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Ein von seinem sozialen Umfeld für geistig minderbemittelt gehaltener Sonderling entflieht mit seinem Fahrrad aus einer Anstalt für psychisch Kranke. Zufällig kommt er in eine Kleinstadt und gerät dort in einen für ihn undurchschaubaren und surrealen Kampf zwischen einer schier allmächtig größenwahnsinnigen Stadtverwaltung und einer unkonformistischen im Untergrund agierenden Gruppe von Verfolgten. Eine groteske Satire über den ausufernden Regelungswahn der kommunalen Verwaltungen in Deutschland. Bibliographische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet dies Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie. Detaillierte bibliographische Daten im Internet über d-nb.de abrufbar. Nachdruck oder Vervielfältigung nur mit Genehmigung des Autors gestattet. Verwenden oder Verbreiten durch unautorisierte Dritte in allen gedruckten, audiovisuellen und akustischen Medien ist untersagt. Die Textrechte verbleiben beim Autor. Impressum Stefan Kerler – Die Reise nach „R“ [email protected] © 2012 Eigenverlag Alle Rechte vorbehalten Umschlaggestaltung: Peter Zindulka Portraitfoto: Peter Zindulka ISBN 978-3-00-038720-3
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Veröffentlichungsjahr: 2013
186
DIE REISE NACH "R"
Ein satirischer Roman
von
Stefan Kerler
Er schwang sich auf sein Fahrrad und fuhr los. Niemand hatte bemerkt, dass er einfach gegangen war. Frische Socken, T-Shirts, eine Regenjacke, eine Jeans sowie Reiseproviant, bestehend aus einer Flasche Wasser, drei Wurstsemmeln und einigen Müsliriegeln, hatte er in seine Satteltaschen gepackt. In seine Gesäßtasche hatte er lose das, heimlich über die Jahre gesparte, Geld gestopft. So um die fünfhundertfünfzig Euro waren es. Ungefähr.
Und nun radelte er gemütlich vor sich hin. Den Ortsausgang des kleinen Dorfes, in dem er schon seit mehreren Jahren lebte und doch keinen der Einheimischen persönlich kannte, hatte er schon eine Weile hinter sich gelassen. In einer scharfen Rechtskurve auf einem Hügel erschien in der Ferne noch einmal die Silhouette des kleinen Nestes.
Ihm fiel auf, dass das große, graue, lang gezogene Gebäude, in dem er lange Zeit verbracht hatte, überhaupt nicht zu dessen, doch eigentlich freundlichem Erscheinungsbild passte.
Es wirkte wie ein Fremdkörper in der Landschaft und strahlte auch von weitem etwas Bedrohliches, Unheimliches aus.
Sogar von hier konnte man noch die hohen Mauern erkennen, die es umgeben. Die alte Kastanie, deren Äste er von seinem Zimmerfenster aus fast ergreifen konnte, lugte über den Sims.
Den Vögeln, Eichhörnchen und sämtlichem Getier, das sich im Labyrinth der Krone tummelte, hatte er Namen gegeben und sich oft mit ihnen unterhalten. Es waren seine einzigen echten Freunde gewesen.
Eine langgezogene Linkskurve nahm ihm langsam den Blick und die Gedanken auf seine vertraute Umgebung. Die Straße fiel steil bergab und verlor sich in ein großes Waldgebiet.
Wo der Weg ihn wohl hinführen würde, dachte er sich und grübelte darüber nach, wohin er fahren, ob er sich überhaupt ein Ziel setzen oder sich einfach treiben lassen und auf Abenteuer warten sollte, die sich ihm in den Weg stellen und die er dann überstehen, nein, überleben müsste. Welche Wagnisse es wohl sein würden, die in der Ferne auf ihn warten. Die Gedanken darüber beschäftigten ihn eine geraume Zeit und der düstere Wald, den er durchquerte, die bedrohlichen Wolken, die sich über ihm zusammen gezogen hatten, den Regen jedoch noch für sich behielten, beflügelten seine Fantasie.
Das Gehölz um ihn herum wurde immer dichter und dunkler.
Eine, die Straße kreuzende, Wildschweinrotte hatte ihn unfreundlich angegrunzt.
Eine Ricke mit Kitz ergriff in panischer Angst die Flucht.
Ein von einem Auto platt gefahrener Igel blickte ihn aus leblosen Augen vorwurfsvoll an.
Und er hatte immer gedacht die Tiere seien seine Freunde.
Schlagartig wurde ihm bewusst, dass nicht die Tiere seine, sondern er deren Freund war, über all die langen Jahre.
Kein einziges Mal hatte das Eichhörnchen geantwortet, wenn er mit ihm sprach, kein einziges Mal hatte der Eichelhäher von seinem Ast in der Kastanie zurück gekrächzt, wenn er ihm sein Leid geklagt hat.
Immer nur Monologe.
Er war ratlos.
Er dachte an den Mann, der ihn regelmäßig besuchen kam. Dieser hatte über längere Zeit versucht sein Freund zu werden, ihm blödsinnige Fragen gestellt und Ratschläge erteilt, mit denen er nichts anzufangen wusste. Und außerdem, so stellte er fest, waren es immer die gleichen Fragen und die gleichen Ratschläge. Irgendwann hatte er ihm zu verstehen gegeben, dass er auf seine Gesellschaft keinen Wert mehr legen würde, und dass er ihn in Zukunft doch nicht mehr belästigen solle.
