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Die fantastische Geschichte über eine starke Frau, die von der Jägerin zur Gejagten wird. Evangeline ist eine der besten Jägerinnen von übersinnlichen Kreaturen – und sie dachte immer, dass sie auf der richtigen Seite kämpft. Das ändert sich, als ihre ehemaligen Verbündeten einen friedlichen Clan von Gestaltwandlern töten und auch die Jagd auf Evangeline eröffnen. Niemand glaubt, dass sie das lange überleben kann. Aber eine Frau wie Evangeline sollte man niemals unterschätzen … Für Fans von rasanter Urban Fantasy!
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Seitenzahl: 655
Veröffentlichungsjahr: 2012
Kelly Meding
Die Rache der Jägerin
Ein magischer Thriller
Aus dem Amerikanischen von Simon Weinert
Knaur e-books
Kurz vor Tagesanbruch sickerte über dem ehemaligen Altmühl-Naturpark sattes Blutrot in den Morgenhimmel, und ich wollte nicht mehr dort sein, wenn die Sonne über die Baumwipfel auf den Bergen ringsum kletterte. Denn wenn die Sonne erst einmal auf die Unmengen toter Blutsauger und Halbvampire fiel, die auf dem Betonsee rund um das Besucherzentrum des Geheges verstreut lagen, wäre das Spiel zu Ende. Dann würde der schwere und säuerliche Gestank brennender Vampirleichen, der an den Geruch versengter Autoreifen erinnerte, die Luft erfüllen. Der Parkplatz war übersät mit mehr als vierzig toten Blutsaugern, allesamt Opfer der beinahe epischen Schlacht der letzten Nacht.
Selbst in der Stadt würde man es den ganzen Tag über riechen.
Ich wandte mich von dem grausigen Bild ab und schlenderte zu den in einer Reihe geparkten Jeeps zurück, die eine Art Mauer zwischen dem Wald und dem Tatort des Blutbads bildeten. Dabei kam ich an den Jägern vorbei, die die Koboldleichen einsammelten und damit einen Scheiterhaufen errichteten. Bevor sie den anzündeten, wollte ich weg sein. Obwohl sie tot waren und bereits verfielen, lief es mir beim Anblick der buckligen, ölig glänzenden Koboldkrieger eiskalt über den Rücken.
Von der anderen Seite der Jeeps drangen Stimmen zu mir herüber.
»… hast du gesehen, wie sie mit ihm ins Besucherzentrum gekommen ist?«
»Menschen können sich nicht teleportieren. Das ist unmöglich.«
»Sie können auch nicht von den Toten wiederauferstehen, und sie hat’s trotzdem gemacht.«
»Wie ein verdammter Zombie oder so was.«
»Für einen Zombie bewegt sie sich zu schnell.«
Sie sprachen über mich, was mich nicht überraschte. Wie oft geschah es schon, dass eine Dreg-Jägerin von den Toten zurückkehrte, einen Angriff gegen einen besessenen Elf anzettelte, feststellte, dass sie sich teleportieren konnte, und sich ständig von Wunden erholte, die jeden anderen Menschen umgebracht hätten? Wir lebten in einer Stadt, in der Magie real existierte und in der Teenager angeheuert wurden, um Alptraumgeschöpfe zu töten – und trotzdem fiel diesen Typen nicht mehr zu mir ein, als mich mit den Untoten aus Romero-Filmen zu vergleichen?
Na toll.
Die beiden Tratschtanten schleppten eine Koboldleiche auf meine Seite der Jeeps. Als sie mich sahen, erstarrten sie. Ihre Gesichter hatte ich schon einmal gesehen, aber ich kannte ihre Namen nicht. Jede Triade bestand aus drei Jägern, wurde von einem speziell ausgebildeten Handler angeführt und arbeitete unabhängig von den anderen. Nur die Handler blieben untereinander in Kontakt, während die Jäger selbst nichts voneinander wussten, um sie vor Verfolgung durch Feinde zu schützen.
Bei der Massenschlacht in den Bergen in der vergangenen Nacht hatte ich zum ersten Mal mehr als drei Triaden an einem Ort versammelt gesehen.
Ich kniff die Augen zusammen und knurrte die beiden mit tiefer, kehliger Stimme an: »Mhm, Gehirne.«
Der Größere der beiden stieß ein Grunzen aus und riss die von langen Wimpern beschatteten Augen weit auf, während sein Gefährte, der einige Zentimeter kleiner war und kaffeebraune Haut hatte, verächtlich schnaubte. Er kam mir bekannt vor, und da fiel mir plötzlich ein, wo ich ihn gesehen hatte – beim Burger Palace. Er gehörte zu einem Handler namens Rhys Willemy und hatte vor zwei Tagen geholfen, meinen eigenen Handler gefangen zu nehmen.
Ach was.
Die beiden setzten ihren Weg fort, um dem Scheiterhaufen mit ihrer Last noch mehr organischen Brennstoff beizugeben. Das Feuer würde einfach nur widerlich werden, und als sie sich wieder aufmachten, um den nächsten Leichnam herbeizuschaffen, war ich froh, dass man mich nicht für die Aufräumarbeiten abgestellt hatte.
Wahrscheinlich blieb mir das erspart, weil man mich dafür belohnen wollte, dass ich, na ja, den Bösewicht aufgehalten und den Amoklauf eines Dämons verhindert hatte.
Ich richtete meine Aufmerksamkeit wieder auf die Leichen, die überall herumlagen. Mein Opfer hatte man noch nicht eingesammelt. Aufgrund des Blutverlusts waren Kelsas sterbliche Überreste verschrumpelt, und um die Koboldkönigin herum war die purpurrote Flüssigkeit auf dem Beton zu einer Art Paste getrocknet. Wenn ich mit meinen ohnehin schon mit Blut und Dreck verschmierten Sneakers hineintrat, machte es ein schmatzendes Geräusch. Ich atmete durch den Mund, doch das half nichts, denn den widerlichen Meerwassergestank konnte man sogar auf der Zunge spüren.
Wenn die Kobolde vom Tod ihrer Königin erfuhren, würden sie ausrasten. Zwar wusste ich nicht viel über die Hierarchien in der verborgenen Koboldgesellschaft, aber Kelsa war eine außergewöhnliche und hoch verehrte Frau gewesen. Sie hatte eine Horde Krieger angeführt. Sie war für den Beitrag der Kobolde zu Tovins Plan, einen Dämon zu beschwören, verantwortlich gewesen. Sie hatte unter den Anführern der Kobolde großen Einfluss besessen. Und ich hatte sie getötet – aus Rache dafür, dass sie mich eine Woche zuvor getötet hatte. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Kobolde sich neu formieren und sich auf die Jagd nach mir begeben würden.
Schon wieder.
»Evy?«
In der Blutpfütze vollführte ich vorsichtig eine Hundertachtzig-Grad-Drehung. Wyatt Truman, mein Handler und der Mann, der um ein Haar zum Wirtskörper eines Dämons geworden war, kam auf mich zu. Ich umarmte ihn und hätte ihn dabei beinahe umgerissen. Beinahe. Das Blut an einem seiner Hemdsärmel wurde immer dunkler, je mehr es trocknete. Sein Anblick rief mir wieder ins Gedächtnis, wie ich mich vor einer Stunde gefühlt hatte, als Wyatt eine Antigerinnungskugel getroffen hatte und er in meinen Armen gestorben war. Gleichzeitig zeugte der blutverschmierte Stoff aber auch von der heilenden Kraft der Gnomenmagie, durch die er das Leben zurückerlangt hatte.
»Wie geht’s dir?«, fragte er und deutete dabei auf meinen Bauch.
Ich griff unter mein feuchtes, zerrissenes T-Shirt und ertastete die langsam verheilenden Schnittwunden – Souvenirs von meinem Kampf gegen Kelsa. Wären die Schnitte nur ein wenig tiefer gewesen, wären mir die Eingeweide herausgequollen, und ich bezweifle, dass mir meine Selbstheilungsgabe noch geholfen hätte, wenn meine Gedärme platt getrampelt auf dem Parkplatz gelegen hätten. Offenbar besaß ich diese Gabe immer noch, obwohl meine Frist von drei Tagen abgelaufen war. Auch der Biss am Fußgelenk, die Kratzer auf meiner Wange und andere Wunden, die ich an Beinen und Oberkörper erlitten hatte, verheilten, und dabei juckte es, als würde ich mich in trockenem Gras wälzen.
»Hatte schon schlimmere Verletzungen«, erwiderte ich. »Bist du so weit, dass wir von hier verschwinden können? Bald geht die Sonne auf.«
»Ja, da ist nur noch eine Sache, die ich vorher erledigen will.«
»Und die wäre?«
Erneut gingen zwei Jäger an uns vorbei. Einer von ihnen ließ die Schultern hängen und drehte den Kopf von uns weg. Doch Wyatt streckte die Hand nach dem Jungen aus und tippte ihm auf die Schulter. Da blieb dieser stehen und sah zu Wyatt auf. Nur kurz erhaschte ich einen Blick auf die geschwollenen Lippen des Jungen, bevor er Wyatts Faust auf die Nase bekam. Der Jäger kreischte auf, hielt sich die Hände vors Gesicht und taumelte zurück. Zwischen seinen Fingern quoll Blut hervor und tropfte von seinem Kinn.
