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Das lebensverändernde Abenteuer des Hannes Hennes zwischen Familiendrama, Gerichtssaal und Selbsthilfe-Kurs
Dr. Hannes Hennes, leicht unterforderter Mathelehrer, glücklicher Ehemann und Vater, könnte ein zufriedener Mensch sein. Doch seit dieser demütigenden Sache bei der Nobelpreisverleihung in Stockholm und dem peinlichen Auftritt bei Günther Jauch läuft in seinem Leben alles schief. Natürlich hätte er auch niemals mit dem Jagdgewehr seines besten Freundes schießen dürfen.
Als Hannes erfährt, dass das Gehirn seines Idols, des berühmten Mathematikers Carl Friedrich Gauß, gestohlen wurde, macht er sich auf zu einem Abenteuer, das ihn in ein Luxushotel, in die Katakomben der Charité und in ein gnadenloses Männerseminar führt. Seine Pechsträhne scheint zu enden, als ihm ein geheimnisvoller Wissenschaftler ein unwiderstehliches Angebot unterbreitet. Aber das Schicksal hat noch viel mit ihm vor.
In seinem zweiten Roman erzählt Michael Ebert die atemberaubende Tragikomödie eines ganz normalen Mannes – in seiner ihm eigenen funkelnden Sprache, voller Geist, Witz und Empathie.
»›Die Regenwahrscheinlichkeit beträgt null Prozent‹« erzählt von Liebe und Familie, von Schuld und Scham - und davon, was Zufälle im Leben eines Menschen anrichten können.“ Christine Westermann, WDR2 Lesen
»Ein mitreißendes Buch! Michael Ebert erzählt mit großer erzählerischer Kraft, der man sich gern überlässt.« Juli Zeh
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Seitenzahl: 228
Veröffentlichungsjahr: 2025
Das lebensverändernde Abenteuer des Hannes Hennes zwischen Familiendrama, Gerichtssaal und Selbsthilfekurs für Männer
Dr. Hannes Hennes, leicht unterforderter Mathelehrer, glücklicher Ehemann und Vater, könnte ein zufriedener Mensch sein. Doch seit dieser demütigenden Sache bei der Nobelpreisverleihung in Stockholm und dem peinlichen Auftritt bei Günther Jauch läuft in seinem Leben alles schief. Natürlich hätte er auch niemals mit dem Jagdgewehr seines besten Freundes schießen dürfen.
Als Hannes erfährt, dass das Gehirn seines Idols, des berühmten Mathematikers Carl Friedrich Gauß, gestohlen wurde, macht er sich auf zu einem Abenteuer, das ihn in ein Luxushotel, in die Katakomben der Charité und in ein gnadenloses Männerseminar führt. Seine Pechsträhne scheint zu enden, als ihm ein geheimnisvoller Wissenschaftler ein unwiderstehliches Angebot unterbreitet. Aber das Schicksal hat noch viel mit ihm vor.
In seinem zweiten Roman erzählt Michael Ebert die atemberaubende Tragikomödie eines ganz normalen Mannes – in seiner ihm eigenen funkelnden Sprache, voller Geist, Witz und Empathie.
Michael Ebert, 1974 in Freiburg geboren, ist Chefredakteur des »Süddeutsche Zeitung Magazins« und wurde für seine journalistische Arbeit bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. In seinem Debütroman »Nicht von dieser Welt« führte er uns an den verwunschenen Ort, an dem er selbst aufgewachsen ist: ein Krankenhaus in einer süddeutschen Kleinstadt. »Die Regenwahrscheinlichkeit beträgt null Prozent« ist Michael Eberts zweiter Roman – mit dem er abermals beweist, dass man von den großen Themen des Lebens ganz leicht erzählen kann.