Sie schickten dann eine junge hübsche Frau, die allerdings genau dieselbe Art der Unterhaltung mit ihm suchte. Er ließ diese Gespräche länger über sich ergehen. Aber eben nur weil die Frau jung und schön war. Als er ihr dann einmal sagte, dass er sich nicht nur mit ihr unterhalten wolle und ihr an den Busen fasste, besuchte auch die Frau ihn nie wieder. Man ließ ihm seine Ruhe.
Der Wald lichtete sich. Eine schöne grüne Sommerwiese breitete sich vor ihm aus, aus deren Horizont ein Kirchturm wuchs und je näher er diesem kam, erschien auch das dazugehörige kleine Dorf.
Sein Gemütszustand wandelte sich wieder ins Positive und er beschloss, sich in der unbekannten Ortschaft umzusehen. Die Dämmerung setzte bereits ein, als er in dem kleinen Nest eintraf. Menschen waren nicht zu sehen.
Nur vor der kleinen Dorfschänke standen einige Autos und Wirtshauslärm drang auf die Straße.
Etwas ängstlich lugte er durch ein offenstehendes Fenster in den Gastraum. Er stellte fest, dass es noch einige freie Tische gab. Und da er noch nicht so oft in seinem Leben eine Gaststätte besucht hatte, betrat er, etwas verunsichert, die Gaststube und setzte sich an einen Tisch am Fenster, etwas abseits der übrigen Gäste.
Die ausschließlich männlichen Gäste an einem Tisch spielten Karten. Sie hatten ihn beim Eintritt in den Gastraum kurz begutachtet, um sich sogleich wieder ihrer Passion hinzugeben.
An einem anderen Tisch saßen sechs Männer, die in eine angeregte Diskussion über Politik vertieft waren. Sie hatten den Fremden etwas genauer beäugt, ihre Debatte kurz unterbrochen, irgendetwas über Touristen in die Runde geworfen, um sich dann wieder dem viel wichtigeren Weltgeschehen zuzuwenden.
„Was darf ich Ihnen bringen?“ fragte ihn die Kellnerin mit tschechischem Akzent.
„Ein…. nein, äh, ein Wasser, nein - ein Bier bitte“, stotterte er.
Er hatte noch nie selbständig eine Bestellung aufgegeben.
„Ein Bier“, bestätigte die Kellnerin, begab sich hinter die Theke, schenkte ein und stellte es ihm mit einem Freundlichen: „Zum Wohle“, auf den Tisch.
„Danke“, lächelte er sie an.
Er nahm einen Schluck, wischte sich mit dem Hemdsärmel den Schaum von der Oberlippe und blickte, nun etwas selbstbewusster, in den Gastraum.
An einem dritten Tisch saß eine Familie mit zwei Kindern beim Abendessen. Alle waren offensichtlich gut gelaunt und lachten viel. Da die Kinder sehr laut untereinander plapperten, konnte er feststellen, dass sie sich in einem anderen, für ihn unbekannten bayerischen Dialekt unterhielten.
Die Mundart der Männer an den anderen Tischen war ihm dagegen vertraut. Die „hous…, dous…. und wous“ fehlten im Sprachgebrauch der jungen Familie.
Die Männer trugen Arbeitskleidung und schmutzige, klobige Schuhe.
Alle Mitglieder der Familie waren dagegen fein gekleidet. Der Mann trug Anzug und Krawatte, die Frau ein feines Kleid und Schuhe mit hohen Absätzen, wie man sie am Land überhaupt nicht gebrauchen kann. Auch die Kinder waren fesch angezogen, so wie die Kinder in der Provinz nur an Sonntagen.
„Wollen Sie etwas essen“, fragte die Bedienung seine Gedanken störend und er erschrak wiederum.
„Ja…., nein…nicht…, ich hab’ keinen Hunger“, stammelte er.
„Kein Problem“ grinste sie zurück.
„Wir zahlen bitte, Danuta“, rief der Familienvater durch den Raum.
„Wir wollen auf unser Zimmer gehen. Wir sind müde von unserem langen ersten Urlaubstag und der gesunden, für uns ungewohnten Landluft“.
„Sofort, Herr Müller, ich komme schon“, entgegnete Danuta und wandte sich eilends der erschöpften Familie zu.
Sein Blick fiel aus dem Fenster, auf die davor geparkten Autos. Deren Kennzeichen besaßen allesamt drei Buchstaben vor dem Bindestrich. Allein eines davon hatte nur einen Einzigen davor.
Ein "R".
„Aus "R" kommen die also“, sinnierte er
„Wie weit dieses "R" wohl entfernt sein mag?“
Er hatte irgendwann einmal gehört, dass alle Städte, die nur einen Buchstaben vor dem Bindestrich auf dem Autokennzeichen haben, wichtige, große, moderne, offene, tolerante, zukunftsweisende Metropolen sind.
