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Frank Delages Ziel ist Wien, die Stadt, die er mit seinem Flügel im Sturm zu erobern hofft. Delage ist Australier, und er hat mit einer revolutionären Erfindung dem Klang des Instrumentes zu einer ungekannten Klarheit, einer einzigartigen Brillanz verholfen. Und wo, wenn nicht in Wien, der Stadt von Mozart und Mahler, wird man das Ausmaß seiner Erfindung begreifen und zu würdigen wissen, so die Hoffnung des Manns von Down Under. Doch weit gefehlt – die Wiener Gesellschaft dreht sich um sich selbst, frönt dem dekadenten Wohlleben in Salons und Caféhäusern. Am Ende reist Frank auf dem Containerschiff Romance nach Hause, die junge Adlige Elisabeth von Schalla im Gepäck.
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Seitenzahl: 253
Veröffentlichungsjahr: 2017
Edition KattegatHerausgegeben von Nikolaus Hansen
Das Meer ist nicht nur ein konkreter Ort für Schiffe und Fische, es ist vor allem auch ein Ort der Phantasie, eine große Weite, die seit jeher Literaten fasziniert. Die Edition Kattegat – herausgegeben von Nikolaus Hansen, dem passionierten Kenner jeglicher Meeresliteratur – wird voller Geschichten und Geheimnisse vom Meer sein: Denn der Grund der Ozeane ist uns noch immer fremder als die Krater des Mondes. In ihm spiegeln sich Sehnsüchte, Albträume, Wünsche und Zuschreibungen aller Art.
Murray Bail
Die Reise
Aus dem Englischenvon Nikolaus Hansen
Die Originalausgabe »The Voyage« erschien 2012 bei Text Publishing Co Pty Ltd in Melbourne. Die vorliegende Ausgabe folgt der britischen Erstausgabe von 2013, die bei MacLehose Press in London erschienen ist. Der Übersetzer dankt Katharina Rosenkranz für ihre Unterstützung eBook-Ausgabe 2017 Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten © 2012 Murray Bail © 2017 Dörlemann Verlag AG, Zürich Umschlaggestaltung: Mike Bierwolf Porträt von Murray Bail auf Seite 5: © Richard Gosling Satz und eBook-Umsetzung: Dörlemann Satz, Lemförde ISBN 978-3-03820-942-3www.doerlemann.com
Inhalt
Murray Bail
Es war weniger eine überstürzte Flucht aus Europa, es war vielmehr eine langsame Rückkehr nach Sydney, statt in ein Flugzeug zu steigen, was einfacher gewesen wäre, hatte Delage sich entschlossen, per Schiff zu reisen, nicht mit einer der P&O-Königinnen, sondern mit einem Containerschiff, vollgestapelt mit rechteckigen Boxen in diversen ausgebleichten Farben, das auf seinem Weg in einem halben Dutzend Häfen Halt machte. Auf dem Schiff – es trug den Namen Romance – würde Stille herrschen, so hatte er sich vorgestellt. Keine vollkommene Stille: Wenn jemand wusste, dass es immer und überall irgendwelche Geräusche gab, wie schwach auch immer, und bestünden sie nur aus einem entfernten Echo, dann der spezialisierte Fabrikant Delage. Eine der Verlockungen für Delage bestand darin, dass lediglich fünf weitere zahlende Gäste an Bord wären. Ein Priester, der in La Spezia hatte zusteigen sollen, hatte die Reise abgesagt. Delage würde eine Kabine für sich allein haben. Abgesehen von einem gelegentlichen »Guten Morgen!