Die Rache des Feuers - Jamie M. Fuchs - E-Book
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Die Rache des Feuers E-Book

Jamie M. Fuchs

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Beschreibung

Drei Jugendliche, mit völlig unterschiedlichen Leben, finden sich durch unerwartete Ereignisse und mit verschiedenen Zielen auf einem gemeinsamen Abenteuer wieder. Wie aus dem Nichts fangen auf einmal an ganze Dörfer abzubrennen, die Überlebenden sprechen von Feuer, das vom Himmel fällt. Rollan sucht eigentlich nur nach der Schwester seines besten Freundes und verpasst den Moment, in dem er Teil der Rettung Teyrs geworden ist. Jaden sieht sich zum ersten Mal mit dem Ernst der Welt konfrontiert und Rune weigert sich, tatenlos zuzusehen. Zwischen magischem Feuerregen und vermissten Personen versuchen Rollan, Jaden und Rune herauszufinden wer oder was da versucht die Welt niederzubrennen und wie sie das Ende der Welt verhindern können.

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Seitenzahl: 545

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Prolog
Kapitel 1 Alles muss man selber machen
Kapitel 2 Gemeingefährliche Holztreppen
Kapitel 3 Der Pfirsich ist schuld
Kapitel 4 Der, der auf den Tischen tanzt
Kapitel 5 Schutt und Asche
Kapitel 6 Kerzenlicht
Kapitel 7 Auch Faustkampf will gelernt sein
Kapitel 8 Übergroßer Wau-Wau
Kapitel 9 Rollan hat Sand in der Unterhose
Kapitel 10 Jadens Orientierungssinn ist eine Katastrophe
Kapitel 11 Der Blutwald
Kapitel 12 Eine königliche Einladung
Kapitel 13 Kleptomanische Instinkte
Kapitel 14 Auf das wir uns wieder sehen
Kapitel 15 Nasser Waldboden ist rutschig
Kapitel 16 Nicht alle Veränderungen sind gut, aber manche sind unaufhaltsam
Kapitel 17 So trennen sich unsere Wege
Kapitel 18 Lydias Fährte
Kapitel 19 Sams Finale
Kapitel 20 Ich glaube, die Welt geht grade unter, aber wird schon nicht so schlimm sein.
Kapitel 21 Jeder für sich
Kapitel 22 Unterwasser Spaziergang?
Kapitel 23 Die Axt im Wald
Kapitel 24 Das Kristallmoor
Kapitel 25 Abwarten und Tee trinken?
Kapitel 26 Die Welt in Flammen
Kapitel 27 Matsch kann Leben retten
Kapitel 28 Teyr wird brennen
Kapitel 29 Das Ende eines Abenteuers
Kapitel 30 Was in den Wolken liegt
Kapitel 31 Vergissmeinnicht
Kapitel 32 Matoko
Kapitel 33 Die Opfer, die wir brachten

Impressum neobooks

Die Rache des Feuers

Von Jamie Fuchs

Prolog

»Weg da!«, sie zog das Kind, dessen Hasenohren ängstlich angelegt waren zur Seite. Keine Sekunde später krachte ein brennender Holzbalken auf die Stelle, an der das Kind gestanden hatte. Das Kind wimmerte, während die Braunhaarige es ihrer Freundin in die Arme schob. »Bring sie hier weg.«, ihre Stimme war bestimmt, aber leise. Die schwarzen Augen ihrer Freundin spiegelten das Feuer, das vom Himmel fiel. Sie nickte. Es war noch nicht vorbei. Ein herzzerreißender Schrei zog ihre Aufmerksamkeit wieder ins Hier und Jetzt. »Nein! NEIN! MOKI! MEIN BABY!«, eine Frau, ihr einst blondes Haar voller Asche und Dreck, kniete schreiend und schluchzend vor den Überresten eines Hauses. Das Gebäude stand nicht mehr, alles was übrig war ein brennender Haufen Schutt. Die Frau schien vollständig zusammengebrochen, als die Braunhaarige ihre Arme um die Mutter legte. »Pscht. Ich weiß. Sie müssen hier weg.«, redete sie auf die Frau ein, die immer noch ihr Herz aus ihrer Seele schrie. »Mein Moki! Er...er ist da noch drin! Ich muss-« »Ich weiß...es tut mir leid. Hier ist es nicht sicher. Bitte.«, fehlte sie die Mutter an, die um ihr Kind schrie, während die Braunhaarige die Frau von dem Schauplatz wegzog. »Hey! Wache! Hier!«, rief sie eine Wache herbei, die sie einige Meter weiter erblickte. »Danke. Ich übernehme. Miss, bitte. Ich bringe sie in Sicherheit. Tief durchatmen.«, der geflügelte Wachmann nahm die trauernde Mutter entgegen und verabschiedete sich hastig mit einem dankenden Lächeln. »Pass auf!«, die Stimme gehörte ihrer Freundin. Ihr Kopf schnellte in Richtung der Schwarzhaarigen, doch sie hatte keine Zeit, den panischen Ausdruck auf dem Gesicht ihrer Geliebten zu deuten. Ein brennender Schmerz durchfuhr die Braunhaarige und riss sie zu Boden. »NEIN!«, hörte sie die Stimme der Person schreien, in die sie sich vor langem unsterblich verliebt hatte. Erst sah sie selbst nichts, all der Schutt und Dreck um sie herumwirbelnd. Sie spürte lediglich ein schweres Gewicht, was sie runter drückte und es ihr unmöglich machte, sich vom Boden aufzurichten. Erschlagen blieb sie liegen, wo sie war, während sie im Hintergrund aufgeregte Stimmen vernahm. Die Lauteste gehörte ihrer wundervollen Freundin. Sie dachte daran wie sanft und warm diese Stimme klingen konnte, wie schön ihre dunkle Haut im Licht des Sonnenuntergangs glänzte und wie weich und flauschig ihre schwarzen Haare waren. Sie stellte sich vor, in den starken Armen ihrer Freundin zu liegen und ihr Herz schlagen zu hören, während sie immer müder wurde. Der Schmerz, der wie eine gewaltige Welle über sie gerollt war, war nun nicht mehr als ein dumpfes Hintergrundrauschen. Ihr war warm, nicht so, wie an einem Sommerabend, sondern zu warm. Ihre rotbraunen Haare klebten an ihrer Haut und irgendwas roch verbrannt, ein beißender Geruch, der die junge Frau ihre Nase rümpfen ließ. Dann hörte sie diese wundervolle Stimme wieder. Mühsam kämpfte sie ihre Augen auf und statt dem Dreck und der Dunkelheit von zuvor erblickte sie die schönste Frau auf Teyr. Eine Frau, die alles Gute für sie verkörperte, eine Frau, die ihr Glück im Herzen trug und mit ihrem Leben beschützte. »Hey, hey...«, sie runzelte ihre Stirn. Warum klang ihre Freundin so traurig? Tränen strömten über ihr Gesicht, obwohl sie so gut wie nie weinte. Sie klammerte sich an das traurige Lächeln, was ihr Gesicht versuchte aufrechtzuhalten. »Halt durch.«, ihr Blick wanderte zu den tiefschwarzen Augen, in denen sie sich so gern verlor. »Ich hab dich so lieb...«, schluchzte die warme Stimme über ihr. Ich weiß, wollte sie sagen, ich dich auch, aber sie schaffte nur ein leichtes Nicken. Ihre Freundin redete weiter, sie verstand nichts, aber ihre Stimme war beruhigend. Dann, kurz bevor sie sich in die Dunkelheit sinken ließ, sammelte sie ihre letzten Kräfte und flüsterte ein leises »Ich liebe dich so sehr.« Ob ihre Freundin es gehört hatte, wusste sie nicht mehr. Das Letzte, was sie sah, bevor sie der Müdigkeit nachgab das schöne Gesicht ihrer Freundin. Es hinterließ ein glückliches Lächeln auf ihren Lippen, als sie ihr ein letztes Mal in ihre treuen Augen sah.

Kapitel 1 Alles muss man selber machen

Mit schnellen Schritten schlich ein schmächtiger Junge durch die noch dunklen Gassen der Stadt. Stets darauf bedacht nicht entdeckt zu werden trugen die Füße des Jungen ihn hinter ein kleines rotes Häuschen, welches ein Holzschild mit der Aufschrift ‚Hestias Honigstübchen‘ trug.

Während er unter einem kleinen Fenster in die Hocke ging, schlichen sich die ersten Strahlen der langsam aufgehenden Sonne bereits auf die gepflasterten Straßen von Merriley. Ein leichtes Summen war aus dem Häuschen zu vernehmen und als sich die seichte Melodie in den vorderen Teil des Gebäudes verzog, schob der Junge seinen Kopf über das hölzerne Fenstersims. Auf diesem lagen, wie der Braunhaarige erwartet hatte drei frische, noch warme Leibe Brot. Ohne lange herumzulungern, griff er nach einem der drei Brote und rannte los, zurück in die Richtung, aus der er gekommen war.

