Die Quellen von Malun - Blutschicksal - Daniela Winterfeld - E-Book

Die Quellen von Malun - Blutschicksal E-Book

Daniela Winterfeld

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Beschreibung

"Er war der Herrscher über die Monster, auferstanden aus der Asche seiner Vergangenheit. Die letzte Etappe des Krieges gehörte ihm"

Die letzte Schlacht um Ruann und das versiegende Wasser steht kurz bevor. Böse Magie treibt das Heer von Sapion vor die Grenzberge von Malun. Nur mit Alias Hilfe kann es Dorgen noch gelingen, den vernichtenden Schlag gegen das Land der Götter zu verhindern. Feyla kämpft derweil auf Leben und Tod, um ihre Sippe und Dorgens Kinder vor ihrem grausamen Vater Walerius zu retten. Doch letztendlich hängt alles an Tailin. Nur gemeinsam mit Leymon kann er die verschollene Maluna wiederfinden und die Seele der Wassergöttin heilen. Aber Leymon hat einen schrecklichen Verrat begangen ...

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Seitenzahl: 1052

Veröffentlichungsjahr: 2021

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INHALT

CoverÜber dieses BuchÜber die AutorinTitelImpressumProlog1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. Kapitel17. Kapitel18. Kapitel19. Kapitel20. Kapitel21. Kapitel22. Kapitel23. Kapitel24. Kapitel25. Kapitel26. Kapitel27. Kapitel28. Kapitel29. Kapitel30. Kapitel31. Kapitel32. Kapitel33. Kapitel34. Kapitel35. Kapitel36. Kapitel37. Kapitel38. KapitelEpilogNachwort und Danksagung

ÜBER DIESES BUCH

»Er war der Herrscher über die Monster, auferstanden aus der Asche seiner Vergangenheit. Die letzte Etappe des Krieges gehörte ihm« Die letzte Schlacht um Ruann und das versiegende Wasser steht kurz bevor. Böse Magie treibt das Heer von Sapion vor die Grenzberge von Malun. Nur mit Alias Hilfe kann es Dorgen noch gelingen, den vernichtenden Schlag gegen das Land der Götter zu verhindern. Feyla kämpft derweil auf Leben und Tod, um ihre Sippe und Dorgens Kinder vor ihrem grausamen Vater Walerius zu retten. Doch letztendlich hängt alles an Tailin. Nur gemeinsam mit Leymon kann er die verschollene Maluna wiederfinden und die Seele der Wassergöttin heilen. Aber Leymon hat einen schrecklichen Verrat begangen …

ÜBER DIE AUTORIN

Daniela Winterfeld wurde 1978 in Rheda-Wiedenbrück in NRW geboren. Sie ist in Westfalen auf einem Bauernhof aufgewachsen, zwischen Natur und Tieren und in einem riesigen Haus, auf dessen Dachboden sich die Familiengeschichte von 500 Jahren finden ließ.

So ist es kein Wunder, dass sie bereits in ihrer Jugend mit dem Schreiben begann. Später studierte sie Literaturwissenschaften mit den Nebenfächern Geschichte und Psychologie.

Bis heute dienen ihr historische Begebenheiten, Märchen, Mythologie und die menschliche Psyche als liebste Inspiration für ihre Bücher. Inzwischen lebt die Autorin mit Mann und Kindern in Berlin.

Daniela Winterfeld

BLUTSCHICKSAL

Die Quellenvon Malun

Roman

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Originalausgabe

Copyright © 2021 by Bastei Lübbe AG, Köln

Einband-/Umschlagmotiv: © Guter Punkt, München

Umschlaggestaltung: Guter Punkt, München | www.guter-punkt.de

eBook-Produktion: hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-7325-8804-6

www.luebbe.de

www.lesejury.de

PROLOG

Galejas wissende Chronik der VergangenheitBuch Vilaria

40 Jahre vor Beginn der Blutära

Es begab sich zu jener Zeit, als der Frieden auf Ruann noch allgegenwärtig war. Zu jener Zeit also, als Sapioner, Faruaner und Vaikuni noch friedlich Handel trieben und gute Beziehungen unterhielten. Damals nährte das Wasser die Erde, regelmäßige Schauer erneuerten die Fruchtbarkeit der Böden, und selbst auf den südlichsten Feldern und Plantagen Sapions wuchsen Früchte und Getreide in einer Fülle, die allen Menschen und Tieren ein Auskommen sicherte. Niemand zweifelte an den Göttern Maluns, wenn auch die Vaikuni und die Faruaner die meiste Kunde von ihnen besaßen und ihre Völker am stärksten von Göttlichkeit durchdrungen waren.

Zu jener Zeit unternahm Sapion, der Herrscher Sapions, eine mehrere Jahre währende Reise durch Farua, um jemanden zu finden, der ihm in seiner dringendsten Sorge Hilfe leisten konnte. In all den Jahren ihrer Ehe war es ihm und seiner Frau Migera nicht gelungen, ein Kind zu zeugen. Inzwischen hatten sie beide ein fortgeschrittenes Alter erreicht, und Sapion fürchtete, sein Reich eines Tages ohne einen Nachfolger zu hinterlassen. Ihm blieb somit die Wahl, seine Frau zu verstoßen und sich eine jüngere zu nehmen – oder Rat bei den Göttern Maluns zu suchen.

Da er Migera über alles liebte, entschied er sich für Letzteres, und seine Reise führte ihn in jene Dörfer, in denen die mächtigsten Gottgeborenen leben sollten. Seine Frau und er fanden Hilfe bei einem Priester Valjans, der ihnen die Kraft eines göttlichen Steines zuteilwerden ließ. Sapion sollte den weiß leuchtenden Kristall als Amulett um seinen Hals tragen, um einen Sohn und Thronfolger zu zeugen, wenn er bei seiner Frau lag. Sapion tat wie ihm geheißen, und so zeugte er mit Migera sein erstes und einziges Kind. Der Valjaner stellte jedoch eine Forderung an Sapion, als Preis für die göttliche Hilfe und zur Vorbereitung auf das Leben mit einem gottgeborenen Kind. Sapion und Migera sollten ihre Reise im Einklang mit der Natur fortsetzen, um Demut zu lernen und die Nähe zu den Göttern und dem göttlichen Kind zu spüren. Der Valjaner nannte ihnen Dörfer, in denen sie Halt machen sollten, um dort den Segen der mächtigsten Gottgeborenen zu empfangen und von ihnen umfassendes Wissen über gottgeborene Kinder zu erlangen.

Eine Reise im Einklang mit der Natur ließ es jedoch nicht länger zu, mit dem Tross und den Annehmlichkeiten eines Herrschers zu reisen. Zudem waren die Wege in Nordfarua kaum mehr als Pfade. So kam es, dass Sapion und Migera hoch zu Ross reisten und nur einen einzigen Mann zu ihrem Schutz mitnahmen.

Bei den Zusammenkünften mit den Gottgeborenen lernte Sapion mehr über Natur und Menschlichkeit, als er je zuvor in seinem Leben gelernt hatte. Er traf Priester und Priesterinnen Zabinos, die ihn über die Geheimnisse eines friedlichen Zusammenlebens aufklärten. Er redete mit den Heilerinnen von Sajuna über Medizin und Gesundheit, und von einer Priesterin Galejas erhielt er umfangreiche Nachhilfe in der Geschichte der Menschheit und ihres Planeten. Mit Valjanern sprach er über Macht und Herrschaft und die Kunst, diese in Gerechtigkeit und Güte auszuüben. Bildung für alle, so sagten sie, sei der Schlüssel zu Gerechtigkeit und Fortschritt. Und ein Herrscher müsse die Selbstlosigkeit besitzen, sich als Diener seines Volkes zu betrachten und nicht als dessen Machthaber.

Nach all diesen Gesprächen beschloss Sapion, mit seiner Rückkehr in die Heimat für mehr Gerechtigkeit in seinem Volk zu sorgen. Er wollte Krankenhäuser bauen und Schulunterricht für alle Kinder einführen, sogar für die Mädchen. Die schlauesten unter ihnen sollten Wissenschaftler werden, und einige sollten eine Ausbildung für den diplomatischen Dienst erhalten, um den regen Austausch mit anderen Völkern zu gewährleisten. Doch als Herzstück seiner Mission nahm Sapion sich vor, den Glauben an die Götter Maluns als Religion für die Sapioner zu etablieren und damit die sapionische Kultur an die der Faruaner anzunähern.

Nur die Kontakte zu vier Gottheiten fehlten ihm noch auf seiner Reise. Er wollte die Pamuschkrieger besuchen und erstmals mit jemandem dieses fremdartigen Volkes sprechen. Ganz besonders verlangte es ihn, mit einem Priester Gamons zu reden, in der Hoffnung, etwas Gutes über seine Zukunft zu erfahren. Doch vor allem ein Treffen mit Talun und Maluna stand noch aus. Die beiden höchsten Götter wollten in das nördlichste Dorf Faruas kommen, um das göttliche Kind in der Welt zu begrüßen. So zumindest war es Sapion versprochen worden. Insbesondere Taluns Schutz über die göttliche Kinderseele war der wichtigste Segen, der den kleinen Thronfolger vor Unheil bewahren sollte. Direkt nach der Geburt sollte Talun die Seele des Kindes mit einem lebenslangen Schutz überziehen, damit sie niemals gebrochen werden konnte.

