern. Dass sie mein Zimmer zum Partyraum erkoren hatten, lag nicht daran, dass ich so eine Stimmungskanone gewesen wäre, im Gegenteil – nachdem Mom letztes Jahr gestorben war, hatten wir die Reise sausen lassen, wie sollte ich da ohne einen kleinen Schubs in Stimmung kommen? Seit elf Jahren, seit 1994, flogen wir jetzt schon aus New York, L. A. und Houston hierher, als hätte es 1979 und die Islamische Revolution nie gegeben. Als gehörten wir immer noch den wichtigsten Familien im Iran an, als wären wir die Nachkommen mächtiger, uralter Dynastien, obwohl das hier Amerika war und sich kein Mensch für diese Dinge interessierte. Die Einheimischen hassten uns. Sie zeigten es nicht, aber es war so. Ich stellte mir vor, dass sie wie die Cowboys aus der Pace-Picante-Werbung vor sich hin murmelten – »Get a rope!« –, wenn sie uns, ganz in Schwarz, im Laden an der Ecke für tausend Dollar Kaviar und Champagner einkaufen sahen.

»Bita Jun, bring mir ein Fiji und eine Marlboro Light.« Auntie Shirin drehte den Kopf, schmiegte die Wange an das weiße Kissen, hob den Arm und griff fordernd in die Luft. »Sei ein braves Mädchen und tu, was deine Tante dir sagt.«

»Okay«, sagte ich und verdrehte die Augen.

Im Iran, vor 1979, hatte Tante Shirin Chauffeure und Bedienstete gehabt. Einmal erzählte sie mir ohne einen Funken Selbstreflexion: »Sogar die Fahrer redeten davon, den Schah zu stürzen, Bita. Mich haben sie zu den Protesten gefahren. Die haben die Pahlavi fast genauso sehr gehasst.«

Ihr dickes, dunkles Haar ergoss sich über das weiße Kissen wie Tinte über ein Blatt Papier. Sie war ein Wrack, und ich hasste sie und liebte sie zugleich.

Ich nahm eine kühle blaue Wasserflasche aus der Minibar und eine Zigarette aus der Packung in meiner Daunenjacke, steckte sie mir zwischen die Lippen und zündete sie mit dem Streichholzbrief vom Caribou Club an. Das aufgedruckte Goldgeweih des muskulösen Tiers hob sich deutlich von der schwarzen Pappe ab. In diesem Club war meine Tante wegen Anbahnung der Prostitution festgenommen worden. Ich nahm einen tiefen Zug von der Zigarette, sah zu, wie sich die marmorierte Spitze glutrot färbte und hielt sie Shirin hin.

»Hier, bitte«, sagte ich und stieß den ersten Rauch aus.

»Braves Mädchen«, sagte Tante Shirin.

Sie führte die Zigarette mit ihren dunkelrot glitzernden Nägeln zum Mund. Ein Blick zum Nachttisch, was so viel hieß wie: »Stell das Wasser da hin.« Ich gehorchte.

Es war vier Uhr morgens, und ich war nicht mehr high. Auch nicht betrunken. Nur müde und genervt. Ich hatte Shirin gegen zehntausend Dollar Kaution aus dem Gefängnis geholt, und sie hatte, als der Polizist sie barfuß in den leeren Wartebereich führte, nicht mehr gesagt als: »Danke, Bita Jun« und »Wusste ich doch, dass du rangehst. Wie unfassbar genial von mir, als Erstes dich anzurufen, meine kleine Nachwuchs-Juristin. Das war eine gute Übung für dich. Houman wäre nur an die Decke gegangen.«

Der Polizist drückte mir eine große Plastiktüte in die Hand, außerdem ihre Stiefel, denn selbst ihm war klar, dass er die unmöglich einfach zu ihrer Handtasche in die Tüte stecken konnte.

Tante Shirin lag immer noch auf dem Rücken wie eine versickernde Pfütze. Aus ihrem Mund stieg Rauch. »Wag es ja nicht, bei ihm zu klopfen«, sagte sie und meinte ihren Mann, der bewusstlos in einem anderen Zimmer im dritten Stock lag.

Ich setzte mich in den geblümten Sessel neben dem Bett. Im Fernsehen stand ein Nachrichtensprecher in einem schwarzen Mantel im weißen Schneegestöber und atmete weiße Luft aus. Ich stellte den Ton ab.

»Die haben mich behandelt wie eine gewöhnliche Kriminelle. Das Allerletzte«, sagte Tante Shirin und inhalierte den Zigarettenrauch.

»Haben sie dir deine Rechte vorgelesen? Wurdest du durchsucht?«, fragte ich.

»Machst du Witze? So eine widerliche Schlampe hat mir die Hand in den Arsch geschoben. Die verklage ich, darauf kannst du Gift nehmen.«

»Warum konzentrieren wir uns nicht lieber darauf, dass sie die Vorwürfe gegen dich fallen lassen, Auntie? Das ist alles kein Spaß. Willst du einen Eintrag ins Strafregister? Oder ins Gefängnis? Die Sache kann wirklich ernst werden. Denk an dein Geschäft – du bist schließlich das Gesicht von Valiat Events.« Meine Stimme wurde schrill und zitterte leicht.

Sie riss die Augen auf, die Asche an ihrer Zigarette wurde immer länger. »Mashallah, Bita«, sagte sie. »Für eine Ivy-League-Juristin pisst du dich ganz schön ein.«

Ich wandte den Blick ab, auf den stumm geschalteten Fernseher, immer liefen die Nachrichten. Dass Shirin jetzt mit Allah ankam, war ziemlich scheinheilig, wo sich in unserem Kreis eigentlich niemand als Muslim fühlte. Auch wenn irgendeiner unserer Vorfahren bekanntermaßen den Hadsch gemacht und die große schwarze Kiste umkreist hatte.

»Du schuldest mir was«, sagte ich. »Ich hätte dich auch zitternd auf der Plastikmatratze liegen lassen können, bis die ganzen Perser gekommen wären und dich gegrillt hätten wie ein Marshmallow.«

»Ganz fein hast du das gemacht!«, sagte sie lächelnd.

Ich verdrehte die Augen. »Du bist echt ein Arsch, Auntie. Das war übel, sogar für deine Verhältnisse. Wenigstens hast du es nicht durchgezogen. Oder?« Ich stellte mir Shirin unter einem kolossartigen Mann vor, wie sie sich ihm hingab.

»Dieser Drecksack. Dieses dämliche Bullenschwein, macht einen auf Dallas-Playboy«, sagte Shirin und aschte auf den Boden.

»Denkst du, die haben dich gezielt ins Visier genommen?«

»Wie? Weil ich so schön bin?«

Ich schüttelte lachend den Kopf. »Wir Iraner sind doch immer eine Gefahr. Heute Geiselnehmer und haarige Terroristen, morgen eine nukleare Bedrohung oder eine Frau von zweifelhaftem Ruf.«

Sie starrte mich herausfordernd an. Ich schwieg.

»Er sagt: ›Hey, Baby, sei heute Nacht meine Cleopatra. Ich mach dir den Scheich.‹ Ich habe diese Scheiße so was von satt. Also sage ich: ›Okay, Süßer, ich kann deine Prinzessin Jasmin sein, aber das wird nicht billig. Gib mir fünfzig Riesen.‹ Bastard.« Shirin kniff die Augen zusammen, ihre glänzenden schwarzen Wimpern berührten einander.

Ich lachte. »Wie bist du denn auf diese Summe gekommen?«

»Ich bin mindestens das Doppelte wert«, sagte sie. Gähnend streckte sie die Arme aus und lehnte die Hand mit der Zigarette ans Kopfteil.

»Achtung!«, sagte ich. Hinter ihrem Kopf stob Asche auf.

Shirin versenkte die Zigarette in der vollen Wasserflasche. »Die Leute sind so ungebildet«, sagte sie. »Für die ist jeder ein Scheißaraber. Die wissen nichts über die Perser, dass wir die wichtigste Zivilisation der Welt waren. Von der Bedeutung unserer Familie ganz zu schweigen. Er sagt also: ›Okay, Baby, komm einfach mit zum Automaten.‹ Aber ich bin ja nicht bescheuert. Ich weiß, dass der Automat solche Summen nicht ausspuckt. Also sage ich: ›Du verarschst mich doch.‹ Da zückt er ein Scheckbuch, stellt mir einen Scheck aus und gibt mir seine ganze Brieftasche als Pfand. Ich hätte es wirklich gemacht.«

»Eine Falle«, sagte ich. »Aber du hast recht … Die sehen nur eine Frau mit dunkler Haut.«

»Was denn für dunkle Haut?« Sie blickte erst an ihrem einen, dann am anderen Arm entlang. »Nein, nein.«

»Ach, bitte«, sagte ich.

»Der Typ wollte mich einfach demütigen. Weil er schöne Frauen hasst.«

Mein Blick fiel auf den Esstisch. Ketel-One-Wodka, ein abgehängter Spiegel, aufgerollte Dollarscheine, Gore-Tex-Handschuhe, verschlissene Skipässe an ausgeleierten Bändern, grüne Sojasoßen-Tütchen und benutzte Stäbchen von Sushi Olé. Auf dem Teppich achtlos abgestreifte Skistiefel aus glänzendem, hartem Kunststoff. Prada-Einkaufstüten mit schwarzer Schrift auf schwarzem Grund. Halb leere Fiji-Flaschen mit Lippenstifträndern.

