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Stephanie Ebert ist eine Reisende. Sie reist anders, individuell, alleine, ungeplant und lebt immer inmitten Einheimischer! Wann immer es geht sitzt sie im Flugzeug und befriedigt ihr Fernweh, dass ständig allgegenwärtig ist. Irgendwann reichen ihr 4 bis 6 Reisen im Jahr nicht mehr. Stephanie Ebert will raus! Länger, ohne kurzes Zeitlimit, ohne Druck, möchte sich treiben lassen. Drei Monate veranschlagt sie. Wie daraus ein ganzes Jahr wurde, erfahren Sie in diesem Buch. Sie ist auf der Reise ihres Lebens, legt 155.000 Flugkilometer zurück, verbringt viel Zeit in Bussen, Fähren und Zügen, ständig in engem Kontakt mit der Bevölkerung. Sie bereist in diesem Jahr 52 Länder auf 5 Kontinenten. In ihrem Buch beschreibt Stephanie Ebert nahezu jeden Tag authentisch, informativ und humorvoll, gibt tiefe Einblicke in Land und Leute, benennt ihre Ausgaben für Unterkünfte, Transportmittel und Visa.
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Seitenzahl: 661
Veröffentlichungsjahr: 2019
Ein Traum wird wahr
Vorbereitung
Indien
(K)ein Traum von 1001 Nacht
Vietnam
1600 km von „unten nach oben“
Kambodscha
Alte Tempel und kulinarische Köstlichkeiten
Australien, Neukaledonien und Vanuatu
Kängurus, Koalas und Kokospalmen
Tonga
Am Anfang der Zeit
Fidschi
Südseeträume und Kavanächte
Neuseeland
Stippvisite im Land der Kiwis
Sri Lanka
Perle im Indischen Ozean
Namibia
Unendliche Weiten
Simbabwe, Sambia und Botswana
Gigantische Wasserfälle und wilde Tiere
Mauritius
Sehnsuchtsziel
La Réunion
Frankreichs Tropenparadies
Südafrika/Johannesburg
Vergangenheit und Gegenwart
Brasilien
Lebensfreude pur!
Argentinien, Paraguay und Uruguay
Ein Naturwunder, ein Tanz und die „Schweiz Südamerikas“
Chile
Im längsten Land der Erde
Bolivien
Atem(be)raubende Höhen
Peru
Auf den Spuren der Inka
Ecuador
In der höchsten Hauptstadt der Welt
USA/Miami
Sehen und gesehen werden
Bahamas
Paradies in Türkis
Jamaika
Some smoke today?
Costa Rica
Pura Vida an zwei Ozeanen
Kuba
Wo die Zeit stehen blieb
Puerto Rico
Black out!
Karibik
Ziel erreicht! Land Nummer 100
Trinidad und Tobago
Die „Große“ und die „Kleine“
Guyana
Eine Unbekannte
Suriname
Kultureller Schmelztiegel
Französisch-Guyana
Keiner da!
Frankreich/Paris
Prost Neujahr!
Tansania
Naturreichtümer im wilden Osten Afrikas
Uganda
Im Herzen Afrikas
Ruanda
Land der 1000 Hügel
Kenia
Jambo!
Senegal
Parlez vous français?
Gambia
Smiling Coast
Spanien/Cran Canaria
Im ewigen Frühling
Kapverden
Inseln über und unter dem Wind
Portugal/Azoren
Wo das Wetter herkommt
Zwischen den Welten
Ein Resümee
Ich bin eine Reisende…
… als Kind, Jugendliche und junge Erwachsene allerdings nur in meinen Träumen. Ganz weit weg und unerreichbar schienen die fernen Länder, die wunderbaren Landschaften, die Traumstrände, die anders aussehenden Menschen.
Ich bin ein Kind der 1970er Jahre, aufgewachsen in einer Kleinstadt am schönen Mittelrhein in Rheinland-Pfalz. Eine Flugreise war zu dieser Zeit wirklich nur etwas für Betuchte.
Ich komme aus einer ganz normalen Durchschnittsfamilie, Mir fehlte es an nichts aber die „großen“ Sprünge waren halt nicht drin. So ging es in jeden Sommerferien entweder nach Ameland in Holland oder an den Attersee in Österreich. Natürlich im Auto, vollgepackt bis unters Dach.
Mein Lebensweg verlief, nennen wir es einmal, etwas holprig. Mit 16 Jahren zog ich von zuhause aus, lebte ein Jahr im Saarland am schönen Bostalsee im Rahmen eines Freiwilligen Sozialen Jahres. Von hier kam ich das erste Mal nach Frankreich, als es mit anderen Freiwilligen eine Woche an die Schlösser der Loire ging.
Mit 16 Jahren begann ich meine erste Ausbildung zur exam. Altenpflegerin. Weil ich mit dem kargen Ausbildungsgehalt auch noch eine Wohnung finanzieren musste, konnte ich mir immer noch keine Flugreise leisten, obwohl ich nebenbei jobbte. Nicht schlimm, es gab ja noch die Billigvarianten, die obligatorischen „Saufurlaube“, die ich hasse, nachdem ich dies genau einmal und danach nie wieder mitmachte.
Mit 17 Jahren ging es dann das erste Mal mit Freunden „weiter weg“, nach Spanien, mit dem Bus, 18 Stunden nach Lloret de Mar. Wir waren jung und der Alkohol verkürzte die lange Fahrt, zumindest gefühlt.
Im Alter von 19 Jahren bin ich das erste Mal geflogen, ein Geschenk eines damaligen Freundes. Unvorstellbar, fliegt doch heute fast jedes Baby. Es ging nach Rom. Im Flugzeug bin damals ich fast gestorben vor Angst! Ich wunderte mich, dass die Flügel wackelten, haha, klar, die müssten wackeln, sonst fällt der Vogel runter! Nach Rom folgten Pauschalreiseschnäppchen und organisierte Rundreisen, die Rundum-Sorglos-Pakete eben.
Ein paar Jahre später holte mich meine Vergangenheit ein. Ein zu frühes Erwachsenwerden durch den frühen Auszug von zuhause, eine danach jahrelang erlebte körperliche und seelische Gewalt während einer Beziehung hinterließen Spuren. In meinen Beruf kompensierte ich die seelischen Verwundungen in dem ich mich selber verlor und altruistische Züge entwickelte.
Ich wurde psychisch krank, kannte mich selber nicht mehr, war ausgeknockt. Zwei Jahre siechte ich förmlich vor mich hin, musste meinen Beruf aufgeben. Toll, ich war 24 Jahre alt und was kommt jetzt, sollte schon Schluss sein? Ich stand vor dem Nichts.
Was tun? Ich raffte mich auf, startete eine zweite Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement und fiel wieder auf die Füße. Die Pauschalreisen gingen weiter.
Mit den Jahren habe ich allerdings gemerkt, dass ich "mehr" möchte, weg vom Standard. Ich fand Hotelburgen, Ausflüge in überfüllten Bussen, vorgegebene Zeiten mittlerweile fürchterlich, das alles schränkte mich total ein. Ich wollte selber entscheiden, wie viel Zeit ich wo verbringe, wann ich aufstehe und vor allem mit welchen Menschen ich zusammen sein möchte. Ich konnte und mochte auch dieses Gemeckere, diese ewige Unzufriedenheit nicht mehr ertragen. Weltweit stehen Gäste in der typischen Kombination von hochgezogenen Socken bis Hälfte Wade und Sandalen an den Hotelrezeptionen dieser Erde und beschweren sich über das Essen, über den Service, ja sogar über das Wetter – kurz: über Alles! Es geht meist immer um irgendwelche Kleinigkeiten. Wer weit gereist ist und das Elend dieser Welt mit eigenen Augen gesehen hat, kann über solche Beschwerden nur den Kopf schütteln und sich schämen.
Aber „anders“ reisen? Individuell? Ganz alleine? Dafür fehlte mir in jungen Jahren ganz einfach der Mut. Es blieb es bei Malle & Co, bis ich 32 Jahre alt war. Dann Trennung vom Partner. Mist, mit wem reise ich denn nun? Alleine? Meine Freundinnen hatten mittlerweile alle Familie, die konnten oder wollten nicht weg. Ich aber hatte Fernweh wie bekloppt! Die Krankheit war mittlerweile medikamentös gut eingestellt, ich fühlte mich gut, dem Reisen stand eigentlich nichts mehr im Wege, nur ich selbst. Was tun?
Zwei Jahre habe ich Trübsal geblasen. Es ist einfacher in Selbstmitleid zu verfallen als die „Sache“ anzugehen, egal um was es im Leben geht!
Es musste etwas passieren! 2007 buchte ich einen Billigflug nach Spanien und drei Übernachtungen, separat voneinander und ohne Reiseveranstalter. Damit wollte ich testen, ob ich es schaffe.
Und ich habe es geschafft! Ich genoss die Zeit in vollen Zügen und hatte zu keinem Zeitpunkt irgendwelche Ängste.
Es sollte die Initialzündung werden.
Von da an ging es Schlag auf Schlag! Ich habe seit dem Jahr 2008 keinen meiner Urlaubstage mehr zuhause verbracht. Bin immer nach der Arbeit abends losgeflogen und am letzten Tag vor Arbeitsbeginn wiedergekommen, war bis zu acht Mal im Jahr unterwegs. Es ging wirklich überall hin. Nah- und Fernziele, alles dabei. Ich habe immer nur die Flüge gebucht und höchsten falls die erste Übernachtung. So kam es, dass ich bis Anfang 2017 schon 69 Länder bereist hatte.
Ich traf während meinen Reisen immer wieder auf Menschen, die einfach mal am "aussteigen" waren. Natürlich viele Studenten (die müssen keinen Job aufgeben), viele Rentner (die haben keinen Job mehr), Leute, die ein Sabbatjahr beantragt haben (die können wieder zurück in den Job) oder Leute, die sich einfach "getraut" haben zu kündigen, um ihren Traum zu leben. Letzteres kam für mich (eigentlich) nie in Frage, undenkbar, einen sicheren Job aufgeben um zu reisen, das verbietet mir meine gute Erziehung, so was macht man einfach nicht! Insgeheim bewundert habe ich diese Menschen aber immer und fand es toll, den Mut zu haben, alles hinter sich zu lassen um seine Träume zu leben.
