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Die lebenslustige und attraktive Ärztin Sarah Wohlfart tritt ihre erste Arbeitsstelle in einem psychiatrischen Landeskrankenhaus an. Unglücklicherweise fühlt sie sich von Anfang an stark zu ihrem undurchschaubaren Patienten Adrian Steinbach hingezogen, der an einer Schizophrenie leidet! Auch ihr Kollege Max Horak verliebt sich in Sarah. Und bald herrscht ein völliges Gefühlschaos. Da passieren plötzlich beängstigende Vorfälle in der Klinik, Sarah wird von einem unbekannten Patienten bedroht und hat das Gefühl, niemandem mehr trauen zu können. Wer steckt hinter den unheimlichen Geschehnissen? Wer terrorisiert die junge Ärztin? Sarahs persönlicher Albtraum nimmt seinen Lauf... Ein nervenzerreißender Psychothriller, den man bis zum Ende nicht mehr aus der Hand legen kann.
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Seitenzahl: 392
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Sarah
Adrian
Max
Sarah
Max
Adrian
Sarah
Max
Sarah
Max
Adrian
Sarah
Max
Sarah
Adrian
Max
Sarah
Adrian
Sarah
Max
Adrian
Sarah
Adrian
Max
Sarah
Max
Adrian
Sarah
Max
Adrian
Sarah – Epilog
Medizinisches Glossar
Die lebenslustige und attraktive Ärztin Sarah Wohlfart tritt ihre erste Arbeitsstelle in einem psychiatrischen Landeskrankenhaus an. Unglücklicherweise fühlt sie sich von Anfang an stark zu ihrem undurchschaubaren Patienten Adrian Steinbach hingezogen, der an einer Schizophrenie leidet! Auch ihr Kollege Max Horak verliebt sich in Sarah. Und bald herrscht ein völliges Gefühlschaos.
Da passieren plötzlich beängstigende Vorfalle in der Klinik, Sarah wird von einem unbekannten Patienten bedroht und hat das Gefühl, niemandem mehr trauen zu können. Wer steckt hinter den unheimlichen Geschehnissen? Wer terrorisiert die junge Ärztin? Sarahs persönlicher Albtraum nimmt seinen Lauf…
Ein nervenzerreißender Psychothriller, den man bis zum Ende nicht mehr aus der Hand legen kann.
Die Autorin ist aufgewachsen in Ravensburg am Bodensee und schrieb schon als Kind mit Begeisterung viele Kurzgeschichten und kleinere Romane. Heute lebt sie mit ihrem Mann und drei Kindern bei Würzburg und arbeitet als Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie in einem Krankenhaus.
Ihr Roman besticht nicht nur durch Spannung, sondern spiegelt auch plastisch das Leben und Arbeiten in einer Psychiatrie wider. Das Fachwissen der Autorin verleiht dem Buch Authentizität. Ein Schmankerl ist das für Laien sehr gut verständliche medizinische Glossar am Ende des Romans.
„ …soviel steht nun einmal unzweifelhaft für mich fest, dass Gott durch Vermittelung der Sonne mit mir spricht und ebenso durch Vermittelung derselben schafft oder wundert. Die Gesamtmasse der göttlichen Nerven oder Strahlen könnte man als eine nur auf einzelne Punkte des Himmelsraumes verstreute oder den ganzen Raum erfüllend vorstellen. “
(Aus „Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken“ von Daniel Paul Schreber, Senatspräsident am Oberlandesgericht Dresden, der 1894 an „Dementia paranoides“ (heute Schizophrenie genannt) erkrankte)
Kälte und Nässe durchdrangen ihre dünne Jeansjacke. Seit Tagen nieselte es aus einem grauen, tristen Himmel. Nach einem raschen Blick auf ihre Armbanduhr beschleunigte Sarah ihren Schritt. Ihre Nervosität wuchs. Sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, was der heutige Tag ihr bescheren würde. War sie wirklich schon bereit? Konnte sie Verantwortung für Patienten übernehmen? Eine widerspenstige rote Locke hatte sich aus ihrem Zopf gelöst, und sie strich sie hinters Ohr. Ihre Hände fühlten sich kalt und feucht an. Erst vor drei Wochen hatte sie ihr Staatsexamen abgelegt, dann war alles sehr schnell gegangen. Ihr sonniges Gemüt hatte den Chefarzt des hiesigen psychiatrischen Landeskrankenhauses sofort für sie eingenommen, und so hatte ihr das erste und einzige Vorstellungsgespräch sogleich auch ihren ersten Job als Ärztin beschert.
Nun stand Sarah vor einem riesigen, grauen Betongebäude. Alles an dieser Klinik schien trist und heruntergekommen. Am Eingang tummelten sich drei Patienten in Jogginganzügen, die Kippe fest zwischen den nikotingelben Fingern. Aschgrau im Gesicht und mit glasig verschwommenen Augen starrten sie Sarah an. Einer entblößte eine Reihe schwarzer Stummel bei dem Versuch, sie anzulächeln. Er brachte nur ein fratzenhaftes Grinsen zustande, das sie erschauern ließ. Ein leises Unbehagen kroch ihren Rücken hinunter. Sie hatte keinerlei Erfahrung mit psychisch erkrankten Menschen. Lediglich hatte sie schon immer eine tiefe Faszination für dieses Fach empfunden, wenn sie sich durch die Lehrbücher arbeitete oder die Vorlesungen besuchte. Es machte ihr regelrecht Angst, hier ärztlich tätig sein zu dürfen und nur ihr Lehrbuchwissen mitzubringen. Aber vielen jungen Ärzten auch in anderen Fachgebieten erging es nicht anders als ihr. Dieser Gedanke tröstete sie. Schnell huschte sie an den drei Gestalten vorbei, die sie nun mit leicht anzüglicher Gier im Blick taxierten. Sie hatte die Arme fest um sich geschlungen und freute sich, gleich ihren weiten Arztkittel anziehen zu dürfen, um ihre wohlproportionierten Formen verbergen zu können.
„Entschuldigung, wo finde ich das Chefsekretariat, bitte? Ich soll mich dort melden.“ Sarah räusperte sich und blickte in die strengen Augen des Pförtners, die sie über seine randlose Lesebrille hinweg skeptisch musterten. Er blieb stumm und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf seinen Computer, die eine Hand auf der Maus. Nach einer halben Ewigkeit wie es Sarah schien, wandte er sich ihr wieder zu, den brillenrandlosen Blick fest auf sie gerichtet.
„Um was geht es denn, bitteschön?“ Der Pförtner ließ sich in seinen Drehstuhl zurückfallen und verschränkte die Arme.
„Ich bin die neue Assistenzärztin. Sarah Wohlfart ist meine Name, guten Tag.“ Sie streckte ihm ihre Hand entgegen und versuchte ihr freundlichstes Lächeln aufzusetzen. Irgendwie hatte sie unbestimmt im Kopf, dass man es sich mit dem Pförtner nicht verderben durfte, der über Funkerbatterien, Diktiergeräte und andere lebensnotwendige Dinge verfügte.
„Aha, Tag, die Dame.“ Eher widerwillig, wenn auch ein wenig interessierter schüttelte er ihr kurz die Hand, „Den Gang vor und dann links, bei Frau Rügamer klopfen.“ Damit wandte er sich auch schon wieder Computer und Maus zu.
