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Erhard Scheibe

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In die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts fielen nicht nur die Umwälzungen der Physik durch Relativitätstheorie und Quantentheorie. Es war auch eine Zeit, in der die Physiker zu Philosophen wurden – und dies aus Notwendigkeit und mit Konsequenzen, wie dieses Buch zeigt. Zu Unrecht klage man darüber, daß unsere Generation keine Philosophen habe, soll schon Adolf von Harnack gesagt haben: "Die Philosophen sitzen jetzt nur in der anderen Fakultät, sie heißen Planck und Einstein." Einstein hat auch die Begründung dafür vorgezeichnet, warum er und seine Kollegen die Philosophie nicht den Philosophen überlassen konnten. In einer Zeit, in der die Physiker über ein festes, nicht angezweifeltes System verfügten, möge dies wohl in Ordnung gewesen sein, schreibt er, "nicht aber in einer Zeit, in welcher das ganze Fundament der Physik problematisch geworden ist". Nur der Physiker selbst jedoch fühle und wisse am besten, wo ihn der Schuh drückt. In einer aufwendig recherchierten, auf die Originalquellen zurückgreifenden und umfassenden Darstellung analysiert der Naturwissenschaftler und Philosophiehistoriker Erhard Scheibe dieses neue Verhältnis von Physik und Philosophie und den dazugehörigen Typus des philosophierenden Physikers, der die Physik bis heute nachhaltig prägt. Zum Buch In die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts fielen nicht nur die Umwälzungen der Physik durch Relativitätstheorie und Quantentheorie. Es war auch eine Zeit, in der die Physiker zu Philosophen wurden – und dies aus Notwendigkeit und mit Konsequenzen, wie dieses Buch zeigt. Zu Unrecht klage man darüber, daß unsere Generation keine Philosophen habe, soll schon Adolf von Harnack gesagt haben: "Die Philosophen sitzen jetzt nur in der anderen Fakultät, sie heißen Planck und Einstein." Einstein hat auch die Begründung dafür vorgezeichnet, warum er und seine Kollegen die Philosophie nicht den Philosophen überlassen konnten. In einer Zeit, in der die Physiker über ein festes, nicht angezweifeltes System verfügten, möge dies wohl in Ordnung gewesen sein, schreibt er, "nicht aber in einer Zeit, in welcher das ganze Fundament der Physik problematisch geworden ist". Nur der Physiker selbst jedoch fühle und wisse am besten, wo ihn der Schuh drückt. In einer aufwendig recherchierten, auf die Originalquellen zurückgreifenden und umfassenden Darstellung analysiert der Naturwissenschaftler und Philosophiehistoriker Erhard Scheibe dieses neue Verhältnis von Physik und Philosophie und den dazugehörigen Typus des philosophierenden Physikers, der die Physik bis heute nachhaltig prägt.

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Veröffentlichungsjahr: 2016

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Erhard Scheibe

 

Die Philosophie der Physiker

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Verlag C.H.Beck

 

 

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In die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts fielen nicht nur die Umwälzungen der Physik durch Relativitätstheorie und Quantentheorie. Es war auch eine Zeit, in der die Physiker zu Philosophen wurden – und dies aus Notwendigkeit und mit Konsequenzen, wie dieses Buch zeigt. Zu Unrecht klage man darüber, daß unsere Generation keine Philosophen habe, soll schon Adolf von Harnack gesagt haben: «Die Philosophen sitzen jetzt nur in der anderen Fakultät, sie heißen Planck und Einstein.» Einstein hat auch die Begründung dafür vorgezeichnet, warum er und seine Kollegen die Philosophie nicht den Philosophen überlassen konnten. In einer Zeit, in der die Physiker über ein festes, nicht angezweifeltes System verfügten, möge dies wohl in Ordnung gewesen sein, schreibt er, «nicht aber in einer Zeit, in welcher das ganze Fundament der Physik problematisch geworden ist». Nur der Physiker selbst jedoch fühle und wisse am besten, wo ihn der Schuh drückt. In einer aufwendig recherchierten, auf die Originalquellen zurückgreifenden und umfassenden Darstellung analysiert der Naturwissenschaftler und Philosophiehistoriker Erhard Scheibe dieses neue Verhältnis von Physik und Philosophie und den dazugehörigen Typus des philosophierenden Physikers, der die Physik bis heute nachhaltig prägt.

Über den Autor

Erhard Scheibe (1927–2010) war Professor für Philosophie der Naturwissenschaften an der Universität Heidelberg.

Für meine Tochter Maria

Inhalt

Vorwort

Einleitung

    I. Die Philosophie und die Physiker

A) Traditionelle Philosophie

B) Zeitgenössische Philosophie

C) Wissenschaftstheorie

   II. Positivismus und reale Außenwelt (Planck versus Mach)

a) Philosophische Beweise des Realismus

b) Der wissenschaftliche Realismus und die Physiker

c) Positivismus und reale Außenwelt: Die Planck-Mach-Debatte

d) Die Position Plancks: Aufbau eines physikalischen Weltbildes

e) Die Position Machs: Neutraler Monismus

  III. Für und gegen Atome (Boltzmann versus Mach)

  IV. Theorien und Bilder

a) Boltzmanns Bilder

b) Lübeck 1895

c) Hertz und der heutige Strukturbegriff

d) Plancks physikalisches Weltbild

   V. Theorie und Erfahrung

A) Duhems Instrumentalismus

B) Deduktive und induktive Physik

C) Theoriegeladenheit des Experiments

D) Poincarés Konventionalismus

  VI. Zur Relativitätstheorie

A) Vom Positivisten zum Rationalisten

B) Zur speziellen Theorie (SRT)

C) Zur allgemeinen Theorie – Das Äquivalenzprinzip

D) Zwischen Kantianern und Empiristen

 VII. Kausalität, Determinismus, Wahrscheinlichkeit

a) Arten von Kausalität

b) Ereigniskausalität und Determinismus

c) Wesensursachen

d) Kausalität und Funktionsbegriff

e) Kausalität in offenen Systemen (‹Unfalltheorie›)

f) Die Rolle statistischer Gesetze (Exner versus Planck)

g) Indeterminismus und Chaos (Born versus von Laue)

VIII. Quantenmechanik: Die Kopenhagener Schule

a) Quantenphänomene

b) Dynamik

c) Voraussage und Determinismus

d) Eigenschaften und Observable

e) Zustände

f) Messungen

g) Komplementarität

  IX. Kritik an der Kopenhagener Deutung

A) Frühe Gegner: Einstein

B) Frühe Gegner: Schrödinger

C) Theorien verborgener Parameter und Unmöglichkeitsbeweise

   X. Fortschritt, Reduktion und Einheit der Physik

A) Die Boltzmann-Tradition

B) Die Widerlegungsversion

C) Transitivität, Zusammenführung und Einheit

D) Begriffswandel und Theorien ohne Nachfolger

E) Quasikumulativer Fortschritt

 

Anmerkungen

Literatur

Personenregister

Vorwort

Das vorliegende Buch hat eine lange Geschichte: Ursprünglich geht es auf Vorlesungen zurück, die ich in den neunziger Jahren an der Universität Heidelberg gehalten habe.

Es behandelt einen kaum berührten Gegenstand: die Rechenschaft der Physiker über ihre eigene Arbeit, soweit sie die Philosophie betrifft. Da man nach einer Darstellung dieser Philosophie der Physiker bislang vergeblich sucht, fühle ich mich gerechtfertigt, das Zitat zu einem methodischen Werkzeug zu machen: die Physiker sollen sich selbst über die philosophischen Teile ihrer Arbeit artikulieren.

Als Leserkreis dieses Buches kommen daher natürlich insbesondere Physiker, Physiklehrer sowie an der Physik interessierte Wissenschaftsphilosophen in Frage. Fremdsprachliche Kenntnisse werden nicht verlangt, in einigen Kapiteln wohl aber mathematische Kenntnisse. Ursprünglich englische Texte sind von mir ins Deutsche übersetzt worden.

Es ist mir ein Bedürfnis, jenen Dank zu sagen, die mir bei der Abfassung des Buches geholfen haben. Ich danke meinen Kindern Burkhard und Richard für Hilfe bei der Formatierung des Textes und insbesondere Maria für unermüdlichen Beistand bei der Redaktion und Korrektur, für letzteres danke ich auch Brigitte Falkenburg, Universität Dortmund. Ferner danke ich Philipp Annecke und Sascha Teske für wertvolle Unterstützung bei der Texteingabe und technischen Fragen.

Hamburg, im März 2006

Erhard Scheibe

Einleitung

Man klagt darüber, daß unsere Generation keine Philosophen habe.

Mit Unrecht: Die Philosophen sitzen jetzt nur in der anderen Fakultät,

sie heißen Planck und Einstein.

Adolf von Harnack

Gegenstand dieses Buches sind die von Physikern einer bestimmten Epoche geäußerten Gedanken philosophischen Inhalts, die gleichwohl in einem wesentlichen Zusammenhang mit der Physik stehen. Zweierlei ist daran sogleich zu betonen. Einmal ist dies keine Abhandlung, in der ich in systematischer Weise die Grundlagen der Physik und ihre philosophischen Probleme behandeln werde und dementsprechend meine eigene Sichtweise der Dinge oder die anderer Philosophen maßgebend wären. Vielmehr geht es um die Vermittlung von Meinungsbildern zu grundlegenden philosophischen Fragen der Physik, wie sie sich unter Physikern herausgebildet haben. Zweitens möchte ich von vornherein betonen, daß es sich dabei gleichwohl um philosophische Gedanken handelt; denn Physiker im heutigen Sinne des Wortes machen sich normalerweise keine philosophischen Gedanken über ihre Disziplin, und das ist ja auch nicht ihre Aufgabe. Aber einige haben es getan, haben es sich zur Aufgabe gemacht, und es ist zunächst zu fragen, welche Physiker das waren und aus welchen Gründen sie sich dazu getrieben sahen zu philosophieren, statt Experimente zu machen und physikalische Theorien aufzustellen.