Mein Fernweh wurde trotz meiner vielen Reisen immer schlimmer. Das lag daran, dass ich immer nur kurz unterwegs war. Irgendwann habe ich nicht mehr genießen können, ständig hatte ich den Rückreisetermin vor Augen. Während meiner Arbeitstage in Deutschland konnte ich es nicht abwarten, bis es endlich wieder losging, habe im Kalender jeden Abend den Tag durchgestrichen, um mir gefühlt die Wartezeit bis zum nächsten Abenteuer zu verkürzen. Das war wie eine Sucht, dieses ewige Sehnen nach der Ferne!
Der Wunsch fremde Länder auch einmal länger als maximal zwei Wochen individuell zu entdecken stieg und stieg und plötzlich war das Hinschmeißen, das Ausbrechen gar nicht mehr so unmöglich.
Ich fühlte mich auf meiner Arbeitsstelle schon lange nicht mehr wohl. Als der Job-Frust seinen Höhepunkt erreichte habe ich das erste Mal im Leben etwas gemacht, was ich niemals für möglich gehalten habe. Ich kündigte Ende Dezember 2016 nach fast zwölf Jahren Betriebszugehörigkeit, ohne eine neue Stelle in Aussicht zu haben. Anstatt diese Entscheidung direkt wieder zu bereuen, feierte ich diese am selben Abend mit meinen Freundinnen und fühlte mich befreit, eine große Last fiel von mir ab. Und da ich erst zum 30.09.2017 endgültig ausscheiden sollte, hatte ich genug Zeit mir eine Wirkungsstätte zu suchen.
Ich buchte mit meinem besten Freund Frank eine Reise nach Namibia für den Sommer 2017, fing an, mich nach einer neuen Arbeitsstelle umzusehen und hatte sogar Glück. Mehrere Arbeitgeber zeigten Interesse und luden zu Vorstellungsgesprächen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch nicht daran gedacht auf Weltreise zu gehen, das Suchen einer neuen Arbeitsstelle hatte oberste Priorität, typisch Deutsch:-)
Im Februar 2017 kam es zu einem Arbeitsplatzkonflikt. Völlig überraschend sollte bereits schon der 14. Februar 2017 mein letzter Arbeitstag sein. Ich befand mich in einer Sackgasse. Ein Zurück war ausgeschlossen. Zu allem Überfluss musste ich mich in diesen Tagen einer Operation unterziehen, von der ich mich allerdings überraschend schnell wieder erholte. Was nun? Krankgeschrieben bis Ende September 2017 zu Hause sitzen, ganze sieben Monate? Nein, unvorstellbar! Zum ersten Mal dachte ich in diesen Tagen darüber nach, alles hinter mir zu lassen und nach Australien zu reisen. Dieser Gedanke manifestierte sich schnell zu einem Entschluss. Ich unterzeichnete schließlich einen Aufhebungsvertrag zum 31. März 2017. Die erheblichen finanziellen Einbußen eines plötzlichen Ausscheidens aus dem Berufsleben, ohne Perspektive, waren mir zu diesem Zeitpunkt völlig egal. Die besten Dinge im Leben sind nicht die, die man für Geld bekommt. Ich war frei und plante drei Monate über Asien bis nach Down-Under zu reisen. Der Abschluss dieser Auszeit sollte der bereits gebuchte Namibia-Trip mit Frank sein. Spätestens Anfang August 2017 wollte ich wieder ins Berufsleben einsteigen, so der Plan zu diesem Zeitpunkt.
Aber manchmal kommt alles anders als man denkt und ein Weg entsteht erst dann, wenn man ihn geht.
Ich habe genau zwei Wochen Zeit mich vorzubereiten. Kein Problem, ich bin in den vergangenen Jahren so viel gereist, ich weiß „wie es geht“.
Ich buche einen One-Way-Flug nach Indien und nehme mir vor, ein paar Wochen später Australien zu erreichen. Am besten auch noch die Südsee mitnehmen, ach ja und vielleicht Neuseeland? Ob dies in drei Monaten zu schaffen ist? Ich plane nichts, lasse alles auf mich zukommen.
Ich verlasse mich auf mein Tablet und mein Smartphone. Mit diesen Hilfsmitteln buche ich Transportmittel und Unterkünfte und bleibe mit meinen Lieben in Deutschland in Kontakt. Das funktioniert natürlich nur, wenn man stabiles Wlan hat. Dies sollte nicht überall auf dieser Welt der Fall sein…
Ich habe alle Impfungen, mein Pass ist gerade mal zu zwei Seiten „bestempelt“ und noch bis 2020 gültig.
Kassensturz! Wer reist benötigt Geld. Wenn man um die 40 Jahre alt ist, keine Kinder hat, kein Haus abbezahlen muss und niemals an einen Mann geraten ist, den man mit durchfüttern musste, zudem immer gearbeitet hat, dann hat man in der Regel etwas „auf der hohen Kante“. Zudem habe ich sieben Jahre am Wochenende in einem 400,- Euro-Job gearbeitet. Geld ist also genug da!
Man muss sich nach einer Kündigung bei der Agentur für Arbeit melden. In meinem Fall habe ich mich ab 01.04.2017 arbeitslos gemeldet und mich am 06.04.2017 wieder abgemeldet (Tag meiner Abreise). Sobald man sich bei der Agentur für Arbeit abmeldet ist man NICHT mehr krankenversichert und muss sich selber absichern. Bei einer längeren Reise benötigt man allerdings sowieso eine spezielle Krankenversicherung. Ich schließe eine Versicherung für bis zu einem Jahr Auslandsaufenthalt ab. Angebote findet man bei allen großen Versicherern, wählbar sind zwei Varianten, einmal mit einer Absicherung in den USA und Kanada und einmal ohne. Die Preisunterschiede sind immens, wegen der hohen Kosten für die Gesundheitsversorgung in Amerika und Kanada. Da ich schon viermal in den USA und auch schon in Kanada war und keine Ambitionen habe, nochmals dorthin zu reisen, entscheide ich mich für die Variante ohne USA und Kanada zu 1,15 Euro am Tag. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, ich werde in den kommenden Monaten mehrmals auf amerikanischen Boden landen und auch einreisen, aber auch dafür gab es dann eine Lösung!
Was ist noch wichtig? Klar, Bargeld und Geld in Form von Plastikkarten. Es gibt Kreditkarten, die es ermöglichen überall auf der Welt kostenlos an Bargeld zu kommen. Die Visakarte von der Santander Bank hat mich auf meinen vergangen Reisen nie im Stich gelassen. Zusätzlich habe ich noch eine MasterCard und die AmericanExpress dabei. Ist sicherer, falls mal eine Karte nicht funktioniert, was relativ häufig vorkommt, das liegt meistens aber nicht an einem Defekt der Karte sondern an nicht funktionierenden Bankomaten, zumeist in den ärmeren Ländern.
Übrigens, es gibt eine Währung, die nahezu überall auf der Welt akzeptiert wird. Es ist der US-Dollar. Es empfiehlt sich immer welche dabei zu haben. Auch der Euro ist beliebt. Am günstigsten ist jedoch immer, in der Landeswährung zu bezahlen. Da kommt wieder die kostenlose Kreditkarte für Bargeldabhebungen im Ausland ins Spiel. Einfacher geht’s nicht! Jeder Flughafen dieser Erde hat Geldautomaten, ob diese immer funktionieren ist nicht sicher. Zu oft habe ich schon erlebt, dass alle out of order waren. Deshalb empfiehlt es sich, wie schon oben erwähnt, immer US-Dollar zur Hand zu haben. Auch ein PayPal-Konto kann einem in der Not helfen.
Mein Briefkasten wird von meinen Vermietern geleert. Rechnungen muss ich nicht überweisen, denn ich habe für alles Daueraufträge eingerichtet.
Soll ich eigentlich nochmal zum Arzt für einen Gesundheitscheck? Ne, ich bin vor sechs Wochen operiert worden, da waren alle Blutwerte soweit ok. Aber zum Zahnarzt gehe ich nochmal. Ich weiß, dass mich zumindest in Asien eine desolate Gesundheitsversorgung erwartet, keine schöne Vorstellung z. B. in Indien einen Zahnarzt aufsuchen zu müssen!
So, ich glaube, ich habe alles erledigt, muss nur noch den Koffer packen. Was soll ich eigentlich mitnehmen? Ich überlege nicht lange, packe wahllos Dinge hinein bis er 20 kg wiegt. Reißverschluss zu und ab! Ach nochmal auf, das Glücksschwein muss mit und meine Stoffkuh Babette, die schon die halbe Welt mit mir bereist hat. Ich bin ein großes Kind! Soll ich evtl. doch einen Rucksack nehmen? Ne, damit komme ich nicht zurecht. Finde es fürchterlich umständlich diesen zu be- und entpacken.
Ich denke, ich bin bereit, das Abenteuer kann beginnen!
(K)ein Traum aus 1001 Nacht
Route: Neu-Delhi – Agra – Jaipur – Goa – Kolkata
16 Tage
Flughafen Frankfurt/Main, 6. April 2017
Spätabends am Gate der Air India Maschine nach Neu-Delhi sitzt der glücklichste Mensch der Welt und das bin ich. Endlich geht sie los, die Reise ins Ungewisse, ein Traum wird wahr. Ich könnte die Welt umarmen. Ich habe es geschafft, habe mich getraut alles hinter mir zu lassen, bin ausgebrochen. Ich finde mich toll! Zur Feier des Tages gönne ich mir einen Drink und feiere meinen Mutausbruch.
Als das Flugzeug zum Start beschleunigt, immer schneller wird und schließlich abhebt ist dies einer der besten Augenblicke meines bisherigen Lebens. Ein erhabenes Gefühl!
Die meisten Passagiere sind Inder. Es riecht orientalisch im Flugzeug. Das liegt am Essen. Nein, hier gibt es nicht das klassische Chicken, Beef or Pasta? Ich bestelle ein Curry und es schmeckt göttlich!
