Die Riesin - Kurt Marti - E-Book

Die Riesin E-Book

Kurt Marti

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Beschreibung

Kurt Martis umfangreichste Prosaarbeit, das Erzähllabyrinth "Die Riesin", jetzt in der Fassung letzter Hand. "Die Riesin" führt in eine Welt, die nicht leicht zu durchschauen ist: Gibt es Die Riesin Erna? Ist sie tatsächlich kahl? Und hat sie den kleinen Egon, der sich mit ihr vermählen wollte, wirklich verschlungen? Der Erzähler, seines Zeichens Bibliothekar, versucht, sich darüber wie über sich selbst Klarheit zu verschaffen – vergeblich. Denn "[so] rasch […] wird eine Riesin auch wieder nicht ausgetrieben und weggeschrieben". Gemeinsam mit dem Erzähler verirren sich die Lesenden im ebenso lustvollen wie bedrohlichen Erzähllabyrinth dieser "Nachforschung", laut Autor ein Plädoyer "für die kleine, aber reale Freiheit hier und jetzt, wo – außerhalb des Schattens der Riesin – Lachen möglich ist". Die Neuausgabe präsentiert Martis faszinierendes, 1975 erschienenes Gattungsexperiment erstmals in der Fassung letzter Hand.

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Kurt Marti

Die Riesin

Eine Nachforschung

Herausgegeben und mit einem Nachwort

von Stefanie Leuenberger und Andreas Mauz

Wallstein Verlag

Inhalt

Verspeist, gefressen, verschlungen!

Gestern das Fest ...

... und Egons Vermählung dann

Madlens Quartier

Augenschein

Rapport

Gigantologie

Labyrinth und Traum

Allzumal Egons

Schätze der Bibliothek

Was für ein Tag!

Nobs, der Nabel der Welt

Brief an Raoul Paraburi, den Freund, Berater, Lektor etc.

Zweiter Brief an Raoul Paraburi

Vivianischer Epilog

Anmerkung noch für R. Paraburi

»Sieh zu, wie du mit diesem Ereignis fertig wirst«. Kurt Martis Die Riesin(Stefanie Leuenberger und Andreas Mauz)

Editorische Nachbemerkungen und Dank

Anmerkungen

Impressum

Verspeist, gefressen, verschlungen!

Vom Auftrieb erfaßt, vom Sog des Erwachens: im nachhinein kommt mir vor, zwei Strömungen, gleichgerichtet zwar, doch verschieden beschleunigt, hätten mich dem Tag zugetragen – eine träge, die den noch passiven Geist mit hellen, rasch wechselnden Bildern unterhielt, und eine zügige, die den Körper rasch lebendig gemacht hatte, während der Geist schlafmützig unter der Oberfläche dahinglitt, als glaubte er, die Zeit vergeuden zu können; vielleicht, weil er sich für unsterblich hält. Besser weiß es der sterbliche Körper, seit jeher, auch heute, er rief: He, ewiger Faulpelz, so ewig bist du nicht, um endlos dösen zu können – rühr dich, wach auf!

Schön wär’s, entspannt und wohlig sich treiben zu lassen vom Strom des Halbschlafs, der Bilder – wozu denn immer erwachen? So kann freilich nur denken, wer sich insgeheim für unsterblich hält, einem der ewig tändelnden Götter gleich. Solchem Wahn stellt sich alsbald der rührige Muskel des Mannes entgegen, der Unlust und träge Widersetzlichkeit austreibt, befehlend: hopp, auf jetzt! Es ist wieder heute!

Ach ja. Der immer schon wache Körper erinnert – frisch-unfromm-fröhlich-frei sozusagen – den Geist, diesen Späterwacher und Dösewicht, unerbittlich daran, daß er noch immer / schon wieder einen Mann zu bewegen hat, damit dieser dem Bett entschlüpfe, sich tüchtig erhebe, um tätig zu werden, wie’s die Welt nun einmal von einem Mann glaubt erwarten zu dürfen, erst recht, wenn keine Frau neben ihm liegt.

Heute aber ist Sonntag.

Mittag, schon früher Nachmittag möglicherweise. Ich angle, vergeblich, nach der Armbanduhr, deren nächtlicher Platz doch auf dem Nachttischchen ist, in Griffnähe stets (»Du sollst jederzeit wissen, wieviel Uhr mitteleuropäischer Zeit wir haben!«) – bis ich merke, daß die Uhr noch immer am linken Handgelenk ist. Dabei mochte gerade ich Leute nie, die zum Schlafen alles, nur ihre Uhr nicht ablegen wollen. Plumpsmüde muß ich ins Bett gefallen sein. Schlecht geträumt habe ich auch. Gräßliches von Egon, der mir nur flüchtig bekannt ist. Hat ein riesiges Weib bestiegen wie Alpinisten das Matterhorn oder nicht ganz so, doch zunächst ist er wirklich geklettert mit Klimmzug und unserer Hilfe. Dann hat ihn das Weib behutsam, fast zärtlich, emporgehoben, wozu so etwas wie Mendelssohns Hochzeitsmarsch ertönte oder jedenfalls in der Luft war, eine Art Sphärenmusik.