Ein kleiner Auszug aus den Pressestimmen zu Michael Eberts Romandebüt »Nicht von dieser Welt«
»Ich bin begeistert von Michael Eberts Roman. So souverän erzählt, zunächst sachlich, fast beiläufig, aber dann steigt auf einmal das Grauen auf. Großartig!« Daniel Kehlmann
»Ich könnte noch weiterschwärmen, mach ich aber nicht. Weil es viel schöner sein wird, wenn Sie das Buch selbst lesen.« Christine Westermann im Stern
»›Nicht von dieser Welt‹ enthält viele Elemente, die auch ›Der Fänger im Roggen‹ von J. D. Salinger oder ›Tschick‹ von Wolfgang Herrndorf prägen. Coming of Age at its best.« Juli Zeh
www.penguin-verlag.de
MICHAEL EBERT
ROMAN
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Copyright © 2025 Penguin Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München
Dieses Buch wurde vermittelt durch: Marcel Hartges, Literatur- und Filmagentur
Lektorat: Bianca Dombrowa
Umschlaggestaltung: buxdesign I Lisa Höfner unter Verwendung von Motiven von ArcAngel und AdobeStock
Satz: satz-bau Leingärtner, Nabburg
ISBN 978-3-641-32635-7V003
www.penguin-verlag.de
»Sie wehren sich mit Macht, das menschliche Geschlecht nicht als einen Ameishaufen zu betrachten, wo der Fuß eines Stärkern, der unförmlicher Weise selbst Ameise ist, Tausende zertritt, Tausende in ihren klein-großen Unternehmungen zernichtet, ja wo endlich die zwei größten Tyrannen der Erde, der Zufall und die Zeit, den ganzen Haufen ohne Spur fortführen und den leeren Platz einer andern fleißigen Zunft überlassen, die auch so fortgeführt werden wird, ohne daß eine Spur bleibe.«
Johann Gottfried Herder, Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit, Vorwort, Erster Teil
»Wünschst du dir immer noch den Tod, oder hast du genug davon gekostet?«
Lestat de Lioncourt, Interview mit einem Vampir
Dass Hannes noch immer am Leben war, ganz anders als geplant, und nun mit einer blonden Perücke auf dem Kopf, in einem schwarzen Plastik-Minirock und einer viel zu engen weißen Bluse, darunter einem Büstenhalter, der zwei Grapefruits hielt, in hochhackigen Damenschuhen Größe 44 und mit einer blutigen Suppenkelle in der Hand vor einer johlenden Männertruppe stand, kreidete er sich selbst an.
Vielleicht war es wirklich so, wie Marlene ihm noch hinterhergerufen hatte, als er mit leichtem Gepäck, also eigentlich ohne Gepäck, drei Tage zuvor das Haus verlassen hatte: »Manche schauen auf das Leben und sehen das Glas halb voll. Andere sehen das Glas halb leer. Für mich war es immer ganz voll – aber neuerdings kann ich mir sicher sein, dass du es gleich vom Tisch stoßen wirst.«
Vielleicht hatte er wirklich keine Begabung für das Glück.
Natürlich lag es auch am Wetter, dass er noch nicht gestorben war. Es hatte einfach nicht mehr geregnet. Und Regen war eine Voraussetzung für einen Tod, wie er ihn sich zurechtgedacht hatte.
Der Mann, den Hannes eben mit einer Suppenkelle niedergeschlagen hatte, lag bewusstlos vor ihm am Boden. Seine Arme hatten sich zu einer eigenartigen Geste unter dem Körper verdreht, er sah aus wie ein Page, der einem Hotelgast mit beiden Händen den Weg weist. Blut tropfte aus seiner Nase und seinem Ohr.
Hannes blickte fassungslos von dem Mann zu der Suppenkelle in seiner Hand.
Seine Kopfhaut juckte mörderisch unter der Perücke.
Dann sah er zu den anderen Männern im Saal.
Da stand Gerd, der so aussah, als würde er immer lächeln, wie ein Delfin, und den deshalb alle »Flipper« riefen, der aber durchs Leben ging, als würden Gewichte an ihm hängen. Der Anästhesist Mühlenkamp, der sich wie ein Schwächling vorkam. Wolfman, der am ganzen Körper behaart war. Yavuz, der sich Pentagramme in die Haut ritzte und hoffte, dass ihn dadurch der Teufel verschonen würde. Jakob, der immer der Beste sein musste, in allem – und der an der Unmöglichkeit seines Anspruchs an sich selbst verzweifelte. Marty, der ein Zahlenschloss für Hunde erfunden hatte, das niemand kaufen wollte. Siegfried, dessen Frau vor drei Monaten gestorben war und der sich seit ihrem Tod von Butterbroten ernährte, weil er nie gelernt hatte, den Herd oder die Spülmaschine zu bedienen. Männer, die sich in ihrem Leben vorkamen wie ausgemusterte VHS-Videorekorder, die mit einem »Zu verschenken«-Schild vor einer Haustür abgestellt worden waren: eigentlich noch funktionsfähig, aber von der Welt nicht mehr benötigt.
Männer, die etwas zu beweisen haben, sind besonders unberechenbar.
