Die Rettung des Horizonts - Reif Larsen - E-Book

Die Rettung des Horizonts E-Book

Reif Larsen

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Beschreibung

Nach dem Bestseller ›Die Karte meiner Träume‹ endlich der neue, schräge Roman von Reif Larsen: ›Die Rettung des Horizonts‹ nimmt uns mit auf eine irrwitzige und spannende Reise rund um den Globus und durch das 20. Jahrhundert. An einem Apriltag des Jahres 1975 erblickt Radar Radmanovic in New Jersey das Licht der Welt. Nicht weiter ungewöhnlich, hätte der Junge weiße Haut wie seine Eltern und nicht dunkle wie eine Aubergine. Kein Arzt in den USA kann diesen Störfall der Biologie erklären. In der Hoffnung auf Heilung reist die Familie in die norwegische Arktis zu einer mysteriösen Gemeinde von Puppenspielern. Dort experimentiert man mit bestimmten Formen der Elektroschockbehandlung, die es ermöglichen soll, Radars Hautfarbe tiefgreifend zu ändern. Nach der Behandlung ist seine Haut zwar heller, aber er ist Epileptiker, und ist, wie sich im Laufe der Jahre herausstellt, sehr empfänglich für alle Arten von Elektrizität. Nach und nach finden an vielen Orten der Welt – in Bosnien während des Bürgerkriegs, im postdiktatorischen Kambodscha und im zusammenbrechenden Kongo – ungewöhnliche Kunstperformances statt, mit wie lebendig scheinenden Figuren und Vögeln, entwickelt von den unterschiedlichsten Menschen, die eine Gegenwelt zu Krieg und Gewalt aufbauen wollen. Und Radar, inzwischen erwachsen geworden, ist der ungewollte Mittelpunkt dieser verrückten Bewegung. Ein reiches, sehr vergnügliches Leseabenteuer der besonderen Art – ein physikalischer Schelmenroman.

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Seitenzahl: 993

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Reif Larsen

Die Rettung des Horizonts

Roman

 

Aus dem Amerikanischen von Malte Krutzsch

 

Über dieses Buch

 

 

An einem Apriltag des Jahres 1975 erblickt Radar Radmanovic in New Jersey das Licht der Welt. Nicht weiter ungewöhnlich, hätte der Junge weiße Haut wie seine Eltern und nicht dunkle wie eine Aubergine. Kein Arzt in den USA kann diesen Störfall der Biologie erklären. So landet die Familie bei mysteriösen Forschern in Kirkenes in der norwegischen Arktis – und auf einmal ist Radar der Mittelpunkt einer Bewegung, die von Bosnien über Kambodscha bis zum Kongo reicht und nichts weniger will, als die Welt zu retten.

Reif Larsen nimmt uns mit auf einen genialen Höllenritt durch das 20. Jahrhundert, in dem Radiowellen und subatomare Teilchen einen entfesselten Tanz tanzen.

 

»Radikale puppenspielende Physiker? Es braucht erzählerische Magie, eine solche verrückte Verbindung herzustellen. Reif Larsen hat sie im Überfluss.« Los Angeles Times

 

»Das Meisterwerk eines Nerds.« The Washington Post

 

»In Reif Larsens Händen glänzt jede noch so alltägliche Begebenheit.« Los Angeles Times

 

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Biografie

 

 

Reif Larsen, geboren 1980, lebt in Brooklyn, USA. Er schreibt, dreht Dokumentarfilme und unterrichtet an der Columbia University. Sein erster Roman ›Die Karte meiner Träume‹ (S. Fischer Verlag 2009) erschien in 30 Ländern, wurde verfilmt und machte ihn zum Shooting Star der amerikanischen Literaturszene. ›Die Rettung des Horizonts‹ wurde zu einem internationalen Bestseller.

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de.

Impressum

 

 

Der Übersetzer dankt herzlich Britta Waldhof, Alexander von Obert und Wolfgang Schuth.

 

 

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

Die Originalausgabe erschien 2015 bei HAMISH HAMILTON, an imprint of Penguin Canada Books Inc., a Penguin Random House Company

 

© Reif Larsen, 2015

 

Für die deutschsprachige Ausgabe:

© 2016 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

 

Coverabbildung: Frances Young, Green Finch in Flight

Covergestaltung: hißmann, heilmann, Hamburg

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

ISBN 978-3-10-403093-7

 

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Inhalt

Widmung

Motti

Teil 1 Die besonderen Partikel

1 Elizabeth, New Jersey

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

Teil 2 Der Elefant & Der Fluss

1 Višegrad, Bosnien

2. Kapitel

3. Kapitel

1. Die Gesamtenergie eines geschlossenen Systems bleibt immer erhalten.

2. Ein System geht den Weg des geringsten Widerstandes.

3. Jede Aktion erzeugt eine gleich große ihr entgegengesetzte Reaktion.

4. Die Masse eines Körpers multipliziert mit dem Quadrat der Lichtgeschwindigkeit ist gleich der potentiellen Energie dieser Masse.

5. Stehen zwei Systeme mit einem dritten System im thermischen Gleichgewicht, so stehen sie alle untereinander im Gleichgewicht.

6. Die Reibungskraft ist unabhängig von der scheinbaren Kontaktfläche.

7. Die gegenseitige Anziehung zweier Körper ist direkt proportional zu ihrer Masse und umgekehrt proportional zum Quadrat des Abstands zwischen ihnen.

8. Ein Körper in Bewegung bleibt in Bewegung, solange keine äußere Kraft auf ihn wirkt.

9. Alle chemischen Reaktionen sind reversibel, einige Prozesse weisen jedoch ein so hohes Energiegefälle auf, dass sie im Grunde irreversibel sind.

10. Eine richtig aufgestellte Theorie kann nicht zugleich konsistent und vollständig sein.

11. Der Weg eines Lichtstrahls zwischen zwei Punkten ist immer der am schnellsten zu bewältigende Weg.

12. Jedes Individuum besitzt für jedes individuelle Merkmal zwei Allele. Jeder Elternteil gibt die zufällig ausgewählte Kopie nur eines dieser beiden Allele an den Nachwuchs weiter.

13. Alle Teilchen besitzen sowohl Teilchen- als auch Welleneigenschaften.

14. Der Reibungswinkel ist der Winkel, in dem ein Körper auf einer schiefen Ebene gerade noch ruhen kann, statt sich in Bewegung zu setzen.

15. An jedem Knotenpunkt eines elektrischen Netzwerkes ist die Summe der zufließenden Ströme gleich der Summe der abfließenden Ströme.

16. Position und Geschwindigkeit eines Teilchens können nicht gleichzeitig gemessen werden.

17. Die Änderungsrate des Drehimpulses um einen Punkt ist gleich der Summe der äußeren Drehmomente um diesen Punkt.

18. Auf der subatomaren Ebene verlieren die Gesetze der klassischen Mechanik ihre Gültigkeit.

19. Der Einfallswinkel ist gleich dem Ausfallswinkel.

20. Werden zwei Teilchen miteinander verschränkt, ist ihr gemeinsamer Zustand so lange unbestimmt, bis er gemessen wird.

21. Die Entropie eines isolierten Systems, das sich nicht im thermischen Gleichgewicht befindet, nimmt fast immer zu.

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

Teil 3 Diese Dunkelheit ist nicht die Nacht

1 Kearny, New Jersey

2. Kapitel

3. Kapitel

Anlage A

Anlage B

Anlage C

Anlage D

Anlage E

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

Teil 4 Die Unschärferelationen

1 Plantage La Seule Vérité, Mekong-Fluss, Französisches Protektorat Kambodscha

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

Teil 5 Die Konferenz der Vögel

1 New Jersey

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

Auswahlbibliographie

Danksagung

Abbildungen

Abbildungsnachweise

Für Holt

Den elektrischen Leib sing ich,

Die Heere jener, die ich liebe, umgürten mich und ich umgürte sie,

Sie werden mich nicht ziehen lassen, bis ich mit ihnen gehe, ihnen Antwort gebe

Und sie unverderblich mache und sie anfülle mit der Fülle der Seele.

Walt Whitman, Grasblätter[1]

Das Einzige, dessen ich mir sicher bin, ist die Unsicherheit, und selbst dessen kann ich mir nicht sicher sein.

Per Røed-Larsen, Spesielle Partikler

Teil 1Die besonderen Partikel

1Elizabeth, New Jersey

17. April 1975

Es war kurz nach Mitternacht im Kreißsaal 4C, und Dr. Sherman, der leicht in seine Baumwollunterwäsche schwitzende, schnurrbärtige Geburtshelfer, der die Entbindung leitete, streckte in Erwartung des kommenden Schädelrunds wie ein Bettler die Hände aus.

Ohne Vorwarnung versank der Saal in völliger Dunkelheit.

Obwohl er seit über dreißig Jahren Säuglinge holte, war Dr. Sherman so verblüfft darüber, nichts mehr sehen zu können, dass er es einen Moment lang für möglich hielt, gestorben zu sein, den Gedanken dann aber von sich wies. Verzweifelt um Orientierung bemüht, fuhr er herum und suchte nach der serifenlosen Leuchtschrift des Notausgangsschilds draußen am Treppenabsatz, doch die war ebenfalls erloschen.

»Doktor?«, rief die Schwester neben ihm.

»Der Ausgang!«, zischte er in die Dunkelheit.

Eine Welle der Panik erfasste Belegschaft und Patienten im ganzen Krankenhaus, als die Herz-Lungen-Maschinen ausfielen und Chirurgen unversehens mit pochenden Herzen unter den Fingern in stockdunklen Operationssälen standen. Auch die Bereitschaftssysteme – die beiden Generatoren im Keller, die riesigen Deep-Cycle-Batterien vor der Intensivstation, auf die sonst bei jedem Stromausfall Verlass war – funktionierten offenbar nicht. Eine Katastrophe bahnte sich an. Der Strom war ganz einfach verschwunden.

