Die Pest zu Marseille - Carl Spindler - E-Book

Die Pest zu Marseille E-Book

Carl Spindler

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Beschreibung

Die junge, von ihren Eltern verstoßene Clemence, lebt mit ihrer kleinen Tochter bei einem gutherzigen Verwandten, als im Jahre 1720 in ihrer Heimatstadt Marseille die Pest ausbricht. Bald ist alle Ordnung zusammengebrochen und Clemence muß den Schrecken der Seuche hautnah miterleben ...

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Seitenzahl: 130

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Inhaltsverzeichnis

DIE PEST ZU MARSEILLE

Kapitel

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DIE PEST ZU MARSEILLE

1.

DIE Abendsonne flimmerte heiter durch die grünen Vorhänge des gotisch gewölbten Fensters und auf den Steinplatten des Fußbodens wie auf der blanken Schiefertafel des mächtigen Tisches spiegelte sich der bunte Schimmer der Wappen, die den Fensterbogen schmückten. Friedliche Ruhe, eine wahre Sabbatfeier herrschte im Gemach, und bekrönte die Stirne der Bewohnerin desselben. Die Mutter und das Kind leuchteten von freundlicher Verklärung. Die kleine Rosa war die Königin des stillen Festes, und die Mutter selbst noch jung und reizend wie eine Maiblume, bediente wie ein demütiges Hoffräulein die geliebte Tochter. Eine niedliche Mahlzeit, bestehend aus allen Leckereien, die in der Levante erzeugt werden, stand auf dem Tische: Feigen, Trauben aus Chios, köstliche Zuckerwaren von Damaskus, eingemachte Früchte aus Griechenland, und daneben der einheimische frische Honig, das lockende weiße Brot, dessen Anblick schon die Gaumenlust reizt und verführt. Zwischen diesen Herrlichkeiten lagen Blumen zerstreut, woran sich das Auge der kleinen Rosa ergötzte, während ihr Ohr entzückt und befriedigt den Schmeichelworten lauschte, die in süßem Geflüster von den Lippen der Mutter strömten. – Die alte Margarethe, da sie in die Türe trat, und das holde Schauspiel gewahrte, fühlte sich davon ergriffen, war gleich Empfindsamkeit nicht ihre Sache, und betrachtete einige Minuten schweigend Mutter und Kind. Die schöne Clemence bemerkte die alte treue Dienerin und sagte lächelnd zu ihr: „Tritt näher, liebe Freundin, und feiere mit uns den Tag, den ich so festlich begehe, als meine klösterliche Einsamkeit es erlaubt. Er ist meiner Rosa Geburtstag, und du weißt, daß ich verbunden bin, so viele Blumen auf den Lebensweg dieses teuren Wesens zu streuen, als mir Ärmsten möglich ist: wäre es auch nur darum, dem unschuldigen Kinde sein Dasein weniger schwer, weniger dunkel zu machen. O möchte es mir einst nicht um seiner Geburt willen zürnen!“