„Gute Nacht“! rief Familie Müller im Chor in den Gastraum und seine Gedankenspiele hinein.
„Goude Nocht“, entgegnete man gelangweilt.
Er schloss sich diesem Gruß murmelnd an.
„Haben Sie noch ein Zimmer frei?" hörte er sich fragen.
„Natürlich“ antwortete Danuta.
„Tragen Sie sich hier in dieses Buch ein, Herr…“?
„Sepp“, schoss es aus ihm heraus.
Sie lachte, „Sepp, wie….“
„Alle nennen mich nur Sepp. Ich heiße eigentlich nur Sepp. Mein, nein, natürlich……Zipflkofer……Sepp Zipflkofer“.
Er trug seinen Namen mit etwas zittriger Schrift in das Gästebuch ein und schob es der Kellnerin zurück über den Tisch.
„Na also, geht doch“, amüsierte sich Danuta kopfschüttelnd.
„Hier Ihr Schlüssel, Zimmer 3, 1.Stock, macht 25,- Euro im Voraus. Frühstück gibt es ab sieben Uhr.“
Sepp bestellte sich noch ein Bier, das er auch gleich bezahlte und mit auf sein Zimmer nahm. Er legte sich auf die mit blütenweißem Bettzeug bezogene Schlafstatt und begann die beiden Wurstsemmeln, die er aus einer der Satteltaschen gefischt hatte, genüsslich zu verspeisen.
Er hatte das Bier auf dem Nachtkästchen neben dem Bett abgestellt und fast ausgetrunken, als er in einen leichten Schlaf fiel. Plötzlich schoss er, wie von der Tarantel gestochen hoch und schrie laut:
„Nach "R" – Abenteuer erleben! Das ist es.“
Er ließ sich wieder zurück in sein Kissen fallen.
Sein Entschluss stand fest. Koste es, was es wolle. Bis zu fünfhunderteinundzwanzig Euro. Ungefähr.
Er schlief tief und fest.
Kiesweg und Urst saßen an ihrem Stammtisch, wie jeden Mittwoch um neunzehn Uhr. Hammelbauer, der Wirt, bediente sie wie gewohnt persönlich.
„Bitt' schön, zwei Helle, wie immer, meine Herren. Haben’s sonst noch einen Wunsch?“
„Nein, vorerst nicht, Herr Hammelbauer. Wir rührn’ uns schon, wenn wir was brauchen“, entgegnete Urst und machte mit der linken Hand eine abfällige Bewegung, die ihm eindeutig bedeutete, sich zu entfernen.
Hammelbauer ließ seine Schultern nach vorne fallen und trat mit leicht gebeugter Haltung, unter ständigem Kopfnicken, drei Schritte zurück, drehte sich um und ging durch die Reihen des gut gefüllten Lokals. Er behielt seine unterwürfige Haltung bei und begrüßte die übrigen Gäste durch sein anhaltendes, sich auf den ganzen Körper übertragendes Nicken.
„Wo bleibt Befrau schon wieder? Dass diese Intelligenzbestie nie pünktlich ist!“ giftete sich Kiesweg.
„Schimpf’ nicht, Albert. Ich geh’ davon aus, dass er, dienstbeflissen wie er ist, Geld für unseren Stadtsäckel eintreibt. Davon können wir ihn doch nicht abhalten, oder?“ lachte Urst
„Ja, wenn nur alle Erfüllungsgehilfen so eifrig wären wie Befrau. Wir hätten bedeutend weniger Finanzprobleme!“ stimmte Kiesweg zu.
Er war nun in seinem Element.
„Clement, ich denke, wir sollten ihn heute Abend wieder einmal so richtig heiß machen. Wir müssen ihm erklären, dass jeder Verwaltungspflichtige dieser Stadt seinen Beitrag zu leisten hat, die Finanzkrise zu bewältigen, um unser Einkommen zu gewährleisten. Und weil diese Spießer nicht bereit sind, auch nur einen Cent freiwillig abzugeben, müssen wir ihm die Bösartigkeit und Hinterhältigkeit dieser Ärsche plausibel machen. Da er sich auch noch auf deren niederen geistigen Niveau bewegt, wird er sie Abzocken bis sie kotzen. Es soll ihm natürlich nicht zu seinem Nachteil gereichen.“
„Fantastische Idee!“ pflichtete Urst bei.
„Du weißt ja, dass ich meinen Untergebenen gegenüber immer als gutes Beispiel vorangehe. Auch in den nächsten Tagen werde ich wieder an der Front sein, um den Mitarbeitern der städtischen Geldbeschaffungsämter zu demonstrieren, dass es keine Gnade gibt, wenn es um das finanzielle Wohl der Stadt geht. Wer nicht mitzieht und nicht spurt, wird versetzt! Zum Abstauben in den städtischen Museen oder so“! giftete sich Kiesweg
„Na, na, na, die unfähigen Mitarbeiter würdest du also in mein Ressort abschieben. Die musst du schon bei dir selber unterbringen. Du weißt doch, ich kann nur Untergebene gebrauchen, die buckeln und mir in den Hintern kriechen. Das mittelalterliche Welterbe kann schließlich nur mit Methoden aus eben dieser Zeit bewahrt werden!“ entgegnete Urst mit spitzbübischem Lächeln.
