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Als die Bestsellerautorin Evelyn beim Schreiben ihres 50. Romans Hilfe braucht, kommt der jungen Bethan dies gerade recht. Kurzerhand zieht sie zu der älteren Dame an die walisische Küste in deren wunderschöne alte Pfauenvilla mit den vielen Zimmern und prachtvollen Möbeln. Eines Tages entdeckt sie an den Außenwänden der Villa wunderschöne Gemälde, die ein heftiger Sommerregen freigespült hat. Auf ihre neugierigen Fragen hin bleibt Evelyn allerdings merkwürdig einsilbig. Auch zu den Pfauen im Garten will sie sich nicht äußern. Doch schon bald drängt ans Licht, was Evelyn über so viele Jahrzehnte in Schweigen gehüllt hat - die Geschichte einer Sommerliebe, die nicht sein durfte ...
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Seitenzahl: 539
Veröffentlichungsjahr: 2022
Als die Bestsellerautorin Evelyn beim Schreiben ihres 50. Romans Hilfe braucht, kommt der jungen Bethan dies gerade recht. Kurzerhand zieht sie zu der älteren Dame an die walisische Küste in deren wunderschöne alte Pfauenvilla mit den vielen Zimmern und prachtvollen Möbeln. Eines Tages entdeckt sie an den Außenwänden der Villa wunderschöne Gemälde, die ein heftiger Sommerregen freigespült hat. Auf ihre neugierigen Fragen hin bleibt Evelyn allerdings merkwürdig einsilbig. Auch zu den Pfauen im Garten will sie sich nicht äußern. Doch schon bald drängt ans Licht, was Evelyn über so viele Jahrzehnte in Schweigen gehüllt hat – die Geschichte einer Sommerliebe, die nicht sein durfte …
Kitty Harrison ist das Pseudonym einer britischen Autorin. Sie wurde in Westafrika geboren und hat irische Eltern. Mit ihren drei Kindern und zwei Hunden lebt sie heute in der Kleinstadt Llandeilo im Westen von Wales. Bevor sie in die Kunst des Töpferns eintauchte, machte sie ihren Abschluss in Modedesign in London. Ihre Keramikarbeiten wurden in vielen Geschäften und Galerien der Welt verkauft. Aber nicht nur in den bildenden Künsten ist Kitty Harrison kreativ unterwegs. Schon immer hat sie sich gern romantische Geschichten mit spannenden Figuren und wunderschönen alten Häusern ausgedacht …
Vollständige E-Book-Ausgabe
des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Für die Originalausgabe:
Copyright © 2021 by Kitty Harrison
Titel der englischen Originalausgabe: »The Peacock House«
Originalverlag: Hachette, UK
Für die deutschsprachige Ausgabe:
Copyright © 2022 by Bastei Lübbe AG, Köln
Textredaktion: Birgit Volk
Einband-/Umschlagmotive: © Drunaa/Trevillion Images;
© Arletta Cwalina/Arcangel; © Klever_ok/Shutterstock
Umschlaggestaltung: Manuela Städele-Monverde
eBook-Produktion: hanseatenSatz-bremen, Bremen
ISBN 978-3-7517-2091-5
luebbe.de
lesejury.de
Vorsichtig stemmte sich Evelyn aus dem großen Himmelbett. In ihrem Kopf drehte sich alles, als sie aufstand, und der dumpfe Schmerz in ihrem Unterleib erinnerte sie daran, was sie verloren hatte.
Der Kummer zerriss ihr das Herz; es fühlte sich an, als würde ein Teil von ihr fehlen, und zugleich wusste sie, dass sie erleichtert sein sollte, denn nun würde sie gewiss niemals in die Verlegenheit kommen, ihrem Mann das Baby erklären zu müssen.
Sie ging zum Schlafzimmerfenster und starrte durch die kleinen Scheiben zwischen den Sprossen. Der Regen zeichnete Tränenspuren auf das Glas, und der Wind wimmerte wie ein ängstliches Kind durch den undichten Rahmen.
Sie wünschte, Jack würde herkommen. Es war mehr als eine Woche her, seit sie zum letzten Mal von ihm gehört hatte. Sie musste ihm von dem Brief erzählen und davon, wie gemein Mrs Moggs zu den evakuierten Jungs gewesen war und dass die Jungen weggelaufen waren. Und sie musste ihm sagen, dass Billy im Gebirge vermisst wurde und es allein ihre Schuld war. Sie musste ihm von dem Baby erzählen.
Evelyn lehnte den Kopf an eine der Glasrauten. Vor dem Fenster gab es nur ein großes Nichts. Die Welt war vollständig von dichtem grauem Nebel verschluckt worden. Es fiel ihr schwer, sich das Meer in der Ferne vorzustellen oder die Berge, deren Hänge zu ihm abfielen. Dies war der gleiche graue Nebel, der die Welt an jenem Tag verhüllt hatte, an dem Jack eingetroffen war, an dem er ihr Herz mit der Macht eines Flugzeugs, das gegen einen Berg kracht, getroffen hatte. Sie wünschte, er käme zurück.
Unten im Garten konnte Evelyn gerade noch die grünen Dächer des Lazaretts ausmachen, in sauberen Reihen standen nun Wellblechbaracken dort, wo einst perfekt gestutzte Hecken und Rosenbeete gewesen waren. Nun gab es dort Hütten und Zelte und Straßen, groß genug für all die Militärjeeps und Krankenfahrzeuge, die Tag und Nacht dort entlangrumpelten. Außerdem war das Lazarett bevölkert von einer ständig wechselnden Schar von Ärzten, Schwestern und Soldaten, deren Akzente sie bislang nur aus dem Kino gekannt hatte und deren nassforsche Lebhaftigkeit so gar nicht in die alte walisische Landschaft passte, in die man sie geworfen hatte. Vulgär hatte Evelyns Schwiegermutter das Lazarettpersonal und die Patienten genannt. Seit der Plan aufgekommen war, hier ein Lazarett zu errichten, hatte sie ihren Sohn wiederholt aufgefordert, er solle dem Kriegsministerium erklären, was für eine lächerliche Idee es sei, es auf Vaughan Court unterzubringen.
Aber Howard und die zuständigen Beamten im Kriegsministerium hatten die Einwände von Lady Vaughan zurückgewiesen, zu angenehm nahe lag das Haus an der US Air Base und der Küste. Lady Vaughan hatte entsetzt zugesehen, wie die Zierhecken und Rosenbüsche aus der Erde gerissen wurden und an ihrer Stelle Lazarettgebäude wie Unkraut zu wuchern begannen. Das war nun beinahe ein Jahr her.
Draußen hörte Evelyn das Poltern eines Lasters, zweifellos ein Ambulanzfahrzeug des Militärs, das neue Patienten brachte. Sie fragte sich, welche Schrecken es enthielt, wie viele Männer mit fehlenden Gliedern und unvorstellbaren Wunden. An ihrem ersten Tag im Freiwilligendienst war Evelyn beim Anblick eines verletzten jungen Mannes in Ohnmacht gefallen; eine Granate hatte sein halbes Gesicht zerfetzt.
»Lady Evelyn, warum sind Sie nicht im Bett?«
Evelyn drehte sich um und sah Nelli mit einem Frühstückstablett in der Tür stehen. Rotbraune Locken lugten unter der kleinen Spitzenhaube hervor.
»Gibt es etwas Neues von Billy?«, fragte Evelyn.
»Sie werden mit der Suche beginnen, sobald sich der Nebel in den Bergen gelichtet hat.«
Nelli stellte das Tablett auf dem Konsolentisch ab, zog die Bettdecke zurück, schüttelte die Kissen auf und strich das Laken glatt.
»Kommen Sie wieder ins Bett, Lady Evelyn. Sie sollten sich ausruhen.«
Evelyn konnte Blut auf dem Laken sehen. Ein dunkler Fleck auf dem weißen Leinen.
Nelli sah es auch.
»Setzen Sie sich hierhin.« Nelli deutete auf einen Lehnstuhl am Kamin. »Ich gehe und besorge frisches Bettzeug, sobald ich ein Feuer für Sie angefacht habe.«
Evelyn tat, was die junge Hausangestellte ihr sagte, und Nelli kniete sich vor den Kaminrost und versuchte, die Kohlen mit ein paar Anzündhölzern wieder zu entfachen.
»Wie geht es Peter?«, fragte Evelyn.
Nelli rollte ein Stück Zeitungspapier zu einem Fidibus zusammen.
»Ich habe ihn letzte Nacht in meinem Bett schlafen lassen. Nicht dass einer von uns viel Schlaf bekommen hätte. Irgendwann im Morgengrauen hat er sich endlich in den Schlaf geweint, der arme kleine Kerl. Ich habe ihm immer wieder gesagt, dass er sich keine Sorgen machen muss, dass es in den Bergen viele Höhlen gibt, in denen sein Bruder Zuflucht gesucht haben kann. Ich habe ihm auch die Geschichte von König Artus erzählt, der in seiner geheimen Höhle schläft und darauf wartet, uns zu Hilfe zu eilen, wenn wir ihn am meisten brauchen. Ich habe ihm gesagt, dass Billy vielleicht König Artus gefunden hat und sie nun Pläne schmieden, wie der alte König zu uns kommen und uns alle vor Hitler retten kann.« Sie verstummte für einen Moment. »Aber selbst König Artus käme zu spät, um meinen Lloyd zu retten.« Nelli starrte in den Kamin, stocherte mit dem Schürhaken in den Kohlen herum, bis eine kleine Flamme aufflackerte. Evelyn streckte die Hand aus und legte sie ihr auf die Schulter. Wenige Sekunden vergingen, dann stand Nelli auf. »Ich hole das Bettzeug.«
Evelyn blieb allein in dem riesigen Schlafzimmer zurück. Sie zitterte. Das Feuer war zu mickrig, um viel zu helfen. Sie blickte zu dem kunstvollen Stuck an der Decke empor. Die jakobinischen Muster erinnerten sie an einen Hochzeitskuchen, und sie dachte an ihre eigene Hochzeit zurück. Einen Kuchen hatte es nicht gegeben, das hatte die Rationierung nicht zugelassen.