Im Kreißsaal 4C wurde Dr. Sherman von einem langen, urgewaltigen Schrei aus seiner Erstarrung geweckt, mit dem Charlene, die werdende Mutter, unmissverständlich zu verstehen gab, dass das Baby noch unterwegs war. Wenn es nicht im Schutz der Dunkelheit bereits gekommen war. Dr. Sherman streckte unwillkürlich die Hände aus und spürte dann auch tatsächlich, wie die kegelstumpfe Schädeldecke des Säuglings aus der Scheide seiner Mutter hervortrat. Er lenkte, zog, hielt und drehte den unsichtbaren Kopf mit allen zehn Fingern so, dass er wieder mit den Schultern des Babys, die noch in Charlenes Geburtskanal steckten, auf einer Linie lag. Dieses Ziehen, Halten, Drehen erledigte er blind, nur aus der Erinnerung in den Synapsen seiner Hirnrinde, und seine Blindheit war wie ein ganz leichter Schlaf.

Als Dr. Sherman das Kind aus dem nassen, es umschließenden Schoß in eine neue Art von Dunkelheit herausleitete, hörte er ein deutliches Klicken. Zuerst dachte er, das Geräusch käme aus dem Geburtskanal, dann merkte er, dass es von rechts hinten kam, über Schulterhöhe. Sirupweiches gelbes Licht erfüllte sein Blickfeld. Der Vater des Neugeborenen, Kermin Radmanovic, der am Abend einen Transceiver und eine Morsetaste mitgebracht hatte, um der Welt die Ankunft seines Kindes kundtun zu können, leuchtete mit einer in Alufolie gehüllten Taschenlampe zwischen die Beine seiner Frau.

»Ist wohlauf?«, fragte Kermin. »Kommt er jetzt?« Er sprach mit leichtem slawischen Akzent, ein glatter See, aus dem die kleinen Flossenspitzen seiner Wörter hervorstachen.

Alle schauten dorthin, wo der Strahl der Taschenlampe die Dunkelheit verdrängt hatte. Wo der torpedoförmige, von einer wächsernen weißen Substanz überzogene Kopf des Kindes glitzerte. Der Anblick ließ Dr. Sherman wieder aktiv werden. Er legte dem Kind einen Finger unters Kinn, und als nichts darauf hindeutete, dass die Nabelschnur um seinen Hals lag, rief er: »Pressen!«

Charlene mühte sich, dem Befehl nachzukommen, krümmte die Zehen bei dem Versuch, den gesamten Inhalt ihres Unterleibs auszustoßen, und als mit ziemlicher Sicherheit die Grenze erreicht, überschritten und abermals erreicht war, trat mit einem leisen Plopp der ganze Säuglingskörper aus, ein Seestern, der in das senfgelbe Halblicht der Welt hineinplumpste.

Kermin beugte sich vor, um zum ersten Mal sein Kind zu sehen. Seit Charlene damals mit tropfnassen Fingern in seinen Elektroschuppen gehumpelt war und ihre tropfnasse Hand angestarrt hatte, als gehörte sie nicht zu ihr, war die Zeit aus den Fugen geraten. Die Wehen hatten drei Wochen zu früh eingesetzt. Seine Finger – immer so ruhig, wenn er die defekten Kathoden oder durchgebrannten Dioden seiner kaputten Radios und Fernseher reparierte – wurden auf einmal ungeschickt und vorne taub, als wären sie mit dickem, zähem Saft gefüllt. Auf dem Krankenhausparkplatz hatte er den alten Buick über den Bordstein gelenkt und in einen niedrigen, halbmondförmigen Gebüschbereich gesetzt, dem dieser Vorstoß gar nicht gut bekommen war. Als er die in eine Decke gehüllte Charlene durch die Drehtür bugsierte, hatte er sich nach den lädierten Sträuchern im grell blinkenden Neonlicht des Parkplatzes umgeschaut und sich eine Sekunde lang gefragt, ob sie hier vorzeitig die Zukunft in die Gegenwart einführten.

In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs war seine jüngere Schwester Tura ebenfalls drei Wochen zu früh geboren worden. Er und seine Eltern waren vor den anrückenden kommunistischen Partisanen in den ungewissen Schutz Sloweniens und des Westens geflohen, als sie im schimmelbefallenen Untergeschoss eines bosnischen Hotels am Ufer der Sana unverhofft wie ein Niesen zur Welt kam. Er sah sie noch klein und rosa in den Armen ihrer Mutter, eingehüllt in eine wollene Pferdedecke hinten in dem Diesellaster, in dem sie an brennenden und im Nieselregen zischelnden Häusern vorbeituckerten.

Da ist meine Schwester drin, dachte er beim Anblick der im abgehackten Rhythmus der Schlaglöcher hüpfenden Decke. Sie ist im Krieg geboren, wird den Krieg aber nicht kennenlernen. Ich werde ihr erzählen, wie es war, damit wir immer die gleichen Erinnerungen haben.

Tura sollte weder die gleichen Erinnerungen haben wie er, noch überhaupt welche. Im Licht des zweiten Tages öffnete sie zwar die Augen, doch da sie nicht saugte, wurde ihr Körper weich und vogelleicht. Eine Woche später war sie tot, gestorben an einer nicht namentlich bestimmten Krankheit. Sie wurde in einem stillgelegten Weinberg am Stadtrand von Zagreb begraben. Nach der improvisierten Beerdigung gingen sie zu Fuß zu dem Laster zurück und entdeckten nur zwanzig Meter von ihrem Grab entfernt eine nicht explodierte deutsche Bombe.

»Ihr Grabstein«, hatte sein Vater Dobroslav gesagt, ohne es als Scherz zu meinen, doch alle hatten gelacht, und das war ein gutes Gefühl, bis ihre Mutter wieder zu weinen anfing. Zwei Tage später kam auch sie um, an einem Kontrollpunkt bei Ljubljana. Kermin war damals noch zu jung, um es genau zu verstehen, begriff aber, dass es mit etwas irgendwie Erotischem zu tun hatte – der schießfreudige russische Gefreite mit dem mottenzerfressenen Bart wollte etwas, das seine trauernde Mutter ihm verweigerte, die auch in ihrem schwachen, unterernährten Zustand noch die Willenskraft einer Radmanović besaß. Sein Vater hatte gerade mit dem untersetzten Oberst ihre Durchfahrt ausgehandelt, doch er kam zu spät zurück, der junge russische Wachposten hatte sie schon zweimal in die Brust geschossen. Es war, als habe der Mann sie mit der Hand wegschubsen wollen, dazu aber einfach das falsche Mittel verwendet. Er entfernte sich rasch von der Stelle, damit seine Kameraden nicht das Entsetzen in seinen Augen sahen. Statt einer schweren Puppe gleich zu Boden zu fallen, wie Kermin es bei den Gefangenenerschießungen der Tschetniks gesehen hatte, sank seine Mutter in sich zusammen, ein umgekehrtes Aufblühen, und saß schließlich da wie ein sinnender Buddha. Als Dobroslav bei ihr ankam, war sie schon steif. Er setzte sich zu ihr und hielt ihre Hände, als ob sie still miteinander beteten. Später entschuldigte sich der Oberst bei seinem Vater und versprach, den jungen Wachposten noch am selben Tag hinrichten zu lassen.

Noch Jahre später, selbst nach Kermins Flucht aus Europa, waren seine beschränkten, rein triebbestimmten Sexualkontakte – auf einem Meadowlands-Parkplatz, in einem Bordell in Saigon, hinter der Sakristei der St.-Sava-Kirche, im Kunstblumengarten der Toilette seines Zahnarztes – von dem schwelenden Gefühl geprägt, eine feindliche Grenze zu überschreiten. Bis er Charlene kennenlernte, hatte er mit Beziehungen wenig Glück gehabt.

Im Dunkel des Kreißsaals 4C hielt Kermin die Taschenlampe stetig auf seine Frau und das Neugeborene gerichtet. Alles wird gut, flüsterte er sich zu, kein Grund zur Beunruhigung. Seine eigene Geburt war bekanntermaßen kurz und schmerzlos verlaufen. Seine Mutter hatte behauptet, er sei bei der allerersten Gelegenheit hinaus in die Welt gehüpft, als habe er in ihr nicht atmen können. »Ich war dein Tod!«, sagte sie immer. Vielleicht verhielt es sich mit seinem Kind genauso. Kakav otac takav sin. Wie der Vater, so der Sohn.

Aber schon damals ahnte er, dass etwas nicht stimmte. Im matten Schein der Taschenlampe sah das Kind fast prähistorisch aus. Seine Haut war mit einem klebrigen weißen Gips überzogen, als wäre es kein Baby, sondern eine Baby-Gussform – ein Golem samt winzigem Gipspenis. Kermin staunte. Er wollte die Gipshaut des Kleinen anfassen, um zu sehen, ob sie warm war, aber schon kamen die ersten Lebenszeichen: Die Kinderfigur wand sich, schnappte nach Sauerstoff, stieß den ersten zungenschweren Ansatz eines Schreis aus, und sein Mündchen suchte die Luft nach der Festigkeit einer Brustwarze ab.

»Warum ist er so?«, fragte Kermin leise und ließ unwillkürlich die Taschenlampe sinken, ehe er den Strahl wieder nach vorne richtete. »Warum sieht er so aus?«

Charlene, völlig erschöpft, aber aufgedreht von pantschigem Adrenalin, hörte die Besorgnis in der Stimme ihres Mannes. Sie versuchte sich aufzurichten.

»Was ist denn? Was hast du? Ist es ein Junge? Ist er gesund?« Die Worte schwangen und pendelten.

