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Die historisch-politischen Texte des Jahres 2024 unter dem Titel »Die Republik auf der Kippe« stellen ein anti-chronologisches Tagebuch der unbequemen, lästigen Fragen dar: Wird Berlin Weimar, nachdem Bonn es nicht wurde? Ist Washington bereits jenseits von Weimar? Wird sich EU-Europa endlich angemessen gegen Putins Krieg verteidigen? Gehen wir einem Zeitalter des Autokratismus und der Post-Verfassungsstaatlichkeit entgegen? Was wird aus der Supranationalität in der EU? War die sogenannte deutsche Einheit schon immer eine Illusion, nicht erst seit 1990? Welche Chancen hat die progressive Politik der Transition der Industriegesellschaft hin zu überlebbarem Wachstum? Wird der deutsche Konservatismus am Ende doch wieder Steigbügelhalter für die Herrschaft des Rechtsextremismus? Welche Bedeutung kommt der Geschichte als Orientierungswissenschaft noch zu? Die Antworten sind im Sinne einer Figurenrede in Robert Musils Mann ohne Eigenschaften »vorläufig definitiv«.
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Seitenzahl: 976
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Prof. Dr. Rolf-Ulrich Kunze forscht und lehrt neuere und neueste Geschichte am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Über 20 Fachmonographien und zwei Romane bei minifanal, publizistische Tätigkeit. In den Medien vor allem zum Thema der Familienzeitgeschichte.