»Und diese opiumrauchenden Trottel«, fuhr Shirin fort, »kriegen sowieso nichts mit. Lass die ruhig ihre dummen Spielchen spielen.«

Sie sprach von den Männern, darunter Houman und mein Dad, die immer an ihrem runden Tisch mit dem eingerollt im Gepäck mitgebrachten grünen Filz saßen und Karten spielten. In ihrem Zimmer roch es nach allen möglichen Arten von Rauch, süß, herb und blumig, und kristallene Scotchgläser funkelten wie Sterne an einem weichen grünen Himmel.

»Während du im Bad warst, hab ich Patty angerufen und gefragt, ob sie uns vielleicht helfen kann. Ihre alte Professorin kennt ein paar Anwälte in Denver. Ich hab sie gebeten, diskret zu sein. Du willst ja nicht, dass sich das rumspricht.«

»Ich brauch deine Anwälte nicht, aber wenn du darauf bestehst. Ich erwarte deren Anruf.«

»Mach’s mir bloß nicht zu leicht, Auntie«, sagte ich.

»Und wer ist überhaupt diese Patty? Warum klingelst du die so frühmorgens raus? Schäm dich.«

»Eine Freundin«, sagte ich, legte den Kopf in den Nacken und starrte die Lüftungsschlitze an. An den Lamellen klebte grauer Staub wie Flaum in einer Petrischale.

*

Ein Klopfen an der Tür. Dann noch eins. Ich schlug die Augen auf. Als ich den Kopf hob, tat mir der Nacken weh.

»Schau nach, wer das ist«, sagte Auntie Shirin.

Ich wankte zur Tür, wischte mir etwas Spucke von der Wange. Drückte das Auge gegen den kalten Ring des Spions.

»Es ist Mo.«

»Kein Wort zu ihm. Er kann damit nicht umgehen«, sagte sie. »Warte kurz.« Auntie Shirin griff nach dem großen Ziploc auf dem Boden. Darauf ihr bürgerlicher Name – Shirin Javan – mit schwarzem Filzstift. Sie schüttelte den ganzen Kram auf die weiße Bettdecke. Streichhölzer, Make-up, Handy, schwarze Handtasche. Hastig räumte sie die Tasche wieder ein.

Ich öffnete die Tür. Mo pflügte an mir vorbei, direkt auf Shirin zu, die den Kopf wieder auf das Kissen gelegt hatte. »Was zur Hölle, Mom? Wo warst du? Ich versuch schon den ganzen Morgen, dich zu erreichen.«

»Was denn?«, sagte sie. »Schon mal was von Female Bonding gehört? Wie wär’s mit ein bisschen Respekt? So sprichst du nicht mit deiner Mutter.« Sie stellte die Handtasche auf den Nachttisch.

»Sorry, Mommy«, sagte er, beugte sich über sie und küsste sie auf den Kopf. Er war ganz in Schwarz gekleidet. Seine Platin-Rolex glänzte im Schein der Nachttischlampe. Er war dreißig, knapp drei Jahre älter als ich. Mo für Mohammad.

Mo und Shirin hatten die gleichen schönen, dunklen Muttermale im Gesicht, wie Sternbilder, pechschwarzes Haar, geschmeidige Bewegungen. Shirin lächelte. Ihr Augen-Make-up hatte alles überstanden, katzenhaft geschwungener Lidstrich, Wimperntusche, die ihren Blick öffnete.

»Ich bin am Verhungern. Können wir was essen?«, fragte sie, schwang die Beine aus dem Bett und löste den Gürtel ihres Bademantels. Er öffnete sich wie ein Vorhang und gab den Blick auf ihren nackten Körper frei. Sie ließ den Mantel aufs Bett fallen. Ich betrachtete Mo und sah, dass auch er sie musterte. Sein Blick voller Liebe. Ihre Brüste waren rund und steif, wie losgelöst von ihrem restlichen Körper. Ihr Bauch flach und braun, die Pussy zu einem rasiermesserscharfen V gewachst. Nicht das typische Bild einer 54-jährigen Mutter. Ich dachte an den Polizisten, wie er sich ihr näherte, sie küsste. Die einzigen Alterszeichen waren die hervortretenden Venen an Händen und Nacken.

»Ist es zu glauben, dass du da rausgekommen bist?«, fragte sie mit Blick auf ihren Unterleib. »Die beste Entscheidung meines Lebens. Eines Tages bin ich aufs Klo, um zu kacken, und zack, da warst du.«

Mo hob eine Augenbraue. »Mom, niemand außer dir würde das für normal halten. Sei mal ernst.«

»Ich bin ernst. Ein Wunder, dass du nicht schwul bist.«

Mo lachte.

»Bravo, Auntie. Ich dachte, du wolltest nicht mehr klingen, als wärst du von gestern«, sagte ich.

»Wir sprechen uns noch mal, wenn du selbst Kinder hast, Bita«, sagte sie. »Das wünscht sich niemand. Mein süßer Kleiner ist ein Ladykiller.« Sie drückte Mo einen Kuss auf die steife Gelfrisur. Dann ging sie zum Sofa, auf das sie ihre Kleider von letzter Nacht geworfen hatte. Ein hautenges schwarzes Wollkleid, ihre Chanel-Stiefel. Keine Unterwäsche. Sie schlüpfte hinein. Zog meinen schwarzen Mantel mit dem großen Fellkragen darüber. Ihre gebräunte Haut schimmerte. »Los geht’s«, sagte sie. »Ich könnte einen ganzen Cowboy vertilgen.«

Als ich den Reißverschluss meiner Stiefel hochzog, sah ich das weiße Pulver schon in Lines auf dem Spiegel. Ich beugte mich darüber, griff nach dem zusammengerollten Schein und zog. Mo und Shirin taten das Gleiche. Ich schloss die Augen, atmete ein und aus. Meine Naseninnenseite brannte, der bittere Geschmack sickerte mir in die Kehle. Ich schluckte. Und da war es, überall in meinem Körper: das kleine Aufflackern von Freude.

Wir verließen das Hotelzimmer. Ich ging sicher, dass das Schild an der Klinke auf »Bitte nicht stören« gedreht war. Bei den Aufzügen sortierte ein Zimmermädchen gerade ihren Rollwagen. Shirin nickte der Frau zu, und als die sich wegdrehte, schnappte sie sich eine Handvoll kleiner Schnapsflaschen und steckte sie Mo in die Manteltasche.

Wir verließen den Aufzug und betraten den pfirsich- und orangefarbenen Paisley-Teppich der Empore. Goldene Kronleuchter erhellten den Saal. Von der Lobby schwang sich eine imposante Holztreppe zu uns herauf. Die Après-Ski-Gesellschaft saß auf Sofas und schlürfte Wein, bestellte mehr Runden als sie sollte. Das hatten wir gemeinsam.

Wir musterten die Gäste zu unseren Füßen, frisch aus dem Flugzeug, mit Cowboyhüten und Pelzmänteln. Ich zählte die Wasserstoffmähnen und Ken-Frisuren. Pagen eilten mit Gepäck hin und her. Ich habe meine Kindheit in Flugzeugen verbracht. Jeden Tag starteten in Teheran Maschinen mit Leuten wie uns, die sich durch Bestechung aus dem Land schmuggeln konnten.

»Wann habt ihr gemerkt, dass die Revolution wirklich passiert?«, habe ich meine Eltern einmal gefragt. »Gar nicht«, sagte Mom. »Als es hart auf hart kam, standen wir mehr hinter dem Schah, als uns selbst klar war.«

»Diese Texaner machen mich krank. Ohne ihre Kühe und Ölquellen wären sie einfach nur Abschaum«, sagte Shirin. »Trinken wir was.«

Wir setzten uns an den knisternden Kamin in der Lounge. Diesmal hatten sie wirklich dick aufgetragen – noch mehr, als ich es in Erinnerung hatte. Die Spiegel reflektierten das Lametta. Aus unsichtbaren Lautsprechern schallten Weihnachtslieder, die ich alle als kleines Kind in L. A. gesungen hatte. Mo in Houston sicher auch.

Auf dem Sofa nebenan saß ein frisch verheiratetes amerikanisches Pärchen. Sie rieben die Nasen aneinander und schwenkten ihre Weingläser, wie man es bei einer Weinverkostung lernt. Sie schauten zu uns rüber und gingen. Das Feuer wärmte mich.

»Deine Mutter wäre begeistert gewesen«, sagte Shirin. »Sima war der größte Weihnachts-Freak.«

»Wirklich? Sie mochte die kalte Luft hier, und den Langlauf.« Hätte. War. Mochte. Die Worte knirschten. Scheiß Krebs. Wie sehr ich diese klischeehafte Wendung hasste, genau wie unsere Versuche, uns von Mom zu distanzieren, vielleicht um uns vor der Absolutheit des Todes zu schützen und von seiner völligen Sinnlosigkeit abzulenken. Sie war erst ein Jahr tot, und ich spürte schon, wie sie uns entglitt. War in der kleinen Schneekugel, die sie als Kind wie einen Schatz gehütet hatte, eine Kiefer gewesen? Was konnte ich tun, um mich besser an sie zu erinnern? Wie hätte sich eine richtige Muslima an sie erinnert?