Wollen wir nun in dieser Frage bei den alten Griechen anfangen, bei Aristoteles oder den Stoikern? Immerhin hatte das Wort «Physik» in diesen Kreisen eine klare Verwendung, und ein Werk aus dem corpus aristotelicum ist noch in der Antike mit diesem Wort benannt worden. Doch wird der Leser ahnen, daß von den Griechen nicht die Rede sein soll. Für ihre Zeit und noch lange danach bis ins ausgehende Mittelalter würde man sich scheuen, ansonsten einschlägige Autoren als Physiker zu bezeichnen. Man würde sagen: Eigentlich waren sie ja Philosophen, vielleicht auch Theologen, und ihre Physik – damals noch ein Teil der Philosophie – haben sie eben als solche entwickelt. Genau deswegen wäre dann auch gar nichts Besonderes dabei. Eher könnte man einen Witz in der Frage sehen, was eigentlich die Physik dieser Autoren gewesen sei. Und diese Frage wird von heutigen Philosophiehistorikern in der Tat behandelt und beantwortet. Man kann ruhig etwas paradox sagen: Es gab in diesen alten Zeiten eine Physik, aber es gab, von Ausnahmen wie Archimedes abgesehen, keine Physiker. Eben deswegen kommt einem heute diese alte Physik auch etwas merkwürdig vor.

Das Gesagte läßt sich auch dahingehend ausdrücken, daß die Physik damals noch in der Philosophie aufging und keine Fachwissenschaft war.[1] Das ist deswegen bemerkenswert, weil es andere Fachwissenschaften sehr wohl gab, darunter der Physik heute so nahestehende Disziplinen wie Mathematik und Astronomie, ferner auch Geographie, Medizin, Linguistik und weitere. Aber die Physik war nicht darunter, und die Astronomie, von der die große wissenschaftliche Revolution des 17. Jahrhunderts ihren Ausgang nahm, war damals kein Teilgebiet der Physik. Noch Kopernikus und Kepler waren keine Physiker, sondern Fachastronomen im Sinne der damaligen Ordnung der Wissenschaften.

Wer aber war der erste Physiker? Ich denke, daß heute nicht nur unter den Physikern selbst, sondern auch unter den Historikern der Physik Einigkeit darüber besteht, daß diese Ehre Galilei gebührt – zumindest als einer Symbolfigur für die Geburt einer neuen Fachwissenschaft, deren Erfolge allmählich so bedeutsam für die ganze Menschheit werden sollten. Galilei war der erste Physiker im modernen Sinne, wonach die Physik von Physikern und niemandem sonst gemacht wird. In der Zeit nach Galilei gab es allerdings noch einige Gelehrte wie Descartes und Leibniz, die in der Hauptsache Philosophen waren, aber als Träger einer Übergangserscheinung die Physik ihrer Zeit, die Physik Galileis, Huygens’, Newtons, nicht nur verstanden hatten, sondern durch eigene Beiträge bereichert haben. Aber diese Kategorie stirbt bald danach aus. Und von nun an wird es immer interessanter, in Umkehrung der Frage nach der Physik der Philosophen nach der Philosophie dieser neuen Physiker zu fragen: Was hat den auf diese Weise verselbständigten Fachphysikern, Generation auf Generation, die Philosophie noch bedeutet, und zwar bedeutet im Zusammenhang mit ihrer Wissenschaft?[2] Inwieweit haben die neuzeitlichen Physiker die Philosophie ihrer Zeit, aber auch die jeweilige Tradition gekannt, und inwieweit haben sie sich von ihrer Wissenschaft her gedrängt gesehen, selbst zu philosophieren? Immerhin war die ältere Einbettung der Physik in die Philosophie ja nicht durchweg ein Irrtum. Es gab da sachlich begründete Beziehungen. Aber die Frage, was die Physiker als Physiker damit anzufangen wußten, läßt sich sinnvoll erst für die neue Zeit stellen.

Heidegger hat optimistisch bemerkt:[3]

Die Größe und Überlegenheit der Naturwissenschaft im 16. und 17. Jahrhundert beruht darauf, daß jene Forscher alle Philosophen waren; sie begriffen, daß es keine bloßen Tatsachen gibt, sondern daß eine Tatsache nur ist, was sie ist, im Lichte des begründeten Begriffes … Dort, wo die eigentliche, aufschließende Forschung geschieht, ist die Lage nicht anders als vor 300 Jahren, auch jene Zeit hatte ihren Stumpfsinn, so wie umgekehrt die heute führenden Köpfe der Atomphysik, Niels Bohr und Heisenberg, durch und durch philosophisch denken …

Hier erhält der beschriebene Sachverhalt beinahe schon den Rang einer Gesetzmäßigkeit: Philosophierende Physiker tauchen immer dann auf, wenn die Physik interessant und «für die Physiker zu schwer» wird.[4] Neben der wissenschaftlichen Revolution des 17. Jahrhunderts nennt Heidegger die für ihn zeitgenössische Physik. In der Tat haben wir es hier mit einer Epoche der neuzeitlichen Physik zu tun, für die man nicht nur als neutraler Beobachter (Heidegger eingeschlossen) mit einem besonderen Recht von einer Philosophie der Physiker sprechen kann, sondern in der sich die Physiker selbst als Philosophen verstanden haben. Gänzlich unmißverständlich und gewissermaßen unverblümt hat Arnold Sommerfeld dies in einem Vortrag von 1948 ausgesprochen:[5]

Im 19. Jahrhundert war das Verhältnis zwischen Philosophie und Physik gespannt. Zuerst dominierte die Philosophie und wollte der Physik den Weg vorschreiben … Später waren die Physiker mißtrauisch geworden, sie lehnten jede Philosophie ab …

Im 20. Jahrhundert änderte sich das Verhältnis … grundlegend. Gleich zu Beginn im Jahre 1900 entdeckte Planck das Wirkungsquantum … Damit gab er der Philosophie die härteste Nuß zu knacken, mit der sie noch lange zu tun haben wird … Der entscheidende Schritt zu einer philosophisch vertieften Physik [wurde] von Einstein im Jahre 1905 getan …

Seit Einstein gibt es keine Entfremdung mehr zwischen Physikern und Philosophen. Die Physiker sind zu Philosophen geworden, und die Philosophen hüten sich, mit der Physik in Konflikt zu geraten …

Aber auch Geisteswissenschaftler haben die Sache ähnlich gesehen: Im Zusammenhang mit einer Würdigung Einsteins berichtet Sommerfeld um etwa dieselbe Zeit:[6]

Adolf von Harnack sagte einmal, wie mir berichtet wurde, im Sprechzimmer der Berliner Universität: Man klagt darüber, daß unsere Generation keine Philosophen habe. Mit Unrecht: Die Philosophen sitzen jetzt nur in der anderen Fakultät, sie heißen Planck und Einstein.

Es ist aber nicht bei Bonmots geblieben. Höffding hat in der kleinen Fortsetzung seiner Geschichte der neueren Philosophie einigen, wie er sie vorsichtig nennt, «philosophierenden Naturforschern» ein eigenes Kapitel eingeräumt, und dort erfährt man Näheres über Maxwell, Mach, Hertz und Ostwald.[7] Besondere Hervorhebung verdient daneben ein Kapitel aus Passmores A Hundred Years of Philosophy (1957), das den Zeitraum von John Stuart Mill bis zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts behandelt. Das Kapitel ist überschrieben «Natural Scientists Turn Philosophers», und in der Tat bringt Passmore in diesem Kapitel ein gutes Dutzend von Physikern und Mathematikern zusammen, die diese Bezeichnung verdienen, da sie als solche akademisch ausgebildet waren, ihre Wissenschaft durch eigene Leistungen weitergebracht haben, sich schließlich aber im Kontext ihrer Fachwissenschaft der Philosophie zugewandt haben, so daß Passmore unter anderem zu Recht von ihnen sagen kann:[8]

Aber wie groß auch immer die Meinungsverschiedenheiten zwischen ihnen waren, es bleibt die Tatsache, daß sehr viele der traditionellen Probleme der Philosophie nunmehr im Kontext der Physik freimütig diskutiert werden. Die Physiker sehen sich selbst als Einbringer von Fachwissen, das relevant ist in Disputen, die sie in früherer Zeit als unfruchtbare Metaphysik abgewiesen hätten.

Wann geht die von Sommerfeld angesprochene philosophische Epoche der Physik zu Ende? Ich fürchte, daß wir in dieser Frage den Worten Fritz Rohrlichs glauben müssen, der in seinem Beitrag zur Dirac-Festschrift sagt:[9]

Ich glaube, daß die Generation der theoretischen Physiker, welche die Relativitätstheorie und die Quantenmechanik entwickelten, besser in Wissenschaftsphilosophie erzogen war, als es die gegenwärtige Generation ist. Diese Physiker waren sich völlig im klaren über die Notwendigkeit philosophischen Fragens, wenn sie gute theoretische Physiker sein wollten. In der Tat haben Theoretiker von Poincaré bis Philipp Frank wesentliche Beiträge zur Wissenschaftsphilosophie geliefert, ganz zu schweigen von der positivistischen Schule und ihrem Wiener Kreis, für den sie eine Schlüsselrolle spielten.

Meine Ausführungen zur Philosophie der Physiker will ich jedenfalls in etwa auf die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts beschränken, wobei Grenzüberschreitungen in beiden Richtungen erlaubt sein sollen, wenn sie zum Verständnis der zentralen Themen beitragen können. Von der Philosophie der Physiker dieser Zeit spreche ich im übrigen nicht in dem Sinne, daß Einheitlichkeit in der Beantwortung der aufgetretenen philosophischen Fragen geherrscht hätte, was natürlich nicht der Fall war. Die Philosophie der Physiker im Sinne einer einheitlichen Doktrin gab es in dieser Zeit und in diesem Kreis genausowenig wie in irgendeinem anderen Fall dieser Art. Aber man redet eben auch von der Philosophie der Griechen, der Philosophie der Aufklärung usw., ohne damit auf einheitliche Lehrmeinungen hinweisen zu wollen. Es muß uns genügen, eine philosophische Aktivität nachweisen zu können, und schon das war unter Physikern etwas Besonderes.

