Die Reise des Lebens - Frankie Hava - E-Book

Die Reise des Lebens E-Book

Frankie Hava

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Beschreibung

Eine seltene Erbkrankheit führt bei Frankie Hava zu einer körperlichen Behinderung, die seit seiner Kindheit sein gesamtes Leben bestimmt. Die motorischen und sprachlichen Einschränkungen hindern ihn aber nicht daran, immer wieder spannende Projekte umzusetzen. Er arbeitet als Programmierer, betreibt eine Website und gründet einen Verein, der anderen Menschen mit Behinderungen hilft. Obwohl er dabei auch Rückschläge erleidet, und obwohl seine Krankheit stetig voranschreitet, verliert er nicht den Mut – und wird schließlich belohnt. Plötzlich bietet sich ihm eine Chance, die alles verändern könnte. Wird Frankie sich seine Träume erfüllen können, die er schon ein Leben lang hatte? Begleite Frankie auf seiner Reise des Lebens.

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Seitenzahl: 515

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhalt

Impressum 2
Widmung 3
Prolog 4
Teil I 6
Der Besuch 6
Kapitel 1 7
Teil II 166
Die Reise 166
Kapitel 14 167
Teil III 292
Die Rückkehr 292
Kapitel 26 293

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2021 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99107-410-6

ISBN e-book: 978-3-99107-411-3

Lektorat: Susanne Schilp

Umschlagfotos: Angkana Kittayachaweng, Vasile Voicu | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Widmung

Liebe Leserin, lieber Leser,
dieses Buch ist Dir gewidmet.

Prolog

„Jetzt habe ich endlich meine Antwort!“, sagte Frankie in fast unverständlichem Gemurmel, „die Antwort auf die große Frage meines Lebens: Was ist mein Lebenswerk?“
Diese Frage hatte er sich während seines gesamten Lebens sehr oft gestellt, aber nie so wirklich eine Antwort darauf gefunden. Frankie hatte schon sehr viele Projekte gestartet und teilweise auch erfolgreich zum Abschluss gebracht, konnte sich aber nie entscheiden, welches Projekt oder umgesetzte Vorhaben er als sein Lebenswerk betrachten sollte. Nach 45 Jahren hatte er nun endlich eine plausible Antwort darauf gefunden. Es war nicht irgendeines seiner Projekte, sondern sein gesamtes Leben. Wenn man genau darüber nachdenkt, vollbringt jeder Mensch ein Lebenswerk. Es sind also nicht einzelne Projekte, nicht einmal, wenn das ganze Leben daran gearbeitet wurde, Tätigkeiten oder Erlebnisse, sondern alle sind ganz wichtige Teile, auf denen weitere Teile aufbauen können. Man könnte das Leben mit einem Mosaik vergleichen. Man weiß vorher nicht, wie das fertige Mosaik aussehen wird, aber jeder einzelne Stein ist wichtig, damit sich am Ende das Bild zu einem Ganzen fügt. Die allerersten Mosaiksteine werden schon in der Kindheit gesetzt oder sogar bereits im Mutterleib und legen den Grundstein, auf denen das weitere Bild überhaupt erst aufgebaut werden kann. Wichtig sind auch die vielen eher negativen Erfahrungen, die machen das fertige Bild sogar ein bisschen bunter und sind extrem wichtig, damit man das Bild weiterbauen kann. Es klingt ein bisschen zermürbend, aber das komplette Bild sieht man selbst eigentlich nie. Frankie jedoch hat schon jetzt ein ziemlich großes und buntes Bild gebaut. Und das, obwohl sein komplettes Bild noch immer nicht ganz fertig ist. Viele Menschen verstehen unter einem Lebenswerk nur berufliche Erfolge oder irgendwelche herausragenden Leistungen, durch die man weltberühmt wird. Dabei geht es gar nicht um irgendwelche Leistungen, sondern ein Lebenswerk ist für jeden Menschen sein gesamtes Leben.
Aber wir sind jetzt viel zu weit. Ich sollte mich erst einmal kurz bei dir vorstellen. Mein Name ist Frankie Hava, und diese ganze Geschichte dreht sich um mich. Es ist aber keine Autobiografie, sondern eine Geschichte mit einem größeren fiktiven Teil. Deswegen erzähle ich dir diese Geschichte nicht in der ersten Person, sondern dieser Frankie ist eine fiktive Person. Seine Erfahrungen sind natürlich stark an meine Person angelehnt, aber der Frankie in diesem Buch und ich selbst, wir sind nicht ein und derselbe Mensch. Ich selbst möchte, dass du mich als einen sehr guten Freund von dir betrachtest. Stell dir vor, wir sitzen gemeinsam im Sonnenschein in einem Biergarten, und ich erzähle dir eine nette Geschichte. Wir machen in dieser Geschichte sehr viele große Zeitsprünge, und das kann etwas verwirrend sein. Du wirst dir jetzt vielleicht denken, warum ich mit dieser Frage nach dem Lebenswerk beginne, du weißt ja noch gar nicht, was in Frankies Leben bisher passiert ist. Deswegen springen wir jetzt mal ungefähr zweieinhalb Jahre zurück, und ich beginne, dir die ganze Geschichte von vorne zu erzählen.
Bereit? Los geht’s …

Teil I

Der Besuch

„Try not to become a man of success,
but rather to become a man of value.“
Albert Einstein

