Die Reise - Zoé von Finck - E-Book

Die Reise E-Book

Zoé von Finck

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Beschreibung

Berlin. Lena und Matthias, beide fünfzehn, verbindet viel. Beide haben keinen Vater, fühlen sich fehl am Platz, testen gemeinsam ihre Grenzen: Sie stehlen das Auto der Mutter, schwänzen die Schule und ziehen nachts um die Häuser. Kurz vor ihrem sechzehnten Geburtstag beschließt Lena, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen und ihren Vater zu besuchen. Heimlich kauft sie mit dem Geld ihrer Mutter für sich und Matthias Flugtickets nach New York. Doch am vermeintlichen Ziel ihrer Sehnsüchte beginnen die Schwierigkeiten erst richtig.

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Seitenzahl: 320

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Zum Buch

Berlin. Lena und Matthias, beide fünfzehn, verbindet viel. Beide haben keinen Vater, fühlen sich fehl am Platz, testen gemeinsam ihre Grenzen: Sie stehlen das Auto der Mutter, schwänzen die Schule und ziehen nachts um die Häuser. Kurz vor ihrem sechzehnten Geburtstag beschließt Lena, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen und ihren Vater zu besuchen. Heimlich kauft sie mit dem Geld ihrer Mutter für sich und Matthias Flugtickets nach New York. Doch am vermeintlichen Ziel ihrer Sehnsüchte beginnen die Schwierigkeiten erst richtig.

Zur Autorin:

Dr. Zoé von Finck (Jahrgang 1978) ist zu ihrem sechzehnten Geburtstag gemeinsam mit ihrem Freund Matthias von zu Hause ausgerissen, um ihren Vater in New York zu suchen.

Wenige Jahre später ist sie allein mit dem Zug von Istanbul nach Damaskus gefahren, weitere Roadtrips und Arbeits- und Sprachaufenthalte führten sie in den Jemen und durch Westafrika.

Heute ist sie Gründerin und Host des Podcasts Ich bin so frei, in dem es um Freiheit, Frauen und ums Anpackgen geht. Sie ist Associate Professor für internationale Politik an der Hertie School und arbeitet seit einigen Jahren als Beraterin zu außen- und wirtschaftspolitischen Fragen im Bundeskanzleramt. Vor der Arbeit schreibt sie in den frühen Morgenstunden im Café.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Vorwort

Dieses Buch ist eine Geschichte der Sehnsucht. Es ist diese ganz besondere Sehnsucht, die wir nur einmal im Leben haben. In der Zeit, in der wir nicht mehr Kind, aber auch noch nicht erwachsen sind. In der der eigene Wert so unklar ist und so stark davon abhängig, was von außen kommt. Und in der es schwer ist, sich selbst zu lieben, weil wir nicht mehr wissen, wer wir eigentlich sind. Oder es noch nicht wissen.

Lena ist sechzehn und macht sich auf die Suche nach der Leerstelle in ihrem Leben. Nach dem Vater, der nie da war. Der die Leere und die Zweifel auflösen soll, die sie so oft sich selbst gegenüber spürt. Der ist unmöglich zu greifen. Ein Name in New York. Weit weg und unerreichbar. In ihrer Phantasie aber ist er strahlend hell. Umso grauer erscheint ihr der Alltag in Berlin. Umso weniger kann sie sehen, was sie eigentlich hat.

Das Ganze ist unmöglich – und sie versucht es doch. Riskieren, verlieren, wieder riskieren. Hinfallen und wieder aufstehen. Egal wie weh es tut. Und dann alles auf eine Karte setzen. Bis das Unglaubliche klappt. Bis sie im Flieger sitzt – in die Stadt der Träume, der unbegrenzten Möglichkeiten, wo alles einfach wird und sie die Sehnsucht endlich stillen will.

In Die Reise nimmt uns Zoé von Finck mit auf diesen Weg. Sie erzählt uns ein großartiges Abenteuer, von Mut und Wagnis, von der Suche nach Liebe und Zugehörigkeit und Gefühlen, die Dich bis ans andere Ende der Welt tragen. Von einem jungen Mädchen, das trotz und wegen aller Zweifel über sich hinauswächst. Und das auf der unmöglichen Suche nach dem Vater sich selbst begegnet.

Anna-Lena von Hodenberg

Geschäftsführerin und Co-Founderin der gemeinnützigen Organisation HateAid, Journalistin u. a. für RTL und den NDR & ausgezeichnet mit dem Digital Female Leader Award 2020

Kapitel 1

»Wollt ihr mit auf eine Spritztour?«, fragte ich Eli und Matthias betont lässig in der großen Pause zwischen der zweiten und dritten Stunde. Salva, ein Klassenkamerad, der das zufällig hörte, sagte sofort: »Ich will auch mit!«

»Wohin?« Reyk, in den ich heimlich ein wenig verknallt war, tauchte aus dem Nichts neben Salva auf.

»Lena hat den BMW von ihrer Alten, wir wollen jetzt damit in der Gegend rumfahren«, erklärte Matthias.

»Ehrlich?« Reyk blickte anerkennend in meine Richtung. »Du kannst Auto fahren? Wie alt bist du, fünfzehn?«

Ich nickte zustimmend. »Hat mir meine Mutter beigebracht, sie wollte unbedingt Zeit mit mir verbringen, da habe ich ihr das vorgeschlagen. Das ist ganz easy.«

Natürlich verheimlichte ich, wie oft mir der Wagen abgesoffen war, bevor ich ein Gefühl für die Gangschaltung bekommen hatte. Aber irgendwann war es mir gelungen, Schalten war cool, besonders das Geräusch zwischen dem dritten und vierten Gang fetzte. Also nahm ich all meinen Mut zusammen und sagte:

»Komm doch mit.«

Eli strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und sah Reyk herausfordernd an. Der schaute in Richtung Fiete und Magnus, mit denen er normalerweise in der Pause abhing, doch die waren mit den Mädchen aus der Parallelklasse beschäftigt. Er zuckte mit den Schultern.