„Vielen herzlichen Dank!“ Sarah schenkte ihm noch ein bezauberndes Lächeln und drehte sich dann um, ein wenig zu schwungvoll wie sich herausstellte, denn sie stieß prompt mit einem Mann zusammen, der gerade die Tür ansteuerte. Ihre Körper berührten sich und ihr stieg sogleich ein angenehm männlicher Duft in die Nase. Sie blickte hoch und in zwei braune, warme Augen. Ihr Herz schien einen Augenblick still zu stehen, bevor es dann wie wild anfing zu hämmern. Sie konnte sich nicht von diesen Augen lösen. Sie wusste nicht, was es war, aber es hatte sie wie ein Schlag getroffen. Feine Lachfältchen bildeten sich nun um diese wundersamen Augen, die umrahmt wurden von braunem, lockigem Haar. Eine Hand legte sich sanft auf ihren Arm. Es durchfuhr sie wie ein Blitz, ihr Puls schien immer schneller zu schlagen.
„Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“ Seine Stimme klang dunkel und melodiös und irgendwie vertraut. Seine Hand ruhte weiter auf ihrem Arm und sie meinte in seinen Augen ein Glimmen zu vernehmen.
„Ja,…ja, sicherlich.“ Sie brachte nur ein Stammeln heraus. Er nahm seine Hand von ihr, und es schien fast körperlich zu schmerzen. Sie wollte ewig so mit diesem Mann stehen bleiben und ihn nur anschauen dürfen. Sie schluckte und fuhr sich durchs Haar. Kurz glitt sein Blick an ihr herunter und im Gegensatz zu vorhin bescherte ihr das wohlige Schauer. Mit jeder Faser ihres Körpers konnte sie ihr Frausein fühlen.
„Na dann…“, mit einem schiefen, leicht verschmitzten Lächeln nickte er ihr zu, drehte sich zur Tür und trat hinaus. Sarah ertappte sich dabei, wie sie ihm hinterher starrte. Was war denn das gewesen? Und wer war dieser unglaubliche Mann? Nie zuvor hatte sie so etwas erlebt. Es war wie in einem Buch, schoss es ihr durch den Kopf. Langsam beruhigte sich ihr Herzschlag wieder. Sie atmete einmal tief durch, um sich dann auf den Weg zu machen. Erst dann bemerkte sie den Blick des Pförtners, der die ganze Szene mitbekommen hatte. Etwas war in seinem Blick. Etwas das Sarah äußerst beunruhigte. Sie versuchte das Gefühl abzuschütteln und ging los, den Gang entlang. Sie fühlte sich wie entrückt. Als sie der Sekretärin, Frau Rügamer, die Hand schüttelte, ihre Klinikschlüssel entgegen nahm, den Stapel Klinikkleidung überreicht bekam, zum Zimmer des Chefarztes geleitet wurde, spielte sich in ihrem Kopf immer wieder diese eben erlebte Begegnung ab, lachte sie beständig im Geiste ein Paar braune Augen an, spürte sie die Berührung seiner Hand. Erst als sie Professor Renner gegenüber stand, gelang es Sarah ihre kreisenden Gedanken abzuschütteln.
„Frau Wohlfart, seien Sie herzlich gegrüßt.“ Eine Hand ergriff die ihre und drückte sie beherzt. Professor Renner war eine äußerst angenehme Erscheinung, das Haar schon ergraut, funkelten sie seine freundlichen Augen aus einem intelligenten Gesicht wohlwollend an. Er war groß, schlank und besaß einen für sein Alter erstaunlich athletischen Körperbau. Etliche Trophäen auf den Regalen in seinem Zimmer deuteten darauf hin, dass er ein begeisterter und auch erfolgreicher Golfer war. „Setzen Sie sich doch! Wie gefällt Ihnen denn Ihre erste Arbeitsstätte? Ich gebe zu, besonders hübsch ist sie nicht, unsere Klinik, aber dafür sind die Mitarbeiter umso besser und seit neuestem sogar attraktiver.“ Aus seinem Munde klang das kein bisschen chauvinistisch, sondern einfach nur nett.
„Ich bin mir sicher, ich werde gerne hier arbeiten.“ Sarahs Augen blitzten, und sie fühlte sich wie von weit her kommend immer wohler und wohler, es kam einem übermächtigen Gefühl der Erleichterung nahe, denn mit einem Schlag überrollte sie die Erkenntnis, dass sie es tatsächlich geschafft hatte. Die vielen Jahre harter Arbeit hatten Früchte getragen. Sie war in einfachen Verhältnissen aufgewachsen. Sarahs Vater arbeitete als Gärtner bei der Stadt und kümmerte sich um die öffentlichen Grünanlagen, ihre Mutter hatte einen Job bei einem Supermarkt, so konnten sie sich halbwegs über Wasser halten. Niemand aus ihrer Familie und Verwandtschaft hatte verstehen können, was das Mädel dazu trieb, ausgerechnet Medizin studieren zu wollen. Und so musste sie von Anfang an dafür kämpfen und für ihren Lebensunterhalt, den sie sich das ganze Studium über in irgendwelchen Kneipen erwirtschaftet hatte. Hier vor Professor Renner zu sitzen und Ärztin zu sein, war das Größte, was sie sich in ihrem bisherigen Leben vorzustellen vermochte.
„Am Besten, Sie fangen gleich mit der Arbeit an. Die Kollegen können es kaum erwarten, Verstärkung zu bekommen. Wie ich gestehen muss, ist es bei uns natürlich ähnlich wie in allen anderen Kliniken: Viele Patienten, zu wenig Ärzte, und kein Geld von der Verwaltung, um mehr neue Ärzte einzustellen.“ Er hob bedauernd die Schultern. „Wir haben gleich unsere Frühbesprechung, da nehme ich Sie mit und jeder weiß dann sofort, wer Sie sind.“
Er erhob sich und Sarah tat es ihm nach. Professor Renner ging zur Tür, öffnete ihr dieselbe und gemeinsam schritten sie über den Gang. Als Sarah ihre Blicke kurz Richtung Eingang schweifen ließ, durchfuhr sie ein leichtes Rieseln, denn ihre Augen erhaschten einen Moment lang eine männliche Gestalt mit braunem, lockigen Haar, die soeben im Aufzug verschwand.
Eine unüberschaubare Menge an Ärzten und Psychologen quetschte sich in den kleinen Raum, der für alle gemeinsamen Besprechungen, Übergaben, Kurvenvisiten oder Fortbildungen genutzt wurde. Und alle Augenpaare waren gleichzeitig auf Sarah gerichtet, doch zum Glück besaß sie kein schüchternes Naturell und blickte selbstbewusst in die Runde, als Professor Renner zu sprechen ansetzte:
„Ich darf Ihnen allen unsere neue Assistenzärztin, Frau Sarah Wohlfart, vorstellen. Sie hat erst im letzten Monat äußerst erfolgreich ihr Medizinstudium abgeschlossen und wird uns ab heute tatkräftig unterstützen. Zunächst habe ich mir erlaubt, Frau Wohlfart auf Station Leonhardt unterzubringen. Wenn ich Sie bitten darf, Herr Dr. Horak, sich um die junge Kollegin ein bisschen zu kümmern, um ihr den Einstieg ein wenig zu erleichtern?“ Professor Renner hatte einen jungen Arzt anvisiert, der am anderen Ende des großen Konferenztisches saß. Er trug keinen Arztkittel, sondern nur ein weißes Polohemd, das über seiner kräftigen Brustmuskulatur spannte. Seine Haare waren von einem intensiven Blond, das Sarah sofort an Robert Redford denken ließ. Er lächelte ihr begrüßend zu, und sie war sich sicher, dass mindestens die Hälfte aller weiblichen Mitarbeiter in ihn verknallt war. Sie konnte nur hoffen, dass er sich nichts darauf einbildete. Mit einem Gockel zusammenzuarbeiten stellte sie sich nämlich ziemlich anstrengend vor. Überraschenderweise entpuppte sich Dr. Horak jedoch als ein ziemlich schüchterner Typ. Gleich nach der Frühbesprechung trat er auf Sarah zu und streckte ihr die Hand entgegen.
