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Emilia möchte nur eins: den Verrat und die Lügen ihres Ex-Freundes vergessen und in München einen Neuanfang wagen. Dieser gestaltet sich allerdings schwierig, als sie zu der leidenschaftlichen Tierschützerin Lorena zieht, die nicht nur alle tierischen Produkte entsorgt, sondern auch keine Gelegenheit ungenutzt lässt, Emilia zu belehren. Perfekt ist das Chaos jedoch erst, als Nachbar Flo ins Spiel kommt, Lorena ungefragt ein felliges WG-Mitglied nach Hause bringt und Emilia erfährt, dass nicht ihr Ex-Freund sie vor all den Monaten belogen hat …
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1. Auflage 2022Copyright © 2022 Laura Dessner
Lektorat & Korrektorat: Sarah Nierwitzki, www.sarahnierwitzki.de/wortkosmoslektorat
Umschlaggestaltung, Buchsatz und E-Book Konvertierung: Constanze Kramer, coverboutique.de
Bildnachweise: © graphicsdeluxe, © Mara Zemgaliete, © Andrii Muzyka, © Inga Nielsen, © Scisetti Alfio, © zolotons – stock.adobe.com; © Elovich, © Finalstock – shutterstock.com; rawpixel.com
Verlagslabel: youngblood books
ISBN Softcover: 978-3-347-69092-9ISBN Hardcover: 978-3-347-69093-6ISBN E-Book: 978-3-347-69094-3
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung »Impressumservice«, Halenreie 40 – 44, 22359 Hamburg, Deutschland.
Für meine Eltern, die mich immer unterstützen –so verrückt mein Vorhaben auch sein mag.Ich bin unglaublich froh, euch zu haben. ♥
»VEGANS ONLY.«
Stirnrunzelnd betrachtete ich den Aufkleber an der Tür, während ich mir mein Handy fester ans Ohr presste. Das Freizeichen ertönte schon zum siebten Mal, doch niemand nahm ab. Flüchtig sah ich auf den Bildschirm meines Handys, um die Uhrzeit zu prüfen. Sechzehn Uhr zwölf. Die Frau am Telefon gestern Abend hatte mir gesagt, ich sollte um sechzehn Uhr hier sein. Und der Name, den sie mir genannt hatte, stand auf dem Klingelschild vor mir, also musste ich richtig sein, oder?
Hätte ich nicht so ein gutes Gefühl bei dem Gespräch gehabt und so viel Hoffnung in dieses Treffen gesetzt, wäre ich vermutlich schon längst wieder gegangen.
Mit einem Seufzen beendete ich den Anruf und beschloss, ein letztes Mal zu klingeln. Als wie erwartet noch immer niemand öffnete und ich mich gerade abwenden wollte, hörte ich unten die Haustür ins Schloss fallen. Ich hielt inne und lauschte. Schwere Schritte polterten die Stufen hinauf. War das etwa …?
Erwartungsvoll blickte ich in Richtung Treppe und zog gleich darauf den Kopf ein, als mir ein grimmiges Augenpaar entgegenblickte. Nein, das war sicher nicht die Frau, die – »Ah, Emilia. Bienvenida. Bist du schon so früh da?«
Schon so früh?
Ich versuchte, mir nicht anmerken zu lassen, wie verdattert ich war, und zwang mich zu einem Lächeln. »Hallo, ich …«
Bevor ich meinen Satz beenden konnte, drückte die Frau mir einen Schlüsselbund in die Hand. »Sei so nett und sperr die Tür auf, por favor. Das ist hier wirklich schwer.«
Mein Blick fiel auf die Einkaufstüten in ihren Händen. »Äh, klar. Kein Problem.«
Ich schob mein Handy in meine Hosentasche und begann, die Unmengen an Schlüsseln in Augenschein zu nehmen. Wie um alles in der Welt behielt man bei dieser Menge den Überblick?
Ich versuchte mein Glück mit einem der Schlüssel, aber natürlich passte er nicht. Die Frau sah mir über die Schulter, was nun wirklich keine Hilfe war.
»Der ganz links … Nein, der andere! No, la otra.«
Ich spürte, wie sich mein Unterkiefer verkrampfte. Keine Ahnung, was ich von der Wohnungsbesichtigung erwartet hatte, aber definitiv nicht das hier.
Als ich nach einer gefühlten Ewigkeit den richtigen Schlüssel gefunden hatte, hätte ich beinahe erleichtert aufgeatmet, doch da sprach die Frau erneut.
»Erst ziehen, dann drehen!«
Nach einigen Anläufen ließ sich die Tür endlich öffnen. Gerade wollte ich mir meine Schuhe ausziehen, um sie im Treppenhaus stehen zu lassen, als mich die Frau, von der ich annahm, dass sie Frau Sehner war, ins Innere der Wohnung trieb. »Ist schon okay. Das kann Lorena saubermachen.«
Ich hob kaum merklich die Braue, widersprach aber nicht. Hieß das, die WG hatte eine eigene Putzkraft? Das wäre praktisch.