« und einem gelegentlichen »Danke schön« freute er sich, nach allem, was er durchgemacht hatte, auf dreiunddreißig Tage der Ruhe, in denen er weder über sich selbst würde sprechen noch andere bemerkenswerte Gespräche jedweder Art würde führen müssen. Die meisten Dinge sind es nicht wert, gesagt zu werden, auch wenn sie unverdrossen immer wieder gesagt werden. Was gesagt wird, ist eine Abwandlung dessen, was bereits gesagt worden ist (schon viele Male). Von dem Moment an, da Delage europäischen Boden betreten und zu sprechen respektive anzupreisen begonnen hatte, war ihm bewusst geworden, dass seine Stimme lediglich dem etwas hinzufügte, was bereits seit langem da war. Die dunklen Bäume, die Straßen und Boulevards, die Kleidung der Menschen und der Ausdruck, der ihre Münder umspielte, sogar die Luft, die sie atmeten, flimmerten oder wimmelten von der Anhäufung von Wörtern, eine Verstopfung im Gewand des Überdrusses an der Welt. Man hätte denken könne, sie wären interessiert an den Sichtweisen eines Außenstehenden, der aus der entgegengesetzten Richtung gekommen war, im wahrsten Sinne des Wortes vom Arsch der Welt. Doch nein, nicht wirklich – auch wenn die neue Welt darauf verweisen konnte, frei von aller Tradition neue Methoden, frische Lösungen hervorzubringen. Nein, man zeigte kaum oder gar kein Interesse, man zog es vor, an dem einen immer gleichen Flecken zu verharren. Besonders in Wien bestanden diese außerordentlich eleganten, unerbittlichen Gestalten mit ihren geradezu unnatürlich gebräunten Gesichtern, die zweifellos von einem nicht lange zurückliegendes Skilaufen in den Alpen herrührten waren und in eigenartigem Widerspruch zu ihren silbergrauen Haaren standen, auf ihrem Lächeln zu allem, was er sagte, wobei einige, und zwar die Frauen, ihre blauen Augen auf ihn gerichtet hielten und in Gelächter ausbrachen. Sie kannten ihren Mozart, ihren Beethoven und ihren Brahms. Wie oft mochten sie die Jupiter gehört haben? Strauss war zu ihnen nach Hause gekommen und hatte im holzgetäfelten Salon auf dem Klavier gespielt. Es dauerte nicht lange, und sie warteten auf mit beiläufig, irgendwie wegwerfend erzählten persönlichen Anekdoten über den armen Schönberg. Die Tochter eines dieser Menschen, Elisabeth, die er auf einer Soiree kennenlernte – sie sprach ausgezeichnetes Englisch –, führte ihn am darauffolgenden Nachmittag in eine Gasse hinter dem Dom und zeigte ihm die Wohnung, wo Mozart unter anderem Figaros Hochzeit komponiert hatte. Als er in den ersten Stock hinaufstieg, wurde Frank Delage bewusst, dass Mozart auf ebendiese recht ausgetretenen Stufen seinen Fuß gesetzt hatte. Der Holzboden in den Zimmern knarrte hörbar, es standen ein paar zerbrechliche Möbelstücke herum, so dass der Besucher kaum mehr als die bloßen Räume wahrnahm, in denen sich Mozart und seine Familie bewegt hatten, sowie den Blick hinab auf die Straße, den er zweifellos vom großen Fenster aus genossen hatte. Elisabeth war zu Delages Überraschung nie zuvor hier gewesen. Sie war in Wien und insofern mit der Musik aufgewachsen, die ihre Familie hörte und spielte und zu der sie im Takt mit dem Kopf nickte; natürlich ging sie davon aus, dass auch er, wie jedermann in Wien, Musik mit der Muttermilch eingesogen hatte.
Es lag in der Natur des von ihm erfundenen Produktes, dass er Europa, das eine »Schlüsselrolle« spielte, wie es einer seiner Investoren mit ernster Miene gesagt hatte, nicht links liegen lassen durfte. Und gemessen an durchschnittlichen wirtschaftlichen Standards ließ sich sein Angriff auf die Festungsmauern des alten Europa schwerlich als Erfolg bezeichnen. Er hatte zumindest gehofft, einen Fuß in die Tür zu bekommen; nun, da Wien und die Option auf Berlin hinter ihm lagen, war er unsicher, ob ihm dies gelungen war. Schon erwog er, vielleicht noch einmal zurückzufahren! Ganz gleich, ob er es täte oder eben nicht täte, er beschloss, weniger zu reden. Das war etwas, das er von den unerbittlichen Österreichern gelernt hatte, auch von den Deutschen. Mit