Nach einem Augenblick schreckstarrer, absurder Stille im Saal schrie jemand:
»Packt ihn!«
Es brach Tumult aus. Eine Horde brüllender Männer kam auf Hannes zugerannt, viele mit nacktem Oberkörper, schwitzend, besinnungslos in Rage. Hände grapschten nach ihm. Hannes hielt sich die Angreifer mit der Suppenkelle vom Leib, kickte die hochhackigen Schuhe von seinen Füßen, drehte sich um und rannte barfuß Richtung Ausgang. Er war nicht schnell, nie schnell gewesen – aber schnell genug. Er sprintete durch den Saal, nahm die erste Tür, knallte sie hinter sich zu, hastete durch eine Umkleide in einen schmalen Gang mit Holzfurnier an beiden Seiten und stand plötzlich im verglasten Eingangsbereich des Seminargebäudes, einer alten Mehrzweckhalle am Geierswalder See.
Dort wippte einer der Kraftkrieger mit geschlossenen Augen auf seinem Stuhl und hörte Musik über kabellose Kopfhörer. Von der Aufregung im Saal hatte er noch nichts mitbekommen. An einer Holztafel neben dem Kraftkrieger sah Hannes die Autoschlüssel hängen, die allen Seminarteilnehmern bei ihrer Ankunft abgenommen worden waren, geordnet nach Zimmernummern. Daneben Stoffsäckchen, in denen ihre Handys aufbewahrt wurden, die sie ebenfalls abgegeben hatten. Gewaltige Plakate, auch als Sichtschutz gegen neugierige Blicke von außen an den Glasscheiben festgeklebt, verkündeten das Seminarziel: »Mann sein & Krieger werden!« Im Vorbeirennen griff Hannes mit der linken Hand die Autoschlüssel und das Stoffsäckchen vom Nagel »Zimmer 8« – seine Schlüssel, sein Handy. Erst jetzt öffnete der Kraftkrieger auf dem Stuhl seine Augen, bemerkte Hannes und riss sich die Kopfhörer aus den Ohren.
»Was … hey!«
Hannes, gekleidet im Serviererinnen-Kostüm, der Strafuniform des Seminars, mit zwei Grapefruits vor der Brust, die ihm bei jedem Schritt gegen das Kinn knallten, hielt seine Autoschlüssel wie einen Pokal vor sich in der einen Hand, in der anderen trug er noch immer die Suppenkelle. Er stieß die Glastür mit der Schulter auf und flüchtete aus dem Gebäude. Hinter ihm waren Schreie und Getrampel zu hören, jemand rief nach einem Notarzt.
Der Weg vor dem Gebäude war mit Kieselsteinen aufgeschüttet, die sich bei jedem Schritt schmerzhaft in seine Fußsohlen bohrten. Die Luft in seinen Lungen brannte. Er drückte schon auf dem kurzen Weg Richtung Parkplatz die Fernbedienung seines dunkelblauen VW Touran, riss die Autotür auf und ließ sich in den Fahrersitz fallen. Die Suppenkelle warf er neben sich auf den Beifahrersitz.
Eins null sechs sechs eins eins acht sechs
Unglaublicherweise gelang es ihm trotz seiner zitternden Hand schon beim ersten Versuch, den Schlüssel ins Zündschloss zu stecken. Er startete den Motor und raste über einen sorgsam angelegten Grünstreifen davon. Dabei riss er sich die Perücke vom Kopf und zerrte so lange an dem BH unter der weißen Bluse, bis wenigstens eine der beiden Grapefruits unter dem Stoff hindurch zu Boden fiel.
Endlich konnte er wieder atmen.
In seinem vierten Jahr am Gymnasium hatte er im Unterricht bei der schrecklichen 8c entdeckt, dass er sich an einen magischen, absolut friedlichen Ort in seinem Innersten zurückziehen konnte. Während sich der eine Teil von ihm im Klassenzimmer weiter bemühte, den Schülerinnen und Schülern den Unterrichtsstoff beizubringen, und sich dabei vorkam wie ein Paketbote, der keines seiner Pakete zustellen konnte, kletterte der andere Teil in die Krone eines gewaltigen Birnbaums. So hoch hinauf, dass er die Wirklichkeit noch beobachten und nötigenfalls auf sie reagieren konnte, er zugleich aber so entrückt vom Treiben im Klassenzimmer war, dass ihn der Lärm dort kaum mehr erreichte.
Dort oben hörte er das affektierte Gekreische der übertrieben geschminkten Samersberger aus Reihe drei nur noch wie durch Pluderwolken. Statt des Grunzens des verschlagenen Bühler, der immer am Fenster saß und verlässlich an der zweiten binomischen Formel scheiterte, vernahm er das Flüstern der Birnbaumblätter im Wind. Wie durch das Fernglas eines weit entfernten Bergwanderers beobachtete er, dass sich der dünne Martens und der dicke Martens, die nur zufällig die gleichen Nachnamen trugen, kichernd gegenseitig Kaugummi vor die Nasenlöcher klebten und versuchten, so viel Luft durch ihre Nasen zu pressen, dass ihre Kaugummis Blasen warfen.