Clemence schwieg mit einem tiefen Seufzer, und senkte das Haupt in ihre weißen Hände. Die harmlose Rosa winkte mit lebhafter Ungeduld der alten Wärterin, und sagte mit den unvollkommenen Lauten ihrer schwachen Jugend: „Komm, liebe Gouthoun, setze dich her, erzähle mir, und ich gebe dir die schönste Rosine, die mir die Mutter schenkte.“ – „Danke bestens, herzallerliebste Rousoun. Was soll ich dir aber erzählen?“ – „Ach, sage mir das Märchen von dem bösen Drachen; es ist so schauerlich, und ich fürchte mich so gerne.“ – „An deinem Geburtstage? Nein, mein liebes Töchterlein. Ich will dir lieber einen Schwank erzählen: von dem Gaukler, der bald ein Mensch war, und dann wieder ein Pferd, und endlich als eine Distel von dem Kamel gefressen wurde.“ – „Nein, nein, du langsame Gouthoun: von dem Drachen will ich hören, wovon du mir nur einmal erzählt hast.“ – „Meinethalben, wenn du’s nicht anders haben willst: Es war einmal eine arme Frau, von Beaucaire gebürtig, die hatte eine hölzerne Schüssel in die Rhone fallen lassen, und lief trostlos am Ufer hin und her, und jammerte wegen des Verlustes, denn sie hatte kein Geld, um eine andere Schüssel wieder zu kaufen, und kein Fischer wollte sich bequemen, das Gefäß wieder umsonst vom Grunde empor zu holen. Deshalb war sie in Verzweiflung, weil ihre Kinder zu Hause hungerten, und vergeblich auf die Klostersuppe warteten, welche die Frau zu holen gegangen war. Da erschien ihr plötzlich in ihrem Jammer der grimmige Drach von Tarascon, ein entsetzliches Ungetüm mit grünem Schuppenleib, roten Augen und goldgelben Fledermausflügeln, welcher in der Rhone Wohnung und Nest hatte. „Was heult du?“ fragte der Drache und schnaubte dabei wie ein Blasebalg: „Ich vertrage das Weinen nicht, und fresse dich zur Stunde, wenn du nicht in meine Dienste treten willst. Ich habe einen Sohn, der einer Wärterin bedarf, weil er kaum aus dem Ei gekrochen ist. Geh mit mir, mein Kindlein zu pflegen, oder du bist des Todes.“ Darob erschrak die arme Frau sehr, und klagte, was wohl aus ihren eigenen Kindern werden möchte, wenn sie mit dem Drachen ginge. Sofort blinzelte das Ungeheuer mit den funkelnden Augen und faltete die schillernde Stirnhaut, als ob es nachdächte, schwenkte die blutrote Zunge, die ihm wie eine lange Wimpel aus dem Rachen hing, hin und her, sträubte den Hahnenkamm auf seinem Kopfe, kratzte sich mit der Greifenklaue hinter dem borstigen Ohr, und erwiderte: „Für deine Kinder will ich sorgen, aber setze dich geschwind auf meinen Schweif, sonst stirbst du zur Stelle.“ Die arme Frau tat, wie der Drache geheißen, und fuhr mit ihm blitzschnell in die kalte Rhone hinunter, bis auf den Grund, wo zwischen Felsen und Sandbänken des Ungetüms Nest war. Darinnen saß der kleine Drache, und spielte mit des armen Weibes hölzerner Schüssel, und ringsherum standen Korallengewächse, so groß wie Bäume, in deren Zweigen und Ästen die Gerippe derjenigen Menschen hingen, welche der alte Drache zu seiner Nahrung verspeist hatte. In diesem greulichen Schlosse diente das arme Weib dem Drachen sieben Jahre lang, und fütterte sein Junges, bis es stark auf wuchs, um selber auf den Raub ausgehen zu können. Der Vater des Basilisken versorgte indessen die Wärterin und sein Kleines mit allen Leckerbissen, die von den Menschen teuer bezahlt werden. Eines Tages brachte der Drache eine saftige Aalpastete in das Nest, und sprach vergnügt: „Teile diese Pastete mit meinem Sohne; so er aber davon gegessen hat, so bestreiche mit dem Fette des Fisches seine beiden Augen, damit er unter dem Wasser hell sehe, und jedes Zauberblendwerk durchschaue. Nachher ist deine Arbeit zu Ende, und ich will dich reich beschenkt wieder auf die Erde bringen.