Inhalt
Impressum 2
Erstes Kapitel 3
Zweites Kapitel 83
Drittes Kapitel 146
Viertes Kapitel 194
Fünftes Kapitel 250
Sechstes Kapitel 276
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
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© 2020 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99010-716-4
ISBN e-book: 978-3-99010-932-8
Umschlagfotos: Romrodinka, Ben Goode | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
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Erstes Kapitel
Diese Reise an die französische Mittelmeerküste hatte er schon vor Jahren vorgeschlagen. Doch das befreundete Ehepaar aus Dresden hatte kein Interesse gezeigt. Aus welchem Grund auch immer – diesmal hatten sie ihre Meinung geändert. Und nun war es soweit. Zehn Minuten früher als erwartet vernahm Frank den Klingelton aus dem Korridor. Es war das Zeichen für den Aufbruch. Für ihn war es immer ein ganz besonderer Moment, wenn er sich zusammen mit seiner Frau noch im Dunkeln und in der Kühle des Morgens auf den Weg machte. Er zog den größeren der beiden gleichfarbigen Koffer hinter sich her, und Christa übernahm den kleineren. Die Hartgummiräder ruckelten auf dem gepflasterten Zufahrtsweg, und dieses laute Ruckeln war das einzig Vernehmbare in der Stille dieses Sonntagmorgens.
Ein Herr mit beträchtlicher Körperfülle erwartete die beiden am Tor, und er begrüßte sie mit freundlichen Worten und Handschlag. Er meinte, dass sie sich doch schon kannten. Und nun erinnerten sich auch seine Fahrgäste, die ersten des angebrochenen Tages, dass er sie vor Jahren hier schon einmal abgeholt hatte. „Steigen denn noch andere zu?“, fragte ihn Christa, während er die beiden Koffer in seinem Kleintransporter verstaute. Er verneinte: „Diesmal nicht!“ Als er startete, leuchteten die vielen Lämpchen in seinem Cockpit auffällig bunt und hell. Der Transporter rollte fast lautlos und ohne einem anderen Fahrzeug zu begegnen die schwach beleuchtete Straße abwärts.
Frank und Christa hatten auf der ersten Sitzreihe hinter dem Fahrer Platz genommen, und gerade an der ersten Ampelkreuzung angekommen, begann er die beiden neugierig auszufragen. „Wohin soll es denn diesmal hingehen?“, wollte er wissen und ob sie schon einmal dort waren.
Nein, sie waren noch nicht dort. Überhaupt war Frankreich noch nie ihr Reiseziel gewesen. Wenn es in den Süden ging, dann standen Italien, Spanien oder Griechenland auf dem Reiseplan. Doch dann hatte Frank im neuesten Katalog diese achttägige Reise an die französische Riviera entdeckt. Der Termin passte und der Preis war annehmbar. Das Kennenlernen traumhafter Strände wurde versprochen und der Blick auf hohe Berge, die dicht neben der Meeresküste aufragten und mit schönen Pinienwäldern bewachsen waren. Zudem war der Besuch jener Städte im Programm, von denen man schon oft gehört hatte: Monaco, Nizza, Cannes und St.-Tropez. Das Reiseziel war als das Urlaubsparadies der Reichen und Prominenten gepriesen worden, die sich von dem angenehmen milden Klima und von der landschaftlichen Schönheit dieser Region angezogen fühlten. Aber man muss nicht zu den Reichen und Prominenten gehören, um die Schönheit einer Landschaft wahrnehmen zu können und das wohltuende Klima dieser Gegend zu genießen, dachte sich Frank. Und den Hinweis auf die hübschen Französinnen, die dort an den Stränden promenieren, hatte er schmunzelnd registriert, und er dachte sich, dass sein Sinn für weibliche Schönheiten gewiss nicht weniger entwickelt war, als der jener Herren mit den dick gefüllten Geldbeuteln. Der Anlass, diese lange Reise anzutreten, war es gewiss nicht.
Hatte er doch eine ansehnliche und liebe Frau an seiner Seite. Schon ein ganzes Stück in dem Kleintransporter vorangekommen, suchte er ihre Hand, und Christa erwiderte freundlich blickend seine Geste. Selten war die Freude auf den gemeinsamen Urlaub so groß und die Erwartungen so hoch wie bei Antritt dieser Reise in eine Region, die sie noch nie zuvor gesehen hatten.
Ohne Fahrtunterbrechung hatte sie der Kleintransporter bald zu jener Stelle gebracht, wo der Umstieg in den großen Reisebus erfolgen sollte. Im Halbdunkel des anbrechenden Tages sah man in kleinen Gruppen zusammenstehende Leute, von denen möglicherweise einige die gleiche Reise antreten wollten. Frank öffnete die breite Schiebetür des Transporters von innen und half Christa beim Aussteigen. Ihr Gepäck blieb vorerst im Fahrzeug. Das feuchte Pflaster, das sie betraten, glänzte etwas im fahlen Licht der Laternen, und ihr Fahrer lief auf dem weiträumigen Parklatz mit einer Zigarette in der Hand unruhig hin und her. Der aus Richtung Dresden erwartete Reisebus war noch nicht eingetroffen. Dann sahen sie ihren Fahrer mit dem Handy am Ohr und heftig gestikulierend. Wenige Minuten später schlenderte er wieder auf sie zu. „Wenigstens zwanzig Minuten Verspätung!“, teilte er ihnen mit.
Auf dem Parkplatz wurde es immer lebhafter. Bunt dekorierte Busse fuhren ein, Taxis und weitere Kleintransporter. Die Schilder an den Frontscheiben der Busse wiesen auf andere Reiseziele. Frank und Christa wussten nicht genau, woran sie ihren Reisebus erkennen sollten. Nur eines war sicher: Würden sie Lothar und Inge hinter den hohen Scheiben entdecken, dann war es der Richtige.
Es dauerte noch einige Zeit, bis wieder ein größerer Reisebus auf den Parkplatz einschwenkte. Es war ein weißer Bus mit dekorativen Palmenwedeln an seinen Außenwänden. Der Bus wendete am dunklen Ende des Parkplatzes in einen großen Bogen, und als er zurückkam, sahen Frank und Christa ihre Urlaubsfreunde aus dem Fenster winken. Dann ging alles sehr flott. Die Koffer waren schnell umgeladen, und der Fahrer des Kleintransporters, der sie hierher gebracht hatte, wurde freundlich verabschiedet. Für eine Begrüßung der Urlaubsfreunde blieb wenig Zeit. Aber sie saßen nun zusammen. Lothar hatte bei der Buchung darauf geachtet, dass die vier Plätze in einer Reihe waren und dass sie weit vorn lagen.
Weitere Reisegäste stiegen zu, und Frank musterte sie interessiert, wenn sie sich die steilen Stufen neben dem Fahrersitz hoch bewegten. Sie drängelten sich mit ihrem Handgepäck an ihm vorbei, suchten mit dem Ticket in der Hand nach den Plätzen, die für sie reserviert waren und verstauten dann ihre Jacken im Gepäckfach. Ein großer Teil dieser Leute gehörte zu ihrer Altersklasse, ein paar deutlich ältere Herrschaften waren dabei und nur wenige Ehepaare, die etwas jünger waren. „Mitte September ist die französische Mittelmeerküste nur noch Reiseziel für jene, die keine Schulkinder zu Hause haben“, meinte Christa
Neugierig richtete Frank seinen Blick nach hinten. Es waren noch einige Plätze frei, auch ein Platz in der Reihe vor ihren Urlaubsfreunden war noch unbelegt. Somit war anzunehmen, dass noch weitere Fahrgäste erwartet wurden.