»Wyatt«, sagte ich. Er funkelte mich an, und ich funkelte zurück. Als ob es mir etwas ausmachen würde, dass er diesem Kerl eins auf die Nase gab. »Das habe ich schon erledigt.«
Wyatt zuckte mit den Schultern. »Hey, du durftest die Schlampe abmurksen, die dich getötet hat. Gönne mir gefälligst auch etwas.«
»Das ist ein gutes, wenn auch makabres Argument.«
»Du hast mir die Nase gebrochen«, beschwerte sich der Junge, der den tödlichen Schuss mit der Antigerinnungskugel abgefeuert hatte. Da er sich jedoch die Hände vors Gesicht hielt, klang es eher wie: »Ngu hacht ngir die Ngache ngebrochen.«
»Hey, Truman! Beruhige dich, hörst du?«, rief Adrian Baylor ihm aus einigen Schritten Entfernung zu. Vom anderen Ende des Konvois aus parkenden Jeeps kam der stämmige Handler auf uns zu und knurrte wie ein wütender Hund. »Der Junge hat vor gerade mal einer Woche das Ausbildungslager verlassen. Das Ganze war ein Unfall.«
»Der Junge«, widersprach Wyatt, »ist zu nervös, um mit scharfer Munition zu schießen. Wen zum Teufel hat er bestochen, um seinen Abschluss zu bekommen?«
»Der Junge hat einen verdammten Namen«, bellte der fragliche Junge, und ein leuchtendes Rot trat auf seine Wangen. Er nahm die Hände herunter, so dass das Blut ungehindert aus seiner Nase rinnen konnte. Da er einen Kopf kleiner als Wyatt war, wirkte es so, als würde sich der Klassenstreber gegen den Schulhofschläger stellen. Für einen Neuling war er ganz schön mutig.
Wyatt verschränkte die Arme vor der Brust. »Und der wäre?«
»Paul Ryan.«
»Okay, in Ordnung.« Wyatt drehte den Kopf zu Baylor. »Paul Ryan ist zu nervös, um mit scharfer Munition in den Einsatz geschickt zu werden.«
Pauls Gesicht färbte sich rot wie ein Tomate.
Baylor ließ ein tiefes, herausforderndes Knurren hören. »Klar, bestimmt nehme ich praktische Ratschläge von einem an, dessen gesamtes Team vor die Hunde gegangen ist.«
Wyatt zuckte zusammen. Ich spannte jede Faser meines Körpers an, weil ich mit einer Schlägerei rechnete. Oder wenigstens mit einem Abtausch einiger handverlesener Beleidigungen. Und als nichts dergleichen geschah, wurde ich wütend. Ich übernahm Wyatts Wut genauso wie meine eigene, denn immerhin war ich eine der drei Toten gewesen, auf die Baylor mit seiner Stichelei anspielte.
Bevor mich jemand aufhalten konnte, war ich über die Blutpfütze gesprungen und stand Baylor direkt gegenüber. Ich packte ihn an seinem schwarzen Rollkragenpullover und beugte mich so weit vor, dass sich unsere Nasen berührten. Damit hatte ich gegen eine ungeschriebene Verhaltensregel zwischen Jägern und Handlern verstoßen, doch das war mir egal. Schließlich arbeitete ich ohnehin nicht mehr für sie.
»Dass wir gestorben sind, war nicht Wyatts Schuld, hast du verstanden? Du bescheuertes Arschloch.« Ich ließ los und stolperte einen Schritt zurück.
»Evy, halt!«, sagte Wyatt.
Mit geballten Fäusten wirbelte ich zu ihm herum. Seine Schultern hingen kraftlos herab. Er schien nicht zornig, sondern nur traurig zu sein. Und das erzürnte mich umso mehr. »Was, Wyatt? Es war nicht deine Schuld.«
»Ja«, gab er zurück. Allerdings hörte ich aus seinem Tonfall etwas anderes heraus. Doch ich war vor den anderen nicht bereit, diesen Kampf erneut auszufechten. Vielleicht in ein paar Tagen, wenn ich etwas geschlafen hatte. Ich hatte angenommen, dass Wyatt die Tatsache akzeptiert hatte, dass meine beiden verstorbenen Triadenpartner Jesse und Ash als Teil einer größeren Intrige getötet worden waren. Ihr Tod – und letztlich auch meiner – war von langer Hand geplant worden und nicht zu verhindern gewesen. Also war es nicht seine Schuld. Und auch nicht meine.
Genau, nicht meine Schuld. Vielleicht hätte ich mir das noch ein paarmal vorsagen müssen, um es zu glauben.
Die Handler und Jäger sammelten weiterhin die Toten ein, während die Sonne am Morgenhimmel hochkroch und die dunkelroten und purpurnen Streifen in rosafarbene und goldene verwandelte. Der Verwesungsgestank nahm zu, als sich die frische Morgenluft erwärmte. Neben unserem Jeep wuchs noch ein anderer Leichenberg: Sechs gefallene Jäger hatte man hierher geschafft und sorgfältig mit Tüchern abgedeckt. Obwohl unsere Verluste rein zahlenmäßig im Vergleich viel geringer waren, trafen sie doch umso härter. Wenn man die Triade von Rufus dazuzählte, die bereits am Tag zuvor umgekommen war, hatten wir vierzig Prozent unserer Leute verloren.
Auch wenn die Schlacht nur eine Stunde gedauert hatte, würde man ihre Folgen noch lange spüren – und zwar nicht nur bei den Triaden, sondern ebenso bei all den vielen Wesen, die die Stadt und die umliegenden Berge bevölkerten. Die Kobolde, die vom Raub lebten und mehr Zeit in der Kanalisation und in unterirdischen Tunneln verbrachten als an der Erdoberfläche, hatten ihre intrigante Natur offenbart, indem sie sich mit den Halbvamps zusammengetan und uns offen angegriffen hatten. Dafür würde man sie erbarmungslos jagen. Eigentlich waren die Halbvamps – keine richtigen Vampire, aber auch keine reinen Menschen mehr – nicht sonderlich mächtig. Für gewöhnlich rotteten sie sich in verschiedenen Gangs zusammen und streunten durch die Straßen. Aber jemand hatte es geschafft, sie lange genug zu vereinen, um das Blutbad der vergangenen Nacht zu ermöglichen.
Ihr gemeinsamer Status hatte sich von Leidiges Ärgernis in Staatsfeind Nummer eins verändert.
Allerdings waren die Triaden durchaus in der Lage, die Kobolde und Halbvamps in Schach zu halten. Seit Jahren taten wir das heimlich, um die Existenz dieser Wesen vor der Öffentlichkeit zu verbergen. Nein, der Initiator dieser ganzen Machenschaften besaß das größte Potenzial, uns Probleme zu bereiten. Denn der Feenrat, der engste Verbündete der Menschen, war von einem seiner Mitglieder verraten worden, einem Elf namens Tovin, einem der wenigen bekannten Elfen überhaupt. Er hatte versucht, einen Dämon auf unsere Welt loszulassen, indem er dessen Bewusstsein in Wyatt hatte einpflanzen wollen. Wir hatten Tovin an seinem Vorhaben gehindert und den Dämon eingefangen.
Zumindest für eine gewisse Zeit. Bald schon würde Amalie, die Königin der Wichte, jemanden zu uns schicken, um den zitronengroßen Onyxkristall abzuholen, in den sich der Dämon verwandelt hatte. Sie würde ihn sicher verwahren und verstecken. Sie war es auch gewesen, die mir den Zauberspruch verraten hatte, mit dem man den Dämon aufhalten konnte. Ich traute ihr sehr wohl zu, dass sie die Angelegenheit weiterhin regeln würde.
Das wichtigste Ergebnis der letzten Nacht war allerdings, dass die Triaden in den Vampiren einen vorläufigen Verbündeten gefunden hatten. Noch vor drei Tagen hätte ich das nicht für möglich gehalten, denn die Vampire hatten bisher ihr Bestes getan, um uns vollständig zu ignorieren oder – wenn sie das einmal nicht taten – mit Verachtung auf uns herabzublicken. Dem Bündnis lag mehr zugrunde als nur der gemeinsame Wunsch, alle Halbvamps auszulöschen. Allerdings konnte ich dieses Mehr nicht genau benennen.
Im Moment war ich ohnehin zu erschöpft, um mir darüber Gedanken zu machen. »Lass uns verdammt noch mal hier abhauen«, sagte ich.
»Schreibst du darüber einen offiziellen Bericht, Truman?«, fragte Baylor.
Wyatt schnaubte. »Bietest du mir etwa an, dass ich meinen Job zurückhaben kann?«
»Dazu habe ich zwar nicht die Befugnis, aber du hast an dieser Sache einen großen Anteil gehabt. Einmal Handler, immer Handler, stimmt’s?«
»Ja.« Diesmal schien er es ernst zu meinen.
Ich griff Wyatt beim Handgelenk und zerrte ihn davon. Ohne Widerrede kam er mit. Offenbar hatte er es nun genauso eilig wie ich, von hier zu verschwinden.
»Stone!«
Himmel, was denn jetzt noch?
Aus der Richtung des Pavillons gegenüber vom Besucherzentrum joggte Gina Kismet auf mich zu. Vor uns blieb sie abrupt stehen und war nicht einmal außer Atem geraten. Um ihr linkes Bein trug sie einen Verband, durch den das Blut sickerte, doch die Wunden schienen die rothaarige, kleine Handlerin nicht zu beeinträchtigen. Sie hielt mir ein schwarzes Handy entgegen, das ich mit fragendem Blick beäugte.
»Mein Gefühl sagt mir, dass diese Sache noch nicht vorbei ist«, sagte sie.