Een woord vooraf
31. Dezember: Anmerkungen zu Putin
30. Dezember: Föderale Bremsen
29. Dezember: Freiheit und Kehrtwende hängen zusammen
28. Dezember: Was bringt historisch-politische Publizistik?
27. Dezember: Die Faszination des Autoritären
26. Dezember: Experten an der Regierung: ein Weg in die Autokratie
25. Dezember: Das glücklicherweise ewige Leben mancher Eisenbahnfahrzeuge
24. Dezember: Robert Frost, Stopping by woods on a snowy evening
23. Dezember: Zurück zum Primat der Politik
22. Dezember: Eine Phase der Kriege
21. Dezember: Der schwächste Kanzler in der Geschichte der Bundesrepublik
20. Dezember: Putins Vorwurf des Antirussismus
19. Dezember: Progressive Politik und Geschichte als Ressource
18. Dezember: Der Fährmann, der Lebensgeschichten übersetzt
17. Dezember: Progressive Politik und die Vermeidung von Stillstand
16. Dezember: Was dem Osten fehlt
15. Dezember: Die freistaatliche Zukunft der Pfalz
14. Dezember: Progressive Politik und Krieg
13. Dezember: Progressivismus und Segregation
12. Dezember: Progressivismus und das Auto
11. Dezember: Progressive Politik und neue soziale Lebensformen
10. Dezember: Progressive Politik und die Notwendigkeit der Verwaltung
9. Dezember: Progressivismus und Sozialaufstieg
8. Dezember: Progressivismus und die Kirchen
7. Dezember: Progressiver Staat
6. Dezember: Progressives Regulieren
5. Dezember: Die hoffnungsvolle Aussicht auf Russlands Ruin
5. Dezember: Was ist heute progressive Politik?
4. Dezember: Die argumentative Schwäche von U. Tellkamp
3. Dezember: Progressive Wissenschaftspolitik
2. Dezember: Progressive Identitätspolitik
1. Dezember: Das Ende des gedruckten Fahrplans
30. November: Progressive Verteidigung ermöglichen
29. November: Anti-Konsum ermöglichen
28. November: Post-Gesellschaftsgeschichte schreiben
27. November: Habermas
26. November: Sittenbild des Wählers III
25. November: Fragebogen
24. November: Sittenbild des Wählers II
23. November: Streichungen
23. November: Die dunkle Seite der Ostpolitik
22. November: Sittenbild des Wählers I
21. November: Die Revolution der Dummheit
20. November: Schule ohne Noten
19. November: Die gemütliche deutsche Diktatur
18. November: In eigener Sache: Anti-Pazifismus
17. November: Das Drehbuch der Machtergreifung
16. November: Politische Moral
16. November: Die Kriegserklärung an den Staat des Grundgesetzes
15. November: Keine Gegner, sondern Feinde
14. November: Regulieren!
13. November: Warum wählen so viele gegen ihre Interessen?
12. November: Die Reste der SPD
11. November: Das Ende des Gemeinwohldenkens
10. November: Realpolitik
9. November: Bürokratiekritik
9. November: Es gibt kein direktes Lernen aus der Geschichte
8. November: Das Ende der Gewaltenteilung
8. November: Nihilismus
7. November: Und Jetzt?
7. November: Sehnsucht nach dem Autoritarismus
6. November: Kulturkämpfe
6. November: Wer uns jetzt noch helfen kann
5. November: Wie der Neoliberalismus Gesellschaftlichkeit zerstört hat
5. November: Machtergreifung
5. November: Die Wiederkehr der Großreiche
4. November: Die Welt ab Dienstag
4. November: Die Zukunft der Grünen
3. November: Das Ende der FDP
2. November: Die Post-Kanzler-SPD
1. November: Die BSW-Gefahr 5: Die Radikalität des Anti-Individualismus
31. Oktober: Die BSW-Gefahr 4: Anti-Verfassungsstaatlichkeit
30. Oktober: Die BSW-Gefahr 3: Personenkult
29. Oktober: Die BSW-Gefahr 2: Die vermeintliche Wagenknecht-Intellektualität
28. Oktober: Die BSW-Gefahr 1: Die Unterschätzung einer Leninistin
27. Oktober: Angst. Eine Miniserie 12: Angst vor dem nachdenkenden Sapiens
26. Oktober: Angst. Eine Miniserie 11: Eine Angst, die wir haben sollten
25. Oktober: Angst. Eine Miniserie 10: Angst vor Autokratie
24. Oktober: Eine Dokumentation aus Sachsen, 1991
23. Oktober: Angst. Eine Miniserie 9: Angst vor Eigentumsverlust
22. Oktober: Angst vor Demokratieverlust
21. Oktober: Angst. Eine Miniserie 7: Angst vor Sozialabstieg
20. Oktober: Angst. Eine Miniserie 6: Angst vor dem Unbekannten
19. Oktober. Kleine Definitionen
18. Oktober: Angst. Eine Miniserie 5: Angst vor Krieg
17. Oktober: Angst. Eine Miniserie 4: Angst vor Prüfungsversagen
16. Oktober: Angst. Eine Miniserie 3: Angst vor Verachtung
15. Oktober: Angst. Eine Miniserie 2: Angst ohne Jenseits
14. Oktober: Angst. Eine Miniserie 1: Angst in der Moderne
13. Oktober: Die westliche Außensicht auf die DDR. Ein Überblick
12. Oktober: Mitteleuropa und Geopolitik
11. Oktober: Die Verluste des Westens seit 1990
10. Oktober: Weltbürgerkrieg 2.0
9. Oktober: Der mediale Osten
8. Oktober: Gründe
7. Oktober: „Das Recht hat der Politik zu folgen“
6. Oktober: Die österreichische Präzedenz
5. Oktober: Ampelhass
4. Oktober: Der Wähler der demokratischen Endzeit
3. Oktober: Die Hymne
2. Oktober: Der Nationalstaat von 1990, ein Irrtum
2. Oktober: Der Thüringer Vorgang
1. Oktober: Deutsch-deutsche Mediation 15: Ökonomie
30. September: Deutsch-deutsche Mediation 14: Krieg und Frieden
29. September: Deutsch-deutsche Mediation 13: Zukunft
28. September: Deutsch-deutsche Mediation 12: Spaltung
27. September: Deutsch-deutsche Mediation 11: Kompromisse
26. September: Deutsch-deutsche Mediation 10: Unsicherheit
25. September: Deutsch-deutsche Mediation 9: Neugier
24. September: Deutsch-deutsche Mediation 8: Konfession
23. September: Deutsch-deutsche Mediation 7: Schule
22. September: Deutsch-deutsche Mediation 6: Homogenität
21. September: Deutsch-deutsche Mediation 5: Selbstentfaltung
20. September: Deutsch-deutsche Mediation 4: Recht
19. September: Deutsch-deutsche Mediation 3: Bedeutungen des Armseins
18. September: Deutsch-deutsche Mediation 2: Treibende Kräfte
17. September: Deutsch-deutsche Mediation 1: Zwei Beziehungen zur Ordnungsmacht
16. September: Deutsch-deutsche Mediation 0: Über Verschiedenheit reden
15. September: Was machen mit den marschierenden Ost-Malkontenten?
14. September: Hybrider Sozialkonservatismus im 21. Jahrhundert
13. September: Normalisierung
12. September: Rechtspopulistische Irrtümer: Steuerbarkeit von Migration
11. September: Die Sucht nach Nationalem
10. September: Ich mach H. H
9. September: Niederbayerisches Mädchen auf der Beerdigung ihres Vaters
8. September: Notstand
7. September: Rechtspopulistische Irrtümer: Recht
6. September: Rechtspopulistische: Populismus und Führung
5. September: Rechtspopulistische Irrtümer. Was zu Wahl steht und was nicht
4. September: Die Nicht-Partei BSW
3. September: Das thüringische Labor für Untergang
2. September: Die Kosakisierungsgefahr bei der SPD
2. September: Eine andere Republik
1. September: Die Legende von der Überwindung des Nationalsozialismus
31. August: If
31. August: AfD und BSW
31. August: Sächsische Dilemmata
30. August: Berlin 1932/33
30. August: Der Verlust der Kritikfähigkeit
29. August: Die Lebenslüge der Einheit
28. August: Die Grenzen der Ökumene
27. August: Fatalisten, Hysteriker und Schafe
26. August: Wenn die Ampel scheitert
25. August: Globalgeschichte
24. August: Formen der Begabung
23. August: Erbfolgen
22. August: Von Wracks
21. August: Historisches Denken heute
20. August: Die Unbeliebtheit des Rechts
19. August: Die Suche nach der Mitte
18. August: Die totalitäre Mafiakratie
17. August: Ekklesiologie
16. August: Bürgertum?
15. August: Handlungsspielraum
14. August: Der Verlust des Bösen
13. August: Bildung
12. August: Die deutsche Gesellschaft der Mörder und Räuber
11. August: Der Mann der steilen Thesen und seine/ihre Abstürze
10. August: Die größten politischen Chancen des restlichen Jahres 2024
9. August: Feigheit
8. August: Die Entthronung der Politik
7. August: Die andere illiberale Demokratie
6. August: Entökonomisierung
5. August: Europa 3.0
4. August: Steuert Politik?
3. August: Revisionismus
2. August: Führung
1. August: A. Rödders Wut auf den sozialen Wandel
31. Juli: Die Resilienz der US-Demokratie
30. Juli: Geopolitik
29. Juli: Imagined communities
28. Juli: Der Glücksanspruch
27. Juli: Russland sich selbst besiegen lassen
26. Juli. Das Ende der Berechenbarkeit
25. Juli: Quellenbegriffe: Kriegsausbruch
24. Juli: Der Meistererzähler der „Umvolkung“
23. Juli: MINT oder Demokratie
22. Juli Die Verfassungsfeinde und die Judikative
21. Juli: Radikalenerlass, Neuauflage
20. Juli: Katastrophentheorien
19. Juli: Politikverdrossenheit
18. Juli: Das Unpolitische
17. Juli: Fatalismus bekämpfen
16. Juli: Tellkampisierung
15. Juli: Abstellen
14, Juli: Bürgerkrieg
13. Juli: Lieber spät als nie
13. Juli: Die dritte Berlin-Krise
12. Juli: Ius sanguinis
11. Juli: 180 Grad
10. Juli: Der exklusive Kulturbegriff Uwe Tellkamps:
9. Juli: Spaltungsgeschichte
8. Juli: Zur Typologie der illiberalen Demokratie VIII: verpasst
7. Juli: Zur Typologie der illiberalen Demokratie VII: post-öffentlichrechtlich
6. Juli: Zur Typologie der illiberalen Demokratie VI: distanzlos
5. Juli: Zur Typologie der liberalen Demokratie 5: wirkungsgradfixiert
4. Juli: Zur Typologie der illiberalen Demokratie IV: indifferent
3. Juli: Zum 4th of July, 2024: The king can do no wrong
3. Juli: Zur Typologie der illiberalen Demokratie III: Anti-partizipatorisch
2. Juli: Zur Typologie der illiberalen Demokratie II: Autoritär
1. Juli: Zur Typologie der illiberalen Demokratie I: Faschistisch
30. Juni: Nuancen der Sprachgeschichte
30. Juni: Das Funktionieren der AfD VII: Folgen
29. Juni: Das Funktionieren der AfD VI: Verbot
28. Juni: Das Funktionieren der AfD V: LTI
27. Juni: Das Funktionieren der AfD IV: Konservatismusselbstzerstörung
26. Juni: Das Funktionieren der AfD III: Zeitverschwendung
25. Juni: Das Funktionieren der AfD II: Verfassungsfeindlichkeit
24. Juni: Das Funktionieren der AfD I: Misstrauen
23. Juni: Whataboutism
22. Juni: Stadt–Land
21. Juni: Psst!
20. Juni: Thüringer Realitäten
19. Juni: Wie es gehen kann
18. Juni: Nach Trump
17. Juni: Umfrage und Wirklichkeit
16. Juni: Völkerrecht im asymmetrischen Krieg
16. Juni: Rache
15. Juni: Was droht? IV Anarchie
14. Juni: Was droht? III Gewöhnung an den Rechtsextremismus
13. Juni: Was droht? II Transitionsverschleppung
12. Juni: Was droht? I Die russische Gefahr
11. Juni: Junge Leute und der Rechtsextremismus
10. Juni: EU-Krise now
9. Juni: Demokratiekrise now
8. Juni: Die Grenzen digitaler Verwahrlosung
7. Juni: Elitenhass
6. Juni: Grünenhass
5. Juni: EU-Szenario, dialektisch katastrophisch
4. Juni: Utopiefähigkeitsverlust
3. Juni: Zurück zum Politischen
2. Juni: Das Spektrum des Möglichen
1. Juni: Der Ansatzpunkt
1. Juni: Krieg als Krieg
31. Mai: Keine Illusionen
30. Mai: Technokratische Politik
30. Mai: Sowas kommt von sowas
30. Mai: Wertseligkeit
29. Mai: Platon und der politische Wandel
28. Mai: Hemmungen
27. Mai: Kein Paradox, historische Erfahrung
27. Mai: Die Post-Gesellschaft
26. Mai: Reden über Politik
25. Mai: Die Zukunft der Union 8: Und die politische Bildung
24. Mai: Die Zukunft der Union 7: Und Angela Merkel
23. Mai: Die Zukunft der Union 6: Und die CSU
22. Mai: Die Zukunft der Union 5: Und die Grünen
21. Mai: Die Zukunft der Union 4: Und die SPD
20. Mai: Die Zukunft der Union 3: Und die FDP
19. Mai: Die Zukunft der Union 2: Und die Modernisierung
18. Mai: Die Zukunft der Union 1: Und das BSW
17. Mai: Rekonstruktion des Sozialen 13: Kleidung
16. Mai: Rekonstruktion des Sozialen 12: Regelkonformität
15. Mai: Ein böses Signal
15. Mai: Rekonstruktion des Sozialen 11: Eigenständigkeit
14. Mai: Rekonstruktion des Sozialen 10: Wehrhaftigkeit
13. Mai: Rekonstruktion des Sozialen 9: Schuldenbremse
12. Mai: Rekonstruktion des Sozialen 8: Die Neoliberalisierung des Liberalismus
11. Mai: Rekonstruktion des Sozialen 7: Soziales Lernen
10. Mai: Rekonstruktion des Sozialen 6: Vermögen
9. Mai: Rekonstruktion des Sozialen 5: Eigentum
8. Mai: Rekonstruktion des Sozialen 4: Ungleichheit
7. Mai: Rekonstruktion des Sozialen 3: Universitäten
6. Mai: Rekonstruktion des Sozialen 2: Schule
5. Mai: Rekonstruktion des Sozialen 1: Abschied von der SPD
4. Mai: Mentalitätsschatten der DDR 4: Kleinbürgerlichkeit
3. Mai: Stillstandsträume
2. Mai: Mentalitätsschatten der DDR 3: Kollektivismus
1. Mai: Unterschätzung
30. April: Mentalitätsschatten der DDR 2: Mitmachdiktatur
29. April: Mentalitätsschatten der DDR 1: Meritokratismus
28. April: Tabubrüche
27. April: Der Schoß
26. April: Die russische Gefahr
25. April: Wie Werte entstehen und wie nicht
24. April: Wenn Böckenförde recht hat