Zwei Jahre waren seither vergangen.
Zwei Jahre, flüsterte sie und sah, wie eine frostige Dampfwolke vor ihren Lippen aufstieg.
Zwei Weihnachtsfeste in Wales. Zwei kalte, trostlose Weihnachtsfeste in dem großen Haus, bei denen ihr nur ihre Schwiegermutter am Essenstisch Gesellschaft geleistet hatte. Das war so anders als die ausgelassenen Weihnachtsessen in dem Haus an der Wilton Crescent, bei denen man gelacht und sich gegenseitig Rätsel aufgegeben, Tischfeuerwerk entzündet und unzählige Sektflaschen aus dem Keller geleert hatte. Stets hatte ein großer Tannenbaum in der Eingangshalle gestanden, dessen Zweige bis hinauf in den ersten Stock reichten; Evelyn, ihr Bruder und ihre Schwester waren auf Leitern geklettert, um ihn zu schmücken, und ihre Mutter hatte Geschenke zwischen den Zweigen versteckt, die sie erst finden sollten, wenn sie den Schmuck im Januar wieder entfernten. In Vaughan Court gab es keinen Baum. Das wäre unpatriotisch!, hatte Lady Vaughan verkündet, als Evelyn es gewagt hatte, ihr vorzuschlagen, einen im Salon aufzustellen. Wir werden uns in Vaughan Court keine germanischen Traditionen zu eigen machen, während wir im Krieg sind. Die Amerikaner hatten einen Baum. Sie hatten ihn neben dem Offizierskasino aufgestellt. Lady Vaughan hatte sich deswegen bereits bei dem Offizier beschwert, der das Kommando über das Lazarett hatte.
Die Amerikaner würden auch eine Feier veranstalten, einen Tanz am Weihnachtsabend. Evelyn war begeistert gewesen, und Jack hatte versprochen, von seinem Standort rüberzukommen, auch wenn sie wussten, dass sie aufpassen mussten, nicht mehr als einmal miteinander zu tanzen.
Mit dem Baby, das Evelyn am Tag zuvor verloren hatte, hatte sie jedoch auch alle Freude verloren. Ihr war nicht mehr nach Tanzen zumute, und sollte Billy irgendetwas zugestoßen sein, dann, das wusste sie genau, würde sie nie wieder tanzen wollen.
Jack, wo bist du?, flüsterte sie in den leeren Raum hinein.
Im Kamin krachte ein Holzscheit, und Evelyn hörte, wie draußen ein weiterer Laster eintraf. Sie sollte dort unten sein und mit ihrer Schicht beginnen, sollte Kaffee servieren und die Morgenzeitung verteilen. Später sollte sie den Männern, die ihr Augenlicht verloren hatten, Briefe vorlesen und für jene, die keine Hände mehr hatten, Briefe schreiben. Sie war stets froh, wenn sie etwas zu tun hatte, und sei es Böden wischen oder manchmal auch Latrinen reinigen. Höchst undamenhaft, wie ihre Schwiegermutter wiederholt erklärt hatte, aber Evelyn konnte nicht einfach nur vom Fenster aus zusehen. Sie musste wenigstens versuchen, einen Beitrag zu leisten. An den Abenden flickte sie Kragen und Ärmelaufschläge und nähte Purple Hearts an Uniformen, bis ihre Finger bluteten.
Evelyn betrachtete ihre rauen Hände. Jack hatte ihr eine Lavendel-Handcreme geschenkt, aber die war inzwischen aufgebraucht.
Für einen Moment wurde es dunkler im Zimmer, als ob draußen eine riesige Bestie vorbeiliefe und ihr Schatten auf das Haus fiele. Der ganze Raum bebte; sie fürchtete, die Fensterscheiben könnten bersten. Ein Flugzeug auf dem Rückweg zum Stützpunkt. Sie betete, dass es Jacks war oder dass er bereits zurück war und im Kasino beim Frühstück saß, Kaffee trank und mit Walter und den anderen Jungs lachte. Wenn sie ihm doch nur eine weitere Botschaft zukommen lassen könnte. Sie wusste, wenn er erst da wäre, würde alles besser werden; er würde in die Berge ziehen und Billy suchen. Und sollte Billy sich verstecken, so würde er bestimmt herauskommen, wenn er Jacks Stimme hörte.
Evelyn kniff die Augen zusammen, als ein stechender Schmerz durch ihren Bauch schoss und sie von Übelkeit überwältigt wurde. Sie versuchte, nicht an das Baby zu denken, sie durfte einfach nicht an das Baby denken. Sie konzentrierte sich auf Billy.
Er musste frieren, er hatte nicht einmal seinen Mantel mitgenommen, nur seinen Ranzen mit einem Laib Brot darin und seine geliebte Steinschleuder. Sie stellte sich vor, wie er sich an die Felsen kauerte; es gab keine Höhle und keinen König Artus, und bei seinem Appetit würde Billy das Brot inzwischen längst aufgegessen haben. Seine Zwille würde ihm da draußen auch nicht viel nützen.
Der Nebel war immer noch so dicht. Womöglich würde er sich den ganzen Tag nicht lichten. Billy musste Angst haben; trotz all seines Wagemuts war er doch nur ein zehnjähriger Junge. Und Peter brauchte ihn; die beiden Jungs hatten kein Zuhause, keine Familie mehr. Sie hatten nur einander und Evelyn, und sie hatte ihn im Stich gelassen.
Evelyn stand auf, holte sich die scheußlichen braunen Schnürstiefel, die sie nach dem Willen der Oberschwester auf der Station tragen musste, und ignorierte die Schmerzen, während sie sich bückte, um die Schnürsenkel zu binden. Sie ging in ihr Ankleidezimmer und suchte nach einem Mantel. Das Risiko, gesehen zu werden, wenn sie hinunterginge, um sich einen aus der Garderobe zu holen, war zu groß. Doch alles, was sie finden konnte, war der bodenlange Umhang, den sie über ihren Abendkleidern trug. Sie zog ihn über ihr Nachthemd, öffnete, ohne noch einmal nachzudenken, die Tür ihres Schlafzimmers und eilte hastig den langen Korridor hinunter. Sie nahm sich nicht wie sonst die Zeit, die Porträts an den Wänden mit einem finsteren Blick zu bedenken oder den garstigen Marmorbüsten in den Nischen die Zunge herauszustrecken. Stattdessen bemühte sie sich, so leise wie möglich aufzutreten, obwohl die persischen Teppiche ihre Schritte bereits dämpften. Das Letzte, was sie jetzt brauchte, war, dass Lady Vaughan plötzlich aus ihrem Zimmer kam und sie fragte, wo sie in dieser seltsamen Aufmachung hinwollte. Als sie die breite Eichentreppe erreicht hatte, beeilte sie sich noch mehr, huschte zwei Stufen auf einmal nehmend hinunter, lief durch die schwarz-weiß geflieste Eingangshalle zu der schweren Tür und blickte sich beim Öffnen über die Schulter um, um sich zu vergewissern, dass niemand sie gesehen hatte. Und dann war sie draußen in der eisigen Luft, wo die Geräusche aus dem Lazarett viel lauter waren: das Zischen der Kessel, die Stimmen der Männer. Muntere Begrüßungen, Gelächter, Schreie.
Der Regen hatte aufgehört, aber der Nebel umfing sie mit eisigen Schwaden. Es war bitterkalt; schon jetzt fühlten sich ihre Hände taub an, aber es war zu spät, um zurückzugehen und Handschuhe zu holen. Sie hastete um den Ostflügel des Gebäudes herum, duckte sich unter dem großen Erkerfenster des Speiseraums vorbei, für den Fall, dass Lady Vaughan bereits beim Frühstück saß oder Mrs Moggs dabei war, den Tisch zu decken und ihrer stets verdrießlich aussehenden kleine Tochter Olwyn beizubringen, wo das Buttermesser hinzulegen oder wie eine Serviette auf dem Sèvres-Porzellan zu platzieren war.
Evelyn rannte beinahe in eine Schar Krankenschwestern hinein, die auf dem Weg zu ihrer morgendlichen Schicht waren. Eine von ihnen rief ihren Namen, aber Evelyn lief weiter, eilte seitlich an den Krankenbaracken und dem Fahnenmast mit dem Sternenbanner vorbei, das dank des Wetters schon jetzt zerlumpt aussah, vorbei auch an den Vorratszelten und dem abscheulichen Müllverbrennungsofen, in dem sie die Abfälle verbrannten, und dem großen Wasserturm aus Beton, den die Soldaten während des vergangenen Sommers erbaut hatten, als man fürchtete, der Brunnen könne austrocknen. Auf dem Dach des Turms sah sie eine Silhouette im Nebel, es war der Pfau, der wie ein Prinz auf das ausgedehnte Lager herabschaute.