Ein paar Straßen weiter rutschte er in eine kleine, dunkle Seitengasse und kam schlitternd darin zum Stehen. Den Rücken an die kühle Steinwand hinter ihm pressend atmete er ein paar Mal tief durch. Sein rechter Mundwinkel zog sich zufrieden in die Höhe, als er seine Ausbeute begutachtete. Wie alle Sachen die Hestia backte, sah das Brot, das er in seinen blassen Händen hielt, köstlich aus und bei dem Geruch, der dem Jungen in die Nase stieg, lief ihm das Wasser im Mund zusammen. Am liebsten hätte er an Ort und Stelle einen Bissen daraus genommen, aber bevor er seinen hungrigen Bauch zufriedenstellen konnte, musste er den ergatterten Schatz erst nach Hause schaffen. Mit einem Ruck stieß er sich von der Mauer ab und schob sich das Brot unter seinen großen, braunen Pulli, um es möglichst unauffällig durch die Stadt transportieren zu können.

Die Stadtwachen würden sich sicherlich freuen den Dieb auf frischer Tat zu erwischen und das konnte er sich nun wirklich nicht leisten. Aus eigener Erfahrung wusste er, wie unfreundlich die Wachen sein konnten, wenn es sich nicht um das erste Mal handelte, dass sie einen beim Stehlen erwischten. Beim letzten Mal hatten sie ihn erbarmungslos ausgepeitscht. Um fair zu sein, war es aber auch schon mindestens das fünfte Mal gewesen, dass er erwischt wurde. Auf Grund seines jungen Alters war er bis heute immer noch recht glimpflich davon gekommen, das könnte sich aber schnell ändern und er hatte weder das Bedürfnis seinem Rücken noch mehr Narben hinzuzufügen noch Lust darauf für unbestimmte Zeit in einer kalten Zelle zu landen.

Flink huschte er den altbekannten Weg entlang, bis er zu den Treppen kam, die zum Abwasserkanal führten. Der Fluss aus dreckigem Wasser mündete hier direkt in den großen See, der an die Stadt grenzte. Jeweils rechts und links neben jenem Abwasserstrom zogen sich Steinwege entlang, welche alle paar Meter mit halbwegs stabilen Brücken aus Holzbrettern verbunden waren. In die Mauern, die den Gang einrahmten, waren hin und wieder schwere Holztüren eingelassen. Früher wurden die Räume dahinter zu Lagerzwecken genutzt und während einige von ihnen heute immer noch, als Lager dienten, waren viele der Räume mittlerweile zum Zuhause der Leute geworden, die sich niemals ein ordentliches Dach überm Kopf leisten könnten. Da Merriley heutzutage sowieso ein riesiges Lagerhaus besaß, scherte sich niemand wirklich darum, wer sich in den leerstehenden Räumen einnistete.

Der Junge schritt, nun etwas weniger gestresst, die Stufen hinunter, der Rock um seine Beine dabei leicht mit der Bewegung mit hüpfend. Er schritt den Gang entlang, an den ersten beiden Türen vorbei, bis er vor der Dritten halt machte.

Das Holz der Tür hatte einen gräulichen Ton und splitterte an einigen Stellen bereits, die Metallscharniere waren rot vor Rost und die Nägel, welche die Bretter der Tür zusammenhielten, saßen teilweise bedenklich locker. Der Jugendliche schob einen seiner Füße unter die Tür und hob sie damit ein Stück an, dann gab er der Tür einen Ruck mit seiner Schulter und sie öffnete sich.

»Hey Dad, ich bin wieder zurück.«, rief er in den nur spärlich beleuchteten Raum hinein, während er die Tür hinter sich wieder zuschob.

»Rollan, da bist du ja! Ich hatte schon gedacht, du hast es nicht geschafft. Du hast doch was mitgebracht oder?« »Ja, ich hab ein frisches Brot von Hestia erwischt.«, sagte Rollan, während er eben dieses auf den kleinen Holztisch im Raum legte. Aus dem kleinen Nebenraum trat ein Mann mittleren Alters, er teilte die gleichen grünen Augen wie Rollan und auch das dunkle Braun seiner Haare stimmte mit dem des Jungen überein, auch wenn die Haare des Mannes bereits von grauen Strähnen durchsetzt waren. Er schritt die paar Meter durch den Raum Richtung Tisch und wuschelte Rollan mit seiner großen Hand durch die kurzen Haare, bevor er sich in einem der drei wackligen Holzstühle niederließ. Rollan beobachtete seinen Vater dabei, wie er das frische Brot in zwei ungleiche Teile brach und seinem Sohn nun das kleinere Stück entgegenhielt. »Nimm. Und iss auf!«

Das ließ sich Rollan nicht zweimal sagen, er ließ sich auf einen der übrigen Stühle fallen und nahm einen großen Bissen aus dem Stück Brot in seinen Händen. Doch noch bevor Rollan einen zweiten Bissen nehmen konnte, meldete sich sein Vater wieder zu Wort. »Rollan...du musst da noch was für mich erledigen.« »Und das wäre?«, nuschelte der Angesprochene mit vollem Mund hervor. »Ich muss bis morgen Abend etwas im Wert von mindestens 240 Goldstücken auf diesem Tisch liegen haben. Ich brauche es vor Sonnenuntergang also lass dir nicht zu viel Zeit!« Rollan hätte geschockt ausgesehen, wäre er nicht daran gewöhnt, sicherzustellen, dass sein Vater seine Schulden beglichen bekommt. Also grummelte er einfach nur zustimmend in sein Brot. Er müsste sich zwar einfallen lassen, wie er an etwas so Wertvolles in solch kurzer Zeit ran kommen sollte, aber um ehrlich zu sein bevorzugte er diese Option anstelle der Konsequenzen von nicht bezahlten Schulden. Bei den Leuten, die sich hier so auf den Straßen herumtrieben, konnte man sich glücklich schätzen, wenn man nicht in Ungnade der falschen Person geriet und eines Tages mit einem Messer im Bauch in einem der Gänge hier unten endete. Zwar waren die Bewohner Merrileys recht freundliche Gesellen, aber man sollte sich nie mit jemandem anlegen, der für Geld seine Freiheit oder sogar sein Leben riskierte. Nicht ohne Grund führte der Junge immer einen Dolch mit sich herum. Dieser war die meiste Zeit sicher mit einem Lederriemen an seinen Oberschenkel gebunden. Durch den schwarzen Rock, der darüber fiel, war die Waffe dort auch relativ blick geschützt versteckt. Der Rock hatte zwar schon bessere Tage gesehen, aber noch erfüllte er seine Aufgabe gut genug.

Mit einem »Ich bin dann mal wieder weg.«, erhob sich Rollan von seinem Stuhl und schritt in Richtung des großen Vorhangs, welcher eine Ecke des Raumes vom restlichen Raum trennte. Er zog den Vorhang ein Stück zur Seite und legte den Rest Brot, welchen er noch in seiner Hand hielt auf den kleinen Holzhocker, welcher neben dem Bett stand, das fast den gesamten Bereich hinter dem Vorhang einzunehmen schien. Auf dem Hocker lag bereits ein altes, kleines Buch, auf welchem eine Laterne platz nahm und das Brot fand seinen Platz auf einem fleckigen Stück Papier. Den Vorhang hinter sich wieder zuziehend ging Rollan zurück zum Tisch, hinter dem ein hüfthohes Regal stand, in welchem ein paar Holzschüsseln, -teller und anderer Krimskrams zu finden war. Rollan griff nach einem Apfel, welcher in einem Korb auf dem Regal lag. Nach einem kurzen Blick darauf packte er den ganzen Korb, in welchem sich noch zwei weitere Äpfel befanden, und trug sie seufzend Richtung Mülleimer, über dem er den Korb ausleerte, bevor er ihn zurück auf das Regal stellte.

»Vergammelt.«, sagte er auf den fragenden Blick seines Vaters hin.

»Gehst du noch zu Ed?«, entgegnete dieser daraufhin, während er sich gemächlich aus seinem Stuhl erhob. »Ja, hatte ich sowieso noch vor. Lass die nächsten Äpfel aber nicht gammeln, sonst bring ich dir keine mehr mit.« »Schon gut, du hättest sie ja auch essen können.« »Ich hab die meisten der Äpfel gegessen. Noch ein Dutzend mehr, dann kann ich sie nicht mehr sehen.«, protestierte der 17-Jährige. Mit diesen Worten schlüpfte er durch die schwere Holztür und ließ sie hinter sich wieder zufallen.

Bevor er Ed einen Besuch abstattete, würde er erst noch einen Plan schmieden müssen, wo er etwas im Wert von 240 Goldstücken herbekommen würde und mit Plan schmieden meinte er durch die Stadt wandern und Augen und Ohren nach Inspiration offen halten.

Während er durch die Straßen schlenderte, ließ Rollan seinen Blick über die Menschen wandern, die an ihm vorbeizogen. Viele waren zügig unterwegs, um zeitig zu ihrer Arbeit zu kommen oder anderen Pflichten nachzugehen. Unter den vielen Gesichtern waren viele dem Jungen Bekannte dabei. Auch wenn er, aufgrund seiner Lebensumstände, mit den wenigsten dieser Menschen wirklich persönlichen Kontakt hatte, kannte er die Namen, Berufe, Familienstände und Lieblingsaktivitäten von nicht wenigen von ihnen. Als unterste Schicht der Gesellschaft hatte er oft nicht allzu viel zu tun und verbrachte seine Zeit stattdessen damit das Leben der Stadt zu beobachten. Er wusste, wann Herr Tyson von der Arbeit kam und das seine Frau gerne mit ihrer Nachbarin töpferte. Er wusste, dass es bei den Albrechts mittwochs immer Erbsen mit Kartoffelpüree gab und dass die kleine Tochter von Madame Pin sich immer an den kleinen Küchlein von Hestia die Zunge verbrannte, weil sie es nicht abwarten konnte sie zu kosten. Manchmal erinnerte sie Rollan an ihn selbst, wenn er ein paar Tage nichts gegessen hatte und endlich wieder was in die Finger bekam.