Frau Sehner ging in die Küche und ließ die Tüten mit so viel Wucht auf den Tisch an der Wand fallen, dass der darauf stehende Flachbildschirm wackelte. Mein Blick blieb für einen Moment an ihm hängen. Nun, ich schätzte, die Küche musste auch als Wohnzimmer herhalten, denn besonders groß war die Wohnung mit ihren knapp fünfzig Quadratmetern nicht.
Ich spähte um die Ecke und erblickte ein Regal neben dem Kühlschrank, das mit Büchern und Backutensilien gefüllt war. Die Augen zusammenkneifend, machte ich ein paar der Titel aus: Anständig essen, The China Study, Tiere essen, Meine Rezepte für eine bessere Welt, Animal Liberation – Die Befreiung der Tiere.
Hmm, das war nicht übliche Kollektion an GU-Kochbüchern.
Frau Sehner begann in aller Seelenruhe, Schränke zu öffnen und ihre Einkäufe zu verstauen. Ich meinte, mich zu erinnern, sie hätte bei unserem Telefonat gesagt, sie würde nicht selbst in der Wohnung leben. Vielleicht hatte ich sie falsch verstanden, aber sie wirkte mit geschätzt Mitte vierzig ein bisschen zu alt, um in einer WG zu leben.
Als sie mir weiterhin den Rücken zuwandte, überlegte ich, ob ich mich räuspern sollte, um auf mich aufmerksam zu machen – oder einfach gehen. Es war mir unangenehm, sie nur zu beobachten und verunsichert in ihrer Wohnung herumzustehen. Konnte sie ihre Sachen nicht später auspacken?
Von verrückten WG-Castings hatte ich gehört, aber wie ein Geist behandelt zu werden – das hatte ich mir in meinen wildesten Träumen nicht ausgemalt.
Ich dachte an unser Telefonat zurück, bei dem sie zunächst ziemlich unfreundlich gewesen war, bis sie meinen Namen gehört und herausgefunden hatte, dass ich argentinische Wurzeln hatte und fließend Spanisch sprach. Danach war sie nicht mehr zu bremsen gewesen. Tatsächlich hatte sich das Telefonat kaum um die Wohnung, sondern um meinen Vater gedreht, und darum, wann und warum er nach München gekommen war und wie er meine Mutter kennengelernt hatte und was die beiden beruflich machten.
Im Gegenzug hatte Frau Sehner mir eine Kurzfassung ihrer eigenen Lebensgeschichte gegeben. Vielmehr als dass sie ihre Heimat Peru schon in jungen Jahren verlassen und einen Deutschen geheiratet hatte, hatte ich nicht erfahren. Denn als ihr im Hintergrund eine Frauenstimme etwas zugeschrien hatte, hatte sie es mit einem Mal eilig gehabt und mich kurzfristig zu einer Besichtigung eingeladen.
Heute schien sie aber einen schlechteren Tag zu haben, denn im Moment schien sie nicht im Geringsten in Plauderlaune zu sein.
»Soll ich vielleicht ein anderes Mal wiederkommen?«, erinnerte ich sie höflich an meine Anwesenheit.
Sie drehte sich zu mir um und setzte ein Lächeln auf, das ihre fast schwarzen Augen nicht erreichte. »Nein, nein. Schau dich ruhig um, ich bin gleich fertig!«
So lief das also. Ich zögerte kurz, begann dann aber einen Rundgang durch die Wohnung. Allerdings kam ich nur dazu, einen Blick ins Badezimmer zu werfen, ehe Frau Sehner so unvermittelt hinter mir auftauchte, dass ich erschrak.
»Du teilst dir die Wohnung mit meiner Tochter Lorena.«
Na Gott sei Dank.
»Die ist gerade nicht da. Das da ist dein Zimmer.« Ich drehte mich um und folgte ihr in den Raum links vom Bad, der bis auf einen Schrank, der einen Umzug mit Sicherheit nicht mehr im Ganzen überstehen würde, und einer Matratze auf dem Boden leer war. Obwohl ich mir besser Gedanken über die spärliche Einrichtung und die fleckigen Wände machen sollte (die ich auf den Fotos nicht bemerkt hatte), konnte ich nicht anders, als mich zu fragen, wie ihre Tochter wohl war.
»Das ist Lorenas Zimmer«, sagte die Frau und deutete auf eine verschlossene Tür mit weiteren bunten Aufklebern. »Und die Küche und das Bad kennst du ja jetzt.«
Das war die wohl kürzeste Wohnungsbesichtigung aller Zeiten. Vorausgesetzt, man berücksichtigte nur die Zeit in und nicht vor der Wohnung und vernachlässigte die Zeit für das Einräumen der Einkäufe.
»Hast du ein festes Einkommen?«, fragte sie so plötzlich und laut, dass ich zusammenzuckte.
Ich biss mir auf die Unterlippe. »Ja, na ja, also ich –«
»Gut«, unterbrach sie mich. »Wann ziehst du ein?«
Ich blinzelte. »Äh …«
»Nächste Woche?«
Ich dachte an den Aufkleber an der Wohnungstür und daran, wie seltsam mir das alles hier vorkam. »Ich weiß nicht. Ich … ich wollte mir eigentlich erst noch andere Wohnungen anschauen, bevor ich mich entscheide.«
Lorenas Mutter winkte ab. »Was Besseres findest du nicht. Ich biete dir das Zimmer für dreihundertfünfzig im Monat an.«
Das lag deutlich unter dem Durchschnitt und war weniger, als sie in die Anzeige geschrieben hatte. Sollte ich jetzt Freudensprünge machen oder lieber das Weite suchen, weil der Preis so verdächtig niedrig war? War es möglich, dass ich schon beim ersten Versuch eine bezahlbare Bleibe in München gefunden hatte? Hmm.