Sie freuten sich schelmisch über ihre bösartigen Gedankenspiele, prosteten sich zu und genossen einen großen Schluck ihrer wohlverdienten Feierabend-Halbe.
„Du weißt gar nicht wie recht du hast“, sinnierte Kiesweg
Befrau betrat das Lokal, baute sich an der Eingangstür auf und schaute prüfend, den Kopf langsam von links nach rechts wendend, durch den Gastraum. Schlagartig sank der Geräuschpegel. Einige Gäste wandten ihm abfällig den Rücken zu, andere wiederum erwiderten aufmüpfig seinen stechenden Blick. An einigen Stammtischen wurden die Köpfe zusammengesteckt und man vernahm nur noch gedämpftes Murmeln aus diesen Runden. Es war ganz offensichtlich, um wen es ging.
Befrau schleuderte ein zackiges „Guten Abend“ in den Raum, machte eine Wendung nach rechts und begab sich in Richtung seines Stammtisches.
Niemand erwiderte den Gruß.
„Guten Abend, Herr Verwaltungsdirektor, guten Abend, Herr Kulturreferent, entschuldigen Sie bitte die Verspätung. Ich darf mich doch zu Ihnen setzen?“ schleimte er sich heran.
„Hampeln Sie nicht so rum und nehmen Sie Platz. Erklären Sie uns lieber, warum Sie schon wieder zu spät dran sind!" keifte Kiesweg.
„Herr Verwaltungsdirektor, eines sag’ ich Ihnen! Der Schachzug, die Verwaltungsvorschrift über die Regelung des maximalen Abstands von Freisitzen vor der Hauswand öffentlicher Gaststätten zu ändern, war genial. Den erlaubten Benutzungsraum von zwei Metern auf einen Meter und achtundneunzig Komma fünf Zentimetern zu verringern, bringt uns Unsummen an Einnahmen. Die verwaltungspflichtigen Wirte halten sich nicht daran und ich weiß bald nicht mehr, welchen dieser Gauner ich zuerst abzocken soll“, nahm Befrau seinem Chef den Wind aus den Segeln.
„Ha, ich habe es dir doch gleich gesagt. Der fleißige Befrau kümmert sich um unsere finanziellen Belange. Hammelbauer bringen Sie dem Mann ein Bier! Er hat es sich verdient!“ rief Urst durch die Gaststube.
„Wenn Sie sich ihre Kontrollrunden richtig einteilen, könnten Sie mit Sicherheit eine größere Anzahl an Gaststätten in ihre Schikanen mit einbeziehen.“ entgegnete Kiesweg stirnrunzelnd.
„Aber…“, wollte sich Befrau herausreden als ihm Kiesweg ins Wort fiel:
„Kommen Sie morgen zu mir. Ich werde Ihnen eine effektivere Route ausarbeiten lassen. Aber lassen wir das jetzt. Prost meine Herren! Es ist Feierabend und wir wollen uns mit anderen Dingen beschäftigen.“
Hammelbauer servierte gerade Befraus Bier und so nahmen sie einen zufriedenen Schluck, in dem Bewusstsein ein gemeinsames Ziel zu haben.
„Was meinst du mit - anderen Dingen – Albert?" fragte Urst, sich den Schaum von den Lippen wischend.
„Ach, …. ich, ich weiß nicht, wie ich dir das erklären soll. Lass uns doch zuerst noch mit Befrau hinsichtlich neuer Schikanen zur Geldeintreiberei beraten“, versuchte Kiesweg abzuwiegeln.
Sie waren für die nächste Stunde in ihrem Element und dachten sich die irrwitzigsten, hinterhältigsten Bosheiten aus, die für normale menschliche Gehirne schier undenkbar wären.
Der Spaß, den sie darüber hatten, die Verwaltungspflichtigen in Zukunft mit neuestem, bisher ungekannten und unvorstellbaren Verwaltungswahnsinn zu quälen, kannte keine Grenzen.
Ein Großteil der restlichen Gäste im Lokal konnte sich genau vorstellen, was am „Stammtisch des Wahnsinns“, wie sie ihn hinter vorgehaltener Hand nannten, abgemacht wurde. Viele verließen im Angesicht der hämischen Freude über zukünftige Schweinereien, die von diesem Tisch herüberwehte, angewidert das Lokal.
Es war gegen einundzwanzig Uhr dreißig, als Urst plötzlich in Richtung Kiesweg fragte: „Was wolltest du mir eigentlich vorhin erzählen?“
„Ach so, ja. Aber nicht hier. Hast du noch kurz Zeit. Wir müssten noch einmal ins alte Rathaus. Ich muss dir etwas zeigen. Und…, auch etwas beichten“, stammelte Kiesweg leicht aufgeregt.
„Na, da bin ich aber gespannt. Wenn mein Chef mir etwas zu gestehen hat, dann kann das keine Kleinigkeit sein“, erwiderte Urst süffisant.
