Die Positiven - Gerhard Freitag - E-Book

Die Positiven E-Book

Gerhard Freitag

0,0

Beschreibung

Auf der Erde leben Mutanten, die verzweifelt versuchen als positive Menschen anerkannt zu werden. Als man beim ersten überlichtschnellen Flug auf Aliens trifft, scheint dieser Wunsch näher zu rücken...

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 464

Veröffentlichungsjahr: 2014

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Gerhard Freitag

Die Positiven

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Das Buch

Timeline

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

Impressum neobooks

Das Buch

Die Positiven

Gerhard Freitag

Das Buch:

Mitte des 21. Jahrhunderts treten bei den Menschen vermehrt Mutationen auf.

Negative Mutationen äußern sich speziell durch Krankheit, Verstümmelung und kriminellen Charakter.

Selten, aber doch, gibt es auch positive Mutationen, die sich durch Zusatzsinne äußern.

Timeline

2036 Die Umweltzerstörung der Erde wird immer größer. Sturm „Georgia“ spült Zweidrittel von Florida hinweg. Mehr als 80.000 Menschen kommen ums Leben. Im Umland von Hiroshima und Nagasaki werden plötzlich Neugeborene mit großen Missbildungen geboren. Ein ähnliches Phänomen tritt in der Gegend von Sellafield in Großbritannien auf.

2038 Der Afrikanische Staatenbund und die ASEAN-Staaten vereinigen sich zur AAU, der Afrikanisch-Asiatischen Union. China, Indien und Japan treten bei. Die großen Konzerne gewinnen in allen Staatsgebilden immer mehr politischen Einfluss.

2041Die AAU-Technikerin Naomi M´Butu – als genialste Physikerin seit Albert Einstein bezeichnet – ergründet das Geheimnis der „kalten Fusion.“ Die in den Diensten des AAU-Konzerns HONDA stehende Technikerin erhält den Nobelpreis.

Die Zahl missgebildet geborener Babys in Japan und England nimmt immer mehr zu. Man führt die Mutationen auf genetische Defekte im Zusammenhang mit nuklearer Strahlung zurück.

2042 Die Klimaerwärmung lässt die Polkappen zusehends schmelzen. Der Meeresspiegel steigt bedenklich an. Bangladesh verschwindet von der Landkarte. Städte, die direkt am Meer liegen, wie New York oder Venedig, erleiden schwere Schäden.

2046 Südamerika und die USA wählen erstmals einen gemeinsamen Präsidenten. Damit sind Nord- und Südamerika politisch eins. Für die größten und wichtigsten Städte werden Schutzkuppeln gebaut.

2049 Der größte USA-Konzern – NANO - gründet eine Forschungsgruppe, welche Nanotechnologie für die Raumfahrt nutzbar machen soll. Schwere Stürme, die Erderwärmung und sonstige Umweltschäden bewirken ein „Umdenken“ der Politik.

Die Presse in Japan und England verursacht eine Massenhysterie im Zusammenhang mit Mutationen, die sich nicht in körperlichen Defekten, sondern in geheimnisvollen Fähigkeiten äußern.

2050 Die EU nimmt Russland als letztes, auf dem europäischen Kontinent liegendes Land, auf. Australien schließt sich der AAU an. Neben ein paar unwesentlichen Ausnahmen bestimmen nun die USA, die EU und die AAU die politischen Geschicke der Erde.

Aus Angst vor sogenannten übernatürlichen Fähigkeiten werden die ersten „Anti-Mutanten“-Gesetze erlassen.

2053 Die fortschreitende Miniaturisierung ermöglicht die Erfindung der Fubat, der Fusionsbatterie. Die Fubat ermöglicht es, auf geringem Raum und mit geringem Gewicht große Energiemengen zu „speichern“, wobei dieser Ausdruck natürlich physikalisch so falsch ist, wie der Ausdruck „Batterie“ für einen Akku.

2062 Die gesamte Energieerzeugung der Erde ist auf die kalte Fusion umgestellt, der Antrieb aller wesentlichen Fahr- und Flugzeuge auf die Fubat umgestellt. EE und NANO mussten zwar enorme Lizenzgebühren an HONDA leisten, dafür ist die Technologie aber weltweit verfügbar.

2066NANO gibt bekannt, dass es gelungen ist, Nanotechnologie für die Raumfahrt zu nutzen. Motoren mit fossilen Brennstoffen werden in den USA generell verboten.Die Pflicht, mutierte Babys einer staatlichen Behörde zu melden, wird weltweit eingeführt.

2068NANO entwickelt einen Fusionsmotor, dem Raumschifftauglichkeit bescheinigt wird. EE und HONDA beschließen, Raumfahrzeuge gemeinsam zu bauen. EU und AAU übernehmen das Verbot, fossile Brennstoffe in der Atmosphäre zu verbrennen.

In der Nähe von Hiroshima wird Toku Namashida geboren.

2070 EE und HONDA gründen eine Mond- und Marskolonie. NANO erforscht den Saturnmond Titan. Naomi M´Butu kommt dem Geheimnis der schwachen Kraft auf die Spur. Die Aufhebung der Masse (Antigrav) ist das Ziel.

2074 Die Wissenschaftler der Erde sind sich einig: Die globale Erwärmung geht wieder zurück. NANO und HONDA wollen ein gemeinsames medizinisches Forschungszentrum „GlobalMed“ finanzieren. In der EU wird Eve White geboren.

2077 In diesem Jahr gibt es erstmals seit Jahrzehnten keine verheerenden Wirbelstürme. Die drei großen Weltkonzerne übernehmen immer mehr politische Macht auf der Erde und in den Terrakolonien. Raumschiffe stoßen zu den Grenzen des solaren Raumes vor.

GlobalMed kann mittels Nanotechnologie das menschliche Gehirn mit dem Net verbinden.

2078 Der Saturnmond Titan wird von NANO als Raumfahrtzentrum ausgebaut. Naomi M´Butu gelingt es, im Labor eine Antigravgerät zu bauen und verlässt HONDA, um in einem eigenen Labor zu forschen.

2081 GlobalMed gelingt es, lebensverlängernde Technologien zu entwickeln.

2090 Die Konzerne und die politischen Staaten sind uneins über die Gewaltenteilung. USA, EU und AAU verstehen sich als Repräsentanten der Bürger und wollen zur Erhaltung und Entwicklung der Infrastruktur nach wie vor Steuern einheben. In den Kolonien auf Mond, Mars und den Saturnmonden haben allein die Konzerne die Macht. Der Antigrav wird Teil des Raumschiffantriebes. Die Synchronisation im Innern eines Raumfahrzeugs ist die größte technische Herausforderung. Man erreicht eine innensynchrone Beschleunigung von 150m/Sekundenquadrat. Auf Titan entsteht eine Raumschiffwerft.

2094 Naomi M´Butu arbeitet an der Entwicklung eines Antriebes, der es ermöglichen soll, schneller als das Licht zu reisen.

Gleichzeitig wird die menschliche „Aufrüstung“ als Verbindung von Gehirn und Net durch GlobalMed kommerziell genutzt. Der „Advanced Brain Chip“, kurz ABC genannt, ist vorläufig aber nur für sehr reiche Leute finanzierbar.

2098 Toku Namashida und Eve White beschließen, gemeinsam einen Dienstvertrag auf Titan zu erfüllen.

Naomi M´Butu versucht bei den Staaten und Konzernen die gemeinsame Finanzierung eines überlichtschnellen Raumschiffs zu erreichen.

2099 Der Jahrhundertwechsel wird zum Anlass genommen, zum ersten Mal in der Geschichte ein Gipfeltreffen der Präsidenten von USA, EU, AAU, NANO, EE und HONDA zu arrangieren.

1

„Toku“, hallte es in seinen Traum. „Langsam musst du aufwachen, du Faulpelz.“ Toku Namashida drehte sich langsam auf seinem Futon um die eigene Achse und murmelte vor sich hin.

Eve war bei der Schlafkojentür hereingekommen, langsam niedergekniet und fasste dann mit beiden Händen liebevoll nach seinen Wangen.