Kapitel 1

„Mach das doch einfach selbst 1“

Frankie lag noch im Bett, als er ganz leise das Summen seines elektrischen Türöffners hörte, der über ein Fingerprint-System betätigt wurde. Dieses war von ihm installiert worden, um nicht jedem Einzelnen seiner vielen Assistenten einen Schlüssel geben zu müssen. Seit Stunden lag er schon wach, aber nach einer weiteren qualvollen Nacht ohne Tiefschlaf war er immer noch so erschöpft wie ein durchschnittlicher Läufer nach seinem ersten Marathon, den dieser natürlich nicht gewonnen hatte. Eigentlich hörte er das Summen ja gar nicht, sondern bemerkte erst, dass seine persönliche Assistentin kam, als sein Hund Funky, der immer direkt über ihm auf dem Kopfkissen lag, aufsprang und mit lautem Gebell in Richtung Schlafzimmertür stürmte.
Christina hatte an diesem Tag Dienst. Sie war eine der wenigen Assistenten, die schon seit Jahren bei ihm arbeiteten. Über die Jahre hatte sich zwischen ihr und Frankie eine sehr gute Freundschaft entwickelt.
Grundsätzlich legte Frankie immer großen Wert darauf, mit seinen Assistenten eine gute Freundschaft aufzubauen. Er wollte damit verhindern, dass diese nur zu ihm kamen, weil sie eben arbeiten und damit ihr Geld verdienen mussten. Dadurch wäre das Gefühl, seine Freunde bezahlen zu müssen, noch größer gewesen. So aber kamen sie echt gerne zu ihm, so empfand er es zumindest, und er war der Meinung, dass ihm das relativ gut gelang.
Assistenten arbeiteten wirklich persönlich bei ihm, er selbst war ihr Arbeitgeber, und sie wurden von ihm direkt dafür bezahlt. Er war also ihr „Big Boss“. Trotz Freundschaft hatten doch alle seine Mitarbeiter im Hinterkopf, dass er ihr Arbeitgeber und Chef war.
In diesem freundschaftlichen Verhältnis lag die Schwierigkeit im Umgang mit seinen Mitarbeitern, denn manchmal kam es auch vor, dass Frankie sich mit seiner ausgeprägten Fantasie mehr einbildete als nur eine reine Freundschaft oder sogar eine richtige Partnerschaft. Zumindest bei seinen weiblichen Assistenten.
Nicht, dass er irgendwie reich gewesen wäre, er bekam nur das Geld, mit dem er seine Assistenten finanzierte, auf sein eigenes Konto überwiesen. Dies stellte für Menschen mit Behinderung die beste Möglichkeit dar, ein völlig selbstbestimmtes Leben führen zu können. Die finanziellen Mittel, die er bekam, nannte man persönliches Budget. Ein persönliches Budget bedeutete für ihn die wahre Selbstbestimmung. Er hatte auch lange Zeit in einer Art Heim gelebt, welches natürlich auch seinen Bewohnern die beste Möglichkeit, ein völlig selbstbestimmtes Leben zu führen zu gewährleisten versuchte, was aber seiner Meinung nach nur eine vorgegaukelte Selbstbestimmung war. Die Mitarbeiter dort wurden einem mehr oder weniger vor die Nase gesetzt, und man war gezwungen, mit diesen „ausgebildeten Pflegekräften“ zurechtzukommen. Wenn man dann ein Problem mit einer dieser Pflegekräfte hatte, blieb einem nichts anderes übrig, als zur Heimleitung zu gehen und dieser nahezubringen, dass man mit besagter Pflegekraft nicht mehr zusammenarbeiten möchte. Dann ging es aber los. Eine Teambesprechung nach der anderen wurde einberufen, und die Sache wurde über Monate hinweg totgequatscht. Auch mit einem selbst wurde immer wieder geredet, man sollte sich doch mal mit dieser Pflegekraft zusammensetzen und versuchen, die Probleme auszuräumen und so weiter und so fort. Man wurde so lange „bearbeitet“, bis man endgültig die Schnauze voll hatte und sagte:
„Okay, dann probiere ich es eben mit diesem Pfleger weiter.“
Und dies wurde dann, ohne Rücksicht auf die monatelange Beeinflussung, als Selbstbestimmung ausgelegt. Wenn man aber mit einem persönlichen Budget der Arbeitgeber seiner selbst ausgesuchten Assistenten war und ein Problem mit einem der Mitarbeiter hatte, dann war dieser seinen Job los. Das klingt ein bisschen hart, als wären die Arbeitgeber sowieso alle Arschlöcher, aber das ist nun mal die wahre Selbstbestimmung. Man könnte die Heime mit ihren Bemühungen um Selbstbestimmung metaphorisch gesehen mit einem alten Skoda vergleichen. Das persönliche Budget hingegen wäre dann der Rolls Royce.
Frankie merkte, wie Christina langsam die Schlafzimmertür öffnete. Er dachte:
Jetzt nur nicht bewegen. Halte die Augen geschlossen und atme ganz ruhig weiter, vielleicht glaubt sie dann, ich würde noch schlafen, schnappt sich Funky und geht mit ihm noch eine Runde spazieren.
Gedacht, getan – und Christina und Funky schwirrten ab.
Wieder einmal hatte er sich die ganze Nacht schmerzerfüllt von einer Seite auf die andere gewälzt, hatte wie fast immer kaum Tiefschlaf. Er ruhte sich meistens nur aus, schlief zwischendurch stundenweise aus Erschöpfung kurz ein und fühlte sich deswegen morgens immer noch so fürchterlich wie ein Drogensüchtiger nach dem Absetzen seiner Drogen, wenn die ersten Entzugserscheinungen eintraten. Das ständige Wachliegen bedeutete für ihn die reinste Folter.
Frankie hatte eine schleichend progressive, rezessiv vererbbare Krankheit. Man sagte zwar Krankheit dazu, aber in Wahrheit fühlte er sich nicht wirklich krank. Er hatte nur eine ziemlich starke körperliche Behinderung. Man meinte auch oft, man würde an einer Krankheit leiden, aber mit dem Wort „leiden“ konnte Frankie schon gar nichts anfangen. Aber das waren doch nur Bezeichnungen.
Manchmal fragten ihn andere Menschen, ob er einen Unfall gehabt hatte. Er bejahte oft, denn aufgrund der rezessiven Vererbung war bei seiner Zeugung eine krankheitstragende Samenzelle seines Vaters mit einer solchen Eizelle seiner Mutter kollidiert, was man durchaus als Unfall bezeichnen könnte. Rezessive Vererbung bedeutet nämlich, dass beide Allele eines Chromosoms, welches das betroffene Gen aufweist, fehlerhaft sein müssen, damit die Krankheit entsteht. Ist, wie bei Frankies Eltern, nur ein Allel betroffen, so ist man zwar gesund, da für die Produktion des gewünschten Proteins ein fehlerfreies Allel ausreicht, jedoch ein Krankheitsträger. Bei der Konstellation zweier gesunder Träger des betroffenen Chromosoms besteht nur eine 25-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass die Krankheit entsteht, und Frankie war derjenige, der in dieser Hinsicht die Arschkarte gezogen hatte.
Frankie wäre niemals im Leben bereit gewesen, ein Kind mit einer Frau zu zeugen, die selbst Trägerin dieser Krankheit war. Da ja bei ihm beide Allele betroffen waren, hätte die Wahrscheinlichkeit bei 50 Prozent gelegen, dass sein Kind diese beschissene Krankheit bekommt, und das hätte er nicht verantworten können. Wenn er mit einer Frau ein Kind zeugen würde, die völlig fehlerfreie Allele aufwies, wäre sein Kind zwar auf alle Fälle gesund, aber zu 100 Prozent ein Krankheitsträger. Da man diese Krankheit seiner Meinung nach ausrotten sollte, war es für ihn völlig klar, kein Kind in diese Welt zu setzen. Ganz abgesehen davon hätte er sowieso riesengroße Bedenken gehabt, sein eigenes Kind einfach nur im Arm zu halten, aus Angst, er könnte ihm wehtun.