»Sollte ich nicht erst noch Lorena kennenlernen?«, fragte ich. »Immerhin würden wir zusammenleben.«
Sie schnalzte mit der Zunge. »Kein Problem. Lorena ist un poco complicada, aber ein nettes Mädchen.«
»Der Aufkleber an der Tür …«, begann ich zögernd.
Frau Sehner schüttelte den Kopf. »Keine Sorge, den wird sie wegmachen.«
Ich nickte, war allerdings nicht überzeugt. Ich hatte mich ja nicht einmal nach anderen Möglichkeiten umgeschaut, da ich direkt von Frau Sehner eingeladen worden war, und ehrlich gesagt auch keine Lust mehr gehabt hatte, zu suchen. Ich vermutete immer noch, dass sie nur so bereitwillig gewesen war, weil mir meine Spanischkenntnisse einen Sympathiepunkt bei ihr eingebracht hatten. Oder sie ging einfach davon aus, dass ich eine unkomplizierte Mieterin sein würde.
Frau Sehner starrte mich ungeduldig an, woraufhin ich tief Luft holte und schließlich erwiderte: »Ich werde darüber nachdenken.«
Sie schnaubte abfällig. »Da musst du nicht nachdenken, pero bueno. Ruf mich bis morgen Abend an.«
Als ich kurze Zeit später im Wohnzimmer meines besten Freundes saß und ihm von der Wohnungsbesichtigung erzählte, schüttelte er nur mit dem Kopf.
»Du musst sie sofort anrufen und das Zimmer nehmen!«
Ich hob eine Augenbraue. »Habe ich den Teil mit der Warterei, den Einkäufen und dem merkwürdigen Aufkleber an der Wohnungstür ausgelassen? Und den Büchern? Und dem riesigen Fernseher auf dem Esszimmertisch?«
Daniel grinste. »Nein, aber hast du eine Ahnung, wie verdammt schwer es ist, in München ein auch nur annähernd bezahlbares WG-Zimmer zu bekommen? Normalerweise hofft man darauf, dass die Vermieter sich melden und nicht andersherum. So eine Chance kannst du dir nicht entgehen lassen!« Als ich nicht sofort antwortete, setzte er noch einen drauf: »Außerdem wolltest du doch etwas riskieren und selbstständig sein!«
Ich seufzte. Leider war das nicht so leicht und abenteuerlich, wie ich es mir vorgestellt hatte. Und wie ich herumposaunt hatte.
»Hast du eigentlich etwas von deinen Eltern gehört?«, fragte Daniel möglichst beiläufig, doch ich hörte die Besorgnis in seiner Stimme. »Oder von Leo?«
»Nein!«, erwiderte ich barsch. »Ich will mit keinem von ihnen mehr etwas zu tun haben.«
Daniel sagte nichts weiter und so schwiegen wir uns an.
Es tat mir leid, dass ich ihn angefahren hatte, aber Leo und meine Eltern waren die letzten Menschen, an die ich denken wollte.
Ich ließ meinen Blick durch den Raum schweifen. Überall im Wohnzimmer lagen meine Sachen verstreut. Zwei Kleiderhaufen in der Ecke, Papierstapel auf dem Tisch, mein Koffer und mein Rucksack hinter dem Sofa.
»Es wird Zeit, dass ich euch wieder in Ruhe lasse.«
»Ach, so ein Blödsinn.« Daniels Hand umfasste mein Knie. »Obwohl ich stark bezweifle, dass unsere Couch wirklich so bequem ist, wie du immer behauptest.«
Ich verdrehte die Augen. »Ich habe ja keine hohen Ansprüche oder so, aber ich weiß echt nicht, ob ich es packe, mit einer militanten Veganerin zusammenzuleben.«
Daniels Mundwinkel hoben sich. »Du hast schon ganz anderes durchgemacht. Vielleicht ist es ja witzig mit ihr.«
»Am Ende wäre mir doch ihre Mutter lieber als Mitbewohnerin«, sagte ich und seufzte.
Ein paar Tage später stand ich wieder vor der Tür mit dem wenig einladenden Aufkleber und klingelte. Dieses Mal hatte ich meinen Koffer und den monströsen Reiserucksack dabei, dank dem ich ständig das Gleichgewicht verlor, und war außerdem klatschnass, weil ausgerechnet heute die Sintflut losgebrochen war.
Eine junge Frau öffnete die Tür und musterte mich und die Pfütze, die sich um mich gebildet hatte, mit zusammengekniffenen Augen. Das musste Lorena sein, Frau Sehners Tochter. Sie wirkte zwar etwas blasser als ihre Mutter, aber die pechschwarzen Haare und den mies gelaunten Blick hatte sie zweifellos von ihr geerbt.
