Die Reise der Steine - Alex Schwarz - E-Book

Die Reise der Steine E-Book

Alex Schwarz

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Beschreibung

Als der neunjährige Norman vom Spielen nicht mehr nach Hause zurückkehrt, sind seine Eltern Tom und Ellen verzweifelt und wenden sich an die Polizei. Doch dort kann ihnen nicht geholfen werden. Im Gegenteil: Der Fall wird mehr und mehr mysteriös und kompliziert. Norman wird nun zwanzig Jahre warten müssen, bis er seine Eltern wiedersehen kann. Beruflich hat er es inzwischen weit gebracht und er hat viel Interessantes aus seinen Forschungen zu erzählen. Am Schluss nimmt die Geschichte eine unerwartete Wendung.

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Seitenzahl: 181

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Die Sonne schien ins Wohnzimmer der Familie Stein, genau auf das gemütliche Sofa. Tom und Ellen wurden wach. „Sind wir hier eingeschlafen?“, fragte Ellen ihren Mann.

„Ja, scheint so. Ich hatte irgendwie einen merkwürdigen Traum, aber ich erinnere mich nicht.“

„Mir ist, als hätte ich drei Tage durchgeschlafen“, antwortete Ellen.

Norman – so hieß der Sohn von Tom und Ellen – war gerade neun Jahre alt. Er spielte bei seinem Freund Stefan Berger, nur zwei Straßen weiter. Zum Abendbrot um 18:00 Uhr sollte er wieder zu Hause sein.

„Oh, schau mal: Es ist schon halb sieben, wo bleibt denn Norman?“

„Ich rufe kurz bei Stefans Eltern an und frage, ob er noch da ist. Vielleicht ist er ja auch schon auf dem Weg nach Hause.“ Tom nahm sein Handy und wollte die Nummer von Bergers raussuchen, aber der Akku war leer. „Na, dann mal ans Ladegerät damit, ich nehme das Festnetz.“ Er wählte die Nummer, aber es kam gar kein Freizeichen. „Na toll, Handy leer und Festnetz funktioniert auch nicht. Ich fahr einfach schnell rüber und hole Norman ab. Die Zwei haben sicher wieder beim Fußballspielen die Zeit vergessen.“

„Ich fahre mit. Oder soll ich lieber hier warten, falls er doch gerade kommt?“, fragte Ellen.

„Nein, fahr‘ lieber mit. Wir werden ihn schon treffen, falls er unterwegs ist. Von mir aus können wir dann in der neuen Eisdiele noch schnell ein Eis essen vor dem Abendbrot, es sind ja Ferien.“

Es gab eine kleine Eisdiele am Rand des Dorfes, direkt neben dem Lebensmittelladen, in dem man auch alle möglichen Haushaltswaren kaufen konnte. Hier ging jeder aus dem Dorf gerne hin. Man traf eigentlich immer jemanden, den man kannte.

Galdorf hatte nur ungefähr achthundert Einwohner. Für größere Besorgungen fuhr man einen Kilometer weiter, nach Enbach. Eine kleine Stadt, in der es fast alles gab, was man so brauchte: einen Baumarkt, eine Bahnstation und sogar ein kleines Schwimmbad mit zwei Becken.

In der Polizeistation arbeiteten sechs Polizisten, die die umliegenden Dörfer genau kannten. Und auch sie selber waren bei vielen Einwohnern bekannt und gern gesehen. Wenn es einen Zwischenfall gab, waren sie sofort zur Stelle und konnten meistens alles schnell und freundlich regeln.

Tom nahm sein Handy wieder von der Ladestation und ging mit Ellen durch den Flur zur Tür, die direkt in die Garage führte. Sie stiegen ins Auto und fuhren los, nachdem Tom das Handy am Ladekabel angeschlossen hatte. Die Bergers wohnten nur ungefähr achthundert Meter weiter um zwei Ecken.

„Och ne, schau mal bei den Schmitzens! Haben die schon wieder ein neues Auto? Die haben ja immer das allerneueste Modell. Sieht ja ganz schön futuristisch aus! Was ist denn das für eine Marke?“, fragte Ellen.