Doch je mehr das Ungeborene in Migeras Leib heranwuchs, desto mühsamer wurde ihre Reise. Ihre betagten Jahre erschwerten ihr die Schwangerschaft, und die Etappen im Sattel durften nur kurz sein. So kam es, dass sie für den letzten Teil ihrer Reise länger brauchten als geplant. Doch obwohl Migera Sapion anflehte, bis zur Geburt in einem der Dörfer zu bleiben, in denen es wenigstens eine Hebamme gab, nahm er sich vor, das Reiseziel noch vorher zu erreichen.

Die Natur im Norden von Farua wurde immer undurchdringlicher. Die letzten Abschnitte ihrer Reise führten das Paar durch eine Wildnis aus Wäldern und Sümpfen, und die Pausen, die Migera benötigte, um sich von den Strapazen zu erholen, wurden immer länger. So geschah es, dass die Geburtswehen einsetzten, noch bevor die Reisenden ihr Ziel erreicht hatten. Migera gebar ihren Sohn auf einer Waldlichtung ohne die Hilfe einer Hebamme und ohne den Schutz einer Hütte. Nur ihr Ehemann versuchte ihr beizustehen, während der Soldat, der sie begleitete, vorauseilte, um im nächsten Dorf um Hilfe zu ersuchen.

Die Geburt des Kindes war schwer und zehrte die letzte Kraft aus Migeras alterndem Leib. Mit kraftraubenden Atemzügen presste sie ihren Sohn hervor, ehe sie in den Armen ihres Mannes starb.

Voller Verzweiflung blieb Sapion mit seinem Sohn zurück. Nun verfluchte er die Tatsache, dass er noch keinem Priester Gamons begegnet war, der ihm diese Zukunft hätte vorhersagen können. Er trauerte um Migera, aber noch mehr sorgte er sich um das Überleben seines Kindes. Bis zum nächsten Dorf musste es weiter als eine Tagesreise sein, und der Soldat würde so schnell nicht mit Hilfe zurückkehren.

Sapion legte das Kind an die Brust der Toten, damit es wenigstens eine erste Mahlzeit aus Milch bekam. Aber schon am nächsten Tag würde der Kleine hungern müssen, wenn sich nicht bald eine Amme fand. Gleich am Morgen wollte Sapion mit dem Kind allein weiterreiten, um ein Dorf zu finden. Aber zunächst brach die Nacht an, und diese Nacht musste der Herrscher mit seinem Sohn in der Wildnis ausharren.

Das Blut und der Geruch der Toten lockten jedoch die Vatus an, die sich mit Einbruch der Dunkelheit rund um die Lichtung versammelten. Ihr Heulen drang Sapion durch Mark und Bein. Er allein würde versuchen müssen, sein Kind gegen die wilden Tiere zu verteidigen. Also wickelte er seinen Sohn in ein Tuch und schwang sich mit ihm in den Sattel. In der hereinbrechenden Dunkelheit ritt er immer tiefer in den Wald. Doch die Vatus hatten es auf das frische Fleisch des Neugeborenen abgesehen und zogen ihre Kreise immer enger um das Opfer. Als Sapion im Dickicht nicht weiterkam, knotete er das Tuch zu, in dem das Kind lag, und band es vom Rücken des Pferdes aus an einen hoch hängenden Ast. Dann ließ er das Pferd laufen und lockte die Vatus von dem Kind fort, indem er sich selbst als Köder darbot. Als er weit genug von dem Neugeborenen entfernt war, zog er sein Schwert und stellte sich den wilden Tieren. Er war ein erfahrener Kämpfer, der von sich glaubte, auch gegen ein Rudel von Vatus bestehen zu können. Doch er hatte weder mit der Dunkelheit noch mit den Taktiken der Raubtiere gerechnet. Die Vatus waren erfahrene Rudeljäger, deren Techniken aus Täuschung und Hinterhalt bestanden. Während Sapion versuchte, sich gegen drei angreifende Vatus zu verteidigen, sprangen ihn zwei weitere von hinten an und rissen ihn zu Boden. Zu acht stürzten sich die Raubtiere auf den alten Mann, zerbissen seine Kehle und schleppten die Beute zu der Erdhöhle, in der die Hündinnen ihre Welpen großzogen.

Das Kind aber blieb allein zurück im Schutz des Baumes. Hunger und nächtliche Kälte brachten den Säugling zum Schreien, aber niemand außer den wilden Tieren hörte seine tödliche Verzweiflung, bis er in einen erschöpften Schlaf fiel.

Tage später, als Sapions Diener mit einer Heilerin und mehreren Dorfbewohnern zum Lagerplatz zurückkehrte, hatten die Aasfresser von Migera kaum noch ein Skelett übrig gelassen. Auch die Vorräte waren von wilden Schweinen und Vögeln zerwühlt worden. Die Männer versuchten, den Spuren von Sapion zu folgen, aber das Zickzack der Pferdehufe verlor sich in einem Sumpf.

So kam es, dass weder Sapions Überreste vor der Höhle der Vatus gefunden wurden noch das Bündel mit dem schlafenden Knaben. Zunächst glaubten die Faruaner, Sapion sei mit seinem Kind geflohen. Erst Monate später wurde klar, dass der Herrscher in keinem der Nachbarorte gesehen worden war. Und schließlich ging man davon aus, dass Vater und Sohn den Vatus zum Opfer gefallen waren.

Der Junge war jedoch von göttlichem Geblüt. Trotz der schrecklichen Umstände wuchs er weiter heran. Die Müdigkeit ließ nach, und seine Lunge gewann an Kraft. Doch seine hilflosen Schreie lockten nur die hungrigen Tiere an. Längst lauerten die Vatus wieder unter dem Baum und sprangen vergeblich daran hinauf. Die Aasvögel hingegen hatten leichteres Spiel. Hungrig pickten sie durch die Lücken des Tuches, rissen Löcher in die junge Haut und naschten von dem Fleisch des Kindes. Doch die göttliche Kraft des Jungen war stärker als die tödlichen Wunden. Wann immer die Vögel davonflogen, wuchs das Fleisch des Kindes neu. Aber sobald sich der Junge erholt hatte, begann er erneut zu schreien – und lockte damit immer weitere Vögel an.

Ein Jahr und dreiundvierzig Tage überlebte der gottgeborene Junge, ehe Menschen in seine Nähe kamen und die panischen Schreie hörten. Die Faruaner retteten den Kleinen, in dessen Kleidung sein Name eingestickt war: Walis Sapion, Thronfolger des Reiches Sapion.

Doch ganz offensichtlich war das Kind von göttlichem Geblüt, und so übergaben sie den Jungen einer Priesterin Sajunas, die ihn heilen sollte. Seine Wunden waren allerdings so schwerwiegend, dass es weder die Heilkraft der Priesterin noch sein eigener göttlicher Anteil vermochte, sie vollkommen heilen zu lassen. Sowohl sein Gesicht als auch seine Arme blieben von hässlichen, wulstigen Narben entstellt.

Aber dies waren nur die sichtbaren Narben des Kindes. Weitaus schlimmer war die unsichtbare Zerstörung seiner Seele. Und so kam es, dass ein kleiner Junge den Scheideweg begründete, der ihre Welt ins Verderben stürzen würde.

1. KAPITEL

Heerlager Sapions

Alia

Mit einem wahnsinnigen Kreischen fegte der Sturm über Zeylem hinweg, wirbelte weiter durch das staatenlose Gebiet und riss alles mit sich, was sich ihm in den Weg stellte. Sand und Zweige stoben in einer Wolke voran, verlassene Hütten brachen zusammen, und selbst Baumstämme rollten wie Spielzeug über die Ebene. Je länger der Sturm wütete, desto heißer wurde die Luft, rieb sich glühend an der Erde und ihrem Widerstand. Der Atem des Sturmes stank nach fauligem Blut und lebendigem Tod. Menschen und Tiere duckten sich unter seinem Zorn und wurden dennoch von dem Wahnsinn erfasst, den er mit sich trug. Jeder gebrochene Splitter in der Seele eines Menschen entzündete sich an seiner Zerstörung.

Doch die Seelen von Frauen und Kindern, von älteren Sapionern und bedeutungslosen Sklaven interessierten den Sturm nicht. Seine Wut kannte vor allem ein Ziel – er musste diejenigen erreichen, die Waffen trugen und sich dort befanden, wo sein Zorn ungehindert wüten konnte. Bald schon würde es so weit sein. Bald schon würde der Wahnsinn in die Krieger fahren, bis sie nur noch eines wollten: töten. Morden. Vernichten.

Alles Leben, das auf dieser Erde geblieben war.

Alia fuhr auf. Ihr Atem ging keuchend, Schweiß nässte ihren Körper. Einen Moment lang saß sie einfach nur da, umhüllt von dämmeriger Dunkelheit. Wo war sie? Und was war geschehen?

Der Sturm! Gemeinsam mit seiner Wut war sie über die Landschaft gefegt, ganz so, als könnte sich ihr Geist von ihr lösen und mit dem Wind die Welt durchströmen.

Hieß das, sie hatte geträumt? Oder war es eine Vision gewesen?

Es konnte kein Traum sein. Sie hatte seit Tagen nicht geschlafen.

»Alia«, wisperte der Blutsohn. »Bitte verzeih mir. Bitte sieh mich nicht an, wenn ich so bin wie jetzt. Du bist alles, was ich noch habe.« Sein Körper lag auf ihrem Schoß, er klammerte sich an ihre Beine.