Als er sich der Schmiede näherte, wurde er langsamer. Die Schmiede war eine gute Chance für ihn. Wenn er hier eine Abholung oder Bestellung eines wertvollen Schmuckstücks oder einer prächtigen Waffe aufschnappen konnte, könnte er sich einen Weg verschaffen, die Ware zu entwenden. Den Schmied direkt beklauen wollte er nicht, zumindest nicht, solange es noch andere Möglichkeiten gab.

Andarius war ein guter Schmied und verdiente sich sein Geld mit harter Arbeit, trotzdem gehörte er immer noch zur Unterschicht. Er wurde damals vom alten Schmied von der Straße gefischt und dieser brachte ihm dann das Schmiedehandwerk bei. Heutzutage brauchten die Menschen hier kaum noch Waffen, die Ära war friedvoll, keine großen Kriege waren bekannt und die auszubildenden Wachen der Stadt bekamen meist bedeutungsvolle Waffen vererbt. Das Hauptgeschäft machten nun also Schmuckstücke. Das gewöhnliche Volk konnte davon aber nur so viel gebrauchen und sich leisten, dass man davon wohl kaum ordentlich leben könnte. Also lag es an Andarius, sich den wohlhabenden Familien zu beweisen, um das Geschäft am laufen zu halten. Da, dies so gut für ihn funktionierte, wollte ihm Rollan das nicht ruinieren, bloß um die Schulden seines Vaters zu begleichen.

Der Junge lehnte sich an eine Hauswand nahe der Schmiede, nah genug um die Gespräche darin zu hören, jedoch noch weit genug entfernt, um unauffällig genug zu bleiben. Als Kunde könnte er sich nicht ausgeben, erstens kannte Andarius ihn - wenn auch nur flüchtig - und zweitens sah man ihm direkt an, dass er sich nichts des geschmiedeten Guts jemals würde leisten können.

Nach einer guten Stunde in der Gegend rumstehend musste Rollan feststellen, dass heute nicht viel los zu sein schien, zumindest war ihm nichts zu Ohren gekommen, was ihm in seiner Situation hätte weiterhelfen können. Er hatte auch nicht wirklich die Zeit hier noch Ewigkeiten herumzustehen und auf die perfekte Entdeckung zu warten, früher oder später müsste er sein Glück woanders versuchen, er hatte ja schließlich nur bis morgen Abend Zeit, die Bezahlung zu beschaffen. Gerade, als er sich entschloss in Kürze weiter suchen zu gehen, schritt eine Dame in burgunderfarbenem Hut an die Schmiede heran. Sie schien über etwas zu kichern, was ihre Begleitung ihr zuflüsterte, bevor sie ihre Aufmerksamkeit zu dem Schmied vor sich wandte. Ihre Begleitung blieb einen Schritt zurück und beschäftigte sich damit ihre blaue Blumenkrone zu richten. Rollan widmete seine Aufmerksamkeit der Konversation zwischen Andarius und Burgunder-Hut. »Ich hätte eine Frage an sie guter Mann. Erinnern sie sich an die Kette, welche sie vor ungefähr einer Woche für Amelia Beckett geschmiedet hatten? Es war ein goldenes Stück, versetzt mit Rubinen. Als Amelia es mir gezeigt hat habe ich mich gleich verliebt.« »Goldene Fassung, sieben Taubenblutrubine, Gravur des Familiennamens, gute 357 Goldmünzen wert. Ja ich weiß von welcher Kette sie sprechen Miss. Ich nehme an sie wollen ein ähnliches Exemplar anfertigen lassen?« »Genau, ich bin mir bewusst, dass Frau Beckett eine Sonderanfertigung gefordert hat und jene nicht dupliziert werden darf, deswegen bitte ich sie um etwas im gleichen Stil und anstatt Rubinen würde ich Smaragd bevorzugen.« »Das lässt sich einrichten. Die Anfertigung wird schätzungsweise 3 Tage dauern-« Weiter hörte Rollan nicht zu. Er hatte seine Informationen bekommen, er würde den Becketts heute Nacht einen Besuch abstatten. Vorher wollte er sich das Anwesen der Familie jedoch noch einmal etwas genauer anschauen. Seine Aktion war riskant, durfte aber nicht in die Hose gehen.

Vor dem großen Haus angekommen machte er halt. Er kannte das Haus der Becketts, jeder kannte das Haus der Becketts. Sie waren eine der wohlhabendsten Familien in Merriley und hatten ein dementsprechend großes Haus. Das Haus war aus demselben Stein wie der Rest der Stadt gebaut, was es besonders machte, war seine Größe und der prächtige Vorgarten. Vorgärten hatte sonst kaum einer mitten in der Stadt. Die großen weißen Tür- und Fensterrahmen waren auch recht dekorativ gestaltet, Rollan wusste jedoch, dass das wichtigste des Hauses keinesfalls die Außenfassade war. Von innen sah das Haus erst wirklich teuer aus. Woher er das wusste? Vielleicht hatte er schon einmal einen kleinen Ring aus dem Haus entwendet. Aber nur vielleicht. Kennen tat er das Haus trotzdem nicht gut. Der silberne Ring, welchen er vielleicht an einen gewalttätigen Kater verloren hatte, hatte unschuldig auf einer Kommode nahe der Hintertür gelegen. Er hatte also kaum drei Schritte ins Haus der Becketts machen müssen, um ihn einzustecken. Gut so, sonst wäre er dem Kater vielleicht noch stundenlang hinterhergejagt.

Er würde auch dieses Mal die Hintertür nehmen, praktischerweise war die Gasse zwischen der Beckettresidenz und dem Haus daneben relativ schmal und durch die Größe des Hauses auch sehr dunkel. Der perfekte Ort zum Verstecken also. Er würde heute Nacht seine Chance nutzen und hoffte die Kette, im Salon zu finden und nicht das ganze Haus oder sogar die Schlafzimmer auf den Kopf stellen zu müssen. Er wusste, dass Frau und Herr Beckett zwei Kinder hatten, eines davon war ein junges Mädchen und auch wenn er sich nicht gerade als guten, rücksichtsvollen Menschen beschreiben würde, wollte er doch nicht aus Versehen in das Zimmer der Kleinen stolpern und sie zu Tode erschrecken.

Nach ein paar prüfenden Blicken in die Seitengassen und Fenster war er zufrieden.

Sein Plan für heute Nacht stand also, jetzt musste er noch Eddie einen Besuch abstatten und dann brauchte er nur noch auf Sonnenuntergang zu warten.

Eddie, von den Meisten kurz Ed genannt, war der Besitzer der Untergrund Bar ‚Rattenloch‘. Den schmeichelnden Namen hatten die Leute dem Treffpunkt aus offensichtlichen Gründen gegeben. Rollan schlenderte also zurück Richtung Abwasserkanal, das Rattenloch befand sich nämlich ebenso dort wie sein Zuhause. Das Reich der obdachlosen, armen Penner war von Außenstehenden gemieden und das war auch gut so. Die Stadt würde wohl kaum mit dem Pub einverstanden sein, viele der Güter, Materialien und Einrichtungsgegenstände waren gestohlenes Gut und die Wachen würden dort unten zu Abendzeiten wahrscheinlich genügend Kleinverbrecher und Diebe finden, um sämtliche Zellen des Gefängnisses zu füllen. Würde jemand der gehobenen Gesellschaft oder auch nur irgendeiner der durchschnittlichen Bürgerschaft seinen Weg hier hinunter finden, wäre das Rattenloch schnell Geschichte.