Am frühen Morgen Landung in Delhi. Nach endlosem Anstehen am Immigrationsschalter empfängt mich die Millionenmetropole schwülwarm und unter einer Smogwolke. Die Fahrt mit dem Taxi vom Flughafen zum Hotel dauert eine geschlagene Stunde! Es sind nur 15 km aber wir kommen kaum voran. Totales Verkehrschaos, fliegende Händler und Kühe auf der Fahrbahn machen eine schnelle Fahrt unmöglich! Der Fahrer textet mich zu, schenkt mir einheimische Zigaretten und trotz extremer Erschöpfung sitze ich im Auto und rauche eine, in ein Blatt eingedrehte Zigarette, mit einem Bindfaden umhüllt. Später am Tag bekomme ich Kopfschmerzen, ob es an der Zigarette lag, wer weiß das schon. Als ich eine Verabredung für den Abend ablehne, ist es mit der Freundlichkeit des Herren vorbei! Er spricht nicht mehr und setzt mich ohne Abschiedsgruß vor meinem gebuchten Hotel ab, immerhin! Meinen Koffer kann ich selber aus dem Kofferraum hieven, dessen Deckel schließlich auf meinem Kopf landet. Für dieses ungehobelte Benehmen bekommt er natürlich kein Trinkgeld.
Ich habe mich für das Hotel Ajanta entschieden, da es nahe der New-Delhi-Railway-Station liegt, denn ich möchte in ein paar Tagen mit dem Zug weiter nach Agra reisen. Endlich angekommen bekomme ich an der Rezeption erst einmal das Ausflugspaket aufgeschwätzt! Nach ca. 30 Minuten BlaBla bekomme ich dann endlich den Zimmerschlüssel. Enttäuschung macht sich breit, das Zimmer hat kein Fenster. Habe ich etwa eine Abstellkammer bekommen, weil ich das Ausflugspaket abgelehnt habe? Im Nachhinein stellt sich heraus, dass es das Beste ist, was mir passieren konnte. Andere Gäste werden verrückt, wegen dem Verkehrslärm, den sie in einem Zimmer mit Fenster zu ertragen haben!
Nach einer kurzen Rast mache ich mich auf zum Hauptbahnhof. Ich möchte das Zugticket nach Agra kaufen. Online war dies irgendwie nicht möglich.
In Indiens Straßen ist nicht nur extrem wuselig, es ist auch unfassbar laut und es riecht, ja es stinkt fürchterlich. Männer urinieren und entleeren auch ihren Darm mitten auf den Straßen. Kühe, Schweine, Hunde und Hühner hinterlassen ebenfalls ihre Fäkalien. Und der Müll der überall herumliegt, verströmt auch keinen angenehmen Geruch. Egal, ich halte eine Menge aus!
Natürlich wird man in Indien überall und von jedem angesprochen, vorwiegend von Männern, klar. Dabei geht es noch nicht einmal primär ums Anmachen, es geht ums verkaufen. Ja, Inder sind irgendwie etwas penetrant! Sie sind oft distanzlos und kommen einem körperlich sehr nah. Und es sind viele, also Menschen meine ich. Nach China ist Indien das bevölkerungsreichste Land der Erde. In Indien ist man irgendwie nie alleine.
Auf die Frage was ich vorhabe, mache ich einen Fehler und sage die Wahrheit, also ich das ich zum Bahnhof möchte um Tickets zu kaufen. Verratet in Indien niemandem was ihr tun wollt. Ihr habt bis zu zehn Inder hinter euch, die euch helfen wollen. Das Problem, man bekommt sie nicht mehr los. Nach ca. fünf Ansprachen auf ca. 100 Metern Wegstrecke ändere ich meine Strategie, einfach weitergehen und nicht reagieren. Dann laufen sie einem zwar noch einige Meter nach aber geben dann auf. Vorbei an fahrbaren Garküchen, Verkaufsständen, Tuk-Tuks und extremer Armut bahne ich mir relgelrecht meinen Weg.
Ich erreiche völlig durchgeschwitzt den Bahnhof, erspähe eine Menschenschlange vor einem Ticketschalter und stelle mich an. Ich werde angesehen wie das achte Weltwunder, man weist mich darauf hin, dass ich am Schalter für Männer anstehe. Ok, wo ist denn ein Schalter für Frauen? Ah da drüben, ich laufe hin und stelle mich dort an. Wieder falsch, dieser Schalter ist nur für die einheimischen Frauen, ich muss zum Ticketschalter für Touristen. Mein lieber Mann, wie nervig! Endlich habe ich das International Bureau for Traintickets entdeckt. Auch hier gibt es einen Schalter nur für Damen. Ich frage mich, wo ich mich anstellen würde, hätte ich einen männlichen Begleiter dabei, muss man die Tickets dann getrennt kaufen? Nach einer Stunde des Wartens teilt man mir schließlich mit, dass das Zugticket nur mit Vorlage des Reisepass gebucht werden kann! Der liegt natürlich im Hotelsafe... ok... dann morgen wieder! Ich mache mich unerledigter Dinge zurück ins Hotel und schwitze noch immer wie verrückt. Herr Gott noch mal, was ist das heiß hier, ich verdampfe! Es ist wirklich nicht zu empfehlen Indien im April zu besuchen. Am liebsten würde ich kurze Sachen anziehen, allerdings kann das erheblich schiefgehen, denn keine Frau rennt hier „unzüchtig“ rum. Also lieber schwitzen, als negativ aufzufallen.
Am nächsten Morgen buche ich das Zugticket nach Agra gebucht. Geschlagene 45 Minuten dauert die Beratung und der Verkauf. In einer Seelenruhe werden mir die verschiedenen Zugklassen erklärt, minutenlang wird mein Pass studiert. Anscheinend gibt es im Zug Verpflegung. Mir werden unzählige Gerichte aufgezählt, mal gucken, was da morgen serviert wird, verstanden hab ich nämlich nix. Eigentlich möchte ich auch nur sicher ankommen, denn in Indien gibt es fast wöchentlich schwere Zugunglücke.
Ich nehme ein Tuk Tuk zum Startpunkt einer organisierten Citytour. Während der irrsinnigen Fahrt quer durch Delhi wird mir vom Fahrer wieder ständig ein Ausflugpaket aufgeschwatzt. Ich weiß gar nicht mehr wie oft ich no, no thank you gesagt habe. Ach ja, überall auf der Welt sollte man seinen Gastgeber, andere Reisende oder an der Hotelrezeption fragen, was eine Fahrt mit Tuk Tuks oder anderen sogenannten öffentlichen Verkehrsmitteln kostet. Man wird übers Ohr gehauen und zwar überall und immer. Ich nenne es Skin-Tax (Zuschlag für Weiße). Es wird ein bis zu vierfach höherer Preis genannt.
Ich besuche das India Gate und das Red Fort. Sagenhafte Bauten, aber das war es auch an Sehenswürdigkeiten in der Millionenmetropole wie ich finde. Zwei Tage Neu Delhi sind um. Meiner Meinung genug, es gibt schönere Ecken in Indien, hoffentlich. Und Delhi ist anstrengend. Erstens wegen des Klimas, zweitens wegen der Hektik und Lautstärke und drittens wegen der großen Armut. Überall leben Menschen auf der Straße, so was habe selbst ich noch nie gesehen, schwer zu ertragen. Es sollte auch in Agra, Jaipur und Kolkata nicht besser werden, eher noch schlimmer!
Der Abreisetag aus Delhi bricht an und eigentlich möchte ich zum Bahnhof laufen. Im Hotel heißt es, um 5.00 Uhr morgens auf keinen Fall, viel zu gefährlich! So organisiert mir mir ein Taxi. Für die ein Kilometer lange Strecke braucht es wegen des Verkehrschaos 20 min. Ich werde unruhig und frage mich, wie es morgens um 5.00 Uhr schon so wuselig auf Straßen zugehen kann. Ich erreiche den Zug gerade so. Überraschung: Die Innenausstattung ist relativ modern, die Waggons klimatisiert, die Sitze bequem. Kaum losgefahren gibt es Wasser, dann ein kaltes Frühstück und später noch eine warme Mahlzeit. Das muss ich mal der Deutschen Bahn erzählen! Ich sitze im Schnellzug, dem 12002 Bhopal Shatabdi. Viele Touristen nutzen diese Verbindung für einen Tagesausflug zum Taj Mahal, denn er braucht nur zwei Stunden für die ca. 210 km Strecke und ist relativ pünktlich (weil es noch so früh am Morgen ist). Dieser Zug fährt auch am gleichen Tag abends wieder nach Delhi zurück, dann natürlich mit Verspätung! Für Einheimische ist diese Zugklasse zu teuer, ein Ticket in der zweiten Klasse inkl. des Essens kostet umgerechnet 14 Euro. Dieser Zug hat auch nur zwei Klassen, eine erste und eine zweite. Normalerweise sind Züge in Indien in sechs Kategorien aufgeteilt + wie ich es nenne, den Außenbereich. Das sind nämlich die Leute die am Zug hängen, bzw. auf dessen Dach sitzen. Man kann Agra natürlich auch mit anderen Zügen, ab einem Euro Fahrpreis in der günstigsten Klasse erreichen.
Bereits um 08.00 Uhr erreiche ich Agra. In meinem Gästehaus ist mein Zimmer sogar schon fertig (diesmal mit Fenster, zwar mit Blick auf den muslimischen Friedhof aber immerhin). So kann ich mich noch etwas hinlegen, bevor es nach Fatehpur Sikri geht, die ehemalige Hauptstadt des Mogulreiches. Mein Fahrer ist Riyaj, organisiert von meinem Gästehaus, wahrscheinlich ein Freund von einem Freund und vielleicht von dessen Freund usw. So läuft das in Indien und in vielen anderen Teilen der Welt übrigens auch.
Riyaj ist nett, aber auch er lässt es sich nicht nehmen mich anzumachen. Ich kläre die Fronten und er gibt auf. Wir haben einen schönen Nachmittag und er gibt gut auf mich Acht. Wir tauschen uns stundenlang über unsere doch sehr verschiedenen Kulturen und Mentalitäten aus und Riyaj lacht über unsere, für ihn zu strengen und unnützen Gesetze und ich lache, weil er so lacht. Wir rauchen einheimische Zigaretten und genießen die Zeit! Diese Blätterzigaretten, wie ich sie nenne, sind wirklich nur aus trockenen Blättern gedreht, schmecken übrigens ekelhaft, aber das lasse ich mir nicht anmerken.
Plötzlich weicht Riyad einer Kuh aus. Fast hätte es geknallt. Er ist erleichtert und sagt, wenn man eine Kuh überfährt komme man drei Monate ins Gefängnis. Aber was noch schlimmer sei, ist das schlechte Karma, das man nie wieder los wird. Für eine Kuh drei Monate ins Gefängnis? Du liebes bisschen… und schlechtes Karma braucht auch keiner.
Wir erreichen Fatehpur Sikri. Heute eine Geisterstadt früher die Hauptstadt des Mogulreiches. Die Palastanlage, aus rotem Sandstein errichtet, ist wahnsinnig imposant und definitiv die lange Fahrt wert.
