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Das Deutsche Reich zur Stauferzeit im 12. Jahrhundert. Hannah, die Tochter eines Wegelagerers, verliebt sich in den gemeinsam mit ihr aufgewachsenen Spielmann Berengar. Altersunterschied und Herkunft sind dabei nicht die einzigen Schwierigkeiten, die ihnen begegnen. Graf Markwart, von Hannahs Vater um einen besonderen Schatz beraubt, sinnt auf Rache. Auf ihrem Weg treffen sie auf Persönlichkeiten wie Kaiser Friedrich Barbarossa und Hildegard von Bingen. Ein Ring und ein Oud spielen auf ihrer Reise eine große Rolle und führen dazu, dass sich die Wege der Protagonisten immer wieder kreuzen…
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Seitenzahl: 917
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Buch
Das Deutsche Reich zur Stauferzeit im 12. Jahrhundert. Der historische Roman „Die Reise des Oud“ handelt von der Liebe Hannahs, Tochter eines Wegelagerers, zu dem mit ihr gemeinsam aufgewachsenen Spielmann Berengar. Altersunterschied und Herkunft sind dabei nicht die einzigen Schwierigkeiten, die ihnen begegnen. Graf Markwart, von Hannahs Vater um einen besonderen Schatz beraubt, sinnt auf Rache.
Vollwaise Berengar wächst in einem Hurenhaus auf und freundet sich mit einem Gast aus Byzanz an, der ihn das Oudspiel lehrt. Als es während der Pubertät zu Problemen kommt, wird der Junge in die Obhut des Wegelagerers Theoderich gegeben.
Theoderichs Tochter Hannah verbringt, nachdem ihre Mutter auf einem Raubzug getötet wurde, ihre Kindheit in einer von Männern dominierten Umgebung. Sie verliebt sich in Berengar, der jedoch nicht mehr als brüderliche Zuneigung für sie empfindet.
Graf Markwart von Altena, dessen älterer Bruder zu Friedrich Barbarossas Gefolge zählte, hat nach einem Raubüberfall eine persönliche Rechnung mit Theoderich offen.
Ein Ring und ein Oud spielen dabei eine große Rolle und führen dazu, dass sich die Wege der Protagonisten immer wieder kreuzen …
Autorin
Melanie Schröder wurde 1976 in Pinneberg geboren. Sie absolvierte in Hamburg eine Ausbildung zur Fremdsprachensekretärin, hängte jedoch 2006 ihren Beruf an den Nagel, um sich ganz der Schriftstellerei zu widmen. Sie lebt und arbeitet in Elmshorn. „Die Reise des Oud“ ist ihr erster Roman.
Mehr Informationen finden Sie unter: melanieschroeder-autorin.de
Prolog (1136)
Teil I (Juli/August 1146 – Juni 1147)
Kapitel 1 (Sommer 1146)
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5 (August, Maria Himmelfahrt)
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10 (Ende Oktober 1146)
Kapitel 11 (November/Dezember 1146)
Kapitel 12 (Dezember 1146)
Kapitel 13 (Ende Juni 1147)
Kapitel 14
Kapitel 15
Teil II (1149 – 1151)
Kapitel 16 (1149)
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26 (Juli 1149)
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37 (Sommer 1150)
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Teil III (Februar/März 1152 – Juni/Juli 1152)
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45 (Ende Mai/Anfang Juni 1152)
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51 (Juli 1152)
Teil IV (August 1160 – 1185)
Kapitel 52 (August 1160)
Kapitel 53 (Mailand, Ende August)
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Kapitel 65 (November/Dezember 1160)
Kapitel 66
Kapitel 67
Kapitel 68
Kapitel 69 (Mai 1161)
Kapitel 70
Kapitel 71
Kapitel 72
Kapitel 73
Kapitel 74 (Juli/August 1161)
Kapitel 75
Kapitel 76 (März 1162)
Kapitel 77 (August/September 1162)
Kapitel 78 (Oktober 1162)
Kapitel 79 (Herbst 1162)
Kapitel 80 (Sommer 1166)
Kapitel 81 (Juli 1166)
Kapitel 82 (Ende August/Anfang September 1166)
Kapitel 83 (Mitte Oktober 1166)
Kapitel 84
Kapitel 85
Kapitel 86 (Jahreswechsel 1166/1167)
Kapitel 87 (Juli 1167)
Kapitel 88 (Anfang August 1167)
Kapitel 89
Kapitel 90 (kurz vor dem 6. August 1167)
Kapitel 91 (nach dem 19. August 1167)
Kapitel 92
Kapitel 93
Kapitel 94 (Ende September 1167, Italien)
Kapitel 95 (Ende1167/Anfang 1168)
Kapitel 96 (Februar/März 1168)
Kapitel 97
Kapitel 98 (April 1168)
Kapitel 99 (April 1168)
Kapitel 100 (20./21. Mai 1184)
Kapitel 101 (Juni 1184)
Kapitel 102 (Mitte/Ende September 1184)
Kapitel 103 (November 1184)
Kapitel 104 (Mitte/Ende September 1185)
Teil V (1189 – 1190)
Kapitel 105 (11. Mai 1189)
Kapitel 106 (Mitte Juni 1189)
Kapitel 107 (Mitte August 1189)
Kapitel 108 (22. – 28.3.1190)
Kapitel 109
Kapitel 110
Kapitel 111
Kapitel 112
Kapitel 113
Kapitel 114 (Ende Mai/Anfang Juni 1190)
Kapitel 115
Kapitel 116
Kapitel 117
Epilog
Anmerkungen/Hinweise
Danksagung
Sie strampelte die Decke von sich, nur um kurz darauf wieder nach ihr zu angeln und erneut ihren frierenden Leib zu bedecken. In Stößen verließ der Atem ihren Körper, als hätte sie etwas Schweres getragen. Der Junge lag wimmernd neben ihr, ein kleines Häufchen, kaum eine Woche alt. Ihr fehlte die Kraft. Aber woher sollte sie das Geld für eine Amme nehmen? Nein, sie musste für ihr Kind da sein.
Die Frau setzte sich auf, jede Bewegung unendlich erschwert durch ihren rasselnden Atem. Sie stützte Berengars Köpfchen mit einer Hand, während sie ihn an ihre Brust hob. Nicht ihr erstes Kind. Aber das einzige, das es so weit geschafft hatte. Sie würde nicht zulassen, dass es ihr wieder genommen wurde. Sie beugte sich hinunter und küsste den schwarzen Schopf. Berengar hörte auf zu wimmern, als sein Mund die Milchquelle fand. Mit hastigen Bewegungen saugte er. Als wüsste er instinktiv, dass davon sein Leben abhing. Barbara schloss die Augen und ließ ihren Kopf zurücksinken. Mit dem Säugling an der Brust schlief sie ein.
Die Kammertür wurde aufgestoßen. „Bist du schwerhörig?“, brüllte Raoul und versuchte, das weinende Kind zu übertönen. Von der Mutter, die auf der gezimmerten Schlafstatt mit der Strohmatte lag, kam keine Antwort.
„Sieh nach, ob du sie wecken kannst“, schickte er Rosalind vor und folgte mit den anderen Mädchen, die sich hinter ihm zusammendrängten. Das Kind lag in der Armbeuge der Mutter, hatte die Fäuste geballt und schrie ihnen seinen Kummer entgegen. Doch Rosalinds Bemühungen, Barbara zu wecken, blieben erfolglos. Raoul kniete sich neben die beiden Frauen und berührte den Arm der Schlafenden. Er war kalt und starr.
„Geht hinaus“, sagte Raoul.
Die Mädchen huschten gehorsam aus der Kammer, jedoch nicht, ohne miteinander zu tuscheln.
„Du nicht, Rosalind. Bleib beim Jungen, während ich den Medicus hole.“
Rosalind gehorchte und hob das immer noch brüllende Kind hoch. Sie drückte es an sich, während sie es sachte hin- und herwiegte.
Raoul betrachtete die beiden. „So etwas hat mir gerade noch gefehlt“, brummte er und folgte den anderen Mädchen aus der Kammer.
Bitte hört mich an“, sagte Theoderich. Doch der Meister fiel ihm ins Wort.
„Du hattest das Beil zuletzt. Ich gab dir Zeit, es über Nacht herbeizuschaffen“, sagte er und wies auf die leere Holzbank vor sich. „Diebe wie dich kann ich nicht brauchen. Scher dich fort!“
„Und mein Lohn?“
„Du wagst es ...!“, Meister Ruperts Gesicht nahm die Farbe eines reifen Apfels an. „Aus meinen Augen! Sei froh, dass ich nicht den Büttel hole.“
Theoderichs Hände ballten und entspannten sich abwechselnd. Er stand unschlüssig im Raum. Schließlich stürmte er zur Tür und riss sie auf. Doch bevor er die kleine Hütte verließ, drehte er sich noch einmal um. „Ihr werdet schon sehen, was Ihr davon habt. Mit diesem Tunichtgut von einem Lehrjungen.“ Theoderich wies auf den sich in der Ecke herumdrückenden Wulfric. „Kann nicht einmal einen Nussbaum von einer Kiefer unterscheiden.“
Wulfric zuckte zusammen, als die Tür hinter Theoderich zuschlug. Meister Rupert blickte seinem davonstürmenden Gesellen nach. „Ein Jammer“, murmelte er, „seine Arbeiten waren ausgezeichnet.“ Dann wandte er sich an Wulfric. „Geh und hol das Beil aus dem Kaminschacht.“ Wulfric sah zur Tür und zögerte.