Frankie beschäftigte sich sehr viel mit seiner „Krankheit“ und wusste genauestens Bescheid, was in seinem Körper vor sich ging. Das soll heißen, er hatte grundlegend verstanden, wo genau der Fehler lag, der zu dieser Krankheit führte. Aber natürlich war er kein Hochschulprofessor der Mikrobiologie. Sobald es also etwas komplexer wurde, stieg er aus. Frankie war auch ständig up to date, was in der Forschung passierte. Und ja, es gab durchaus sehr konkrete und vielversprechende Behandlungs- oder sogar Heilungsansätze für diese Krankheit, diese stellten aber wirklich nur eine reine Hoffnung dar.
Man sagt ja immer so schön: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Genau genommen, wenn diese Hoffnung wirklich als Allerletztes starb, dann starb Frankie aber zwangsläufig vor ihr.
Bevor seine Schlaflosigkeit zur Qual geworden war, hatte er sich die Nächte um die Ohren geschlagen, um mit Wörterbüchern und Fremdwörterlexikon bewaffnet durchs Internet zu streifen, auf der Suche nach brauchbaren Informationen über diese Krankheit. Bei diesen Streifzügen wurde er sehr oft fündig, aber immer waren die Texte, die er fand, in einer Sprache geschrieben, die er nicht verstehen konnte. Auch waren diese Informationen nicht gesammelt, sondern auf mehreren Webseiten verteilt und somit nur nach elendslangen Google-Sessions zu finden. Diese Texte dann für sich verständlich zu machen, war sehr zeitraubend und zermürbend.
Nach einer dieser Nächte, als er morgens auf der Terrasse seiner damaligen Wohnung im Sonnenschein eine Zigarette rauchte, wünschte er sich eine einzige Website, auf der all diese komplizierten Texte gesammelt und in eine verständliche Sprache übersetzt zu finden wären. Dann dachte er sich:Zum Teufel, warum sollte ich jetzt darauf warten, bis vielleicht irgendwer einmal genau auf diese Idee kommt? Mach das doch einfach selbst.
Sofort war er von dieser Idee begeistert, hatte aber sehr schnell die These entwickelt, dass es, wie so oft, ewig nur eine gute Idee bleiben würde, wenn er nicht ein professionelles Projekt starten würde.
Sofort hatte er seine Zigarette zwischen die Rosen des vom Gärtner liebevoll angelegten Gartens geworfen, hatte seinen Arsch – haha, seinen Rollstuhl – in Bewegung gesetzt und war in die Wohnung geeilt. Dabei hatte er fast die Vorhänge seiner Terrassentür endgültig ruiniert, die aber ohnehin nur noch an einer verbogenen Vorhangstange hingen. Er hatte sich das Telefon geschnappt und seinen besten Freund Mario angerufen. Zumindest war es ihm so vorgekommen, als hätte er diese Tätigkeiten in Windeseile ausgeführt, hätte aber ein Außenstehender dieses Szenario beobachtet, hätte er nur einen sturzbetrunken wirkenden Rollstuhlfahrer gesehen, der sich mit allerletzter Kraft ungeschickt ins Haus mühte.
Eigentlich hätte er sich sofort denken können, dass seine Hast nicht die gewünschte Wirkung zeigen würde, denn er hatte nur Marios Anrufbeantworter erreicht, der mit einem völlig verblödeten Text besprochen war, welchen er mit einem atemberaubend geistreichen Kommentar besprach. Mario hatte erst Stunden später zurückgerufen, in denen Frankie der öffentlichen Volksverblödung namens Fernsehen gefrönt hatte. Auch Mario war sofort von Frankies Idee begeistert gewesen und hatte ihm, wie es beste Freunde eben tun, seine Hilfe zugesagt.
Schon am nächsten Tag besuchte ihn Mario mit seiner kleinen roten Aktentasche, auf der in großen Blockbuchstaben das Wort „Hoffnungsträger“ geschrieben stand und die vollgestopft war mit Unterlagen, die er von der Universität zur Vorlesung über Projektrealisierung bekommen hatte. Als Allererstes hatten sie sich überlegt, welche Leute genau sie bitten wollten, bei diesem Projekt mitzuarbeiten. Denn sie beide waren sofort derselben Meinung, dass aus diesem Projekt nie etwas Gutes werden würde, wenn sie sich nicht mit mehreren, am besten gut ausgebildeten Leuten umgeben würden. Mario hatte sehr gute Kontakte zu einer kleinen Webdesign-Firma, bei der er teilweise mitarbeitete und die ihm sofort ihre Hilfe bei diesem Projekt zusagte.
Eine weitere Überlegung von Frankie war, dass niemand seine Texte wirklich ernst nehmen würde, da sie viel zu laienhaft ausfallen würden, wenn er sie selbst verfassen würde. Er war nun mal kein fertig ausgebildeter Mikrobiologe. Ein anderer sehr guter Freund von ihm, Tom, hatte damals Mikrobiologie studiert, und Frankie hatte gleich gesagt, dass er auch ihn bitten würde, beim Projekt mitzuarbeiten. Dann würden die Texte dieser Website, die er größtenteils selbst schreiben würde, von einem angehenden Doktor der Mikrobiologie auf inhaltliche Korrektheit überprüft werden. Natürlich hatte Frankie aber nicht nur auf die inhaltliche Professionalität geachtet, sondern auch auf eine angemessene Ausdrucksweise, deswegen kam noch ein bekannter Journalist hinzu, der die Texte auf Rechtschreibung und Grammatik überprüfte. Natürlich auch noch Frankies damaliger Neurologe, der die Texte auf medizinische Korrektheit durchging.
Frankie war Programmierer. Bis dahin hatte er aber nie etwas mit Webprogrammierung zu tun gehabt, sondern hatte immer als Datenbank-Programmierer gearbeitet. Diesen Job hatte er allerdings kurz zuvor verloren, weshalb er zu dieser Zeit arbeitslos war und viel Zeit hatte. Deswegen fragte er auch noch einen seiner alten Kindheitsfreunde, Andy, der zu dieser Zeit einen Job als Webprogrammierer hatte. Dieser half ihm anfangs dabei, das Grundgerüst für seine Website zu programmieren. Wohlgemerkt hatte Frankie bis dahin ja überhaupt keine Ahnung von irgendeiner Form der Webprogrammierung gehabt.
Die nächsten Wochen war Frankie dann zur Kur in einem Rehabilitationszentrum. Er war dauernd in Gedanken versunken und verbrachte neben seinem Krafttraining fast jede freie Minute im Computerraum, um dort seine ersten Texte für die Website zu schreiben. Einmal, als er gerade auf dem Weg in den Computerraum war, sprach ihn eine Frau an. Sie dachte sich wahrscheinlich:
Das scheint ein netter Typ zu sein, den würde ich gerne kennenlernen.
Weil er so in Gedanken versunken war und nur noch darüber nachdachte, was er als Nächstes schreiben würde, ignorierte er sie mehr oder weniger. Er sagte nur kurz „Hallo“ und ging – haha rollte – weiter. Sie dachte sich wahrscheinlich:
Was für ein Arschloch!
Das wusste er deshalb, weil es sich dabei um Sarah gehandelt hatte, die etwas später ins gleiche Heim eingezogen war und zu einer seiner besten Freundinnen wurde.
Monatelang hatte Frankie wie ein Verrückter an dieser Website gearbeitet. Sein größtes Augenmerk hatte der inhaltlichen Gestaltung gegolten. Zum Beispiel hatte er erst einmal damit begonnen, die Grundlagen der gesamten Genetik zu erläutern, da er gedacht hatte:
Fast alle Menschen reden von unseren Genen, aber die Wenigsten wissen tatsächlich, wie die Genetik überhaupt funktioniert.
Kurz gesagt: Alle reden von der DNA, aber kein Mensch weiß, was das genau ist. Zumindest besaßen die meisten nur ein paar grundlegende Informationen aus dem Biologieunterricht.