»Das denke ich auch.«
»Dann nimm das. Nur für den Fall.«
Das tat ich und steckte das Telefon in die Gesäßtasche meiner Jeans. »Danke.«
»Wir sehen uns.«
»Zweifellos.«
Damit stapfte sie davon und bellte ihren Leuten bereits wieder Befehle zu. Obwohl ich sie nicht besonders gut kannte, entschied ich in diesem Moment, dass ich sie mochte. Sie war draufgängerisch und entschlossen wie eine Jägerin – nur war sie keine. Ihr flammend roter Haarschopf verschwand zwischen den anderen Gestalten, aber ich wusste, dass ich sie wiedersehen würde. Wahrscheinlich sogar sehr viel früher, als mir lieb war.
Letzte Nacht hatten Wyatt und ich uns durch den Wald hergeschlichen, doch für den Rückweg zu unserem versteckten Auto wählten wir eine bequemere Route. Als wir schon etliche Dutzend Meter auf der mit Schlaglöchern gespickten Zufahrt zur Hauptstraße zurückgelegt hatten, brach Wyatt in Gelächter aus. Mitten auf dem laubbedeckten Asphalt blieb ich stehen und starrte ihn ratlos an. Er wedelte mit der Hand, und anscheinend hatte er einen derart witzigen Gedanken, dass er sich nicht mehr einkriegte. Mit zusammengekniffenen Brauen blickte ich ihn an und wartete darauf, dass er mich mitlachen ließ.
»Mir ist nur gerade eingefallen«, sagte er, »dass wir eine ganze Meile zum Auto zurücklatschen, während du uns innerhalb einer Sekunde dorthin teleportieren könntest.«
Keine Sekunde hatte ich daran gedacht, uns mit meiner neu entdeckten Gabe zurückzubringen. Es würde wohl noch eine Weile dauern, bis ich mich daran gewöhnt hatte – ebenso wie an die Tatsache, dass ich meinen neuen Körper nun vollständig in Besitz genommen hatte. Erst vor einer Woche war ich von Kobolden zu Tode gefoltert worden. Vor drei Tagen war ich im Körper einer gewissen Chalice Frost wiedererweckt worden, die sich kurz davor das Leben genommen hatte. Und vor weniger als zwei Stunden war der magische Handel, der mir drei Tage zusätzliches Leben verschafft hatte, aufgelöst worden. Dabei waren meine Sinne von einem Strudel aus Erinnerungen und Empfindungen erfasst worden. Wenn man sich dauerhaft im Körper einer anderen Person einnistete, erbte man scheinbar auch alle Erinnerungen dieser Person.
Krass war überhaupt kein Ausdruck, um dieses Gefühl zu beschreiben.
Darüber hinaus hatten Wyatt und ich per Zufall entdeckt, dass Chalice eine Gabe besaß, von der sie gar nichts gewusst hatte. Sie hatte eine direkte Verbindung zur Kluft, der Quelle, aus der die Magie in die Welt strömte. Nur eine Handvoll Menschen verfügte über diesen Zugang, und jeder von ihnen verfügte über eine spezielle Gabe. Wyatt konnte unbelebte Gegenstände herbeirufen, während Chalice, beziehungsweise ich, die Gabe der Teleportation erhalten hatte. Ich musste nur noch lernen, diese Fähigkeit besser zu beherrschen.
»Heute Morgen nicht, Kumpel«, entgegnete ich. »Ich habe noch nicht ganz verkraftet, dass ich drei Leute durch Tovins Kraftfeld um das Besucherzentrum teleportiert habe. Außerdem habe ich nur ein paar Stunden geschlafen, seit ich, oha, tot gewesen bin, und ich habe einen solchen Kohldampf, dass ich ein ganzes Restaurant leer futtern könnte. Fürs Erste habe ich genug vom Teleportieren. Und wenn ich’s mir recht überlege, habe ich zunächst auch von einigen anderen Sachen genug.«
»Als da wären?«
Ich ging weiter. Von hinten trug eine leichte Brise beißenden Brandgeruch heran. Es roch nicht süßlich wie bei durchgebratenem Fleisch, sondern ölig und schwer. Widerlich.
»Ich bin erschöpft, Wyatt«, erwiderte ich. »Kopfmäßig, kräftemäßig, gefühlsmäßig und was auch immer dir sonst noch einfällt mit -mäßig. Ich will einfach nur in ein möglichst abgelegenes Motel und eine Woche lang durchschlafen. Und danach will ich ein heißes Bad nehmen und noch mal eine Woche pennen.«
»Und nachdem du zwei Wochen geschlafen hast?«, fragte er von irgendwo hinter mir. Darin schwang eine zweite, unausgesprochene Frage mit, und zwar nach dem, was ich in meiner Liste ausgelassen hatte: ihn. Welche Rolle würde er bei meinen Vorhaben spielen?
Vielleicht hätte ich nach der ersten Woche Schlaf die Kraft, mir Gedanken über mein Leben als Evy/Chalice-Super-Doppelpack zu machen und darüber, welchen Platz er darin einnehmen sollte. Einerseits hätte ich ihn am liebsten in dieses imaginäre Motel geschleppt und es dort zur Feier der überstandenen Schlacht mit ihm getrieben, bis wir beide erschöpft und erledigt gewesen wären. Doch ich hatte Angst davor, dass ich wieder so reagieren könnte wie beim letzten Mal, als wir miteinander schlafen wollten. Deshalb verbannte ich Sex strikt aus meinen Plänen für die nahe Zukunft. Mein neuer Körper schaffte zwar eine größere körperliche Distanz zu der Erinnerung, von einem Kobold gefoltert und vergewaltigt zu werden, aber Wyatt hatte recht: Drei Tage waren bei weitem nicht genug, um all dies zu verarbeiten. Nachdem mir keine Frist mehr gesetzt war, hatte ich jetzt Zeit, mir darüber klar zu werden, was ich Wyatt gegenüber empfand. Anfangs hatte sich in Chalice ein Gefühl für ihn geregt, das von meinen eigenen Erinnerungen angefacht worden war, und nun war etwas ganz Eigenes daraus geworden.
Etwas, das ich nicht beschreiben konnte.
Wie ich es beschreiben wollte, würde ich mir später überlegen. »Wenn ich erst einmal zwei Wochen geschlafen habe, rufe ich vielleicht Kismet mit dem Handy an und überzeuge mich, dass die Welt nicht zwischenzeitlich zur Hölle gefahren ist.«
»Die Hölle scheint ziemlich scharf darauf zu sein, die Kluft zu überqueren.«
»Tja, Tovin ist tot, der Unreine ist gebannt, und die Holden bewachen noch immer die Erste Kluft. Ich würde mal sagen, damit stehen die Chancen ziemlich schlecht, hierher durchzukommen – meinst du nicht auch?«
»Klar. So lange, bis jemand dort weitermacht, wo Tovin aufgehört hat.«
Ich ging etwas schneller, doch vor dem Gestank des Scheiterhaufens, der außerhalb unserer Sichtweite brannte, gab es kein Entrinnen. »Irgendwer hat doch immer versucht, die unterschiedlichen Völker gegen uns zu vereinen, Wyatt.«
»Doch vor Tovin ist das nie jemandem gelungen. Vor allem nicht mit den Kobolden, die dafür berüchtigt sind, dass sie nicht mit anderen klarkommen.«
Ich wollte nicht zugeben, dass er damit ein wichtiges Argument vorbrachte. Denn hätte ich das eingestanden, hätte dies seiner Beweisführung Gewicht gegeben, und ich war es leid, dass andere mir gegenüber in einer besseren Position dastanden. Ich war es leid, herumgestoßen, manipuliert und benutzt zu werden. Die Triaden hatten das getan. Wyatt hatte das getan. Tovin hatte es getan. Damit war jetzt Schluss.
»Hey, schau mich an.«
Als er mich am linken Handgelenk packte, krampfte sich mir der Magen zusammen. Ich wirbelte einmal um die eigene Achse und bewegte gleichzeitig meine Hand. Geduckt glitt ich an ihm vorbei und drehte ihm den Arm auf den Rücken.
»Fass mich nicht an«, zischte ich ihm ins Ohr.
»Tut mir leid.«
Ich ließ los und trat einen Schritt zurück. Ohne einen triftigen Grund atmete ich schwer. Dabei hatte dieser kleine Verteidigungsgriff mich nicht sonderlich angestrengt. Nein, es lag an dem Schwall Adrenalin, der durch meine Adern pulsierte. Mein Herz pochte, während mein Verstand meinen Körper allmählich wieder unter Kontrolle brachte. Dass er meine Hand ergriffen hatte, hätte keine solche Reaktion bei mir auslösen dürfen. Aber vielleicht war es auch gar nicht meine eigene Reaktion gewesen.
Ich hatte viel von Chalice Frost geerbt, was ich erst noch sortieren musste, während sich mein Gehirn mit ihren Erinnerungen vertraut machte. Dauerhaft den Körper einer Verstorbenen zu übernehmen erforderte wohl eine längere Eingewöhnungszeit. Vor allem, wenn es sich bei der Verstorbenen um eine Selbstmörderin handelte. Denn mein Lebensgrundsatz war, niemals aufzugeben – ganz gleich, wie groß die Qualen oder wie klein die Chancen einem vorkamen. Chalice hatte sich umgebracht, statt sich den imaginären Dämonen zu stellen, die ihre Depression verursacht hatten. Inzwischen wusste ich, dass ihre unentdeckte Gabe einen Anteil daran gehabt hatte, aber ihr war das nicht bekannt gewesen. Sie hatte einfach aufgegeben.
