Die rechte Hand der Krone - Thilini Abeyawardana - E-Book
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Die rechte Hand der Krone E-Book

Thilini Abeyawardana

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Beschreibung

Ada ist der Spross einer niframischen Adelsfamilie, doch statt sich den Konventionen zu beugen, will sie ihren eigenen Weg gehen. Etikette und Tanzunterricht sind nichts für ihre stürmische Seele, ihr Herz schlägt für die Kampfkunst. Adas größter Traum ist es, den Singhejos, der königlichen Armee Niframas, beizutreten – ganz zum Leidwesen ihrer Mutter. Unwissentlich geht sie einen Blutsvertrag mit dem Königshaus ein und erhält die Chance, sich ihren Traum zu erfüllen. Schnell muss Ada jedoch feststellen, dass ihr Weg zu den Singhejos mit vielen Hürden gepflastert ist. Als dann die Prinzessin des Nachbarreiches sie um einen gefährlichen Gefallen bittet, steht dabei nicht nur Adas Schicksal, sondern der Frieden der drei großen Königreiche auf dem Spiel …

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2024

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1. Auflage, 2024

© Alea Libris Verlag, Wengenäckerstr. 11, 72827 Wannweil

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Juno Dean

© Cover- und Umschlaggestaltung: Juliana Fabula | Grafikdesign – www.julianafabula.de/grafikdesign

Unter Verwendung folgender Stockdaten: shutterstock.com: AlphaVectorStd, Andrey Keno, Vandathai, Dmitr1ch, d1sk, lucky strokes; freepik.com

ISBN: 9783988270160

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Die Personen und die Handlung des Buches sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

Dieses Buch enthält Szenen, in denen Mobbing, Gewalt und posttraumatische Belastungsstörungen dargestellt werden. Wenn ihr selbst physische und/oder psychische Gewalterfahrungen erlebt und mit den Folgen bzw. Traumata zu kämpfen habt, sucht bitte eine psychologische Beratungsstelle bzw. ärztliche und/oder psychologische Psychotherapeut*innen auf. Wendet euch bei akuter Suizidgefahr an euren Arzt oder eure Ärztin. Zusätzliche Unterstützung könnt ihr unter der Nummer 0800 1110111 der Telefonseelsorge bundesweit erhalten.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort und WidmungPrologErster TeilKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20Kapitel 21Kapitel 22Kapitel 23Kapitel 24Kapitel 25Kapitel 26Kapitel 27Kapitel 28Kapitel 29Kapitel 30Zweiter TeilKapitel 31Kapitel 32Kapitel 33Kapitel 34Kapitel 35Kapitel 36Kapitel 37Kapitel 38Kapitel 39Kapitel 40Kapitel 41Kapitel 42Kapitel 43Kapitel 44Danksagung

Vorwort und Widmung

Selbstfindung und Wachstum sind die zentralen Themen in diesem Buch, mit welchen ich mich über Jahre hinweg auseinandergesetzt habe. Viele wussten auf die Frage, was genau sie mit ihrem Leben anfangen wollten, keine Antwort. Andere wiederum erzählten mir von ihren Träumen und leben sie bis heute. Um einen solch langen Prozess der Selbstfindung und des Wachstums darstellen zu können, habe ich eine junge Protagonistin erschaffen, die ihren eigenen Weg geht und dabei noch sehr viel zu lernen hat.

Einige Elemente wurden von verschiedenen Kulturen inspiriert und skizziert, stellen allerdings keine exakte Darstellung der Wirklichkeit dar.

Zudem habe ich mir als Autorin mit Migrationshintergrund, die in der Großstadt Frankfurt am Main geboren und aufgewachsen ist, die Freiheit genommen, Charaktere unterschiedlicher Ethnien und Hintergründe zu entwerfen.

Dieser Roman ist so bunt wie meine Heimatstadt selbst.

Für alle, die nicht aufgeben und weiterträumen.

Prolog

Es waren nicht allein die Sterne, die den dunklen Himmel über der sicanischen Hauptstadt erleuchteten. Fackel um Fackel und rote Leuchtraketen erhellten die Nacht, als der wütende Mob vor dem königlichen Palast aufmarschierte. Protestschreie vermischten sich mit dem Rot des an die Palastmauern geworfenen Feuers. Mit Eisenstangen zerschlugen sie Autos auf dem Hinweg und brüllten Vorwürfe durch ihre Megafone, die selbst Prinz Kerem nicht überhören konnte. 

Alleine streifte der junge Königssohn durch die Palastgänge, auf der Suche nach seinem Bruder Cinar und seinem Berater Nev. Bei dem Aufruhr war es nur eine Frage der Zeit, bis man versuchen würde, den Palast zu stürmen. Das würden die Wachen zu verhindern wissen, doch die Sicherheit seines kleinen Bruders war Kerem wichtig. Das letzte Mal hatte Kerem Cinar bei Nev gesehen. Was mit Nev passierte, war Kerem egal. Er wollte nur seinen Bruder so schnell wie möglich finden. 

Seit ihr Vater nicht mehr am Leben war, herrschte stetiges Chaos im Reich Sican, und die tobenden Bürger vor den Palasttoren waren der Höhepunkt dieser ganzen Misere. Das Volk war es leid, in Armut zu leben. Sie waren es leid, hohe Steuern abzugeben, der Rest reichte kaum zum Überleben. 

Für einen Moment hielt Kerem inne und wandte sich dem gigantischen Porträt seines Vaters zu. Die Statuen zweier Wolfshunde, das Wappentier des Königreichs, flankierten es. Neben der graublauen Militäruniform des Königs und den zahlreichen Orden auf seiner Brust, war der volle graue Bart das prägnanteste Merkmal an ihm gewesen. Das Bild war das letzte, das man vor seinem Tod anfertigte. Kerem schaute in die dunklen Augen des Mannes, welcher einst so stolz und mit starker Hand über ein blühendes, wohlhabendes Sican regierte. Wenn man nun von jenen Zeiten sprach, schien es, als würde man von einem Märchen sprechen, denn das Reich war krank, zerfressen von Problemen, die das Volk nach und nach auseinanderrissen. Nach dem Tod des Königs wollte die Flut an Katastrophen nicht enden. Furchtbare Unwetter und unzählige Stürme, Dürren, verdorbene Ernten – viele Menschen verloren ihre Existenzgrundlage und ihr Zuhause. Hungernde Kinder, Alte und Schwache, die umherzogen und um Kleingeld und Essensreste bettelten, überfüllten Tag für Tag die Städte. Krankheiten, die man sich im Dreck und in der eisigen Kälte einfing, taten ihr Übriges und setzten den Leben der schwächsten schnell ein Ende. Und bei all dem Leid waren Kerem und Cinar die Hände gebunden. An seinem achtzehnten Geburtstag war es Kerem möglich, den Thron zu besteigen; er war aber erst siebzehn Jahre alt. Bis zum lang ersehnten Tag würde es wohl zu spät sein, wenn es neue Proteste wie jenen vor dem Palast gab. Indessen hatte sein Onkel und Berater Nev als stellvertretender Regent die Geschäfte übernommen, aber statt dem Volk in seiner Not zu helfen, erhöhte er stetig die Steuern. 

»Mehr denn je müssen wir nach dem Tod unseres geliebten Königs Haltung bewahren und unser Heer optimieren, damit die anderen Reiche uns als ebenbürtig ansehen«, gab er als Begründung für sein Handeln an. Mittlerweile waren Kerem die Machenschaften seines Onkels einfach nur zuwider. Es konnte doch nicht sein, dass das Volk auf Kosten des Militärs leiden musste. Gemeinsam mit Ozan, dem Hauptmann der sicanischen Königsgarde, wollten sie dem unnötigen Steuereintreiben ein Ende setzen und Nev noch vor Kerems Amtsantritt die Befehlsgewalt entziehen. Die beiden Brüder verließen sich auf die Hilfe des Hauptmanns. Aus ihrem Plan wurde allerdings nichts, denn Ozan fiel eines Tages einem Überraschungsangriff der sicanischen Rebellen zum Opfer, die sich aus dem Teil des Volkes zusammengeschlossen hatten, der nicht länger tatenlos zusehen wollte. Wann immer Steuern eingenommen und Ladungen an wertvollem Besitz und Lebensmitteln von A nach B gebracht wurden – die sicanischen Rebellen waren zur Stelle und ließen alles mitgehen, was nicht niet- und nagelfest war. Auch vor den Adligen und reichen Industriellen machten sie keinen Halt. Sie stoppten deren Wagen und nahmen ihr Geld, ihren Schmuck, einfach alles Kostbare, was sie am Leibe trugen. Jedoch ohne dabei auch nur einen einzigen Menschen zu töten. Bis auf Ozan. Prinz Kerem hatte, frustriert über seine Machtlosigkeit, schon lange überlegt, die Rebellen zu unterstützen, sich ihnen sogar anzuschließen. Es war ihm egal, ob er König wurde oder nicht. Ohne die Krone könnte er leben, er würde sogar die Monarchie abschaffen, wenn es sein muss. Hauptmann Ozan war es, dem er als einziger von seinen Gedanken erzählt hatte. Dieser war es auch, der sie ihm wieder austrieb. »Ich werde Euch auf den Thron bringen, und wir werden Sican retten, und wenn es das letzte ist, was ich tue!«, versprach er. Viele Jahre hatte er Kerems Vater gut gedient und Sican sein Leben verschrieben. Er musste an Cinar denken. Sein Bruder war mit seinen vierzehn Jahren noch zu naiv und unbeholfen, als dass er Sican alleine aus seiner Misere hätte holen können. 