„Glaub mir, so ist es besser“, sagte der Meister. „Sein Starrsinn und Jähzorn hätten uns früher oder später nur Unglück beschert.“
Wulfric nickte und machte sich an die Arbeit.
*
Berengar saß am Flüsschen an einen Baum gelehnt und kühlte seine Beine im Wasser. Er blinzelte in den wolkenlosen Himmel. Die Sonne hatte fast ihren höchsten Punkt erreicht. Berengar kontrollierte seine Angel. Als er loszog, hatte Rosalind ihn beneidet, dass er einfach tun konnte, wonach ihm der Sinn stand. Arme Rosalind! Wenn er sich vorstellte, für Raoul arbeiten zu müssen. Noch dazu in dieser Hitze. Zum Trost würde Berengar ihr einen wunderschönen Fisch zum Abendbrot fangen. Den größten!
Berengar reckte sich. Was gab es Schöneres, als im schützenden Schatten zu warten, bis ein Fisch anbiss? Kein Raoul, der ihn aufzog oder verjagte, weil er dessen Geschäfte störte. Auf einmal spürte Berengar ein sanftes Beben in der Hand. Tatsächlich! Die Weidenrute zitterte, und an ihrem Ende ruckte eine Forelle an der Schnur. Vorsichtig, damit sein kostbarer Fang nicht entwischte, zog Berengar an. Noch ein kleines Stück und der Fisch zappelte auf dem Trockenen. Berengar zögerte. Noch konnte er ihn zurückwerfen. Nein, nicht diesen prächtigen Fang! Berengar griff nach einem armdicken Ast und drehte den Kopf zur Seite, während er mit angehaltenem Atem ausholte und das Holz niedersausen ließ. Aus den Augenwinkeln linste Berengar auf den gelblichen Fisch. Der Körper mit den dunklen Punkten rührte sich nicht mehr. Berengar stieß hörbar die Luft aus, als er mit ausgestrecktem Finger den Fisch berührte. Die Lust am Angeln war ihm vergangen. Dennoch beschloss er, Rosalind ihr Abendessen zu bringen. Er zog ein Tuch unter seiner Kotte hervor, breitete es vor sich aus und legte den Fisch darauf. Dann knüpfte er die beiden gegenüberliegenden Tuchenden zusammen und hängte das Bündel an seine Angelrute. Seinen Fang geschultert beschloss er, den längeren Weg nach Hause zu nehmen. Im schattig kühlen Wald war es angenehmer als auf der staubigen Straße.
*
Theoderich blieb stehen, griff nach seinem Taschentuch und wischte sich damit die Schweißperlen von der Stirn. Seine Gedanken kreisten. Was wird aus uns werden? Ohne Arbeit kein Lohn. Ohne Lohn kein Brot. Ohne Brot … Er blieb stehen und strich sich über den Wanst. Mit ihrem gerundeten Bauch stand Amalia dem seinem in nichts nach. Aber während er gut ein paar Tage auf Nahrung verzichten konnte, brauchte sie jeden Bissen. Für sich und ihr ungeborenes Kind. Und wo würden sie wohnen? Im Dorf konnten sie nicht bleiben. Sein ehemaliger Meister würde dafür sorgen, dass es genug Gerede gab. Außerdem … wenn er ihm entgegen seines Versprechens doch den Büttel auf den Hals hetzte? Was würde dann aus Amalia und dem Kind? Der Gedanke versetzte Theoderich in Eile. Wenn er noch ein bisschen zügiger ausschritt, könnte er mit Amalia noch lange vor der Dämmerung aufbrechen.
*
Berengar hielt inne. Er genoss die stille grüne Dunkelheit, die ihn umgab, den lockeren Waldboden unter seinen nackten Füßen.
Hier würde ich gerne leben, dachte er. Hoch oben in den Baumkronen, wie ein Vogel. Dann könnte ich vor dem Einschlafen die Sterne am Himmel zählen.
Berengar breitete die Arme aus und „flog“ ein paar Runden, bevor er wieder sein Tuchbündel schulterte und auf den Weg hinaustrat. Angelrute und Bündel waren lästig beim Fliegen, weil er damit nur eine Hand frei hatte und so begann er, zu hopsen. Nur noch eine Wegbiegung, dann war er fast zu Hause bei Rosalind. Doch mitten im schönsten Hüpfer stieß ihn etwas von hinten an. Berengar strauchelte. Die Angelrute samt Bündel entglitt ihm, als er den Aufprall mit den Händen abzumildern versuchte. Seine Handflächen und Knie schmerzten vom Sturz. Berengar drängte die Tränen zurück, bevor er sich umdrehte. Sicher hatte eines der Dorfkinder ihn geschubst. Er hatte keine Lust auf einen Kampf. Aber wenn er fortlief, würde man ihm folgen. Die ganze Dorfstraße herunter und ihn einen Feigling nennen. Jeder würde es sehen. Jeder würde es hören. Und wenn sie ihn gar erwischten ... Berengar tastete nach dem Bündel und drehte sich langsam um. Doch es waren keine Jungenaugen, in die er sah. Ein zottiges Gesicht voll graubrauner Haare. Ein Hund! Schlimmer als alle Dorfjungen zusammen! Berengar blickte hastig zur Wegbiegung. Wenn er lief, war es zu schaffen. Ohne Bündel wäre er noch flinker. Aber seinen kostbaren Fang einfach zurücklassen? Berengar packte das verknotete Tuchbündel samt Fisch fester und spurtete los. Die Angel schleifte hinter ihm auf dem Sandboden. Berengar rannte, bis er den Geschmack von Blut im Rachen spürte und er das Gefühl hatte, sein hämmerndes Herz könne jeden Augenblick seine Brust durchstoßen. Aber der Hund mit seinen vier Beinen war einfach schneller. Bald würde er ihn eingeholt haben. Doch da war sie schon, die Wegbiegung! Gleich war er in Sicherheit. Berengar zog an. Doch aus vollem Lauf riss es ihn von den Beinen. Berengar kugelte den Weg herunter. Der Himmel wurde zur Erde, die Erde zum Himmel. Schließlich blieb er benommen auf dem Rücken liegen. Sein Bündel? Wo war es? Und der Hund? Ein wütendes Knurren und Knuffen in seine Rippen zeigte es ihm an. Was Berengar zunächst für einen Sandhügel gehalten hatte, auf dem er mit dem Rücken gelandet war, war das Bündel, und der Hund wollte sich vermutlich erst den Fisch holen und dann Berengar fressen. Hastig rollte er sich auf die Seite und gab so das Bündel frei. Sofort schnappte sich das zottige Tier seine Beute. Es schüttelte sie hin und her und biss darauf herum. Berengar wollte aufstehen und dieser hungrigen Bestie entkommen, doch er konnte nicht. Alles tat ihm weh. Er würde hier sicher sterben und Rosalind nie wiedersehen. Berengar presste sich die Fäuste auf die Augen. Er wollte nicht weinen. Doch wie schwer war es, tapfer zu sein, wenn man ganz alleine war und Angst vor dem Tod hatte.
*
Die Holztür stand weit offen. Als Theoderich – geblendet von der Mittagssonne – mit gebeugtem Kopf das Dunkel betrat, tanzten helle Flecken vor seinen Augen. Er hielt inne, bis er wenigstens die Umrisse der Einrichtung erkennen konnte. Nach nur wenigen Schritten erreichte er das kleine kastenförmige Bett auf der gegenüberliegenden Seite. Theoderich strich über das Holz. Seine Arbeit. Nicht viele Landbewohner hatten so eine Schlafstatt. Erst kürzlich hatte Amalia sein Werk gelobt. Trotz ihres Zustandes bereitete es ihr am Morgen kaum Mühe, sich zu erheben. Wie anders ging es mancher Frau aus dem Dorf, die sich von einem Strohlager am Boden hochrappeln musste. Theoderich lächelte, als er daran dachte, wie Amalia ihre Erzählung mit aufgeblasenen Wangen und rudernden Armen bekräftigt hatte.
Jetzt lag sie jedoch mit links und rechts neben ihrem hügelig gewölbten Bauch ausgestreckten Händen vor ihm. Theoderich tastete nach ihrer Linken. Sie fühlte sich an wie Schnee im Tauwetter.
„Du bist schon zurück?“ Amalias Frage war kaum ein Hauch.
Statt zu antworten, streichelte er seiner Frau über die Stirn, zog jedoch augenblicklich die Hand zurück, als hätte er sich verbrannt. Von der Berührung waren seine Finger heiß und feucht. „Was ist mit dir? Er griff erneut nach Amalias Hand.
„Die Hitze“, sagte Amalia. „Mir war schwindelig.“ Ein Ruck ging durch ihren Oberkörper, als sie versuchte, sich aufzusetzen. Doch Theoderich berührte ihre Schultern und bedeutete ihr, sich wieder hinzulegen. Amalia ließ sich dankbar zurücksinken und schnaufte. „Mach dir keine Sorgen. Zur Abendzeit wird es kühler und ich werde mich wohler fühlen.“
„Und das Kind?“
Amalia nahm seine große Hand und legte sie sich auf den Bauch. Zuerst spürte Theoderich nur groben Flachs, aber dann drückte etwas gegen seine Handfläche. Ein kleiner Stoß. Und noch einer.