»Hi«, sagte ich lächelnd. »Ich bin –«
Mit einem lauten Knall fiel die Tür ins Schloss. Für einen Moment stand ich regungslos da. Mein Lächeln verschwand. Was war hier gerade passiert? Sah ich so abschreckend aus? Ein ohrenbetäubendes Donnergrollen ertönte und ließ mich zusammenzucken. Auf keinen Fall setzte ich jetzt einen Fuß nach draußen.
Ich klingelte noch mal.
»Was?!«, blaffte die Frau, als sie die Tür erneut aufriss.
»Hi, ich bin Emilia, deine neue Mitbewohnerin«, antwortete ich kühl und streckte ihr die Hand hin.
»Davon weiß ich nichts.«
Schon knallte sie die Tür wieder zu.
Ich seufzte und ließ meine Hand sinken. Hätte ich mich doch nur nicht von Daniel dazu überreden lassen, Frau Sehners Angebot anzunehmen. Kein Wunder, dass die Miete bei so einer unfreundlichen Mitbewohnerin spottbillig war!
Aber jetzt stand ich mit meinem ganzen Zeug hier und würde nicht einfach kampflos aufgeben.
»Ich habe das mit deiner Mutter ausgemacht, Lorena!«, rief ich, damit sie es durch die Tür hörte. »Die erste Miete habe ich schon überwiesen und deswegen werde ich hierbleiben, bis du mich reinlässt.«
»Da kannst du lange warten!«, schrie sie.
Ich hatte das starke Bedürfnis, meinen Kopf gegen die Wand zu schlagen. Meine Mitbewohnerin durchlebte entweder eine sehr späte Pubertät oder … sie war überreizt und frustriert, weil sie seit Jahren keinen Käse mehr gegessen hat oder so was. Ich konnte jedenfalls recht ungemütlich werden, wenn ich Hunger hatte.
»Du kennst mich doch noch überhaupt nicht!«, brüllte ich mit bemüht kontrollierter Stimme.
Die Tür schwang auf.
»Bist du Veganerin?«
Ich starrte sie nur an.
»Mehr muss ich nicht wissen«, meinte sie, ohne meine Antwort abzuwarten. Ich ahnte, was sie vorhatte, und trat gerade rechtzeitig einen Schritt nach vorne. Mein Fuß machte es ihr unmöglich, die Tür zu schließen.
Sie verschränkte die Arme vor der Brust. »Du hast kein Recht darauf, meine Wohnung zu betreten.«
Ich verdrehte die Augen. »Ich war schon in unserer Wohnung und verstehe echt nicht, warum du so voreingenommen bist.«
»Pff«, machte sie abwertend und ließ mich endlich eintreten. »Aber lass dir gesagt sein, dass es hier Regeln gibt, wenn du einziehen willst.«
Ich quetschte mich an Lorena vorbei, schleppte mein Gepäck in die Wohnung und betrachtete sie mit hochgezogenen Augenbrauen. »Wir werden uns nur ein Bad und den Kühlschrank teilen. Wir sind kein Ehepaar«, stellte ich klar, während ich ungeschickt aus meinen Sneakern schlüpfte.
Lorena lächelte. »Aber um genau diesen Kühlschrank geht es mir. In meiner Küche gibt es keine tierischen Produkte.«
Ich stellte meinen Rucksack ab und schälte mich aus meiner Jacke. »Dann wird sich das jetzt ändern.«
Lorena trat einen Schritt auf mich zu und funkelte mich mit ihren dunklen Augen an.
»Nur über meine Leiche. Ich schwöre dir, dass ich alles höchstpersönlich in die Tonne werfe, was hier nicht hergehört.«
Noch im Gang öffnete ich meinen Koffer und begann damit, meine T-Shirts in mein Zimmer zu tragen und in den Schrank zu räumen, dessen Türen besorgniserregend quietschten und ächzten. Ich hätte meinen Koffer und Rucksack auf die Matratze werfen können, aber ich wollte sie nicht nass und schmutzig machen und der Boden des Zimmers bot nicht so viel Fläche wie der Flur, um alles bequem auszupacken und in den Schrank zu räumen.
»Und wovon soll ich mich dann bitte ernähren?«, fragte ich, während ich zurück zu meinem Koffer ging, um als Nächstes meine Hosen zu holen.
Lorena stellte sich mir grinsend in den Weg »Das wirst du recht schnell herausfinden. Du kannst dich gern von meinen Kochbüchern inspirieren lassen.«
»Nein, danke.« Ich verzog das Gesicht. »Ich stehe nicht so auf Salat und Tofu.«
Lachend trat Lorena beiseite, damit ich an ihr vorbeigehen konnte. »Wir werden eine tolle Zeit miteinander haben, Elisa.«
Mir entwich ein Seufzen, doch ich korrigierte sie nicht, denn ich ahnte, dass man mit Lorena nicht diskutieren wollte.
Als ich wenig später ausgepackt und den leeren Koffer und Rucksack auf den Schrank gehievt hatte, umgezogen war und auf der Matratze lag und die Decke anstarrte, erinnerte ich mich daran, wie ich vor nicht einmal drei Monaten Leos neue Wohnung betreten hatte.