„Ich weiß schon, dass du für die heutige Sylvesterparty vorausschlafen willst“, sagte sie laut und fügte dann mit ihrer telepathischen Stimme hinzu: „Ich habe gehört, dass die Abschlussklassen der Titan-First-High auf die Party eingeladen sind. Das ist eine schöne Möglichkeit, nach Talenten zu suchen.“

Toku Namashida schüttelte ihre Hände sanft ab und antwortete laut: „Ich bin noch nicht wach genug für so viel Kommunikation, aber ich komme gleich zum Frühstück.“ Telepathisch weiter: „Ich hab das Gerücht auch schon gehört. Zum ersten Mal dürfen die 17- und 18-jährigen gemeinsam auf eine Sylvesterparty gehen, was zwar auf der guten alten Erde keine Sensation wäre, aber hier auf Titan sind die Sitten strenger.“ Er umfasste Eve zärtlich und fügte hinzu:

„Alle Absolventen werden von NANO bis zum Abschluss der Highschool nach fast militärisch strengen Regeln erzogen. Das hat hier, in der Unwirtlichkeit und fern der Erde ja auch wirklich einen Sinn. Sie sollen nicht durch jugendlichen Leichtsinn zur tödlichen Gefahr für die Kolonie werden. Aber dass sie gemeinsam auf eine Sylvesterparty kommen dürfen, ist schon sensationell. Das gab es bisher noch nie.“

Eve kuschelte sich an ihn. „Ich sehe das nicht so streng. Irgendwann müssen sie ja raus in die Freiheit. Schließlich sind einige ja bereits hier geboren und können die Gefahren ganz gut einschätzen.“

„Wahrscheinlich hast du recht“, meinte Toku, „also schmieden wir einen Plan für heute Abend.“

„Da man nie wissen kann, ob und welche Mikrofone mithören, denke ich, dass wir auf diese Weise schmieden sollten“, kicherte sie und fragte laut: „Frühstück steht in der Küchenbox. Wollen wir in der Wohnkoje essen?“

„OK Eve. Ich komme.“ Toku rollte über den Rand des Futons, faltete mit seinen telekinetischen Kräften die Matte zusammen, ließ sie in die Ecke des Raums schweben und dort fallen, dann erhob er sich.

„Bitte fang schon mal an mit dem Essen“, schickte er telepathisch an Eve und ging zur Hygienebox.

Toku Namashida war ein schlanker, gut gebauter Japaner. 30 Jahre alt und in Hiroshima geboren. Er besaß schwarzes, glattes Haar und hatte die typische Ausstrahlung asiatischer Höflichkeit. Seine Freundin Eve stammte aus England und ihre hervorragendste Eigenschaft war ihr vergnügtes, glockenhelles Lachen. Ihr dickes, rotes Haar quoll meistens aus den von ihr so geliebten Kopfbedeckungen, die sie wie unterschiedliche Uniformen je nach Laune wechselte.

Schließlich saßen sie beide über einem typischen Frühstück auf Titan.

Titan, mit seinen lediglich 5.150 km Durchmesser und der geringen Dichte hatte keine nennenswerte Schwerkraft. Zur technischen Ausstattung von Ticity, wie die Station genannt wurde, gehörte jedoch eine Antigraveinheit, mit der ständige 0,9 GE erzeugt wurden, um es den Bewohnern so bequem wie möglich zu machen. Vieles musste von der Erde importiert werden, die frischen Lebensmittel wuchsen allerdings in den hydroponischen Gärten von Ticity.

NANO sorgte dafür, dass sich die Bewohner gesund ernährten und besonders bei der Jugend wurde immer wieder Werbung dafür gemacht, Erzeugnisse aus den Gärten zu essen.

NANO sorgte einfach für alles und jedes: Für die Schwerkraft, für die Wohneinheiten, für Licht und Wärme, für das Essen, und natürlich betrieb NANO hier seit 2090 die neue Raumschiffwerft.

Jeder Person, bzw. jeder Familie war eine Wohneinheit aus einer Wohn-, Schlaf-, Küchen- und Hygienebox zugewiesen. Die Größe war natürlich mit einer Wohnung auf der Erde nicht zu vergleichen. Diese Enge, und die Tatsache, dass man ständig gezwungen war unter künstlichem Licht und künstlicher Schwerkraft zu leben und zu arbeiten, hatte so manche psychologische Langzeiteffekte zur Folge, deren Auswirkungen ebenfalls eines der Forschungsthemen war.

Toku Namashida und Eve White waren nach ihrer Ausbildung als Physiker, bzw. Nanochemikerin seit fast einem Jahr auf Titan, in einem einjährigen Arbeitsvertrag mit NANO. Sie wohnten auf Ebene 92, Sektor Gelb.

„Ich denke mir die Sache ganz einfach“, schickte Toku an Eve. „Wir gehen zum Ball, dort suggerierst du eventuellen Mutanten, dass sie sich eine Stunde nach Beginn an der Garderobe einfinden sollen. Dort werden um diese Zeit kaum Leute sein. Dadurch haben wir entweder sofort einen Kontakt, oder eben nicht.

„Klingt gut, so können wir es machen“

„Ist keiner dabei, dann haben wir auf Titan alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Finden wir einen, müssen wir halt überlegen, wie wir ihn zur Erde schaffen können, ohne allzu sehr aufzufallen.“

„Und wenn ein paar durchdrehen und Ticity gefährden?“

„Ist nicht sehr wahrscheinlich. Du musst halt aufpassen und im Zweifel suggestiv eingreifen. Ich glaube nicht, dass hier jemand auf die Idee kommt, dass da etwas nicht mit rechten Dingen zugeht.“

„Wo wirst du sein?“

„Ich stelle mich zum Eingang der Garderobe und passe auf. Wenn ich Näherkommende espere1, kann ich ganz leicht unterscheiden, ob es jemand von der Polizei ist, oder nicht.“

„Gut, dann machen wir es so. Es wird sowieso Zeit, dass wir wieder zur Erde kommen und Kontakt mit Gerry aufnehmen können.“

Die Regeln für den Aufenthalt in Ticity waren ziemlich streng, dienten allerdings am meisten dem eigenen Schutz.

Dauernd kamen Neuankömmlinge von der Erde, die es nicht gewohnt waren, in einer lebensfeindlichen Umgebung bei künstlicher Schwerkraft und einigermaßen engen Bedingungen zu existieren. In der Vergangenheit war es immer wieder zu Unfällen gekommen, die meist Leichtsinn und Alkohol als Ursache hatten. Besonders die Kinder und Schüler ächzten unter dem strengen Regime des Stationskommandanten von NANO.

Wenn die Abiturklasse nun als Gruppe in einen als Ballsaal dienenden Außenhangar gelangte, war der Gedanke an alkoholisierte Störenfriede gar nicht so weit hergeholt.

Auf dem Saturnmond Titan wohnten im Jahr 2099 rd. 50.000 Menschen. Davon arbeiteten die meisten für NANO in der Werft.

Ticity war in eine natürliche, mit schweren Maschinen erweiterte Höhle des kalten Saturntrabanten gebaut worden. An der Oberfläche waren lediglich die Landezonen für die Versorgungsschiffe, ein paar Abfertigungsgebäude und die Liftzugänge zu erkennen.

Die Werft war in einer Nebenhöhle untergebracht, um eventuelle Gefahren von der „Wohnstadt“ zu trennen. Die Bürger von Ticity betrachteten aber die Wohnstadt und die Werft als eine zusammenhängende Einheit.

Die Atmosphäre außerhalb der Station bestand zu 94 % aus Stickstoff und zu etwa 6 % aus Methan und Argon. Der stetige Methanregen bei rd. -180 Grad Celsius machte es notwendig, die flachen Gebäude mit einem besonderen Oberflächenschutz auszustatten. Die Temperatur im inneren der Höhlen konnte mittels Fubat – der genialen Deuteriumfusion - sehr leicht reguliert werden.

Am 6. Mond des Saturn lag die am weitesten von der Erde entfernte menschliche Siedlung und die Arbeitsbedingungen waren hart, aber gut bezahlt.

Neben den Wissenschaftlern und Technikern der Werft waren natürlich alle Berufe, die zur Aufrechterhaltung der Infrastruktur Ticitys benötigt wurden, vertreten.

Das auf den Titan transportierte Nanoplast nahm hier die vorprogrammierten Formen an, und so entstanden die druck- und säurefesten Innenausstattungen der Höhle, die Arbeits- und Wohneinheiten, die Labors, die Straßen und Restaurants, die Vergnügungsstätten und Sporthallen.

Eve beschloss, noch einige Besorgungen zu machen. Toku wollte noch wegen eines nicht fertig gestellten Experiments ins Labor.

Sie verabredeten sich, am späteren Nachmittag wieder in der Wohneinheit zusammen zu treffen, um sich auf den Ball und den bevorstehenden Jahrtausendwechsel vorzubereiten. Natürlich auch auf die Mutantenjagd…………

Um 21:00 Uhr Standard sollte die Sylvesterparty beginnen. Eve und Toku verließen rechtzeitig ihre Wohneinheit und machten sich auf den Weg zur Vakbahn.

Wollte man in Ticity von einem Punkt zum anderen gelangen, war es in der Regel am schnellsten und bequemsten, mit einem der Zentrallifte zu einer Ebene der Vakbahnen zu fahren. Zur leichteren Orientierung der Bewohner gab es diese in allen Zehnerebenen. In der Mitte und am Ende der Ebenen gab es dann breite und bequeme Rolltreppen, um zu den anderen Ebenen zu wechseln. In den Zehnerebenen führten vier Vakbahnen bis ans Ende der mit Farben bezeichneten Sektoren.

Die Zugänge zu den Außenhangars lagen alle in Sektoren der Ebene 1, 2 und 3.

Eve und Toku gelangten per Expresslift in die Ebene 2, Sektor Blau. Hier war der Eingang des als Ballsaal ausstaffierten Außenhangars.