Das letzte, was Hauptmann Ozan tat, war, das Leben Nevs und anderer Adliger zu schützen. Sie waren auf dem Rückweg in die königliche Hauptstadt, Hauptmann Ozan eskortierte sie. Im Handumdrehen hatten die Rebellen sie auf einer Steinbrücke überwältigt. Ozan fiel und die tosenden Wellen des Flusses rissen ihn fort. Man hatte seine Leiche nie gefunden. Kerem war unglaublich wütend auf die Rebellen, denn sie hatten seinen einzigen Vertrauten umgebracht. Nun mussten die beiden Brüder alleine durch die Hölle gehen, ihr Volk aus der Krise retten und es mit Nev aufnehmen. 

Ihr Onkel war nie um das Wohl seiner Landsleute besorgt gewesen. Was ihn kümmerte, war einzig und allein das Prestige Sicans. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er versuchen würde, ihn und Cinar zu beseitigen, Kerems Krönung stand bevor. 

In seine Überlegungen versunken, sah Kerem das Gemälde seines Vaters plötzlich nicht mehr. 

Es gab kein Licht, alle Lampen im Gang waren erloschen. Ein Stromausfall. Kerem lief durch die Dunkelheit. Nur Licht, welches durch Fenster und offene Türen fiel, erhellte schwach die Gänge. Es waren die Fackeln der Demonstranten, deren Rufe immer lauter von draußen hallten. Er lief dorthin, wo er Cinar am häufigsten vorfand: Im Arbeitszimmer ihres Vaters. Dort verbrachte Cinar Stunde um Stunde, ließ sich im Sessel ihres Vaters nieder und wälzte Bücher. Er fehlte Cinar so sehr. 

Vor dem Arbeitszimmer angekommen, spürte Kerem, dass etwas nicht stimmte. Er trat näher. Im Halbdunkel sah er, dass die Tür angelehnt war. Flüstern und Raunen drang aus dem Inneren. Kerems Hand ging zum Schwert an seinem Gürtel, und er huschte einer Katze gleich durch den Türspalt. Mondlicht erhellte den Raum, und in der Ecke erkannte Kerem eine Silhouette. Es war Cinar.

»Bruder, pass auf!«

Ein dumpfer Schlag. Cinar sank zu Boden. Nachdem sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, bemerkte Kerem die drei Gestalten, die um seinen offensichtlich bewusstlosen Bruder standen. Aus Reflex zückte Kerem sein Schwert. Es leuchtete zunächst auf, verlängerte sich, und die Klinge fing Feuer. Das rote Glimmen des Schwertes erhellte das Arbeitszimmer und ließ den jungen Prinzen die Gestalten deutlich sehen. Kerem machte eine erschreckende Entdeckung: Er sah drei rot-schwarze Uniformen vor sich. Die Angreifer seines Bruders waren sicanische Soldaten! Er hatte keine Zeit, länger darüber nachzudenken, denn ihre Klingen flammten ebenfalls auf. Sie machten sich bereit zum Angriff. Drei gegen einen. Das könnte eng werden. Kerem würde sich und seinen Bruder vor den Verrätern verteidigen, alleine und bis zu seinem letzten Atemzug. 

Gerade als er in die Enge getrieben wurde, stürmten zwei vermummte Gestalten in den Raum und stürzten sich auf die Soldaten. Schwertklingen schrien bei jedem Schlag auf, angestrengtes Ächzen erfüllte das Arbeitszimmer. Einer seiner Unterstützer kämpfte mit einer Lanze, die sich entzündete, der andere mit einem Schwert, auf dessen Klinge Blitze tanzten. Ihr Knistern vermischte sich mit dem des glühenden Feuers der gegnerischen Lanze. Hitze und Elektrizität erfüllten den Raum, der nicht für Gefechte gemacht war. Bücher fielen brennend zu Boden, misslungene Hiebe schlitzten die schöne Tapete an den Wänden auf. Ein Soldat wurde so hart auf den Arbeitstisch geschleudert, dass dieser entzweibrach. 

Kerem entwaffnete seinen Gegner und schlug ihn mit seinem Schwertgriff zu Boden. Der Soldat auf den Trümmern des Tischs rührte sich nicht. Ein Bücherregal fiel auf den dritten Angreifer, bevor er ausweichen konnte. Atemlos wischte sich Kerem den Schweiß von der Stirn. »Cinar.« Er eilte zu seinem Bruder und überprüfte Puls und Atmung. Er lebte, den Göttern sei Dank. Einer seiner beiden Retter stand unweit von ihm entfernt und zog seine Kapuze herunter. »Was … Du?« Kerem stockte der Atem. Von Unglauben gepackt, richtete er sich auf und bemühte sich, etwas zu sagen. Bevor ihm auch nur ein weiteres Wort entfuhr, stieß eine in Blitzen getränkte Klinge in sein Sichtfeld. Das Schwert war nicht einmal fünf Zentimeter von Kerems Nase entfernt. Die Elektrizität, die es absonderte, ließ ihm die Haare an Nacken und Armen zu Berge stehen. 

Eine Frauenstimme sprach, die Stimme der Blitzanwenderin. »Ihr werdet uns jetzt begleiten, Prinz Kerem.«

Erster Teil

Kapitel 1

Adarete Nisansala Fragaria

Oh, nein!« Die Vorhänge wanden sich wie lange Schlangen, die der Hitze entrinnen wollten. Flammen züngelten an ihnen hoch, Rauch stieg still hinauf und ließ den Brandmelder schreien, Sprinkler an der Decke durchnässten daraufhin den Flur. »Überlasst das uns, gnädiges Fräulein.« Zwei Bedienstete eilten herbei und schoben Ada zur Seite. Die beiden rissen die Vorhänge herunter und erstickten mit zwei Feuerlöschern die rote Wut. Von ihnen würde Ada keinen Ärger bekommen, von ihrer Mutter, Lady Ludovica Fragaria, dagegen schon. Sie war streng und im ganzen Fragaria-Anwesen gefürchtet. Niemand wollte sich mit ihr anlegen, nicht einmal ihr Mann, Lord Lorenzo Fragaria. Er war zahm wie ein Lamm und ließ Ada beinahe alles durchgehen. Allzu oft kam es vor, dass der eigentliche Herr des Hauses seine Tochter verhätschelte und ihr keinen Wunsch ausschlagen konnte. 

Der freundliche und gelassene Mann war der erste Berater Königin Cornelias, der Regentin von Niframa, und hielt sich größtenteils im Palast auf, um seinen Dienst zu leisten. Wenn es um seine Arbeit ging, verstand er keinen Spaß. Er beriet die Königin in allen Angelegenheiten des Reichs und sorgte gemeinsam mit ihr und dem restlichen Beraterstab für Frieden und Wohlstand. Doch bei seiner Tochter wurde sein Herz butterweich. Praktisch alles würde er ihr durchgehen lassen. Leider war er gerade nicht zu Hause, sonst hätte er ein wohlwollendes Wort für Ada einlegen können. »Mein Edelstein, du sollst nicht mit den Ableitsteinen in den Gängen üben, deiner Mutter wachsen sonst noch mehr graue Haare.« Das in etwa hätte er seiner Tochter gesagt. 

»Geh in die Trainingshalle, dort hast du genug Platz.« 

Ihr Vater verwöhnte sie nicht mit schönem Schmuck oder prächtigen Kleidern, nein, von klein auf war es das Kämpfen, welches er ihr beibrachte. Nahkampf, Verteidigung, Waffentraining, alles was dazugehörte. Reitsport, Bogenschießen, auch den Umgang mit dem Ableitstein, den Ada seit zwei Jahren fleißig übte. Jene Edelsteine wurden in Schwertern, Speeren, Dolchen und anderen Kampfutensilien eingebaut, die aus Elementarstahl gefertigt wurden. Bei Letzterem handelte es sich um ein besonderes Metall, das auf Elementarkräfte reagierte. Der Elementarstahl hatte die Eigenschaft, sich durch den Willen des Anwenders um ein Vielfaches zu verlängern. Bei Aktivierung glühte die Waffe und nahm die vorher festgelegte Form an. Der Ableitstein bildete den Kern der Waffe, fungierte als Katalysator und bündelte die Elementarkräfte, die durch die Waffe flossen. Mit seiner Hilfe konnte der Anwender die Energie, die durch die Waffe strömte, kontrollieren und verstärken. Doch diese Kräfte wurden nicht nur im Kampf, sondern in praktisch allen Bereichen des Lebens verwendet, wie beispielsweise dem Kühlen von Lebensmitteln oder der Erzeugung von Strom. Dafür wurden Geräte entwickelt, mit ähnlichen Mechanismen zur Nutzung der Elementarmagie wie die Elementarwaffen. Die meisten Menschen waren mit der göttlichen Gabe gesegnet, sie wurde allgemein als Magie bezeichnet. Elementarmagie bestand aus Feuer, Eis, Wind und Blitz. In ersterem übte sich Ada schon lange Zeit, denn die Tradition der Fragaria-Männer war das Hauptelement Feuer. Und hier gab es schon das erste Problem. 