Was mir schon in Neu-Delhi aufgefallen ist und sich hier in Agra fortsetzt, die Inder möchten mich fotografieren. Jeder zweite bittet um ein Foto mit der Familie. Nicht nur die Männer fragen, auch die Frauen! Sie reichen mir ihre Babys, denn ich sei ein Glücksbringer. Während nur wenige nach einem Foto fragen, komme ich mir bei anderen vor wie ein Tier im Zoo, sie machen heimlich Bilder, zeigen mit dem Finger auf mich und schicken ihre Kinder zu mir, damit sie mich genau ansehen können. Als ich nach dem Grund frage, erklären sie mir, Europäer sähen aus wie die Schauspieler aus den Hollywood Filmen, besonders wenn sie eine Sonnenbrille tragen. Ich könnte mich wegschmeißen, der kleine Moppel aus Germany soll aussehen wie ein Filmstar? Herrlich!!! Sie bekommen alle ihre Fotos, obwohl ich eigentlich Bildersperre hab. Ich kann mich auf Fotos nicht leiden, besonders die weiblichen Leser werden verstehen warum. Auf Fotos sieht man die nackte Wahrheit: Die Figurprobleme, die Falten, die in meinem Fall zu große Nase und wie sehen meine Haare überhaupt aus? Furchtbar, so laufe ich den ganzen Tag rum? Eigentlich egal, es soll ja auf die inneren Werte ankommen, sagt man so landläufig.
Der Nachmittag mit Rijay geht zu Ende, als er mich an meinem Gästehaus absetzt, lässt er sich natürlich nicht nehmen, mich nach einem Date zu fragen. Lächelnd lehne ich ab.
Am nächsten Tag steht der Besuch des Taj Mahal auf dem Programm, natürlich ist der Palast der Hauptgrund meiner Reise nach Agra und alle anderen sind natürlich auch deshalb da. Es sind viele, am Eingang muss man sich in langen Schlangen anstellen. Nach mehreren Bombendrohungen in den vergangenen Jahren gleicht das Hereinkommen einer Nervenprobe. Unzählige Sicherheitskontrollen müssen passiert werden. Aber dann erstrahlt er vor meinem Augen in seinem Glanze. Ein wunderschöner Bau, der seinesgleichen sucht! Der Großmogul Shah Jahan ließ ihn zum Gedenken an seine im Jahre 1631 verstorbene große Liebe Mumtaz Mahal erbauen und ich finde, er hat sich allergrößte Mühe gegeben.
Ich möchte weiter nach Jaipur, der Hauptstadt des Bundesstaates Rajasthan. In dieser Stadt steht unter anderem der Palast der Winde, den möchte ich unbedingt einmal sehen. Ich fahre wieder mit dem Zug. Zwar kommt dieser mit zweistündiger Verspätung, doch als ich mein Abteil betrete, die große Überraschung! Dort steht ein Bett, ja ein Bett! So kann ich bequem im Liegen die Landschaft bewundern und ein wenig schlafen. Zugfahren in Indien ist abenteuerlich, ruckelig und irgendwie unsicher, aber nicht langweilig! Ständig kommen fliegende Händler vorbei, verhungern und verdursten muss man in Indiens Zügen nicht. Auch den Wocheneinkauf an Lebensmitteln kann man dort tätigen. Lidl und Co. mit Lieferservice sozusagen. Ich kann empfehlen Indien mit dem Zug zu bereisen! Ausblenden muss man, dass es wirklich gefährlich ist, denn die viele Züge und auch die Gleise sind wirklich in einem desolaten Zustand. Die Sicherheitsstandards sind noch nicht einmal ansatzweise mit denen Europas zu vergleichen.
Am Bahnhof in Jaipur werde ich von gefühlten 100 Tuk Tuk Fahrern belagert, die mich natürlich alle zu einem unschlagbar günstigen Preis zu meiner Unterkunft fahren möchten. Ich lerne Om kennen, ja wirklich, der heißt Om, sagt er zumindest, lustig irgendwie. Er ist nett und unter nett verstehe ich jemanden, der mich nicht sofort anmacht, bzw. mir penetrant etwas verkaufen möchte. Er fährt mich zu meinem Hotel, welches mir von Reisenden in Agra empfohlen wurde. Eine wahnsinnig positive Überraschung. Ein sogenanntes Heritage Hotel, ein alter Palast, ein wunderschöner Komplex wie aus 1001 Nacht, mitten in der Pink City! Unzählige Windungen und Wendeltreppen führen zu meinem riesigen Zimmer. Komfortabel geht zwar anders, aber es ist beeindruckend.
Ich bin für den Nachmittag mit Om verabredet. Er möchte mir „seine“ Stadt zeigen. Zunächst fahren wir ans Ufer des künstlich angelegten Man Sagar Sees in dessen Mitte sich ein Wasserschloss befindet, das Jal Mahal. Keiner weiß um dessen genaue Geschichte. Schön ist es aber anzusehen. Es sieht aus wie eine Fata Morgana und scheint über dem See zu schweben, was es natürlich nicht tut.
Wir fahren weiter und erreichen ein paar Kilometer außerhalb Jaipurs ein Elefantendorf. Dort leben Arbeitselefanten. Was diese genau machen, kann oder möchte mir keiner so richtig erklären. Ich gehe davon aus, dass sie für die Touristen dort stehen, denn wenn ich möchte, darf ich diese bemalen oder auf ihnen reiten. Oh je, das klingt wie eine Touristenabzocke und genau das ist es auch. Trotzdem sind die Lebensbedingungen für die Dickhäuter dort auf den ersten Blick ok. Ich darf zwei Elefantendamen anfassen und füttern. Auch Bilder darf ich machen. Dass ich anschließend um eine Spende gebeten werde habe ich mir fast gedacht. Ich gebe etwas, aber das scheint den Pflegern nicht genug zu sein. Die Stimmung schlägt um, ich werde des Geländes verwiesen und höre wüste Beschimpfungen ausgesprochen in der Hindi-Sprache. Versteh ich nicht, wahrscheinlich auch gut so!
Es wird dunkel und ich bitte Om, mich in mein Hotel zurückzufahren. Auf Indiens Straßen ist es schon tagsüber unsicher genug, da möchte ich doch wenigstens nachts in sicheren vier Wänden verweilen. Ich lade Om auf ein Bier auf der Dachterrasse meines Hotels ein, doch er lehnt ab. Das sei nicht gestattet. Ein Inder „von der Straße“ darf keine Touristen in Hotelanlagen begleiten, das verbiete die Regierung. Er hat Angst, dass die Bediensteten des Hotels die Polizei rufen und er ins Gefängnis kommt. Hm, blöd!
Am nächsten Morgen möchte ich den Palast der Winde sehen. Ich laufe zu Fuß dorthin, es ist nicht weit, nur 900 Meter, aber in Indien können bereits 100 m zu Fuß eine große Herausforderung darstellen. Der Verkehr ist wirklich, nennen wir es mal milde ausgedrückt, gewöhnungsbedürftig. Vorbei an Verkaufsständen, fliegenden Händlern, Garküchen, Kühen, Schweinen, Hühnern und wahnsinnig vielen Menschen, bahne ich mir meinen Weg. Dabei muss ich immer darauf achten, nicht in Tretminen, sprich in Fäkalien zu treten. Und diese sind nicht nur Hinterlassenschaften der zahlreichen Tiere, nein, 70% der Bevölkerung in Indien hat keinen Zugang zu sanitären Anlagen. Was dies bedeutet möchte ich hier nicht weiter beschreiben, kann sich wohl jeder vorstellen.
Der Palast der Winde ist beeindruckend schön. Die Vormittagssonne strahlt ihn gerade wunderbar an und der rote Sandstein schimmert. Den Namen erhielt der Hawa Mahal, wie er in der Landessprache heißt, aufgrund seiner speziell entwickelten Luftzirkulation in den Räumlichkeiten. Aber der Palast ist gar kein Palast, sondern nur eine Fassade, eine Erweiterung des dahinter stehenden Stadtpalastes. Das 1799 errichtete Gebäude diente einzig dazu, den Haremsdamen des Maharaja einen Blick auf das Alltagsleben zu ermöglichen, ohne dabei selbst gesehen zu werden. Die Damen konnten sich auf fünf Stockwerke in 953 Nischen verteilen.
Der Tag ist noch jung. Jaipur ist wunderschön, aber zu Fuß weiter, puh anstrengend. Ich sehe Fahrradrikschas, die Fahrten durch die Pink City für nur 3 Euro Fahrpreis pro Stunde anbieten. Verdächtig, bestimmt eine Touriabzocke. Ich steige trotzdem auf. Warum heißt die Pink City eigentlich Pink City? Ganz einfach, weil die Gebäude fast alle rosarot angestrichen sind, bzw. einmal waren. Der Zahn der Zeit nagt an den Fassaden. Mehrere riesige Stadttore gewähren den Einlass in die Altstadt. Der Rikschafahrer passiert ein Tor, doch nach fünf Minuten fährt er durch ein anderes wieder hinaus, haha, das wars schon mit der Stadtbesichtigung, dachte ich es mir doch. Er fährt ein paar Minuten und hält an einer Lederwarenfabrik. Ah, ok, eine Verkaufsfahrt, war ja klar, dass hier was nicht stimmt. Ich lehne ab und sage, ich brauche kein Leder. Er fährt weiter. Zwei Minuten später Stopp an einer Schmuckfabrik. Ne, auch kein Bedarf. Ich lehne wieder ab. Dann weiter zu einer Klamottenfabrik. Dieses Mal darf ich nicht ablehnen. Der Fahrer erklärt mir, er müsse seinem Chef nachweisen, dass die Touristen in mind. eine Fabrik hineingehen. Hilfe! Ok, er tut mir leid und ich tue ihm den Gefallen, gehe hinein. Ich weiß, was mich erwartet, ich war oft genug in der Türkei, in Ägypten oder oder oder. Früher oder später landet man immer in irgendeiner Teppichfabrik oder beim Juwelier. Stundenlanges Zutexten, auch Informationsveranstaltung genannt, inklusive. Man will nur noch raus, findet den Ausgang natürlich nicht, weil dieser grundsätzlich schwer zu lokalisieren ist, um die Touristen so lange wie möglich in den Verkaufsräumen zu halten. Natürlich ist das hier nichts anderes. Ok, eine Hose brauche ich wirklich und entscheide mich für eine leichte Stoffhose mit Elefantenmuster. Der Verkäufer versichert mir, diese Qualität sei die Beste weltweit, diese Hose würde auch nach 100x waschen nicht kaputt gehen. Jaja, klar. Natürlich viel zu teuer kaufe ich das Teil, ich will hier nur noch raus. In jedem Verkaufsstand am Straßenrand hätte ich exakt die gleiche Massenware für die Hälfte erstanden. Übrigens, nach dreimal Tragen ist sie an den Nähten gerissen, von wegen hält ein Leben lang.