„Nun mach mal halblang. Wie du schon sagst, bin ich der Chef. Und ab und zu, muss ich auch dich vor vollendete Tatsachen stellen“, entgegnete er, Selbstbewusstsein vorspielend und in Richtung Wirt rief er: „Hammelbauer zahlen!“
Hammelbauer eilte nickenden Kopfes und in gewohnt gebückter Unterwürfigkeit herbei. Er zog seine Geldbörse aus der Gesäßtasche, öffnete sie und nahm einen fünfzig Euroschein und zwei einhundert Euroscheine heraus.
Er legte je einen Hunderter auf die Bierdeckel von Kiesweg und Urst. Den Fünfziger riss ihm Befrau sofort aus der Hand und steckte ihn sich gierig in die Hosentasche.
„Ich hoffe, Sie waren zufrieden, meine Herren! Beehren Sie mich bald wieder. Ich würde mich sehr freuen“, dienerte der Wirt.
„Ist schon gut, Hammelbauer. Steht das Essen am üblichen Platz?“ fragte Kiesweg.
„Natürlich, Herr Verwaltungsdirektor, wie immer“, antwortete er Kopf nickend.
Urst schaute Kiesweg fragend an, steckte den Geldschein in die Hosentasche und stand auf.
Kiesweg und Befrau taten ihm gleich, während Hammelbauer Kopf wackelnd, gebückt in Richtung Küche verschwand. Die Drei äfften ihn nach und begaben sich zum Ausgang.
An der Tür riefen sie vereint ein verächtlich arrogantes: „Gute Nacht, liebe Mitbürger“, in den inzwischen fast leeren Gastraum.
Keiner, der noch Anwesenden erwiderte.
Befrau schloss die Tür hinter sich. Er drehte sich noch einmal um, um sicher zu gehen, dass ihnen niemand gefolgt war. Mit einem Vierkantschlüssel öffnete er ein kleines Türchen, das sich direkt im Eingangsbereich des Lokals befand. Kiesweg stand an der Ausgangstür, um zu sehen, ob sich von draußen ungebetene Zeugen näherten.
Urst stand staunend dazwischen und konnte sich das Verhalten seiner beiden Stammtischbrüder nicht erklären.
„Ich werd’ es dir gleich erläutern“, wiegelte Kiesweg eine sich anbahnende Frage ab.
Befrau nahm eine alte Milchkanne und zwei Blechnäpfe, aus alten Bundeswehrbeständen, aus der geöffneten Mauernische und steckte sie in eine mitgebrachte Plastiktüte, die er aus seiner Hosentasche zog.
„Alles klar, Herr Verwaltungsdirektor. Ich hab’ das Zeug, wir können“, flüsterte Befrau.
„Ich will jetzt wissen…“, ereiferte sich Urst.
Kiesweg legte den Zeigefinger an den Mund
„…..was hier los ist“, flüsterte Urst weiter.
Kiesweg nahm Urst am Arm, zog ihn zu sich heran, deutete in Richtung des alten Rathauses und sie machten sich auf den Weg.
Kurz vor dem Platz mit dem mittelalterlichen Namen „Gelber Leberfleck“, nach dem Durchgang am alten Rathaus, blieb Kiesweg stehen. Es war stockdunkel und niemand konnte sie dort sehen. Eine unheimliche, fast schon Angst einflößende Örtlichkeit. Eigentlich kein Platz um zu verweilen.
Befrau bedeutete er aufzupassen, damit ihnen keine ungebetene Verwaltungsklientel zu nahe kommen konnte.
„Pass’ auf“, begann Kiesweg mit seiner Erklärung.
„Wir haben die Mitwisser für diese Aktion in kleinstem Rahmen halten müssen. Und da du während der Planungsphase mit Sicherheit nicht auf unserer Seite gewesen wärst, kann ich dir erst jetzt sagen was Sache ist.“
„Mach es nicht so spannend“, meinte Urst ungeduldig.
Du wirst es nicht glauben“, fuhr Kiesweg fort, „aber wir haben die gute alte Folterkammer wieder in Betrieb genommen und benutzen sie sozusagen als administrative Befragungsstätte."
„Aber die wurde doch vor drei Jahren von diesen gottverfluchten Einbrechern völlig vernichtet und ausgeraubt. Ich war damals am Boden zerstört“, fiel ihm Urst ins Wort.
„Lass mich bitte ausreden, sonst werden wir hier niemals fertig! Also, die Sache mit dem Einbruch war von uns inszeniert. Alle historischen Gerätschaften wurden vor dem vorgetäuschten Einbruch in Sicherheit gebracht. Das zerstörte Zeug war altes Gerümpel. Die Fragstatt war dadurch für touristische Führungen nicht mehr verwertbar und wurde somit über die Zeit vergessen. Dies war schließlich auch unser Ziel.“
Urst deutete fragend auf Befrau.
„Befrau war ebenfalls eingeweiht, da er in die Instandsetzung der alten Folterwerkzeuge eingebunden war. Außerdem war er unverzichtbar für deren Wiederinbetriebnahme und Erprobung am lebenden Objekt. Letztlich sind diese wunderbaren Werkzeuge über Jahrhunderte ungenutzt in diesen idealen Räumlichkeiten dort unten verkommen. Sie sind jetzt wieder voll gebrauchs- und einsatzfähig.“
„Von wem und für was und wer wird dort unten befragt“, unterbrach Urst, völlig verstört abermals.