Das Erste, was ich wahrnahm, war der strenge Geruch nach frischer Wandfarbe und Putzmittel. Doch meine Gedanken wurden schnell abgelenkt von dem schönen Echtholzparkettboden, den bodentiefen Fenstern, die so viel Licht hereinließen, und der modernen Küche in amerikanischem Stil. Ich hatte das alles natürlich in Filmen und Katalogen gesehen, doch dass Leo jetzt tatsächlich hier leben würde, haute mich mehr um, als ich gedacht hätte.
»Wow!«, entfuhr es mir und ich zuckte zusammen, als das Echo meiner Stimme in den beinaheleeren Räumen widerhallte.
Leo schlang mit so viel Elan seine Arme um mich, dass ich fast das Gleichgewicht verlor. Er lachte leise in mein Ohr. »Dich erschreckt aber auch alles.«
Ich drehte mich zu ihm um und wollte schon protestieren, als er seine Lippen auf meine legte. Ein altbekanntes Kribbeln machte sich in meinem Magen breit.
»Gefällt es dir?«, fragte er, als er sich von mir löste.
»Machst du Witze?« Ich entzog mich seiner Umarmung, drehte mich einmal im Kreis und rief: »Es ist unglaublich! Ich kann nicht fassen, dass du hier wohnen wirst!«
Seine Mundwinkel verzogen sich zu einem Grinsen und in seinen sanften braunen Augen glitzerte es gefährlich. »Wir«, verbesserte er mich.
Vor Schreck stolperte ich über meine eigenen Füße, doch Leo packte mich rechtzeitig am Arm, um mich aufzufangen. »W-was? Wer ist wir?«
Wenn das überhaupt möglich war, wurde sein Grinsen noch breiter. Spielerisch verpasste ich ihm einen sanften Stoß gegen die Brust.
»Hör auf, dich über mich lustig zu machen!«, beschwerte ich mich, wobei ich selbst schmunzelte. Sein ansteckendes Lächeln war eines der Dinge, die ich am meisten an ihm liebte.
»Du bist süß«, neckte er mich. Bevor ich etwas erwidern konnte, küsste er mich erneut, doch ich schob ihn gespielt empört von mir.
»Mit wem wirst du hier wohnen?«
Schweigend erwiderte er meinen Blick. Die Stille zwischen uns zog sich so lange hin, dass ich glaubte, vor Anspannung zu explodieren, sollte er nicht endlich antworten.
»Na, mit dir natürlich«, sagte er und rollte mit den Augen.
Ich verkniff mir das Grinsen, das sich bei seinen Worten auf meinen Lippen formen wollte, und sah ihn herausfordernd an. »Und wer sagt, dass ich das will?«
»Wer sagt, dass du Mitspracherecht hast?«, fragte er spielerisch.
Ich schüttelte den Kopf, verlor jedoch den Kampf gegen das Lächeln, das an meinen Mundwinkeln zupfte. »Du bist so eingebildet.«
Leos Gesicht näherte sich meinem. »Rede dir das nur ein, Emilia Moreno.«
Ich lachte. »Du bist so ein Schwachko-«
Bevor ich meinen Satz beenden konnte, hatte mich Leo bereits an der Taille gepackt und über seine Schulter geworfen.
Es war immer dasselbe.
Und ich liebte jede einzelne Sekunde davon.
Lorena hatte nicht gescherzt, als sie davon gesprochen hatte, alles Nicht-Vegane wegzuwerfen. Am Abend zuvor hatte ich noch beim Edeka um die Ecke eingekauft und heute Morgen quasi mein gesamtes Frühstück (auf das ich mich sehr gefreut hatte!) nach langer Suche in einer Plastiktüte neben dem Mülleimer wiedergefunden. Daneben befanden sich ein paar weitere, die ebenfalls mit Lebensmitteln gefüllt waren und verdächtig nach denen aussahen, die ihre Mutter vor einigen Tagen angeschleppt hatte. Ich hoffte inständig, dass sie nicht vorhatte, das alles tatsächlich wegzuschmeißen.
Ich fischte die Milch und die Müslipackung gerade aus der Tüte, als meine Mitbewohnerin die Küche betrat. Gorgeous vegan prangte auf ihrem T-Shirt. Mir lag eine spöttische Bemerkung auf der Zunge, doch ich riss mich zusammen und hob stattdessen das Schokomüsli in die Höhe.
»Was soll das?«, fragte ich.
»Dir auch einen wunderschönen guten Morgen«, zwitscherte sie. »Wie hast du deine erste Nacht hier geschlafen?« Sie schaltete den Wasserkocher ein und nahm sich eine Tasse aus dem Küchenschrank. »Tee?«, fragte sie, als sie sich zu mir umdrehte. Mein Blick fiel auf die Tasse. I’m hot & vegan.
Wortlos starrte ich sie an. Wenn sie sich schon nicht entschuldigte, konnte sie mir zumindest eine vernünftige Erklärung für ihr Verhalten geben.