Vor der Fabrik treffe ich zufällig Om wieder, er rettet mich von dieser Fahrradrikscha und fährt mich zum Amber Fort. Eine imposante Festung in der Stadt Amber, ca. 11 km von Jaipur entfernt aus dem Jahre 1560. Bei 40 Grad Mittagshitze schleppe ich mich in praller Sonne zwei Kilometer hinauf. Gott sei Dank macht mein Kreislauf solche Expeditionen mit. In Jaipur ist es irgendwie heißer als in Agra und Delhi, oder ich bilde mir das nur ein? Der anstrengende Aufstieg hat sich aber gelohnt. Die Anlage ist wirklich imposant und die Ausblicke atemberaubend. Auf dem Rückweg haben sich entlang des Weges Schlangenbeschwörer positioniert. Bäh, ungefragt halten sie mir Kobras direkt vor mein Gesicht und fragen pictures with Kobra? Ah nein, no picture with Kobra. Von einer Reise vor Jahren nach Marokko weiß ich, dass diesen Schlangen die Giftzähne gezogen wurden, aber kann man sich da sicher sein? Und überhaupt Schlangen, ekelhaft, mag ich nicht. Ich erzähle Om von den Kobras und er lacht, weil ich so geschockt bin. Er fragt, ob ich Affen mag. Na ja, auch nicht so, aber die finde ich wenigstens nicht eklig. Wir fahren zum Galta Ji Tempel. Hunderte Affen leben auf dem Areal, weshalb der Tempel nur noch Monkey Temple genannt wird. Ganz schön frech die kleinen Kerlchen. Unterhalb des Tempels gibt es ein Straßencafé, also so ein improvisiertes. Wir bestellen ein Bier, um uns herum Affen, die auch etwas zu trinken haben wollen und dann schießt eine Kuh den Vogel ab. Sie bahnt sich zielstrebig ihren Weg durch die Gästeschar, reißt einem Herren die Tageszeitung aus der Hand und verspeist sie genüsslich. Gehören Zeitungen etwa zur Leibspeise indischer Kühe? Der Herr ärgert sich nicht, die Kühe sind ja schließlich heilig, da darf man nicht schimpfen. Warum sind die Kühe in Indien eigentlich heilig? Weil sie den Menschen „Fünf heilige Gaben“ spenden, die da wären: Butterschmalz zum Kochen, Mist, der als Brennmaterial dient, Urin, der Wunden heilen soll und natürlich die Milch aus dem die fünfte Gabe, der Joghurt hergestellt wird. Viele Inder glauben auch, dass sich diverse Götter in Form einer Kuh zeigen.
Nach einem Bier zu viel, breche ich das erste Mal auf dieser Reise die goldene Regel: Nur gucken, nicht anfassen! Die Mischung aus Alkohol, der Hitze, den Glücksgefühlen, die seit meiner Abreise in Deutschland allgegenwärtig sind, machen es möglich, dass ich mich plötzlich knutschend mit Om in seinem Tuk Tuk wiederfinde. Mein liebes bisschen, was ist denn mit mir los? So kenne ich mich gar nicht und das so schnell, ich bin doch erst eine Woche unterwegs! Jetzt aber schnell ins Hotel, bevor noch mehr passiert. Aber sind Regeln nicht auch dazu da, gebrochen zu werden? Haben wir in unserer Kindheit doch ständig gemacht und waren dabei wahnsinnig glücklich!
Ich brauche dringend etwas Entspannung nach dem Besichtigungsmarathon im sogenannten Goldenen Dreieck Indiens, deshalb fliege ich morgen nach Goa ans Meer. Ich checke online ein und stelle mit Ersetzen fest, dass die Fluggesellschaft nur 15 kg Gepäck erlaubt, habe aber 20 kg, was nun? Ich stopfe so viel es geht ins Handgepäck. Allerdings zeigt die Waage immer noch 17,5 kg an. Bei einem irischen Billigflieger kostet Übergepäck Unmengen an Strafe oder sie verweigern die Gepäckmitnahme gleich ganz. Ich fange an zu schwitzen, also schwitzen tu ich hier sowieso immer, es kommt nun noch Angstschweiß hinzu. Aber alles kein Problem, ich muss lediglich umgerechnet 1 Euro pro kg Übergepäck zahlen. Ich bin erleichtert, muss ich nichts wegschmeißen.
Um 13.30 Uhr lande ich nach einem kurzen Stopp in Mumbai auf dem Dabolim Flughafen in Goa. Und dann der Schock! Goa hat tropisches Klima und die Monsunzeit steht kurz bevor. Es ist nochmal heißer und feuchter als im Norden Indiens. Innerhalb von Sekunden sind meine Kleidung und meine Haare total durchnässt, der Schweiß läuft in Strömen. Ne, so was kann ich gar nicht leiden. Allerdings werde ich mit einer sattgrünen Dschungellandschaft entschädigt, Kokosnusspalmen, Bananenstauden, Mangobäume usw. soweit das Auge reicht. Der Taxifahrer fährt so irre, dass ich ihn frage, ob er ein Rennen fahre. Er antwortet: Yes, I am Hamilton. Er ignoriert meine Bitte die Geschwindigkeit zu reduzieren. Ich überlebe…
Meine Unterkunft ist ein Volltreffer. Die ganze Familie, begrüßt mich. Ich habe mein eigenes Haus hier, ausgestattet mit allem PiPaPo und sogar eine eigene Terrasse mit Blick auf Kokospalmen und auf das Hausschwein, das mich neugierig beäugt und grunzt. Ok, warmes Wasser gibt es keins, aber das ist ok.
Der Strand ist nur fünf Gehminuten entfernt. Ich stürze mich in die Fluten und muss mal wieder feststellen, dass der Indische Ozean warm ist, zu warm um eine wirkliche Abkühlung zu verspüren. Egal, wenigstens geht am Strand ordentlich Wind. Und ich werde hier nicht angelabert, die Gegend ist christlich geprägt, merkt man sofort. Und außerdem habe ich mich nicht in den Tourizentren, sondern in der Ortschaft Bogmalo einquartiert. Wer Party sucht, fährt u. a. nach Calangute im Norden. Ich habe darauf keine Lust, ich will Ruhe! Was mich allerdings etwas stört, ist die Kuh, die einen Mülleimer umgeworfen hat und genüsslich dessen Inhalt verspeist, ca. zehn Meter von meinem Handtuch entfernt. Kümmert sich natürlich keiner drum. Aber mir fällt noch etwas anderes auf. Dieser Mülleimer ist der erste, denn ich nach über einer Woche im Land sehe, von denen an den Flughäfen mal abgesehen. Geht doch!
Nach ein paar erholsamen Strandtagen muss ich mal wieder "raus". Mit John, meinem Fahrer, den mir meine Gastfamilie organisiert, geht es nach Panaji. „Bin ich nun in Indien oder in Portugal?“ dieser Gedanke geht mir beim Bummel durch Goas Hauptstadt durch den Kopf. Panaji, besser bekannt unter dem alten Namen Panjim, wirkt so gar nicht indisch. In der kleinen Stadt fühlt man sich in die Zeit der portugiesischen Seefahrer zurückversetzt. Weiter am Mandovi River vorbei, geht es nach Old Goa, Schon bevor die Portugiesen ankamen, war Old Goa eine blühende und reiche Stadt. Unter der Adil Shahi-Dynastie von Bijapur war sie die zweite Hauptstadt. In der 1605 fertiggestellten Kirche Basilica Bom Jesus liegen die sterblichen Überreste des bekannten Missionars, dem Heiligen Franziskus Xavier. Einen Besuch wert ist auch die Se Cathedrale. Abschluss ist ein Besuch des Mangeshi Tempels.
Bevor wir nach Bogmalo zurück fahren, besuchen wir einen traditionellen Markt. Viele Verbotsschilder zieren den Eingang. Dort darf man weder spucken (indische Männer spucken grundsätzlich immer und überall!), noch rauchen, was ja verständlich ist. Aber warum Ex-Armeemitarbeitern der Zutritt zu diesem Markt verweigert wird, ist mir ein Rätsel. John kann mir darauf auch keine Antwort geben und lacht. Ach ja, und wild pinkeln darf man auf dem Marktgelände auch nicht. Wird so manchem Mann schwer fallen. Sollte ich jemals einen indischen Partner haben, muss ich ihm vieles erst einmal austreiben: nicht spucken und nicht wild pinkeln, ach ja und nicht hupen, tröööt!
Überall in Goa gibt es Polizeikontrollen. John erklärt, dass sei wegen der Touristen, die würden Autos mieten, könnten aber nicht fahren. Ich lache laut!!! Aber ganz ehrlich, hier könnte ich auch nicht fahren, also ich schon, aber natürlich finde ich, die Inder können das nicht!
Heute ist es besonders heiß, 42 Grad bereits um 11.00 Uhr. Sogar John stöhnt... Muss mich nach der Rückkehr erst mal hinlegen... Jeden Tag könnte ich das nicht aushalten, oder man gewöhnt sich dran. Hab ich eigentlich schon erwähnt, dass ich keine 20 mehr bin?
Ich habe nichts mehr anzuziehen, müsste mal meine Wäsche waschen. Ich frage meine Gastgeber nach einer Waschmaschine. Äh, sie haben keine, geben mir aber eine Waschschüssel mit. Ok eine mobile Waschmaschine. Da es nur kaltes Wasser gibt, koche auf dem Gasherd das Wasser warm und das erste Mal im Leben wasche ich Wäsche per Hand, mal abgesehen von irgendwelchen Wollpullis. Es ist anstrengend, der Schweiß rinnt in Strömen und vermischt sich mit dem Wasser im Eimer.