»Immer mit der Ruhe. Es geht ihm gut«, versicherte ihr Dr. Sherman und hüllte das Baby mit allen vieren in eine helle Decke. Automatisch nahm er die leuchtend weiße Plastikklemme vom Tablett und legte sie unten an der Nabelschnur an. »Frühgeburten sind oft mit einer sogenannten Fruchtschmiere überzogen. Die schützt ihre Haut und geht dann ab.« In Wahrheit hatte er zwar noch nie eine so dicke Fruchtschmiere gesehen, da aber an dieser Nacht gar nichts normal war, wollte er nicht, dass man seinen Worten die Besorgnis anmerkte.

Charlenes grüne Augen glühten im Licht.

»Ich möchte ihn bei mir haben …«, sagte sie.

»Keine Angst, Sie bekommen ihn schon«, sagte die Schwester. »Der bleibt Ihnen Ihr Leben lang.«

Ehe Charlene dem ominösen Unterton dieser Aussage nachspüren konnte, legte ihr die Schwester eine Hand auf die Schulter und drückte sie behutsam aufs Bett zurück. Sie strich die nasse schwarze Locke auf Charlenes Stirn glatt und stellte ihre Tropfinfusion so ein, dass auch Opiate verabreicht wurden. Charlene gab ein leises Stöhnen von sich und ließ sich in die Dunkelheit sinken.

»Haben wir Batteriestrom für den Absauger?«, fragte Dr. Sherman.

Die Schwester schaute nach. »Nein, Doktor.«

»Schon gut. Dann mach ich das selbst.«

Mit einem feuchten Tuch wischte er vorsichtig Mund und Gesicht des Kindes ab, dann seinen linken Arm. Die dicke Schmiere ging ohne weiteres ab. »Sehen Sie?«, sagte er zu Kermin, doch Kermin schwieg. Die Taschenlampe in der Hand, starrte er seinen Sohn an. Wo der Arzt den Belag abgewischt hatte, trat die Haut des Kindes dunkel hervor – so dunkel, dass sie im Lichtstrahl violett schimmerte wie eine Aubergine. Dr. Sherman stockte der Atem. Er wischte noch mehr Weißes weg. Das Schwarzbraun der Haut unter dem schneeweißen Belag war befremdlich, so als bestünde das Kind unter der Deckschicht nur aus Schatten.

»Ist alles in Ordnung mit ihm?«, fragte Kermin von hinten. »Er sieht aus …« Es gab kein Wort dafür. Und jetzt schrie der Kleine zum ersten Mal aus vollem Hals und verkündete seine Ankunft.

»Machen wir einen Apgar-Test, Doktor?«, fragte die Schwester. Der Arzt zögerte unsicher und hielt das Baby in den Lichtstrahl. Es wand sich, halb weiß, halb schwarz, ein Negativabbild seiner selbst. Möglicherweise war das Ganze immer noch ein Traum, aber der Schmerz in seinen Bauchmuskeln sagte ihm etwas anderes. Er hatte lange genug gelebt, um zu wissen, dass es im Traum keinen Schmerz gibt.

Irgendwo vom Gang her kam eindringliches Geschrei.

Dr. Sherman erwachte aus seiner Starre. »Es ist ein Junge!«, kommentierte er das Offensichtliche. Er konzentrierte sich darauf, die restliche Fruchtschmiere abzuwischen, und trennte die Nabelschnur mit einer Präzision, die seine Nerven beruhigte.

»Ich mache einen Apgar. Können wir noch ein paar Lampen beischaffen?« So laut zu reden tat ihm gut. Im Sprechen wurde auch diese Welt möglich. »Und was zum Teufel ist mit dem Strom passiert? Kann das mal jemand herausfinden? Man sollte doch meinen, bei dieser ganzen modernen Technik …«

»Darf ich ihn haben?«, meldete sich Charlene aus der Dunkelheit.

»Wir möchten nur zur Sicherheit ein paar Tests machen –« Dr. Sherman war im Begriff, das Baby der Schwester zu übergeben, als ein tiefes, nichtmenschliches Stöhnen irgendwo aus dem Gebäude erklang. Die Klimaanlage rappelte, die Luftschächte über ihren Köpfen stießen Luft aus, und stotternd gingen nacheinander alle Lampen im Raum wieder an.

Die im Kreißsaal Versammelten kniffen die Augen zusammen, als ihre Pupillen sich bei der Photonenexplosion zusammenzogen. Alle schauten auf das in den ausgestreckten Händen des Arztes zappelnde Baby. Im grellen Licht der Leuchtröhren war die Haut des Säuglings, bedeckt noch von den letzten Resten des Belags, so schwarz wie die Dunkelheit, aus der er gerade kam. Die Nabelschnur und ihr Anhang schlenkerten durchscheinend weiß gegen die kohleschwarzen rudernden Beinchen. Dieser Zweifarbenkontrast wirkte künstlich; das Kind sah aus wie eine zum Leben erweckte Puppe.

»Warum ist er … so?«, platzte Kermin schließlich heraus.

»Machen Sie sich keine Gedanken«, sagte Dr. Sherman reflexartig, während er das Kind endgültig der Schwester übergab. »Viele Neugeborene haben erst mal eine andere Hautfarbe, wenn sie aus der Gebärmutter kommen. Ein Übergangsmerkmal. Das gibt sich.«

»Stimmt etwas nicht?«, fragte Charlene drogenbeduselt, ihre blasse Haut gerötet von der Anstrengung der Wehen. Sie griff nach ihrem Kind, das jedoch bereits auf einem Spezialwagen hinausgefahren wurde, hinter ihm der Arzt, der jemandem im Gang etwas zurief.

»Stimmt was nicht?«, fragte Charlene erneut. »Was riecht denn hier so?«

»Er ist …«, sagte Kermin und blickte auf die sich langsam von selbst schließende Tür. Plötzlich waren sie seltsam allein. »Er ist … Radar.«

»Radar?«

»So heißt er: Radar.«

Mit Schrecken wurde Charlene bewusst, dass sie sich nicht auf einen Namen geeinigt hatten. Bei ihren gemeinsamen Anläufen hatten sie jedes Mal nur eine halbherzige, kurze Liste von Mädchennamen zustande gebracht, und die stammten vorwiegend aus bekannten Romanen: Anna, Dolores, Hester, Lucie, Edna. Alle waren entweder zu platt oder zu abwegig, oder beides zugleich. Wie sollte man auch jemanden nennen, der nur theoretisch existierte? Und auf nur einen einzigen vernünftigen Jungennamen zu kommen erwies sich als nahezu unmöglich. Man gab den Namen ja nicht nur dem Jungen – man gab ihn dem Mann. Kermin war dabei überhaupt keine Hilfe; seine fünf Vorschläge waren durchweg einem Handbuch der Elektromagnetik entnommen. Und so erlag Charlene dem Glauben, sie würden ein Mädchen bekommen und alles Weitere würde sich finden. Die Namenssuche war zugunsten einfacherer, praktischer Aufgaben wie dem Bau eines Kinderbetts zurückgestellt worden. Sie hatten das Kinderzimmer eingerichtet, sie hatten Windeln und Strampler in allen Farben gekauft, von Charlenes Eltern einen altmodischen Kinderwagen geerbt, aber einen Namen hatten sie nicht ausgesucht. Wobei jetzt, wo das Baby gekommen (und wieder entschwunden) war, jetzt, wo das Baby sich als ein Er entpuppt hatte, das Fehlen eines Namens plötzlich eine große Bedeutung annahm. Er durfte nicht ohne Namen bleiben.

»Radar«, sagte Kermin erneut. »Radar, verstehst du? Wie bei den Fledermäusen. Und Flugzeugen.«

»Ich weiß, was Radar ist«, sagte sie. Und riss ihren Verstand aus dem Schlaf. »Wie wär’s mit … Charles?« Charles war der Name ihres Kindergartenfreunds gewesen. Er hatte sie zur Erklärung seiner Liebe in den Bauch geboxt. Sie hatte seit mindestens dreißig Jahren nicht an ihn gedacht, aber jetzt stieg sein Name aus der Tiefe auf und stand stellvertretend für alles Männliche.

»Charles?«, fragte Kermin.

»Ja, dann kann er sich Charlie nennen … Chuck … oder Chaz.«

»Chaz? Was heißt das?«

Sie seufzte. Dafür war sie jetzt zu müde.

»Gut, also nicht Charles. Wie wär’s mit dem Namen deines Vaters?«

»Dobroslav? Das ist ein Bauernname.«

»Ich mein’s ernst, Kerm! Wie wär’s mit deinem Namen?«

Sein eigener Name war weniger ein Name als ein Zeichen des Widerstands. In dem serbischen Dorf in Ostkroatien, wo er geboren war, hatte man außer einem Namen praktisch nichts. Wer seinen Namen kannte, kannte seine Geschichte, seinen Platz in der Gegenwart, seine Zukunftsaussichten. Da gab es kein Entrinnen. Sein Vater hatte die Helden- oder Wahnsinnstat fertiggebracht, sein Erbe auszuschlagen, indem er den Namen Kermin erfand, der sich nach keiner Tradition, Herkunft oder Kultur richtete. Für Kermin war das Segen und Fluch zugleich gewesen. In seiner verbrieften Einmaligkeit konnte er von sich behaupten, nie einem Namensvetter begegnet zu sein, hatte aber dafür sein Leben lang beiderseits des Atlantiks verwirrte Blicke hinnehmen müssen, wenn er sich vorstellte. Kermit? Wie der Frosch?

»Nein, hör zu«, sagte er. »Ich mein’s ernst. Radar ist Name. Hast du Fernsehserie M*A*S*H* gesehen?« Er sprach die Buchstaben einzeln aus, als wären sie aus Holz geschnitzt. »Corporal ›Radar‹ O’Reilly kann vorausahnen, dass Hubschrauber im Anflug sind. Es ist, als ob er ASW hat.«

»Wir wünschen unserem Kind doch keine außersinnliche Wahrnehmung«, sagte Charlene und hielt die Hände vors Gesicht. Das Klinikarmband umschloss weiß ihr Handgelenk. »Ich will ihn einfach nur sehen … Wo haben sie ihn hingebracht? Die können ihn mir doch nicht einfach so wegnehmen … Ich möchte ihn sehen, Kerm. Hol ihn mir.«

Später tippte Kermin in einem verlassenen Winkel des Krankenhauses eine Nachricht auf seiner Morsetaste, dem vibrierenden glatten Messinghebel per Daumen einen Funkspruch entlockend. Die gebündelten Klicks und Klacks lösten sich in Luft auf und entschwebten als unsichtbare Pulse in die Nacht von Jersey, um wie Tau von den Funkgeräten derer aufgefangen zu werden, die in den frühen Morgenstunden lauschten.