23. April: Die Kanzlerkandidaten der Union
22. April: AfD-Karrierismus
21. April: Die Zukunft der CDU
20. April: Von der bösen Nostalgie 13: Früher Brötchen besser?
19. April: Nicht gewöhnen
18. April: Politische Bildung
17. April: Von der bösen Nostalgie 12: Früher mehr erfüllte Zeit?
16. April: Kriegsziele
15. April: Von der bösen Nostalgie 11: Früher mehr authentisch?
14. April: Von der bösen Nostalgie 10: Früher mehr einfach?
13. April: Von der bösen Nostalgie 9: Früher mehr Bildung?
12. April: Von der bösen Nostalgie 8: Früher bessere Jugend?
11. April: Von der bösen Nostalgie 7: Früher mehr Bescheidenheit?
10. April: Von der bösen Nostalgie 6: Früher mehr lekker Essen?
9. April: Von der bösen Nostalgie 5: Früher waren alle Nazis?
8. April: Verfassungsfragen
7. April: Von der bösen Nostalgie 4: Politik früher echter?
6. April: Von der bösen Nostalgie 3: Alte Technik menschlicher?
5. April: Von der bösen Nostalgie 2: Alltag erinnern
4. April: Retro-Illusionen. Von der bösen Nostalgie 1
3. April: Faule Psychologie
2. April: Szenarien
1. April: Statt rechts/links
31. März: Der Rhetorik der Reaktion widersprechen
30. März: Inselbahn
29. März: Post-Geschichte
28. März: Das kosakische Gift
27. März: Der Schatten der Verschwörung
26. März: Warum der Teufel besonders lustig war, als er den Kapitalismus erfand
25. März: Imperiales Erklären
24. März: Empiregeschichte
23. März: Hausaufgaben
22. März: 30. April 1980
21. März: Dschungelbücher
20. März: Nicht ganz da
19. März: Deutsche Sonntagsstaatfamilienfotos
18. März: Markt, Markt, Markt
17. März: Die Landkarte
17. März: Auslegung
16. März: Á la baisse
15. März: Das Herz der Demokratie
14. März: Politische Gestimmtheit
13. März: Über die AfD III
12. März: Über die AfD II
11. März: Über die AfD I
10. März: Worst cases
9. März: Die zwei Versäumnisse
8. März: Sprachliche Demokratieverachtung
7. März: Im Interzonenzug. Aus den Sowjet-Miniaturen meines Vaters
6. März: Der Fischklau. Aus den Sowjet-Miniaturen meines Vaters
5. März: Sächsischer Antifaschismus: Aus den Sowjetminiaturen meines Vaters
4. März: Der Spezialwaggon: Aus den Sowjetminiaturen meines Vaters
3. März: Wohnungsbau: Aus den Sowjetminiaturen meines Vaters
2. März: Schiller, dialektisch: Aus den Sowjetminiaturen meines Vaters
1. März: Hitler-Faschismus erklären: Aus den Sowjetminiaturen meines Vaters
28. Februar: Tribunal: Aus den Sowjetminiaturen meines Vaters
27. Februar: Brillenersatz: Aus den Sowjetminiaturen meines Vaters
26. Februar: Do svidaniya: Aus den sowjetischen Miniaturen meines Vaters
25. Februar: JETZT das Verbotsverfahren gegen die AfD eröffnen
24. Februar: Widerliche Begriffe
23. Februar: Widerliche Begriffe
22. Februar: Widerliche Begriffe
21. Februar: Widerliche Begriffe
20. Februar: Widerliche Begriffe
19. Februar: Widerliche Begriffe
18. Februar: Widerliche Begriffe
17. Februar: Widerliche Begriffe
16. Februar: Widerliche Begriffe
15. Februar: Widerliche Begriffe
14. Februar: Ohnemichelei
13. Februar: Enthemmung?
12. Februar: Strategic window
11. Februar: Mentalitätsschatten
10. Februar: Über Sichtbarkeit
9. Februar: Warum Menschen rechtsradikal werden,
8. Februar: Wie Putin Krieg führt
7. Februar: Und danach?
6. Februar: De-Putinisierung
5. Februar: Widerstand überleben
4. Februar: Evangelikalfaschismus
3. Februar: Die Routinen der Coolheit
1. Februar: Die Tradition der Unterschätzung
31. Januar: Die Ursache-Wirkungs-Umkehr der Ostermärsche
30. Januar: Demokratie gegen Antidemokratie
29. Januar: Technologieoffenheit
28. Januar: Deutsche Atomgeschichte
27. Januar: Die Gendergeschichte
26. Januar: End of humanities
25. Januar: Todeszonen der Demokratie
24. Januar Dumme Sätze
23. Januar: Dumme Sätze
22. Januar: Dumme Sätze
21. Januar: Dumme Sätze
20. Januar: Dumme Sätze
19. Januar: Dumme Sätze
18. Januar: Dumme Sätze
17. Januar: Dumme Sätze
16. Januar: Dumme Sätze
16. Januar: Dumme Sätze
16. Januar: Die AfD muss verboten werden
15. Januar: Was Chat GPT nie können wird
14. Januar: Die Kraft des Meckerns
13. Januar: Die Macht der eigenen Bilder
12. Januar: Change management
11. Januar: Windschatten
10. Januar: Sammeln
9. Januar: Psychologie?
8. Januar: „Jeder vierte Viertklässler kann nicht richtig lesen“
7. Januar: Besser schweigen von 1848/49
6. Januar: Besser schweigen von der nationalen Demokratie 1848
5. Januar: Die soziale Frage und 1848
4. Januar: Gesellschaft statt Volk
3. Januar: Ein Nationalstaat von 1848
2. Januar: Mal nachfragen: Heimat
1. Januar: Hitler zu verstehen
Zwischen den Jahren 2023/24: 1960–2023: In der pädagogischen Provinz
Im Springbrunnen: Aus der Pädagogischen Provinz II
Der Fußball: Aus der Pädagogischen Provinz III
Revolution: Aus der pädagogischen Provinz IV
Schulbeginn 1975: Aus der pädagogischen Provinz V
Soziales Lernen: Aus der pädagogischen Provinz VI
Mitbestimmung: Aus der pädagogischen Provinz VII
Das Cello. Aus der pädagogischen Provinz VIII
Vor der Klasse. Aus der pädagogischen Provinz IX
Mehrwert: Aus der pädagogischen Provinz X
Scheiternde Einheit – scheiternde Demokratie? Rede zum Tag der deutschen Einheit 2024
Offenbar ist die Republik noch nicht gekippt. Oder doch? Das Kippen ist ein merkwürdiger Vorgang. Er kommt nicht aus heiterem Himmel, sondern setzt das Schwanken voraus: „kippen: Die Herkunft des Verbs, das vom Niederd.-Mitteld. ausgehend gemeinsprachliche Geltung erlangt hat, ist unklar. (…) Das seit dem 18. Jh. bezeugte Substantiv Kippe (…) w ist im Sinne von ,Punkt des Schwankens oder Umstürzens‘ heute noch in der Wendung ,auf der Kippe stehen‘ gebräuchlich. In der Turnersprache bedeutet es ,Aufschwung am Reck‘. (…).“1 Um die letztere Verrenkung geht es hier nicht, sondern um eine Chronik des Schwankens und Umstürzens. Von Aufschwung kann keine Rede sein.
Die Chronik gehört zu den ältesten Formen der Historiographie.2 Sie verzeichnet Angaben zu den vier aristotelischen Formen der Begründung: zur causa formalis des Was, zur causa materialis des Woraus, zur causa efficiens des Wodurch sowie zur causa finalis des Wozu.3 Begründet wird in der folgenden Chronik die Frage: Was ist für die Aufzeichnung relevant? Schon in der Auswahl des Was, von den anderen W-Fragen wie Wer oder Warum einmal ganz abgesehen, steckt der Ansatz zum politischen Kommentar, denn es wird eine Relevanzentscheidung vorgenommen. Chronologisch angeordnete historisch-politische Stellungnahmen verstärken diese vorgegebene Struktur, indem sie der Dimension des festgehaltenen Zeitverlaufs retrograde Bezüge zuordnen, um das Tagesgeschehen besser verstehen und in größere Fragen einordnen zu können. Was nicht damit zu verwechseln ist, sie beantworten zu können.
Tatsächlich ist der Text eine Anti-Chronik. Denn die meisten der vorliegenden historisch-politischen Texte habe ich ursprünglich auf meiner Facebook-Seite gepostet.4 Beibehalten wurde die präsentistische, anti-chronologische Struktur ihrer Anordnung in einem historisch-politischen Tagebuch für 2024: das Aktuelle steht vorn. Dies spiegelt nicht nur den Zeit- und Epochencharakter, sondern auch die Schwierigkeit, in einem sozialdigitalen Medium die Entwicklung der jeweiligen Gegenwart aus einer bestimmten Vergangenheit heraus erklären zu wollen. Die aufmerksamkeitsökonomische Grundverfassung des Mediums ist nur an der wandernden Gegenwart interessiert. Die Vergangenheit muss bewusst immer wieder mit dem flüchtigen Jetzt konfrontiert werden, wobei dieses Vergangene bestenfalls zum Spiegel der Gegenwart wird.
Die Texte stellen eine Form des strikt täglichen öffentlichen Nachdenkens eines politischen Zeithistorikers dar, der sich durch die aktuelle Bedrohung des liberalen EU- und grundgesetzlichen Verfassungsstaats in Gestalt der schmutzigen Interaktion von Autokratismus, Neokonservatismus, Rechtspopulismus, Rechtsextremismus und Nationalbolschewismus herausgefordert fühlt. Wozu? Sich immer wieder schreibend der Grundlagen seiner Sicht auf den Zusammenhang von Geschichte und Gegenwart zu vergewissern, denn das ist neben Forschung und Lehre ein Kern seiner öffentlichen Aufgabe im Gemeinwesen. Den Grad dieser Herausforderung, das Ausmaß der Demokratiekrise bis hin zur Zerstörung der Begriffe der politischen Sprache, hätte ich mir noch vor wenigen Jahren nicht vorstellen können. Hier ist schon etwas gekippt. Aber niemand stellt den Antrag zum AfD-Verbot. Überall wird taktiert. So wie in Weimar ab 1930.
Kleine hundert Jahre reichen für den Vergleich nicht aus. Zur res publica amissa in der paradigmatischen Beschreibung des Scheiterns der römischen Republik von Christian Meier gehört das paradoxe Phänomen, dass es vor dem Kippen der Republik einen eigenartigen Zwischen- und Übergangszustand gibt, in dem sich die Post-Republik bereits ankündigt, ohne dass den Handelnden klar ist, ob der Kippunkt des politischen Aggregatzustands hin zu etwas anderem schon überschritten ist.5 Auch die politischen Akteure, die es besser wissen müssten, wollen einfach nicht wahrhaben, was vor ihren Augen, durch ihre Passivität oder Verstrickung geschieht. Überall wird taktiert. So wie in Rom 133 v. Chr.
Eine völlig andere, aber in mancher Hinsicht ähnliche Kippsituation besteht im politischen Berlin des Winters 1932/33. Auch hier gibt es ein chaotisches Neben- und Durcheinander von politischen Initiativen und Intrigen, zugleich ein starkes politisches Momentum für alle rechten Kräfte, die schon lange entschieden eine Alternative zum demokratischen Verfassungsstaat der Weimarer Republik suchen. Daraus folgt der Totentanz der liberalen Demokratie, die sich selbst abschafft. Möglich wird dies keineswegs etwa durch die extremistischen Gefahren von Rechts und Links, sondern durch die Steigbügelhalterrolle des deutschnationalen Konservatismus für den Nationalsozialismus. Hetze, Häme und Hasshechelei der rechten Intelligentzija insbesondere an den geisteswissenschaftlichen Fakultäten deutscher Universitäten nicht zu vergessen. Die erste selbstgleichgeschaltete Gruppe innerhalb der deutschen Gesellschaft waren die deutschen Studenten.6
Im Januar 2025 hat der organisierte deutsche Konservatismus durch seine gemeinsame Abstimmung mit der AfD im Bundestag ein ähnliches Szenario geprobt, auch wenn die Ergebnisse sich unterscheiden, da Geschichte sich nicht wiederholt. Was das für eine demokratische Regierungsbildung und den liberalen Verfassungsstaat nach der kommenden Bundestagswahl heißt, ist auf radikale Weise offen: res publica amissa.
2024 stand nicht nur die Berliner Republik auf der Kippe. Die vorliegenden Kommentare versuchen auszuloten und zur Diskussion zu stellen, warum das so ist, was es bedeuten könnte und was daraus folgt.
Alle Textarten vom politischen Kommentar über die Polemik, Satire, biographische Erinnerung bis zur Rede verbindet eine Liebe zur verstehenden Kritik im Sinne von Erich Kästners goldener Formulierung, die bezeichnenderweise aus dem Jahr 1932 und damit aus der Zeit der ersten Selbstabschaffung der Demokratie stammt:
„Was auch immer geschieht:
Nie dürft ihr so tief sinken,
von dem Kakao, durch den man euch zieht,
auch noch zu trinken.“7
Die Bereitschaft und Fähigkeit zur Kritik steht heute nicht mehr besonders hoch im Kurs. Sie war in den 1970er Jahren jedenfalls dort das Leitziel einer progressiven Pädagogik, wo nicht die Konservativen über die Schulbildung herrschte und der Gedanke an die Veränderbarkeit der Welt für eine kurze, liberale Phase der Gesellschaftsgeschichte in Teilen der Bundesrepublik nicht dumpfes, schon damals rechtspopulistisch mobilisierbares Erschrecken auslöste. An den verlorenen Zeiten gibt es nichts zu idyllisieren, diese Epoche ist gründlich abgeschlossen. Und meine Generationsgenossen West, die damals in der Grundschule waren, sind heute für eine kompetenzialistisch-positivistische Post-Pädagogik nicht nur in der Schule verantwortlich, die das Best-practice-Gutfinden und konsensualistische Schönreden von allem in den Mittelpunkt stellt: Bloß kein Streit! Das ergibt eine Gesellschaft, deren einer, größerer Teil, die Ja-Sager, im Kakao badet und sich gleichzeitig gar nicht an ihm sattrinken kann, während der andere, immer noch kleinere Teil außerhalb der Kakao-Becken, die Nein-Sager, den Verfassungsstaat an allen Ecken anzündet oder damit taktiert. Nicht nur das erinnert an 1932/33. Auch Uwe Tellkamp ist mein Jahrgangsgenosse.