“ Des freute sich das Weib außerordentlich, und es tat, wie ihm befohlen; nur, als der Drache einen Augenblick den Rücken wendete, wollte die Frau ihre eigenen Augen mit dem Aalfette bestreichen, und es gelang ihr mit dem linken, ehe noch der Drache dazu kam und sie daran verhinderte. Nun sah sie zwar alle Schätze und Zauberdinge, die unter den Fluten verborgen liegen, aber es half ihr nicht viel, weil der Drache wiederum schnell mit ihr in die Höhe sauste, und sie am Strand absetzte. Er ließ einen Beutel bei ihr zurück, der war voll von blankem Golde, und sie lief spornstreichs nach Beaucaire, ihre Kinder aufzusuchen. Aber sie fand ihr Haus verödet, denn der böse Drache hatte nicht Wort gehalten und ihre Kinder waren gestorben, bis auf eines, welches ein Nachbar zu sich genommen, um es zu pflegen. Doch war das Kind die lange Zeit von sieben Jahren hindurch um keinen Zoll gewachsen, und als die weinende Mutter den Beutel herauszog, um dem Nachbar seine christliche Pflege zu vergelten, so war darinnen statt des Goldes nur eine Menge von kalten und feuchten Kieselsteinen. Da weinte und jammerte das Weib nur um so heftiger, und konnte sich lang nicht mehr trösten, und suchte drei Jahre lang vergebens an den Ufern des Flusses den garstigen Drachen, um von ihm zu erhalten, daß ihr einziges Kind gedeihen möchte. Da kam die große Messe von Beaucaire heran, wo viele tausend Menschen aus allen Nationen zusammentreffen; und unter diesen Menschen befand sich auch der alte Drache, weil er durch Hexerei vermochte, ein menschliches Antlitz anzunehmen. Wie seine ehemalige Kammerdienerin seiner ansichtig wurde, erkannte sie ihn trotz Federhut, Goldstoffweste und Brillantschnallen, weil sie mit dem linken Auge alle Zauberei durchschaute, und sagte zu ihm: „Guten Tag, Herr Drache. Seid Ihr auch hier, und wie befindet sich Euer Sohn? Ihr habt mir schlecht Wort gehalten, meine Kinder verhungern lassen, mein letztes zum Zwerge verflucht, und meinen wohlverdienten Ammenlohn in Stein verwandelt. Wenn Ihr nicht auf der Stelle alles ersetzt, warum Ihr mich betrogen, so lasse ich Euch fangen und das Parlament wird Euch verbrennen.“ Darob war der Drache bestürzt, fragte aber mit heuchlerischer Ehrlichkeit: „Wenn ich auch derjenige bin, wofür du mich hältst, und wenn ich auch geneigt wäre, alles zu tun, was du begehrst…, wie ist dir’s möglich, mich unter dieser Perücke zu erkennen?“ Dabei klimperte das Ungeheuer mit dem vielen Gelde in seinen Taschen, und das einfältige Weib wurde so betört, daß es dem Drachen sagte, wie es seinem linken Auge zu der scharfen Sehkraft verholfen. Da verwandelte sich plötzlich die schöne, fette, mit vielen Ringen geputzte Hand des Drachen in seine wüste Greifenklaue, welche hitzig aus der Spitzenmanschette fuhr, und der betrogenen Frau das linke Auge unbarmherzig auskrallte. Da stand sie nun, blutend und leidend, und um sie her lief das Marktgewühl in vollem Gedränge, und sie konnte den Drachen nicht mehr herausfinden, mußte hilflos nach Hause tappen, fand ihr Kindlein im Sterben, und ist wahrscheinlich auch schon lange vor Gram gestorben, wenn ihr nicht die heilige Martha ein längeres Leben erbeten hat.“