–• –•• – •– 4 17 75.

MEIN SOHN IST GEBOREN. RADAR RADMANOVIC.

MUTTER WOHLAUF. BABY WOHLAUF. ICH WOHLAUF.

KAKAV OTAC TAKAV SIN.

            73, K2W9

Augenblicke zuvor hatte die Schwester Kermin nach dem Namen des Kindes gefragt.

»Den muss ich aufschreiben«, sagte sie. »Für die Geburtsurkunde.«

Er hatte durch die Türöffnung auf seine schlafende Frau geschaut.

»Radar«, sagte er, die Grenzen der Wahrheit auslotend. »Er heißt Radar.«

»Radar?« Die Schwester zog die Brauen hoch, als hätte sie das Wort vielleicht nicht richtig verstanden.

»Radar«, bestätigte er, tippte mit den Fingern an eine unsichtbare Schranke und zog sie wieder zurück. »Sprich Signal, Echo, Return.«

Abb. 1.1: Radars Geburtsurkunde

Aus Popper, N. (1975): »Schwarzer Säugling für weißes Ehepaar im St.-Elizabeth-Krankenhaus«. Newark Star-Ledger, 18. April 1975, S. A1

2

Die Geburt eines so extrem dunkelhäutigen Babys (»schwärzer als das schwärzeste Schwarz«, schrieb ein übereifriger Reporter des Star-Ledger) als Kind weißer Eltern war nichts, was in Jersey lange geheim bleiben konnte. Ein Pfleger oder ein Pförtner musste geplaudert haben, wenn nicht sogar die Schwester, die die Geburtsurkunde ausgefertigt hatte. Irgendjemand hatte mit jemandem geredet, der mit jemandem geredet hatte, und am nächsten Morgen lief prompt eine Handvoll Reporter durch die Gänge der Entbindungsstation und befragte alle, die ein Ohr frei hatten: Es war also nicht bloß eine Verwechslung? Vielleicht gehört der Kleine ja zu einer anderen Familie … Nein? Na gut, ist die Mutter fremdgegangen? Okay, okay. Schon gut. Was hat er denn dann? Mag sein, aber wie nennen Sie so was? Ist es eine Krankheit? Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass so was passiert? Na, ungefähr – eins zu einer Million? Eins zu einer Milliarde? Wie schwarz ist er denn wirklich? So schwarz? Schwarz wie ein Nigerianer? Wann können wir ihn denn nun mal sehen? Wie bitte? Ach kommen Sie, das ist doch Schwachsinn.

Am Tag nach seiner Geburt brachte der Newarker Star-Ledger eine Titelstory mit der relativ harmlosen Schlagzeile »Schwarzer Säugling für weiße Eltern im St.-Elizabeth-Krankenhaus«. In Ermangelung eines brauchbaren Fotos begnügten sie sich mit einer schlechten Fotokopie von Radars Geburtsurkunde, als ob die irgendetwas hätte beweisen können. Die New York Post auf der anderen Seite des Hudson vermeldete »Naturlaune in Jersey: Weiße Eltern … schwarzes Baby!« und stützte die reißerische Schlagzeile dann mit herzlich wenig Einzelheiten. Baby Radar, der für die Rätsel, die er aufgab, nichts konnte, war unversehens zum kulturellen Prüfstein geworden.

Vielleicht ließ sich der ganze Wirbel auf die besondere Alchemie von Zeit und Ort zurückführen. Acht Jahre nach den 67er Newarker Rassenunruhen war die Stadtflucht der Weißen in vollem Gang, mit der Fertigungsindustrie ging es stetig bergab, und New Jersey steckte mitten in einer schweren Rezession. Die Menschen – Schwarze wie Weiße – hatten mit den von der Bürgerrechtsbewegung des vergangenen Jahrzehnts vorgegebenen hohen Erwartungen zu kämpfen. Wie sollte man solche hehren Ideale im banalen Alltag umsetzen? War jetzt alles anders? Oder hatte sich, wie es vielen allmählich dämmerte, in Wahrheit überhaupt nichts geändert?

Die Geschichte schlug sicher auch deshalb so ein, weil die einfachste und naheliegendste Erklärung für Radars Aussehen, die Erklärung, die tausend Frühstückswitzeleien zeitigte, sprich: die »Milchmanntheorie«, sich angesichts der Hautfarbe des Kindes letztlich als unhaltbar erwies. Hätten die Leute das Baby nur einmal richtig zu sehen bekommen, wäre ihnen ein für alle Mal klargeworden, dass bloße Untreue niemals diesen dramatischen Farbschwenk vom weißesten Weiß zum »schwärzesten Schwarz« bewirkt haben konnte. Doch die Leute bekamen Radar Radmanovic eben nicht richtig zu sehen, da es keine Fotos von ihm gab außer einer (angeblichen) Aufnahme seines Brutkastens aus einiger Entfernung. Bei dieser dürftigen Beweislage waren der Phantasie keine Grenzen gesetzt, und jeder konnte sich selbst darüber Gedanken machen, was Vererbung eigentlich heißt, was an ein Kind weitergegeben werden kann und was nicht, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass ein so seltener genetischer Zufall – wenn es denn etwas Genetisches war –, bei einem eigenen Kind auftritt. Die Familie schwieg zu alldem, lehnte Interviews ab und mied Fotografen, obwohl ihr für exklusive Fotos und die Rechte an ihrer Story angeblich fünfstellige Summen geboten wurden.

In einer morgendlichen Radio-Talkshow äußerte sich ein damals noch relativ unbekannter Reverend Jesse Louis Jackson kurz vor der berühmten Zehn-Tage-Tour durchs Südafrika der Apartheid, die ihn ins internationale Rampenlicht katapultieren sollte, zu dem Fall und rügte die Medien dafür, dass sie indirekt »dem schwarzen Sündenbock wieder die Schändung einer weißen Frau vorwerfen«.

»Hier«, sagte er, »hat Gott gewaltet, kein einzelner Mann. Das Kind ist gesegnet. Hoffentlich begreift die Familie auch, was für ein Glück sie hat.«[1]

Radars Geschichte hielt sich nur etwa eine Woche in den Boulevardblättern von Jersey. Diverse Mediziner und Beinahmediziner durften halbgare Theorien darüber ausbreiten, was mit dem Baby passiert war – die Thesen reichten vom doppelt rezessiven Melanismus-Gen (»Ein entfernter schwarzer Vorfahre zum Leben erweckt!«) bis zu Giftmülleinflüssen aus einem der vielen Industriesümpfe der Meadowlands (»Das Kind ist ein Mutant!«). Nach dieser ersten Berichtswelle verlor die Story wie alle Storys ihren Reiz und verschwand schließlich, und von Radar und seinem Zustand hörte man erst knapp vier Jahre später wieder, als Dr. Thomas K. Fitzgerald im Journal of Investigative Dermatology seine mit Spannung erwartete Diagnose »Zum isolierten Vorkommen einer nichtaddisonschen gleichförmigen Hyperpigmentierung bei einem Weißen männlichen Geschlechts« abgab.

Charlene Radmanovic wiederum ging aus dem Nachglanz der Geburt mit einer eigenartigen Geruchsempfindlichkeit hervor, dass nämlich alles für sie gleich roch – und zugleich so stark, dass es sie förmlich lähmte. Zunächst roch die Klinik und alles in ihr in etwa wie angebrannte Schokocrispies. Die Nachtschwester, der glitschige Spinat, den sie still zu sich nahm, die urinabweisenden Plastikkissen, die TV-Fernbedienung – nichts als verkokelte und schlicht Übelkeit erregende Frühstücksflocken. Vor allem aber, und das war das Peinlichste, roch ihr Sohn, als sie ihn schließlich halten durfte, so stark und so verkokelt, dass sie es kaum ertragen konnte, ihn länger bei sich zu haben. Die schlimmste Qual überhaupt – abgestoßen zu werden von dem, das man mehr als alles lieben sollte. Das Stillen wurde ihr zum unnatürlichsten Akt auf Erden. Das Baby fand keinen Halt an der Brustwarze, und ihr wurde schnell zu schwummrig, als dass sie sich lange bemüht hätte. Auf ihre Klagen hin bekam sie mehr Schmerzmittel, und als das nicht half, wurde ein halbblinder britischer Hals-Nasen-Ohrenarzt zu ihr bestellt. Er tastete ihre Sinnesöffnungen ab und erklärte ihren Zustand für vorübergehend.

»Die Geburt eines Kindes ist eine Explosion«, erläuterte er. »Da kriegt man eben ein paar Splitter ab.«

Eine Woche intensiver Untersuchungen bestätigte, dass bis auf Radars merkwürdige Hautfarbe alles an dem Jungen mehr oder weniger normal war. Einige Befunde waren etwas bedenklich: erhöhter Eisengehalt im Blut, erhöhte Cortisolwerte, wenn auch beides nicht ungewöhnlich war bei Neugeborenen, die sich vom hormonellen Sternenausbruch der Geburt und der gewaltsamen Anpassung an eine neue Welt mit Sauerstoff und Sonnenlicht erholten. Auch wies Baby Radar einen leicht erhöhten Blutdruck auf und litt an mäßiger Hauttrockenheit, die mit einer rezeptpflichtigen Lotion behandelt werden musste. Aber nichts fiel so aus dem Rahmen, dass man es mit seinem ungewöhnlichen Aussehen hätte in Verbindung bringen können. Sein von Geburt an vorhandenes Haar war weich, schwarz und glatt wie das seines Vaters. Ja, wenn man über die dunkle Haut hinwegsehen konnte, war Radar ein richtiger kleiner Kermin: das gleiche Grübchenkinn, die gleiche straffe Kieferpartie, die gleiche vorstehende Stirn. Ohne den farblichen Gegensatz hätte ihre Verwandtschaft außer Frage gestanden.