Unter allen Texten – mit zwei Ausnahmen – steht nicht wie über Walter Kempowskis historischen Romanen in zumindest halb-ironischer Distanzierung „ Alles frei erfunden!“, aber sicherlich im Musilschen Sinn: alles „vorläufig definitiv“. Patentrezepte ausgeschlossen.
Am Ende sind zwei außerchronologische Texte angefügt, die trotzdem zur Chronologie des Jahres 2024 gehören. Ich bin ein Lehrerfamilienkind. Diese Atmosphäre und Moralität verbindet mich zeitlebens mit meinen Lehrereltern, mit meinem Lehrerbruder in einem Beruf mit viel mehr und freiwilligem Publikum, mit anderen moralischen Lehrern wie Erich Kästner und Walter Kempowski. Und dazu und dafür stehe ich. Ohne Moral ist alles nichts.
Das andere Außerchronologische ist der Text meiner Rede zum 3. Oktober 2024, den ich in Ettlingen bei Karlsruhe gehalten habe und die nach dem Sinn dessen fragt, was wir uns deutsche Einheit zu nennen entschieden haben, obwohl sich historisch unschwer zeigen lässt, dass es sich dabei um eine mehr politische Fiktion handelt, auf die wir genauso verzichten sollten wie auf die des deutschen Nationalstaats. Er löst kein Problem, er ist eines.
Die Coverabbildung zeigt Piet Mondrians Gemälde Composition No. III, with red, blue, yellow and black aus dem Jahr 1929. Für den Nordwestdeutschen und Niederlandehistoriker ist sie topographisch als realistische Landschaftsmalerei plausibel. In meiner Auffassung des Politischen steht sie für den Traum vom Struktur und Rationalität, wo Kontingenz und Dummheit vorherrschen.
Mein Dank gilt einmal mehr meinem Verleger Dr. Dirk Friedrich, der mutig genug ist, ein derart sperriges Buch in einem Verlag mit dem schönen Namen minifanal zu verlegen.
Sommerhausen, 27. Februar 2025
1 Duden Etymologie. Herkunftswörterbuch der deutschen Sprache, bearb. v. Günther Drosdowski, Paul Grebe u.a., Mannheim u.a. 1963, S. 325.
2 Vgl. Egon Boshof, Mittelalterliche Geschichte, in: ders., Kurt Düwell, Hans Kloft, Grundlagen des Studiums der Geschichte. Eine Einführung, Köln/Wien 31983, S. 16-19.
3 Vgl. Robert Spaemann, Kausalität, in: Handlexikon zur Wissenschaftstheorie, hg. v. Helmut Seiffert, Gerhard Radnitzky, München 1989, S. 160-163, 161.
4https://www.facebook.com/rolfulrich.kunze/?locale=de_DE [25.01.2025].
5 Vgl. Christian Meier, Res publica amissa. Eine Studie zu Verfassung und Geschichte der späten römischen Republik, Frankfurt am Main 1980.
6 Vgl. Michael Grüttner, Studenten im Dritten Reich, Paderborn u.a. 1995, S. 19-100.
7 Erich Kästner, Was auch geschieht! (1932), in: ders., Werke, Bd. I: Zeitgenossen, haufenweise. Gedichte, München/Wien 1998, S. 175.
1978 erschien eines der bemerkenswerten Bücher über Hitler, Sebastian Haffners „Anmerkungen zu Hitler“.8 Ende der 1970er Jahre hatte sich in der deutschsprachigen Historiographie ein überwiegend makro-sozialgeschichtlicher Blick auf den Nationalsozialismus durchgesetzt, der strukturell und faktoral argumentierte. Die Person Hitlers trat dabei immer weiter in den Hintergrund. Trotz aller massiven Bemühungen der historisch-politischen Bildung gab es parallel in der Öffentlichkeit der Bundesrepublik, befeuert durch bestimmte Printmedien und auch das Fernsehen, eine regelrechte Hitler-Welle. Sie hing auch damit zusammen, dass bereits die größere Zahl der Deutschen keine eigenen Erinnerungen mehr an die NS-Zeit und Hitler hatte. Haffner war Zeitzeuge, außerdem historisch orientierter Publizist. Seine „Anmerkungen“ richteten sich sowohl an die Zielgruppe der Nachgeborenen, an sie sogar in erster Linie, als auch an die nach und nach abtretenden Generationen der Zeitzeugen.
Was er vorlegte, war keine Hitler-Biographie oder diktaturgeschichtliche Studie, sondern ein gelehrter Essay mit einer klaren Struktur. Haffner behandelte in dieser Reihenfolge Leben, Leistungen, Erfolge, Irrtümer, Fehler, Verbrechen und Verrat Hitlers. Darin lag 1978 eine größere Provokation, als man sich das im Rückblick vorstellen kann, denn von Hitlers Leistungen und Erfolgen zu sprechen, lässt sich auch apologetisch verstehen. So wurde es gerade von Zeitzeugen in den 1970er Jahren und von jungen Neonazisten auch verstanden: Es war ja nicht alles schlecht! Haffners diesbezüglich völlig unverdächtige Argumentführung zielt auf etwas ganz anderes ab, was mit den Forschungen zur Akzeptanz des Nationalsozialismus auf der Grundlage von Hitlers Charisma zu dieser Zeit erst in den Anfängen steckte. Der spätere britische Hitler-Biograph Ian Kershaw verfolgte genau diesen Ansatz: Zu verstehen, was bei Hitlers Deutschen Akzeptanz erzeugte und was nicht. Dazu gehört es, Leistungen und Erfolge ins Verhältnis zu Irrtümern, Fehlern, Verbrechen und Verrat zu setzen. Vereinfacht zusammengefasst, stellte schon Haffner in den „Anmerkungen“ fest, dass die bei den Deutschen extrem populären Leistungen Erfolge Hitlers wie der „Anschluss“ Österreichs und der „Blitzkriegs“-Sieg über Frankreich lediglich Akzeptanzvoraussetzungen für die Fehler und die Verbrechen des später so benannten Zivilisationsbruchs waren. Und dass Hitlers Verrat im Führerbunker unter der Reichskanzlei darin besteht, im Moment des Zusammenbruchs jedwede Verantwortung auf sein Wirtsvolk abzuwälzen, das eben vor der Geschichte versagt hätte und nun bekäme, was es verdiene: den Untergang.
Die Parallelen zur politischen Karriere Putins sind bei allen Unterschieden der Biographien und der politischen Kontexte offensichtlich. Auch dessen politische Integrationsleistungen und bisherigen militärischen Erfolge dienen einzig und allein dem übergeordneten, programmatisch festgelegten Ziel der Wiederherstellung einer der Sowjetunion plus X vergleichbaren Imperialität mit allen Mitteln, Verbrechen nach innen und außen eingeschlossen. Wie bei Hitler gibt es bei Putin fundamentale Irrtümer, die auf der Verstrickung in das eigene Weltbild beruhen, z.B. seine Unterschätzung der politisch-militärischen Handlungsfähigkeit des Westens ihm gegenüber. Handwerkliche Fehler bietet der Angriffs- und Ukrainekrieg vor allem in seiner ersten Phase in einem Umfang, die, wiederum wie bei Hitler, die zunehmende Isolierung des Diktators gegenüber der Expertise der militärischen Fachleute betreffen, die nicht mehr zu ihm durchdringt oder nicht mehr zugelassen wird. Der seitherige, wenn auch bescheidene militärische Erfolg zu einem hohen Preis beruht auf der Uneinigkeit des Westens. Die stärkste Analogie auf der psychologischen Ebene liegt in der Selbstidentifikation beider Führer mit dem Schicksal und der damit zusammenhängenden Koppelung ihrer politisch-militärischen Agenda an ihre Lebenszeit.
Noch ist Putin nicht im letzten Stadium des Verrats angekommen, dass ihn motivieren könnte, den atomaren Erstschlag zu wagen, weil er das erwiesenermaßen strukturell unterlegene Russland nicht mehr vor den Untergangsfolgen der Antwort darauf schützen muss. Deshalb muss Putin militärisch besiegt und möglichst beseitigt werden, bevor es dazu kommt.
8 Sebastian Haffner, Anmerkungen zu Hitler, München 1978.
im Verfassungsgefüge kennen, in dieser historischen Reihenfolge und in jeweils eigenen historischen Bezügen, die Schweiz, die USA und die Bundesrepublik. In allen drei föderalen Systemen, so verschieden sie und ihre Gesellschaften sind, liegt die strukturelle Funktion des Föderalismus in der Entschleunigung des politischen Prozesses, der sich mit dem dynamischen politischen Mandat und dessen Umsetzung in den Parlamenten ergibt. Der ständige Streit um Zuständigkeiten und Geld zwischen dem Bund und den Teilstaaten ist ein wesentliches Merkmal des Föderalismus. Zum verfassungsmäßigen Identitätskriterium wurde dies explizit nur im amerikanischen Modell. Hier soll die Staatlichkeit der Bundesstaaten die politische Durchherrschungskapazität des federal government traditionell einhegen. Darin artikuliert sich ein vormodernes Verständnis von Gewaltenteilung und Staatsaufgaben. In der Schweiz liegt der föderale Akzent stärker auf der eifersüchtig gepflegten kantonalen Identität, die eine Bundesstaatlichkeit überhaupt nur in der Form einer Confoederatio Helvetica zulässt. In der Bundesrepublik knüpft der Föderalismus des Grundgesetzes an vornationalstaatliche Zustände an und versteht sich als eine anti-diktatorische Lehre aus der zentralstaatlichen NS-Vergangenheit.