„Bestimmt ein Japaner. Deutsche Autos sehen nicht so aus. Der Mann ist doch irgendwas in der Politik, der verdient ohne Ende. Obwohl, ob er es verdient, weiß ich nicht genau, aber er bekommt jede Menge“, sagte Tom mit einem Lachen.

„Du, Tom, irgendwie ist das seltsam. Sind wir wirklich schon wach? Schau mal bei Frau Schwab im Garten, da steht ein riesiger Baum und alles ist zugewachsen. Die hat doch immer so akribisch ihre Hecke geschnitten und nur so kleine Pflanzen gehabt. Wie kann man denn plötzlich so einen großen Baum in den Garten setzen?“

„Weiß ich auch nicht, die ist so oder so ein bisschen komisch.“

Tom und Ellen parkten vor dem Haus von Familie Berger. Tom stieg aus, ging zur Tür und klingelte. Zu seinem Erstaunen öffnete eine junge Frau, ungefähr Mitte zwanzig, und nicht Stefans Mutter, die deutlich über dreißig war. „Äh, hallo, ich wollte Norman abholen, oder ist er noch mit Stefan auf dem Fußballplatz?“

„Entschuldigen Sie, hier wohnt kein Stefan“, antwortete die Frau verwundert.

„Ja, was ist das denn für ein Quatsch, habe ich mich im Haus geirrt?“, fragte Tom verunsichert und schaute sich um. „Hier wohnt doch Familie Berger, oder etwa nicht?“

„Oh, nein, mein Nachname ist Winkel, wir wohnen schon länger hier und mein Mann heißt nicht Norman.“

„Nein, ich wollte auch nicht Ihren Mann holen, sondern unseren Sohn. Der ist erst neun.“

Der jungen Frau erschien die Situation etwas seltsam und sie wollte Tom lieber loswerden. „Bitte entschuldigen Sie, ich habe zu tun. Sie müssen sich in der Adresse vertan haben, ich lebe mit meinem Mann alleine hier und er wird in einer Minute zu Hause sein“, sagte sie, weil sie schon etwas Angst bekam. Sie machte schnell die Tür zu und ließ Tom einfach draußen stehen.

„Das kann doch nicht wahr sein, so eine Frechheit!“ Tom ging zum Auto, in dem Ellen wartete und ihn verwundert ansah, als er ohne Norman zurückkam.

„Ist er doch schon unterwegs und wir haben ihn verpasst?“, fragte Ellen.

„Nein, ich war wohl am falschen Haus. Da wohnen die Bergers nicht. Ich verstehe das gar nicht, ich war mir so sicher. Ich habe Norman doch schon oft genug hier abgesetzt und gesehen, wie er mit Stefan genau da reingegangen ist und wir waren doch auch mal dort eingeladen.“

„Sind sie vielleicht umgezogen oder war es doch das Haus daneben?“, fragte Ellen besorgt.

„Ich weiß auch nicht, aber ich will, dass Norman jetzt zu Hause ist, sonst nichts. Wir fahren schnell noch mal nach Hause und schauen, ob er nun dort ist.“

„Und wenn nicht?“

„Dann fahren wir nach Enbach zur Polizei“, antwortete Tom ziemlich verunsichert.

„Jetzt mal nicht gleich den Teufel nicht an die Wand! Sicher sitzt Norman vor dem Fernseher und hat sich schon etwas zu essen genommen“, beschwichtigte Ellen. Kaum zu Hause angekommen, bremste Tom ruckartig vor seiner Garage und lief zur Haustür. Hastig fummelte er mit dem Schlüssel herum, aber er bekam die Tür nicht auf. Ellen kam auch aus dem Auto und bemerkte Toms Unruhe.