Da Frankie seine Texte sehr faktenorientiert gestaltet hatte, hatte die wissenschaftliche Recherche die meiste Zeit in Anspruch genommen. Er hatte aber auch riesengroßen Spaß daran, so genau wie möglich über seine Krankheit und über die gesamte Genetik Bescheid zu wissen. Immer schon war er so interessiert an diesem Wissenschaftszweig gewesen, dass er bereits knapp davor war, ein Studium der Mikrobiologie zu absolvieren. Aber Tom hatte ihn – zum Glück – davon abgehalten, indem er meinte, dass die Genetik nur ein winzig kleiner Bruchteil des gesamten Stoffes wäre. Als er diese zeitaufwendige, intensive und teilweise nervenzerfetzende Arbeit zu Ende gebracht hatte, war es endlich so weit gewesen, die Website online zu stellen. Mario hatte ihm wieder mal sehr dabei geholfen, sein Projekt erfolgreich zum Abschluss zu bringen. Sie hatten gemeinsam eine eigene, größere und professionell aufgebaute Pressekonferenz organisiert, zu der nicht nur sämtliche Printmedien geladen waren, sondern bei der sogar für eine kostenlose kulinarische Verpflegung aller Teilnehmer gesorgt wurde. Die Pressekonferenz war ein riesiger Erfolg gewesen, und es waren zahlreiche Artikel in Ärztezeitschriften, Behindertenzeitschriften und sogar in großen Tageszeitungen erschienen. Bei seiner Pressekonferenz hatte Frankie es sehr genossen, vor den versammelten Medien zu sitzen, wo alle so gespannt auf seine ersten Worte warteten, als wäre er der König von Großbritannien oder der Prinz von Dänemark oder wer auch immer, der zu seinem Volk sprach. Er hatte auch ein kleines Fernsehinterview gegeben. Trotzdem hatte er sich sehr große Sorgen gemacht, ob die Website von seiner Zielgruppe, und das waren eben andere Behinderte – ja okay, andere Menschen mit dieser Behinderung –, angenommen worden wäre, und diese waren nicht alle immer so interessiert an dieser Krankheit wie er selbst.
Zu seiner großen Überraschung war sein Projekt aber von Anfang an unglaublich erfolgreich. Erst hatte er gedacht, dass der größte Brocken seiner Arbeit jetzt vorbei wäre, aber genau das Gegenteil war der Fall. Die Arbeit für diese Website hatte erst jetzt so richtig begonnen, fast jeden Tag verweilte er stundenlang vor seinem Computer, um die nächsten Forschungsupdates zu veröffentlichen. Die Arbeit, die ihm aber am meisten Spaß bereitete, bestand darin, das zur Website gehörende Onlineforum zu moderieren. Sehr viele andere Menschen mit derselben Behinderung registrierten sich für sein Forum, und zu vielen von ihnen hatte er lange sehr angeregten Kontakt. Jahrelang updatete er seine Website ständig, anfangs mehrere Male die Woche, erst als die Website ungefähr acht Jahre Bestand hatte, brachte er keine Neuigkeit mehr, und er verlor auch sein Interesse am Onlineforum. Vor allem seit es Facebook gab, da sämtliche Diskussionen nur noch über Facebook liefen. Kein Mensch machte sich mehr die Mühe, sich wegen einer Kontaktknüpfung extra in ein Forum einzuloggen. Die Website gab es zwar noch sehr lange, wurde aber seit Jahren nicht mehr aktualisiert, nicht nur, weil Frankie aufgrund seiner progressiven Krankheit kaum noch Energie dafür hatte, sondern vor allem auch, weil er sich seit Jahren nur noch um ein weiteres von ihm gestaltetes Projekt kümmerte.
Frankie lag noch fast eine Stunde im Bett und wartete auf Christina. Er lag natürlich die ganze Zeit wach, döste vor sich hin und dachte:
Heute ist sie aber verdammt lange mit Funky unterwegs.
Schon wieder ertappte er sich dabei, sich die ärgsten, aus der Luft gegriffenen Horror-Szenarien zu überlegen, dass zum Beispiel irgendetwas mit Funky passiert wäre. Er stoppte diese Gedanken in sich aber gleich wieder ab. Nach über einer Stunde öffnete sich endlich die Tür, er hörte dies natürlich nicht, sondern checkte erst, dass sie zurück waren, als Funky sofort zu ihm aufs Bett sprang und ihm mitten ins Gesicht einen weiteren seiner schlabbrigen Liebesbeweise verpasste. Angewidert stieß er ihn weg und sagte:
„Üüüäääääh, ach Funky, ich habe gesagt, keine Zungenküsse!“
Nachdem Christina ihre Schuhe ausgezogen und durch die Hausfrauenschuhe, die seine Mutter mal stehen gelassen hatte, ersetzte, kam sie in das Schlafzimmer herein. Als er sie sah, musste er wieder einmal aufgrund ihrer belustigenden Optik schmunzeln. Eine hübsche junge Frau in solchen Altweiber-Schuhen mit erhöhten Absätzen.
Er richtete seine ersten Worte an Christina und sagte:
„Hi Chrissy!“
So nannte er sie immer, obwohl er wusste, dass sie keine Namensabkürzungen mit „y“-Endung mochte.
„Hallo, hast du gut geschlafen?“, fragte sie.
Er beantwortete diese Frage nicht, verzog nur sein Gesicht, und sie wusste sofort, dass dies wohl, wie so oft, nicht der Fall gewesen war.
„Warum warst du so lange unterwegs?“, fragte er.
„Erstens war ich kurz für dich einkaufen, und zweitens habe ich beim Spazierengehen eine Frau getroffen, mit der ich mich länger unterhalten habe.“
„Aha“, sagte er, „und wer war das?“
„Eine Fremde“, sagte sie, „aber total nett. Sie hat gesagt, sie hätte dich schon öfter gesehen und möchte dich gerne mal kennenlernen.“
Sofort malte er sich die schönsten Geschichten à la Hollywood-Liebesromanzen aus. So in der Art:
Oh Gott, eine Frau hat Interesse an mir, das gibt es ja gar nicht!
Also war die logische nächste Frage an Chrissy:
„Und, wie sieht sie aus?“
Chrissy wusste sofort, warum er diese Frage stellte, schmunzelte, wollte einen guten Sarkasmus anbringen und sagte:
„Stopp deine Gedanken sofort wieder ab, denn sie ist potthässlich. Ich habe ihr nur erzählt, dass ich eine deiner Assistentinnen bin und du ein ganzes Team an Assistenten hast. Sie meinte dann, dass sie auch in diesem Bereich arbeitet.“
„Was genau?“, fragte er.
„Sie arbeitet in einem Behindertenheim und betreut dort die Bewohner.“
„Assistenz ist aber nicht gleich Betreuung, das habe ich dir ja schon so oft erklärt“, entgegnete er.
„Jaja, das weiß ich schon, und das habe ich ihr auch kurz erklärt. Sie meinte dann, dass sie lieber auch so etwas machen würde“, relativierte sie seine Ansage sofort.
Sie erzählte ihm, dass sie ihr diesen Unterschied erklärt hätte. Chrissy wusste aber nicht, ob sie das auch wirklich so erklärt hatte, wie Frankie sich das vielleicht gewünscht hätte. Deshalb bat sie Frankie, diesen Unterschied mit seinen Worten nochmals zu erklären. Frankie freute sich, dass er wieder mal den Erklärbär spielen durfte und sagte:
„Der größte Unterschied zwischen Assistenz und Betreuung ist grundlegend der, dass eine persönliche Assistenz ein aktives Verhalten des Assistenznehmers verlangt. Der Assistenznehmer ist der Auftraggeber und bestimmt wer, wann, wo und vor allem wie jemand ihm hilft. Eine Betreuung hingegen kommt hilfsbedürftigen Menschen zuteil. Meistens ist dafür eine einschlägige Ausbildung notwendig. Ein Extrembeispiel dafür wäre ein Wachkomapatient. Dieser vermag sich gar nicht zu artikulieren, und er braucht jemanden, der ihn fix vorgegeben pflegt, ihm seine Medikamente gibt und so weiter. Dieser muss also ‚betreut‘ werden.“
„Das habe ich ihr zwar nicht genau so erklärt, aber inhaltlich habe ich es so weitergegeben. Ich glaube aber nicht, dass sie mich richtig verstanden hat, denn sie hat nicht wirklich darauf reagiert. Sie meinte aber, dass wir uns vielleicht später beim Spazierengehen sehen“, erzählte Chrissy.
„Da bin ich aber gespannt, ob sie wirklich auf mich wartet!“, sagte Frankie.