Ehe ich die beiden im letzten Zitat gefallenen Stichworte ‹Relativitätstheorie› und ‹Quantenmechanik› aufgreife, sollte aber noch ein letztes Wort über den (zeitlich nun schon eingeschränkten) Begriff des Physikers gesagt werden. Natürlich war Einstein ein Physiker, und Heidegger war es nicht. Aber es gibt Grenzfälle, bei deren unangemessener Berücksichtigung ein schiefes Bild entstehen könnte. Der soeben schon erwähnte Philipp Frank ist ein Beispiel. Er war Professor der theoretischen Physik in Prag, und auch seine spätere Anstellung an der Harvard University war die eines Lecturers in Mathematik und Physik. Unter Physikern bekannt geworden ist das von ihm zusammen mit Richard von Mises bearbeitete Buch Die Differentialgleichungen der mathematischen Physik von 1927.[10] All dies weist Frank als einen Physiker von Beruf aus, und das wäre in seinem Jahrhundert ja auch ein gutes Kriterium: Entscheidend ist, womit jemand sein Geld verdient. In weiteren Kreisen bekannt geworden ist Frank nun aber nicht als Physiker, sondern als Philosoph der Physik, vor allem durch sein Buch Das Kausalgesetz und seine Grenzen.[11] Andere Grenzfälle liegen anders. Carl Friedrich von Weizsäcker etwa war zunächst, beruflich gesehen, Physiker, wenn auch immer schon mit gleichsam unbezahltem philosophischen Interesse. Dann aber wurde er Professor für Philosophie und schließlich Direktor des Max-Planck-Instituts zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt. Neben rein physikalischen Arbeiten, die ihn in Fachkreisen bekannt gemacht haben, hat Weizsäcker auch viele philosophische Arbeiten geschrieben, darunter solche, die sich nicht auf die Physik beziehen. Manche seiner Fachkollegen würden daher sagen: Er war eigentlich immer schon ein Philosoph. Es lassen sich noch weitere Grenzfälle dieser Art finden, und die Frage, wie sie zu berücksichtigen sind, ist nicht rein akademischer Natur. Sie scheint zumindest dann wichtig zu werden, wenn man, wie wir, in erster Linie wissen will, welche Physiker als Physiker philosophiert haben und es wohl nicht getan hätten, wenn nicht die Lage ihres Faches sie dazu gezwungen hätte. Die in der folgenden Liste aufgeführten Physiker und Mathematiker[12] haben jedenfalls mehr oder weniger Anteil an der Entstehung der hier zu thematisierenden philosophischen Aktivität.

 

Physiker als Philosophen

 

I. (Geburtsdatum vor 1850)

Hermann von Helmholtz (1821–1894)

James Clerk Maxwell (1831–1879)

Ernst Mach (1838–1916)

Ludwig Boltzmann (1844–1906)

William Kingdon Clifford (1845–1879)

 

II. (Geburtsdatum in den 1850er und 1860er Jahren)

Wilhelm Ostwald (1853–1931; Nobelpreis für Chemie 1909)

Henri Poincaré (1854–1912)

Heinrich Rudolf Hertz (1857–1894)

Max Planck (1858–1947; Nobelpreis für Physik 1918)

Pierre Duhem (1861–1916)

David Hilbert (1862–1943)

Wilhelm Wien (1864–1928; Nobelpreis für Physik 1911)

Walther Hermann Nernst (1864–1941; Nobelpreis für Chemie 1920)

Arnold Sommerfeld (1868–1951)

 

III. (Geburtsdatum in den 1870er und 1880er Jahren)

James Jeans (1877–1946)

Albert Einstein (1879–1955; Nobelpreis für Physik 1921)

Max von Laue (1879–1960; Nobelpreis für Physik 1914)

Max Born (1882–1970; Nobelpreis für Physik 1954)

Percy Williams Bridgman (1882–1961; Nobelpreis für Physik 1946)

Arthur Eddington (1882–1944)

Richard von Mises (1883–1953)

Philipp Frank (1884–1966)

Niels Bohr (1885–1962; Nobelpreis für Physik 1922)

Hermann Weyl (1885–1955)

Erwin Schrödinger (1887–1961; Nobelpreis für Physik 1933)

 

IV. (Geburtsdatum nach 1890)

Michael Polanyi (1891–1976)

Louis Victor Raymond de Broglie (1892–1981; Nobelpreis für Physik 1929)

Wolfgang Ernst Pauli (1900–1958; Nobelpreis Physik 1945)

Werner Heisenberg (1901–1975; Nobelpreis für Physik 1932)

Pascual Jordan (1902–1980)

Eugene Wigner (1902–1995; Nobelpreis für Physik 1963)

Johannes von Neumann (1903–1957)

Carl Friedrich von Weizsäcker (*1912)

Ilya Prigogine (1917–2002; Nobelpreis für Chemie 1977)

David Bohm (1917–1992)

Günther Ludwig (*1918)

Ich kann nun der anderen Frage nähertreten, warum Planck, Einstein und weitere Physiker unserer Liste sich genötigt sahen, neben den Tagesfragen der Physik auch Fragen eher philosophischen Inhalts ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Wie ist es dazu gekommen, daß man zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit Recht sagen konnte, daß das Verhältnis von Physik und Philosophie, nachdem es lange Zeit sehr schlecht gewesen war, sich nunmehr zu bessern begann? Inwiefern ist hier ein Einschnitt, der eine neue Epoche, wenn nicht der Philosophie, so doch der Physik, abzugrenzen erlaubt? Warum wurden – wie Sommerfeld es ausdrückt – «die Physiker zu Philosophen» oder, in der etwas vorsichtigeren Terminologie Höffdings, «philosophierende Naturforscher»? Über die Antwort kann es eigentlich keinen Zweifel geben: Das Verhältnis hat sich nicht etwa in dem Sinne gebessert, daß die maßgeblichen Physiker mit den maßgeblichen Philosophen in einen Dialog eingetreten wären. Abgesehen von einigen Neukantianern wie Cassirer, einigen logischen Empiristen wie Reichenbach und dem kritischen Rationalisten Popper, die in die Diskussion eingegriffen haben, hat keine Annäherung der Philosophie auf breiter Front stattgefunden. Vielmehr sind die Physiker in einem gänzlich unakademischen Sinne Philosophen geworden. Sie haben selbst angefangen zu philosophieren, und sie sind dazu veranlaßt worden durch die von ihnen selbst gesteuerte Entwicklung ihrer Wissenschaft. Diese Entwicklung war revolutionär vor allem durch die Schaffung der Quantenmechanik (1927) und vorher schon der beiden Relativitätstheorien (1905 und 1916). Sie sahen sich mit dem Umstand konfrontiert, daß diese neuen Theorien in Widerspruch zu gewissen vorphysikalischen Auffassungen standen, die Grundlage der klassischen Physik geworden waren. In einer solchen Lage hilft nichts anderes, als daß zunächst einmal die Fachleute selbst den anstehenden Problemen zu Leibe rücken. Das hören wir auch von Einstein, der eine der Hauptfiguren in diesem Prozeß gewesen ist:[13]

Oft und gewiß nicht ohne Berechtigung ist gesagt worden, daß der Naturwissenschaftler ein schlechter Philosoph sei. Warum sollte es also nicht auch für den Physiker das Richtige sein, das Philosophieren dem Philosophen zu überlassen? In einer Zeit, in welcher die Physiker über ein festes, nicht angezweifeltes System von Fundamentalbegriffen und Fundamentalgesetzen zu verfügen glaubten, mag dies wohl so gewesen sein, nicht aber in einer Zeit, in welcher das ganze Fundament der Physik problematisch geworden ist, wie gegenwärtig. In solcher Zeit des durch die Erfahrung erzwungenen Suchens nach einer neuen solideren Basis kann der Physiker die kritische Betrachtung der Grundlagen nicht einfach der Philosophie überlassen, weil nur er selber am besten weiß und fühlt, wo ihn der Schuh drückt; auf der Suche nach einem neuen Fundament muß er sich über die Berechtigung beziehungsweise Notwendigkeit der von ihm benutzten Begriffe nach Kräften klarzuwerden versuchen.

Für Einstein lagen im übrigen die Hauptprobleme nicht in den von ihm selbst geschaffenen Relativitätstheorien, sondern in der Quantentheorie, zu der er zwar ebenfalls wichtige physikalische Beiträge geliefert hat, über deren philosophische Bedeutung er sich aber mit den orthodoxen Vertretern nicht einigen konnte.

In der Relativitätstheorie (RT) war das ‹neue Fundament› eine Auffassung von Raum und Zeit, durch die schon in der speziellen Theorie (SRT) Newtons absolute Zeit (und natürlich auch sein absoluter Raum) durch eine relative, vom Bezugssystem abhängige Zeit (bzw. einen relativen, von demselben abhängigen Raum) ersetzt und in der allgemeinen Theorie (ART) die Metrik der Raumzeit mit der Gravitation in Verbindung gebracht wird. Diese Theorien sind fundamental, weil sie Raum und Zeit betreffen, in denen sich nach bisherigem Verständnis alle Geschehnisse abspielen. In der Quantenmechanik (QM) geht es demgegenüber um eine sehr allgemeine Änderung des klassischen Objektbegriffs: Man kann über Objekte oder physikalische Systeme nicht mehr so reden, als ob die Objekte gewisse (kontingente, insbesondere zeitabhängige) Eigenschaften besitzen (oder: haben) und andere (Eigenschaften) nicht. Statt dessen kann man nur noch Wahrscheinlichkeiten dafür angeben, daß bei einer Messung jene Eigenschaften auftreten bzw. nicht auftreten. Die Wahrscheinlichkeiten sind irreduzibel, weil die Meßmöglichkeiten dadurch eingeschränkt sind, daß es zu jeder Eigenschaft andere Eigenschaften gibt, die mit der gegebenen nicht gleichzeitig gemessen werden können. Davon ist dann schon die anschauliche und zugleich vollständige Objektbeschreibung in Raum und Zeit betroffen. Dieser Eingriff ist fundamental, weil er alle materiellen Dinge betrifft, an denen sich die Geschehnisse in Raum und Zeit abspielen.