Oben auf seinem Birnbaum erreichte ihn all das kaum. Hier fühlte er das milde, gleichmäßig schwebende Glück eines Unbeteiligten. Hier gab es keine Klassenbucheinträge und vergessenen Hausaufgaben, keine dreisten Teenager-Lügen, kein hilfloses Gestammel bei banalen Aufgaben zu gebrochen-rationalen Zahlen, keine ahnungslosen Blicke auf seine Fragen zu Laplace-Experimenten.
»Bühler, bitte: Ich mach’s dir leicht. Acht rote Kugeln in einer Vase, vier weiße. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass du bei einem Griff in die Vase eine rote Kugel erwischst? Wie rechnest du?«
»Ich rechne … mit gar nichts. Dann werde ich nicht enttäuscht.«
Gelächter. Klar.
»Bühler! Acht rote, vier weiße.«
»Ich … ich … die Wahrscheinlichkeit, dass ich eine rote Kugel erwische, ist … relativ wahrscheinlich?«
»Herrgott, Bühler.«
»Ich kann eine rote erwischen. Oder eine weiße.«
»Richtig! Aber du hast doppelt so viele rote!«
»Aber ich kann doch trotzdem eine weiße ziehen!«
»Natürlich! Aber du berechnest nicht den Zufall, Bühler. Du berechnest eine Wahrscheinlichkeit!«
Hannes rieb seinen Zeigefinger an seinem Daumen, eine Angewohnheit aus der Zeit, in der er noch mit Kreide an die Tafel geschrieben hatte.
Noch mal, sanfter: »Bühler, wie wahrscheinlich ist es, dass du eine rote Kugel erwischst, wenn du doppelt so viele rote wie weiße Kugeln in der Vase hast?«
Bühler schaute ihn noch immer mit leerem Blick an und wählte den letztmöglichen Ausweg aller Ahnungslosen.
»Mal ehrlich: Wozu brauch ich das im Leben?«
Unterdrücktes Kichern im Klassenzimmer. Nur Langendorf hatte schon wieder die Hand oben, natürlich.
Ja. Wozu?
Und ich, Bühler? Wozu brauche ich das im Leben?
»Bühler, schon Sokrates hat gesagt, dass es nur ein einziges Gut für den Menschen gibt: das Wissen. Und nur ein Übel: die Unwissenheit.«
»Aber ist das nicht der, der auch gesagt hat: ›Ich weiß, dass ich nichts weiß‹? So wie diesem Sokrates geht’s mir auch.«
Gelächter. Kurz aufblitzende Unsicherheit bei Hannes: War er diesem Bühler eventuell doch nicht gewachsen?
Dann plötzliche Aufregung. Ein paar der Schülerinnen und Schüler hoben ihre Handys hoch, obwohl die im Unterricht natürlich verboten waren.
Dem dicken Martens hing tatsächlich eine riesige Kaugummiblase an seiner Nase. Er jubelte: »Nur durchs Nasenloch!«
Hier oben, im Birnbaum, gab es nur den Wind und die Blätter und ihn selbst. Und Feynman.
Hier begann Hannes die Ziffern von Pi aufzuzählen, zur Beruhigung, damit gelang es ihm immer wieder, seine Welt zu einem Ganzen zusammenzusetzen.
Drei Komma eins vier eins fünf neun zwei
und immer so weiter, und zwar auswendig, bis – das war sein Ziel – zum Feynman-Punkt, also der 762. Nachkommastelle von Pi, an der die Zahl Neun sechsmal aufeinanderfolgt.
Hier oben in seinem Birnbaum war die Welt in Ordnung.
Hier war die Welt einerlei.
Zwei drei acht vier sechs zwei sechs vier
100.
105.
115 Stundenkilometer. Hannes fuhr viel zu schnell.
Er war noch nie auf der Flucht gewesen. Zum ersten Mal in seinem Leben drückte er ein Gaspedal durch. Viel schneller konnte der Touran gar nicht fahren. Auf der rechten Seite der schmalen Landstraße war dichter Wald, links der Elektrozaun einer Weide. Beides schien an ihm vorbeizufliegen.
Im Fußraum vor dem Beifahrersitz schwappte das in Flüssigkeit eingelegte Gehirn des Mathematikers Carl Friedrich Gauß in einem antiken Glasbehälter hin und her, das er vor drei Tagen aus der Pathologie der Charité gerettet hatte. In altdeutscher Schrift stand »C. F. Gauß« auf einem vergilbten Blatt, das auf dem Behälter klebte, dazu das Todesjahr von Gauß, 1855, und noch ein paar weitere Zeilen in eleganten Lettern, die er bis jetzt noch nicht entziffern konnte.