Laut einer der wenigen Geschichten, die meine Mutter aus ihrer Jugend erzählt hatte, nahm sich meine Großmutter Elizabeth ein Vorbild an Hollywood-Stars wie Elizabeth Taylor, und zwar noch bevor die 1976 ihre berühmte Iranreise gemacht und lasziv vor allen wichtigen Sehenswürdigkeiten posiert hatte. Unsere Elizabeth hasste Kinder. Die Kinder, die sie von allen auf der Welt am meisten hasste, waren ihre eigenen, ihren Sohn Nader und ihre Töchter Sima und Shirin. Elizabeth wollte keine Mutter sein. Als meine Mom sechzehn war, am Tag, als sie ihre erste Periode bekam, sagte sie zu ihr: »Als du aus mir rausgekommen bist, blutig und brüllend, war mein Leben vorbei. Ich war erledigt.« Sie sprach gern darüber, wie stark sich ihre Vagina bei der Geburt geweitet hatte. Warum war ihr Leben nicht vorbei gewesen, nachdem Nader aus ihr herausgekommen war? Nader, ein leicht unterbelichteter Tyrann, der Ameisen aß. War ein einzelnes Kind erträglich, ruinierte es einem noch nicht das Leben?

»Das ist das letzte Mal, dass ich diesen blöden Trip mache, Kinder«, sagte Auntie Shirin und polierte ihre dunkel glänzenden Fingernägel.

»Warum?«, fragte Mo.

»Jedes Jahr kommen mehr von uns. Aspen wimmelt nur so von uns, und die Leute in meinem Alter sind so langweilig. Die Männer machen einen auf jugendlich. Und die Frauen führen sich auf wie meine alte Naneh. Die Monarchie ist denen in den Arsch gekrochen und dort verreckt. Dreh mir einen Joint, Schätzchen.« Sie reichte Mo ein mit Edelsteinen besetztes Zigarettenetui und bestellte uns eine Flasche Champagner. Ich hatte erwartet, sie würde sagen, ohne meine Mom sei es nicht mehr dasselbe. Vielleicht empfand sie auch so. Ich stieß mit meinem Glas gegen die der anderen und dann mit zitternder Hand gegen die Kante des Beistelltisches. Ich wartete darauf, dass etwas zu Bruch ging. Shirin rauchte unbehelligt ihren Joint.

»Eure Väter«, sagte Shirin, inhalierte und stieß den Rauch aus, »sind solche Versager.«

»Du bist fies«, sagte Mo. »Dads Geschäfte laufen gut.«

»Ha«, antwortete Shirin. »Im Iran waren sie die Wirtschaft.« Sie sah mich an. »Und jetzt verkaufen Houman und dein Vater genau was? Gefälschte iranische Teebeutel mit Motivationssprüchen?«

»He, dass die gefälscht sind, ist nicht ihre Schuld. Einfuhrbeschränkungen, schon mal gehört?«, sagte Mo.

Plötzlich tauchten Shahla, Neda und Leila vor uns auf. Drei Schwestern, die ich nur schwer auseinanderhalten konnte, die Töchter von Houmans Bruder. Dicke, glatt geföhnte Haare, perfekt geschwungene Augenbrauen, traurige verführerische Münder. Wie ich, nur sehr viel hübscher, wenn ich ehrlich bin. Schwarze Hosen, enge Pullis, Diamanten, Ohrenschoner aus Pelz. Eine Mischung aus Skihäschen, Playboy Bunny und iranischer Ivanka Trump.

»Ah, Mädchen. Setzt euch, esst, esst«, sagte Auntie Shirin. »Ihr seht aus, als würdet ihr euch nur von Ritalin und Kaffee ernähren. Ich versteh euch Mädchen einfach nicht. Man kann essen, aber man muss dabei ein bisschen schlau sein. Mittagessen ist okay, Abendessen ist für Schweine. Abends nur einen schönen Salat, und fertig.«

Shahla, Neda und Leila kicherten, zwei von ihnen warfen ihr Haar über die Schulter.

»Wir gehen shoppen. Ich brauch ein neues Kleid für morgen«, sagte die Linke, drehte den Oberkörper und legte den Kopf schief. »Mit ordentlich Sideboob.«

»Yummy …«, sagte Mo. »Wir haben die heißesten Ladys, das sag ich schon immer.«

Ich steckte mir einen Finger in den Mund und mimte ein Würgen. »Inzestalarm … Außerdem datest du nur Blondinen.«

»Und du datest nur Typen aus Harvard.«

»Das ist was anderes«, sagte ich.

»Ach ja?«

Ich schüttelte den Kopf. Dabei hatte er recht.

»Ein paar Jungs aus Houston haben uns auf eine Party in Red Mountain eingeladen«, sagte die Mittlere. »Da müssen wir scharf aussehen.«

»Hmmm. Was wisst ihr über die Typen?«, fragte Mo.

»Ach, bist du jetzt unser großer, böser Beschützer? Lass stecken, Mo! Das will echt keiner hören. Blablabla …«, sagte Leila heiser. Sie erkannte ich an der Stimme. Die Älteste, Weiseste der Schwestern, die schon seit ihrem zwölften Lebensjahr betrunken am Tisch einschlief.

*

»Let’s vamos. Es ist schon vier«, sagte Auntie Shirin. »Die Läden machen heute früher zu.« Sie hob die Hand und winkte einem Kellner. Nicht unserem. »Zahlen?«, sagte sie zu irgendeinem Typen in marineblauer Uniform. »Wir haben nicht den ganzen Tag.«

Der Mann eilte zurück hinter die Theke. Angetrunken und zu müde, um Nüchternheit vorzutäuschen, streckte ich die Beine geräuschvoll auf dem Beistelltisch aus. »Aber Schluss jetzt mit dem Klauen. Die nehmen fünfzehn Dollar für diese kleinen Flaschen. Im Ernst, Auntie.«

Shirin lächelte.

Ich brachte sie gern zum Lächeln. »Du und deine kriminelle Energie«, fügte ich hinzu, was sie ignorierte.

Mo runzelte die Stirn. »Hä?«

»Spaß«, sagte ich.

Als der Kellner nicht wiederkam, stand Shirin einfach auf und verließ die Lounge durch die gläserne Drehtür. Sie drehte sich nicht um. Mo und ich zuckten mit den Schultern und folgten ihr. Für einen Moment war ich allein in der Isolation der Glaskabine. Die Welt war still, fast weg. Perfekt.

Draußen unter der grünen Markise schloss ich zu Mo und Shirin auf. Ich zog den Reißverschluss meines Mantels bis zum Kinn, spürte das gezackte Metall an der Lippe und stülpte mir die Kapuze über den Kopf.

Wir liefen über tauendes Eis und Kopfsteinpflaster. Um uns herum wippende Cowboyhüte mit Einkaufstüten. Alle kauften auf den letzten Drücker Weihnachtsgeschenke, und wir schlossen uns an. Meine Augen tränten im kalten Wind.

Auntie Shirin drückte auf die Klingel eines Juweliergeschäfts.

»Schauen wir uns nur um?«, fragte ich.

Ein Sicherheitsmann ließ uns rein und nahm wieder seine Position ein. Er trug eine verspiegelte Sonnenbrille und eine enge hellbraune Uniform, wie die Karikatur eines Autobahnpolizisten aus den Achtzigerjahren. Er lächelte nicht, sah nicht einmal in unsere Richtung.

»Was soll ich euch kaufen?«, fragte Auntie Shirin Mo.

»Wozu denn?«, fragte Mo.

»Eine neue Uhr? Was ist mit dir, Bita?«

»Ich brauche nichts«, sagte ich.

»Du willst keinen Schmuck?«, fragte sie.

»Willst du dich heute nicht ein bisschen zurückhalten?«

»Saket«, zischte Shirin.

Hinter dem Glastresen arrangierte eine Frau um die sechzig Verpackungen. Lange elfenbeinfarbene Strickjacke, das in einem Karamellton gefärbte Haar zu einem lockeren Knoten hochgesteckt, perfekte Haltung. Sie war mir auf Anhieb unsympathisch.

Die Frau sah auf. »Wie kann ich Ihnen helfen?«

»Ich würde gern Ihre Herrenuhren sehen«, sagte Auntie Shirin, als sie auf uns zukam.

»Selbstverständlich.« Sie schloss eine Glasvitrine auf, in der eine Miniaturversion von Aspen aus unzähligen Schmuckstücken nachgebaut war. Diamantene Ohrstecker baumelten als Schneeflocken an unsichtbaren Fäden.

»Niemand braucht eine neue Uhr«, sagte ich.

Shirin blitzte mich an. »Wissen Sie was? Ich nehme alle.«

Die Frau machte einen Schritt zurück. »Oh … Sicher?«

Shirin zog eine Augenbraue hoch. »Was glauben Sie denn?«

»Möchten Sie vorher die Preise wissen?«, fragte die Frau, während sie ein paar Uhren von den grünweißen Filzbergen löste.

Shirin lachte. »Geben Sie mir auch noch die Halskette da.« Shirin nickte in Richtung eines Smaragd-Chokers, der als Gondelseil diente.