Zum Glück hatte die öffentliche Diskussion über Charlenes mögliche Untreue, eine Diskussion, die in den lokalen Medien zu manch hitzigem Schlagabtausch über Rasse und Sexualität führte, wenigstens nicht den Kokon ihres Krankenzimmers durchstoßen. Dr. Sherman hatte gut daran getan, die Fotoreporter in Schach zu halten. Er war sich vollauf bewusst, wie vorsichtig man ein so heikles Thema angehen musste. Damals waren umfassende DNA-Tests noch nicht üblich, und die Klärung einer Vaterschaft konnte sich ewig lange hinziehen. Dennoch hielt Dr. Sherman es für seine Pflicht, die Eheleute für den Fall, dass sie gewissen Fragen nachgehen wollten, auf ihre Möglichkeiten hinzuweisen, und so lud er sie am Tag, an dem sie Radar mit nach Hause nehmen sollten, zu einem letzten Gespräch in sein Sprechzimmer.

»Wir sind so weit!«, sagte er. »Kaum zu glauben, dass es nur eine Woche war.«

Charlene sah erschöpft aus. Sie fasste sich an die Nase. »Was machen wir jetzt?«

»Tja …« Er griff nach seinem Kuli. »Das kommt drauf an. Ich weiß ja nicht, ob Sie einen Test machen wollen.«

»Einen Test?«, fragte sie. »Wofür?«

Er zögerte. »Einen Vaterschaftstest. Es gibt ein neues Verfahren, bei dem die HLA-Merkmale des Vaters und des Babys ausgewertet werden, aber das ist teuer, und man braucht eine erhebliche Menge Blut für den Test, wir müssten also warten, bis das Baby mindestens sechs oder acht Monate alt ist –«

»Wovon reden Sie?«, fragte Charlene.

»Wovon ich rede?«

Schweigen.

Dr. Sherman nahm die Hände hoch. »Also ich wollte damit keineswegs etwas andeuten. Ich weise nur darauf hin, dass Testmöglichkeiten bestehen, falls Sie Gewissheit haben möchten.«

Kermin starrte seine Frau an. Sie hielt seinem Blick stand. Nach einer Weile füllten ihre Augen sich mit Tränen.

»Kermin«, sagte sie und griff nach seiner Hand. »Kermin. Kermin.«

Dr. Sherman fand es an der Zeit, weiterzusprechen. »Die Entscheidung liegt natürlich ganz bei Ihnen. So oder so möchten Sie wegen Ihres Sohnes doch sicher einen Spezialisten aufsuchen.«

Er reichte ihr eine Liste mit Adressen, die Charlene entgegennahm, indem sie nur kurz den Blick vom Gesicht ihres Mannes abwandte. Seine Augen glühten noch, hatten an den Rändern aber jetzt etwas Stumpfes und Rußiges, das sie noch nicht bei ihm gesehen hatte, wie plötzlich mit Wasser überschüttete Glut.

»Einer dieser Ärzte kann Ihnen sicher helfen, der Sache auf den Grund zu gehen. Mir ist so etwas im Leben noch nicht vorgekommen.« Er schwieg und sah sie beide über seine Brille hinweg an. »Das sage ich aber nicht, um Sie zu beunruhigen.«

Am Abend verließen sie auf Empfehlung Dr. Shermans die Klinik durch einen Dienstboteneingang, um lauernden Skandalreportern zu entgehen. Zu Hause angekommen, fühlten sie sich wie in einer fremden Wohnung. Alles war vertraut, aber anders. Die Vorhänge waren zu braun, die Gabeln zu groß.

In der ersten Woche nach dem Krankenhausaufenthalt verschlimmerte sich Charlenes Riechstörung, und etwas Unheilvolleres verdrängte den Geruch nach angebrannten Frühstücksflocken. Ihr fehlten die Worte dafür; am ehesten – so ihr Versuch einer Beschreibung – kam es dem Geruch nach verdorbenem, ausgiebig gegrilltem und anschließend mit Zitronenreiniger übergossenem Fleisch nahe. Ein dreifältiger Gifthauch, der sie in Wellen heimsuchte. Beim Stillen ihres Sohnes überwältigte sie jedes Mal der penetrante Geruch fauligen Fleisches. Eines Abends ließ sie ihn zappelnd auf dem Bett liegen und rannte ins Bad, wo sie dann über ihre Untauglichkeit weinte.

»Alles in Ordnung?«, fragte Kermin durch die Tür, ihr Kind in den Armen.

»Ich kann das nicht«, antwortete sie von der anderen Seite.

Die Tür war verriegelt.

»Charlene?«, rief er.

Als keine Antwort kam, wickelte Kermin Radar unbeholfen wie einen Burrito ein und ging zehn Straßen weiter zu A&P, wo er einen Karton Muttermilchersatz kaufte. Er fütterte den Kleinen auf dem Shaker-Schaukelstuhl in der Küche und lauschte dem rhythmischen Saugen seines Sohnes, das den Takt zum Rauschen des Transistorradios auf der Arbeitsplatte abgab. Zwischendurch war ein Amateurfunker aus Halifax zu vernehmen, der niemand Bestimmtem Verse aus den Grasblättern vorlas.

Irgendwann kam Charlene aus dem Bad und blieb im Eingang zur Küche stehen. Vater und Sohn waren auf dem Schaukelstuhl eingeschlafen. Sie betrachtete sie, wie man ein Gemälde im Museum betrachtet, so als könnte sie einen Alarm auslösen, wenn sie sich zu nah heranwagte.

Eines Tages wachte sie auf und stellte fest, dass der Gammelfleischgeruch verschwunden war und den vielfältigen Gerüchen ihrer Alltagswelt Platz gemacht hatte: Sie konnte jetzt alles einzeln riechen, wenn auch verzerrt und hundertfach verstärkt. Zitrusduft in allen Varianten löste Extraqualen aus; die Nachbarn von unten marterten sie mit der Zitronen-Vinaigrette, die sie bei ihren wöchentlichen Familientreffen mit Vorliebe auftischten. Bei einem ihrer ersten Streifzüge in die Außenwelt wäre sie von einem einzigen Schwall Lkw-Auspuffqualm beinah auf dem Gehsteig in Ohnmacht gefallen. Auch Menschen sonderten trotz ihrer sinnreichen Deodorants und Parfüms so starke, seelisch bedingte Düfte ab, dass sie die Stimmung einer Person auf Anhieb erschnuppern konnte. Rasch lernte sie den Alltag zu überstehen, indem sie sich zwei Wattebäusche unauffällig in die Nasenlöcher stopfte.

Unerträglicher als diese sich ausweitende Duftserie war jedoch der erhalten gebliebene: Radars Geruch war der einzige, der sich nicht geändert hatte. Er roch noch genauso verkokelt wie im Augenblick seiner Geburt. Oder ihre Wahrnehmung seines Geruchs hatte sich seit seiner Geburt nicht geändert. Sie war nicht so naiv anzunehmen, ihre Wahrnehmungen entsprächen der objektiven Wahrheit.

Mit den Tagen und Wochen lernte sie allmählich, ihren starken Widerwillen gegen seinen Geruch auszuhalten. Sie wusste, dass dieser Widerwille nicht sein durfte – schließlich war er ihr Kind, ihr eigen Fleisch und Blut –, und so brachte sie sich dazu, den Widerwillen selbst zu lieben. Je schwindliger ihr wurde, desto fester hielt sie ihn. Wenn das ihr Fluch war, auch gut! Andererseits kam sie zu der Überzeugung, wenn sie nur herausfände, was mit Radar schiefgelaufen war, wäre das auch der Schlüssel, ihn so lieben zu lernen, wie eine Mutter es sollte. Sie brauchte lediglich eine aussprechbare medizinische Diagnose, dann käme alles ins Lot.

Sie gingen mit Radar zu jedem einzelnen Kinder-Hautarzt, den Dr. Sherman empfohlen hatte. Charlene rechnete mit rascher Aufklärung. Die Wissenschaft würde ihnen ja wohl einen Namen liefern, irgendeine Erklärung oder Krankengeschichte. Die Ärzte aber hielten sich nicht an ihren Teil der Abmachung. Sie gaben den Radmanovics nur wieder Zettel mit Empfehlungen, und Charlene ging allen gewissenhaft nach. Sie fuhren kreuz und quer durch New York, konsultierten eine wachsende Zahl immer fragwürdigerer Spezialisten, die Gewebeproben aus Radars zappelnden Beinchen entnahmen oder ihn mit siebensilbigen Salben einrieben, die lediglich seine Haut reizten. Nichts half, und keiner dieser Spezialisten schien auch nur zu ahnen, was er hatte – oder ob er etwas hatte. Alle gaben nach einigem medizinischen Firlefanz schließlich zu, dass sie auf dem Schlauch standen.

Kermin schien mit dem Ausbleiben jeglicher Erklärung eher zufrieden, als sich daran zu stören, doch Charlene machte, während sie in all den Wartezimmern wartete, allmählich eine Wandlung durch. Die Suche wurde beinah zum Selbstzweck. Sie legte sich medizinische Fachbücher zu, sie abonnierte ein halbes Dutzend obskure dermatologische Mitteilungsblätter und Zeitschriften, sie stellte eine detaillierte Querverweisliste mit Ärztenamen zusammen, die sie langsam einen nach dem anderen ausstrich. Mit jedem Arztbesuch wuchs Charlenes Entschlossenheit, hinter die Kernursache der eigentümlichen Verfassung ihres Sohnes zu kommen, wenngleich ihre Gründe dafür tautologisch waren und sich in den Schwanz bissen. Irgendetwas stimmte nicht mit ihm, weil niemand herausbekam, was mit ihm nicht stimmte. In einer afroamerikanischen Familie wäre Radar ein dunkles Baby mit zarten Gesichtszügen und ungewöhnlich glattem Haar gewesen – nicht mehr, nicht weniger. Das Problem (so man es denn eines nennen konnte) ergab sich nur, wenn man ihn neben seine leiblichen Eltern stellte.