Erschrocken wich sie zurück, stieß ihn von sich – und erwischte nichts als das Laken, mit dem sie zugedeckt war.

Sie saß in ihrem Bett. Um sie herum war das Hurenzelt. Nur Dorgen lag neben ihr auf dem Kissen.

Keuchend beugte sie sich vor, rieb sich das Gesicht und stützte ihren Kopf in die Hände. Die Visionen kamen und gingen, zeigten ihr zu viel und ließen ihr kaum Zeit, um alles zu begreifen.

Sie hatte Lunis’ Gesicht gesehen! Er war der Blutsohn.

Erschrocken hielt sie den Atem an. An ihn durfte sie nicht denken. Was sie gesehen hatte, war nur ein Hirngespinst, ein Schreckensbild, erschaffen aus ihren Ängsten.

Nur eine einzige Person war jetzt noch wichtig.

Dorgen! Allein seine Gegenwart warf einen Anker, an dem sie sich festhalten konnte. Zahlreiche Tage und Nächte mussten vergangen sein, seitdem er in das Hurenzelt zurückgekehrt war. Gefühlte Ewigkeiten hatten sie einander im Arm gehalten und sich geküsst, unzählige Male hatte sie mit ihm geschlafen.

Dennoch war der Kampf um Dorgens Seele noch nicht gewonnen.

Auch jetzt starrte er abwesend an das Zeltdach. Schwaches Morgenlicht drang durch die Plane und zeichnete graue Schatten auf sein Gesicht.

Irgendetwas stimmte nicht mit ihm. Heiße Magie strahlte von ihm ab. Er war ein Gottgeborener. Genauso wie sie. Doch seine Magie schwankte. Mal war sie warm und gütig wie ein Magnet, der Alia anzog. Doch manchmal kippte sie, wurde zornig und gierig und drohte alles zu verschlingen.

In solchen Momenten musste sie besonders auf ihn aufpassen.

Alia rückte näher, legte sich neben ihn und schob die Hand auf seine Schulter. »Was ist mit dir?«

Für eine ganze Weile sah es aus, als hätte er sie nicht gehört. Nur seine Magie pulsierte dunkel und verzweifelt, ganz so, als versuche er gegen etwas anzukämpfen. »Siberi«, erklärte er dann. »Ich habe von ihm geträumt. Er will mich wiederhaben.«

Dumpfe Schwere setzte sich in Alias Herz. Anfangs hatte sie geglaubt, dass ihre Magie überlegen genug war, um Dorgen zu retten. Doch Siberis Macht war wie ein hinterhältiges Gift. Immer wenn sie glaubte, den Heerführer geheilt zu haben, brach die Dunkelheit hervor und riss ihn erneut in den Abgrund.

»Es ist das Feuer.« Dorgens Kehlkopf bewegte sich, seine Lippen schnappten trocken nach Luft. »Es wird immer heißer. Hier.« Zitternd schob sich seine Hand über die Bettdecke, erreichte seine Brust und presste sich darauf. »Es will nach draußen. Zu ihm.« Schimmernde Schweißtropfen bildeten sich auf seiner Stirn, wurden größer und perlten an seinen Schläfen hinab. Plötzlich ging ein Ruck durch seinen Körper. Mit heftigen Bewegungen trat er die Decke fort, stieß sie mit den Füßen vom Bett und krümmte sich auf der Seite zusammen. Ein schmerzerfülltes Stöhnen wich aus seinem Mund. »Hilf mir!« Rücklings tastete er nach Alia, streifte ihren Arm und klammerte sich daran.

Seine Haut war nass! Nicht nur feucht, sondern triefend, als hätte er soeben gebadet. »Ich verdurste. Bring mir Wasser. Bitte.«

Sie hatten kein Wasser! Der Vorrat in ihrem Krug war schon seit Tagen verbraucht, ebenso wie das letzte Brot. Bis jetzt hatten sie nichts davon vermisst. »Du kannst nicht verdursten«, flüsterte sie. »Du bist ein Gottgeborener.«

Seine Antwort war ein Keuchen. Ein gewaltiges Zittern zuckte durch seinen Körper, der Schweiß rann nun in Strömen über seine Haut, lief seitlich an seinem Rücken hinab und sickerte in das Laken.

»Er verbrennt!« Die Stimme stach so plötzlich in Alias Gedanken, dass sie zusammenzuckte. »Gottgeborene können weder verdursten noch einen anderen menschlichen Tod sterben. Aber die Magie kann uns töten. Wenn er das Feuer entfesselt und dann in sich einschließt, verbrennt es ihn von innen.«

Alia kannte die Stimme. Es war ihr Lehrer. Seitdem sie im Heerlager war, gab er ihr Ratschläge. »Was soll ich tun?«

Die Stimme antwortete nicht sofort. Stattdessen sah sie Bilder. Sie stand auf einer weißen, glitzernden Brücke inmitten einer Höhle. Auch die Wände der Höhle waren weiß, ebenso wie die Decke und die Stalaktiten, die von oben herabhingen.

»Wasser zum Trinken wird ihm nicht helfen«, flüsterte die Stimme. »In seiner Seele muss das Feuer gelöscht werden.«

Unter der Brücke gluckerte Wasser. Erst jetzt erkannte Alia den See, der unter ihr lag. Das Wasser war so klar, dass sie bis auf den Grund schauen konnte. Mächtige Stalagmiten wuchsen aus dem unterirdischen See empor. Hier und da vereinten sie sich mit den Stalaktiten zu Säulen.

Salz. Die ganze Höhle bestand aus Salz.

»Es ist das Salz aus Taluns Tränen. Der See wird dich mit Dorgens Seele verbinden. Trag das Wasser mit dir und erinnere dich daran, wenn du sein Feuer spürst. Nur magisches Wasser besitzt die Macht, magisches Feuer zu löschen.«

Etwas Feuchtes tropfte auf ihre Brust, riss sie fort aus der weißen Höhle und warf sie zurück in das Zelt. Der blaue Stein! Er leuchtete, weinte. Kühle Tränen liefen heraus und flossen zwischen ihren Brüsten herab.

Plötzlich verstand sie, was zu tun war und wie es funktionierte. Das Wissen sprang sie an, als hätte sie das passende Lehrbuch schon immer besessen und nun die richtige Seite gelesen.

Mit den Fingern strich sie die Tränen von ihrem Bauch, streckte die Hand aus und berührte Dorgen an seiner Seite.

Sein Körper zuckte zusammen, seine Haut glühte und war gleichzeitig nass. Tränen und Schweiß flossen ineinander, leises Zischen erfüllte die Luft, während die Flüssigkeit auf seiner Haut verdampfte. Keuchend drehte er sich auf den Rücken. Glasig starrte sein Blick an das Zeltdach, weit entfernt und zugleich wie das Tor zu einer zerstörten Welt.

Alia schob ihr Bein über seine Hüfte, verlagerte ihr Gewicht, bis sie auf ihm lag. Im nächsten Moment war er in ihr. Es war das Feuer, das ihn erregte, das er gewaltsam in sich verschlossen hielt und das dennoch aus ihm herausdrängte.

»Tu das nicht.« Sein Protest klang heiser. Hastig schloss er die Augen. Dennoch spürte sie das Inferno dahinter.

»Wie lange willst du noch versuchen, das Feuer mit deinem Körper zu fangen?« Alia beugte sich noch tiefer über ihn. Zischend berührte der Stein seine Brust.

Es war dieser Moment, in dem Dorgens Beherrschung brach. Ein Stöhnen entwich seinem Mund, seine Hände packten ihre Oberschenkel, zogen sie näher und gaben die Bewegung vor. Sobald er die Augen öffnete, sprang ihr das Feuer entgegen. Tosend schlug es über Alia zusammen, verschlang ihren Körper und ihre Magie gleich mit. Eine Wolke aus Dampf schoss in die Höhe, vernebelte ihre Sicht, bis kochende Tröpfchen auf sie herabregneten.

Als die Explosion verstummte, befand sie sich im Dunkel des Bergwerkes. Nur eine Fackel erleuchtete den Tunnel, Wasser tropfte aus ihren Haaren. Vor ihr stand der Blutsohn. Er schubste sie vorwärts, stieß sie zu Boden und nahm sie mit Gewalt. Dennoch sah Alia ihn an. Ohne zu blinzeln, hielt sie seiner Magie stand. Unaufhörlich strömte der Wahnsinn auf sie ein. Aber über ihr lag etwas, eine Art Schutzschild, an dem sein Wahnsinn abprallte. Und während sämtliche Gefühle still wurden, erkannte sie sein Gesicht. Laut und deutlich hallte der Name des Blutsohnes in ihr wider: Lunis! Sein wahrer Name lautete Lunis! Er war der Junge, den sie als junges Mädchen geliebt hatte.

Ihr Schutzschild zersprang. Das Feuer erfasste ihr Herz, brannte es nieder und schlug sich in ihre Eingeweide. Wahnsinn strömte in ihren Geist, ließ das Gesicht des Blutsohnes um sie herumkreisen. Kreischend fegte der Sturm über das Land. Der Sturm aus ihrer Vision. Er war nah. Er kam hierher. Bald würde er das Heerlager verschlingen und mit ihm die Seelen der Krieger.

»Du musst dich erinnern!« Die Stimme kam von weitem. Doch woran sollte sie sich erinnern?

Das Wasser! Sie trug Wasser mit sich. Magisches Wasser, das die Macht besaß, das Feuer zu löschen.