Der Fahrer des großen weißen Reisebusses lief mit glimmender Zigarette auf dem Parkplatz umher. Bald hatte sich herumgesprochen, dass er auf den letzten Zubringer wartete, und er war sehr ungeduldig, da es zu einer weiteren Verspätung führte. Doch dann bemerkte Christa ein Taxi, das nur wenige Meter entfernt anhielt. Es wurde draußen noch einmal lebhaft. Neugierige Blicke richteten sich auf die vordere offen stehende Eingangstür des Reisebusses. Und dann stieg ein hübsches Mädchen die steile Treppe an der Fahrertür empor. Oben angekommen schaute sie noch einmal auf ihr Ticket, dann blieb sie an der zweiten Sitzreihe hinter dem Fahrer stehen. Nachdem sie ihre Jacke oben in der Gepäckablage verstaut hatte, setzte sie sich auf den noch frei gebliebenen Platz neben einer älteren Dame.
Frank wunderte sich. Er hatte erwartet, dass nach dem hübschen Fräulein noch ein junger Mann zustieg, der zu ihr gehörte, wenigstens aber eine Freundin, die mit ihr diese Reise gemeinsam anzutreten gedachte. Aber danach sah es nicht aus. Das Mädchen richtete sich auf ihren Platz neben der alten Dame ein, und niemand folgte ihr.
Eine Frau von kräftiger Statur, die bereits im fortgeschrittenen Alter war, ansonsten aber recht resolut und munter wirkte, lief durch den Gang nach hinten und zählte die Fahrgäste. Dann kam sie zurück und gab dem Fahrer zu verstehen, dass es losgehen konnte. Gleich danach nahm sie das Mikrophon in die Hand. Sie hüstelte, um sich zu überzeugen, dass es auch funktionierte, und dann begann sie sich und den Fahrer des Reisebusses kurz vorzustellen. Sie, die Bordhilfe, durfte ab jetzt jeder mit ihrem Vornamen Monika ansprechen. Auch den Vornamen des Fahrers erfuhren ihre Reisegäste. Er hieß Harald, und sie versicherte, dass sie ihn schon lange kannte, und dass bei ihm alle in guten Händen waren. Noch während ihrer kurzen Rede musste sie den Griff der vorderen Sitzreihe fassen, um sich auf den Beinen zu halten. Der Reisebus hatte sich in Bewegung gesetzt und schlängelte sich zwischen den parkenden Fahrzeugen hindurch. Bis zur Autobahn war es von hier aus nicht weit. Schon nach wenigen Minuten hatte der Bus die Auffahrt erreicht. Die Reisegäste drückte es kurze Zeit ein wenig zur Seite, und dann nahm der Bus Fahrt auf. Er bewegte sich mit gleich bleibender Geschwindigkeit und kaum noch hörbarem Motorklang auf der dreispurigen Autobahn.
Draußen begann es hell zu werden. Aber die Strecke in Richtung München, die Frank und Christa bei ihren Urlaubsreisen nach Italien, Österreich oder in die Schweiz schon sehr oft genutzt hatten, war nicht weiter von Interesse. Franks Blick schweifte im Bus umher. Er sah nach hinten, um sich einen Überblick über die nunmehr komplette Reisegesellschaft zu verschaffen. Dann richtete sich sein Blick wieder nach vorn, und er sah auf der Fahrerseite, aber kaum mehr als eine Armlänge entfernt vor sich, diese hübsche junge Frau, eine schlanke Blondine mit sehr langem gepflegten Haar. Er spürte sogleich große Lust, in dieses weiche glänzende Haar zu greifen und einmal daran zu ziehen. Er kannte es so aus seiner Schulzeit. Wie oft mussten sich die Mädchen mit langen Pferdeschwänzen den Neckereien der Jungen erwehren, die auf der Bank hinter ihnen saßen. Aber diese Zeit lag weit zurück und Frank bedauerte, dass es sich nun nicht mehr ziemte, so etwas zu tun. Er wusste nicht, ob es Christa überhaupt ganz recht war, dass sich die ansehnliche Blondine so nahe vor ihnen platziert hatte, war doch nicht auszuschließen, dass sich die Aufmerksamkeit ihres Mannes zu sehr auf diese junge Frau konzentrieren könnte. Aber Frank dachte, dass es nichts bringt, wenn er so tut, als hätte er keine Notiz von dem Mädchen genommen. Er zeigte unauffällig auf sie und versuchte Christa in seine Gedanken einzubeziehen. „Sag mal“, sprach er sie an, „was will denn diese junge Frau hier – inmitten dieses Rentnervereins – und so ganz ohne Begleitung?“ Er merkte, dass sich Christa auch schon darüber gewundert hatte. „Was weiß ich“, antwortete sie. „Vielleicht fährt sie nur mit, und ihr Freund ist schon in Nizza und holt sie dort ab.“ Obwohl diese Variante sicher völlig aus der Luft gegriffen war, prägte sie sich bei Frank ein, als wäre es Fakt. Und er sah schon den jungen Mann vor Augen, der sie freudestrahlend irgendwo in Nizza in Empfang nehmen würde. Auch über das vermeintliche Alter der jungen Frau wurde noch kurz gesprochen. Frank schätze sie auf 25, Christa meinte dagegen, sie könne durchaus schon 30 sein. Damit war das Thema zunächst beendet.
Es dauerte einige Zeit, bis sich der Fahrer zum ersten Mal über sein Mikrofon meldete. Er hatte seinen Gästen etwas über Sehenswürdigkeiten im Fichtelgebirge mitzuteilen. Die Fahrgäste vernahmen seinen ausgeprägten sächsischen Dialekt und eine Satzbildung, die sehr zu wünschen übrig ließ. Er beherrschte sicher seinen Bus, ein guter Redner war er nicht gerade. Monika kam zum ersten Mal mit Kaffee durch den Gang, der in ziemlich labilen weißen Plastikbechern abgefüllt war, und sie erkundigte sich nach weiteren Wünschen ihrer Gäste. Nur für kurze Zeit kam etwas Bewegung in die Sitzreihen. Dann wurde es schnell wieder ruhig. Viele der Reisegäste hatten heute ungewöhnlich früh ihr Bett verlassen müssen, und nun überrumpelte sie die Müdigkeit. Auch Christas Kopf neigte sich langsam gegen die große Fensterscheibe. Frank betrachtete interessiert die große Instrumententafel vor dem Fahrersitz, den Tacho, dessen Zeiger genau auf hundert stand, und er beobachtete kurze Zeit den mit weißem Hemd und Krawatte gekleideten Busfahrer, der bei eingeschaltetem Tempomat und monotoner Geradeausfahrt wenig zu tun hatte. Noch lief der Verkehr flüssig und die eingeschlafenen Fahrgäste spürten kaum, dass ihr Bus zügig vorankam.
Das blonde Mädchen war noch wach, und sie unterhielt sich ab und zu mit der älteren Dame, die neben ihr saß. Die Dame auf dem Nebenplatz hätte ihre Großmutter sein können. Aber das war sie gewiss nicht. Ihr völlig graues Haar war kurz geschnitten und leicht lockig. Sie trug eine dicke Hornbrille und hatte einen so strengen Gesichtsausdruck, dass man sie für die Gouvernante des Mädchens halten konnte.