Das Gehirn.
Mist.
Das hatte er ganz vergessen.
Der stetig bimmelnde Alarm seines Wagens erinnerte ihn daran, dass er nicht angeschnallt war. Er sammelte die erste Grapefruit aus dem Fußraum unter dem Lenkrad auf, ohne zu Boden zu sehen. Augen immer auf die Fahrbahn. Das Ding musste er loswerden. Er wollte die Grapefruit gerade aus dem Fenster werfen, als er im Rückspiegel drei Autos sah, die ihm mit hoher Geschwindigkeit folgten.
Nein, es waren vier.
Fünf.
Neun sechs sieben acht zwei drei fünf
Ruhig bleiben.
Aus Einsteins Spezieller Relativitätstheorie folgt, dass zu dem Zeitpunkt, zu dem ein Körper annähernd Lichtgeschwindigkeit erreicht hat, ein gewaltiger Aufwand von Energie nötig wird, um seine Geschwindigkeit auch nur noch um den kleinsten Betrag zu erhöhen. Denn je mehr sich ein Körper der Lichtgeschwindigkeit nähert, desto mehr wandelt sich die Energie, die für die Beschleunigung gedacht ist, in Masse – was dazu führt, dass der zu beschleunigende Körper immer schwerer wird. Also wird noch mehr Antriebsenergie benötigt. Aber fügt man diese hinzu, führt das nur zu noch mehr Masse, die noch mehr Antrieb benötigt, und immer so weiter. Mit gewaltigem Aufwand könnte ein Körper also der Lichtgeschwindigkeit nahe kommen. Aber es bleibt ihm unmöglich, sie jemals zu erreichen.
Hannes kam es vor, als raste er mit Lichtgeschwindigkeit, mindestens 130 Stundenkilometer. Und als würde er zugleich immer langsamer werden.
Seine Verfolger im Rückspiegel kamen näher.
Dann hörte er vor sich eine Sirene.
Drei Tage zuvor
Hannes schreckte aus dem Schlaf auf und erwachte in dem Albtraum, zu dem sein Leben geworden war. Er saß aufrecht im Bett und atmete zu schnell. Für ein paar Augenblicke schwebte sein Verstand noch durch das verschwommene Halbdunkel zwischen Traum und Wirklichkeit. Wovon hatte er eben geträumt? Es war … das Meer? … eine Insel? … Blut? Schon verblassten die Bilder, und zu versuchen, sie festzuhalten, war, wie nach Wolken zu greifen. Mit der rechten Hand tastete er zur Seite, dorthin, wo Marlene immer neben ihm gelegen hatte. Er stieß nur gegen die Rückenlehne mit dem rauen Stoff des ausklappbaren Sofas im Gästezimmer.
Natürlich. Er schlief allein.
Mit dieser Gewissheit verzogen sich die letzten gnädigen Nebel der Nacht. Dass Marlene und er in getrennten Zimmern schliefen, war eine Folge von vier Katastrophen, die ihm in den vergangenen Monaten widerfahren waren. Ganz und gar ungewöhnliche Zufälle, die sein ganz und gar gewöhnliches Leben in Stücke gebrochen hatten. Alle Welt glaubt, der Zufall sei nicht berechenbar. Dabei ist er das sehr wohl. Der Zufall berechnet sich aus der Anzahl günstigster Fälle im Verhältnis zur Zahl der möglichen Fälle. Aber wer glaubt noch an Wahrscheinlichkeitsrechnungen, wenn eine katastrophale Unglaublichkeit der nächsten folgt?
Das Leben ist nicht nur seltsamer, als wir uns vorstellen. Das Leben ist seltsamer, als wir es uns vorstellen können. Zunächst hatte sein jüngerer Bruder Wilhelm den Nobelpreis für Medizin gewonnen. Kurz darauf war Hannes als Teilnehmer bei Wer wird Millionär? aufgetreten. Dann hatte er Marlene in Venedig Spaghetti alla puttanesca zubereitet. Und schließlich hatte seine siebzehnjährige Tochter Klara entschieden, nie wieder ein Wort mit ihm zu sprechen, nachdem er aus Versehen ihren Klassenkameraden Marek erschossen hatte – eine Tat, für die er sich nun in einem Strafprozess zu verantworten hatte.