„Schatz, lass mich mal, du bist ja ganz nervös, du brichst sonst noch den Schlüssel ab.“

Aber auch bei Ellen ging der Schlüssel einfach nicht ins Schloss. Und nun war es auch mit ihrer Ruhe vorbei. Irgendetwas störte sie, irgendetwas war ganz und gar nicht richtig. „Tom, hast Du den Blumentopf hier neben die Tür gestellt?“

Tom platzte fast vor Ungeduld und antwortete laut und erregt: „Nein, verdammt, hier ist doch irgendwas faul! Bergers sind weg, Norman ist weg und unser Schlüssel passt nicht mehr auf unsere Tür. Lass uns sofort zur Polizei fahren, bevor es dunkel wird!“

„Du machst mir Angst, Tom. Aber vielleicht hast du Recht. Warte, ich hänge noch schnell einen Zettel an die Tür, falls Norman doch noch kommt. Dann kann er uns anrufen.“

Ellen schrieb im Auto schnell eine Nachricht auf ein Notizblöckchen, riss die Seite ab und rannte zur Haustür. Jetzt erst kam sie auf die Idee, ein paar Mal zu klingeln, in der Hoffnung, dass Norman doch schon zu Hause war. Er hatte einen eigenen Haustürschlüssel, den er unterwegs immer an einem Lederband um den Hals trug. Aber die Tür öffnete sich nicht und Ellen hörte auch nichts, als sie ihr Ohr an die Tür legte. Sie klemmte den Zettel mit der Nachricht für Norman in den Briefkasten, so dass er sichtbar heraushing.

Kaum saß Ellen wieder im Auto, gab Tom schon Gas und fuhr mit quietschenden Reifen los.

Auf dem Polizeirevier in Enbach nahm Hauptkommissar Felten die beiden in Empfang und hörte sich ihr Anliegen an. „Wir wollten gerade unseren Sohn abholen und die Frau da behauptet, es gäbe dort keine Familie Berger“, sprudelte Ellen aufgeregt hervor.

„Moment, langsam, langsam, jetzt alles mal der Reihe nach. Worum geht es hier überhaupt?“, fragte Kommissar Felten gemächlich.

Tom legte Ellen eine Hand auf den Arm, um sie zu beruhigen, denn sie war schon ohne zu reden ganz außer Atem. Er atmete tief ein und erzählte in trügerischer Ruhe: „Wir haben unseren Sohn Norman heute Mittag zu seinem Freund Stefan Berger gehen lassen. Der wohnt nur zwei Straßen weiter! Wir sind übrigens aus Galdorf. Und eben wollten wir Norman zum Abendessen abholen, mit dem Auto. Doch als wir bei Bergers geklingelt haben, machte nicht die Mutter von Stefan auf, sondern eine wildfremde Frau, die behauptete, dass es eine Familie Berger dort nicht gäbe. Sie wohnt angeblich schon lange in diesem Haus. Das ist aber Quatsch, wir waren vor Kurzem noch zu Besuch bei den Bergers.“

„Moment“, unterbrach Kommissar Felten. „Haben Sie sich denn vielleicht in der Straße geirrt oder die falsche Hausnummer erwischt? Und wie alt ist Ihr Sohn? Norman ist sein Name?“

„Nein, nein, wir kennen doch unser Dorf! Es war die richtige Adresse, ganz sicher!“, beharrte Tom. „Norman ist erst neun Jahre alt. Er wollte doch nur mit Stefan Berger Fußball spielen.“

„Zeigen Sie mir mal bitte Ihre Ausweise?“, forderte Felten sie auf.

Tom kramte nervös in seinen Taschen und erzählte dabei weiter: „Wir wohnen im Kirschpfad 13. Mensch, wo hab ich denn diesen blöden Ausweis? Schatz, hast Du Deinen wenigstens dabei?“

„Ich schau schnell mal in meiner Handtasche, normalerweise habe ich ihn immer dabei“, bekräftigte Ellen, wie zur Bestätigung hektisch mit dem Kopf nickend.

„Suchen Sie nur ganz in Ruhe“, empfahl Kommissar Felten.

„Hier, hier ist mein Ausweis!“ Triumphierend zog Ellen die Kunststoffkarte aus einem fast nicht erkennbaren Nebenfach in ihrer kleinen Handtasche und hielt sie dem Polizeibeamten entgegen.