Es gibt Historiker, die meinen, die fragliche, durch RT und QM bestimmte Revolution der Physik müsse, was ihren Anfang angeht, weit ins 19. Jahrhundert zurückverlegt werden.[14] Dabei denken sie wohl in erster Linie an die Schöpfung der Elektrodynamik sowie an den Umstand, daß diese Entwicklung ja erst mit der SRT von 1905 einschließlich der Verwerfung der Ätherhypothese beendet war. Zugleich war damit aber der klassische Feldbegriff eingeführt, der dann 1916 in der ART noch einmal eine wichtige Verallgemeinerung erfahren hat. Neben der Erweiterung der Physik durch den klassischen Feldbegriff hat die klassische Physik etwa seit der Mitte des 19. Jahrhunderts den Wahrscheinlichkeitsbegriff in sich aufgenommen; dieser Vorgang ist auch als probabilistische Revolution bezeichnet worden.[15] Sie hat auch andere Disziplinen betroffen, nachhaltig jedenfalls die Physik. In der Tat erfolgte die statistische Begründung der Thermodynamik schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, und es war im höchsten Grade verwunderlich, wie auf einmal alle möglichen Wahrscheinlichkeiten dort auftraten, wo früher nichts dergleichen zu sehen war. Auch diese Revolution hat ihre volle Entfaltung erst im 20. Jahrhundert durch die Quantentheorie gefunden, da erst hier irreduzible Wahrscheinlichkeiten auftraten.

Mithin haben wir allen Grund, die philosophische Diskussion der Physiker schon vor dem ‹Paukenschlag› des Planckschen Wirkungsquantums aufzugreifen. Im Hinblick auf die QM bedeutet dies in erster Linie ein Eingehen auf das Problem des Realismus in der Physik, der vor allem durch den Versuch von Ernst Mach, eine einheitliche phänomenalistische Begründung der Physik und Psychologie zu geben, in Gefahr geraten war; zweitens aber muß auch die Rede sein von der Wiederbelebung der Atomistik in der Physik, wie sie von Boltzmann, Maxwell und anderen mit Erfolg zur Begründung der Thermodynamik herangezogen wurde.

In einem Unternehmen wie dem vorliegenden erwartet man mit einem gewissen Recht eine Beantwortung der Frage nach Gemeinsamkeiten unter den Physikern in der Auffassung von dem, was Physik ist. Da die Physik ein relativ gut ‹definiertes› Wissensgebiet des Menschen ist, das er überdies selbst geschaffen hat, sollte man meinen, daß sich solche Gemeinsamkeiten relativ leicht finden lassen. Aber wie so oft steckt auch hier der Teufel im Detail, und die sicherste Gemeinsamkeit, die sich entdecken läßt, ist die negative, daß wohl alle Physiker sich wehren würden, mit ihrem Weltbild einschließlich seiner intellektuellen Vermittlung unter einen der gängigen ‹Ismen› gesteckt zu werden. Hier ist zunächst das Urteil des philosophisch orientierten Physikhistorikers Max Jammer von Bedeutung:[16]

Physiker lehnen es aus Tradition ab, sich als Angehörige einer besonderen philosophischen Schule zu erklären, selbst dann, wenn sie sich bewußt sind, zu ihr zu gehören.

Carl Friedrich von Weizsäcker beschreibt die allgemeine Lage mit den Worten:[17]

Es ist ein empirisches Faktum, daß fast alle führenden theoretischen Physiker unserer Zeit philosophieren. Es ist ein zweites empirisches Faktum, daß ihre Philosophie im allgemeinen weitgehend ihre eigene Erfindung ist und sich mit den überlieferten Meinungen der Philosophen manchmal schlecht zusammenreimt. Beide empirischen Tatsachen scheinen mir aus einer sachlichen Notwendigkeit hervorgegangen zu sein, nämlich daraus, daß die moderne Physik ohne Philosophie nicht adäquat verstanden werden kann und daß es eine Philosophie, die dieses adäquate Verständnis liefern könnte, bis heute noch nicht gibt.

Ein ganz persönliches Bekenntnis hierzu gibt Wolfgang Pauli:[18]

Zur Orientierung der Philosophen möchte ich von vornherein klarstellen, daß ich nicht zu einer der philosophischen Schulen gehöre, deren Namen mit einer Art von ‹Ismus› enden. Darüber hinaus bin ich sehr dagegen, irgendeine spezielle physikalische Theorie, wie die Relativitätstheorie oder die Quanten- oder Wellenmechanik, unter einen dieser ‹Ismen› zu bringen, obwohl dies von Zeit zu Zeit sogar von Physikern so gemacht worden ist.

Pauli hat das speziell mit Bezug auf die Gegensätzlichkeit von Phänomenalismus und Realismus geäußert und sagt dazu im unmittelbaren Anschluß: «Meine allgemeine Tendenz ist, die Mitte einzuhalten zwischen den beiden Extremen.» Dies dürfte wohl für alle ähnlich gelagerten Fälle gelten: Vermeidung extremer philosophischer Positionen. Sie sind alle unhaltbar; und das stellt sich meist ziemlich schnell heraus. Auch Einstein hat den Physiker in dieser Lage gesehen und gemeint, daß «die äußeren Bedingungen, die ihm durch die Erlebnistatsachen gesetzt sind [es ihm nicht erlauben], sich bei der Konstruktion seiner Begriffswelt allzusehr durch Festhalten an einem erkenntnistheoretischen System beschränken zu lassen». Er fährt fort:[19]

Er [der Physiker] muß dann dem systematischen Erkenntnistheoretiker als eine Art skrupelloser Opportunist erscheinen. Er erscheint als Realist insofern, als er eine von den Akten der Wahrnehmung unabhängige Welt darzustellen sucht; als Idealist insofern, als er die Begriffe und Theorien als freie Erfindungen des menschlichen Geistes ansieht (nicht logisch ableitbar aus dem empirisch Gegebenen); als Positivist insofern, als er seine Begriffe und Theorien nur insoweit für begründet ansieht, als sie eine logische Darstellung von Beziehungen zwischen sinnlichen Erlebnissen liefern. Er kann sogar als Platoniker oder Pythagoreer erscheinen, insofern er den Gesichtspunkt der logischen Einfachheit als unentbehrliches Werkzeug seines Forschens betrachtet.

Die Rolle des Opportunisten, in die Einstein hier den Physiker notwendig versetzt sieht, braucht dieser offenbar desto weniger zu spielen, je verträglicher die aufgeführten Positionen sind. So bewahrt ihn bereits die Beachtung der inneren Konsistenz vor zu extremen Positionen. Mag er auch unter dieser Bedingung noch Opportunist sein, so ist er es faute de mieux.

I. Die Philosophie und die Physiker

Nichts kommt der Ignoranz moderner Philosophen in Sachen der

Naturwissenschaft gleich außer der Ignoranz moderner Wissenschaftler

in Sachen Philosophie.

É. H. Gilson

Den Titel zu diesem ersten Kapitel borge ich mir von Susan Stebbings Buch Philosophy and the Physicists aus dem Jahr 1937.[1] Dort protestiert eine Philosophin im Namen der Philosophie gegen die Art und Weise, in der zumindest zwei Physiker ihrer Zeit – Eddington und Jeans – als Physiker, d.h. im Zusammenhang mit ihrer Wissenschaft, mit der Philosophie umgehen. Auf dieses Buch werde ich zurückkommen. Ich werde versuchen, das Verhältnis der Physiker zur Philosophie zu charakterisieren, und zwar zunächst allgemein, wenn auch anhand einiger ausgesuchter Beispiele. Meine grobe Unterteilung berücksichtigt das Verhältnis der Physiker (der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts)

1. zur traditionellen Philosophie,

2. zur zeitgenössischen Philosophie,

3. zur Wissenschaftsphilosophie ihrer Zeit.

Schon in dieser allgemein gehaltenen Einführung wird auch die Reaktion von Philosophen auf das Eindringen der Physiker in ihren geheiligten Bezirk zu erwähnen sein. Der Fall Stebbing war eine solche Reaktion. Weder hier noch anderswo wird jedoch die Frage erschöpfend behandelt, inwieweit das Verhalten der Physiker zu einer echten Auseinandersetzung mit den jeweils zeitgenössischen Philosophen geführt hat. Gelegentlich werde ich darauf zu sprechen kommen, und bereits in der Einleitung wurden Philosophen wie Cassirer, Reichenbach und Popper erwähnt, die explizit auf den tiefgreifenden Wandel in der neuen Physik reagiert haben. Aber mein eigentlicher Untersuchungsgegenstand ist dies nicht. Allerdings ist diese Zurückhaltung auch von dem Umstand diktiert, daß die fragliche Auseinandersetzung zumindest nicht sehr intensiv war, sofern sie überhaupt stattgefunden hat.

A) Traditionelle Philosophie

Die in ihrer Gesamtheit philosophiefreundliche Phase der Physik ab der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert ist aus einer seitens der Physiker ausgesprochen philosophiefeindlichen Zeit hervorgegangen. Die Behauptung, daß es sich so verhalten habe, entnahmen wir schon den Zitaten Sommerfelds, der als Student und angehender Wissenschaftler das Ende der ‹schlimmen Zeit› noch miterlebt hat. Wir wollen aber für einen Augenblick noch weiter zurückgehen bis in die Zeit des deutschen Idealismus und seiner Naturphilosophie. Denn die Opposition gegen diese romantische Naturphilosophie[2] hatte vorübergehend zu einer gänzlichen Entfremdung zwischen Physik und Naturforschung einerseits und Philosophie und Metaphysik andererseits geführt.

Um anschaulich zu bleiben und die Abscheu der Naturwissenschaftler einsichtig zu machen, will ich einige Zitate von Schelling bringen, obwohl das in dieser Isoliertheit etwas unfair ist. Man muß entschuldigend oder wenigstens erklärend hinzufügen, daß sich Schelling und seine Weggenossen in dieser Sache nichts weniger vorgenommen hatten als die Etablierung der Identität von Natur und Geist in der Naturphilosophie. Vor diesem Hintergrund waren für Schelling die von einer empirischen Physik zu liefernden Ergebnisse, die zeigen konnten, wie die Natur im einzelnen beschaffen ist, ziemlich uninteressant. Da er als Idealist bei dem Nachweis der Identitätsthese primär vom Geistigen ausging, erstreckte sich dieses Desinteresse auch auf jegliche naturwissenschaftliche Erklärung von Wahrnehmung und Denken. Schelling ging sogar so weit, seine Spekulationen, soweit sie sich auf die Natur bezogen, als «spekulative Physik» zu bezeichnen und eine scharfe Grenze zwischen dieser und einer empirischen Physik aufzurichten. Nach einem Text von 1799[3] unterscheidet sich seine spekulative Physik von der empirischen dadurch,

daß jene einzig und allein mit den ursprünglichen Bewegungsursachen in der Natur, … diese hingegen, weil sie nie auf einen letzten Bewegungsquell in der Natur kommt, nur mit den sekundären Bewegungen … sich beschäftigt, da jene überhaupt auf das innere Triebwerk, … diese hingegen nur auf die Oberfläche der Natur und das, was an ihr … gleichsam Außenseite ist, sich richtet.