»Adarete Nisansala Fragaria, du sollst nicht mit diesen Dingern im Gang herumspielen, am Ende fackelst du noch das gesamte Anwesen ab!« Es war Lady Ludovica, die vom Piepen des Brandmelders hergelockt worden war und entsetzt die angekokelten Vorhänge und nassen Teppiche im Gang betrachtete, als sie zu Ada stieß. Das Mädchen versuchte sich zu verteidigen: »Aber Mutter, ich habe nicht gespielt, ich habe trainiert! Vater meinte, ich müsse jeden Tag üben, sonst würde ich das Feuer nie in den Griff bekommen.« 

»Das hast du ja wunderbar in den Griff bekommen. Schau dir die schönen Vorhänge an! Sie sind ruiniert!« Und ohne eine Anweisung an die beiden Bediensteten zu richten, machten sie sich schon daran, die Vorhänge abzutransportieren. »Dein Vater ist einfach zu nachsichtig mit dir. Kämpfen – das schickt sich einfach nicht für eine junge Dame, vor allem nicht in deinem Alter! Du bist kein Kind mehr, Adarete. Schon bald bist du fünfzehn Jahre alt, und so solltest du dich auch verhalten.« Worte wie diese hörte Ada regelmäßig von ihrer Mutter. Ada seufzte bei ihrer Predigt nur. Viel zu oft hatte sie die schon von ihrer Mutter gehört, die mit ihren Methoden Adas »Kampfwahnsinn«, wie sie ihn nannte, entgegenzuwirken versuchte. Malerei, Stickerei, Musik, Tanzen – in all diesen Fächern bekam sie die beste Ausbildung, die ein Mädchen aus einer Adelsfamilie erhalten konnte. Und in jedem Bereich scheiterte sie kläglich. Sie hatte keine Lust auf das ganze Zeug und wollte lieber trainieren. Am liebsten würde sie den Singhejos, der königlichen Armee Niframas, beitreten. Das harte Training würde Ada nichts ausmachen, Hauptsache, sie musste sich nicht mehr beim Sticken in die Finger piksen oder beim Tanzen die Beine verdrehen. 

Ada erinnerte sich noch genau, wie sie ihrer Mutter von ihrem Traum erzählte. Die war alles andere als begeistert. »Die Singhejos! Schlag dir das aus dem Kopf! Eine Lady der Fragaria-Familie gehört nicht in die Armee, sie wird die Familiengeschäfte weiterführen. Sprich, du wirst später meine Arbeit übernehmen.« Die Fragaria-Familie verfügte über zahlreiche Weingüter in ganz Niframa, und das Geschäft blühte unter der strengen Aufsicht Lady Ludovicas. Ada dagegen zeigte nach wie vor kein Interesse an allem, zu dem ihre Mutter sie drängte. Das Mädchen wollte lieber kämpfen, laufen, schwitzen – aber bloß nicht stillsitzen und sich wie eine Lady benehmen. Lady Ludovica war frustriert. Doch da gab es jemanden, der sie motivieren und zum Weitermachen bewegen konnte, was das Herz ihrer Mutter leichter werden ließ. Dieser jemand war allerdings gerade nicht zu Hause. 

Mutter und Tochter waren so verschieden, wie sie nur sein konnten, und das betraf nicht ausschließlich ihre Interessen. Adas Haar war rabenschwarz, während das ihrer Mutter von kastanienbrauner Farbe war. Im Winter färbten sich Lady Ludovicas Wangen rot von der Kälte, während sie sich im Sommer ohne ihren Sonnenschirm und Sonnencreme draußen einen Sonnenbrand auf ihrer hellen Haut holen würde. Adas Haut jedoch war dunkel. Im Winter wurden ihre Wangen nicht rot, und Sonnenbrand bekam sie nie, höchstens einen Hitzestich. Ada war nicht das leibliche Kind von Lord Lorenzo und Lady Ludovica, ihre richtigen Eltern starben, als sie noch ein Kleinkind war. Seither kannte sie keinen anderen Vater und keine andere Mutter. Sie liebten Ada über alles, obwohl sie ihnen als Wildfang das Leben nicht immer leicht machte. Adas leibliche Mutter hieß Lanea Aurum und war eine Freundin Lady Ludovicas gewesen, die bis zu ihrem Tod in der Verwaltung ihrer Weingüter gearbeitet hatte. Aaron Aurum, Adas leiblicher Vater, war Feldwebel bei der königlichen Armee Niframas gewesen. Bei einem Anschlag auf König Mens, den damaligen Regenten Niframas, kamen er und Ihre Majestät kurz nach dem Ende des Krieges ums Leben. Jener Konflikt ging zuvor viele Jahrzehnte zwischen Niframa und dem Königreich Kanyama, welcher die Leben zahlreicher Menschen forderte. König Mens starb nach der Unterzeichnung des Friedensvertrags und der beschlossenen Verlobung der Königskinder, Prinz Miran von Niframa und Prinzessin Rikhia von Kanyama. Königin Cornelia übernahm daraufhin bis zur Krönung nach der Hochzeit des Prinzen die Regentschaft. Niframa verlor an diesem Tag nicht nur seinen König. Lanea Aurum hatte sich nie von dem Verlust ihres geliebten Ehemannes erholen können. Sie erkrankte und starb vor Kummer. Am Sterbebett versprach Lady Ludovica ihr, sich um Ada zu kümmern, als sei sie ihr eigen Fleisch und Blut. Und dieses Versprechen hielt die strenge Adlige bis zum heutigen Tage. Obwohl es ihr oft den letzten Nerv raubte, wie man an den grauen Strähnen sah, die sie zu verstecken versuchte. Manchmal verzweifelte sie so sehr, dass sie sich ernsthaft um die Zukunft des Mädchens sorgte. 

Doch ihr Sohn Senzo war es, der ihr bei Adas Erziehung stets neuen Mut gab. Ada war nämlich geradezu vernarrt in Senzo. Schon in ihren Kindheitstagen sah jeder, wie sehr sie an ihrem Bruder hing. Sie wollte alles machen, was Senzo tat, und das schloss die Kampfausbildung des jungen Fragaria ein. Eines Tages würde er in die Fußstapfen seines Vaters treten und Prinz Miran, sobald er König war, als Berater zur Seite stehen. So, wie es sein Vater einst bei König Mens und heute als erster Berater bei Königin Cornelia tat. Die Geschwister trainierten zusammen, und immer wieder verlor Ada gegen ihren Bruder, er ließ sie nicht ein einziges Mal gewinnen. Also trainierte Ada weiter, um Senzo eines Tages zu überholen. Sie folgte ihm auf Schritt und Tritt. Der schlaue Junge nutzte das aus und stickte, wenn es für Ada eigentlich an der Zeit war zu sticken. Er malte Porträts und setzte sich sogar Bücher auf den Kopf und balancierte sie, wie es die jungen Damen taten – und das alles nur, damit Ada es ihm gleichtat. Lady Fragaria war dankbar für die Hilfe ihres Sohnes. Dieser konnte Ada zum Lernen motivieren; immer, wenn er sich an seine Aufgaben für den Hauslehrer setzte, tat Ada es ihm gleich. Es kam sogar so weit, dass er sie zum Tanzen bewegte, was schlichtweg ein Wunder war. Ada hasste es nämlich zu tanzen. So sehr, dass sie sich eines Tages weigerte, zur Tanzstunde zu gehen und sich versteckte. Die Bediensteten suchten im gesamten Anwesen nach dem Mädchen, ohne Erfolg. Ada hatte sich in ihrem geheimen Versteck verschanzt, das nur sehr wenige kannten. Ada besaß eine Kette, ein Familienerbstück der Fragarias, das von Mutter zu Tochter weitergereicht wurde. An vielen Stellen des Hauses befanden sich Statuen von Greifen, die das Wappentier der Fragaria-Familie darstellten. Es gab sie in Gold, Silber und Bronze. Die Brust jedes einzelnen Greifen zierte eine Sonne, die für die Wärme und Kraft des Feuers stand, dem Hauptelement der Familie. Kaum jemand wusste, dass sich hinter den bronzenen Greifen ein Geheimnis verbarg: Mit einem Ableitstein in Schmuckstücken wie Adas Kette, der auf den Ableitstein in der Sonne des Greifen reagierte, betätigte sich beim Berühren der beiden ein Mechanismus, der wiederum eine Geheimtür öffnete. Nur die ältesten Bediensteten und die Mitglieder der Fragaria-Familie wussten davon. Und mit diesem Wissen machte sich der damals neunjährige Senzo in die Bibliothek auf, um seine Schwester zu holen, während alle anderen die Trainingshalle absuchten. Die Bibliothek war der Ort, an dem man Ada am allerwenigsten vermuten würde, denn Ada las nicht gerne. Auch Senzo hatte als Kind ein Erbstück erhalten: Einen goldenen Ring, der ihm zu dieser Zeit noch zu groß war, weshalb er ihn an einer Kette um den Hals trug. Wenn er den Ableitstein auf dem Ring in Form einer Sonne an die Brust des Greifen hielt, sackte ein riesiges Regal rückwärts in die Wand ein und schob sich zur Seite, um einen Durchgang zu entblößen. 