„Das macht es schon den ganzen Tag“, sagte Amalia. „Ich glaube, dem Kind ist es auch zu warm da drinnen.“ Sie lächelte. „Aber nun zu dir. Was treibt dich zu dieser Tageszeit nach Hause? Doch nicht die Sorge um deine schwangere Frau?“
Theoderich erhob sich. Während er zur Tür schritt, drehte er sich nicht um und schwieg beharrlich. Amalia drängte nicht. Sie wusste, früher oder später würde er antworten. Also verschränkte sie die Hände auf dem Bauch und horchte in die Stille. Nicht mal ein Vogel war zu hören. Es schien, als machte auch ihnen die Hitze zu schaffen und raubte ihnen die Kraft zum Singen.
„Wir können nicht länger hierbleiben“, murmelte Theoderich schließlich. „Der Meister … Wir müssen fort. Noch heute.“
Amalia stemmte sich aus ihrer Bettstatt und tappte auf Theoderich zu. Als sie hinter ihm stand, presste sie sich an ihn. Theoderich drehte sich um, schlang die Arme um Amalia und vergrub sein Gesicht in ihren Haaren. „Ich habe nichts Unrechtes getan.“
„Ich weiß“, flüsterte Amalia, während sie an seine Brust geschmiegt Theoderichs Worten lauschte. Es brach aus ihm hervor wie Wasser aus einer sprudelnden Quelle. Sie streichelte seinen Rücken. „Du wirst neue Arbeit finden.“
Ihre Zuversicht brachte seinen unruhigen Strom an Worten zum Versiegen.
„Lass uns aufbrechen“, sagte Amalia.
„Aber die Hitze. Unser Kind. Es wird zu beschwerlich für dich“, sagte Theoderich.
„Wenn ich nicht mehr gehen kann, wirst du mich wohl oder übel tragen müssen.“
Theoderich sah sie an. Amalias Gesicht verzog sich. Vorbei war es mit ihrer Beherrschung. Sie warf den Kopf in den Nacken und lachte. Theoderich fiel ein. Beide lachten sie, bis sie nicht mehr konnten und sie den Schrecken einer unsicheren Zukunft aus ihren Gedanken vertrieben hatten.
*
Der Hund hatte es mittlerweile geschafft, den Stoffbeutel aufzubeißen und kaute auf dem schmackhaftem Inhalt herum. Berengar bot seine gesamte Kraft auf, um sich trotz seines schmerzenden Beines, aber ohne die Aufmerksamkeit des Tieres zu erregen, hochzustemmen. Doch bei der kleinsten Bewegung fletschte die Bestie die Zähne. Sofort ließ Berengar sich wieder fallen, und der bohrende Blick ließ von ihm ab.
Vielleicht wenn er sich auf dem Hosenboden und mit Hilfe der Hände Stück für Stück fortschob? Wenn er das Vieh nur für eine Weile von sich ablenken konnte. Hätte ich doch nur mehr als einen Fisch gefangen! Von der Forelle war nur noch die Mittelgräte samt Schwanzstück übrig. Nicht mehr lange, und der Hund hätte auch diesen Bissen zerkaut. Berengar blickte sich um. Plötzlich ging alles ganz schnell. Ein scharfes Zischen. Etwas sauste an seinem Ohr vorbei. Jaulend brach der Hund zur Seite aus. Berengar warf den Kopf herum. Da, im Schatten des Baumes schräg hinter ihm! Eine Hand, die eine Schleuder hielt. Zum Abschuss gespannt.
Auch diesmal traf das Geschoss sein Ziel. Der Hund hatte genug. Jaulend galoppierte er davon, die abgenagten Gräten zurücklassend.
Berengar drehte sich zum Baum um. Nun endlich gab sich sein Retter zu erkennen. Kein Mann, sondern ein schwarzhaariger Junge trottete mit hängenden Armen auf ihn zu, in der rechten Hand eine Schleuder.
„Puh, das war Rettung im letzten Augenblick.“ Berengar ließ die Luft aus aufgeblasenen Wangen entweichen. „Du kannst gut zielen.“
„Ich übe im Wald, damit Mutter es nicht sieht“, flüsterte der Junge.
„Wenn ich ihr erzähle, was du für ein Held bist, erlaubt sie es dir bestimmt.“
Der Junge zuckte die Schultern und hockte sich neben Berengar.
„Du hast dir wehgetan“, sagte der Junge.
Berengar blickte auf seine Knie. Zwischen schwarzbraunem Dreck schimmerte noch nicht ganz getrocknetes Blut. Und sein Fußknöchel hatte sich dunkel verfärbt. Berengar tippte daran, zog aber hastig den Finger zurück. Der Schmerz raubte ihm den Atem und krampfte seinen Magen zusammen. Berengar holte tief Luft und die Übelkeit ließ nach. Den Gedanken ans Aufstehen verschob er vorerst.
„Ich habe dich noch nie im Dorf gesehen“, sagte er stattdessen zu dem fremden Jungen. „Wie heißt du eigentlich?“
„Folcmar.“
Sehr redselig war er nicht. Aber er gefiel Berengar. Schließlich hatte er ihm das Leben gerettet. Berengar reichte dem Jungen die Hand.
„Ich bin Berengar. Seit ich klein bin, wohne ich in dem Haus da drüben mit Rosalind, Raoul und noch anderen Frauen.“
Folcmar schüttelte Berengars Hand. Dann wies er zu dem Hügel mit der Lehmhütte. Sie hatte schon dort gestanden, solange Berengar zurückdenken konnte. Nach jedem Sturm war er hingelaufen, um nachzusehen, ob es dem Wind diesmal gelungen war, ihre Einzelteile auf dem Hügel zu verstreuen.
„Da wohne ich jetzt. Mit Vater, Mutter, Großvater und meinen Geschwistern.“
Berengar kratzte sich am Kopf. Ganz schön viele Leute für so eine kleine Hütte. Berengar dachte an seine eigene Kammer unter dem Dach. Es war zwar eng dort, aber er musste seinen Schlafplatz nicht mit anderen teilen.
Doch er wurde jäh aus seinen Gedanken gerissen, als Folcmar nach seinem Arm griff und ihn sich um seine Schultern legte.
„Was machst du?“, fragte Berengar.
„Hochhelfen. Dich nach Hause bringen.“
Woher hatte der schmale Junge so viel Kraft? Berengar spürte, wie er ohne sein Zutun auf die Beine gehoben wurde. Er stütze sich auf Folcmar und sah ihn an. Dessen helle Wangen waren jetzt mit rötlichen Flecken übersät. Auf seiner Stirn standen Schweißperlen. Aber er beklagte sich nicht, sondern setzte sich in Bewegung, während er Berengars Gewicht stützte.
„Warte, meine Angelrute und das Tuch“, sagte Berengar.
„Ist beides hin.“
Berengar blickte sich um. „Du hast recht. Nun ja, ich werde mir eine Neue schnitzen. Aber um das Tuch ist es schade.“ Er seufzte. „Komm doch einfach morgen mit an den Bach. Wir machen dir auch eine Angel. Gemeinsam fischen macht viel mehr Spaß.“
Folcmar wischte sich mit der freien Hand über die Stirn. Seine Mundwinkel hoben sich zu einem Lächeln.
„Also los“, sagte Berengar. „Aber nicht zu schnell. Ich muss mir unterwegs noch überlegen, wie ich Rosalind das mit ihrem Tuch erkläre.“
*
Theoderich ließ seinen Blick durch den Raum streifen. Hier hatte Vater ihn gelehrt, wie man aus einem Holzklotz die ihm innewohnenden Figuren befreite. Pferde, Kühe, Hühner und andere Tiere. Später lernte er, Tröge zu schnitzen und Bretter zuzuschneiden. Es hatte lange gedauert, bis Vater und Mutter genug Geld zusammengespart hatten, um ihn bei Meister Rupert in die Lehre schicken zu können. „Der Junge soll bei einem richtigen Meister lernen“, hatte Vater immer gesagt. Theoderich seufzte. Schlecht hatte er es ihnen gedankt. Zum Glück hatten sie seine heutige Schmach nicht mehr miterleben müssen. Vaters Sturz hatte alles verändert.
„In deinem Alter solltest du nicht mehr in der Höhe herumturnen. In der Kälte!“, hörte er Mutter schimpfen als sei es gestern gewesen. „Lass dir vom Jungen helfen.“
„Ich kann noch gut selbst auf mich achtgeben“, hatte Vater abgewehrt und sich alleine aufgemacht, das Haus der Witwe Burghild auszubessern.
Doch sein Augenlicht hatte ihn im entscheidenden Moment im Stich gelassen. Ein Fehltritt brachte ihn zum Stolpern. „Der alte Dickschädel wollte ja nicht auf mich hören!“ Doch Mutters Flüche waren ein schwacher Versuch, ihren Kummer zu verbergen. Noch bevor das neue Jahr angebrochen war, hatte Theoderich auch sie zu Grabe tragen müssen.
Theoderich seufzte, als er vor die Tür trat, wo Amalia bereits auf ihn wartete. Er nahm ihre Hand und griff mit der anderen nach dem kleinen Karren, auf dem sie ihre wenigen Habseligkeiten verzurrt hatten. Er drehte sich ein letztes Mal zu seinem Elternhaus um und betrachtete die zwei Kreuze auf der kleinen Anhöhe, die er zum Andenken an Vater und Mutter gezimmert hatte. Das war alles, was er ihnen hatte geben können und nun musste er ihre Gräber zurücklassen.