Und an einer anderen Stelle des genannten Werkes bemerkt Schelling, es komme ihm

auf die Überzeugung an, daß zwischen Empirie und Theorie ein solcher vollkommener Gegensatz ist, daß es kein drittes geben kann, worin beide zu vereinigen sind, daß also der Begriff einer Erfahrungswissenschaft ein Zwitterbegriff ist, bei dem sich nichts Zusammenhängendes oder der sich vielmehr überhaupt nicht denken läßt …

Obwohl die Naturphilosophie des deutschen Idealismus auch zu einigen Anregungen in der Physik geführt hat, verwundert es nicht, daß sich Naturwissenschaftler gegen die durch solche Texte ausgezeichnete spekulative Physik Schellings zur Wehr setzten. Wir besitzen sogar Zeugnisse von zeitweiligen Anhängern, etwa dem Chemiker Liebig, der bekennt:[4]

Auch ich habe diese an Worten und Ideen so reiche, an wahrem Wissen und gediegenen Studien so arme Periode durchlebt, sie hat mich um zwei kostbare Jahre meines Lebens gebracht; ich kann den Schreck und das Entsetzen nicht schildern, als ich aus diesem Taumel zum Bewußtsein erwachte.

Die Situation um die Mitte des Jahrhunderts haben Gauß und Helmholtz beklagt. Am 1. November 1844 schreibt Gauß an seinen Freund Schumacher:[5]

Daß Sie einem Philosophen ex professo keine Verworrenheiten in Begriffen und Definitionen zutrauen, wundert mich fast. Nirgends mehr sind solche ja zu Hause als bei Philosophen … Sehen Sie sich doch nur bei den heutigen Philosophen um, bei Schelling, Hegel … und Consorten, stehen Ihnen nicht die Haare bei solchen Definitionen zu Berge?

In seiner Heidelberger Rektoratsrede von 1862 nimmt Helmholtz mit folgenden Worten sogar selbst zur Sache Stellung:[6]

Daß in den Geisteswissenschaften sich die Spuren der Wirksamkeit des menschlichen Geistes und seiner Entwicklungsstufen wiederfinden mußte, war selbstverständlich. Wenn aber die Natur das Resultat der Denkprozesse eines ähnlichen schöpferischen Geistes abspiegelte, so mußten sich die verhältnismäßig einfacheren Formen und Vorgänge in ihr um so leichter dem System einordnen lassen. Aber hier gerade scheiterten die Anstrengungen der Identitätsphilosophie, wir dürfen wohl sagen, vollständig. Hegels Naturphilosophie erschien den Naturforschern wenigstens absolut sinnlos. Von den vielen ausgezeichneten Naturforschern jener Zeit fand sich nicht ein einziger, der sich mit den Hegeischen Ideen hätte befreunden können.

Wie wir gesehen haben, war der junge Liebig tatsächlich eine Ausnahme, aber eben nur für zwei Jahre. Helmholtz fährt fort:

Die Naturforscher wurden von den Philosophen der Borniertheit geziehen; diese von jenen der Sinnlosigkeit. Die Naturforscher fingen nun an, ein gewisses Gewicht darauf zu legen, daß ihre Arbeiten ganz frei von allen philosophischen Einflüssen gehalten seien, und es kam bald dahin, daß viele von ihnen, darunter Männer von hervorragender Bedeutung, alle Philosophie als unnütz, ja sogar als schädliche Träumerei verdammten.

Wir werden sehen, daß wir um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert eine einflußreiche positivistische Strömung in der Physik zu verzeichnen haben. Diese läßt sich natürlich nicht nur mit dem von Helmholtz Gesagten erklären. Ohne Frage wollten damals jedoch viele Physiker, selbst wenn sie philosophisch aufgeschlossen waren, ihre Physik von Spekulationen und unsauberen Methoden freihalten. Die Abscheu vor der idealistischen Naturphilosophie darf allerdings nicht als eine Ablehnung der Philosophie überhaupt angesehen werden, wenn eine solche Reaktion auch bei einzelnen Naturforschern der damaligen Zeit zu verzeichnen ist. Schließlich sind die beiden klassischen Traditionen der empiristischen und der rationalistischen Philosophie zwischen Descartes und Kant auch im 19. Jahrhundert weitergeführt worden, wenn auch nicht von so illustren, aber zugleich etwas verdrehten Geistern wie Schelling und Hegel. In diesem Sinne warnt uns F. A. Lange in seiner profunden Geschichte des Materialismus vor Einseitigkeit in der Beurteilung der Lage:[7]

Diese ganze Anschauungsweise [nämlich die Ablehnung des Idealismus durch die Physiker] beruht auf einer einseitigen Rücksicht auf unsere nachkantische Philosophie unter völliger Verkennung des Charakters der modernen Philosophie von Cartesius bis auf Kant. Das ganze Treiben der Schellingianer, der Hegelianer, … ist nur zu sehr dazu angetan, den Abscheu zu rechtfertigen, mit welchem die Naturforscher sich von der Philosophie abzuwenden pflegen; dagegen ist das ganze Prinzip der modernen Philosophie, wenn man nur nicht diese Ausartungen der deutschen Begriffsromantik darunter versteht, ein total verschiedenes. Wir haben hier überall … eine streng naturwissenschaftliche Denkweise vor uns, über alles, was uns durch die Sinne gegeben ist; aber fast ebenso allgemein auch den Versuch, die Einseitigkeit des auf diesem Wege sich ergebenden Weltbildes durch die Spekulation zu überwinden.

Auch Physiker von entgegengesetzter erkenntnistheoretischer Haltung sind sich um die Zeit der Jahrhundertwende darin einig, daß erstens die idealistische Naturauffassung abzulehnen sei, zweitens jedoch ein geeignetes philosophisches Denken für eine Grundlegung der Naturwissenschaften unerläßlich und davon untrennbar sei. Ein Beispiel bilden Wilhelm Ostwald und Ludwig Boltzmann. Beide haben Anfang des 20. Jahrhunderts – Ostwald in Leipzig und Boltzmann in Wien – Vorlesungen über Naturphilosophie unter diesem Titel gehalten und haben sich dafür gleich zu Beginn entschuldigt. Ostwald sagt in seiner Einleitung:[8]

Der Name Naturphilosophie, mit dem ich den Inhalt unserer bevorstehenden Besprechungen zu bezeichnen versucht habe, besitzt einen üblen Klang. Er erinnert an eine geistige Bewegung, welche vor hundert Jahren in Deutschland herrschend war; ihren Führer hatte sie in dem Philosophen Schelling, der durch die Macht seiner Persönlichkeit bereits in sehr jungen Jahren einen ungeheuren Einfluß gewonnen hatte und die Denkweise seiner Zeitgenossen in weitestem Maße bestimmte. Doch … dauerte in Deutschland ihre Herrschaft nicht sehr lange; die unbestrittene im Ganzen höchstens zwanzig Jahre. Insbesondere die Naturforscher, für welche in erster Linie die Naturphilosophie gemeint war, wendeten sich bald vollständig von ihr ab, und die Verurteilung, welche sie später erfuhr, war ebenso leidenschaftlich, wie vorher ihre Verhimmelung gewesen war.

Nachdem er dann das von mir schon gebrachte Liebig-Zitat zur Illustration verwendet hat, kommt Ostwald auch auf die Kompetenzfrage zu sprechen, also für seinen Fall die Frage, wodurch er, der er ja nun eine ganze philosophische Vorlesungsreihe halten will, in der Philosophie überhaupt ausgewiesen sei. Dazu sagt er:[9]

… ich habe als Entschuldigung meines Unterfangens nur die Thatsache, daß auch der Naturforscher beim Betrieb seiner Wissenschaft unwiderstehlich auf die gleichen Fragen geführt wird, welche der Philosoph bearbeitet. Die geistigen Operationen, durch welche eine naturwissenschaftliche Arbeit geregelt und zu erfolgreichem Ende gebracht wird, unterscheiden sich ihrem Wesen nach nicht von denen, deren Ausführung die Philosophie untersucht und lehrt. Das Bewußtsein dieses Verhältnisses ist zwar in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zeitweilig verdunkelt gewesen; es ist aber gerade in unseren Tagen wieder zu lebendigster Wirkungskraft erwacht, und allerorten regen sich im naturwissenschaftlichen Lager die Geister, um ihren Antheil zu dem philosophischen Gesamtwissen beizutragen.

Hier haben wir das Zeugnis eines Zeitgenossen von der ‹Wende›, und schon hier heißt es zugleich, daß sich die philosophischen Probleme aus der Arbeit des Naturwissenschaftlers heraus entwickeln.

Vom entgegengesetzten philosophischen Ende her und dennoch in ganz ähnlichem Sinne äußerte sich Ostwalds großer Widersacher Boltzmann. War Ostwald in der Hauptsache Chemiker, so haben wir in Boltzmann den vielleicht ersten wirklich bedeutenden rein theoretischen Physiker deutscher Sprache vor uns. Nicht lange vor seinem Tode erhielt er 1903 als Professor der theoretischen Physik in Wien vom Ministerium einen zusätzlichen Lehrauftrag über (wörtlich!) «Philosophie der Natur und Methodologie der Naturwissenschaften».[10] Damit sollte eine Lücke geschlossen werden, welche durch die seit Ernst Machs Abgang bestehende Vakanz der Lehrkanzel für «Philosophie, insbesondere für Geschichte und Theorie der induktiven Wissenschaften» bestand. Zu Beginn der ersten Vorlesung zeigt sich Boltzmann, genau wie Ostwald, in großer Verlegenheit in der Frage seiner philosophischen Kompetenz. Dann aber sagt er in seiner direkten, manchmal akademisch-naiven Art:[11]

Bin ich nur mit Zögern dem Ruf gefolgt, mich in die Philosophie hineinzumischen, so mischten sich desto öfter Philosophen in die Naturwissenschaft hinein. Bereits vor langer Zeit kamen sie mir ins Gehege. Ich verstand nicht einmal, was sie meinten, und wollte mich daher über die Grundlehren aller Philosophie besser informieren.