Das Mädchen sprach sehr leise mit ihr, und die Fahrgeräusche übertönten ihre Stimme, so dass Frank nicht mitbekam, über was sie sich mit der alten Dame unterhielt. Doch plötzlich fing sie an, in ihrer großen silbergrauen Handtasche herumzukramen, und gleich danach hielt sie eine bunte Illustrierte in ihren Händen. „Was liest sie denn da?“, fragte sich Frank neugierig. „Trend der Frau“ konnte er aus der kurzen Entfernung mühelos entziffern. Na ja, sagte sich Frank, passt ja zu dem Modepüppchen. Überzeugt davon, dass ihn niemand dabei beobachten konnte, begann er das Mädchen von Kopf bis Fuß zu mustern. Und gerade so, als wollte sie ihn dabei unterstützen, drehte sie sich plötzlich zur Seite. Sie setzte ihre Füße in den Gang und begann ihre hochhackigen Sandaletten auszuziehen. Ihre schlanken Beine gerieten in sein Blickfeld. Frank betrachtete ihre Beine kritisch und stufte sie als zu dünn ein – für seinen Geschmack einfach etwas zu dünn! Frank schien es, als hätte sie seine kritische Bewertung zur Kenntnis genommen. Sie versteckte ihre Beine schnell wieder zwischen Vorderlehne und ihrer silbergrauen Tasche.
Der Fahrer des Reisebusses war offenbar bemüht, die günstige Verkehrslage zu nutzen und ein großes Stück voranzukommen. Die erlaubte Fahrzeit sollte bald erreicht sein, dachte sich Frank. Vielleicht war sie auch schon überschritten. Einige Fahrgäste wurden unruhig. Doch dann kündigte der Mann am Lenkrad in seinem markanten sächsischen Dialekt an, dass an der nächsten Autobahnraststätte eine halbstündige Pause eingelegt würde.
Er hielt sein Versprechen. Doch während seiner mühsamen Suche nach einer freien Stelle auf dem überfüllten Parkplatz standen die meisten seiner Fahrgäste schon im Gang, und sie drängten zu den beiden Ausgängen. Die Blondine war noch damit beschäftigt, ihre Sandaletten wieder anzuziehen, und sie blockierte mit ihren Beinen für kurze Zeit das Weiterrücken einiger Fahrgäste zum vorderen Ausgang. Dann aber verlief alles sehr flüssig. Die Bordhilfe Monika stand vorn am Einstieg und gab handreichend den alten Herrschaften Unterstützung beim Verlassen des Busses. Die meisten Mitglieder der Reisegruppe machten sich auf den Weg zum Restaurant, zu dem Tankstellenshop oder den Toiletten. Die Blondine hatte es besonders eilig. Sie war als Erste verschwunden.
Noch vor Ablauf der vorgegebenen Zeit fand sich die Reisegruppe allmählich wieder zusammen. Für Frank und Christa war es die Gelegenheit, ihre Urlaubsfreunde erst einmal richtig zu begrüßen und eine etwas längere Unterhaltung mit ihnen zu beginnen.
Sie erfuhren, dass die beiden schon volle zwei Stunden früher aus den Betten mussten und warum der Bus erst mit Verspätung angekommen war. Es blieb noch etwas Zeit über den Stand der Gartenarbeiten zu sprechen, und schnell waren auch die ersten flüchtigen Kontakte zu einigen anderen Teilnehmern dieser Reise aufgenommen.
Als sich die Reisegruppe fast vollständig wieder vor dem Bus eingefunden hatte, schweifte Franks Blick über die versammelte Mannschaft. Das blonde Mädchen war gar nicht das jüngste Mitglied seiner Reisegruppe. Am hinteren Buseingang entdeckte er einen jungen Mann in blaugrauen Jeans und gelbem Polohemd, der vielleicht gerade mal 16 Jahre alt war. Doch er war nicht allein. Allem Anschein nach waren die beiden neben ihm stehenden Leute seine Eltern. Dann sah Frank wenige Meter vom hinteren Buseingang entfernt noch eine alte Dame mit silbergrauem Haar, die seiner Schätzung nach weit über die 80 sein musste und offenbar auch zur Reisegruppe gehörte. Sie stand in gebeugter Körperhaltung mit einer Krücke unter dem Arm wartend auf der Stelle. Beim Weitergehen wurde sie von einer Begleiterin gestützt, die deutlich jünger und möglicherweise ihre Tochter war. Ihre Begleiterin war eine kräftig gebaute Frau, welche die gebeugt gehende alte Dame um eine ganze Kopfgröße überragte. Die Frau mit der Krücke wird mit Abstand das älteste Mitglied dieser Reisegruppe sein, dachte sich Frank, und er fragte sich, ob sie wirklich noch die Kraft hatte, alles, was ihr in den kommenden acht Tagen bevorstand, zu überstehen.
Dann schaute er neugierig in Richtung Restaurant. Wo blieb denn das blonde Mädchen eigentlich? Möglicherweise war sie die Einzige, die sich an dem wartenden Bus noch nicht eingefunden hatte. Erst wenige Minuten vor der Abfahrt sah er sie mit ihrer silbergrauen Handtasche kommen. Ihm fiel ihre gerade und regelrecht stolz wirkende Körperhaltung auf. Mit flottem damenhaftem Gang kam sie näher. Dann stand sie inmitten der Reisegruppe, sie unterhielt sich mit niemand und träumte vor sich hin. Frank verfolgte beiläufig Christas Gespräch mit den Urlaubsfreunden, und er musterte dabei hin und wieder das blonde Mädchen. Sie trug einen dunkelblauen Minirock und ein blaues T-Shirt. Die Kleidung harmonierte gut mit ihrem ungewöhnlich langen hellblonden Haar, das fast bis in Taillenhöhe reichend leicht gewellt über ihren Rücken fiel. Kein Außenstehender hätte vermutet, dass sie zu dieser Reisegruppe gehörte, deren Mitglieder zum Großteil Leute im Rentneralter waren. Dabei bemerkte Frank, dass sich die junge Dame durchaus nicht in allem dem Modetrend der Zeit unterworfen hatte. Man sah keine Piercings in ihrem Gesicht, und man fand keine Tattoos auf ihrer Haut. Es gab keine mehrfarbigen Haarsträhnen, im Hüftbereich keine unbedeckten Körperstellen noch sonstige jener modernistischen Zutaten und Besonderheiten. Ihr Make-up war unauffällig und dezent. So bot sie auch den älteren Herrschaften einen angenehmen Anblick, und Frank fragte sich, ob das auch sonst ihr Stil war oder ob sie nur auf den Geschmack der älteren Generation Rücksicht genommen hatte. Der kurze Rock gab den Blick auf ihre schlanken Beine frei. Beim Betrachten im Bus hatte Frank ihre Beine als zu dünn befunden. Aber jetzt, wo er sich die junge Dame von Kopf bis Fuß ansehen konnte, änderte sich seine Meinung, denn sie war insgesamt sehr schlank. Auch ihre Arme waren eher dünn und sie hatte zarte Hände. So nahm er die Beanstandung ihrer Beine zurück. Entschuldige, hätte er ihr am liebsten gesagt. Irgendwie passte da schon alles zusammen.
Monika gab mit erhobener Hand das Zeichen zum Aufbruch, und als Frank zusammen mit Christa die Treppe am vorderen Eingang des Busses emporstieg, saß die hübsche Blondine schon auf ihrem Platz neben der alten Dame. Sie hantierte mit ihrer silbergrauen Tasche und hatte schon wieder Probleme mit ihren Sandaletten.
Für den größten Teil der Reisegruppe war die Zeit zum Frühstücken gekommen. Sie kramten in ihren Taschen nach Essbaren, und man hörte es überall rascheln und knistern. Die Bordhilfe Monika stieg als letzte zu. Sie passierte den Gang bis zum hinteren Ende, zählte dabei nur noch die freien Plätze und gab dann mit lauter Stimme dem Fahrer das Startsignal.