„Es tut mir leid. Lebt wohl.“
*
„He, was wollt ihr hier?“ Raoul war aus seinem Zimmer getreten und verschränkte die Arme. „Berengar, wie oft habe ich dir gesagt, hier ist kein Platz für Kinder? Also, macht, dass ihr fortkommt.“
Folcmar ließ Berengar auf dem Treppenabsatz stehen und stürmte an Raoul vorbei ins Freie.
„Warte, Folcmar. Er meint es nicht so.“ Berengar versuchte, seinen neuen Freund aufzuhalten. Doch er war schon entwischt. Hinterher konnte er auch nicht. Blöder Fuß! Außerdem versperrte ihm Raoul jetzt den Weg.
„Er wollte mir nur helfen und jetzt hast du ihn vergrault.“ Warum musste Raoul immer alles kaputtmachen?
„Sieh halt draußen nach. Weit kann er noch nicht sein.“
„Wie denn?“, fragte Berengar und zeigte auf seine Beine.
Raoul verzog das Gesicht, als litte er plötzlich selbst Schmerzen.
„Setz dich hier auf die Treppe“, sagte er. „Ich hole Rosalind. Oder doch besser den Medicus?“ Raoul hatte plötzlich Ähnlichkeit mit einem nervösen Vogel, der hierhin und dorthin flatternd überlegte, was nun zu tun sei. Er schob sich an Berengar vorbei die Treppe hoch und kehrte nur wenige Augenblicke später er mit Rosalind zurück.
Sie hockte sich neben Berengar. „Tut es sehr weh?“, fragte sie und strich ihm über den Kopf.
Berengar blickte von ihr zu Raoul. Dann schüttelte er hastig den Kopf. „Nicht sehr. Nur der Knöchel.“
Rosalind tastete seinen Fuß ab. Als sie den blauen Fleck berührte, sog Berengar die Luft durch die Zähne ein. „Nicht gebrochen“, sagte sie. „Aber weit gehen solltest du damit nicht.“ Dann wandte sie sich an Raoul: „Bitte hilf ihm hinauf.“
Ein zweites Mal an diesem Tag wurde Berengar hochgehoben. Als er einatmete, nahm er einen schwachen holzig-öligen Geruch war. Nicht zwiebelig-scharf so wie die meisten Männer rochen, die Rosalind und die anderen Frauen besuchten, sondern fremdartig und angenehm.
Oben in Berengars Kammer legte Raoul den Jungen auf die am Boden liegende Schlafstatt, bestehend aus einem mit Stroh gefüllten Sack und einer groben Decke. Rosalind war den beiden gefolgt und legte ein Stück Tuch neben sich auf den Boden. Dazu eine Schale mit Wasser und ein kleines Tiegelchen.
„Gleich wird alles gut, sagte sie. „Und während ich mich um deine Beine kümmere, kannst du mir erzählen, was geschehen ist.“
Berengar nickte und streckte sich auf seiner Strohmatte aus. Raoul stand daneben, die Arme hinter dem Rücken verschränkt, während Rosalind ein Tuch in die Schale mit Wasser tauchte und Berengars Knie säuberte. Es ziepte ein bisschen und das Wasser in der hellen Schale verfärbte sich schmutzig-orange. Raoul sah es, trat einen Schritt zurück und sagte, dass er sich am besten nach Berengars Freund umsehen werde. Und schon hatte er das Zimmer verlassen. Rosalind sah ihm nach und lachte leise.
„Was ist?“, fragte Berengar, doch Rosalind schüttelte den Kopf.
„Nicht so wichtig. – Erzähle mir lieber von deinem neuen Freund.“
Nur wenig später hörten sie die Stiege knarzen, als Raoul zurückkehrte.
„Der Junge war schon fort“, sagte er.
Rosalind hatte in der Zwischenzeit ihre Arbeit beendet und wandte sich ihrem Brotgeber zu. „Berengar kann morgen selbst nach ihm suchen.“ Sie küsste Berengar auf die Stirn und ließ ihn mit Raoul allein. Zunächst schien es, als würde dieser Rosalind folgen wollen. Doch stattdessen setzte er sich auf den dreibeinigen Hocker neben Berengars Lager. Berengar sah Raoul an. Doch dieser schwieg. Und so betrachtete Berengar die Muster des Holzes in den Wänden. Dort gab es immer etwas zu entdecken. Mal ein Schwein und sogar eine gruselige Teufelsfratze hatte er schon in der Maserung entdeckt. Da räusperte sich Raoul.
„Dein Freund – wie ist doch gleich sein Name?“, fragte er.
„Folcmar.“
„Ah, jedenfalls war es nett von ihm, dich nach Hause zu bringen. Ich wünschte, ich hätte so einen guten Freund gehabt.“
Berengar ließ Holzfratzen Holzfratzen sein und setzte sich auf.
„Manche Kinder sind grausam“, sagte Raoul ohne Berengar anzusehen. „Im Findelhaus durfte ich nie mitspielen. ‚Du bist keiner von uns. Du hast komische Augen‘, sagten sie.“
Berengar betrachtete Raoul. Tatsächlich, seine Augen waren von einem klaren blau. In seinem dunklen Gesicht schienen sie besonders hell zu leuchten. Aber komisch, so wie die Kinder aus Raouls Erzählung, fand er es nicht.
„Haben sie dich manchmal verhauen?“, fragte Berengar.
„Nicht nur manchmal“, sagte Raoul. „Am liebsten habe ich alleine gespielt.“
Berengar nickte. „Ja, aber in Ruhe lassen sie einen doch nicht. Mitspielen darf man nicht, aber trotzdem laufen sie hinter einem her und sagen Sachen. Oder schubsen einen. Oder noch mehr.“
„Ich weiß, was du meinst“, sagte Raoul. „Als ich dich aufnahm, solltest du es besser haben als ich damals.“ Raoul seufzte. „Aber das war wohl ein Irrtum.“
„Mach dir keine Sorgen“, sagte Berengar. „Jetzt habe ich ja Folcmar. Und morgen gehen wir angeln.“
Raoul erwiderte sein Lächeln und stand auf. „Du bist ein guter Junge“, sagte er und verließ die Kammer.
Berengar streckte sich auf seinem Lager aus, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und malte sich aus, wie viele Fische er und Folcmar am nächsten Tag fangen würden. Rosalind würde den größten bekommen und Raoul den zweitgrößten.
Der Tag neigte sich dem Ende, doch kein Lüftchen wollte die Haut streicheln, um müde Wanderer zu erfrischen. Theoderich hielt an und fuhr sich über die Stirn. Genauso gut hätte er es lassen können, denn auch seine Arme waren schweißklebrig. Er drehte sich um. Amalia stützte sich auf einen armdicken Ast, der ihr als Wanderstab diente. Pausen auf ihrem Weg hatte sie abgelehnt. „Wenn ich mich jetzt hinsetze, bleibe ich hier, bis der Baumstumpf unter mir verfault ist. Also weiter!“ Sie marschierte tapfer voran, den Stab bei jedem zweiten Schritt in die Erde stakend. Bald war sie jedoch hinter Theoderich zurückgefallen. Er ließ den Handkarren stehen und ging zu ihr.
Sie hätten im Gasthaus einkehren sollen. Wer hätte dort schon nach ihnen gesucht? Wenn Meister Ruprecht ihn in den Kerker hätte werfen wollen, hätte er ihn nicht verjagt, sondern ihm gleich den Büttel auf den Hals gehetzt. Theoderich kratzte sich den Kopf. Hitze und die Angst hatten seine Sinne verwirrt. Aber zur Umkehr war es nun zu spät und die nächste Herberge noch mehr als einen halben Tagesmarsch entfernt.
Theoderich reichte Amalia den geöffneten Wasserschlauch, während er ihren Stab festhielt. Hastig setzte Amalia an und nahm einen großen Schluck. Dann goss sie etwas Wasser auf ein Tuch, um damit ihre geröteten Wangen zu kühlen. Als sie es an Theoderich weiterreichte, war es grau vom Straßenstaub. Theoderich strich mit dem Zeigefinger über Amalias Schläfen. Wo ihre Haare sonst glatt waren, ringelten sich jetzt kleine feuchte Locken links und rechts der Stirn.
„Hast du Schmerzen?“, fragte er.
„Mein Körper ist ein einziger Schmerz“, antwortete Amalia und hielt sich das Kreuz. „Ich wünschte, du könntest eine Weile meinen Bauch tragen.“
Theoderich klopfte sich auf die Körpermitte, wo seine Kotte spannte. „Dort bin ich selbst ausreichend gesegnet“, sagte er und lachte.
Amalia fiel ein. Doch dann hielt sie jäh inne und berührte ihren Leib. „Tritt es wieder?“, fragte Theoderich.
Amalia schüttelte den Kopf. „Ein Zwicken. Nichts weiter. Lass uns gehen, solange es noch hell ist.“
„Ich kann dich tragen“, sagte Theoderich.
„Nicht nötig“, sagte Amalia, nahm den Wanderstab aus Theoderichs Hand und machte sich auf den Weg. Ihre Schritte wurden begleitet vom energischen „Töck“ des Steckens. Theoderich verschloss den Trinkschlauch, packte den Griff des Handkarrens und folgte Amalia.
Doch wenige Augenblicke später blieb sie erneut stehen, ihren prallen Leib mit einer Hand umklammernd.