Damit wollte ich nichts zu tun haben. Doch wenn ich ihre Gefühle für Wyatt annahm, musste ich dann auch ihre verhängnisvolle Schwäche akzeptieren? Wenn ich das eine ohne das andere nicht haben konnte … Es steckte nicht in mir, einfach aufzugeben. Zumindest dachte der Teil von mir so, der noch Evy Stone war.
»Darüber will ich wirklich nicht sprechen, Wyatt«, antwortete ich. »Weder über Tovin noch über den Feenrat, die Kobolde, die Blutsauger oder irgendetwas anderes, das nichts mit einer Auszeit von dieser unseligen Kacke zu tun hat, die sich mein zweites Leben nennt.«
»Das kannst du aber nicht ewig ignorieren, Evy«, sagte er, während er sich zu mir umdrehte.
»Das habe ich auch nicht vor. Nur fürs Erste will ich nicht daran denken.«
»Und Chalice willst du vorerst auch ignorieren?«
»Dürfte ein bisschen schwierig sein, meinst du nicht?«
»Ich weiß ja nicht. Was diese Geschehnisse angeht, warst du ja nicht gerade mitteilsam, als ich gestorben bin.«
Ich sah zu Boden und wünschte mir, er würde so etwas nicht sagen. Ich wollte nicht, dass er so leichthin über das Sterben redete – das war schließlich meine Macke und nicht seine. Zwar hatte Wyatts Tod das geschäftliche Abkommen um meine Wiederauferstehung beendet und mir das Weiterleben ermöglicht. Aber der Heilkristall, den ich von einem Gnom namens Horzt bekommen hatte, hätte beinahe nicht gewirkt. Um ein Haar hätten wir alles verloren.
Mit einem Finger hob er nun mein Kinn. Ich ließ es zu, so dass ich ihm in die kohlschwarzen Augen blicken konnte. Sie waren so voller Neugier und Schmerz und Leben. Und auf ihrem Grund – verborgen, um mir keine Angst einzuflößen – war auch Liebe zu erkennen. Nicht die platonische Liebe eines Handlers zu seiner langjährigen Jägerin, sondern die Liebe eines Mannes, der bereitwillig seine Seele gegeben hatte, um mir ein zweites Leben zu schenken.
Die Art von Liebe, die ich so gerne erwidert hätte, es aber nicht über mich brachte. Zumindest nicht körperlich. Nicht, solange ich Chalices Vergangenheit noch nicht mit meiner eigenen in Einklang gebracht hatte. »Willst du wirklich wissen, was passiert ist, als du gestorben bist?«, fragte ich.
»Ja.«
»Mir ist das Herz in der Brust in tausend Stücke zersprungen. Rein metaphorisch, natürlich. Bist du jetzt zufrieden?«
Aus seiner Kehle drang ein erstickter Laut, der sich irgendwo zwischen einem Keuchen und einem Schrei befand.
»Ungefähr fünf Sekunden später«, fuhr ich fort, »sah ich ein blendendes graues Licht, und tausend verschiedene Erinnerungen blitzten in meinem Kopf auf, während mein Körper Hunderte nie gekannter Reize wahrnahm. Meine Verbindung zur Kluft war mit einem Mal so mächtig, dass ich fast in Flammen aufgegangen wäre.«
Durch diese Verbindung war meine neue Teleportationsgabe gestärkt worden, und das hatte wiederum mich gestärkt. In dem Augenblick, als Chalice und ich schließlich eins geworden waren, hatte sich mein Blickwinkel gewandelt. Meine Sinne hatten sich verändert, und ich sah die Welt in anderen Farben als noch zwei Stunden zuvor. Ich wusste nicht, welcher Teil der Persönlichkeit nach dem Tod in einem Körper zurückblieb, doch auf jeden Fall hatten sich Bruchstücke von Chalice in meinem Gehirn eingenistet.
»Du hast in ihre Erinnerungen geblickt?«, fragte Wyatt.
»Wenigstens in ein paar davon, aber es ist nicht so, wie man sich an sein eigenes Leben erinnert. Es sind eher Gefühle, die mit bestimmten Erlebnissen verknüpft sind. Zum Beispiel wie es ist, als Außenseiterin aufzuwachsen, oder was sie Alex gegenüber empfunden hat.«
Mein Gott, Alex! Chalices bester Freund hatte sein Leben gegeben, um mir zu helfen. Dabei kannte ich nicht einmal seine Familie, seine Freunde oder seine Kollegen. All diese Leute würden sich wundern, wo er abgeblieben war. Sie würden Antworten verlangen. Auf keinen Fall konnte ich ihnen erzählen, dass er sich in einen Halbvampir verwandelt hatte und ich ihm eine Kugel in den Kopf gejagt hatte, um ihn von seinem Leiden zu erlösen.
Der Kummer darüber schnürte mir die Kehle zu, und Tränen traten mir in die Augen. Doch ich biss mir auf die Lippen, um weitere emotionale Ausbrüche zu vermeiden. Ich musste mich zusammenreißen.
Wyatt berührte meine Schulter und drückte sie verständnisvoll, woraufhin ich nach seiner Hand griff, unsere Finger miteinander verschränkte und ihn anlächelte.
»Wir sollten weitergehen«, erklärte ich. »Es ist noch ein langer Weg zurück.«
Ich kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er sich vieles verkniff, was er eigentlich tun oder mir sagen wollte. »Na schön«, sagte er.
Als wir die Hauptstraße erreicht hatten, wanderten wir weiterhin am Straßenrand entlang. So früh am Morgen kamen hier noch keine Autos vorbei. Ein paar Minuten später gelangten wir zu unserem versteckten (und gestohlenen) Wagen. Eben machte die Tankstelle auf, und im Fenster flackerte die Neonschrift orangefarben auf: »Geöffnet«. Es roch nach bitterem Kaffee – nach genau der Sorte, die man nur kauft, wenn einem nichts anderes übrigbleibt und man vor der Wahl steht, entweder diese abgestandene Brühe zu trinken oder am Steuer einzuschlafen.
Mir knurrte der Magen. Zu dumm. Beide waren wir über und über mit Blut beschmiert – sowohl mit menschlichem als auch mit nichtmenschlichem. Wir hätten es keine fünf Schritte in den Laden geschafft, bevor der Tankwart die Polizei gerufen hätte.
»Wir müssen diesen Wagen bald loswerden«, meinte ich, als wir die Straße zur Stadt hinunterfuhren. Der Typ, dem wir das Auto geklaut hatten, würde sicher bald aufwachen – wenn er nicht ohnehin schon auf den Beinen war – und den Diebstahl melden. Die herkömmlichen Polizisten hatten von den Triaden keine Ahnung, und ich hatte keine Lust, den Tag in einer Zelle in Untersuchungshaft zu verbringen.
»Wir müssen uns außerdem überlegen, wo es hingehen soll«, gab Wyatt zu bedenken. »Ein Motel ist ja schön und gut, aber wir brauchen auch ein paar Lebensmittel und frische Kleider.«
»Was ist mit der Wohnung des Werkaters? In der wir vor ein paar Tagen gepennt haben?«
Er schüttelte den Kopf und bremste ab, als wir auf eine Kreuzung zufuhren. Allmählich ließen wir den Wald hinter uns und erreichten die Randbezirke der Stadt. Hier wurde die Straße vierspurig. »Der kommt heute zurück.«
»Verdammt.« Eine bessere Idee hatte ich nicht. »Vermutlich haben sie uns unsere alte Bude am Cottage nicht warmgehalten, oder?«
»Die haben die Triaden als Erstes auf den Kopf gestellt, als du angefangen hast, auf eigene Faust zu arbeiten.«
Das hatte ich mir schon gedacht. Die Zweiraumwohnung am Cottage Place war zwar ein Loch gewesen. Dennoch war sie vier Jahre lang mein Zuhause gewesen. Meine kleine Kammer dort war kaum größer als ein Schrank gewesen. Ich hatte sie von dem toten Jäger geerbt, den ich ersetzt hatte, während Jesse und Ash sich das etwas geräumigere der beiden Zimmer geteilt hatten. Zum Schlafen war die Wohnung groß genug, und vor allem lag sie nah beim Stadtteil Mercy’s Lot, was zum Jagen sehr praktisch war. Eine Nacht, bevor meine Partner getötet worden waren, war ich zum letzten Mal da gewesen – seitdem nie wieder. Ich hatte keine persönlichen Besitztümer und besaß auch keine Gegenstände von sentimentalem Wert, die ich gebraucht oder vermisst hätte.
Vielleicht hütete ich deshalb die Kette mit dem Kreuzanhänger so gut. Ich griff in meine Gesäßtasche und holte sie heraus. Eine Ecke des silbernen Kreuzes war mit Blut verschmiert, doch die eingravierten Worte auf der Rückseite waren noch immer gut zu lesen: »In Liebe, Alex.« Damit besaß ich ein kleines Stück von ihr und ein kleines Stück von ihm.
»Das Apartment wäre für eine Weile ein sicherer Ort«, sagte Wyatt.
Abrupt fuhr ich zu ihm herum. Zu meinem Ärger hatte er recht. Ich wollte nicht in die Wohnung zurückkehren, in der Chalice und Alex zusammen gelebt hatten. Allerdings blieb mir kaum eine andere Wahl. Zwar kannten die Triaden die Adresse, aber da wir wieder auf deren Seite standen, brauchten wir von ihnen keinen Überfall zu befürchten. Kelsa kannte mich in Chalices Gestalt, aber sie war tot, und es gab keinen Grund zu der Annahme, dass die anderen Kobolde Bescheid wussten. Und Isleen und ihre Blutsauger waren uns nicht feindlich gesinnt.