Sie hatten lange überlegt, welches denn die geeignetste Kleidung zur Feier des Jahrhundertwechsels sei. Üblicherweise trug man in Ticity legere Arbeitsoveralls, bzw. Hose und Hemd ohne etwas darüber. Mit Schlechtwetter brauchte ja innerhalb der Höhlenstadt niemand zu rechnen. Festliche Kleidung beschränkte sich bei den meisten Menschen auf frisch gebügelte Freizeitkleidung. Eve und Toku waren daher beide in Weiß und Blau gekleidet und bedauerten ein wenig, dass sie nicht einmal zu diesem besonderen Jahreswechsel einen besonderen Anblick bieten würden.

Auf dem Endbahnhof des Sektors Blau der Ebene 10 herrschte schon größeres Gedränge. Alle Menschen strebten zu den Liften, um zum Sektor 2 zu schweben, wo der Eingang des Riesensaales lag. Die davor liegende Garderobe war eine Art Empfangshalle mit Türen zu Toiletten und einigen Stehtischen, an denen bereits Getränke konsumiert wurden.

„So habe ich mir das nicht vorgestellt“, meinte Toku, „von Unauffälligkeit kann hier niemals die Rede sein.“

„Du hast Recht. Wir müssten eine der Toiletten benutzen, was genauso wenig unauffällig sein würde. Oder wir lassen uns schnell noch etwas ganz Neues einfallen.“

„Ich gehe einmal ein paar Schritte zurück und sondiere, wie es außerhalb dieses Empfangsraumes aussieht.“

Toku machte kehrt und ging gemäßigten Schrittes zurück Richtung Zentralliftstation. An der rechten Seite entdeckte er nach einigen Metern eine Tür mit der Aufschrift: >Umwälzung 3<.

Toku esperte, ob sich jemand hinter der Tür befand, konnte aber niemand feststellen. Er tastete telekinetisch nach den Verriegelungen des Magnetschlosses, fand einen Kontakt zu einem Überwachungsalarm, legte diesen still, und mit einem kaum hörbaren Knacken öffnete sich die Tür. Er blieb stehen und tat, als ob er sich ein Schuhband richten müsste, während er die Gedanken der Entgegenkommenden danach abhörte, ob er jemandem verdächtig vorkäme.

Da sich alle mit der bevorstehenden Party beschäftigten und kaum auf die nähere Umgebung achteten, schlüpfte Toku durch die Tür und lehnte sie von innen leicht an.

Dieser Ort wäre für das Vorhaben zwar geeignet, aber nur dann, wenn er eine Chance fand, die Tür zu öffnen und zu schließen, ohne dabei Telekinese benützen zu müssen, oder gar einen Alarm auszulösen.

Sachte untersuchten seine telekinetischen Sinne das Schloss. Er verbog die Verriegelung, so dass die Tür nicht mehr einschnappen konnte und unterbrach die Netleitung zur nächsten Alarmschaltung. Nun war der Kontakt des Überwachungsalarms bei einer eventuellen Überprüfung zwar aktiv, seine Meldungen konnten aber mangels Leitung nicht mehr empfangen werden.

Zufrieden verließ er den Raum, schloss die Tür, esperte, dass die Verriegelung nicht einschnappte und schlenderte zurück zum Vorraum des Ballsaales.

„Alles OK. Ich habe einen geeigneten Raum gefunden. Wenn man Richtung Lift zurückgeht, gibt es nach etwa 15 Meter auf der rechten Seite einen Raum mit der Beschriftung >Umwälzung 3<. Ich denke, dass das gehen wird. Eine Stunde nach Beginn der Party werden die Meisten ja beim Essen sein.“

„Genau um 22:00 Uhr Standard schlage ich los. Am Besten wird sein, du gehst schon einige Minuten vorher in den Raum und überwachst den Gang.“

„Genau so machen wir´s, Eve.“

Eine Stunde später war der Geräuschpegel der Feiernden schon ziemlich hoch. Das Klirren der Gläser und die Stimmen der sich Zuprostenden vermischten sich mit der Musik, die im Saal erklang. Die ersten Gäste hatten bereits zu tanzen begonnen. Die letzten Nachzügler waren eingetroffen und der Bereich der Garderobe war menschenleer. Alles in Allem war die Party voll im Gang und die Bewohner von Ticity amüsierten sich königlich. Immerhin stand ein ganz besonderer Jahreswechsel bevor. Nicht nur ein neues Jahr, oder ein neues Jahrzehnt, nein, ein ganz neues Jahrhundert sollte in wenigen Stunden beginnen.

Der Außenhangar war ein riesiger Saal, der an der Decke aufklappbare Tore hatte, die so groß waren, dass ein Landungsboot zu Reparatur- oder Wartungszwecken einschweben konnte.

Die technischen Gerätschaften an Decke und Wänden waren mit Girlanden, künstlichen Blumen und farbigen Holos bedeckt, welche Szenen aus Maskenbällen früherer Epochen der Erde darstellten. Dadurch hatte man – je nach Größe des Holos – den Eindruck, als würde der Saal an der Decke in verschiedene Richtungen weitergehen. Die Schüler der Titan-First-High saßen unverkennbar an einer eigenen Tafel. Offenbar hatte es der Stationskommandant von NANO durchgesetzt, dass sie nicht bei Eltern oder Freunden, sondern als geschlossene Gruppe Platz bekamen. Vielleicht dachte er, dass sie so leichter zu überwachen wären.

Eve kam dieser Umstand sehr zu gute. Musste sie sich doch nur auf diesen Tisch konzentrieren.

Sie selber hatten zwei freie Plätze in der Nähe der Schülergruppe gefunden und natürlich auch etwas zu essen, aber keine alkoholischen Getränke bestellt.

Es war fast 22:00 Uhr, als sich Toku erhob und unauffällig hinausschlenderte.

Wenige Minuten später blickte Eve zum Tisch der Abschlussklasse und erhob zielgerichtet ihre zwar unhörbare, nur für Mutanten aber vernehmbare Suggestorstimme:

„IHR TUT, ALS MÜSSTET IHR DIE TOILETTE BENUTZEN. DRAUSSEN GEHT IHR ABER WEITER, BIS IHR NACH ETWA 15 METERN RECHTS EINE TÜR MIT DER AUFSCHRIFT >Umwälzung 3< SEHT. DORT GEHT IHR HINEIN UND WARTET, BIS EINE FRAU KOMMT.“ Danach noch verstärkt: „JETZT!!“

Die Stimme klang, wie der Zusammenstoß eines Güterzugs mit einer verstimmten Riesenorgel.

Ein Mädchen erhob sich und wendete sich unsicher umherblickend zur Tür. Eve sah aus den Augenwinkeln, dass sich am Nebentisch auch ein Offizier in Kapitänsuniform erhoben hatte.

Das Mädchen ging hinaus. Der Kapitän folgte ihr mit einigen Schritten Abstand.

Wiederum einige Schritte später folgte Eve.

Nachdem sie den großen Vorraum mit den Toilettentüren durchquert hatte, wandte sich das Mädchen nach rechts. Der Kapitän folgte ihr, als sei es die größte Selbstverständlichkeit, statt aufs Klo, ebenfall ganz hinaus zu müssen.

Beunruhigt sendete Eve „Toku, pass auf. Ein Mädchen ist auf dem Weg zu dir, aber ein Mann in Kapitänsuniform folgt ihr. Sie sind jetzt beide zwischen uns.“

Einige Sekunden später kam die Antwort: „Das Mädchen ist völlig in deinem Bann, der andere hat einen mentalen Block. Das kann ja heiter werden.“

„Ich heiße Peter Boid und bin auch auf dem Weg zu Umwälzung 3. Ich bin ein Freund, ich bin der Mann in der Kapitänsuniform und ein Freund“, hörten Sie beide die telepathische Stimme eines Dritten.

Inzwischen hatte das Mädchen die angelehnte Tür erreicht und drückte sie auf. Nur Sekunden später folgten der Kapitän und Eve.

„STILL STEHEN, NICHT RÜHREN“ kreischte die kreissägeähnliche, donnernde, nachhallende und doch unhörbare Stimme aus Eve.

„Ich bin ein Freund. Ich bin nur für drei Tage auf Titan und habe euch eine dringende Mitteilung zu machen. Gerry Suffex hat mich geschickt.“

„OK, dann bleib trotzdem einen Augenblick ruhig“, versetzte Toku, und an das Mädchen gewandt sagte er mit Stimmbandstimme: „Keine Angst, wir wollen dir nichts tun, wir müssen dir nur dringend eine Geschichte erzählen, die du für ganz unglaublich halten wirst, die aber trotzdem dein ganzes weiteres Leben bestimmen wird. Wie heißt du?“

Das Mädchen war starr vor Schreck und nicht nur unfähig zu antworten, sondern auch unfähig einen klaren Gedanken zu fassen. Soeben war sie noch mit ihren Mitschülern bei der Party gesessen und sie hatten darüber geredet, was sie im Sommer, nach Abschluss der Prüfungen, machen würden, als sie eine Stimme hörte, wie sie nie zuvor eine Stimme gehört hatte. So stellte sie sich die radlose Notlandung eines Raumgleiters auf einem Betonband vor. Die Stimme hatte ihr etwas befohlen und es war ihr absolut unmöglich gewesen, dem Befehl nicht Folge zu leisten.