„Lass mich dir helfen“, sagte Theoderich. „Warte, ich will kurz ein Seil an den Karren binden. So habe ich die Hände zum Tragen frei.“
Theoderich verstaute den Stecken auf dem Handkarren. Dann schlang er ein dünnes Tau um den Griff und band es sich um den Bauch. Er machte vorsichtig ein paar Schritte. Bequem war es nicht und der Handkarren schlingerte hinter ihm wie ein Trunkenbold, der keinen geraden Schritt zurückzulegen vermochte, aber Amalias Wohlergehen war wichtiger. Theoderich blickte sie an. Die roten Flecken waren verschwunden, stattdessen glichen ihre Wangen fahlen Blättern.
Er fasste unter Amalias Arm hindurch, die zweite Hand in den Kniekehlen und hob sie hoch. Diesmal protestierte sie nicht, sondern bettete ihren Kopf an seine Schulter. Ihr Atem streichelte seinen Hals.
Theoderich musste aufpassen, dass der Karren ihm nicht in die Hacken fuhr und er womöglich strauchelte. Aber es war seltsam. Trotz seiner Last fühlte er sich stark. Theoderich schritt weit aus. Doch plötzlich stutzte er und blickte zum Himmel. Keine Regenwolken zu sehen und doch tropfte es stetig auf seinen Fuß. Hatte er sich vielleicht am Karren verletzt und es nicht bemerkt?
„Theoderich, du musst anhalten“, sagte Amalia. „Das Kind.“
Augenblicklich wich die Kraft aus seinen Beinen. „Amalia, es wird gleich dunkel und hier ist niemand, der uns helfen kann. Wir müssen weiter.“
„Ich kann nicht. Bring mich dort drüben zu der Kastanie“, sagte Amalia.
Theoderich tat wie geheißen und bahnte sich einen Weg durch das Gras abseits der Straße. Auf dem unebenen Weg spürte er Amalias Gewicht und die Last des Handkarrens umso mehr. Er erreichte die Kastanie jedoch, ohne zu straucheln und setzte Amalia am Fuße des Baumes ab. Theoderich zupfte an seiner Kotte, die ihm feucht an Brust und Rücken klebte.
Amalia lehnte sich an den kräftigen Stamm und schloss die Augen. „Bitte gib mir die Decke und den Trinkschlauch“, sagte sie.
Theoderich half ihr, sich die Decke um den Körper zu legen. Als sie aufstöhnte, erschauerte er. Am liebsten hätte auch er sich trotz der Hitze in das schützende Tuch gewickelt. Doch es galt, etwas zu tun.
Theoderich ging zurück zum Karren und kramte in ihren Habseligkeiten. Die hereinbrechende Dämmerung und das dunkle Laub der Äste erschwerten die Suche. Doch am Boden einer kleinen Kiste mit langen Stoffbändern wurde er schließlich fündig.
Als er zurückkehrte, hatte Amalia immer noch die Augen geschlossen. Von Zeit zu Zeit erschauerte sie, wenn ein Beben ihren Körper durchfuhr.
Theoderich reichte Amalia sein Schnitzmesser. „Damit kannst du dich schützen“, sagte Theoderich, „während ich Hilfe hole.“
„Du wirst hier niemanden finden. Seit Stunden ist uns kein Reisender begegnet. Bitte bleib.“
„Du brauchst Hilfe. Bestimmt ist ein Hof in der Nähe“, sagte Theoderich. Dann eilte er zurück zur Straße. Dort angekommen drehte er sich im Kreis. Irgendwo war sicher Licht. Ein Feuerschein, der auf eine Behausung hindeutete.
Doch wohin Theoderich auch sah, er entdeckte nur Schemen von Bäumen und Sträuchern, aber nichts bewegte sich. Kein Windhauch. Der Wald schien näher zu rücken und Theoderich einzuengen. Schwer hing der Abendhimmel über ihm. Theoderich verfiel ins Traben, dann ins Laufen. Da zerschnitt ein Schrei die Stille. Theoderich blieb jäh stehen und horchte. Da war es wieder. Es klang nicht wie von dieser Erde. Theoderich rieb sich die Arme, um die plötzliche Kälte abzuschütteln. Er hätte Amalia nie alleine lassen dürfen. Theoderich hastete quer über die Wiese zurück, so schnell es die Dunkelheit und der unebene Boden zuließen.
„Amalia?“ Theoderich Stimme war kaum mehr als ein heiseres Krächzen. Er räusperte sich.
„Theoderich“ Amalia griff nach seinem Arm. „Es tut so weh. Geh nicht wieder fort!“
Sofort kniete er sich hin. Amalia saß mit angewinkelten Beinen an den Stamm gelehnt. Die Decke war ihr von den Schultern gerutscht. Theoderich presste die Lippen aufeinander, als sie ihre Finger in seinen Arm krallte. Jedes Mal, wenn Amalia erzitterte, bohrten sich ihre Nägel fester in sein Fleisch. Theoderich drückte Amalias Kopf an seine Brust. Er strich ihr übers Haar, redete mit ihr, gegen die Angst. Aber er konnte ihr nicht helfen. Ihr Griff wurde schwächer.
„Amalia, Amalia!“ Er fasste nach ihrer Hand, drückte sie. Doch Amalia antwortete nicht. Stattdessen stöhnte sie. Ein ersterbender Laut. Fast wünschte er sich ihre Schreie zurück. Sie klangen mehr nach Leben als das Murmeln, das jetzt ihre Lippen verließ.
Da sah er einen Lichtschein sich aus dem Wald nähern. War das das Licht Gottes? Kam er, seine Amalia zu holen?
„Nein, lass sie mir“, rief Theoderich. Er drückte Amalias Hand an sich, während das Licht herannahte und allmählich eine kleine Gestalt erhellte, die eine pechgetränkte Fackel vor sich hertrug.
„Ich bin gekommen um euch zu helfen, nicht um deine Frau zu holen“, sagte eine dunkle Stimme. Sie klang menschlich. War es ein Mann oder eine Frau?
Die Gestalt ließ die Fackel sinken, die vorher ihr Gesicht verdeckt hatte. Eine Frau, dunkel gekleidet. Sie kniete nieder, schob Amalias Rock über die Knie und drückte Theoderich die Fackel in die Hand.
„Hier“, sagte sie. „Halte sie oder ramme sie neben mir in den Boden. Du siehst aus, als hättest du genug Kraft.“
Theoderich ergriff die Fackel und stieß sie in den Boden. Dann beobachtete er, wie die Frau einen Tragekorb auspackte, während sie mit leiser Stimme zu Amalia sprach.
„Ich kann dir helfen. Aber du musst mich unterstützen. Es wird dich Kraft kosten, aber du bist fast am Ziel.“
Amalia sah die Frau an und nickte.
„Und du hilfst auch mit. Setzte dich hinter deine Frau und stütze sie mit deinem Oberkörper.“ Theoderich tat, wie ihm geheißen.
„Dein erstes Kind?“, fragte die Fremde, während sie einen Trinkschlauch öffnete. Theoderich war sich nicht sicher, ob die Frage ihm oder Amalia gegolten hatte. Er nickte einfach.
„Das dachte ich mir“, antwortete die Frau. Sie legte Amalia den Schlauch an die Lippen. „Trink! Das wird gegen die Schmerzen helfen.“
Theoderich beobachtete, wie Amalia gehorchte. Was war in dem Schlauch?
Als hätte die fremde Frau seine Gedanken erraten, antwortete sie: „Ein Gebräu aus Frauenmantelkraut. Das macht es für die Frau leichter zu gebären.“ Sie wandte sich erneut an Amalia. „Wenn ich es dir sage, dann presst du. Der Rest kommt von alleine.“ Amalia nickte. „So, jetzt pressen.“
Theoderich fühlte, wie sich Amalia aufbäumte. Die Hände der Frau an ihre Knie gedrückt presste Amalia und stöhnte. Theoderich wandte den Blick von Amalias Unterleib ab. Er wäre am liebsten geflohen, weit weg von Schmerz und Pein. Aber er blieb, gab ihr Halt und strich ihr immerfort über die schweißnasse Stirn.
Eine Ewigkeit schien vergangen zu sein, als er die Stimme der Frau sagen hörte: „Gleich hast du es geschafft. Ein letztes Mal pressen.“
Amalia stemmte die Knie gegen die Handflächen der Frau. Ihr Stöhnen verebbte. Die Geburtshelferin senkte die Arme und hob das kleine neugeboren Wesen hoch, das nach seinem ersten Atemzug auf der Welt in klägliches Schreien ausbrach. „Ein Mädchen“, sagte die Frau und lächelte. „Habt ihr Tücher?“
Amalia nickte benommen. „Im Wagen.“
„Ich hole sie“, sagte Theoderich und sprang auf. Im Handkarren fand er einen Korb mit langen Binden. Als er zu Amalia und der Fremden zurückkehrte, hielt diese ein Messer in der Hand. Es sah aus, als würde sie ein Seil durchschneiden.
Theoderich reichte der Frau die Binden und setzte sich an seinen alten Platz. Amalia sah müde aus, doch sie lächelte. Theoderich beugte sich herab und küsste sie.
„Du kannst sie jetzt stillen“, sagte die Frau und legte das gewickelte Kind auf Amalias Bauch.
„Hab Dank für deine Hilfe“, sagte Theoderich. „Wie hast du uns überhaupt gefunden? Wir dachten, hier sei keine Menschenseele.“
„Nicht der Rede wert“, antwortete die Fremde. „Die Schreie deiner Frau waren bis in den Wald zu hören. Da dachte ich mir, ich sehe lieber mal nach, wer zu dieser späten Stunde in der freien Natur ein Kind zur Welt bringt.“ Sie lächelte. „Mein Name ist Ortrud. Und du musst Amalia sein, wenn ich das Krächzen deines Mannes richtig gedeutet habe.“
Amalia nickte. Theoderich sah, wie sie ihre Tochter in den Armen wiegte und ihr über den Schopf strich, der rotgolden im Fackelschein leuchtete.