Die weiße Höhle! Nur dort war das Wasser stark genug, um das Feuer zu besiegen. Sie musste dorthin, musste denjenigen mitnehmen, den es zu heilen galt.

Ihre Hand fasste nach etwas, das kühl auf ihrer Brust hing. Klebrige Nässe setzte sich zwischen ihre Finger, ließ das Bild der Höhle aufblitzen. Sie stand auf der Brücke, der weiße See lag unter ihr. Doch sie war nicht allein. Da war jemand bei ihr, in ihr, wie ein Teil, der mit ihr verschmolz. Dorgen. Sein Feuer verbrannte sie beide. Nur das Wasser konnte den Brand löschen.

Sie mussten springen. Jetzt. Alia fasste seine Hand, zog ihn mit sich und sprang. Zischend schlug das Wasser über ihr zusammen, ihr Körper sank tief, berührte den salzigen Felsen am Grund. Dann kam sie hoch, zurück an die Oberfläche, zusammen mit ihm. Dorgen. Sie hielt ihn im Arm. Sein Körper war heiß, doch er glühte nicht mehr. Ganz so, als wäre das Feuer gelöscht.

»Der See wird euch verbinden«, flüsterte die Stimme. »Gänzlich heilen wirst du ihn hier nicht können. Aber dein Schutz wird sich über ihn legen, wenn ihr eins seid.«

Eins mit Dorgen. Sie spürte nicht nur seinen Körper. Auch seine Seele war Teil von ihr, seine Qual, seine Schuld. Er allein hatte den Wald abgebrannt, er allein hatte die Krieger in die Schlacht geführt.

»Nicht du allein!«, wisperte Alia. »Siberi hat dich benutzt. Er war es. Du musst dir selbst vergeben.«

Er konnte es nicht. Konnte sich selbst nicht vergeben. Zu schlimm waren seine Taten. Er war zu schwach gewesen, um Siberi zu widerstehen. Nun zahlte die ganze Welt den Preis dafür.

»Gänzlich heilen wirst du ihn hier nicht können«, wiederholte die Stimme. »Dafür bräuchte es den roten See. Doch sein blutiges Wasser ist gefährlich. Und seine Wirkung wird sich nur voll entfalten, wenn ihr dort seid.«

Der rote See. Wieder blitzte ein Bild auf. Der Eingang einer Höhle. Sie lag etwas höher, so hoch, dass man sie nur kletternd erreichte. Rötliches Licht schimmerte heraus. Doch da war noch etwas. Alia ging näher heran. Ein Rinnsal aus roten Tränen lief die Felswand herab. Sie streckte die Hand aus, berührte das Wasser und fühlte das klebrige Blut zwischen ihren Fingern. Der ganze See wäre zu gefährlich. Aber was, wenn schon ein Tropfen reichte?

Dorgen war bei ihr, unter ihr. Das Feuer mochte gelöscht sein. Dennoch stöhnte er unter der Qual seiner seelischen Wunden. Alia spürte den Tropfen auf ihrem Finger, suchte Dorgens Brust und streifte darüber.

Er schnappte nach Luft, bäumte sich auf und schrie. Sein Feuer sprang hervor, schlug über ihr zusammen und erstickte in ihrem Wasser. Ein Gesicht blitzte auf. Siberi. Seine schwarzen Locken, die schönen Augen. Liebe. Ein Gefühl, das hier war und dennoch nicht dem schönen Jungen gehörte. Siberis Gesicht verwandelte sich, wurde zu einem Mädchen. Feyla. Sie war diejenige, die er liebte. Sie und nur sie.

Die Reste des Feuers verdampften. Dorgens Hände waren auf ihrem Rücken, hielten sie fest, während sein Keuchen allmählich abflaute. Alia spürte ihn in sich. Ein warmes Pulsieren zeugte von der Lust, in der sich das Feuer entladen hatte.

Heftige Liebe krallte sich in ihre Brust. Ihre Liebe zu ihm. Oder war es seine Liebe zu Feyla? Oder kam es von dem Stein, der auf ihrer Haut weinte?

Dorgens Gesicht war direkt vor ihrem. Sie küsste ihn, seine Wangen, seine geschlossenen Augen … Salzige Tränen und bitterer Schweiß vermischten sich auf ihren Lippen. Ein Teil ihres Geistes berührte noch seine Seele. Es war ihre Aufgabe, ihn zu schützen.

Aber würde es ausreichen?

Der Sturm. Er war nah!

Dorgen sah sie an. Endlich war sein Blick klar. Dennoch glitzerte Schrecken in seinen Augen. Plötzlich stieß er sie zurück, wich unter ihr zur Seite und floh ans Kopfende des Bettes. »Was war das?« Er zog die Beine an den Oberkörper. »Was hast du getan?«

»Das …« Alia wusste nicht, was sie sagen sollte. Warum hatte er solche Angst? »Ich hab dein Feuer gelöscht. Und dich von Siberi befreit.«

Dorgen keuchte auf. Sein Blick streifte den leuchtenden Stein. »Haben wir ein Kind gezeugt?«

»Was?« Entsetzt sah Alia an sich hinab. Der blaue Stein pulsierte. »Ich kann keine Kinder bekommen.«

War das wirklich so? Dorgens Blick sprach von seinen Zweifeln. »Feyla konnte auch keine Kinder bekommen. Nur mit dem leuchtenden Stein ist sie schwanger geworden.«

Eine harte Schlinge legte sich um Alias Hals. Konnte so etwas sein? Mit Mariusch hatte der Stein niemals geleuchtet. Der Blutsohn hatte abgebrochen, sobald er den Stein erblickte. Nur bei Dorgen … Bei ihm leuchtete der Stein nicht zum ersten Mal.

»Ich bin nicht schwanger.« Ihre Worte klangen wie eine Beschwörung. Sie war noch nicht lange genug mit Dorgen zusammen, als dass sie eine Schwangerschaft hätte bemerken können. Was, wenn es längst geschehen war? Ausgerechnet jetzt, mitten im Krieg, mitten im Heerlager. Von einem Mann, der eine andere liebte. »Ich bin nicht schwanger.« Sie wiederholte es. Vielleicht wurde es wahr, wenn sie es oft genug aussprach.

Erst dann fiel ihr die Erklärung ein. »Der Stein hat andere Magie gewirkt.« Er hat uns zu dem weißen See geführt, hat dein Feuer gelöscht und deine Seele von Siberi befreit.

Stöhnend fasste Dorgen an seine Schläfe. Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie in seine Gedanken gesprochen hatte. Der Stein hat uns verbunden.

»Verflucht!« Dorgen sprang aus dem Bett, wich vor ihr zurück und starrte sie an. »Du bist eine Vaikunihexe!«

Das Wort traf sie wie ein Pfeil. Selbst wenn es die Wahrheit war – er sollte sie nicht so nennen. Nicht ausgerechnet er. »Ich habe dich geheilt.«

Ein heiseres Lachen kam aus seiner Kehle. »Ja. Vielleicht.« Er fuhr sich mit der Hand durch die Haare.

Vielleicht hatte sie ihn geheilt. Und was, wenn nicht? Gänzlich heilen wirst du ihn hier nicht können.

»Wir sind also Gottgeborene.« Dorgens Stimme klang provokant. »Richtig?«

Alia nickte.

»Und unsere Fähigkeiten werden stärker, wenn wir nichts essen und trinken?«

Wieder nickte sie. Aber worauf wollte er hinaus?

Ein weiteres Lachen entwich ihm. Oder war es ein Schnauben? »Und dieser Schwindel …« Er machte eine Drehbewegung um seinen Kopf. »Kommt der daher? Weil wir immer göttlicher werden?«

Alia spürte den Schwindel ebenfalls. Es fühlte sich an, als würde das Bett schweben. »Das ist die Askese. Sie verstärkt unsere Magie.«

»Meine Magie soll sich nicht verstärken.« Mit einem Ruck bückte er sich nach seiner Kleidung. »Und deine besser auch nicht.« Plötzlich sah er sie an, als hätte er vor ihr noch mehr Angst als vor Siberi. »Ich hole uns was zu essen.«

»Nein!« Alia sprang auf. Doch sie konnte ihn nicht festhalten. Mit raschen Bewegungen schlüpfte er in seine Lederhose und streifte sich ein Hemd über. »Geh nicht raus!«, rief sie. »Ich bin mir nicht sicher, ob der Schutz hält, wenn du Siberi begegnest.«

Wieder bedachte er sie mit dem misstrauischen Blick. »Und ich frage mich manchmal, wer von euch beiden der größere Dämon ist.«

Sie verlor ihn! Wenn er jetzt ging, dann verlor sie ihn. Der Sturm! Er ist bald hier! Alia griff nach Dorgens Arm, doch er brauchte nur einen kleinen Ruck, um sich zu befreien. Mit wenigen Schritten war er beim Ausgang und stieß die Zeltplane mit der Schulter zur Seite.

***

Siberi

In seiner Brust brannte ein Loch. Seitdem Dorgen sein Bett verlassen hatte, war es da und verströmte glühenden Schmerz. Er hatte seine Magie an Dorgens Feuer gekoppelt. Um noch stärker zu sein, um noch größeren Zauber zu wirken. Aber nun, da Dorgen fort war, rächte es sich. Als wäre seine Magie allein nicht stark genug.

Oder war es etwas anderes? Irgendetwas fehlte ihm. Aber was?