Als Charlene mit Radar bei Dr. Zeikman war, einem Spezialisten in Queens, und ihn verlegen auf ihre Geruchswahrnehmung ansprach, sagte er ihr, das sei höchstwahrscheinlich psychosomatisch, sie habe einfach die Situation mit ihrem Sohn verinnerlicht. Dieser Vorwurf erschütterte sie derart, dass sie drei Nächte hintereinander nicht schlafen konnte. Sollte ihr Zustand tatsächlich nur Einbildung sein? Dass mit ihrem Sohn etwas nicht stimmte, wusste sie doch wohl. Das hatte sie sich nicht ausgedacht. Das konnte jeder sehen. Oder?

Mehrere Tage später rief sie bei Dr. Zeikman unter dem Vorwand an, sich wegen des Peroxid-Präparats beschweren zu wollen, das er Radar verschrieben hatte. In Wahrheit wollte sie herausbekommen, für wie gestört er sie hielt. Wenn nämlich nicht ihr Sohn, sondern sie selbst einer Behandlung bedurfte … was um Himmels willen sollte sie dann machen?

Das Telefon in der Arztpraxis klingelte und klingelte, bis der Anrufbeantworter ansprang. Nach einer langen Pause erklärte die Sprechstundenhilfe mit zittriger Stimme, Dr. Arnold Zeikman sei am Abend zuvor einem Herzanfall erlegen. Alle künftigen Termine seien gestrichen.

Entgeistert stand Charlene mit dem Hörer in der Hand da. Sie blickte zu Radar, der in seiner Babywippe döste. Eine Weile war sie traurig in Gedanken an die Kürze des Lebens, in Gedanken an Dr. Zeikmans Familie. Doch dann – sie schämte sich, es einzugestehen – schlug das Gefühl in Missbilligung um. Vielleicht war es ja Unsinn, aber sie fragte sich unwillkürlich, wie ein Arzt, der etwas taugte, an einem Herzanfall sterben konnte. Hätte seine verbriefte Kenntnis der Körpermechanik ihn nicht vor dem Zusammenbruch des eigenen Organismus bewahren müssen?

Sie legte den Hörer auf und ging zu ihrem Sohn. Mit den Fingerspitzen strich sie ihm über die Stirn. Seine Haut fühlte sich warm an. Er bewegte sich; seine Lippen zitterten.

»Radar, mein Radar«, flüsterte sie. »Was habe ich dir angetan?«

Fußnoten

[1]

»Jesse Jackson, Bürgermeister Abe Beame«, Alex Bennett Show, WPLJ, 22. April 1975, Radiosendung.

3

»Also wir finden das Ganze einfach verrückt«, sagte Louise. »Hab ich recht?«

»Hab ich recht?«, wiederholte sie.

»Ja«, sagte Bertrand. »Wir finden das nicht richtig.«

Sie waren in der engen Küche der Radmanovics in Elizabeth, New Jersey, versammelt. Charlenes Eltern Louise und Bertrand waren gerade von ihrem jährlichen Ausflug nach Cornwall zurückgekehrt, und jetzt tranken sie Tee und aßen Weingummi, während Radar zu ihren Füßen an einem Paar Kopfhörer nuckelte. Ein Stapel Dermatologie-Fachbücher thronte gefährlich nah neben dem Tischbackofen.

»Ich meine, warum sollen wir uns von dem sagen lassen, dass mit ihm was nicht stimmt?«, sagte Louise.

»Darum geht’s nicht, Mom. Wir müssen einfach rausfinden, was passiert ist.«

»Wieso?«

»Wenn es dein Kind wäre, würdest du das auch wollen.«

»Und was wird dieser Arzt dir erzählen?«

»Das weiß ich nicht, Mom. Er ist der Arzt.«

Aus einer Laune heraus hatte Charlene kürzlich Kontakt mit Dr. Thomas K. Fitzgerald aufgenommen. Dozent an der medizinischen Fakultät in Harvard, ein echter Rockstar in seinem Fach. Dr. Fitzgerald hatte das Standardwerk Dermatology in General Medicine verfasst und unlängst die Fitzgerald’sche Sechs-Punkte-Skala zur Feststellung des Hauttyps erfunden. Seine handgeschriebene Antwort auf ihre Anfrage, in der er großes Interesse an Radars Verfassung bekundet hatte, lag auf dem Küchentisch. Charlene hatte sich den Brief mehr als einmal an die Nase gehalten und den schwachen Duft vom, wie sie annahm, Aftershave des Arztes wahrgenommen – ein leicht unangenehmes Aroma wie von schimmelnden Möhren, aber doch so, dass man es liebgewinnen konnte.

»War das seine Idee?«, fragte Louise und wies mit einer Kopfbewegung auf Kermin.

»Nein, Mom, es war unsere Idee. Der Mann ist von Harvard. Das ist nicht irgendein Quacksalber.«

»Klar ist er ein Quacksalber!«, sagte Bertrand, gab diverse Entenlaute von sich und kniff Radar in die Wange. So beachtet, kicherte Radar.

Die Skepsis ihrer Eltern blieb nicht ohne Wirkung auf Charlene. Der stete Trommelschlag ärztlicher Erklärungsnot ob Radars Leiden hatte sie stark verunsichert. Vielleicht hatte ihre Mutter recht. Prestige hin oder her, sie brauchte nicht noch einen ratlosen Arzt, der sein Sprüchlein zu diesem diagnostischen Chaos-Chor beisteuerte. Stillschweigend nahm sich Charlene vor, seinen Brief in Radars bereits prall gefüllter Krankenakte abzuheften und nicht mehr daran zu denken.

Hinten in der Küche hörte Kermin nur halb zu, während er die Knöpfe seines Kurzwellenempfängers drehte und ein Signal von der Elfenbeinküste aufzufangen versuchte. Es war nichts Persönliches. Er konnte Charlenes Eltern beim besten Willen immer nur halb zuhören. Sie meinten es im Allgemeinen zwar gut, erlagen für seinen Geschmack aber zu oft der typisch amerikanischen Selbstzufriedenheit, die sich als weltoffene Toleranz gerierte, und an diese Art moralischer Entäußerung hatte er sich nie ganz gewöhnen können, obwohl er schon seit über dreißig Jahren im Land lebte.

Er fluchte leise in das Kesselrauschen, das aus dem Lautsprecher des Funkgeräts kam. Der elfjährige Sonnenfleckenzyklus neigte sich rapide dem Minimum zu, mit dem für Amateurfunker eine anderthalb Jahre dauernde Phase kaum noch möglicher Fernstreckenkommunikation anbrechen würde. Kermin hatte aus einer neueren Ausgabe der QST ein Diagramm des Solarzyklus der letzten 150 Jahre ausgeschnitten und an die Wand seiner Werkstatt geheftet. In Blau hatte er darauf hervorgehoben, wie erstaunlich viele zeitgeschichtliche Katastrophen – die Ermordung Erzherzog Ferdinands und Präsident Kennedys, die Überschwemmungen in China 1931 – jeweils mit einem elektromagnetischen Tief zusammenfielen.

Die Volmers fassten seine Konzentration auf das Funkgerät wie immer als bewusste Feindseligkeit auf. Sie hatten im traurigen Zusammenspiel von Bettgetuschel und unausgesprochenen Vorwürfen allmählich ein Bild von ihrem Schwiegersohn als Auslöser und treibende Kraft hinter dem »Unglück« ihres Enkels gezimmert. In Wahrheit mochten sie Kermin kein bisschen, auch wenn sie das aus Respekt vor der Lebensführung ihrer Tochter nicht direkt sagten. Seine Unbeholfenheit im Gespräch und seine Angewohnheit, während ihrer seltenen Besuche Elektrogeräte auseinanderzunehmen, machten es ihnen leicht, ihn zu ihrem balkanischen Sündenbock zu stempeln. Wenn er aus seinem Radioreparaturkabuff herauskam, sprach er aus, was ihm gerade durch den Kopf ging, ob es höflich war oder nicht (»Ihr seht schlecht aus. Seid ihr müde?«). Er ließ im Englischen immer noch die Artikel weg, brachte die Zeiten durcheinander und verwechselte Gegenwart und Zukunft – verbale Missgriffe, die Louise als ehemalige Englischlehrerin unintelligent und merkwürdig aggressiv fand. »Nachdem er schon so lange hier ist, sollte er wenigstens über die Zukunft reden können«, hatte sie bei mehr als einer Gelegenheit laut gesagt. Vor allem nahmen sie ihm übel, dass er ihre Tochter in die kleine, sehr unzugängliche serbisch-orthodoxe Gemeinde von Elizabeth verfrachtet hatte, ihrer Ansicht nach der Hauptgrund dafür, dass sie sie kaum noch anrief.

Vor mehreren Jahren hatte Charlene sich mit ihnen anlässlich der vielbesprochenen Ausstellung von William Turners Seeansichten in Newark im Museum getroffen. Schweigend waren sie umhergelaufen, von einem helldunkel gemalten Schiffbruch zum andern, und danach, im karg beleuchteten Museumscafé mit den Wackeltischen, hatte sie erklärt, sie werde Kermin heiraten, einen Mann, den Bertrand und Louise nur dreimal gesehen und jedes Mal in schlechterer Erinnerung behalten hatten. Zuerst hatten sie protestiert – Bertrand mit Schweigen, Louise mit ins Leere laufenden Satzkreiseln –, dann hatten sie einen dreißig Jahre alten Handtuchwerferblick gewechselt, gemeinschaftlich geseufzt und auf pseudoprogressive Ergebung geschaltet.