Menschen, die nie aufhörten zu reden, stimmte irgendetwas nicht. Fern von der Heimat neigen die Australier zur Redseligkeit, ohne dass irgendjemand irgendwo darüber nachdenkt oder sich dafür interessiert, was sie sagen. Er für seinen Teil war kein gesprächiger Mensch, normalerweise nicht, aber in Europa kam es darauf an, mit den Leuten vor Ort ins Gespräch zu kommen, wie auch immer. Elisabeth gegenüber hatte er das Wort »Piano« nicht ein einziges Mal erwähnt. Nach dem Besuch im Mozart-Museum gingen sie in ein Kaffeehaus hinter dem Dom, wo sie von ihrer Familie, den Schallas, erzählte, als würde er über sie Bescheid wissen, wobei sie an ihrer wirren Begeisterung für ihren Vater festhielt. Wenn man alles zusammennahm, war in Wahrheit sie es, die die meiste Zeit redete. Im Gegenzug sprach Delage von seiner Schwester in Brisbane, die nicht selten drei-, viermal am Tag anrief. Mal plapperte sie über Belanglosigkeiten, mal klagte sie über Umstände, an denen sie nichts ändern konnte, zum Beispiel über das für die Jahreszeit ungewöhnlich regnerische Wetter, oder sie berichtete von den Fortschritten bei der selbst gestellten Aufgabe, die sie eigentlich rein gar nichts anging, nämlich ihm eine Frau zu finden, zumindest eine »mögliche Frau«, wie sie es ausdrückte. »Meine Schwester würde, begraben unter nassem Zement, weiterreden. Sie hat psychische Probleme, so wie ich das sehe. Sie muss alles rausspucken. Sie muss sich selbst reden hören«, so erzählte er ganz in der Nähe vom Graben, in jener Stadt, wo alles in halbwegs horizontaler Lage seinen Anfang genommen hatte, in der Berggasse, der vertrauensselige endlose Satz. »Zweifellos stimmt irgendetwas nicht mit ihr«, fuhr er fort und wollte sich die Augen reiben, obwohl er wusste, dass mit seiner Schwester alles in Ordnung war. »Sie redet über alles, was ihr gerade durch den Kopf geht. Wir ähneln uns kein bisschen.« Sperr sie zusammen in ein Zimmer und sie sehen nicht einmal aus wie Geschwister. »Wie sie heißt? Jo – Kurzform für Joan.« Elisabeth verzog anteilnehmend das Gesicht. Das einzig Interessante, was seine Schwester je geäußert hatte, soweit sich Delage erinnern konnte, war ein Kommentar zu ihrem neuen Stiefvater: »Er isst zu viel Marmelade.« Reden ist vollkommen in Ordnung, solange es um etwas geht.
Es ist am besten, Gedanken nicht auf Anhieb zu äußern. Ist es nicht am besten, einen kleinen Moment zu warten? Ein zusätzlicher Vorteil liegt darin, dass man den Eindruck erweckt, ein nachdenklicher Mensch zu sein und insofern jemand, dem zuzuhören sich lohnt.
Das war eine der klugen Überlegungen, die er schon vor Ewigkeiten angestellt hatte, ohne sie jemals in die Praxis umzusetzen.
Frank Delage trug immer ein Notizbuch bei sich, um Dinge aufzuschreiben, die er las und hörte, so wie Leute Zigarettenstummel aufsammeln, weil sie einem eines Tages nützlich sein könnten, nicht bloß Lebensweisheiten, wenngleich es sich im Wesentlichen um solche handelte, auch ungewöhnliche Formulierungen, Beschreibungen, er mochte den Klang einzelner Wörter. Ein grüner Füllfederhalter steckte einsatzbereit in seiner Hemdtasche und ließ auch auf ein gewisses Ausmaß an Energie schließen, es galt, ein Pensum an Aufgaben zu erledigen. »Lassen Sie mal sehen«, sagte Elisabeth aus der Von-Schalla-Familie und begann, die Seiten durchzublättern. »Das menschliche Gesicht ist die interessanteste Landschaft auf Erden« – einer seiner Favoriten. Er wusste nicht mehr, wo er ihn aufgegabelt hatte. »Denken ist danken.