Nun stand sie da in einem Technikraum mit zwei Männern und einer Frau und alle drei sprachen manchmal, ohne dass sie etwas gesagt hätten. Oder sagten etwas ohne Stimme. Oder sagten etwas direkt in ihrem Kopf. Oder …

Sie wusste nicht, wie sie das hätte nennen sollen. Sie versuchte, einen Schritt auf den Mann zu zumachen, der in dem Raum gewartet hatte. Aber auch das ging nicht.

„DU KANNST DICH JETZT RÜHREN. ABER NICHT SCHREIEN“, erklang da wieder die furchtbare Befehlsstimme, wie die Trompeten von Jericho. Nun konnte sie sich bewegen.

„Ich schlage vor, du hörst dir einmal meine Kurzgeschichte an“, sagte der Mann. „Morgen hast du ja keine Schule und wir können uns treffen, dann erzähle ich dir die ganze Story“, ergänzte er dann.

„Ich versteh das alles nicht“, sagte sie mit ganz leiser Stimme. „Was wollen sie denn von mir? Was haben sie mit mir vor?“

„Wir haben gar nichts vor. Wir müssen dir nur etwas ganz Wichtiges erklären. Wie heißt du denn?“

„Was erklären?………….. ich heiße Mona, Mona Myers.“

„Gut Mona. Hast du schon einmal etwas von Mutanten gehört?“

„Ja. Meine Eltern haben einmal etwas davon erzählt. Aber was hat das alles jetzt mit mir und der Sylvesterparty zu tun?“

„Mit dir hat das sehr viel zu tun. Mit der Party gar nichts.

„Sie mal“, und nun wendete er seine Gedanken direkt an das Mädchen: „Wir haben herausgefunden, dass du zumindest ein latenter Telepath bist und wie du merkst, kannst du meine Gedanken verstehen, ohne dass ich laut spreche.“

„Und meine Gedanken auch“, ergänzte Eve hinter dem Mädchen stehend. „Und meine Gedanken auch“, sagte eine dritte tonlose Stimme, die scheinbar von dem zweiten Mann stammte.

„Wir wissen, wie beunruhigend so eine Vorstellung ist. Aber wenn du noch lange von der Party wegbleibst, fällt das todsicher jemandem auf. Wir brauchen daher jetzt dein freiwilliges – und übrigens in deinem Eigeninteresse liegendes - Versprechen, dass du niemand von dieser Episode etwas verrätst. Morgen Nachmittag treffen wir uns und dann erklären wir dir alles ganz genau. Und nun versuche einmal deine Gedanken direkt an mich zu richten, konzentriere dich und antworte.“

„Ich, ich…., ich werde niemand etwas sagen. Ich will mich ja nicht blamieren.“

„So ist es fein. Wir haben dich alle drei verstanden.“

„Wirklich? Obwohl ich gar nichts gesagt habe?“

„Ja, wirklich. Also abgemacht. Wir treffen uns morgen um 14:00 Uhr Standard im Sportzentrum auf Ebene 48, im Sektor Rot. Wiederhole es, Mona.“

„Morgen 14:00 Uhr Standard auf Rot, 48.“

„Genau. Und nun unauffällig zurück zur Party. Bis morgen.“

„Naja, dann. Bin gespannt. Bis morgen.“

Nachdem Mona Myers mit noch immer völlig verwirrtem Gesichtsausdruck den Raum verlassen hatte wandte sich Toku an den Kapitän:

„Nun, Mr. Boid, da haben sie uns ja einen schönen Schreck eingejagt.“

„Ja, kann ich mir denken! Aber mein Problem ist, dass ich ein relativ schwacher Telepath bin und daher nicht imstande war, Ticity systematisch nach euch abzusuchen. Ich bin nicht einmal zwei Standardtage hier und soll euch eine Nachricht von Gerry überbringen. Ich ging aber davon aus, dass ich euch hier finden werde.“ Mit diesen Worten senkte Peter Boid seinen Mentalblock auf Null, so dass jeder geübte Telepath sich in Sekundenschnelle von der Richtigkeit und Wahrhaftigkeit seiner Gedanken überzeugen konnte.

„OK, dann schlage ich vor, dass wir jetzt einmal möglichst unauffällig diesen Raum verlassen und zurück auf die Party marschieren. Dort können wir uns ja weiter unterhalten, ohne dass uns jemand zuhören kann.“

„Gut. Ich gehe jetzt voraus und ihr folgt mir mit etwas Abstand.“

Peter Boid ging ebenfalls zur Tür, esperte, ob jemand draußen vorbeiging und schlüpfte dann hinaus.

„Da bin ich aber gespannt“, meinte Eve „Es muss ja wohl wichtig sein, wenn Gerry uns über diese Entfernung zu erreichen versucht.“

„Da hast du sicher Recht. OK, jetzt du.“

Eve konnte ebenfalls keine Gedanken in der Nähe der Tür feststellen, trat hindurch und ging langsam zurück zum Saal.

Eine Minute später hatte Toku die Verriegelungen des Schlosses wieder gerade gebogen und ebenfalls keine Gefahr geespert. Er ließ die Tür von außen einschnappen und reparierte telekinetisch die Netleitung des Alarms. Dann folgte er Eve zurück in den Saal.

Inzwischen war die Partystimmung noch ausgelassener geworden. Viele Paare bevölkerten die Tanzfläche. Die Musik bemühte sich, den Geräuschpegel noch zu übertönen und dadurch herrschte im Saal eine fröhliche, laute Atmosphäre.

Peter Boid konnte man nur durch telepathische Ortung identifizieren. Zu sehen war er in dem Gewimmel nicht auf den ersten Blick.

„Peter“, rief Toku telepathisch. „Ich darf doch Peter sagen? Wir haben den Tisch links von der Tanzfläche an der Längsseite des Hangars. Sobald du kannst, komm bitte her.“

„Und ich nenne euch Eve und Toku, OK? Sobald der Tanz zu Ende ist, komme ich“.

Am Ende der jazzigen Nummer begleitete Peter noch seine Partnerin zu deren Tisch und verabschiedete sich mit einer formvollendeten Verbeugung. Dann blickte er sich suchend nach dem beschriebenen Treffpunkt um.

Eve meinte auf der Frequenz Tokus: „Das muss ein Engländer sein. Hat ja tolle Manieren. Nun, wir werden ja gleich hören.“

Peter trat an den Tisch und sagte förmlich: „Verzeihung, ist an ihrem Tisch noch ein Platz frei?“

„Gerne“, antwortete Eve, „Bitte nehmen sie doch Platz, Herr Kapitän.“

Toku fügte hinzu: „Nun setzen wir uns alle Richtung Tanzfläche und tun so, als würden wir die Paare beobachten. Dabei können wir gut miteinander kommunizieren, ohne dass es auffällt, dass wir nichts miteinander reden.“

Während Toku mit diesen Worten seinen Stuhl näher an Eve heranrückte und mit einer verliebten Geste seinen Arm um ihre Schultern legte, bestellte Peter Boid beim Kellner ein Glas Wein, rückte dann ebenfalls seinen Stuhl Richtung Tanzfläche und meinte telepathisch:

„Das ist eine gute Idee. Niemand würde auf die Idee kommen, dass wir hier etwas anderes tun, als Leute beobachten.“

„Wie geht’s denn Gerry?“

„Gut, er ist inzwischen der Führer aller positiven Mutanten. Aber langsam und von vorne:

„Gerry hat im letzten Jahr nicht nur seinen PSI-Tester weiterentwickelt und verfeinert, er hat auch weiter nach Mutanten gesucht und die Gefundenen ausgebildet. Außerdem hat er darüber nachgedacht, welche politischen Auswirkungen die positiven Mutationen haben könnten. Vor allem aber darüber, wie man die PM`s wieder in die Gesellschaft eingliedern könnte.“

„PM´s?“

„Ja. Wir haben formell eine Gruppe gegründet und nennen sie einfach PM, als Abkürzung für positive Mutanten. Diese Gruppe hat sich für die Zukunft verschiedene Aufgaben gestellt und Gerry zum Anführer ernannt. Inzwischen hat er die Eichung seines PSI-Testers einigermaßen geschafft und ich soll Toku ausrichten, dass er jedenfalls der stärkste Telekinet ist, den wir bisher gefunden haben. Auf seiner Skala hast du ca. 92%.“ Alle Mutanten haben telepathische Fähigkeiten zwischen 10% und 60%. Inzwischen haben wir einen Teleporter mit 50%, einen Telekineten mit 60%, zwei Hypnos mit 80%, einen Empathen mit 90%, einen Energieaufnehmer mit 70%, einen ….

„Energieaufnehmer?“, unterbrach Eve. „Davon habe ich noch nie etwas gehört.“

„Nun, Gerry ist auch nur durch Zufall draufgekommen. Der Kollege - er heißt übrigens Yokira Tamagoshi – fiel bei einem Hotelbrand durch die einstürzende Decke in das darunter liegende Stockwerk genau in die Flammen. Nach dem ersten Schock stellte er fest, dass seine Kleider vollständig verbrannt waren, seine Haut aber unversehrt war. Nackt flüchtete Tamagoshi über das Stiegenhaus ins Freie, entging dort irgendwie den Feuerwehrleuten, konnte in dem Chaos vor dem Hotel aus einer Tasche ein paar Kleidungsstücke stehlen und dadurch entkommen. In mehreren Selbstversuchen fand er dann heraus, dass ihm Feuer einfach nichts ausmachte. Seine Haut verbrannte nicht, verfärbte sich nicht einmal. Er verspürte auch keine Schmerzen.