„Ich bin Max, wir duzen uns eigentlich alle, abgesehen von den Oberärzten und dem Chef natürlich.“ Er lächelte verlegen. Irgendwie empfand sie seine Schüchternheit als verdammt sexy und entschied innerlich, dass er wahrscheinlich gar nicht wusste, wie attraktiv er auf Frauen wirkte, und dies wiederum machte ihn noch attraktiver.
„Hi, ich bin Sarah und schon ziemlich gespannt, was mich erwartet hier.“ Sie machte eine ausholende Bewegung mit den Armen und schenkte ihm ihr wärmstes Lächeln. Max schluckte und grinste sie an.
„Na ja hier geht es halt zu wie in der Irrenanstalt.“
„Das glaube ich dir glatt“, antwortete sie. Beide mussten herzlich lachen, und das Eis war gebrochen.
„Wir müssen hoch in den zweiten Stock, hier entlang.“ Max wies ihr den Weg und sie stapften nebeneinander die Treppe nach oben.
„Und du bist also eine blutige Anfängerin?“. Seine sehr blauen Augen lachten sie an.
„Leider, und mit der Psychiatrie in der Praxis habe ich leider überhaupt noch keine Erfahrungen machen dürfen, aber die Lehrbücher kenne ich alle, auch den Leonhardt.“ Sie wollte wenigstens ihr psychiatrisches Allgemeinwissen an den Tag legen und zeigen, dass sie den Menschen und sein Werk kannte, nachdem ihre Station benannt war.
„So, so, eine kluge Frau also.“ Dann herrschte Stille, die keiner von beiden zu füllen wusste. Schweigend schritten sie nebeneinander her, und Sarah war erleichtert, als sie die Stationstür aufgeschlossen hatten und vor dem Schwesternzimmer stehen blieben.
„Da drinnen agiert unser Pflegepersonal, sei gut zu ihnen, dann sind sie auch gut zu dir.“ Als hätte sie darauf gewartet, kam eine auffallend junge Krankenschwester den Stationsgang entlang getänzelt. Sie hatte langes schwarzes Haar, das ihr bis zum Po reichte und blickte Sarah mit schwarz umrandeten Augen kritisch an. Sie gehörte eindeutig in die Kategorie „verliebt in Dr. Horak“ und sah in Sarah eine potentielle Konkurrentin.
„Ich bin Sarah Wohlfart, neue Ärztin auf Station.“
„Melanie Pritsch, Krankenschwester. Wurde auch Zeit, dass du Verstärkung bekommst, Max, hast ja nur noch gearbeitet.“ Melanie lispelte stark, das schien ihrem Selbstbewusstsein jedoch keinen Abbruch zu tun. Keck blinzelte sie ihm zu. Max lächelte zurück, und Melanie schien dahin zu schmelzen. Doch er wandte sich rasch wieder Sarah zu.
„Ich schlage vor, ich stelle dich jetzt dem Pflegepersonal vor, du wirst aber erst mit der Zeit alle kennen lernen“, erklärte er, „sie arbeiten nämlich in drei Schichten.“
Er führte sie ins Schwesternzimmer, wo sie erneut viele neugierige Augenpaare musterten. Bei den vielen Namen, die in einer schnellen Vorstellungsrunde fielen, blieben ihr nur zwei auf Anhieb im Kopf. Zum einen Pfleger Alfons, der unter Garantie schwul war, auf eine sehr aparte Art spürbar, und die Stationsleitung Trude Wirth, der Inbegriff einer Oberschwester. Ihr fiel sofort Oberschwester Hildegard aus der Schwarzwaldklinik ein, als sie Trude sah mit ihrer dicken, runden und riesigen 80er Jahre Brille, dem gewaltigen matronenhaften Busen, und der Lockenwicklerkurzhaarfrisur.
„Ich hoffe, wir werden gut im Team zusammen arbeiten“, setzte Sarah an, „jedenfalls bin ich froh, Menschen um mich zu wissen, die in diesem Beruf bereits so erfahren sind.“ Ermutigend schaute sie Trude Wirth an, diese verzog jedoch keine Mine. Na, das konnte ja heiter werden! Max legte ihr kurz die Hand auf die Schulter.
„Im ersten Zimmer rechts neben der Stationstür kannst du dich umziehen. Da gibt es auch Spinde, belege dir einfach einen.“
„Danke, mache ich.“ Sarah beschlich in diesem Moment das Gefühl, dass sie hier Freunde bitter nötig haben würde, denn außer bei dem schwulen Pfleger Alfons und einer gesund aussehenden Schwesternschülerin mit roten Wangen, die sich als Katrin oder Karin vorgestellt hatte, schien sie hier nicht gerade willkommen zu sein. Max jedoch war ihr äußerst freundlich gesonnen, und dafür war sie sehr dankbar. Sie verabredete sich mit Max im Arztzimmer und schlüpfte dann hinaus in den Gang. Es herrschte eine eigenartig gespenstische Stille. Wo die wohl alle waren? Ein Patient saß ganz hinten am Ende des Ganges auf einem orangefarbenem Plastikstuhl und sah unverwandt aus dem Fenster. Sarah hoffte in diesem Augenblick inständig, dass sie sich für die richtige Fachrichtung entschieden hatte. Vielleicht wäre es doch einfacher gewesen, Abszesse zu spalten oder eine Hypertonie einzustellen. Es fröstelte sie, als sie den kargen Raum betrat, in dem es lediglich die von Max beschriebenen metallenen Spinde gab. Sie notierte sich innerlich, ein Vorhängeschloss zu besorgen. Dann schlüpfte sie aus ihrer Jeans, zog sich die Bluse über den Kopf und gerade als sie nur noch mit BH und Tanga bekleidet dastand, hörte sie ihn sich räuspern. Sie fuhr zusammen und bedeckte hastig ihre Blöße mit den Armen. Man konnte ihn kaum erkennen. Er saß im Halbdunkel auf einem Spind, der kleiner war als die anderen. Ein anzügliches Grinsen auf dem Gesicht, starrte er ihr frech auf den Busen, dann drehte er sich um und verschwand in einer Tür, die sich im hinteren Teil des Raumes befand. Sarahs Herz klopfte bis zum Hals. So eine Unverschämtheit, hätte der sich nicht eher bemerkbar machen können? Rasch streifte sie ihre Arzthose über, schloss ihren Kittel, den sie über ein weißes T-Shirt zog und schlüpfte in ein Paar Birkenstockschuhe. Das ist einfach blöd gelaufen, versuchte sie sich zu beruhigen und schwor sich gleichzeitig, das nächste Mal erst mal zu prüfen, ob sie auch tatsächlich alleine war, bevor sie sich auszog. Als sie wieder auf den Gang trat, hatte der Mann auf dem orangefarbenen Plastikstuhl fast etwas Beruhigendes in seiner Beständigkeit. Sarah schloss das Arztzimmer auf, dass sie sich mit Max teilen würde. Er saß schon über einer Patientenakte gebeugt, blickte aber sofort hoch, als sie eintrat…
„Sitzt da immer ein Typ in der Umkleide, wenn man sich umzieht, und macht sich erst bemerkbar, wenn man fast nackt ist?“ Versuchte sie die soeben erlebte Situation ins Komische zu ziehen, aber es gelang ihr nicht so recht. Max wurde sogar ein wenig rot.