« Irgendwo anders war er auf die Beschreibung eines Gummibandes »von der Farbe des Bauches einer Nonne« gestoßen, was er sich sofort notiert hatte, auch wenn sich keinerlei nützliche Weisheit darin verbarg. Es genügte, um Elisabeth zu veranlassen, das Kinn zu neigen, als läge sie, auf die Ellbogen gestützt, am Strand, und ein kleines Lachen auszustoßen, nicht gänzlich unbeabsichtigt, denn es bot Delage die blasse Biegung ihres österreichischen Halses dar. Elisabeth war Mitte dreißig. Nett von ihr, dass sie alles hatte stehen und liegen lassen, um ihm, einem Fremden, Wien zu zeigen. Offenbar war sie unabhängig und verfügte über die nötige Zeit, sie konnte tun und lassen, was sie wollte. Jedes Mal, wenn er sie ansah oder eine Frage an sie richtete, schaute sie fort. Er hatte zahlreiche Notizbücher vollgeschrieben. Ein derartiges Bestreben, die Gedanken anderer Menschen festzuhalten, konnte den Verdacht nahelegen, Frank Delage sei in eigenen Dingen unentschieden, er bestünde im Wesentlichen aus den Überlegungen und Meinungen anderer. Es gab aber ein Thema, zu dem er eine klare und eigenständige Meinung hatte, zu dem er wusste, was getan werden sollte und musste, und wann immer er über dieses Thema sprach, verzichtete er darauf, sich der Worte ausdrucksstärkerer, selbstbewussterer Leute zu bedienen. Bei diesem Thema konnte Delage, der Fabrikant, hartnäckig sein, sarkastisch, er konnte sich empören, entschlossen, die sich ihm in den Weg stellenden Kräfte zu vernichten oder mindestens zu schwächen. Es war ein bemerkenswertes Produkt, sein Produkt, in jeder Hinsicht, ein Beispiel für den Erfindungsreichtum der Neuen Welt. Viele Jahre lang hatte es sein Geld verschlungen, und zwar verdientes und geborgtes Geld, größtenteils geborgtes, so dass ihm weder Zeit noch Mittel blieben, um andere Dinge zu verfolgen. Mit sechsundvierzig Jahren und einem immer noch vollen dunklen Haarschopf lebte Delage allein, und seine Schwester wurde nicht müde, überflüssigerweise wieder und wieder darauf hinzuweisen, dass er sich, auch wenn er nicht unbedingt einsam war, zu einem scheuen, einem unkonzentrierten Mann entwickelt hatte.
»Ist dir aufgefallen«, sagte sie am dritten oder vierten Tag, »dass die Bewegung des Schiffes uns Worte entlockt, Worte, die ich normalerweise nicht benutzen würde?« Er registrierte den Leinenärmel auf der Reling, der den seinen beinahe berührte.
Überall um sie herum nur Hügel und Täler, ungefähr hüfthoch. Das Meer gab sich alle Mühe, das Land nachzuahmen. Alles war pechschwarz, Trostlosigkeit. In den Augen der Frau lösten sich die Schaumbahnen auf in Streifen feiner Spitze. Ich könnte mir das tagelang ansehen. Es war das Meer, dem eine beruhigende Wirkung nachgesagt wurde. Und von ganz tief unten drang wie in einem Bergwerksstollen die Kraft der gewaltigen langen Maschine durch die Stahlplatten des Schiffes nach oben, ließ die Reling erzittern und das Gefühl aus den meisten ihrer Zehen schwinden, ihre Füße steckten in Sandalen und erschienen ungewöhnlich weich und bedeutungslos auf dem Eisendeck, die Sandalen golden, mit schmalem leicht erhöhtem Absatz, unangemessen, obwohl extra angeschafft, das Schiff, trotz seines Namens, gänzlich schmucklos, von Weichheit ganz zu schweigen, alles aus Stahl geschnitten oder geschweißt und überproportional groß, Muttern, Bolzen, Kurbeln, Luken, Ketten, Nieten groß wie Essensteller, eine ganz und gar stählerne maskuline Komplexität. Was für eine Maschine: unaufhaltsam in Betrieb, Tag und Nacht. Delage interessierte sich generell für mechanische Welten, war für sie empfänglich. Wenn man ihn fragte, konnte er wahrscheinlich die Funktion der meisten Teile erklären, obwohl ihn die in einem bestimmten Winkel geneigten Fenster auf der Brücke ratlos machten. Die Aufbauten und Relings waren weiß, alles andere hatten die Schiffseigner in einem grellen matten Orange gestrichen. »Stell dir bloß mal vor, wie deren Wohnzimmer in Hamburg aussehen müssen.