„Jetzt kommt’s“, entgegnete Kiesweg geheimnisvoll, „wir haben einen Gefangenen, sozusagen einen Gefangenen der Verwaltung.“
„Wie, einen Gefangenen?“ fragte Urst ungläubig.
Genervt entgegnete Kiesweg: „Du sollst mich nicht immer unterbrechen, hab’ ich gesagt. Aber pass’ auf! Du kannst dich doch an den Trödler erinnern, der vor zwei Jahren verschwunden ist, du weißt schon, der aus der Ebenbildgasse, der uns immer wieder in Schwierigkeiten gebracht hat, weil er zu viel über uns und unsere Machenschaften wusste.“
„Du meinst den langhaarigen, langbärtigen Typen, der mich damals mit meiner Sekretärin erwischt hat, in der öffentlichen Toilette am „Platz des neuen Pfarrers“, zischte Urst.
„Genau den“, lachte Kiesweg leise und berichtete weiter: „ Hör zu, es war so. Befrau bekam von mir den Auftrag, den Trödler unter einem Vorwand hier her ins alte Rathaus zu locken. Wir haben ihn betäubt und nachts in die inzwischen renovierte Folterkammer geschleppt. Dort haben wir ihn festgebunden und zwei Tage in seinem eigenen Saft schmoren lassen. Am dritten Tag stieg ich zu ihm hinab und machte ihm einen Vorschlag, den er auf keinen Fall ablehnen konnte.“
„Und wie sah der aus?“, war Urst neugierig geworden.
„Ganz einfach. Der Trödler musste in die Dienste der Stadtverwaltung treten. Und zwar als administrativer Henker. Er sollte der neue Bediener der renovierten Gerätschaften sein. Seine Kundschaft würde von mir direkt oder von einem Erfüllungsgehilfen angeliefert werden. Er fragte mich natürlich, um welche Menschen es sich handeln würde, die er hochnotpeinlich zu befragen hätte. Ich erklärte ihm, dass es sich überwiegend um aufmüpfige Wirte, renitente Geschäftsleute, widerborstige Künstler und bockige Bürger dieser Stadt handele, die sich wiederholt oder grundsätzlich den Anweisungen der Verwaltung widersetzten“, führte Kiesweg aus.
„Genial, - was hat er dazu gesagt“, wollte Urst wissen.
„Na ja, zuerst hat er sich natürlich geweigert, mein Angebot anzunehmen. Aber auf die Alternative hierzu angesprochen, habe ich ihm klar gemacht, dass er im Fall einer Ablehnung das letzte Mal ein menschliches Wesen zu Gesicht bekommen habe und man irgendwann in einer fernen Zeit seine vertrocknete Leiche finden würde. Natürlich habe ich mich ihm gegenüber auch verpflichtet, im Falle der Annahme meines großzügigen Angebots, für seine Versorgung aufzukommen. Hammelbauer weiß natürlich nicht, wo seine Küchenabfälle hinwandern“, lachte Kiesweg.
„Und er hat angenommen!“ freute sich Urst.
„Blieb ihm etwas anderes übrig?“ triumphierte Kiesweg höhnisch.
„Und er macht diese Arbeit ganz alleine?“ fragte Urst.
„Bei den leichteren Fällen ja, aber bei den Schlimmen geht ihm unser Freund dort zur Hand“, antwortete er, auf Befrau deutend.
„Diese armen Schweine. Von dem möchte ich nicht befragt werden. Aber die Hauptsache ist natürlich, dass es Geständnisse gibt. Und ich kann mir gut vorstellen, dass dort gestanden wird, was das Zeug hält“, amüsierte sich Urst.
Befrau bedeutete mit einer Handbewegung, dass jemand kommt. Die Beiden drückten sich noch weiter in die dunkle Ecke, so dass sie der vorbeikommende Mann nicht bemerkte. Sie durften auf keinen Fall von Verwaltungspflichtigen erkannt werden, um nicht in Verdacht zu geraten, in irgendwelche dunklen Machenschaften verwickelt zu sein.
Das Ansehen in der Öffentlichkeit war allen leitenden Mitarbeitern der städtischen Verwaltung sehr wichtig, da sie nur so die städtischen Verordnungen glaubwürdig durchzusetzen vermochten.
Kiesweg, als Chef der Verwaltung, achtete penibel darauf, dass gegen diese Grundsätze nicht verstoßen wurde. Kam es doch einmal zu Unregelmäßigkeiten, wurde der betroffene Mitarbeiter sofort dorthin befördert, wo er keinen Schaden mehr anrichten konnte.
In extremen Fällen fehlender Loyalität machte der ungehorsame Verwaltungsuntertan Bekanntschaft mit dem Henker….
„Los, lass uns gehen, die arme Sau füttern. Morgen ist auch noch ein Tag, dann werde ich dir mehr über unsere neuen Methoden zur Geldeintreibung berichten“, forderte Kiesweg Urst auf und zog ihn zu einer schweren Eisentür, in einer Nische, hinter dem alten Rathaus.