Nachdem er dann zu unserer Gruppe gestoßen war und Gerry ihn an den PSI-Tester angeschlossen hatte, stellte er fest, dass Tamagoshi 70% auf einer Frequenz aufwies, die ihm bisher noch nicht untergekommen war. Sie haben dann weitergetestet und inzwischen wissen wir, dass Tamagoshi nicht nur Feuerenergie, sondern auch elektrische Energie, kinetische Energie, und vermutlich noch anderes in sich aufnehmen kann, ohne dass er Schaden erleidet. Wofür man dass alles benützen kann, war ihnen selber noch nicht so klar.“

„Eine tolle Entwicklung“, meinte Toku. „Bitte erzähle jetzt, was denn so wichtig ist, dass Gerry dich von der Erde bis zum Titan schickt.“

„OK“, meinte Peter und nippte an seinem Glas, während er den Hals nach einer besonders eleganten Tänzerin reckte.

„Bei seiner Suche fand Gerry in der Südsee eine Mutantin. Diese war leider nur eine relativ schwache Telepathin und konnte sich nicht gut zur Wehr setzen. Sie wurde von der Polizei erwischt und festgenommen. Nachdem sie einige Tage abgängig war, begann Gerry nach ihr zu suchen, fand sie aber nicht mehr. Schließlich bekam er heraus, dass die USA einen positiven Mutanten dazu benutzt hatten, andere Mutanten aufzuspüren. Wir wissen nicht, wer dieser Mensch ist, warum er der Regierungsbehörde half und was deren Ziele sind. Es besteht aber die Möglichkeit, dass die Behörden inzwischen gezielt versuchen, uns aufzuspüren. Sobald ihr nächstes Monat zur Erde zurückkehrt, sollt ihr - neben allen anderen selbstverständlichen Vorsichtsmaßnahmen - auch daran denken, dass ihr es mit einem euch feindlich gesinnten Mutanten zu tun haben könntet.“

Eve und Toku schwiegen einen Augenblick, um das Gehörte zu verarbeiten.

„Ihr werdet ja nach eurer Rückkehr ausgiebig medizinisch untersucht und müsst bei allen möglichen Kommissionen über eure Forschungsergebnisse berichten“, setzte Peter noch hinzu, „dabei gibt es sicher Möglichkeiten, wie man euch auf die Schliche kommen könnte.“

„Jetzt, wo wir vorgewarnt sind, werden wir den ganzen Tag nur mit hoher Bewußtseinsblockbildung herumlaufen“, meinte Toku. Eve fügte hinzu: „Und noch vorsichtiger sein, als sonst.“

„Genau das ist der Sinn der Warnung.

Ich werde ich mich jetzt wieder einer schönen Tänzerin widmen. Am besten ist es, dass wir hier in Ticity nicht mehr zusammen gesehen werden. Außerdem müsst ihr, glaube ich, wieder einmal laut sprechen, sonst fällt es auf, dass ihr hier nur wortlos herumsitzt.“

„Danke für alles. Wann fliegst du denn zurück?“

„Morgen Abend, 19:30 Uhr Standard. Vorher muss ich natürlich noch alle Checks machen. Das bedeutet, dass ich schon ab Mittag auf den obersten Ebenen zu tun habe.“

„Wir wünschen dir einen guten Rückflug. Grüße Gerry von uns. Wir werden uns melden, sobald wir auf der Erde sind und Gelegenheit haben, uns unauffällig von der Company zu entfernen.“

„Wahrscheinlich können wir auch schon berichten, dass wir Mona Myers gefunden haben und dass sie bei uns mitmacht“, hoffte Eve, stand auf und forderte Toku auf, mit ihr den nächsten Tanz aktiv zu gestalten.

Sie drehten sich auf dem parkettähnlichen Bodenbelag, der in Wirklichkeit natürlich aus programmiertem Nanoplast bestand und machten ein fröhliches Gesicht.

Der 31.12.2099, 24:00 Uhr konnte kommen.

Am nächsten Vormittag erwachten Eve und Toku fast gleichzeitig aus einem eng umschlungenen Schlaf. „Guten Morgen, Schatz“, raunte Eve und dreht sich zu Ihrem Partner hin.

„Auch guten Morgen!“, gähnte dieser zurück. „Ist ja klar, dass wir heute länger geschlafen haben. Übrigens: Prosit Neujahr. Wir haben das 22. Jahrhundert.“

„Auch Prosit“, tönte es leise zurück und Eve kuschelte sich noch ein bisschen fester an ihn.

Nach einigen Minuten des zufriedenen Weiterdösens fragte Eve:

„Hast du in letzter Zeit die Holo-Berichte über den letzten Jahrhundertwechsel mitbekommen?“ fragte Eve. „Die hatten doch tatsächlich Probleme mit den Datumsformaten bei der IT. Stell dir vor, damals gab es zwar schon das WWW, aber trotzdem hatten die Leute noch kein COM, die Firmen eine unvernetzte IT, man musste Daten händisch eingeben und wenn sie der Nächste brauchte, musste er das selbe nochmals erfassen, und lauter solche Sachen brachten sie im Holo.

„Ein paar solche Sendungen habe ich auch gesehen“, meinte Toku. „Wirklich vorstellen kann ich es mir aber nicht.“

„Ich auch nicht.“

„Ich denke, wir sollten uns einmal über Mona Myers unterhalten“, meinte Toku und drückte telekinetisch die richtigen Knöpfe für die Kaffeeanforderung in der Küchenbox. „Die besucht offensichtlich die letzte Klasse auf der Titan-First-High, muss daher etwa 17, 18 Jahre alt sein und vielleicht haben wir die Chance, dass sie nächstes Jahr ein Studium auf Terra beginnt.“

„Toku, du musst umdenken“, neckte Eve, Wenn es so ist, wie du vermutest, dann ist das schon heuer.“

„Ach ja, wir haben ja schon 2100,…also, dass sie heuer ein Studium auf der Erde beginnt.“

„Ganz wohl fühle ich mich nicht bei dem Gedanken, dass wir Ende Jänner nach Terra zurückkehren und Mona Myers bleibt ohne Unterstützung bis zum Sommer allein hier.“

„Nun, dann müssen wir halt schon heute Nachmittag beginnen, ihr die ganze Tragweite ihrer Gabe so näher zu bringen, dass sie bis dahin auch ohne unsere Hilfe überlebt.“

„Bisher hat sie ja auch überlebt. Allerdings ist es schon ein Riesenunterschied, ob man weiß, dass man Mutant ist, oder eben nicht.“

Das Net in der Küchenbox meldete, dass der Kaffee fertig sei. „Was möchten Sie dazu essen?“ fragte es. „Wie immer“, antwortete Eve laut, nachdem sie in den Gedanken Tokus festgestellt hatte, dass dieser keine besonderen Wünsche an das Frühstück hatte.

Sie schlüpften aus dem Bett, verrichteten die übliche Morgentoilette und begaben sich in die Küchenbox.

„Zuerst müssen wir feststellen, aus welchen Familienverhältnissen Mona stammt. Was sie weiterhin zu tun gedenkt und wie wir ihr dabei eventuell helfen können. Wie wir sie davor schützen können, sich irgendwie aus Versehen zu verraten und wie es dann in Zukunft weitergehen soll.“

„Wenn sie überhaupt Titan verlässt!“

„Ich hatte den Eindruck eines Mädchens aus gutem Haus. Etwas schüchtern vielleicht, aber durchaus imstande, ein Studium auf Terra anzustreben.“

„OK, wir ziehen uns normal an und nehmen die Sportkleidung mit. Mona kann dann entscheiden, was wir im Sportzentrum tun wollen. Unsere spezifische Unterhaltung ergibt sich dann sicher ganz von alleine.“

„Bestimmt. Mona hat wahrscheinlich heute sehr schlecht geschlafen. Ich wüsste allerdings nicht, wie wir die Sache hätten anders angehen sollen.“

Sie tat ihnen schon leid. Zuerst war sie mit ihren Klassenkameradinnen- und Kameraden zum Ball gegangen. Wahrscheinlich auch noch dazu zum ersten Mal. Dann hatte sie eine grässliche Stimme wie aus einem Horrorfilm zu einer Kammer der Energiestation befohlen und dann wurde sie mit mehr als merkwürdigen Hinweisen auf Fähigkeiten ihres Gehirns wieder zurückgeschickt. Nun ja, wie hätten sie es sonst machen sollen?

Gegen 15:30 Uhr Standard gingen sie mit ihren Sporttaschen in der Hand zu den Liften des Sektors Gelb, fuhren dort nach Ebene 50, dort mit der Vakbahn zum Sektor Rot und dort mit den Rolltreppen zur Ebene 48, wo die Sportstätten lagen.