Manchmal ritt er vor an die Front und versuchte, die Kämpfer in ihrem Angriff zu befehligen. Doch an den meisten Tagen lief er ziellos durch die Gänge des Lagers. Auch jetzt schlängelte er sich zwischen den Kriegern umher. Jemand rempelte gegen seine Schulter, aber es war egal. Seine Gedanken galten nur dem einen: dem Heerführer, seinem Liebhaber. Dorgens Widerstand war stark gewesen. Um ihn gefügig zu machen, hatte er zu viel Magie benötigt – zu viele Gefühle, die jetzt noch in ihm wüteten.

Siberi wollte ihn! Brauchte ihn! Musste noch einmal seine Seele berühren und spüren, wie sie brach. Oder war sie noch gar nicht gebrochen?

Siberis Gedanken verirrten sich im Schwindel. Die Erschöpfung riss an seinem Inneren. Etwas Schreckliches verbarg sich darin. Finsternis. Schmerz! Wie der Puls einer verlorenen Erinnerung.

Seine Schritte wurden schneller, er eilte den Hügel hinauf, der am Rand des Heerlagers lag. Dort oben würde es ihm besser gehen. So wie jedes Mal.

Wie gebannt blieb er stehen, als er den höchsten Punkt des Hügels erreicht hatte. Die Weite des verbrannten Waldes erstreckte sich vor ihm. Heute war die Sicht klar genug, um die Aschewüste zu überblicken. Doch selbst von hier oben aus reichte die Zerstörung bis zum Horizont – und vermutlich darüber hinweg. Nur eine wabernde schwarze Linie in der Ferne irritierte ihn. Konnte das die Front sein?

Nein, so weit konnte man von keinem Punkt der Welt aus schauen. Vermutlich war es nur das Flirren der Hitze, das mit der Morgendämmerung einsetzte.

Der Anblick reagierte mit dem Feuer in seinem Inneren. Er musste den Hass entladen, brauchte endlich Erlösung.

Mit Dorgen hatte er all das ausleben können. Mal war es Gewalt gewesen, die wie ein unmenschlicher Strudel in ihm tobte, und dann wieder Zärtlichkeit, die jede Faser seines Körpers zum Zittern brachte. Jedes Gefühl für sich war zu groß gewesen, um es zu fassen, und gemeinsam zu stark, um es zu ertragen. Siberi verstand sich selbst nicht mehr. War er nicht der Meister der Selbstkontrolle? Hatte er nicht jede Regung im Griff? Jedes Gefühl ein sorgsam geschliffenes Instrument?

Er hatte geglaubt, das mit dem Heerführer müsse ein Kinderspiel werden, eine Fingerübung, die seine Magie kaum forderte. Stattdessen hatte Dorgen etwas in ihm entfesselt, das sich jeder Kontrolle entzog, eine Art von Verzweiflung, von der er nichts geahnt hatte.

Langsam drehte er sich um, blickte zurück auf das Heerlager und wurde wie magisch angezogen von dem bunten Hurenzelt. Dorgen war darin, ganz deutlich konnte er ihn fühlen, die Verbindung zwischen ihnen, die noch immer bestand, ganz egal, was die Vaikunihexe versuchte. Ein guter Teil der stolzen Heerführerseele gehörte ihm, allein ihm.

Für einen Augenblick war der Drang, der ihn zu Dorgen zog, stärker als sein Wille zu überleben. Siberi wollte zum Zelt des Heerführers laufen, wollte Dorgen herausbefehlen und ihn erneut in Besitz nehmen. Doch seine Füße klebten am Boden fest. Da war etwas an Dorgen – oder an der Hexe? –, wenn er dorthin ginge, würde er endgültig die Kontrolle verlieren.

Genau in diesem Moment wurde die Zeltplane beiseite geworfen. Als hätte Dorgen seine Gedanken gelesen, eilte er heraus.

Von weitem erhob sich tosender Lärm.

***

Alia

Alia wollte Dorgen nachrennen. Doch sie war nackt. Hastig durchsuchte sie die Truhe. Aber nur Dorgen besaß noch Kleidung, die über ein schlichtes Nachthemd hinausging. Sie nahm eines seiner schwarzen Hemden, dazu eine Lederhose, die viel zu weit um ihre Beine hing. Als sie auf den Zeltausgang zueilte, erhob sich tosender Lärm aus der Ferne. Sie sprintete nach draußen. Eine Staubwolke fegte auf das Heerlager zu, wirbelte den Hügel herab und erfasste die ersten Zelte. Die Planen flatterten, Spannleinen rissen, und die Krieger stolperten zurück. Ein gellender Schrei klang aus dem Sturm, raste mit der Staubwalze auf sie zu.

Es war der Sturm aus ihrer Vision! Oder der Blutwind? Oder war beides dasselbe?

Zelte wurden in die Luft gerissen. Krieger und Sklavinnen gingen unter der Wucht in die Knie, warfen sich flach auf den Boden oder pressten die Hände auf ihre Ohren.

Dann war der Sturm bei ihr, erfasste ihren Körper und ließ sie straucheln. Voller Gewalt riss er an ihren Haaren, fing sich in ihrer Kleidung und fegte sie beinahe von den Füßen. Ein bestialischer Schrei gellte in ihren Ohren, reiner, vollblütiger Irrsinn. Das Kreischen fuhr in ihr Inneres, wollte ihre Seele erfassen und prallte an dem sonderbaren Schutzschild ab, den sie vorhin, in der Vision, zum ersten Mal gespürt hatte. Doch wie lange noch? Woher stammte dieser Schutzschild, und wie lange würde er halten?

Was auch immer es war – sie brauchte den Schild, um gegen den Sturm zu bestehen. Todbringende Magie wohnte in seinem Kreischen.

Voller Entsetzen öffnete sie den Mund, breitete die Arme aus und schrie gegen den Wahnsinn an. Die Magie vibrierte in ihrer Stimme, blies ihren Schutzschild auf, bis er sich als Segel über sie spannte.

Der Irrsinn prallte daran ab, verwirbelte sich und kreischte in alle Richtungen davon.

Doch nur sich selbst konnte sie schützen. Nicht die anderen, die durch die Gänge torkelten. Der Wahnsinn machte keinen Unterschied zwischen Huren und Sklaven, zwischen braungekleideten Offizieren und einfachen Soldaten. Manche traf es sofort, andere verzogen die Gesichter vor Qual und kämpften gegen den Schrei an, ehe sie keuchend zu Boden sanken. Das Ergebnis war bei allen dasselbe. Alia konnte den Wahnsinn spüren, wie er blitzschnell eindrang und in den zerstörten Seelen Wurzeln schlug.

Ihr eigener Schrei versiegte. Der Schutzschild flatterte um sie herum und schirmte das Wüten von ihr ab. Nur die Bilder konnte sie sehen: Eine junge Hure stolperte an ihr vorbei und lachte irrsinnig. Hinter ihr war ein Krieger, der mitten im Lauf zusammenbrach und sich gepeinigt am Boden rollte. Ein braungewandeter Offizier tanzte mit ausgebreiteten Armen und fiel mit seiner Stimme in das Brüllen des Sturmes ein.

Im nächsten Moment war das Kreischen überall. Aus tausenden Mündern erhob es sich über dem Lager, hoch und schrill. Soldaten und Sklaven vereinten ihre Stimmen, Männer und Frauen gleichermaßen. Ein Kollektiv des Wahnsinns, das sich aufeinander einschwor, als besäße es nur eine Seele.

Dann verstummte der Laut. Die Münder klappten zu, und die Blicke wurden leer. Mechanisch und stumpf starrten Krieger und Sklavinnen vor sich hin. Als wären sie bereit, die Befehle eines höheren Wesens zu empfangen.

***

Siberi

Der Lärm riss Siberi aus seinen Gedanken. Eine Walze aus Staub und Wind raste auf das Heerlager zu. Dorgen erreichte das Versorgungszelt und verschwand darin, noch bevor der Sturm das Heerlager traf. Gleich darauf überrollte die Walze die ersten Zelte, ergriff die Krieger, Huren und Sklaven. Siberi breitete die Arme aus, als der Sturm den Hügel herauffegte. Der Wind erfasste ihn gemeinsam mit einem Schrei. Wie ein Blitz fuhr der Wahnsinn in seinen Geist und zuckte durch seine Seele: Irrsinn und Verzweiflung, Dunkelheit und Schmerz. Die Wucht der Qual ließ ihn in die Knie gehen. Es war jetzt. Hier. Finsternis und Pein. Stimmen und Befehle. Namenloses Grauen, das alles erfasste. Wie ein sterbendes Tier wand sich sein Körper am Boden. Und dennoch hielt er durch. Tag um Tag. Monat um Monat. Jahr um Jahr. In Wellen rollte die Qual über ihn hinweg. Immer neue Pein. Er suchte Worte für das Grauen. Doch nur Laute erfüllten seinen Kopf. Kreischen. Heulen. Raues Kratzen, das seine Stimme entstellte.

Es war nicht jetzt, nicht hier. Es war Vergangenheit. Aber wann? Wann war es gewesen? All das hatte er schon einmal gesehen, schon einmal gefühlt. Doch die Worte dazu kamen erst jetzt, Worte, mit denen sich die Erinnerung aus der Dunkelheit zerren ließ.

Aber wollte er das?