So fand er Ada, zusammengekauert in einer Ecke, das Gesicht im Schoß versunken. »Gut, dass sie nicht weiter in die Tunnel gegangen ist, sonst hätte ich ewig gebraucht, um sie zu finden«, dachte sich der kleine Junge erleichtert. Die Geheimverstecke beherbergten nämlich ein riesiges unterirdisches Tunnelsystem, das die Familie bei Notfällen sicher nach draußen bringen würde. Er setzte sich zu Ada, die nicht aufschauen wollte. Auf die Frage, warum sie sich versteckte, antwortete sie durch ihre Knie: »Ich sehe blöd aus, wenn ich tanze. Immer mache ich die Schritte falsch. Der Lehrer schimpft nur.« Senzo musste kurz überlegen. Da kam ihm eine brillante Idee. »Weißt du, Tanzen und Kämpfen sind gar nicht so verschieden. Du musst vorhersehen können, welchen Schritt dein Gegner als nächstes macht, sonst wirst du getroffen. Wenn du gut tanzen kannst, dann kannst du auch gut kämpfen.« 

Das Mädchen schaute auf. Adas tränenfeuchtes Gesicht wandte sich Senzo erwartungsvoll zu.

»Wirklich?«, fragte sie und wischte sich die Wangen mit dem Handrücken ab. 

»Aber natürlich! Was meinst du, warum ich ständig gewinne? Ich bin ein toller Tänzer! Deswegen ist es auch so schwer für dich, mich zu besiegen.«

»Hey!«, Ada knuffte ihn mit der Faust, und es gelang Senzo, ihr ein Lachen zu entlocken. Er stand auf und streckte ihr die Hand entgegen. 

»Wir können es zusammen versuchen, ich tanze das nächste Mal mit dir.« Da fasste Ada neuen Mut und ließ sich von Senzo auf die Beine ziehen. Sie kehrten zurück zum Tanzlehrer, und er hielt sein Versprechen ihr gegenüber. Oft trat sie dem Jungen auf die Füße, doch kein einziges Mal beschwerte er sich. Genervt legte der Lehrer seine Hand an die Stirn und seufzte. Als Ada das bemerkte, begann sie zu grummeln. Da hob Senzo sie ganz unerwartet hoch und stellte sie auf seine Schuhe. »Versuchen wir es so.« Erneut ließ der Tanzlehrer die Musik abspielen. »Eins, zwei, drei … eins, zwei, drei …« Ada zählte laut mit. Nach einiger Zeit sollte sie es ohne Senzos Hilfe versuchen, und sie begannen erneut mit der Schrittfolge. »Ich kann es! Senzo, ich kann es!«, rief das Mädchen begeistert. Und fortan wollte Ada immer mit Senzo tanzen, wenn Musik in der Luft lag. Auch an einem Wintertag im Garten des Anwesens, als der Schnee sanft wie Federn vom Himmel fiel und sich sachte mithilfe des Windes in alle Richtungen verteilte. Senzo lief voraus, und Ada folgte ihm, in jeden seiner Fußabdrücke hüpfend. Irgendwann blieb er stehen und wartete, bis sie ihn eingeholt hatte. Doch statt vor ihm stehen zu bleiben, sprang Ada auf ihn zu und ließ sich von dem überwältigten Jungen fangen. »Was machst du für Sachen«, lachte er, und Ada strahlte zurück. »Senzo, lass uns tanzen! Ich kann hören, wie der Wind Musik macht«, verkündete sie Senzo. Verwundert hielt er inne und lauschte. »Aber das ist doch nur der Wind, der durch die Tannen pfeift«, entgegnete er, doch sie ließ sich nicht abwimmeln. 

Die kleine Ada stellte sich auf seine Schuhe, und Senzo wirbelte mit ihr durch den Garten, während die Schneeflocken ihnen dabei zuschauten. 

Momente wie diese waren kostbare, die Ada erst später zu schätzen lernte. Denn je älter sie wurden, desto weniger Zeit verbrachte Senzo auf dem Fragaria-Anwesen. Oft war er mit seinem Vater im Palast, wo er zusammen mit dem Prinzen unterrichtet wurde, um ein starkes Band zwischen dem späteren König und seinem Berater zu schaffen. Ada fehlte Senzo sehr. Fortan musste sie ihre Tanzstunden mit einem Bediensteten als Partner durchführen, sich alleine mit Kunst und Schularbeiten herumschlagen und sich so auch mit der Kampfkunst befassen. Mit ihrem Vater trainierte sie nun öfter, wenn Senzo aufgrund seiner Pflichten nicht nach Hause kommen konnte. 

Sie mochte Prinz Miran nicht. Viel zu oft machte er Ärger und kam damit auch noch durch. Und vor allem mochte Ada ihn nicht, weil er die meiste Zeit mit Senzo verbringen durfte. Damals begriff Ada nicht, was das für Gefühle waren, die in ihr schlummerten. Doch Lady Ludovica erkannte es früh, immerhin war sie ihre Adoptivmutter. Eines Tages fuhr sie mit Ada in die Stadt, um neue Kleider anfertigen zu lassen. Es wäre kein Problem gewesen, einen Schneider zum Anwesen kommen zu lassen. Anlässe wie diese waren aber eine gute Gelegenheit, um andere Adlige zu treffen, den neuesten Tratsch auszutauschen und sich über die aktuellsten Trends zu informieren. In der Schneiderei angekommen, sah Ada zum ersten Mal ein weißes Kleid mit einer langen, weißen Schleppe. Der Puppe, die es trug, hatte man einen Schleier aufgesetzt. Ein Brautkleid. Fasziniert schaute Ada es sich eine längere Zeit an. Ada wusste, dass Frauen es auf ihrer Hochzeit trugen und dass das ein ganz besonderes Ereignis war. Zwei ältere adlige Damen sprachen sie daraufhin an: »Na, Kleines? Du suchst wohl ein Kleid für deine Hochzeit, wer ist denn der Glückliche?« - »Ach, Annabelle, was ist das für eine Frage? Jedes kleine Mädchen will doch seinen Traumprinzen heiraten!« Einen Prinzen? Davon wollte Ada nichts wissen und antwortete den Damen ganz ungeniert: »Ich werde Senzo heiraten.« Das kam der kleinen Ada sehr logisch vor, Senzo hatte sie schließlich lieb. »Senzo? Dann ist das also dein Traumprinz!« Die beiden Damen waren entzückt von den Worten des Kindes, lachten weiter und kniffen ihr in die Wange. Lady Ludovica kam nicht umhin, sich ab diesem Moment Gedanken zu machen.

Kapitel 2

Einen Kopf kleiner

Einst suchte Unglück die Menschen aller Völker heim, ließ sie an unbekannten Krankheiten sterben und ihre Ernten verrotten. Und so schlossen sich diese Menschen, ob groß oder klein, Mann oder Frau, dunkel oder hell zusammen und zogen aus, um nach einer neuen Heimat zu suchen. Sie reisten monatelang über die See, bis sie schließlich auf Land trafen. Der neue Kontinent versprach die erhoffte Erlösung: Die Menschen blieben gesund, und sie fanden gutes Land zum Sähen und Ernten. Dort, auf diesem neuen Kontinent, wollten sie sich niederlassen, doch schnell stellten sie fest, dass sie nicht alleine waren. 
Aus »Die Geschichte des Ostkontinents« 

Endlich war es soweit. Im Sprint schlängelte Ada sich an den Bediensteten vorbei, die gerade dabei waren, einen massiven Holztisch und Mahagoni-Stühle in den Salon zu transportieren. Für den königlichen Besuch würde alles perfekt sein. Lady Ludovica ließ den Westflügel des Anwesens umräumen, weshalb sich dort nichts an seinem eigentlichen Platz befand. Schon bald sollte ein neues Klavier das größte Zimmer in diesem Bereich zieren. Adas Mutter verfolgte den Plan, neben dem Musikzimmer im Hauptgebäude ein weiteres im Westflügel einzurichten. Ada trug ihre besten Schuhe, smaragdgrüne Pumps, und ein Kleid in der entsprechenden Farbe, das Lady Ludovica ihr vor Kurzem schenkte. Ada hasste nicht nur die Farbe, sondern auch den schweren Stoff. Die Pumps waren nicht sonderlich bequem und erschwerten ihr das Rennen. Zum Glück hatte Ada nicht mit ihren Haaren zu kämpfen. Sie waren ihr irgendwann zu lang geworden, daher entschied sie kurzerhand, sich der schwarzen Pracht zu entledigen. Zum Entsetzen Lady Ludovicas, die dem kräftigen Haar nachtrauerte. »Wenn du nur wüsstest, was manche Mädchen für deine Haare geben würden, Kind. Sie einfach abzuschneiden ist so schade. Männer lieben Frauen mit langen Haaren.« 