In Ticity gab es verschiedenste Sporteinrichtungen, Freizeitclubs und Fitnessstudios. Diejenigen auf 48 Rot waren allerdings unter den Bewohnern ziemlich beliebt, da sie sehr viele verschiedene Möglichkeiten boten.

Fast jede Hallensportart unter Gravitation war vertreten. Dazu gab es noch die beliebten Antigrav- und Minigravsportarten wie z.B. Minigraphtennis – ein 50m langes und 22m breites Tennisfeld mit nur 0,5 GE und damit ganz speziellen Bedingungen. Oder Null-GE-Ball. Bei dieser Sportart spielten 5 Mann gegen 5 Mann innerhalb einer Kugel mit Null GE und mussten eine glatte und schwer zu packende Metallkugel in ein Feld in der gegnerischen Halbkugel mit einer Kraft von mindestens 0,2 Newtonmeter platzieren.

Sehr beliebt war auch Minigravtauchen, wo in einer wassergefüllten, verformbaren Blase mit nur 0,3 GE farbige Stäbe in einer bestimmten Reihenfolge in gegnerische Wholes gesteckt werden mussten.

Am Eingang des Sportkomplexes wartete schon Mona Myers. Auch sie hatte eine Sporttasche in der Hand und meinte zur Begrüßung: „Hallo Mitbewohner. Ich dachte mir, dass ich Sportsachen mitbringen sollte. Was sollten wir denn sonst hier machen?“

Eve und Toku sahen einander schuldbewusst an, nickten dann Mona freundlich zu und Eve antwortete: „Tut uns leid. Offenbar haben wir in der Aufregung völlig vergessen, auch unsere Namen zu nennen. Ich bin Eve White und mein Freund hier heißt Toku Namashida. Wir wissen ja, dass du Mona Myers heißt. Allerdings viel mehr wissen wir noch nicht. Bitte sag einfach Eve und Toku zu uns.“

„OK, mach ich. Und nun: Was sollte denn das Ganze, gestern Abend? Es war eine so unheimliche Performance von euch, dass ich heute früh gar nicht mehr so sicher war, ob ich nicht alles geträumt hatte.“

„Hast du keineswegs“, sprach Toku sie telepathisch an. „Wie du siehst, kannst du auch am ersten Tag des neuen Jahrhunderts noch immer meine Gedanken empfangen, obwohl du bis gestern Abend vermutlich nicht einmal gewusst hast, dass so etwas möglich ist.“

Mona konzentrierte sich: „Ich versuch es jetzt auch. Könnt ihr mich hören?“

„Sehr gut“, antwortete Toku, „Doch jetzt sollten wir nicht länger schweigsam hier herumstehen“ und fügte laut hinzu: „Was wollen wir machen?“

„Wie wär´s mit Billardspielen?“ fragte Mona „Da können wir uns auf eure Art unterhalten, dabei spielen und es ist völlig unauffällig.“

„Gute Idee.“

„Das kann ich aber nicht“, meinte Eve. „Wie wäre es mit Schwimmen, habt ihr Badesachen dabei?“

„Ich schon“, meinte Mona.

„Ich auch“, kam von Toku.

„Dann lasst uns ein paar Längen schwimmen. Dabei spricht man normalerweise auch nicht gerade viel.“

Sie betraten den Sportkomplex und gingen Richtung Schwimmhalle, wo auch die Umkleideräume waren.

Wenig später trafen sie im Schwimmbecken zusammen. Aufgrund des besonderen Datums waren auffällig wenige Leute gekommen und es war sehr viel Platz. Wer wollte schon nach durchfeierter Nacht am ersten Jänner eines neuen Jahrhunderts ausgerechnet schwimmen gehen?

Toku erzählte schließlich auf telepatischem Wege die Geschichte der Mutanten, warum sie vom Rest der Menschheit gefürchtet wurden, dass es auf Terra eine Gruppe gab, die sich selber PM´s nannte und dass deren Anführer Gerry Suffex hieß.

Eve erzählte über die unterschiedlichen Begabungen und dass sie wahrscheinlich noch lange nicht alle Möglichkeiten von positiver Mutation erkannt hatten, dass Gerry eine Maschine zur Bestimmung der Kräfte gebaut hatte und dass sie jedenfalls alle telepathisch begabt seien. Warum alle bisher gefundenen Mutanten Telepathen von unterschiedlicher Stärke waren und einige auch noch einen weiteren Extrasinn hatten, wusste auch sie nicht zu beantworten.

Mona war sehr aufgeregt und wollte schließlich einige Experimente machen. Eve und Toku erzählten ihr daraufhin von der Angst der Gruppe ins Gefängnis zu kommen, bzw. in ein Lager gebracht und desequentziert zu werden.

Schließlich berichtete Mona, dass sie eine gute Schülerin sei, ihre Eltern eine hohe Stellung bei NANO hätten und dass sie im Sommer nach Terra zurückkehren solle, um in den USA Chemie zu studieren.

„Das ist ja wunderbar“, rief Toku telepathisch aus. „Dann schickst du uns einfach eine Mail, wann du ankommen wirst und wir setzen uns mit dir in Verbindung. Es wird sicher eine Möglichkeit geben, dass du möglichst bald nach England kommst, mit Gerry sprichst, die Gruppe kennen lernst, an den PSI-Tester angeschlossen wirst und so weiter…...“

„Na ja, aber ich weiß noch immer zu wenig über das Ganze“, meinte Mona nicht ganz so euphorisch.

„Wir bleiben hier ja noch in stetiger Verbindung“, war Eve ein. „Wir hätten die Absicht, dir noch einiges beizubringen, was dir hilft, möglichst unauffällig weiter zu leben, zu lernen, mit deinen Eltern, Freunden und Klassenkameraden genau so weiter zu machen, als ob du das alles nicht gewusst hättest.“

„Das wäre fein. Ich muss mich erst an diese neue Gedanken gewöhnen.“

2

Die Aufregung war in den Räumen fast körperlich spürbar. Die Bediensteten verlegten und sondierten, wischten und spülten, sausten und koordinierten.

Die Stäbe überprüften ein letztes Mal die Planung und den Ablauf des Festes. Dieses Haus war schon immer ein besonderes Haus. Es hatte schon viele Feste gesehen, viele Feiern und viele berühmte Persönlichkeiten. Gute und Schlechte.

Heute endlich war es soweit. Heute war der 31.12.2099. Heute wechselte nicht nur das Jahr oder Jahrzehnt. Heute wechselte das Jahrhundert!

Heute hatte der Präsident der USA – Nigel Manston – ins Weiße Haus eingeladen.

Auch das wäre noch nicht die Sensation gewesen, hätten nicht Gäste zugesagt, die noch nie vorher in dieser Konstellation eingeladen wurden.

Alle hatten sich im Laufe von Jahren schon einmal getroffen. Aber noch nie waren alle gemeinsam zur gleichen Zeit am gleichen Ort und noch dazu im gleichen Raum gewesen.

Die Reporter, Holoberichterstatter und Net-Avatare versuchten schon seit Tagen mit allen möglichen und unmöglichen Tricks die besten Plätze zu ergattern, die spektakulärsten Interviews zu führen und die abenteuerlichsten Siedestorys zu erzählen.

Heute also würden Wu En Mai, der Präsident der Aseatisch-Afrikanischen-Union und Joao Barbarez, der Präsident der Europäischen Union zu Nigel Manston, dem Präsidenten der USA ins Weiße Haus kommen. Die politische Spitze der Erde würde dabei auf die Generaldirektoren der drei mächtigsten Konzerne der Erde treffen, denn auch Akira Samakito, Robert Seidner, und Steve Jefferson würden an dem Fest teilnehmen.

Akira Samakito war der Vorstandsvorsitzende von HONDA, dem größten Unternehmenskomplex der AAU.

Robert Seidner war sein Pendant bei EE. Die Abkürzung stand für European Energy. Der Konzern war jedoch – genau wie die anderen Großkonzerne – inzwischen in allen erdenklichen Geschäftssparten tätig.

Steve Jefferson war der oberste Repräsentant von NANO, dem alles beherrschenden Konzern der USA.

Diese fünf Herren hatten also beschlossen, der Einladung Folge zu leisten. Zum ersten Mal in der Geschichte würden damit die drei politischen und die drei wirtschaftlichen Führer der Erde in einem Raum den Jahreswechsel feiern.

Der Secret Service überprüfte ein weiteres Mal die Sicherheitsmaßnahmen. Natürlich durfte an keinem Tag Unvorhergesehenes passieren. Doch heute war der besonderste aller besonderen Tage, und die Überprüfung der Sicherheit wurde bis zum Erbrechen wiederholt.

Die Net-Anschlüsse, die Alarmsensoren, alle anderen technischen Einrichtungen und die für die Sicherheit zuständigen Personen gaben ein weiteres Mal grünes Licht.

Es war 20:00 Uhr Ortszeit in Washington DC. In einer halben Stunde sollten die Gäste mit ihren Delegationen in fünf Minuten Abstand und in alphabetischer Reihenfolge eintreffen. Das Protokoll hatte alles minutiös geplant und geregelt. Nichts war dem Zufall überlassen.

