Die Pflanzenfresser-WG - Laura Dessner - E-Book + Hörbuch

Die Pflanzenfresser-WG Hörbuch

Laura Dessner

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Beschreibung

Emilia möchte nur eins: den Verrat und die Lügen ihres Ex-Freundes vergessen und in München einen Neuanfang wagen. Dieser gestaltet sich allerdings schwierig, als sie zu der leidenschaftlichen Tierschützerin Lorena zieht, die nicht nur alle tierischen Produkte entsorgt, sondern auch keine Gelegenheit ungenutzt lässt, Emilia zu belehren. Perfekt ist das Chaos jedoch erst, als Nachbar Flo ins Spiel kommt, Lorena ungefragt ein felliges WG-Mitglied nach Hause bringt und Emilia erfährt, dass nicht ihr Ex-Freund sie vor all den Monaten belogen hat …

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Zeit:6 Std. 30 min

Veröffentlichungsjahr: 2022

Sprecher:Lilian Wilfart

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Impressum

1. Auf­la­ge 2022Co­py­right © 2022 Lau­ra Dess­ner

Lek­to­rat & Kor­rek­to­rat: Sa­rah Nier­witz­ki, www.sa­rah­nier­witz­ki.de/wort­kos­mos­lek­to­rat

Um­schlag­ge­stal­tung, Buch­satz und E-Book ­Kon­ver­tie­rung: Con­stan­ze Kra­mer, co­ver­bou­tique.de

Bild­nach­wei­se: © gra­phics­de­lu­xe, © Mara Zem­ga­lie­te, © An­drii Mu­zy­ka, © Inga Niel­sen, © Sci­set­ti Al­fio, © zo­lo­tons – stock.ad­o­be.com; © Elo­vich, © Fi­nal­stock – shut­ter­stock.com; ra­wpi­xel.com

Ver­lags­la­bel: young­blood books

ISBN Soft­co­ver: 978-3-347-69092-9ISBN Hard­co­ver: 978-3-347-69093-6ISBN E-Book: 978-3-347-69094-3

Das Werk, ein­schließ­lich sei­ner Tei­le, ist ur­he­ber­recht­lich ge­schützt. Für die In­hal­te ist die Au­to­rin ver­ant­wort­lich. Jede Ver­wer­tung ist ohne ihre Zu­stim­mung un­zu­läs­sig. Die Pu­bli­ka­ti­on und Ver­brei­tung er­fol­gen im Auf­trag der Au­to­rin, zu er­rei­chen un­ter: tre­di­ti­on GmbH, Ab­tei­lung »Im­pres­s­um­ser­vice«, Ha­len­reie 40 – 44, 22359 Ham­burg, Deut­sch­land.

Für mei­ne El­tern, die mich im­mer un­ter­stüt­zen –so ver­rückt mein Vor­ha­ben auch sein mag.Ich bin un­glaub­lich froh, euch zu ha­ben. ♥

Kapitel 1

»VE­GANS ONLY.«

Stirn­run­zelnd be­trach­te­te ich den Auf­kle­ber an der Tür, wäh­rend ich mir mein Han­dy fes­ter ans Ohr press­te. Das Frei­zei­chen er­tön­te schon zum sieb­ten Mal, doch nie­mand nahm ab. Flüch­tig sah ich auf den Bild­schirm mei­nes Han­dys, um die Uhr­zeit zu prü­fen. Sech­zehn Uhr zwölf. Die Frau am Te­le­fon ges­tern Abend hat­te mir ge­sagt, ich soll­te um sech­zehn Uhr hier sein. Und der Name, den sie mir ge­nannt hat­te, stand auf dem Klin­gel­schild vor mir, also muss­te ich rich­tig sein, oder?

Hät­te ich nicht so ein gu­tes Ge­fühl bei dem Ge­spräch ge­habt und so viel Hoff­nung in die­ses Tref­fen ge­setzt, wäre ich ver­mut­lich schon längst wie­der ge­gan­gen.

Mit ei­nem Seuf­zen be­en­de­te ich den An­ruf und be­schloss, ein letz­tes Mal zu klin­geln. Als wie er­war­tet noch im­mer nie­mand öff­ne­te und ich mich ge­ra­de ab­wen­den woll­te, hör­te ich un­ten die Haus­tür ins Schloss fal­len. Ich hielt inne und lausch­te. Schwe­re Schrit­te pol­ter­ten die Stu­fen hin­auf. War das etwa …?

Er­war­tungs­voll blick­te ich in Rich­tung Trep­pe und zog gleich dar­auf den Kopf ein, als mir ein grim­mi­ges Au­gen­paar ent­ge­gen­blick­te. Nein, das war si­cher nicht die Frau, die – »Ah, Emi­lia. Bi­en­ve­ni­da. Bist du schon so früh da?«

Schon so früh?

Ich ver­such­te, mir nicht an­mer­ken zu las­sen, wie ver­dat­tert ich war, und zwang mich zu ei­nem Lä­cheln. »Hal­lo, ich …«

Be­vor ich mei­nen Satz be­en­den konn­te, drück­te die Frau mir einen Schlüs­sel­bund in die Hand. »Sei so nett und sperr die Tür auf, por fa­vor. Das ist hier wirk­lich schwer.«

Mein Blick fiel auf die Ein­kaufs­tü­ten in ih­ren Hän­den. »Äh, klar. Kein Pro­blem.«

Ich schob mein Han­dy in mei­ne Ho­sen­ta­sche und be­gann, die Un­men­gen an Schlüs­seln in Au­gen­schein zu neh­men. Wie um al­les in der Welt be­hielt man bei die­ser Men­ge den Über­blick?

Ich ver­such­te mein Glück mit ei­nem der Schlüs­sel, aber na­tür­lich pass­te er nicht. Die Frau sah mir über die Schul­ter, was nun wirk­lich kei­ne Hil­fe war.

»Der ganz links … Nein, der an­de­re! No, la otra.«

Ich spür­te, wie sich mein Un­ter­kie­fer ver­krampf­te. Kei­ne Ah­nung, was ich von der Woh­nungs­be­sich­ti­gung er­war­tet hat­te, aber de­fi­ni­tiv nicht das hier.

Als ich nach ei­ner ge­fühl­ten Ewig­keit den rich­ti­gen Schlüs­sel ge­fun­den hat­te, hät­te ich bei­na­he er­leich­tert auf­ge­at­met, doch da sprach die Frau er­neut.

»Erst zie­hen, dann dre­hen!«

Nach ei­ni­gen An­läu­fen ließ sich die Tür end­lich öff­nen. Ge­ra­de woll­te ich mir mei­ne Schu­he aus­zie­hen, um sie im Trep­pen­haus ste­hen zu las­sen, als mich die Frau, von der ich an­nahm, dass sie Frau Seh­ner war, ins In­ne­re der Woh­nung trieb. »Ist schon okay. Das kann Lo­re­na sau­ber­ma­chen.«

Ich hob kaum merk­lich die Braue, wi­der­sprach aber nicht. Hieß das, die WG hat­te eine ei­ge­ne Putz­kraft? Das wäre prak­tisch.