Der weiße Reisebus mit den Palmwedeln näherte sich München, der Verkehr auf der Autobahn wurde dichter und geriet ab und zu ins Stocken. Monika war intensiv damit beschäftigt, ihre Fahrgäste mit warmen Getränken zu versorgen. Aber auch Mineralwasser, Bier und warme Würstchen für die Mittagszeit hatte sie im Angebot. Warnend erklang ihre Stimme, wenn sie bei fahrendem Bus mit je zwei Plastikbechern in den Händen, die mit heißem Kaffee gefüllt waren, durch den Gang balancierte. Auch Frank und Christa hatten die schmalen Auflagen an den Rücklehnen ihre Vorderleute herunter geklappt und dampfende Becher in die runden Öffnungen geklemmt. Christa wickelte zwei belegte Brötchen aus der Plastikfolie, zeigte sie Frank und überließ ihm die erste Wahl. Sie waren beide in guter Stimmung und hungrig. Und sie verspeisten fast alles, was Christa fürsorglich für die Reise zurechtgemacht hatte. Zuletzt knabberte Frank geschälte Mohrrüben. Dabei schaute er des Öfteren durch die großen Busscheiben nach draußen und manchmal auf das lange blonde Haar des Mädchens, das so nahe vor ihm saß.
Den stockenden Verkehrsfluss im Umfeld der bayerischen Hauptstadt hatten sie endlich hinter sich gelassen, und nach siebenstündiger Fahrzeit waren sie schon mitten in den Alpen. Frank hatte seine Nikon-Kamera griffbereit an die Rückenlehne des Vordermannes gehängt. Immer häufiger hörte er ringsherum das Klicken von Kameras. Und dann hörte er das Schimpfen jenes Herrn, der auf dem Platz hinter ihm saß. Statt ferner schneebedeckter Gipfel hatte er zum wiederholten Male nur die Büsche und Bäume des Straßenrandes auf dem Bild. Frank drehte sich belustigt zu ihm um. „Ja, nicht rechtzeitig gedrückt! Geht mir auch oft so!“ … „Die Auslösezeiten der meisten Digitalkameras sind einfach zu groß. Und bei solchen spontanen Aufnahmen ist man dann meist von dem Ergebnis enttäuscht“, setzte er nach. Auch Christa schaltete sich nun in das Gespräch ein, und die Ehefrau des enttäuschten Fotografen meldete sich ebenfalls zu Wort. Mit spitzen Kommentaren zum Missgeschick ihres Mannes sorgte sie für heitere Stimmung. Witzige Anmerkungen gingen hin und her. Lothar hörte zu und schmunzelte. Frank war aufgefallen, dass das Ehepaar hinter ihnen etwas jünger war als die meisten dieser Reisegruppe. Er wusste, dass Christa diese lockere Art des Umgangs miteinander zusagte, und er dachte, dass sie sich mit den beiden wohl bald anfreunden werden.
Nach Durchfahren einer lang gezogenen Kurve erschien auf der Fahrerseite ein imposantes Alpenpanorama mit einigen weißen Bergspitzen im Hintergrund. Frank prüfte die Einstellung seiner Kamera und brachte sie dann in Position. Zweimal hörte man das leise Klicken seiner Kamera. Er prüfte die Aufnahmen sofort auf dem kleinen Monitor. Auf der ersten Aufnahme verdeckte eine alte Scheune den Blick auf die Berge. Die zweite Aufnahme aber war gelungen. In der linken unteren Ecke des Monitorbildes erschienen die Köpfe der Blondine und der alten Dame, die neben ihr saß. Es war keine Absicht, aber auch nicht weiter schlimm. Er hatte das Mädchen zum ersten Mal auf einer Aufnahme.
Und bald hatte sich auch die Blondine von der um sich greifenden Fotoeuphorie anstecken lassen. Sie holte ein flaches Handy aus der silbergrauen Handtasche, richtete ihren Blick auf das Monitorbild und wartete auf den richtigen Moment zum Auslösen. Die alte Dame neben ihr drückte sich zurück an die Sitzlehne, um ihr freie Sicht zu ermöglichen. Frank sah, dass das Mädchen so wie viele der jungen Leute ein Handy mit sich führte, mit dem man auch fotografieren konnte, und er dachte, dass es gut wäre, wenn sie viel und gern fotografiert.
Noch bevor der weiße Reisebus die höchste Region des Brenner-Massives erreicht hatte, schaltete der Fahrer das Mikrofon zu, um die nächste Pause anzukündigen. „Wieder so eine halbe Stunde“, ließ er seine Fahrgäste wissen. Das Einparken aber wurde diesmal zum Problem. Ein freier Platz ließ sich im Umfeld der Raststätte nicht finden. So hielt er nur kurz an, um die Reisegruppe aussteigen zu lassen. Und während seine Fahrgäste schon unterwegs zu den Toiletten waren, machte er sich wieder auf die Suche nach einer Parkmöglichkeit.
Mittlerweile vertrieb sich ein großer Teil der Reisegruppe die Zeit im Laden der Tankstelle. Frank und Christa aber standen zusammen mit ihren Urlaubsfreunden in der wärmenden Sonne. Sie unterhielten sich über Monika, die bisher mit viel Energie und Temperament die Wünsche ihrer Fahrgäste befriedigt hatte, über den ungehobelten sächsischen Dialekt ihres Fahrers und über erste Beobachtungen und Erfahrungen beim Kennenlernen von anderen Mitgliedern der Reisegruppe.
Doch dann kam Inge plötzlich auf das blonde Mädchen zu sprechen, das im Bus direkt vor ihnen saß. „Die Blondine ist krank“, behauptete sie. „Wieso?“, entgegnete ihr Frank ganz spontan und ungläubig. „Ja, sie ist Diabetikerin“, erläuterte Inge. „Wir haben beobachtet, dass sie mehrmals während der Fahrt gemessen hat, und vorhin hat sie sich auch gespritzt. Sie hat alle Gerätschaften mit!“ Frank wollte es noch immer nicht glauben. „So eine junge Frau?“, warf er ein. Aber es musste wohl stimmen. Sie war für ihn irgendein fremdes Mädchen, trotzdem war er schockiert. Er versuchte es sich nicht anmerken zu lassen, aber es machte ihn traurig. Plötzlich schien er alles zu verstehen. Der Fahrer hatte eine ganze Reihe mehr oder weniger guter Witze auf Lager, die er seinen Fahrgästen unterwegs gelegentlich präsentierte. Alle lachten oder schmunzelten wenigstens, wenn sie seinen Beitrag für gute Stimmung im Bus wahrgenommen hatten. Aber das blonde Mädchen verzog dabei keine Mine, sie blieb immer ernst. Aber nicht nur das war Frank aufgefallen. Noch kein Mal hatte er von ihr einen freundlichen Blick auffangen können, und sie erschien ihm wie ein scheues Reh.
Die Reisegruppe versammelte sich allmählich wieder vor dem Bus. Auch das blonde Mädchen hatte sich inzwischen eingefunden. Sie stand allein zwischen den anderen und ganz in Franks Nähe. Möglichst unauffällig betrachtete er hin und wieder ihr hübsches Gesicht und ihre schönen mandelförmigen Augen. Ihre Augen waren dunkelblau, aber eher etwas klein, und sie verliefen nach außen eigenwillig geformt und spitz zu, so dass Frank meinte, dass da ein kleiner japanischer oder chinesischer Einfluss auszumachen war. Während sie wartend am Bus stand, war wenig Lebhaftes in ihrem Blick. Verträumt fixierte sie irgendeine Stelle in der Umgebung. Aber nun empfand Frank, dass es nicht allein Verträumtheit war, und er las aus ihrem Gesicht auch Traurigkeit.
Kurze Zeit später rollte der Reisebus wieder auf der Autobahn. Es war sehr ruhig im Bus und man vernahm nur das angenehm leise Surren des Dieselmotors. Frank ließ das, was er soeben von Inge gehört hatte, nicht mehr los. „Wie kann das sein, dass eine so junge Frau schon diese Krankheit hat?“, wandte er sich an Christa. „Ja, das gibt es schon“, erwiderte sie. Sachkundig klärte sie Frank darüber auf, dass es zwei Typen der Krankheit gibt und dass von dem genetisch bedingten Typ1 auch junge Menschen betroffen sein können.