Joao Barbarez war um genau 20:30 Uhr der Erste. Sein Gleiter kam – umringt von vier Begleitgleitern, die um sechs Meter nach oben und diagonal versetzt flogen – in zehn Metern Höhe völlig erschütterungsfrei und geräuschlos zum Stillstand. Dahinter flogen die Gleiter seiner Delegation in genau fünf Metern Abstand voneinander in einer exakten Linie hinter ihm her und wurden ebenfalls, wie von einer unsichtbaren Hand in der Luft gebremst und angehalten. Die Autopiloten und Netüberwacher waren imstande, solche Manöver viel exakter durchzuführen, als das einem Piloten von Hand aus möglich gewesen wäre.

Der Gleiter des Präsidenten senkte sich zur Erde. Sobald seine Räder die Erde berührten, glitten auch schon die Flügeltüren nach oben. Joao Barbarez entstieg mit federnden Schritten der Nobelkarosse und wandte sich zum Treppenaufgang, wo ihn Nigel Manston erwartete.

Barbarez war fünfundneunzig Jahre alt und hatte im Jahr 2085 seine Anti-Aging-Behandlung hinter sich gebracht. Wenn man ihn aus nächster Nähe sah, so konnte man in seinen Augen die Weisheit des Alters erahnen. Aus einiger Entfernung wirkten seine Körperspannung und der aufrechte Gang, als sei er weniger als Vierzig. Und das, obwohl die Behandlung normalerweise nur etwa fünfunddreißig Jahre Zellalterung aufholen konnte.

Nachdem die Fahrzeuge der Begleitdelegation ebenfalls ihre menschliche Fracht entladen hatten, glitt der schnittige Gleiter von Steve Jefferson heran und die Prozedur begann sich zu wiederholen.

Es folgten Akira Samakito und Robert Seidner. Wu En Mai war dann der letzte.

Um 21:00 Uhr waren alle Gäste und deren Begleitung in den Empfangsräumen des Weißen Hauses eingetroffen, hatten Interviews gegeben, mit ihrer ABC-Aufrüstung gleichzeitig Netkommentare abgegeben, die nervösen Sicherheitsleute beruhigt und sich elektronisch umgesehen. Der Secret Service amüsierte sich über diese Art der Neugier. Sie hatte zwar keinen Erfolg, aber noch verwunderter wäre man gewesen, wenn die Besucher nicht versucht hätten, mit Hilfe der komplexen ABC-Elektronik in ihren Gehirnen das eine oder andere auszuforschen.

Nigel Manston hielt eine kurze Rede, betonte seine Freude, dass es gelungen sei, die mächtigsten Männer der Erde an einen Tisch zu bringen und die fünf anderen Herren taten es ihm gleich. Die Reden wurden während der Ansprachen der jeweils anderen von den Net-Avataren entworfen und in die virtuelle Sicht des Redners projiziert, so dass man auf die Worte der vorhergehenden Sprecher unmittelbar eingehen konnte, nichts vorbereiten musste und trotzdem aktuell auftrat.

Dann konnte man endlich in den dafür vorgesehenen Speisesaal wechseln, wo das Publikum keinen Zutritt hatte.

Nigel Manston machte den Anfang und mit würdevollen Schritten folgten ihm die Gäste zur Tafel. Der Präsident der USA war mit achtundfünfzig Jahren der mit Abstand jüngste unter seinen Gästen, wirkte aber, als sei er der Älteste. Das hatte vor allem mit seiner Einstellung zur Anti-Aging-Behandlung zu tun, die zu horrenden, und nur sehr langsam fallenden Preisen von GlobalMed – einer Tochter von NANO und HONDA – angeboten wurde. Nigel Manston war erzkatholisch erzogen worden und lebte diese Erziehung auch. So wie er mit tiefer Überzeugung gegen die Abtreibung eingestellt war, so war er es auch gegen die Anti-Aging-Behandlung. GlobalMed kümmerte das natürlich überhaupt nicht und jeder, der sich die 3-monatige Behandlung leisten konnte, wurde als Kunde akzeptiert. Die anderen Gäste hatten sich - mit Ausnahme von Akira Samakito - schon vor Jahren dieser Behandlung unterzogen, die den Körper und Geist in rund zweieinhalb Monaten um etwa dreißig Jahre verjüngte. Nach weiteren 2 Wochen der Rehabilitierung und des Wiederaufbaues der körperlichen Fitness wurden die Kandidaten dann wieder in die neue Freiheit entlassen.

Akira Samakito war erst Fünfundvierzig, hatte aber schon daran gedacht, sich mit seinem fünfundfünfzigsten Geburtstag ebenfalls der Anti-Aging-Behandlung zu unterziehen.

Nigel Manston gab seinem ABC den Befehl, die Reden der anderen Männer zu analysieren und wurde nach wenigen Sekunden belehrt, dass die Reden von Net-Avataren geschrieben und verpflanzt worden waren, so dass sich weitere Analysen mangels Emotionen erübrigten. Er war sicher, dass die anderen ebenfalls ABC-Zugänge zu Gehirn und Net hatten. Gegen ABC hatte Nigel Manston nichts einzuwenden. Er war der Überzeugung, dass sein Gehirn schließlich immer noch das tat, was er wollte und mit der Einpflanzung des Chips sah er seine ethischen Regeln nicht verletzt.

Sein Chip informierte ihn, dass Steve Jefferson soeben eine Art Chat-Room mit Hochsicherheitsabschirmung im Net errichtet hatte, dessen Zugang nur mit der Hirnwellenfrequenz der anderen Fünf möglich war.

Nigel Manston machte vorsichtig einen Test:

„Ich kann mich also direkt in den Chat-Room denken?“

„Sie können sich in diesem verhalten, als würden sie gemeinsam mit den Fünf anderen in einem Raumschiff eintausend Lichtjahre von der Erde entfernt sein.“ Niemand kann sie hören oder sehen. Niemand kann überraschend eindringen. Niemand kann Daten herein- oder hinaustransferieren. Dieser virtuelle Hochsicherheits-Chatroom wurde genau für solche Gelegenheiten entwickelt“, beteuerte Steve Jefferson. Es gibt dafür mehrere Zugänge und Sicherheitsstufen. Für den heutigen Abend wurde der Zugang aufgrund der Hirnwellenfrequenz gewählt, was die höchste, aber auch komplexeste Sicherheitsstufe darstellt. Es ist unmöglich, diese Frequenz technisch zu imitieren, daher ist der Zugang wirklich nur den sechs erlaubten Personen möglich.“

„Wunderbar“, versetzte Wu En Mai auf Netebene. „Die Erfindung ist natürlich von NANO und ich erlaube mir daher, anzufragen, ob es da keine Hintertüren gibt?“

Steve Jefferson zeigte ein angespanntes Gesicht. „Sie glauben doch nicht, dass wir sechs zum ersten Mal zusammentreffen und ich würde spionieren?“, fragte er.

„Immerhin erfahren wir von dem Wunderwerk der Technik soeben jetzt und nicht mit einer Vorbereitungszeit von Wochen“, bemerkte Robert Seidner.

Akira Samakito versuchte einzulenken: „Sehr geehrte Herren. Ich denke, dass ein Chat-Room, der es uns die Möglichkeit bietet, einen Gedankenaustausch abzuhalten, von dem absolut nichts an die Öffentlichkeit dringen kann, für uns alle von großer Bedeutung ist. Mr. Jefferson, ich danke Ihnen für die Vorstellung dieser Erfindung.“

Steve Jefferson war besänftigt. „Gehen Sie bitte alle davon aus, dass wirklich niemand unseren Gesprächen folgen kann. Es ist absolut unmöglich.“

Joao Barbarez wies darauf hin, dass man die mitgekommenen Delegationen über die Erfindung informieren müsse, da diese ja von ihren Gesprächen nichts mitbekommen würden. Damit waren alle einverstanden.

Die Konferenz konnte also beginnen. Was konnte mit dieser ersten Zusammenkunft geschafft werden? Der Hauptvorteil war wohl, dass diese überhaupt stattfinden würde. Nigel Manston war sicher, dass der Jahreswechsel und die damit verbunden Feststimmung eine einmalige Bühne für diese Einladung gewesen war. Er glaubte nicht, dass das tiefe Misstrauen zwischen den Staaten und Konzernen deswegen auszuräumen sei. Es war wohl mehr ein Schritt in die richtige Richtung.

Die Konzerne würden weiterhin im Geldverdienen das einzig probate Mittel zur Lösung aller Probleme sehen. Die Politiker der drei großen Erdblöcke würden nach wie vor versucht sein, ihren Einfluss auszudehnen und dafür so manches Mittel einzusetzen. Auch wenn es an die Grenzen der Legalität streifte.

Nigel Manston begann:

„Ich wiederhole also unsere informell erhobene Tageordnung:

Künftiger politischer Einfluss der Konzerne

Bewaffnung im Weltraum

Bau eines überlichtschnellen Raumschiffes

Sind alle einverstanden, dass wir diese Themen im Chat-Room besprechen?“

Nachdem sein ABC fünf zustimmende Impulse erhalten hatte schlug er vor, zuerst eine Erfrischung einzunehmen und dann mit der Konferenz zu beginnen. Er erhob sich, um zu dem Sideboard zu gehen, wo Speisen und Getränke auf die Gäste warteten.