Er griff mit der linken Hand nach seiner Armbanduhr auf dem Stuhl, den er sich als provisorischen Nachttisch neben das Sofa gestellt hatte. 6.14 Uhr. Exakt die Zeit, zu der er jahrelang aufgestanden war, um ohne Hektik pünktlich zum Unterricht erscheinen zu können. Die Uhrzeit hatte sich nach 23 Jahren im Schuldienst tief in sein Bewusstsein eingefräst, so tief, dass er schon lange keinen Wecker mehr brauchte – umgekehrt aber auch niemals länger schlafen konnte, ganz egal, wann und in welchem Zustand er zu Bett gegangen war.
Allerdings musste er heute nicht in die Schule.
Heute musste er vor Gericht.
Er ließ sich nach hinten auf sein Kissen fallen und schloss noch mal die Augen. Das Meer … eine Insel … ja, das Meer.
Was war das für ein Traum gewesen? Er hatte sich so tröstlich angefühlt.
Hannes blickte auf die gegenüberliegende Wand, an der über dem Schreibtisch eine Zeichnung angepinnt war, die ihm Klara vor vielen Jahren geschenkt hatte.
Mit einem Mal fügten sich die Bilder der Nacht wieder zu einem Ganzen.
Es war gar kein Traum gewesen. Es war eine Erinnerung.
Milder, spätsommerwarmer Passat von Osten, der auf den Atlantik hinaustreibt. Klara döst neben ihm auf der hölzernen Badeinsel, die weit draußen am Strand von Saint-Martin-de-Ré noch auf Grund liegt. Die Flut wird kommen, aber noch ist sie nicht da.
Klara ist gerade neun geworden. Er hat sich so vor sie gelegt, dass der Wind sie nicht frieren lässt. Die alten Holzplanken riechen nach der salzigen Würze des Ozeans, nach der Sonne, dem Verglühen von Zeit, nach Beständigkeit oder dem Vergehen, je nachdem. Zwei Wochen auf der Insel haben die Haut seiner Tochter trotz Sonnencreme dunkel getönt, nur unter den Trägern ihres roten Badeanzugs sind freundliche helle Streifen geblieben. Ihr dichtes schwarzes Haar ist vom Meerwasser zu Zöpfen verklebt, mit der Bürste lässt es sich kaum noch durchkämmen, ohne dass es ziept, egal, sie mag es so.
Sie unterhalten sich über ihre liebsten Disney-Figuren.
»Daisy ist so eine Zicke! Immer lässt sie Donald stehen, wenn Gustav mit einem neuen Auto oder einem Gutschein für eine Kreuzfahrt kommt. Sie nimmt sich immer nur das Bessere.«
So hat er das noch nie gesehen.
»Stimmt eigentlich, Daisy ist ’ne furchtbare Ente. Ist Minnie Maus denn besser?«
»Weiß nicht. Micky ist so ein Besserwisser. Ich les Donald lieber als Micky.«
»Geht mir genauso.«
Er hat die Augen geschlossen und sandelt schläfrig durch den Moment. Ist Gustav Gans eigentlich eine Gans? Er ist doch verwandt mit Donald, dann müsste er doch auch eine Ente sein, oder?
Immer diese Fragen.
Die Möwen kreischen.
»Immer sterben die Mamas in Zeichentrickfilmen.«
Er blinzelt überrascht mit den Augen und blickt auf den Hinterkopf seiner Tochter. Sie liegt ganz ruhig in seinem Arm.
»Ist das so?«, murmelt er fragend.
»Ja. Bei Bambi, bei Findet Nemo …«
»Aber das sind ja nur zwei.«
»Bei Die Schöne und das Biest auch. Bei Lilo & Stitch, bei Kung Fu Panda, bei Ice Age. Bei Ratatouille ist auch die Ratten-Mama tot.«
»Du meine Güte. Du schaust zu viele Filme.«
Sie kicherte. »Papa!«
»Aber du hast recht … immer stirbt die Mutter. Wie schrecklich.«
Warum war ihm das nie aufgefallen? Die meisten dieser Filme haben sie gemeinsam gesehen. Ihm schien die institutionalisierte Katastrophe, meist gleich zu Beginn der Filme, immer schnell überwunden – und notwendig, um die darauffolgende Heldengeschichte erzählen zu können.
Wie so viele Kinder weiß auch seine Tochter eine Lösung für das Problem, das sie selbst entdeckt hat.
»Aber dann passt eben der Papa auf die Kinder auf.«
Hannes drückt seine Tochter fest an sich. Sein Herz wird ihm schwer und leicht zugleich.