Evelyn ließ das Lazarett hinter sich und rannte durch den ummauerten Gemüsegarten, passierte Gewächshäuser und überquerte den Rasen, und das Einzige, woran sie dachte, war, Billy zu finden. Sie würde ihn zurückbringen, ihn am Feuer in ihrem Zimmer wärmen, ihn in ihre Daunendecke wickeln, ihn mit einem Marmeladenbrot füttern, und Nelli würde süßen Tee für ihn holen. Peter wäre so froh, seinen großen Bruder gesund und wohlbehalten zurückzuhaben, und Evelyn würde die Jungs niemals mehr bitten, Botengänge für sie zu machen.
Sie hastete über das feuchte Gras. Der schwarze Samtumhang flatterte hinter ihr her wie ein Flügelpaar. Bald drängte sie sich zwischen den kahlen Ästen der Rhododendren hindurch und erreichte den Bergpfad. Sie machte sich auf den Weg nach oben und achtete darauf, auf dem rutschigen Schiefer nicht den Halt zu verlieren.
Das Wetter schien aufzuklaren, der Nebel lichtete sich und gab den Blick auf einen tief hängenden grauen Himmel frei. Als sie höher hinaufstieg, breitete sich vor ihr Snowdonia aus wie ein endloses Gemälde voller Gipfel und Senken in einer Million unterschiedlicher Schattierungen von Grau.
Evelyn erkannte die Stelle wieder, an der sie am Tag zuvor ausgerutscht war; da war das Heidekraut, das sie bei dem Versuch, ihren Sturz abzufangen, aus der Erde gerissen hatte. Sie blickte hinauf zu dem zerklüfteten Kamm und kletterte weiter, ignorierte den Schmerz, ignorierte das Blut, das auf der Innenseite ihrer Oberschenkel hinabrann. Sie keuchte, und ihr Herz hämmerte in der Brust. Sie passierte die Stelle, an der das Flugzeug abgestürzt war. Wrackteile breiteten sich über den Berghang aus; große Haufen verbeultes Metall und Stücke des Rumpfs nisteten in dem Heidekraut, es sah aus, als reckte er seine bemalte Nase in die Landschaft. Evelyn schleppte sich weiter hinauf, kraxelte über Felsen, glitt aus und rutschte über kleine Rinnsale, deren Wasser sich in Eis verwandelt hatte. Erst als der Pfad endete, blieb sie stehen. Doch da war nichts als eine kahle Felswand auf der einen und ein zerklüfteter Vorsprung auf der anderen Seite. Dahinter lauerte der Abgrund.
Verzweifelt schaute Evelyn sich um, doch hier ging es nicht mehr weiter. Eine Aaskrähe kreiste über dem Abgrund, der vor ihr lag, und stieß einen kreischenden Ruf aus.
Evelyn ging hinunter auf alle viere und kroch wie ein Tier mit samtenem Fell langsam zum Rand des Abgrunds. Tief unten sah sie einen Bach, ein silbernes Band, das sich zwischen den Felsen entlangwand. Der Ranzen hatte sich zwischen zwei Felsbrocken verfangen, der Riemen war auf einer Seite abgerissen, und der lange braune Lederstreifen bewegte sich in der Strömung wie eine Schlange. Billy lag ein bisschen weiter vornim gurgelnden Wasser, der hagere Leib verdreht, die Arme ausgestreckt, die Augen weit geöffnet. Seine Gesichtszüge waren erschlafft, das freche Grinsen fortgespült, das goldene Haar verfilzt, ein Schuh verschwunden. In der Hand hielt er seine Steinschleuder, und von seiner Stirn starrte Evelyn eine klaffende Wunde entgegen, dunkel wie Teer trotz des Wassers, das in stetem Fluss darüber hinwegströmte.
Da war eine Menge Staub. Sie fragte sich, wann sie das letzte Mal unter der Anrichte gefegt hatte. Aber warum hätte sie unter der Anrichte fegen sollen? Niemand würde den Staub je sehen, es sei denn, er läge auf den kalten Natursteinplatten der Küche, den Kopf so verdreht, dass der gesammelte Schmutz unter der Anrichte das Einzige war, was man sehen konnte.
In dem Halbdunkel konnte sie Porzellanscherben und einen verschrumpelten Apfel ausmachen. Da waren auch kleine Bröckchen, von denen sie hoffte, dass es nur uralte Rosinen waren, keine Rattenköttel, und eine Murmel, die vermutlich Robert gehört hatte. Er hatte Murmeln geliebt; seine Sammlung hatte er in einem großen Einmachglas aufbewahrt. Er hatte sich bestimmt geärgert, dass er so eine schöne Murmel verloren hatte. Evelyn glaubte, sich an die Suche danach zu erinnern. Warum hatte sie nicht daran gedacht, unter der Anrichte zu gucken? Vermutlich hatte sie zu viel zu tun gehabt. Vor fünfzig Jahren hatte sie immer zu viel zu tun gehabt: das Haus, der Garten, ihre Schreiberei, die Wohltätigkeit, die Schule. Und da waren ja auch noch Robert und Howard, die beide, jeder auf seine Weise, eine Menge ihrer Zeit beansprucht hatten.
Nun hatte Evelyn mehr Zeit, auch wenn sie die lieber nicht auf dem Küchenboden liegend zugebracht hätte. Ihr war schrecklich kalt. Sie spürte einen eisigen Luftzug, der durch die offene Tür hereinwehte. Sie wusste, sie durfte nicht einschlafen; sie musste sich mit aller Kraft bemühen, wach zu bleiben, und sich einen Plan überlegen. Das allerdings erwies sich als sehr viel schwerer, als sie ursprünglich angenommen hatte. Ihr Blick wanderte hin und her. Allmählich gewöhnten sich ihre Augen an die Dunkelheit unter der Anrichte. Da lagen eine Haarnadel und eine Gabel und etwas Rundes, Glänzendes, eine Münze vielleicht oder ein in Folie verpacktes Toffee? Wenn sie nur drankäme, sie bekam langsam Hunger.
Ganz hinten, direkt an der Fußleiste, entdeckte sie einen Stift, einen altmodischen Füllhalter, der dort vielleicht schon vor Jahrzehnten hingeraten war, womöglich schon vor Evelyns Zeit. Ihre Schwiegermutter hatte ständig Listen geschrieben. Sie hatte die Küche zugepflastert mit Listen, auf denen stand, was Nelli alles zu erledigen hatte, und wenn das arme Mädchen ihre Handschrift nicht lesen konnte, hatte sie es angebrüllt und Mrs Moggs angehalten, Nelli auf grausame, rachsüchtige Art zu bestrafen. Evelyn schloss die Augen. Selbst nach all diesen Jahren wollte sie nicht an Lady Vaughan oder Mrs Moggs zurückdenken.
Evelyn träumte, sie wäre mit Nelli im Keller eingesperrt, hielte sie in den Armen und versicherte ihr, dass alles gut werdenwürde.
Evelyn erwachte. Etwas saß auf ihrem Bein. Klauen gruben sich in die nackte pergamentene Haut.
»Runter von mir, verflixter Vogel.«
Sie hörte ein wütendes Flügelschlagen und ein Rauschen, als sich eine lange Reihe Federn durch ihr Blickfeld bewegte. Ein Gesicht mit einem Schnabel beäugte sie. Sie fragte sich, wie lange der Pfau sie schon als Thron benutzt hatte.
»Verschwinde.«
Tapp, tapp, tapp.
Ein weiterer Pfau pickte beharrlich an der alten Keksdose herum, als wollte er Protest erheben. Die Körner, die sie einmal enthalten hatte, waren inzwischen vermutlich längst aufgepickt worden. Evelyn konnte immer noch das laute Klappern von Metall auf Naturstein hören, das erklungen war, als sie über die Türschwelle gestolpert und gestürzt war, das Prasseln, mit dem sich das Vogelfutter über den Boden verteilt hatte, und ihren eigenen schmerzvollen Aufschrei, als sie selbst auf die Steinplatten geprallt war.
Sie hatte die Hände ausgestreckt, um den Sturz abzufangen. An irgendeiner undefinierbaren Stelle in ihrem Körper hatte sie einen stechenden Schmerz gespürt, doch wenige Augenblicke danach hatte sie sich wieder gut gefühlt, etwas außer Atem, etwas zittrig, aber gut. Mit einem erleichterten Seufzer hatte sie versucht, sich aufzusetzen. In dem Moment war der Schmerz zurückgekehrt. Dieses Mal wohldefinierbar. In beiden Handgelenken. Ärgerlicherweise schien es, als könnte sie sich ohne Zuhilfenahme ihrer Hände nicht aufrichten. Sie rollte sich auf die Seite und versuchte, sich mithilfe ihres Ellbogens hochzustemmen, aber auch das erwies sich ohne funktionierende Handgelenke als unmöglich. Also drehte sie sich wieder auf den Bauch und versuchte es mit den Knien, wieder erfolglos. Es gelang ihr, sich sehr langsam vorwärtszuschieben, auf dem Bauch. Sie schaffte es bis zur Anrichte, ehe sie erschöpft liegen blieb. Mittels einer unglaublich schmerzhaften Handbewegung gelang es ihr, einen Blick auf ihre Armbanduhr zu werfen. Sie hatte den ganzen Vormittag gebraucht, um ein, zwei Meter voranzukommen. Bis zum Telefon im Salon würde sie Tage brauchen, eine ganze Woche womöglich, besonders, da sie dafür auch noch die steile Küchentreppe würde überwinden müssen.
»Mist, Mist, Mist.«
Tom hatte recht behalten. Sie brauchte wirklich eines dieser vermaledeiten schnurlosen Telefone, über die er dauernd redete. Oder vielleicht sogar eines dieser Alarmgeräte, die man um den Hals trug. Sie hatte sich so aufgeregt, als er vorgeschlagen hatte, sie solle sich eines anschaffen.