»Okay, bin dabei.«

»Also los!« Innerlich jubelte ich, dass Reyk mitkam. »Wir haben nur zwanzig Minuten!«

Unbemerkt schlichen wir an der Aufsicht vorbei, stürmten aus dem Haupttor und zum Wagen. Matthias, der breiteste von uns vieren, nahm vorn Platz, hinten Eli, Salva und Reyk.

»Wir sind die Geilsten«, johlten wir, als wir mit offenem Fenster und lauter Musik an den Mitschülern der Oberstufe vorbeibrausten. Die Schüler vor dem Haupttor der Marie-Curie-Oberschule staunten nicht schlecht. Die Stimmung war gut. Matthias zündete sich eine Zigarette an und blies den Rauch genüsslich aus dem Fenster.

»So kann man es aushalten. Und jetzt mit dem Wagen in den Süden!«

»Wir könnten doch einfach nach Italien fahren«, schlug Salva vor.

»Oder nach Amsterdam, da kannste überall legal kiffen«, witzelte Matthias.

»Oder nach Paris, city of love«, Eli kicherte.

»Also, wenn ihr wollt, ich mache alles mit.«

Ich fühlte mich unbesiegbar und zu allem bereit. Reyks Anwesenheit im Wagen machte mich zwar nervös, gleichzeitig fand ich es aber toll, vor ihm Auto zu fahren. Sofort wäre ich mit ihm nach Paris gefahren! Konzentriert schlängelte ich mich durch die engen Seitenstraßen und bog schließlich auf die große Bundesallee ab.

»Aufgepasst, Leute, jetzt geht es ab!« Übermütig drückte ich das Gaspedal durch und schaltete vom zweiten in den dritten Gang. Das Auto machte einen kleinen Sprung und ging ab wie eine Rakete. Würde ich es noch über die gelbe Ampel schaffen? Ich drückte noch mehr aufs Gas.

Ein Radfahrer kam bei Rot auf die Fahrbahn gerollt, er schaute in die andere Richtung.

»Lena, pass auf!«, brüllte Matthias.

Haarscharf fuhr ich an ihm vorbei. Wäre er einen halben Meter weiter gewesen, hätte ich ihn gnadenlos gerammt. Mein Herz setzte aus. Im Rückspiegel sah ich, wie er mir empört den Mittelfinger hinterher streckte. Ich wollte gar nicht darüber nachdenken, was passiert wäre, wenn … der Mann tot, ich in Jugendhaft.

Eine Schrecksekunde sagte niemand etwas.

Mit dem BMW von Fler dudelte weiter. Schnell wischte ich die Gedanken beiseite.

»Frank White jagt euch mit dem BMW, BMW, BMW!« Ich tat auf total cool, nahm meinen Arm vom Lenker und schwenkte ihn im Takt mit. Die anderen prusteten erleichtert los, machten mit und schwangen die Arme hin und her.

»Komm, wir machen alle noch ein Selfie. Das muss ich posten.« Reyk holte sein Handy raus. »Wie kommen wir nun zu fünft auf das Bild und man sieht dabei, dass wir in einem BMW cruisen?«

Während sich die Drei auf der Rückbank verrenkten, um Fotos zu machen, bei denen Matthias und ich ebenfalls zu sehen waren, schaute ich in den Rückspiegel. Ein Glück saß Eli am Fenster und zwischen ihr und Reyk Salva. Eli hatte große blaue Augen, lange blonde Haare, einen perfekten stylishen Micro-Pony und war meist sehr figurbetont angezogen. Ihr 75C-Körbchen zeichnete sich deutlich unter dem eng anliegenden weißen Pullover ab und betonte ihre schmale Taille. Neben ihr fühlte ich mich meist wie eine hässliche, dicke Kröte. Zu allem Überfluss war sie auch noch gut in der Schule und das, ohne sich groß anzustrengen. Zumindest tat sie immer ganz überrascht, wenn sie mal wieder eine Eins zurückbekam. Dazwischen saß in Shorts und T-Shirt der schmale Salvatore, den alle nur Salva nannten. Er hatte schwarze Locken und dunkle Augen, seine Eltern waren Italiener. Salva war meistens ziemlich aufgedreht und für jeden Spaß zu haben. Die Schule interessierte ihn dabei nur mäßig. Reyk, der heute mit seinen Shorts und dem dazu farblich perfekt abgestimmten Polohemd wieder aussah wie aus einem Modekatalog entsprungen, erhaschte meinen Blick und lächelte mir aufmunternd zu. Von den Klamotten und vom Auftreten her war er eigentlich gar nicht mein Typ, er war mir viel zu schnöselig und angeberisch. Aber ich glaubte, dass hinter dieser coolen Schale und den durchgestylten Klamotten ein ganz netter Kerl steckte. Zwar verhielt er sich immer so, als ob ihm die Schule egal sei, aber ich hatte gehört, seine Eltern machten wegen guter Noten ziemlichen Druck.

»Lena, dreh dich mal um.« Ich versuchte möglichst unauffällig mein Aussehen im Spiegel zu checken, aber es war ohnehin zu spät. Matthias rückte näher, ich drehte mich um und fertig war das Selfie. Schnell schaute ich wieder auf die Straße. Nicht, dass ich noch tatsächlich einen Unfall baute!

Reyk fummelte an seinem Handy. »Na ja, wir sind alle ein wenig verwackelt, aber es ist trotzdem mega geworden. Das poste ich. #Mitdembmw #Spritztourindergroßenpause.«

Wir lachten. Einige Minuten später parkte ich sicher in derselben Parklücke. Paris war kein Thema mehr. Trotzdem lächelte ich zufrieden in mich hinein.

»Hat jetzt deinen Coolheitswert definitiv gesteigert«, raunte mir Eli respektvoll zu, als wir an einigen Abiturienten vorbei wieder in das Schulgebäude gingen. Ich genoss die anerkennenden Blicke der Oberstufenschüler und versuchte möglichst gerade, dabei dennoch gelassen zu gehen. Aufgekratzt gingen wir gemeinsam zurück in Richtung Klassenzimmer. Keiner der Lehrer hatte irgendetwas mitbekommen. Eli und ich liefen vorweg, hinter uns die drei Jungs.