Rollan schlüpfte durch eine der großen schweren Holztüren und öffnete eine Falltür am hinteren Ende des kalten Raumes. Auf der Leiter stehend, die in die Kellerräume hinab führe, zog er die Falltür über seinem Kopf wieder zu. Der Abstieg wurde dunkel, aber Rollan kannte den Weg und das Flackern der Lampen im Gang unter ihm war auch von hier schon zu erkennen. Am Ende des Ganges öffnete er eine weitere schwere Holztür und eine bekannte Geräuschkulisse empfing ihn. Wie dämlich es auch klingen mag, war diese stinkende Einrichtung in einem Kellerraum der Kanalisation irgendwie Kultur, seine Kultur und irgendwie hatte dieser Ort mit all den schrägen Gestalten, die sich dort zusammenfanden etwas Familiäres und Beruhigendes. Die Ratten, die man hin und wieder zwischen den Füßen der Gäste hindurch flitzen oder ein Stück Brot über den Steinboden ziehen sah, waren ihm bekannter als auch nur irgendeiner der ehrlichen Bürger der Stadt. Er hatte sogar einigen von ihnen Namen gegeben. Rollan schlängelte sich zwischen den Holztischen und Fässern hindurch, wich einigen torkelnden und mürrisch wankenden Gestalten aus bis er schließlich an der Theke am Ende des großen Kellerraums ankam. Die aus den unterschiedlichsten Holzbrettern zusammengebastelte Bar, auf welcher sich Rollan nun auf seinen Unterarmen abstützte, war das Herzstück des Rattenlochs. Ein paar Hocker standen auch an besagter Bar, jedoch hatte Rollan nicht vor sich hier heute lange aufzuhalten. Hinter dem bunten Holzgebilde stand ein kräftiger, dunkelhaariger Mann und wusch Gläser. Eddie. »Was führt dich so früh hier her?«, fragte Ed mit freundlicher Stimme. »Ich müsste mir ein, zwei Sachen von dir borgen und Äpfel haben wir auch keine mehr.«, erwiderte Rollan. »So so, was genau hast du diesmal vor?«, Ed zog fragend eine seiner dicken Augenbrauen hoch. »Das Übliche. Kann ich mich hinten umschauen?« »Geh nur Junge.«, mit dieser Bestätigung und einem dankenden Nicken in Eds Richtung drückte sich Rollan von der Bar ab und schlüpfte durch eine Tür in der hinteren Ecke des Raumes. Nachdem er die Tür hinter sich wieder geschlossen hatte, ließ Rollan seinen Blick über den mittelgroßen Lagerraum schweifen. Kurz entschlossen trat er an eine der großen Holztruhen heran und stemmte den Deckel auf. Darin befanden sich allerlei Arten von Stoffen und alter Kleidung. Rollan schob einige der Stücke durch die Gegend, bis seine Hand einen dunkelgrünen Stoff ergriff, welcher relativ warmhaltend wirkte. Er zog an dem Stück Stoff und brachte einen kleinen Umhang mit Kapuze zum Vorschein, er warf ihn sich provisorisch um die Schultern und zog ihn mit dem kleinen Lederriemenverschluss vorne zusammen, er reichte ihm bis knapp unter die Ellenbogen. Versuchsweise zog er die Kapuze über seinen Kopf und stellte zufrieden fest, dass sie groß genug war, um bequem sein Gesicht zu verstecken. Rollan streifte sich den Umhang wieder ab und ließ den Deckel der Truhe vor ihm wieder zufallen. Das grüne Kleidungsstück über die Schulter geworfen ging er nun in Richtung der Säcke und Kisten in der linken Ecke des Lagerraums. Er klaubte sich einen verlassenen, kleinen Leinensack vom Boden und befüllte ihn mit circa einem Dutzend Äpfeln, bevor er sich wieder der Tür zuwandte. Mehr sollte er nicht brauchen ... hoffentlich.

Wieder gegenüber Ed stehend hielt er ihm den Umhang vor die Nase. »Kann ich mir den ausleihen?« »Von mir aus kannst du ihn sogar behalten, ich hab das Gefühl, du kannst ihn besser gebrauchen als meine Truhe und sind wir mal ehrlich, ICH passe da sicherlich nicht rein.«, dabei verzog Ed sein Gesicht zu einem Grinsen, das die Narbe in seinem Gesicht charakteristisch verzog. »Und jetzt verzieh dich Bursche, du scheinst heute ja noch einiges vor zu haben.« »Danke Ed.«, verabschiedete sich der Junge und nachdem er sich zum gehen umgedreht hatte, rief ihm Ed noch ein »Kommst du morgen Abend? Die Leute vermissen dich, das ist schon die dritte Nacht, in der du nicht das bist.«, hinterher. »Ja Ed, keine Sorge, morgen mach ich euch wieder ne Show.«, lachte Rollan. Manchmal amüsierte es ihn, wie ungeduldig die Besucher der Untergrundbar wurden, wenn er ein paar Abende in Folge nicht auftauchte. Der Junge ließ die schwere Tür hinter sich wieder ins Schloss fallen und machte sich auf den Weg zurück zu seiner Unterkunft.

Kapitel 2 Gemeingefährliche Holztreppen

Die Sonne war bereits untergegangen als Rollan durch die Straßen der Stadt schlich. Die Kapuze des heute früh ergatterten Umhangs tief ins Gesicht gezogen und eine kleine Ledertasche umgebunden war er nun auf dem Weg zum Anwesen der Becketts. Sein Vater hatte bereits schnarchend in seinem Bett gelegen, als Rollan losgezogen war, so wie es wahrscheinlich der Großteil der Stadt um diese Uhrzeit tat. Um ehrlich zu sein, würde Rollan auch mal wieder gern eine ganze Nacht mit schlafen verbringen, aber meistens war er entweder früh wach um wie zum Beispiel heute etwas von Hestia zu besorgen, bevor der Rest der Stadt wach wurde oder er war bis spät in die Nacht mit ähnlichen Angelegenheiten oder im Rattenloch beschäftigt. Seine Nächte waren meist gefüllter, als seine Tage, sein Vater war jedoch kein Befürworter von Schlaf am helllichten Tag. Sein Bett war zwar nicht sonderlich bequem, trotzdem würde er gern mehr Zeit darin verbringen können. Die Schatten unter seinen Augen sollten dies untermauern. Rollan schlüpfte um die letzte Ecke und stand nun in der kleinen, dunklen Gasse neben dem Haus der Becketts. Vorsichtig schlich er die Gasse entlang, hinter das Haus und nach einem vergewissernden Blick in alle Richtungen hievte er sich über die kalte Steinmauer in den Hinterhof. Sie war gerade so hoch, dass er mit einem kleinen Hüpfer die obere Kante greifen konnte, um sich darüber zu ziehen. Im Hinterhof gelandet ging er leicht in die Knie. Kurz rutschte ihm das Herz in die Hose, als er etwas Menschengroßes im Augenwinkel sah, doch als sein Blick zu besagter Gestalt schnellte, stellte er fest, dass es sich dabei um einen Buchsbaum in Form eines Bären handelte. Merkwürdige Designentscheidung. War es nicht etwas unheimlich, sich so ein Teil hinters Haus zu stellen? Besonders nachts, wenn es nur ein großer, dunkler, bärförmiger Schatten war? Rollan machte sich möglichst klein und kroch unter das Fenster, von welchem aus man fast den gesamten Hinterhof überblicken konnte.

Zwar ging Rollan davon aus, dass alle Mitglieder des Haushalts schliefen, doch wollte er nichts riskieren und ging erst zur Hintertür, nachdem er sich mit einem Blick durch eben genanntes Fenster versichert hatte, dass niemand drinnen zu sehen war. Vor der Hintertür hockend zog er ein Stück Draht aus seiner Tasche. Das Schloss, vor dem er hockte, sollte nicht allzu schwer zu knacken sein.

Nach kurzem, geübten herumstochern im Schlüsselloch der Hintertür hatte Rollan das Schloss der Holztür geknackt und steckte triumphierend den Draht, welcher ihm schon des öfteren gute Dienste geleistet hatte, zurück in seine Tasche. Langsam schob er die Tür auf, gerade so weit, dass er mit seiner schlanken Figur hindurch schlüpfen konnte, und schloss dann die Tür wieder leise hinter sich.

Nun stand Rollan in dem Gang, in dem er schon einmal gestanden hatte, als er das erste Mal das Haus der Becketts ‚besucht‘ hatte. In dem Gang war der Länge nach ein roter Teppich ausgelegt, auf der linken Seite stand eine Holzkommode mit vielen kleinen Schubladen an der Wand, über der ein mit Goldrahmen verzierter Spiegel hing. Rollan schritt leise den Gang entlang, während er Dreck von seinem knielangen Rock klopfte, bis rechts der Aufstieg ins Obergeschoss zum Vorschein kam. Neben jener Treppe befand sich ein offener Durchgang in einen großen Salon.