„Aber heute gibt es ja viel bessere Mittel, damit zurechtzukommen“, betonte Christa. „Du hast es ja gehört, sie hat alles bei sich, um den Zuckerspiegel zu kontrollieren und zu korrigieren … wenn es sein muss.“ Es hörte sich an, als wollte sie Frank beruhigen und verhindern, dass er sich zu sehr mit dem blonden Mädchen beschäftigt. Aber es fiel Frank schwer, seine Gedanken auf ein anderes Thema zu lenken. Einerseits hatte ihr die Natur ein solch hübsches Aussehen geschenkt, sie sogleich aber mit dieser Krankheit bestraft, die sie möglicherweise ihr Leben lang nicht mehr los wurde, ging es ihm durch den Sinn. Und schließlich gab es immer noch dieses Rätsel, warum sie die Reise solo angetreten hatte. Was erhoffte sie sich hier – inmitten dieser Rentnergesellschaft? Vielleicht wartete in Nizza gar kein Freund auf sie. Vielleicht hielten die jungen Männer Abstand, wenn sie erfuhren, dass sie nicht richtig gesund war, dass sie diese Krankheit wahrscheinlich ein ganzes Leben lang mit sich herumtragen würde. Frank schaute zu ihr und auf ihr langes blondes Haar, das so nahe vor ihm war, dass er es mit ausgestrecktem Arm hätte erreichen können. Er spürte den Wunsch, etwas Liebes für sie zu tun. Er war sich nicht klar darüber, was es hätte sein können. Aber einmal mit ihr sprechen wollte er ganz bestimmt, ja einfach über alles, was für sie wichtig war, was sie bewegte, auch über ihre Probleme und Sorgen und über ihre Krankheit.
Der weiße Reisebus mit den Palmwedeln fuhr nun ständig bergab. Bis zum Abend sollte der Gardasee erreicht sein und in seiner Nähe das Hotel für die vorgesehene Zwischenübernachtung. Lothar saß nach Platzwechsel mit seiner Frau wieder auf der Gangseite, und die beiden Männer konnten sich mühelos unterhalten. Vertraute Ortsnamen tauchten auf den blauen Straßenschildern auf, und Erinnerungen an einen fünf Jahre zuvor verbrachten Urlaub in Südtirol wurden wach. Nach Passieren eines Hinweisschildes mit der Ortsangabe Guffidaun wurde alles, was draußen vorbeizog, noch aufmerksamer betrachtet. Und Lothar erkannte die Stelle genau wieder. „Hier sind wir abgebogen!“ Durch die hohen Fenster des Reisebusses sah man zur linken Seite hohe Bergflanken mit ausgedehnten Wiesen und kleinen Fichtenwäldern. „Und hier ging es dann ganz nach oben“, ergänzte Frank. Sie konnten sich noch gut an diese steile Auffahrt erinnern. Zweifel waren aufgekommen, ob sie überhaupt noch auf dem richtigen Weg waren. Die spitzen Kurven des Weges, der nach oben führte, wurden immer enger und gefährlicher. Frank hatte eine solche fahrerische Herausforderung noch nicht erlebt. Mühsam und in immer kürzeren Abständen musste er das Lenkrad hin und her drehen und dabei ständig übergreifen, um die starke Einlenkung zu bewältigen. Die Bergauffahrt schien kein Ende zu nehmen, und die beiden Frauen schauten etwas verängstigt durch die Scheiben des Nissan in das zurückgelassene Tal. Doch sie hatten sich nicht verfahren. In einer Höhe, wo sie es schon nicht mehr vermuteten, tauchte endlich jener Bauernhof auf, der dem auf der Ansichtskarte sehr glich. Hinter einer kleinen Baumgruppe, die den Blick zum Bauernhof noch einmal verdeckte, fand sich ein Hinweisschild zum Einparken. Der Platz, auf dem sie den grauen Nissan schließlich abgestellt hatten, war ein von Autoreifen niedergewalztes Stück Wiese mit einem starken Gefälle. Die mühsame Auffahrt geriet schnell in Vergessenheit, als sie die phantastische Aussicht wahrnahmen, die sich aus dieser Höhe ihren Augen bot. Es war kühl hier oben und ziemlich windig. Aber die Sicht war klar – bis weithin zu den Bergketten am Horizont, wo Lothar schon bald die ersten schneebedeckten Gipfel entdeckt hatte. Die Frauen waren mit dem Ausräumen des Kofferraumes beschäftigt, als ihnen irgendetwas erneut Angst machte. Beim Blick auf das alte Bauerngut, das immer noch gut hundert Meter von hier entfernt war, hatten sie einen großen Hund entdeckt, der nun schnurstracks auf die angekommenen Gäste zu rannte. Niemand rief ihn zurück. Und bald stand er freudig mit dem Schwanz wedelnd, neben den Frauen am Kofferraum – gerade so, als wollte er sich ein Bild davon machen, was die neuen Gäste mitgebracht hatten. Trotz seiner Respekt einflößenden Größe war die Angst schnell gewichen. Das große Tier machte einen friedfertigen Eindruck, und die beiden Frauen begannen sich schon über seine unverblümte Neugier zu amüsieren. Der Hund spürte genau den Zeitpunkt, wo alle mit reichlich Gepäck beladen bereit waren, den Weg zu ihrem hochgelegenen Urlaubsquartier anzutreten. Er setzte sich an die Spitze der Koffer und Beutel schleppenden Gruppe und wies ihnen langsam vorher gehend den Weg entlang einem Trampelpfad quer über die Wiese bis hin zur breiten hölzernen Eingangstür des Tiroler Bergbauernhofes.
Die beiden Männer hatten ihren Gesprächsstoff und verzichteten auf weitere Aufnahmen von der vorüberziehenden Alpenlandschaft. Die Fahrstrecke verlief unverändert südwärts und die Insassen des weißen Reisebusses wurden allmählich müde. Nur noch selten hörte man das Klicken einer Kamera. Als der Bus nach langer Abwärtsfahrt abbremste, um die nach Verona und Rom führende Haupttrasse zu verlassen, begann es draußen bereits dunkel zu werden. Die Straßen, die in Richtung Gardasee führten, waren enger und kurvenreicher. Monika lief noch einmal den Gang entlang, um sich nach den Wünschen ihrer Gäste zu erkundigen. Sie musste sich an den Griffen der Innensitze festhalten, wenn der Bus in die nächste Kurve einbog. Das Vorwärtskommen auf diesem Streckenabschnitt wurde immer schwieriger, und dann hörte man den Fahrer wieder leise vor sich hin fluchen. Der Reisebus steckte im ersten Stau, und es schien nicht sogleich weiter zu gehen. Einige Fahrgäste rätselten über die Ursache dieses unerwarteten hohen Verkehrsaufkommens und äußerten laut ihre Vermutung. „Kann schon sein“, vermerkte Christa. „Die Italiener, die hier bei schönstem Wetter ihr Wochenende verbrachten, haben sich auf den Heimweg gemacht.“ „Und wahrscheinlich so ziemlich alle auf einmal“, kommentierte Frank.
Monika bewegte sich nun mit einem großen Plastikbeutel durch den Gang und bat mit lauter Stimme um eine Spende. Es dauerte seine Zeit, bis auch die letzten ihrer Reisegäste begriffen hatten, was sie eigentlich wollte. Sie nahmen ihr Angebot zur Rückgabe leerer Plastikbecher und sonstiger Hinterlassenschaften ihrer bescheidenen Mahlzeiten gern an. Dann wurde es wieder auffällig ruhig im Bus. Nach zwölfstündiger Reise überwältigte viele die Müdigkeit. Auch Christa zog es die Augen zu, und dabei rutsche ihr Körper von der Mitte der Rückenlehne allmählich seitwärts in Richtung Scheibe.