»Weihnachten muss Ihnen ja wirklich am Herzen liegen«, sagte die Frau. »Das Grün ist perfekt für die Feiertage.«

Shirin lachte, schüttelte den Kopf. »Sie machen sich keine Vorstellung.«

Die Frau sah uns an. »Ich packe Ihnen das eben ein.«

»Werfen Sie sie einfach hier rein«, sagte Shirin und zückte den Ziploc-Beutel aus dem Gefängnis.

Die Frau starrte den Haufen Uhren und dann die leere, filzstiftbekritzelte Plastiktüte an. Das Licht an der Decke brachte ihre perfekte Frisur und ihr gepudertes Gesicht zum Strahlen und verlieh ihr die glänzende Aura eines Engels. Sie sah wieder Shirin an und lächelte, die Lippen geschürzt, als hätte sie noch nie in ihrem ganzen Leben ein solches Mitleid für jemanden empfunden.

*

Draußen vor dem Laden legte Auntie Shirin das Smaragd-Halsband an, ein Achteck, das von einem breiten goldenen Kettengeflecht an ihrem Hals gehalten wurde. Es glitzerte. Sechs Uhren hatte sie gekauft, für über dreißigtausend Dollar. Beim Laufen schwenkte sie die Plastiktüte energisch hin und her.

»Wo hast du denn die Tüte her?«, fragte Mo.

»Geht dich nichts an«, sagte sie.

Die Sonne schien jetzt, Wolken fegten über den Himmel. Der Schnee blendete mich. Ich setzte meine Sonnenbrille auf.

»Bring mich nie wieder in so eine peinliche Situation«, sagte Shirin. Ihre Stiefel klackten hart auf dem roten Pflaster.

»Ich dich?«, fragte ich. »Ich wollte nur helfen.«

»Ich brauche deine Hilfe nicht.«

»Kommt schon, Leute, easy. Holen wir uns einen Crêpe«, sagte Mo.

»Alles, was du willst, mein Schatz«, sagte Shirin. »Gib mir den Wodka.«

Mo fasste in die Manteltasche und reichte Shirin die Fläschchen. Sie blieb stehen, klemmte sich die Tüte unter den Arm, schraubte eine Flasche auf und kippte sie hinunter. Dann das gleiche Spiel mit den anderen zwei. Die leeren Flaschen warf sie in einen Schneehaufen. Kurz überlegte ich, ob ich sie aufheben sollte, aber wozu?

Als wir uns der Schlange am rot-weiß gestreiften Crêpe-Wagen näherten, erhob sich vor uns der große Berg von Aspen, von den Einheimischen nur »Ajax« genannt. Mir war heiß und schwindlig. Ich sah zu meinen Füßen auf dem unebenen Pflaster. Ich musste an etwas denken, was Mom mir oft erklärt hatte. Wenn im Iran jemand zu einem sagt: »Schönes Halsband hast du da«, muss man es ihm anbieten. Einfach so. Natürlich konnte ich Shirin nicht bitten, mir die zehntausend Dollar für die Kaution zurückzuzahlen. Das würde gegen alles verstoßen, was man mir je beigebracht hatte. Außerdem war es ja das Geld der Familie.

»Na, so was, wenn das mal nicht meine liebsten Lieblingsmenschen sind«, hörte ich jemanden sagen. Es war Onkel Houman, mit Dad. Ihre Nasen waren rot vor Kälte, die kurzen Bärte schimmerten silbrig. Sie trugen dicke Parkas mit großen Pelzkrägen, Moncler oder Façionable. Dad hielt eine Zigarre in der behaarten Hand.

»Wo warst du denn, Liebling?«, fragte Houman. »Ich hab dich gestern Abend gar nicht mehr gesehen.«

»Ach, nur unsere Ehre verteidigen«, sagte Shirin und verschränkte die Arme.

Onkel Houman lachte. »Entspann dich einfach, Honey. Ernsthaft. Entspann dich. Alles ist okay.« Er legte den Kopf in den Nacken, sah in den klaren weißblauen Himmel, öffnete weit die Arme und atmete tief durch. »Ahhhhh.« Er stieß eine weiße Atemwolke aus. »Was könnte schöner sein als das hier? Aspen mit meiner wunderschönen Frau und meiner Familie.« Er klopfte meinem Vater auf den Rücken.

Shirin schüttelte den Kopf. »Ich bitte dich. Mach dich nicht lächerlich. Diese Stadt ist ein Drecksloch.«

»Sei so lieb und bestell mir einen Schoko-Crêpe, Bita«, sagte Dad.

»Wir stecken mitten im Pokerturnier des Jahrhunderts«, sagte Onkel Houman. »Es ist wunderschön.« Wieder klopfte er Dad auf den dicken Mantel, als wollte er ein Kissen abstauben. Dad hustete, streckte die Hand mit der Zigarre aus.

Zwei schnurrbärtige Polizisten schlenderten vorbei, von den Rändern ihrer Crêpe-Teller tropfte Schokoladensoße. Ich beobachtete sie und beobachtete gleichzeitig Auntie Shirin dabei, wie auch sie sie beobachtete. Einer der beiden zwinkerte ihr lächelnd zu.

»Entschuldigung?«, sagte Shirin laut.

Die Polizisten drehten sich um. »Gibt’s ein Problem?«, fragte der andere, dem die Schokosoße jetzt über die Finger lief.

»Hör gefälligst auf zu glotzen«, sagte Auntie Shirin.

»Na, na, Shirin Jun. Entspann dich«, sagte Houman. »Tut mir leid, meine Frau hat wohl etwas zu viel erwischt.«

»Dreckiges Schwein«, sagte sie.

»He«, sagte der Polizist, der gezwinkert hatte. »Ganz vorsichtig.«

Shirin drehte sich nach uns um. Niemand sagte ein Wort. Der Cop blieb breitbeinig stehen. Er schüttelte den Kopf und blinzelte Shirin in der hellen Sonne an.

Auntie Shirin drehte sich noch einmal um und sah mich an, dann Mo, dann unsere Väter. »Moment mal. Kein Wort von euch Pennern?«, schrie sie.

Ich starrte auf meine Füße. Bitte, mach, dass sie aufhört. Ich winkte Leute in der Schlange an uns vorbei.

»Na, na«, sagte Houman wieder. »Lasst uns doch einfach alle ein friedliches Weihnachtsfest haben. Alles okay.«

Auntie Shirin ballte die Fäuste. »Halt den Mund«, sagte sie, leiser jetzt, mit zusammengebissenen Zähnen.

Der Polizist machte einen Schritt auf sie zu.

»Bleib mir verdammt noch mal vom Leib«, sagte sie. »Ich hab genau gesehen, wie du geguckt hast. Du hast von dem Cleopatra-Bullshit gehört, stimmts? Du weißt, wer ich bin, hab ich recht?«

Der Cop runzelte die Stirn. »Was? Ich sollte Sie an Ort und Stelle wegen Alkoholkonsums in der Öffentlichkeit festnehmen. Wie wär’s?«

»Ich bin nicht betrunken!«, schrie sie. Leute, die hinter uns in der Schlange standen, überholten uns jetzt unaufgefordert, reckten die Hälse.

»Ach tatsächlich?«, antwortete der Polizist. »Sorgen Sie dafür, dass sie ihre große Klappe hält«, sagte er zu Houman. »Wenn heute nicht Heiligabend wäre, würde ich sie sofort einbuchten.« Er sagte etwas zu seinem Kollegen, der ein Notizbuch zückte.

»Shirin«, sagte Houman leise. »Was ist denn in dich gefahren?« Er griff nach ihrem Arm und schüttelte ihn.

»Ich hab’s gestern Nacht fast mit einem Kollegen von denen getrieben«, sagte sie, ihre Worte wie eine Waffe, ihre Miene versteinert.

Houman starrte sie an, ohne zu blinzeln. So reglos hatte ich ihn noch nie gesehen.

»Was redest du da, Auntie?«, sagte ich. »Komm schon, hör auf.«

»Mom«, sagte Mo. Er sah sie an, dann die umstehenden Gaffer.

Shirin wandte den Blick ab, sah auf den Berg.

»Sie macht nur Witze«, sagte ich.

Shirin stieß ein bitteres, wütendes Lachen aus. »Niemand verteidigt mich. Niemand steht für mich ein. Was. Habe. Ich. Zu verlieren?«, fragte sie und starrte mich an.

Ich blickte in ihre glänzenden, dunklen Augen. »Wovon redest du?«, fragte ich. »Du hast alles.«

Aber eigentlich glaubte ich selbst nicht daran. Sie war unglücklich. Mom hatte immer gesagt, Shirin sei von all ihren Freunden die Klügste gewesen. Obwohl Mom der Bücherwurm war, stellte Shirin sich als die Ehrgeizige und Wagemutige heraus. Als könnte sie die Welt nach ihrem Willen formen. Auch ich galt als schlau. Aber was hatte uns das gebracht? Die Revolution hatte alle ruiniert. Sogar Mo und mich und die drei Ivanka-Schwestern. Auch, wenn wir nie wirklich darüber redeten. Was stimmte nicht mit uns?

»Bitte, Auntie«, sagte ich.