Ein zweiter Schrei mischte sich in das Kreischen, schrie gegen den Sturm an und fuhr mit derselben Wucht in seine Gedanken. Die Bilder aus der Dunkelheit wurden klarer. Da waren Männer. Soldaten. Ein Käfig. Und er selbst. Sein Körper war klein. Er bewegte die Hand, die vor ihm auf dem Boden lag – eine winzige Hand. Er war ein Kind! Kaum mehr als ein Baby.

Die Schmerzen zerfetzten den Gedanken. Grauen. Zerstörung. Ein Mann kniete vor ihm. Keuchend warf er ihn auf den Bauch, drängte seine Beine auseinander.

Worte hatte es damals nicht gegeben. Allein seine Schreie gaben der Qual einen Namen. Für jede Art des Schmerzes ein anderer Schrei: Quetschungen brachten ihn zum Heulen, Feuer erzeugte ein Kreischen. Und das, was die Männer mit ihm taten …

Keine Worte. Keine Worte für dieses Gefühl. Nur ein Wimmern, kläglich und leise.

Oder gab es doch ein Wort? Mehrere?

Zuwendung. Interesse. Manchmal ein Hauch von Zärtlichkeit zwischen all der Gewalt.

Das Bild zerbarst in der Dunkelheit. War das der Boden des Kerkers? Oder wurde sein Gesicht in staubige Erde gepresst?

Siberi stöhnte auf. Er lag im trockenen Gras. Der Sturm tobte über ihn hinweg, das Kreischen gellte in seinen Ohren.

Was war das gerade gewesen? Von wann sollte die Erinnerung sein? Er war im Jungenhaus seines Vaters aufgewachsen. Mit Lehrern, die alles Wissen für ihn bereithielten und ihn die Feinheiten der Sprache lehrten. Mit jedem Wort, das er lernte, war seine Magie größer geworden. Nur die Kontrolle darüber hatte ihn überfordert. Seine Magie war wütend und rauschend, wie ein Feuersturm, der alles verschlingen wollte. Sie zu bezwingen kostete die Beherrschung und die Worte eines Meisters.

Siberi hatte all das gelernt. Und nun war er stärker. Stärker als die Erinnerung. Stärker als der Schmerz. Stärker als der Wille anderer Menschen.

Hätte er damals, in diesem Kerker, doch nur Worte besessen – er hätte die Männer dazu gebracht, sich gegenseitig abzuschlachten.

***

Alia

»Dorgen!« Kaum hörbar wand sich der Name aus ihrem Mund. Gleich darauf rannte sie, lief im Slalom an Soldaten und Huren vorbei. Wo immer es zu eng wurde, stieß sie die Menschen zur Seite. Sie alle ließen es geschehen. Sie besaßen keinen Willen mehr und ebenso wenig ein Ich, mit dem sie für sich selbst kämpften. Was hier geschah, war Magie, mächtige, böse Magie. »Dorgen!« Dieses Mal schrie sie. Sie musste zu ihm, musste den Schutzschild über ihn stülpen, der um sie herum flatterte. Wenigstens er musste gerettet werden. Um keinen Preis durfte sie ihn verlieren.

Falls es nicht längst zu spät war.

***

Siberi

Siberi erhob sich. Noch immer kreischte der Sturm. Doch plötzlich verstand er das Kreischen. Der Schmerz des Feuers klang darin. Wer auch immer diesen Sturm aussandte – sie beide waren an demselben Ort gewesen. Sie beide kannten die Sprache der Schreie. Das Feuer war der Schmerz, in dem die Seele des anderen gebrochen worden war.

Wer auch immer die Gewalt dieses Sturmes erschaffen hatte, der andere war sein Bruder im Schmerz. Und sie beide waren Götter. Ihre Macht war einander ebenbürtig – auch wenn die Kraft des Sturmes anders war als alles, was Siberi je kontrolliert hatte.

Eine ganze Weile lang lauschte er dem Kreischen, spürte dem Schmerz nach und versuchte, den Ursprung des Sturmes zu ergründen. Bis er wusste, was ihn so besonders machte: fehlende Kontrolle. Der Sturm, in all seiner tödlichen Gewalt, tobte unkontrolliert. Wer auch immer ihn heraufbeschworen hatte, hatte ihn losgelassen wie ein wildes, ungezügeltes Tier.

Siberi richtete sich auf, streckte die Arme erneut zur Seite – und spürte plötzlich die Fäden des Wahnsinns. Scharf wie schneidendes Metall zischten sie durch die Luft, streiften seine Finger und ließen ihn zurückzucken.

Ein heißer Schauer fegte durch seinen Körper. Diese Fäden musste er ergreifen und bündeln, musste sie durch seine Hände umlenken, um Macht über sie zu erlangen.

Trotzdem galt es, vorsichtig zu sein. Die Fäden waren erschaffen aus Schmerz. Wenn er sich daran schnitt, würde das Grauen auf ihn einstürzen und ihn in den Untergang reißen.

Doch worauf kam es jetzt noch an? Er war ein Puppenspieler. Und diese Fäden versprachen ihm alles oder nichts. Vorsichtig streckte er die Arme wieder aus, ballte die Hände zu Fäusten. Die Fäden zischten und peitschten. Ratschender Schmerz zuckte durch seine Haut. Dennoch hielt er stand, spürte die Geschwindigkeit der Fäden, den Rhythmus, in dem sie schlugen. Ihre Wut pulsierte im selben Takt wie seine, trug dieselbe Verzweiflung. Stammte aus demselben Ursprung.

Schmerz! Finsternis! Die Sprache der Schreie.

Nicht daran denken! Nicht jetzt!

Er würde es schaffen. Seine Magie besaß alle Voraussetzungen, um die Fäden zu kontrollieren. Er vereinte seinen Herzschlag mit dem Rhythmus der Fäden, ging ihre Bewegung mit, bis er den winzigen Moment fand, in dem sie still waren. Noch zweimal spürte er dem Rhythmus nach, öffnete langsam die Hände. Als sie zum dritten Mal verharrten, griff er zu. Schnell und entschlossen. Der Strom des Sturmes veränderte sich, wirbelte um ihn herum wie ein gefangenes Wildpferd und zerrte an den Fäden. Von nun an waren es seine Zügel. Immer schneller kreiste der Sturm um ihn herum, als könne er sich losreißen, wenn er nur genug Wucht in die Drehung legte. Es war der andere, der sich wehrte. Sein Bruder aus Schmerz. Der, der an demselben Ort gewesen war wie er. Nun mochte sein Körper weit entfernt sein, fast am anderen Ende der Welt. Doch seine Qual war hier, tobte und kreischte und fand keinen Ausweg aus dem Grauen. Dabei wollte der andere einzig den Schmerz und die Dunkelheit vergessen. Der Sturm war nur eine Nebenwirkung seines Zornes. Ihn erschaffen zu haben überforderte ihn.

»Ich bin dein Ausweg«, flüsterte Siberi. »Lass los, und ich übernehme die Kontrolle für dich.«

Der andere konnte ihn hören. Kurz hielt die Wut des Sturmes inne. Sein Kreisen wurde ruhiger. Dennoch strömte Skepsis durch die Fäden.

»Wir sind Brüder«, fuhr Siberi fort. »Keine Brüder aus Blut, aber Brüder im Geist. Ich kenne die Dunkelheit, wie du sie kennst. Gib die Fäden mir, und ich führe sie für dich.«

Die Skepsis des anderen flaute ab. Erschöpfte Erleichterung strömte durch die Fäden. Endlich musste er seine Macht und den Wahnsinn nicht mehr selbst verantworten.

Wild entschlossen griff Siberi die Zügel fester. Der andere war genauso mächtig wie er. Mindestens. Dennoch schien er nicht zu begreifen, welches Potenzial er verschenkte. Und an wen!

Ein irres Lachen sprengte Siberis Kehle, wirbelte durch die Luft und vermischte sich mit dem Kreischen des Sturms. Die Zügel schnitten tiefer in seine Hände, ließen das Blut herausquellen und verschmolzen mit seinem Körper. Von nun an waren es seine Fäden. Fast der ganze Sturm schien sich in seinen Händen zu bündeln. Tödlicher Hass wallte in Siberi auf, strömte in die Fäden und fegte weiter zu den Kriegern. Ihre Seelen waren leergepumpt von der Schwärze des Wahnsinns. Wie ein Gefäß, dessen Vakuum nach einem neuen Inhalt suchte. Blitzschnell strömte Siberis Hass in sie ein, füllte ihre Seelen aus und richtete ihre Aufmerksamkeit auf ihren neuen Herrn. Als wären sie Teile seines Körpers, konnte Siberi die Krieger fühlen. Das ganze Heer.

Von nun an lag alle Macht in seinen Händen. Er allein konnte den Kriegern ihren letzten Lebenssinn geben, konnte sie in einem unerbittlichen Kampf an die Front jagen, bis sie ihr willenloses Leben aushauchten, um dem höheren Zweck zu dienen.

Nur eine Seele suchte er vergeblich in dem Netz aus Kriegern.

»Dorgen.« Sein Mund bewegte sich lautlos. Scharfer Schmerz schnitt durch sein Herz. Suchend glitt sein Blick zu dem Versorgungszelt, dorthin, wo er den Heerführer zuletzt gesehen hatte. Doch dieses Mal sah er eine Frau, die auf das Zelt zurannte. Sie war blond. Wie die Götter der Vaikuni. Es war die Vaikunihexe! Und das, was von ihr ausging, war eine mächtige Aura.