« Wenn Delage etwas in dieser Art zu der Frau gesagt hätte, die neben ihm stand, einer Frau, die Geschmack hatte, wenn man von ihren unpassenden goldenen Sandalen einmal absah, sie hätte ihn mit dem Lachen einer Frau belohnt, dessen verschwörerische Absichten nicht zu überhören gewesen wären. Es gibt einen immerwährenden männlichen Instinkt, in einen humoristischen oder gar clownesken Ton zu verfallen, um eine Frau zu beglücken oder ihre Gedanken zu zerstreuen. Es wird jeden Moment losgehen; das war eine von Elisabeths Erwartungen, die sich schon früh ausgeprägt hatten. Ihr Vater hatte sie mühelos zum Lachen gebracht, nicht aber ihre Mutter. Natürlich kann so etwas prekäre Peinlichkeiten mit sich bringen, Fettnäpfchen, Verirrungen der schlimmsten Art, wie man so schön sagt, witzige Bemerkungen und Kalauer, die haarscharf daneben liegen, die keinen Sinn ergeben, die allzu durchschaubar sind oder einmal zu häufig wiederholt wurden, während Ironie fast nie funktioniert; und dennoch besteht bei Männern das Bedürfnis, fortzufahren – für Frauen den Clown zu geben, Grimassen zu ziehen, schlichten Unsinn zu verzapfen, jede Menge Plattitüden zu produzieren, ganz egal. Ein gewisses Maß an Unbekümmertheit ist gestattet. Für die Frau wird es dadurch leichter, die gewichtige, aufdringliche Gegenwart von Männern zu ertragen. Delage sagte in diesem Fall nichts, die Frau wandte den Blick ab vom Meer und lächelte trotz alledem. Sie war draußen auf dem Meer, in sicheren Händen, eine warme Brise strich über ihre Wangen, Seevögel, die von irgendwoher kamen und hinabschossen auf das Schiff. »Sag bloß nicht ›Boot‹. Das sagen die Amerikaner. Dies ist ein Schiff.« In Wien bewegte sie sich mit der lässigen Autorität einer Ortskundigen, an Bord des Schiffes auf dem Weg nach Sydney, wo jeder Milimeter ein Geheimnis barg, hart, dick mit Farbe übertüncht, in einer Vorwärtsbewegung, ein wenig instabil, hatte sie sich in die Hände anderer begeben, war sie »ganz und gar Teil des Meeres?«, wie Delage es formulierte, auch wenn er es nicht gänzlich ernst meinte.
Indem sie die drei konisch geformten Beine des Vorführmodells seiner Firma entfernten und alles weich abpolsterten und in einer Kiste verpackten, konnte Delage das Instrument als persönliches Gepäck mit an Bord nehmen, denn sein kleiner Fabrikationsbetrieb am Stadtrand von Sydney, der im Wesentlichen aus elf halbwegs zufriedenen Mitarbeitern bestand, die meisten von ihnen Handwerker, suchte stets nach Möglichkeiten, um Geld zu sparen. Es war die Buchhalterin, die die Lücke in den Bestimmungen für persönliches Gepäck entdeckt hatte. Sie war Slowakin, eine ungewöhnlich adrette, humorlose Frau in den Vierzigern, die zurückblieb, nachdem ihr Taugenichts von einem Ehemann sich in die Heimat abgesetzt hatte. Beim Bewerbungsgespräch hatte sie angeboten, umsonst oder nur für den Mindestlohn zu arbeiten, »denn Sie müssen wissen, ich glaube an die Musik«. Hier hieß es Aufpassen für Delage. Viele von denen, die sich für eine medizinische Laufbahn entschieden hatten, weil sie daran glaubten, etwas Gutes zu tun, entpuppten sich als die lausigsten Ärzte, die man sich vorstellen konnte; und Politiker, die