»Mist, Mist, Mist, Scheiße.«
Der japanische Kimono, den sie anstelle eines Morgenmantels trug, war hochgerutscht und hatte sich um ihre Hüften gerollt; ihr langes Seidennachthemd bedeckte nun kaum mehr ihre Knie. Sie hasste den Gedanken daran, so auszusehen, wenn sie jemand finden würde – wer auch immer das sein mochte.
Die kleine, diamantbesetzte Uhr an ihrem Handgelenk verschwand allmählich in dem anschwellenden Fleisch. Die Hand selbst war auch geschwollen, und diverse Ringe schnitten in ihre Finger. Das linke Handgelenk pulsierte genauso wie das rechte. Evelyn musste sich nicht erst ihre Zeit als Krankenschwester ins Gedächtnis rufen, um zu begreifen, dass ihre beiden Handgelenke ordentlich verstaucht waren, mindestens.
»Mist!«, schimpfte sie noch ein weiteres Mal, ehe sie tief Luft holte und, so laut sie konnte, schrie: »Ich hasse es, zweiundneunzig zu sein!«
Bethan hatte angenommen, vor dem Bahnhof würde eine lange Reihe Taxis stehen. Sie hatte sich vorgestellt, sie würde auf den weichen, warmen Sitz gleiten, während der Fahrer ihr Gepäck im Kofferraum verstaute. Danach wäre er mit einem Lächeln in den Wagen gesprungen und hätte gefragt: »Wo möchten Sie hin, meine Liebe?«
»Vaughan Court, bitte.«
»Ich bringe Sie in null Komma nichts hin!«
Er hätte die Scheibenwischer eingeschaltet, sie wären losgefahren, und Spritzwasser aus den Pfützen wäre unter den Rädern hervorgestoben. Vielleicht hätte ein Männerchor im Radio gesungen oder Tom Jones hätte The Green Grass of Home zum Besten gegeben.
Aber da waren keine Taxis, keine Fahrer, kein Männerchor und auch kein Tom Jones. Da waren nur der unablässige Nieselregen und ein verlassener Bahnhofsvorplatz, der von einer Straßenlaterne beschienen wurde, obwohl es erst drei Uhr nachmittags war.
Bethan blickte hinüber zur Straße, rieb die Hände aneinander und ärgerte sich, dass sie keinen dickeren Mantel eingepackt hatte. In London war es ein warmer Frühlingstag gewesen; dort hatte ihr alter Burberry-Trenchcoat perfekt gepasst. Sie wäre im Traum nicht auf die Idee gekommen, dass die Sonne am Ende ihrer Reise nicht scheinen könnte. In ihren Erinnerungen schien in Aberseren stets die Sonne.
Nach zehn Minuten dämmerte ihr, dass sie sich besser in Bewegung setzen sollte, und sei es nur, um einer Unterkühlung vorzubeugen. Sie erinnerte sich vage, in welche Richtung sie gehen musste. Es standen so oder so nur drei zur Auswahl: die Küstenstraße in nördlicher Richtung, die Küstenstraße in südlicher Richtung und die steile Bergstraße direkt geradeaus.
Zwischen Bergen und Meer, so hatte ihre Granny Nelli die Lage von Vaughan Court immer beschrieben. In Bethans Ohren klang das wunderbar romantisch, und von dieser Romantik geprägt waren auch ihre Erinnerungen an Evelyn und das Haus und an Wales.
Granny Nelli hatte ihr so viele Geschichten über ihre Heimat erzählt, von wunderschönen Damen, die aus Seen auftauchten, und sagenhaften Palästen unter dem Meer. Für Bethan war Wales immer ein geheimnisvolles Land gewesen, in dem Riesen umherstreiften und Frauen sich in Vögel verwandeln konnten. So ganz anders als Battersea, wo sie aufgewachsen war. Als Kind hatte sie sich immer so auf die jährlichen Besuche in North Wales gefreut, und als Erwachsene hatte sie viele Stunden auf dem Oberdeck eines Busses oder in der U-Bahn damit zugebracht, in diesen märchenhaften Erinnerungen zu schwelgen, die sich mit ihren Träumen vermischten, sodass sie manchmal nicht mehr so genau wusste, was real war und was sie sich nur eingebildet hatte.
Aber gerade fand sie es gar nicht mehr so mythisch oder romantisch hier. Bethan zerrte den schweren Koffer über das regennasse, glatte Pflaster, während Helikoptereltern in vorbeifahrenden Wagen auf ihrer Hetzjagd zur Schule das Wasser aus den Pfützen auf ihrer Jeans verteilten. Sie war froh, dass sie sich entschieden hatte, ihre Dr.-Martens-Stiefel anzuziehen. Ihre Mutter hatte sie davon überzeugt und sie gewarnt, das walisische Wetter könne launisch sein.
Das kannst du laut sagen, murmelte Bethan, als der Wind auffrischte.
Ihr langes rotes Haar peitschte ihr gegen die Wangen; die wilden Locken, die sie an diesem Morgen mit dem Glätteisen gebändigt hatte, waren längst wieder auf dem Weg zurück in ihr altes quirliges Leben. Bethan blieb stehen und strich sich das Haar aus dem Gesicht. Dabei berührten ihre Finger die kleinen Schwalbenohrringe, die ihre Großmutter ihr in ihrem Testament vermacht hatte. Nelli hatte sie von Evelyn geschenkt bekommen. Evelyn würde sich vielleicht freuen, wenn sie sah, dass sie von der Enkelin ihrer Freundin immer noch getragen und wertgeschätzt wurden.
Bethan setzte sich wieder in Bewegung. Die Straße kam ihr viel länger vor, als sie sie in Erinnerung hatte. Die Reihe verschiedenfarbiger Cottages entlang der Straße, die von der Küste aus bergan verlief, machte imposanten viktorianischen Villen Platz, von denen die meisten inzwischen als Bed & Breakfast oder Gästehäuser dienten; eines wurde auf einem rostigen Schild als Luxus Boutique Hotel ausgewiesen. Der Garten des Hauses grenzte an den Friedhof und die Kapelle mit den hohen Bogenfenstern und der imposanten grauen Fassade. Jenseits der Kapelle schlossen sich weitere Häuser an, eine Ansammlung von Doppelhäusern in imitiertem Tudorstil, die bald einer endlosen Reihe von Bungalows mit ordentlichen Vorgärten und kitschigen Namen wichen. Im Vorbeigehen fiel ihr die Zufahrt zu einem Golfclub auf, an den sie sich nicht erinnern konnte. Red Rock Golf Club, Restaurant & Spa stand in eingeätzten Buchstaben auf einer monumentalen Schieferplatte am Anfang der von Narzissen gesäumten Auffahrt. In der Ferne konnte sie einen schicken Flachbau mit Zedernholzverkleidung und Rauchglasfenstern sehen, vor dem etliche teure Wagen parkten. Bethan stellte sich einen Whirlpool vor und Ruheräume mit Lavendelduft. Sie stellte sich vor, in einen flauschigen weißen Bademantel eingewickelt dazuliegen, während geschickte Finger ihre schmerzenden Füße massierten und eine Kellnerin ihr ein großes Glas Chardonnay und eine Riesenschale Chips brachte.
Sie verdrängte die Fantasien aus ihrem Kopf und zwang sich weiterzugehen; allzu weit konnte es ja gewiss nicht mehr sein.
Die Bungalows endeten an einem Flickwerk aus Feldern, die sich über die zerklüfteten Gebirgsausläufer verteilten. Schafe drängten sich an windgepeitschte Hecken und sahen so durchnässt und elend aus, wie Bethan sich allmählich fühlte.
Sie hielt den Kopf zum Schutz vor dem Nieselregen gesenkt und trottete weiter. Der Bahnhof lag inzwischen weit hinter ihr, und die See war nur ein ferner grauer Streifen. Die Stadt hinter ihr schmiegte sich in die Bucht, während sich vor ihr die Berge den tief hängenden Wolken entgegenreckten. Dann und wann blickte Bethan auf der Suche nach der Kirche auf, die ihr als Orientierungspunkt im Gedächtnis geblieben war.
Endlich tauchte die vertraute goldene Wetterfahne hoch oben auf dem kunstvoll verzierten Glockenturm auf; die Kirche auf dem Anwesen der Familie Vaughan war so viel hübscher als die schmucklose Kapelle in der Ortschaft. Sie thronte auf einem kleinen Hügel gegenüber den Torpfosten von Vaughan Court. Bethan hatte sie nur einmal betreten, vor vielen Jahren, anlässlich der Bestattung ihrer Großmutter.
Evelyn hatte darauf bestanden, dass Nelli nach all den Jahren im Dienst der Familie und den vielen weiteren Jahren, in denen sie die Oak Hill School geleitet hatte, auf dem Friedhof der Kirche beigesetzt wurde.
Der Sarg war aus Weidengeflecht, in das Hunderte bunter Bänder eingearbeitet worden waren, von denen ein jedes eines der Kinder repräsentierte, die unter Nellis Obhut in Oak Hill zur Schule gegangen waren. Alte Männer, die Bethan nicht kannte, hatten ihn in die Kirche getragen und auch wieder hinaus. Ihre Mutter hatte ihr erklärt, es wären Einheimische, die Nelli als Kind in Aberseren gekannt hatten. Einer von ihnen hatte ebenfalls auf Vaughan Court gearbeitet, ehe er losgezogen war, um im Zweiten Weltkrieg zu kämpfen.