„Das tut mir leid, ist ja eine Frechheit! Eine Ahnung, wer das gewesen sein könnte?“
„Ich kenne ja so gut wie noch keinen, im Schwesternzimmer habe ich ihn vorhin jedenfalls nicht gesehen. Aber Schwamm drüber, das nächste Mal schreie ich einfach laut und lasse mich dann von dir retten.“ Kokett zwinkerte sie ihm zu. „Da wäre allerdings das Problem, dass auch du mich dann nackt sehen würdest…“ Er lief noch röter an und widmete sich kurzfristig wieder seiner Patientenakte. Es entstand eindeutig eine leicht knisternde Stimmung zwischen ihnen, und Sarah genoss es. Max hingegen wirkte verlegen, und versuchte merklich, die Situation in den Griff zu bekommen.
„Also pass auf, ich schlage vor, du übernimmst vorerst mal drei Patienten von meinen sechzehn, und wir stocken dann Stück für Stück auf. Irgendwann, vielleicht Weihnachten oder so, haben wir dann Halbe Halbe. Einverstanden?“ Max schob ihr zwei ziemlich dicke und eine ganz dünne Akte zu. Sarah ließ sich auf den freien Drehstuhl fallen und schlug den Pappdeckel der ersten Patientenakte auf.
„Anna Winterfeld, geboren 14.7.1983. Anorexia nervosa, phasenweise Heißhungerattacken, Abführmittelmißbrauch. Hast du schon mal Kontakt zu einem magersüchtigen Patienten gehabt?“
„Eine Freundin von mir war betroffen…“ Sie wirkte sehr ernst und blätterte in der gewaltigen Anzahl gesammelter Befunde, Anamnesebögen, Laborzetteln und Arztbriefen. „Meine Güte, schon seit dem 11. Lebensjahr leidet sie daran? Kennst du sie schon lange?“ Sarah blickte zu Max auf.
„Allein bei mir war sie schon drei Mal. Volker Karst auf Station Bleuler hat sie auch schon einmal behandelt, davor etliche Aufenthalte in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Sie ist ein harter Brocken. Leider hat sie auch nach so vielen Jahren keinerlei Krankheitseinsicht und hält sich mit ihren 39 kg für zu fett. Momentan wird sie sondiert und isst eine Zwischenmahlzeit selber, unter größter Qual und mit viel Geduld seitens des Pflegepersonals. Sie bekommt, lass mich schauen…“, er schnappte sich Anna Winterfelds Krankenakte. „Fluoxetin. Ansonsten muss sie ihre Ruhezeiten einhalten, auch wenn sie am liebsten den ganzen Tag durch die Gegend tigern würde. Du weißt, dass Magersüchtige an einem übermäßigen Bewegungsdrang leiden?“ Sarah nickte kurz. „ Sie weigert sich zeitweise sogar zu sitzen, aus Angst zu wenig Kalorien zu verbrennen.“
„Oje..“, entfuhr es Sarah „Und wie läuft die Gesprächstherapie?“
„Eher schlecht, zumeist ist sie stumm wie ein Fisch.“ Max sah ihr in die Augen, ein bisschen länger als es der Situation entsprach und riss sich dann fast von ihr los, wie es schien. „Du wirst deinen Spaß an ihr haben. Aber vielleicht geht es ihr mit dir auch besser, schließlich bist du eine Frau. Anna hasst Männer, musst du wissen.“
„Auch dich?“ Sie legte den Kopf schief und konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, wie man diesen Mann hassen konnte. Es war schon nach so kurzer Zeit eine so starke Vertrautheit zwischen ihnen, als wären sie schon eine Ewigkeit Kollegen. Max räusperte sich.
„Mich ganz besonders, schließlich schreibe ich die Kalorien, die sie eingeflößt bekommt, in die Kurve, und besonders verabscheuen tut sie mich für den 3,8% Fettgehalt in ihrer Joghurt-Zwischenmahlzeit.“ Sarah musste lachen
„Du Ärmster. Besucht sie die MaBu-Gruppe?“ Von der so genannten Magersucht-Bullimie-Gruppe hatte sie gelesen und wusste wie wichtig es war, dass die Patienten regelmäßig Kontakt mit Leidensgenossen aufnahmen.
„Auch dagegen sträubt sie sich. Aber natürlich wird sie zu ihrem Glück gezwungen. Wie gesagt, leicht ist es nicht mit ihr, aber von welchem unserer Patienten kann man das schon sagen?“ Max räusperte sich und blickte auf. Er suchte Augenkontakt. Sehr intensiv sah er sie an. Selten hatte Sarah so beunruhigend blaue Augen gesehen von solch intensiver Helligkeit. Hastig senkte sie den Blick nach unten und griff nach der dünnsten Akte.
„Wen haben wir denn da? Peter Schrenk, geboren am 5.12.1950. Zwangsstörung mit Zwangsgedanken, Kontrollzwang und Waschzwang.“
„Herr Schrenk war wohl schon sein ganzes Leben lang eine eher zwanghafte Persönlichkeit. Es spielte sich aber alles noch in einem Rahmen ab, der ihn ein normales Leben führen ließ. Er hat nie einen Arzt aufgesucht oder einen Klinkaufenthalt durchgemacht, bis zum Tode seiner Frau. Seitdem wäscht er sich an die hundert mal am Tag die Hände, sehen entsprechend schlimm aus. Ein dermatologisches Konsil habe ich schon angefordert. Der Kollege aus der Hautarztpraxis wollte ihn nächste Woche mal reinschieben. Zu seinem Waschzwang hat er auch noch einen ausgeprägten Kontrollzwang. Er braucht eine volle Stunde, bevor er das Haus verlassen kann, weil er x-mal Herd, Lichtschalter Kerzen und so weiter überprüfen muss. Seine Zwangsgedanken könnten am ehesten als Zwangsbefürchtungen eingestuft werden. Beispielsweise hat er Angst, ein Kind zu überfahren, ohne es zu bemerken oder ähnliches. Wir haben mit der Verhaltenstherapie begonnen, also Exposition mit Reaktionsverhinderung. Kannst du dir vorstellen, wie wir das hier anpacken können?“
Sie musste eingestehen, dass sie keine Ahnung hatte, was das war. Max grinste.
„Keine Angst, Du hast das alles schnell drauf, da bin ich mir sicher. Also gut, bei der Exposition üben wir mit ihm, dass er sein Zimmer verlassen kann und vorher nur dreimal kontrollieren darf, ob das Licht noch brennt, oder sein Radio richtig ausgeschaltet ist. So was halt. Klar?“ Wieder sah er sie eindringlich an und für einen kurzen Moment wanderte sein Blick ihren Körper hinunter. Er zog kurz die Brauen hoch und zwang sich dann woanders hinzuschauen. Sarah beschloss, es zu ignorieren.
„Und was gebt ihr ihm an Medikamenten?“ Sie hatte inzwischen Kugelschreiber und Block hervorgeholt, um sich das Wichtigste zu notieren.
„Er bekommt Clomipramin. Ich glaube, er ist bei150 mg am Tag. Er klagt aber seit einiger Zeit über Probleme beim Wasserlassen. Wir hoffen das kommt nicht von dem Medikament. Da solltest du dich bald drum kümmern. Schicke ihn auf alle Fälle mal zum Urologen, in dem Alter könnte immer mal die Prostata dahinter stecken.“
„Ist klar.“ Sie schrieb Urologe auf ihr Blatt und unterstrich es zweimal. „Sonst noch was?“
Als Antwort schnappte sich Max die dritte Akte.