„Na, das ist aber noch ein altes Ding“, merkte Kommissar Felten lächelnd an. „Also Frau Stein, und die Adresse ist noch aktuell? Kirschpfad 13 in Galdorf?“

„Ja, na klar“, versicherte Ellen.

„Gut! Und wie heißt der Freund Ihres Sohnes, wie ist seine Adresse? Wir können ja mal einen Streifenwagen hinschicken und schauen, ob Ihr Sohn vielleicht noch da ist.“

In diesem Moment klingelte das Telefon. Ein Kollege von Kommissar Felten, der die ganze Zeit etwas weiter hinten im Raum gesessen hatte und einen Bericht schrieb, nahm den Hörer ab. „Polizeistation Enbach, Könen, guten Abend!“

Und nach einigen Augenblicken fuhr er fort: „Okay, wo genau?“

Oberkommissar Könen schrieb etwas auf und sagte förmlich: „Gut, wir schicken jemanden rüber. Das dauert nur ein paar Minuten, die Kollegen müssten ganz in der Nähe sein. Wiederhören!“

Er drehte sich zu Kommissar Felten und fragte: „Entschuldige, Toni, aber wie lange haben Ben und Kai heute Schicht? Da ist ein Unfall an der Kreuzung beim Brauhaus passiert.“

„Was Großes? Soll ich hinfahren?“, fragte Kommissar Felten.

„Nein, nur Blechschaden, kein Personenschaden, keine Verletzten. Deswegen wollte ich Ben und Kai hinschicken, die können das ja aufnehmen.“

„Na gut, mach das, die müssen noch zwei Stunden heute“, antwortete Kommissar Felten und schaute auf seine Uhr.

Dann wandte sich Kommissar Felten wieder Tom und Ellen zu. „So, hier haben Sie erstmal Ihren Ausweis wieder zurück.“ Er wollte ihn gerade über die Theke reichen, die den Raum vom Eingangsbereich abtrennte, stutzte jedoch plötzlich. „Moment kurz, geben Sie noch mal her, bitte!“

Kommissar Felten nahm den Ausweis und schaute ihn kritisch prüfend von beiden Seiten ganz genau an. „Der ist ja seit einer Ewigkeit abgelaufen, den sollten Sie aber mal schleunigst neu beantragen! Das kam mir eben schon komisch vor. Ich hatte lange nicht mehr so ein altes Exemplar in den Händen.“

Ellen wunderte sich. „Abgelaufen? Nein, das kann gar nicht sein!“

„Doch, schauen Sie mal, fast achtzehn Jahre – um genau zu sein“, brachte Kommissar Felten mit Nachdruck hervor.

„Das ist doch nicht möglich, der muss noch gültig sein“, antwortete Ellen erschrocken. „Aber eigentlich ist mir das jetzt auch ziemlich egal! Wir wollen nur wissen, wo unser Sohn ist. Bitte kümmern Sie sich darum!“, flehte Ellen.

„Ja, ja, natürlich! Aber unsere Kollegen sind ja nun allerdings gerade zu diesem Verkehrsunfall unterwegs und das kann sicher noch einige Zeit dauern. Wissen Sie denn vielleicht die Telefonnummer vom Freund Ihres Sohnes“, erkundigte sich Kommissar Felten.

„Ach herrje, hast Du die im Kopf, Tom?“

„Nein, leider nicht. Wir rufen ja normalerweise nicht da an, nur unser Sohn“, bedauerte Tom.

„Na, dann suchen wir sie eben schnell raus und rufen dort einfach mal an. Sicher klärt sich dann alles schnell auf und vielleicht wartet Ihr Sohn ja schon zu Hause auf Sie“, sagte Kommissar Felten beruhigend und an seinen Kollegen Könen gewandt: „Jens, suchst Du mal gerade die Nummer von ... wie hießen die noch gleich?“

„Berger in Galdorf, äh, Rosenweg 17“, antwortete Tom schnell.