an das Gute im Menschen glauben, haben in aller Regel keinen Erfolg – genau wie jenen Leuten, die die Kunst allzu sehr lieben, meist jede Vorstellung davon fehlt, was ein gutes oder ein schlechtes Gemälde ist; am Ende sitzen sie da mit einer zusammengewürfelten Sammlung von viel zu vielen Arbeiten, von denen keine ihr Geld wert war. Aber die slowakische Buchhalterin hatte die Dinge sehr rasch im Griff, sie vereinfachte die Abläufe und mehr, sie fand Einsparungsmöglichkeiten an den am wenigsten wahrscheinlichen Stellen, und es gelang ihr, die ungeduldigen Banken auf jene Positionen zurückzuweisen, die ihnen gebührten. Sie wurde bei Gesellschafterversammlungen hinzugezogen, um Zahlen zu erläutern, bis es ihr zur Gewohnheit wurde, nicht länger draußen zu warten, sondern drinnen auf einem Stuhl an der hinteren Wand zu sitzen und ihren kurzen Rock mit kleinen unruhigen Bewegungen ihrer Hand glattzustreichen, jederzeit bereit, sich mit Antworten auf jedwede Fragen zu Wort zu melden. Delage war nicht der Einzige, der sich fragte, wie sie ohne sie zurecht gekommen waren, auch wenn, wie er Elisabeth sagte, natürlich kein Mensch unersetzlich sei. Wenn er ihre Anfälle schilderte, die von Ultimaten über Ohren zuhalten bis zum Zerbrechen von Bleistiften reichten, was den mehr oder weniger banausigen Dilettantismus in Büro und Manufaktur widerspiegelte, wollte Elisabeth mehr wissen. Interessierte sie sich für die Hysterie einer anderen Frau? Andererseits schien sie deren Verhalten nicht über die Maßen ungewöhnlich oder extrem zu finden. Sie waren auf der Romance, standen zusammen auf dem Brückendeck, eine Brise wehte ihnen ins Gesicht, von den Bewegungen des Schiffes belebt. Seit die Buchhalterin ihre Arbeit im Büro aufgenommen hatte, fuhr Delage fort, und sich als die profilierte, die zuerst kam und als Letzte ging, unterstellte man, sie habe kein Leben außerhalb der Arbeit, bis eines Morgens, als sie elend aussah und in den Waschraum geeilt war, mehrere Frauen ganz ruhig verkündeten, sie sei schwanger. Erst da erinnerte sich Delage, dass er sie irgendwann abends in einer Kneipe gesehen hatte, weit entfernt von der Fabrik, wo sie zusammen mit dem Lehrling in einer Ecke saß, der große rote Ohren hatte und mindestens zwanzig Jahre jünger sein musste. »So«, sagte Delage, der befürchtete, zu viel geredet zu haben, »das ist unsere hoch gepriesene Buchhalterin. Dank ihres Talents für Sparsamkeit bin ich hier – reise über den Ozean, mit jeder Menge Zeit.« – »Hat sie das Kind bekommen?«, wollte Elisabeth wissen. »Bisher noch nicht. Jedenfalls soweit ich weiß.« Er war in Wien eingetroffen mit einer Reihe von Empfehlungen für Menschen mit Einfluss, und er musste mindestens einen dieser Menschen für sich gewinnen, um sich überhaupt irgendwelche Hoffnungen auf den Erfolg seiner Mission zu machen, und wenn Erfolg auch nur bedeutete, nicht umgehend abgewiesen zu werden, sondern ein Überdenken der lange etablierten europäischen Selbstverständnisse zu bewirken, so wie ein einziger Pfeil das Gemäuer einer belagerten Festung zum Bröckeln zu bringen und eine kaum wahrnehmbare, aber fortschreitende Unruhe in die Reihen der Verteidiger zu tragen vermag. Was er brauchte, war die Gelegenheit zu einer Vorführung – nachdem er zunächst die radikal neue Konstruktion seines Konzertflügels hatte erläutern können. Zweifellos würde die Vernunft sich Bahn brechen; man würde verstehen, worum es im Kern ging; die Vernunft und die mechanische Wirkungskraft waren der Ursprung des charakteristischen neuen Klangs.