»Wir sind glücklich, wenn du glücklich bist«, sagte Louise schließlich.

Die Hochzeit war eine weihrauchlastige orthodoxe Angelegenheit, die ihre Eltern schweigend über sich ergehen ließen. Bald darauf kam Charlene nach Trenton, um es ihnen mitzuteilen: Sie war schwanger. Alle wussten, dass das lange vor der Hochzeit passiert war. Stille senkte sich über den Raum.

»Ich hab’s nicht drauf angelegt … so wollte ich das nicht«, sagte Charlene leise.

Auch das wurde verarbeitet.

Charlene wartete auf die geballte Missbilligung, die kommen musste, das ewige Verurteiltwerden, das sie zugleich scheute und auszukosten gelernt hatte. Doch dann erhob sich Bertrand vom Sofa.

»Ein Enkelsohn!«, sagte er.

»Wir wissen nicht, was es ist –«, setzte Charlene an, doch er schien sie gar nicht zu hören. Er zog seine Hose hoch und legte auf dem Teppich einen kleinen Jig hin. Es war das erste Mal überhaupt, dass sie ihren Vater tanzen sah. Er hatte vom Tanzen noch nie etwas gehalten und einen stolzen Gleichmut gegenüber jeder organisierten Fröhlichkeit gehegt. Ihn jetzt so in Bewegung zu sehen – ausgelassen, tout seul, ganz Hüftgewackel –, empfand Charlene als so intim, dass sie fast nicht hinschauen konnte. Und dann stand auch Louise auf, und alle stellten sich zusammen und hielten sich bei den Händen. Ein spontanes Annehmen des ungeborenen Kindes. Bertrand legte eine Smokey-Robinson-Platte auf. Charlene tanzte langsam mit ihrer Mutter, während ihr Vater den neuentdeckten Boogie wiederaufnahm und sein Repertoire um arrhythmische Schnipser erweiterte. Sie wurden Großeltern. Diese Verheißung löschte alles andere aus.

So waren Louise und Bertrand, als Radar mitten in einem Jerseyer Stromausfall zur Welt kam, die Ersten, die mit weißen Pfingstrosen in der Hand erschienen, um das Baby zu begrüßen, dessen Geschlecht sie vorausgesagt hatten. Wie alle anderen waren sie erst einmal erschrocken über das Aussehen ihres Enkels und zutiefst besorgt, ihm könnte etwas Ernstes fehlen. Als dann feststand, dass das Kind im Übrigen gesund war, musste sich Louise zu ihrer Beschämung eingestehen, dass sie den Gedanken, Kermin sei vielleicht nicht der leibliche Vater, insgeheim ganz erfreulich fand. Andererseits hätte das bedeutet, dass ein unbekannter dunkelhäutiger Erzeuger sich irgendwo im Bauch der Stadt herumtrieb. Doch bald schoben sie alle Bedenken beiseite. Man befand sich im Amerika von 1975, einem Land des Multikulturalismus und der Toleranz, und Baby Radar gehörte zu ihnen. Vielleicht noch mehr als die eigene Tochter. Es fiel ihnen nicht schwer, ihn als Gegenpol zu Charlenes Widerspenstigkeit zu lieben; Louise litt regelrecht, wenn sie längere Zeit von ihrem Enkel getrennt war. Als Radar von einem Facharzt zum nächsten kutschiert wurde, wuchs Louises Entsetzen. Sie führte das ganze Theater auf irgendwelche fremdenfeindlichen Einstellungen ihres Schwiegersohns aus der Alten Welt zurück.

Denn weil sie nicht danach fragte, wusste sie nicht, dass ihre eigene Tochter und nicht Kermin der alleinige Motor der Suche nach einem Namen für Radars Zustand war. Kermin hatte sich dem anhaltenden Klärungsbemühen nur zögernd angeschlossen. Kein einziges Mal hatte er das Aussehen seines Sohnes beklagt oder mit dem ihm zugeteilten Los gehadert. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, nachdem er die neugeborene Schwester und die Mutter verloren hatte, war Kermin mit seinem Vater durch ein schwelendes Europa nach Bergen in Norwegen geflohen, wo sie an Bord eines Zehn-Meter-Boots Kurs auf die Neue Welt nahmen. Nach sechs Wochen auf See in New Jersey angekommen, hatte Kermin eine böse Lungenentzündung und eine klare Vorstellung davon, worüber man sich grämen sollte.

In der Welt, die er hinter sich gelassen hatte, waren die Unterschiede, derentwegen man einander verurteilte, sich gegenseitig umbrachte, den Krieg erklärte, oft weitgehend unsichtbar: religiöse, ideologische, ethnische Besonderheiten, die erst zutage traten, wenn ein Name, ein Zungenschlag, ein Geburtsort offenbar wurde. Während des Krieges trugen die Armeen Uniformen, die sie als Partisanen, Tschetniks, Angehörige der Ustascha auswiesen, doch die Bevölkerung im Allgemeinen konnte zwischen den Definitionen hin und her schalten, je nachdem, wer vor der Tür stand. Diese Unbestimmtheit führte dazu, dass im Jugoslawien vor Tito, aus dem er geflohen war, die Familie mehr galt als Rasse, Religion und Glaube. In erster Linie kümmerte man sich um die eigenen Angehörigen, vor allem, weil man sich der wabbligen Identität seines Nächsten nicht sicher sein konnte. Kermin hatte zwar nur die ersten zehn Lebensjahre in Jugoslawien verbracht, doch in diesen zehn Jahren hatte er gelernt und in jeder Hinsicht begriffen, wer zu schützen und wer abzulehnen war, und so etwas verlernt man nie. Auf seine stille Art hängte Kermin alles daran, seinen Sohn zu lieben. Gegen das immer zwanghafter werdende Bemühen seiner Frau um eine greifbare Diagnose sagte er trotzdem nichts. Instinktiv begriff er, dass sie mit ihrer Suche die brüchigen Grenzen ihrer kleinen Kernfamilie aufhob. Genau wie sie begann er sich einzureden, dass mit einer Diagnose vieles in ihrem Leben geradegerückt werden könnte, doch während Charlene hoffte, durch eine solche Benennung ihr Kind zurückzugewinnen, hoffte Kermin, sie würde ihm seine Frau wiederbringen. Bei dem ganzen Leid, das er im Leben gesehen hatte, wusste er, dass Charlene – trotz allem – das Größte war, was sich ein zugewanderter Elektroingenieur überhaupt erhoffen konnte. Noch heute staunte er manchmal über sein Glück: Charlene war schön. Charlene war klug. Charlene war sein.

Also fuhr er Frau und Sohn pflichtbewusst zu sämtlichen Hautarztterminen, saß geduldig in den illustriertenbestückten Wartezimmern und lauschte den Funk-Wetterberichten auf seinem Taschenempfänger. Gern hielt er auch seinen Sohn oder fütterte ihn, und wenn Charlene zu tun hatte, nahm er Radar mit in den Ravna Gora Communications Shop in der Grove Street und legte ihn in das Kinderbett zwischen den tausend Ersatzteilen für die Radios und Minifernseher, die zu reparieren seine Spezialität war.

Vor allem Kermin hatte auch den prüfenden Blick der serbischen Gemeinde auszuhalten, die er im Stillen sonst wohin wünschte, aber nicht abschütteln konnte. Nach außen hin waren Saša und ihr Trupp kopftuchtragender babas freundlich und hilfsbereit, doch er ahnte das schniefig-indolente Getuschel, das sie hinter verschlossenen Türen von sich gaben. Angeblich war Charlene in gewissen zwielichtigen Nachtclubs in Harlem auf der anderen Flussseite beim Schäkern mit schwarzen Männern gesehen worden.

»Ona voli crni kurac«, hörte er die hochnäsige Olga nach dem Ostergottesdienst sagen. Er versuchte, sich einzureden, sie habe vielleicht jemand anderen gemeint, nicht seine Frau.

Wenn er und Charlene sonntagnachmittags die Broad Street entlangspazierten, spürten sie beide die langen Blicke aus Schenken und Hauseingängen, aus langsam vorbeifahrenden Buicks und dem verschmierten Fenster von Planavic’s Diner. Die unverkennbare Gänsehaut, die man bekommt, wenn man beobachtet wird. Charlene konnte trotz der unauffälligen Wattebäusche in ihren Nasenlöchern die Verurteilung riechen.

»Zašto je još uvek sa tom kurvom?«

»Was hat die gesagt?«, fragte sie eines bitterkalten Januarmorgens, als sie an den miteinander verschworenen, Radar in seinem Kinderwagen beäugenden Zeitgenossinnen Iliana und Jasmina vorbeikamen.

Kermin blickte zum Himmel. »Sie sagen …« Er zuckte mit den Achseln. »Sie sagen, Wetter ist zu kalt für Baby draußen. Sie sagen, jetzt verkühlt sich.«

»Was geht sie unser Kind an?«

Wieder zuckte Kermin mit den Achseln. »In Serbien ist ganz schlecht für Baby, wenn sich eine Erkältung holt. Sie sorgen sich um uns. Unser Kind ist ihr Kind.«

Das stimmte ebenso wenig wie seine Übersetzungen.

Bei Radars Taufe war die Gemeinde, die sich auf der Vortreppe der St.-Sava-Kirche drängte, zahlreich vertreten und auffallend unruhig. Kermin wusste nicht, was er von dieser Zuschauerschaft halten sollte. Mit den meisten dieser Leute hatte er kaum je ein Wort gewechselt. Er hätte gern an ihre edlen Absichten geglaubt, doch als er über die vielen Gesichter hinblickte, mochte ihm niemand in die Augen sehen.