Die kleine Rosa, erfüllt von der Angst, die der Kinder höchste Freude ist, wenn sie nach grausigen Märchen begehren, schmiegte sich fest an die ernsthaft blickende Mutter, und fragte mit banger Neugierde: „Sage mir, Gouthoun, lebt der böse Drache noch?“ – „Nicht doch, Rousoun. Die heilige Martha hat dem Ungeheuer den Kopf zertreten, aber die bösen Menschen, Rousoun, diese sind die eigentlichen Drachen dieser Welt. Da laufen sie verkleidet und vermummt unter den guten Leuten herum, versprechen, was sie nicht zu halten gedenken, finden ihr Glück in fremdem Unglück, und zerfleischen uns mit ihren Krallen, wenn wir so unvorsichtig find, uns in ihre Gewalt zu geben.“

Die Philosophie der alten Margarethe war dem Kinde zu hoch; es wendete sich gleichgültig von der Erzählerin zu seinen Blumen, zu seinen Früchten. Aus den Augen der nachdenkenden Clemence perlten aber helle Tränen, und Margarethe sah den blendenden Tau, und wischte ihn von der blassen Wange der jungen Mutter mit den Worten: „Nehmen Sie mir nicht übel, daß ich unbesonnenerweise sagte, was Sie betrübt. Ich hätte Ihr wundes Herz nicht aus den Augen verlieren, nicht vergessen sollen, daß Sie ja selbst das Opfer eines bösen verkappten Drachen wurden, dessen Ränke Ihr Leben vergifteten. Aber verlassen Sie sich darauf: es lebt eine Vergeltung, und, wo er sich auch befinde, der gewissenlose Malatesta, nirgends wird er einer frohen Stunde genießen. Ich möchte der Todesstunde dieses Elenden nicht beiwohnen.“

Clemence erwiderte sanft: „Betrübe mich nicht durch solche Härte. Die Gnade des Himmels ist ja unerschöpflich; warum predigen wir um unserer Schwäche willen der Nachsicht so bedürftig, Unversöhnlichkeit gegen den Beleidiger? Ich teile deinen Haß nicht. Hat auch Malatesta schlimm genug an mir gehandelt, daß die Liebe schwand, die mich einst in seine Netze verlockte, so verwünsche ich ihn doch nicht. Er ist ja dieses Kindes Vater, und einen teureren Schatz als meine Rosa besitze ich auf Erden nicht mehr, seit das heilige Haupt der Eltern sich unwiderruflich von mir wandte. Die Trennung von ihnen, die ich unaussprechlich liebte, war mein härtester Kampf auf Erden; ich habe ihn überstanden. Eine schwerere Prüfung vermag der Himmel nicht zu senden.“

Margarethe nickte schweigend, und versetzte nach einer langen Pause: „Ihre Eltern verdienten nicht eine Tochter, wie Sie es waren, Madame. Ich kenne ja Ihre ganze Jugend. Sie waren stets der gefühllosen Strenge Ihres Vaters, der leichtsinnigen Gleichgültigkeit Ihrer Mutter, dem rohen Übermut Ihres Bruders preisgegeben. War es denn ein Wunder, daß der glattzüngige Genueser Sie berückte? Sein Anstand, ein gleißendes Benehmen, bestach zu seinem Vorteil. Er glich, obschon ein einfacher Buchhalter, einem vornehmen Herrn, einem Prinzen, während unsere Herrchen von Marseille den Bootsleuten nicht unähnlich sind. Ach, unter den Matrosen geht es weit ehrlicher, weit frömmer und christlicher her. Wenn ich meines guten Stephan gedenken… er war ein braver Mann, und ich hätte als eine Königin nicht zufriedener sein können, wie an der Seite meines biederen Stephan. Dem grausamen Seeräuber von Tunis, der meinen Mann auf dem Verdeck seines Schiffs erschoß, möge es auch in Ewigkeit nicht gut gehen! Mein Ehestand kommt mir jetzt nur vor wie ein kurzer Traum, obwohl er 25 Jahre gedauert hat, und ich wünsche manchmal, daß ich nicht angefangen hätte, ihn zu träumen. Ich wäre dann beständig Ihre Nachbarin geblieben, Madame Clemence, Sie hätten mir Ihr Verhältnis mit dem Italiener vertraut, vier Augen hätten besser gesehen als zwei, und das Blendwerk hätte nicht stattgefunden, dem Sie Ihr Unglück verdanken.“

„Wohl möglich, liebe Gouthoun, aber mein Verhängnis wollte mein Unglück“; erwiderte Clemence. „Ich trage alle Schuld. Ich täuschte meine Eltern, überschritt ihre Gebote. Dem tyrannischen Zwange, Malatesta zu meiden, gehorchte ich nicht, ließ mich hinreißen von dem Strudel der Leidenschaft, und wähnte mein Zartgefühl und mein Gewissen verwahrt, als ich in dunkler Nacht vor dem Altare das Gelübde aussprach, und priesterlichen Segen empfing.“