»Und was, wenn Alex den Halbvamps verraten hat, wer er war?«, fragte ich, während ich mir die Kette umhängte. »Dann könnten sie von der Adresse wissen.«
»Die meisten von ihnen sind tot, Evy.«
»Die Balkontür ist zerstört.«
»Dann bleiben wir eben nicht lange. Aber ehrlich gesagt ist das unsere beste Alternative.«
»Na gut.«
Die vertrauten Bilder der Stadt glitten an uns vorbei. Erst fuhren wir Richtung Süden nach Mercy’s Lot, bogen dort rechts ab, nahmen die Wharton Street Bridge und gelangten schließlich in die vornehmeren Viertel von Parkside East. Mehr aus einem eigenartigen Bauchgefühl heraus – denn ich hatte mir den Weg nicht richtig gemerkt – dirigierte ich Wyatt zu dem richtigen Häuserblock. Chalice war diese Gegend vertraut, sie war ein Teil von ihr. Als ich vor drei Tagen zum ersten Mal hergekommen war, hatte ich mich in dieser sauberen, reichen Umgebung unwohl gefühlt. Doch als ich jetzt hierher zurückkehrte, kam mir alles ganz selbstverständlich vor, und ich fühlte mich wie zu Hause.
Im Vorbeifahren deutete ich auf das Gebäude – ein typisches Mietshaus, sauber verputzt, mit geschmückten Balkonen und einer Tiefgarage. Wyatt fuhr einmal um den Block und bog in eine Seitenstraße zwischen den freistehenden Häusern ein. Neben einer Reihe Mülleimer parkte er den Wagen. Bevor wir ausstiegen, wischten wir die Armaturen und Sitzpolster ab.
»Wir werden nicht unbemerkt bleiben«, bemerkte ich. Um uns herum erwachte das Viertel zum Leben, und die Straßen füllten sich allmählich mit Autos, da viele von hier zur Arbeit in die Innenstadt pendelten. Ich trat zu Wyatt, der vor dem Wagen stand.
Wyatt betrachtete sein Hemd. Der eine noch weiße Ärmel war schmutzig, der andere dagegen dunkelrot. »Vielleicht lösen wir einen neuen Modetrend aus.«
»Oder eine Massenpanik. Ihre Wohnung ist einen Block weiter im fünften Stock.«
»Du könntest …«
»Ich teleportiere uns nicht.«
»Wenn wir vor der Tür stehen, musst du es womöglich doch tun.«
Ich neigte den Kopf zur Seite. »Wieso das?«
»Hast du Schlüssel?«
Ich griff in meine Taschen. Chalices Schlüssel hatte ich nicht mehr in der Hand gehabt, seit … Ich war mir nicht sicher. Vor zwei Tagen, als ich in ihre Wohnung gegangen war, um Alex um Hilfe zu bitten, hatte ich sie gehabt. Und danach? »Ich muss sie irgendwo in der Wohnung vergessen haben. Mist.« Ich wirbelte herum und trat mit dem Absatz gegen den Kotflügel des Wagens, der zwar erbebte, aber nicht einbeulte. Danach fühlte ich mich auch nicht besser.
»Das Auto ist nicht schuld daran, Evy.«
»Niemand ist schuld daran, stimmt’s? Das ist einfach nur so passiert.«
Er runzelte die Stirn. »Was zum Teufel …?«
Ein metallisches Kreischen und Quietschen ertönte. Glas zersprang. Klirrend prasselten Scherben zu Boden oder prallten klappernd von Blechteilen ab. Dann hörte ich, wie ein Reifen platzte und Luft daraus entwich. Splitter trafen auf meine linke Schulter und meine Wange. Mit einem Stöhnen hechtete Wyatt zur Seite. Ich tat es ihm gleich und schürfte mir auf dem Asphalt den Ellbogen auf.
Etwas Schweres war auf dem Wagen gelandet. Als ich aufsah, zeichnete sich gegen den Morgenhimmel die Gestalt eines Mannes ab. Er stand kerzengerade auf dem eingedrückten Autodach und ließ die Arme locker herabhängen. Er war groß, schlank und muskulös und hatte nichts weiter an als Jeans und ein Paar Schuhe. Mit offenem Mund starrte ich ihn an, als zwei weitere Schatten auf uns herabfielen.
Es waren die Schatten seiner beiden Flügel.
Der erste Impuls in mir schrie: »Gargoyle!« Doch bevor ich es laut ausrief, setzte mein gesunder Menschenverstand ein und verhinderte es rechtzeitig. Der Typ stand vor mir mitten im Sonnenlicht – er schien nicht zu zerbröseln, und es roch auch nicht verkohlt. Außerdem wäre ein Gargoyle mit dieser Körpergröße das Gespött seiner Artgenossen gewesen. Nein, der Geflügelte, der da vor uns aufragte, war etwas anderes, etwas Neuartiges.
Anders und neuartig konnte ich nicht ausstehen.
Die Kreatur kam nicht auf uns zu, aber ich ließ sie dennoch nicht aus den Augen. »Wyatt?«, fragte ich.
»Alles bestens«, gab er zurück.
»Wyatt Truman?«, sagte der Fremde. Eigentlich hätte ich eine kräftigere Stimme erwartet, denn zu seinen seltsamen Engelsflügeln hätte eher etwas Gottähnliches gepasst. Stattdessen klang er rauh, als hätte er zu viel Rauch eingeatmet, und sprach mit einer etwas schneidenden Stimme – zwar nicht sonderlich schrill, aber dennoch um einiges höher als die Tonlage der meisten Leute.
Hinter mir spürte ich einen Luftzug. Vielleicht war es Wyatt, der sich erhob, doch ich drehte mich nicht um, um mich zu überzeugen. »Ja«, antwortete Wyatt.
Im Geist ging ich die wenigen Waffen durch, die ich bei mir trug. Die Pistole hatte ich im Gehege weggeworfen, doch in der Scheide an meinem Fußgelenk steckte noch das Messer, das ich mit einer schnellen Bewegung zücken konnte.
»Bist du Evangeline Stone?«
Mir zuckte das besagte Fußgelenk. Aufgrund des Gegenlichts konnte ich nicht erkennen, ob er mich direkt ansah oder nicht. »Kommt darauf an, wer das wissen will und warum«, erwiderte ich. Indem ich mich mit beiden Händen abstützte, zog ich die Beine an und stand ganz langsam auf, um ihn nicht zu provozieren. Bevor ich nicht wusste, was er wollte und woher er unsere Namen kannte, war er mit äußerster Vorsicht zu behandeln. Wyatt brachte sich links von mir in Position.
»Du siehst nicht so aus, wie Danika dich beschrieben hat.«
Mir stockte der Atem, und mein Gehirn war kurzzeitig überlastet. Danika war ein gutmütiges Mädchen aus dem friedlichen Volk von Gestaltwandlern gewesen. Die junge Werfalkenfrau war während des Überfalls der falsch informierten Triaden auf ihre Kolonie ums Leben gekommen. Bei diesem Überfall hatten die Triaden mich festnehmen wollen, doch ich hatte mich bereits aus dem Staub gemacht. Die Hohen Tiere hatten daraufhin eine der schlechtesten Entscheidungen ihrer Geschichte gefällt und das Mietshaus, in dem sich die Kolonie der Werwesen befunden hatte, anzünden lassen. Dabei waren mehr als dreihundert Kauzlinge umgekommen. Danika war eine von vielen Freundinnen und Freunden, die ich in der letzten Woche meines Lebens verloren hatte.
»Danika ist tot«, entgegnete ich knapp.
Der Fremde nickte. »Und ich traure um sie, so wie ich um den Rest meines Volkes traure.«
»Du bist ein Kauzling?« Das war nicht möglich. Die Kauzlinge tauschten ihre menschliche Gestalt vollständig gegen den Vogelleib ein. Ich hatte noch nie davon gehört, dass ein Kauzling – oder irgendein anderes Werwesen – sich nur halb in ein Tier verwandelte.
»Enttäuscht?«
Ich funkelte ihn an, während mir das Blut in die Wangen stieg. »Nein, nur überrascht. Ich habe kurz geglaubt, ich wäre in einem billigen B-Movie gelandet, in dem Engel vom Himmel fallen.«
Er besaß die Frechheit, darüber zu lachen. Eigentlich hätte mich der heitere Klang wütend machen müssen, doch stattdessen verspürte ich den Wunsch, ihn anzulächeln. »Dann möchte ich mich für meinen Auftritt entschuldigen«, sagte er. »Durch Überraschung kitzelt man meistens eine ehrliche Reaktion aus den Leuten heraus.«
»Also«, meldete sich Wyatt zu Wort. »Meine ehrliche Reaktion ist Ärger. War es wirklich nötig, das Auto zu zermalmen?«
Der Kauzling senkte den Blick. »Da habe ich wohl etwas überstürzt gehandelt.« Daraufhin sprang er vom Wagendach herunter und kam so elegant auf dem Asphalt auf wie ein Balletttänzer. Durch die Bewegungen seiner grau-braunen Schwingen, die er näher an sich heranzog, entstand um uns herum ein Luftzug. »Ich heiße Phineas el Chimal.«
Aus der Nähe konnte ich das markante Gesicht zu dem durchtrainierten Körper erkennen. Er hatte ausgeprägte Wangenkochen und eine schmale Nase. Unter langen Wimpern schauten runde Augen hervor, die in einem Königsblau leuchteten, wie ich es noch nie gesehen hatte. Obwohl er kaffeebraunes Haar hatte, waren auf seinen Wangen keinerlei Bartstoppeln auszumachen. Alles in allem wirkte er wie ein Raubvogel; er erinnerte mich an den Fischadler, der letzte Nacht durch die Stadt geflogen war, in die er eigentlich nicht gehörte.