Draußen war es inzwischen völlig dunkel geworden. Nur die zugeschaltete Innenbeleuchtung tauchte alles in ein fahles Licht. Auch Frank fühlte sich sehr müde. Aber einschlafen konnte er nicht. Und wenn er durch die halb geschlossenen Augen blinzelte, sah er den Kopf der jungen Frau und ihr langes blondes Haar. Das Mädchen war noch nicht zur Ruhe gekommen. Da sie schon wieder irgendwelche Probleme mit ihren Sandaletten hatte, sah Frank ihr Gesicht für kurze Zeit im Seitenprofil. Er sah ihre hohe leicht gewölbte Stirn, ihre wohlproportionierten Gesichtskonturen und ihr hübsches graziles Kinn. Die Gesichtshaut der Blondine war auffällig glatt und wies weder Pickel noch Muttermale auf, und der helle Teint ihrer Haut harmonierte mit ihrem gepflegten blonden Haar.
Dann hörte Frank irgendeine innere Stimme fragen: Na, mal ehrlich. Wenn da Gelegenheit wäre, ein paar Stunden mit ihr allein zu sein, und du würdest zudem spüren, dass sie dir zugetan ist, sagen wir mal, kooperativ gegenüber gewissen Wünschen eines Mannes … Was würdest du tun? Frank wies alle Verdächtigungen sogleich zurück. Was könnte er in seinem Alter von diesem Mädchen schon wollen. Das war doch absurd. Er schloss die Augen, aber die Frage beschäftigte ihn weiter. Noch einmal blinzelte er zu dem hübschen Mädchen, das so dicht vor ihm saß. Immer wenn sie ihren Kopf etwas zur Seite drehte, sah er ihre schöne, glatte Gesichtshaut verführerisch im fahlen Licht der Busbeleuchtung schimmern.
„Na ja“, ging es ihm durch den Kopf, als wäre die gestellte Frage doch noch zu beantworten. „Ein bisschen schmusen vielleicht“, gestand er sich nun ein „… wenn ich abends zurückkomme und müde bin vom Wandern.“ Eins konnte er ja mit Gewissheit sagen: Er war schließlich nicht so schlecht wie die anderen. Eine bekannte Schlagermelodie ging ihm durch den Kopf. Er hatte es schon oft gehört – dieses Lied von dem müden Wanderer, der spät abends auf der Suche nach einer Übernachtungsstätte irgendwo anklopfte und schließlich meinte, bei einer hübschen Seniorina, die ihm die Tür öffnete, die richtige Stelle gefunden zu haben. „Ich will gar nichts von dir“, versicherte er der attraktiven Seniorina immer wieder. Von Strophe zu Strophe aber steigerte er seine Erwartungen – doch sehr geschickt in unmerklich kleinen Schritten. Nein, sie brauchte keine Bedenken zu haben. Schließlich wollte er gar nichts von ihr, denn er war nicht so schlecht wie die anderen. Und daran hielt er fest, bis zur letzten Strophe, wo sein bescheidenes Anliegen schließlich den unerwarteten Höhepunkt erreicht hatte: „Nimm mich mit in dein Bettchen!“, bat er nun die erwählte Gastgeberin.
Ja, die hübsche Seniorina musste wohl aufpassen, dass sie auf den müden Wanderer, der sich als Meister der verdeckten Eskalation und als sympathischer Verharmlosungskünstler entpuppte, nicht hereinfiel.
Ein Schmunzeln zog sich über Franks Gesicht beim Nachdenken über diese Geschichte, und ein wenig schmunzelte er auch über seine eigenen Gedanken. Nun aber war er entschlossen, sich aus allen Phantasien, welche das blonde Mädchen vor ihm ausgelöst hatte, herauszureißen. Er setzte sich aufrecht, atmete tief durch und straffte seinen Körper. Dann richtete er seinen Blick auf Christa, die immer noch schlief. Ihr Kopf war stark zur Seite geneigt und stieß immer häufiger gegen das große Glasfenster des Busses. Frank fasste sie am Arm und schüttelte sanft, doch solange, bis sie erwachte. Etwas erschrocken öffnete sie ihre Augen. „Was ist?“, fragte sie kaum munter geworden. „Nichts“, antwortete ihr Frank, und er sah sie dabei lieb an. Christa erwiderte seinen freundlichen Blick, ruckelte sich wieder in gerade Sitzhaltung und wunderte sich ein wenig über ihren Mann.
Das Vorwärtskommen auf der Straße in Richtung Gardasee wurde immer schwieriger. Und schließlich stand die ganze Fahrzeugkolonne für sehr lange Zeit und aus unerklärlichem Grunde fest. Nur einige Biker schlängelten sich wagemutig durch die Lücken zwischen den Fahrzeugen, oder sie überholten in teils hohem Tempo rechts auf dem verbliebenen schmalen Streifen zwischen Bus und Straßengraben. Der Fahrer, dem die Zeit davon lief, schimpfte wieder im sächsischen Jargon leise vor sich hin. Es dauerte fast eine halbe Stunde, bis sich der weiße Reisebus wieder in Bewegung setzen konnte. Monika sah man immer häufiger mit dem Handy am Ohr. Und dann klärte sie ihre Reisegäste auf: „Ja, wir werden wahrscheinlich eine Stunde später ankommen.“ Doch bald schon musste sie ihre Aussage korrigieren. Ursprünglich wurde gesagt, dass der Bus so gegen 18 Uhr das Hotel in Nähe des Gardasees erreicht haben sollte. Und nun zeigten die Leuchtziffern der installierten Borduhr, dass es schon auf 20 Uhr zuging.