„Dein dritter Patient, und da bin ich wirklich gespannt, wie du bei dem weiter kommst.“ Er runzelte die Stirn und kratzte sich nachdenklich am Kopf. „Sein Name ist Adrian Steinbach, ist …lass mal ausrechnen…34 Jahre alt und hat die Verdachtsdiagnose einer paranoiden Schizophrenie, aber so ganz typisch ist das alles nicht. Aus den alten Arztbriefen geht hervor, dass er wohl schon als ganz kleines Kind anders war als die anderen Gleichaltrigen. Das ging wohl schon vor dem Kindergarten los. Hast du jemals von einem so zeitigen Auftreten einer Schizophrenie gehört? Also ich nicht!“ Max blätterte in den diversen Berichten.“ Wenn ich richtig liege treten überhaupt nur 1% vor dem 10. Lebensjahr auf, aber mit zwei Jahren?“ Er sah auf.
„Das ist wirklich erstaunlich. Oh Gott wie gruselig, stell dir das mal vor, das wäre dein Kind. Ich denke, man fühlt sich als Eltern dann wie in einem Stephen King Buch.“
„So ungefähr muss das auch gewesen sein.“ Er tippte auf einen der Briefe, der ganz am Anfang der Akte eingeordnet war. „Herr Steinbach hat wohl noch bevor er überhaupt richtig sprechen konnte, in Babysprache sozusagen, den ganzen Tag mit allen möglichen Gegenständen gesprochen. Das an sich könnte man noch als eine kindliche Marotte bezeichnen, aber recht bald behauptete er, die Gegenstände würden auch zu ihm sprechen. Die Stimmen, die er hörte wurden immer vielfältiger und gewaltiger. Mit.. Moment mal…“, Max suchte mit den Fingern die Zeilen ab, „..da hab’ ich es. Mit sechs Jahren wurde er das erste mal in die Klinik eingeliefert. Er schrie ohne Pause und hielt sich tagelang die Ohren zu. Er aß nichts mehr, weil er dazu die Hände von den Ohren hätte nehmen müssen, so dass er schließlich künstlich ernährt werden musste.“ Sarah verfolgte fasziniert jedes von Max Worten. Es war ohne Frage eine große Herausforderung, einen Menschen therapieren zu dürfen, der so stark psychotisch erkrankt war. Sie fragte sich, ob er noch irgendetwas von einem normalen Menschen an sich haben würde. Es fröstelte sie.
„Auf alle Fälle ging es von da an immer so weiter“, fuhr Max fort „Klinikaufenthalt nach Klinikaufenthalt. Fast seine komplette Schulausbildung genoss er in irgendeinem Krankenhaus oder bei Privatlehrern. Um so erstaunlicher eigentlich,“ er kratzte sich erneut am Kopf „dass er tatsächlich das Fernabitur geschafft hat und später sogar ein Biologie- und Chemiestudium. Was sagst Du dazu?“, fragend blickte er hoch.
„Mmh, wurde es denn besser im Laufe der Zeit?“
„Man hat den Eindruck, er hat gelernt, mit seiner Krankheit zu leben und permanent Stimmen zu hören. Er behauptet, es gäbe nie eine Zeit, in dem Stille um ihn herum herrsche. Wir haben schon jedes verdammte Neuroleptikum ausprobiert, nichts hilft…“ Jetzt richtete sich Max auf.
„Dieses mal ist er hier, weil seine Schwester wohl beobachtet hat, dass er seit kurzem auch noch an optischen Halluzinationen leidet. Mit anderen Worten, er hört nicht nur mehr Stimmen, er sieht auch irgendwelche Gestalten, Farben oder ähnliches. Mir ist ehrlich gesagt immer ziemlich unwohl, wenn ich mit ihm arbeite, es ist…ich weiß auch nicht, wie ich das beschreiben soll, aber du wirst es ja selber erleben.“ Max klappte Adrian Steinbachs Akte zu.
„Noch Fragen?“ Er schob ihr die Akte hin.
„Womit fange ich an?“ Sie atmete einmal tief durch. Max sah auf die Uhr.
„Um eins ist die Übergabe des Pflegepersonals, da sollten wir auch dabei sein. Bis dahin hast du Zeit, deine Patienten mal in Augenschein zu nehmen. Ich muss auch gleich starten. Meine Angststörung, Annette Winkler, wartet bereits seit zwanzig Minuten auf mich.“ Er schwang sich aus seinem Stuhl und sie tat es ihm gleich. Als sie an der Tür standen, konnte sie die Wärme seines Körpers spüren, da er direkt hinter ihr stand, eine sehr angenehme, vertrauenserweckende Wärme. Max sog kurz die Luft ein, und griff dann an ihr vorbei zur Türklinke, dabei berührten sie sich flüchtig. Sarah sah zu ihm hoch und entdeckte etwas in seinen Augen, das sie verunsicherte. Aber der Moment verstrich und sie standen wieder auf dem düsteren Gang, der Mann auf dem Stuhl war immer noch damit beschäftigt, aus dem Fenster zu sehen.
„Wer ist das?“ Sarah deutete auf die gebrechliche Gestalt, die sich gerade mit dürren Fingern durch die schulterlangen schütteren Haare fuhr.
„Das ist Sebastian Fuchs. Er leidet an Demenz. Wartet jeden Tag auf seine Mutter.“ Max stand dicht neben ihr und sprach mit flüsternder Stimme, sie konnte seinen Atem an ihrem Hals spüren. Er verströmte einen dezenten Duft nach Rasierwasser und Seife.
„Aber er ist noch so jung“, flüsterte sie entsetzt zurück.
„Das wird nicht das Letzte sein, was dich hier treffen wird, glaube mir.“ Kurz legte er seine Hand auf ihre Schulter und drückte sie sanft. Sarah registrierte, dass er keinen Ehering trug. Da drehte sich Sebastian Fuchs zu ihnen um und blickte mit wirrem Lodern in den Augen von einem zum anderen.
„Sie hat gesagt, sie würde kommen, sie hat es versprochen,.. “ Seine Stimme brach und ein heftiges Beben erschütterte seinen schmächtigen Körper. „Helft mir, so helft mir doch…“ Seine Schluchzer gingen Sarah durch Mark und Bein. Aus dem Schwesternzimmer trabte Pfleger Alfons herbei, beruhigend legte er dem weinenden Mann einen Arm um die Schulter und führte ihn sacht aber bestimmt zu einem der Patientenzimmer, das wohl Herrn Fuchs zugeteilt war. Max’ Hand ruhte immer noch auf Sarahs Schulter. Er schien es auch zu bemerken, denn er zog sie plötzlich beinahe entschuldigend zurück.
„Im Schwesternzimmer findest du die Tafel, da stehen alle Patienten drauf mit Zimmernummern und zu welcher Zeit sie bei welchen Terminen sein müssen, viel Glück.“ Er grinste wieder und seine Augen blitzten dabei. „Ach noch etwas, fange mit Peter Schrenk an, er ist von deinen dreien mit Sicherheit der Angenehmste.“ Damit drehte er sich um, blieb vor einer Tür stehen, klopfte kurz und verschwand dann in dem Zimmer. Sarah seufzte noch einmal laut, um danach die beschriebene Tafel unter die Lupe zu nehmen. Leider musste sie feststellen, dass sie nicht mit Herrn Schrenk starten konnte, der besuchte nämlich gerade die Ergotherapie.