»Evy«, sagte ich.
Er lächelte, wobei zwei Reihen kleiner, ebenmäßiger Zähne zum Vorschein kamen. »Phin.«
»Könnten wir das vielleicht drinnen weiterbesprechen?«, fragte Wyatt. »Immerhin ist es mittlerweile helllichter Tag. Zwei blutverschmierte Typen und ein geflügelter Kerl neben einem demolierten Auto erregen da höchstwahrscheinlich Aufsehen. Und wir haben uns in den letzten zehn Jahren nicht zum Spaß angestrengt, um genau das zu vermeiden.«
Phin schürzte die Lippen, und diesmal war es eindeutig kein Lächeln. »Dachtest du etwa, es würde keine Aufmerksamkeit erregen, Sunset Terrace niederzubrennen?«
»Damit hatte ich nichts zu tun.« Wyatt hatte die Stimme gesenkt. Ein gefährliches Zeichen.
»Aber deine Leute waren daran beteiligt.«
»Meinst du, dass ich das nicht weiß?«
Obwohl sie viel weiter als eine Armeslänge voneinander entfernt waren, stellte ich mich dazwischen. »Ich dachte, wir wollten hineingehen?«, sagte ich.
»So wie ihr ausseht, werdet ihr mit Sicherheit jemanden erschrecken, wenn ihr so durch den Haupteingang hineingeht«, meinte Phin.
Was du nichts sagst, Flügelmann. »Hast du einen besseren Plan?«
»Welches Haus?«
Ich deutete über meine Schulter. »Fünfter Stock, Ostflügel, wenn ich mich nicht irre. Vor ein paar Tagen ist die Balkontür eingeschlagen worden, und ich nehme an, dass sie nicht repariert worden ist. Treffen wir uns oben?«
Phin neigte den Kopf zur Seite wie ein neugieriger Spatz. »Ich dachte, ich fliege euch beide hinauf.«
»Du kannst uns beide tragen?«, fragte Wyatt.
»Ich bin kräftiger, als ich aussehe.« Doch als Wyatt ihn weiterhin besorgt anblickte, fügte er hinzu: »Ich kann euch auch einzeln nacheinander hinaufbringen, wenn euch das lieber ist.«
»Ist mir lieber.«
»Können wir uns endlich auf den Weg machen?«, fragte ich. Je länger wir in der Seitenstraße standen, desto mehr Augenpaare bildete ich mir ein, die uns bereits anstarrten. Leute, die uns beobachteten, sich wunderten und mit ihren Handys Fotos schossen. Gremlins konnten den elektronischen Datenfluss zwar meisterhaft manipulieren, aber wenn sie einen Download nicht frühzeitig erwischten, konnte er sich wie ein Lauffeuer ausbreiten.
Und damit wäre wieder Aufmerksamkeit erregt, was die Triaden so sehr zu verhindern versuchten. Nicht dass es weniger auffällig wäre, mit dem Engelexpress zum Balkon hochzufliegen.
»Ladys first?«, fragte Phin.
Ich sah zu Wyatt, der mit unverhohlenem Zweifel eine Braue hochzog. Ich ging nicht davon aus, dass Phin mich in die Höhe tragen und dann fallen lassen würde. Wenn er uns hätte töten wollen, hätte er das bereits erledigen können, als wir ihn noch gar nicht bemerkt hatten. Deshalb zwinkerte ich Wyatt zu und wandte mich zu Phin um. »Wie machen wir das jetzt?«
»Kannst du das erst abnehmen?«, fragte er und deutete auf meinen Hals.
Ich fasste nach meiner Kette und wollte gerade nach dem Grund fragen, als mir einfiel, dass sie aus Silber war. Wenn er Silber berührte, konnte er einen schmerzhaften Ausschlag bekommen. Wortlos öffnete ich den Verschluss und verstaute die Kette in meiner Tasche.
Phin lächelte. »Danke. Verschränke die Arme vor deiner Brust und klemme dir die Hände unter die Achseln.«
Diese Haltung kam mir nicht gerade bequem vor. Trotzdem begriff ich, wozu das gut sein sollte. Er stellte sich so dicht hinter mich, dass sein Kinn mein Ohr berührte, schlang die vollkommen glatten Arme um meinen Bauch und verschränkte sie gleich unterhalb von meinen Ellbogen. Obwohl er nur aus Muskeln und Sehnen zu bestehen schien, fühlte er sich doch so weich und leicht an, als wäre er zur Hälfte aus Luft.
Da ich mit den Kauzlingen jahrelang befreundet gewesen war, hatte ich viele Gestaltwandler kennengelernt, doch an Phin überraschte mich alles. Nie zuvor war ich mit einem solchen Wesen in einen derart engen Körperkontakt gekommen. Darum spürte ich nun zum ersten Mal, wie anders so ein Leib war, der in Bewegung und Aussehen – abgesehen von den Flügeln – doch so sehr meinem eigenen glich.
Er schlug mit den Flügeln, und dank deren Spannweite von vier Metern verursachte er dabei Luftwirbel wie bei einem Raketenstart. Wir stiegen in die Höhe und flogen so schnurgerade dahin, als würden wir auf einem Hochseil laufen. Jeder Muskel meines Körpers war angespannt. Nun, da meine Beine zehn Meter über dem Boden baumelten, wollte ich nach seinen Armen fassen, um mich an etwas festzuhalten. Doch ich verzichtete darauf und stierte stattdessen auf die Hauswand vor uns. Und ich war froh um jeden Vorhang und jede Jalousie, die noch nicht hochgezogen waren.
Nahe an meinem Ohr atmete er heftig aus, und ich spürte seinen Herzschlag im Rücken, der schneller ging als der eines Menschen. Sein ganzer Leib vibrierte vor Energie – so eine Kraft hatte ich bei einem Werwesen noch nie erlebt. Kein Wunder, hatten wir bisher noch nichts von Halb-Gestaltwandlern gewusst.
Vor uns tauchte Chalices Balkon auf. Die eine Hälfte der gläsernen Schiebetür war eingeschlagen, und auch ein Teil des Rahmens war herausgerissen – Zeugnisse des Kampfes, der hier vor zwei Tagen getobt hatte. Da niemand außer den Triaden die Wohnung seither betreten hatte, leuchtete es auch ein, dass die Öffnung nicht mit Brettern verschlossen worden war. Denn die Triaden kümmerte es nicht.
Phin landete auf dem schmalen Streifen aus Beton und Metall, aus dem der Balkon bestand. Weder Möbel noch sonst irgendwelche persönlichen Dinge standen herum. Allerdings war die Aussicht hier auch nicht sonderlich schön, so dass Chalice wahrscheinlich wenig Zeit hier draußen verbracht hatte.
Phin ließ mich los und trat einen Schritt zurück. Als wir uns voneinander lösten, fühlte meine Haut sich kalt und rauh an. Es war, als hätte ich an einem frischen Herbsttag einen warmen Angorapulli ausgezogen und anschließend festgestellt, dass ich nur ein Tanktop darunter trug.
»Danke für den Flug«, sagte ich.
»War mir ein Vergnügen.«
Zweifellos.
Er grinste. »Ich bin gleich wieder da«, sagte er, sprang vom Balkon und verursachte dabei einen kleinen Wirbelsturm.
Der Windstoß zerzauste mir das Haar und zerrte an dem Vorhang, der innen vor der zerbrochenen Tür hing. Nachdem ich mir die Kette wieder umgehängt hatte, trat ich etwas näher. Vor dem Eintreten musste ich mir erst etwas Mut machen. Unten im Türrahmen steckten noch die zackigen Splitter der geborstenen Fensterscheibe, die in Kniehöhe an ein scharfes Gebiss erinnerten. Die Blutspritzer auf dem Teppich waren schwarz und eingetrocknet, und der Kerzenhalter lag noch immer auf dem Boden. Alles war mit Scherben übersät.
Bei dem Handgemenge mit zwei Jägern, die versucht hatten, mich einzufangen, hatte Alex sich gut gehalten. Von Anfang an hatte er sich besser im Griff gehabt, als ich erwartet hatte.
Mir krampfte sich der Magen zusammen, und ich ballte die Hände zu Fäusten, damit sie nicht zitterten. Gleich würde ich in dieses Apartment zurückkehren. Nein, in unser Apartment. Chalice schwirrte ja nun auf Dauer in meiner Seele herum. Ich hatte keine Ahnung, welche Gefühle mich überkommen würden, wenn ich da hineinging.
Ich hob ein Bein über den gezackten Glasrand der Scheibe, und als ich auftrat, knirschten Scherben unter meiner Sohle. Dann schob ich den Oberkörper durch die Öffnung, wobei ich auf die spitzen Kanten achtete, um mir nicht die Haut daran zu ritzen. Schließlich drehte ich mich und zog das andere Bein nach. Nun stand ich mit dem Gesicht der zertrümmerten Tür zugewandt, und in meinem Rücken lag Chalices früheres Leben.