»Wie findest du es eigentlich in der Klasse?«, fragte Eli unvermittelt, aber vorsichtig.

»Ganz okay, warum?«

»Na ja, ich habe mich gefragt, warum du immer so viel schwänzt …«

Ruckartig blieb ich stehen.

»Das geht dich ’nen Scheißdreck an! Kümmere dich um deine eigenen Sachen!«

Erschrocken wich Eli zurück.

»Frau Golder hat im Physikunterricht vor allen anderen gemeint, wenn du kein Attest mitbringst, dass du am Montag wirklich krank warst, gibt sie dir für die Physikarbeit eine Sechs. Ich wollte es dir nur sagen.«

»Ich bin dir keine Erklärung schuldig.«

Schroff wandte ich mich ab. Was fiel dieser bescheuerten Frau Golder ein, so etwas vor der gesamten Klasse anzukündigen? Und was mischte sich die doofe Streberin Eli überhaupt ein? Um dann auch noch selbst gekränkt zu sein? Ich war echt sauer. Warum konnten mich nicht alle einfach in Ruhe lassen? Nervös biss ich mir auf die Lippen und dachte nach. Das Problem war nur, dass sie leider recht hatte. Das wollte ich natürlich vor ihr nicht zugeben und es machte mir schlechte Laune. Wenn ich mich nicht um ein Attest kümmerte, hatte ich ein wirkliches Problem. Eine weitere schlechte Note würde nur Ärger geben. Vielleicht würde mir mein Hausarzt Dr. Bandel eine Krankschreibung ausstellen?

Salva, Reyk und Matthias hatten uns mittlerweile eingeholt.

»Wo warst du denn, man?«, tönte Magnus und packte Reyk an der Schulter.

»Ich mache hier unser Wochenende klar.« Reyk nickte in meine Richtung. »Lena, du hast doch sturmfrei am Wochenende, da geht doch sicher was bei dir, oder?«

Alle schauten mich erwartungsvoll an. Die Aussicht, Reyk bei mir zu Hause zu haben, verschlug mir kurz die Sprache. Sofort ging das Kopfkino bei mir los. Ich sah uns auf dem Balkon stehen und Reyk würde meine Hand nehmen. »Lena, was ich dir schon immer sagen wollte …« Matthias kam meinem Stammeln zuvor.

»Klar, ist schon in Planung.«

Nach der letzten Schulstunde, ein Glück nur Deutsch, trödelten Matthias und ich so lange, bis alle Lehrer aus unserer Sichtweite verschwunden waren. Dann stiegen wir zwei routiniert in den BMW. Ich schaute mich noch mal um, startete den Wagen und fuhr in Richtung Volkspark.

»Ich biege dann demnächst ab in die Hohenstaufenstraße nach Hause.«

»Warum denn jetzt schon? Macht doch gerade richtig Spaß«, maulte Matthias.

»Na ja, ich habe das Gefühl, dass uns die ganze Zeit ein grauer VW hinterherfährt. Vielleicht sind das die Bullen in Zivil?«

Matthias schaute sich erschrocken um.

»Wo?!«

Ich blickte in den Rückspiegel. Gerade sah ich den VW nicht mehr.

»Wahrscheinlich ist er eben abgebogen. Was wir allerdings machen können, ist, auf dem Weg nach Hause beim Supermarkt in der Winterfeldstraße halten und ein paar Bierkästen für die Party am Wochenende mitnehmen, da du das schon überall angekündigt hast.«

Matthias grinste. »War doch in deinem Sinne, oder? Aber als ob uns jetzt jemand Bier im Supermarkt verkauft. Du musst doch immer deinen Ausweis …«

»Ich spreche einfach jemanden an«, unterbrach ich ihn entschieden. Ich war vielleicht nicht so hübsch wie Eli, aber dafür konnte ich, wenn ich wollte, sehr charmant und überzeugend sein.

Auf dem Parkplatz des Supermarkts angekommen, warteten wir eine ganze Weile, bis wir die passende Person gefunden hatten: ein etwa Achtzehnjähriger im Kapuzenpullover, Jogginghose und lässigem Gesichtsausdruck.

»Da, der da drüben ist perfekt.«

Aus sicherer Entfernung stieg ich aus dem Wagen aus und ging auf ihn zu.

»Hey, kannst du uns helfen und Bier für uns besorgen?« Auf meine charmanteste Art lächelte ihn an.

Er musterte mich kurz. »Meinetwegen, und was bekomme ich dafür?« Er zwinkerte mir zu.

»Pro Kasten ein Bier und eine Einladung zu der Party am Freitag.«

»Die Einladung zur Party reicht schon.« Er hielt mir die Hand entgegen und ich schlug ein. Er hielt meine Hand fest. Ich entzog ihm meine Hand und streckte ihm die zwanzig Euro entgegen. Das Geld hatte mir Muffi, so nannte ich meine Mutter, für Einkäufe dagelassen. Muffi nannte ich so, nicht weil sie muffig roch oder war, sondern weil sie oft so hilflos schien. Eine Verniedlichung ihres hilflosen Wesens und ihrer Überforderung mit meiner Schwester und mir. Ein Muffi-Wesen, welches mit großen Augen durch Überstrenge zu kompensieren versuchte, was sie alles nicht im Griff hatte. Lächerlich!

Der Typ nahm das Geld und ging in den Supermarkt. Zehn Minuten später kam er mit den Bierkästen wieder.

»Gib mal dein Handy, damit ich meine Nummer eintippen kann. Ich bin Tom und wie heißt du?«

»Lena.«

Ich reichte ihm mein Handy.

»Wehe, du lädst mich nicht ein.«

Er grinste und machte dabei eine Grimasse. Ich steckte das Handy wieder in meine Hosentasche.