Kapitel 2

„Die Liebe ist ein wildes Tier!“

Da es langsam Mittag wurde, machte sich Christina bereit und legte seine Sachen zurecht, damit er mit seinem sich tagtäglich wiederholenden Morgenritual beginnen konnte. Das Aufstehen kostete Frankie jeden Tag fast eine Stunde seiner Zeit. Auch wenn er sich schon daran gewöhnt hatte, wünschte er sich, er könnte so wie jeder andere auch sich selbst in fünf Minuten ankleiden und die Zähne putzen. Oft schickte er nur seine Assistenten mit Funky hinaus. Aber an diesem Tag stand er besser mal auf. Erstens wollte er die Frau, von der Christina erzählt hatte, treffen um herauszufinden, ob sie wirklich potthässlich war. Zweitens war Christina mit Abstand seine schnellste Mitarbeiterin, hatte ihn also oft in dreißig Minuten fix und fertig fürs Frühstück gemacht.
Er malte sich in seiner ausgeprägten Fantasie schon wieder die romantischste Freundschaft aus, die man sich nur vorstellen konnte.
Irgendwann muss ich doch jemanden kennenlernen, der sich um mich kümmert, dachte er sich.
Denn genau darin lag seine größte Schwierigkeit. Es gab viele Menschen, denen er angeblich so immens wichtig war und die ihn ach so lieb hätten. Das sagten sie alle immer zu ihm und stellten ihn damit auf ein Podest, weil er so ein toller und beeindruckender Mensch sei und blablabla … Das war für ihn aber wirklich nur blablabla, denn davon spürte er bis auf wenige Ausnahmen herzlich wenig. In Wahrheit scherten sich die ganzen Leute nicht wirklich um ihn und kamen andauernd immer nur mit ihrer blöden Ausrede, sie hätten so viel zu arbeiten und keine Zeit, um für ihn da zu sein. Das allerblödeste war aber, dass die meisten glaubten, sie würden ihm alle zur Last fallen und sie müssten ihm die nötige Zeit lassen, die er brauche, um mit seiner Behinderung zurechtzukommen. Dabei bemerkten sie aber nicht, dass sie ihn viel zu oft allein ließen.
Sie kamen schon gerne mal wieder zu ihm, aber nur, wenn alles von ihm ausging. Keiner kam wirklich nur aus dem einzigen Grund zu ihm, weil er Frankie gerne sehen wollte, und wenn sie dann doch mal nach Jahren zu ihm kamen, waren es nur reine Gewissensberuhigungsbesuche. Natürlich gab das keiner zu, und alle sagten, wie wichtig er ihnen sei. Manchmal hätte er am liebsten alle Zelte abgebrochen und wäre einfach verschwunden. Nur damit alle das größte schlechte Gewissen aller Zeiten hätten, weil sie Frankie nie besucht hatten. Aber wenn er das ab und zu aussprach, dann hieß es immer:
„Ja, mein Gott, andere haben auch ihr eigenes Leben!“
Na gut, Frankie kümmerte sich dann zeitweise auch ein bisschen zu wenig um seine Freunde und vernachlässigte die Freundschaftspflege. Er meinte dann immer nur, er würde sich eben, aufgrund der Organisation seiner Assistenten oder einfach nur aufgrund seines körperlichen Zustandes, so wahnsinnig schwer tun, für eine angemessene Freundschaftspflege zu sorgen. Das klang für die meisten auch wieder nur wie eine blöde Ausrede. Das mochte schon stimmen! Weil er sich oft so alleingelassen oder fast einsam fühlte, war er manchmal richtig sauer und zog sich zurück, als wäre er ein scheiß Depressiver.
Alle hatten ihr eigenes Leben. Frankie wünschte sich doch nur, er könnte zu diesem Leben dazugehören. Es gab leider nur ganz wenige, die ihn als vollwertigen Menschen betrachteten. Für die meisten war er nur der große, arme Behinderte. Diese stritten das alle ab, vielleicht auch zu Recht, aber dieses Gefühl gaben sie ihm nun mal. Aber Frankie kam damit schon zurecht, da es Gott sei Dank doch wieder einige Ausnahmen gab, die ihm auch zeigten und ihn spüren ließen, dass er ihnen sehr wichtig war, anstatt dies dauernd nur zu behaupten. Manchmal kam es ihm auch so vor, als würden die anderen ihn schonen und nicht mit ihren eigenen Problemen belasten wollen. Aber sie würden ihn durch das Anvertrauen der eigenen Schwierigkeiten doch nur von seiner eigenen Scheiße ablenken. Mit allen seinen vielen Projekten wollte er anderen helfen, und darin lag sein größter Trost.
Frankie sagte oft:
„Der größte Trost für einen Menschen liegt darin, dass er jederzeit über die eigene Schulter nach hinten blicken kann und in der ganzen Schlange hinter sich lauter andere Menschen sieht, denen es noch viel schlechter geht als ihm selbst.“
Schwachsinn, denkst du dir jetzt vielleicht, man sollte doch gar nicht nur darauf achten, wie schlecht es anderen geht, sondern sich besser bewusst machen, wie gut man es eigentlich hat. Das stimmt schon, aber zu sehen, wie schlecht es anderen geht, ist nun mal echt ein großer Trost.
Inzwischen war es zwar fast schon Nachmittag, aber Frankie war wie so oft gerade mal mit dem Frühstück fertig. Er begann damit, Funky so richtig aufs Spazierengehen scharf zu machen, indem er ihn andauernd rief. Funky hüpfte wie irre durch die ganze Wohnung und bellte lautstark. Nachdem Christina noch einen kurzen Einkaufszettel geschrieben hatte, ging es endlich los.
Oft ging – haha, fuhr – er ohnehin nur eine kleine Runde spazieren und anschließend in ein Kaffeehaus. Da es ihm heute ausnahmsweise mal relativ gut ging, beschloss er, eine größere Route einzulegen, um Funky einen anständigen Auslauf zu bieten, in der Hoffnung, der wäre dann so müde, dass er eher schlafen und Frankie etwas Ruhe gönnen würde. Nach einem kurzen Stück quer durch die Stadt, bei dem Funky wieder alle entgegenkommenden Hunde anbellte, hielten sie auf einen größeren, breiten Spazierweg zu. In Frankie stieg die Hoffnung auf, dort die besagte Frau zu treffen. Zwischendurch fragte er Chrissy, wie sie überhaupt hieß. Aber Chrissy meinte, dass sie das nicht gesagt hätte.
Frankie sagte:
„Okay, bis ich sie gefragt habe, nennen wir sie einfach ‚Die Frau‘.“
Als sie zu einer größeren Wiese kamen, wo er Funky von der Leine lassen konnte, sagte Chrissy:
„Tatsächlich! Da ist sie, als hätte sie auf dich gewartet.“
Frankie schaute in die Richtung, in die Chrissy zeigte, und sah dort eine Frau, die auf ihn zukam.
„Verdammt noch mal, Chrissy, ich habe es ja gewusst! Von wegen potthässlich! Die sieht ja sogar verdammt gut aus.“
Frankie war zwar nicht rein optisch veranlagt, ihm war ein guter Charakter oft viel wichtiger, aber wenn man eine Frau zum allerersten Mal traf, wusste man ja noch gar nichts über ihren Charakter, und deshalb war es eben erst mal nur relevant, wie sie aussah. Und diese Frau entsprach voll und ganz seinem Geschmack. Sehr viele Männer fahren nur auf Blondinen ab, Frankie aber wehrte sich dagegen, sich diesem allgemeinen Klischee hinzugeben, denn die Frau war dunkelhaarig beziehungsweise, was für Frankie noch ausschlaggebender war, sie hatte kohlschwarzes, langes und glattes Haar. Sie war nicht besonders groß, aber auch nicht wirklich zu klein und hatte zudem eine extrem scharfe Figur. Genau genommen hatte sie sehr gute, wohlgeformte Argumente und zwar gleich zwei davon.
Es geht mir zwar nicht nur darum, dachte er sich,aber rein optisch zählt diese Frau zur Champions League.
Außerdem trug sie eine Brille. Für Frankie zeugte eine Brille von Selbstbewusstsein, und er mochte Frauen, die ihre Brille mit Stolz trugen.
Na hoffentlich ist sie auch so nett, wie sie aussieht, dachte er.
„Hallo!“, sagte sie, „Ich habe ja gewusst, dass du noch mal kommen wirst. Ich habe dich hier schon öfter gesehen.“
„Ich sehe dich zum ersten Mal“, antwortete er, „und das ist eigentlich komisch, denn so hübsche Frauen merke ich mir normalerweise immer.“
„Oh, Dankeschön“, sagte sie, und Frankie war sofort stolz, wieder mal ein Kompliment an der genau richtigen Stelle angebracht zu haben. Man sagte ja auch immer, es sei gut, ein Gespräch mit einer Frau mit einem Kompliment zu beginnen.
Ihr Name war Julia, und sie gefiel ihm auf Anhieb sehr. Erst dachte er sich, sie wäre eine 25-jährige scharfe Braut, die nur scharf wäre, aber ein bisschen unerfahren. Sie erzählte ihm dann aber, sie sei doch schon Mitte dreißig. Und mit diesem Alter war sie zwar noch sehr jung, aber eben doch schon sehr lebenserfahren. Und das machte ihn total neugierig auf diese Frau.
Sie sagte, sie würde ihn gerne mal in seiner Wohnung besuchen kommen, damit sie sich besser kennenlernen könnten. Frankie dachte:
Wow, Julia gibt aber ganz schön Gas. Da lernen wir uns gerade mal kennen, und dann will sie mich gleich besuchen kommen?
Schon nach zehn Minuten wurde er aber wieder etwas müde, und weil er auch schon Hunger bekam, wollte er sich auf den Heimweg machen. Deshalb rief er ganz laut „Hier!“, worauf Funky direkt auf ihn zu rannte, den Rollstuhl umkurvte und sich rechts neben ihm hinsetzte, so wie Frankie es ihm in der Hundeschule beigebracht hatte. Bevor sie sich auf den Rückweg machten, fiel ihm noch ein, dass er Julia gar keine Adresse von sich gegeben hatte. Er gab ihr noch schnell seine Visitenkarte, war aber etwas verwundert, warum sie ihn noch gar nicht danach gefragt hatte. Wie zum Teufel hätte sie ihn überhaupt finden wollen?
Auf dem Heimweg dachte er sich aber, dass Julia – wie es bei ihm sehr oft der Fall war – wieder einmal nur leere Versprechen abgegeben hatte und aus einem Besuch ohnehin nichts werden würde. Denn das ganze Treffen war schon etwas mysteriös, und er beschloss, diese neue Bekanntschaft mit großer Vorsicht zu genießen.
Frankie hatte seinem Rollstuhl einen Namen gegeben, einfach nur deshalb, weil er ihn nicht als einen Gebrauchsgegenstand betrachtete, sondern als einen weiteren Körperteil von ihm. Er sah ihn sogar wie eine eigene Person. Sein Rollstuhl hieß Larry und war von ihm nach einer Hauptfigur aus einer Computerspielreihe der Achtzigerjahre benannt. Das Computerspiel hieß Leisure Suit Larry, und die Hauptfigur hieß Larry Laffer. Mr. Laffer war ein Möchtegern-Gigolo, der aber von allen Frauen, bei denen er es versuchte, eine Abfuhr erhielt. Frankie dachte:
Das passt genau, denn so geht’s mir auch und zwar wegen des Rollstuhls.