„Also Anna Winterfeld, Zimmer 16.“ Blödsinnigerweise begann Sarahs Herz heftig zu klopfen. Das ärgerte sie, schließlich war sie die Ärztin, in gewisser Weise eine Respektsperson. Aber es half nichts. Es wurde auch nicht besser, als sie auf Annas schroffes „Ja?“ hin den Raum betrat, in dem die Patientin bereits die letzten vier Wochen verbracht hatte. Anna sah furchterregend aus. Ihre Augen starrten Sarah aus tiefen Höhlen entgegen, sie wirkten kalt, leer und tot, gleichzeitig schleuderten sie kurze aufbegehrende Blicke, die von einer gewissen Arroganz und Trotz sprachen. Sie war rappeldürr. Der Schädel glich eher einem Totenkopf, die Sonde, die ihr wie ein Schnabel aus der Nase kroch, machten den Anblick noch gruseliger. Sie trug einen extrem weiten Jogginganzug, der sie nur noch zerbrechlicher wirken ließ . Ihre Hände waren so stark ineinander verkrampft, dass sie ganz und gar weiß angelaufen waren. Anna stand am Fenster, und trat unablässig von einem Bein auf das andere, es schien als sei jeder einzelne ihrer Muskeln angespannt.
„Guten Morgen, ich bin Ihre neue behandelnde Ärztin. Mein Name ist Wohlfart.“ Sie streckte ihr die Hand entgegen. Argwöhnisch reichte Anna ihr eine eiskalte winzige Hand. Sarah wagte es kaum, sie zu drücken, aus Angst sie zu zerbrechen. Aber Annas Händedruck entpuppte sich als erstaunlich fest, fast schmerzhaft.
„Wieder so eine, die es nicht kapieren wird. Ich will nicht essen, ich werde nicht essen und ich will Sie hier nicht haben. Lassen Sie mich in Frieden.“ Anna drehte sich ruckartig um und begann mit irgendwelchen isometrischen Armübungen.
„Anna, lassen Sie mich Sie wenigstens erst einmal kennen lernen, bevor sie mich gleich wegschicken.“ Sie setzte sich auf den einen der beiden Stühle, die um einen kleinen runden Tisch standen. „Setzen Sie sich nur kurz mal zu mir, ja?“ Anna verschränkte trotzig die Arme vor der Brust und blickte Sarah feindseelig an.
„Ich werde mich nicht setzen, okay?“ Beim Sprechen wippte ihre Nasensonde auf und ab und einen winzigen unprofessionellen Moment lang hätte Sarah beinahe gelacht. Diese Situation war bizarr, aber für die Arbeit eines Psychiaters wahrscheinlich völlig alltäglich.
„Lassen Sie es mich anders versuchen. Sie sind nicht gerne hier, das akzeptiere ich, aber dafür habe ich die Verpflichtung Ihnen zu helfen, und irgendwie müssen wir es schaffen, diese Gegensätzlichkeiten in Einklang zu bringen. Was machen sie denn gerne, ich möchte sie besser verstehen lernen?!“
„Sport..“, war die kurze schnippische Antwort.
„Sport und was noch?“ Versuchte Sarah es erneut.
„Einfach nur Sport!“ Annas Blick bekam etwas Verschlagenes, beinahe so als verspürte sie einen gewissen Genuss an der ganzen Szenerie. Jetzt sah sich Sarah im Zimmer um und musste feststellen, dass es rein gar nichts hier gab, was einem dabei helfen konnte, auf die Persönlichkeit der Besitzerin Rückschlüsse zu ziehen.
„Sport also, okay. Wissen Sie was? Notieren sie mir doch bis morgen mal, welche Sportarten sie am liebsten haben, da kann doch nichts Schlimmes dabei sein, oder? Zumindest wäre das ein Anfang, wie ich finde.“ Sarah versuchte ihr ein entwaffnendes Lächeln zu schenken. Anna zuckte nur mit den Schultern. „Und sie haben mich jetzt schon mal gesehen. Bis morgen habe ich dann auch ihre Berichte genau durchgesehen, dann können wir es noch einmal miteinander versuchen, einverstanden?“ Ein erneutes Achselzucken war die Antwort. Anna hatte schon wieder mit ihren isometrischen Armübungen begonnen.
„Also gut, noch Fragen?“ Wie nicht anders zu erwarten gab es keine Reaktion seitens Annas.
Sarah überspielte die Situation mit einer Portion angetäuschter Fröhlichkeit und Optimismus, doch ihre zum Abschied ausgestreckte Hand bekam dieses mal keinen kalten, schmerzhaften Druck zu spüren, sie wurde einfach nur ignoriert. Für heute war sie gezwungen, sich geschlagen zu geben, stand auf und zog die Zimmertür hinter sich zu. Wo war sie hier gelandet? Auch nicht mit all’ ihrer Vorstellungskraft konnte sie sich im Moment erklären, wie es möglich sein könnte, einem Menschen wie Anna zu helfen, geschweige denn, ihn zu heilen. Gedankenverloren machte sie sich auf den Weg zum Arztzimmer. Peter Schrenk müsste in zehn Minuten von seiner Ergotherapie zurück sein. Die Zeit wollte sie nutzen, um noch ein wenig in seiner Akte zu stöbern. Sie sah auf und direkt in das hämisch grinsende Gesicht des Mannes, der sie in der Umkleidekabine so unverhohlen angestarrt hatte. Sie fuhr zurück, er ging den Schritt sogleich wieder auf sie zu.
„Also wissen Sie, Sie haben vielleicht eine Art, einen zu erschrecken.“
„Genau das ist meine Absicht!“, antwortete er mit knarrender Stimme. Seine Augen waren gelb. Noch nie zuvor hatte Sarah gelbe Augen gesehen, und eben diese gelben Augen klebten wieder an ihrem Busen.
„Sie entschuldigen mich jetzt bitte“, mit einer energischen Geste schob sie ihn beiseite, er fühlte sich eiskalt an und irgendwie feucht. Sarah bekam Gänsehaut. Was tat sie hier nur? So schlimm hatte sie es sich nicht vorgestellt. Mit zittrigen Händen schloss sie das Arztzimmer auf, um es sofort wieder hastig hinter sich zu schließen. Erschöpft lehnte sie sich dann mit dem Rücken gegen die Tür und versuchte ihren Atem zu beruhigen. Wer war dieser unheimliche Kerl? Am ehesten sah er wie ein Patient aus, aber was hatte er dann vorhin in der Umkleide verloren? Beim besten Willen konnte sie sich nicht mehr an seine Kleidung erinnern. Das hätte ihr zumindest klaren Aufschluss darüber geliefert, ob er vielleicht doch zum Pflegepersonal gehörte. Ein Schlüssel drehte sich im Schloss, und Sarah trat eilig nach vorne, um nicht umgestoßen zu werden. Max trat ein.
„Und, erfolgreich gewesen? Aber du bist ja kreidebleich, war es so schlimm.“ Besorgt sah er sie an.
„Nein, nein, es ist nur, dieser unheimliche Typ aus der Umkleide ist wieder aufgetaucht, fast unverschämter als vorhin, und er hat gelbe Augen…“, verwirrt und Hilfe suchend blickte sie hoch. Max runzelte die Stirn.
„Gelbe Augen, sagst du?…Wir haben so einen nicht auf Station. Weißt du was, ich rufe mal vorne im Schwesternzimmer an, ob die etwas wissen, klingt nämlich fast nach einem entlaufenen Patienten von der Suchtstation, vielleicht ein Alkoholiker mit Leberschaden und Gelbsucht, oder hatte er etwa Pflegerklamotten an?“ Sarah zuckte hilflos mit den Schultern.
„Mmh, Moment..“, Max ergriff das Telefon, wählte eine Nummer und wechselte ein paar Worte, dann legte er wieder auf. „So, das wäre geklärt, Trude kümmert sich darum. Setz dich doch, Sarah!“ Er sprach ihren Namen zum ersten mal aus, es klang beruhigend und strahlte auf eine seltsame Art Geborgenheit aus.