»Indianerehrenwort.«

Innerlich verdrehte ich die Augen. Ich würde ihm natürlich Bescheid geben, aber wunderte mich, da Tom mindestens achtzehn Jahre alt war. Hatte er nichts anderes vor, als auf Partys von Fünfzehnjährigen zu gehen? Wir warteten, bis er um die Ecke gegangen war, dann luden Matthias und ich die Bierkästen in den Kofferraum und ich fuhr los.

Ich parkte in der Eisenacher Straße, schräg gegenüber von dem Haus, wo Muffi, Sophie und ich im zweiten Stock in einer schönen, riesigen Altbauwohnung mit hohen Decken wohnten. Wir achteten darauf, dass uns niemand beim Bier ausladen sah und überdeckten die Bierkästen beim Tragen mit einer Decke. Anschließend liefen wir durch den begrünten Innenhof, bis wir bei Nummer 101a angekommen waren. Zum Glück begegnete uns keiner der Nachbarn. Ich schloss auf und wir schleppten die Bierkästen zwei Stockwerke nach oben. In der Wohnung angekommen, stellten wir einige Flaschen in den Kühlschrank und machten dann alles für Samstagabend fertig. Wir räumten Muffis kostbarste Möbel in ihr Schlafzimmer. Das war die partyfreie Zone.

Dann nahmen wir in der großen Küche Platz, ich suchte noch ein paar Chips raus und öffnete zwei Bier.

»Und, wie läuft’s mit dir und Eli?« Ich nippte an meinem Bier, lehnte mich zurück und zündete mir eine Zigarette an.

»Ganz okay … Ich finde sie wirklich sehr heiß, obwohl wir noch nicht so richtig viel geredet haben. Ich kann nicht richtig einschätzen, wie sie drauf ist. Sie ist schon ziemlich stylish unterwegs, aber ich finde es eigentlich immer anstrengend, wenn Frauen zu viel Zeit mit ihrem Aussehen verbringen.«

Er sah mich einen Hauch zu lange an. Verlegen schaute ich weg.

»Aber das Resultat gefällt dir dann schon, oder? Gut aussehen sollen sie, aber möglichst so, dass du es nicht mitbekommst.« Ich grinste nur.

»Und bei dir? Was ist der Stand mit dir und Reyk, dem Schönling? Bei dir geht es ja ganz offensichtlich nur um die inneren Werte.«

Matthias musterte mich neugierig und erwartungsvoll.

»Ach, das ist kompliziert. Irgendwie stehe ich auf ihn, andererseits auch wieder nicht. Er ist so ein Snob. Du hast schon recht mit dem Schönling. Ich kann es nicht leiden, wie angeberisch er immer seine Lederhandschuhe an die Hosentasche seiner Jeans knöpft. Außerdem stehen alle Weiber auf ihn. Aber vielleicht macht er nur so auf cool. Und ich blicke überhaupt nicht durch, ob er mich mag. Manchmal flirtet er mit mir und am nächsten Tag lässt er mich vor seinen Freunden wieder links liegen. Vielleicht passe ich nicht in sein typisches Beuteschema, vielleicht will er mich auch nur ins Bett bekommen?«

»Wer würde dich nicht ins Bett bekommen wollen?« Matthias musterte mich absichtlich lange von unten bis oben.

»Mach nicht so bescheuerte Witze. Das nervt und hör auf, mich so blöd anzuglotzen« Sein Witz verletzte mich. Ihn anzufauchen war aber besser als losheulen.

Matthias schaute mich betroffen an.

»Okay, sorry, war doch nur ein Witz.« Er tätschelte meine Schulter. »Aber jetzt im Ernst. Was ist das Problem?«

Ich nahm noch einen kräftigen Schluck Bier. Vor meinem inneren Auge sah ich diese erniedrigende Szene genau vor mir.

»Ich war mal voll in jemanden verliebt. Wir waren ein paar Wochen zusammen und er wollte dann unbedingt, dass ich mit ihm schlafe. Ich habe mich dann überreden lassen, weil ich dachte, sonst macht er mit mir Schluss. Als wir schließlich im Bett lagen und es so weit war, habe ich einen Rückzieher gemacht. Es hat sich einfach nicht richtig angefühlt. Um dann nicht blöd dazustehen, habe ich gesagt, dass wir es getan haben. Das hat er dann genutzt, um die fünfzig Euro von seinem Freund einzukassieren. Die hatten nämlich nur darum gewettet, ob ich es mache. Er hat mich danach sofort fallen lassen und kein Wort mehr mit mir geredet, obwohl es im Bett noch hieß, er liebt mich. Ich stand dann da wie ein Idiot und wollte nicht zugeben, dass ich doch gelogen hatte.«

Ich schluckte.

»Puh, das ist ja ätzend! Kenne ich den Arsch?«

»Nee, er ist auf meiner alten Schule. Ganz ehrlich, er ist der Grund, warum ich die Schule diesen Sommer gewechselt habe. Er hat nämlich allen erzählt, dass wir es gemacht hätten. Dann hat sich die halbe Schule über mich lustig gemacht, dass ich so dämlich war, auf eine Wette hereinzufallen. Ich hatte dann niemanden, dem ich die Wahrheit sagen konnte. Bitte erzähle es aber keinem.« Der Bierdeckel, den ich beim Erzählen verbogen hatte, fiel vom Tisch. Ich hob ihn auf und seufzte. »Das ist mir alles mega peinlich. Ich schäme mich so, wegen der Wahrheit und der Nichtwahrheit. Ich erzähle immer, wir sind umgezogen und deshalb habe ich die Schule gewechselt. Meine Mutter hat das nie so richtig durchblickt.«

Ich sah ihn flehend an.

»Bestimmt nicht. Und jetzt hast du ja mich! Ich kann dir sagen, wenn ein Kerl dich nur ins Bett bekommen will oder wenn er wirklich auf dich steht.«

Matthias sah mir dabei tief in die Augen.

»Das wäre praktisch.«

Ich prostete ihm zu und lächelte erleichtert. Es fühlte sich gut an, die Geschichte Matthias erzählt zu haben, ohne wegen meiner Dummheit verspottet zu werden.