Dass Frankie aber immer nur eine Abfuhr nach der anderen erhielt, war natürlich schwer übertrieben. Durch den Rollstuhl hatte er zwar etwas schlechtere Karten, aber verwehrt blieben ihm die Erfahrungen mit Frauen nicht und das, obwohl seine Behinderung schon sehr stark ausgeprägt war. Bei den allermeisten Frauen blieb es zwar beim üblichen Gequatsche, von wegen er sei ja so lieb, verständnisvoll, gutaussehend und so weiter und so fort. Nicht nur von Frauen, sondern von allen Menschen in seiner Umgebung wurde er ständig auf ein Podest gehoben, sodass er sich manchmal einbildete, er wäre Superman. Vielleicht wollten andere damit nur sein Ego aufwerten, merkten dabei aber nicht, dass sein Ego sowieso schon irgendwo über den Wolken schwebte. Kein Wunder also, dass er im Endeffekt so ein eingebildeter Egoist geworden war. Aber natürlich hatte auch Frankie, wie alle anderen Menschen auch, einen Partnerschaftswunsch, der in seinem Fall sogar ziemlich stark ausgeprägt war. Es gab sehr viele Menschen, die oft behaupteten, sie würden gar keine Partnerschaft wollen. Aber das war für Frankie mehr oder weniger gelogen, denn was sie damit meinten, war, sie würden keine Partnerschaft oder besser gesagt keine „Beziehung“ brauchen. Das stimmte schon, Frankie „brauchte“ auch keine Beziehung, aber diesen Partnerschaftswunsch zu leugnen, wäre eine große Lüge gewesen, und Frankie log nicht. Partnerschaftswünsche sind urmenschliche Bedürfnisse, und wer diesen Wunsch leugnet, verleugnet damit, ein Mensch zu sein. Das Wort „Beziehung“ war auch nicht unbedingt die richtige Bezeichnung für das, was Frankie sich wünschte, denn eine Beziehung bedeutete, Verpflichtungen zu haben und für die Beziehung zu arbeiten. Aber Frankie glaubte an die Liebe, und er meinte damit die wahre Liebe, denn nur die Liebe konnte stärker sein als seine Behinderung.Logischerweise hatten alle Frauen große Bedenken, eine Partnerschaft mit einem Menschen einzugehen, der eine sehr starke Behinderung hat. Aber wenn es die wahre Liebe ist, dann ist das alles egal, dann würden alle Bedenken weggewaschen.
Komischerweise waren es hauptsächlich Männer, die große Schwierigkeiten hatten, trotz ihrer Behinderung eine glückliche Partnerschaft mit einer nicht behinderten Frau zu führen. Natürlich gab es sehr viele Beispiele für eine gute Partnerschaft zwischen Behinderten und nicht Behinderten. Aber je stärker die jeweilige Behinderung ausgeprägt war, desto minimaler war die Wahrscheinlichkeit, dass diese Partnerschaft gut funktionierte. Frankie glaubte, dass der Grund dafür an der veralteten Unterscheidung zwischen Alpha- und Betamenschen liegt. Männer sollten immer die Alphas sein, aber durch eine starke körperliche Behinderung war dies nicht möglich. Falls du selbst eine Frau bist, wirst du in solchen Ansagen überhaupt nicht mit Frankie übereinstimmen. Frauen behaupteten ja auch immer, sie seien so aufgeschlossen. Aber wie fast immer bewiesen die nackten Zahlen genau das Gegenteil. Frankie hatte sehr viel Kontakt zu anderen Menschen mit Behinderungen aller Art, und deshalb konnte er mit ruhigem Gewissen behaupten, dass es immer die Männer waren, die Probleme hatten, eine Frau zu finden. Während der großen Verliebtheitsphase war vielleicht eine stärkere Behinderung noch irrelevant und wurde vom jeweiligen Partner noch nicht als Problematik gesehen, aber sobald der Alltag kam, wurde die Behinderung zu einem nahezu unlösbaren Problem. Metaphorisch gesehen war es, als würden der behinderte Mann und seine Partnerin vor der Behinderung davonlaufen und sich sogar einen kleinen Vorsprung erarbeiten. Aber der Verfolger war eben doch etwas schneller und kam immer näher. In Frankies Fall drehte er sich metaphorisch gesprochen einfach um und gab der Behinderung eine mit, wenn die Behinderung zum Überholen ansetzte. Dann lag sie kurz am Boden, und er konnte sich wieder einen kleinen Vorsprung erarbeiten. Er war es so gewohnt, dass er dieses Szenario immer wieder wiederholen musste und zwar in immer kürzeren Abständen. Frankie machte das, weil er musste. Eine Partnerin musste dies aber nicht, sie hatte die Wahl. Sie hätte auch einfach davonlaufen können, Frankie konnte das nicht. Er musste jeden Tag mit seiner Behinderung leben, er hatte keine Wahl, die irgendwie in Frage gekommen wäre. Die einzige Möglichkeit, das Weglaufen vor der Behinderung zu beenden, wäre gewesen, stehen zu bleiben, sich hängen zu lassen, sich zu Tode pflegen zu lassen, schwer depressiv zu werden oder gar sich selbst das Leben zu nehmen. Da das alles für Frankie aber keine Möglichkeit darstellte, blieb ihm nichts anderes übrig, als gegen seine Behinderung anzukämpfen. Wahrscheinlich denkst du dir jetzt, dass Frankie ja so ein starker Mensch war.
Frankie würde antworten:
„Okay, super, ich bin ein starker Mensch, das ist echt toll. Aber stark bin ich nur, weil ich stark sein muss!“
Darauf bildete sich Frankie überhaupt nichts ein, denn seiner Meinung nach war jeder Mensch stark, nur wussten die meisten nicht, wie stark sie eigentlich sein könnten, bis sie es mussten.
So war das mit Frankie und den Frauen. Sie liefen also in seinem Fall lieber weg, weil sie den Kampf gar nicht aufnehmen wollten. Außer es wäre gar nicht nur eine Verliebtheit gewesen, sondern echte Liebe.
Frankie machte einen großen Unterschied zwischen Liebe und Verliebt-Sein. Das Verliebt-Sein machte dumm, man tat die blödesten Sachen, die man sonst nie getan hätte. Die Liebe selbst war jedoch etwas sehr Gutes. Verliebt-Sein war oft nur ein sexuelles Begehren nach jemandem, aber Frankie konnte eine Frau wirklich lieben, ohne sie zu küssen oder mit ihr Sex haben zu müssen. Diese große Liebe war Frankie noch nie oder nur zum Teil widerfahren, denn im Endeffekt war immer die Behinderung doch stärker. Wohlgemerkt ging es nicht nur um die Tatsache, dass er im Rollstuhl war. Der Rollstuhl machte ihm weniger Probleme, es war die Art seiner Behinderung, die alles für ihn so schwierig machte. Seine Behinderung war auch oft nur indirekt dafür verantwortlich, dass seine Beziehungen in die Brüche gingen. Zuerst sahen seine Beziehungen immer so wunderbar romantisch aus, aber ganz speziell nach der ersten Verliebtheitsphase wurden er und seine Partnerin von der Behinderung eingeholt. Frankie kam sich manchmal vor, als würde er allein auf einer Bühne stehen und die jeweilige Frau, um die es sich gerade handelte, wäre die einzige Zuschauerin. Die Bühne war rundherum umgeben von lauter Spiegeln. Frankie stand in der Mitte, und in den Spiegelbildern rundherum sah man nur sein Abbild beziehungsweise Darstellungen von ihm. Dort sah man vordergründig aber nur den Rollstuhl und all die Schwierigkeiten, die im Zuge seiner starken Behinderung auftraten, aber nicht ihn selbst.
Frankies Beziehungen überstanden meistens gerade einmal die erste Verliebtheitsphase, die fast immer drei Monate dauerte, und waren dann wieder beendet, sobald der Alltag kam. Bezogen auf das Beispiel mit der Bühne passierte dann Folgendes: Vor Frankie auf der Bühne fuhr eine Wand in die Höhe. Diese Wand symbolisierte seine Behinderung. Die Frau im Publikum konnte ihn dann nicht mehr sehen, zumindest nicht ihn selbst, denn sie sah nur noch die ganzen Abbilder in den Spiegeln. Bisher hatte es noch nie eine Frau gegeben, die auf die glorreiche Idee gekommen wäre, einen Schritt zur Seite zu gehen, damit sie Frankie wiedersehen konnte. Aber irgendwo musste es diese Frau doch geben, er wartete auf sie. Wohlgemerkt er wartete, er suchte sie nicht, denn das hatte er schon viel zu lange probiert. Damit wären wir wieder bei seinem Wunsch. Wünschen durfte man sich alles, selbst wenn man nichts brauchte. Das Ganze war wie in dem alten Shaolin-Prinzip des Nicht-haben-Wollens. Ein Shaolin-Mönch lebte vielleicht in Armut und brauchte nichts, aber deshalb zu glauben, er hätte sich nicht manchmal ein warmes Bett und eine Badewanne gewünscht, war Blödsinn. Auch ein Mönch durfte solche Wünsche haben.
Verliebt war Frankie schon öfter gewesen, nur das brauchte er endgültig nicht mehr. Er hatte sogar ein bisschen Angst davor, sich wieder einmal so blöd zu verlieben. Seiner Ansicht nach machte Verliebtsein nämlich nicht nur blind, es machte geisteskrank.
Obwohl Frankie schon Hunger hatte, waren Christina und er – und ja, natürlich auch Funky – noch über eine Stunde lang unterwegs, vor allem weil er vorhatte, am Abend im Bett zu bleiben. Deshalb wollte er Funky noch genügend Auslauf zukommen lassen, da er seinen Abenddienst nur für sich in Anspruch nehmen wollte. Sie kauften sich noch was für ein spätes Mittagessen, dann war Christina ohnehin schon fast acht Stunden im Dienst und wollte auch mal nach Hause gehen. Frankie legte sich wie jeden Tag, da er ja nicht allein aufbleiben konnte, wieder in sein scheiß Bett, und der Rest des Nachmittages verlief so trostlos und ereignislos wie jeder andere auch. Es war seltsam, Frankie war in gewisser Weise erfolgreich, war relativ viel unterwegs. Er hatte viele Freunde, führte also, im Vergleich zu vielen anderen, ein recht aufregendes Leben, und trotzdem fühlte er sich oft sehr einsam und allein gelassen. Jeder Tag erschien wie eine Kopie einer Kopie einer Kopie, obwohl es eigentlich ja gar nicht so extrem der Fall war, trotzdem hatte er das Gefühl, als wäre es so.
Aber selbst, wenn er sich zum wiederholten Male so alleine fühlte, war immer noch einer für ihn da. Die ganze Welt konnte ihn verlassen, aber einer hielt immer zu ihm: Funky! Und diese Art der Beziehung würde auch auf alle Fälle ewig bestehen, ein Hund ließ sich nach jahrelanger glücklicher Beziehung nicht einfach scheiden und verklagte dich dann auch noch auf eine gehörige Stange Geld. Denn sowas kommt bei Menschen immer wieder vor.
Sein Abenddienst war ein junger Mann, der mittlerweile auch seit über drei Jahren bei ihm arbeitete und ganz genau das Gegenteil von Christina war. Er war nämlich mit Abstand sein langsamster Mitarbeiter. Für jede noch so kleine Tätigkeit benötigte er eine Spur mehr Zeit als andere, und wenn er einen längeren Dienst hatte, summierte sich das natürlich. Aber er erledigte alles sehr gewissenhaft, und Frankie hatte ihn deshalb auch sehr gern. Manchmal war Frankie deswegen etwas genervt, aber im Endeffekt war das schon okay, er mochte ihn ja wirklich. Wie so oft wollte er ihn eigentlich schon um halb zehn nach Hause schicken, aber es dauerte wieder einmal bis halb elf. Die ganze Zeit bis zum Einschlafen musste er an Julia denken. Er erträumte sich bereits eine romantische Beziehung und wünschte sich, dass sie ihrem Versprechen, ihn bald mal besuchen zu kommen, nachkommen würde. Er dachte sich aber, dass das vielleicht nur ein Traum bleiben würde.