Erleichterung kam auf, als die müde gewordene Reisegruppe diesen zählebigen Abschnitt der Strecke hinter sich gebracht hatte. In Cockpit sah man das rhythmische Aufleuchten des Blinkgebers und gleich darauf bog der Reisebus in eine noch viel schmalere Straße ein. Frank bemerkte eine ungewöhnliche Häufung von Kreisverkehrsregelungen. Der Fahrer hatte alle Mühe das Lenkrad in so dichter Folge hin und her zu drehen, und seine Fahrgäste mussten darauf vertrauen, dass er trotz Dunkelheit und der Vielzahl der angebrachten Hinweisschilder an der richtigen Stelle herausfand. Doch dann hatte der Bus eine kaum befahrene und alleeförmig angelegte Straße erreicht. Irgendwo hier musste sich die Einfahrt zu jener Golfanlage befinden, in deren Hotel die ankommende Reisegruppe für eine Nacht untergebracht werden sollte. Monika unterstützte den Fahrer intensiv beim Suchen nach dieser Einfahrt. Aber auch einige Fahrgäste sahen gespannt nach draußen, und sie entdeckten auf der nur schwach beleuchteten Straße den ersten Hinweis auf die Golfanlage. Dort angekommen steuerte der Fahrer den Bus durch das offen stehende Eingangstor und dann sehr langsam und unsicher wirkend einen schmalen Zufahrtsweg entlang. Es fand sich niemand ein, der die ankommenden Gäste in Empfang nahm, und der Fahrer schien nicht zu wissen, wo er seinen Bus abstellen sollte. Es handelte sich um eine ausgedehnte aber im Dunkeln sehr unübersichtliche Anlage, und am Ende des Weges blockierte ein flaches Gebäude die Weiterfahrt. Monika ging nach draußen, kam nach ein paar Minuten zurück und teilte dem Fahrer mit, dass sie hier falsch waren. Es bestand keine Möglichkeit zu wenden. Der Fahrer legte den Rückwärtsgang ein. Die Dunkelheit und die Verschlungenheit des schmalen Weges machten die Rückwärtsfahrt äußerst schwierig, und man hörte die bissigen Kommentare des Fahrers, wenn er stoppen und mit neuem Ansatz versuchen musste, eine besonders schmale und verwinkelte Stelle zu passieren. Ein Stück abseits von dem Fahrweg waren nun einige beleuchtete Fenster zu erkennen. Sie gehörten zu einem größeren Gebäude, und ein schwacher Lichtschein am hinteren Ende des Gebäudes ließ einen Eingang vermuten. Der Bus hielt an. Noch immer kümmerte sich niemand um die eingetroffenen Gäste, und Monika machte sich wieder auf den Weg, um herauszufinden, wo sie ihre Reisegruppe hinzubringen hatte. Erst nach längerer Zeit tauchte sie auf dem dürftig beleuchteten Fußweg wieder auf. Sie gab das Kommando zum Aussteigen. Nun wirbelten die ungeduldig gewordenen Fahrgäste im Gang des Busses und draußen vor der geöffneten Kofferklappe umher. Eine kleine Gruppe, zu der auch Frank und Christa gehörten, bewegte sich allen voran in die Richtung, aus der Monika gekommen war. Die Räder der Koffer, die sie schnell hinter sich herzogen, polterten unüberhörbar laut in der Stille des späten Abends. Die diffus beleuchtete Stelle am Ende des langen flachen Gebäudes erwies sich tatsächlichals Eingang zum Golfhotel. Dann lief alles im Eilverfahren. Monika stand mit einem Zettel in der Hand am Tresen der Rezeption. Mit lauter Stimme rief sie die einzelnen Namen und sie überreichte die Schlüssel zu den Hotelzimmern. „Nur die Koffer schnell in die Zimmer bringen“, erklärte sie. „Und dann gleich zum Abendessen erscheinen!“
Der Raum, der den verspäteten Gästen für das Abendessen zugewiesen wurde, erschien allen als eine Art Notlösung. Er war karg eingerichtet und wirkte ungemütlich. Um drei ungewöhnlich große runde Tische waren die Stühle platziert. An dem notdürftig eingerichteten Büfett bildete sich schnell eine Schlange. Während Frank und Christa noch mit leerem Teller in der Reihe standen, war das blonde Mädchen schon dabei, sich ihr Menü zusammenzustellen. Frank beobachtete, dass sie sehr wählerisch war und einen Großteil des Angebotes ignorierte. Was sie dann auf ihrem Teller hatte, war spärlich, und es hätte wohl niemand anders in der Gruppe gereicht, um am Ende dieses langen Tages satt zu werden.
Erst als Frank und Christa nach dem Abendessen ihr Zimmer wieder betraten, hatten sie Zeit, sich die Unterkunft für diese eine Nacht genauer anzusehen. Christa war begeistert. Hier war wirklich alles vom Feinsten, es war eine Unterkunft für anspruchsvolle Gäste. Sowohl die Rückwände der Betten als auch der auffällig gestaltete Rundspiegel an der Wand hatten eine Einfassung aus Korbgeflecht. Aus kunstvoll verarbeitetem Korbgeflecht bestanden auch die beiden bequemen Sessel, die mitten in dem großen Raum um einen Tisch herum platziert waren, dessen schmiedeeisernes Gestell eine dicke runde Glasplatte trug. In etwas verkleinerter Ausführung standen diese Tische zu beiden Seiten des Doppelbettes, und dem gegenüber war ein massiver Schreibtisch aufgestellt, auf dem man alle nur erdenklichen Utensilien fand, die für anstehende Schreibarbeiten verwendet werden konnten.
Nach dieser ersten Inspektion verschwand Christa in der Badezelle, und dann rief sie Frank herzu, damit er sich das ansieht. Sie konnte es gar nicht fassen, wie komfortabel so ein Raum ausgestaltet sein konnte. Selbst wenn der Gast einiges vergessen haben sollte – hier fand sich alles, was er eventuell brauchte – einschließlich einiger Zahnbürsten, die in dünne Folie eingeschweißt waren. Während Christa noch an den verschiedenen Cremes schnupperte, die auf dem langen Bord aus dunklem Marmor gelagert waren und über den Inhalt einiger kleiner Tuben rätselte, begab sich Frank wieder in den Wohnraum. Er schob die Vorhänge des Fensters beiseite, um sich ein Bild von der Umgebung des Hotels zu machen. Aber es war zu dunkel und nur schemenhaft zu erkennen, dass sich an den Hotelkomplex ein ausgedehntes Gelände anschloss. Sich jetzt noch zur Erkundung des Umfeldes auf den Weg zu machen, hatte wenig Sinn. Auch die anderen Reisegäste blieben in ihren Zimmern, und sie entnahmen ihren Koffern nur das, was sie für die eine Nacht brauchten.
Erst am folgenden Morgen bestand die Möglichkeit, sich draußen umzusehen. Nach erfolgtem Frühstück war bis zur geplanten Fortsetzung der Reise noch ausreichend Zeit, und so war bald die ganze Reisegruppe vor dem Hoteleingang versammelt. Auch das blonde Mädchen gesellte sich dazu. Frank fiel auf, dass sie ihr hellblaues T-Shirt vom Vortag bereits gegen eine weinrotes gewechselt hatte und wieder hübsch anzusehen war. Man hörte von ihr ein leises „Guten Morgen“, und dann begab sie sich auf einen der vielen Wege, die von hier aus in das hügelige Gelände führten, das den Hotelkomplex in alle Richtungen umgab. Frank nahm Christa an die Hand, und sie bewegten sich gemächlich in eine andere Richtung und entlang eines schmalen Weges, der sich zwischen den zahlreichen kleinen Hügeln hindurchschlängelte, die von gepflegtem Rasen, blühenden Koniferen und kleinen Baumgruppen bedeckt waren. Einige der Golfspieler, die das Hotel in der Nähe des Gardasees wohl für einen längeren Aufenthalt gebucht hatten, waren in den frühen Morgenstunden mit ihren Ausrüstungen bereits vor Ort. Frank und Christa betrachteten interessiert all ihre Geräte. Einige der elektrobetriebenen Zubringerfahrzeuge standen auf dem Weg herum, und Frank konnte sich zum ersten Mal solch ein seltsam anmutendes Mobil aus der Nähe ansehen. Dann kreuzte sich ihr Weg mit einem anderen, und sie trafen auf das Ehepaar, das im Bus hinter ihnen saß. Die beiden Ehepaare nutzten die Begegnung, um über ihre Eindrücke von diesem ungewöhnlichen Gelände, das zweifelsfrei künstlich angelegt worden war, zu sprechen. Und bald wurde auch die tolle Unterbringung in dem Golfhotel zum Thema ihrer Unterhaltung. Christa und Frank waren nur ein kleines Stück weiter gelaufen, als ihnen andere Mitglieder der Reisegruppe entgegen kamen. Der freundlichen Begrüßung folgten dann kurze Gespräche über den Golfplatz, über den vergangenen Reisetag oder das verspätete Eintreffen im Hotel. Frank fühlte, wie aufgeschlossen sie alle waren und wie schnell sich bisher Fremde durch die gemeinsamen Erlebnisse näher kamen. Während Christa sich noch unterhielt, bemerkte Frank, dass das blonde Mädchen ganz allein in dem Gelände umherlief. Aus einer ganz anderen Richtung kommend bog sie nun auf den leicht abfallenden Weg ein, den auch die anderen nutzten und der sie am schnellsten zurück ins Hotel führte. Frank blieb gelegentlich stehen. Er nahm seine Kamera aus der kleinen schwarzen Ledertasche und suchte nach den besten Stellen für Aufnahmen. Musste er doch dokumentieren, dass sie auf den Wegen dieses imposanten Golfplatzes, der sich ganz in der Nähe des Gardasees befand, spazieren waren. Christa bummelte dann vor ihm her, und er holte sie nach der Aufnahme mit schnellem Schritt wieder ein. Am Hoteleingang angelangt gab Christa ihm ein Zeichen, dass sie erst einmal kurz verschwinden musste. Frank wartete nahe der Stelle, wo der Weg vom Gelände des Golfplatzes in den Hotelvorplatz einmündete und hielt Ausschau nach weiteren interessanten Motiven. Auch die Blondine näherte sich nun langsam dem Vorplatz zum Hotel. Sie hielt ihre Handykamera in der Hand, und Frank erschien es, dass sie genau dort ihre Aufnahmen machte, wo er wenige Minuten zuvor zum gleichen Zweck stehen geblieben war. Sie macht mir alles nach, fand er. Während er immer noch auf Christa wartete, näherte sich das Mädchen, und der Moment war ganz nahe, wo sie unmittelbar an ihm vorbei musste. Jetzt ist es wirklich an der Zeit, auch mit ihr einmal ein paar Worte zu wechseln, dachte Frank. Gesprächsthemen gab es am Ende des ersten Reisetages ja reichlich, und ihm war auch nicht entgangen, dass sie fast so eifrig fotografierte wie er selbst. Als sie bis auf wenige Schritte an ihn herangekommen war, richtete er seinen Blick auf sie. Er hoffte auf eine freundliche Geste, er erwartete irgendein kleines Zeichen, dass sie gern mit ihm ins Gespräch gekommen wäre. Aber die junge Dame ignorierte ihn und lief, ohne nach rechts und links zu sehen und mit stolzem Schritt an ihm vorbei. Frank war enttäuscht, und er ärgerte sich über sie.