»Außerdem gibt es vielleicht noch ganz andere Jungs, die dich gut finden und die dir nicht nur an die Wäsche wollen.«

Er zwinkerte mir zu. Ich verdrehte die Augen und schüttelte den Kopf.

Matthias seufzte.

»Wenn du es nicht glauben willst, Reyk kommt doch morgen. Er hat sich ja quasi selbst eingeladen.«

Ich nickte.

»Das wird übrigens sicher mega. Ich sage noch ein paar Freunden Bescheid, ist das okay?« Er blickte sich suchend um und erspähte seine Jacke auf der Stuhllehne.

»Klar, soll ja schließlich eine fette Party werden.«

»Wird’s bestimmt. Ich muss jetzt übrigens reinhauen, auf meine Brüder aufpassen.«

Er drückte seine Zigarette aus und stand auf.

»Alles klar.«

Ich schluckte und versuchte mir meine Enttäuschung, so schnell wieder allein zu sein, nicht anmerken zu lassen.

Später war es still und einsam in der Wohnung, fast ein wenig gruselig. Die Dielen in der Altbauwohnung knackten und machten mir Angst. Schnell stand ich noch einmal auf, die Haustür war abgeschlossen. Ich verriegelte auch noch die Zwischentür zwischen Flur und dem Bereich, wo meine Schwester und ich unsere Zimmer hatten. Dann legte ich mich wieder ins Bett, versuchte mich abzulenken und dachte an die Fahrt im BMW. Vielleicht sollte ich es mal auf der Autobahn versuchen? Über hundert Kilometer die Stunde zu fahren, das wäre es! Eine falsche Bewegung und alles wäre vorbei. Alle Sorgen, jeglicher Ärger, aller Liebeskummer. Vermissen würde mich sowieso keiner. Wahrscheinlich würde es sehr schnell gehen und ich würde gar nichts spüren. Genüsslich stellte ich mir meine Beerdigung vor. Mein Vater würde aus New York anreisen und eine Rede halten. Er würde sagen: »Ich kann nicht glauben, dass ich nie wieder die Chance haben werde, Lena kennenzulernen. Sie war so talentiert und so hübsch.« Gleichzeitig würde er lauter schnulzige Sachen sagen, wie die Amerikaner es üblicherweise machen, und alle würden weinen und bedauern, dass sie nicht netter zu mir gewesen waren. Und Muffi? Sie tat mir etwas leid, aber nur ein bisschen. Selbst schuld, wenn man Kinder in die Welt setzte, ohne klarzukommen. Meine Lehrer, besonders die blöde Physiklehrerin Frau Golder, wäre wahrscheinlich eh froh mich nicht mehr sehen zu müssen.

Schließlich schlief ich ein und träumte wirres Zeug vom Autofahren und wie Reyk und Matthias sich um mich prügelten.

Hip-Hop dröhnte aus den teuren Lautsprechern meiner Mutter. In der gesamten Wohnung standen meine Freunde aus der Schule in Grüppchen herum, darunter Reyk, Salva, Eli und Matthias, aber auch viele andere, die ich nicht kannte. Die beliebtesten Plätze waren der Balkon und die Küche, wo fleißig Joints gebaut wurden. Ich hatte meinen Lieblingskapuzenpullover an, auf dem Berliner Ghetto stand und von dessen Schriftzug Blut heruntertropfte, dazu eine schwarze Jeans und meine Vans. Mein vor einigen Wochen selbst gestochenes Augenbrauenpiercing war zum Glück nicht mehr entzündet. Eli hatte mich noch überredet, mir meine grünen Augen stärker mit Schminke zu betonen. Ich lächelte. Heute war ich mal mit meinem Aussehen zufrieden. Die Wohnung füllte sich nach und nach mit immer mehr fremden Menschen. Plastikbecher waren zu Aschenbechern umfunktioniert worden, eine Tüte Chips war umgefallen und die Krümel verdeckten das ursprünglich schöne Teppichmuster im Flur.

»Matthias, wer sind die?«, schrie ich gegen die Musik an und zeigte mit dem Kopf auf die Meute im Gang und in der Küche, »ich kenne die gar nicht.«

»Hat sich wohl rumgesprochen, mit deiner Party. Auf jeden Fall coole Stimmung, nicht wahr?« Matthias kippte sich einen Jägermeister runter. Selbst aus der Oberstufe waren ein paar Leute da, darunter Kolja, ein heißer Abiturient. Leider unterhielt er sich gerade angeregt mit einer großen, langhaarigen Tussi, die betont laut lachte. Ich beobachtete ihn, dann fasste ich einen Entschluss. Ich nahm noch einen Schluck von dem Jägermeister. Dann ging ich ging schnurstracks auf ihn zu und raunte ihm im Vorbeigehen, sodass nur er es hören konnte, zu: »Ich steh auf dich.« Ich merkte, wie mir die Röte ins Gesicht stieg. Wie konnte ich nur etwas so Albernes sagen und warum war mir nichts Cooleres eingefallen? Er dachte jetzt bestimmt endgültig, dass ich ein Volltrottel bin. Trotzdem versuchte ich ungerührt weiterzugehen und spürte dabei seinen Blick im Nacken. Ich zwang mich, mich nicht umzudrehen. Vielleicht hatte er mich eh nicht verstanden … so laut wie die Musik war.

»Mensch, Lena, ich habe Reyks Foto auf Instagram gesehen, bist du gestern allein mit dem Auto zur Schule gekommen? Wie hast du das gemacht?«, sprach mich jemand aus der Parallelklasse an. Eine Traube Neugieriger bildete sich um uns.

Hocherfreut über die Aufmerksamkeit begann ich zu prahlen: »Ich habe einfach den Wagen von meiner Mutter genommen. Also Auto fahren ist total einfach, besonders das Schalten. Ich würde nie Automatik fahren, das kann ja jeder«, tönte ich laut, damit es Reyk ebenfalls hörte. Aber der saß leider völlig betrunken am Boden in einer Ecke und war mit sich selbst beschäftigt. Magnus hockte neben ihm. Er versuchte, ihn zum Aufstehen zu animieren, doch Reyk wollte einfach nicht. Magnus erhaschte meinen Blick und gab mit seinen neuen knallbunten Turnschuhen Reyk einen freundlichen Tritt.