Doch was interessierte es Ada, was Männer mochten und was nicht? Im Eigenversuch hatte sie sich ihre Haare zunächst schief geschnitten, doch das hatte eines der Dienstmädchen, das geschickter mit der Schere war, schnell ausgebessert. Jetzt, wo Adas Haarspitzen ihre Schultern berührten, konnte sie sich viel besser im Training bewegen, wenn sie sich einen kleinen Zopf band. Lange Haare hätten bei jeder Bewegung im Kampf gestört. Der Gegner könnte daran ziehen und sie so ausschalten, stellte sie sich vor. Für Lady Ludovica wäre das jedoch kein Argument für den Haarschnitt gewesen, denn sie betonte stets, wie sicher das Anwesen der Fragaria-Familie war und dass niemand es wagen würde, es unerlaubt zu betreten. Manchmal kam es Ada deswegen wie ein Gefängnis vor. Außer ihr und den Bediensteten war nur ihre Mutter häufig im Anwesen anzutreffen. In ihrem Büro kümmerte sie sich um das Familiengeschäft, zumindest den anfallenden Schriftverkehr. Für die Inspektion der Waren und Weingüter kam es vor, dass sie das Anwesen verließ. Ada blieb dann mit dem Personal daheim und forderte die in der Kampfkunst Bewanderten in der Trainingshalle heraus, sofern sie keinen anderen Pflichten nachgehen mussten. Doch heute kam der Mensch nach Hause, auf den sie sich am meisten freute. Da machten ihr auch das schreckliche Kleid und die blöden Schuhe nichts aus, die sie zur Ankunft einer weiteren gewissen Person tragen musste. 

An den Wendeltreppen angekommen, welche sich links und rechts in einem großen Bogen Richtung Erdgeschoss wanden, setzte Ada sich auf eins der Treppengeländer und rutschte nach unten. Dort angekommen sprang Ada hinunter, bevor sie gegen die verzierte Marmorkugel am Ende des Geländers prallte. Elegant wie eine Profiturnerin landete sie auf dem polierten Marmorboden. Einige aus der Dienerschaft, die Adas Sprung bemerkten, lächelten ihr zu und deuteten ein Klatschen an. Als Kind war Ada oft das Geländer hinuntergerutscht, und die Bediensteten standen mit Punktetafeln unten, um ihren abschließenden Sprung zu bewerten. Ein Zeitvertreib, dem Lady Ludovica schnell ein Ende setzte, als sie unerwartet von einer ihrer Geschäftsreisen zurückkam. Die Jurymitglieder mussten zur Strafe die staubige Abstellkammer entrümpeln, und Ada durfte zwei Wochen lang nicht mit ihrem Vater und Senzo trainieren. Lady Ludovica verstand bei so etwas keinen Spaß. Ordnung und Disziplin waren ihr oberstes Gebot. Und doch wusste Ada, dass ihre Mutter sie liebte, und sie tat es umgekehrt auch. Lady Ludovica, die gerade die Eingangshalle betrat, bekam Adas Sprung mit und ermahnte sie. »Benimm dich«, flüsterte sie, und gemeinsam schritten sie zum Eingang. Die riesigen Türen öffneten sich, und sie traten hinaus auf die breiten Treppenstufen. In der Ferne bahnte sich ein schwarzer Wagen den Weg vom Tor zum Eingang des Anwesens. Als Ada unten ankam, konnte sie es gar nicht abwarten. Nervös wippte sie auf ihren Füßen hin und her, Lady Ludovica ermahnte sie erneut mit einem kurzen, vielsagenden Blick. Beim Anblick des Aussteigenden wurde Ada dann enttäuscht: Ein junger Mann mit schwarzem Haar und grünen Augen. Adas Mutter hieß Prinz Miran mit einem strahlenden Lächeln willkommen. 

»Eure Hoheit, es freut mich, Euch nach langer Zeit erneut bei uns begrüßen zu dürfen.« Die Worte Lady Ludovicas klangen wie einstudiert, doch Ada wusste, dass sie es ehrlich meinte. Sie hingegen blickte grimmig zur Seite und wartete, bis das Prozedere endlich beendet war. »Die Freude ist ganz meinerseits, Lady Fragaria. Es tut mir leid, dass wir so spontan vorbeikommen. Aber es gibt gute Nachrichten, und die Königin wünscht, dass ich sie persönlich überbringe.« 

Das muss ja etwas überaus Wichtiges sein, wenn der Trottelprinz persönlich den Boten spielt, dachte sich Ada insgeheim. Als hätte sie ihre Worte laut ausgesprochen, schaute Prinz Miran Ada mit einem hämischen Grinsen an. »Na, Zwerg? Wächst du auch gut?« Er verstellte seine Stimme, als würde er mit einem Kleinkind sprechen und kniff ihr in die Wange. Ada war genervt. Was für ein Vollidiot. 

Da fiel Ada ihre erste Begegnung mit dem Prinzen ein: Sie war sechs Jahre alt, er war acht. Ihre Mutter setzte Ada damals oft ins Atelier, damit sie sich »künstlerisch weiterbildete«. Statt den langweiligen Trauben wollte Ada lieber etwas Sinnvolleres zeichnen. Senzo hatte bald Geburtstag, und er sollte von ihr ein Bild von ihrer Lieblingsblume bekommen – das Vergissmeinnicht. 

Miran kam irgendwann ins Atelier und schaute ihr beim Malen zu, bis er in die Leinwand boxte und ein klaffendes Loch in der bemalten Fläche hinterließ. Tagelang heulte das kleine Mädchen dem Bild nach. Der Übeltäter wurde für sein Verhalten natürlich entschuldigt, er kam ja generell mit allem davon. Prinz Miran von Niframa war ein Störenfried, der anderen das Leben schwer machte. Er zerstörte und versteckte Dinge und liebte es, Streiche zu spielen. Wahrscheinlich war Prinz Miran das einzige Kind im gesamten Königreich gewesen, das alle seine Kindermädchen erfolgreich in die Flucht geschlagen hatte. Bei seinem letzten Kindermädchen hatte er es geschafft, den Strom in ihrem Zimmer lahmzulegen und ihr mit einer Taschenlampe und einer hässlichen Monstermaske im Gesicht einen gehörigen Schrecken einzujagen. So gehörig, dass die arme Frau einen Herzinfarkt erlitt und unverzüglich ins Krankenhaus musste. Natürlich hatte sie daraufhin fristlos gekündigt. 

Mit seinen sechzehn Jahren war er nicht mehr allzu boshaft. Könnte man meinen. Aber Miran nutzte seinen Status als Thronfolger gerne aus, um Leute herumzukommandieren und zu schikanieren. Die Dienerschaft im Hause Fragaria tat Ada bei seinen Besuchen immer besonders leid. 

Irgendetwas sagte ihr schon aufgrund seiner Anwesenheit, dass etwas faul war. Was konnte so wichtig sein, dass der Prinz höchstpersönlich die Nachricht überbrachte? So etwas hätte auch via Messenger oder per Bote geschehen können. 

Ada machte sich auf das Schlimmste gefasst. Anstatt auf seine dumme Frage zu antworten, zwang sie sich ein Lächeln auf die Lippen und schaute verstohlen an ihm vorbei in Richtung der Limousine. Ein junger Mann stieg aus, der sich im Gehen seine Brille zurechtrückte. Ohne eine Sekunde länger zu warten, und den Prinzen völlig ignorierend, rannte Ada auf ihn zu. Lady Ludovica reagierte zu spät und konnte sie nicht aufhalten. Unten angekommen schloss Ada ihn sofort in die Arme, und er erwiderte die Begrüßung, indem er es dem Mädchen gleichtat. 

Senzo Fragaria strich Ada sanft mit der Hand über das Haar. »Willkommen zu Hause, Bruder«, sagte Ada und ließ Senzo erst nach einer gefühlten Ewigkeit wieder los. 

Das Abendessen war gerade vorbei, als Lord Lorenzo Fragaria im Anwesen eintraf. Eine Konferenz, die länger ging als geplant, hatte seine Ankunft um einige Stunden verzögert. Im Salon waren nun die gesamte Familie sowie Prinz Miran, der die große Nachricht verkünden wollte, versammelt. Ada und ihre Mutter saßen auf einem eleganten, beigefarbenen Sofa, während Senzo auf einem der vielen Stühle, deren Polster ein Muster aus Rosen zierte, Platz genommen hatte. Adas Vater hatte es sich in seinem bequemen Ohrensessel gemütlich gemacht. Prinz Miran stand auf und positionierte sich so, dass alle ihn sahen und hörten. 