Frau Seh­ner ging in die Kü­che und ließ die Tü­ten mit so viel Wucht auf den Tisch an der Wand fal­len, dass der dar­auf ste­hen­de Flach­bild­schirm wa­ckel­te. Mein Blick blieb für einen Mo­ment an ihm hän­gen. Nun, ich schätz­te, die Kü­che muss­te auch als Wohn­zim­mer her­hal­ten, denn be­son­ders groß war die Woh­nung mit ih­ren knapp fünf­zig Qua­drat­me­tern nicht.

Ich späh­te um die Ecke und er­blick­te ein Re­gal ne­ben dem Kühl­schrank, das mit Bü­chern und Ba­cku­ten­si­li­en ge­füllt war. Die Au­gen zu­sam­men­knei­fend, mach­te ich ein paar der Ti­tel aus: An­stän­dig es­sen, The Chi­na Stu­dy, Tie­re es­sen, Mei­ne Re­zep­te für eine bes­se­re Welt, Ani­mal Li­be­ra­ti­on – Die Be­frei­ung der Tie­re.

Hmm, das war nicht üb­li­che Kol­lek­ti­on an GU-Koch­bü­chern.

Frau Seh­ner be­gann in al­ler See­len­ru­he, Schrän­ke zu öff­nen und ihre Ein­käu­fe zu ver­stau­en. Ich mein­te, mich zu er­in­nern, sie hät­te bei un­se­rem Te­le­fonat ge­sagt, sie wür­de nicht selbst in der Woh­nung le­ben. Viel­leicht hat­te ich sie falsch ver­stan­den, aber sie wirk­te mit ge­schätzt Mit­te vier­zig ein biss­chen zu alt, um in ei­ner WG zu le­ben.

Als sie mir wei­ter­hin den Rü­cken zu­wand­te, über­leg­te ich, ob ich mich räus­pern soll­te, um auf mich auf­merk­sam zu ma­chen – oder ein­fach ge­hen. Es war mir un­an­ge­nehm, sie nur zu be­ob­ach­ten und ver­un­si­chert in ih­rer Woh­nung her­um­zu­ste­hen. Konn­te sie ihre Sa­chen nicht spä­ter aus­pa­cken?

Von ver­rück­ten WG-Cas­tings hat­te ich ge­hört, aber wie ein Geist be­han­delt zu wer­den – das hat­te ich mir in mei­nen wil­des­ten Träu­men nicht aus­ge­malt.

Ich dach­te an un­ser Te­le­fonat zu­rück, bei dem sie zu­nächst ziem­lich un­freund­lich ge­we­sen war, bis sie mei­nen Na­men ge­hört und her­aus­ge­fun­den hat­te, dass ich ar­gen­ti­ni­sche Wur­zeln hat­te und flie­ßend Spa­nisch sprach. Da­nach war sie nicht mehr zu brem­sen ge­we­sen. Tat­säch­lich hat­te sich das Te­le­fonat kaum um die Woh­nung, son­dern um mei­nen Va­ter ge­dreht, und dar­um, wann und war­um er nach Mün­chen ge­kom­men war und wie er mei­ne Mut­ter ken­nen­ge­lernt hat­te und was die bei­den be­ruf­lich mach­ten.

Im Ge­gen­zug hat­te Frau Seh­ner mir eine Kurz­fas­sung ih­rer ei­ge­nen Le­bens­ge­schich­te ge­ge­ben. Viel­mehr als dass sie ihre Hei­mat Peru schon in jun­gen Jah­ren ver­las­sen und einen Deut­schen ge­hei­ra­tet hat­te, hat­te ich nicht er­fah­ren. Denn als ihr im Hin­ter­grund eine Frau­en­stim­me et­was zu­ge­schri­en hat­te, hat­te sie es mit ei­nem Mal ei­lig ge­habt und mich kurz­fris­tig zu ei­ner Be­sich­ti­gung ein­ge­la­den.

Heu­te schien sie aber einen schlech­teren Tag zu ha­ben, denn im Mo­ment schien sie nicht im Ge­rings­ten in Plau­der­lau­ne zu sein.

»Soll ich viel­leicht ein an­de­res Mal wie­der­kom­men?«, er­in­ner­te ich sie höf­lich an mei­ne An­we­sen­heit.

Sie dreh­te sich zu mir um und setz­te ein Lä­cheln auf, das ihre fast schwa­r­zen Au­gen nicht er­reich­te. »Nein, nein. Schau dich ru­hig um, ich bin gleich fer­tig!«

So lief das also. Ich zö­ger­te kurz, be­gann dann aber einen Rund­gang durch die Woh­nung. Al­ler­dings kam ich nur dazu, einen Blick ins Ba­de­zim­mer zu wer­fen, ehe Frau Seh­ner so un­ver­mit­telt hin­ter mir auf­tauch­te, dass ich er­schrak.

»Du teilst dir die Woh­nung mit mei­ner Toch­ter Lo­re­na.«

Na Gott sei Dank.

»Die ist ge­ra­de nicht da. Das da ist dein Zim­mer.« Ich dreh­te mich um und folg­te ihr in den Raum links vom Bad, der bis auf einen Schrank, der einen Um­zug mit Si­cher­heit nicht mehr im Gan­zen über­ste­hen wür­de, und ei­ner Ma­trat­ze auf dem Bo­den leer war. Ob­wohl ich mir bes­ser Ge­dan­ken über die spär­li­che Ein­rich­tung und die fle­cki­gen Wän­de ma­chen soll­te (die ich auf den Fo­tos nicht be­merkt hat­te), konn­te ich nicht an­ders, als mich zu fra­gen, wie ihre Toch­ter wohl war.

»Das ist Lo­re­n­as Zim­mer«, sag­te die Frau und deu­te­te auf eine ver­schlos­se­ne Tür mit wei­te­ren bun­ten Auf­kle­bern. »Und die Kü­che und das Bad kennst du ja jetzt.«

Das war die wohl kür­zes­te Woh­nungs­be­sich­ti­gung al­ler Zei­ten. Vor­aus­ge­setzt, man be­rück­sich­tig­te nur die Zeit in und nicht vor der Woh­nung und ver­nach­läs­sig­te die Zeit für das Ein­räu­men der Ein­käu­fe.

»Hast du ein fes­tes Ein­kom­men?«, frag­te sie so plötz­lich und laut, dass ich zu­sam­men­zuck­te.