»Der Penner ist total durch.«

Enttäuschung machte sich in mir breit. Wie sollte das mit seinem Liebesgeständnis heute noch etwas werden? Gegen den Frust half jetzt nur ein Jägermeister!

Einige Zeit später saß ich im Bad auf der Toilette, während Eli vor dem Spiegel ihren Lidstrich nachzog. Jemand hämmerte gegen die Tür.

»Das Bier ist alle. Nachschub. Nachschub. Nachschub!«

Wir schauten auf die Badewanne, die kurzerhand zum Kühlschrank umfunktioniert worden war. Dort schwammen nur noch einige wenige etikettenlose Bierflaschen und eine große Fanta.

»Mist, wenn ich jetzt nichts mache, ist die Party im Nullkommanichts vorbei.«

Eli nickte ernst. »Wenn das Bier alle ist, ziehen alle weiter. Ich kann Geld bei den anderen sammeln.« Sie küsste keck mit ihrem roten Lippenstift den Spiegel und sah mich aufmunternd an.

»Ich hole gleich welches«, brüllte ich der an die Tür hämmernden Person zu.

Entschlossen, dem jähen Partyende entgegenzuwirken, kämpfte ich mich torkelnd durch die Menschenmassen in der Wohnung und blickte mich suchend um.

»Matthias, Salva, kommt mal mit! Ich hole Bier von der Tanke.« Die beiden waren auf dem Balkon und bauten sich gerade einen Joint. Eli, die vor Matthias glänzen wollte, hatte sich tatkräftig daran gemacht, Biergeld zu sammeln.

»Hier, das habe ich auf die Schnelle zusammenbekommen.« Sie strahlte Matthias an und hielt ihm einige Scheine und eine Handvoll Münzen entgegen.

Matthias nickte beeindruckt, woraufhin Eli bis über beide Ohren grinste.

Ich nickte ihr zu. »Dann hältst du hier die Stellung, okay?«

Ich nahm den Autoschlüssel vom Haken und ging mit den beiden Jungs im Schlepptau zu unserem BMW. Wir fuhren zur Tanke, die etwa drei Fahrminuten von der Wohnung entfernt war.

»Drei Kästen Beck’s und eine Palette Kleiner Feiglinge«, forderte ich selbstbewusst von dem jungen Aushilfstankwart. Problemlos bekamen wir alles. Salva, der etwas jünger aussah und mit dem wir schon oft Schwierigkeiten an Clubtüren bekommen hatten, wartete im Wagen. Während Matthias und ich die Kästen in den Kofferraum luden, schauten uns zwei Jungs in Kapuzenpullis und Bomberjacken verdutzt von einer Zapfsäule aus an.

»Is’ was?«, pöbelte Matthias, dem der Jägermeister langsam zu Kopf stieg.

»Komm, lass mal«, sagte ich und schob ihn sachte auf den Beifahrersitz.

Erleichtert, das Bierproblem gelöst zu haben, lenkte ich den Wagen schwungvoll auf den Parkplatz, von dem aus wir vor einigen Minuten aufgebrochen waren. Plötzlich hörten wir ein lautes »Ratsch«. Augenblicklich stoppte ich den Wagen.

Matthias war auf einmal ganz ruhig, nur Salva auf der Hinterbank hatte noch nicht mitbekommen, was los war. Vorsichtig stieg ich aus und inspizierte den Wagen.

»Shit, die gesamte Felge ist eingebeult!«

Matthias stieg nun auch aus, um den roten Audi, den ich beim Einparken gestreift hatte, zu begutachten.

»Zumindest ist dem anderen Wagen nichts passiert. Ich sehe jedenfalls nichts!«

Mir war ganz elend zumute. Was sollte ich nur Muffi erzählen? Ihr schönes Auto. Mein Magen zog sich zusammen, der Bier- und Haschkeksmix des Abends tat sein Übriges.

»Ich glaube, ich muss kotzen«, stammelte ich, bevor ich mich neben den beiden Autos übergab. Ich tastete in meinen Hosentaschen nach einem alten Taschentuch und wischte mir den Mund damit ab. Dann atmete ich tief durch und versuchte, wieder klar zu denken. Die beiden sahen mich unbeholfen an. »Ihr geht jetzt am besten rein, nehmt das Bier mit und sagt keinem etwas. Ich parke den Wagen ganz woanders, sodass ich schon mal keinen Ärger wegen des Audis bekomme. Vielleicht hat er doch einen Kratzer und wir sehen es in der Dunkelheit nicht.«

Die beiden zogen ab. Ich fuhr los, meine Beine zitterten so sehr, dass mir der Wagen immer wieder absoff. Nach mehreren Versuchen schaffte ich es schließlich, den BMW zwei Straßen weiter zu parken. Zum Glück waren die Straßen leer.

Zurück in der Wohnung war die Musik immer noch laut, aber es waren schon deutlich weniger Leute geworden. In der Küche sah ich Magnus, der angeregt mit einem pummeligen Mädchen diskutierte. Salva, Matthias und Eli waren wahrscheinlich auf dem Balkon. Ich schaute an mir runter, meine Hose hatte Spritzer von der Kotze abbekommen. Also schlich ich mich in mein Zimmer, um mich schnell umzuziehen. Warum passierte immer nur mir so ein Mist? Ich zog meine Schuhe aus, riss meine übelriechende Hose vom Leib und pfefferte sie in die Ecke. Erschöpft warf ich mich aufs Bett und streckte alle viere von mir. Was für ein Abend, so etwas Doofes aber auch mit dem Auto! Dabei war ich den ganzen Tag so gut gefahren. Was sollte ich bloß Muffi erzählen?