Kurz nach seiner Ankunft trat Delage vor die Tür seines Hotels und verschaffte sich einen Eindruck von seiner Umgebung, die keinerlei Rückschlüsse zuließ und ihm lediglich vor Augen führte, dass er keine ausreichend warmen Sachen dabeihatte, und wieder auf dem Zimmer fing er an zu arbeiten, verteilte seine Papiere über das Bett, telefonierte, schickte E-Mails, stellte Listen auf. So viel zu den persönlichen Empfehlungen! Viele waren nicht mehr am Leben, waren vor Jahren verstorben, was ihm sogar die Concierge hätte sagen können, andere waren in progressivere Zentren der Musik verzogen, nach Berlin, nach Amsterdam oder in die endlosen blühenden Landschaften der Vereinigten Staaten, während wieder andere sich als nicht erreichbar erwiesen, jedenfalls zunächst. Hier ist die Rede von den Direktoren der Musikhallen und dem über alle Maßen wichtigen Konservatorium, wie auch von den bedeutenden Musiklehrern und, man hatte Delage gewarnt, dem Musikredakteur der bedeutendsten Tageszeitung, der aussah wie Bertolt Brecht und eine gewisse Genugtuung darin sah, sich weder regelmäßig zu baden noch sich regelmäßig zu rasieren. Entweder waren sie nicht interessiert, oder sie hatten zu viel zu tun, wie bedeutend auch immer er auf seinem Gebiet sein mochte (niemand hatte je von ihm gehört); und wenn den persönlichen Assistenten dieser Direktoren oder Musiklehrer dämmerte, dass er kein Wort Deutsch sprach, wurden einige von ihnen geradezu grob. Alles, was er brauchte, waren fünf Minuten ihrer Zeit, das war nicht viel verlangt. Nach den Begrüßungsnettigkeiten würden aus den ersten fünf Minuten weitere fünf Minuten, in denen er zu Wort käme, erklären könnte, ohne sie aus den Augen zu lassen. Wenn es zu technisch würde, würde er das bemerken und die Marschrichtung ändern. Es war unmöglich, so etwas am Telefon zu erledigen. Es hatte angefangen zu regnen, Wien verdunkelte sich noch mehr, genau wie im Dritten Mann, als Delage aufbrach mit einer Liste von Adressen und einem Touristen-Stadtplan und sich schließlich von einem Verkäufer aus dem Verkaufsraum von Steinway & Sons den Weg erklären ließ, der tatsächlich mit hinaus kam auf die Straße und in die entgegengesetzte Richtung wies – kaum je hatte es eine eindringlichere Demonstration übertriebener Selbstsicherheit gegeben. Nirgendwo kam er über den Empfang oder das Vorzimmer hinaus, wo er wartend auf den unterschiedlichsten Holzstühlen saß, die einvernehmlich mit sämtlichen Fußbodendielen Wiens knatschten, was er die lockeren Fugen des Konservativismus nannte, die Kronleuchter, die quastenbehangenen Lampenschirme. »Ich bekam kaum einen Fuß in die Tür«, erzählte er Elisabeth. »Es hätte sie nicht im Geringsten gestört, mich jahrelang däumchendrehend da sitzen zu lassen.« In einer der Musikschulen konnte er jemanden Klavier spielen hören, und als er zur verzierten Decke hinaufschaute, fragte er sich, warum und wann sich jemand bemüßigt gefühlt haben mochte, in jede Ecke einen blassblauen Trompete blasenden Cherub zu malen (der die »Musik« repräsentierte?), und schon bald begann er sich zu fragen, was er eigentlich hier machte, in Wien, in Europa. Nicht weit vom Hotel befand sich das Café Griensteidl, ein angenehmer Ort für Delage, um zu sitzen und zu warten; er stocherte mit der Gabel in einem Strudel herum und dachte nach über seinen mangelnden Erfolg in der Stadt, genauer gesagt darüber, ob das alles seine Schuld war, ob es mit seiner Persönlichkeit zu tun hatte, mit seiner Art, die Dinge beinahe absichtlich nur zum Teil wahrzunehmen, sich bis zum letzten Moment nicht zu kümmern, und damit, dass er mit bestimmten Leuten zurechtkam oder nicht zurechtkam, in Wahrheit mit den meisten Leuten, und das galt, jetzt, wo er darüber nachdachte, auch für zu Hause. Was für einen Eindruck hinterließ er? Er war sich nicht sicher. Es bestand unter den Europäern eine mangelnde Hilfsbereitschaft, als hätte sie ein Maß an bitteren Erfahrungen auf eine Ebene oberhalb der kleinen Angelegenheiten, der Schwächen gehoben, nur ein winziges Stück weit, aber doch weit genug, nicht dass ihre jüngste Geschichte Anlass zu irgendeiner Art von Begeisterung gab, Wien war nur ein Beispiel unter vielen. Wenn er nicht über diese unschuldige Energie verfügt hätte, über eine Art von Reinheit angesichts aller Indifferenz, hätte er vielleicht einfach der Angelegenheit ein Ende gesetzt, hätte seine Sachen gepackt und wäre nach Hause gefahren. Es kann so schwer nicht sein. Fast sagte er das laut vor sich hin. Es ist doch nur ein Ort.