»Ja, meine Große. Dann passt der Vater auf.«
»Das Dschungelbuch ist auch von Disney, oder, Papa?«
»Der Film? Ja. Das Buch könnte ich dir mal vorlesen, das ist von …«
»Ich glaube, Balu ist meine liebste Disney-Figur von allen.«
»Der Bär? Ich mochte Baghira immer lieber.«
»Baghira ist zu streng. Und Balu beschützt Mogli. Mit seinem Leben! Und er ist lustig. Und er mag Honig. Wie ich.«
Hannes hat seine Augen wieder geschlossen und brummt zustimmend. Sofort hat er Balus Lied im Ohr.
Versuch’s mal mit Gemütlichkeit, mit Ruhe und …
»Papa, geht es jetzt los?«
Er hat ihr ein Abenteuer versprochen.
Die Sonne schickt noch ein paar Strahlen Nachmittagswärme. Die Flut kommt. Und es geschieht, wie er es ihr versprochen hat: Das rasch anfließende Wasser hebt die kleine hölzerne Badeinsel an, auf der sie liegen. Erst kaum merklich, dann leicht schwankend, nach und nach immer höher. Klara kichert vor Freude. Links und rechts von ihnen tanzen plötzlich die gelben Bojen auf dem Wasser, die eben noch an ihren dicken Ketten auf dem Sandboden lagen wie vergessene Sträflingskugeln. Klara steht auf, kniet sich hin, legt sich flach auf den Bauch, blickt unter die Plattform, staunend schauen sie gemeinsam dem Wunder der Gezeiten zu, der Kraft des Meeres. Sie stellt Fragen zu Ebbe und Flut und dem Mond, die er alle beantworten kann.
Manchmal weiß man schon im Augenblick eines Ereignisses, dass es bleiben wird. Vielleicht das Schönste daran, ein Kind zu haben: Erinnerungen zu schaffen, die alle Zeit überdauern.
Irgendwann steht das Wasser hoch genug, dass sie von den Holzplanken ins Meer springen. Statt nach einem Sprung ins Wasser die Leiter zu nehmen, lässt sie ihn auf die Insel klettern, um sich dann von ihm an den Händen hinaufziehen zu lassen. Danach schubst sie ihn kreischend vor Freude von der Badeinsel.
Sie ist groß geworden.
Als es nichts Neues mehr zu erleben gibt, beschließen sie aufzubrechen. Zurück zum Strand ist es nicht weit, und Klara ist eine gute Schwimmerin. Sie springt voraus, taucht unter, taucht auf, umrundet auf ihrem Weg die Bojen, schwimmt Umwege.
»Hier kann ich schon stehen!«
Sie tanzt durchs Wasser. »Schau!«
Er liegt noch auf der schwimmenden Insel, lässt dabei einen Fuß ins glitzernde Wasser baumeln.
Ein schönster Moment.
Plötzlich schreit Klara auf. Sie bewegt sich nicht mehr und steht schwankend in den Wellen.
»Papa, mich hat was in den Fuß geschnitten!«
Er hebt sich mit einem raschen Liegestütz vom Holz ab, so kräftig und schnell, als würde er die Welt von sich wegdrücken, und springt ohne nachzudenken zu ihr ins Meer. Aber bald reicht ihm das Wasser nur noch bis zur Hüfte und er kann nicht mehr schwimmen, watend kommt er nur langsam voran.
Klara steht weinend im Meer.
Noch ein paar Meter.
»Es tut so weh!«
Durch die Gischt und das sandtrübe Wasser hindurch sieht er am Boden die dunklen Flecken der tückischen Muschelbänke mit den scharfkantigen Schalen. Egal, er geht weiter, er muss zu ihr. Als er sicheren Grund gefunden hat und sie endlich in den Arm nehmen kann, haben die Muscheln längst auch seine Fußsohlen zerschnitten. Das Salzwasser brennt in den Wunden.
Er hält die Füße seiner Tochter aus dem Wasser und besieht sich die Verletzungen. Blut tropft aus den vielen kleinen Schnitten. Er versucht, sie zu beruhigen.
Nichts Ernstes.
»Papa, kommen jetzt die Haie? Die können doch Blut riechen!«
Sie blickt ihn verzweifelt an. Er bleibt ganz ruhig.
»Hierher kommen keine Haie. Keine Sorge. Und wir sind gleich am Ufer.«
»Es brennt so. Ich kann nicht laufen!«
»Komm, ich trage dich.«
»Aber ich bin doch viel zu schwer.«
»Iwo.«
Er hält sie, ihre Hände umklammern seinen Hals, ihre Beine seine Hüften. Er trägt sie huckepack, die Wellen rollen von hinten an und versuchen, ihn umzuwerfen, seine Füße schmerzen, aber er hält dem Wasser stand.
»Hast du dich auch geschnitten?«, fragt sie besorgt.