„Und hast du auch einen Namen?“ Ortrud stieß Theoderich an.
„Äh richtig, man nennt mich Theoderich.“
„Sag, Theoderich. Was bewegt ein Mannsbild wie dich dazu, mit seiner hochschwangeren Frau um diese Zeit auf einer einsamen Landstraße herumzulaufen, statt eine Herberge aufzusuchen?“
„Ich … Wir mussten aufbrechen und es gab keine Herberge.“
Ortrud sah ihn mit schräggelegtem Kopf an. „Nun gut, du kannst mir später die Wahrheit erzählen“, sagte sie. „Es wird Zeit, einen gastlicheren Ort aufzusuchen. Kannst du Amalia mit dem Kind tragen?“
Theoderich nickte.
„Gut, ich nehme den Karren. Folgt mir.“
Theoderich hob Amalia hoch und folgte Ortrud, die mit ihrer Fackel den Weg in den Wald beleuchtete.
Theoderich hatte Mühe, mit Ortrud Schritt zu halten. Nicht nur, dass die Dunkelheit seine Sicht trübte und Amalias Gewicht seine Arme ermüdete. Für eine Frau von Ortruds Statur bewegte diese sich wie ein tanzender Nachtfalter durch die Lüfte, der seinem eigenen Weg folgte.
Als hätte sie seine Gedanken erahnt, drehte Ortrud sich um und sagte: „Wir sind gleich am Ziel.“
Wo führt sie uns hin? Lebt sie ganz alleine im Wald, fernab vom dörflichen Leben? Ist das überhaupt zu schaffen? Viele Fragen schossen Theoderich durch den Kopf, aber dafür war keine Zeit. Amalia sicher über Baumstümpfe und unebenen Waldboden zu tragen erforderte seine ganze Aufmerksamkeit.
„Wartet hier“, sagte Ortrud plötzlich und ließ Theoderich und Amalia samt Karren stehen.
„He, wo willst du hin?“ Theoderich versuchte, Ortrud zu folgen. Doch der dunkle Tann schien sie und ihre sich entfernenden Schritte verschluckt zu haben. Nur ein Käuzchen rief in der Ferne. Ohne Amalia und das Kind wäre ich besser zu Fuß und könnte Ortrud einholen, dachte Theoderich, aber ich kann sie hier nicht zurücklassen. Vorsichtig, um sie nicht zu wecken, bettete er seine Frau in eine Senke auf dem Waldboden und setzte sich daneben. Bis zum Morgengrauen würden sie Gefangene der Dunkelheit sein. Kaum hatte er diesen Gedanken zu Ende gedacht, fuhr er zusammen. Eine stählerne Spitze bohrte sich seitlich in seinen Hals.
„Halt oder du bekommst meine Klinge zu spüren“, sagte eine Männerstimme.
Theoderich erstarrte in der Bewegung. Ortrud! Eine Falle! Wie viele Männer? Kann ich alleine etwas gegen sie ausrichten?
„Lass uns gehen. Wir haben nichts“, presste Theoderich hervor. Aus Angst, die Klinge könnte abrutschen, wagte er kaum, sich zu bewegen.
„Lass ihn, Matthias!“ Das war Ortruds Stimme.
Theoderich fing sich augenblicklich, als der Druck der Schwertspitze auf seinen Hals nachließ. „Was geht hier vor?“, zischte er.
„Reine Vorsichtsmaßnahme“, sagte Matthias und steckte das Schwert weg. „Ich wusste nicht, dass du zu Ortrud gehörst.“
Nach kurzem Zögern ergriff Theoderich die ihm angebotene Rechte und nickte anerkennend. Matthias Händedruck war dem seinen ebenbürtig. Selbst bei einem reinen Faustkampf hätte Theoderich es schwer gehabt. Matthias erwiderte seinen Blick. Freundlicher als noch zuvor.
„Kommt. Ich will euch den anderen vorstellen“, sagte Ortrud.
Theoderich tat, wie ihm geheißen und hob Amalia hoch, die nicht einmal davon erwachte, sondern tief schlief, das Kind immer noch an ihrer Brust. Matthias‘ Schwert ruhte in der Scheide, aber so ganz traute Theoderich dem Frieden noch nicht. Wer waren ‚die Anderen‘? Und vor allem: Wie viele waren es?
Mittlerweile hatten sich neben Ortrud und Matthias weitere Menschen eingefunden, deren Gesichter Theoderich trotz dreier in den Boden gesteckter Fackeln kaum erkennen konnte.
Ortrud trat in das Fackeldreieck. „Das ist Theoderich. Seine Frau Amalia hat gerade erst ein Kind zur Welt gebracht. Sie sind erschöpft und werden darum eine Weile bei mir wohnen.“
Die sie umstehenden Menschen steckten augenblicklich die Köpfe zusammen. Theoderich hörte ihr Wispern in der Dunkelheit.
„Geht jetzt wieder schlafen“, sagte Ortrud. „Morgen früh, wenn wir ausgeruht sind, werden wir uns besser miteinander bekanntmachen.“
Murmelnd ging die Menge auseinander. Ortrud bedeutete Theoderich, ihr zu folgen. Nach einem kurzen Weg durchs Gehölz – von den anderen war nichts mehr zu sehen – betrat sie eine aus Reisig, Moos, Lehm und Blättern gebaute Behausung, die an einen Fuchsbau, nur größer, erinnerte. Theoderich musste sich bücken, um mit der schlafenden Amalia auf dem Arm die kleine Höhle betreten zu können.
Ortrud zeigte auf ein mit Fellen bedecktes Strohlager. „Darauf kannst du Amalia betten. Ich werde mich neben sie und den Säugling legen und sie wärmen“, sagte sie.
Theoderich sah sich in der engen Behausung um. „Ich werde draußen schlafen“, sagte er.
„Hier“, sagte Ortrud, „nimm das gegen die Bodenkälte mit.“
Theoderich griff nach dem ihm angebotenen Schaffell und einer Decke und kroch rückwärts aus der Hütte. Beim Verlassen sah er, wie Ortrud sich neben Amalia kniete und ein dunkles Fell ausrollte, mit welchem sie Amalia und das Neugeborene zudeckte. Theoderich zögerte.
„Na, geh schon“, sagte Ortrud und nickte ihm aufmunternd zu. Theoderich warf einen letzten Blick auf seine kleine Familie und sah, wie Ortrud Amalia behutsam eine Haarsträhne aus dem Gesicht strich.
Draußen breitete er sein Schaffell vor der Hütte aus. Irgendjemand hatte sich des Karrens angenommen und ihn vor Ortruds Hütte abgestellt. Theoderich tastete nach seinem Messer, bevor er sich auf dem Fell ausstreckte. Seine Hand umschloss den Griff der Klinge. Man konnte ja nie wissen …
Theoderich erwachte früh am nächsten Morgen. Trotz Decke und Schaffell war die Morgenkälte in seine Knochen gekrochen. Auf steifen Knien schob er sich in Ortruds Hütte. Amalia schlief tief und fest. Auch seine kleine Tochter hatte die Augen geschlossen, aber ihre Fäustchen boxten immer wieder in die Luft, als würde sie gegen einen unsichtbaren Gegner kämpfen. Von Ortrud jedoch keine Spur. Theoderich bettete die Decke um Amalia und das Kleine. Vorsichtig, um sie nicht zu wecken. Dann kroch er hinaus, um sich nach Ortrud und den anderen Bewohnern dieses seltsamen Ortes umzusehen.
Der wabernde Morgennebel verzog sich allmählich und machte den ersten Sonnenstrahlen Platz, die sich in den Tautropfen an Zweigen und Gräsern brachen und sie wie Edelsteine funkeln ließen. Theoderich genoss das federnde Gefühl, auf dem moosigen Waldboden zu gehen. Er ließ den Blick schweifen und entdeckte, was ihm am vorigen Abend in der Dunkelheit verborgen geblieben war. Fünfzehn bis zwanzig einfache Waldhütten in der Art, wie Ortrud sie bewohnte. Was hatte all diese Menschen an diesen Ort verschlagen? Das gleiche Schicksal wie ihn und Amalia? Er hatte keine Gelegenheit, den Gedanken zu Ende zu führen, denn Ortrud trat aus dem Unterholz hervor. Sie trug einen Korb am Arm. Ortrud musste weitaus früher aufgestanden sein, denn der Korb war gut gefüllt. Sie hatte Sommer-Steinpilze und Kräuter gesammelt, alles sorgfältig aufgeschichtet.
„Schön, dass du wach bist. Dann habe ich einen Helfer“, sagte Ortrud und blickte auf das Messer an seinem Gürtel. „Du kannst die Pilze schneiden, während ich die Kräuter zum Trocknen aufhänge.“
Theoderich folgte ihr zurück zur Hütte. Ortrud blickte hinein, stellte fest, dass Amalia und das Kind immer noch schliefen und kehrte mit dünnem Flachsseil und einem daumendicken quergeschnittenen Eichenbrett, an dem noch die borkige Rinde war, zurück. Sie legte das Brettchen auf einen runden abgesägten Holzstumpf und stellte den Pilzkorb daneben.