»Ich war der Stiefeljunge und sie das Küchenmädchen«, hatte er später mit dem Mund voller Eiersandwich im Salon von Vaughan Court erklärt. »Wir haben am selben Tag angefangen; wir hatten erst eine Woche zuvor die Schule verlassen. Wir waren gerade vierzehn, und zur Teezeit hatte die Hausdame uns beiden schon eine Abreibung verabreicht. Das hat Wunder gewirkt, wir wussten stets genau, was von uns erwartet wurde, anders als die heutige Jugend.« Dabei hatte er Bethan streng angeblickt. »Wir brauchen wieder mehr Disziplin, sage ich.« Bethans Eltern hatten einen kurzen Blick gewechselt und vorgeschlagen, dass sie vielleicht besser draußen spielen sollte.
Bethan hatte während der Trauerfeier unentwegt die bunten Kirchenfenster angestarrt, von denen jedes eine Geschichte erzählte, die Bethans atheistische Erziehung ihr vorenthalten hatte. Sie konnte nur raten, was die Lämmer und Lilien und die brennenden Bäume zu bedeuten hatten. Später hatten sie alle um das Grab herumgestanden, und der Kummer, den sie in diesem Augenblick empfand, hatte so gar nicht zu dem strahlend blauen Himmel passen wollen. Bethan hatte ihr Gesicht in den Rockfalten ihrer Mutter vergraben, als der farbenfrohe Sarg in die Erde gelassen wurde.
Später hatten Bethan und Robert im Garten Pfauenfedern gesucht, und Evelyn hatte ihnen die größte Rolle Smarties gegeben, die Bethan je gesehen hatte. Robert war vor Aufregung auf und ab gehüpft, obwohl er schon ein Mann in mittleren Jahren war. Bethan versuchte, sich zu erinnern, wie alt sie damals gewesen war – höchstens acht, denn als sie neun war, hatten ihre Eltern angefangen, ihren Urlaub in Frankreich zu verbringen, während sie vorher zusammen mit Granny Nelli immer für eine Woche nach Aberseren gefahren waren. Nelli hatte diese Zeit stets bei Evelyn verbracht, um, wie sie damals zu sagen pflegten, Versäumtes nachzuholen. Bethan und ihre Eltern hingegen waren im Red Rock Caravan Park gleich am Strand geblieben. Bethan hatte es geliebt, Tag um Tag im Sand zu spielen. Manchmal war Robert dazugestoßen, und sie hatten riesige Löcher gegraben und darauf gewartet, dass die Flut käme und sie mit Wasser füllte.
Nach Nellis Tod hatten Bethan und ihre Mutter weiterhin einmal im Jahr die weite Fahrt nach Aberseren unternommen, um Evelyn zu besuchen, aber sie blieben immer nur eine Nacht. Pflichtbesuch hatte Bethans Vater diese Stippvisiten genannt. Sie ist meine Taufpatin, hatte Bethans Mutter Maggie dagegengehalten. Ich mache mir Sorgen um sie. Sie lebt mitten im Nirgendwo, allein in diesem großen alten Haus. Sie muss einsam sein, seit der arme Robert gestorben ist.
Als Teenager hatte Bethan sich geweigert, weiter mit nach Wales zu kommen. Im Vergleich zu London war Aberseren so langweilig, und Evelyn wirkte immer so streng. Allzu neugierig musterte sie Bethan, das picklige Mädchen, das versuchte, Goth- und Boho-Style zu vermischen, und verzweifelt bemüht war, sein rotes Haar unter diversen Schattierungen von Blau oder Violett zu verbergen. Folglich hatte Bethan beschlossen, dass Evelyn snobistisch und selbstgerecht sein musste, und die historischen Liebesromane, die sie schrieb, konnten nur langweilig und altmodisch sein, verglichen mit den Werken der Autoren, die Bethan gern las, und den Büchern, die Bethan selbst schreiben wollte.
Heute fragte sich Bethan, wie sie Evelyn gegenüber nur so überheblich hatte sein können. Evelyn Vaughan, die Evelyn Vaughan. Millionen Leser auf der ganzen Welt liebten ihre Bücher; ihre Geschichten waren für das Fernsehen verfilmt worden, und einige hatten es sogar ins Kino geschafft. Bethan dachte über all das nach, was sie zur Vorbereitung auf dieses Interview im Internet gelesen hatte. Evelyn hatte die Oak Hill School für Kinder mit Lernbehinderungen gegründet, war für mehrere Regierungsausschüsse, die sich mit den Rechten von Menschen mit Behinderungen befasst hatten, beratend tätig gewesen. Sie hatte Reden im House of Lords gehalten und war mehrfach für ihren Einsatz ausgezeichnet worden. Sie war Member of the Order of the British Empire und hatte diverse andere Ehrungen erfahren. Ihr Wikipedia-Eintrag las sich beinahe wie der einer Heiligen. Bethan war verblüfft, dass so eine Frau die beste Freundin ihrer Granny Nelli gewesen war. Sie hatte nie verstanden, wie eine Küchenmagd und ihre Herrin sich so nahe kommen konnten.
Bethan ging an der Kirche vorbei und passierte die großen, steinernen Torpfosten von Vaughan Court.
Eine lange Auffahrtsstraße wand sich den Berg hoch zum Haus, gesäumt nur von ein paar kahlen Bäumen und einigen ungepflegten Reihen Narzissen. Bethan folgte der gewundenen Asphaltspur. Der Regen lief ihr aus den Haaren in die Augen, und sie nahm an, dass ihr Mascara inzwischen über beide Wangen verteilt war. Der Saum ihres Burberry-Mantels war voller Schlammspritzer, und ihre Handtasche glitt ihr ein ums andere Mal von der Schulter, bis sie schließlich aufgab und den Riemen diagonal über Brust und Schulter legte. So würde sie Evelyn nicht den Eindruck vermitteln, den sie eigentlich erwecken wollte: den einer erfolgreichen freiberuflichen Journalistin, so stilvoll wie Evelyn selbst, bereit, das Interview professionell und souverän in Angriff zu nehmen. Stattdessen würde sie nun Evelyns wundervolle Teppiche volltropfen; sie würde um ein Handtuch bitten und ihre Stiefel ausziehen müssen, damit sie trocknen konnten. Das neue Notizbuch, das sie an diesem Morgen am Bahnhof gekauft hatte, war in ihrer Handtasche vermutlich feucht geworden. Evelyn würde sie für eine blutige Anfängerin halten. Bethan wusste, dass sie ihr zunächst erklären musste, was die Frank war. Sie konnte nur hoffen, dass Evelyn das Konzept eines Online-Frauenmagazins verstehen würde.
Bethan trottete die Auffahrt hinauf. Von hier aus konnte sie weder den Verkehr noch die See hören, nur das rhythmische Rattern der Räder ihres Koffers, den sie regelmäßig um Schlaglöcher und andere schadhafte Stellen herumsteuern musste, an denen das Pflaster der Auffahrt vollständig im Schlamm versunken war. In Gedanken verfluchte sie Mal, der jetzt vermutlich auf der M25 warm und trocken in dem Nissan unterwegs war, den sie sich eigentlich teilen sollten. Sie fragte sich, ob er allein war, verdrängte den Gedanken aber gleich wieder. Sie war fest entschlossen, nicht über die Botschaften nachzudenken, die sein Handy spät am Abend mit einem leisen Ping meldete, oder über die langen Aufenthalte im Fitnessstudio, die Wochenenden, an denen er unbedingt noch ins Büro fahren musste.
Das ist ein neues Projekt, Babe. Du weißt doch, wie wichtig die Arbeit für mich ist.
Nun, dies war ihr Projekt, ihre Arbeit. Sie hoffte, das Interview mit Evelyn würde ihr mehr Aufträge einbringen und sie so in die Lage versetzen, ihren Brotjob im Café an den Nagel zu hängen. Dann würde sie vielleicht endlich das Gefühl haben, sie könne sich wirklich Journalistin nennen und vielleicht eines Tages sogar den Roman schreiben, von dem sie schon seit der Kindheit träumte. Sie betrachtete die Szenerie, die vor ihr lag. Sie sah aus wie der Schauplatz, den sie sich für die Geschichte vorgestellt hatte, die hervorzuzaubern ihr bis jetzt noch nicht gelungen war.
Vor ihr ragten die Berge auf wie eine Theaterkulisse, eine dramatische Szenerie aus zerklüfteten Felsen und düsteren Wolken. Bethan versuchte sich vorzustellen, wie ihre Protagonisten durch diese wilde Landschaft streiften. Aber ihre Gestalten waren zu unausgereift, sie blieben geisterhaft und verblassten schnell wieder, und Bethan ertappte sich dabei, dass sie wieder an Mal dachte und sich fragte, wo er war und wer bei ihm war.
In den Büschen neben ihr raschelte es. Bethan drehte sich um und sah durch die kahlen Äste etwas Blaues aufblitzen.
»Hallo, ist da jemand?«, rief sie und umklammerte mit einer Hand die Handtasche. Sie erhielt keine Antwort. Dann fiel ihr auf, dass die Sträucher einen Weg überwucherten, der von der Zufahrt abzweigte und zu einem kleinen Holzhaus führte, eigentlich war es eher eine Bretterbude, kaum mehr als ein Spielhaus für Kinder. Es war von Efeu bedeckt, hinter dessen Laub nur ein einziges kreisrundes Fenster und eine Rundbogentür erkennbar waren. Bethan sah genauer hin; eine Erinnerung rührte sich, irgendetwas Beunruhigendes, etwas, das ihr Herz heftiger schlagen ließ. Der Wind lebte auf, und das Gebüsch raschelte wieder, doch dieses Mal wandte Bethan den Blick ab und eilte weiter. Sie ging nun schneller und fragte sich, ob sie sich geirrt hatte, ob dies womöglich gar nicht die Auffahrt war, sondern irgendeine Gebirgsstraße, die sie nirgendwohin führen würde, außer auf den Gipfel des Snowdon. Sie kontrollierte ihr Handy, kein Netz, von 4G ganz zu schweigen. Wenigstens hatte der Regen aufgehört.