Sie schüttelte den Kopf. »Und ich kaufe euch Idioten auch noch Geschenke.« Sie schwang die Plastiktüte vor den Männern hin und her. »Aber ich hab’s mir anders überlegt.«

Shirin ließ uns stehen. Ging am Crêpe-Stand vorbei, dann am Schalter des Skilifts. Sie sah sich nicht um. Einen Augenblick blieb sie stehen, als sie den Fuß des Berges erreichte, wo die Leute ihre Skier in den Schnee gerammt hatten. Ich rechnete damit, dass sie umdrehen würde, aber das tat sie nicht. Sie lief den Berg hinauf. Ich spürte, wie sie sich beim Laufen vorbeugte. Ich spürte die heißen Tränen auf ihrem Gesicht – oder war das nur Wunschdenken? Skifahrer schossen die Piste hinunter, haarscharf an ihr vorbei, und bespritzten sie versehentlich mit Schnee, sodass sie ihren Aufstieg unterbrechen und sich abklopfen musste. Neben dem riesigen Seilbahnmasten blieb sie schließlich stehen. Die Skifahrer unter ihr wischten sich den Schnee von den Helmen und schnallten die Skier ab. Sie blickte nach oben, den Hals gereckt. Sie hob die Hände, als würde sie sich vor dem Berg ergeben. Kapitulieren. Von einer Hand baumelte, im Sonnenlicht glänzend, die Plastiktüte.

Tante Shirin griff hinein. Sie war jetzt so weit weg, dass ich die Augen zusammenkneifen musste. Im nächsten Moment schwang sie ihren Arm in einem Bogen zum Himmel. Und noch einmal. Die Hand in die Tüte. Dann wieder den Arm Richtung Himmel.

In der Ferne flogen im hohen Bogen Objekte durch die Luft wie Bumerangs, glitzernd im Sonnenlicht. Aber sie kehrten nicht zurück. Die schönen, überflüssigen Uhren.

Ich schwieg. Ich betrachtete Shirin. Ich betrachtete den Berg, ließ den Blick an ihr vorbeischweifen, die Piste hinauf bis zum wolkenverhangenen Gipfel. Der Berg wirkte gleichzeitig weich und schroff. Felsen brachen durch den Pulverschnee. Ich atmete die kalte, klare Luft.

Teheran war sehr schmutzig, das wusste jeder. Eine Stadt aus Smog. Das letzte Mal, dass ich ihre Luft geatmet hatte, war ich noch ein Baby gewesen. Als Kind hatte es mich überrascht, als ich herausfand, dass der Iran bergig war, dass sich gleich nördlich der Stadt das Elburz-Gebirge auftürmte und Teheran in seiner majestätischen, stillen Schönheit umarmte. Was war ich überhaupt für eine Perserin?

Ich beobachtete Shirin, beobachtete mich selbst.

SHIRIN

Bita und Mo verstehen das nicht, aber ihr Universum ist aus Plastik, ein Witz. IKEA, Zara, Amerikaner und ihre »Geschichte«. Amerika, Mörderin der Geschichte. Erbstücke interessieren sie nicht. Sie verschmähen antike Möbel – »braune Möbel« nennen sie sie. Sie wollen Pressspan, Furnier, MDF-Platten. Ich sage: Nein. Wenn du gehst, nimmst du deinen Schmuck mit. All unsere Geschichten von der Revolution handeln auch von Schmuck. Du nimmst ihn mit, ganz egal, ob er dir gefällt. Noch vor den Fotos und dem Familienpudel. Ja, wir hatten einen Pudel, einen schönen, großen, schmutzigen Hund. Das gebe ich ohne Scham zu.

Statt mir zu danken, lachen Bita und Mo nur, wenn ich ihnen Schmuck anbiete. Sie begreifen nicht, dass das der größte Ausdruck meiner Liebe ist, meines Vertrauens in die Fortdauer unserer Familie – ein Lebewesen, das Futter braucht, Erbstücke, das hungrig ist nach Edelsteinen, ein gefräßiger Schmuckdieb wie alle Überlebenden, Darwin weiß Bescheid.

Wir stammen von einem großen Mann ab, sind Nachkommen, Urenkelinnen, um genau zu sein, eines großen Konstitutionalisten, eines heroischen Kämpfers, eines Mannes, der, glaubt man Mommy und natürlich der großen Abhandlung der Persischen Geschichte mit dem Titel Choking the Great Lion, sein Leben der Demokratie im Iran geopfert hat. Babak Ali Khan Valiat, auch bekannt als Der Große Krieger. Das 20. Jahrhundert hatte gerade begonnen, und er träumte von einem Iran als säkulare Republik mit einem demokratisch gewählten Parlament. Fast hätte er uns tatsächlich zu diesem Ziel geführt, ist aber schlussendlich gescheitert, sonst würde ich diese Geschichte nicht erzählen.

So sehr ich Bita und Mo liebe – in Aspen haben sie nur stumm danebengestanden, als die Schmuckverkäuferin uns mit Herablassung behandelte. Es tut mir leid, das sagen zu müssen, aber sie verstehen die Bedeutung von Familie nicht. Sie können nichts dafür, Amerika ist jünger als mein Lieblingsring, ein sibirischer Amethyst, sehr selten, dunkelviolett, der im Licht rot und blau funkelt, wie zum Beweis seiner Ernsthaftigkeit und Echtheit, umgeben von smaragdenen Tränen, wie eine in ihre Blätter versunkene Blume. Ein raffiniertes Schmuckstück. Wenn ich den Ring trage und den Arm ausstrecke, um seine kräftigen Farben zu bewundern, Farben, die in der Natur vorkommen und doch kaum zu fassen sind, dann bin ich meine Großmutter Banu Khanum an ihrem Frisiertisch. Der Große Kleine Boss, wie sie von allen genannt wurde.

Als das Leben zu riskant wurde, als wir uns hinter den Mauern unserer Häuser verschanzten, abgeschottet von Unseresgleichen – ja, genau, in diesen Gärten, von denen man so viel hört, wo wir Granatapfelsaft trinken und Pistazien essen, dieser ganze Unsinn, falls ihr euch jetzt besser fühlt –, war es Zeit zu fliehen. Die immer häufigeren, größeren und gewalttätigeren Proteste, die Massen an Studenten aus den Dörfern. Ganz am Anfang, als jener berüchtigte Bericht erschien, in dem Khomeini als »verrückter indischer Dichter« bezeichnet wurde – der Funke, der das Ganze entzündet hat, wie es immer so schön heißt –, und die Männer des Schahs in Qom protestierende Studenten töteten, bin sogar ich auf die Straße gegangen, habe ein Schild mit der Aufschrift »TOD DER MONARCHIE« geschwenkt. Ich lehnte absolute Autorität ab. Es genügte nicht, dass der Schah ein paar Gefangene freiließ, nachdem er Hunderte getötet hatte. Ich hatte Marxisten in der Familie, einen Abschluss von einer Schweizer Universität! Ein Freund von mir hat Khomeini in Paris sogar die Hand geküsst – Khomeini, der große Demokratisierer! Ha!

Aber schon bald, nach den vierzig Tagen der Trauer, von denen in den Büchern immer die Rede ist, der erneuten Trauer und schließlich dem Ausbruch weiterer Proteste und weiterer Morde, der Schiitischen Periode, verdüsterte sich die Stimmung zusehends. Auf den Schildern prangte jetzt »TOD DEM SCHAH, DEM BLUTSAUGER«. Auf anderen Plakaten noch Schlimmeres, Worte, die ich nicht wiederholen werde, in denen es um Körperöffnungen ging und darum, was man der Elite, auch Mitgliedern unserer Familie, antun sollte. Das Cinema Rex brannte nieder, und mit ihm fünfhundert Menschen. Der Schah rief das Kriegsrecht aus, schickte Panzer und Helikopter und schoss das Volk nieder. All das wurde schon millionenfach gesagt. Die Leute wurden zerquetscht wie Zikaden im Sommer. Er überrollte die Jugend, und die Jugend wurde noch wütender.

Mommy hatte Angst um uns. Sie sagte: »Geht jetzt, denkt an die Kinder. Wartet, bis die Situation sich beruhigt hat, und kommt gemütlich zurück. Nehmt euren Schmuck mit, und meinen auch, nur für den Fall, dass diese Barbaren sich alles unter den Nagel reißen.« Wie wenig wir von der Zukunft ahnten, die unsere vermeintlichen Retter uns bescheren würden: Massenhinrichtungen, Erschießungskommandos, Enthauptungen, Zwangsverschleierung. Ein islamischer Staat.

Meine Schwester Sima spöttelte nur. Ihr entging etwas sehr Wichtiges über Iraner wie uns. Sie hielt uns für oberflächlich, materialistisch, unfähig zu tieferem Denken. Aber wie kommt es dann, dass wir Hafez haben und Saadi und Firdausi und Farrokhzad? – ganz Recht, endlich auch eine Frau. Wie kommt es, dass wir eine Reihe der größten Poeten der Welt für uns beanspruchen können? Denkt mal ernsthaft darüber nach. Die Sprache, die Worte sind nur ein Nebeneffekt. Entscheidend ist, dass wir Iraner verstehen, was in der Welt möglich ist. Wir wissen um ihr Potenzial zu glorreicher, unermesslicher, herzzerreißender Schönheit. Und doch prägt meistens nicht diese Schönheit das Leben.

Oder?

Die Rose und der Dorn, die Trauer und die Freude sind miteinander verbunden. Das ist wahrscheinlich achthundert Jahre alt. Ich vergesse immer, wer es gesagt hat, aber es ist wichtig. Merkt es euch. Manch einer behauptet, wir hätten nicht einmal ein eigenes Wort für Rose – wir sagen nur »rote Blume« –, aber wir haben etwas Besseres: Vorstellungskraft.