Manchmal konnte man hier durch die Fenster die Familienmitglieder herumsitzen sehen. Rollan betrat den Salon und konnte nicht anders als seine Hand über eines, der roten Sofa gleiten zu lassen. Der Stoff war unfassbar weich unter seinen Fingern und Rollan wollte gar nicht wissen, wie teuer diese Möbelstücke waren. Was würde er dafür geben seine Nächte auf solch einem weichen Sofa verbringen zu können, anstatt auf einem harten, dreckigen Holzbett mit mitgenommenen Laken. Wie schön diese Vorstellung auch war, schüttelte Rollan sie zügig wieder aus seinen Gedanken. Jetzt musste er sich erst mal auf die Suche nach der Halskette konzentrieren, denn wenn er Pech hatte, würde er sie nicht hier im Salon finden und müsste es doch wagen, die Treppe hinauf zu gehen und sich oben weiter umzusehen. Rollan lies seinen Blick durch den Raum schweifen und entschloss sich dann, den Raum von links nach rechts zu umrunden. Er fing mit der Kommode links neben dem Eingang des Salons an und nachdem er weder unter den Sachen darauf, noch darin etwas fand, ging er weiter Richtung Bücherregale. Während er die Regale mit den Augen nach etwas durchsuchte, worin sich Schmuck befinden könnte, ließ er seine Fingerspitzen über einige Buchrücken streichen und musterte neugierig einige der Titel darauf. Rollan war nicht der beste oder schnellste Leser, was darauf zurückzuführen war, dass er sich das Lesen langsam und qualvoll selbst beigebracht hatte. Sein Vater, der selbst nicht der begabteste Leser war, war ihm dabei nie eine große Hilfe gewesen, Ed jedoch hatte sich einige Male erbarmt und ihm auch das Buch geschenkt, welches jetzt auf dem Hocker neben seinem Bett lag. Der Einband war alt und mitgenommen, die Seiten teilweise eingerissen und schon stark vergilbt. Die Bücher in den Regalen vor ihm sahen viel edler und gepflegter aus. Eines trug den Namen »Würde unsere Welt von Baarthold Batia regiert.«, es war in braunes Leder gebunden und die Buchstaben waren in geschwungenen Goldbuchstaben geschrieben. Das Buch direkt daneben war kleiner, mit rotem Einband und hieß »Geschichten der goldenen Ära und warum sie ein jähes Ende fand.«. Wie schön die Bücher auch aussahen, so langweilig klangen sie. Rollan würde sie nicht lesen wollen, selbst wenn er die wahrscheinlich nicht so einfach zu verstehenden Bücher lesen könnte. Die Oberschicht hatte irgendein Ding dafür Bücher mit komplizierten, viel zu langen und alten Wörtern zu lesen und wer sich einen Reim aus den langen, verschnörkelten Sätzen bilden konnte, war Rollan sofort suspekt. Er wandte seine Aufmerksamkeit nun einer kleinen, schwarzen Schachtel, die zwischen einigen Büchern stand, zu. Sie war schön, eben weil sie so schlicht war. Nicht viel Geschnörkel oder prächtige Schnitzereien nur schlichtes, schwarzes Holz und ein kleiner, silberner Verschlussmechanismus. Doch nachdem Rollan die Schachtel geöffnet hatte, musste er enttäuscht feststellen, dass sich darin lediglich ein Haufen handgemachter Lesezeichen befand. Na toll. Da die Bücherregale nichts weiter Interessantes zu beherbergen schienen, ließ der Junge von ihnen ab. Wer, der genügend anderen Platz hatte, würde auch seine teure Halskette in seinem Bücherregal aufbewahren? Als Nächstes nahm er das Regal an der Wand gegenüber des Saloneingangs in Augenschein. Der Lack des dunklen Holzes, aus dem die Möbel hier gefertigt waren, schimmerte rötlich im leichten Lichtschein, den der Mond durch die Fenster warf. Warum hatten die Becketts hier unten überhaupt Vorhänge, wenn sie sie nachts nicht zuzogen? Oder machte man das anders? Rollan hatte nie behangene Fenster gehabt, er hatte nicht mal Fenster und wusste nicht wirklich ob es eine Vorhang-Etikette oder ein Regelbuch dazu gab. Auf dem brusthohen Regal standen einige Fotos, die Rollan nun neugierig musterte. Auf einem war das Beckett Paar zu sehen, Arm in Arm an ihrem Hochzeitstag. Das Nächste zeigte einen kleinen Jungen mit einem, in Tücher eingewickelten, Baby im Arm. Der abgebildete Junge grinste das kleine Bündel an, als hätte er nie etwas Schöneres im Leben gesehen. Rollan hatte es nicht so mit Babys, er würde sogar so weit gehen zu sagen er konnte sie nicht ausstehen. Sie schrien den ganzen Tag aus den dämlichsten Gründen und waren nichts außer anstrengend und ein Haufen Arbeit, zudem stanken sie ungeheuerlich. Er hatte im Vorbeigehen des öfteren schon einen Blick auf das ein oder andere Baby geworfen und fand immer noch, dass die kleinen Dinger nichts Süßes an sich hatten. Das nächste Foto auf dem Regal war ein Familienfoto, was Rollan als relativ aktuell einstufte. Herr und Frau Beckett standen jeweils außen im Bild, ihre zwei Kinder zwischen ihnen. Der Junge war ungefähr in Rollans Alter und das Mädchen vielleicht 10 Jahre alt. Das schwarze Haar des Jungen Becketts, Rollan glaubte, er hieß Jason oder sowas in der Art, war ordentlich zurückgelegt, er trug ein dunkelgrünes Hemd und das kleine Mädchen trug ein rotes Latzkleid über einem braun gestreiften Pulli. Beide sahen aus, als würden sie gerne Zeit in der Sonne verbringen, ihre Haut gebräunt, als hätten sie den ganzen Tag im Garten gelegen und Wolken beobachtet. Im Gegensatz zu Rollans Erwartungen eines Familienfotos dieser Familie waren die Becketts nicht alle farblich aufeinander abgestimmt und trugen ihre feinsten einfarbigen Klamotten. Das Bild erweckte einen bunten, fast einladenden Eindruck und keins der Lächeln wirkte gezwungen. Rollan sah Herr und Frau Beckett hin und wieder auf den Straßen, ihre Kinder jedoch schienen ihm nicht so oft über den Weg zu laufen. Zumindest hatte Rollan sie noch nicht so oft gesehen, dass er sie auf Anhieb erkennen könnte, wie andere Stadtbewohner. Wahrscheinlich waren sie sich zu schade für die Straßen der einfachen Bürger oder ihre Eltern ließen sie nicht viel vor die Tür. Das letzte Bild zeigte erneut die beiden Kinder, diesmal mit einer schwarzen, lächelnden Frau, die laut Rollans Wissen für die Becketts arbeitete. Die Kinder hatten ein breites Lächeln aufgelegt und das Mädchen schaute mit einem bewundernden Blick zu der Frau auf. Ein bisschen neidisch war Rollan auf die Becketts, nicht nur wegen ihres Vermögens. Er selbst hatte nie auch nur ein Foto seiner Mutter gesehen und kannte niemanden seiner Familie außer seinen Vater. Wie genau die Fotoapparate der kleinen Spezies, die sie erfunden hatte, funktionierten, verstand Rollan bis heute nicht. Jemand aus dem Rattenloch hatte ihm mal versucht die Technik der Dra...Dri...midas...?- er konnte sich den Namen nicht merken, zu erklären, aber er hatte recht wenig verstanden.

Bevor Rollan länger darüber nachdenken konnte, durchsuchte er das Regal, bis er wieder zum Entschluss kommen musste, dass es hier auch keine Spur der Halskette gab.

Nachdem der Junge auch den Rest des Raumes durchstöbert hatte, ging er mit einem letzten, hoffnungsvollen Blick durch den Raum, auf die Tür an der rechten Seite des Salons zu. Die Tür knarzte, als er sie aufschob und Rollans Herz hatte einen kleinen Aussetzer, als er stocksteif stehen blieb und abwartend lauschte, doch schien niemand das Knarzen gehört zu haben und nachdem er auch nach einer weiteren Minute keinen Mucks im Haus vernahm, fühlte er sich wieder sicher genug, sich zu bewegen. Er betrat den Raum hinter der fiesen Tür und fand sich im Esszimmer des Hauses wieder. Neben dem langen Tisch gab es hier drin nicht viel Interessantes, außer einem großen Gemälde und einer Vitrine mit Porzellangeschirr und da er stark davon ausging, die Kette nicht in der Küche zu finden kümmerte er sich nicht darum durch den Durchgang hinter dem Tisch in jene zu gehen, um sich umzuschauen, sondern drehte sich wieder um und schlich zurück durch den Salon.

Zögernd stand er vor der Treppe und versuchte zu erkennen, was im dunklen Obergeschoss lag. Rollan hatte keine wirkliche Wahl, jedoch hieß das nicht, dass er heiß darauf war an diesem Punkt weiter zu machen. Er würde bestimmt einige Sachen hier unten zusammenkratzen können, doch hatte er erstens keine extrem wertvoll aussehenden Gegenstände gesehen, zudem konnte er auch nicht allzu viel transportieren, er hatte schließlich nur seine Ledertasche und zwei Hände. Er würde sicherlich nicht den gesamten Geschirrschrank ausräumen. Das größte Problem war jedoch, dass er niemals genau sagen könnte, dass er genug Wert zusammen hatte.

Mit der Kette, die sich definitiv irgendwo in diesem Haus befand, wäre er auf der sicheren Seite. Es würde sogar mehr dabei rausspringen. Immer noch nicht begeistert, jedoch erneut angespornt, stellte der schmächtige Junge den ersten Fuß auf die Treppe. Wenn er eins in seiner Zeit des Stehlens gelernt hatte, dann war es die Gefahr von hölzernen Treppen. Man fand so gut wie keine leise Holztreppe und musste sich langsam bewegen, um kein Geräusch zu machen, rennen und verstecken war keine Möglichkeit. Rollan bewegte sich so achtsam wie möglich die Treppe hinauf und nachdem er oben angekommen war, ließ er sich erstmal tief durchatmen. Die paar kleinen Knarzer, die er auf dem Weg nach oben verursacht hatte, schien niemand außer ihm selbst gehört zu haben. Er stand nun in einem dunklen Flur mit mehreren Türen. Mehr als Rollan lieb war. Im Flur schien sich außer einem großen Schrank und einigen Gemälden, die Rollan in der Dunkelheit nicht weiter erkennen konnte, nichts weiter zu befinden. Also zurück an die Arbeit. Der Schrank, welchen Rollan näher inspizierte, entpuppte sich als bestückt mit Jacken und Mänteln, ohne jegliche versteckten Wertgegenstände. Und so blieb Rollan nichts weiter übrig als sich die Zimmer, von denen mindestens drei mit schlafenden Menschen besiedelt sein würden, anzusehen. Er musterte die Türen, die ihm am nächsten waren. Grundsätzlich sahen sie alle gleich aus. Dunkles, edles Holz, welches genau wusste Rollan nicht, er war schließlich kein Holzexperte und goldene Klinken. Eine der Türen hatte zu der goldenen Klinke auch ein goldenes Schloss eingebaut, Rollan vermutete, dass hinter dieser Tür ein Badezimmer lag. An der Tür daneben hing ein kleines Schild, etwas schief, mit der Aufschrift »Kaia« und einem kleinen Bärenkopf daneben, der im Gegensatz zu seinem Buchsbaum Kollegen sehr niedlich und überhaupt nicht gefährlich aussah. Aus der Tür gegenüber der Bärentür konnte man eine tiefe Stimme schnarchen hören und Rollan fühlte sich unweigerlich an seine eigenen Nächte erinnert. Sein Vater konnte genauso gut schnarchen wie Herr Beckett. Zumindest vermutete Rollan, dass es sich bei der schnarchenden Person um Herrn Beckett handelte. Nach erneutem tiefen Durchatmen schob Rollan so leise und vorsichtig wie nur möglich die Tür auf, aus der das Schnarchen gekommen war. Wenn dies das Schlafzimmer von Herr und Frau Beckett war, war die Chance, darin die Kette der Hausherrin zu finden, mehr als nur gut. Sobald die Tür weit genug auf war, dass er ins Zimmer schlüpfen konnte, blickte er prüfend hinein, bevor er sich durch den Türspalt schob.