Jede Begründung des Föderalismus, die in den USA, die in der Schweiz und die in der Bundesrepublik, ist trotz ihrer historischen Kontextualität schon längst politisch prekär geworden. Besonders krass zeigt sich das in den USA. Die latent bürgerkriegsartige politische Spaltung des Landes in zwei Lager hat immer eine föderale Seite gehabt. Durch den Senat als die Vertretung der Bundesstaaten kann praktisch jedwede Politik einer Bundesadministration in D. C. ausgebremst, zumindest aufgehalten, oft genug komplett verhindert werden. Politischer Stillstand und eine starke Förderung des populistischen Elements in der Politik ist die Folge. Die Präsidentschaft von Trump, die stattgehabte und die zweite, wäre ohne den Diversionseffekt des US-Föderalismus so nicht denkbar. Mit Gewaltenteilung hat das nichts mehr zu tun. Es ist Politik- und vor allem Veränderungsverhinderung. Das gilt auch für die überfällige Verfassungsreform der gesamten US-Verfassungsordnung selbst, die keineswegs zu den besten Welt gehört. Sie enthält petrifiziertes Gedankengut der Spätaufklärung, das von den konservativen Scharfmachern im Supreme Court so wortgläubig ausgelegt wird wie die Bibel von evangelikalen Fundamentalisten. So als habe es den sozialen Wandel seit der politisch-industriellen Doppelrevolution nie gegeben. Und als könne er nicht nur aufgehalten, sondern rückgängig gemacht werden, so wie der Papst im 19. Jahrhundert den scheußlichen Modernismus von elektrisch Licht verurteilen konnte.
Der Föderalismus ist ein Hemmschuh aller notwendigen politischen Transformationen unserer Zeit. Ihn aus sich selbst heraus zu überwinden, ist so gut wie ausgeschlossen. Womit auch ein Urteil über die Reformierbarkeit der politischen Verhältnisse in den USA gesprochen ist. Im Fall der Bundesrepublik liegt die einzige diesbezügliche Hoffnung auf einem Sprung in ein entschieden supranationales Europa mit einer starken Brüsseler Zentrale und kulturell anerkannten, aber politisch zurückgestuften Provinzen. Sehr gern viele bunte Länderwappen an vormaligen Binnengrenzen und auf E-Fahrradkennzeichen. Die Politik der Zukunft darf nicht in den Provinzen mit provinziellem Horizont verhindert werden.
Fünfzig Jahre nach dem ersten Club-of-Rome-Bericht „Limits to growth“ muss Europa den russischen Angriffs- und Vernichtungskrieg abwehren.9 Das wird die Chancen für eine Kehrtwende in der globalen Überlebenspolitik auf noch viel drastischere Weise mindern als die nicht abreißende Kette der Krisen und Kriege seit 1972. Erschwerend kommt als Erblast hinzu, dass viele Szenarien des ursprünglichen Berichts zu Industrialisierung, Ressourcen, Umweltfolgen, Bevölkerungswachstum und Ernährungsgrundlage schon viel früher eingetreten und teilweise negativ übertroffen wurden, als das vor einem halben Jahrhundert von dem Team um Dennis und Donella Meadows sowie den deutschen Ökonomen Erich Zahn am Massachusetts Institute of Technology berechnet worden ist.
Die politischen Randbedingungen und Ablenkungseffekte können wir uns heute genausowenig aussuchen wie 1972. Die Schlussfolgerungen des neuen Berichts wie ein Schuldenerlass für den Globalen Süden und eine Besteuerung der Superreichen dürften heute politisch durch neoliberale Austeritäts- und Gierideologie genauso hinter den Horizont geschoben werden wie der damalige schlichte Hinweis auf die Endlichkeit fossiler Energieressourcen. Aus der ersten Strukturanalyse eines Weltproblems, der immer weiter wachsenden Energieabhängigkeit von Wachstums- und Konsumpolitik, wurde in den westlichen Ländern des Globalen Nordens, allen voran in den USA, nach der Erfahrung der politisch bedingten Ölkrisen die erste Angstdebatte um die Versorgungssicherheit mit dem Stoff der Stoffe, dem Schwarzen Gold für das Allerheiligste, das Auto. Diese Verkürzung von der globalen Zukunfts- auf die PKW-Perspektive beförderte marktradikale Antworten seit den 1980er Jahren und war zugleich ihr egoistischer Inbegriff, mit dessen Konsequenzen wir uns heute auseinanderzusetzen haben. Ohne dass dies die neoliberale Verblendung auch nur verlangsamen würde, die einzigen zaghaften Ansätze globalpolitisch wirksamer Steuerungsinstrumente, die wir haben, die intergouvernemental vereinbarten, durch die systematische Zerstörung ihrer Träger, der zu ihrer Einhaltung bereiten staatlichen Akteure, im Wortsinn zu ruinieren. Auch hier ist der neue Bericht deutlich: Marktdynamik wird die Welt nicht retten. Nur die Politik.
Die wichtigste politische Randbedingungen ist heute, dass das russische Verbrechen schon deshalb nicht hingenommen werden kann, sondern durch eine Anti-Putin-Koalition aus der Welt gebracht werden muss, weil nur mit einem besiegten Russland überhaupt die Voraussetzungen zumindest grundsätzlich gesichert sind, dass offene Gesellschaften und demokratisch legitimierte politische Systeme weitreichende Transitionsentscheidungen treffen. Russland darf die Welt an der Kehrwende nicht hindern. Freiheit und Transition gehören untrennbar zusammen.
9 Vgl. https://www.3sat.de/wissen/nano/220302-rome-nano-108.html [25.01.2025].
Sie dient im besten Fall, wenn kritische Analyse und Lesbarkeit zusammenkommen, einer gewissen Orientierung eines eher speziellen Publikums mit historischen Sensoren. Es lässt sich ganz ohne kulturpessimistischen Unterton feststellen, dass es diese im engeren Sinn bürgerliche Öffentlichkeit in Europa nur noch in Spurenelementen gibt. Daher ist es auch gar kein Wunder, sondern Ausdruck normalen Medienwandels, dass nicht mehr mindestens einmal im Monat der große anlassbezogene Erklärartikel eines wichtigeren Fachvertreters in der Qualitätspresse und irgendwann später in einem Aufsatzband aus Anlass eines runden Geburtstags zu finden ist.
Die politische Geschichte ist heute deutlich weniger öffentlich sichtbar und engagiert als noch vor dreißig Jahren, also in der Zeit kurz nach der Erfindung des zweiten deutschen Nationalstaats von 1990. Die Kolleginnen und Kollegen schätzen die Fachöffentlichkeit und die Fachthemen mehr als alles, was mit historisch-politischer Bildung und Aufklärung zu tun hat. Das mag neben den gesellschaftlichen und medialen Veränderungen auch mit den Qualifikationsmustern auf dem Weg in die Wissenschaft als Beruf zusammenhängen, die immer noch keinen Weg darstellen, sondern lediglich die erhöhte Bereitschaft zum biographischen Hazard verkörpern. Zusätzlich zum fleißigen Würfeln werden möglichst zahlreiche Auslandsaufenthalte, Vernetzung und kooperative Projekte höher geschätzt als die Beteiligung an der public history oder gar das Bücherschreiben. Das erzeugt und reproduziert den Typus des tüchtigen, passungsfreudigen, pro-aktiven und teamfähigen Projektmanager-Sachbearbeiters, den CIO erst für die eigene Ich-AG, dann für eine öffentliche Anstalt, die Privatunternehmen spielt. Public intellectuals sind nice to have, but not essential. In Berufungskommissionen fällt dann gern, halb neidisch, halb verächtlich, das Wort vom Vielschreiber. Naturbegabungen mit Mitteilungsbedürfnis und dem dazugehörenden Selbstbewusstsein gibt es immer. Aber das sind Ausnahmen von der etwas grauen Regel. Dekonstruktivismus, Entpolitisierung und die nicht unberechtigte Kritik an der zu den männlichen Meistererzählungen gehörenden Neigung zu Mansplaining haben in der Summe die öffentliche, kritische, politische Geschichtswissenschaft wie die eines Hans-Ulrich Wehler komplett historisiert. Sie wäre heute nicht mehr möglich.
Eine Aufgabe und Chance der historisch-politischen Publizistik bleibt und gewinnt im Zeitalter des inneren und äußeren Autokratismus sogar noch an Bedeutung: die Erinnerung daran, dass es einen Unterschied zwischen Wahrheitsorientierung und offener Lüge gibt. Ob mit Fußnoten oder ohne, der historische Text lebt von der Qualität, Transparenz und Eleganz seiner Begründung. Das hat etwas mit der ars rationalis zu tun, mit Common sense, Stil und dem Geist eines alten römischrechtlichen Prozessgrundsatzes: audiatur et altera pars. Keineswegs zufällig sind das die Grundtugenden demokratischer politischer Kultur.
Eine Humanwissenschaft, die keine kritische Orientierung mehr bieten möchte, sondern nur noch Kompetenzen, Wissen oder Histotainment, hätte das Humanum erfolgreich hinter sich gelassen.
Die Stunde der Autokraten schlägt nicht nur dann, wenn die Demokratie in der Krise ist. Das Autoritäre zieht bestimmte Menschen besonders an, und bestimmte Seiten der politischen Moderne fördern diese Neigung. Die Grundphänomen moderner politischer Verhältnisse ist ihre immer weiter wachsende Komplexität. Die gesellschaftlichen Subsysteme werden zugleich immer interdependenter, verrechtlicht und politisch steuerungsabhängiger, was zwangsläufig zu einem Verlust realer und gefühlter Autonomie führt. Moderne Industriegesellschaften sind derart systemisch voraussetzungsreich in ihrer materiellen und ideellen Infrastruktur, dass praktisch kein Lebensbereich oder Alltagsraum sich selbst überlassen bleiben kann. Damit kann nicht jeder konstruktiv umgehen.
Das autoritäre Politikangebot setzt bei dem charakteristischen Missbefinden an, das solche komplexen sozialen Strukturen erzeugen können. Autokraten versprechen mit der rhetorischen oder gelegentlich echten Kettensäge in der Hand, die für nicht wenige undurchschaubar und exklusiv wirkende Kompliziertheit der Welt und Dinge drastisch zu vereinfachen. Am Anfang dieses Prozesses steht der fürchterliche Satz von Ronald Reagan, der Staat sei nicht die Lösung, sondern das Problem. Für viele wirkt eine Politik des Dreinschlagens faszinierend und attraktiv: macht kaputt, was euch kaputt macht. Die Lust auf die Zerstörung alles Interventionsstaatlichen als Inbegriff der Konfrontation mit Einschränkungen des individual pursuit of happiness führt dazu zu übersehen, wem dieser Staat vor allem dient: denjenigen, die sich ein Analogon für seinen Schutz und seine Infrastruktur nicht auch privat kaufen können. Und so kommt es zu dem Paradox, dass Milliardäre wie Trump und Musk Millionen von unterdurchschnittlichen Verdienern über die Freude am destruktiven Autoritarismus dazu triggern, sich politisch den Ast abzusägen, auf dem sie sitzen.