»Lies dir mal durch, was da alles drin ist. Bin gespannt, ob du von allein drauf kommst.« Mit einem leichten Lächeln auf den Lippen drehte sie sich um und nahm sich Margarine und Marmelade aus dem Kühlschrank. Stumm beobachtete ich, wie sie zwei Scheiben Brot auf einen Teller legte und sich an den Tisch setzte.
»Warum sagst du mir nicht einfach, was dein Problem ist?«
Ihre Mundwinkel hoben sich. »Weil es so viel effektiver ist.« Unsere Blicke trafen sich. »Und unterhaltsamer.«
Spätestens jetzt hätte ich ihr am liebsten die Müslipackung entgegengeschleudert.
Was bildete sie sich ein?
Bevor die Vorstellung, ihr die Milch über den Kopf zu kippen, zu verlockend wurde, nahm ich mein Frühstück, wie es war, und ging zurück in mein Zimmer. Streit hatte ich noch nie gemocht und ich versuchte, Konflikten möglichst aus dem Weg zu gehen, aber Lorena brachte mich an die Grenzen meiner Geduld. Dass sie freiwillig auf gutes Essen verzichtete, war eine Sache, doch dass sie den Nerv hatte, meine Lebensmittel in den Müll zu schmeißen, eine ganz andere. Das ging zu weit. Und wenn ich heute noch einmal das Wort vegan las, bekam ich die Krise.
Ich erinnerte mich an das, was Lorenas Mutter mir gesagt hatte, und schüttelte den Kopf. Lorena war mehr als nur un poco complicada.
»Wie du willst!«, rief Lorena mir hinterher. »Aber mein Geschirr kannst du dafür nicht haben, Elisa!«
Mit zusammengekniffenen Augen drehte ich mich um. »Ich heiße Emilia. E-m-i-l-i-a. Ist das so schwer? Dios mío …«
Ihr zufriedener Blick verriet mir, dass sie mich absichtlich provoziert hatte. Ich betrat mein Zimmer, knallte die Tür zu, warf Milch und Müsli auf die Matratze, nahm meinen Laptop und begann, nach einem neuen WG-Zimmer zu suchen. Wenn das schon so losging, wollte ich mir nicht ausmalen, wie der Alltag mit Lorena sein würde. Lieber sah ich früher als später ein, dass es mit uns nicht funktionierte, bevor ich mich monatelang mit ihr herumschlug. Die erste Miete hatte ich blöderweise bereits überwiesen, aber mit etwas Glück konnte ich im nächsten Monat schon wieder ausziehen. Lorenas Mutter hatte es schließlich nicht für nötig gehalten, einen ordentlichen Vertrag in schriftlicher Form aufzusetzen. Diese Familie schien eine wahre Katastrophe zu sein. Ich hätte mich nicht auf das erstbeste Angebot stürzen sollen, jetzt musste ich schauen, dass ich hier schnellstens wieder wegkam.
Doch nachdem ich mich eine halbe Stunde lang lustlos durch zahllose Anzeigen geklickt hatte, ohne etwas Vielversprechendes zu finden, wurde mir klar, dass die Suche nach einer passenden WG nicht leichter geworden war. Ich seufzte, öffnete meine Cumbia-Playlist und wählte einen Klassiker von Damas Gratis aus. Schon nach wenigen Sekunden wippte ich mit dem Fuß im Takt und summte vor mich hin. Zum Glück wusste ich, welche Art von Musik meine Laune heben konnte. Beim Refrain erhöhte ich die Lautstärke. Plötzlich schwang meine Tür auf und Lorena stand mir mit vor Wut verzerrtem Gesicht gegenüber.
»Hast du keine Kopfhörer?«, brüllte sie.
Ohne auf sie einzugehen, öffnete ich einen der Newsletter, den ich per Mail abonniert hatte. Vielleicht gab es ja neue Anzeigen. Ehrlich gesagt hatte ich nie viel Zeit in meine Suche investiert. Ich hatte lediglich ein paar Immobilienseiten aufgerufen, ein bisschen gefiltert, hatte dann auf die erstbeste seriös wirkende Anzeige geklickt und mich darauf gemeldet.
Bevor ich auch nur erahnen konnte, was sie vorhatte, hatte Lorena mir meinen Laptop aus den Händen gerissen. Sie knallte ihn zu und der Gesang verstummte mitten im Refrain.
»Ich will hier keine Musik hören. Schon gar keine spanische, kapiert?«
Mir entglitten meine Gesichtszüge. Hörte man in Peru keine Cumbia oder hatte sie einfach nur keinen Geschmack? »¿Por qué no te …?«
Sie pfefferte meinen Laptop auf die Matratze. »Ich hasse Spanisch, okay?«
Meine Augenbrauen schossen in die Höhe. »Warum? Deine Mutter kommt doch aus Peru.«
»Und hatte keinen Bock, es mir beizubringen. Ich verstehe …«
Sie hielt inne und für einen Moment hatte ich das Gefühl, sie sei selbst überrascht von dem, was sie mir eben gestanden hatte. Doch ihr Gesichtsausdruck verhärtete sich so schnell wieder, dass ich glaubte, es mir nur eingebildet zu haben.
»Halt einfach die Klappe und mach diese bescheuerte Musik aus.«
Mit diesen Worten verließ sie mein Zimmer und knallte die Tür zu.