Kapitel 3

,,An jedem verdammten Sonntag“

Es vergingen wieder einmal einige ereignislose Tage, an denen Frankie – wie üblich – gerade mal mit Funky spazieren ging, sich aber die restliche Zeit langweilte. Seit Jahren absolvierte er mit Funky immer die gleichen Spazierwege, aber Funky schien das nichts auszumachen. Hauptsache, er bekam jeden Tag seine Bewegung. Nur, weil sie eben immer – oder fast immer – die absolut gleichen Wege spazierten, glaubte Funky, er sei der Großmeister ihrer ganzen Umgebung, der keinen anderen Hund duldete. Obwohl er selbst ziemlich kleinwüchsig war, legte er sich furchtlos sogar mit großen Hunden an. An diesen Tagen war von Julia weit und breit keine Spur, und Frankie vergaß langsam schon wieder, dass er sie überhaupt getroffen hatte.
Na super, dachte er, schon wieder einmal dasselbe. Da habe ich endlich mal eine nette Bekanntschaft gemacht, und dann lässt sie sich nie mehr blicken.
Dienstags hatte immer Max bei Frankie Dienst. Er war der Assistent, der schon am längsten bei ihm arbeitete. Mittlerweile war er zu einem seiner besten Freunde geworden. Er hatte zwar nicht sonderlich viel Zeit für Frankie, trotzdem konnte er manchmal auch privat Zeit mit ihm verbringen. Das kam zwar nicht oft vor, aber diese Zeiten waren extrem wichtig für Frankie, da er dadurch das Gefühl bekam, seine „Freunde“ nicht dauernd bezahlen zu müssen. Nachdem Max für Frankie ein kleines, aber sehr schmackhaftes Mittagessen zubereitet hatte, klingelte es plötzlich an der Wohnungstür.
Die nervigen Idioten von den Zeugen Jehovas sollen mich endlich in Ruhe lassen, mit Religionen habe ich gar nichts am Hut, dachte er.
Max stand auf und ging zur Tür, um nachzusehen, wer da war. Frankie konnte nicht zur Tür sehen, hörte aber eine Frauenstimme. Wie so oft wenn eine hübsche Frau vor ihm stand, verschlug es Max fast die Sprache. Er sagte nichts, winkte sie aber herein. Es handelte sich tatsächlich um Julia, und sie sah noch besser aus, als Frankie sie in Erinnerung hatte. Der lange, heiße Sommer war zwar vorbei, trotzdem trug sie ein schmales rotes Sommerkleid mit einem gewagten Ausschnitt.
„Ich dachte schon, du hättest mich nach unserem Treffen gleich wieder vergessen“, waren Frankies erste Worte.
„Ich komme nicht aus dieser Stadt und war nur ein paar Tage zu Hause, um meine Eltern zu besuchen, aber ich konnte es kaum erwarten, wiederzukommen, da ich dich unbedingt kennenlernen möchte“, antwortete sie.
Schon nach den ersten paar Sätzen, die sie miteinander gesprochen hatten, sagte sie:
„Ich muss sagen, dass ich dich hier in deiner Wohnung sehr viel besser verstehen kann als bei unserem ersten Treffen.“
„Das liegt daran, dass es hier überhaupt keine Nebengeräusche gibt“, antwortete er, „dadurch funktionieren meine Hörgeräte viel besser. Und dadurch kann ich dich nicht nur besser hören, ich kann auch deutlicher sprechen, da ich meine eigene Stimme besser hören kann.“
Eine Begleiterscheinung seiner Behinderung waren gröbere Verständnisprobleme, die in den letzten Jahren durch die sehr weit fortgeschrittene Krankheit zu einem massiven Problem geworden waren. Er hatte die meiste Zeit überhaupt kein Wort mehr verstanden, weil er nur noch im Tieftonbereich hören konnte. In den vergangenen Jahren war er sich deswegen richtiggehend blöd vorgekommen. Alle anderen hatten schon gedacht, er wäre ein kleiner, zurückgebliebener, geistig behinderter Idiot, weil er die meiste Zeit nichts mehr mitbekommen hatte und zudem kein Mensch ihn mehr verstehen konnte. Er hatte sehr lange versucht, sich mit herkömmlichen Hörgeräten zu behelfen, die aber allesamt nur die akustischen Signale verstärkten. Das hatte ihm nicht viel geholfen, da er nach wie vor nichts verstehen konnte. Alle, vor allem auch seine Assistenten, mussten ihn anschreien, in der Hoffnung, er würde sie dann besser verstehen. Genau das Gegenteil war der Fall, je lauter man mit ihm sprach, desto weniger konnte er verstehen. Er hatte sich wie Beethoven gefühlt, aber von der Möglichkeit, die sich dann für ihn aufgetan hatte, konnte der alte Ludwig van nur träumen. Er war, weil er sich einbildete, wieder mal neue Hörgeräte ausprobieren zu müssen, bei seiner Akustikerin gewesen, um zum wiederholten Male einen Verständnistest zu absolvieren. Er war bei diesem Test so grottenschlecht gewesen, dass sogar sein Assistent, der meterweit von ihm entfernt gesessen war, die ihm eingespielten Wörter richtig verstehen konnte, obwohl Frankie Kopfhörer aufgesetzt hatte. Frankie hatte im Büro der Akustikerin ein Plakat einer Hörgerätefirma gesehen, auf dem eine relativ neue Methode für ein besseres Hörvermögen angepriesen wurde. Es handelte sich nicht um schallverstärkende Hörgeräte, sondern um operative Eingriffe am Ohr. Dabei wurde der Hörnerv, der in der Hörschnecke – der sogenannten Cochlea – liegt, direkt mittels elektrischer Impulse stimuliert. Man nannte das Cochlea-Implantat oder kurz CI.
Das ist es, dachte er, so was will ich haben. Kopf durch die Wand!
Seine Akustikerin hatte ihm zuerst davon abgeraten und gemeint, dass solche Implantate meistens Menschen gesetzt wurden, die eigentlich schon fast taub waren, dennoch einen funktionstüchtigen Hörnerv besaßen. Frankie jedoch würde noch viel zu gut dafür hören. Aber wie Frankie nun mal so war, hatte er nicht lockergelassen. Wenn er etwas haben wollte, auch wenn es sich nur um eine Einbildung handelte, dann zog er diese Ideen auch durch. Und zwar so schnell wie möglich, denn Geduld war absolut nicht seine Stärke. Die Akustikerin hatte ihn gleich zum Oberarzt der Ohrenklinik des größten Krankenhauses der Stadt verwiesen. Dann ging zum Glück alles wahnsinnig schnell. Nicht einmal zwei Monate später hatte er seinen ersten Operationstermin. Diese CI-Operationen waren zwar schon zu Routineoperationen geworden, trotzdem war es eine relativ komplizierte und aufwendige Operation in Gehirnnähe. Das ganze Ohr wurde freigelegt, und in den Schädelknochen wurden Vertiefungen für das Implantat gefräst. In die Cochlea wurde dann ein Loch gebohrt, in welches ein Elektrodendraht eingeführt wurde, der den darin liegenden Hörnerv direkt stimulierte. Außen am Ohr hatte man jedoch ein Hörgerät mit einem Hochpräzisionsmikrofon. Im Prozessor des Hörgerätes wurden diese Mikrofonaufnahmen digitalisiert, gefiltert und in elektrische Impulse umgewandelt. Diese Impulse wurden dann über Induktion auf das Implantat übertragen, welches schließlich die Impulse an die Elektrode weiterleitete. So weit die kurze, einfache Erklärung, und du wirst dir jetzt denken: Wow, das klingt echt genial.
Und das ist es auch! Auch Frankie konnte schnell feststellen, dass die scheiß Dinger tatsächlich funktionierten. Erst hatte er sich gedacht, alles würde komplett anders klingen. Deshalb hatte er sich darauf eingestellt, nur noch Roboterstimmen zu hören. Zu seiner großen Überraschung konnte man mit diesen Implantaten aber in ganz normaler Klangqualität hören und zwar sogar besser als normal. Zum Beispiel war die Filterung dieser Implantate so verdammt gut, dass etwa bei Regen das laute Regenprasseln zur Gänze gedimmt wurde, sobald jemand mit ihm sprach. Er hatte es damals kaum erwarten können, endlich auf dem Operationstisch zu liegen, und kurz bevor ihm sein Chirurg die Narkosespritze verabreichte, sagte er zu ihm:
„Ich bin bereit! Bereit für meine Wiedergeburt!“
Und genau so war es dann auch passiert. Schon als er dieses eine Hörgerät – die zweite Operation hatte er erst ein Jahr später, da nie beide Ohren gleichzeitig operiert wurden – zum ersten Mal eingeschaltet hatte, war er unendlich begeistert davon gewesen. Er hatte in seinem Leben schon so vieles ausprobiert, verschiedenste Mediziner, Medikamente oder Therapien aller Art, aber nichts davon hatte, bezogen auf seinen Krankheitszustand, eine einschneidende Verbesserung gebracht. Ganz anders war es mit diesen Implantaten, die hatten von Anfang an eingeschlagen wie die Bombe der Enola Gay auf Hiroshima. Er musste seinen Zustand akzeptieren und dies wurde ihm zum ersten Mal bewusst, als er realisierte, dass er eine Behinderung hatte.
Er war 13 Jahre alt, als er zum allerletzten Mal zum Skilaufen gehen wollte. Er wusste damals nicht, dass es wirklich sein letztes Mal sein würde. Das Skilaufen war in seiner Kindheit seine größte Passion gewesen und nicht nur das, sondern er war wirklich gut darin. In seinem Sportverein hatte er damals als eine Nachwuchshoffnung gegolten, obwohl er es in Wahrheit überhaupt nicht gekonnt hatte. Zumindest hatte es furchtbar ausgesehen. Schon sehr früh hatte er sehr dünne Beine gehabt, konnte nur sehr unsicher stehen und hatte auch kaum Kraft in seinen Beinen. Er hatte deshalb nie gerade auf den Skiern stehen können, sondern war ständig in extremer Rückenlage gefahren. Das hatte natürlich seltsam ausgesehen, und andere Kinder hatten ihn deswegen oft ausgelacht. Aber er war schnell gewesen, schneller als die meisten anderen, und keiner hatte sich erklären können, warum. Er hatte in seiner Kindheit sehr oft an Wettbewerben teilgenommen und viele davon sogar gewonnen.