Delage hatte die Mentalität eines Ingenieurs, obwohl er weder über eine entsprechende Ausbildung noch über ein entsprechendes Diplom verfügte, aber mehr noch hatte er die Mentalität des Erfinders, der sein Interesse einem spezifischen Mechanismus zuwendet, auf den er durch Zufall gestoßen ist – dem unermüdlichen Erfinder ist das Glück hold. Er war ein Mann, der sich leicht vereinnahmen ließ; und als würde er gerade von einer Problemlösung, in die er vertieft war, aufschauen, hatte er eine etwas verblümte Art entwickelt, Menschen und die Welt um sich herum wahrzunehmen. Seine Schwester bestand darauf, dass sein Denken allzu sehr männlichen Grundsätzen folgte, dass er ein interessanterer Mensch wäre, wenn er die weibliche Art zu denken in sein Denken einbeziehen würde. Sie behauptete, dass sich Frauen, so erzählte er Elisabeth, von Männern angezogen fühlten, die über die Fähigkeit verfügten, psychologische Zwiesprache zu halten mit der Frau, das war das Wort, das sie benutzte, »Zwiesprache«, und über die unterschiedlichen Ebenen von Verbundenheit, die dabei entstünden. »Es kommt auf die Kombination an. Interessant«, Elisabeth begann zu nicken, auch wenn sie nicht ganz verstand. Er mochte es, Elisabeth anzusehen, oder sie, immer öfter, mit einem flüchtigen Blick zu streifen. Da stand sie, hielt sich mit beiden Händen an der Reling fest, das Gesicht im Wind, eine Werbung für teure Sonnenbrillen. Während das Meer unter ihnen dahinrauschte, konnte Delage nicht umhin, sich seine Überlebenschancen auszumalen, sollte er unglücklicherweise über Bord fallen, der Schock der Landung im tiefen kalten Wasser, das Strampeln der Beine, und niemand, der ihn bemerkte, während das breite Heck sich langsam entfernte. »Bist du einverstanden mit dem, was sie gesagt hat, deine Schwester?« Elisabeth hatte sich umgewandt. Anstatt das Naheliegendste zu antworten, nämlich dass seine Schwester ihn andauernd anrief, ihm dezidierte Ratschläge gab, vorsorglich, als brauche er Hilfe, sagte er: »Zum Beispiel hat sie mir geraten, ich solle anfangen, mich für Stoffe zu interessieren, ihre Farben, wie sie sich anfühlen.« Eine Unterhaltung besteht grundsätzlich aus Übertreibungen. Wie eine Geschichte erzählt, etwas beschrieben, eine Stimme nachgemacht, eine Idee oder ein Gedanke in Worte gefasst wird, stets wählt man Farben – einen Zuschnitt –, um den Zuhörer zu fesseln. Und Delage war sich stets bewusst, dass er es genauso handhabte, dass er alles tat, um eine stärkere Wirkung zu erzielen, besonders wenn er sich vorbeugte und die Vorzüge seiner bemerkenswerten, wie sie für die Öffentlichkeit bezeichnet worden war, Erfindung, des Delage (Piano), anpries. Frauen erwarteten Aufmerksamkeit, sie gestatteten auch äußerst schändliche Übertreibungen. War es das, was seine Schwester, und auch Elisabeth, offenbar meinte? Bei Unterhaltungen mied Delage, wie er selbst bemerkte, den direkten Blickkontakt mit Frauen, es war nervenaufreibend, wie sie ihm offen ins Gesicht sahen, unbeirrbar, nichts in der Welt schien ihnen verfänglich zu sein, jedenfalls nicht im Gespräch mit ihm, zuletzt hatte er das mit der Rezeptionistin im Hotel erlebt, als Reaktion hatte er es sich angewöhnt, wegzuschauen, irgendwohin, auf die Ecke eines Tisches, zu einem Vogel oben auf dem Draht, auf den vorbeifließenden Verkehr, um sich so den Anblick aller Bemühung zu ersparen, aller angeblicher Wahrheit, die sich hinter dem Gesicht verbarg. Trotz seiner Schwierigkeiten mit dem direkten Blickkontakt empfand Delage, wenn er in ein psychologisches Gespräch verwickelt wurde, eine Verlagerung seiner Interessen auf eine persönlichere, intimere Ebene; und er spürte, wie ein Teil von ihm hinüberfloss zu jener Frau, und von dort zurück zu ihm, die Buchhalterin, so erinnerte er sich, sah auf von ihrem tadellos aufgeräumten Schreibtisch in Sydney, und jetzt Elisabeth. Sie hatten den subtilen Zugriff auf die jeweilige Situation.