Der Schmuck, die Armani-Kleider, eine Vorliebe für das Extravagante, Perrier statt Leitungswasser – unser tapferer Versuch, unsere kühnsten Vorstellungen vom Himmel auf Erden in unseren Alltag zu bringen. Die Rosen zu den Dornen. Selbst die weniger Begüterten unter uns geben ihr Bestes, legen besonderen Wert auf prächtiges Haar, makellose Schuhe. Prada, Mahda, wie es bei uns heißt, Chanel, Pahnelle, das ganze Gereime, alles nur Theater, Schein, Spielerei. Ihr versteht schon. Diese Dichter – diese Seher – stehen nicht abseits von mir und Mommy. Nicht einmal von Bita und Mo und Houman und den ganzen anderen Idioten. Wir sind geborene Künstler, wir Perser, geborene Träumer. Selbst wenn wir dieses Potenzial im Finanzwesen oder in der Zahnmedizin ausleben.

Meine Schwester Sima hielt unsere Liebe für schöne Dinge für verachtenswert, für ein Zeichen unserer Unsicherheit, den Versuch, uns dem Westen anzupassen. Weil wir Respekt wollten, Legitimität. Darüber kann ich nur lachen.

Je mehr Make-up und Schmuck eine Iranerin trägt, desto tiefer ist ihre Vorstellung von Schönheit, desto abgründiger ist sie, desto größer ihr Schmerz, desto unvereinbarer ihr Inneres und Äußeres. Das ist alles, was es noch an Schönheit in der Welt gibt! Wer hat noch nie zur Aufmunterung eine kräftige Farbe getragen?

Wenn ihr das nächste Mal einer solchen Iranerin begegnet, seht über eure Abneigung hinweg. Es mag euch überraschen, aber ich kann diese Abneigung durchaus nachvollziehen. Ich wünschte, alle könnten gleich wohlhabend sein, ich liebe alle Menschen, ich habe größten Respekt vor Menschen, die arbeiten müssen, um zu leben, nicht nur, um noch heller zu strahlen, wie ich. Nein. Denkt euch diese Iranerin als entfremdet von dem, was sie in ihrem tiefsten Inneren einst war – eine Erbin jahrtausendealter Kultur und Schönheit. Und dennoch hat sie, diese Frau, niemals echte Macht besessen. Sie war Ehefrau, Mutter, Gehilfin, Hure. Diese Diamanten? Sie sind ihr Ein und Alles.

»Das ist doch völlig überzogen, das ganze Gerede, die Angst. Wir bleiben hier«, sagte Sima zu Mommy, eine Woche, bevor wir aus dem Iran flohen. Wir saßen in Mommys Wohnung, in ihrem Badezimmer aus weißem Marmor, ihrer Idealvorstellung einer Moschee für Frauen, während sie in einer Metallschüssel ihre Haarfarbe anrührte. Sima, die neugeborene Bita an der Brust, sagte, all das werde zu nichts führen. Sie sei sich nicht sicher, ob diese Proteste das Land voranbrächten, schon bald würden der SAVAK oder das Militär die Kontrolle übernehmen. Es werde wieder Normalität einkehren, danach könnten sich die Dinge verändern, langsam, verantwortungsbewusst. »Allmählicher Fortschritt, das ist der richtige Weg, davon bin ich jetzt überzeugt«, sagte Sima, die angeblich einmal Kommunistin gewesen war und mir, als wir selbst noch Kinder waren, erklärt hatte, alle Kinder sollten vom Staat erzogen werden. »Gib mir meine Nichte«, sagte ich und streckte die Hände nach Bita aus. Sima saß auf der zugeklappten Toilette, blinzelte seltsam mit den Augen, wie immer, wenn sie nervös war, und starrte dann auf ihre Füße. »Natürlich müssen die verschiedenen Interessen respektiert und berücksichtigt werden. Wir müssen nach und nach eine echte konstitutionelle Monarchie werden. Dann ist vielleicht eine Republik möglich.«

Mommy warf die Arme in die Luft, als riefe sie die Ahnen an. »Vay vay vay Khoda«, sagte sie. Die Ärmel ihres Gewands schwangen mit ihren Fäusten hin und her. »Wenn ihr nicht geht, komme ich vor Sorge um. Ich werde nur noch Schwarz tragen, um euer baldiges Ende zu betrauern. Und wenn ihr nicht sterbt, werde ich euch nie vergessen lassen, dass ihr mir nicht gehorcht habt. Niemals!« Von dem Holzlöffel in ihrer Hand flog Haarfarbe durch den Raum.

Wir lachten. Bita weinte. Ein Streifen der klebrigen Masse rann die ehemals makellose Wand hinter der Badewanne hinunter.

Ich wusste, dass sie nur bluffte. Mommy hätte niemals nur Schwarz getragen. Wenn sie mir als jungem Mädchen irgendetwas beigebracht hatte, dann dass man als Braunhaarige ganz in Schwarz aussah wie der Tod. Eine Regel, die ich natürlich ignorierte. Was jedoch den Fall unseres Überlebens anging, glaubte ich ihr jedes Wort. Sie würde bis in alle Ewigkeit wütend auf uns sein, ihr Geist würde sich in meinen Kopf einnisten wie in einem Wohnzimmer.

Dem Schicksal ihres einzigen Sohns Nader gegenüber schien sie beinahe Zen-artig eingestellt, auch wenn sie sicher nicht gewusst hätte, was das heißt. »Er hat weder Frau noch Kinder, er kann ganz beruhigt sein. Wenn er geht, dann geht er.«

Unsere Reiseberaterin Yassaman Khanum rettete uns. Sie leitete ihre eigene Agentur. Ja, wir arbeiteten, hatten Jobs, wir Frauen, selbst damals waren wir aktiv, ambitioniert. Yassaman Khanum schickte uns zuerst nach Wien. Das sei am sichersten. Alle Aufmerksamkeit war auf Paris gerichtet. Wer kam und ging? Dann ein kurzer Flug nach Frankreich, wo wir den Herbst an der Côte d’Azur verbringen würden. Dort würden wir ausharren und, weil wir Geld auf Schweizer Konten hatten, in atemberaubenden französischen Bikinis in der schwindenden Sonne liegen, am alten Hafen Kalbfleisch alla Milanese, beinahe italienische Pizza und Burgunder genießen. Und sobald die Kämpfe nachließen, würden wir nach Hause in den Iran zurückkehren. Daran hatte unsere Reiseagentin extraordinaire nicht den Hauch eines Zweifels.

Heute lache ich Yassaman Khanum ins vermutlich tote Gesicht. Narren waren wir, alle miteinander. Am Ende verließen wir das Land viel früher als die meisten unserer Freunde. Wir waren die Ersten, die sich verabschiedeten.

*

»Steigt ins Auto, Kinder. Wir gehen«, rief ich den Gang entlang und die Treppe hinauf. Abolghassem, die Nanny und die Kolfats warteten unten auf uns, aufgereiht wie zu einem Empfang. Abolghassem, bärtig und dunkel, ganz in Weiß, irgendwie wusste sich das Fett seines Ofens an einem so feierlichen Tag von seiner Schürze fernzuhalten. Die Nanny, wegen ihrer mütterlichen Brüste und schmalen Lippen aus Dutzenden Frauen auserkoren. Eine der Kolfats, sie war ausschließlich fürs Bodenwischen zuständig, hielt einen Koran hoch über ihren Kopf und wartete, dass wir darunter hindurchliefen. Der Koran lag auf einem Tablett, daneben eine Kristallschale mit Wasser und Rosenblüten. Ein Buch, das sie selbst nicht lesen konnte.

»Hol die Kinder«, sagte ich zur Nanny. »Wo sind sie?«

»Madam«, sagte sie, ohne mir in die Augen zu sehen. »Mohammad ist fertig, aber er schläft. Soll ich ihn wecken?«

Ich lachte. »Khanum«, sagte ich. »Siehst du nicht, dass wir nur noch auf die Kinder warten?« Damals konnte man noch grob zu seinen Dienern sein. Und man nannte sie Diener. Es war ehrlicher.

»Na, na«, sagte Houman, der gerade aus seinem viel zu ordentlichen, kaum genutzten Büro kam, wo er hin und wieder ein oder zwei Telefongespräche führte. Er zog eine breite Krawatte aus der Tasche. Schon mit dreißig hatte er den Ansatz eines runden Bauchs, trug damals allerdings noch wie viele Männer Schnurrbart. Aufgekrempelte Manschetten, behaarte Arme, die Schlaghosen seines braunen Anzugs mit scharfer Bügelfalte. Er fing gerade an, den Polo-Duft zu benutzen, den in der grünen Flasche mit dem goldenen Deckel, den er heute noch trägt und der ihn in ein Muster an Männlichkeit verwandelte, in einen durch nasse Wälder streifenden Jäger in Lederkluft. Wenn er auf Geschäftsreise war, schnupperte ich an seinem Kissen und vermisste ihn. Was für ein Dummerchen ich war.

»Sie sind nervös, Shirin. Sei ein bisschen nachsichtig«, sagte Houman, band sich die Krawatte um, straffte sie und zog den Stoff zurecht.

»Und Madam«, sagte die Nanny, was sie immer Maah-dahm aussprach, als wäre ich ein prächtiger Ballsaal, ein Zaubertrick, Ta-dah.