„Danke, also Berger in Galdorf, Rosenweg 17“, rief Kommissar Felten seinem Kollegen zu, der sofort den Namen eintippte.

„Hmmh“, hörte man ihn murmeln, dann tippte er weiter. „Ist nicht zu finden! Der Name ist in der ganzen Gemeinde nicht vertreten.“

Könen klapperte weiter auf der Tastatur. „Unter der Adresse finde ich nur eine Frau Winkel. Soll ich die Telefonnummer mal ...“

Aber Kommissar Felten unterbrach ihn. „Danke, danke, Jens, aber ich glaube, das bringt uns jetzt auch nicht weiter.“

Ellen wurde immer ungeduldiger. „Bitte, Herr Kommissar, da ist doch was faul mit dieser Frau! Das kann einfach nicht sein! Die Bergers wohnen da schon, seit sie das Haus gebaut haben.“

„Ich kann Ihre Unruhe ja verstehen, aber möchten Sie nicht doch erst mal nach Hause fahren und nachsehen, ob Ihr Sohn inzwischen nicht schon längst wieder da ist und auf Sie wartet?“, fragte Kommissar Felten und schaute sie unverwandt an.

„Was meinst Du denn, Tom?“, fragte Ellen ihren Mann mit großen Augen.

Tom überlegte kurz und nickte dann: „Ja, machen wir, das wird wohl das Beste sein.“

„Oder möchten Sie vielleicht mal bei sich zu Hause anrufen? Haben Sie Ihr Handy dabei oder möchten Sie von hier aus anrufen?“, schlug Kommissar Felten vor.

„Oh ja, das ist eine gute Idee“, antwortete Tom erleichtert. „Ich habe mein Handy dabei, ich probiere das mal!“

Tom wählte seine eigene Festnetznummer, aber er kam nicht durch. Er versuchte es noch einmal.

„Mann, Mann, was ist das denn jetzt, kein Netz oder was?“, fluchte er vor sich hin. Dann gab er seufzend auf. „Darf ich doch Ihr Telefon mal kurz nehmen?“

„Aber klar doch!“ Kommissar Felten gab ihm ein Festnetzgerät.

Tom wählte erneut die Nummer von zu Hause und wartete einen Moment. „Oh Mann, jetzt hab ich mich in der Aufregung verwählt! Noch mal!“

Er wählte wieder. Und wieder hörte er die gleiche Ansage wie zuvor. „Die von Ihnen gewählte Rufnummer ist zur Zeit nicht vergeben“, sagte eine freundliche Stimme und dann wurde die Ansage mit einem kurzen Piepton beendet.

„Ach, Mensch, das gibt es doch gar nicht! Heute funktioniert aber gar nichts! Verdammt ... Entschuldigung.“

Tom gab dem Kommissar das Telefon widerstrebend zurück. Er wirkte völlig unentschlossen. Dann gab er sich einen Ruck: „Also, am besten wir fahren jetzt wirklich erst mal schnell nach Hause und schauen“, sagte er dann betont optimistisch zu Ellen und Kommissar Felten. „Und wenn Norman dann immer noch nicht da ist, kommen wir sofort wieder hierher zurück.“

„Ja, machen Sie das so! Ich gebe Ihnen noch unsere Telefonnummer, damit erreichen Sie uns direkt, falls etwas sein sollte. Und wenn Ihr Sohn zu Hause ist, lassen Sie es mich bitte auch wissen“, drängte Kommissar Felten und streckte Tom seine Visitenkarte entgegen.

„Vielen Dank erst mal“, sagte Ellen, aber in ihrer Stimme schwang Besorgnis. „Dann hoffen wir, dass Norman doch schon zu Hause ist und auf uns wartet. Sicher sitzt er vor dem Fernseher und guckt sich etwas an, was er sonst nicht darf“, sagte sie mit einem angestrengten Lächeln.