Urst, als Kulturreferent zuständig für die historischen Gebäude der Stadt, war diese Tür wohl bekannt. Als sie davor standen und Kiesweg mit einem großen Schlüssel, den er aus der Innentasche seiner Jacke zog, aufsperrte, bemerkte er,
„Da geht’s doch über diese geheime Treppe zur Fragstatt hinunter.
Im Mittelalter haben sie über diesen Aufgang solche Einzelwesen entsorgt, die die peinlichen Befragungen nicht überlebt haben. Der Totengräber hat sie dann mit dem Leiterwagen zum Fluss gekarrt und dort beseitigt.
„In der Neuzeit ist’s nicht viel anders, nur dass dieser Weg heutzutage auch noch der Fütterung unseres freiwillig Gefangenen dient“, flüsterte Kiesweg und schmunzelte dabei.
Er öffnete langsam die schwere Tür einen Spalt, gerade so breit, dass alle drei hindurch schlüpfen konnten. Befrau, der als letzter eintrat, zog die Tür hinter sich zu. Er blieb am oberen Treppenabsatz stehen und lugte durch ein kleines Guckloch hinaus auf die Straße, um sicher zu gehen, dass ihnen niemand gefolgt war.
Kiesweg und Urst stiegen langsam die Treppe hinab. Ein fahler Lichtschein wies ihnen den Weg. Mit den Händen tasteten sie sich an der Wand entlang nach unten. Ein widerlicher Geruch, ähnlich einem Gemisch aus verwesenden Körperteilen, Fäkalien und verfaulenden organischen Stoffen, schlug ihnen entgegen. Urst überkam unvermittelt ein Würgereiz, den er nicht zu unterdrücken vermochte und der ihn den ganzen Weg die Stiege hinunter plagte.
Unten angekommen, erreichten sie ein Eisengitter, hinter dem eine erbärmlich aussehende menschliche Gestalt stand. Urst war nicht mehr in der Lage sich zu beherrschen und kotzte den Wurstsalat aus Hammelbauers Küche dem armen Menschen genau auf die nackten Füße.
„Hier, dein Essen für die nächsten drei Tage“, lachte Kiesweg schallend.
Das riesige Kellergewölbe vervielfachte sein höhnisches Gelächter derart, dass man hätte glauben können, man befindet sich in einem ausverkauften Fußballstadion und die Heimmannschaft hat soeben das Siegtor erzielt.
„War nur Spaß, ha, ha, ha, nur Spaß“, freute sich Kiesweg und hielt sich den Bauch vor Lachen.
„Ich find’ das gar nicht so lustig“, röchelte Urst und weiter: „Wann hat sich der Mann das letzte Mal gewaschen? Der Gestank, den dieser Typ verbreitet ist ja unerträglich!“
„Gewaschen, wieso gewaschen? Etwa mit dem Knödelwasser aus Hammelbauers Milchkanne? Hör zu, damit du es endlich kapierst! Hammelbauers altes Knödelwasser ist die einzige Flüssigkeit, die dieser Kretin jeden zweiten Tag serviert bekommt. Und die trinkt er. Zum Waschen bleibt da nichts mehr übrig.
Der Gestank des Henkers ist die erste Stufe der Befragung. Und dass dies bei vielen schon Wirkung zeigt, hast du ja soeben am eigenen Leib erfahren.
„Hunger, Hunger, Hunger“, krächzte der Gefangene zwischen den Gitterstäben hindurch.
„Befrau, bringen Sie das Abendmahl für den Trödler, dalli, dalli!“ schrie Kiesweg die dunkle Treppe hinauf, dass es nur so hallte.
Befrau hastete die Stufen hinab und reichte seinem Arbeitskollegen die Milchkanne und die beiden Blechnäpfe durch die eiserne Absperrung.
Dieser riss ihm das Geschirr förmlich aus den Händen, nahm aufgeregt den Deckel eines der Blechnäpfe ab und stopfte sich den Inhalt mit den bloßen Fingern, hastig würgend in den Mund. Urst musste sich bei diesem Anblick wieder übergeben. Nur dass er dieses Mal neben die Füße des Gefangenen abreiherte, wodurch diesen nur einige Spritzer des Halbverdauten trafen.
Der Anblick des Trödlers war furchterregend. Sein langer Bart war voll von Essensresten. Diverse Tierchen hatten sich schon eingenistet, die er versuchte durch stetiges Kratzen und Ziehen zu vertreiben. Flöhe, die er darin erhaschte, zerdrückte er mit einem hörbaren Knacken zwischen den Fingernägeln seiner Daumen, um sie dann genüsslich abzulecken. Zusatzkost.
Zahnfäule und Skorbut hatten schon etliche Lücken in sein Gebiss gerissen. Hemd und Hose hingen nur noch in Fetzen an ihm herab, seine nackten Füße waren nahezu schwarz, genauso seine Hände. Der Gestank, den er verbreitete war bestialisch.