»Du kannst unmöglich jetzt schon aufgeben«, meinte Daniel, als ich ihn gegen Mittag anrief. »Gib ihr doch erst einmal eine Chance.«
»Das sagst du nur, damit ich nicht wieder bei dir auf der Matte stehe«, sagte ich und schnaubte.
Er setzte zum Sprechen an, ich redete allerdings schnell weiter, bevor er mich unterbrechen konnte.
»Vertrau mir, ich habe es versucht, aber ich komme einfach nicht mit ihr klar. Das mit ihrem Veganismus ist ja schön und gut – sie kommt nur sehr extrem rüber und ich weiß nicht, ob ich mit so jemandem zusammenleben kann.«
»Ihr müsst euch erst einmal aneinander gewöhnen. Ihre Mutter meinte doch, dass sie ein nettes Mädchen ist. Versuch einfach, dich ein wenig anzupassen.«
Ich lachte auf. »Anpassen? Du meinst also, ich soll mich ihren Regeln beugen?«
»Ich denke nicht, dass das notwendig ist. Du könntest ihr allerdings ein nettes Geschenk machen. Vielleicht stimmt sie das ein wenig milder.«
»Du glaubst aber auch immer an das Gute in jedem, oder?«, fragte ich und seufzte.
»Einen Versuch ist es wert.«
»Du solltest sie echt mal kennenlernen. Dann würdest du deine Meinung ändern. Aber na ja, ich sehe es jetzt auch nicht ein, nur ihretwegen wieder auszuziehen, wo ich die erste Miete bereits überwiesen habe. Diesen einen Monat werde ich schon überleben.«
Zwei Monate zuvor
Ich stopfte meine Tanzschuhe in meine Tasche und war bereits beinahe aus der Tür, als mamá mich aufhielt. »Emilia, wo gehst du schon wieder hin?«
Am liebsten wäre ich wortlos an ihr vorbeigeeilt, schließlich schuldete ich ihr keine Erklärung, aber um mir unnötigen Stress zu ersparen, antwortete ich knapp: »Salsa geht in einer halben Stunde los.«
Sie schüttelte den Kopf. »Dir ist bewusst, dass du das jetzt nicht mehr machen kannst, oder?«
Ich erstarrte. Ich musste mich wohl verhört haben. Was hatte sie gerade gesagt?
»Was soll das heißen?«
Sie seufzte und sah mich mit gehobener Augenbraue an. »Du hast jetzt einen Freund.«
»Ja, und?«
Mir gefiel ihr abwertender Blick überhaupt nicht. Das ging sie doch absolut nichts an. Seit mein Bruder Mateo jedoch ausgezogen war, musste sie sich in alle meine Angelegenheiten einmischen.
»Du nimmst dir in deiner Beziehung sehr viele Freiheiten. Ich weiß nicht, was Leonhard dazu sagen wird.«
Ihre Worte waren so lächerlich, dass ich beinahe aufgelacht hätte. In welchem Jahrhundert lebten wir bitte?
Ich nahm meinen Schlüssel von dem Tisch im Flur. »Ich muss los.«
»Du wirst schon sehen, dass ich recht habe!«, rief sie mir hinterher, bevor ich die Tür hinter mir zuknallte.
Danach redeten wir nie wieder darüber, was Leo davon halten könnte, dass ich regelmäßig zu meinem Kurs ging, aber trotzdem ließen mir ihre Worte keine Ruhe. Was, wenn es ihn tatsächlich störte? Ich versuchte, mir die Situation andersherum vorzustellen. Wie fände ich es, wenn er mehrmals die Woche mit anderen Frauen tanzen würde?
Ich schüttelte den Kopf. Das war doch albern. Ja, Salsa war ein Paartanz, bei dem man sich auch mal näher kam, aber so viel Vertrauen sollte manin seinen Partner oder seine Partnerin haben. Dennoch konnte ich nicht anders, als es anzusprechen, als ich ihm einige Tage später dabei half, seine Wohnung einzurichten.
»Du …«, meinte ich, während ich seine Bücher für die Uni ins Regal stellte. »Kann ich dich etwas fragen?«
Er hob den Kopf und sah mich an. »Klar.«
Ich schluckte. »Stört es dich, dass ich … so viel Zeit im Studio und bei den Tanzabenden verbringe? Ich meine, nein, das war nicht wirklich meine Frage. Hast du ein Problem damit, dass ich überhaupt tanze? Also Salsa? Mit anderen … Männern?«
Mit schief gelegtem Kopf kam er auf mich zu. »Warum sollte ich plötzlich ein Problem damit haben?«
Mit einem Mal fühlte ich mich dumm. Ich hätte ihn das nicht fragen sollen. Natürlich war es kein Problem. Meine Mutter hatte bloß eins daraus gemacht.