Tom und Ellen hatten sich gerade umgedreht und gingen zu der schweren gläsernen Tür am Ausgang, da sprang plötzlich Könen auf und rief: „Moment noch, warten Sie! Wie war doch gleich Ihr Name?“

Ellen erschrak: „Stein“, antwortete sie und wurde noch blasser. „Wissen Sie doch etwas über Norman?“

„Bitte warten Sie noch einen kleinen Augenblick! Ich hab‘ da gerade…“ Könen fing an, hastig etwas in seine Tastatur einzugeben. Dann riss er die Augen weit auf und starrte auf den Monitor. Schließlich blickte er kurz zu Tom und Ellen und dann wieder auf den Bildschirm. Schließlich gewann er seine Fassung wieder. „Bitte setzen Sie sich doch noch einen kleinen Moment!“

Tom und Ellen schauten sich fragend an, aber ließen sich ohne Worte auf die kalten Metallstühle nieder, die neben dem Eingang im Boden verschraubt waren. Könen zog Kommissar Felten zur Seite und fing an zu tuscheln. Wild fuchtelte er mit seinen Händen und zeigte mehrmals auf den Monitor seines Computers. Kommissar Felten unterbrach ihn ein paar Mal. Obwohl sie unerklärbar aufgeregt zu sein schienen, versuchten sie sehr leise zu sprechen. Schließlich hielt es Tom nicht mehr auf seinem Stuhl. Beunruhigt stand er auf, ging an die Theke und fragte: „Stimmt etwas nicht? Steht da etwas über Norman?“ Seine Stimme zitterte.

„Geben Sie mir bitte noch einmal Ihren Ausweis!“, forderte Kommissar Felten Ellen auf.

Aber nun hatte auch Tom plötzlich mit einem Griff seinen Ausweis in der Innentasche seiner Jacke gefunden. „Na, bitte schön, da ist er ja!“, rief er triumphierend und reichte ihn an Felten weiter.

„Danke schön, Herr Stein.“ Kommissar Felten und Könen gingen mit dem Ausweis hinüber zum Schreibtisch. Immer wieder starrten sie auf das Passbild und zurück auf den Monitor. Dann flüsterten sie wieder etwas und sahen sich ratlos an.

„Guck mal, der ist doch auch schon siebzehn Jahre abgelaufen“, konnte Tom plötzlich heraushören. Kommissar Felten straffte die Schultern und ging energisch auf Tom zu. „Hören Sie, wir werden jetzt einen ehemaligen Kollegen anrufen, der bei Ihnen im Dorf gewohnt hat. Vielleicht kann er uns weiterbringen. Er ist zwar schon in Pension, aber er hilft immer gern, wo er nur kann.“

Tom wirkte nun vollends unsicher. „Was ist denn jetzt los? Sie behandeln uns wie Verbrecher! Ich sage es noch einmal: Wir wollen nur unseren Sohn wiederhaben, das ist wirklich alles!“

„Entschuldigen Sie, Herr Stein, aber es ist schon etwas eigenartig, dass Ihre Ausweise seit siebzehn und achtzehn Jahren abgelaufen sind. Wir prüfen gerade, ob es sich hier um einen Fehler handelt“, sagte Kommissar Felten, aber er dachte dabei sichtlich etwas ganz anderes.

„Das muss ein Fehler sein“, entgegnete Tom in schroffem Ton. „Jetzt beeilen Sie sich doch! Es wird schon langsam dunkel draußen, wir möchten nun endlich unsern Sohn wiederfinden!“

„Natürlich, ich verstehe Sie ja, aber haben Sie nur noch ein paar Minuten Geduld, wir tun alles, was uns möglich ist, um Ihnen zu helfen“, versuchte Kommissar Felten beruhigend auf sie einzureden.