Eine seiner Lieblingserinnerungen war der Tag, an dem er an den Schülermeisterschaften teilgenommen hatte. Er war dort in seinem weiten billigen Overall mit gewöhnlichen Skiern, herkömmlichen Skischuhen und seiner knallroten Mütze aufgetaucht. Die anderen Teilnehmer waren alle mit hautengen Rennanzügen, den besten Schuhen und Helmen gekommen. Aber er hatte alle hinter sich gelassen. Zuerst hatten sie ihn fast ausgelacht, und dann war es allen peinlich gewesen, weil sie verloren hatten, und am Ende war Frankie der Einzige, der lachte. Erst viel später hatte er eine Theorie entwickelt, die vielleicht erklären konnte, warum er so schnell gewesen war. Durch seine ständige Rückenlage hatte er ganz automatisch so richtig den Schwung aus jeder Kurve mitnehmen können. Ein Fahrstil, der auch bei allen professionellen Skirennläufern zu erkennen war. Stundenlang hatte er vor dem Fernseher verbracht, um jeden Wettbewerb bei Olympia oder im Skiweltcup zu verfolgen. Er hatte davon geträumt, eine Ausbildung zu einem Profi-Skirennläufer zu absolvieren und zwar in einem Land, aus dem die besten Profis kamen.
Damals hatte er natürlich schon gemerkt, dass mit seinem Körper irgendwas nicht stimmte. Er hatte sich aber immer noch für den besten Skiläufer der Welt gehalten. Im Sommer vor diesem gewissen Tag hatte sich seine Krankheit so stark ausgeprägt, dass er es eigentlich schon gar nicht mehr konnte. Das war ihm allerdings nicht wirklich bewusst. Natürlich hatten alle auf ihn eingeredet, vor allem auch seine Eltern, dass er das Ganze jetzt vergessen und endlich an den Nagel hängen sollte. Aber er hatte darauf bestanden, noch einmal zum Skilaufen zu gehen. Er war mit seinem Onkel zur Skistation gefahren, denn seine Eltern hatten natürlich zu arbeiten. Auch seine Tante und zwei seiner Cousins waren dabei gewesen. Voller Vorfreude hatte er die Fahrt dorthin an diesem wunderschönen Sonnentag genossen und konnte es kaum erwarten, die Skipiste unsicher zu machen. Rückblickend konnte er behaupten, dass er die Skipiste im wahrsten Sinne des Wortes unsicher gemacht hatte. Zuerst war alles ganz normal gelaufen, er hatte seine Skier zur Warteschlange des Liftes getragen und hatte damit keine Probleme, da seine Schwierigkeit, das Gleichgewicht zu halten, durch die schweren Skischuhe kompensiert wurde. Wie immer hatte er sich zu Tode geärgert, weil man bei solchen Skiliften immer so lange anstehen musste. Nach einer halben Stunde war es endlich so weit, er war in der Schlange ganz vorne, um endlich die Piste zu erobern. Aber langsam bekam er ein Gefühl der Beklommenheit, weil ihm klar wurde, dass er schon die Jahre zuvor große Schwierigkeiten gehabt hatte, den Bügel des Skiliftes zu erwischen. Er wünschte sich, er hätte doch für diesen Ausflug eine andere Destination mit Sessellift gewählt. Seine Befürchtungen bewahrheiteten sich. Er hatte den Bügel nicht richtig erwischt und war gleich wieder zu Boden gefallen. Alle, die das sahen, hatten gelacht. Später hatte er das sogar verstehen können, da diese Szenerie nach Slapstick ausgesehen haben musste. Nachdem er das kurze Stück, welches bereits bewältigt war, wieder zurückgerutscht war und sich dabei vor lauter Peinlichkeit selbst am liebsten in den Schnee eingegraben hätte, hatte er einen seiner Cousins gebeten, mit ihm hinauf zu fahren und ihm ein bisschen behilflich zu sein. Die Fahrt nach oben hatte sich als sehr schwierig erwiesen und die größte Konzentration von ihm verlangt. Die größte Schwierigkeit hatte darin bestanden, seine Skier immer in den Spuren zu halten, denn es gab Stellen auf dem Weg nach oben, an denen keine tieferen Spuren vorhanden waren. Trotzdem hatte er die Skier gerade halten müssen, sonst wäre er umgefallen. Endlich oben angekommen, hatte er sich zuerst einmal gleich in den Schnee geworfen, um sich ein paar Minuten von dieser Anstrengung auszuruhen.
Während er dort im Schnee gelegen hatte und die warme Sonne ihm ins Gesicht schien, war er „noch“ nicht trübselig geworden, sondern hatte sich nur gedacht:
Ach verdammt, jetzt bin ich in zwei Minuten wieder ganz unten und dann geht die ganze Tortur wieder von vorne los.
Fünf Minuten hatte er dort gelegen, langsam hatten sich seine Beine wieder erholt und er hatte erneut begonnen, sich auf die bevorstehende Fahrt nach unten zu freuen. Er war wieder aufgestanden, hatte seine nagelneue, topmoderne Marken-Skibrille zurechtgerückt und war losgefahren. Vorher hatte er beschlossen, nicht wie früher immer den ganzen Hang in Schussfahrt zu absolvieren, sondern besser erst mal nur ganz langsam im Zickzack hinunterzurutschen. Das hatte er für eine gute Idee gehalten. Anfangs war das Ganze auch gut gegangen, aber langsam hatte er sich der Pistenbegrenzung genähert und gedacht:
Scheiße, jetzt muss ich dann aber langsam mal einen Schwung machen, sonst knall ich in den Baum da vorne.
Also hatte er einen seiner Skistöcke, wie es beim Skilaufen so üblich war, in den Schnee gesetzt, hatte den Innenski gelockert und auf die Kante des Außenskis gedrückt. Genau so, wie man es sogar in Anfängerskikursen lernte. Aber es war schiefgegangen. Er hatte sich verkantet und war sanft in den Schnee gestürzt.
Naja, hatte er sich gedacht, bin doch nur ein bisschen umgefallen, nicht so schlimm.
Langsam hatte er etwas Angst bekommen, ob er überhaupt noch die Fähigkeit besaß, Ski zu laufen. Aber da er Frankie war und Frankie nie schnell aufgab, war er sofort wieder aufgestanden und in die andere Richtung weitergefahren. Das Geradeausfahren war nicht so das große Problem gewesen, aber bei jedem Schwung hatte er im Schnee gelegen. Da er beim Geradeausfahren jedoch ein bisschen schneller geworden war, war er dabei nicht mehr sanft in den Schnee gefallen, sondern immer mehr mit dem Gesicht voraus zu Boden geknallt. Einmal erwischte er dabei sogar eine ziemlich harte Eisplatte, auf der er sich seine Nase blutig schlug. Nach dem vierten Sturz waren ihm langsam die Tränen gekommen, weil ihm das Skilaufen nicht mehr so viel Spaß machte wie früher. In der Mitte der Skipiste hatten die Kinder, die immer da waren, eine Schanze gebaut, die ihnen allen riesigen Spaß machte. Frankie hatte sich an die Zeiten erinnert, an denen er weit über die Schanze hinweg gesprungen war und zwar weiter als die meisten anderen. Er war aber zu dem Schluss gekommen, dass es an diesem Tag nicht so eine kluge Idee wäre, einen Sprung zu riskieren. Schon immer war Frankie ein Freund der Risikobereitschaft gewesen, oder um es vulgär auszudrücken: Er hatte Eier. Sehr oft hatte er, zur Belustigung seiner Beobachter, die wildesten Stürze fabriziert, einfach nur so zum Spaß. Dabei hatte er sich aber fast nie weh getan.
Diese Simulationsversuche hatte er oft auch bei Skirennen gemacht, aber nur, wenn er das Gefühl hatte, dass es keine Chance mehr gab, dieses Rennen zu gewinnen. Im Jahr vor diesem Tag hatte er an einem Rennen auf einer ganz anderen Piste teilgenommen und hatte schon auf der Hälfte dieses Hanges gemerkt, dass er wahrscheinlich 30 Sekunden zurücklag, weil er zuvor schon zu viele Fehler gemacht hatte. Um der Peinlichkeit des großen Rückstandes zu entgehen, war er nach einem sehr steilen Streckenstück direkt auf eines der nächsten Tore zugefahren und schmerzhaft mit der Schulter an die Stange geknallt. Beim darauffolgenden Sprung hatte er einen spektakulären Sturz fabriziert. Damals hatte es noch keine Kippstangen gegeben, sondern sie bestanden aus einfachem Holz. Ein Raunen war durch die wenigen Zuschauer gegangen, und sogar die Streckenposten waren zu ihm gekommen, um nachzusehen, ob er sich verletzt hatte. Und das hatte er auch, wochenlang hatte ihm die Schulter wehgetan. Aber er hatte sagen können, dass er nicht verloren hatte, weil er zu langsam gewesen war, sondern weil er gestürzt war.
Diese Rennen hatten immer an einem Sonntag stattgefunden. Jahre später gab es einen Kinofilm, in dem Al Pacino einen Footballtrainer spielte. Ein Zitat aus diesem Film trifft den Nagel auf den Kopf. Al Pacino sagte immer zu seiner Mannschaft:
„An jedem verdammten Sonntag geht es nicht darum, ob du gewinnst oder verlierst, sondern darum, ob du gewinnst oder verlierst wie ein Mann.“
Aber das nur am Rande.
Diesmal allerdings wäre die Verletzungsgefahr vielleicht doch etwas zu hoch gewesen. Langsam hatte die Kraft in seinen Beinen nachgelassen, und zwar so stark, dass er sie schon gar nicht mehr spüren konnte. Trotzdem hatte er sich weiter gemüht. Er hatte seine Skibrille bereits auf der Hälfte der Piste weggeworfen, weil er mit dem scheiß Ding sowieso nichts mehr sehen konnte, da seine Augen tränenüberflutet waren. Am Ende der Skipiste gab es noch einen letzten, steilen Abhang und er bekam langsam, obwohl dieser Abhang noch ein Stück weit entfernt gelegen war, richtig Angst, dass er dieses Stück nicht mehr schaffen würde. Er war sogar etwas traurig geworden. Als er sich besagtem Abhang genähert hatte, stürzte er wieder zu Boden, obwohl er eigentlich geradeaus gefahren war. Seine Kraft hatte ihn verlassen. Dort hatte er nun gelegen, auf dem Rücken, mit gespreizten Beinen und die Skispitzen in die Höhe haltend. Er hatte diesen letzten Abhang hinunter zur Skistation gesehen und war richtig schwermütig geworden. Er hatte den anderen Skiläufern zugesehen. Vor allem hatte er jene Jugendlichen beobachtet, die dort mit Vollspeed hinab brausten und nur Wert darauf legten, möglichst cool auszusehen. Er hatte sich gedacht:
Hoffentlich werde ich in meinem späteren Leben keiner dieser postpubertären Vollidioten.