„Vielleicht bin ich nur etwas überspannt, es geht schon wieder, man fängt schließlich nicht alle Tage in der Psychiatrie an.“ Sie fuhr sich durch ihre roten Locken und schüttelte jeden weiteren Gedanken an den seltsamen Fremden ab.“ Du hattest übrigens Recht.“ Max hob fragend die Brauen. „Anna Winterfeld ist eine harte Nuss!“
„Das kannst du laut sagen.“ Er lachte und griff nach einer Tasse, die neben vier weiteren auf einem Brett an der Wand aufgereiht war. „ Kaffee? Wir haben nämlich den seltenen Genuss, im Besitz einer eigenen Kaffeemaschine zu sein. Wir sind sozusagen Schwesternautark.“
„Was für ein Segen, natürlich will ich einen. Man kann fast sagen, ich bin süchtig nach dem fiesen schwarzen Gebräu.“
„Wer nicht von uns?“ Damit fing Max an mit Kaffeefiltern und Pulver zu hantieren, während Sarah sich Kaffeetasse und Krankenakte schnappte und darauf wartete, dass der heiße, wohlschmeckende und duftende Kaffee ihre Tasse füllen würde. Eine behagliche Stille machte sich breit, unterbrochen nur durch die Geräusche, die Max mit der Kaffeemaschine veranstaltete. Sarah las, dass Peter Schrenk als Postbeamter tätig gewesen war, aber nach dem Tod seiner Frau keinen einzigen Tag mehr gearbeitet hatte.
„Was die Liebe einem antun kann“, sprach sie in die Stille hinein.
„Wie bitte?“ Er drehte sich zu ihr um.
„Ich meine, Herr Schrenk lebte Jahrzehnte neben seiner geliebten Frau und es scheint, mit ihrem Tod ist auch sein Leben vorbei. Das es so was gibt, eine so große Liebe…“ Max sah sie nachdenklich an, ein wenig vibrierte Sarahs Herz dabei, und sie widmete sich schnell wieder ihrer Akte. Sie war heute aber auch anfällig für die Männer, die ihr begegneten. Zwei braune, warme Augen kamen ihr in den Sinn. Sofort begann ihr Puls schneller zu schlagen. Vielleicht sah sie ihn ja nie wieder, wer weiß. Allein der Gedanke, nicht noch einmal in diese herrlichen Augen schauen zu dürfen, diesen männlichen Duft einatmen zu können, verursachten ihr körperliche Schmerzen und einen Stich ins Herz. Sie spürte wie ihr Gesicht eine rosige Farbe annahm bei dem Gedanken an diesen wunderschönen fremden Mann. Beim Hochschauen stellte sie dann erstaunt fest, dass Max sie immer noch ansah, sein Blick war…sie konnte es nicht deuten, aber etwas sprach aus diesen blauen Augen zu ihr, es erinnerte sie vage an irgendwas. Aber was war es?
„So, ich gehe dann mal auf Zimmer sieben, zu Herrn Schrenk.“
„Und dein Kaffee?“ Max schwenkte mit der vollen Kanne.
„Den kann ich sicher gleich gut gebrauchen. Runde zwei ist eingeläutet.“ Sie zwinkerte ihm zu und wappnete sich innerlich. Es konnte schließlich nicht schlimmer werden als mit Anna Winterfeld oder dem gelbäugigen Fremden, erneut bekam sie Gänsehaut. Vor Zimmer sieben atmete sie noch mal tief durch, dann klopfte sie zweimal an die weiße Krankenhaustür.
„Ja, bitte!“, hörte sie eine leise kraftlose Stimme. Sarah trat ein. Vor ihr stand ein kleiner, gebrochen wirkender Mann. Sein schlohweißes Haar stand ihm wirr vom Kopf und sein verhärmtes Gesicht war überwuchert von einem ungepflegten Drei-Tage-Bart. Ein kleiner Bierbauch wölbte sich über die fleckige, braune Cordhose und unter seinen Achseln hatten sich zwei große Schweißflecken auf seinem blau karierten Hemd gebildet. Das ganze Zimmer roch säuerlich, war aber tadellos aufgeräumt. Auf dem kleinen weißen Nachttisch stand ein Portraitfoto einer jungen, bildhübschen Frau, die entwaffnend lächelte. Herr Schrenk folgte ihrem Blick.
„Das ist meine Elsa, als sie noch jung war, ist sie nicht wunderhübsch?“ Zärtlich fuhr er mit einem Finger über ihr Gesicht, dann bekamen seine Augen einen leicht erschrockenen Ausdruck. „Oh, sehen Sie mal, es ist schmutzig.“ Er zog ein Stofftaschentuch aus seiner Hosentasche und wischte darüber. Er schien irgendeinem System zu folgen, denn seine Bewegungen ließen deutlich ein Muster erkennen. Er wischte dreimal abwärts, dreimal aufwärts, dreimal rundherum und fing dann wieder von vorne an. Er hatte völlig vergessen, dass Sarah neben ihm stand.
„Herr Schrenk ich bin Ihre neue behandelnde Ärztin. Ich heiße Wohlfart.“ Sie versuchte ein Lächeln.
„Oh, was ist mit Dr. Horak? Sie erscheinen mir mächtig jung, und Sie sind Ärztin? Viel zu jung und hübsch sind sie dafür. Sind Sie keine Lernschwester, oder ähnliches?“ Er zeigte sich nun deutlich skeptisch und fing erneut an, das Bild seiner verstorbenen Frau zu polieren.
„Nein, nein, Herr Schrenk, ich bin wirklich Ärztin“, sagte sie, obwohl es sich auch für sie noch eigenartig anfühlte, das zu behaupten. Er seufzte und stellte das Bild ab.
„Dann suchen Sie sich vielleicht einen anderen Patienten. Es ist sowieso hoffnungslos.“ Im Geiste notierte sie die Zusatzdiagnose einer reaktiven Depression. „Wissen Sie, ich schaffe es nicht. Er nahm auf der Kante eines Stuhles Platz. „Ich komme einfach nicht dagegen an. Sehen Sie?“ Er zeigte ihr seine Hände, die überseht waren von offenen Stellen, die stark entzündet waren. Selten hatte sie ein schlimmeres Handekzem gesehen. „Ich weiß ja wie unsinnig mein Verhalten ist, aber was soll ich tun?“ Sie waren schon mitten drin in einem therapeutischen Gespräch, und Sarah freute sich, dass er ihr jetzt doch zu vertrauen schien.
„Wie klappt es denn mit Ihrer Verhaltenstherapie, Dr. Horak berichtete mir, sie würden üben, das Zimmer schneller verlassen zu können?“ Ein gequälter Gesichtsausdruck huschte über seine Züge.
„Ach ja, wissen Sie..“, er schwieg.
„Sprechen Sie ruhig, Herr Schrenk, klappt es nicht?“
„Ach“, brachte er nur wieder hervor, „manchmal klappt es, und dann wieder nicht, wer weiß das schon. Ich habe gute und schlechte Tage.“ Er sah sie mit treuen, traurigen Augen an, seine unteren Lider hingen etwas herab, was ihm den Blick eines Hundes verlieh. Ihn plagt sogar eine ziemlich schwere Depression, kam es ihr in den Kopf. Sarah wunderte sich darüber, diese Diagnose noch nirgends in seiner Patientenakte gelesen zu haben.
„Ich schlage vor, wir arbeiten da weiter, wo Dr. Horak zuletzt mit Ihnen stehen geblieben ist, dann schauen wir mal, was uns sonst noch so einfällt. Wie geht es mit dem Wasserlassen?“
Etwas unsicher sah er sie an. „Kann ich da mit Ihnen drüber reden?“
„Ich bin Ihre Ärztin, Herr Schrenk.“ Dieses mal kam es ihr schon selbstbewusster über die Lippen. „Natürlich können Sie mit mir darüber reden, das sollten Sie sogar.“ Sie lächelte ihm aufmunternd zu.