Die Straße machte eine Kurve, und da war es plötzlich.
Ein Sonnenstrahl durchbrach die Wolkendecke und fiel wie der Lichtkegel eines Scheinwerfers auf die hellen Mauern des Hauses, beleuchtete den Dachgiebel, die großen, gewundenen Schornsteine, die Fassade aus rosafarbenem Sandstein, die von Koppelfenstern durchbrochen war, und die breiten Schieferstufen der Treppe, die hinauf zu der gewaltigen, uralten Eichentür führte. Über der Tür sah sie den kunstvollen, stuckverzierten Portikus mit dem steinernen Löwen, den sie als Kind so geliebt hatte. Er hockte auf dem Portikus, eine Pfote auf einem Wappenschild, und sein grimmiger Blick war für alle Zeiten hinaus auf die See gerichtet.
Bethan lief noch schneller, und bei dem Gedanken an das Feuer, das sicherlich im Kamin brennen würde, und an die behaglichen, mit Chintz bezogenen Sofas wurde ihr leichter ums Herz. Eine elegant gekleidete Evelyn würde Tee in feinen Porzellantassen servieren. Vielleicht gäbe es sogar Sandwiches oder einen Kuchen. Bethan war am Verhungern; sie hatte seit dem Frühstück nichts außer einer überreifen Banane und einem Sandwich aus dem Supermarkt gegessen. Dann blieb sie plötzlich stehen und betrachtete das Haus genauer. Es war nicht mehr so prächtig, wie sie es im Gedächtnis behalten hatte. Schieferplatten lagen auf dem Kies am Boden verstreut, und einige der Fensterscheiben waren gesprungen. Ein tiefer Riss zog sich durch den Portikus, und der Löwe balancierte in einem gefährlichen Winkel auf seinem Platz. Geborstene Steine lagen auf den Stufen, und als Bethan genauer hinsah, erkannte sie, dass das Wappenschild bereits halb abgebröckelt war.
Alles war sehr still. Bethan starrte hinauf zu den Fenstern im Obergeschoss des Hauses, von denen einige ebenfalls Sprünge hatten. Sie starrten blicklos zurück. Bethan schauderte, als die Sonne hinter den Wolken verschwand. Dann schritt sie auf die große Eichentür zu. Als sie die Hand nach der eisernen Kette ausstreckte, die als Klingelschnur diente, hörte sie einen langen schrillen Schrei.
Dem Schrei folgte ein Rascheln ganz in ihrer Nähe. Bethan drehte sich um und sah einen Wirbel aus Blau und Grün, als ein Pfau heranflog und auf der steinernen Balustrade der Treppe landete. Sein langer Schwanz hing hinter ihm herab, elegant wie eine Brautschleppe.
Bethan lächelte. Wie hatte sie nur die Pfauen vergessen können? Als Kind hatte sie Evelyns Zuhause nie Vaughan Court genannt, sondern immer nur Pfauenhaus. Hierherzukommen und die wundervollen Vögel zu bestaunen, war ein fester Bestandteil ihrer Sommerferien gewesen. In ihrem Zimmer oben in der kleinen Wohnung über der Töpferwerkstatt ihrer Eltern hatte sie eine ganze Sammlung von Pfauenfedern. Sie hatte sie alle in eine hohe blaue Vase gestellt, die im Brennofen gerissen war.
Ein weiterer Pfau stolzierte um die Ecke, blieb stehen, neigte den Kopf zur Seite und musterte sie.
»Hallo, Hübscher«, sagte Bethan. »Hast du dieses furchtbare Geräusch gemacht?«
Der Pfau plusterte sich auf und fächerte dann seinen Schwanz zu einem prachtvollen Rad auf.
Bethan drehte sich wieder zur Tür um, zog an dem Metallgriff der Glockenkette und hörte sie tief im Inneren des Hauses läuten. Aber niemand kam, um sie einzulassen. Sie trat einen Schritt zurück und blickte erneut zu den Fenstern im Obergeschoss hinauf. Hunderte kleiner Glasscheiben starrten zurück. Bethan wandte sich wieder der Tür zu und drehte den großen Metallring. Der Hebel auf der anderen Seite hob sich, aber die Tür gab nicht nach.
Sie ließ ihren Koffer an der Tür stehen und stieg die Stufen hinab zu dem Kiesweg, der um das Haus herumführte. Ihre Schritte knirschten auf den Kieselsteinen, als sie um die Ecke ging. Von dieser Stelle aus konnte sie den Knotengarten sehen, der sich unter ihr ausbreitete. Als Kind hatte sie die komplizierten Muster aus Zierhecken und Blumenbeeten geliebt, ein geometrisches Puzzle aus Rosen, Lavendel und Geranien. In der Mitte befand sich ein Brunnen mit einem Cherub, aus dessen offenem Mund das Wasser sprudelte. Bethan hatte einmal während des Nachmittagstees auf der Terrasse versucht, ihn mit Orangensaft nachzuahmen. Ihre Mutter war entsetzt gewesen, aber Robert hatte verzückt in die Hände geklatscht, und Evelyn hatte gesagt, es sei nicht so schlimm, und Bethan eine Leinenserviette gegeben, damit sie sich das Gesicht abwischen konnte.
Bethan stand auf der Terrasse und suchte den Garten nach Evelyn ab. Die niedrige Zierhecke sah verwildert aus, und der Brunnen samt dem Cherub verschwand schon halb unter dem Brombeergestrüpp, das auch die Blumenbeete erstickt zu haben schien.
Ein weiterer Pfau hüpfte ganz in ihrer Nähe auf die Balustrade. Bethan zückte ihr Smartphone; sie konnte der Versuchung, ein Foto zu machen, nicht widerstehen. Sie dachte daran, es ihrer Mutter zu schicken, um sie wissen zu lassen, dass sie angekommen war; Maggie war ganz aufgeregt gewesen wegen des Interviews. Ich kann es nicht erwarten, es zu lesen, hatte sie am Abend zuvor gesagt, als Bethan nach der Arbeit kurz bei ihren Eltern vorbeigeschaut hatte. Granny hätte es gefallen, dass du über Evelyn schreibst. Ich würde dich ja begleiten, aber wir haben so viel mit den Vorbereitungen für die Ausstellung zu tun. Bethan hatte die Stapel staubiger weißer Schalen und die vielen Vasen betrachtet, die auf dem Boden der Werkstatt standen. Ihr Vater hatte Tag und Nacht an der Töpferscheibe gestanden, um sie herzustellen, und nun warteten sie darauf, dass Maggie die fröhlichen bunten Muster hinzufügte, die sie alle zum Leben erwecken würden.
Bethan ging einen Schritt näher an den Pfau heran und schoss ein paar Nahaufnahmen von seinem Schwanz in der Hoffnung, sie könnten ihrer Mutter als Inspiration dienen. Kurz überlegte sie, ob Mal sich wohl auch für den Pfau interessieren würde. Dann fiel ihr wieder ein, dass sie kein Netz hatte, also steckte sie das Handy wieder ein und ging weiter zur Rückseite des Hauses.
Sekunden später hatte sie das Handy schon wieder in der Hand und machte Fotos von einer großen, mit Pfauen geschmückten Zeder. Auf jedem Ast schien einer zu sitzen. Die Zeder sah aus wie ein prachtvoll geschmückter Christbaum. Überall waren Pfauen, nicht nur auf dem Baum. Etliche thronten auf der hohen Mauer des Küchengartens, weitere auf den Dachpfannen der Stallungen, und einer stand, den Schwanz in all seiner Pracht zum Rad geschlagen, auf der Motorhaube des hellblauen MG-Cabriolets. Bethan erinnerte sich, dass Evelyn sie vor über zwanzig Jahren darin zu einer Spazierfahrt mitgenommen hatte. Zu einer »Spritztour«. Evelyn hatte eine dunkle Brille und einen Mantel mit Leopardenmuster getragen. In den Augen der achtjährigen Bethan hatte sie unfassbar glamourös ausgesehen, obwohl Evelyn da längst in ihren Siebzigern gewesen sein musste.
»Evelyn«, rief Bethan. »Evelyn, bist du da?«
Der Pfau auf dem Wagen stieß einen schrillen Schrei aus, ein anderer antwortete, dann noch einer, bis schließlich eine Kakofonie gellender Pfauenrufe die Luft erfüllte. Das Gekreische wurde von den Bergen zurückgeworfen und wurde damit noch vielstimmiger, sodass sich Bethan irgendwann einfach die Ohren zuhielt.
Sie rannte, kraxelte über Felsen und Steine, stapfte durch Bäche ohne Rücksicht auf die Hausschuhe aus Filz, die sie trug. Hinter sich hörte sie Billy und Peter rufen; die beiden forderten sie auf, stehen zu bleiben. Aber das konnte sie nicht, sie musste zu dem Flugzeug. Der Gestank war fürchterlich, in der Luft hing der giftige Qualm von brennendem Treibstoff und Gummi. Sie konnte den zerfetzten, verbeulten Metallklumpen sehen, sah den verletzten Mann im Cockpit; Flammen leckten an dem Glas.