„Morgen gibt’s wieder Arbeit, Trödler. Du weißt ja, wenn du die Verwaltungspflichtigen dazu bringst alle ihnen vorgeworfenen Vergehen zuzugeben, gibt’s eine Sonderration! Solltest du zusätzlich irgendwelche Informationen über verwaltungsfeindliche Machenschaften aus ihnen herausquetschen, gibt’s einen von Hammelbauers leckeren Schweinshaxenknochen oben drauf. Wenn du allerdings versagst, bedeutet dies, dass dein Magen drei Tage lang kracht“, drohte Kiesweg aggressiv in Richtung des Gefangenen.
„Ich werde mich bemühen, Herr Verwaltungsdirektor“, entgegnete der Trödler eingeschüchtert und fügte hinzu: „Herr Befrau wird mich doch unterstützen, oder?“
„Mit Freude“, warf Befrau begeistert ein.
„So meine Herren, wir sollten diese wohl duftenden Räumlichkeiten verlassen. Es wird Zeit nach Hause zu gehen. Sie wissen ja. Morgen erwartet uns ein arbeitsreicher Tag“, entschied Kiesweg plötzlich.
Dem Gefangenen rief er verächtlich zu: „Überfriss dich nicht, Trödler. Teil dir das Zeug gut ein. Und besauf dich nicht mit dem Knödelwasser.“
Leise schlichen sie sich aus den Untiefen der alten Folterkammer.
Befrau verschloss die Tür und übergab den Schlüssel an Kiesweg. In verschiedene Richtungen verließen sie, sich leise verabschiedend, in Erwartung eines spannenden neuen Verwaltungstages, diese ungastliche Örtlichkeit.
Sepp schreckte hoch. Er stieß mit dem Kopf unsanft gegen die Wand. Er hatte die falsche Richtung gewählt.
Ihm fiel ein, dass er gar nicht zu Hause war. Diese Erkenntnis gab ihm sofort das zuversichtliche Gefühl von Unabhängigkeit und Sicherheit. Er schüttelte sich ab, schwang sich zur anderen Seite aus dem Bett und betätigte den Knopf der Nachttischlampe.
An der Kante sitzend bemerkte er, dass sein Hemd völlig durchgeschwitzt war. Ein Albtraum hatte ihm den Schlaf geraubt. Die Uhr zeigte kurz nach halb drei.
Seine Blase drückte. Er setzte sich auf die Toilettenschüssel und urinierte gemütlich. Der Schlaf schien ihn, dort sitzend, wieder zu überkommen, als er hoch schreckte und die letzten Tropfen in seine Unterhose verlierend, laut schrie:
„…"R"…"R"…, ich will nach "R". Abenteuer erleben. Abenteuer!“
Irgendwer klopfte an der Wand.
„Ruhe – wir wollen schlafen. Wir haben Urlaub!“ beschwerte sich eine Stimme.
Sepp setzte sich wieder an die Bettkante, holte die dritte Wurstsemmel aus seiner Satteltasche und verdrückte sie gierig, als sein Magen mit lautem Grummeln Ansprüche anmeldete.
Er dachte kurz nach und fasste den Entschluss, seine Reise sofort und ohne Verzögerung fortzusetzen. Schließlich hatte er, stellte er fest, den Gedanken nach „R“ zu reisen beim Einschlafen als auch beim Aufwachen. Sein Vorhaben konnte deshalb nur richtig und von Erfolg gekrönt sein.
Er stand auf und packte seine sieben Sachen.
Auf einen Zettel, der am Nachttisch lag, notierte er noch in unbeholfener Schrift:
„Bin schon weg. Sepp.“
Er putzte sich die Zähne, wusch sich das Gesicht und fuhr mit dem Kamm hastig durch die Haare. Den Zettel mit der Notiz und den Zimmerschlüssel platzierte er noch fein säuberlich in der Mitte des kleinen Tisches in einer Ecke des Raums.
Leise zog er die Tür hinter sich zu und schlich die Treppe hinunter.
Aus der Wirtsstube hörte er Geräusche. Er dachte, dass es bestimmt Danuta ist, die dort noch aufräumt oder sauber macht. Er öffnete lautlos die Tür und erkannte einen der Kartenspieler vom Vorabend. Dieser stand an einem der Tische und machte sich mit heruntergelassener Hose an Danuta zu schaffen, die sich mit weit nach oben gespreizten Beinen, vor ihm, auf der Tischplatte räkelte. Beide stöhnten leise. Sepp störte sich jedoch nicht daran, da das Personal bei ihm zu Hause die gleichen Verhaltensweisen an den Tag legte und sich an den unmöglichsten Örtlichkeiten ihren ungezügelten Trieben hingab. Er fand nichts Ungewöhnliches dabei.
„Entschuldigen Sie, ich wollte nur sagen dass, .....“ konnte Sepp seinen Satz nicht vollständig zu Ende bringen, als Danuta erschreckt aufschrie und sich die Hände vors Gesicht hielt.
Der Kartenspieler tobte orgiastisch:
“Hau ab, du Arschloch! Kann man denn hier nicht einmal in Ruhe vögeln?“
„…ich jetzt schon…“, wollte Sepp seinen angefangenen Satz vervollständigen, als der Kartenspieler weiter brüllte:
„Ich hab’ gesagt, du sollst abhauen, sonst schlag’ ich dir die Fresse voll!“