Mein Bett war so gemütlich. Vielleicht konnte ich einfach liegen bleiben? Kurz machte ich die Augen zu. Die Decke war so schön kuschelig. Vielleicht war Reyk ja noch da. Ich stellte mir vor, wie es wäre neben ihm zu liegen und einfach nur Händchen zu halten. Bevor ich tatsächlich wegdöste, erhob mich schnell vom Bett und ging zum Schrank, um eine frische Hose herauszusuchen. Ich konnte nicht auf meiner eigenen Party einpennen!

Auf einmal blickte Kolja in mein Zimmer. Mein Herzschlag setzte aus.

»Ach, dich kenne ich doch! Du bist diejenige, die heute in der Schule mit dem fetten BMW vorgefahren ist.«

Er kam näher ins Zimmer.

»Mhm«, murmelte ich schüchtern, »das war ich. Ich bin Lena.«

Endlich nahm mich Kolja wahr! Hoffentlich hatte er mich vorhin nicht richtig gehört. Was hatte ich mir dabei gedacht?

»Coole Party.«

»Danke. Gerade habe ich Bier von der Tanke nachgeholt«, versuchte ich in einer halbwegs normalen Tonlage zu sagen. Dabei machte ich schnell meine Hose zu.

Interessiert sah mir Kolja dabei zu.

»Dein Zimmer?«

Er schaute sich um. Sein Blick fiel auf mein Bett.

»Mhm.«

»Was für ein Zufall, dass wir auf einmal beide hier sind und du auch noch so krass drauf bist.« Er ging langsam auf mich zu. Ich war wie erstarrt. »Ein geradezu schicksalhafter Zufall«, fügte er hinzu. Er lachte über sich selbst. Dann kam er noch einen weiteren Schritt auf mich zu, zog mich an sich und begann, mich zu küssen.

Wow! Instinktiv riss ich den Kopf zurück. Halbherzig versuchte ich, mich zu entwinden und einen Schritt zurückzugehen. Ich war zwiegespalten: Einerseits schmeckte ich nach Erbrochenem und Bier. Keine guten Voraussetzungen für einen Kuss. Sollte ich mir schnell die Zähne putzen gehen? Auf der anderen Seite war das vielleicht die Chance meines Lebens. Mein Herz schlug schneller. Ich spürte seine muskulöse Brust unter seinem Pullover, sah seine blauen Augen. Würde ich nicht so ekelhaft schmecken, wäre das vielleicht der perfekte Moment.

»Jetzt hab dich nicht so.« Kolja stieß mit seinem Fuß die Zimmertür zu, packte mich fester, schob mich in Richtung Bett.

Binnen einer Sekunde war ich nüchtern, die Situation war ganz und gar nicht mehr romantisch. Kolja blickte mich mit seinen glasigen Augen an und sah von Nahem auf einmal gar nicht mehr attraktiv aus, sondern nur gemein. Wollte dieser Kerl mich wieder nur benutzen? Hatte auch er womöglich eine Wette abgeschlossen, stand sein Freund schon feixend vor der Tür?

»Lass mich los!« Ich roch seine Fahne. Jägermeister. Sein fester Griff machte mir Angst. Ich wollte nicht wieder das Gleiche durchmachen. Ich wollte ihn nicht küssen und schon gar nicht mit ihm im Bett landen!

Auf einmal stand Matthias an der Tür.

»Was ist denn hier los?«

Kolja ließ mich erschrocken los und schaute Matthias kurz verdattert an.

»Äh, nichts«, murmelte er, »die Kleine weiß offensichtlich nicht, was sie will.« Er schaute mich abfällig an und ging rasch an Matthias vorbei aus dem Zimmer.

Ich zog mir meinen BH, der verrutscht war, wieder zurecht und setzte mich aufs Bett.

»Alles okay, Leni?«

Ich schluchzte.

Matthias legte den Arm um mich. Die Tränen liefen.

»Was ist denn passiert?«

»Ach, das war gerade so unwirklich. Ich bin so ein Idiot! Ich weiß nicht, wie eine einzelne Person so dumm sein kann! Vorhin habe ich Kolja ziemlich angemacht und jetzt, nachdem er darauf eingegangen war, war es mir zu krass! Erst habe ich mich geschmeichelt gefühlt, dass er überhaupt wusste, wer ich bin. Auf einmal habe ich aber Panik bekommen, dass er nur mit mir schlafen will. Irgendwie ja auch logisch, wenn ich so einen Scheiß erzähle und ihn anmache, aber ich wollte ja nur, dass er auf mich aufmerksam wird. Was mache ich nur immer, warum stelle ich mich so blöd an? Mir gelingt aber auch rein gar nichts, und warum stehe ich auf so doofe Typen? Ich dachte zwar, nachdem ich gekotzt habe, wäre ich wieder nüchtern, aber mir ist ganz schummrig zumute.«

Matthias blickte mich besorgt an.

»Das sah gerade sehr bedrohlich aus. So als ob …«

Ich weinte noch heftiger. Mein ganzer Körper bebte.

»Es ist doch alles Mist! Bald werde ich sechzehn und mein Leben ist total daneben. Meine Mutter und die Schule nerven total. Auf dieser Schule ist es keinen Deut besser als zuvor, es ist genauso schlimm wie immer. Ich will da nicht mehr hin! Frau Golder, die dumme Physiklehrerin, hasst mich. Sie gibt mir bestimmt eine Sechs. Alles ist so anstrengend. Immer muss ich cool sein vor den anderen, egal, wie es mir geht, sonst wird es gnadenlos ausgenutzt und ich werde fertig gemacht. Und mich versteht ohnehin keiner!«

Alles tat mir weh und ich wünschte mir sehnlichst der Erdboden würde mich verschlucken, damit ich nichts mehr hören und fühlen musste.

»Ach, Leni.«

Matthias, überrascht von meinem Ausbruch, sah mich mitfühlend an.