***

Alia

Schwer atmend erreichte sie das Versorgungszelt – und stieß beinahe mit Dorgen zusammen. Er hatte sich einen Brotlaib unter den Arm geklemmt und balancierte zwei Blechnäpfe mit Suppe. Irritiert starrte er in das Chaos, sah sich um, als könnte er den irrsinnigen Schrei nicht einordnen, dessen Echo von allen Seiten durch die Gänge hallte. Sein Gesicht war noch nicht von der Leere ergriffen, doch Alia schien er nicht wahrzunehmen.

»Dorgen!« Sie schrie seinen Namen, musste das Tosen des Sturmes übertönen.

Als er nicht reagierte, fiel sie ihm um den Hals. Heiße Suppe schwappte über ihre Kleidung, das Brot fiel zu Boden, und der Mann in ihren Armen versteifte sich. Kurz holte er Luft, als wollte er protestieren – und vielleicht war es diese Regung, die ihr verriet, dass es für ihn noch nicht zu spät war. Sein Selbst war noch da, er hörte den Schrei, aber der Wahnsinn war an ihm vorbeigezogen. Hastig stieß sie die Suppenschalen aus seinen Händen, umfasste seinen Nacken und küsste ihn. Ihr Geist hüllte sich um ihn, zog seine Seele unter den Schutzschild und hielt ihn fest.

***

Siberi

Die Frau fiel Dorgen um den Hals, schleuderte die Suppe aus seinen Händen und küsste ihn. Ihre Aura leuchtete, grell und schreiend. Hastig schloss Siberi die Augen.

Der Hass in seiner Brust wallte auf, formte etwas Gewaltiges, das voller Macht aus seiner Kehle drängte. Im nächsten Moment schrie er ebenfalls, vereinte seinen Schrei mit dem Wahnsinn des Sturmes und brüllte gegen die Magie der Vaikunihexe an.

***

Alia

Das Echo des Schreis verstärkte sich, rüttelte an ihrer gemeinsamen Hülle. Doch Alia füllte den Kuss mit ihrer Stärke, atmete ihre Luft in den Schild und kämpfte gegen den Irrsinn an.

Erst als der Schutzschild wie das Dach eines Hauses über sie wachte, beendete sie den Kuss. Nur ihre Hände hielten Dorgen im Nacken, ihr Mund blieb dicht an seinem. »Es ist der Blutwind«, flüsterte sie. »Bleib bei mir, damit er dich nicht holt.«

Dieses Mal nickte er schweigend. Widerstandslos folgte er ihr, als sie seine Hand nahm und ihn mit sich zog.

***

Siberi

Er hatte ihn verloren. Hatte Dorgen an diese Frau verloren, als wäre ihre Magie der seinen überlegen.

So etwas konnte nicht sein! Niemand war stärker als er! Bis zu diesem Moment hatte er jeden Gottgeborenen bezwungen. Sogar Rabanus. Und selbst seinen Vater.

Doch die Vaikunihexe war anders. Auf irgendeine Weise.

Kochend heiß brannte der Hass in seiner Brust. Wer auch immer sie war – er würde sie töten. Vernichten.

Oder ihre Macht brechen und in Besitz nehmen.

Ein weiteres Mal streckte er die Hand aus. Doch dieses Mal griff er nach einem Faden, der nur lose zwischen seinen Fingern lag. »Schwester«, flüsterte er und zog den Faden stramm. »Sieh ihn dir an. Er hat sich eine neue Frau gesucht. Ein neues Mädchen, das er mehr liebt als dich. Hilfst du mir jetzt? Bevor wir ihn endgültig verlieren?«

Die Magie vibrierte und fauchte in seinen Händen, sirrte durch seine Arme bis tief in seine Eingeweide. Mit einem Schlag war es zu viel. Sein Körper war menschlich – und kein Mensch war stark genug für so viel Magie.

Seine Knie sackten weg. Keuchend brach er zusammen. Nur ein Faden flüsterte noch in seinen Fingern. »Feyla. Schwester. Rette mich.«

2. KAPITEL

Wüste, Festung der Wüstenfrauen

Feyla

Wirbelnder Sturm fegte durch ihren Geist, wollte sie mitreißen und ihre Seele in die Ewigkeit treiben. Dunkler Schmerz brannte in ihrer Brust, glühte auf und ergoss sich mit prasselnden Funken durch ihren Körper. Erschrocken schnappte sie nach Luft, wollte sich aufbäumen und gegen den Schmerz rebellieren. Doch ihr Körper gehorchte nicht. Wie gelähmt lag sie in der Schwärze.

Wo war sie? Und warum konnte sie sich nicht bewegen? Mühsam versuchte sie zu blinzeln.

Da war jemand. Bei ihr. Ganz nah. Jemand, den sie liebte.

Bruder. Zwilling. Er zog sie an, nahm sie mit sich und ließ sie die Augen öffnen. »Sieh ihn dir an«, hauchte er. »Er hat sich eine neue Frau gesucht. Ein neues Mädchen, das er mehr liebt als dich. Hilfst du mir jetzt? Bevor wir ihn endgültig verlieren?«

Dorgen. Er war dort unten im Heerlager, zusammen mit einer anderen Frau. Eine blonde Frau, so schön wie Thia und gleichzeitig von einer magischen Aura umhüllt.

Stimmte es, was Siberi sagte? War das Mädchen dort unten Dorgens Geliebte? Die zwei standen nah zusammen, ihre Gesichter dicht voreinander. Gleich darauf küssten sie sich.

Die Eifersucht brandete auf. Feyla sackte zusammen, fiel zu Boden und krümmte sich wie ein sterbendes Tier.

»Feyla. Schwester. Rette mich.«

Nicht sie lag am Boden. Siberi war es. Seine Seele klammerte sich an ihre, zog sie mit sich, brauchte sie, um zu überleben.

Die Frau fasste Dorgen an der Hand, führte ihn fort und verschwand mit ihm zwischen den Zelten.

Dann stimmte es! Sie hatte Dorgen verloren. An eine andere Frau, die er mehr liebte.

Wütend rauschte die Eifersucht durch Feylas Adern, erfüllte ihren Körper mit Hass, bis das Gefühl zu groß wurde, um es zu ertragen. Doch sie war nicht allein. Siberi saugte ihren Hass auf, als wäre es die Energie, die ihm fehlte.

Zurück blieb Leere. Schwärze.

Ein leises Stöhnen entkam ihrem Mund.

»Feyla!« Da war noch jemand. Eine erschrockene Stimme, direkt neben ihr. »Was ist mit dir? Wach auf!«

Wieder versuchte sie, die Augen zu öffnen. Doch es ging nicht. Nur dieses Stöhnen drang aus ihrem Mund.

»Sonjem! Nuszam! Schnell!« Wieder war es die Stimme. Sie gehörte einem Mädchen. »Feyla ist krank. Kommt her!«

Feyla. Das war sie. Aber warum war sie krank? Sie versuchte zu blinzeln. Doch die Schwärze hielt sie gefangen.

Jemand berührte sie, eine kühle Hand an ihrer Stirn. »Sie hat Fieber.« Es war eine weitere Frauenstimme. »Hohes Fieber.« Die Hand fuhr Feylas Arm entlang, berührte kurz darauf ihr Bein.

Die Berührung war eisig. Endlich konnte sie ihren Körper wieder spüren. Umso grausiger war die Kälte, die über sie herfiel. Heftiges Zittern erfasste sie. Ihre Muskeln bebten, krampften. Ein raues Stöhnen entwich ihrem Mund.

»Da ist kein Ausschlag.« Die Frauenstimme klang erleichtert. »Es ist nicht dieselbe Krankheit wie bei Nugia.«

Der Name sagte ihr etwas. Nugia, ihre Freundin. Sklavin im Haus ihres Vaters. Schwester.

Ihre Schwester!

Wieder dieses Stöhnen. War sie das selbst? Und wo war sie?

Erneut versuchte sie zu blinzeln. Mit aller Kraft öffnete sie die Augen. Um sie herum waren Felsen, eine Höhle. Das Licht einer Fackel. Drei Gesichter beugten sich über sie.

Wie waren ihre Namen?

Nugia war nicht dabei. Dennoch war sie hier. Ganz allmählich kehrte die Erinnerung zurück: Ihre Halbschwester war krank. Todkrank. Womöglich war es eine unbekannte Seuche, die sie heimsuchte. Deshalb hatten sie sich in dieser Höhle eingemauert. Um die Frauen der Wüstenfestung zu schützen.

Plötzlich waren auch die Namen der anderen wieder da. Sonjem, die Heilerin, und Thia, mit der sie zusammen in einer Höhle wohnte.

Und noch jemand: ein Mann. Sein Gesicht kam näher. »Feyla«, flüsterte er. »Was ist los mit dir?«

Nuszam. Ihr Bruder. Sie hatte noch einen Bruder.

»Gestern Abend war sie noch gesund.« Das war Thia. »Wie konnte sie so schnell krank werden? Oder ist es doch Nugias Krankheit?«

Feyla wollte Sonjem ansehen, wollte hören, was die Heilerin antwortete – aber ihre Augenlider flatterten und fielen zu. Sonjems Antwort verschwand im Nebel. Sprach sie von Magie? Magiefieber?

Siberi. Er rief sie. Er brauchte sie. Sie musste ihn retten.

»Feyla!« Jemand rüttelte an ihrer Schulter. »Feyla. Schau mich an. Was siehst du im Traum?«

Nuszam. Er war es. Der zweite Bruder. Sie musste ihn noch einmal ansehen. Mit aller Macht öffnete sie die Augen – und schaffte nicht mehr als ein Blinzeln.