Ich biss mir auf die Un­ter­lip­pe. »Ja, na ja, also ich –«

»Gut«, un­ter­brach sie mich. »Wann ziehst du ein?«

Ich blin­zel­te. »Äh …«

»Nächs­te Wo­che?«

Ich dach­te an den Auf­kle­ber an der Woh­nungs­tür und dar­an, wie selt­sam mir das al­les hier vor­kam. »Ich weiß nicht. Ich … ich woll­te mir ei­gent­lich erst noch an­de­re Woh­nun­gen an­schau­en, be­vor ich mich ent­schei­de.«

Lo­re­n­as Mut­ter wink­te ab. »Was Bes­se­res fin­dest du nicht. Ich bie­te dir das Zim­mer für drei­hun­dert­fünf­zig im Mo­nat an.«

Das lag deut­lich un­ter dem Durch­schnitt und war we­ni­ger, als sie in die An­zei­ge ge­schrie­ben hat­te. Soll­te ich jetzt Freu­den­sprün­ge ma­chen oder lie­ber das Wei­te su­chen, weil der Preis so ver­däch­tig nied­rig war? War es mög­lich, dass ich schon beim ers­ten Ver­such eine be­zahl­ba­re Blei­be in Mün­chen ge­fun­den hat­te? Hmm.

»Soll­te ich nicht erst noch Lo­re­na ken­nen­ler­nen?«, frag­te ich. »Im­mer­hin wür­den wir zu­sam­men­le­ben.«

Sie schna­lz­te mit der Zun­ge. »Kein Pro­blem. Lo­re­na ist un poco com­pli­ca­da, aber ein net­tes Mäd­chen.«

»Der Auf­kle­ber an der Tür …«, be­gann ich zö­gernd.

Frau Seh­ner schüt­tel­te den Kopf. »Kei­ne Sor­ge, den wird sie weg­ma­chen.«

Ich nick­te, war al­ler­dings nicht über­zeugt. Ich hat­te mich ja nicht ein­mal nach an­de­ren Mög­lich­kei­ten um­ge­schaut, da ich di­rekt von Frau Seh­ner ein­ge­la­den wor­den war, und ehr­lich ge­sagt auch kei­ne Lust mehr ge­habt hat­te, zu su­chen. Ich ver­mu­te­te im­mer noch, dass sie nur so be­reit­wil­lig ge­we­sen war, weil mir mei­ne Spa­nisch­kennt­nis­se einen Sym­pa­thie­punkt bei ihr ein­ge­bracht hat­ten. Oder sie ging ein­fach da­von aus, dass ich eine un­kom­pli­zier­te Mie­te­rin sein wür­de.

Frau Seh­ner starr­te mich un­ge­dul­dig an, wor­auf­hin ich tief Luft hol­te und schließ­lich er­wi­der­te: »Ich wer­de dar­über nach­den­ken.«

Sie schnaub­te ab­fäl­lig. »Da musst du nicht nach­den­ken, pero bue­no. Ruf mich bis mor­gen Abend an.«

Als ich kur­ze Zeit spä­ter im Wohn­zim­mer mei­nes bes­ten Freun­des saß und ihm von der Woh­nungs­be­sich­ti­gung er­zähl­te, schüt­tel­te er nur mit dem Kopf.

»Du musst sie so­fort an­ru­fen und das Zim­mer neh­men!«

Ich hob eine Au­gen­braue. »Habe ich den Teil mit der War­te­rei, den Ein­käu­fen und dem merk­wür­di­gen Auf­kle­ber an der Woh­nungs­tür aus­ge­las­sen? Und den Bü­chern? Und dem rie­si­gen Fern­se­her auf dem Ess­zim­mer­tisch?«

Da­ni­el grins­te. »Nein, aber hast du eine Ah­nung, wie ver­dammt schwer es ist, in Mün­chen ein auch nur an­nä­hernd be­zahl­ba­res WG-Zim­mer zu be­kom­men? Nor­ma­le­r­wei­se hofft man dar­auf, dass die Ver­mie­ter sich mel­den und nicht an­ders­her­um. So eine Chan­ce kannst du dir nicht ent­ge­hen las­sen!« Als ich nicht so­fort ant­wor­te­te, setz­te er noch einen drauf: »Au­ßer­dem woll­test du doch et­was ris­kie­ren und selbst­stän­dig sein!«

Ich seufz­te. Lei­der war das nicht so leicht und aben­teu­er­lich, wie ich es mir vor­ge­stellt hat­te. Und wie ich her­um­po­saunt hat­te.

»Hast du ei­gent­lich et­was von dei­nen El­tern ge­hört?«, frag­te Da­ni­el mög­lichst bei­läu­fig, doch ich hör­te die Be­sorg­nis in sei­ner Stim­me. »Oder von Leo?«

»Nein!«, er­wi­der­te ich barsch. »Ich will mit kei­nem von ih­nen mehr et­was zu tun ha­ben.«

Da­ni­el sag­te nichts wei­ter und so schwie­gen wir uns an.

Es tat mir leid, dass ich ihn an­ge­fah­ren hat­te, aber Leo und mei­ne El­tern wa­ren die letz­ten Men­schen, an die ich den­ken woll­te.

Ich ließ mei­nen Blick durch den Raum schwei­fen. Über­all im Wohn­zim­mer la­gen mei­ne Sa­chen ver­streut. Zwei Klei­der­hau­fen in der Ecke, Pa­pier­sta­pel auf dem Tisch, mein Kof­fer und mein Ruck­sack hin­ter dem Sofa.

»Es wird Zeit, dass ich euch wie­der in Ruhe las­se.«

»Ach, so ein Blöd­sinn.« Da­ni­els Hand um­fass­te mein Knie. »Ob­wohl ich stark be­zweif­le, dass un­se­re Couch wirk­lich so be­quem ist, wie du im­mer be­haup­test.«

Ich ver­dreh­te die Au­gen. »Ich habe ja kei­ne ho­hen Ansprü­che oder so, aber ich weiß echt nicht, ob ich es pa­cke, mit ei­ner mi­li­tan­ten Ve­ga­ne­rin zu­sam­men­zu­le­ben.«

Da­ni­els Mund­win­kel ho­ben sich. »Du hast schon ganz an­de­res durch­ge­macht. Viel­leicht ist es ja wit­zig mit ihr.«

»Am Ende wäre mir doch ihre Mut­ter lie­ber als Mit­be­woh­ne­rin«, sag­te ich und seufz­te.

Ka­pi­tel 2

Ein paar Tage spä­ter stand ich wie­der vor der Tür mit dem we­nig ein­la­den­den Auf­kle­ber und klin­gel­te. Die­ses Mal hat­te ich mei­nen Kof­fer und den mon­s­trö­sen Rei­se­ruck­sack da­bei, dank dem ich stän­dig das Gleich­ge­wicht ver­lor, und war au­ßer­dem klatsch­nass, weil aus­ge­rech­net heu­te die Sint­flut los­ge­bro­chen war.

Eine jun­ge Frau öff­ne­te die Tür und mus­ter­te mich und die Pfüt­ze, die sich um mich ge­bil­det hat­te, mit zu­sam­men­ge­knif­fe­nen Au­gen. Das muss­te Lo­re­na sein, Frau Seh­ners Toch­ter. Sie wirk­te zwar et­was blas­ser als ihre Mut­ter, aber die pech­schwa­r­zen Haa­re und den mies ge­laun­ten Blick hat­te sie zwei­fel­los von ihr ge­erbt.

»Hi«, sag­te ich lä­chelnd. »Ich bin –«

Mit ei­nem lau­ten Knall fiel die Tür ins Schloss. Für einen Mo­ment stand ich re­gungs­los da. Mein Lä­cheln ver­schwand. Was war hier ge­ra­de pas­siert? Sah ich so ab­schre­ckend aus? Ein oh­ren­be­täu­ben­des Donner­grol­len er­tön­te und ließ mich zu­sam­men­zu­cken. Auf kei­nen Fall setz­te ich jetzt einen Fuß nach drau­ßen.

Ich klin­gel­te noch mal.

»Was?!«, blaff­te die Frau, als sie die Tür er­neut auf­riss.

»Hi, ich bin Emi­lia, dei­ne neue Mit­be­woh­ne­rin«, ant­wor­te­te ich kühl und streck­te ihr die Hand hin.

»Da­von weiß ich nichts.«

Schon knall­te sie die Tür wie­der zu.

Ich seufz­te und ließ mei­ne Hand sin­ken. Hät­te ich mich doch nur nicht von Da­ni­el dazu über­re­den las­sen, Frau Seh­ners An­ge­bot an­zu­neh­men. Kein Wun­der, dass die Mie­te bei so ei­ner un­freund­li­chen Mit­be­woh­ne­rin spott­bil­lig war!

Aber jetzt stand ich mit mei­nem gan­zen Zeug hier und wür­de nicht ein­fach kampf­los auf­ge­ben.

»Ich habe das mit dei­ner Mut­ter aus­ge­macht, Lo­re­na!«, rief ich, da­mit sie es durch die Tür hör­te. »Die ers­te Mie­te habe ich schon über­wie­sen und des­we­gen wer­de ich hier­blei­ben, bis du mich rein­lässt.«

»Da kannst du lan­ge war­ten!«, schrie sie.

Ich hat­te das star­ke Be­dürf­nis, mei­nen Kopf ge­gen die Wand zu schla­gen. Mei­ne Mit­be­woh­ne­rin durch­leb­te ent­we­der eine sehr spä­te Pu­ber­tät oder … sie war über­reizt und frus­triert, weil sie seit Jah­ren kei­nen Käse mehr ge­ges­sen hat oder so was. Ich konn­te je­den­falls recht un­ge­müt­lich wer­den, wenn ich Hun­ger hat­te.

»Du kennst mich doch noch über­haupt nicht!«, brüll­te ich mit be­müht kon­trol­lier­ter Stim­me.

Die Tür schwang auf.

»Bist du Ve­ga­ne­rin?«

Ich starr­te sie nur an.

»Mehr muss ich nicht wis­sen«, mein­te sie, ohne mei­ne Ant­wort ab­zu­war­ten. Ich ahn­te, was sie vor­hat­te, und trat ge­ra­de recht­zei­tig einen Schritt nach vor­ne. Mein Fuß mach­te es ihr un­mög­lich, die Tür zu schlie­ßen.

Sie ver­schränk­te die Arme vor der Brust. »Du hast kein Recht dar­auf, mei­ne Woh­nung zu be­tre­ten.«

Ich ver­dreh­te die Au­gen. »Ich war schon in un­se­rer Woh­nung und ver­ste­he echt nicht, war­um du so vor­ein­ge­nom­men bist.«

»Pff«, mach­te sie ab­wer­tend und ließ mich end­lich ein­tre­ten. »Aber lass dir ge­sagt sein, dass es hier Re­geln gibt, wenn du ein­zie­hen willst.«

Ich quetsch­te mich an Lo­re­na vor­bei, schlepp­te mein Ge­päck in die Woh­nung und be­trach­te­te sie mit hoch­ge­zo­ge­nen Au­gen­brau­en. »Wir wer­den uns nur ein Bad und den Kühl­schrank tei­len. Wir sind kein Ehe­paar«, stell­te ich klar, wäh­rend ich un­ge­schickt aus mei­nen Snea­kern schlüpf­te.

Lo­re­na lä­chel­te. »Aber um ge­nau die­sen Kühl­schrank geht es mir. In mei­ner Kü­che gibt es kei­ne tie­ri­schen Pro­duk­te.«

Ich stell­te mei­nen Ruck­sack ab und schäl­te mich aus mei­ner Ja­cke. »Dann wird sich das jetzt än­dern.«

Lo­re­na trat einen Schritt auf mich zu und fun­kel­te mich mit ih­ren dunk­len Au­gen an.

»Nur über mei­ne Lei­che. Ich schwö­re dir, dass ich al­les höchst­per­sön­lich in die Ton­ne wer­fe, was hier nicht her­ge­hört.«

Noch im Gang öff­ne­te ich mei­nen Kof­fer und be­gann da­mit, mei­ne T-Shirts in mein Zim­mer zu tra­gen und in den Schrank zu räu­men, des­sen Tü­ren be­sorg­nis­er­re­gend quietsch­ten und ächz­ten. Ich hät­te mei­nen Kof­fer und Ruck­sack auf die Ma­trat­ze wer­fen kön­nen, aber ich woll­te sie nicht nass und schmut­zig ma­chen und der Bo­den des Zim­mers bot nicht so viel Flä­che wie der Flur, um al­les be­quem aus­zu­pa­cken und in den Schrank zu räu­men.

»Und wo­von soll ich mich dann bit­te er­näh­ren?«, frag­te ich, wäh­rend ich zu­rück zu mei­nem Kof­fer ging, um als Nächs­tes mei­ne Ho­sen zu ho­len.

Lo­re­na stell­te sich mir grin­send in den Weg »Das wirst du recht schnell her­aus­fin­den. Du kannst dich gern von mei­nen Koch­bü­chern in­spi­rie­ren las­sen.«

»Nein, dan­ke.« Ich ver­zog das Ge­sicht. »Ich ste­he nicht so auf Sa­lat und Tofu.«

La­chend trat Lo­re­na bei­sei­te, da­mit ich an ihr vor­bei­ge­hen konn­te. »Wir wer­den eine tol­le Zeit mit­ein­an­der ha­ben, Eli­sa.«

Mir ent­wich ein Seuf­zen, doch ich kor­ri­gier­te sie nicht, denn ich ahn­te, dass man mit Lo­re­na nicht dis­ku­tie­ren woll­te.

Als ich we­nig spä­ter aus­ge­packt und den lee­ren Kof­fer und Ruck­sack auf den Schrank ge­hievt hat­te, um­ge­zo­gen war und auf der Ma­trat­ze lag und die De­cke an­starr­te, er­in­ner­te ich mich dar­an, wie ich vor nicht ein­mal drei Mo­na­ten Leos neue Woh­nung be­tre­ten hat­te.

Das Ers­te, was ich wahr­nahm, war der stren­ge Ge­ruch nach fri­scher Wand­fa­r­be und Putz­mit­tel. Doch mei­ne Ge­dan­ken wur­den schnell ab­ge­lenkt von dem schö­nen Echt­holz­par­kett­bo­den, den bo­den­tie­fen Fens­tern, die so viel Licht her­ein­lie­ßen, und der mo­der­nen Kü­che in ame­ri­ka­ni­schem Stil. Ich hat­te das al­les na­tür­lich in Fil­men und Ka­ta­lo­gen ge­se­hen, doch dass Leo jetzt tat­säch­lich hier le­ben wür­de, hau­te mich mehr um, als ich ge­dacht hät­te.

»Wow!«, ent­fuhr es mir und ich zuck­te zu­sam­men, als das Echo mei­ner Stim­me in den bei­na­helee­ren Räu­men wi­der­hall­te.

Leo schlang mit so viel Elan sei­ne Arme um mich, dass ich fast das Gleich­ge­wicht ver­lor. Er lach­te lei­se in mein Ohr. »Dich er­schreckt aber auch al­les.«

Ich dreh­te mich zu ihm um und woll­te schon pro­tes­tie­ren, als er sei­ne Lip­pen auf mei­ne leg­te. Ein alt­be­kann­tes Krib­beln mach­te sich in mei­nem Ma­gen breit.

»Ge­fällt es dir?«, frag­te er, als er sich von mir lös­te.

»Machst du Wit­ze?« Ich ent­zog mich sei­ner Um­ar­mung, dreh­te mich ein­mal im Kreis und rief: »Es ist un­glaub­lich! Ich kann nicht fas­sen, dass du hier woh­nen wirst!«

Sei­ne Mund­win­kel ver­zo­gen sich zu ei­nem Grin­sen und in sei­nen sanf­ten brau­nen Au­gen glit­zer­te es ge­fähr­lich. »Wir«, ver­bes­ser­te er mich.

Vor Schreck stol­per­te ich über mei­ne ei­ge­nen Füße, doch Leo pack­te mich recht­zei­tig am Arm, um mich auf­zu­fan­gen. »W-was? Wer ist wir?«

Wenn das über­haupt mög­lich war, wur­de sein Grin­sen noch brei­ter. Spie­le­risch ver­pass­te ich ihm einen sanf­ten Stoß ge­gen die Brust.

»Hör auf, dich über mich lus­tig zu ma­chen!«, be­schwer­te ich mich, wo­bei ich selbst schmun­zel­te. Sein an­ste­cken­des Lä­cheln war ei­nes der Din­ge, die ich am meis­ten an ihm lieb­te.

»Du bist süß«, neck­te er mich. Be­vor ich et­was er­wi­dern konn­te, küss­te er mich er­neut, doch ich schob ihn ge­spielt em­pört von mir.

»Mit wem wirst du hier woh­nen?«

Schwei­gend er­wi­der­te er mei­nen Blick. Die Stil­le zwi­schen uns zog sich so lan­ge hin, dass ich glaub­te, vor An­span­nung zu ex­plo­die­ren, soll­te er nicht end­lich ant­wor­ten.

»Na, mit dir na­tür­lich«, sag­te er und roll­te mit den Au­gen.

Ich ver­kniff mir das Grin­sen, das sich bei sei­nen Wor­ten auf mei­nen Lip­pen for­men woll­te, und sah ihn her­aus­for­dernd an. »Und wer sagt, dass ich das will?«

»Wer sagt, dass du Mit­spra­che­recht hast?«, frag­te er spie­le­risch.

Ich schüt­tel­te den Kopf, ver­lor je­doch den Kampf ge­gen das Lä­cheln, das an mei­nen Mund­win­keln zupf­te. »Du bist so ein­ge­bil­det.«

Leos Ge­sicht nä­her­te sich mei­nem. »Rede dir das nur ein, Emi­lia Mo­re­no.«

Ich lach­te. »Du bist so ein Schwach­ko-«

Be­vor ich mei­nen Satz be­en­den konn­te, hat­te mich Leo be­reits an der Tail­le ge­packt und über sei­ne Schul­ter ge­wor­fen.

Es war im­mer das­sel­be.

Und ich lieb­te jede ein­zel­ne Se­kun­de da­von.

Kapitel 3

Lo­re­na hat­te nicht ge­scherzt, als sie da­von ge­spro­chen hat­te, al­les Nicht-Ve­ga­ne weg­zu­wer­fen. Am Abend zu­vor hat­te ich noch beim Ede­ka um die Ecke ein­ge­kauft und heu­te Mor­gen qua­si mein ge­sam­tes Früh­stück (auf das ich mich sehr ge­freut hat­te!) nach lan­ger Su­che in ei­ner Plas­tik­tü­te ne­ben dem Müll­ei­mer wie­der­ge­fun­den. Da­ne­ben be­fan­den sich ein paar wei­te­re, die eben­falls mit Le­bens­mit­teln ge­füllt wa­ren und ver­däch­tig nach de­nen aus­sa­hen, die ihre Mut­ter vor ei­ni­gen Ta­gen an­ge­schleppt hat­te. Ich hoff­te in­stän­dig, dass sie nicht vor­hat­te, das al­les tat­säch­lich weg­zu­schmei­ßen.

Ich fisch­te die Milch und die Müs­li­pa­ckung ge­ra­de aus der Tüte, als mei­ne Mit­be­woh­ne­rin die Kü­che be­trat. Gor­geous ve­gan prang­te auf ih­rem T-Shirt. Mir lag eine spöt­ti­sche Be­mer­kung auf der Zun­ge, doch ich riss mich zu­sam­men und hob statt­des­sen das Scho­ko­müs­li in die Höhe.

»Was soll das?«, frag­te ich.

»Dir auch einen wun­der­schö­nen gu­ten Mor­gen«, zwit­scher­te sie. »Wie hast du dei­ne ers­te Nacht hier ge­schla­fen?« Sie schal­te­te den Was­ser­ko­cher ein und nahm sich eine Tas­se aus dem Kü­chen­schrank. »Tee?«, frag­te sie, als sie sich zu mir um­dreh­te. Mein Blick fiel auf die Tas­se. I’m hot & ve­gan.