Es kommt noch etwas anderes hinzu, der von Adorno und Horkheimer so treffend analysierte autoritäre Charakter mit seiner ichschwachen Prädisposition für autoritäre Führung. Dieser faschistoide Typus empfindet tatsächlich Freude am Geführtwerden und in der Rollenerfüllung von Führer-Gefolgschaftsverhältnissen. Er fühlt sich aufgewertet durch die kleine symbolische Teilhabe an der Großen Macht, die sich im digitalen Zeitalter nicht mehr in Parteiarmeeuniformen und Massenaufmärschen, sondern unendlich viel schneller, direkter und wirksamer in den imagined communities der social media vergegenständlicht: die X-Nachricht von Trump persönlich.
Die Allianz aus dem destruktiven und autoritären Typus ist dann schnell eines: das Ende der liberalen Demokratie.
Autokratie und Expertokratie haben einen gemeinsamen Nenner, den Autoritarismus. In Demokratiekrisen ist der Ruf nach Expertenregierungen ein Indikator für die Gefahr, dass eine demokratische politische Kultur ins Autoritäre und Autokratische kippt. Die Befürworter rühmen an der Experten- oder Technokratenherrschaft den tatsächlich vorhandenen Gegensatz zur Herrschaft des Diskurses. Daraus spricht fehlendes Vertrauen in die freie Aushandlung der besten politischen Vorgehensweise durch den Austausch von Argumenten und eine Idealisierung vermeintlich personalisierter Expertise im Gegensatz zu den quasselnden, korrupten und nur an Macht interessierten Parlamentariern, die meinen, alles zu können und zu dürfen. Tatsächlich sind diese im liberalen demokratischen Rechts- und Verfassungsstaat genau dafür gewählt – innerhalb des Rahmens von Verfassung und Recht.
Das antiparlamentarische, antidemokratische Leitbild ist ein Regime des zwingenden Wirkungsgrads, dessen Kriterien nicht mit Laien diskutiert werden müssen oder können. Die absolute Autorität des Experten beruht auf seiner Expertise, nicht auf der politischen Überzeugungskraft seiner Argumente oder demokratischen Legitimation. Politik wird als technisch-funktionales oder als Rechenproblem gedeutet, für das es zweckmäßige und unzweckmäßige, falsche und richtige Lösungen gibt. Über die muss der Sachverstand verbindlich entscheiden, nicht das parlamentarische Geschwätz von Ideologen. Es ist immer bezeichnend, wer für ein solches Politikverständnis eintritt: alle Feinde der Verfassung.
Auch nach über einem halben Jahrhundert des Sozialdekonstruktivismus ist dieser Typus des autokratischen politischen Denkens nicht immer noch, sondern schon wieder in ganz neuen Generationen präsent. Seine robuste Attraktivität liegt im rhetorisch wirkungsgradstarken, sachlich illusionären Reduktionismus, der zudem eine stark populistische Seite hat. Zudem erweckt die Advokatur der Expertokratie den Eindruck, eine objektive und neutrale Ebene ober- und außerhalb des positionalistischen politischen Streits der Meinungen zu adressieren, die mit politischen Argumenten nicht erreichbar ist. Dass dies tatsächlich die Komplettverweigerung von demokratietheoretischer Epistemologie und -praktischer Machtkontrolle darstellt, steht auf einem anderen Blatt.
In den Niederlanden kann man dieser Tage sehr genau beobachten, wohin eine angebliche Expertenregierung in einer politischen Dauerkrise führt. Das politische Spiel der Aushandlung findet nicht mehr offen zwischen der Zweiten Kammer und der parlamentarischen Regierung statt, sondern verschiebt sich auf alle möglichen mehr oder weniger verdeckten Versuche der politischen Einflussnahme auf die Experten in der Administration. Anders gesagt, die allgemeine Repräsentativfunktion des Parlaments und seiner Regierung ist nicht mehr gegeben. Weil die Rechtfertigung der regierenden Experten zumindest formal und immer abgesehen von ihrer politischen Benennung außerhalb des Politischen liegt, werden alle möglichen genuin politischen Probleme vor der Hand nicht mehr als solche behandelt, obwohl im Hintergrund ein wahres Hauen und Stechen um die Durchsetzung der eigenen politischen Agenda bei der Manipulation der ,sachlichen‘ Fachregierung tobt.
Auch das ist ein Weg aus der liberalen Demokratie. Denn er verstärkt den Vertrauensverlust in den politischen Common sense der demokratischen Konsensbildung und Entscheidungsfindung zirkelschlüssig. Gewinnen können dabei nur die Autokraten als Befürworter der ganz großen Lösungen. Sie stehen für jene den Rechtsstaat beerdigenden Zynismen, dass, wo gehobelt wird, Späne fallen, und dass beim Trockenlegen des Sumpfes nicht die Frösche gefragt werden.
tagesschau.de berichtet am 17. November 2024 über die schleppend vorankommende Elektrifizierung von Streckenabschnitten der DB und den Einsatz von Dieselloks.10 Der Oberleitungsbau ist seit den 1950er Jahren bei der Deutschen Bundesbahn im Gang, bei der Deut - schen Reichsbahn der DDR eingeschränkt seit den 1960er Jahren. Bei der Bundesbahn waren Dampfloks bis zum Oktober 1977, bei der Reichsbahn bis zum Ende der DDR im Regeleinsatz. Noch heute werden Museumsdampfloks vor DB-Bauzügen eingesetzt, wenn Dieselloks knapp sind, so immer wieder die Ettlinger 58 311.
Das Foto zum Artikel zeigt eine Multifunktionsdiesellok der Baureihe 218.11 Sie wird seit 1968 in Betrieb gestellt, hat zahlreiche Modernisierungswellen und Farbspiele (rot, ozeanblau-beige, Verkehrsrot mit weißem Lätzchen) hinter sich gebracht. Die vierachsigen Reisezugwaggons, die sie führt, gehören zu den UIC-X-Wagen der Deutschen Bundesbahn, die seit 1952 Dienst tun.12 Sie waren in der zweiten Klasse ursprünglich Flaschengrün, in der ersten Klasse blau, dann, unter anderem, ozeanblau-beige, schließlich weiß mit rotem Streifen und grauem Dach.
Die Lebenszyklen der Eisenbahnartefakte können unglaublich lang sein, wenn ganz bestimmte, staatsbahntypische Voraussetzungen erfüllt sind: strenge staatliche Vorgaben für den Bau durch die Industrie, Robustheit, bei Loks Multifunktionalität für Personen- und Güterverkehr, Bedienungsfreundlichkeit, sehr gute Reparierbarkeit durch perfekte Standardisierung. Deshalb wird keine einzige ICE-Generation eine solche Lebensdauer erreichen können wie die BR 218 und die UIC-X-Wagen. Die Höchstgeschwindigkeit der 218er liegt bei 140 km/h. Aber was hat der DB-Kunde von einem teilweise dysfunktionalen Hochgeschwindigkeitsnetz mit theoretisch höheren Durchschnittsgeschwindigkeiten, aber praktisch häufigem Ausfall?
Lok-Wagen-Züge sind bedeutend flexibler als die heute im Fernverkehr bildbeherrschenden Triebzüge, die nur komplett aneinandergehängt werden können. Die Lok-Wagen-Kombination setzt allerdings Abstell- und Rangierbahnhöfe voraus, die als attraktive, oft stadtzentrennahe Immobilien schon längst von der DB einmalig zu schnellem Geld gemacht und lekker teuer bebaut worden sind.
Alte 218er werden übrigens auch nach der Ausmusterung durch die DB „AG“ keineswegs verschrottet, sondern an andere, noch richtige Staatsbahnen oder Privatfirmen verkauft. Interessant wäre ein Kohlendioxid-Vergleich zwischen einer über fünfzig Jahren alten BR 218 vor UIX-C-Wagen und einem ICE der neuesten Generation, wenn die Nutzungsdauer einbezogen wird. Alte Eisenbahnfahrzeuge haben nicht nur das ewige Leben, sondern auch die bessere Energiebilanz.13
Nur als Erinnerungsposten Art. 87e (4) GG: „Der Bund gewährleistet, daß dem Wohl der Allgemeinheit, insbesondere den Verkehrsbedürfnissen, beim Ausbau und Erhalt des Schienennetzes der Eisenbahnen des Bundes sowie bei deren Verkehrsangeboten auf diesem Schienennetz, soweit diese nicht den Schienenpersonennahverkehr betreffen, Rechnung getragen wird. Das Nähere wird durch Bundesgesetz geregelt.“
10https://www.tagesschau.de/inland/bahn-strecken-100.html [25.01.2025].
11https://de.wikipedia.org/wiki/DB-Baureihe_218 [25.01.2025].
12https://de.wikipedia.org/wiki/UIC-X-Wagen_(DB)#IC-Z%C3%BCge [25.01.2025].
13 Vgl. David Edgerton, The shock of the old: technology and global history since 1900, Oxford/UK 2007.
„Whose woods these are I think I know.
His house is in the village though;
He will not see me stopping here
To watch his woods fill up with snow.
My little horse must think it queer
To stop without a farmhouse near
Between the woods and frozen lake
The darkest evening of the year.
He gives his harness bells a shake
To ask if there is some mistake.
The only other sound’s the sweep
Of easy wind and downy flake.