»Bleiben Sie zurück!«, brüllten die Jungs. »Verdammt noch mal, sie wird explodieren.« Aber Evelyn rannte weiter. Sie rutschte auf dem Schiefergestein aus und fiel hin.
Sie rappelte sich wieder auf. Nur noch ein paar Schritte. Sie konnte schon die dunklen Locken des Piloten erkennen, sein schweißnasses Gesicht. Seine Augen waren offen, und er versuchte zu sprechen. Doch sie konnte ihn nicht hören. Sie wollte helfen, versuchte, einen Weg ins Cockpit zu finden. Aber es war so heiß. Dann begann das Flugzeug, sich vor ihren Augen aufzulösen, es verschwand in einem wabernden Nebel, und die Hitze wich einer klirrenden Kälte.
Jack!
Evelyn erwachte.
Sie lag immer noch auf dem Boden.
Die Vögel machten draußen eine Menge Lärm. Sie wünschte, sie würden etwas Nützlicheres tun, beispielsweise runter in den Ort gehen und Tom sagen, dass sie Hilfe brauchte. Sie versuchte erneut, auf ihre Armbanduhr zu schauen, aber es tat zu weh, den Arm zu bewegen. Sie nahm an, dass es längst Teezeit sein musste, und dann fiel ihr das Mädchen ein. Das Mädchen wollte zur Teezeit kommen. Nellis Enkelin, Maggies Tochter. War das heute? Evelyn versuchte, sich zu erinnern, aber in ihrem Kopf herrschte ein wildes Durcheinander aus Daten und Zeiten und Leuten – und mittendrin Jacks Gesicht. Er sah sie mit seinen dunklen Augen an, und sie spürte seinen Atem auf ihren Lippen.
Evelyn bemühte sich, sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren.
Das Mädchen hatte ihr einen Brief geschrieben und gefragt, ob es kommen könne. Es ging um ein Interview. Es war lange her, dass jemand sie hatte interviewen wollen. Aber an welchem Tag wollte sie kommen? Evelyn erinnerte sich, ein Zimmer für sie vorbereitet zu haben, Narzissen gepflückt und in einer Vase neben das Bett gestellt zu haben. Sie erinnerte sich, dass sie runter zu Olwyn Moggs Laden gefahren war, um eine Packung Kekse zu kaufen. Sie hatte Olwyn erzählt, dass das Mädchen sie besuchen käme, und Olwyn hatte die Nase gerümpft.
»Das muss man sich mal vorstellen, Nelli Evans’ Enkelin ist eine Journalistin, dabei konnte Nelli Evans noch nicht mal die Buchstaben des Alphabets aufsagen, von Lesen und Schreiben ganz zu schweigen.«
Am liebsten hätte Evelyn die Kekse zurückgegeben und wäre stattdessen zum Tesco in Caernarvon gegangen.
War das gestern gewesen?
Evelyn versuchte, sich zu erinnern, was in dem Brief gestanden hatte, den das Mädchen geschickt hatte. Es war eine Karte gewesen mit einem Bild von einer Vase mit Stiefmütterchen, offensichtlich ein Motiv, von dem das Mädchen dachte, es würde einer alten Dame gefallen.
Evelyn bewegte sich. Inzwischen tat ihr ganzer Körper weh. Er war schon ganz steif. Außerdem war ihr kalt, und sie war enorm müde. Wann war sie zu einer alten Dame geworden? Sie war doch ganz gewiss immer noch das Mädchen, das in der Wilton Crescent die Treppengeländer hinuntergerutscht war und darauf gewartet hatte, dass das Leben begann. Im Geiste fühlte sie sich jung, obwohl sie wusste, dass sie nicht mehr viel älter werden konnte. Sie schloss die Augen; vielleicht war dies der Tag, an dem sie damit aufhörte. Sie dachte an all die Leute, die schon gegangen waren. Ihre Eltern, ihr Bruder, Howard und seine grässliche Mutter, Nelli, Billy, Peter, der liebe süße Robert. Und Jack.
Jack. Sie sah ihn, wie er sie aus dem Bett gezogen hatte, um mit ihr zu tanzen. Die Holzdielen im Sommerhaus fühlten sich unter ihren nackten Füßen warm an; Staubkörnchen hingen in der Luft wie winzige Diamanten, während Frank Sinatras Stimme aus dem Lautsprecher des Grammophons am Boden schmachtete.
Du tanzt wundervoll, Evelyn.
»Evelyn.«
Du auch, Jack.
»Evelyn.«
Wenn wir alt sind, werden wir immer noch so tanzen, jeden einzelnen Tag.
»Evelyn.«
Glaubst du wirklich, wir werden zusammen sein, wenn wir alt sind?
»Evelyn, bitte!«
Oh ja, genauso wird es sein, ich verspreche es dir.
»Evelyn! Verdammt, wo ist das Telefon?«
Ich liebe dich, Jack.
Und ich liebe dich, Evelyn. Von ganzem Herzen.
»Evelyn, kannst du die Augen aufmachen?«
»Nelli?«
»Oh, Gott sei Dank. Evelyn, sag mir, wo das Telefon ist, dann rufe ich einen Krankenwagen.«
»Nelli?«, wiederholte Evelyn.
»Nein, ich bin’s, Bethan.«
Evelyn sah das Mädchen an, das neben ihr kniete. Sie hatte ein hübsches Gesicht voller Sommersprossen und lockiges rotes Haar.
»Du siehst aus wie Nelli.«
»Nelli war meine Großmutter. Ich habe dir geschrieben, dass ich dich besuchen will. Du hast mir eine Postkarte geschickt, auf der stand, heute wäre ein guter Tag.«
»Es ist kein guter Tag.«
»Das sehe ich.« Das Mädchen stand auf. »Wo ist das Telefon? Ich werde einen Krankenwagen rufen.«
»Nein!«
»Aber du bist verletzt und hast Schmerzen.«
»Nein! Kein Krankenwagen.« Evelyn war völlig außer Atem. Die Mühe, die ihr das Sprechen bereitete, war kräftezehrend. »Tom. Hol Tom.«
»Wer ist Tom?«
»Arzt. Mein Arzt. Im Ort.«
»Gibt es hier ein Telefon? Mein Handy hat kein Netz.«
»Nicht anrufen«, würgte Evelyn hervor. »Hol ihn. Praxis. Weißes Haus.« Jedes Wort schien ihr mehr Mühe zu bereiten.
»Ich habe keinen Wagen dabei. Ich bin vom Bahnhof zu Fuß gekommen.«
»Mein Wagen. Schlüssel.« Evelyn wollte auf die Tür zeigen, aber bei dem Versuch, die Hand zu heben, durchfuhr sie ein höllischer Schmerz.
Das Mädchen ging erneut neben ihr in die Knie und legte etwas über Evelyns nackte Beine. Evelyn konnte nicht sehen, was es war, aber sie nahm an, dass es sich um Howards alte Jägerjacke handelte, die bis heute an ihrem Haken neben der Hintertür hing. Das Mädchen trug Ohrringe, kleine goldene Schwalben, sie kamen ihr bekannt vor.
»Ich glaube wirklich, es wäre besser, einen Krankenwagen zu rufen«, sagte es.
»Nein!« Evelyn trat mit einem Bein aus. Die Jacke glitt herunter.
Das Mädchen deckte Evelyn wieder zu und stand auf.
»Okay, ich hole Tom. Bleib du nur ganz ruhig hier liegen. Ich beeile mich.«
Evelyn wollte ihr sagen, sie solle endlich losfahren, doch ihr fielen die Augen zu, und sie sah Nelli, die in der Küche an der großen steinernen Spüle stand und Kartoffeln schälte. Sie flüsterte Evelyn zu: Ich habe noch einen Brief von meinem Lloyd bekommen. Lesen Sie ihn mir vor? Ich möchte wissen, ob sein Schiff immer noch im Mittelmeer ist. Mein Paps sagt, sie könnten Minen suchen.
Nelli Evans! peidiwch â phoeni’n Lady Evelyn n gydâ’ch sgwrs.
Mrs Moggs schalt das Mädchen auf Walisisch und stopfte Nellis rote Locken unsanft zurück unter die alberne Spitzenhaube, die Lady Vaughan ihr zu tragen befohlen hatte.
Evelyn wollte Mrs Moggs sagen, sie solle Nelli in Ruhe lassen. Aber sie wusste, das würde dem Mädchen nur noch mehr Ärger einbringen, sobald Evelyn die Küche verlassen hatte. Also schenkte sie Nelli stattdessen nur ein mitfühlendes Lächeln und ging wieder nach oben, um mit Lady Vaughan auf das wie auch immer geartete erbärmliche Essen zu warten, das heute aus Mrs Moggs Kochkünsten und ihren Rationen entstehen würde.
Wenigstens gab es im Krankenhaus Netzempfang. Und eine Costa-Coffee-Filiale. Bethan saß in einem riesigen Lehnsessel, zog ihr Handy hervor und fing an zu tippen.
Hi Mal, das Interview ist nicht ganz plangemäß verlaufen. Evelyn ist gestürzt und hat sich beide Handgelenke gebrochen. Ich bin jetzt im Krankenhaus und warte darauf, dass die Ärzte sich vergewissert haben, dass nicht noch Schlimmeres passiert ist.