Er teilte den Delegationsmitgliedern mit, dass die eigentliche Konferenz auf Ebene des ABC in einem besonders abgeschirmten, virtuellen Chat-Room stattfinden würde, der für die Begleitung der Präsidenten und Konzernchefs nicht zugänglich war. Man würde sie aber natürlich laufend informieren.

Sofort erhob sich ein Gemurmel und wurden Diskussionen über so eine Art der Konferenz geführt. Man war sehr neugierig, wie sich so etwas praktisch abspielte.

Die 3 Politiker und Konzernchefs mussten sich kurz unter eine Maschine setzen, bekamen für weniger als 1 Minute eine Art Metallhaube aufgesetzt, die ihre spezifischen Hirnwellenmuster speicherte.

Nachdem sich die meisten Teilnehmer am Sideboard bedient und dann wieder Platz genommen hatten, senkte sich langsam Stille über den festlich geschmückten Speisesaal.

Nur das leise Raunen der Delegationsmitglieder war in Saal zu hören, als Nigel Manstons ABC seine Gedanken in den Net-Chatroom stellte:

„Meine Herren! Die politischen Führer der Erde haben in letzter Zeit immer wieder vernommen, dass die Konzerne mit der Politik nicht einverstanden wären.“

Steve Jefferson replizierte als erster: „Die Konzerne liefern Steuern an die Staaten ab und tragen damit zu mehr als 70% zur Finanzierung bei. Unser Einfluss auf die politischen Entscheidungen beträgt aber weit weniger als 70%.“

„Worüber man trefflich streiten könnte“, war der Beitrag Wu En Mais. „Ihr Einfluss ist vielleicht 80%, ihr Steueraufkommen aber nur 40%.“

Nigel Manston warf ein: „Ich denke nicht, dass man einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Steuerzahlung und politischen Einfluss herstellen sollte.“

Akira Samakito ließ das nicht gelten: „Uns geht es darum, dass wir nicht wirklich mitbestimmen können, was die Erde – als Ganzes gesehen – zu tun gedenkt. Bedenken Sie bitte, dass es vor vielen Jahren politische Entscheidungen waren, die zur Gründung von Behörden führten, deren Aufgabe z.B. die Erforschung des Weltraumes war. Dafür erhielten sie Steuergelder. Heute ist das jedoch ganz anders. HONDA, NANO und EE finanzieren Raumschiffe, außerirdische Stationen und Forschungsprojekte. Gleichzeitig sollen sie sich aber vorschreiben lassen, wie man sich außerhalb der Erdatmosphäre zu verhalten hätte?“

Robert Seidner ergänzte: „Dazu kommt noch, dass ja Konflikte zwischen den Konzernen und zwischen den Staatsblöcken denkbar sind. Die Menschheit hat zwar früher viele Kriege geführt, in den letzten Jahren aber doch etwas daraus gelernt. Die Zahl der bewaffneten Konflikte tendiert praktisch gegen Null. Wissen wir aber, ob das so bleibt?“

Wu En Mai fügte hinzu: „Der zweite Punkt auf der Tagesordnung hat nach dieser Wortmeldung unmittelbar mit dem ersten Punkt zu tun. Sollen künftig zu bauende Raumschiffe bewaffnet sein?“

Steve Jefferson kam zu seinem ursprünglichen Anliegen zurück: „Ich denke, wir brauchen eine Art Kontrollgremium. Ein Organ, dass die Regeln für das Verhalten außerhalb der Erde festlegt.“

„Wir könnten ja das geltende Völkerrecht als für außerhalb der Erde bindend regeln“, meinte Nigel Manston.“

„Da sehe ich aber jede Menge formale Ungereimtheiten“, antwortete Wu En Mai. „Das mit dem Kontrollgremium würde mir besser gefallen. Allerdings wäre dieses Gremium einerseits ungeheuer mächtig, andererseits nicht demokratisch gewählt. Woher sollte es also seinen Anspruch ableiten, über die Geschicke der Menschen und Ressourcen außerhalb der Erde bestimmen zu wollen?“

Steve Jefferson wiederholte: „Das auch. Aber zusätzlich ist ja die Frage noch nicht beantwortet, warum die Konzerne zahlen und die Politiker bestimmen sollten.“

Joao Barbarez konterte: „Weil die Politiker eben dazu gewählt worden sind. Oder sollen die Politiker zahlen und die Konzernchefs bestimmen?“

„Vermutlich kann man das gar nicht wirklich trennen. Wie wollen Sie den im Fall eines Konflikts den Menschen erklären, warum sie so, und nicht anders entschieden haben?“, fragte Akira Samakito.

Steve Jefferson stimmte teilweise zu: „Der Vorteil eines Kontrollgremiums wäre eben, dass die Politik und die Konzerne vertreten sein sollen. Damit könnten wir nach außen klar machen, dass über Angelegenheiten außerhalb der Erde, dieses Gremium bestimmt, oder zumindest mitbestimmt.“

In dieser und ähnlicher Weise ging es weiter und weiter.

Im Saal herrschte eine gespenstische Atmosphäre, die man in dieser Form noch niemals erlebt hatte. Die drei Staatsführer und die drei Konzernführer saßen an ihren Plätzen und schwiegen. Aus ihrem Mienenspiel war nicht viel abzulesen, außer der Tatsache, dass sie scheinbar intensiv miteinander kommunizierten. Die Sicherheitsleute aller Beteiligten versuchten natürlich den Chat-Room zu finden, was gar nicht so einfach war, da Net selber sich weigerte, bei der Suche zu helfen. Auch dem mit Heimvorteilen ausgestatteten Secret Service gelang es zuerst nicht, die virtuelle Adresse dieses Raumes zu entdecken. Als es schließlich gelang, wurde schnell klar, dass man die Gehirnwellenmuster der sechs Berechtigten technisch nicht simulieren konnte. Ein Eindringen und Lauschen war absolut unmöglich.

Die Diskutanten informierten dazwischen ihre Berater, schickten Net-Avatare aus, um zusätzliche Hintergrundinformationen einzuholen, hinterfragten die Meinung der wählenden Bevölkerung, besprachen sich über virtuelle und verschlüsselte Kanäle außerhalb des Raumes mit externen Beratern und nützten alle Möglichkeiten der persönlichen Aufrüstung mit einem Advanced Brain Chip – kurz: ABC. Dann meinte Nigel Manston: „Ich schlage vor, dass wir die beiden ersten Punkte der Tagesordnung nun vertagen. Es war sehr interessant, die verschiedenen Standpunkte zu hören, die ja alle wohlbegründet vorgetragen wurden. Wahrscheinlich werden wir im Laufe des nächsten Jahres zu einer weiteren Konferenz zusammentreffen, um die Frage nach Macht, Regeln und Einfluss außerhalb dieses Planeten näher zu diskutieren.“

Nachdem Manston im Chatroom 5 zustimmende Meinungen abgefragt hatte, setzte er fort: „Nun zur Frage der Finanzierung und des Baues eines überlichtschnellen Raumschiffs.

Ich darf gleich einmal den Standpunkt der USA festhalten: Die USA meinen, dass das ein Thema ist, dass man weder Einzelstaaten, oder Staatenbünden überlassen sollte, noch Konzernen, oder Konzernzusammenschlüssen. Wir stellen uns eine gemeinsame Plattform vor. Z.B. so etwas, wie die ISS im 20. Jahrhundert.“

Wu En Mai hakte sofort ein: „Soeben haben wir fast eine Stunde über eine Instanz gesprochen, welche Verhaltensnormen für außerhalb der Erde erarbeiten und durchsetzen soll. Der Bau so eines Schiffes berührt aber praktisch das gleiche Thema.“

Robert Seidner meinte: „Das war doch von vornherein klar, dass die drei Tagesordnungspunkte etwas miteinander zu tun haben. Da Naomi M´Butu sicher ist, im Lauf der nächsten Monate, einen Prototyp konstruieren zu können, besteht auch die Gefahr, dass sie die Erfindung an den Bestbieter verkauft. Was hat dann die Menschheit davon?“

„Ja, eben“, schloss sich Akira Samakito an und Steve Jefferson nickte zustimmend. „Vielleicht können wir eine Gesellschaft gründen, an der alle anderen beteiligt sind? Diese könnte dann die Forschung und Entwicklung eines ÜL-Antriebs betreiben.“

Joao Barbarez war da nicht sicher: „Ich glaube nicht, dass sich die Staatenbünde so einfach an einer Gesellschaft beteiligen können, auf die sie dann nur ein Sechstel Einfluss haben!“

Auf diese Weise wurde auch der dritte Punkt der Tagesordnung in allen Einzelheiten analysiert, bis Nigel Manston abschließend erinnerte: „Meine Herren, dass Bankett beginnt um 23:00 Uhr, das Riesenfeuerwerk über dem Potomac River können wir von einem Gleiter aus beobachten, wenn wir wollen.

Wenn ich zum Schluss den Stand der Diskussion zusammenfassen darf: