Die Potenz der Qual - Ninja Eline Henne - E-Book

Die Potenz der Qual E-Book

Ninja Eline Henne

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Beschreibung

Die brutale Misshandlung eines Zweijährigen führt zu unendlichem Leid, als dieser Jahre später zwei Kinder auf grausame Weise tötet. Eine junge Frau begibt sich auf die Suche nach Ursache, Schuldigen und Antworten auf philosophische Fragen, nachdem der grausame Doppelmord ihre Welt erschüttert. Im Strudel aus Zweifel und Angst kämpft sie mit Moral und Konvention. Alles deutet daraufhin, dass auch der Täter ein Opfer war. Sein Leiden führte in die Katastrophe. Recherchen, Gespräche mit Betroffenen und Teilnahme am Gerichtsprozess bestätigen ihr Denken. Sie überschreitet alle Grenzen und trifft den Täter, um Fragen zu klären und einen winzigen Funken Hoffnung in der dunklen Geschichte zu entzünden. Viel zu spät für die drei Opfer, doch beispiellos als Aufschrei gegen Gewalt an Kindern.

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Seitenzahl: 552

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2023 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99131-390-8

ISBN e-book: 978-3-99131-391-5

Lektorat: Mag. Angelika Mählich

Umschlagfotos: Dvmsimages, Rattanachai Singtrangarn | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Prolog

November 2010

Der Schicksalstag lag nun bereits einige Tage zurück. Wie ein langsam aufziehender Abendnebel hatte sich das Unheil mit seinen Ausläufern einen Weg zu mir gebahnt. Zuerst waren es nur kurze, undeutliche Splitter von Informationen gewesen, die ich aus Gesprächen in meinem Umfeld so nebenbei aufschnappte.

„Ein Mädchen aus dem Nachbarort wird vermisst.“

Die Nähe des Geschehens war es, die das Interesse an diesem Fall größer machte, als es bei anderen Taten dieser Art war. Das vermisste Kind war ein Teenager im Alter meiner Tochter, das verstärkte mein Mitgefühl. Ich wurde hellhörig. Noch hatte man Hoffnung, dass sich das Kind wieder melden werde und es unversehrt gefunden würde. Die Suche gestaltete sich offenbar zäh. Es schien für die Polizei nicht von großem Interesse zu sein, Eile an den Tag zu legen. Die allgemeine Meinung hatte sich verbreitet, dass die Kleine bald von selbst wiederauftauchen werde. Doch dann geschah das Unfassbare. Nach fünf Tagen gab es eine neue Entwicklung, die das gesamte Bild veränderte und zu einer dramatischen Verschärfung der Situation führte.

Ein kleiner Junge fehlte.

Er war ein Kind aus gutem Hause, welches immer zuverlässig und planbar gewesen war. Er schien vom Erdboden verschluckt. Im selben Ort wie das vermisste Mädchen.

Am Tag darauf wurde das Grauen zur Wahrheit. Die Kinder wurden gefunden. Beide waren tot. Beide waren auf grausamste Art und Weise ermordet worden. Sie lagen nebeneinander im Wald. Nur wenige Schritte vom Wohnhaus des Mädchens entfernt fand man ihre Leichen. Es musste brutale Kämpfe gegeben haben. Beide, das Mädchen und auch der Junge, waren unbekleidet und hatten furchtbare Verletzungen. Es schien eine Bestie gewesen zu sein, die die Kinder entführt und ermordet hatte.

Teil I – Der Doppelmord

Rayk, Der Mörder

1986 – Zweijähriger Prügelknabe

Fritz Paulsen war auf dem Weg nach Hause. Sein Tag auf der Baustelle war hart gewesen und er wollte nur noch auf sein Sofa. Schon im Treppenhaus angekommen, überlegte er, ob er nicht besser wieder umkehren sollte. Aus seiner Wohnung im ersten Stock hörte er das Geschrei des Jungen. Mariannes schrille Stimme klang ebenfalls lautstark heraus. Was hatte er sich nur dabei gedacht, ging es ihm wieder einmal durch den Kopf. Warum hatte er sich das angetan? Die Frau war eine Katastrophe, und seit das Kind auf der Welt war, erlebte Fritz die Hölle auf Erden. Langsam stieg er die Treppe hinauf und steckte den Wohnungsschlüssel ins Schlüsselloch. Während er mühsam seine schmutzigen Arbeitsschuhe auszog und nach den Pantoffeln griff, kam Marianne aus der Küche. Sie war überrascht, als sie Fritz erblickte. „Ach, du bist da. Hallo. Ihr habt ja wieder so lange gemacht heute.“ Fritz antwortete bloß mit einem schwachen Nicken. „Willst du was essen? Ich habe Eintopf gekocht.“ Ohne etwas zu erwidern, ging Fritz an ihr vorbei in die Küche und setzte sich an den Tisch. Er beachtete den kleinen Jungen nicht, der halb nackt auf dem Linoleumfußboden saß und mit seinen Füßen spielte. Marianne stellte ihrem Mann einen Teller heiße Suppe hin, drehte sich dann um und erledigte weiter ihren Abwasch. Fritz nahm die Zeitung zur Hand und begann zu lesen, während er lustlos das fade Essen in sich hineinlöffelte. Urplötzlich fing Rayk, der Junge, wieder an zu schreien, und Fritz schreckte hoch. Wie es schien, hatte sich der Kleine versucht am Kühlschrank hochzuziehen und war dabei nach hinten umgekippt. Offensichtlich hatte er sich wehgetan. Er schrie markerschütternd und ließ sich auch von seiner Mutter nicht trösten, die zu ihm gelaufen kam. Nach einiger Zeit gab Marianne es auf und setzte ihren Sohn zurück auf den Boden. Sie war an sein Schreien gewöhnt und dachte nicht weiter darüber nach. Fritz wurde immer unruhiger. Er konnte sich nicht länger auf das Lesen konzentrieren und begann vor Wut zu kochen. „Willst du ihn nicht mal langsam anziehen und in sein Bett bringen?“, fragte er finster. Marianne hatte nasse Hände und wollte zuerst fertig abwaschen. „Er hört bestimmt gleich auf zu weinen. Ich mache das hier nur noch fertig.“ Seelenruhig fuhr sie mit ihrer Tätigkeit fort. Fritz platzte der Kragen. Er stand auf und ging mit hasserfülltem Blick auf den Jungen zu. „Ich sage dir, in dem steckt der Teufel drin.“ Grob riss er seinen zweijährigen Sohn hoch und schüttelte ihn gewaltsam mit aller Kraft seiner Wut hin und her. „Halt jetzt endlich die Klappe, du fiese Nervensäge.“ Arme und Beine des Kindes schleuderten wild durch die Gegend und der Kopf des Jungen zerrte bei der Erschütterung an dem kleinen Hals, als würde er abreißen. Rayk weinte entsetzt vor Schreck und Schmerzen noch lauter als zuvor. Nun begann auch Marianne zu schreien. „Lass ihn runter, um Himmels willen. Er hat Angst vor dir.“ Doch der Vater reagierte nicht. „Ach was! Der ist doch nur dickköpfig und will sich durchsetzen. Da ist er bei mir aber an den Falschen geraten.“ Fritz setzte den Jungen auf die Erde. Unsicher schwankte das Kleinkind auf seinen Beinchen und versuchte sich am Hosenbein des Vaters festzuhalten. Dieser riss sich unwillig los. Wütend holte er mit dem Fuß aus und trat heftig nach dem Rücken des Zweijährigen, als habe er einen räudigen Hund vor sich. Der Kleine flog durch die Wucht des Trittes ein ganzes Stück nach vorn und landete hart auf dem Bauch. Seine Lippe begann zu bluten und obwohl die Windel den Tritt ein wenig abgefangen hatte, zeichnete sich auf seinem Rücken ein rotes Mal ab, wo der Schuh des brutalen Mannes ihn getroffen hatte. Das Schreien des Jungen wandelte sich in Wimmern. Er hatte sichtlich Angst und Schmerzen. Mit geweiteten Augen rappelte er sich hoch und streckte die Ärmchen nach seiner Mutter aus. Diese stürzte auf ihn zu und zog ihn an sich. Vorsichtig nahm sie Rayk hoch und wiegte ihn sanft. „Spinnst du? Du trittst nach ihm?“, herrschte sie Fritz an. Unter Tränen flüsterte sie leise in das Ohr des Kindes: „Es ist gut Rayk. Mama ist ja da. Keine Angst. Es ist schon alles gut …“ Wütend schimpfte der zornige Vater weiter: „Du machst noch eine richtige Memme aus ihm. Dieses Affentheater ist mir zu blöd!“ Er verließ die Küche und riss im Flur seine Jacke von der Garderobe. Augenblicke später hörte Marianne die Haustür zuknallen. Er war fort. Sie konnte aufatmen. Vorsichtig streichelte sie ihren Sohn und betrachtete den kleinen zitternden Körper. Dann schloss sie den Jungen wieder fest in die Arme und weinte bitterlich um ihn und um sich selbst.

Fritz verließ das Reihenhaus. Er hatte es nicht weit bis zu seiner Stammkneipe. Dort war der einzige Platz, an dem er sich wohlfühlte. Entfernt von allen Verpflichtungen und dem Gefühl des eigenen Versagens verkroch er sich dort. Hätte er bloß Marianne nie kennengelernt, diese Furie. Seit etwas über einem Jahr waren sie verheiratet. Damals hatte er gedacht, es sei die beste Lösung. Der Junge war nun einmal sein Kind, wenn er es auch nie hatte haben wollen. Seine Absicht war es gewesen, seinen Freunden mit der Heirat zu beweisen, dass er ein Ehrenmann war. Hätte er die Frau mit dem Kind sitzen gelassen, so hätten sie ihm das immer wieder, wenn auch scherzhaft, vorgehalten. Diesem Spott hatte er sich nicht aussetzen wollen. Damals, als Marianne angekommen war und ihm von der Schwangerschaft berichtet hatte, war er deutlich geworden: „Du wirst das Kind abtreiben. Ich will keine Kinder. Schon gar nicht mit dir.“

Marianne war für ihn nur ein Zeitvertreib gewesen. Für seine sexuelle Befriedigung war sie ihm gut genug erschienen. Unter der von ihm empfundenen Bedrohung durch eine Schwangerschaft und deren Folgen hatte er sie aus anderen Augen gesehen. Sie hatte ihn angeekelt. Mit dieser Frau wollte er unter keinen Umständen Kinder oder sie gar ein Leben lang auf dem Hals haben. Eine Traumfrau stellte er sich anders vor. Er fühlte sich nicht mehr frei. Marianne hatte gebettelt und gefleht. Sie sei verliebt in ihn und brauche ihn. Es kam letztendlich nicht zu dem Abbruch der Schwangerschaft. Fritz musste sich in dieser Hinsicht eine Mitschuld zuschreiben. Da er den Kopf voller Probleme bei der Arbeit gehabt hatte, hatte er verpasst, sich sofort um die Sache zu kümmern. Marianne war allein mit der Aufgabe vollkommen überfordert gewesen. Sie war nicht rechtzeitig zu Terminen bei Beratungsstellen und Ärzten gegangen. Dann war es zu spät für den Eingriff. Sie konnten nichts mehr ändern. Marianne musste das Kind zur Welt bringen.

Ihr Flehen hatte ihn nach einiger Zeit etwas besänftigt und er hatte die Schwangere bei sich bleiben lassen. So kam es, dass Rayk gegen den Willen seines Vaters geboren worden war. Fritz hielt sich nach der Geburt des Sohnes sehr lange von dem Baby fern. Marianne diente ihm nur noch selten zur Befriedigung seiner männlichen Bedürfnisse und lebte wie eine ausgediente Maitresse in seinem Haushalt. Von dem Jungen, den sie „Rayk“ genannt hatten, nahm der Vater keine Notiz. Er blieb in seiner Welt, besuchte abends Kneipen und Rotlichtbars und kam lediglich zum Schlafen nach Hause. Von den beiden Mitbewohnern wollte er nichts wissen.

Nach weiteren Monaten hatte Fritz schließlich begonnen, wieder mit Marianne zu reden und sie als Partnerin anzunehmen. Das Kind war und blieb ihm vom ersten Tag an lästig. Er empfand nichts für seinen Sohn und lehnte jeden finanziellen Beistand ab. Marianne versorgte sich und das Kind aus Mitteln, die sie über ihre Eltern bezog. Als ihr Vater kurze Zeit darauf starb, fiel auch diese Unterstützung weg. Mariannes Mutter war es nicht länger möglich, weiterhin für die unselbstständige Tochter zu sorgen. In ihrer Not konnte sie nur eines tun. Sie musste schließlich zu Fritz gehen und um Geld betteln. Er sei doch der Vater des Jungen und sie sei nicht allein schuld daran, dass dieser am Leben sei. Sie hätte keine Hilfe. Er müsse sie unterstützen, sonst sei sie gezwungen vor Gericht zu gehen.

Für ein uneheliches Kind zu zahlen war aus seiner Sicht jedoch indiskutabel. Solch ein Skandal war etwas, das für Fritz in seinem Leben keinen Platz hatte. Er wollte sich niemals von seinen Bekannten auslachen lassen. Er dachte an seinen Arbeitskollegen Karlheinz. Dem hatte seine Freundin, „das Luder Gerda“, den kleinen Manfred „angedreht“. Fritz selbst hatte Karlheinz damals als „armen Trottel“ bezeichnet und war zu stolz, jetzt in die gleiche Lage geraten zu wollen. Der Schritt nach vorn schien also die weniger quälende Lösung zu sein. Er heiratete Marianne. Diesen Schritt, so stellte er sich vor, sollte ihm seine Umgebung anrechnen. Er wollte sich Mutter und Kind anschließend schon nach seinen Vorstellungen zurechtbiegen.

So, wie sich die Sache in der Folge entwickelte, war dann aber alles viel schlimmer geworden, als er sich ausgemalt hatte. Die seelisch kranke Frau war unberechenbar und launisch. Fritz hatte gewusst, dass Marianne an einer psychischen Erkrankung litt und hatte auch mehrfach ihre Zusammenbrüche miterlebt. Nach der Heirat hatte es keine zwei Wochen gedauert, bis er die Nase komplett voll hatte. Er wünschte insgeheim beide zum Teufel; die Mutter wie auch das Kind. Das ständige Geschrei des Kleinen ging ihm auf die Nerven und das andauernde Geheule von Marianne, die mit sich und ihrem Leben nicht zurechtkam, machte ihn rasend. Ihre Unfähigkeit, das Baby zu betreuen, hatte sich nach der Geburt von Tag zu Tag deutlicher gezeigt. Sie lehnte es ab, den Jungen zu stillen, da sie auf das Rauchen nicht verzichten wollte. Körperpflege und Ernährung des Säuglings vernachlässigte sie. Mit der Zeit wurde es schlimmer. Sie ließ ihren Sohn ganz und gar verwahrlosen. Mehrfach erlitt der Junge Unfälle im Haushalt, die aufgrund der mangelnden Aufmerksamkeit seiner Mutter passierten. Einmal verbrannte sich Rayk seine Finger so heftig an einem Bügeleisen, dass sie ihn in eine Klinik bringen mussten. Marianne hatte vergessen, das Gerät aus der Steckdose zu ziehen. Im Krankenhaus wurde nachgefragt, wie es zu der Verletzung gekommen sei. Letztlich ließ der Arzt die Ausrede gelten, dass Rayk sich während des Bügelns in der Schnur des Eisens verheddert hatte und es dabei an seine Finger gekommen sei. Eingeklemmte Finger, aufgeplatzte Lippen, Platzwunden am Kopf und viele weitere Verletzungen erklärten Fritz und seine Frau immer wieder mit irgendwelchen dummen Zufällen. Erst, als es zu einem extremen Zwischenfall kam, glaubte man den Eltern nicht mehr. Rayk hatte, wie jedes Kleinkind, die Angewohnheit, beim Krabbeln in der Wohnung alles in den Mund zu stecken. Marianne passte nicht sorgsam genug auf den Kleinen und seine neugierigen Handlungen auf. An jenem Tag war Rayk im Wohnzimmer umhergekrabbelt. Er war munter und aktiv gewesen. Marianne rauchte beim Fernsehen, als das Telefon klingelte. Sie legte die brennende Zigarette auf den Rand des Aschenbechers und ging zum Telefonieren in den Flur. Das Gespräch mit ihrer Freundin dauerte lange. Die unaufmerksame Mutter vergaß die brennende Zigarette, wie auch das Krabbelkind. Rayk hatte es geschafft, sich währenddessen am Glastisch hochzuziehen. Auf wackeligen Beinchen inspizierte der Junge neugierig alles, was er dort zum Spielen finden konnte. Die Fernbedienung lag nass von Spucke auf der Erde. Die kleinen neugierigen Händchen hatten offenbar auch nach dem Aschenbecher gegriffen. Er musste den steinernen Behälter zu sich herangezogen und ihn vom Tisch geworfen haben. Die Asche war auf den Boden gefallen und die brennende Zigarette hatte ein Loch in den Teppich gebrannt, ehe sie ausgegangen war. Als Marianne das Zimmer wieder betrat, fand sie den kleinen Jungen auf der Erde sitzend und mit dem staubigen grauen Inhalt des Aschenbechers spielend. Gerade hatte Rayk seine Finger in den Mund gesteckt und sich angesichts des komischen Geschmacks geschüttelt. Die erloschene Filterzigarette war bereits in seinem kleinen Mund verschwunden. Er kaute mit verzogenem Gesichtchen darauf herum und schluckte. Erst eine Stunde später hatte Marianne bemerkt, dass Rayk irgendwie still war. Sie fand ihn hinter dem Sofa. Er hatte sich übergeben und wimmerte vor Bauchweh. Als auch ein Fencheltee dem Jungen nicht half und er sich weiterhin erbrach, begab sie sich zu Fuß mit ihrem Sohn in die Notaufnahme des nahe gelegenen Krankenhauses. Dort erfragte man dies und jenes, fand aber nur heraus, dass das Kind bis vor einigen Stunden noch putzmunter gewesen war. Die Ärztin entschied, aufgrund der Symptome sei von einer Vergiftung auszugehen. Eine Magenspülung sei unumgänglich, bevor die unbekannten Giftstoffe womöglich noch Schlimmeres anrichten würden. Rayk musste folglich bereits im Alter von eineinhalb Jahren die Tortur des Magenauspumpens ertragen. Anschließend ermahnte der behandelnde Arzt die Mutter. Frau Paulsen und ihr Kind waren seit der Geburt des Kleinen Stammgäste in seiner Klinik. Inzwischen wusste er, dass die Frau mit der Versorgung des Jungen nicht zurechtkam. Immer wieder war ihm aufgefallen, dass die Unfälle des Kindes nur auf einer Vernachlässigung durch die Eltern hatten geschehen können. Auch heute überlegte er, ob er das Jugendamt einschalten müsse. Sein Tag war aber schon anstrengend genug gewesen und er verwarf die Überlegung. Stattdessen hielt er Frau Paulsen abermals einen Vortrag. Er wies ernsthaft darauf hin, wie extrem gefährlich es sei, wenn Babys Nikotin und Filter verschluckten. Sie müsse unbedingt dafür Sorge tragen, dass das Kind nicht mehr in die Nähe dieser Gifte gelangen könne.

Fritz war über Mariannes Versagen in jeder Hinsicht entsetzt und zornig. „Du tickst nicht richtig. Normalerweise müsste man dich in eine Psychiatrie stecken“, grölte er seine Frau an, als er nach der Arbeit von dem Ereignis hörte. Diesen Gedanken hatte er bereits des Öfteren erwogen. Leider gab es keine Alternative. Die Mutter war diejenige, die das Kind betreuen musste. Er war beruflich zu stark eingebunden, um sich selbst des Jungen anzunehmen. Eine bessere Idee war ihm bislang noch nicht gekommen. Es blieb alles beim Alten. Er selbst versteckte sein Gefühl der Mitschuld hinter Vorwürfen gegen die Mutter und zog sich mehr und mehr zurück. Immer häufiger verbrachte er ganze Nächte in der Kneipe. In der Welt von Zigarettenrauch und Alkoholdunst verblassten die Ansätze von Schuldgefühl. Hier war er ein Kerl. Hier wurde er geachtet. Und solange er die Zeche zahlen konnte, war die Wirtin seine beste Freundin.

„Na, wieder mal Ärger mit deiner Alten?“ Die dicke Hand von Gerhard klatschte Fritz auf die Schulter, als er an der Theke Platz genommen hatte. „Ach, hör auf. Ich habe so die Nase voll von diesem Weib. Du kannst dir nicht vorstellen, was die für Dinger bringt. Sie ist ständig durch den Wind. Und Rayk geht mir auch auf die Nerven. Der Bengel ist erst zwei Jahre alt und tyrannisiert mit seinem dauernden Geschrei sein Umfeld bis zum Durchdrehen. Ich halte das nicht mehr lange aus“, antwortete Fritz seinem Kneipengenossen mit rotem Kopf und einer Zornesfalte auf der Stirn. Er bestellte einen doppelten Wodka und kippte ihn hinunter. Dann nahm er das nachgeforderte Bier und wandte sich wieder seinem Gegenüber zu. „Fast jede Woche rennt sie mit dem Kind ins Krankenhaus, weil wieder irgendwas Blödes passiert ist. Letzte Woche haben sie Rayk den Magen ausgepumpt, weil er Mariannes alte Kippen gefressen hat. Das kann doch wohl nicht wahr sein. Ehrlich, Gerhard, irgendwann hab ich das Jugendamt auf dem Hals und werde dafür bestraft, dass sie so unfähig ist. Ich könnte kotzen.“ Gerhard versuchte Fritz zu raten: „Du solltest die beiden rausschmeißen, ehe was Schlimmes passiert. Deine Geduld wird nicht ewig anhalten. Du weißt selber, wie schnell dir die Hand ausrutscht. Wenn du erst eine Anzeige wegen häuslicher Gewalt, oder Schlägen gegen dein Kind am Hals hast, dann ist es mit deiner Freiheit aus.“ Fritz fuhr so heftig auf, dass sein Barhocker nach hinten flog: „Was soll das? Willst du behaupten, ich schlage meine Familie, oder was?“ Er war sofort wieder in Rage und musste sich sehr anstrengen, um nicht unkontrolliert zuzuschlagen. Gerhard, der erkannte, dass er den falschen Zeitpunkt für seine Bemerkung gewählt hatte, wiegelte ab: „Na ja, jedenfalls weißt du selber, wie wenig du dich im Griff hast, wenn du in Wut gerätst. Und vor mir brauchst du dich nicht zu verstellen. Wir wissen ja wohl beide, wie du tickst“, gab er zu bedenken. Das Erlebnis von damals war beiden Männern noch deutlich in Erinnerung. Fritz hatte Gerhard vor allen Kameraden krankenhausreif geprügelt. Weil Gerhard ihn mit einem misslungenen Flirtversuch bei einer „Kleinen“ auf dem Rummel geneckt hatte, war Fritz komplett durchgedreht. Zuvor war alles noch lustig gewesen und man hatte ihm nicht angemerkt, wie viel er schon getrunken hatte. Innerhalb eines Augenzwinkerns war aus dem netten Kumpel eine amoklaufende Bestie geworden. Später, als Gerhard aus dem Krankenhaus gekommen war, hatte sich Fritz bei ihm entschuldigt und ihre alte Freundschaft trug keinen größeren Schaden davon. „Ist ja gut.“ Fritz hob den umgekippten Stuhl auf und setzte sich wieder an die Theke. „Ich habe den Jähzorn von meinem Großvater geerbt. Der ging auch schnell an die Decke und hat sich ständig meinen Alten zur Brust genommen. Der steckte so voller Hass auf die ganze Welt, dass er sie an irgendwem auslassen musste. Ich habe mich unter Kontrolle.“ Seine Worte klangen jetzt etwas kleinlauter. Gerhard war erleichtert. Die beiden Männer wechselten das Thema und wandten sich ihren Getränken zu.

Zu Hause war Marianne bemüht, ihren Sohn Rayk ins Bett zu bringen. Der Junge spürte instinktiv, dass seine Mutter nicht bei der Sache war, und ihre Unruhe übertrug sich auf ihn. Er schrie und zappelte und war nicht zur Ruhe zu bringen. Marianne ließ ihn in seinem Gitterbettchen stehen und ging ins Bad. Sie suchte nach ihren Tabletten. Statt der vorgeschriebenen Menge, nahm sie eine doppelte Dosis der verschriebenen Beruhigungsmittel ein und setzte sich ins Wohnzimmer vor den Fernseher. Damit sie ihr Kind nicht mehr hören musste, schaltete Marianne den Apparat lauter und versuchte sich auf irgendeine ablenkende Sendung zu konzentrieren. Als die Wirkung der Medikamente einsetzte, fiel sie in einen unruhigen Schlaf. Das Kind im Gitterbettchen schrie sich müde und heiser und schlief dann alleingelassen ein.

Versagermutter

„Ich kann das Gezicke und Gebocke von Rayk nicht mehr ertragen“, klagte Marianne eines Tages, als Fritz sie im Bad dabei erwischte, wie sie zwei Tabletten herunterschluckte. Voller Verachtung blickte er sie an. „Du bist unfähig und das überträgt sich auf ihn. Wenn du unter Wirkung dieser Pillen stehst, wird es nur schlimmer.“ Fritz riss seiner Frau die Tablettendose aus der Hand. Sie versuchte ihn abzuwehren, aber es gelang ihr nicht, ihn daran zu hindern, den Inhalt der Dose im WC hinunterzuspülen. Entsetzt kreischte Marianne auf: „Bist du verrückt? Die hat mir mein Arzt verschrieben. Ich brauche die Medizin, sonst kriege ich einen Nervenzusammenbruch!“ Missbilligend starrte Fritz sie an. Er kostete den Moment sichtlich aus und grinste hämisch. „Ach ja? Und was ist das, was du in diesem Moment hast? Trotz deiner Scheißpillen? Du bist eine totale Versagerin. Es ist erbärmlich dich anzusehen. Ich ertrage deinen Anblick nicht mehr.“ Mit diesen harten Worten ließ er sie stehen. Er verschwand, ohne noch einmal zu Rayk ins Zimmer zu gehen. Marianne brach schluchzend zusammen. Sie rutschte an der Wand hinunter und blieb auf dem Badezimmerboden liegen. Rayk hörte im Nachbarraum ihre Schluchzer und begann ebenfalls laut zu schreien. Etwa eine Stunde kauerte Marianne auf den kalten Fliesen. Sie fühlte sich hilflos und schwach. Dann rappelte sie sich auf. Die doppelte Tablettendosis, die sie vorhin eingenommen hatte, wirkte und gab ihr den Antrieb. Jetzt war ihr alles egal. Sie konnte nicht mehr. Sie wollte nicht mehr. Wie in Trance verließ sie die Wohnung ohne Jacke und feste Schuhe und torkelte wie eine Betrunkene in Richtung Bushaltestelle. Egal wohin. Sie floh. Der Bus kam. Marianne stieg hinten ein und fuhr ab.

Der kleine verlassene Junge hatte die Stille bemerkt. Er schluckte noch einige Schluchzer hinunter. Die Schnütte lief ihm übers Gesicht und seine Wangen waren nass von Tränen. Tapsig lief er zur Kinderzimmertür. Die Klinke war bislang wegen ihrer Höhe ein Hindernis gewesen. Heute schaffte es der Kleine. Er öffnete die Tür und lief suchend umher. Mama war nicht da. Er rief nach ihr, erhielt aber keine Antwort. Er kam auf dem Flur bis zur Wohnungstür. Sie war nicht zugefallen, als seine Mutter so überstürzt gegangen war. Rayk zog die Tür weiter auf lief in den Hausflur. „Mama“, rief er immer wieder. Am Absatz zur Treppe begann er wieder zu weinen. Frau Dörfler, eine Rentnerin, die unter den Paulsens im Haus wohnte, hörte etwas. Sie horchte eine Weile auf das merkwürdige Geräusch, dann öffnete sie ihre Tür. Sie blickte im Treppenhaus hoch und sah den kleinen Jungen von oben herabblicken. Die Nase lief dem Kleinen, der da so laut weinte. Sie ging hinauf und stellte fest, dass Rayk keine Windel trug. Die blaue Unterhose war schmutzig und offenbar frisch eigenässt. „Ach, du armer Spatz, ist deine Mami denn nicht da?“, fragte sie ihn und fasste sein kleines, kaltes Händchen. Rayk machte große Augen. „Mama nicht“, sagte er und schüttelte den Kopf. Frau Dörfler zog ein Taschentuch aus ihrer Kittelschürze und putzte dem Kleinkind erst einmal die Nase. Dann nahm sie Rayks Hand und trat an die Eingangstür von Paulsens Wohnung. „Wir wollen mal deiner Mama Bescheid sagen, dass du dich verlaufen hast, ja?“ Auf Klingeln und Rufen erhielt sie keine Antwort. Sie klopfte noch einmal energisch an und betrat vorsichtig die Wohnung. Möglicherweise war der Mutter etwas zugestoßen. Sie schaute in alle Räume, fand aber keine Spur von Frau Paulsen. Als sie sicher war, dass niemand anwesend war, suchte sie im Kinderzimmer nach Wäsche, um dem Jungen frische Sachen anzuziehen. Rayk war ganz still und betrachtete die fremde Frau aufmerksam. Während sie ihn wickelte und frisch ankleidete, sprach sie beruhigend auf ihn ein: „Deine Mami kommt sicher gleich wieder. Wir machen dich erst mal sauber und dann geht es gleich besser.“ Sie wunderte sich nicht wenig darüber, dass der Kleine hier ganz allein in der Wohnung war. Im Stillen erklärte sie es sich mit einer Unachtsamkeit der Mutter, die wohl kurz etwas einkaufen gegangen war und die Tür nicht richtig verschlossen hatte. Sie war gerade dabei, Rayk Söckchen anzuziehen, als sie die blauen Flecken bemerkte. Der Kleine war voll davon. Am ganzen Körper fand sie nun, bei genauem Hinsehen, die Male. Diese Flecken konnten unmöglich alle durch Hinfallen verursacht worden sein. Frau Dörfler erschrak. Ihr war klar, dass dieses arme Würmchen Schläge bekam. Die Eltern misshandelten ihr Kind. So viel war eindeutig festzustellen. Ein entsetzliches Mitleid überkam die alte Dame. Sie strich Rayk sanft übers Haar und blickte ihm in die unschuldigen Augen. Wie musste der Kleine gelitten haben. Wie konnten Eltern ihrem Kind so etwas antun?

Frau Dörfler wartete lange auf die Rückkehr der Kindesmutter. Sie wollte diese zur Rede stellen. Als Rayk offensichtlich Hunger bekam, beschloss sie, eine Nachricht an die Tür zu heften, wo der Junge zu finden sei und ihn mit zu sich zu nehmen. In ihrer Küche machte sie es dem Kleinen auf einem Stuhl mit zwei Sitzkissen gemütlich und schmierte ein paar Brote. Während der ganzen Zeit redete sie beruhigend und freundlich auf das Kind ein. Sie schnitt für Rayk die belegten Scheiben in kleine Bröckchen und aß mit ihm Abendbrot. Gegen neunzehn Uhr klingelte es an der Wohnungstür. Frau Dörfler blickte zu dem Kleinen, der auf ihrem Sofa inzwischen friedlich eingeschlummert war. Leise ging sie zum Flur, in Erwartung die Kindesmutter hereinzubitten. Stattdessen stand ein aufgebrachter Mann vor der Tür. „Sie haben meinen Sohn hier?“, fragte Fritz barsch, ohne einen Guten Abend zu wünschen. Frau Dörfler war überrascht und stellte die erhebliche Alkoholfahne des Mannes fest. „Ja, der Kleine lief allein oben auf dem Flur herum und weinte“, brachte sie eingeschüchtert heraus. Der finstere Mann mit den dunkelbraunen Augen, dem schwarzen Schnäuzer und den zusammengezogenen, buschigen Brauen machte ihr Angst. „Wo ist er?“, fragte Fritz. Sie wies ins Wohnzimmer und sagte: „Er schläft auf dem Sofa.“ Der Mann drängte an ihr vorbei, erblickte sein Kind und nahm den Jungen hoch. Während er aus der Wohnung ging, wurde Rayk wach und blickte aus verschlafenen Augen auf die Frau. „Danke“, sagte Fritz, mehr nicht. Er fragte nicht, was geschehen war, und nahm Frau Dörfler die Chance, auch nur die kleinste Bemerkung zu dem Jungen und den blauen Malen zu machen. Sprachlos blieb sie zurück und winkte Rayk hinterher. Die Furcht vor diesem unheimlichen Mann führte dazu, dass sie die blauen Flecken des Jungen schnell aus ihrer Erinnerung löschte. Das war wohl das Sicherste.

Fritz wunderte sich, dass Marianne nicht da war. Er war aus der Kneipe gekommen und hatte die leere Wohnung und den Zettel der Nachbarin gefunden. Wie immer stieg Zorn auf seine Frau in ihm auf. Diese Schlampe hatte den Jungen alleingelassen und dann auch noch die Tür vergessen abzusperren. Mit keinem Gedanken dachte er daran, dass Marianne möglicherweise etwas zugestoßen sein konnte. Er legte Rayk in sein Bett, wo dieser sogleich wieder einschlief. Kurz nach Mitternacht klingelte das Telefon. Es war die Polizei: „Herr Paulsen?“ Fritz antwortete: „Am Apparat.“ Der Polizist erklärte: „Wir haben Ihre Frau aufgegriffen. Sie ist verwirrt und erscheint weder zeitlich noch örtlich orientiert zu sein. Ist es Ihnen möglich sie abzuholen?“ Fritz hätte am liebsten vor Wut aufgeschrien. Mit Mühe die Ruhe bewahrend sagte er: „Ich habe kein Fahrzeug zur Verfügung. Ich kann nicht kommen.“ Das war gelogen. Er hatte zu viel Alkohol getrunken, um noch ein Auto steuern zu können. „Dann werden wir Ihre Frau über Nacht zur Beobachtung auf unserer ärztlichen Station behalten. Wir bringen sie morgen gegen Mittag zurück. Sind Sie damit einverstanden?“, schlug der Polizist vor. Das war ganz in Fritz Sinn. Er sagte: „Ja, ich danke Ihnen.“

Am Morgen versorgte Fritz das Kind und räumte die Wohnung notdürftig auf. Falls die Bullen hereinkämen, sollten sie einen sauberen Eindruck erhalten. Man konnte nie wissen. Marianne war bleich, als man sie mittags nach Hause brachte. Wie Fritz richtig vermutet hatte, waren die Beamten offensichtlich an den Familienverhältnissen interessiert. Sie blickten sich eindeutig um und schienen auch Rayk genau zu beobachten. Der Junge saß auf einem Bauteppich mit schönen neuen Bauklötzen und spielte friedlich. Diese Klötze hatte Fritz noch rasch am Morgen im Spielzeugladen besorgt. Rayk war glücklich und lachte die Männer in Uniform an. Nichts deutete auf die wirklichen Zustände hin. Noch dazu nahm Fritz Marianne mit vorgetäuschter Zärtlichkeit in den Arm und sagte: „Was machst du denn für Sachen, Schatz?“ Er mimte den besorgten Ehemann perfekt. Er geleitete Marianne zu einem Sessel im frisch aufgeräumten Wohnzimmer und reichte ihr ein Glas Wasser. „Sie hat ihre Medikamente wohl wieder verkehrt eingenommen“, raunte Fritz dem Beamten am Fenster zu. „Ich bedauere Ihre Umstände und bedanke mich.“ Er dachte, er könne die beiden rasch wieder loswerden, unterlag hierin aber einem Irrtum. „Herr Paulsen, Ihre Ehefrau hat augenscheinlich ein schweres Psychopharmaka-Problem. Wir haben routinemäßig eine Blutprobe durchgeführt. Die Werte zeigen einen deutlichen Abusus von diversen psychisch wirksamen Medikamenten. Wir sind gezwungen, unter solchen Umständen eine Anzeige zu machen. Noch dazu, wo Ihre Frau orientierungslos aufgegriffen wurde. Und wir handeln auch im Sinne Ihres Sohnes, wenn wir Ihre Ehefrau in eine Klinik überweisen. Eine Kur wird Ihnen allen sicher helfen können, die Probleme in den Griff zu kriegen.“ Fritz, der Gefahr überall lauern sah, fürchtete Mariannes Plappereien während einer solchen Therapie. Innerlich begann er bereits wieder zu kochen. Er zwang sich zur Ruhe und sagte: „Wir werden das besprechen.“ „Herr Paulsen, es ist kein freiwilliges Angebot. Ihre Frau wird morgen vom psychiatrischen Dienst abgeholt. Das Einweisungsschreiben liegt Ihnen dann auch vor. Wir bitten Sie, heute noch das Nötigste einzupacken, damit Ihre Frau für etwa sechs Wochen versorgt ist.“ Nun wandte sich der Beamte an Marianne. „Frau Paulsen, Sie haben das Gespräch noch in Erinnerung? Sie wissen Bescheid. Bitte klären Sie Ihren Ehemann auf. Für Rückfragen haben Sie hier die Telefonnummer der Klinik. Guten Abend.“ Er gab Marianne eine Visitenkarte und reichte ihr die Hand zum Abschied. Die Beamten verließen die Wohnung.

Nach dem Aufenthalt in der psychiatrischen Klinik war Marianne ein wenig gestärkt. Sie hatte viele Gespräche mit Therapeuten und Ärzten geführt und sich endlich einmal wirklich verstanden gefühlt. Ihre Medikation war herabgesenkt und neu eingestellt worden. Sie hatte durch die neue Verschreibungsart nicht mehr die Möglichkeit, heimlich zu viele der Tabletten zu nehmen, da sie ihre Medikamente täglich durch einen Apothekendienst zugeteilt bekam. Sehr viele ihrer Sorgen und Nöte, sei es den Sohn, oder den Ehemann betreffend, hatte die verzweifelte Frau aussprechen können. Dies hatte sie stabilisiert. Man hatte während der Kur mit Marianne besprochen, dass man der Familie einen ausgebildeten Familientherapeuten zur Seite stellen würde, der einmal pro Woche zur Visite kommen sollte.

Nachdem Marianne zu der Kur abgeholt worden war, hatte Fritz händeringend eine Betreuung für Rayk gesucht. Mit Unterstützung des Jugendamtes fand sich überraschend schnell ein Krippenplatz, sodass der Junge während Mariannes Abwesenheit tagsüber nicht von ihm selbst betreut werden musste. Er konnte seiner Arbeit auf den Baustellen nachgehen. Nachmittags holte der Vater sein Kind ab und überließ es sich selbst im Kinderzimmer. Die Ernährung des Jungen klappte mehr schlecht als recht. Rayk hatte von Geburt an eine Schwäche der Mundmotorik gehabt. Deshalb konnte und wollte er nur bestimmte Lebensmittel essen. Fritz strengte sich an, das Kind angemessen zu versorgen, da er sich durch den Familientherapeuten überwacht fühlte. Es war jedoch schwierig, etwas zu finden, das der Junge essen wollte.

Als Marianne aus der Kur zurückkehrte, war Fritz entlastet und zeigte dies durch einen milderen Umgangston gegenüber seiner Frau. Die kleine Familie lebte einige Monate in fast friedlichen Verhältnissen. Erst als Fritz eine betriebsbedingte Kündigung erhielt, arbeitslos wurde und in der Folge wieder vermehrt Alkohol trank, stürzten sie erneut in ein tiefes Tal von Gewalt und Hilflosigkeit. Der kleine Rayk lebte mittendrin.

Einige Jahre später hatte Marianne bereits mehrere Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken hinter sich gebracht. Sie war noch immer mit Fritz verheiratet, obwohl dieser sie und das Kind fast täglich verprügelte und sie behandelte wie ein Stück Dreck. Auf ihre Weise liebte sie den brutalen Mann trotz allem und war von ihm regelrecht abhängig. Da sie selbst keine Lebenskraft und Fähigkeiten zu haben glaubte, war sie auf seine Stärke angewiesen. Fritz hatte beschlossen, eine eigene kleine Baufirma zu eröffnen und sich selbstständig gemacht. Seither stand er unter einem enormen Druck. Termine mussten eingehalten werden, Schwierigkeiten mit Bauabnahmen geregelt, Materialtransporte organisiert und billige Schwarzarbeiter angeheuert werden. Die unangemeldeten Arbeitskräfte brachten meist wenig Know-how mit, verdienten aber auch nur einen Bruchteil des normal üblichen Lohns. All das brachte ihn täglich an seine Grenzen. Die finanziellen Sorgen waren größer geworden und er fand keinen Schlaf mehr. Ungeachtet dessen war der Familienvater längst aus dem Haus, wenn Mutter und Kind morgens aufstanden.

1989 – Fünfjähriger Abenteurer

„Rayk, wir müssen los. Zieh jetzt deine Jacke an.“ Marianne war in Eile, da der Bus in die Stadt jeden Moment kommen musste. Sie schnappte die Kindergartentasche des Kleinen und stopfte eine Banane hinein. Dann riss sie ihren Sohn mit sich auf die Straße. Der Bus bog gerade um die Ecke, als sie an der Haltestelle ankamen. „Tschüss, mein Schatz, bis heute Nachmittag. Sei lieb, und ärgere nicht wieder Frau Müller“, rief sie Rayk nach, als dieser sich im Bus einen Sitzplatz suchte. Der Busfahrer kannte die krank wirkende Frau bereits. Er wusste, dass sie ihr Kind nicht persönlich zum Kindergarten fahren konnte. Beim ersten Mal hatte sie versucht, ihm begreiflich zu machen, dass sie weder ein Auto noch einen Führerschein besäße und ihm erklärt, ihr Sohn solle in der Stadt am Kindergarten aussteigen. Sie könne ihn nicht begleiten, weil sie selbst zur Arbeit müsse. Der Fahrer hatte Mitleid mit dem kleinen Jungen. Es war ihm hartherzig erschienen, ein so kleines Kind sich selbst zu überlassen. Inzwischen wusste er aber, dass der Fünfjährige recht pfiffig für sein Alter war und gut zurechtkam.

Marianne konnte nicht ahnen, dass ihr Sohn in den letzten Monaten häufig einfach nach der dritten Haltestelle ausgestiegen und nicht im Kindergarten angekommen war. Dem Busfahrer hatte Rayk erzählt, er gehe jetzt zu einer Tante in die Stadt. Der Kindergarten hätte ihn nicht mehr haben wollen. Dies entsprach teilweise sogar der Wahrheit, denn der unruhige Wildfang, mit seinem Ungehorsam und Unfähigkeit Regeln anzunehmen, machte den Erziehern das Leben schwer. Der Busfahrer hatte sich mit den merkwürdigen Verhältnissen in der Familie abgefunden. Ihn wunderte bei diesen Leuten gar nichts mehr.

Rayk fuhr gern im Bus. Er war gern von zu Hause fort. Die Schläge von Mutter und Vater hatten ihn zu einem mutigen kleinen Kerl gemacht, denn draußen in der Stadt war es für ihn viel weniger bedrohlich als daheim. Außerdem hatte er schnell erkannt, dass die Menschen in der Stadt stets ein nettes Wort und oft auch tolle Geschenke für einen kleinen niedlichen Jungen übrighatten. Sein erster Ausflug in die Stadt war damals ein Versehen gewesen. Marianne hatte ihre Freundin Bärbel gebeten, den Jungen morgens zum Bus zu bringen, weil sie unter Migräne litt. Bärbel hatte das gern übernommen und Rayk pünktlich zur Haltestelle gebracht. Sie hatte zum Abschied gewinkt und der Bus war losgefahren. Während der Fahrt hatte sich Rayk ablenken lassen. Er hatte ein kleines Hündchen gestreichelt und dabei vergessen, wo er aussteigen sollte. Als er an der nächsten Haltestelle den Bus verlassen hatte, kannte er sich nicht aus. Es war eine falsche Station gewesen. Er hatte sich in der Stadt verlaufen und angefangen zu weinen. Eine aufmerksame alte Dame hatte sich seiner angenommen und ihn zur Polizei gebracht. Auch die Polizisten waren sehr nett zu ihm gewesen. Keiner hatte geschimpft. In der Brottasche des Jungen fanden sie eine Adresse. Als sie ihn nach Hause fuhren, hatte er sogar die Sirene anstellen dürfen. Mama war gar nicht verwundert gewesen, als sie ihn von den Polizisten abgeliefert bekam. Sie war mit ihren Tabletten immer so müde und hatte sich anschließend gleich wieder ins Bett gelegt. Sein Vater hatte ihn abends ausgeschimpft und den Po verhauen, aber nicht so schlimm wie manchmal.

Ab diesem Tag fand Rayk es schön, einfach in die Stadt zu gehen und dort den Menschen und Tieren zu begegnen. Er erfand immer neue Lügenmärchen, um Bonbons, Eis und nette Worte der Menschen zu ergattern. Wenn es ihm langweilig wurde, schaffte er es nach einiger Zeit, ohne Probleme immer wieder irgendwie nach Hause zu kommen. Seine Mutter ahnte nicht im Entferntesten etwas von Rayks aufregendem Abenteuerleben.

„Rayk, du isst jetzt dein Brot. Verdammt noch mal“, schimpfte Marianne entnervt. Bei der Esserei ihres Kindes drehte sie regelmäßig durch. Irgendwie wollte der Junge immer nur weiche Sachen, keine Rinde und am liebsten nur Schokopudding essen. „Du musst auch mal was Richtiges essen. Du bist von dem dauernden Pudding schon zu dick geworden. Der Kinderarzt hat gesagt, ich soll dir Sachen geben, die du kauen musst.“ Sie hatte nicht begriffen, was ihr der Arzt hatte zu verstehen geben wollen. Irgendetwas mit dem Gefühl im Mund und den zu schwach ausgebildeten Muskeln. Sie hatte auch bemerkt, dass Rayk immer moppeliger wurde. Aber sie hatte nicht genug Ausdauer, um herauszukriegen, was er gern kaute und war wieder einmal überfordert. Daher kaufte sie ihm neuerdings einfach das, was er gerne aß. Dadurch war Ruhe und der Junge war zufrieden. Jetzt platzte Marianne jedoch der Kragen. „Los, aufessen“, schrie sie ihn an und als Rayk den Kopf schüttelte, verlor sie die Kontrolle. Sie drückte dem Jungen ein Stück von seinem Brot grob in den Mund. Er wehrte sich und spuckte es aus. Das Essen landete in Mutters Gesicht. Zornig sprang sie auf und fasst den Jungen mit beiden Händen am Hals. „Du kleines Mistvieh. Es reicht mir. Ich habe die Nase voll von deinem Dickkopf.“ Mit hochrotem Kopf stand Marianne über ihm und drückte mit beiden Händen die Kehle ihres Kindes zu. „Du bringst mich noch ins Irrenhaus mit deinem ständigen Genörgel. Verdammt, ich kann das nicht mehr aushalten.“ Rayk bekam keine Luft und drehte sich hin und her. Er hatte vor Angst geweitete Augen und lief langsam blau an. Marianne bekam sich nur sehr mühsam wieder unter Kontrolle. Als sie ihn endlich losließ, sackte der Junge unter dem Küchentisch zusammen und röchelte. Dann begann er zu weinen. Marianne weinte auch. Aber keiner der beiden sprach. Stille und das Gefühl der Unbegreiflichkeit erfasste beide und ließ kein Wort mehr zu.

„Frau Paulsen“, die Erzieherin des Kindergartens klang am Telefon nicht gerade freundlich, „Ich möchte Sie bitten herzukommen. Sie müssen Ihren Sohn Rayk abholen. Er hat sich mit einem anderen Kind gestritten. Er ist am Kopf verletzt.“ Marianne bekam einen Schreck: „Was ist mit ihm?“ „Rayk hat eine Platzwunde am Kopf. Es ist notwendig, dass Sie mit dem Kind zum Arzt fahren“, erklärte die Erzieherin. „Ich werde eine Weile brauchen“, Marianne zögerte. „Können Sie ihn denn nicht zum Arzt bringen?“ Sie hatte nicht nur Sorgen um ihren Sohn. Sie fürchtete sich vor der Durchführung der notwendigen Handlungen, die eine solche Unternehmung ihr abverlangen würden. „Das ist unmöglich, Frau Paulsen. Wir haben nicht genug Personal. Bitte kommen Sie persönlich oder schicken Sie Ihren Ehemann. Und bringen Sie den Impfpass und die Versichertenkarte mit.“ Das war das letzte Wort. Fritz war auf einer Baustelle, die ihm ständig Ärger machte. Marianne fürchtete, er könne wieder einen Wutanfall bekommen, wenn sie ihn dort stören würde. Folglich hatte sie keine Wahl. Nervös suchte Marianne in den Schubladen nach den geforderten Ausweisen, zog eilig eine Jacke über und ging zur Bushaltestelle. Eine halbe Stunde später betrat sie den Kindergarten. An der Tür zum Büro empfing sie die Leiterin der Einrichtung. „Guten Tag, Frau Paulsen. Rayk ist im Krankenzimmer. Eine Kollegin ist bei ihm. Wenn Sie so freundlich sind, kurz in mein Büro zu kommen?“ Marianne war unruhig. Was konnte denn jetzt so wichtig sein? Sie musste Rayk doch ins Krankenhaus bringen.

„Frau Paulsen, wir haben uns im Team beraten und einen Beschluss bezüglich Ihres Sohnes gefasst. Da Rayk sich nicht in die Gruppen integrieren lässt und sehr oft gegen andere Kinder handgreiflich wird, haben wir die Suspendierung Ihres Kindes aus unserer Einrichtung beschlossen.“ Marianne fragte verwundert: „Was heißt das? Ich verstehe nicht.“ „Das bedeutet, dass wir es ablehnen, Ihren Sohn länger in unserem Kindergarten zu betreuen. Er darf nicht mehr hier sein. Wir haben alles versucht, Sie wurden ja auch mehrfach davon in Kenntnis gesetzt. Es ist uns bei dem niedrigen Personalstand nicht möglich, eine Einzelbetreuung wie Rayk sie benötigt, zu gewährleisten. Ich denke, der Junge wäre in einer sonderpädagogischen Einrichtung besser aufgehoben. Was heute wieder passiert ist, zeigt uns deutlich, dass das Kind gestört ist. Wir haben uns eben beraten. Eigentlich hatten wir vor, noch bis zu den Ferien zu warten, aber es gab schon zu viele Beschwerden der anderen Eltern. Und nach dem heutigen Unfall haben wir beschlossen, die Entscheidung nicht länger hinauszuzögern. Bitte nehmen Sie heute oder morgen Rayks Sachen mit. Die Kündigung des Vertrages erhalten Sie per Post. Wir haben auch einen Bericht geschrieben. Diesen legen Sie bitte Ihrem Hausarzt vor.“

Rayk kam Marianne weinend entgegen. Er hatte die Stirn verbunden und sah blass aus. „Mama, ich will nicht zum Doktor“, sagte er unter Tränen. Marianne streichelte ihm gedankenverloren über das Haar und sagte: „Doch, wir müssen mal nach deiner Verletzung sehen lassen. Was hast du denn nur wieder angestellt?“ Sie war fahrig und nahm alles nur wie im Nebel wahr. Ihr ging durch den Kopf, dass sie nun das Kind wieder tagtäglich bei sich haben müsste und ahnte, dass sie damit nicht zurechtkommen würde.

Der Doktor in der Notaufnahme des Krankenhauses nähte Rayks Kopfplatzwunde mit einigen Stichen. Er erfuhr von dem Jungen, dass er sich mit einem anderen Kind um die Bauklötze auf dem Bauteppich gestritten hatte. Als sein Spielkamerad ihm seine Brücke kaputtgemacht hätte, habe Rayk ihn geboxt. Daraufhin habe ihm sein Spielkamerad einen Holzklotz an den Kopf geschmissen.

Zu Hause gab es keine Strafpredigt für Rayk, weil er gleich nach der Ankunft in seinem Bett eingeschlafen war. Er schlief zu seinem Glück noch, als der Vater von der Arbeit kam. Marianne berichtete kurz, was im Kindergarten geschehen war und dass das Kind nicht wieder dorthin kommen dürfe. „Das sind doch alles pädagogische Volltrottel. Wenn die mal ein bisschen arbeiten müssen, dann schmeißen sie genau die Kinder mir nichts dir nichts raus, die es wirklich nötig haben. So können sie schön faul ihr Beamtengehalt einstreichen, ohne sich irgendwie anstrengen zu müssen. Verdammte Scheiße!“ Fritz fluchte eine Weile vor sich hin. Dann sagte Marianne: „Ich kann Rayk nicht hier zu Hause haben. Es wird das Beste sein, wenn ich meine Mutter bitte, sich am Tag um ihn zu kümmern.“ „Das ist mir wurscht. Sieh zu, dass du dich um dieses Problem kümmerst. Ich habe mit der Firma genug zu tun. Das Geschäft macht mir meine eigenen Probleme“, gab Fritz kurz zurück und setzte sich ins Wohnzimmer, um die Sportschau zu schauen.

Die Lösung des Problems Rayks weiterer Unterbringung fand sich mithilfe seiner Großmutter mütterlicherseits. Oma Agnes war bereit, sich um den kleinen Enkelsohn zu kümmern. Die Witwe war zunächst nicht sicher gewesen, ob sie der Aufgabe körperlich gewachsen war, doch sie hatte schon immer Mitleid mit dem Kleinen gehabt. Sie kannte ihre Tochter und hatte sich mit der Zeit eingestanden, dass diese als Mutter nicht brauchbar war. Nun war es an ihr, dem Jungen Halt und Erziehung zu bieten. Sie freute sich auch über die Abwechslung in ihrem Leben, da sie sich seit dem Tod ihres Mannes oft einsam und nutzlos gefühlt hatte. Rayk war gern bei seiner Oma und genoss die Aufmerksamkeit, die sie ihm angedeihen ließ. Er folgte ihren Maßgaben, lernte sich selbst besser zu kontrollieren, sich zu waschen und die Zähne zu putzen und spielte mit ihr gern Spiele. Auch die Nahrungsaufnahme besserte sich. Das selbst gekochte Essen bei Oma schmeckte. Den Kindergarten vermisste Rayk kein bisschen. Er hatte sich nie in einer Horde lauter und wild herumtobender Kinder wohlgefühlt. Sie hatten ihn zu oft geärgert und er hatte ständig gegen sie kämpfen müssen.

Nach einem halben Jahr, in dem sich der Junge sehr gut entwickelt hatte, trat die Schulbehörde an Marianne und Fritz heran. Man forderte sie auf, Rayk in die Vorschule des Ortes zu bringen, um ihn an den Standardtests zur Einschulung teilnehmen zu lassen, welche vom Gesundheitsamt durchgeführt wurden.

„So, jetzt sag mir bitte, welche Figuren du dort an der Wand erkennen kannst“, sagte die nette Frau im weißen Kittel, die neben Rayk in dem abgedunkelten Raum stand. „Ein Frosch, ein Hund … Eine Maus“, sagte er. „Und welche Tiere sind darunter abgebildet?“, fragte sie weiter. „Ich glaube, das ist ein Huhn und daneben eine Schlange. Ein Bus?“ Rayk riet nur noch, da er die zweite Zeile nur verschwommen sah. Die Augenärztin notierte einiges und lobte ihn: „Ja, das hast du gut gemacht.“ Dann geleitete sie Mutter und Kind ins Wartezimmer. Später wurde Rayk mit einem Rezept für eine Kinderbrille nach Hause geschickt. Es war eine deutliche Kurzsichtigkeit festgestellt worden. Die Brille, die der Optiker einige Tage später auf Rayks Nase setzte, war schick. Der Junge fühlte sich mit dem Druck allerdings nicht wohl, den er durch die Sehhilfe auf der Nase verspürte. Marianne hatte schwer zu kämpfen. Jeden Tag musste sie Rayk daran erinnern, dass er die Brille unbedingt tragen müsse. Nach ein paar Wochen unterblieb auch die Ermahnung und das schicke Hilfsmittel verschwand in der Unordnung von Rayks Spielsachen. Niemand achtete noch darauf, dass er eigentlich ein Brillenträger war. Seine Sehstörung geriet in Vergessenheit. Sogar der Junge selbst vergaß es irgendwann.

Die Vorschule bedeutete Qual und Ärger für Rayk. Die Familie wurde erneut belastet. Es kamen Briefe der Pädagogen. Gespräche mit den Eltern fanden statt, bei denen man Marianne und Fritz erklärte, der Junge halte sich nicht an Regeln, integriere sich nicht in die Gruppe und sei oft aggressiv gegen seine Mitschüler. In der Folgezeit begann Rayk wieder seine Ausflüge in die Stadt. Er war nun sechs Jahre alt und kannte bereits jeden Trick, um Zwang und Reglementierungen aus dem Weg zu gehen.

Als die Einschulungsuntersuchung durchgeführt wurde, befand man das Kind für „nicht schulreif“ und bescheinigte eine „verzögerte geistig-körperliche Entwicklung“. Rayk wurde ein Jahr zurückgestellt und besuchte weiterhin die Vorschule. Diese Einschätzung blieb auch im nächsten Jahr bestehen, sodass der Junge erst mit acht Jahren offiziell eingeschult werden konnte.

1992 – Missglückter Schulstart

Zum Zeitpunkt der Einschulung war Rayk sehr dick geworden. Den Mangel an Zuneigung und Liebe im Elternhaus kompensierte er seit Langem durch ständiges, übermäßiges Essen. Das befriedigte seinen Hunger nach etwas Gutem. Die Betreuung durch Mariannes Mutter hatte einen großen Teil dazu beigetragen. Die Großmutter drückte ihre Zuneigung zu dem Kind in übermäßig reichhaltigen Essen aus. Bei den Mahlzeiten füllte sie seine Teller mit seinen Leibgerichten bis zum Rand. Nachtisch und Schokolade gab sie wie selbstverständlich für „das kleine Zuckermäulchen“ dazu. Rayk liebte seine Oma dafür.

Zu Hause herrschte Aufregung. „Heute ist ein besonderer Tag für meinen Großen. Heute wirst du endlich ein Schulkind!“, sagte Marianne zu ihrem Sohn. Sie kniete vor ihm, um ihm die Schuhe zuzubinden und blickte ihm dann in die Augen. Der Junge war blass und schaute sie mit angstvollem, traurigem Blick an. „Ich möchte nicht in die Schule gehen. Sicher kann mich keiner leiden.“ „Aber wieso denn? Du bist doch so ein netter Junge. Bestimmt findest du ganz schnell viele Freunde“, antwortete seine Mutter, die wusste, dass sie ihn und sich selbst belog. Rayk blieb dabei. Er war überzeugt davon, dass es in der Schule noch viel schlimmer sein würde als im Kindergarten oder in der Vorschule. Alle würden ihn auslachen und ihn für doof erklären. Und die Lehrer würden sicher wieder ihm die Schuld an allem geben, so wie die Erzieherinnen im Kindergarten. „Ich geh nicht in die Schule, Mama.“ Marianne strich ihm über das Haar und gab sich Mühe, ihre Unsicherheit zu verbergen: „Komm, du bist doch ein starker Junge. Du schaffst das schon. Und nachher hole ich dich vom Bus ab. Dann kriegst du nach dem Mittagessen auch einen schönen Pudding zum Nachtisch.“ Sie zog dem Jungen eine Jacke an und gab ihm den Ranzen, den sie günstig von einer Bekannten für ihn gekauft hatte. Rayk hatte sich über seinen neuen Schulranzen gefreut. Dass es ein gebrauchtes Modell war, störte den genügsamen Jungen nicht.

Am Eingang zum Schulhof waren schon einige Neulinge angekommen. Alle trugen feine, neue Anziehsachen. Sie waren schick herausgeputzt. Ein Junge rannte an ihnen vorbei in Richtung Spielplatz. Seine Mutter schimpfte: „Oskar, komm her. Du darfst dich nicht schmutzig machen, ihr werdet doch noch fotografiert.“ Rayk musste innerlich ein bisschen lachen. Er hatte seine alten, geflickten Jeans an und die waren schon lange dreckig. Sicher durfte er spielen gehen. Mama schimpfte mit ihm nicht wegen Dreck. Eltern und Verwandten verabschiedeten die neuen Schulkinder im Korridor und überließen sie dem pädagogischen Personal. Nun sollten Gruppen gebildet werden, um in die neuen Klassenräume zu gehen. Rayk fühlte sich sehr aufgeregt und war neugierig. Er fand, dass die anderen alle sehr klein und wie Kindergartenkinder aussahen. Ihm war nicht bewusst, dass er fast zwei Jahre älter war als sie. Ein hübsches Mädchen stellte sich neben ihn. Sie hatte braune Locken, die sich in zwei geflochtenen Zöpfen über ihre Schultern ringelten. Vor ihnen standen Oskar und ein blonder, sehr dünner Junge. Dieser blickte sich zu dem Mädchen um und sagte: „Anja, kommst du heute Nachmittag zu uns? Peer und Alexander kommen auch.“ Das Mädchen antwortete mit sanfter Stimme: „Heute kann ich nicht spielen. Wir haben die Verwandten eingeladen und machen eine Feier, weil ich heute ein Schulmädchen geworden bin.“ Rayk war von Anja fasziniert. Sie sprach so fein und sah aus wie eine Prinzessin. Er wollte zu gern neben ihr in der Klasse sitzen. Doch als die Lehrerin die Kinder in den Raum bat und er sich den Stuhl zu Anjas Nebenplatz herausgezogen hatte, setzte sich der schmächtige Blondschopf schnell auf genau diesen Stuhl. „Hey, da sitze ich“, sagte Rayk selbstbewusst. „Nein, du siehst doch, dass ich mich neben Anja gesetzt habe, Dicker.“ „Aber ich war eher da.“ Rayk ignorierte die Beschimpfung, fühlte innerlich aber Wärme im Bauch aufsteigen. Er bekam rote Wangen und sagte: „Geh weg, ich möchte hier sitzen.“ Der Blonde und auch der dicke Oskar, der in der nächsten Reihe Platz genommen hatte, begannen zu lachen. „Denkst du, Anja will neben einem so stinkigen, dreckigen Jungen wie dir sitzen? Frag sie doch mal.“ Das Mädchen blickte nicht auf. Es starrte auf den Tisch und verzog keine Miene. „Mach dich weg du Matschkopf“, sagte der Blonde. Rayk wurde plötzlich sehr böse. Er schrie Oskar an: „Misch dich nicht ein, du dicker Klops. Und du verschwinde hier. Ich war zuerst hier.“ Da trat ihn der Blonde mit Wucht gegen das Schienbein. Rayk schrie auf und packte sein Gegenüber am Pullover. „Spinnst du? Das hat wehgetan.“ Und Oskar rief: „Lass Thomas in Ruhe. Der ist mein Freund.“ Rayk wollte sich nur wehren und hielt Thomas fest, als die Lehrerin auf die Situation aufmerksam wurde. Sie sah ihn an und sagte: „Was habt ihr? Um was geht es?“ Oskar erklärte, dass Rayk seinen Freund getreten habe und dieser ihm gedroht hätte. Als Rayk das hörte, begann er zu schreien: „Du Lügner! Der hat mir den Platz geklaut und mich getreten.“ Die Lehrerin wollte pädagogisch klug handeln und sagte: „Du kannst dich zu mir an den vorderen Tisch setzen. Dort kannst du am besten sehen.“ Wiederspruch von Rayks Seite ging unter. Die anderen Kinder lachten und so hatte er den ersten Kampf seiner Schulzeit als Unschuldiger und Betrogener verloren.

In vielen folgenden Kämpfen gewann er jedoch an Sicherheit und Stärke. Hier kam ihm der Altersunterschied ausnahmsweise einmal zugute. Derjenige, der die meisten Feinde hatte, kriegte auch die meiste Kampferfahrung. Und je stärker Rayk wurde, umso lieber prügelte sich der Junge. Einmal wegen seines „Fettseins“, einmal wegen seiner „bekloppten Mutter“. Wenn die Lehrer ihm erneut Strafarbeiten gaben und die Mitschüler ihn dafür auslachten, war Rayk sicher, dass er nur mit Gewalt zu seinem Recht kommen könne. Er merkte sich jeden, der etwas gegen ihn sagte und zahlte demjenigen die ganze Schmach in der Pause in Form von Schlägen und Tritten zurück. Einstecken konnte Rayk die schwächlichen Gegenschläge locker. Er war erfahren im Umgang mit Schmerzen. Die heftigste Prügelschule hatte er bereits seit seinem zweiten Lebensjahr im eigenen Heim durchlaufen.

Fehleinschätzung Lernbehinderung

Das Schreiben bereitete Rayk von Anfang an Schwierigkeiten. Immer wieder hatte er zu Beginn seiner Schulzeit den Stift mit der linken Hand ergriffen. Auch das Schneiden mit der Schere war ihm schon als Kleinkind mit der linken Hand leichter gefallen. Sein Vater hatte jedoch darauf bestanden, dass er sich umgewöhnen sollte. Er zwang den Jungen wieder und wieder zur „richtigen“ Hand zu wechseln. Marianne tat das, was ihr Mann verlangte und übte mit ihrem Sohn ebenso mit der rechten Hand. Dass Rayk ein Linkshänder war, übersahen beide Eltern. Sie entstammten der Generation, die die rechte Hand als „die Richtige“ anerzogen bekommen hatte und kamen nicht auf die Idee, dass ein Linkshänder möglicherweise besser mit der aus ihrer Sicht „falschen Hand“ arbeiten konnte. Auch fürchteten sie, dass es Kosten und Mühen verursachen würde, wenn sie versuchen würden, Rayks Linkshändigkeit zu unterstützen. Durch die verkrampfte Handhaltung gelang Rayk nichts mehr. Er strengte sich an, konnte aber keine Schönschrift entwickeln. Die negative Beurteilung seiner Leistungen, gepaart mit den aussichtslosen und schmerzhaften Anstrengungen, führte dazu, dass er die Lust am Schreiben, Basteln und feinmotorischem Arbeiten verlor. Er wurde faul und unlustig. Hausaufgaben wurden von ihm nicht erledigt. Bei Schultests schnitt er unterdurchschnittlich schlecht ab. Die Routineuntersuchung durch die Schulärztin verlief ebenfalls schlecht. Rayk verweigerte seine Mitarbeit und man diagnostizierte daraus resultierend eine deutliche Lernbehinderung. Das Bild dieser Lernbehinderung wurde zusätzlich dadurch verstärkt, dass kein Pädagoge die Kurzsichtigkeit des Jungen erkannte. Man unterstellte ihm ohne gezielte Nachforschung eine Minderbegabung. Die Versorgung mit einer Brille hätte viele Probleme beheben können. Rayk lehnte das Lesen ab. Er hatte keine Chance, selbst zu erkennen, dass er lediglich eine Sehhilfe benötigte. Auch hier fiel Rayk durch ein Netz der groben Maschen.

Zu Hause war die Situation nicht besser geworden. Da Rayk vormittags nicht zu Hause war, war seine Mutter viel allein. Sie litt unter dem Gefühl der Einsamkeit und kam sich nutzlos vor. Statt den Haushalt zu verrichten, legte sie sich antriebslos wieder ins Bett, nachdem sie das Kind weggebracht hatte. Marianne war durch die ständigen Schläge ihres Ehemannes und ihre übermäßige Tabletteneinnahme am Ende ihrer Kräfte. Eines Morgens, als Rayk nach dem Aufstehen in die Küche ging, um sich ein Frühstück zu machen, fand er seine Mutter bewusstlos vor dem Herd. Sie sah aus, als sei sie tot. Ihr Gesicht war grau und ihre Lippen blutleer. Aus ihrem Mund lief Speichel. Der Achtjährige bekam einen furchtbaren Schreck. Er empfand Panik und schüttelte seine Mutter mit entsetztem Aufschrei: „Mama, Mama, was ist los. Wach auf …“ Marianne kam nicht zu sich. Der Vater war bereits aus dem Haus gegangen. Rayk war sehr aufgeregt. Er lief zum Telefon und wählte den Notruf. Die Dienststelle konnte ihn kaum verstehen, weil er in seiner Angst zerstreut war und nicht klar denken konnte. Man versuchte den Jungen zu beruhigen und fand die Adresse heraus. Bis zum Eintreffen der Rettungskräfte saß Rayk zitternd neben seiner Mutter. Er begriff, obwohl er so jung war, wie schwach diese Frau war, wie schutzlos sie im Leben stand und wie sehr er sie gerade wegen ihrer Schwäche liebte. Schon längst hatte er die Rolle eines Beschützers für seine Mutter übernommen. Jetzt hatte er zum ersten Mal in seinem Leben Verlustangst. Diese Angst nahm ihm die Luft zum Atmen.

Marianne kam nach ihrem Zusammenbruch in eine Klinik. Man stellte erneut ihre Medikamente um und versuchte der Frau und Mutter mit Gesprächstherapien zu helfen. Sie erholte sich über Monate hinweg nur langsam. Nach Beendigung der Heilbehandlung kehrte sie mit neuem Mut in ihr Umfeld zurück. Sie war noch immer psychisch labil. Die Härte ihres Mannes war die Alte geblieben und er zeigte kein Erbarmen. Fritz hatte kein Verständnis für „Schwächlinge“. Die Verachtung für Menschen, die ihm vermeintlich unterlegen waren, hatte während Mariannes Abwesenheit zu einer entscheidenden Entwicklung geführt. Fritz nahm die Krankheit seiner Frau zum Anlass, ihr mitzuteilen, dass er die Scheidung einreiche. Auch sei er keineswegs bereit, in der Frage des Sorgerechts Zugeständnisse zu machen. Er werde das alleinige Sorgerecht für Rayk beantragen. Dies könne Marianne anfechten, aber sie habe keinerlei Chance, da sie ja offensichtlich geistesgestört sei und sich nicht einmal selbst im Leben zurechtfände. Gesteuert von Hassgefühlen, dachte er nur daran, Marianne zu zerstören. Darüber, dass er dadurch die alleinige Verantwortung für seinen Sohn würde tragen müssen, dachte er nicht nach. Gesteuert von dem Willen seine Stärke zu beweisen, beschritt er unbeirrbar und hart diesen Weg. Macht zu haben und mächtig zu erscheinen, war das Einzige, was ihn antrieb.

Die Ehe von Rayks Eltern wurde geschieden. Dem Vater wurde das alleinige Sorgerecht übertragen. Fritz untersagte Rayk fortan den Umgang mit seiner Mutter. Er hatte nicht das Wohl des Kindes im Sinn gehabt. Ihm war es wichtig, in seinem Umfeld klarzustellen, dass alles, was in der Vergangenheit geschehen war, allein durch die Krankheit seiner Frau verursacht worden war.

Rayk wurde fortan durch seine Großeltern väterlicherseits betreut. Oma Herta und Opa Gerhardt waren nicht sehr glücklich mit der Aufsicht und der Verantwortung für das Kind. Sie fühlten sich jedoch ihrem Sohn gegenüber in der Pflicht, da sie sich viele Jahre nicht um sein Leben und seine Familie gekümmert hatten. Ihre Wohnung lag außerhalb des Stadtgebietes in einer Siedlung mit alten Villen und viel Wald. Die Einrichtung des Hauses wirkte auf Rayk wie ein Museum. Als sei er in einer Ausstellung für alte Möbel und Einrichtungsgegenstände gelandet. Hier gab es Marmorfußboden, teure Vasen, gehäkelte Deckchen und tote Tierköpfe an den Wänden. Sein Großvater war leidenschaftlicher Jäger und seine Großmutter liebte Handarbeiten. Natürlich war es schwierig für den Jungen zu verstehen, dass man in solch einem „guten Haus“ nicht toben durfte. Stillsitzen und sich vor und nach dem Essen die Hände zu waschen war für ihn eine Qual. Er kam mit den vielen neuen Regeln nicht zurecht. Gerhardt war ein harter Mann, der sich mit Kindern nicht gern beschäftigte. Seinen Enkel verstand er ebenso wenig wie damals seinen eigenen Sohn Fritz. Er saß fast den ganzen Tag in seinem Arbeitszimmer hinter einem riesigen, schwarzen Ebenholzschreibtisch und las in irgendwelchen Büchern und Zeitschriften. Er dampfte immer wie eine alte Eisenbahn, fand Rayk, der keine Erlaubnis hatte, das Arbeitszimmer zu betreten. Die Zigarrengerüche durchzogen das ganze Haus. Rayk mochte den Duft, der sich überall ausbreitete. Die alten Waffen, die im Wohnzimmer an der Wand hingen, fand der kleine Junge spannend. Leider durfte er sie nie anfassen.

Großmutter Herta versorgte das ihr anvertraute Kind nach ihren Vorstellungen. Sie kleidete Rayk immer adrett und gab ihm mehr zu essen, als der Junge benötigte. Sie freute sich, dass er ein kleiner „Nimmersatt“ war, und übersah, wie dick das Kind schon war.

In der Schule hatte Rayk große Schwierigkeiten. Er konnte einfach nicht stillsitzen. Der Rücken tat ihm weh und er kippelte ständig mit dem Stuhl, zappelte mit den Füßen und hielt diesen Zustand nicht aus. So oft es ging schwänzte er den Sportunterricht, weil er aufgrund seiner muskulären Schwäche und Leibesfülle nicht mit den anderen mithalten konnte. Die Mitschüler betitelten ihn mit „fette Sau“ und der Lehrer nahm keine Rücksicht, sondern schimpfte, dass er sich doch mal anstrengen solle. Seine Noten waren schlecht und seine Motivation schwand mit jedem Tag. Zu Hause war niemand, der ihm helfen konnte oder wollte. Vom Förderunterricht hatte Rayk die Nase voll. Er schwänzte den Unterricht, wann immer er konnte. Es gab wiederholt Ermahnungen an die Erziehungsberechtigten und Gesprächstermine in der Schule. Die Großeltern hatten Fritz versucht zu unterstützen. Sie traten in der Schule als Erziehungspersonen auf. Als sie erkennen mussten, dass all ihre Bemühungen um den Jungen keine Früchte trugen und man nicht zuletzt ihnen eine Mitschuld an Rayks Fehlverhalten gab, verlor sich ihr Interesse an der Aufgabe, aus dem Kind einen „besseren Menschen“ zu machen. Sie begannen Rayk zu verabscheuen und lehnten es nach zwei Jahren ab, sich weiterhin mit der Beaufsichtigung des Enkels zu belasten. Es hatte immer heftigere Auseinandersetzungen gegeben, weil Rayk mit Frechheiten und Wutausbrüchen reagierte, wenn er gemaßregelt wurde. Als der Großmutter die Hand ausgerutscht war, weil Rayk ihr Essen verschmäht hatte, lief das Fass über. Rayk war so wütend auf seine Oma, dass er sich weigerte, noch einmal zu ihr zu gehen. In Ermangelung besserer Ideen überließ Fritz den Jungen daraufhin tagsüber sich selbst und beachtete ihn auch nicht, wenn er abends von der Arbeit nach Hause kam.