»Was denn? Raus mit der Sprache.« Ich pflückte mir eine Zigarette aus ihrer Brusttasche, sie zündete sie mir mit zitternden Fingern an.

»Niaz wollte zu Khanum Valiat.« Sie verschränkte die Arme vor ihrer Uniform, die im englischen Stil gehalten war, ein beiges, tailliertes Kleid mit rundem Kragen und brauner Schleife um den Hals. Ich kleidete meine Diener gut. Schließlich waren sie ein Teil von mir.

»Sie kann jetzt nicht zu Mommy«, sagte ich und zog an der Zigarette. »Sag ihr, ich nehme alle meine Wertsachen mit, und zu denen zählt auch sie.«

»Ich habe mich falsch ausgedrückt, Madam. Sie ist nicht hier. Sie ist zu Khanum Valiat gelaufen.«

»Allein?«, fragte ich. »Was denkt sie sich dabei? Und jetzt?«

»Liebling, wir dürfen diesen Flug nicht verpassen. Einen anderen kriegen wir vielleicht nicht mehr.« Houman trat neben mich und fasste mich an der Schulter.

»Ich ruf sie an.« Ich griff nach dem Hörer des Flurtelefons. »Mommy«, sagte ich. »Was soll das? Dachtest du, ich merke nicht, dass du dir meine einzige Tochter gekrallt hast?«

»Vay, Shirin, sie ist hier aufgetaucht und bettelt darum, bleiben zu dürfen. Sie will mich und Roshani nicht allein lassen. So ein gutes Mädchen. Wer hat ihr wohl beigebracht, so rücksichtsvoll zu sein?«

»Sie will … bleiben? Mommy, wen interessiert, was sie will? Sie ist sechs.«

»Warum sind die Töchter meiner Freundinnen so viel netter zu ihren Müttern? Warum habe ich die unverschämteste Tochter? Womit habe ich das verdient? Wusstest du, dass Nasreen auf die kleine Bahar aufpasst, weil ihre Tochter ihr ganz selbstverständlich ihre Kinder anvertraut? Warum sollte ich das nicht auch dürfen? Das erklär mir mal einer.«

»Warum lassen wir Niaz nicht hier?«, flüsterte Houman hinter mir. »Elizabeth Khanum wird sich gut um sie kümmern. Es ist ja nur ein Monat, höchstens zwei. Was meinst du?«

Ich drehte mich um, und als er meinen Gesichtsausdruck sah, machte er einen Schritt rückwärts auf die Tür zu, die wir neuerdings fünffach verriegelten – zwei Bolzenschlösser, eine Kette, manchmal auch eine silberne Gabel, ein Stuhl.

»Shirin?«, sagte Mommy. »Bist du noch dran?«

Ich merkte, wie ich die geringelte Telefonschnur umklammert hielt, als wollte ich sie erwürgen. Die Tür war aus Holz, und Holz ließ sich niederbrennen. »Gut, soll sie bleiben. Verpasst sie eben einen schönen Urlaub«, sagte ich schließlich, um sie zum Schweigen zu bringen, bevor ich durchdrehte. »Aber sei bitte vorsichtig. Und stopf sie nicht mit Gaz voll, sonst passt sie nicht mehr auf einen Flugzeugsitz.«

Ich knallte den Hörer auf die Gabel, fuchtelte mit der Zigarette in der Luft und stürzte mich auf Houman. »Ich dachte, hier ist es so gefährlich? Für ihren Liebling gilt das wohl nicht. Oder hat sie nur Angst, allein zu bleiben? So eine Heuchlerin.«

Im Auto saß ich mit Mohammad und Houman auf der Rückbank. Am Steuer saß mein Lieblingschauffeur Khosrow, der mich als junges Mädchen zu Partys gefahren hatte und auf dem Rückweg meine Wodkafahne ignorierte, weil er wusste, wie man ein Geheimnis für sich behielt.

Wir nahmen das billige Auto, den älteren Mercedes – spröde Ledersitze, ein lebloses Beige, wie Sand. Lieber keine Aufmerksamkeit erregen. Unsere Straße lag ganz still da. Shirin-Straße hatte Daddy sie genannt, als ich zur Welt kam. Khiaban-eh Shirin, also Süße Straße. Mein Name bedeutet süß. Kaum zu glauben, was? Ich war wütend auf Niaz, aber warum vermisste ich sie dann schon? Ihr üblicher Platz zwischen mir und Houman war ganz leicht eingedellt. Meine Kehle fühlte sich eng an.

»Hier ist ja gar nichts los«, sagte ich beim Blick aus dem Fenster. »Wo sind denn die ganzen Leute?« Wir fuhren schweigend um eine Ecke, die Bäume blitzten im Sonnenlicht, winkten uns flimmernd zum Abschied.

Houman sah mich an, zog Mohammad auf seinem Schoß näher an sich, als der ausgerechnet nach seiner Schwester rief. »Neezee«, heulte er. »Neezee.«

Ich versuchte, ihn zu ignorieren. »Khosrow? Weißt du, wo alle sind?«, fragte ich, die Hand am Fahrersitz.

»Ja, Khanum.« Er sah mich durch den Rückspiegel an. »Sie sind draußen, auf der Straße.«

»Ist das hier nicht die Straße?« Ich war verwirrt.

»Eines Tages, Khanum. Inshallah.«

»Was?«

»Entschuldigung, Khanum. Sie kommen schon noch.«

Vielleicht verstand ich damals nicht, was er meinte. Aber wie auch? Ich bin keine Hellseherin.

Niemand sprach. Wir bogen auf immer größere Straßen. Langsam, wie ein Bienenschwarm, den man nicht hört, bis er plötzlich wild um einen herumschwirrt, sah ich sie. Roch den schweren Pferdegeruch und hörte den Lärm der Menschen. Ich werde das nie vergessen, es war wie ein persisches Gedicht. Da, ich kann die Geschichte erzählen, wie die Leute sie sich wünschen. Der Schweiß auf ihren Gesichtern, die Schilder hocherhoben, mit vereinter Stimme. Es müssen Hunderte gewesen sein, Tausende, eine ganze Nation, die da auf unser billiges Auto zumarschierten. Zumindest billig für unsere Verhältnisse.

Männer mit offenen Hemden, Frauen, die sich nicht darum scherten, damenhaft zu sein, schrien Schmähworte gegen den Schah. Bi-sharaf, riefen sie, das schlimmste Wort unserer Sprache. Ehrlos. Gab es keinen zivilisierteren Weg, seiner Unzufriedenheit Ausdruck zu verleihen? Das Ganze schien mir unangemessen. Und doch war etwas in mir auch traurig, nicht dazuzugehören zu diesem Zusammenschluss, dieser einhelligen Stimme. So ist es. Warum sollte ich lügen?

»Runter von dieser Straße«, sagte ich. Ich betrachtete ihre wütenden Gesichter, die Schilder, die sie in unsere Richtung hielten. »Umdrehen, los, los, los!« Ich schlug gegen die Rückseite von Khosrows Sitz.

Im Flughafen Mehrabad stand ich mit Mohammad auf dem Arm in einer relativ stillen Ecke. Er hatte den ganzen Weg hierher geweint, auch nachdem wir den Demonstrationen entkommen waren. Mein hübscher Junge, schon zwei Jahre alt, der sich mir nie widersetzen würde. Ich bedeckte ihn mit Küssen. Einen auf die linke Wange, einen auf die rechte. Wie groß er geworden war. »Halt dich mit den Beinen an mir fest«, sagte ich. Seine Nase war nass. Mit seinen großen dunkeln Augen sah Mohammad mich an. Kein freudiges Quietschen über meine Küsse. Er trug einen hübschen Anzug. Marineblau mit goldenen Knöpfen, ein weißes Hemd, das Haar zu einer Seite gescheitelt. Die weißen Strümpfe bis zu den Knien hochgezogen, die schwarzen Schuhe glänzend und makellos. Wie eine kleine Puppe. Meine Kinder waren Puppen, selbst das undankbare. Verdammt, für wen hielt sich dieses Mädchen? Aber wäre sie jetzt hier gewesen, hätte sie ihren Bruder zumindest zum Lachen gebracht.

Die Leute liefen Richtung Abflughalle, umklammerten große Gepäckstücke, zerrten widerspenstige, verständnislose Kinder hinter sich her, alles eilte voran oder wartete in Grüppchen, verstreut wie Haare auf dem Fußboden eines Friseursalons. Einige schrien, eine alte Frau weinte auf Knien – sie spielte ihre Rolle perfekt. Leute, die auf dem Boden saßen und aßen, einen Löffel mit Reis herumreichten. Was für ein Zeitpunkt, um zu essen!

Ich versuchte, den Lärm auszublenden, aber das war unmöglich. Sima kam mit Teymour und Bita im Wagen, versteckt unter einem warmen Berg aus Decken. Sie war drei Monate alt. Ein Unfall, ein Ausrutscher, wie es so schön heißt. Sima war komplett unvorbereitet auf ein Baby. Sie hatte Karriere machen wollen, war aber wegen der Schwangerschaft vor ein paar Monaten von ihrem ersten Job als Journalistin bei einer kommunistischen Zeitung gefeuert worden. Was hatte sie sich dabei gedacht? Offensichtlich gar nichts, das sagte ich ihr auch, bevor Bita zur Welt kam. Danach hatte es nicht mehr viel Sinn, sie daran zu erinnern.