Meine Tage in Goa gehen zu Ende und ich habe mich etwas entspannt. So langsam komme ich etwas runter! Indien überfordert mich. Bislang dachte ich, Delhi ist von der Armut her das Schlimmste was ich bislang erlebt habe, doch es sollte noch schlimmer kommen. So schlimm, dass mich die Zustände dermaßen berühren, dass ich den Aufenthalt in dieser Stadt niemals vergessen werde, die Eindrücke verfolgen mich bis heute. Ich spreche von Kolkata (bis 2001 hieß die Stadt Kalkutta, vielen ist sie unter diesem Namen noch heute geläufig). Auch bekannt als die Stadt am Ganges, vor allem wegen dem bekannten Schlager: Kalkutta liegt am Ganges, Paris liegt an der Seine usw…, doch das stimmt nicht. Ja, Kolkata liegt an einem Fluss, der ist aber lediglich ein Nebenarm des großen Ganges namens Hugli.
Doch zunächst steht ein langer Flug über Delhi bevor, bei dem ich meine medizinischen Fähigkeiten unter Beweis stellen sollte. Eine Stunde nach dem Start in Goa macht ein Flugbegleiter die Durchsage, ob es einen Arzt an Bord gebe. Nach ca. fünf Minuten die verzweifelte Stimme des Piloten aus dem Lautsprecher, es gebe einen medizinischen Notfall an Bord. Ok, ich stehe auf, immerhin bin ich Altenpflegerin und war auch Betrieblicher Ersthelfer, meine Erste-Hilfe-Kenntnisse sind deshalb auf dem neuesten Stand. Eine Flugbegleiterin bringt mich ans Ende der Maschine, wo ein Mann bewusstlos am Boden liegt. Ich brauche Equipment, also zumindest mal ein Blutdruckmessgerät. Was ich bekomme ist ein Modell aus alten Zeiten, aus ganz alten Zeiten. Aber es funktioniert und ich kann dem Mann helfen. Er hat keine Probleme mit dem Blutdruck, er hat eine Unterzuckerung. Nachdem er etwas Zucker zu sich genommen hat, kommt er langsam wieder zu sich. Ich werde nach vorne gerufen und der Pilot fragt, ob er landen müsse. Was? Ich soll entscheiden, ob eine Maschine landen soll? Ich frage nach der verbleibenden Flugzeit nach Delhi. Ah, noch 45 Minuten, da macht doch eine frühere Landung gar keinen Sinn, das dauert doch mindestens genauso lange. Ich lehne es ab, diese Entscheidung zu treffen, ich bin doch kein Arzt! Zusammen mit dem Kabinenpersonal wird schließlich entschieden, bis Delhi durchzufliegen. Ich betreue den Mann bis zur Landung und bin erleichtert, als noch auf dem Rollfeld eine Delegation Ärzte das Flugzeug betritt und den Patienten in ihre Obhut nimmt. Das gesamte Kabinenpersonal bedankt sich mit den Worten: Thank you Doc. Herr Gott noch mal, ich bin kein Arzt, wie oft denn noch! Was ein Erlebnis!
Ich habe einen längeren Aufenthalt in Delhi und bin positiv überrascht als ich eine bekannte Fast-Food-Kette erspähe. Ich bestelle einen Cheeseburger, gibt es nicht. Ok, dann einen Hamburger, ne, gibt es auch nicht. Hä? Das Sortiment ist doch weltweit gleich. Denkste! Wegen der heiligen Kühe bieten die Filialen in Indien kein Rindfleisch an. Eigentlich logisch, Peinlich! Hier werden auf den indischen Geschmack angepasste Burger angeboten die da heißen: Maharaja Mac, McSpicy Chicken oder BigSpicy Paneer Wrap. Ach gibt mir doch einfach irgendwas. Ich bekomme einen Burger und als ich hereinbeiße, laufen mir die Tränen. Klar, scharf gewürzt, mögen sie die Inder. Die Pommes schmecken aber wie überall auf der Welt, wenigstens etwas!
Ich komme um 23:15 Uhr am Internationalen Flughafen in Kolkata an. Es ist niemals gut, bei Dunkelheit in einem fremden Land einzureisen, denn es ist irgendwie immer ein Risiko um diese Uhrzeit in ein Taxi zu steigen. Aber Gott sei Dank bin ich ein angstfreier Mensch, doch ein bisschen Unwohlsein macht sich schon breit, gut so, dass aktiviert das vorsichtig sein. Der Taxifahrer spricht nicht, obwohl er könnte, in Indien spricht eigentlich jeder Englisch. Komisch. Und wie es hier aussieht. Die Straßen und Gehwege voller Menschen. Sie haben dort ihre Nachtlager aufgeschlagen. Es sind so viele, dass man den Straßenverlauf teilweise nicht erkennen kann, das Taxi muss regelrecht Schlangenlinien fahren um niemand zu erwischen. Schock! Durch diese furchtbaren Eindrücke habe ich auch gar keine Angst mehr im Taxi und das obwohl der Taxifahrer mein Hotel nicht findet und ständig irgendwie im Kreis fährt. Irgendwann, nach einer gefühlten Ewigkeit bin ich wohlbehalten da. Das Hotel ist ok, aber es liegt in einer der schlimmsten Gegenden Kolkatas, gibt es überhaupt schöne Ecken dort? Ich sollte in den nächsten Tagen keine ausfindig machen können.
Ich muss mir erst einmal ein Bier gönnen, obwohl es schon 2.00 Uhr nachts ist. Aus meinem schönen Zimmer kann ich direkt auf das Elend unten schauen. Das macht mich kirre... Wirklich das Schlimmste, was ich bislang an Armut in der Welt gesehen habe. Ok, erst einmal schlafen, meistens sieht die Welt danach ja wieder schöner aus. Aber nicht in Kolkata. Am nächsten Morgen im Hellen sieht es noch schlimmer aus! Ich kann gar nicht in Worte fassen, was ich bei einem Spaziergang erlebe. Ich sehe zwei tote Menschen. Sie haben die Nacht nicht überlebt. Sie verhungern oder sterben an Hautkrankheiten wegen den mangelhaften hygienischen Zuständen. Andere Menschen bauen ihre Verkaufsstände auf, obwohl ein toter Mensch daneben liegt. Resignation! Ich mache ihnen keinen Vorwurf aber ich bin wie gelähmt. Nicht, weil ich noch nie Tote gesehen habe, ich habe in meinen ersten Beruf viele gesehen, sondern wegen dieser Sinnlosigkeit sein Leben so zu verlieren. Als ich am Nachmittag wieder dort vorbeigehe, sind die beiden Leichen verschwunden. Ich möchte gar nicht so genau wissen, was mit ihnen passiert ist. Haben Tiere sie weggeschleppt? Ja, sowas ist in Indien Gang und Gäbe. Unfassbar!
In einem Film wird Kolkata "Stadt der Freude" genannt. Durch westliche Augen gesehen gibt es dafür keinen Grund: Der größte Teil der Bevölkerung lebt in bitterer Armut, die Menschen haben keine Bildung, es mangelt an Schulen für die unzähligen Straßenkinder. Nur ca. 5% der Einwohner Kolkatas sind reich und max. 20% können sich die Miete leisten. So leben sie auf der Straße, die restlichen 75%. Und Kolkata ist riesig. Offiziell leben hier rund 15 Millionen Menschen, inoffizielle Schätzungen gehen von mehr als 30 Millionen Einwohnern aus. Für mich der Inbegriff eines Dritte-Welt-Landes. Ich sollte auf dieser Reise noch viel bittere Armut zu sehen bekommen und habe sie auch schon auf vergangenen Reisen erlebt, aber so was wie hier werde ich wohl (hoffentlich) nicht mehr erleben müssen. Bis Kolkata gab es für mich nur die Definitionen Arm – Mittelstand - Reich. Nun unterscheide ich Elend – Armut – Einfach – Durchschnitt – Gehoben – Reich.
Ich würde so gerne etwas Positives über die Hauptstadt des Bundesstaates Westbengalen äußern, aber ich finde nichts. Noch nicht mal am Fluss ist es schön und an Flüssen ist es doch eigentlich immer schön, oder? Nein, hier nicht. Menschen baden hier, es stinkt zum Himmel und außer Menschenleichen landen Müll, Tierkadaver, Kot, ungefilterte und giftige Abflüsse industrieller Betriebe im Fluss. Dementsprechend ist das Wasser an vielen Stellen verseucht: Werte von 1,5 Millionen Kolibakterien pro Zentiliter sind keine Seltenheit – erlaubt sind in Indien 500.
Zehntausende Hindus strömen Tag für Tag zum Hugli River, um sich von ihren Sünden reinzuwaschen. Direkt am Wasser verbrennen sie in einer religiösen Zeremonie ihre Toten. Nur Menschen, die als rein gelten, wie Kinder oder Priester, werden unverbrannt in den Fluss geworfen.
Ein kleines Highlight ist der Besuch des sogenannten Mother House. Der Wohnsitz sowie die letzte Ruhestätte von Mutter Theresa. Ich bekomme einen Kettenanhänger geschenkt, der mich den Rest meines Lebens vor Bösem bewahren soll. Heute ziert er die Pinnwand in meinem Büro.
Am frühen Nachmittag kehre ich ins Hotel zurück, brauche eine Auszeit! An der Rezeption werde ich gefragt, ob ich nicht Interesse an einer Slumtour hätte! Wie bitte??? Nein danke, ich habe Slum direkt vor dem Zimmerfenster. Ich verlasse mein Hotelzimmer an diesem Tag nicht mehr.
Erst am nächsten Morgen traue ich mich wieder auf die Straße. Ich habe geklaut, das erste Mal in meinem Leben, ich habe jede Menge Brot und Obst beim Frühstück in meiner Tasche verschwinden lassen. Natürlich nicht für mich, ich verteile die Nahrungsmittel an die Armen auf der Straße und habe kein schlechtes Gewissen.
Mein Ziel für den heutigen Tag ist der Dakshineswar Kali Temple. Er liegt ca. 17 km nördlich vom Stadtzentrum. Ich benötige drei Stunden um diesen zu erreichen. Vorbei an schlafenden, kriechenden Menschen bahne ich mir den Weg zum Fluss, ich möchte mit der Fähre fahren. Durch die schon morgendliche Hitze laufe ich mitten durch das Leben der Einheimischen. Jede Stromleitung in dieser Stadt dient als Wäscheleine. An jeder größeren Straße gibt es Pumpen, die aus dem Boden ragen. Immerhin! Jeder holt dort das dringend benötigte Wasser. Ich frage mich, ob es sauber ist? Vorwiegend Männer nutzen die Wasserspender auch, um sich, inmitten des Straßenverkehrs, zu waschen. Sie schauen mich an wie eine Außerirdische, sie würden mich bestimmt auch gerne fotografieren aber hier hat natürlich niemand ein Handy oder eine Kamera. Schließlich erreichte ich das Ferry Ghat, so heißen die Fähranleger in Kolkata. Ganze sechsmal muss ich umsteigen, die Einheimischen helfen mir, alleine hätte ich das nicht geschafft.