»Keine Ahnung«, murmelte ich. »Vergiss es. Es war eine blöde Frage.«
Ich wich seinem Blick aus, doch er hob mein Kinn an. »Hey. Was ist los?«
Verdammt. Ich hätte das Thema gar nicht erst anschneiden sollen. Ich seufzte, bevor ich gestand: »Meine Mutter meint, dass es dich stören könnte.«
Leo sah mich ungläubig an, ehe er in schallendes Gelächter ausbrach. »Wie kommt sie denn darauf?«
»Keine Ahnung«, sagte ich schulterzuckend. »Aber ihre Worte haben mir keine Ruhe gelassen.«
»Es stört mich wirklich nicht«, sagte er ernst. »Du bist wahnsinnig gut darin und es macht dir so viel Spaß. Warum sollte ich nicht wollen, dass du es tust? Das ist doch Quatsch.«
»Du hast recht. Lass uns nicht länger darüber reden.«
Leo schien einen Moment zu überlegen, bevor er einen Schritt von mir zurückwich. »Die viel wichtigere Frage ist: Wann erzählst du ihnen davon, dass du bald hier einziehen wirst?«
Ich biss mir auf die Unterlippe. Auch darüber hatte ich die letzten Tage viel nachgedacht, denn ich war mir meiner Entscheidung unsicher. Wobei mich Leo ja nicht ernsthaft hatte entscheiden lassen.
»Was ist?«, fragte Leo und kam wieder näher.
Ich musste es ihm sagen, aber ich wusste nicht, wie. »Ich … ich habe Angst, dass wir uns damit etwas kaputt machen.«
Sein Blick verfinsterte sich augenblicklich. »Was? Heißt das, du willst gar nicht einziehen?«
Das habe ich überhaupt nicht gemeint, hätte ich ihn am liebsten angefahren, ließ es jedoch, um keinen Streit zu provozieren.
»Ich habe nicht gesagt, dass ich es will oder nicht will. Du hast mich nie wirklich gefragt. Du hast das einfach so für uns beschlossen. Aber darum geht es nicht, ich –«
»Warum hast du mir nicht von Anfang an gesagt, dass du es nicht willst?« Seine Stimme wurde lauter. »Ich hätte es natürlich verstanden, wenn du nicht willst, dass es so ernst zwischen uns wird.«
Tränen stiegen in mir auf. Ob vor Wut oder Verzweiflung wusste ich im Moment selbst nicht. Das hier lief einfach überhaupt nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte.
»Ich hätte gern etwas mehr Zeit zum Nachdenken gehabt. Ich habe mir ja noch nicht einmal Alternativen überlegen können.«
Leo schüttelte den Kopf. »Ich verstehe das nicht. Es wäre perfekt! Es ist eine tolle Wohnung, groß genug für uns zwei, wir sind in der Nähe der Uni und sogar von deinem Studio und der Kanzlei. Wir passen super zusammen, es läuft gut. Über welche Alternativen willst du da nachdenken? Willst du etwa weiter bei deinen Eltern leben, die meinen, über dein Leben bestimmen zu können?«
Überfordert schloss ich die Augen. Ich hasste es, mit ihm zu streiten. Doch nachdem ich einen tiefen Atemzug genommen hatte, sah ich ihn erneut an. »Ich treffe nur ungern unüberlegte Entscheidungen. Ja, es hört sich alles super an, aber du weißt, dass ich mich nicht gern ins Ungewisse stürze.«
Er warf die Arme in die Luft. »Was ist daran unüberlegt und ungewiss? Es ist doch überhaupt kein Risiko! Wir müssen uns nicht einmal Sorgen über die Miete machen! Meine Eltern merken das gar nicht.«
»Das gefällt mir an diesem Plan zum Beispiel nicht!« Inzwischen war auch ich lauter geworden.
Sein Blick zeigte Verständnislosigkeit. »Was passt dir daran nicht? Du kennst meine Eltern. Du weißt, wie es ist. Wo liegt das Problem?«
»Vielleicht möchte ich etwas Eigenes haben. Etwas, das zwar keine amerikanische Küche und keinen Echtholzparkettboden hat, aber etwas, das ich mir ausgesucht habe und auch nur annähernd leisten könnte! Ich habe es satt, mich von anderen bevormunden zu lassen. Ich will mein Leben endlich selbst in die Hand nehmen!«
Leo lachte, was mich erst richtig wütend machte. Manchmal zeigte Leo diese andere Seite von ihm, diese harte, bittere.
»Weißt du, was dein Problem ist? Du machst alles nur so, wie es deinen Eltern recht ist. Du hast dich für den Studiengang eingeschrieben, den sie für dich ausgesucht haben, du hast sogar nur Freunde, die sie abgesegnet haben. Aber ich? Ich bin ihnen ein Dorn im Auge. Am Anfang waren sie begeistert von dem netten Anwaltssohn, doch seit sie gemerkt haben, dass ich dich dazu bringe, ihre Entscheidungen und ihre Kontrolle über dich infrage zu stellen, bin ich der Feind. Sie würden niemals befürworten, dass du zu mir ziehst, und das weißt du genau. Deswegen wirst du auch nie hier einziehen. Du würdest nie etwas tun, was ihnen widerstrebt.«
»Ach ja?«, rief ich. »Und was war mit dem Tanzen? Das finden sie nicht gut. Ich mache es aber trotzdem! Ich mache überhaupt nicht alles, was sie mir sagen.«
In diesem Moment klang ich wie ein trotziges Kind und ich hasste es. Doch die Wut hatte mich fest im Griff.