Dieselben Gerüche, die mir vom letzten Mal noch bekannt waren, drangen mir in die Nase: abgestandenes Bier, Putzmittel, ein Vanilleduft, der wahrscheinlich von einer Kerze stammte. Obwohl zwei Tage lang gelüftet worden war, hatten sie sich nicht verflüchtigt, und es war warm und feucht wie in einem Keller. Fast roch es etwas modrig, wofür wohl der nicht geleerte Mülleimer verantwortlich war.
Ein weiterer Windstoß kündigte Phins und Wyatts Ankunft an. Wyatt war blass und schaute mich mit weit aufgerissenen Augen an. Offenbar entdeckte er etwas in meinem Blick, denn seine Gesichtszüge wurden weicher. Vor lauter Sorge um mich vergaß er sein eigenes Unbehagen.
»Evy? Alles okay mit dir?«, fragte er.
»Klar«, sagte ich. Lügnerin.
»Lügnerin.«
Seitwärts trat Phin ein und stellte sich hinter Wyatts rechte Schulter. Wie durch ein Wunder waren seine Flügel verschwunden. Er hatte sie nicht einfach nur eingeklappt, sondern sie waren schlichtweg nicht mehr zu sehen. Der Tag wurde immer surrealer. »Stimmt etwas nicht mit ihr?«, fragte er.
»Lass ihr einen Moment Zeit«, sagte Wyatt.
»Für was?«
»Ich brauche keinen Moment für mich«, entgegnete ich, wobei meine Stimme zuversichtlicher klang, als ich mich fühlte. Ich drehte mich um und ging drei Schritte in die Wohnung hinein, bevor ich auf die Knie fiel. Scherben bohrten sich durch den Stoff meiner Jeans, und ich keuchte auf. Alles verschwamm vor meinen Augen, während Bilder und Gerüche auf mich einstürmten und sich unaufhörlich überlagerten.
Auf dem Sofa sitzen und Chips mampfen. Fernsehen und über alberne Sitcoms lachen. Mit einem Fachbuch am Küchentresen sitzen und Soda trinken. Das Buch frustriert durchs Zimmer pfeffern. Schluchzend auf dem Boden liegen, erschöpft und verwirrt. Sich ein heißes Bad einlassen und währenddessen die Klinge aus einem Einwegrasierer herauslösen. Fettiges Essen, Rotwein, Blut, blumiges Parfum, herbes Aftershave und ein Dutzend anderer Gerüche, die sich in Chalices Gedächtnis eingebrannt hatten. Alles, was sie in dieser Wohnung erlebt hatte, samt ihrem gewaltsamen Tod, vermischte sich zu einem kräftigen Cocktail der Erinnerungen.
Ich erschauderte. Hinter den Augen verspürte ich stechenden Schmerz, und während ich mich auflöste, schien die Welt um mich herum zu zerfließen. Der Teppich hatte plötzlich eine andere Beschaffenheit, und ganz in meiner Nähe rief jemand etwas.
Da hörte die Bewegung auf. Ich öffnete die Augen und sah vor mir die weiß gestrichene Schublade einer Frisierkommode. Darauf standen ein Schmuckkästchen und ein Spiegel. Ich war in Chalices Zimmer. Aus Versehen hatte ich mich in ihr Schlafzimmer teleportiert. Verdammt.
»Evy?«
Noch immer kniend, drehte ich den Oberkörper zur Tür. Aus dem Durchgang sahen Phin und Wyatt auf mich herab, und in beiden Gesichtern war große Sorge zu lesen. In Phins Ausdruck mischte sich außerdem Schock, weil ich für einen Sekundenbruchteil verschwunden gewesen war.
»Alle Achtung«, staunte Phin. »Das ist ein cooler Trick.«
»Das war mehr so ein Versehen«, erwiderte ich. »Es hat mich überkommen.«
Wyatt kam auf mich zu und kauerte sich vor mir hin. Er nahm mein Gesicht in seine warmen Hände, so dass ich ihm direkt in die Augen blickte. »Bist du dir sicher, dass alles in Ordnung ist?«
»Ich glaube schon. Das waren nur etwas viele Eindrücke auf einmal.« Ich zwang mich zu einem scherzhaften Lächeln. »Hoffentlich passiert mir das nicht jedes Mal, wenn ich einen Ort betrete, an dem sie öfter gewesen ist. Sonst teleportiere ich mich noch einmal wohin, wo ich mit dem Hintern in einer Wand feststecke.«
»Das ist nicht lustig.«
»Doch«, meinte Phin. »Man muss sich das nur bildhaft vorstellen.«
Als Wyatt daraufhin die Kinnlade herunterfiel, musste ich laut loslachen. Dann ergriff ich seine Handgelenke und drückte sie. »Mit mir ist alles in Ordnung«, versicherte ich. »Das schwöre ich dir.«
Er fasste sich wieder und zog eine Braue hoch. »Du schwörst so viel, dass es für uns beide reicht.«
»Klugscheißer.«
»Ich dachte, ich wäre ein Esel.«
»Auch Esel können klugscheißen.«
»Wem gehört diese Wohnung?«, fragte Phin mit lauter Stimme und unterbrach damit unser Geplänkel.
»Mir, nehme ich an«, antwortete ich. Wyatt reichte mir die Hand, und ich ließ mir von ihm aufhelfen.
»Nimmst du an? Sind wir jetzt Einbrecher oder nicht?«
»Nein. Hast du nicht von dem Gerücht gehört, dass ich gestorben und wiederauferstanden bin und deshalb nicht mehr so aussehe wie früher?« Er nickte. »Also, diese Wohnung gehörte der Frau, die du vor dir siehst, und ihrem verstorbenen Mitbewohner. Von daher würde ich sagen, sie gehört mir.«
Mit ruckartigen Kopfbewegungen wie denen eines Vogels schaute Phin sich um. »Wie ist der Mitbewohner gestorben?«
Mein Herz setzte für einen Schlag aus. »Ich habe ihn umgebracht.«
»Evy …«, begann Wyatt.
»Was?«, fuhr ich ihn an. »Ich habe den Abzug gedrückt, oder etwa nicht?«
»Alex war bereits lange tot, bevor du ihn erschossen hast. Er hat dir geholfen, weil er das wollte. Du hast ihn nicht dazu gezwungen.«
Ich zog mich in die andere Ecke des Zimmers zurück. So fremd mir die weiße und rosafarbene Einrichtung bei meinem ersten Besuch hier auch erschienen war, nun vermittelte sie mir ein Gefühl von Geborgenheit, von Frieden und von einer Verbundenheit mit der Kindheit. Mit einer Mädchenhaftigkeit, die ich in meiner eigenen, von Gewalt geprägten Jugendzeit nie kennengelernt hatte.
»Ist mir da eine wichtige Vorgeschichte entgangen?«, fragte Phin.
»Ja«, antwortete Wyatt im selben Moment, in dem ich »Nein« sagte.
Phin verdrehte die Augen. »Ich bin froh, dass wir das geklärt haben.«
»Schau mal, Phin«, sagte ich, »du hast uns aus einem bestimmten Grund aufgesucht. Was willst du?«
»Das kann warten.«
»Und worauf, bitte schön?«
»Bis nach der Dusche. Nehmt’s mir nicht übel, aber ihr stinkt.«
In der Tat. Da ich den Geruch jedoch schon seit Stunden in der Nase hatte, hatte ich irgendwann nicht mehr darauf geachtet. Koboldblut roch nach Meerwasser mit einer Spur des süßlichen Dufts von fauligem Fleisch, und im Innern der Wohnung war der Gestank ziemlich penetrant.
»Wir haben Zeit«, erklärte Phin. »Wascht euch, danach reden wir.«
Ich warf einen Blick auf die geschlossene Tür zum Badezimmer, und mir drehte sich der Magen um. »Leichter gesagt, als getan.«
»Warum das?«
»Weil sich mein Wirtskörper im Bad das Leben genommen hat.«
Erst vor zwei Tagen hatte ich zögernd vor der Tür zu der Kammer gestanden, in der ich gefoltert und getötet worden war. Jetzt zögerte ich vor einer weiteren Tür. Dunkle Vorahnungen beschlichen mich, mir wurde flau im Magen. Zwischen den Brüsten und auf der Stirn brach mir der Schweiß aus. Meine Hände krallten sich in die sauberen Klamotten, die ich aus Chalices Schrank genommen hatte, und ich hatte Angst, sie würden zittern, wenn ich losließ.
Eine solch unscheinbare Tür, elfenbeinfarben gestrichen und aus jenem hohlen Holzimitat, das sie bei jedem leichten Windstoß laut zuknallen ließ. Kein roter oder rosafarbener Fleck und keine Schramme verunstalteten ihre glatte und saubere Oberfläche. Nichts deutete auf die Schreckenstat hin, die sich dahinter ereignet hatte. Mein altes Ich befahl mir, einfach einzutreten und mir nicht in die Hosen zu machen. Doch das Wissen, dass Chalice vor gerade einmal vier Tagen hier hineingegangen war, sich ein heißes Bad eingelassen und sich die Pulsadern aufgeschnitten hatte, ließ mich weiterhin davor verharren.
Mach dich nicht lächerlich, Mädchen. Gib dir einen Tritt in deinen dämlichen Hintern und wasch dich.
Mit fester Hand umschloss ich den Türknauf und drehte mein Handgelenk. Das Schloss quietschte leise. Langsam drückte ich gegen die Tür, und warme, muffige Luft kam mir entgegen, die nach der Zitrussäure von Reinigungsmitteln roch. Links von der Tür tasteten meine Finger nach den Schaltern und legten die ersten beiden um. Wie aus alter Gewohnheit.