Mir geht es gut, und ich halte dich auf dem Laufenden, wenn ich kann. Hier gibt es nicht überall ein Netz. Kann mein Geburtstagswochenende kaum erwarten, das Hotel in Brighton sieht wundervoll aus. Schick mir eine Nachricht. Xxx
Bethan las den Text noch einmal durch und fügte »Du fehlst mir« hinzu, ehe sie auf »Senden« drückte.
Ein junges Paar kam herein und setzte sich auf das Ledersofa an der gegenüberliegenden Wand. Die junge Frau war hochschwanger; der Mann legte den Arm um sie und fing an, ihr den Rücken zu reiben. Bethan starrte auf ihr Handy. Mal war vermutlich im Fitnesscenter und würde erst antworten, wenn er mit seinem Training fertig war. Sie fing an, eine neue Nachricht zu tippen.
Hi Mum, wollte dir nur sagen, dass ich bei der Ankunft Evelyn verletzt auf dem Küchenboden gefunden habe. Sie war gestürzt, und jetzt ist sie im Krankenhaus. Sie hat sich beide Handgelenke gebrochen und wird gerade untersucht. Die Ärzte wollen ausschließen, dass noch irgendwas anderes ist. Sie ist bei Bewusstsein und böse auf mich!! Ich bin ins Costas geflüchtet, wo ich einen Kaffee trinke und Muffins esse. Evelyn muss über Nacht hierbleiben, also werde ich einfach auf ein Taxi warten, das mich zum Haus zurückbringt. Ich warte jetzt schon seit einer halben Stunde. (Wie es aussieht, ist Bangor nicht Battersea, wenn es um Taxis geht – oder um irgendetwas anderes, nehme ich an!) Ich bin mit Evelyns kleinem MG gefahren und glaube, jetzt ist er kaputt. Ich habe mich bisher noch nicht getraut, es ihr zu sagen! Morgen früh fahre ich dann wieder ins Krankenhaus.
Die Antwort ihrer Mutter traf exakt zwei Minuten später ein.
Arme Evelyn! Bitte lass mich wissen, was die Ärzte sagen. Dumme Sache, das mit dem Wagen. Der muss inzwischen ein echter Oldtimer sein. Wie kommst du morgen wieder zum Krankenhaus? Und kommst du in diesem riesigen Haus allein zurecht? Wenn doch nur die Ausstellung nicht wäre! Ich würde sonst sofort nach Wales kommen und mich um euch beide kümmern. Wir brennen gerade die erste Glasur, während ich das schreibe! Dein Vater wird die ganze Nacht vor Sorge kein Auge zutun. Alles Liebe, Mum xxx
Mum! Ich bin eine erwachsene Frau. Natürlich komme ich allein in dem Haus zurecht. Ich gebe dir morgen Bescheid, was die Ärzte wegen E sagen. Hoffentlich ist sie dann ein bisschen weniger grantig. Ihr Hausarzt aus dem Ort nimmt mich morgen früh mit; der ist selbst ein bisschen grantig. Liebe Grüße an Dad – mögen die Brennofengötter euch gnädig sein.
Zu guter Letzt schickte Bethan ihrer Mutter noch das Bild von dem radschlagenden Pfau.
Inspiration xx
Bethan trank einen Schluck von ihrem Kaffee und dachte über den grantigen Arzt nach. Er schien sie für völlig unfähig zu halten und der Meinung zu sein, dass der Schaden an dem MG allein Folge ihrer ungeschickten Fahrweise sei.
Haben Sie vergessen, die Handbremse zu lösen? Haben Sie den Motor überdreht?
Das hatte sie natürlich nicht getan. Der kleine MG hatte von Anfang an die merkwürdigsten Geräusche gemacht und es nur halb die Auffahrt hinuntergeschafft, ehe er endgültig stehen geblieben war. Den Rest des Weges in den Ort war sie zu Fuß gelaufen, durch den Regen, der just in diesem Moment wieder eingesetzt hatte. Als sie in der Ferne das Schild des Aberseren Health Centers sehen konnte, war sie bereits bis auf die Haut durchnässt. Das Health Center residierte in einem Bungalow, dessen Tür sich automatisch vor Bethan öffnete. Sie betrat einen Raum mit einem langen Tresen, auf dem eine Vase mit Narzissen stand. Seitlich an den Wänden standen Stühle. Auf einem davon saß mit krummem Rücken ein alter Mann und hustete. Hinter der Empfangstheke stand ein junger Mann und telefonierte.
»Nein! So groß … Oh, das muss ja grauenhaft sein … Armes Ding … Ich sorge dafür, dass Sie schnell einen Termin bekommen.« Der Mann blickte zu Bethan auf. »Oh, warten Sie einen Moment, Mrs Griffiths, wir haben einen Notfall, ist gerade hereingekommen. Mrs Griffith, ich muss auflegen. Wir sehen uns dann morgen früh um neun.«
Der Mann kam hinter dem Tresen hervor. Er trug einen leuchtend violetten Wollpullunder und eine grüne Strickkrawatte.
»Setzen Sie sich«, sagte er und führte Bethan zu einem Stuhl. »Der Doktor ist in einer Minute bei Ihnen.«
»Ich brauche einen Krankenwagen«, entgegnete Bethan, zu aufgeregt, um Platz zu nehmen.
Der Mann legte ihr eine Hand auf den Arm.
»Ist es so schlimm? Was ist passiert? Sie sind bis auf die Haut durchnässt. Sind Sie ins Meer gefallen?«
»Evelyn Vaughan …«
»Lady Evelyn hat Sie ins Meer geschubst?« Der Mann riss erschrocken die Augen auf.
»Nein! Evelyn Vaughan hatte einen Unfall. Sie ist gestürzt, vielleicht hatte sie auch einen Schlaganfall. Ich weiß es nicht. Sie liegt in ihrem Haus auf dem Boden. Ich habe mich nicht getraut, sie zu bewegen, weil ich die Sache nicht noch schlimmer machen wollte.«
Aus den Räumen jenseits des Wartezimmers waren Geräusche zu hören und eine tiefe Männerstimme.
»Sie wissen doch, dass Sie immer vorbeikommen können. Manchmal ist ein nettes Gespräch die beste Medizin.«
Es öffnete sich eine Tür neben dem Tresen, und eine müde aussehende Frau mit einem Säugling auf dem Arm betrat das Wartezimmer, ihr folgte ein Kleinkind, das sich an ihrem Mantelsaum festklammerte.
»Danke, Doktor Tom«, sagte die Frau. »Ich fühle mich schon sehr viel besser.«
Zuletzt erschien ein großer, auf robuste Art attraktiver Mann in der Tür. Silberne Strähnen durchzogen sein zerzaustes Haar. Sein Gesicht sah allerdings nicht so aus, als sei er schon alt genug für graue Haare.
Als er Bethan sah, hielt er inne und deutete auf den Korridor, der hinter der Tür lag.
»Sie können gleich durchgehen. Hat Owen Ihre Daten aufgenommen?«
Die Frau blieb ebenfalls stehen und musterte die durchnässte Bethan vom Scheitel bis zur Sohle.
Dann setzte sie sich auf einen der Stühle, als wollte sie sich die Show ansehen, und begann, ihrem Baby die Flasche zu geben.
Der junge Mann im Pullunder eilte wieder zurück auf die andere Seite des Tresens und raschelte geschäftig mit irgendwelchen Papieren.
»Sie ist nicht diejenige, die Sie braucht, Doktor Tom«, sagte er mit einem Nicken in Bethans Richtung. »Sie sagt, auf Vaughan Court sei etwas passiert. Lady Evelyn ist gestürzt, und sie hat sie auf dem Boden liegen lassen.«
»Ich habe sie nicht einfach liegen lassen!«, protestierte Bethan. »Ich habe mich lediglich bemüht, so schnell wie möglich hierherzukommen.«
»Haben Sie einen Krankenwagen gerufen?« Der Arzt klang recht schroff.
»Ich konnte kein Telefon finden, und mein Handy hatte kein Netz.«
»Hier hat niemand ein Netz«, warf die Frau ein.
Der Mann am Empfang schürzte die Lippen.
»Hashtag: Arsch der Welt.«
»Sie wollte mir nicht sagen, wo das Telefon ist«, erklärte Bethan dem Arzt. »Sie hat darauf bestanden, dass ich herkomme und Sie mit ihrem Wagen abhole. Aber der Wagen ist in der Zufahrt liegen geblieben, und aus dem Motorraum roch es so komisch …«
»Rufen Sie einen Krankenwagen, Owen«, fiel ihr der Doktor ins Wort. »Ich fahre gleich zu ihr.« Er griff nach seinem Mantel, der an der Garderobe in der Ecke hing, und drehte sich dann wieder zu Bethan um. »Kommt der Krankenwagen an dem Auto in der Zufahrt vorbei?«
»Ja, ich denke schon. Ich habe mich bemüht, ihn an den Rand zu steuern, als …«
»Ich nehme Sie mit«, unterbrach sie der Arzt erneut.
»Danke.« Bethan bedachte ihn mit einem Lächeln, das jedoch nicht erwidert wurde. »Ich wollte Evelyn besuchen und über Nacht bei ihr bleiben. Sie ist eine alte Freundin der Familie.«
»Tja, Ihr Besuch wird wohl nicht ganz so amüsant werden, wie Sie es geplant hatten.« Tom schlüpfte in den Mantel.
»Ich bin nicht gekommen, um mich zu amüsieren.«
»Und was ist jetzt mit mir, Doktor Tom?« Aus der Ecke war ein Husten zu hören. »Ich glaube, ich habe eine bronchiale Pneumatik. Ich spüre genau, dass es von irgendwas Faulem in meiner Thoraxdrainage kommt.«