Das Bild was sich ihm hier bat, passte nicht zu dem, welches er von den reichen Becketts hatte. Das schlafende Ehepaar lag in den roten Laken verheddert im Doppelbett, Frau Beckett trug eine Schlafmaske und ihr Kopf lag auf der Brust ihres schnarchenden Mannes. Sie wirkten so ... normal. Rollan hoffte, dass die beiden so tief schliefen, wie es aussah. Er wollte nur die Kette finden und hier so schnell wie möglich wieder raus. Seine Mission fest im Blick fiel ihm die mit purpurnen Blumen verzierte Schatulle auf der Kommode gegenüber des Bettes direkt auf. Wenn das nicht das perfekte Behältnis für die Kette von Andarius war, dann wusste er auch nicht weiter. Und er sollte recht behalten, denn als er die kleine Schatulle mit dem dazugehörigen kleinen Schlüsselchen, der praktischerweise in der obersten Schublade der Kommode lag, öffnete, lag darin eine prächtige goldene Kette mit roten Steinen versetzt, bei denen es sich wohl um besagte Taubenblutrubine handeln musste. Der Junge zögerte nicht länger und packte die Kette. Er schloss die Schatulle, legte den Schlüssel zurück in die Schublade, schlüpfte zurück in den dunklen Flur und schloss die Tür des Schlafzimmers hinter sich. Das war einfacher als gedacht, naja, dafür, dass die Kette im selben Zimmer wie zwei schlafende Personen lag zumindest. Er hatte doch recht lang gebraucht, aber niemand hatte ihn bemerkt und er hielt das gesuchte Schmuckstück in Händen und das war alles, was zählte. Erleichtert atmete er auf und wollte gerade die Kette in seiner Tasche verstauen, als er ein Geräusch von der anderen Seite des Ganges vernahm. Panisch huschte er durch den dunklen Gang und presste sich gegen jene Seite des Schranks, die aus der Richtung des Flures, aus der das Geräusch gekommen war, nicht zu sehen war. Rollan blieb der Atem stehen und er konnte sein Herz nur so klopfen hören. Er war so weit gekommen, jetzt durfte er nicht entdeckt werden. Hätte er sich nur nicht zu früh gefreut. Die Augen fest zusammengepresst lauschte er in die Dunkelheit. Nachdem er mehrere Minuten lang nichts hörte, entschied er sich, in der Hoffnung das Geräusch war lediglich das Haus selbst oder das Bett von jemandem, der sich im Schlaf bewegt hatte, einfach so schnell wie möglich aus diesem Haus zu verschwinden. Er schlich die Treppen so schnell wie sie es ihm erlaubten hinunter und rannte praktisch Richtung Hinterausgang, die Kette fest umklammernd. Er hoffte die Hintertür, hinter sich fest genug zugezogen zu haben, denn er gab sich nicht die Zeit es zu überprüfen. Er sprang an die Mauer und landete mit einem dumpfen Geräusch wieder in der dunklen, kleinen Gasse neben dem Beckettanwesen und richtete seine Kapuze. Gerade als sich ein triumphierendes Lächeln auf seinen Lippen bilden wollte, hörte er hinter sich, wie noch jemand auf dem Steinboden aufkam und das Lächeln blieb ihm im Hals stecken. Noch bevor er überhaupt die Chance hatte, weiter zu rennen, ergriff jemand seinen Unterarm und zog ihn mit einem Ruck herum, wobei die Kapuze ihm wieder von Kopf rutschte. Er hob seinen Blick, um zu sehen, wer ihn da festhielt und starrte in ein Paar braune Augen. Nach kurzem Mustern der dunklen Gestalt erkannte er den schwarzhaarigen Jungen von den Familienfotos wieder. Er war fast einen ganzen Kopf größer als Rollan.

»Erwischt!«, stieß dieser triumphierend aus. Rollan zog an seinem Arm, um ihn vom Griff seines Gegenübers zu befreien, musste jedoch feststellen, dass dieser einen erstaunlich festen Griff hatte, aus dem sich Rollan nicht so einfach würde befreien können.

»Ich weiß wie du aussiehst, denk also gar nicht dran, wegzurennen, oder ich verpfeife dich direkt bei den Stadtwachen.«, entgegnete der junge Beckett.

Rollan murrte unzufrieden, versuchte jedoch nicht weiter, an seinem Arm zu ziehen, es würde sowieso nichts bringen. »Und was hast du ansonsten vor?«, zischte er.

»Wie heißt du?«, die Frage verwirrte Rollan und er knurrte nur ein »Geht dich nichts an!«, zurück. Er merkte den musternden Blick des anderen, der an ihm herunterglitt und kurz an seinem dunklen Rock hängen blieb, bis er wieder in Rollans Gesicht landete. »Okay, dann nenne ich dich einfach Röckchen.«, trällerte der Typ, unbeeindruckt von Rollans widerwilligen Antworten. Rollan verdrehte die Augen und murrte unbegeistert, sagte aber nichts weiter.

»Ich bin übrigens Jaden.«, Jaden also, naja zumindest den Anfangsbuchstaben hatte Rollan gewusst. »Bescheuerter Name. Warum sagst du mir den überhaupt? Wolltest du mich nicht zu den Stadtwachen schleifen?« »Das hab ich nicht gesagt.« »Was willst du dann? Reicht es dir, wenn ich dir die blöde Kette zurückgebe?«, Rollan lockerte seinen Griff um das Schmuckstück etwas, als Jadens Blick darauf fiel. Wenn er dadurch den Wachen entgehen könnte, würde er sie zurückgeben.

Die Nacht war noch nicht vorbei, vielleicht könnte er mit etwas Glück doch noch irgendwo etwas im Wert von den 240 Goldstücken auftreiben.

»Was hast du mit der Kette denn vor? Verkaufen?« »Das geht dich auch nichts an!«

Rollan wusste, er sollte es sich nicht mit dem Kerl verscherzen, jedoch würde er ihm trotzdem nicht mehr sagen als zwingend notwendig.

»Um ehrlich zu sein Röckchen, siehst du aus, als würdest du die Kette dringender brauchen als meine Mutter, aber ich kann dich auch nicht einfach so mit gestohlenem Gut davonlaufen lassen.«, bei seinem neuen Spitznamen rümpfte Rollan die Nase. »Also wie wäre es mit einem Deal?«, sprach Jaden weiter.

»Ein...Deal?«, Rollan zog skeptisch eine Augenbraue hoch. »Und wie soll der aussehen?« »Dein Leben ist mit Sicherheit spannender als meines, also möchte ich, dass wir uns...hm...morgen Nacht treffen und ich auch mal was erleben kann. Aber Leute bestehlen oder verletzen gehört da fein rausgelassen, da mach ich nicht mit. Ich will nur auch mal was erleben. Ein Abenteuer. Mein Leben ist auf Dauer ziemlich eintönig, wenn du verstehst, was ich meine.«, Rollan verstand nicht, was Jaden meinte, doch das sagte er ihm nicht.

»Ich bin morgen Nacht beschäftigt.«, erwiderte er lediglich abweisend und hoffte, er sah nicht immer noch so verwirrt aus, wie er sich fühlte. »Super, dann komm ich mit! Wir treffen uns bei Sonnenuntergang hier? Und wenn du auftauchst und mich mitnimmst, behalte ich deinen nächtlichen Ausflug hier für mich.«

Rollan runzelte nachdenklich die Stirn, er wollte den reichen Schnösel nicht an der Backe hängen haben und schon gar nicht mit ins Rattenloch nehmen. Doch wirkte es im Vergleich zur Alternative wie ein guter Deal, genauso riskant war es jedoch. Rollan vertraute Jaden nicht, er könnte ihn trotz allem verpfeifen, er könnte ihn sogar in noch größere Schwierigkeiten bringen und nicht nur ihn, wenn der Typ anderen über das Rattenloch erzählte. Prüfend musterte er den Schwarzhaarigen. »Du erzählst niemandem auch nur ein Wort von irgendwas, was du morgen siehst und mitbekommst, verstanden? Und wehe du hältst dich nicht an dein Wort, dann schlitze ich dir im Schlaf die Kehle auf.«

Rollan würde ihm nicht die Kehle aufschlitzen, nicht seine Moral oder die Strafe wert, aber auf eine saftige Faust ins Gesicht könnte Jaden sich definitiv einstellen, sollte er ihn oder seine Leute verraten. Jadens erwartender Gesichtsausdruck wackelte etwas. Er schluckte bedenklich, nickte aber. Rollan konnte Jadens neu entstandene Unsicherheit spüren und es gab ihm selbst etwas mehr Sicherheit in seiner Situation. Wenn Jaden auch nur etwas Respekt vor ihm hatte, würde er sich wahrscheinlich eher an den Deal halten.