The woods are lovely, dark and deep,
But I have promises to keep,
And miles to go before I sleep
And miles to go before I sleep.“14
1923 erscheint Robert Frosts Gedicht „Stopping by woods on a snowy evening“: aaba, bbcb, dded, eeee. Eine eigenartige Intensität und Strahlkraft geht von dem unscheinbaren Vierstropher aus: rhythmisch, inhaltlich, emotional. Es ist die Zeit des stream of conciousness in den Großromanen: Ulysses, 1920, Zauberberg, 1924, Manhattan Transfer, 1925. Dies in parataktische Lyrik übersetzt zu haben, bleibt eine epigrammatische Komprimierungsleistung besonderer Art. Keine Silbe, kein Wort zu viel. Kein Zufall, dass auch Paul Celan sich an einer Übersetzung versucht hat. Sie muss daran scheitern, dass das komplizierte Deutsche semantisch und grammatisch weniger reduktionsfähig ist als das Englische.
Strophe I: Die Weltwahrnehmung des Menschen der Hochmoderne beginnt mit Rechtsverhältnissen. Wem der Ort gehört und welche Konsequenzen das trespassing haben kann, muss am Anfang stehen. From status to contract. Die Welt ist keine Schöpfung mehr, sondern eine geregelte Besitzordnung, selbst oder erst recht dann, wenn der Eigentümer gerade nicht seine Rolle als Besitzer geltend machen kann. Sogar der fallende Schnee fällt nicht irgendwo, sondern auf verbrieftes Eigentum. Wem gehört der eigentlich?
Strophe II: Das lebende Transportmittel kennt keine Rechtsbeziehungen, nur Erfahrungsroutinen. Von denen wird hier abgewichen, weil der Zaumführer sinnierend im Schnee stehenbleibt, erfahrungspraktisch gesehen zweckfrei. Das auf der Grundlage von Erinnerung zwecks Suche nach Sinn zu können, unterscheidet ihn, so Nietzsche in seiner Zweiten Unzeitgemäßen, vom Tiere. Er bestimmt über die Routinen. Aber Sinn findet er auch nicht in der anmutig tödlichen Natur, in einem Hans-Castorp-Moment des gebremst provozierten Sichverirrens im Schnee. Sondern in einer der ältesten Untergliederungen des Jahreslaufs, seit Menschen das Jahr gliedern: der Wintersonnenwende, dem Dunkelheitspunkt ohne Halt.
Strophe III: Tier und gedachter Sinn kollidieren. Wer nicht von der Suche und ihrer inhärenten Todesnähe gewärmt wird, möchte nicht verharren. Das dumme Leben soll und will weitergehen. Aber nicht aus den richtigen Gründen, sondern nur, weil ihm kalt wird. Nur der C. D. Friedrich-Mensch hat temperaturindifferent Sinn für den leisen und sanften Anprall der hexagonalen Symmetrievarianten, deren Regelförmigkeit ästhetisch und tödlich zugleich ist. Jedenfalls einen Moment lang.
Strophe IV: Der abendländisch-atlantische Appell dringt im Akteur ins Vollbewusstsein: eeee. Trompetensignal, immer hintergründig militärisch. Es geht dabei um gegebene Versprechen und einen noch langen Weg. Das ist immer der Fall in der Western history. Werte, Selbstermächtigungen, Zielhorizonte. Ob The white man’s burden oder The Gods of the copybook headings. Das Viertonhorn ruft zum Angriff. Geschlafen wird später. Ein Empire oder die Zukunft erobert man nicht durch Reflexion.
Frosts Gedicht lässt sich optimistisch bis an die Grenze des Sozialistischen lesen: als Selbstbesinnung auf den Eroberungsauftrag aller versprochenen Zukunft. Nicht stehenbleiben, weitermarschieren. Tatsächlich enthält es eine tiefe Ambivalenz, die mit dem Abstand von einhundert Jahren seine zeitlose Intensität ausmacht. Im stream of consciousness der Moderne liegt alles nebeneinander: die eherne rechtliche Ordnung der Dinge, die fluiden Erfahrungen des Einzelnen in der Welt, das Kaleidoskop der Motivationen, der immer erschreckende Moment des Aufwachens aus allen imagined communities in einer Realität, in der es schneit, Jahreszeiten gibt, und die darin liegende, nicht wegzurationalisierende Mahnung an die Endlichkeit des eigenen Lebens. Die Illusionen verlieren sich im Schnee. Aber manchmal gibt es historische Situationen, in denen die vorgestellten Gemeinschaften unseren ganzen Einsatz verlangen, weil sie für die besseren Illusionen stehen, für die promises to keep, die von 1776 und 1789: eeee.
Klassik ist definiert durch zeitlose Lesartoffenheit. In diesem Sinn ist der Text idealtypisch klassisch: optimistisch lesbar in Zeiten Kennedys, resilienzfördernd im Zeitalter der Autocracy, Inc.
14https://www.poetryfoundation.org/poems/42891/stopping-by-woods-on-a-snowy-evening [25.01.2025].
Die gegenwärtige tiefe politische Krise des Westens drückt eine in mehrfacher Hinsicht revolutionäre Verschiebung im Verständnis des Politischen aus.
Die massenkonsumtive Revolution seit den 1960er Jahren enthält das gefährliche, weil nur in Suchtkategorien in seiner Wirksamkeit adäquat zu beschreibende Versprechen, dass eine wachstumsfixierte, von selbstverständlicher Energieversorgung und Technologieentwicklung ausgehende Politik die voraussetzungs- und folgenlose Wiederkehr des Paradieses mit Wohlstand nicht für alle, sondern für jeden garantieren kann. Die Modernisierungs-Politik begab sich mit der Umarmung solcher Utopien bis hin zur Idee vom anstrengungsfreien Wohlstand in eine Abhängigkeit, die den Primat des Wünschbaren über die Realität begründet hat. Damit wird der Abschied von aller Realpolitik besiegelt.
Als Folge des Neoliberalismus wurde Politik auf allen ihren Ebenen der Programmatik, der Aushandlung und der Umsetzung seit den 1980er Jahren einem verengten Verständnis von Ökonomie untergeordnet, und zwar sogar noch weitergehender als im dialektischen und historischen Materialismus. Politik hatte nicht einmal mehr die Eigenwürde des ableitbaren Überbaus der ökonomischen Basis, sondern verstand sich auch immer stärker selbst als Komplize bei der Privatisierung der Gewinne und Sozialisierung der Verluste. Geltungsrelevante Begründungen für den politischen Aushandlungsprozess brauchte sie weder zu liefern noch gegen andere Konzepte durchzusetzen. Das übernahm vollständig die apriorische Ideologie von der Suprematie und Selbststeuerung der Märkte. Politik sollte sich auf die Zerstörung staatlicher Interventions- und Regulierungsfähigkeit konzentrieren. Die in demokratischen Verfassungsstaaten gegebene politische Legitimation der Politik trat dabei ebenso immer weiter in den Hintergrund wie die gegebenenfalls in der Verfassung formulierten, unter anderem sozialen Staatsziele. Mit dem erfolgreichen Kampf gegen die einzige politische Instanz, die in der Lage ist, kapitalismusregulierend zu agieren, den demokratisch legitimierten Staat, vollendete sich der Primat einer bestimmten Auffassung von Ökonomie über die Politik.
Die digitale Revolution ermöglicht ein ständiges Plebiszit gegen jedwede Form repräsentativer demokratischer Politik. Die digitalen Medien überholen die langsamere Geschwindigkeit aller Aushandlungsprozesse in der Demokratie. Darin liegt die eigentliche Revolution. Sobald sich die Politik in den demokratischen Verfassungsstaaten darauf einlässt, die plebiszitären Potentiale der sozialmedialen Dynamik als neuen Standard nicht nur zu akzeptieren, sondern sogar für eigene Zwecke zu missbrauchen, schafft sie sich selbst ab. Der Primat von Null-Eins über die freie Deliberation ist perfekt. Damit wird der Weg zum Ende der Aufklärung beschritten.
Mit der Entstehung eines neuen Typs von global vernetzter Autokratie seit dem Ende des Kalten Kriegs und vor dem Hintergrund des Siegeszugs neoliberaler Mindsets ergab sich die zweite große, wahrscheinlich für das 21. Jahrhundert charakteristische Herausforderung des Primats der Politik: die schurkenstaatliche Internationale der ökonomisch und militärisch, aber keineswegs ideologisch miteinander verflochtenen, mafiösen Herrschaften der offenen Kriminalität nach innen und außen. Anders als die modernen Diktaturen des 20. verstecken die heterogenen, nur im Hinblick auf die Strategien der Machterhaltung verwandten hochideologischen Autokratien des 21. Jahrhunderts ihre Kriminalität nicht mehr, sondern nutzen sie, darin mafiagleich, als Teil ihres Auftretens. Hier liegt ein Primat des organisierten Verbrechens über die Politik vor.
Zu den großen Aufgaben des Politischen im 21. Jahrhundert muss es gehören, zumindest den Versuch zu unternehmen, den Primat des Politischen gegenüber einer staats- und demokratiezerstörenden Auffassung von Ökonomie und digitaler Technologie sowie gegenüber einer offenen Herrschaft des Verbrechens und von Verbrechern konzeptionell und in einer naturgemäß supranationalen demokratischen, verfassungsstaatlichen Governance wiederherzustellen. Dazu gehört die Wiedergewinnung der Fähigkeit, unangenehme Wahrheiten auszusprechen und zu politisieren: Es gibt Grenzen des Wachstums, auch wenn oder gerade weil der Kapitalismus auf Wachstum beruht. Es gibt Grenzen des Wohlstands, und zu den unangenehmen Aufgaben der Demokratie gehört es, keine Politik gegen diese auf vielen Ebenen belegte Erkenntnis zu betreiben, so schwierig das auch ist.
Der erste Schritt einer Wiedergewinnung des Primats der Politik liegt in der deutlichen Beschreibung des Status quo der politischen Realitäten durch die Politikwissenschaft und die politische Geschichte. Der zweite Schritt besteht in einer Theorie des neuen Primats der Politik. Nur die Politik ist berufen und befugt, im Rahmen der Verfassungsordnung über die Ausrichtung des Gemeinwesens zu bestimmen. Illusionen über die Ökonomie oder die Technologie sind es ebensowenig wie die Selbsterhaltungsabsichten eines Verbrecherkartells. Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen!
In den internationalen Beziehungen droht auf unabsehbare Zeit eine Häufung von kriegerisch eskalierenden Krisen, deren Ursache der Vormarsch der Autokratien ist. Ermöglicht wird das durch die mangelnde, mittelfristig kaum zunnehmende Bereitschaft oder Fähigkeit der führenden Mächte des Westens, entschiedene Schritte der Verteidigung zu unternehmen. Die USA fallen unter Trump als Führungsmacht komplett aus. Die Kollateralschäden dieser Administration in der internationalen Politik und in den internationalen Institutionen sind noch gar nicht abzusehen. Drei Szenarien ragen hier besonders heraus.