„Schneide möglichst dünne Scheiben“, sagte Ortrud, während sie beobachtete, wie er mit dem Messer die Pilze bearbeitete. „Nein, dünner“
Theoderich wollte einwenden, dass er Frauenarbeit verrichtete, aber Ortrud beschäftigte sich bereits wieder mit ihren Kräutern, die sie an den Enden mit dem Seil zusammenband. Einige solcher Sträußchen hatte Theoderich bereits in Ortruds Hütte von der Decke baumeln sehen.
Während Theoderich sich abmühte, die Pilze in die gewünschte Form zu bringen, kroch die Kräuterfrau erneut in ihre Hütte. Diesmal kehrte sie mit einer schweren Pfanne, einem Stück geräuchertem, fetten Speck und ein paar Eiern zurück. Mit geübten Bewegungen entzündete sie mit Hilfe von zwei Flintsteinen ein Feuer in einem Kreis aus flachen Steinen und stellte die Pfanne darauf. Sie schnitt ein Stück Speck ab und rieb die Pfanne damit ein. Das zischende Geräusch und der Duft des anbratenden Specks ließen Theoderich das Wasser im Munde zusammenlaufen. Nachdem Ortrud die geschnittenen Pilze dazugegeben hatte, ließ sie die aufgeschlagenen Eier in die Pfanne gleiten.
Da durchbrach ein herzzerreißendes Weinen aus dem Inneren von Ortruds Hütte die Stille. Theoderich ließ auf der Stelle das Messer fallen und sprang auf die Füße. Er sah zu Ortrud, die seelenruhig in ihrer Pfanne weiterrührte. Theoderich schüttelte den Kopf und kroch in die Hütte. Dort empfing ihn Amalia aufrecht sitzend und ihr Kind in den Armen wiegend. Es schrie aus Leibeskräften. Seine Augen waren zu kleinen Schlitzen verengt, das kleine Gesicht rot vor Anstrengung, während sich die winzigen Hände ballten. Amalia blickte auf.
„Du kannst mir helfen“, sagte sie und reichte Theoderich das Kind.
Bin ich denn heute nur dazu da, anderen zur Hand zu gehen?, dachte er. Ein leerer Magen und alle Welt wollte seine Hilfe. Doch als Amalia ihn anlächelte, streckte er bereitwillig die Arme nach seiner Tochter aus. Wie hielt man sie überhaupt? Er bemühte sich, es Amalia gleich zu tun. Und augenblicklich hörte das Kind auf zu schreien. Stattdessen sah es ihn aus großen Augen an.
„Sie mag dich“, sagte Amalia.
Theoderich strich seiner Tochter mit dem Zeigefinger über die Wange. Vergessen war sein Morgenmahl. Wichtig war jetzt nur, dass er die Kleine nicht fallen ließ. Aus dem Augenwinkel sah er, dass Amalia an ihrem Kleid nestelte.
„Jetzt leg sie mir in die Arme“, bat sie kurz darauf.
Als Theoderich ihr den Säugling reichte, sah er, dass Amalia den oberen Teil ihres Kleides über die Schultern abgestreift hatte. Sobald das Kleine an Amalias Brust lag, begann es, gierig zu saugen. Während Amalia stillte, summte sie eine Melodie. Theoderich rückte näher heran und legte den Arm um seine Frau. Amalia lehnte ihren Kopf an seine Schulter. Da streckte Ortrud den Kopf zur Hütte herein.
„Wenn die Kleine fertig ist, könnt ihr zum Essen kommen“, sagte sie.
Kurz darauf, während Amalia noch ihr Kleid richtete, kroch Theoderich mit seiner Tochter auf dem Arm aus der Wohnhöhle. Die ganze Welt sollte sein Kind sehen. Theoderich fühlte sich, als wäre er über Nacht gewachsen. Sein ganzer Körper schien zu kribbeln. Er küsste seiner Tochter den rotblonden Haarschopf und flüsterte: „Ich werde dir die ganze Welt schenken.“
Die Kleine gähnte mit weit geöffnetem Mund. Dann blinzelte sie kurz und schloss die Augen.
Theoderich lächelte. „Aber zunächst sollte ich dir wohl eine Wiege bauen“, sagte er.
„Bevor ich euch herumführe und mit den anderen bekannt mache, sollten wir uns erst ein bisschen kennenlernen“, sagte Ortrud. „Am besten fangt ihr an.“ Sie nickte Theoderich und Amalia aufmunternd zu.
Also schöpfte Theoderich tief Atem und erzählte vom Meister und dem Beil. Ortrud hörte geduldig zu und unterbrach nur selten, um Fragen zu stellen.
Als er geendet hatte, sagte sie: „Viele von uns haben Ähnliches durchgemacht. Aber mittlerweile vermissen wir unser altes Leben nicht mehr.
„Seit wann lebt ihr hier?“, fragte Amalia.
„Unsere kleine Gemeinschaft gibt es, seit ich vor etwa zwanzig Sommern hierher kam. Friedhelm“, sie zeigte auf einen kleineren Mann, der das Bein nachzog, „hat sich hier im Wald versteckt, weil er dem Grafen ein Huhn gestohlen hatte. Doch was rede ich von anderen. Sie können ihre Erlebnisse selbst am besten berichten. Ich will euch jetzt von mir erzählen.“
Als Jüngstes von zehn Kindern kam Ortrud ins Kloster. Mit den Worten ‚Das Zehnte gebe ich in die Obhut der Kirche, wie es Gott will.‘ hatte der Vater sie einer Nonne übergeben. Und die Mutter hatte Ortrud ermahnt, Gott ehrfürchtig zu dienen und den Nonnen zu gehorchen. Ortrud weinte oft vor Heimweh nach ihren Eltern und Geschwistern. Aber eine alte Nonne namens Margareta nahm sich ihrer an. Von ihr erfuhr sie alles über die heilende Wirkung der verschiedensten Kräuter. Auch das Lesen lehrte man sie.
„Ich lernte gut“, sagte Ortrud, „und bald übernahm ich immer mehr Aufgaben im Kräutergarten. Außerdem half ich Margareta, deren Augen immer schlechter wurden, bei den Aufzeichnungen für ihr Kräuterkompendium. Als sie schließlich starb, war ich siebzehn Jahre alt und übernahm die alleinige Pflege des Kräutergartens und führte ihre Aufzeichnungen fort. Es hätte ewig so weitergehen können, nur ...“ Ortrud stockte.
„Bitte, sprich weiter“, sagte Amalia.
Ortrud glättete den Rock über ihren Knien und zog das Schultertuch enger um sich, bevor sie fortfuhr. „Man kann den Geist zwar Gottesfurcht lehren, das Fleisch jedoch ist sündig und schwach, wie die Kirche gesagt hätte.“ Den letzten Satz hatte Ortrud zwischen zusammengepressten Lippen hervorgebracht. „Ein junger Mann kam zu uns. Normalerweise ist so etwas in einem Frauenkloster undenkbar. Aber dieser Mann, Valentin war sein Name, war auf Reisen bei einem Überfall schwer verletzt worden. Unser Kloster hatte jedoch dank Margaretes Heilkunde einen besonderen Ruf erlangt, und so brachte man Valentin zu uns. Ich pflegte ihn und aus der Beziehung einer Heilerin zu dem ihr anvertrauten Kranken wurde mehr. Als er das Kloster als geheilt verlassen konnte, trafen wir uns heimlich. Ich übernahm alle möglichen Botengänge, nur um ihn außerhalb der Klostermauern sehen zu können. Lange Zeit blieben unsere Treffen unentdeckt. Bis uns eines Tages Schwester Edelgundis beobachtete und anschließend an die Mutter Oberin verriet. Ich wurde des Klosters verwiesen. Jung und unbedarft wie ich war, war ich darüber nicht allzu betrübt, hatte ich doch an ein gemeinsames Leben mit Valentin geglaubt. Aber ich wurde bitter enttäuscht. Für Valentin schien die Heimlichkeit den Reiz unserer Beziehung auszumachen. Er schickte mich fort. Zurück zu meinen Eltern konnte ich nicht, die hatten genug hungrige Mäuler zu stopfen, also schloss ich mich für einige Zeit einer Gemeinschaft von Vaganten an.
Das wenige Geld, was ich durch Betteln erwarb, gab ich zum größten Teil für getrocknete Kräuter, Schweinefett und kleine Tiegelchen auf den Märkten aus. Die hergestellten Salben verkaufte ich auf unseren Reisen, um mir ein kleines Zubrot zu verdienen. Es war nicht viel, aber es reichte, um die Vaganten zu verlassen und sesshaft zu werden. Ich zog in eine verfallene Hütte, richtete sie nach und nach alleine her. Meine Heilsalben verkaufte ich weiterhin auf Märkten und bald kamen auch die Leute zu mir, um sich Rat für ihre Erkrankungen zu holen.“
„Aber trotzdem lebst du jetzt hier im Wald“, stellte Theoderich fest.
„Nun, Leute können missgünstig sein, wie ich erneut feststellen musste. Als ich eines Tages vom Markttag nach Hause zurückkehrte, hatte jemand meine Kräuterbeete zerstört und meine Hütte verwüstet. Ich sah sofort, dass dies nicht das Werk eines Tiers war. Außerdem hätte dieses Tier über Hände verfügen müssen, um Tür oder Fenster meiner Hütte zu öffnen. Ich konnte es nicht beweisen, aber ich hatte Elisabeth, eine Geburtshelferin aus der Umgebung im Verdacht. Die Leute kamen lieber zu mir, um sich behandeln zu lassen. Sie konnte mich deswegen nicht leiden und ließ nichts unversucht, mir das Leben schwer zu machen.