»Lässt du mich jetzt gehen?«, fragte Rollan und deutete auf die gebräunte Hand, die immer noch fest um seinen schlanken Unterarm geschlossen war. Daraufhin löste Jaden seinen Griff und noch bevor er seine Hand ganz lösen konnte, zog Rollan seinen Arm ruckartig zurück. Er warf einen skeptischen Blick in Jadens Richtung, bevor er die Kette in seiner Ledertasche verschwinden ließ und sich von dem anderen ab wand. »Warte!«, rief dieser, als Rollan Anstalten machte endlich abzuhauen und auch wenn er am liebsten einfach ohne einen weiteren Blick gegangenen wäre, drehte er sich noch einmal um. »Deine Kapuze.«, sagte Jaden und Rollan zog sich diese schnell ins Gesicht, fast beschämt, dass er selbst sie vergessen hatte und während Jaden ihm ein »Bis morgen!«, hinterher flüsterte, verschwand er um die nächste Ecke.

Jaden sah dem fremden Jungen hinterher, bis dieser hinter der Backsteinwand verschwunden war und seine leisen, eiligen Schritte in der Nacht verhallten. Er kletterte zurück über die Mauer und schloss die Hintertür hinter sich ab, bevor er sich zurück in sein Bett kuschelte, zu aufgeregt, um direkt wieder einzuschlafen. Vielleicht sollte er sich aber auch mehr um die Sicherheit ihrer Türen sorgen.

Kapitel 3 Der Pfirsich ist schuld

Jaden wurde von einem Gewicht auf seinem Bett geweckt, durch welches die Matratze neben ihm etwas nach unten sank. Ohne seine Augen öffnen zu müssen wusste er, wer da gerade auf sein Bett geklettert war.

»Jay, aufwachen!«, lachte eine Kinderstimme und ein kleiner Körper schmiss sich auf ihn. Jaden blinzelte seine Augen auf und wie erwartet erblickte er seine kleine Schwester, die quer über ihm lag und lachte. Kaia trug noch ihr rotes Nachthemd und ihre schulterlangen, braunen Haare standen in alle Richtungen ab. Die Kleine war ein wilder Schläfer. Jaden hatte ihr irgendwann erklären müssen, dass sie nicht mehr in seinem Bett schlafen durfte, weil sie ihn nachts immer grün und blau trat. »Wie viel Uhr ist es Kaia?«, fragte Jaden und als Kaia merkte, dass er wach war, sprang sie auf und rannte Richtung Fenster. »8:30 Uhr, Dolores macht gerade Pfannkuchen!«, rief sie freudig, als sie sich anstrengte, die großen, schweren Vorhänge aufzuziehen. Dolores war ihre Haushälterin, eine sehr liebenswürdige Frau. Kaia liebte sie. Sie war quasi vollwertiger Teil der Familie. Keiner im Haus konnte sich diese Familie noch ohne Dolores vorstellen. Ihre Haut war ein tief dunkles Braun und Kaia liebte ihre lockigen, schwarzen Haare. Die Kleine liebte es auch, mit Dolores verkleiden zu spielen. Dolores hatte ein Talent für das Kombinieren von Farben und Kaia lernte gern von ihr. Jaden konnte sich noch gut daran erinnern, als Dolores Teil des Haushalts wurde, es war jetzt schon fast 10 Jahre her, damals war er sieben Jahre alt und seine Mutter stand kurz davor die kleine Kaia auf die Welt zu bringen. Auch er hatte immer zu Dolores aufgesehen. Jaden rappelte sich auf und sah zu seiner Schwester rüber. »Kaia! Es ist Herbst, zieh dir Socken an!«, wies er an, als er die kleinen, nackten Füße der 10-Jährigen sah.

»Jaja, kommst du dann Frühstücken?«, erwiderte sie. »Klar doch, aber auf jetzt, sonst wirst du noch krank.« Mehr brauchte es für Kaia nicht, um auf zu springen und mit laut tapsenden Schritten zu ihrem Zimmer zu eilen. Jaden rutschte aus seinem kuscheligen Bett und kaum war er fertig sich anzuziehen, kam Kaia auch schon wieder durch die Tür gestürmt, jetzt mit zwei flauschigen, gestreiften Socken an den Füßen und einer Bürste in der Hand. Ihr Nachthemd hatte sie gegen einen kuscheligen, zu großen Pullover eingetauscht, der ihr bis unter die Knie reichte. Sie hüpfte auf Jadens Bett und machte es sich im Schneidersitz darauf gemütlich, Jaden mit großen, braunen Augen erwartend anschauend. Jaden wusste genau, was sie wollte und ließ sich hinter ihr auf dem Bett nieder, bevor er ihr die Bürste aus der Hand nahm und anfing, ihre zerzausten Haare zu richten. Durch die offenstehende Zimmertür drang schon der köstliche Geruch von Dolores Pfannkuchen und Kaia hatte Schwierigkeiten, still sitzen zu bleiben, während Jaden die Bürste durch ihre Haare zog.

»Jetzt beruhig dich Kaia, die Pfannkuchen werden dir schon nicht weglaufen!«, lachte Jaden, auch wenn er langsam selbst dem Geruch verfiel. Er wusste, wie herrlich Dolores Pfannkuchen waren, und es gab keinen besseren Start in den Tag.

»Jaden, Kaia kommt frühstücken!«, ordnete die Stimme ihrer Mutter an.

»Wir sind gleich da!«, rief Jaden zurück und kaum nahm er die Bürste aus Kaias Haaren, schon rannte sie los und Jaden flitze ihr lachend hinterher.

»Nicht die Treppen runter rennen!«, rief er ihr hinterher, bevor er fast in sie hinein stolperte. Zusammen gingen sie, nun in gemäßigtem Tempo, die Holztreppe hinab und betraten den Salon, in welchem ihr Vater saß. Er hatte ein Buch in der Hand und den morgendlichen Kaffee auf dem runden Sofatisch vor sich. Der Kaffee dampfte noch und als der schwarzhaarige Mann ihn an seine Lippen hob, nahm er nur langsam einen kleinen Schluck, was darauf hindeutete, dass auch er eben erst aufgestanden war. Es war Samstag, ein sonniger Herbstmorgen noch dazu, die ganze Familie schien entspannt und guter Dinge zu sein und Jaden vermutete, seine Mutter hatte noch nicht nach ihrer Kette geschaut. Bei dem Gedanken viel dem Jungen auf, dass eine der Schubladen der Kommode neben ihm nicht richtig geschlossen war und unauffällig stellte er sich davor und schob sie sachte ins Schloss zurück.

»Papa!«, Kaia hüpfte zu ihrem Vater auf das rote Sofa. »Du hast doch heute nichts zu tun oder? Es ist schließlich Samstag. Können wir heute auf den Markt gehen?«

Ihr Vater ließ das Buch zufallen und legte es zu der dampfenden Kaffeetasse auf den Sofatisch. »Ja, wir können später zusammen auf den Markt gehen aber jetzt wird erstmal gefrühstückt, damit du später groß und stark wirst.« Mit jenen Worten packte er Kaia und stellte sie auf dem Wohnzimmerteppich ab, von welchem aus sie ins Esszimmer huschte und nach Dolores rief, um ihr von ihren heutigen Plänen zu erzählen.

»Guten Morgen mein Junge.«, grüßte sein Vater nun auch Jaden und mit einem ermutigenden Schulterdruck schob er auch ihn ins Esszimmer. »Na komm, deine Schwester will heute noch was erleben.«

Im Esszimmer saß Jadens Mutter bereits am gedeckten Tisch. Sie trug ihren blauen, geblümten Morgenmantel und ihre braunen Haare waren in einem Dutt zusammengebunden. Sie lächelte Jaden an. »Gute Morgen mein Schatz, hast du gut geschlafen? Deine Schwester scheint jedenfalls eine erholsame Nacht gehabt zu haben, sie ist energiegeladenen wie immer.« »Ja, man kennt sie nicht anders.«, lachte sein Vater und Jaden antwortet seiner Mutter mit einem »Meine Nacht war auch nicht schlecht.«, bevor er sich ebenfalls an den Tisch setze.