Am Tempel angekommen lerne ich Anja und Kai aus Regensburg kennen. Es tut gut mal wieder deutsch zu sprechen. Zusammen verbringen wir die nächsten Stunden und tauschen unsere bisherigen Indienerfahrungen aus. Wir wundern uns, dass wir noch gesund sind, trotz des Dreckes, des scharfen Essens und der Hitze! Die beiden scheinen in einem besseren Stadtviertel zu wohnen, also gibt es das wohl doch, denn sie sehen keine Obdachlosen auf der Straße. Hä, wo sind die denn abgestiegen?
Zurück in die Innenstadt nehmen wir den Bus. Es gibt natürlich keine Bushaltestellen. Ein sogenannter Conductor steht an der offenen Bustüre und schreit das Fahrtziel raus. Wir verstehen nichts aber uns wird geholfen. Wir steigen in einen Bus, der alle zehn Sekunden anhält weil immer wieder Menschen zu- oder aussteigen. Zwei Stunden dauert die extrem anstrengende Fahrt nun. Klimaanlage? Fehlanzeige. Der Bus fährt zwar in Richtung Stadtzentrum aber längst habe ich die Orientierung verloren. Irgendwann steige ich aus und nehme ein Taxi zum Hotel. Ich dusche noch schnell noch einmal, denn es geht gleich weiter. Heute ist mein letzter Tag in Indien. Ich fliege weiter nach Vietnam.
Fazit:
Indien ist nichts für Weicheier. Für alleinreisende Frauen ist Indien eine besondere Herausforderung, aber es ist machbar. Man sollte aber über ein gesundes Selbstbewusstsein und Durchsetzungsvermögen verfügen und Nein-Sagen können. Nach über einer Woche im Land habe ich die Kultur etwas kennen gelernt. Inder überfordern, denn sie sind alles, nur nicht so wie wir. Ich möchte nicht alle in einen Topf werfen – aber anders sind sie schon. Vor allem neugierig: „Madam, Madam, where are you from?“, „are you married?“, „Madam, what’s your name?“ Sobald man das Hotel verlässt, stellt jeder Zweite im Vorbeigehen diese Fragen. Vor allem die Männer, aber auch die Frauen. Sogar, wenn sie auf einem Moped oder in einem Tuk Tuk an einem vorbeifahren.
Sie schwindeln auch gerne, die Inder. Ein Beispiel: Wifi für mich ein absolutes Muss, deswegen frage ich immer extra nach, ob es auch wirklich funktioniert. Ein „Nein, es funktioniert nicht“ habe ich nie gehört. Hat es also immer funktioniert? Nein, natürlich nicht.
Inder sind fasziniert von hellhäutigen Europäern. Eine helle Haut gilt in Indien als Schönheitsideal. Selbst in indischen Bollywood Filmen wirken die Schauspieler auffallend heller als der Durchschnitt. Helle Haut vermittelt auch Reichtum, denn Menschen, die einen guten Job haben, arbeiten meist in Innenräumen und bekommen nicht so viel Sonne ab. Am Strand in Goa rieten mir die Inder, aus der Sonne zu gehen, sonst wäre ich in ein paar Tagen nicht mehr "beautiful"! Bleichcremes finden in Indien und auch in anderen asiatischen Ländern reißenden Absatz, dies sollte mir in Vietnam zum Verhängnis werden.
Inder haben ein anderes Gefühl von Privatsphäre. Sie sind leider oft distanzlos. Im Zug von Agra nach Jaipur habe ich Ricky aus Australien kennengelernt. Wir haben uns als Pärchen ausgegeben, damit ich in Ruhe gelassen werde. Was uns jedoch verstört hat war die Tatsache, dass die indischen Männer ihn anschließend ausgefragt haben wie ich so im Bett bin!!! Als ich mit zwei Männern und drei Frauen ein Bier auf der Hotelterrasse in Jaipur getrunken habe, hat uns der Hotelbesitzer ernsthaft gefragt, ob wir alle zusammen Sex haben!!! Inder sehen hier keine Überschreitung der Privatsphäre.
Man sieht fast nur Männer auf der Straße. Obwohl die Mehrheit dem Hinduismus angehört, gilt auch dort, die Frau ist zuhause und kümmert sich um Haushalt und Kinder.
Indische Männer sind sehr schnell überfordert. Stellt man eine einfache Frage, sind sie nicht fähig diese eigenständig zu beantworten. Dann tummeln sich plötzlich vier bis fünf andere rundherum, es wird durcheinander geredet und es dauert minutenlang bis eine Antwort formuliert wird. Herrlich!!!
Recycling, Mülltrennung und Vermeidung von Plastik sind Erste-Welt-Probleme. Überall Müllberge!! Darin Schweine, Kühe und leider auch Menschen. In Indien kümmert sich niemand darum, weil die Menschen einfach andere Sorgen haben. Hier geht es oft ums blanke Überleben. Frauen werfen Essensreste vor die Haustür, die nächste Kuh oder der nächste streunende Hund wird es schon fressen.
Indien ist – so viel steht fest – ein faszinierendes Land. Es ist schön und erschreckend zugleich.
Mein Lieblingsland wird es definitiv nicht,
aber eine Rückkehr ist absolut nicht ausgeschlossen.
Unterkünfte:
Neu Delhi, Hotel Ajanta 2*, EZ/ÜF/eigenes Bad, 24 €/Nacht
Agra, Rhine Ganpati Guesthouse, EZ/Ü/eigenes Bad, 10 €/Nacht
Jaipur, Rawla Mrignayani Palace, EZ/Ü/eigenes Bad, 14 €/Nacht
Goa, James Guesthouse Bogmalo, ganzes Haus/Ü 18 €/Nacht
Flüge:
Frankfurt – Neu-Delhi, Air India, nonstop, 240 €
Jaipur – Goa, Jet Airways, 1 stop, 79 €
Goa – Kolkata, Air India, 1 stop , 81 €
Züge:
Neu Delhi – Agra, 14 €
Agra – Jaipur, 15 €
Visum:
Evisa, 48 €
1600 km von „unten nach oben“
Route: Ho-Chi Minh – Hue – Hanoi
12 Tage
Als das Flugzeug um 1.00 Uhr in der Nacht in Kolkata abhebt, bin ich fast ein wenig erleichtert. Ich bin Indienmüde, glaub ich. Vier Stunden dauert es nun bis zu meiner Zwischenlandung in Kuala Lumpur. Klar, es gibt auch Direktflüge nach Vietnam, aber die sind meistens teurer und ich habe ja Zeit.
Kurz nach dem Start schlafe ich ein und werde durch einen extremen Knall und heftiges ruckeln wach. Panik steigt kurz auf, doch wir sind nur gelandet! Habe ich doch glatt vier Stunden durchgeschlafen, ich Glückskind. Das ich in Flugzeugen schlafen kann, ist wirklich ein Vorteil. Aber das geht nur auf Plätzen mit der Nummer A, dem Fensterplatz auf der linken Seite. Da kann man sich so schön an der Kabinenverkleidung anlehnen. Auf dem Fensterplatz der anderen Seite des Fliegers kann ich übrigens nicht schlafen. Mir tut dann immer die linke Seite so weh, komisch, auf A habe ich das nicht. Die Eigenarten eines Jeden sind manchmal nicht zu erklären, das ist dann halt einfach mal so!
Am Flughafen in Kuala Lumpur kenne ich mich gut aus, schon oft bin ich in den letzten Jahren hier umgestiegen und einmal auch schon ausgestiegen um Malaysia zu bereisen. Ich weiß, dass es hier diese Fastfoodkette mit dem großen goldenen Buchstaben gibt. Ja, ich oute mich, ich liebe Fastfood, leider! Ich gönne mir endlich mal wieder ein Frühstück, das nicht scharf ist und voll meinem europäischen Geschmack trifft, auch gibt es hier wieder Rindfleisch, super!
Am Gate des Flugs von Kuala Lumpur nach Ho-Chi-Minh steigen auffallend viele Damen mit Kopftuch in den Flieger. An und für sich nichts Ungewöhnliches im muslimischen Malaysia, doch sind sie ohne einen einzigen Mann unterwegs. Im Flugzeug lerne ich sie besser kennen. Es sind Freundinnen, die sich einen Wochenendtrip nach Vietnam gönnen. Ich freue mich, dass die Welt offener wird...
Ich fliege mit der Billigfluglinie AirAsia, meiner Lieblingsairline in Asien, mit der ich schon so oft unterwegs war. Leider ist eine Maschine im letzten Jahr über der Javasee abgestürzt, ein technischer Defekt und die daraufhin falschen Entscheidungen der Piloten führten zu der Katastrophe, bei der niemand überlebt hat. Komisch, das hat man immer im Hinterkopf. Trotzdem habe ich mich wieder für diese Airline entschieden. Günstig, pünktlich, freundlich und gut! Und abstürzen können natürlich alle Flugzeuge dieser Erde.
Der Landeanflug führt über das Mekong Delta. Eine tolle Begrüßung wie ich finde. Am Immigrationsschalter werde ich nach meinem Visum gefragt. Ich habe die Information, dass Deutsche, wenn sie nicht länger als 15 Tage im Land bleiben, keines benötigen. Das stimmt auch, allerdings will der Officer mein Weiterflugticket sehen. Leider ist dieses Papier in meinem Koffer, so was Bescheuertes! Wie kann man wichtige Dokumente im Koffer aufbewahren? Ist mir noch nie passiert. Black out, ist mir wohl die Hitze in Indien zu Kopf gestiegen. Ich werde schließlich mit Polizeieskorte zum Gepäckband begleitet, ziehe natürlich alle Blicke auf mich, war ich ja auch schon die einzige Europäerin im Flugzeug. Als mein Koffer kommt und ich diesen öffne, fallen zuerst meine Stoffkuh Babette und das Glücksschwein heraus. Ich denke, jetzt führen sie dich ab, eine erwachsene Frau mit Stofftieren, aber sie lachen mich freundlich an, die netten Polizisten. So, Weiterflugticket vorzeigen und schnell weg, bevor ich doch noch festgenommen werde.