»Der Rat hat beschlossen, Senzo vor seinem achtzehnten Geburtstag in den königlichen Dienst treten zu lassen. Diese Woche wird er offiziell im Palast aufgenommen. Die Zeremonie wird Ende der Woche stattfinden.« 

Lady Ludovica und Lord Lorenzo strahlten bis über beide Ohren, letzterer ganz besonders. Mit stolzerfüllter Brust nahm er Senzo in seine Arme und klopfte ihm auf den Rücken. »Ich wusste es schon, mein Junge, aber ich wollte dabei sein, wenn wir alle es vom Prinzen hören. Ich freue mich sehr für dich.« Auch Lady Ludovica nahm ihn feierlich in ihre Arme. »Herzlichen Glückwunsch, Senzo.« Sie strich ihm mit der Hand über seine Wange, und Senzo erwiderte die Geste mit einem freudigen Lächeln. »Das ist keine große Sache, wirklich. Sie haben bemerkt, dass ich jetzt schon für den Treueschwur bereit bin und einen zeitnahen Termin für die Zeremonie gefunden.« Lady Ludovica legte ihre Hand auf seine Wange und sah ihn mit tränenerfüllten Augen und einem Lächeln an. Sie war glücklich und doch gleichzeitig traurig, dass ihr ältestes Kind so schnell erwachsen wurde und nun in den königlichen Dienst trat. »Wir alle sind wirklich stolz auf dich.« Dann kam Ada an die Reihe und umarmte ihn erneut, wie vor wenigen Stunden, jedoch nicht ganz so stürmisch. »Ich hoffe, ihr werdet alle zur Feier kommen.« Verwundert schaute Ada ihn an. »Wieso zur Feier? Natürlich werden wir auch bei der Zeremonie dabei sein!« Da meldete sich Prinz Miran zu Wort. »Das ist so«, setzte er an, »es ist nur Mitgliedern der königlichen Familie sowie den höheren Mitgliedern des Hofstabes und ihren Familien gestattet, an der Zeremonie teilzunehmen.« - »Ja, und? Das ist kein Problem, wir sind ja seine Familie.« - »Ja, allerdings müssen alle Anwesenden das Mindestalter von sechzehn Jahren erfüllen, um der Zeremonie beizuwohnen. Im Klartext heißt das: Knirpse wie du haben dort nichts verloren.« - »Prinz Miran, das reicht.« Senzo wies den Prinzen zurecht, der wie ein ertappter Dieb die Hände hob und eine Unschuldsmiene aufsetzte. Diese letzte Info erschütterte Ada zutiefst. Jetzt wusste sie, was Prinz Miran beabsichtigte: Er war extra auf das Anwesen gekommen, um persönlich ihren Gesichtsausdruck bei der schlechten Nachricht an sie mitzuerleben. Schadenfroh, wie er war, blickte er in Adas Richtung und betrachtete das vor ihm aufkommende Drama. Was für ein Schuft. Von solch einer Regelung hatte Ada noch nie etwas gehört. Das war teilweise ihre Schuld, weil sie beim Hauslehrer selten aufpasste, er hatte es sicher schon erwähnt. »Aber … Das kann doch nicht sein! Das ist unfair! Die Zeremonie ist doch der wichtigste Moment bei der Eingliederung in den Hofstab!« So hatte Ada es jedenfalls andauend von ihrem Vater gehört. »Bitte lasst mich dabei sein, vielleicht kann man eine Ausnahme machen!« Hoffnungsvoll schaute sie Lord Lorenzo an, der wiederum Lady Ludovicas Blick erwiderte. Ein dumpfes Räuspern kam aus der Kehle ihres Vaters: »Mein Edelstein, es ist nun mal Tradition, dass ausschließlich die Älteren anwesend sein dürfen.« - »Bei Senzo wird doch auch eine Ausnahme gemacht, und er bekommt die Zeremonie früher, warum kann man bei mir dann nicht ebenfalls eine machen?« Nahezu flehend schaute sie Senzo an. Er hatte sich mit betrübtem Gesichtsausdruck neben Miran am Kamin positioniert. In dem weißen Hemd und der schwarzen Satinweste wirkte er stattlicher als der Prinz, dessen wild abstehende Haare einen Kontrast zu seinem ordentlichen Anzug bildeten. Bevor Senzo etwas sagen konnte, schaltete sich ihre Mutter ein. »Wir können morgen darüber sprechen, Adarete. Es ist ja nicht so, als würdest du überhaupt nicht hingehen, wir beide kommen nur etwas später nach.« - »Aber …« - »Kein Aber!« Sie blickte rasch auf die Uhr über dem mit schwarzen und weißen Ornamenten verzierten Kaminsims. »Du solltest jetzt ins Bett gehen.« Alle im Raum schauten sie an, und Ada fühlte, dass sie fürs Erste verloren hatte. Beim längeren Hinsehen bemerkte sie die Müdigkeit, die sich im Gesicht ihres Vaters abzeichnete. Also gab Ada nach, wünschte allen eine Gute Nacht und ging in Richtung Salontür. »Ich werde auch schlafen gehen, es war wirklich ein langer Tag« verkündete der Prinz und folgte Ada. Als er gleichauf mit ihr war schoss Ada stur an ihm vorbei aus dem Raum und missachtete dabei die Etikette, den Prinzen vorzulassen. Sie wollte nicht, dass er sah, wie sie mit den Tränen kämpfte. Er hatte wieder einmal gewonnen. Dass Ada sehr an Senzo hing, wusste so gut wie jeder, und genau das machte sich Miran zu Nutze, um sich seine dummen Späße mit Ada zu erlauben. Und sie musste zugeben, dass Prinz Miran sie damit wirklich traf. Er war der Mensch, der die meiste Zeit mit Senzo verbrachte, denn er war der zukünftige König, und Senzo würde sein Berater werden. Um die Rolle einzunehmen, die von Geburt an für ihn bestimmt war, verbrachte Senzo die meiste Zeit im Palast. Fernab von zu Hause, fernab von seiner Mutter, die ihr ältestes Kind und ihren einzigen Sohn vermisste, fernab von ihr. Dass sie nicht an Mirans Stelle war, ließ sie oft eifersüchtig auf ihn werden. Dieser Trottel hatte Senzos Anwesenheit nicht verdient. »Soll ich dir etwas verraten, Zwerg?« Ada blieb stehen und wandte sich halb zu ihm um, hoffend, dass er im Licht der Flurlampen ihre Tränen nicht sah. Sie schwieg und wartete stattdessen. Anstatt mit ihm zu reden, hätte sie ihm viel lieber ins Gesicht geschlagen, so wütend und verletzt war sie im Moment. Miran trat ein paar Schritte auf sie zu. »Was wäre, wenn ich dir sage, dass es kein Mindestalter für die Anwesenheit bei der Zeremonie gibt? Was wäre, wenn dich einfach nur niemand dabeihaben möchte?« Seine Worte ließen Ada zu Stein erstarren. »Was meinst du damit?«, fragte sie ihn, halb verwundert, halb verwirrt. Warum erwähnte er alle? Alle aus ihrer Familie? »Was ist dein Problem, Miran?« Ada wandte sich nun zu ihm um und ging auf den Prinzen zu. »Du weißt doch irgendetwas, sag es mir!« Ada bemühte sich, nicht allzu wütend zu klingen, aber es fiel ihr schwer. Sie war das Katz-und-Maus-Spiel zwischen ihnen leid. »Ich würde es dir sagen, wenn ich nicht dauernd zu dir runterschauen müsste. Tja, wenn du schon sechzehn wärst, dann könntest du auch zur Zeremonie.« Ein süffisantes Lächeln breitete sich auf seinen Lippen aus, gefolgt von einem Augenzwinkern. Das brachte Ada in Kombination mit seinen anstachelnden Worten noch mehr in Rage. Sie bemühte sich, ihn nicht anzufallen und ihm die Augen auszukratzen. »Oder du fragst deine Mutter, was Sache ist. Vorausgesetzt, sie will es dir erzählen. Träum was Schönes, Zwerg.« Mit diesen Worten ging er an Ada vorbei, und sie schaute ihm stumm nach, während tausend Gedanken in ihrem Kopf schwirrten. 

Kapitel 3

Feuer und Flamme

In dem neuen Land lebten bereits Menschen, die sich selbst die Ahnen nannten. Ihre dunkle Haut und ihre braunen Augen schüchterten die Siedler nicht ein, unter ihnen lebten nämlich Menschen mit einem ähnlichen Aussehen. Weder sie noch die Siedler waren auf einen Krieg aus, denn letztere waren müde und erschöpft. Sie waren das Unglück leid und wollten ein friedliches Leben führen. Auch die Ahnen suchten keinen Streit. Sie waren tief mit der Natur verbunden und verfügten über besondere Kräfte. Kräfte, die es ihnen erlaubten, die Elemente für sich zu nutzen. Um den Siedlern das Leben zu erleichtern, brachten sie ihnen den Umgang mit diesen Kräften bei, befreiten dabei ihren Geist und ließen sie einen Pakt mit den Naturgewalten schließen. Die Siedler nannten die Kräfte fortan Magie.  
Aus »Die Geschichte des Ostkontinents« 

 

Prinz Miran blieb bis zum nächsten Tag, dann fuhr er wieder zurück zum Palast. Von Lady Ludovica bekam sie jedes Mal dieselbe Antwort auf die Frage, ob Ada der Zeremonie beiwohnen konnte: »Du bist noch zu jung dafür, Adarete. Wir beide werden erst zur Feier erscheinen, das ist mein letztes Wort.« Das, was Prinz Miran ihr am Abend zuvor erzählt hatte, erwähnte sie nicht. Sicher war es Prinz Mirans Absicht, sie in Schwierigkeiten zu bringen, um sie fertigzumachen. Deshalb redete er Ada diesen Unsinn ein. Es war wirklich ärgerlich, dass sie erst nach Lady Ludovicas geschäftlichem Termin zum Palast fahren würden. Ihren Vater zu überzeugen, eine Ausnahme zu machen, gelang Ada ebenfalls nicht. Dieses Mal war er, der sonst stets mit einem Augenzwinkern vieles zuließ, auf der Seite ihrer Mutter. Obwohl Ada davon überzeugt war, dass er etwas hätte machen können. 