Um gleich aus den tiefsten Tiefen zu schöpfen, griff ich nach Hegel; aber welch unklaren, gedankenlosen Wortschwall sollte ich da finden. Mein Unstern führte mich von Hegel zu Schopenhauer. In der Vorrede des ersten Werkes, das mir in die Hände fiel, fand ich folgenden Passus …: «… Die Köpfe der jetzigen Gelehrten Generation sind desorganisiert durch Hegelschen Unsinn. Zum Denken unfähig … werden sie die Beute des platten Materialismus …» Damit war ich nun freilich einverstanden, nur fand ich, daß Schopenhauer seine … Keulenschläge ganz wohl auch selbst verdient hätte …

Mein Widerwille gegen die Philosophie wurde übrigens damals von fast allen Naturwissenschaftlern geteilt. Man verfolgte jede metaphysische Richtung und suchte sie mit Stumpf und Stiel auszurotten; doch diese Gesinnung dauerte nicht an … Der Trieb zu philosophieren scheint uns unausrottbar eingeboren zu sein … Maxwell, Helmholtz, Kirchhoff, Ostwald und viele andere opferten [der Metaphysik] willig und erkannten ihre Fragen als die höchsten an, so daß sie heute wieder als die Königin der Wissenschaften dasteht.

Wir entnehmen diesen Bekundungen, daß das Ansehen der Philosophie bei den Physikern – nach ihrem eigenen Urteil – zu Beginn des vorigen Jahrhunderts bereits wieder im Steigen begriffen war, noch ehe die weitere, durch Relativitäts- und Quantentheorie bestimmte Entwicklung der Physik die Physiker zwang, eigene erkenntnistheoretische Überlegungen anzustellen. Eine zeitliche Überlappung gab es hinsichtlich des Streits um die Atome, der gegen Ende des 19. Jahrhunderts erneut auflebte. Wegen der empirischen Abgelegenheit des einzelnen Atoms ist der Atomismus seit der Antike ein (wenigstens) halbphilosophisches Thema geblieben, und anläßlich der kinetischen Gastheorie Maxwells und Boltzmanns war das nun wiederum der Fall. So kann man sagen, daß die wirklich unabweisbaren Schritte in Richtung auf eine neue Grundlegung der Physik zu einem Zeitpunkt erfolgten, an dem ein Physiker von der Kollegenschaft keine Sanktionen zu befürchten hatte, wenn er seine Physik mit der Philosophie verband. Im Gegenteil: Einen Vortrag über statistische Mechanik aus dem Jahr 1904 beschließt Boltzmann mit den Worten:[12]

Ich bin hier philosophischen Fragen nicht aus dem Wege gegangen in der festen Hoffnung, daß ein einmütiges Zusammenwirken der Philosophie mit der Naturwissenschaft jeder dieser Wissenschaften neue Nahrung zuführen wird, ja, daß man nur auf diesem Weg zu einem wahrhaft konsequenten Gedankenausdruck gelangen kann. Wenn Schiller zu den Naturforschern und Philosophen seiner Zeit sagte: «Feindschaft sei zwischen euch, noch kommt das Bündnis zu frühe», so stehe ich nicht mit ihm im Widerspruch, ich glaube eben, daß jetzt die Zeit für das Bündnis gekommen ist.

Eine andere, schon bei Ostwald berührte Frage ist natürlich die der philosophischen Kompetenz des Physikers. Der Philosophiehistoriker Gilson hat das giftige Wort geprägt: «Nichts kommt der Ignoranz moderner Philosophen in Sachen der Naturwissenschaft gleich außer der Ignoranz moderner Wissenschaftler in Sachen Philosophie.»[13] Tatsächlich kann man beobachten, wie unwohl sich die Physiker der ersten Generation unserer Epoche gefühlt haben, solange sie sich aus mehr äußeren Gründen gezwungen sahen, sozusagen öffentlich zu philosophieren. Ostwald berichtet uns, daß man ihn zu seinen naturphilosophischen Vorlesungen drängen mußte, und er bekennt gleich zu Beginn, er «[dürfe] die Philosophie nicht als eine Wissenschaft bezeichnen, die [er] im üblichen Sinne studiert habe. Selbst das ‹wilde› Studium der Philosophie, das ich durch vielfaches Lesen der philosophischen Schriften betrieben habe, ist so wenig systematisch erfolgt, daß ich es nicht als einen irgendwie ausreichenden Ersatz des geregelten Studiums bezeichnen dürfte.»[14] Geradezu rührend mutet an, was Boltzmann in seiner schon herangezogenen Antrittsvorlesung zu Beginn ausführt.[15] Er kommentiert die große Zahl der erschienenen Hörer mit der Bemerkung, er könne sich das nur daraus erklären, daß «seine gegenwärtigen Vorlesungen in der Tat in gewisser Beziehung ein Kuriosum im akademischen Leben seien» und er als philosophischer Laie nun eine Vorlesung über Naturphilosophie zu halten habe. Freimütig bekennt er, er habe bis dato nur eine einzige Abhandlung philosophischen Inhalts geschrieben und auch die nur veranlaßt durch einen puren Zufall. Er gibt sich gänzlich zerknirscht und sucht Trost in den entlegensten Erklärungen, warum das Ministerium ausgerechnet ihm diese Bürde auferlegen mußte. Seine Bedenken wurden mit der Bemerkung abgetan, «ein anderer würde es auch nicht besser machen» – eine decouvrierende Bemerkung seitens des Ministeriums. Schließlich zieht Boltzmann die ausgefallensten Vergleiche heran:[16]

Wenn es für den Professor der Medizin oder der Technik wünschenswert ist, daß er, um nicht zu verknöchern, neben seiner Lehrtätigkeit auch fortwährend Praxis betreibe, ja wenn man Moltke zum Mitglied der Berliner Akademie wählte, nicht weil er Geschichte schrieb, sondern weil er Geschichte machte, vielleicht wählte man auch mich, nicht weil ich über Logik schrieb, sondern weil ich einer Wissenschaft angehöre, bei der man zur täglichen Praxis in der schärfsten Logik die beste Gelegenheit hat.

So unwohl also fühlt sich Boltzmann in seiner Lage, daß er schließlich Zuflucht sucht bei der Wissenschaft, die er wirklich beherrscht. Aber er hat seine naturphilosophische Vorlesung gehalten,[17] und so mancher Physiker nach ihm ist einen ähnlichen Weg gegangen.

Ich habe schon beiläufig bemerkt, daß der neue, metaphysisch unbesorgte philosophische Aufbruch der Physiker zu einem Zeitpunkt erfolgte, an dem die Auseinandersetzungen des 19. Jahrhunderts eine potentielle Gegnerschaft zur Philosophie innerhalb der Physik geschaffen hatten. Physiker wie Duhem, Mach, Ostwald und Kirchhoff vertraten damals einen pointiert metaphysikfreien oder gar antimetaphysischen Standpunkt. Berühmt geworden ist vor allem eine lakonische Formulierung des positivistischen Standpunktes, die Kirchhoff gegeben hat. In der Vorrede zu seinen Vorlesungen über Mechanik beklagt sich Kirchhoff über Dunkelheiten, die kausaler Begrifflichkeit, z.B. dem Begriff der Ursache, anhaften – ein Punkt, auf den ich zurückkommen werde. Er sagt dann:[18]

Bei der Schärfe, welche die Schlüsse in der Mechanik sonst gestatten, scheint es mir wünschenswerth, solche Dunkelheiten aus ihr zu entfernen, auch wenn das nur möglich ist durch eine Einschränkung ihrer Aufgabe. Aus diesem Grunde stelle ich es als die Aufgabe der Mechanik hin, die in der Natur vor sich gehenden Bewegungen zu beschreiben, und zwar vollständig und auf die einfachste Weise zu beschreiben. Ich will damit sagen, daß es sich nur darum handeln soll anzugeben, welches die Erscheinungen sind, die stattfinden, nicht aber darum, ihre Ursachen zu ermitteln.

Wenn wir diesen Text mit den Worten vergleichen, mit denen Schelling seine spekulative Physik beschreibt, so sehen wir, daß wir nunmehr das genaue Gegenteil vor uns haben: Während Schelling empfiehlt, in seiner spekulativen Physik die «ursprünglichen Bewegungsursachen in der Natur» zu untersuchen, verbietet Kirchhoff geradezu, in seiner Mechanik «die Ursachen [der Erscheinungen] zu ermitteln».

Es ist schwer zu sagen, inwieweit die darin zum Ausdruck kommende philosophische Zurückhaltung gegen Ende des Jahrhunderts die allgemeine Haltung der Physiker wiedergibt. Möglicherweise war sie nicht nur Ergebnis ihres Trotzes gegenüber den Ausschweifungen der idealistischen Philosophen, sondern auch eine Vorsichtsmaßnahme gegenüber der gesellschaftlichen Verbannung aus religiösen oder moralischen Gründen.[19] Jedenfalls war diese Strömung nicht ohne Bedeutung und selbst Ausdruck einer philosophischen Haltung, gegen die nun die metaphysikfreundlichen «Philosophen» unter den Physikern wie Boltzmann, Planck, Einstein, Schrödinger und weitere anzutreten hatten. Dabei ist festzuhalten, daß die neue positivistische Richtung kein Zurück zum deutschen Idealismus war. Vielmehr waren diesem im Laufe des Jahrhunderts gleich zwei Gegnerschaften erwachsen, auf die ich im zweiten Kapitel genauer eingehen werde.