Auf der Vortreppe schützte Kermin Radar mit derselben wollenen Pferdedecke gegen die Kälte, die schon seine Schwester und dann ihn auf der Fahrt übers Meer gewärmt hatte. Pater Bajac, ungewöhnlich nüchtern und klaren Blicks, gebot den Versammelten mit erhobener Hand Schweigen. Er wandte sich Kermin zu und fragte auf Serbisch: »Widersagen Sie im Namen Ihres Sohnes Radar Radmanovic dem Satan und all seiner Bosheit, seinen Werken, seinen Winkelzügen und seinem rachsüchtigen Stolz?«

Sie standen nach Westen gerichtet, der versammelten Gemeinde zugewandt, die auf die Straße schwappte, hinter der sich die endlose, dodekaedrische Weite Amerikas erstreckte und noch weiter weg nach uraltem Glauben die Unterwelt mit ihren unwiderstehlichen Verlockungen lauerte. Eine Stufe tiefer, links von Kermin, stand Charlene und sah schweigend zu. Sie war weder Serbin noch Christin, hatte aber entschiedener auf der Tauffeier bestanden als er. Sein Glaube war eher Gewohnheit, eine Erinnerung an seine Schwäche. Noch eine Stufe tiefer standen die Volmers, grimmig, pflichtbewusst.

»Ich widersage«, sagte Kermin.

Sie wandten sich gen Osten, dem zweiflügeligen Portal der Kirche zu. Dahinter lagen das Meer und die Alte Welt, wo sein Geburtsort in den Bergen Kroatiens winkte. Kehrte er jetzt zurück, würde er ihn nicht wiedererkennen. Die Blindheit des Ausgewanderten.

»Sind Sie bereit, sich mit Jesus Christus zu vereinigen?«, fragte Pater Bajac auf Serbisch. »Sind Sie bereit, Ihren Sohn zu überantworten dem Schoß der Heiligen Dreifaltigkeit?«

Kermin spürte, wie sein Sohn sich in der rauen Decke wand, war aber mit dem Gefühl gesegnet, zugleich präsent und doch gar nicht anwesend zu sein. Dieses Spiegeldasein war ihm als Funker mittlerweile mehr als vertraut. Jedes Mal, wenn er die Knöpfe seines Transceivers bediente und sein hungriges Netz im unsichtbaren Frequenzspektrum auswarf, um nach Sendungen aus Guyana, Kinshasa oder Battambang zu fischen und die zarten Antennenspitzen seiner Funkerkollegen aufzuspüren, wurde ein Teil seiner selbst mit hinaus in das Netzwerk der Signale geworfen, während der andere Teil in seiner Werkstatt sitzen blieb. Kermin schloss die Augen, und einen Moment lang wurde der Mottenkugelgeruch der Decke zu einer Art inneren Funkbrücke: Zeit und Raum stürzten in sich zusammen, bis er wieder an Bord des norwegischen Schoners war, fiebernd in die Decke gehüllt, das Rollen und Grollen des Wassers am knirschenden Schiffsrumpf, der endlose, langsame Tanzrhythmus des Meeres. Oben tönte der Kapitän mit seiner Leierstimme, sein Vater kam die Falltreppe hinunter und schob die Decke zurück, um die in ihm pochende Fieberhitze zu prüfen. Das Schiff hatte den Anprall eines Nordatlantiksturms nur knapp überstanden, mit einem Riss im Rumpf, ehe es an einem herrlichen Septembermorgen schließlich müde im New Yorker Hafen eingelaufen war. Weder Vater noch Sohn konnten Englisch; im Abfertigungsgedränge von Ellis Island war ihnen der Akut verlorengegangen, der das c am Ende ihres Nachnamens abfederte, womit die falsche, harte Aussprache, die sie in Zukunft zu hören bekamen, besiegelt war. Das dsch wurde zum k – ein Zeichen künftiger Zeiten. Aber sie waren angekommen. Dobroslav hatte das letzte seiner Frau gegebene Versprechen erfüllt und ihren Sohn gerettet, ihn aus der verwüsteten Heimat in eine neue Welt gebracht.

Pater Bajac räusperte sich.

Kermin schlug die Augen auf, und die nach Wolle duftende Erinnerung wich der Taufszene im gegenwärtigen Jersey: Kirche, Stufen, Priester, die in der kalten Luft der Meadowlands frierenden Zuschauer. Jetzt gibt es nur noch ein Jetzt, sagte sich Kermin, konnte es aber noch immer nicht glauben.

»Ja«, sagte er.

Pater Bajac befeuchtete seinen Daumen und schlug das Kreuz über dem Körper des Kindes.

»Amen«, rief die Versammlung geradezu erleichtert. Der Priester bedeutete ihnen allen, die Kirche zu betreten. Im Innern von St. Sava umkreiste die Familie dreimal das kupferne Taufbecken, während die Gemeinde langsam ins Hauptschiff vordrang und feierlich ihre Umkreisungen mitzählte. Über ihnen hatte eine verirrte Krähe irgendwie den Weg ins Gotteshaus gefunden, kreischte und flog gegen ein Fenster. Aller Augen waren auf sie gerichtet. Ein weiß gewandeter Junge kam mit einem Besen hinter dem Altar hervor; er klopfte von unten gegen die Fenster, konnte den Vogel aber nicht erreichen. Nach einer Weile gab er auf, und der Priester fuhr fort, ohne das durchs Gebälk flatternde Tier zu beachten.

»Ich freue mich, dass Ihr so zahlreich erschienen seid, um Zeugen zu sein, wie abermals ein Kind zum Christen wird«, sagte Pater Bajac auf Serbisch und legte die bibelfreie Hand auf den Rand des Beckens. »Das ist eine Wiedergeburt, die wir alle miterleben sollten, denn wir können alle davon lernen, immer wieder. Jesus lehrt uns, dass es nie zu spät ist, neu zu beginnen.«

Der Priester zog ein Fläschchen aus seinen Gewändern hervor und goss einen Spritzer Öl in Form eines Kreuzes auf die Wasseroberfläche. Kermin sah zu, wie das Öl strudelte und dann zusammenlief, eine Bewegung, wie wenn man langsam die Arme in die Hüften stemmt. Pater Bajac nahm ihm Radar ab und ließ die alte Decke zu Boden gleiten. Er schlug noch ein Kreuz über dem Kopf des Kindes. Radar schwebte da in stiller Erhabenheit, dann wurde er dreimal untergetaucht. Das Wasser gluckste und platschte bei jedem Eintauchen. Seine pechschwarze Haut glitzerte im grellen Neonlicht der Kirche. Die Gemeinde beugte sich vor wie ein Mann, um das von Weihrauchschwaden umkräuselte Baby besser zu sehen.

Vor ihrer Flucht am Kriegsende hatten Kermin und seine Mutter immer den Gottesdienst in der kleinen Dorfkirche bei Knin besucht. Er drängte sich ans Kleid seiner Mutter, die Füße steif vom langen Stehen, und sprach lautlos die Worte aus den Evangelien mit. Sie standen den ganzen Gottesdienst über, um ihre Ehrfurcht vor Gott zu bezeigen, hatte seine Mutter erklärt, und Kermin hatte mit dem Kopf genickt, wie man nickt, wenn man etwas nicht versteht, aber weiß, man sollte es verstehen. Dobroslav kämpfte hoch oben in den Bergen mit Vojvoda Momčilo Đujić, dem berühmten Priester, der zum Tschetnik-Krieger geworden war, gegen Titos Partisanen. Und Dobroslav war der persönliche Funker des Woiwoden, zu Kermins großem Stolz, so dass er die Jungs im Ort bei jeder erdenklichen Gelegenheit daran erinnerte. Dobroslav hatte Kermin auch erzählt, dass der Woiwode ihn in ihrem Gipfellager manchmal wegen seines Funkmikrophons zu sich rief und dann vergessene Frequenzen mit Predigten ans menschenleere Tal füllte. »Meine Worte sind allein für Gott bestimmt«, sagte der Woiwode. Kermin schmiegte sich enger an das Kleid seiner Mutter und fragte sich, ob sein Vater und der Woiwode auch jetzt gerade dabei waren, hoch oben im Gebirge eine ihrer Funkpredigten an einen Gott zu senden, der offenbar überall und nirgends zugleich sein konnte.

4

Charlene erwachte mitten in der Nacht vom Lärm einer Explosion. Sie fuhr im Bett hoch, atmete, lauschte dem Chor der draußen heulenden Autoalarmanlagen. Kermin hatte sich neben ihr kaum gerührt. Aus dem anderen Zimmer hörte sie ein leises Schluckauf-Schluchzen von Radar. Sie stand auf. Durch die Gardinen sah sie Lichter angehen, Leute auf ihre Veranden kommen.

Sie ging zu ihrem Sohn und nahm den sich windenden kleinen Körper hoch. Er drängte sich an sie und beruhigte sich. Ein Händchen tastete nach dem Vorsprung ihres Schlüsselbeins. Sie beugte sich vor, wiegte ihn, als wäre sie ein schaukelndes Boot, und summte ein Schlaflied, das ihre Mutter ihr einst vorgesummt hatte. Sie fragte sich, ob es zu dem Lied einen Text gab. Draußen plärrte noch eine einzelne Alarmanlage vor sich hin. Sie wiegte. Sie spürte sein Gewicht in ihren Armen. Sie spürte ihre Arme, die Muskeln in ihren Armen, die sein Gewicht hielten. Sie spürte den Zug der Schwerkraft, die tausend unsichtbaren Kräfte, die auf sie einwirkten.

Unvermittelt wurde sie von einer Art Schwindel erfasst – sie hatte die Empfindung schon mal gehabt, wenn sie auch nicht mehr wusste, wann. Es war ein Gefühl, als wäre sie nicht sie selbst, als wäre sie im falschen Körper gefangen, als hätte man sie kürzlich fehlbesetzt in einem Stück, das ihr eigenes Leben war.