Die ersten Mitglieder seiner Reisegruppe kamen durch die automatisch öffnende Schiebetür des Hotels nach außen und zogen ihre Koffer hinter sich her. Auch Christa erschien nun vor dem Eingang und gab Frank das Zeichen zum Aufbruch. Die Koffer standen nahe der Hotelrezeption in Bereitschaft, so dass sie sich ohne Verzögerung auf dem Weg zu dem wartenden Reisebus machen konnten. Als sie sich auf dem schmalen gepflasterten Fußweg in Richtung Parkplatz bewegten, lief das blonde Mädchen mit ihrem ganzen Gepäck vor ihnen. Sie hatte einen großen, prall gefüllten Koffer im Schlepp und dazu in gleichem blauen Farbton einen etwas Kleineren. Sie rollte mühsam die beiden Koffer hinter sich her, und da sie keine Hand mehr frei hatte, trug sie ihre silbergraue Tasche frei hängend über der Schulter. Frank und Christa sahen sich verwundert an und schmunzelten. Soviel Gepäck hatten sie zu zweit. „Was schleppt die junge Dame da nur alles mit sich herum?“, wandte sich Frank leise fragend an Christa. Der Kavaliersinstinkt, der bei den meisten Männern umso ausgeprägter ist, je hübscher die betreffenden Mädchen oder Frauen sind, wurde in ihm wach. Zu gern wäre er der jungen Frau behilflich gewesen. Er hätte ihr wenigstens den großen Koffer zum Parkplatz transportieren können. Aber er traute sich nicht, einen solchen Gedanken auch nur auszusprechen. Christa hätte es als plumpen Annäherungsversuch werten können … und vielleicht auch das hübsche Mädchen. Und Christas Kommentar zu solch einem Ansinnen konnte er sich gut vorstellen: Wenn sie soviel für die Reise einpackt, dann muss sie auch sehen, wie sie damit zurechtkommt! Na ja, dachte sich Frank, vielleicht braucht sie die Sachen für einen längeren Aufenthalt in Südfrankreich oder sie hat Geschenke eingepackt für ihren Freund in Nizza. Frank merkte, dass er nach Entschuldigungen für sie suchte, und er musste zusehen, wie sich das blonde Mädchen mit ihrem Gepäck abmühte, ohne dass er helfen konnte.
Der Start in den zweiten Abschnitt der langen Reise gestaltete sich sehr gemütlich. Monika ging den schmalen Gang zwischen den Plätzen nach hinten und zählte die freien Plätze. Ein paar Minuten später schaukelte der weiße Reisebus von einer leichten Schräglage in die andere. Dann hatte der Mann hinter dem Lenkrad die dichte Folge von Fahrten im Kreisverkehr hinter sich gebracht, und er bog auf jene Haupttrasse ein, die vom Gardasee in Richtung des nördlichsten Teils der italienischen Riviera führte.
Frank spielte zum Zeitvertreib mit seiner Kamera. Er sah sich die Aufnahmen des vergangenen Tages an und zeigte einige Bilder, die er besonders gut fand, Christa. Er hatte mit ihr noch einmal den Platz gewechselt. Der Reisebus bewegte sich durch die südlichen Ausläufer der Alpen und wieder am Fenster sitzend konnte er das vorbeiziehende Gebirgspanorama gut beobachten.
Monika balancierte fleißig kaffeegefüllte Plastikbecher durch den Gang. Ihre Gäste hatten sich von den Strapazen des vergangenen Reisetages gut erholt und machten ihr einen munteren Eindruck. Aus allen Richtungen vernahm man lebhafte Gespräche und dazwischen das Klicken der Kameras. Doch die Berge beiderseits der Fahrstrecke wurden immer flacher. Nach zwei Stunden Fahrt kündigte der Mann hinter dem Lenkrad über die eingebauten Lautsprecher den ersten Zwischenstopp an – seinen Fahrgästen zuliebe, wie er sagte, vor allem aber, weil er die vorgeschriebenen Fahrpausen einzuhalten hatte.
Kurz vor Ablauf der zwanzigminütigen Pause hatten sich die meisten Mitglieder der Reisegruppe wieder vor ihrem Bus eingefunden. Auch Frank und Christa warteten zusammen mit ihren Urlaubsfreunden auf das Signal zum Einsteigen. Inge hatte im Shop preiswert ein kleines Gartenbuch in deutscher Sprache erworben, und sie zeigte Christa die schönen farbigen Bilder von Ziergehölzen und blühenden Apfelbäumen. Frank unterhielt sich mit Lothar über die weitere Fahrstrecke, und er musterte beiläufig die Gruppe der Reisenden, mit denen sie bereits den zweiten Tag zusammen waren. Gleich neben ihm stand das Ehepaar, das im Bus hinter ihnen saß und mit denen sie sich bereits etwas angefreundet hatten. Die beiden hörten zu und es schien, dass sie nur auf dem Moment warteten, wo sie sich in das Gespräch einschalten konnten. Am Heck des Busses hatte sich eine größere Ansammlung gebildet, in der laut geredet und heftig gestikuliert wurde. Frank sah, dass die meisten seiner Reisegruppe die anfängliche Scheu beim Umgang miteinander bereits überwunden hatten. Er beobachtete auch, auf welche Weise die Blondine die Zeit überbrückte, bis Monika das Zeichen zum Einsteigen gab. Mal lief sie allein vor dem Bus umher, mal stand sie zusammen mit der Gouvernante, die im Bus neben ihr saß. Andere Kontakte suchte sie offenbar nicht. Er sah sie mit niemand anders sprechen als mit der alten Gouvernante. Mit Lothar hatte er sich bereits kurz über das Mädchen unterhalten. Lothar meinte, dass sie ziemlich stolz wäre. Aber Frank war sich nicht sicher, ob ihre vermeintliche Unnahbarkeit etwas mit Stolz zu tun hatte, oder ob sie einfach nur scheu und ängstlich war.