Wort­los starr­te ich sie an. Wenn sie sich schon nicht ent­schul­dig­te, konn­te sie mir zu­min­dest eine ver­nünf­ti­ge Er­klä­rung für ihr Ver­hal­ten ge­ben.

»Lies dir mal durch, was da al­les drin ist. Bin ge­spannt, ob du von al­lein drauf kommst.« Mit ei­nem leich­ten Lä­cheln auf den Lip­pen dreh­te sie sich um und nahm sich Mar­ga­ri­ne und Mar­me­la­de aus dem Kühl­schrank. Stumm be­ob­ach­te­te ich, wie sie zwei Schei­ben Brot auf einen Tel­ler leg­te und sich an den Tisch setz­te.

»War­um sagst du mir nicht ein­fach, was dein Pro­blem ist?«

Ihre Mund­win­kel ho­ben sich. »Weil es so viel ef­fek­ti­ver ist.« Un­se­re Bli­cke tra­fen sich. »Und un­ter­halt­s­a­mer.«

Spä­tes­tens jetzt hät­te ich ihr am liebs­ten die Müs­li­pa­ckung ent­ge­gen­ge­schleu­dert.

Was bil­de­te sie sich ein?

Be­vor die Vor­stel­lung, ihr die Milch über den Kopf zu kip­pen, zu ver­lo­ckend wur­de, nahm ich mein Früh­stück, wie es war, und ging zu­rück in mein Zim­mer. Streit hat­te ich noch nie ge­mocht und ich ver­such­te, Kon­flik­ten mög­lichst aus dem Weg zu ge­hen, aber Lo­re­na brach­te mich an die Gren­zen mei­ner Ge­duld. Dass sie frei­wil­lig auf gu­tes Es­sen ver­zich­te­te, war eine Sa­che, doch dass sie den Nerv hat­te, mei­ne Le­bens­mit­tel in den Müll zu schmei­ßen, eine ganz an­de­re. Das ging zu weit. Und wenn ich heu­te noch ein­mal das Wort ve­gan las, be­kam ich die Kri­se.

Ich er­in­ner­te mich an das, was Lo­re­n­as Mut­ter mir ge­sagt hat­te, und schüt­tel­te den Kopf. Lo­re­na war mehr als nur un poco com­pli­ca­da.

»Wie du willst!«, rief Lo­re­na mir hin­ter­her. »Aber mein Ge­schirr kannst du da­für nicht ha­ben, Eli­sa!«

Mit zu­sam­men­ge­knif­fe­nen Au­gen dreh­te ich mich um. »Ich hei­ße Emi­lia. E-m-i-l-i-a. Ist das so schwer? Dios mío …«

Ihr zu­frie­de­ner Blick ver­ri­et mir, dass sie mich ab­sicht­lich pro­vo­ziert hat­te. Ich be­trat mein Zim­mer, knall­te die Tür zu, warf Milch und Müs­li auf die Ma­trat­ze, nahm mei­nen Lap­top und be­gann, nach ei­nem neu­en WG-Zim­mer zu su­chen. Wenn das schon so los­ging, woll­te ich mir nicht aus­ma­len, wie der All­tag mit Lo­re­na sein wür­de. Lie­ber sah ich frü­her als spä­ter ein, dass es mit uns nicht funk­tio­nier­te, be­vor ich mich mo­na­te­lang mit ihr her­um­schlug. Die ers­te Mie­te hat­te ich blö­der­wei­se be­reits über­wie­sen, aber mit et­was Glück konn­te ich im nächs­ten Mo­nat schon wie­der aus­zie­hen. Lo­re­n­as Mut­ter hat­te es schließ­lich nicht für nö­tig ge­hal­ten, einen or­dent­li­chen Ver­trag in schrift­li­cher Form auf­zu­set­zen. Die­se Fa­mi­lie schien eine wah­re Ka­ta­s­tro­phe zu sein. Ich hät­te mich nicht auf das erst­bes­te An­ge­bot stür­zen sol­len, jetzt muss­te ich schau­en, dass ich hier schnells­tens wie­der weg­kam.

Doch nach­dem ich mich eine hal­be Stun­de lang lust­los durch zahl­lo­se An­zei­gen geklickt hat­te, ohne et­was Viel­ver­spre­chen­des zu fin­den, wur­de mir klar, dass die Su­che nach ei­ner pas­sen­den WG nicht leich­ter ge­wor­den war. Ich seufz­te, öff­ne­te mei­ne Cum­bia-Play­list und wähl­te einen Klas­si­ker von Da­mas Gra­tis aus. Schon nach we­ni­gen Se­kun­den wipp­te ich mit dem Fuß im Takt und summ­te vor mich hin. Zum Glück wuss­te ich, wel­che Art von Mu­sik mei­ne Lau­ne he­ben konn­te. Beim Re­frain er­höh­te ich die Laut­stär­ke. Plötz­lich schwang mei­ne Tür auf und Lo­re­na stand mir mit vor Wut ver­zerr­tem Ge­sicht ge­gen­über.

»Hast du kei­ne Kopf­hö­rer?«, brüll­te sie.

Ohne auf sie ein­zu­ge­hen, öff­ne­te ich einen der Newslet­ter, den ich per Mail abon­niert hat­te. Viel­leicht gab es ja neue An­zei­gen. Ehr­lich ge­sagt hat­te ich nie viel Zeit in mei­ne Su­che in­ves­tiert. Ich hat­te le­dig­lich ein paar Im­mo­bi­li­en­sei­ten auf­ge­ru­fen, ein biss­chen ge­fil­tert, hat­te dann auf die erst­bes­te se­ri­ös wir­ken­de An­zei­ge geklickt und mich dar­auf ge­mel­det.

Be­vor ich auch nur er­ah­nen konn­te, was sie vor­hat­te, hat­te Lo­re­na mir mei­nen Lap­top aus den Hän­den ge­ris­sen. Sie knall­te ihn zu und der Ge­sang ver­stumm­te mit­ten im Re­frain.

»Ich will hier kei­ne Mu­sik hö­ren. Schon gar kei­ne spa­ni­sche, ka­piert?«

Mir ent­glit­ten mei­ne Ge­sichts­zü­ge. Hör­te man in Peru kei­ne Cum­bia oder hat­te sie ein­fach nur kei­nen Ge­schmack? »¿Por qué no te …?«

Sie pfef­fer­te mei­nen Lap­top auf die Ma­trat­ze. »Ich has­se Spa­nisch, okay?«

Mei­ne Au­gen­brau­en schos­sen in die Höhe. »War­um? Dei­ne Mut­ter kommt doch aus Peru.«

»Und hat­te kei­nen Bock, es mir bei­zu­brin­gen. Ich ver­ste­he …«

Sie hielt inne und für einen Mo­ment hat­te ich das Ge­fühl, sie sei selbst über­rascht von dem, was sie mir eben ge­stan­den hat­te. Doch ihr Ge­sichts­aus­druck ver­här­te­te sich so schnell wie­der, dass ich glaub­te, es mir nur ein­ge­bil­det zu ha­ben.