„Also gut. Schlecht geht es, sehr schlecht, Frau Doktor.“ Sein Blick wurde noch trauriger. „Dr. Horak meinte, das könne am Medikament liegen, das ich bekomme.“
„Das werden wir herausfinden, ich verspreche es.“ Sarah, die sich vorhin ebenfalls gesetzt hatte, stand auf. „Ich werde Sie jetzt mal verlassen und denke, wir sehen uns morgen zu unserer ersten Therapiesitzung. Sobald ich den zeitlichen Ablauf hier auf Station und in der Klinik etwas besser verstanden habe, lasse ich Ihnen mitteilen, wann das sein wird. Einverstanden?“
„Wenn Sie meinen, Frau Doktor.“ Dass sie sich erst frühestens in einem halben Jahr mit ihrem Titel schmücken durfte, nämlich dann, wenn ihr Rigorosum vorbei war, verschwieg sie ihm. Die Patienten verstanden das sowieso nicht, der Arzt war von jeher auch der Doktor. Es wurde wie ein Synonym verwendet. Etwas erleichtert verabschiedete sie sich von Herrn Schrenk und hatte zum ersten Mal das Gefühl, tatsächlich wenigstens ansatzweise ärztlich tätig gewesen zu sein. Draußen auf dem Gang erwischte sie sich dabei, wie sie vorsichtig nach dem Gelbäugigen Ausschau hielt. Aber er war nirgends zu sehen, vielleicht war er wieder auf seiner richtigen Station gelandet, denn dass er ein Pfleger sein sollte, konnte sie sich beim besten Willen nicht vorstellen. Das Arztzimmer war leer, Max musste bei einem Patienten sein. Auf einen kleinen Teller hatte er ein paar Butterkekse geschüttet und einen Zettel mit einem Smily darauf dazu gelegt. Sie lächelte, goss sich dann eine Tasse Kaffee ein, und sog genießerisch den herrlich aromatischen Duft ein. Sie trank ihn immer schwarz, was sich als sehr praktisch entpuppt hatte, da man sich nie mit abgelaufener oder scheußlich schmeckender H-Milch rumärgern musste. „Zelmox“ stand auf ihrer Tasse, der Name irgendeines Neuroleptikums. Mehrere strahlende dynamische junge Leute tummelten sich auf einem blaustichigen Bild. Sie beschloss, ihre eigene Tasse mitzubringen. Es reichte ja wohl, wenn man Medikamente verordnete, man brauchte nicht unbedingt aus Tassen zu trinken, die einen auch noch daran erinnerten. Als nächstes musste sie auf Zimmer fünf. Wie er wohl war, dieser Adrian Steinbach? Sie stellte ihn sich ein wenig wie ein autisisches Monster vor, aber das war nicht fair. So durfte man als Ärztin nicht denken. Sie musste sich eingestehen, dass sie sogar recht neugierig war. Ein Mensch, der sein ganzes Leben lang unter einer starken schizophrenen Psychose gelitten und nebenher trotzdem Chemie und Biologie studiert hatte, war einfach eine therapeutische und menschliche Herausforderung. Sarah sprang auf. Die Uhr zeigte fünf Minuten nach zwölf, sie hatte also noch genug Zeit bis zur Übergabe. Vor Zimmer fünf angekommen straffte sie die Schultern, fuhr sich kurz durchs Haar und klopfte dann voller Elan an die Tür.
„Moment, bitte!“, antwortete eine tiefe Stimme, und es verstrichen einige Sekunden, dann wurde die Tür von innen aufgezogen. Sarahs Blick traf zuerst auf ein offen stehendes Hemd, aus dem eine nackte Männerbrust mit leicht gekräuseltem, dunklen Haar hervorlugte. Schlanke, braungebrannte Hände waren gerade dabei, es flink zuzuknöpfen. Sarah starrte auf die behaarte Männerbrust und wagte es kaum, die Augen auf sein Gesicht zu richten, denn was sie da zu sehen erwartete, wollte sie nicht glauben. Mit einem Mal begann sich alles in ihrem Kopf zu drehen, der Schwindel wurde immer heftiger, und in der nächsten Sekunde verlor sie das Bewusstsein. Als sie die Augen wieder aufschlug erkannte sie ihn sofort, und die Gewissheit war grausam. Dennoch schien sie sich in dem warmen Braun seiner Iris zu verlieren. Ihr Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Er kauerte am Boden und hielt sie in seinen Armen. Ihr Kopf war direkt an seine kräftige Brust gebettet und der Duft, den er ausströmte war atemberaubend. Er hielt sie mit einem Arm umschlungen, die Hand des anderen Armes lag auf ihrem Bauch. Heiße Schauer des Verlangens durchflossen ihren Unterkörper. Sie war wie erstarrt. Es war völlig unmöglich weiter so eng umschlungen hier auf dem Boden seines Krankenzimmers liegen zu bleiben.
„Es, es ist mir wirklich äußerst unangenehm…ich, ich.. “ Sein Arm umschloss weiter ihren Rücken, und sie schaffte es nicht, sich aus seiner Umarmung zu lösen.
„Sollten wir Dr. Horak rufen?“ Sein Blick hatte etwas Eindringliches, sie suchte verzweifelt etwas an ihm, dass auch nur ansatzweise verrückt wirkte. Doch, da war etwas. Er hob plötzlich den Kopf und sah über sie hinweg, die Pupillen starr und weit. Als sie sich umschaute, konnte sie nichts entdecken, er musste eine Halluzination haben. Diese Erkenntnis half ihr, sich endlich aus seinen Armen zu lösen.
„Es ist wirklich nicht nötig, Dr. Horak damit zu belästigen, ich bin ja selber Ärztin und versichere Ihnen, es ist alles in Ordnung.“ Sie hatte sich endlich wieder in der Gewalt, war aufgestanden und konnte beobachten, wie er sich zwang, seinen Blick von dem „Etwas“ zu lösen, das sich wohl irgendwo über ihrem Kopf befand. „Ich danke Ihnen, für ihre schnelle Reaktion, wer weiß, was ansonsten mit meinem Kopf passiert wäre.“ Sie strubbelte sich mit einer Hand durchs Haar.
„Vielleicht muss ich Sie jedes Mal auffangen, wenn wir uns begegnen.“ Er sah sie jetzt wieder direkt an. Er war sehr groß, größer als sie ihn aus der Begegnung in der Eingangshalle in Erinnerung hatte, das wurde noch dadurch betont, dass er so schlank war. Er senkte den Kopf. “Sie sind Ärztin?“ Schlagartig fuhr sein Kopf herum, und sein Atem beschleunigte sich.
„Was hören Sie?“ Sie fasste ihn am Arm, wie wunderbar es sich anfühlte, ihn zu berühren. Er erschauerte und seine vormals so warmen Augen bekamen einen gehetzten Ausdruck. In einer seltsamen Bewegung drehte er ihr wieder sein Gesicht zu. Schweißperlen standen auf seiner Stirn.
„Es liegt an Ihnen, sonst habe ich es im Griff, meistens zumindest.“ Er wirkte so entsetzlich müde. Sarah fühlte sich fast schuldig.
„Ich werde Ihnen helfen, ich bin nämlich nicht nur eine Ärztin, sondern seit heute auch Ihre Ärztin…“ -Ihre Ärztin- der Begriff stand in der Luft, war beinahe greifbar, denn sie wusste es sofort. Es würde keinen Patienten geben, dem sie mehr ihrer Kraft und ihres Könnens schenken wollte, als Adrian Steinbach.