B) Zeitgenössische Philosophie

Ich komme nun zu der Frage einer Auseinandersetzung der Physiker mit zeitgenössischer Philosophie im allgemeinen und umgekehrt der Reaktion von Philosophen unserer Zeit auf die philosophischen Auslassungen der Physiker. Es ist nicht leicht, hier eine zusammenhängende und sinnvolle Geschichte zu erzählen – gar eine Geschichte mit einer Pointe, wie wir sie für das 19. Jahrhundert immerhin haben. Zu beachten ist, daß ich hier nicht nach einem Eingehen zeitgenössischer Philosophen auf die moderne Physik frage. In dieser Hinsicht wäre natürlich die ziemlich geschlossene Bewegung des logischen Empirismus (oder: Positivismus) der 1930er bis 1960er Jahre zu nennen, für die vor allem der Wiener Kreis eine maßgebliche Rolle gespielt hat und die sich auch in verbindlicheren Gründungen wie dem Verein Ernst Mach (Wien), der Gesellschaft für empirische Philosophie (Berlin), der Zeitschrift Erkenntnis und der Schriftenreihe International Encyclopedia of Unified Science geäußert hat. Philosophen wie Carnap, Hempel, Reichenbach, Ph. Frank, Schlick und andere, die zu dieser Bewegung gehörten, haben die neuere Physik durchaus zur Kenntnis genommen und sich im Laufe der Zeit sogar den Vorwurf eingehandelt, der Physik ein zu großes Gewicht als Paradigma von Wissenschaftlichkeit verliehen zu haben. Eine philosophische Beschäftigung mit der Physik hat es sehr wohl gegeben, und in diesem Zusammenhang wären auch einige Neukantianer wie Rickert und Cassirer zu nennen. Nicht die fachphilosophische Beschäftigung mit der Physik ist ein Desiderat, sondern die Diskussion der philosophischen Kreationen der Physiker. Mein ohnehin nur exemplarisches Vorgehen in diesem Kapitel ist demnach auch von der Lage her gerechtfertigt.

Für viele überraschend enthält der dem Philosophen Bertrand Russell gewidmete Band der Reihe The Library of Living Philosophers einen Beitrag Einsteins.[20] Auch Einstein selbst ist ein Band dieser Reihe gewidmet – und zwar bis heute als einzigem Nichtphilosophen in einem professionellen Sinn. Es kennzeichnet aber die Lage, daß fast alle Autoren des Einstein-Bandes Physiker oder der Physik nahestehende Wissenschaftsphilosophen waren.[21] Insofern bleibt dieser Band bei der Physik, während der für Russell natürlich ganz philosophisch orientiert ist – Einsteins Beitrag macht da keine Ausnahme. Eher noch hat man den Eindruck, als wolle der Physiker Einstein den Philosophen Russell auf dessen Spur überholen, indem er findet, daß in Russells Inquiry into Meaning and Truth,[22] das damals gerade erschienen war, «das Gespenst der metaphysischen Angst einigen Schaden angerichtet hat».[23] Wir wollen nun sehen, wie Einstein in die Lage geraten konnte, sich als Physiker metaphysischer zu gebärden als sein philosophischer Kollege Russell.

In seinem Aufsatz entschuldigt sich Einstein zunächst für seine Auslassungen mit einem Umstand, dem wir hier schon mehrfach begegnet sind: daß der Physiker nämlich «durch die gegenwärtigen Schwierigkeiten seiner Wissenschaft zu Auseinandersetzungen mit philosophischen Problemen in höherem Maße gezwungen [werde], als es bei früheren Generationen der Fall war».[24] Für die weiteren Ausführungen geht Einstein dann von zwei Illusionen aus, der unphilosophischen Illusion des naiven Realismus und, als anderem Extrem, der philosophischen Illusion, «alles Wissenswerte durch bloßes Nachdenken zu finden». Mit Bezug auf diese beiden Extreme möchte Einstein vernünftiges Philosophieren – zu dem er natürlich Russells wie auch sein eigenes zählt – als eine geschickte und angemessene Vermeidung dieser beiden Illusionen verstehen.

Auf der Suche nach einem Mittelweg gehen aber selbst bedeutende Philosophen immer wieder in die Irre. Einstein versucht sein eigenes Denken zwischen Hume und Kant anzusiedeln. Humes Skepsis gegenüber der Sicherheit unserer empirischen Erkenntnis findet er heilsam, und er wundert sich, «daß nach ihm [Hume] viele und zum Teil hochgeachtete Philosophen so viel Verschwommenes haben schreiben und dankbare Leser finden können».[25] Andererseits findet Einstein – und das offenbar als Physiker –, daß Hume zu weit gegangen sei mit seinem totalen Phänomenalismus. An dieser Stelle begrüßt er das Eingreifen Kants, der Hume gewisse sichere Erkenntnisse a priori auch in den Naturwissenschaften entgegenhielt, damit aber seinerseits wieder zu weit in die entgegengesetzte Richtung ging. Den vertretbaren Teil von Kants Lehre sieht Einstein in der «Konstatierung, daß wir uns mit gewisser Berechtigung beim Denken solcher Begriffe bedienen, zu welchen es keinen Zugang aus dem sinnlichen Erfahrungsmaterial gibt, wenn man die Sache vom logischen Standpunkte aus betrachtet».[26]

Wir treffen hier auf den von Einstein mit Vorliebe geäußerten Gedanken, daß unsere Begriffe, insbesondere die wissenschaftlichen, «freie Schöpfungen des Denkens» sind, die wir nicht induktiv aus den Sinneserlebnissen gewonnen haben. Als Paradigma führt er den Begriff der ganzen Zahl als offenbarer Erfindung des menschlichen Geistes an.[27] In diesem Zusammenhang erläutert Einstein seine Verwendung des Wortes ‹metaphysisch›. Im negativen, Humeschen Sinne wären alle Begriffe metaphysisch, «welche sich nicht aus dem sinnlichen Rohmaterial herleiten lassen».[28] Das entspricht in der Tat genau dem Humeschen Reduktionsprinzip: «Wenn wir auch nur den leisesten Verdacht haben, daß ein philosophischer Term ohne jede Bedeutung oder Vorstellung [idea] verwendet wird (wie es nur allzu häufig vorkommt), brauchen wir uns nur zu fragen, von welchem Eindruck [impression] diese Vorstellung abgeleitet ist. Und wenn es unmöglich ist, eine zuzuweisen, so wird dies dazu beitragen, unseren Verdacht zu bestätigen.»[29] Nach Einsteins antiinduktiver Auffassung wäre damit aber nahezu alles Denken – jedenfalls das wissenschaftliche – metaphysisch. Mit positiver Wendung bekennt Einstein sich denn auch als Metaphysiker in diesem Sinne, begrenzt allerdings durch die Überzeugung, daß «alles Denken materialen Inhalt durch nichts anderes als durch seine Beziehung zu jenem sinnlichen Material [erhält]».[30] Trotz dieses Bekenntnisses am Schluß distanziert sich Einstein hier also «von der verhängnisvollen ‹Angst vor der Metaphysik› …, die eine Krankheit des gegenwärtigen empiristischen Philosophierens bedeutet». Auch Russell sieht er von dieser Krankheit erfaßt, indem dieser in Humescher Manier von Dingen als von «Bündeln von Qualitäten» spricht, während Einstein keinen Anstoß daran nimmt, «das Ding (Objekt im Sinne der Physik) als selbständigen Begriff ins System aufzunehmen …»[31]

In Reply to Criticism ist Russell nur recht beiläufig auf Einsteins Beitrag eingegangen.[32] Das war gewiß keine Geringschätzung seiner Person als philosophierender Physiker. Von dem Mathematiker Littlewood ist ein Gespräch mit Russell aus dem Jahre 1919 übermittelt, das ich hier zitieren will:[33]

Ich hatte gerade Eddingtons Report on Relativity gelesen … Ich fühlte, daß diese Theorie ein geistiger Fortschritt und eine Erleuchtung war, wie sie in dieser Größe noch nie aufgetreten waren. Ich erklärte es Russell, der um diese Zeit noch keine Physik kannte. Er war ähnlich beeindruckt. Plötzlich brach es aus ihm hervor …: «Wenn ich denke, mein Leben mit absolutem Mist verbracht zu haben.»

Respekt war hier also durchaus vorhanden, und wie hätte es anders sein können! Typisch ist nun aber, wie in Russells Antwort auf Einsteins Beitrag von Anfang an ein Unterton mitschwingt: Diese Physiker machen sich die Sache doch reichlich einfach. So gleich zu Beginn, wo es heißt:[34]

Ich empfinde es als eine Ehre, daß Einstein gewillt war, diesen Essay beizutragen, und sein Lob erfreut mich sehr. Aber was die Substanz seines Essay angeht, so bin ich in einer Schwierigkeit: er sagt so viele bedeutende Sachen so knapp, daß ich nicht weiß, ob ich nur in einem Satz oder in einem ganzen Buch antworten soll, und auch nicht, wie weit ich mit ihm übereinstimme oder nicht.

Man spürt hier, daß Russell die kleine Arbeit von Einstein nicht eigentlich ernst nehmen kann. Er spricht sogleich davon, daß philosophische Fragen häufig durch Parteiräson, nicht durch eingehende Untersuchungen entschieden werden. Zu Einsteins eigener These, daß unsere Begriffe freie Schöpfungen des menschlichen Geistes seien, bemerkt er, daß sie wahr oder falsch sein könne, je nachdem, wie man sie interpretiert. Die Entstehung des Zahlbegriffs hält Russell durchaus für erfahrungsabhängig. In der einzigen Passage, in der er etwas näher auf Einsteins Beitrag eingeht, entwickelt er den hübschen Gedanken, daß die Menschheit, wenn sie in einer durchgehend gasförmigen Umgebung leben müßte, wohl eine Mathematik hätte entwickeln können, aber nicht auf der Grundlage der Arithmetik, sondern der Topologie:[35]

Ein solarer Einstein mag die Arithmetik [auch unter diesen Umständen] erfinden und sich eine Welt vorstellen, in der sie anwendbar wäre, aber für Schuljungen würde solche Materie als zu schwierig angesehen werden.

Sogar ein Einfluß der Temperatur auf die Metaphysik wird als möglich hingestellt, und die Sache wird an dieser Stelle fast zu einer Farce.