Nuszam war bei ihr. Ganz nah. Doch in seinem Blick stand Sorge. Es fühlte sich tröstlich an – und ließ dennoch eine dumpfe Angst in ihr aufsteigen. Wenn ein gestandener Kämpfer wie er sie so ansah, musste es ernst um sie stehen.

Nuszam liebte sie ehrlicher als Siberi. Nur ihm durfte sie vertrauen. Was Siberi ihr zeigte, war eine Lüge.

Mühsam öffnete sie den Mund. Sie musste Nuszam erzählen, was passiert war. Von dem Sturm. Von dem Schmerz. Von … »Siberi.« Nur als schwaches Zischen kam das Wort über ihre Lippen. »Er … braucht mich.«

»Ihr Zwilling!« Sonjem klang aufgebracht. »Sie sind aneinander gebunden. Das erklärt es. Siberi bündelt starke Magie. Dafür braucht er sie. Weil sein Körper der Belastung allein nicht standhält.«

Feylas Augen fielen zu. Ein dunkler Strudel zog sie an. »Hilf mir.«

Hatte sie das geflüstert? Oder nur gedacht? Hol mich von ihm weg! Auch das musste sie laut sagen. Aber sie konnte es nicht. Schwarze Dunkelheit lähmte ihre Zunge.

»Talun, großer Gott des Seelenheils.« Eine entschlossene Mädchenstimme drang an ihr Ohr. »Hilf uns, Feylas Seele von ihrem Zwilling zu befreien.« Die Stimme gehörte Thia. Sie betete zu Talun. Das hatte sie schon einmal getan – mit der Bitte, er möge Nugia heilen.

Aber ihre Schwester war noch krank. Und Talun war schon vor langer Zeit gestorben. Es war sinnlos, zu ihm zu beten.

»Sie verschwendet ihre Zeit«, flüsterte Siberi. »Du bist ein Teil von mir – und von niemandem sonst.«

***

Nordfarua, Hauptquartier der Pamuschkrieger

Tailin

Es waren zu viele. Zu viele Seelen, die nach ihm schrien, zu viele Dinge, die er sah, zu viel Verzweiflung, für die er keine Lösung fand. Feyla und Siberi. Dorgen und Alia. Und der Sturm. Er musste ihn aufhalten, umlenken. Und wenn schon nicht das, musste er wenigstens die Menschen vor ihm schützen.

Aber er konnte es nicht. Nicht jetzt. Nicht hier. Nicht allein.

Mit einem heftigen Ruck fuhr Tailin auf. Gierig sog er den Atem in seine Lunge, füllte sie mit brennendem Schmerz und befreiender Weite, ein Gefühl, als hätte er seit Monaten nicht mehr geatmet. Gleich darauf kam die Kälte. Sie fing sich auf seinem Körper und ließ ihn zittern. Seine Haut war nass. Von Schweiß überströmt. Nackt und ungeschützt.

So musste es sein, wenn man geboren wurde. Wenn die Kälte den Körper aus der Geborgenheit riss und der Schreck den ersten Atemzug in die Lungen trieb.

Nur flüchtig streifte der Gedanke durch seinen Kopf. Um ihn herum war es dunkel. Still. Die Wände konnte er nicht sehen, nur fühlen. Wie sie ihn abschirmten und einsperrten.

Die Panik schlug zu, zeitgleich mit dem Schmerz. Es durfte nicht dunkel sein! Wo waren die Wände? Die Tür? Gab es eine Tür? Der Schmerz brannte, glühte, zerfetzte ihn von innen.

Er versuchte hochzukommen, stützte sich mit den Händen ab und krabbelte vorwärts. Doch wohin? Alles war dunkel. Seine Arme knickten ein. Er fiel. Nicht tief. Nicht einmal hart. Doch sein Körper war schwach. Hilflos. Die Männer hatten ihn so zugerichtet. Mit ihren Peitschen. Mit ihren Brenneisen. Mit ihren … Ein schweres Schluchzen klang an seine Ohren. Er musste fort, aber er konnte sich nicht rühren. Auf ewig würde er liegen bleiben. Gefangen und halb tot.

Doch etwas anderes rührte sich. Unter ihm. Ein zweiter Mensch in der Dunkelheit. Einer, der sein Leid teilte. Tailin griff nach ihm, suchte seine Hand, seinen Arm, irgendetwas, mit dem sie einander festhalten konnten. Doch da waren nur Laken. Nasse Laken. Blut!

Die Panik schlug Funken, sein Atem explodierte. Er musste weg! Fliehen! Die Tür finden!

Ein reißendes Geräusch ließ ihn zusammenfahren. Fahles Licht fiel in seine Augen.

Er war nicht im Kerker. Er lag in einem Bett aus Kissen, Decken und Fellen. Auch das Laken war weiß. Feucht, aber nicht blutgetränkt. Selbst die Wände wirkten freundlich. Eine Blockhütte aus hellem Holz, wie die Faruaner sie früher gebaut hatten, wie er sie im Krieg hundertfach hatte brennen sehen.

Schnell schloss er die Augen, versuchte das Bild zu verdrängen. Erst als das Feuer verschwand, wagte er es, sich noch einmal in der Hütte umzusehen. Das Holzdach neigte sich dicht über ihn. Sein Bett befand sich auf einer Galerie – während der Hauptraum der Hütte darunter lag.

Und dort unten … da war ein Fenster. Eine riesenhafte Katze saß daneben und zerfetzte die Gardine mit ihren Fangzähnen.

Chaveen. Er bewegte die Lippen. Doch seine Zunge war zu schwach. Nur ein Schwall von Zärtlichkeit überschwemmte seine Brust. Mit dem Gefühl kam die Erinnerung: Chaveen hatte ihn in Malun abgeholt. Er war krank gewesen. Magiefieber. So hoch, dass Lenja ihm Blut spenden musste, damit er nicht kollabierte. Chaveen hatte ihn mitgenommen – um ihn zu Leymon zu bringen. Aber das Fieber hatte auch sie ergriffen. Mitten in den Bergen waren sie zusammengebrochen.

Und dann? Was war danach geschehen?

Menschen hatten ihn gefunden. Pamuschkrieger. Sie hatten ihn aus den Bergen gerettet. Eine Heilerin hatte ihn behandelt. Ihn und …

Da war etwas Warmes unter der Decke. Weiche Haut berührte sein Bein. Ein anderer Mensch.

Leymon!

Tailin hob den Kopf, wollte seinen Freund ansehen. Doch der Schwindel war schneller. Weiß geflammte Sterne zuckten vor seinen Augen, ließen ihn zur Seite sinken.

Kurz war alles still. Nur seine Gefühle waren noch da. Chaveen war bei ihm, bereit, ihn bis in den Tod zu beschützen. Um seine Panik zu besiegen, hatte sie die Gardine vom Fenster gerissen.

Und Leymon. Er war nah. Unter ihm. Mindestens zur Hälfte war Tailin auf ihn gefallen. Fast erwartete er, dass Leymon ihn lachend von seiner Brust schob. Aber der Pameli blieb ruhig. Nur sein Atem ging schwer.

Er schlief. Krank und erschöpft. Sie waren beide krank. Selbst die Katze rollte sich wieder unter dem Fenster zusammen und steckte den Kopf unter die Pfoten.

Mühsam schob Tailin sich höher, rückte von Leymon ab, bis er ihn ansehen konnte. Die Augen des Pameli waren geschlossen, seine Haut glänzte fahlweiß. Winzige Schweißperlen bedeckten seine Stirn, schlossen sich zu größeren Tropfen zusammen und rannen seine Schläfen hinab. Seine Ohren zuckten, als wollten sie die kitzelnden Tropfen abschütteln.

Tailin ging das Herz über. Nie zuvor hatte er es gewagt, Leymon im Schlaf zu beobachten. Vielleicht weil sie nur selten so nah zusammengelegen hatten – oder weil der Pameli normalerweise als Erster erwachte. Oder lag es an der Katze? Weil sie mit jeder Annäherung Chaveens Angriff befürchtet hatten? Hatte Tailin es überhaupt schon einmal gewagt, Leymon so lange anzuschauen?

Die Züge des Katzenkriegers waren makellos wie geschliffener Marmor. Weder Bartstoppeln noch Narben störten das Bild – da waren nicht einmal Fältchen, die sich in seine Haut zeichneten. Nur die Schweißtropfen und die eingefallenen Wangen sprachen von seiner Krankheit. Kurz verzerrte sich sein Gesicht, ein winziger Schatten huschte darüber, als hätte er Schmerzen. Dann glätteten sich seine Züge.

Vorsichtig schob Tailin die Hand nach oben, strich über Leymons Wange und fing einen der Schweißtropfen, bevor er das empfindliche Ohr erreichte.

Leymon zuckte. Seine Lippen bewegten sich. Fast als flüstere er im Schlaf. Tailins Blick fiel auf die spitzen Eckzähne. Aus dieser Nähe konnte er sehen, wie scharf sie waren. Wie winzige Dolche aus Elfenbein. Tailins Finger hoben sich in die Richtung, zögerten – bis es unmöglich wurde zu widerstehen. Langsam strich er Leymons Lippen entlang. Mit einem leisen Stöhnen öffnete der Pameli den Mund. Tailins Finger musste nur einen winzigen Bogen beschreiben.