Die Trump-Regierung beginnt einen Handelskrieg mit China. In dessen Folge entstehen Kapitalmarktturbulenzen mit gravierenden realökonomischen Folgen. Diese bewirken eine Beschleunigung der demokratisch-verfassungsstaatlichen Systemdesintegration in verschiedenen Ländern des Westens und insbesondere des globalen Südens. Notwendige Investitionen in die Transition bleiben aus, die Transitionskosten geraten durch die immer stärker spürbaren Folgen des Klimawandels außer Kontrolle. Zusätzlich kommen ungekannnte Dimensionen von Migrationsbewegungen in Gang, befördert durch die autokratische Politik von kleptokratisch-mafiosen failing states im Einflussbereich Chinas und Russlands. Große Teile Afrikas versinken in einer explosiven Gemengelage von Bürger- und Stellvertreterkrieg mit Rückkoppelungseffekt auf die internationalen Beziehungen. Afrika ist der Balkan des 21. Jahrhunderts.
Im Nahen Osten bewirkt die Politik Trumps eine direkte Konfrontation mit dem bereits geschwächten Iran. Je nach Massivität des US-Einsatzes gegen Teheran, solidieren sich islamische Regime weltweit über alle Friktionen hinweg. Es folgt eine neue Qualität von islamistischem Terrorismus in allen Zentren des Westens. Durch die Präsenz Russlands in Syrien besteht ein hohes Eskalationspotential.
Trump erpresst die Selenskyj-Regierung mit der Streichung der militärischen US-Unterstützung zu Waffenstillstandsverhandlungen mit Russland. Die absehbaren russischen Maximalforderungen bei den Kriegszielen bewirken einen Sturz Selenskyjs. Der russische Vernichtungskrieg geht weiter und führt zu einer langsamen Eroberung immer weiterer Teile der Ukraine, eventuell bis zum Fall Kiews. Selbst wenn die späte Trump-Administration Gegenmaßnahmen einleitet, kann das Blatt nicht mehr gewendet werden. In dem politischen Chaos nach dem Ende der Amtszeit Trump in den USA testet Putin durch den Angriff auf ein ostmitteleuropäisches NATO-Mitglied die Gültigkeit von Art. 5 NATO-Vertrag.
Die historische Statur eines Bundeskanzlers bemisst sich nach seiner Fortune in den großen, primär historiographierelevanten außenpolitischen Fragen von Krieg und Frieden. Legt man diesen Maßstab an O. Scholz an, wird man keinen anderen Amtsträger seit der Gründung der Bundesrepublik finden, dessen Schwäche zugleich derart substantiell und strukturell ist. Auch keineswegs schwache Kanzler können substantielle oder strukturelle Schwächen haben, aber nie beides. Substantiell sind meistens hartnäckige politische Leitbilder oder auch politische Ängste wie Adenauers chronische, nur zu berechtige Sorge vor einem möglichen isolationistischen Teilrückzug der USA aus dem freien Europa oder Merkels Ordnungsvorstellung von der EU als ewigem Regensburger Reichstag. Sie führen zu Erpressbarkeit. Struktureller Natur können charakterliche Defizite sein wie G. Schröders Neigung zur Männerfreundschaft mit einem blutigen Autokraten. Sie führen zum Maßstabsverlust.
Scholz hat durch seine Außen- und Sicherheitspolitik die Bundesrepublik erpressbar durch russische Drohungen gemacht und durch seine „Besonnenheit“ gegenüber dem Angriffskriegsverbrecher Putin massiv dazu beigetragen, generelle Zweifel an den Maßstäben seiner Gefahrenwahrnehmung für den Krieg der Autocracy, Inc. gegen den Westen zu bestätigen.
Er betont es in dem für ihn peinlich charakteristischen Eigenlob immer wieder, dass die Bundesrepublik unter seiner Kanzlerschaft zum wichtigsten europäischen Unterstützer der Ukraine geworden ist. Das bleibt statistisch richtig, aber politisch falsch. Denn sowohl durch die Art der Gewährung dieser Hilfe – immer zu spät, immer erst unter Zugzwang – als auch und vor allem durch seine erläuternde außenpolitische Rhetorik hat er es geschafft, diese Leistung komplett zu relativieren. Auf jede Initiative Putins reagiert der Bundeskanzler defensiv, dilatorisch oder sogar implizit relativierend, indem er behauptet, einen Gesprächsfaden aufrechtzuerhalten, den es nie gegeben hat. So verstärkte er den Eindruck, dass es Putin vollumfänglich gelingt, den Regierungschef der größten Volkswirtschaft der EU einzuschüchtern und ihm die militärische und politische Agenda immer wieder zu diktieren.
O. Scholz kann nicht vorgeworfen werden, er habe nichts für die von ihm selbst so benannte Zeitenwende getan. Es ist viel schlimmer. Er hat sie durch seinen Politikstil trotz all dessen, was er zur Bündnisfähigkeit der Bundeswehr und zur Unterstützung der Ukraine in Gang gesetzt hat, selbst so weitgehend relativiert, dass dem eigenen politischen Handeln nicht der entsprechende außen- und sicherheitspolitische Gewinn an Handlungsspielraum entspricht. Die russische Geheimdiensteinschätzung, er sei unter den westlichen Feinden der Angenehmste, bringt das auf den Punkt. Das ist das Echo der „Besonnenheit“.
Mehr Täter-Opfer-Umkehr geht nicht. Putin stellt sich insbesondere gegenüber den dafür empfänglichen Teilen der deutschen Gesellschaft als verfolgte Unschuld dar. Er missbraucht dabei die Erinnerung an den nationalsozialistischen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion als emotionale Ressource des „Großen vaterländischen Krieges“ nach innen und für den Vorwurf des Antirussismus nach außen. Klar zu benennen, dass seine Herrschaft und sein Krieg gegen die Demokratie Ausdruck seiner mafiosen Autokratie und seines größenwahnsinnigen Imperialismus sind, hat mit antirussischen Haltungen nicht das geringste zu tun, sondern einfach nur damit, dass Putin wie ein mafioser Autokrat und größenwahnsinniger Kriegsverbrecher handelt.
Auch der legitime Vergleich zwischen Putin und Hitler ist schon deshalb kein Ausdruck von Antirussismus, weil er sehr deutlich die Unterschiede zwischen zwei Personifikationen von Totalitarismus herausarbeitet, die nichts mit der Herkunft der beiden Diktatoren zu tun haben. Putin will um jeden Preis die universalistischen rechtlichen Maßstäbe aus der Welt bekommen, die einen derartigen Vergleich überhaupt ermöglichen. Sie stellen die Grundlage des westlichen Wertesystems dar, das für ihn eine größere Bedrohung darstellt als das US-Arsenal an interkontinentalen atomaren Raketen. Denn die Raketen sind nur in einem sehr speziellen Abschreckungsszenario relevant, die Werte bleiben eine tägliche Gefahr.
Dass Putin allgemeine Menschen- und Bürgerrechte verachtet und abschaffen will, ist Ausdruck der Konsequenz eines Autokraten. Mit der Tatsache, dass er Russe ist, hat das ebensowenig zu tun wie mit angeblich verbindlichen, zu bestimmten Schlüssen zwingenden historischen Erfahrungen. Welche Schlüsse wir aus der Geschichte ziehen und welche Werte wir akzeptieren, ist keine Frage der Abstammung, sondern der freien Willensentscheidung für das eine oder das andere. Putin hat sich entschieden und entscheidet sich jeden Tag neu, eine Verbrecherherrschaft anzuführen und verbrecherische Mittel einzusetzen, diese zu erhalten und auszudehnen.
Im rechts- und verfassungsstaatlichen Denken werden nicht Kriminelle, sondern wird vielmehr die Kriminalität bekämpft. Nicht ein Tätertypus ist entscheidend für die tatbestandgemäße, nicht gerechtfertigte und im juristischen Sinn schuldhafte Handlung, sondern die Tat allein. Putins Opfer- und Exkulpationsnarrativ vom Antirussismus soll von seinen kriminellen Taten ablenken. Sonst nichts.
Die Politik des Progressivismus hat immer schon einen strukturell ahistorischen, manchmal sogar explizit antihistorischen Grundzug. Sie interessiert sich in ihrer Fortschrittsgestimmtheit für die Zukunft, nicht für die Vergangenheit. Die sieht sie ein wenig so wie das Zeitalter der Aufklärung das Mittelalter: als Abgrenzungsprojektion der dark ages. An diesem Reflex erkennt man die ideengeschichtliche Herkunft des Progressivismus aus der linksliberalen und linken Denktradition der klassischen Moderne. Dabei lässt sich leicht übersehen und emotional verdrängen, dass gerade die Moderne und ihr wesentliches Projekt, irreversibler, sich selbst tragender Fortschritt, schon längst eine Geschichte haben. Deren Relevanz kennen die sozialkonservativen rechten und auch linken Anti-Progressiven sehr genau. Aus der Geschichte der Widerstände gegen, aber auch der hausgemachten Fehler, unintendierten Nebenwirkungen und Katastrophen von Fortschrittspolitik kann man vieles für die zynische Politik der Beharrung ableiten, vor allem die stets erfolgreiche Politisierbarkeit der Angst vor Veränderung.
Die progressive Politik heute braucht eine zeit- und problemgemäße Wiederbelebung dessen, was man bis ins späte 19. Jahrhundert in der britischen akademischen Tradition whig history nannte: eine liberalprogressive, aber nicht ideologisch linke Historiographie, die ihre Aufgabe darin sieht, einer Politik des Wandels die argumentative Ressource der Geschichte zu erschließen. Das ist positionell, aber nicht parteiisch, sondern überparteilich für den Fortschritt. Diese Haltung stellt das liberale, progressive Analogon zum konservativen Normalismus dar, der von der Selbstverständlichkeit ausgeht, dass rechte Positionen eine Art von anthropologischer Existenzberechtigung in der Verteidigung des angeblich immer schon so Gewesenen gegen alle Formen zerstörerischer und gefährlicher Veränderung haben.