Der kleine Dialog zwischen den beiden Geistesgrößen ließe sich leicht auf ein höheres Niveau heben, wenn man ihn seines Lakonismus entkleiden würde. Ein Blick auf Kant, zum Beispiel, auf den Einstein sich ja beruft, hätte in der fraglichen Angelegenheit gewiß weitergeholfen. Gleich zu Beginn seiner Kritik der reinen Vernunft macht Kant einen klaren Unterschied zwischen der Frage, ob ein Begriff letztlich aus der Erfahrung stammt – ein empirischer Begriff ist – oder aber nur anläßlich von Erfahrung gelernt wird, an sich aber ein apriorischer oder gar transzendentaler Begriff ist. Für den Zahlbegriff etwa würde Kant sagen, daß wir ihn, wie überhaupt alle Begriffe, selbstverständlich anhand unserer Erfahrungen mit gewöhnlichen Gegenständen gelernt haben, nach diesem Prozeß aber einsehen können, daß es sich dabei nicht um einen empirischen Begriff handelt. Auf Einsteins Auffassung von der Rolle der Mathematik in der Naturerkenntnis komme ich ebenso zurück wie auf seine angebliche Metaphysik. Wir werden dann sehen, daß Einstein in dieser Sache einen nicht ganz eindeutigen Standpunkt einnimmt, der nur mit einiger Vorsicht kantianisch genannt werden kann.

Die kleine Belehrung, die Einstein in seinem Aufsatz Russell erteilen möchte, hat ein Gegenstück – ungleich an Umfang und Engagement –, aber ich möchte es doch so nennen, weil hier nicht ein Physiker einen Philosophen, sondern umgekehrt eine Philosophin zwei Physiker zu tadeln weiß. Es geht um das schon erwähnte Buch Philosophy and the Physicists von Susan Stebbing aus dem Jahr 1937.[36] Das Buch illustriert die Reaktion einer Fachphilosophin auf die philosophischen Gehversuche zweier Physiker: Eddington und Jeans. Beide haben im Laufe ihres Lebens populärwissenschaftliche Bücher geschrieben, in denen sie einem interessierten Laienkreis das Weltbild der Physik auf dem neuesten Stand mitteilen, dabei unversehens und manchmal auch mit Absicht ins Philosophieren geraten und philosophische oder auch theologische Konsequenzen aus der neuen Physik ziehen wollen. Die Bücher von Eddington und Jeans sind streckenweise Musterbeispiele für philosophischen Dilettantismus – versehen mit der Autorität der Wissenschaft und bar jedes expliziten und engeren Zusammenhangs mit den zeitgenössischen philosophischen Strömungen. Es kann kaum verwundern, daß diese Bücher den Unwillen des einen oder anderen Philosophen erregt haben. Susan Stebbing faßt ihren Unmut folgendermaßen zusammen:[37]

… weder Sir Arthur Eddington noch Sir James Jeans scheint es sehr zu kümmern, ob ihre Methode der Darstellung von Ansichten, die die philosophische Bedeutung physikalischer Theorien betreffen, es dem gewöhnlichen Leser nicht schwierig oder gar unmöglich macht zu verstehen, was genau gesagt worden ist. Beide Autoren nähern sich ihrer Aufgabe durch einen emotionalen Nebel hindurch; sie präsentieren ihre Ansichten mit einer Portion Personifizierung und Metaphorik, die sie auf das Niveau von Erweckungspredigern reduziert. Aber wir gewöhnlichen Leser haben gewiß ein Recht zu erwarten, daß ein Wissenschaftler, der sich anschickt, zu unserem Nutzen philosophische Probleme seines Faches zu diskutieren, dies in einem wissenschaftlichen Geiste tun wird. Er befindet sich in einer besonderen Verpflichtung, billige Gefühlsduselei und bestechende Appelle zu vermeiden und so klar zu schreiben, wie es die schwierige Natur des Gegenstandes gestattet. Dieser Verpflichtung scheint sich Sir James Jeans überhaupt nicht bewußt zu sein, während Sir Arthur Eddington, in seinem Bestreben unterhaltend zu sein, den Leser in einen Zustand ernster geistiger Verwirrung befördert.

Ich kann hier diese Vorwürfe nicht im einzelnen durchgehen; zwei davon werde ich sogleich noch illustrieren. Generell ist zu vermuten, daß alle diese Vorwürfe sehr wohl Erklärungen finden – wenn auch nicht in dem Sinne, daß man schließlich sagen könnte, wer hier in einem absoluten Sinne «recht» hat. Die Lösung des Gegensatzes wäre wohl mehr sozialpsychologischer Natur; sie hätte ganz verschiedenartige Temperamente, Denkweisen und Biographien zu beschreiben und könnte dadurch verständlich machen, welche Diskrepanz hier vorliegt. Ich meine damit nicht, daß wir überhaupt keine Möglichkeit haben, naturphilosophische Probleme objektiv zu erörtern. Ich sage nur, daß dies nicht ohne weiteres, z.B. nicht ohne gegenseitige Schulung, zu haben ist. Zufällige Konstellationen werden in der Regel nur Mißverständnisse hervorbringen.

Was jedoch läßt Susan Stebbing so unbefriedigt, wenn sie Jeans and Eddington liest? Den «emotional fog», den Jeans um seine Geschichten verbreitet, illustriert sie etwa mit einer Stelle aus The Mysterious Universe,[38] obwohl natürlich bereits der Titel des Buches Illustration genug sein könnte. Jeans sieht den Menschen damit beschäftigt, die Natur und den Zweck des Universums zu entdecken. Sein erster, wenn auch nicht sein letzter Eindruck bei diesem Geschäft sei Schrecken:[39]

Unser erster Eindruck hat einige Verwandtschaft mit Schrecken (terror). Wir finden das Universum erschreckend wegen seiner riesigen sinnlosen Entfernungen, erschreckend wegen seiner unbegreiflich langen Zeitstrecken, gegen die die Geschichte der Menschheit nichts ist als ein kurzes Augenzwinkern, erschreckend wegen unserer völligen Verlassenheit und wegen der materiellen Geringfügigkeit unserer Heimat im Raume … Aber vor allem flößt uns das Universum Schrecken ein, weil es so gleichgültig gegen Leben zu sein scheint, das unserem eigenen ähnelt; Empfindung, Streben und Vollendung, Kunst und Religion scheinen seinem Plan gleichermaßen fremd zu sein. Vielleicht sollten wir sogar sagen, es scheint Leben wie unserem eigenen in aktiver Weise feindlich zu sein.

Kurz darauf heißt es dann noch in beinahe existentialistischer Manier:

In ein solches Universum sind wir nun hineingestolpert, wenn nicht gerade durch ein Mißverständnis, so doch mindestens infolge eines Umstandes, den man wohl mit Fug und Recht als Zufall bezeichnen kann.

Was Stebbing an diesem Text vor allem stört, ist die unterstellte Absicht des Autors, den Leser durch die Art der Beschreibung des Gegenstandes einzuschüchtern, der ihm zu einem unbegreiflichen Monstrum von raum-zeitlichen Dimensionen gerät. Stebbing lobt Jeans immer dann, wenn er auf geschickte Art Größenvergleiche anstellt, um astronomische Fakten zu illustrieren. Hier aber – davon ist sie überzeugt – dienen ihm diese Dimensionen zur Einschüchterung, indem er sie ganz willkürlich zu Werten erhebt und das auch noch, ohne dem Leser diesen Schritt bewußtzumachen:[40]

In Übereinstimmung mit dem Geist einer Zeit, in der der Mensch Größe und materielle Stärke bewundert, besteht Jeans auf der Bedeutsamkeit astronomischer Entfernungen, auf der Kleinheit der Erde und auf der Kürze der Menschheitsgeschichte … Der Wert, den Jeans so offensichtlich der Erhabenheit [körperlicher] Größe zuweist, wird benutzt, um den Leser auf einen ärmlichen Geisteszustand zu reduzieren und ihn zu erschrecken.

Jeans spricht von den «vast meaningless distances», die uns erschrecken. Hierzu meint Stebbing:[41]

Daß die ungeheuren Distanzen, mit denen es der Astronom zu tun hat, «sinnlos» genannt werden, geschieht ohne Zweifel, um [das Gefühl unserer eigenen Schwäche und Bedeutungslosigkeit] zu intensivieren. Wenige Leser werden hier innehalten und sich fragen, ob eine kleine Distanz sinnvoll wäre. Es ist unmöglich zu sagen, welche Antwort Jeans gäbe, würde ihm diese Frage vorgelegt werden. Nirgends hat er ein Kriterium vorgeschlagen, um «Bedeutsamkeit» in bezug auf Entfernungen zu bestimmen.

Es ist bemerkenswert, daß unsere Philosophin nicht auf die Idee gekommen ist, daß Jeans mit dem Wort «meaningless» einfach das Fehlen einer Einsicht dahingehend gemeint haben könnte, welche Funktion die Größe des Universums für die menschliche Existenz hat – eine Frage, die heute im Rahmen des anthropischen Prinzips beantwortet wird: Es gibt in unserer Welt realisierte kosmologische Bedingungen, deren Abwesenheit nur mit einem menschenleeren Universum verträglich wäre.[42] Aber was Stebbing Mitte der dreißiger Jahre blind macht, sind das Wort «meaning» und das Begriffspaar «meaningless» – «meaningful». In allen Lagern der analytischen Philosophie waren das damals Reizworte, mit denen nicht zu scherzen war, und in diese Falle war der ahnungslose Jeans hineingetappt.

Nicht viel anders ergeht es Eddington mit seinen zwei Tischen. In seinem Buch The Nature of the Physical World[43] verblüfft Eddington den Leser gleich zu Beginn mit dem Satz:

Ich habe es mir bequem gemacht für die Aufgabe, diese Vorlesungen zu schreiben, und habe meine Stühle an meine beiden Tische herangezogen.

Im Fortgang stellt sich dann heraus, daß Eddington es bei einem Schreibtisch belassen würde, wäre er nicht Physiker geworden und hätte aus der Physik gelernt, daß es noch einen ganz anderen, einen wissenschaftlichen Tisch neben dem gewöhnlichen, seit langem vertrauten gibt. Von dem gewöhnlichen Tisch weiß er:

Er ist ausgedehnt; er ist vergleichsweise beständig; er ist farbig; vor allem ist er substantiell.