»Oh, jetzt hab ich meinen Kaffee vergessen.«, murmelte Herr Beckett und verließ das Esszimmer wieder um seinen Kaffee aus dem Salon zu holen. Bevor er es zurückschaffte, kamen Kaia und Dolores aus der Küche. Kaia balancierte einen Turm duftender Pfannkuchen und Dolores trug ein Tablett mit unterschiedlichen Soßen und Belägen. Jaden hatte kurz Angst, dass seine Schwester das Frühstück gleich auf dem Boden verteilen würde, aber sie stellte den Pfannkuchenturm sicher in der Mitte des Tisches ab, während Dolores die restlichen Sachen auf dem Tisch verteilte. Auch Jadens Vater hatte sich jetzt wieder, nun mit seinem geliebten Kaffee, zu ihnen gesellt und kurze Zeit später saß die gesamte Familie an dem gut bestückten Frühstückstisch.

»Was hast du denn auf dem Markt vor Kaia?«, fragte Jaden seine Schwester, welche gerade einen ganzen Pfannkuchen auf ihre Gabel aufspießte.

»Heute ist Theodore wieder mit seinen Ponys da und Burke wollte heute auch wieder kommen!«, sie starrte den Pfannkuchen auf ihrer Gabel herausfordernd an. »Burke war schon sooo lange nicht mehr da!«, damit versuchte sie sich den Pfannkuchen in einem Stück in den Mund zu schieben. »Kaia! So isst man nicht! Benutze bitte dein Messer.«, beschwerte sich ihre Mutter empört. Einen halben Pfannkuchen im Mund, die andere Hälfte, immer noch auf der Gabel aufgespießt, aus ihrem Mund hängend, schaute Kaia zu ihrer Mutter. Mit den großen, braunen Augen rollend biss das Kind von dem Pfannkuchen ab und ließ den zerdrückten Rest zurück auf den Teller fallen, dabei brach sie den Blickkontakt zu ihrer Mutter keine Sekunde ab. Ihre Mutter reichte ihr eine Serviette über den Tisch und wie frech die kleine Kaia auch manchmal sein mag, als ihre Mutter damit drohte doch nicht auf den Markt zu gehen griff sie zu ihrem Messer und begann ihre Pancakes in kleine Stückchen zu schneiden.

Die Straßen waren gefüllt mit Menschen, alle hier wegen des heutigen Markts.

Jeden Samstag fand auf dem Stadtplatz ein kleiner Markt statt, doch einmal im Monat gab es, statt nur ein paar Obst und Gemüse Ständen, eine viel größere Auswahl an den unterschiedlichsten Waren. Händler kamen von den umliegenden Städten und Dörfern und durch Aktivitätsangebote wie Ponyreiten oder die hin und wieder veranstalteten Vorführungen wurde der monatliche Großmarkt schon fast zu einem kleinen Stadtfest. Der heutige Tag war ein schöner Tag für jene Veranstaltung, auch wenn der Herbst seine kühlen Winde durch die Stadtstraßen wehen ließ. Durch die Sonne, die hoch am Himmel hing und die warmen Mäntel, in denen die gesamte Familie Beckett gekleidet war, verlor der Wind seine beißende Kälte. Eine kleine Hand, von einem paar Handschuhe warm gehalten, ergriff Jadens linke Hand und mit einem »Komm, da drüben ist Burke!«, zog Kaia ihren Bruder daran hinter sich her. Die zwei schlängelten sich zusammen durch die Menge, Jaden darauf bedacht die Hand seiner Schwester immer fest im Griff zu behalten. Vor einem kleinen Holzstand kamen die Kinder schließlich zum Stehen.

Um die Bretter und Äste des Standes waren Ranken und andere Pflanzen gewickelt, von denen bunte Steine und Kristalle herabhingen. Auch die Ablageflächen des Standes waren mit solchen Kristallen bestückt, manche einzeln, mache in Ringe, Amulette und andere Accessoires eingelassen. Der Stand von Burke sah aus wie von Feen in einem Märchenbuch zusammengebastelt und Kaia konnte sich nie daran sattsehen. Auch Jaden musterte die ausgestellten Stücke mit wachsendem Interesse.

»Hallo ihr beiden, lange nicht gesehen.«, begrüßte sie eine zarte Stimme. Die Stimme gehörte Burke, welche mit einer Hand an ihrer Hüfte an der Seite ihres Standes lehnte. Burke war Yamalis, eine Spezies, die Mensch mit Tier vereinte. Jaden hatte noch nicht viele von ihnen getroffen. Burke hatte einmal erzählt, dass die meisten Yamalis sich nicht gerne weit von ihrem Königreich entfernten. Jaden konnte es ihnen nicht übel nehmen, nachdem was in der Vergangenheit passiert war. Burke war Teil Reh, ihre Haut hatte die rötlich-braune Farbe von Rehfell und zwischen den braunen, glatten Haaren, die ihr über die Schulter fielen, ragten zwei Rehohren hervor. Die vordere Partie ihrer Haare war etwas heller als der Rest und fiel in zwei kleinen Strähnen um ihr schmales Gesicht. Besonders schön fand Jaden die weißen Sommersprossen, die Burkes Gesicht schmückten. Sie bildeten einen besonderen Kontrast zu ihrer braunen Haut und den dunklen, runden Augen. »Burke!«, rief Kaia und rannte gegen diese, bevor sie ihre Arme um Burkes Beine schloss. Burkes Hufe klackerten auf dem Pflasterstein, als sie versuchte, ihr Gleichgewicht zu halten. »Ich freu mich auch, dich zu sehen Kaia.«, lachte Burke und tätschelte Kaias Kopf. Jaden winkte Burke lächelnd zu. »Oh, ich hab da jemanden, den ich euch unbedingt vorstellen möchte.«, erklärte Burke als Kaia sich wieder von ihr löste. »Maya! Komm mal her!«, rief Burke hinter sich, worauf eine Person hinter dem Stand hervortrat. Ihre Haut war ein dunkles Braun, fast schon schwarz und ihr Gesicht war von dunklen, wuscheligen Haaren umrahmt, die ihr gerade bis unters Kinn reichten. »Darf ich vorstellen, das ist meine Freundin Maya.«, verkündete Burke stolz und Maya schenkte ihr ein warmes Lächeln, bevor sie sich den Kindern zu wandt. Jaden wollte sich vorstellen, wurde jedoch unterbrochen, bevor er auch nur ein Wort rausbringen konnte.

»Oh Götter!«, Kaias Kinnlade stand offen und ihre Augen waren weit aufgerissen, starr auf Maya gerichtet. Jaden ließ seinen Blick wieder über die Schwarzhaarige wandern, im Versuch herauszufinden was seine Schwester sah. Maya hatte zwei geflochtene Zöpfchen jeweils rechts und links an ihrem Gesicht herunterhängen, sie waren unterschiedlich lang, aber beide ein gutes Stück länger als der Rest ihrer Haare. Sie war größer als Burke und Jaden und etwas stämmiger und- jetzt sah Jaden es, sie hatte eine schwarze Tiernase und zwei kleine, runde Ohren lugten zwischen dem gleichfarbigen Haar hervor. Maya sah alles in allem aus wie ein Bär und wahrscheinlich war sie das auch zum Teil. Ein Quietschen unterbrach seine Entdeckung und sein Blick schnellte zurück zu seiner Schwester. Diese hüpfte auf ihren Fersen auf und ab und wackelte begeistert mit ihren Fäusten vor sich herum.

»DU BIST EIN BÄR!« Maya lachte. »Fast, ich bin Teil Bär. Schwarzbär, um genau zu sein.«, ihre Stimme klang warm und freundlich, wie ein Abend vor dem Kamin. Kaias Augen waren fest auf die kleinen, schwarzen Ohren von Maya fixiert und Jaden konnte ihr Verlangen förmlich greifen. Der Wunsch die Bärenohren anzufassen war unmissverständlich in ihr Gesicht geschrieben. Burke und Maya tauschten einen Blick bevor Maya vor Jadens Schwester in die Hocke ging. »Hallo Kleines, wie heißt du denn?« »Kaia.«, schnellte das Mädchen unverzögert hervor. »Soso, du bist also Kaia. Hab ich mir fast gedacht. Burke hat mir von dir und deinem Bruder erzählt. Du siehst aus, als wolltest du mich was fragen.«

Das war alles, was es brauchte, um die Frage aus Kaia raussprudeln zu lassen. »KannichdeineOhrenanfassen?«, sie sprach so schnell, dass sie die Wörter beinahe verschluckte, so aufgeregt war sie. Trotzdem schien Maya sie verstanden zu haben und ihre Antwort brachte Kaia erneut zum Quietschen. Sie streckte ihren Arm aus und ganz behutsam legte sie ihre Finger auf das Fell von Mayas Ohren. Sie streichelte sie so zart, wie sie es mit den Welpen der Tysons machte und ein glückliches Lächeln, das von einem Ohr zum anderen reichte, legte sich auf ihr rundes Gesicht.

»Da seid ihr ja. Hallo Burke.«, Jadens Vater betrat ihre Runde. »Ich gehe mit Dolores jetzt Lebensmittel kaufen, eure Mutter unterhält sich am Brunnen mit ein paar Leuten, geht ihr bitte bei ihr vorbei, bevor ihr woandershin verschwindet?«, bat er seine Kinder.

»Oh hallo, sie kenne ich noch gar nicht.«, er schenkte Maya ein Lächeln zur Begrüßung. »Das ist Maya. Sie ist ein Bär Yamalis!«, erklärte Kaia ihrem Vater freudig, während Maya sich wieder aufrichtete und neben Burke stellte. »Sie ist meine Freundin, schon seit circa einem Jahr.«, fügte Burke hinzu.