»Halt ein­fach die Klap­pe und mach die­se be­scheu­er­te Mu­sik aus.«

Mit die­sen Wor­ten ver­ließ sie mein Zim­mer und knall­te die Tür zu.

»Du kannst un­mög­lich jetzt schon auf­ge­ben«, mein­te Da­ni­el, als ich ihn ge­gen Mit­tag an­rief. »Gib ihr doch erst ein­mal eine Chan­ce.«

»Das sagst du nur, da­mit ich nicht wie­der bei dir auf der Mat­te ste­he«, sag­te ich und schnaub­te.

Er setz­te zum Spre­chen an, ich re­de­te al­ler­dings schnell wei­ter, be­vor er mich un­ter­bre­chen konn­te.

»Ver­trau mir, ich habe es ver­sucht, aber ich kom­me ein­fach nicht mit ihr klar. Das mit ih­rem Ve­ga­nis­mus ist ja schön und gut – sie kommt nur sehr ex­trem rü­ber und ich weiß nicht, ob ich mit so je­man­dem zu­sam­men­le­ben kann.«

»Ihr müsst euch erst ein­mal an­ein­an­der ge­wöh­nen. Ihre Mut­ter mein­te doch, dass sie ein net­tes Mäd­chen ist. Ver­such ein­fach, dich ein we­nig an­zu­pas­sen.«

Ich lach­te auf. »An­pas­sen? Du meinst also, ich soll mich ih­ren Re­geln beu­gen?«

»Ich den­ke nicht, dass das not­wen­dig ist. Du könn­test ihr al­ler­dings ein net­tes Ge­schenk ma­chen. Viel­leicht stimmt sie das ein we­nig mil­der.«

»Du glaubst aber auch im­mer an das Gute in je­dem, oder?«, frag­te ich und seufz­te.

»Einen Ver­such ist es wert.«

»Du soll­test sie echt mal ken­nen­ler­nen. Dann wür­dest du dei­ne Mei­nung än­dern. Aber na ja, ich sehe es jetzt auch nicht ein, nur ih­ret­we­gen wie­der aus­zu­zie­hen, wo ich die ers­te Mie­te be­reits über­wie­sen habe. Die­sen einen Mo­nat wer­de ich schon über­le­ben.«

Zwei Mo­na­te zu­vor

Ich stopf­te mei­ne Tanz­schu­he in mei­ne Ta­sche und war be­reits bei­na­he aus der Tür, als mamá mich auf­hielt. »Emi­lia, wo gehst du schon wie­der hin?«

Am liebs­ten wäre ich wort­los an ihr vor­bei­ge­eilt, schließ­lich schul­de­te ich ihr kei­ne Er­klä­rung, aber um mir un­nö­ti­gen Stress zu er­spa­ren, ant­wor­te­te ich knapp: »Sal­sa geht in ei­ner hal­b­en Stun­de los.«

Sie schüt­tel­te den Kopf. »Dir ist be­wusst, dass du das jetzt nicht mehr ma­chen kannst, oder?«

Ich er­starr­te. Ich muss­te mich wohl ver­hört ha­ben. Was hat­te sie ge­ra­de ge­sagt?

»Was soll das hei­ßen?«

Sie seufz­te und sah mich mit ge­ho­be­ner Au­gen­braue an. »Du hast jetzt einen Freund.«

»Ja, und?«

Mir ge­fiel ihr ab­wer­ten­der Blick über­haupt nicht. Das ging sie doch ab­so­lut nichts an. Seit mein Bru­der Ma­teo je­doch aus­ge­zo­gen war, muss­te sie sich in alle mei­ne An­ge­le­gen­hei­ten ein­mi­schen.

»Du nimmst dir in dei­ner Be­zie­hung sehr vie­le Frei­hei­ten. Ich weiß nicht, was Le­o­n­hard dazu sa­gen wird.«

Ihre Wor­te wa­ren so lä­cher­lich, dass ich bei­na­he auf­ge­lacht hät­te. In wel­chem Jahr­hun­dert leb­ten wir bit­te?

Ich nahm mei­nen Schlüs­sel von dem Tisch im Flur. »Ich muss los.«

»Du wirst schon se­hen, dass ich recht habe!«, rief sie mir hin­ter­her, be­vor ich die Tür hin­ter mir zu­knall­te.

Da­nach re­de­ten wir nie wie­der dar­über, was Leo da­von hal­ten könn­te, dass ich re­gel­mä­ßig zu mei­nem Kurs ging, aber trotz­dem lie­ßen mir ihre Wor­te kei­ne Ruhe. Was, wenn es ihn tat­säch­lich stör­te? Ich ver­such­te, mir die Si­tua­ti­on an­ders­her­um vor­zu­stel­len. Wie fän­de ich es, wenn er mehr­mals die Wo­che mit an­de­ren Frau­en tan­zen wür­de?

Ich schüt­tel­te den Kopf. Das war doch al­bern. Ja, Sal­sa war ein Paar­tanz, bei dem man sich auch mal nä­her kam, aber so viel Ver­trau­en soll­te manin sei­nen Part­ner oder sei­ne Part­ne­rin ha­ben. Den­noch konn­te ich nicht an­ders, als es an­zu­spre­chen, als ich ihm ei­ni­ge Tage spä­ter da­bei half, sei­ne Woh­nung ein­zu­rich­ten.

»Du …«, mein­te ich, wäh­rend ich sei­ne Bü­cher für die Uni ins Re­gal stell­te. »Kann ich dich et­was fra­gen?«

Er hob den Kopf und sah mich an. »Klar.«

Ich schluck­te. »Stört es dich, dass ich … so viel Zeit im Stu­dio und bei den Tanz­aben­den ver­brin­ge? Ich mei­ne, nein, das war nicht wirk­lich mei­ne Fra­ge. Hast du ein Pro­blem da­mit, dass ich über­haupt tan­ze? Also Sal­sa? Mit an­de­ren … Män­nern?«

Mit schief ge­leg­tem Kopf kam er auf mich zu. »War­um soll­te ich plötz­lich ein Pro­blem da­mit ha­ben?«

Mit ei­nem Mal fühl­te ich mich dumm. Ich hät­te ihn das nicht fra­gen sol­len. Na­tür­lich war es kein Pro­blem. Mei­ne Mut­ter hat­te bloß eins dar­aus ge­macht.