»Und außerdem hatte ich mir immer vorgestellt, dass mich mein Vater spätestens bis zu meinem sechzehnten Geburtstag aus diesem Elend rettet und mich zu sich nach New York holt. Bis dahin sind es ja nur noch ein paar Wochen. Wenn nicht etwas Krasses passiert, wird das nie etwas!«

Das war eigentlich das, was mich wirklich beschäftigte und woran ich pausenlos dachte. Ich hatte meine ganze Kindheit mit der Vorstellung überstanden, dass er mich bis dahin retten würde. Aber er war weit und breit nicht zu sehen.

Matthias streichelte mir sanft den Rücken, um mich zu beruhigen.

»Was ist denn mit deinem Vater?«, fragte er neugierig.

»Ach, der …«, ich schniefte, »der will nichts von mir wissen.« Es war hart, das so auszusprechen, aber das war nun einmal die Wahrheit. »Er lebt irgendwo in New York und interessiert sich nicht für mich. Ich weiß nicht, warum. Meine Mutter meinte, er wollte einfach keine Kinder. Früher dachte ich, ich bin nur aus Versehen in meine Familie reingeraten. Ich hatte diverse Theorien darüber, was schiefgelaufen sein könnte.

Matthias nickte und reichte mir ein Taschentuch.

»Ich dachte als Kind immer«, flüsterte ich, »dass mein Vater ein berühmter amerikanischer Schauspieler ist, der leider nichts von meiner Existenz weiß, aber davon irgendwann erfahren und dann alles unternehmen würde, um mich zu retten. Er würde mich mit einer großen schwarzen Limousine einsammeln und sich entschuldigen, dass er so lange gebraucht hat. Ich war jahrelang felsenfest davon überzeugt, dass meine Mutter nicht meine Mutter ist, genauso wie meine kleine Schwester nicht meine wirkliche Schwester ist. Ein Irrtum, der bald aufgeklärt werden würde. Oft denke ich es immer noch. Meine Mutter erzählt mir bestimmt bald, ich bin adoptiert oder so.« Ich dachte daran, wie ich mich immer fremd fühlte, als ob ich nirgendwo dazu gehörte, mich niemand haben wollte und meine Existenz nur ein schlimmes Versehen zu sein schien. Ich schnäuzte mir die Nase. »Ehrlich gesagt hoffe ich immer noch, dass mein Vater hier bald auftaucht und mich rettet.«

Ich kam mir albern vor, das so zu sagen, aber so war es.

»Kennst du denn wenigstens seinem Namen?«

»Ja, ich habe ihn gegoogelt. Ein Hollywoodstar ist er schon mal nicht.« Ich grinste.

»Er ist Arzt und arbeitet in Manhattan, in einem großen Krankenhaus. Meine Mutter hat mir erzählt, seine Eltern seien aus Israel. Ständig hoffe ich, er biegt jetzt gleich um die Ecke. Wenn ich dann so Männer in seinem Alter sehe, die mir auch nur ansatzweise ähnlich sehen oder auch bloß braune Haare haben, denke ich immer, das könnte er sein.«

»Solche Gedanken kenne ich«, sagte Matthias leise.

Ich schaute ihn verunsichert an. Wollte Matthias mich veräppeln? War ich zu weit gegangen und er würde sich gleich über mich lustig machen? Ich spürte die Anspannung wachsen. Wenn Matthias mir jetzt weh tat …

»Und du hast ihn nie getroffen?«

Es lag kein Hauch von Spott in seiner Stimme. Erleichtert atmete ich durch.

»Nee, nie. Ich glaube, meine Mutter hat ihm gelegentlich mal Bilder von mir geschickt, es kam aber nie eine Antwort. Er will einfach nichts von mir wissen.«

Ich lehnte mich an die Wand und ließ meine Beine aus dem Bett hängen. Matthias machte es mir nach und wir lehnten beide schweigend an der Wand auf meiner Matratze. Nach einer Weile durchbrach er das Schweigen.

»Mein Vater ist vor drei Jahren abgehauen und nach Australien ausgewandert. Er hat uns, meine drei Geschwister und mich, mit meiner Alten einfach allein gelassen. Sobald ich erwachsen bin, reise ich hinterher und stelle ihn zur Rede. Außerdem will ich gar nicht hier bei meiner Mutter in Berlin sein. Ich habe auch das Gefühl, ich gehöre hier gar nicht hin.«

Seine Worte hallten in meinem Hinterkopf.

»Das wusste ich gar nicht.«

»Nee, ich rede da auch nie drüber. Du ja auch nicht.« Matthias blickte mich vorsichtig von der Seite an.

Ich suchte nach einem Taschentuch, um mir die Tränen wegzuwischen.

»Normalerweise weiche ich immer aus. Ist mir peinlich, dass ich nicht so normal bin wie die anderen, mit Vater und Mutter und so. Das ist so ein Manko.«

»Zuletzt habe ich mich deswegen sogar geprügelt.«

Matthias schaute beschämt auf den Boden.

»Du?! Du kannst doch keiner Fliege etwas zuleide tun. Du bist doch viel zu gutmütig!«

»Doch, doch.« Er atmete tief durch. »Kennst du Ralph, den aus der Parallelklasse? Der hat mich jeden Tag gepiesackt, von wegen meine Mutter sei so hässlich, dass mein Vater abgehauen ist, ich bin so dumm, dass mein Vater sich für mich schämt und so. Da bin ich eines Tages ausgerastet und habe ihn fast krankenhausreif geschlagen.«

»Krass!«

»Er hatte überall Schwellungen und blaue Flecken. Tat mir schon leid. Weil ich noch nie so etwas gemacht hatte, ging es noch mit dem Ärger.«

Wir schwiegen.

Auf einmal schienen wir beide sehr weit weg zu sein von der Unbefangenheit des Partygetöses im Hintergrund. Ich fühlte eine erdrückende Schwere, die mich nach unten zog. Am liebsten hätte ich mir irgendeinen körperlichen Schmerz zugefügt, sodass das alles in meinem Herz nicht so wehtat. Unauffällig bohrte ich meine Fingernägel mit aller Kraft in den Unterarm, um mich vom Schmerz abzulenken.