„Die Schlinge des Teufels!“ antwortete Margarethe kopfschüttelnd: „er triumphierte durch sein Blendwerk. Arme Frau, noch erinnere ich mich lebhaft des Tages, wo ich nach Marseille zurückkam, eine gebeugte trostlose Witwe, Trost und Hilfe in Ihres Vaters Hause suchen zu wollen. Ich meinte nicht, an Ihnen zur Trösterin werden zu müssen. Aber am selben Tage war der Schleier von Ihrer Schwäche, die Hülle von Malatestas Freveltat gefallen. Im Begriff, Mutter zu werden, standen Sie da, verlassen von dem Verführer, der treulos übers Meer nach der Heimat flüchtete; verhöhnt von dem schadenfrohen Volke, welches die Täuschung schon erfahren, der Sie unterlagen; verstoßen von Ihren Eltern, die alle Menschlichkeit auf ewig auszogen. Wahrlich, ich war dazumal die einzige Freundin, welche treu an Ihnen hielt, bis der wackere Herr Foulques, ein weitläufiger Vetter Ihrer Eltern, aber näher mit Ihrem Herzen verwandt, als jene, Ihrem Unglück ein gastfreundliches Haus auf immerdar öffnete.“

„Meinen wärmsten Dank für deine Treue, die mich auch bis zur Stunde nicht verließ!“ rief Clemence voll Empfindung: „Dem tugendhaften Foulques kann nur der Himmel vergelten. Gott erhalte ihn lange zum Heil meines Kindes, wenn ich nicht mehr auf dieser Erde bin. Gott lenke auch das Herz seines Sohnes, daß er mein Kind nicht gänzlich verlasse, wenn meines Wohltäters graues Haupt zur Grube fährt. Ich glaubte mich noch reich da Malatesta mich verließ; das Parlament von Aix, indem es meine Ehe ungültig erklärte, raubte mir alles, die Würde einer Ehegattin, meinem Kinde seinen Stand, seinen Vater, seine ehrliche Geburt. Was soll aus der Verlassenen werden, wenn ich sterbe, wenn Foulques hinübergeht, wenn Victor sich kalt von der fremden Waise wendet?“

„Darum fluche ich eben dem Schändlichen, der all dies Unglück verschuldete!“ eiferte Margarethe mit heftiger Gebärde. „Jenes Gaukelspiel, jene Entheiligung geweihter Stätte und priesterlichen Dienstes, gab Ihnen den Todesstoß. Das Parlament mußte das harte Urteil fällen. Es hilft Ihnen freilich nichts, daß Malatestas Diener, der spitzbübische Raoul, der bei jener Farce den Priester machte, auf des Königs Ruderbänke geschmiedet wurde, aber ich wünschte aus voller Seele, daß der Verführer selbst, gebrandmarkt und geschorenen Hauptes die Casaque des Galeerensklaven trüge, und an der Seite seines Spießgesellen die schwere Kugel schleifte.“

„Schweige doch!“ rief Clemence erschüttert: „Laß die Gespenster der unglücklichen Vergangenheit in ihrem Grabe, rufe sie nicht herbei zu diesem unschuldigen Gastmahl, verschone das Ohr dieses harmlosen Kindes, dessen Geist noch nicht der feindlichen Welt angehört, dessen Sinne in diesem Augenblick noch unzugänglich sind unserm Schmerz, unserm Haß.“

Clemence und Margarethe, der süßesten Teilnahme hingegeben, umarmten die lächelnde Rosa, saugten Ruhe und Milde aus den leuchtenden Augen des Kindes, und überhörten fast das harte Klopfen, das sich an der Türe vernehmen ließ, worauf die Türe alsogleich geöffnet wurde. Der Sohn des alten Foulques, Victor, ein junger Seemann von herkulischer Gestalt, in der nachlässigen, etwas phantastischen Tracht seines Standes, kam herein und bot guten Abend. Clemence wurde rot wie die aufblühende