In hellem Licht erstrahlte das kleine Badezimmer, das so sauber wie beim letzten Mal war. Im Gegensatz zu damals hing jetzt ein blaues Handtuch an einem Haken. Alex musste es an dem Tag da hingehängt haben, als ich ihn aus seiner wohlbehüteten kleinen Welt gezerrt hatte …
Nein, darüber durfte ich nicht nachdenken.
Ich legte meine Kleider auf den Toilettendeckel, nahm mir ein Handtuch aus dem kleinen Kästchen hinter der Tür und zog mich aus. Das Messer samt Scheide legte ich auf den Stapel mit sauberer Kleidung, während ich die ruinierten Sachen – die nicht einmal mir gehörten, sondern der Freundin des Werkaters – sogleich in den Müll warf. Im letzten Moment zog ich das Handy, das Kismet mir gegeben hatte, aus der Hosentasche und verstaute es in einem Korb hinter der Toilette zwischen einigen frischen Handtüchern und einem Vorrat Klopapierrollen.
Ich griff nach dem Wasserhahn. Als meine Finger sich um den eckigen Plastikknauf schlossen, erfüllte mich eine recht bestimmte Traurigkeit, die stärker wurde, als heißes Wasser aus dem Duschkopf spritzte. In der warmen feuchten Luft roch das getrocknete Blut auf meiner Haut und meinen Kleidern noch intensiver. Trauer schnürte mir die Kehle zu, und zwischen meinem linken Ellbogen und dem Handgelenk pochten Phantomschmerzen.
Um den Abfluss bildete sich eine Pfütze, und da fiel mir auf, dass ich ihn zugestöpselt hatte. Mir wurde speiübel. Schnell bückte ich mich und zog den Stöpsel heraus, damit das Wasser ablaufen konnte.
Abscheu verdrängte die quälende Trauer und erstickte alle anderen Gefühle. Du bist nicht sie. Das ist alles nur in deinem Kopf, Evy! Stell dich verflucht noch mal unter diese Dusche!
Ich klammerte mich an den Gedanken an die verachtenswerte Tat – sie hat aufgegeben, verdammt! –, regulierte die Wassertemperatur, damit ich mich nicht verbrühte, und stieg in die Wanne. Rasch rieb ich mich sauber, spülte mir das Blut und den Schmutz aus den Haaren und von der Haut. Im Moment war gar nicht daran zu denken, die Dusche zu genießen.
Während ich mich wusch, untersuchte ich meine Verletzungen. Die Schnitte am Bauch hatten sich in dicke rote Narben verwandelt, die bald verblassen würden und morgen bereits verschwunden wären. Von der Bisswunde an der Schulter waren bereits nur noch reine Zahnabdrücke übrig, und ich spürte sie nicht mehr. Die restlichen Kratzer und blauen Flecken, die ich in den Kämpfen gegen Kelsa und Tovin abbekommen hatte, waren nicht mehr zu sehen. Meinen linken Unterarm schrubbte ich besonders anhaltend, als könnte ich damit die Erinnerung an Chalices Selbstmord ausradieren. Doch das einzige Resultat davon war, dass meine Haut wund und rosa leuchtete.
Schließlich hatte ich mich komplett abgeduscht. Zügig trocknete ich mich ab, zog saubere Jeans und ein schwarzes Babydoll-Shirt an – eines der wenigen dunklen Kleidungsstücke in Chalices Garderobe. Als ich im Waschtischunterschrank nach einem Haargummi kramte, schlossen sich meine Finger um eine Schere. Ich zog sie heraus und betrachtete sie im Licht der Deckenbeleuchtung.
Ich mochte kurze Haare und hatte meine nie über die Schulter hinauswachsen lassen. Damit hatte man weniger Scherereien beim Frisieren, und eventuelle Feinde hatten eine Möglichkeit weniger, um einen zu packen. In dem beschlagenen Spiegel sah ich, dass mir das feuchte, schwere und dichte Haar fast bis zur Hüfte herabfiel. Es abzuschneiden würde eine wahre Freude sein. Es würde eine Last von mir nehmen, und ich würde mir wieder mehr wie ich selbst vorkommen.
Aber ich war nicht mehr ich selbst. Die dünne, blonde Evy trug ihr Haar kurz und mochte schwarze Klamotten. Doch dieses neue Ich, das aus zwei sehr eigenwilligen Persönlichkeiten und einer Teleportationsgabe zusammengesetzt war, wehrte sich dagegen. Diese Frau hatte lange braune Haare, vollere Hüften und trug bunte Kleider. Abgesehen von der Geschichte mit dem Selbstmord war sie mir sympathisch.
Darum verstaute ich die Schere wieder in dem Schränkchen. Ich fand zwei Stäbchen, mit denen ich das nasse Haar hochsteckte, damit es mir nicht über den Nacken wallte. Dann schnallte ich mir das Messer wieder ums Fußgelenk, denn die vertraute Waffe zu spüren beruhigte mich. Ich war nun wieder vorzeigbar. Nachdem ich das Handy in meine Gesäßtasche geschoben hatte, verließ ich das Badezimmer, begleitet von einer ordentlichen Dampfwolke.
Sogleich empfing mich der herbe Geruch von starkem Kaffee, und ich hielt kurz inne, um den schweren Duft zu inhalieren. Zwar hätte ich lieber geschlafen, als mir eine Dosis Koffein zu verabreichen, aber da Phin mit uns sprechen musste, war es das Mindeste, was ich für ihn tun konnte. Für das Gespräch musste ich schließlich wach sein. Allerdings war der fragliche Kauzling nirgends zu entdecken – was mich sehr beunruhigt hätte, wenn meine Aufmerksamkeit nicht sofort auf den Esszimmerboden gelenkt worden wäre.
Die Scherben und Holzsplitter waren verschwunden, und der elfenbeinfarbene Teppich wies keine Blutflecken mehr auf, auch wenn er an manchen Stellen noch etwas dunkler war als an anderen. Die zerbrochene Balkontür war mit zwei weißen Müllsäcken abgedichtet worden, die mit Klebeband am Rahmen befestigt waren. Alle anderen Hinweise auf den Kampf mit Tully und Wormer waren verschwunden.
In der Küche ertönte das Klappern einer Schranktür, und Wyatt tauchte hinter dem Küchentresen auf. In der einen Hand hielt er eine Bratpfanne, in der anderen einen Topfdeckel.
»Seit wann bist du denn so häuslich?«, fragte ich ihn und deutete mit einer wedelnden Bewegung auf den Teppichboden.
»Dafür musst du dich bei Phineas bedanken«, erwiderte Wyatt. »Er hat alles aufgefegt, die Blutflecken herausgebürstet und den Müll weggebracht. Er hat sogar ein paar verdorbene Lebensmittel aus dem Kühlschrank aussortiert.«
Ich lachte und ging über den feuchten Teppich zum Tresen hinüber. »Ein Kauzling mit einem Putzfimmel. Wer hätte das gedacht? Du hast nicht zufällig irgendwelche Schlüssel herumliegen sehen?«
»Nein, tut mir leid.«
Verdammt. »Möglich, dass die Triaden sie eingesteckt haben, als sie Tully und Wormer befreit haben.« Der Gedanke gefiel mir ganz und gar nicht.
Wyatt stellte die Pfanne auf den Herd und fing dann an, im Kühlschrank herumzustöbern.
»Was kochst du?«, fragte ich.
»Ich dachte an Steaks und Eier«, gab er zur Antwort. Seine Stimme drang gedämpft hinter der Schranktür hervor, die mit Magneten übersät war. Die Kühlschrankmagnete hatten die Form von verschiedenen amerikanischen Bundesstaaten und waren wie auf der Landkarte angeordnet, so gut es eben ging. Es befanden sich viele Staaten aus dem Süden und noch mehr aus dem Nordosten darunter. Ich fragte mich, wem die wohl gehört hatten.
Am anderen Ende des Tresens fiel mir das gerahmte Foto ins Auge, das ich schon einmal betrachtet hatte. Ich nahm es in die Hand, und als ich Alex’ Gesicht ansah, das mich aus dem Bild heraus anlächelte, erfasste mich eine Woge der Traurigkeit. Chalice hatte ihn seit Jahren gekannt und sehr gerngehabt. In meinen Knochen spürte ich die alte Verbundenheit mit diesem Mann, den ich laut meinem Verstand erst vor drei Tagen kennengelernt hatte. Ich wollte seinen Tod nicht länger betrauern. Das würde Alex nicht zurückbringen oder seinen Tod weniger tragisch machen. Ich wollte das alles hinter mir lassen und mich auf das Jetzt konzentrieren.
»Ich weiß noch nicht einmal, ob er Familie in der Gegend hat«, sagte ich, und diese Bemerkung überraschte mich selbst.
Der Kühlschrank schloss sich, und kalte Finger legten sich um mein Handgelenk. Als ich aufschaute, sah ich in Wyatts Augen. Glühend. Voller Mitleid. »Du musst dich aus seinem Leben raushalten, Evy«, meinte er. »Du schleppst zwar Chalices Erinnerungen mit dir herum, aber davon darfst du dir nicht den Verstand vernebeln lassen.«
Ich entriss ihm meine Hand. »Ich lasse mir nichts vernebeln, Wyatt. Glaubst du etwa, ich will mich mit ihren Gefühlen und Erinnerungen herumärgern? Ich habe schon genug eigene Probleme. Aber dank dir muss ich mich jetzt auch noch um ihren Scheiß kümmern, und das kann ich nicht einfach ignorieren.«