Ich lasse mich mit einem Taxi zu meinem Gästehaus fahren, bin müde, ist mir zu anstrengend einen Bus zu suchen, vor allem weil ich nicht weiß, wo ich aussteigen muss. Muss mal wieder erwähnen, dass ich keine 20 mehr bin. Auch hier ist es extrem heiß, 44 Grad zeigt das Thermometer im Wagen. Es ist die heißeste Zeit des Jahres und ich habe etwas Sorge in den nächsten Wochen einfach so wegzuschmelzen. Aber mein überflüssiges Körperfett, das darf gerne weg, ach wenn das doch so einfach wär!
Was mir auf der Fahrt sofort auffällt, es gibt Mülltonnen und Supermärkte, so richtig Große, nicht nur so kleine Büdchen, beides habe ich in Indien vermisst. Ich muss mir dringend was für meine Haare kaufen. Sie sind extrem trocken, meine Friseurin würde die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wahrscheinlich würde sie auch noch ihre Füße hinzunehmen, aber das hat Zeit bis morgen.
Mein Gästehaus liegt in einer kleinen Seitenstraße. Ohne die Hilfe der Taxifahrerin hätte ich es niemals gefunden. Die Besitzer sind freundlich, zeigen mir mehrere Zimmer und ich entscheide mich für eines mit Fenster. Fensterlose Zimmer sind in Asien übrigens etwas völlig normales. Das Zimmer ist ok, aber das Bad nur eine winzige Zelle. Ich kann mit meiner europäischen Figur nur quer auf dem Klo sitzen. Zudem gibt es keine abgetrennte Dusche, der Duschkopf hängt mitten im Raum an der Ecke, auch normal in Asien. Ich mag es nicht, wenn das Bad ständig unter Wasser steht, wenn man Handtücher, Klopapier und Co. vor dem Duschen erst einmal in Sicherheit bringen muss, aber so ist es halt.
Am nächsten Tag erkunde ich die Stadt. Ich kann die Innenstadt problemlos zu Fuß erreichen. Endlich wieder Bürgersteige. Einzig über die Straße zu kommen ist eine Herausforderung, wegen den Motorrollern, die so typisch sind für das Land. Es soll etwa fünf Millionen davon alleine in Ho-Chi-Minh geben. Glaube ich sofort und ich lerne schnell, wer stehen bleibt hat verloren. Einfach zielstrebig weitergehen, auch wenn sich die Mopeds bedrohlich nähern, sie fahren um einen herum. Das tun sie auch auf den Bürgersteigen, jeder Zentimeter wird genutzt, wenn es ums Weiterkommen geht.
Ho-Chi-Minh-Stadt erhielt ihren Namen übrigens im Jahre 1976, nachdem Nord- und Südvietnam wiedervereinigt worden waren. Die Stadt wurde nach Ho Chi Minh benannt, welcher im September 1945 die Demokratische Republik Vietnam proklamierte und später die Führung des Landes als Staats- und Ministerpräsident übernahm. Nach der Teilung Vietnams als Folge des Indochinakrieges 1954, wurde er Präsident der Demokratischen Republik Vietnam. Vorher hieß die Stadt Saigon, aber auch heute noch wird dieser Name verwendet. Ich finde Saigon hört sich besser an. Das hat so was Fernes, Mystisches.
Zuerst besuche ich den Ben Thanh Markt, kaufe Kaffee und eine neue Hose, die aus Indien hatte ja nicht gehalten, was der Verkäufer versprochen hatte. Danach spaziere ich zum Bitexi Financial Tower, der moderne Wolkenkratzer ist dem Design einer Lotusblüte nachempfunden. Die Lotusblüte ist die Nationalblume Vietnams, auch bekannt als die "Blume der Morgenröte". Für Vietnamesen ist der Lotus das Symbol der Reinheit, des Engagement und des Optimismus für die Zukunft. Aber zurück zum Financial Tower, dort gibt es ein Skydeck. Der Tower ist 265 m hoch und aus der 49. Etage hat man einen wunderbaren Ausblick über die Megacity!
Anschließend laufe ich zum Saigon-River. Er wirkt erheblich sauberer als der Ganges, bzw. der Hugli in Indien. Ich bestelle mir an den Garküchen ein leckeres Essen. Da dort sehr viele Einheimische essen, hoffe ich, dass ich alles vertrage. Ich weiß nicht genau was ich esse, aber es ist unglaublich lecker und nicht so scharf wie in Indien. Dann entdecke ich die Notre-Dame-Basilika und erfahre, dass sie aus der französischen Kolonialzeit stammt, alle Materialien wurden ausschließlich aus Frankreich importiert.
Wegen der extremen Schwüle und der Hitze ist meine Stadterkundung per pedes wahnsinnig anstrengend. Ich bewege mich nur noch im Zeitlupentempo fort. Trotzdem erkunde ich die Innenstadt weiter. Das Opera House, die Independence Hall, die oben schon erwähnte Kathedrale und die Alte Post sind tolle Gebäude und sind die Anstrengung wert. Ho-Chi-Minh ist richtig modern, fast bin ich ein bisschen enttäuscht. Aber in den Nebenstraßen sieht man es dann doch, das echte Leben. Die Garküchen in den Hinterhöfen, deren Gäste auf Plastikhockern am Straßenrand sitzen, die Straßenhändler, die einem für kleines Geld ihr Handwerk verkaufen möchten, Friseure die Haare auf der Straße schneiden.
In einem Straßencafé treffe ich Touristen aus dem Westen. Sie sind genervt von der lauten Stadt. Finden alles irgendwie chaotisch und dreckig. Darüber kann ich nur lachen, klar ist es hier nicht wie in London, Berlin oder Paris. Wir sind in Asien. Aber im Vergleich zu Indien ist das hier ein Unterschied wie Tag und Nacht. Auch werde ich hier nicht oft angelabert und wenn, dann wünschen Sie noch einen schönen Aufenthalt in Vietnam, auch wenn man ein Verkaufsangebot ablehnt. Oft werde ich gefragt, ob ich nicht ein Motorbike ausleihen möchte. Es reizt mich, aber wenn ich runterfalle ist die Reise umgehend beendet. Ich verzichte. Am späten Nachmittag kehre ich in mein Gästehaus zurück. Pause!!! Die Hitze bringt mich noch um!
Im Internet buche ich später einen typischen Touri-Ausflug zum Mekong-Delta. Schon am nächsten Morgen geht es los. Unsere Reisegruppe ist ein buntgemischter Haufen mit Leuten aus Russland, Litauen, Indien, Malaysia, Südkorea und natürlich mir aus good old Germany. Drei Stunden braucht der Bus für die nur 67 Kilometer lange Strecke bis My Tho, wegen den Rollerfahrern kommen wir kaum vorwärts. Auf dem Weg besichtigen wir die Vinh Trang Pagoda. Der lachende Buddha gefällt mir.
Wir erreichen das Ufer des Mekong. Niemand weiß übrigens wie lang der Fluss genau ist, denn es wird ständig über seine Quelle diskutiert. Sie liegt im tibetischen Hochland soviel ist klar, aber Forscher sind sich nicht einig wo genau er entspringt. So wird seine Länge mit ca. 4300 bis 4900 km angegeben. Er durchquert sechs Länder (Vietnam, Thailand, Kambodscha, China, Laos und Myanmar) und fließt in Südvietnam, hier am Mekong Delta, ins südchinesische Meer. Über 70.000 Quadratkilometer erstreckt sich das Delta, in dem es nur wenige feste Straßen gibt. Hier bewegt man sich überwiegend auf dem Wasser fort und so steigen auch wir in ein Boot um. Wir schippern auf dem gigantischen kilometerbreiten Fluss und halten kurz an, um Honigtee und Früchte mit Chili zu probieren, ja richtig gelesen, die Vietnamesen essen Obst mit Chili. Meinen Geschmack trifft dies leider nicht. Danach steigen wir auf ein traditionelles Sampan-Boot um. Die Fahrerin, die das Boot per Hand steuert warnt uns die Hände im Boot lassen, der ganze Fluss sei voller giftiger Schlangen! Hab ich auch brav gemacht. Mit Schlangen hab ich es ja nicht so, aber ich sollte sie im Laufe meiner Reise besser kennenlernen, viel besser kennen lernen, so von Angesicht zu Angesicht, aber nicht hier und heute.
Im Mekong Delta wächst die Wasserkokosnuss. Sie wächst aus dem Boden und ist mit der Kokosnuss wie wir sie kennen gar nicht vergleichbar. Aus dem Fruchtfleisch dieser Wasserkokosnuss wird leckere Schokolade hergestellt. Schmeckt wirklich gut, wir dürfen probieren.
Wir kehren in ein traditionelles Restaurant zum Mittagessen ein. Die Speisekarte besteht nur aus Bildern und zeigt allerlei Leckereien auf nämlich Schlange, Krokodil, Schildkröte und diverse andere asiatische Köstlichkeiten. Niemanden aus unserer Gruppe kann dies begeistern, lediglich Chang aus Südkorea freut sich. Schließlich haben wir Fisch bestellt. Der wurde dann im Ganzen auf dem Tisch kredenzt. Das war gut so, denn so konnten wir sicher sein, keine zu exotischen Tierchen kredenzt zu bekommen. Dazu gab es Reis und Frühlingsrollen. Lecker!!! Auch wenn dieser Ausflug ziemlich touristisch anmutet, es ist ein schöner Tag, ich möchte ihn nicht missen.
Meine Reise führt mich weiter gen Norden, in die Mitte Vietnams, nach Hue. Hue war zwischen 1802 und 1945 in der Nguyen-Dynastie die Hauptstadt von Vietnam. Warum der Fluss, der Hue durchquert, Parfümfluss heißt weiß keiner so genau. Es gibt zwei Erklärungen. Der Name Parfümfluss oder Fluss der Wohlgerüche stammt von Blüten, die im Frühling auf dem Fluss treiben. Ein weiterer Erklärungsversuch besteht im Transport von Edelhölzern, denn früher wurden edle Hölzer mit einem angenehmen Geruch auf dem Parfümfluss transportiert. Auf jeden Fall hat die alte Kaiserstadt jede Menge an kulturellen Highlights zu bieten, wie die Zitadelle, die Königsgräber aber auch die verschiedenen Tempel und Pagoden.