»Es geht nicht, mein Edelstein, bitte komm mit deiner Mutter nach, ja?« 

»Kannst du denn keine Ausnahme machen, Vater? Bitte!« 

Sie setzte den traurigsten Hundeblick auf, den sie hinbekam. 

»Es liegt nicht in meinem Ermessen, ich …« Eines seiner Diensthandys fing plötzlich an zu klingeln. Er hatte drei Stück, eines für die Arbeit im Palast, zwei für die Geschäfte außerhalb. »Das ist wichtig, lass uns später darüber reden, Liebes.« Er nahm den Anruf entgegen und machte sich auf in sein Büro. Ada wünschte, er hätte sich mehr Zeit für sie genommen. Nicht in seinem Ermessen. Was auch immer es war, das Leute unter sechzehn Jahren ausschloss - Ada konnte es sich nicht zusammenreimen. Selbst Senzo wollte Ada nicht erklären, was es mit diesem ominösen Ereignis auf sich hatte. Gemeinsam trainierten sie in der Trainingshalle den Zweikampf, vorerst waffenlos. Beide bewegten sich kreuz und quer durch die Halle, stets auf den Gegner fokussiert, einen Schlag nach dem anderen austauschend. Es war nicht einfach, Fußtritte und Schläge zu landen und gleichzeitig die Deckung aufrechtzuerhalten. Ansonsten drohte Ada von ihrem Gegner zu Boden gerissen zu werden. Senzo meinte einmal, er sei nicht als Kämpfer geboren worden. Eher sei ihm das taktische Geschick ihres Vaters in die Wiege gelegt worden, weshalb er schon in jungen Jahren zu Prinz Mirans zukünftigem Berater auserkoren wurde. Allerdings war er nicht schlecht im Kampf, so haben die jungen Soldaten der Singhejos, die im Palast die beste Kampfausbildung im Königreich erhielten, es schwer gegen ihn. Sowohl mit als auch ohne Waffen. »Achte auf deine Deckung, Ada. Ohne sie bist du ein leichtes Ziel.« Im Grunde hatte er recht, denn sie war mehr darauf aus, ihn zu treffen, als auf ihre Verteidigung zu achten. 

»Du hast meine Frage nicht beantwortet. Gibt es wirklich keine Möglichkeit für mich, am Samstag früher da zu sein?« 

»Es tut mir leid, aber ich kann da nicht mitreden. Mutter und Vater wollen, dass du danach zur Feier kommst.« Nicht eine einzige Sekunde lang verlor er seinen Fokus. Senzo schien jede ihrer Bewegungen im Vorfeld erahnen zu können, um ihnen rechtzeitig auszuweichen. Ada erwischte er ein paar Mal, und es fiel ihr immer schwerer, seinen weiteren Treffern Stand zu halten. Es gab noch einiges zu lernen, das merkte Ada regelmäßig im Kampf gegen ihren Bruder. Schweiß rann über ihre Gesichter, keiner von ihnen dachte daran aufzuhören. 

»Du und Vater wollt mich doch sicher dabeihaben. Mir ist nicht klar, warum man dafür älter als ich sein muss.« Gerade, als Ada ihr Bein in Richtung seines Gesichts schwang, duckte er sich und wich aus. So schnell sie konnte drehte sie sich, um ihn mit der rechten Faust zu treffen. Doch zu früh gefreut, Senzo sah auch diese Bewegung voraus und wich mit einem gekonnten Sprung zur Seite aus. Beide hielten inne und schauten sich an. Senzos Sportklamotten sahen nicht einmal halb so schweißgetränkt aus wie ihre. Dafür glitten zwei glänzende Schweißtropfen seine Stirn hinab, die kurz einen Rahmen um sein Gesicht bildeten, ehe sie hinunterfielen. Senzo rückte seine Brille mit der Hand zurecht. Eine Angewohnheit, die er über die Jahre hinweg entwickelt hatte. Eigentlich war nur das rechte Auge etwas kurzsichtig, und im Grunde musste er sie nicht die ganze Zeit tragen. Mit ihr schien Senzo sich dennoch wohlzufühlen. Durch die Brille erhielt er den Eindruck eines Intellektuellen, was mit seiner Person und seiner Tätigkeit harmonierte. 

Für Ada war es jedes Mal erstaunlich, wie er es schaffte, seine Brille während der Trainingseinheiten nicht kaputt zu machen. 

Als er Ada ansah und anschwieg, ließ sie das Thema sein. Was die Regeln und Traditionen anging, so kam er ganz nach ihrer Mutter. Er hielt sich strikt an das Protokoll und die Vorgaben, achtete stets darauf, dass alles nach Plan lief. Wie sie behielt er jedoch auch seine warmherzige Seite. Dagegen war Ada mehr wie ihr Vater, der trotz seiner Verpflichtungen alles eher locker sah. Manchmal sah Ada die Dinge jedoch etwas zu locker, was ihr meist erst nach einer Weile bewusst wurde. Schweigend wandte sie den Blick von ihm ab und lief auf die dunkle Holztruhe zu, die an der Hallenwand stand. »Jetzt möchte ich mit den Waffen üben.« Ada holte zwei graue Stäbe, etwa halb so lang wie Besenstiele, hervor und warf ihm einen von ihnen zu. Es handelte sich hierbei um Trainingswaffen, welche nicht das volle Ausmaß der Elementarmagie der Anwender mobilisierten und zur Verfügung stellten. Wenn die Kontrolle über die eigenen Kräfte noch nicht ausgeprägt war, bestand die Gefahr, sich selbst und andere zu verletzen, weshalb Trainingswaffen in Übungssituationen verwendet wurden. Für richtige Elementarwaffen, so wie sie die Singhejos verwendeten, musste man einen Waffenschein machen oder eine Ausnahmegenehmigung erhalten. »Ich habe meine Kräfte weitertrainiert. Halt dich nicht zurück und greif mich an!« Der Stab fing in ihren Händen an zu glühen und verlängerte seine Form auf das Doppelte. Bei genauerem Hinsehen erkannte man, wie feine Schlieren ihn durchzogen. Am angedeuteten Griff leuchtete ebenfalls der in ihnen eingefasste Ableitstein auf. Ein wesentlicher Charakterzug von Elementarwaffen. »Wir sollten das Waffentraining später fortsetzen, Ada. Mutter hat mir von dem Vorfall mit den Vorhängen erzählt.« 

Oje, den hatte sie ganz vergessen. Die Chance auf den Waffenschein oder gar eine Ausnahmegenehmigung konnte Ada sich fürs Erste wohl abschminken, so gerne sie auch mit einer richtigen Elementarwaffe trainiert hätte. Aber verkohlte Vorhänge hin oder her, Ada würde sich nicht davon abbringen lassen, das Waffen- und Magietraining mit ihm fortzusetzen. Nach einer halben Ewigkeit war Senzo endlich zu Hause, und sie wollte ihm zeigen, dass sie dazugelernt hatte. 

»Hast du etwa Angst, deine kleine Schwester könnte dich in so kurzer Zeit überholt haben?« 

Das sagte sie nur, um Senzo ein wenig zu provozieren, obwohl Ada wusste, dass er nicht der Typ Mensch war, der auf so etwas einging. Wie ein erschöpfter Büroarbeiter nach einem langen Arbeitstag seufzte Senzo unüberhörbar und meinte: »Na gut.« Ein Lächeln umspielte seine Lippen, und im selben Moment entzündete Senzo den verlängerten Stab in seiner Hand. Feuer breitete sich um das graue Metall aus und ließ es rot und gelb erscheinen, in einem stetigen Wechsel. Senzo konnte die Waffe trotz des Feuers mühelos halten, die Hitze machte ihm nichts aus. Seine Resistenz gegenüber Feuer und die Fähigkeit, mit genau diesem umgehen zu können, waren besonders hoch. Resistenz war spezifisch für die einzelnen Arten der Elementmagie. Je mehr Resistenzen man für bestimmte Elementarformen aufbaute und je stärker sie waren, umso geeigneter war man für den Kampf. Deshalb waren Menschen mit solchen Kriterien allzu willkommen bei den Singhejos, der königlichen Garde von Niframa. Adas Resistenz war leider in etwa so hoch wie die Fähigkeit, mit Feuermagie umzugehen, was man an den verkohlten Vorhängen sah. »Vielleicht solltest du es nicht mit Feuer versuchen, der Meinung ist auch Vater. Du hast ein Gespür für alle Magieformen. Nur das Feuer scheint dir schwer zu fallen.« - »Danke, dass du dich um mich sorgst, Senzo. Aber ich entscheide selbst, wie ich kämpfe.« Stur, wie Ada war, ignorierte sie seinen gut gemeinten Ratschlag und ließ ihren Stab auflodern. Anders als bei Senzo brannte lediglich der obere Teil, die Flammen blieben ihrer rechten Hand fern. Lord Lorenzo und Senzo besaßen Gespür für Feuer und Eis. Sie waren nicht in der Lage, weitere Elementarformen zu nutzen. Ada jedoch konnte alle Elemente erwecken, Kontrolle und Resistenzen waren allerdings ein anderes Thema. Ein Gespür für ein Element zu haben, bedeutete nicht, dass einem diese Form von Magie auch lag. Der Großteil von Adas Familie bestand aus Feueranwendern, ihr Vater und Senzo folgten der unausgesprochenen Tradition. Eine andere Magieform anzuwenden kam für sie deshalb nicht infrage. Irgendwann würde Ada das Feuer schon meistern können. Senzo schüttelte den Kopf. 