»Kei­ne Ah­nung«, mur­mel­te ich. »Ver­giss es. Es war eine blö­de Fra­ge.«

Ich wich sei­nem Blick aus, doch er hob mein Kinn an. »Hey. Was ist los?«

Ver­dammt. Ich hät­te das The­ma gar nicht erst an­schnei­den sol­len. Ich seufz­te, be­vor ich ge­stand: »Mei­ne Mut­ter meint, dass es dich stö­ren könn­te.«

Leo sah mich un­gläu­big an, ehe er in schal­len­des Ge­läch­ter aus­brach. »Wie kommt sie denn dar­auf?«

»Kei­ne Ah­nung«, sag­te ich schul­ter­zu­ckend. »Aber ihre Wor­te ha­ben mir kei­ne Ruhe ge­las­sen.«

»Es stört mich wirk­lich nicht«, sag­te er ernst. »Du bist wahn­sin­nig gut dar­in und es macht dir so viel Spaß. War­um soll­te ich nicht wol­len, dass du es tust? Das ist doch Quatsch.«

»Du hast recht. Lass uns nicht län­ger dar­über re­den.«

Leo schien einen Mo­ment zu über­le­gen, be­vor er einen Schritt von mir zu­rück­wich. »Die viel wich­ti­ge­re Fra­ge ist: Wann er­zählst du ih­nen da­von, dass du bald hier ein­zie­hen wirst?«

Ich biss mir auf die Un­ter­lip­pe. Auch dar­über hat­te ich die letz­ten Tage viel nach­ge­dacht, denn ich war mir mei­ner Ent­schei­dung un­si­cher. Wo­bei mich Leo ja nicht ernst­haft hat­te ent­schei­den las­sen.

»Was ist?«, frag­te Leo und kam wie­der nä­her.

Ich muss­te es ihm sa­gen, aber ich wuss­te nicht, wie. »Ich … ich habe Angst, dass wir uns da­mit et­was ka­putt ma­chen.«

Sein Blick ver­fins­ter­te sich au­gen­blick­lich. »Was? Heißt das, du willst gar nicht ein­zie­hen?«

Das habe ich über­haupt nicht ge­meint, hät­te ich ihn am liebs­ten an­ge­fah­ren, ließ es je­doch, um kei­nen Streit zu pro­vo­zie­ren.

»Ich habe nicht ge­sagt, dass ich es will oder nicht will. Du hast mich nie wirk­lich ge­fragt. Du hast das ein­fach so für uns be­schlos­sen. Aber dar­um geht es nicht, ich –«

»War­um hast du mir nicht von An­fang an ge­sagt, dass du es nicht willst?« Sei­ne Stim­me wur­de lau­ter. »Ich hät­te es na­tür­lich ver­stan­den, wenn du nicht willst, dass es so ernst zwi­schen uns wird.«

Trä­nen stie­gen in mir auf. Ob vor Wut oder Ver­zweif­lung wuss­te ich im Mo­ment selbst nicht. Das hier lief ein­fach über­haupt nicht so, wie ich es mir vor­ge­stellt hat­te.

»Ich hät­te gern et­was mehr Zeit zum Nach­den­ken ge­habt. Ich habe mir ja noch nicht ein­mal Al­ter­na­ti­ven über­le­gen kön­nen.«

Leo schüt­tel­te den Kopf. »Ich ver­ste­he das nicht. Es wäre per­fekt! Es ist eine tol­le Woh­nung, groß ge­nug für uns zwei, wir sind in der Nähe der Uni und so­gar von dei­nem Stu­dio und der Kanz­lei. Wir pas­sen su­per zu­sam­men, es läuft gut. Über wel­che Al­ter­na­ti­ven willst du da nach­den­ken? Willst du etwa wei­ter bei dei­nen El­tern le­ben, die mei­nen, über dein Le­ben be­stim­men zu kön­nen?«

Über­for­dert schloss ich die Au­gen. Ich hass­te es, mit ihm zu strei­ten. Doch nach­dem ich einen tie­fen Atem­zug ge­nom­men hat­te, sah ich ihn er­neut an. »Ich tref­fe nur un­gern un­über­leg­te Ent­schei­dun­gen. Ja, es hört sich al­les su­per an, aber du weißt, dass ich mich nicht gern ins Un­ge­wis­se stür­ze.«

Er warf die Arme in die Luft. »Was ist dar­an un­über­legt und un­ge­wiss? Es ist doch über­haupt kein Ri­si­ko! Wir müs­sen uns nicht ein­mal Sor­gen über die Mie­te ma­chen! Mei­ne El­tern mer­ken das gar nicht.«

»Das ge­fällt mir an die­sem Plan zum Bei­spiel nicht!« In­zwi­schen war auch ich lau­ter ge­wor­den.

Sein Blick zeig­te Ver­ständ­nis­lo­sig­keit. »Was passt dir dar­an nicht? Du kennst mei­ne El­tern. Du weißt, wie es ist. Wo liegt das Pro­blem?«

»Viel­leicht möch­te ich et­was Ei­ge­nes ha­ben. Et­was, das zwar kei­ne ame­ri­ka­ni­sche Kü­che und kei­nen Echt­holz­par­kett­bo­den hat, aber et­was, das ich mir aus­ge­sucht habe und auch nur an­nä­hernd leis­ten könn­te! Ich habe es satt, mich von an­de­ren be­vor­mun­den zu las­sen. Ich will mein Le­ben end­lich selbst in die Hand neh­men!«

Leo lach­te, was mich erst rich­tig wü­tend mach­te. Manch­mal zeig­te Leo die­se an­de­re Sei­te von ihm, die­se har­te, bit­te­re.

»Weißt du, was dein Pro­blem ist? Du machst al­les nur so, wie es dei­nen El­tern recht ist. Du hast dich für den Stu­dien­gang ein­ge­schrie­ben, den sie für dich aus­ge­sucht ha­ben, du hast so­gar nur Freun­de, die sie ab­ge­seg­net ha­ben. Aber ich? Ich bin ih­nen ein Dorn im Auge. Am An­fang wa­ren sie be­geis­tert von dem net­ten An­walts­sohn, doch seit sie ge­merkt ha­ben, dass ich dich dazu brin­ge, ihre Ent­schei­dun­gen und ihre Kon­trol­le über dich in­fra­ge zu stel­len, bin ich der Feind. Sie wür­den nie­mals be­für­wor­ten, dass du zu mir ziehst, und das weißt du ge­nau. Des­we­gen wirst du auch nie hier ein­zie­hen. Du wür­dest nie et­was tun, was ih­nen wi­der­strebt.«

»Ach ja?«, rief ich. »Und was war mit dem Tan­zen? Das fin­den sie nicht gut. Ich ma­che es aber trotz­dem! Ich ma­che über­haupt nicht al­les, was sie mir sa­gen.«

In die­sem Mo­ment klang ich wie ein trot­zi­ges Kind und ich hass­te es. Doch die Wut hat­te mich fest im Griff.