Wir standen von den Stühlen auf, die ein paar Unglückliche uns überlassen hatten, strichen uns die Kleider glatt. Mohammad fühlte sich schwer an. »Hast du alles Wichtige dabei?«, fragte ich.

»Wir sind doch hier«, sagte Sima.

Ich kniff die Augen zusammen. »Hast du die Diamantenkette mitgebracht, die Mommy dir gegeben hat?«, fragte ich und hielt mir Mohammad vor den Mund, um meine Worte zu verbergen und nicht die Aufmerksamkeit der anderen Passagiere oder des Sicherheitspersonals auf mich zu ziehen.

»Psssschh!« Sima sah sich um, blinzelte ein paarmal. Dann flüsterte sie, ebenfalls hinter Mohammad: »Fang doch jetzt nicht wieder damit an. Khob halah, Mommy hat alles an Nosrat übergeben, ganz unten in einem großen Sack Reis.«

»Sie hat was?« Ich riss die Augen auf. Ich wollte Mohammad an Houman weiterreichen, aber er krallte sich an mir fest. Ich drückte zurück, um ihn ein bisschen zu beruhigen.

»Sie hat Nosrat aufgetragen, den Sack zu Hassan zu bringen, dem Gärtner von Tante Katti«, sagte Sima. »Sie denkt, niemand schöpft Verdacht, wenn ein Gärtner einem anderen einen Sack Reis übergibt, und Katti wird nichts dagegen haben. Ganz allein in ihrem winzigen Witwenhaus, ohne Verbindung zur Regierung oder auch nur ein funktionierendes Telefon. Sie wird drauf aufpassen.«

»Und sie vertraut darauf, dass ein Gärtner – zwei Gärtner – den Sack zuverlässig bei Katti abgeben? Und sich die Sachen nicht selbst unter den Nagel reißen? Was für eine Idiotin.« Wer konnte schon sagen, ob Nosrat Hassan überhaupt ausfindig machen würde, so absurd, wie unsere Wegbeschreibungen damals ausfielen. Über die Brücke, am weißen Zaun rechts und dann den Sohn des Ladenbesitzers fragen.

Sima zog eine Augenbraue hoch. »Wie wenig Glauben du in die Menschen hast. Hassan und Nosrat gehören zur Familie. Wir haben eine gemeinsame Geschichte, wir haben für die Ausbildung ihrer Kinder bezahlt, verdammt, für die Wirbelsäulen-OP von Nosrats Vater.«

»Sieh dich doch um …«, rief ich. »Wenn Hassan und Nosrat zur Familie gehören würden …« Ein paar Männer in Uniform zerrten eine heulende Familie aus dem Flughafengebäude, und wir hielten inne. Die Lautsprecherdurchsagen übertönten die allgemeine Aufregung. Ich sah ein kleines Mädchen lächeln, ihre Zähne funkelten, während sie einen roten Ball den Gang hinunterrollte, nichts ahnend. Und wenn es ein Fehler gewesen war, Niaz zurückzulassen? War ich blind, weil ich wütend auf sie war? Ich flüsterte Sima zu: »Wir sind auf uns allein gestellt. Die wollen nicht, dass wir die Verantwortung tragen. Die können uns nicht mal leiden. Diese Arschlöcher wollen das Land übernehmen, und glaub mir, sie werden sich alles nehmen. Du mit deinem allmählichen Fortschritt …« Ich trat ein Stück zurück.

»Ach, Shirin. Hab ein bisschen Vertrauen. Am Ende siegt das Volk. Wir alle«, sagte Sima.

Ich zog sie zur Wand, Mohammad hing an mir wie ein Äffchen. Ein paar Soldaten marschierten auf uns zu, und ich konnte nicht einmal mehr genau sagen, wofür sie eigentlich marschierten. Einer starrte mich an. »Ich war zuerst ja auch für diese Veränderung, für die Proteste. Das verlangt allein unsere Abstammung. Der Große Krieger hat es angestoßen, wer weiß, vielleicht werden sie die Sache zu Ende bringen. Aber für uns ist in ihrem neuen Iran kein Platz.«

Daraufhin schwieg Sima tatsächlich. Sie nickte. Ihr dürftiger Lippenstift war schon ganz verblasst, an den eingetrockneten Puderstreifen auf ihren Wangen sah ich, dass sie geweint hatte.

»Wir sind für jede potenzielle neue Herrschaft eine zu große Bedrohung. Was haben wir davon, außer vielleicht geköpft zu werden? Wenn wir zusammenbleiben, kommen sie uns holen. Um eine alte Frau wie Mommy kümmert sich keiner.«

»Na gut«, sagte Sima. »Sollen eben andere zur Abwechslung das Ruder übernehmen.« Sie presste die Lippen aufeinander und tippte nervös mit dem Fuß. Ich beobachtete die Spitze ihres Schuhs, das glänzende, funkelnde Alligatorenleder, das seinen Platz auf dem Boden des Flughafens einforderte.

Mohammad wand sich und stieß einen Schrei aus.

Sima zuckte zusammen und hielt sich die Brust. »Autsch.«

»Er ist doch gar nicht dein Baby«, sagte ich lachend. »Deine Brüste sind defekt, Sima.«

Unsere Männer kamen mit Gepäck und Kinderwagen auf uns zu. Houman bedeutete uns weiterzugehen, indem er mit zwei Fingern eine laufende Figur mimte.

»Warte«, mimte ich zurück, streckte die Hand aus wie ein Sicherheitsmann. Ich trat an die große Fensterscheibe. Ich glaube, da wusste ich es schon. Es war ein strahlender Tag, die Sonne schien gelb und heiß. Kein Wölkchen. Niaz saß bei Mommy auf dem Sofa. In der Ferne sah ich die Berge. Bewaffnete Männer in Uniform standen in Reih und Glied. Die Männer des Königs, die wenige Wochen später ihre Neutralität erklären würden. Was wollten sie? Hassten auch sie den König? Wen würden sie als Erstes töten, wenn sie die Wahl hätten? Die Antwort würde euch überraschen.

*

Als wir an Bord der voll besetzten Maschine auf den Start warteten, lehnte Sima sich von ihrem Platz am Gang vor und aschte auf das Metalltablett. Ich saß am Fenster, auf dem Mittelsitz hatten wir unsere Handtaschen. Leuten, die Handtaschen auf den Boden stellen, ist nicht zu trauen. Wir legten Bita in ihr Körbchen und Mohammad über die Sitze in der Reihe neben uns, um etwas Ruhe zu haben. Wer will sich schon ununterbrochen dem Krawall der Kinder aussetzen? Irgendjemand in der Maschine, ich weiß nicht mehr, wer, eine Großmutter, hatte Mohammad ein Spielzeug in die Hand gedrückt, er drehte geschäftig an einem kleinen Griff und schaute in eine Papierschachtel. Womit sich kleine Gehirne so beschäftigen.

Sima nahm ihr Handgepäck auf den Schoß, einen Monogrammkoffer von Louis Vuitton, und zog den Reißverschluss auf. Und da sah ich ihn: ein kleiner gepolsterter Stoffbeutel mit rosa Damaszenerrosen, die älteste der historischen Rosenarten, aus der wir Golab gewinnen und die die rückständigen Christen uns auf ihren Kreuzzügen gestohlen haben. In der Mitte ein pinker Druckknopf. Ich kannte diesen Beutel. »Das sieht mir aber nicht nach einem Wörterbuch oder Gedichtband aus«, sagte ich lachend. Dann zog ich den Beutel heraus und sah hinein: Die Diamanten funkelten, Babyvögel in ihrem Nest. Mommys beste Stücke. »Lügnerin«, sagte ich.

»Reg dich ab«, sagte Sima. »Ich gehe es eben praktisch an.« Sie schnappte sich das Täschchen zurück.

Ich sehe ihn noch vor mir, diesen Beutel auf ihrem blöden Schoß, die pinken Rosen. Oh, wie sehr ich Rosenwasser liebe. Kaum einer weiß das, aber als der Schah den Iran schließlich verließ, am 16. Januar 1979 – ein Datum, das sich mir eingebrannt hat –, angeblich um einen »ausgedehnten Urlaub« anzutreten, besprengten die Menschen in den Straßen sich gegenseitig die Köpfe mit Rosenwasser. Rosenwasser! Wie wir es auch auf unsere Gräber sprengen.

»Also, nein, Sima«, sagte ich. »Beides kannst du nicht haben. Uns nennst du zu materialistisch. Genau deshalb gibt es jetzt diese Proteste.« Ich beugte mich zu ihr und schüttelte den Beutel. »Du bist kein Stückchen besser als ich oder Khanum mit ihren Kronjuwelen.«

Sima sah mich an und zog die Augenbrauen zusammen, die immer perfekt waren, mehr noch als meine. Gerade und von einer mir fremden ernsten Eleganz. Sind das nicht die zwei Arten von Menschen? Die Taktvollen und die Groben. Meine Brauen waren geschwungen, verrieten zu viel Emotion. Wie Mommy immer sagte, Simas Brauen gaukelten uns vor, sie wäre neutral, gleichmütig und hold. Selbst wenn das gar nicht stimmte. Ich hasste diese Augenbrauen.