»Stur wie eh und je. Dann zeig mir mal, was du draufhast.« Ohne zu zögern stürzten sich beide in den Kampf. Der Aufprall ihrer Waffen war heftig, und die Adrenalinschübe kamen mit jedem Schlag, dem Ada auswich oder den sie abblockte. Senzo war stark, vor allem im Umgang mit Feuer. Die in den Waffen eingefassten Ableitsteine steigerten die Angriffskraft und verschafften ihrem Anwender einen enormen Vorteil. Beim Feuer war es die Hitze, die den Gegner ablenkte. Wurde man getroffen und hatte eine schwache Resistenz, würden die Brandwunden einen in die Knie zwingen. Das Feuer an Adas Stab aufrechtzuerhalten und zu kontrollieren war seit Beginn ihres Trainings die reinste Knochenarbeit – bis heute. Knapp verfehlte Senzo sie am Oberkörper, denn Ada machte gerade noch rechtzeitig einen Flickflack nach hinten. Die Gymnastik- und Ballettstunden, zu denen ihre Mutter sie damals schleppte, kamen ihr im Kampf zugute. »Du wirst flinker, das Tanzen scheint seine Arbeit zu tun«, merkte Senzo an, der sich bereit für den nächsten Zug machte. Adas Kräfte ließen allmählich nach. Senzo schien unaufhaltbar zu sein. Mit der Grazie eines Tänzers und der Geschmeidigkeit einer Katze wich er ihren Angriffen geschickt aus, ohne auch nur einen Kratzer davonzutragen. Er konnte, trotz der Schweißtropfen an Gesicht und Hals, nicht allzu stark schwitzen, denn seine Brille war nicht eine Sekunde lang beschlagen und raubte ihm die Sicht. Und das, obwohl er mit einer entflammten Waffe kämpfte. Nun setzte sie zu einem neuen Versuch an, jedoch eher verzweifelt und wagemutig statt ausgeglichen und überlegt. So schnell sie konnte griff Ada mit einer Serie aus Schlagsalven an, traf aber jedes Mal ins Leere. In einem unachtsamen Moment schob sich Senzos Waffe an Adas vorbei. Es folgte eine rasche Kreisbewegung, die Adas Stab aus ihrer Hand fliegen ließ. Taumelnd verlor sie das Gleichgewicht und fiel unsanft zu Boden. Sie richtete ihren Blick nach vorne und sah die Spitze von Senzos brennendem Stab, wenige Zentimeter von ihrem Gesicht entfernt. Sein Feuer war so intensiv wie zu Beginn ihres Kampfes, dessen Ausgang wohl schon von vorneherein festgestanden hatte. 

»Ich sagte doch, du hättest es nicht benutzen sollen.« Es kam Ada allerdings nicht in den Sinn, mit etwas anderem zu kämpfen außer Feuer. Die Waffe entfernte sich von ihrem Gesicht, und Senzo reichte Ada seine Hand. Ohne zu zögern nahm Ada sie, und er zog das Mädchen auf die Beine. Taumelnd drohte sie jedoch, erneut das Gleichgewicht zu verlieren, sodass er Ada mit seiner freien Hand festhalten musste. »Es wäre wohl das Beste, wenn wir für heute Schluss machen.« Dagegen hatte Ada nichts einzuwenden. Ihr wurde erst jetzt bewusst, dass sie es, wie so oft, während des Kampfes übertrieben hatte. Ihre gesamte Energie war aufgebraucht. 

»Es geht schon, danke.« Sie löste sich langsam aus seinem Griff und sammelte ihren Stab auf, der in die Ecke der Trainingshalle geflogen war. Sie legten die Waffen zurück in die Truhe und setzten sich mit ihren Trinkflaschen an den Hallenrand. 

»Ich würde wirklich gerne zu deiner Zeremonie kommen«, sagte Ada, nachdem sie einen halben Liter, gierig und ohne die Flasche abzusetzen, getrunken hatte. Der Durst überkam sie ebenso plötzlich wie zuvor der Schwindel. »Ich weiß.« Nun nahm er einen kräftigen Schluck. 

Auch Senzo hatte dringend eine Erfrischung gebraucht. Zwar war Ada nicht in der Lage gewesen, ihn ein einziges Mal zu treffen, doch von Nahem merkte sie, dass sie Senzo ordentlich gefordert hatte, und das machte sie stolz. Dadurch gewann sie den Eindruck, Fortschritte zu machen. Dass es einfach nur die Hitze der Feuer ihrer Stäbe gewesen sein könnte, das ließ sie außer Acht. 

»Du solltest versuchen, Vater zu überreden. Wenn jemand helfen kann, dann er.« 

»Ich war schon bei ihm, aber er meinte, er könne da nichts tun.« 

»Hm.« Senzo schaute hoch zum Deckenfenster und überlegte. Die Strahlen der Nachmittagssonne tauchten die Trainingshalle in gleißendes Licht und ließen ein Gefühl der Nostalgie in Ada aufkommen. Mit fünf Jahren übte Ada ihre ersten Kampftechniken gemeinsam mit Senzo und ihrem Vater in genau dieser Halle. Sie leiteten sie an und zeigten Ada, wie sie sich bei einer Konfrontation verteidigte, wie man am schnellsten angriff und wie sie Gegner am geschicktesten zu Boden bringen konnte. Vieles war zuerst einmal Theorie, denn auf dem sicheren Fragaria-Anwesen würde sie kaum jemand von hinten angreifen. Das Training und das Lernen neuer Techniken hatten ihr immer eine Menge Freude bereitet, und sie war jedes Mal gespannt wie ein Flitzebogen, was als nächstes auf dem Programm stand. Gemeinsame Zeit mit Senzo hatte Ada durch seine ständige Abwesenheit nicht allzu oft, und das fehlte ihr. Umso mehr erfüllte sie der Wunsch, an der Seite ihres Bruders zu sein, wenn er offiziell in den Hofstab aufgenommen würde. Ada betrachtete Senzo im Profil. Seine Arme, die sonst durch die langärmeligen Hemden verdeckt wurden, waren jetzt, wo er ein Trainingsshirt trug, deutlich zu sehen. Ihr war noch nie aufgefallen, wie muskulös sie waren. Hatte er im Palast trainiert? Wahrscheinlich, denn ihr Vater erzählte Ada oft von Senzo und wie er einen Rekruten nach dem anderen im Trainingskampf schlug. Nur die Stärksten und Begabtesten schafften es in die königliche Garde, und um so jemanden schlagen zu können, benötigte man Geschick und einen starken Willen. All dies besaß Senzo. Und das spornte Ada an, weiter zu trainieren und stärker zu werden. Stärker als Senzo eines Tages. »Wie ich dich kenne, wirst du wohl trotzdem nicht lockerlassen.« Ein leichtes Lächeln überflog Senzos Lippen, und seine Gesichtszüge wurden weich. Er hatte recht, das würde Ada mit Sicherheit nicht. »Stell aber keinen Unfug an, so wie letztens, ok?« - »Jaaa«, antwortete Ada ihm, während ihr Blick gedankenverloren durch die Trainingshalle schweifte. Vielleicht hörte sich das kindisch an, und sie mochte extrem anhänglich erscheinen, doch Senzo war ihr Ziel, über das sie hinauswollte. Zwar war er Adas Bruder, und sie hatte ihn lieb, allerdings gab er ihr stets den Ansporn und Ehrgeiz, ihr Bestes zu geben. Genau das trieb Ada in beinahe allem an, was sie tat. Sie würde erneut mit ihrem Vater reden, ihre Mutter darauf anzusprechen war in diesem Fall sinnlos. Zu Senzos Zeremonie würde sie hingehen, komme, was da wolle.

Kapitel 4

Schuld und Schachzug

Die Ahnen sahen den Ursprung der Magie in den Naturgewalten. Sie stellten Götter dar, die allen Menschen die Kraft verliehen, Elementarmagie zu nutzen. Auch die Siedler übernahmen den Glauben der Ahnen und beteten die Götter des Feuers, des Windes, des Eises und des Blitzes an. Von diesen vier Gottheiten erfuhr jedes Siedlerkind. Jedoch waren es nicht alle, die Ahnen beteten viel mehr Naturgötter an. 
Aus »Die Geschichte des Ostkontinents« 

Der Tag der Zeremonie