»Ein bisserl.«
»Tut’s weh?«
»Geht schon. Und bei dir?«
»Ja, tut echt weh. Papa, geht’s noch?«
Sie ist besorgt um ihn. Sein Atem geht schneller.
»Ich hab dich, Große.«
»Ich spür dein Herz schlagen.«
»Na, zum Glück.«
Er trägt sie aus dem Wasser und sieht den langen Weg vor sich, über den Sand und die Steine bis hin zu ihrem kleinen Lager am Strand. Er geht, ohne zu zögern. Zweimal zweifelt er kurz an seiner Kraft, die Arme werden ihm schwer, spitze Kiesel bohren sich in seine zerschnittenen Fußsohlen, ihm ist, als ginge er über glühendes Glas.
Jetzt nicht nachlassen. Jetzt nicht. Hannes, jetzt nicht!
Der Weg über den Strand ist weit. Aber er hält durch. Ein wenig überrascht es ihn selbst.
Irgendwann erreichen sie ihr Strandtuch. Ehe er sie vorsichtig absetzt, streichelt sie ihm über den Rücken und murmelt leise in seine Schulter: »Danke, Papa.«
Sie gibt ihm einen Kuss auf die Wange.
Das Brausen der anlaufenden Wellen klingt für ihn wie Applaus.
Am nächsten Tag malt sie das Bild. Er darf nicht schauen, ehe es fertig ist. Auf der Zeichnung sind sie beide zu sehen, er von hinten, er trägt sie aus dem Wasser. Das Meer ist blau und schwarz zugleich, die Wellen sind haushoch und färben sich rot vom Blut, wo sie gerade gehen, aber sie blickt über ihre Schulter hinweg zum Betrachter des Bildes und lächelt, gewiss und stolz.
Wäre Glück allein die Sammlung schöner Erinnerungen, Hannes wäre ein glücklicher Mensch.
Als er nach dem ersten Verhandlungstag ins Freie trat, war er ganz allein.
Seine Verteidigerin hatte ihm noch im Gerichtssaal zweimal kraftlos den Unterarm getätschelt.
»Dann bis morgen, wieder um 8.30 Uhr, Herr Dr. Hennes. Gerne wieder im Anzug, das macht einen guten Eindruck, jedes Detail kann hilfreich sein. Bei der bestehenden Sachlage rechne ich schon morgen mit einem Urteil. Die Situation scheint ja leider zweifelsfrei zu sein.« Dann war sie mit knappem Abschiedsgruß zu einem Anschlusstermin geeilt.
Die vielen Zuschauer im Großen Saal des Landgerichts hatten sich nach dem Ende der Verhandlung zu kleinen Gruppen zusammengerottet, über ihn getuschelt und auf ihn gedeutet. Niemand sprach ihn an.
Marlene war bei Klara zu Hause geblieben.
»Sie braucht mich dringender.«
Jedes Wort ein Vorwurf.
Als Hannes die Treppen des imposanten Landgerichtsgebäudes nach unten zur Straße ging, begann es mit einem Mal zu regnen. Es war August, ein sehr trockener dazu, niemand hatte mit einem Sommergewitter gerechnet. Hannes hatte weder Regenschirm noch Mantel dabei. Aber statt sich nach einem Taxi oder wenigstens einem Unterstand umzusehen, blieb er auf der Treppe stehen.
Ich bleibe einfach hier.
Ich bleibe einfach hier stehen, keinen Schritt gehe ich weiter.
Ich lasse den Regen auf mich prasseln. Ich spüre den Regen, sonst nichts. Ich bewege mich nicht. Ich bleibe im Regen stehen. Die Dunkelheit wird einbrechen, mit ihr wird die Nacht kommen, aber ich werde bleiben, wo ich bin. Es wird weiterregnen. Ich werde stehen bleiben, stumm, ein Mahnmal meines Unglücks. Es werden neue Tage anbrechen, grau verhangen, nichts anderes wird geschehen, als dass es weiterhin regnet. Ich werde nichts mehr spüren außer der klammen Kälte ewigen Regens – keine Scham mehr, keine Furcht, keinen Schmerz, keine Wut auf die Welt, auf mich selbst, keine Sorgen mehr, keinen Verlust.
Und dieses Nichtfühlen wird mein größtes Glück sein.
Sicher, es wäre eine ungeheure Anstrengung, für immer unbeweglich auf dieser Treppe zu stehen. Aber es würde viel weniger Kraft erfordern, als jetzt nach Hause zu gehen.
»A rechter Kittlwascher, was?«, lachte einer im Vorbeirennen.
»Es tut mir leid«, flüsterte er.
»Es tut mir so leid. Es tut mir leid es tut mir leid es tut mir …«
Niemand hörte ihn.