Ich räumte alles wieder auf, jedoch kam es immer wieder vor, dass Kleinigkeiten aus meinem Heim fehlten. Und auch die Leute schienen sich von mir abzuwenden. Bald kam kaum noch jemand, um sich behandeln zu lassen oder Salben zu kaufen. Eines Abends – schon den ganzen Tag über beschlich mich eine merkwürdige Vorahnung, so als läge etwas in der Luft – sah ich aus dem Fenster. In der Ferne flackerten Lichter. Ich kann es nicht erklären, aber es waren keine freundlichen Lichter, die ich da sah. So schnell es möglich war, raffte ich einige Sachen zusammen. Meine Schlafstatt richtete ich so her, dass man meinen müsste, ich läge drin. Ich versteckte mich in den Kronen einer Buche.“
„Du bist auf einen Baum geklettert?“, unterbrach Theoderich und sah Ortrud an.
„Ich war damals zwanzig Jahre jünger, ob du es glaubst oder nicht“, antwortete sie. Amalia stieß Theoderich in die Seite und lachte.
„Soll ich jetzt weiter erzählen?“, fragte Ortrud streng, doch um ihren Mund zuckte es verräterisch.
Theoderich sah, wie Amalia hastig nickte, während er es vorzog, seinem Bart einige unverständliche Worte anzuvertrauen.
„Aus meinem luftigen Versteck“, fuhr Ortrud fort, „beobachtete ich die Geschehnisse. Es näherten sich zwölf Gestalten. Gespenstisch sahen sie aus mit ihren flackernden Lichtern. Außerdem hatten sie sich wie Lepröse die Gesichter mit Tüchern verbunden. Zwei von ihnen zogen einen Handkarren, auf dem sich zwei kleine Fässer befanden. Sie gossen den Inhalt um meine Hütte und durch die Fenster und warfen sie Fackeln. Pech und Öl brannten sofort. Als die Reste meines Heims in sich zusammenstürzten, machten sich die Brandstifter endlich aus dem Staub und ich konnte mich von meinem Baum herunterwagen. Ich floh in den Wald. Dort traf ich auf Friedhelm, der mit seinen Eltern vor dem Grafen auf der Flucht war. Wir beschlossen, eine Gemeinschaft zu bilden und uns gegenseitig zu schützen. Über die Zeit kamen immer mehr, denen das Schicksal übel mitgespielt hatte. Spielleute, die man ausgeraubt hatte, ein Ritter, der in Ungnade gefallen war, Bauersleute. Viele sind bis heute geblieben.“
„Wie sorgt ihr für euch?“, fragte Theoderich, während er Amalia vorsichtig ihre leise quengelnde Tochter in die Arme legte.
„Wir leben von dem, was der Wald uns bietet“, antwortete Ortrud. „Pilze, Wurzeln, Beeren, Wild – hier gibt es alles.“
„Aber der Graf …“, wandte Amalia ein, als sie ihr Kind an die Brust hob.
„Er ahnt nicht im geringsten, was in seinem Wald vor sich geht. Wir sind vorsichtig und nehmen nur das, was wir für den Moment verbrauchen können. Friedhelm zum Beispiel hat damals von seinem Vater das Armrüster-Handwerk gelernt. Er ist auch ein vorzüglicher Schütze und für die Jagd zuständig. Jeder hat hier seine Aufgabe.“ Ortrud sah Theoderich an.
Unbehaglich kratzte er sich den Bart. Was führt sie jetzt wieder im Schilde?, fragte er sich. Doch Amalia unterbrach seine Gedanken.
„Und du hast im Kloster lesen und schreiben gelernt?“, fragte sie. „Kannst du es mir zeigen? Bitte erzähl mir, was du über Heilkräuter weißt.“
Die Haut um Ortruds Augen legte sich in Falten, so breit war ihr Lächeln. „Sicher, mein Kind. Wenn du kräftig genug bist, vom Kindbett aufzustehen, werde ich dich alles lehren, was ich weiß.“
Theoderich hatte keine Lust, irgendwelchem Geschnatter über Tausendgüldenkraut, Kamille und wilden Fenchel zuzuhören. Er wollte sich weiter umsehen. Also erhob er sich. Doch Ortrud hielt ihn zurück.
„Hiergeblieben“, rief sie. „Wir sind noch nicht fertig. Euer Kind sollte getauft werden.“
Theoderich stutzte. „Wo willst du in dieser Gegend einen Priester auftreiben?“
„Warte ab“, antwortete Ortrud.
„So taufe ich dich auf den Namen Hannah. Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.“
Theoderich sah, wie der weißhaarige Priester den Finger in einen Behälter tauchte und mit dem Weihwasser den kleinen roten Schopf benetzte. Hannah, die bisher seelenruhig geschlafen hatte, riss die Augen auf und machte ihrer Empörung mit lautem Geschrei Luft. Amalia beugte sich herunter und sprach behutsam mit ihr. Das Weinen wurde leiser, bis es schließlich verebbte und Hannah mit einem Seufzer die Augen schloss.
Theoderich blickte sich um. Eine Woche war seit ihrem Gespräch mit Ortrud vergangen. In der Zwischenzeit hatten sie alle mit Namen kennengelernt. Friedhelm, den Armrüster zum Beispiel oder Alfric, den Schmied. Es war wie Ortrud erzählt hatte: Jeder im Wald erledigte eine Aufgabe zum Wohl der Gemeinschaft. Theoderichs Gedanken schweiften ab. Doch weit kam er nicht, denn die Taufe war beendet. Alfric hatte in der Zwischenzeit ein Feuer gemacht. Ortrud und einige der Frauen kümmerten sich um die zwei Fasane, die Friedhelm für das Fest geschossen hatte.
Amalia trat neben Theoderich. Hannah schlief auf ihrem Arm „Sie fühlt sich hier wohl“, sagte Amalia und lächelte.
„Was ist mit dir?“, fragte Theoderich. Aber eigentlich brauchte er keine Antwort. Er sah Amalias gerötete Wangen, den Blumenkranz in ihren offenen Haaren.
„Mir liegt meine Familie am Herzen“, antwortete Amalia und strich über Theoderichs Arm.
„Wenn ich mir so die Wohnhöhlen ansehe ...“, fing Theoderich an.
„Ja“, sagte Amalia, „hier wird ein Zimmermann gebraucht. Du solltest mit Ortrud sprechen.“
Das ist es! Theoderich küsste erst Amalia auf den Mund, dann Hannah auf die Nasenspitze. „Bin gleich zurück“, rief er und machte sich auf die Suche nach Ortrud.
„Ah, gut das du kommst“, sagte sie, als Theoderich sich dem Feuer näherte. „Mit dir wollte ich reden. Mir ist es zu eng mit so vielen Leuten. Dann das kleine Kind. Ich bin nicht mehr die Jüngste.“
„Aber ich ...“, Theoderich stotterte. Darauf war er nicht gefasst, dass Ortrud sie hinauswarf, wo er doch gerade …
„Morgen früh fängst du mit deiner eigenen Hütte an. Am besten, du beeilst dich. Die anderen Behausungen müssen auch noch winterfest gemacht werden.“
Theoderichs atmete auf. Er lächelte nur, doch am liebsten wäre er Ortrud um den Hals gefallen. „Gleich morgen früh werde ich mich nach dem passenden Holz umsehen.“
„Und ich helfe dir dabei“, sagte Friedhelm, der dazugetreten war und ihm ein Trinkhorn in die Hand drückte. „Willkommen in unserer Gemeinschaft.“
Berengar erwachte, als die Vögel ihren ersten Morgengruß anstimmten. Sein Blick fiel auf den hölzernen Löffel auf der Truhe am Fußende seiner Bettstatt. Rosalind hatte ihm gestern Abend noch Brot und Suppe gebracht. Satt und müde war er eingeschlafen. Doch trotzdem knurrte jetzt sein Magen. Missmutig wälzte er sich auf die andere Seite. Sein Körper schmerzte und er wollte seine Ruhe. Doch dann kreisten seine Gedanken um den gestrigen Tag. Da war doch etwas ... Richtig, angeln mit Folcmar! Und zu dieser frühen Stunde bissen die Fische am besten.
Also versuchte Berengar in alter Gewohnheit, seine Decke mit den Füßen wegzustrampeln. Doch es schmerzte! Er lupfte das Tuch mit den Händen. Auf seinen Knien hatten sich feine Krusten gebildet, und wenn er sie beugte, ziepte es. Er schlug die Decke ganz zurück. Sein Fuß schimmerte in den Farben des Morgenrotes draußen vor seinem Fenster. Sei’s drum! Er wollte nicht länger liegenbleiben. Berengar zog den kleinen Hocker zu sich heran und stemmte sich mit beiden Händen daran hoch. Das ging doch recht gut. Aber wie sollte er jetzt zur Tür kommen? Er stellte sich auf sein linkes Bein und breitete die Arme seitlich aus. Etwas kippelig, aber es würde schon gehen. Auf seinem heilen Fuß hüpfte Berengar, so gut er konnte, zur Stiege. Bei jedem Hüpfer ertönte ein dumpfes „Bomm“. Hoffentlich weckte er niemanden. Rosalind würde bestimmt nicht erlauben, dass er mit diesen Verletzungen zum Angeln ging. Raoul wiederum schien doch nachsichtiger zu sein als gedacht. Allerdings war Berengar sich nicht sicher, ob Raoul auch noch genug Verständnis aufbrachte, wenn er durch lautes Poltern aus dem Schlaf gerissen wurde.