Sichtlich genervt setzte sich Tom wieder neben Ellen. Könen telefonierte inzwischen schon und nickte seinem Kollegen Felten bejahend zu. Als er auflegte, sagte er nur: „Er ist auf dem Weg.“

Nun stand Ellen auf. „Okay, ich möchte jetzt sofort wissen, was hier los ist! Kümmern Sie sich lieber um die Suche unseres Sohnes, deswegen sind wir ja schließlich hier! Die Pässe können wir doch immer noch verlängern lassen!“

Geduldig mahnte Kommissar Felten mit ruhiger Stimme: „Bitte, nehmen Sie wieder Platz! Haben Sie nur noch zwei Minuten Geduld. Gleich kommt unser ehemaliger Kollege Dirk Sternal. Das war damals unser Erster Hauptkommissar. Er wird sich Ihrer annehmen und gleichzeitig schicken wir jemanden zu der Adresse des Freundes Ihres Sohnes.“

In diesem Moment ging die Tür auf und zwei uniformierte Polizisten kamen hereingepoltert. „Na, das war vielleicht ein Unfall! Eine alte Frau ist bei Rot über die Ampel gefahren und hat ein Chaos verursacht. Und die hat noch nicht mal verstanden, was sie falsch gemacht hat. Wir haben ihr vorläufig die Fahrerlaubnis ...“

Schnell unterbrach Könen seinen Kollegen: „Entschuldige, Ben, vergiss für's Erste diesen Unfall! Den Bericht kannst Du später schreiben. Ihr zwei müsst nämlich sofort wieder los, und zwar nach Galdorf in den Rosenweg, Hausnummer 17. Hier, ich habe es Euch aufgeschrieben. Diese Leute vermissen ihren neunjährigen Sohn. Er ist dort heute Mittag zum Spielen hingegangen und nun ist er verschwunden. Schaut mal, ob Ihr ihn findet. Falls er nicht dort ist, fahrt Ihr in den Kirschpfad 13, dort wohnt er, steht alles auf dem Zettel. Bitte, beeilt euch, die Eltern machen sich große Sorgen. Den Unfallbericht machen wir später zusammen, das reicht auch morgen.“

Ben nickte und hatte schon wieder die Türklinke in der Hand. „Alles klar, sind schon unterwegs.“

„Hey, Ihr dürft mit Blaulicht fahren, für diesen Einsatz habt Ihr Sonderrecht“, rief Kommissar Felten noch.

„Gut, los geht’s, Kai!“ Kai war Polizeianwärter und fuhr meistens mit Ben auf Streife. Schnell machten die zwei sich wieder auf den Weg und schon kurz danach hörte man in einiger Entfernung die Polizeisirene.

„Danke und Entschuldigung, dass ich eben so laut geworden bin“, nuschelte Ellen mit gesenktem Kopf.

„Kein Problem, völlig verständlich! Es ist ja klar, dass Sie beunruhigt und besorgt sind. Das ist ja auch alles etwas ungewöhnlich. Aber wie gesagt, wir werden alles tun, um Ihnen zu helfen“, beschwichtigte Felten und nur einen Moment später klingelte es wieder und Könen betätigte den Türöffner. Kommissar Felten erklärte Tom und Ellen: „Nur die Kollegen können die Tür von außen automatisch öffnen, aber das da wird unser erwarteter Kollege Sternal sein.“

Und so war es auch. Der ehemalige Erste Hauptkommissar Sternal kam herein, sah Tom und Ellen im Vorbeigehen kurz an und ging direkt links herum durch eine weitere Tür, die hinter die Theke führte. An der Tür hing ein Schild mit der Aufschrift „Nur für Personal.“ Kommissar Felten und Könen begrüßten ihn und verschwanden sofort in einem der beiden angrenzenden Büros.

Dort begann Kommissar Felten zu erzählen. „Dirk, lach mich nicht aus. Das ist alles total seltsam. Ich weiß nur, dass Du früher diesen Fall bearbeitet hast. Du wirst Dich erinnern! Da war doch mal dieses Paar aus Galdorf, das plötzlich verschwunden ist und nie wieder gesehen wurde. Ich habe es vorhin noch mal schnell nachgelesen.“

Währenddessen saßen Tom und Ellen immer noch neugierig, aber ungeduldig im Vorraum neben der Eingangstür auf den unbequemen neumodischen Metallstühlen. Tom stand manchmal auf, ging ein paar Meter hin und her, setzte sich wieder und schaute seine Frau fragend an.