Grotesk, grotesk.

Der Nacken schmerzt, eine Mahnung wohl, die Matratze einmal wieder zu kehren.

Ich erwachte, ergo bin ich. Fünf vor halb zwei. Auf dem Bettrand sitzend, den Nacken massierend, denke ich dem komischen Traum nach, bis allmählich die Erinnerung genauer und mir verwirrend klar wird, daß der vermeintliche Traum mit durchaus noch wachen Sinnen erlebt worden ist.

Im Lavabospiegel des Badezimmers ein bleiches, erschrockenes Gesicht. Die Blicke tasten es ab: wirst doch nicht übergeschnappt sein? Schizophrener Schub oder so? Immerhin, wäre eine Erklärung! Verziehe den Mund (nach links, nach rechts), reiße die Augen auf: wer weiß, wer weiß? Pathologischer Fall, gestern gesund noch, heute Halluzinationen, der Psychiater spräche dir sicher gut zu – was kann er sonst tun? Tabletten, Pillen verschreiben, um die Riesin im Kopf, im Gedächtnis zu zähmen, auszutreiben vielleicht.

Sähe der Kerl da im Spiegel bloß nicht so trostlos normal, so gewöhnlich aus. Seine Grimassen vermöchten den miesesten Psychiater nicht zu rühren. Gib’s auf, komm zu dir: mit diesen Augen hast du gestern, nein heute früh, vor einigen Stunden noch, eine Riesin erblickt! Passiert ist passiert – sieh zu, wie du mit diesem Ereignis fertig wirst.

Unter der Dusche der Versuch, vernünftige Gedanken zu haben. Am besten behalte ich alles für mich, erzähle niemandem davon, weil niemand mir glauben könnte. Realistisch sein! Oder würde ich jemandem, und wär’s der beste Freund, glauben, der mir allen Ernstes erzählt, er habe eine Riesin gesehen? Also! Riesen, Riesinnen gibts nicht, das ist beschlossene Sache. Zwecklos, sich aufzulehnen dagegen, mag Erna auch lange – ah ja, so war ihr Name: Erna! – die Ausnahme von der beschlossenen Regel sein.

Schwierig. Auch ich glaube nicht an Riesen. Etwas gesehen haben, an dessen Existenz man nie glaubte, auch jetzt nicht glaubt – wie soll man das andern oder auch nur sich selber erklären?

Kleide mich an, öffne das Fenster. Drüben auf kleinem Balkon sitzt friedlich das Ehepaar Bürki in der Frühlingssonne. Der Mittagskaffee scheint getrunken, jetzt liest er die Zeitung, sie strickt, die Tassen stehen leer auf dem Tischchen, die Welt ist in Ordnung. Manchmal spielen sie Halma zusammen. Wie würde Herr Bürki sich an meiner Stelle verhalten? Schwer zu erraten bei ruhigen Leuten, denen nie so verwirrende Dinge begegnen. Ist das mit der Riesin – und nicht nur das! – meine eigene Schuld?

Ruhig Blut, würde Herr Bürki, der Steuerbeamte, wohl sagen und tun, was er immer zu tun gewohnt war, den Fall überprüfen, ihm nachgehen mit Gelassenheit.

Was hindert mich, der Riesin ebenfalls nachzugehen? Nicht mit leerem Magen! Im Handumdrehen war gestern abend alles Eßbare weg, in diesem Punkte hat’s den Veranstaltern wohl an Erfahrung, an Voraussicht gefehlt. Hat vielleicht der leere Magen halluziniert, haben Hunger und Alkohol die Riesin erzeugt – und auch die groteske Vermählung? Oder ist’s keine Vermählung gewesen, eher ein Freßulk, ein Freßritual sogar? Les Noces d’Erna et d’Egon – une éspèce de Grande Bouffe?

Um selber zu kochen, bin ich nicht in der richtigen Stimmung, fahre also zum Bahnhof, was überdies Gelegenheit gibt, den »Blick« zu kaufen.

Im Bahnhofsbuffet: Rahmschnitzel mit Nudeln, gemischtem Salat, dazu die Fußballberichte. Wieder haben die Young Boys aufgelegte Chancen nicht auswerten können, ihr Unvermögen seit langem. Zürich gewonnen, Basel hat Mühe, Xamax verlor, Walter Müller bleibt Torschützenkönig. Lugano, heißt es, stecke in einer Krise der Form, der Moral. Dafür hat sich Chênois schon wieder als Riesentöter betätigt. Riesen auch im Fußball. Es sind mehr Riesen im Land als man denkt. Was ist sonst noch passiert in unserer grandiosen Zivilisation? Kissinger da, Kissinger dort – seinem Chef allerdings droht das Impeachment. Liebesdrama in Bülach. Tödlicher Unfall auf der N 1. Zwei Vierzehnjährige auf dem Standesamt (in Jugoslawien). Die Schweiz wird Computer-Großmacht. Flitzer in Luzern. Leser schildern ihr erstes Liebeserlebnis (»… ein wilder Rausch hatte uns gepackt …«). Spannen die Beatles wieder zusammen? Strahlenverseuchte Fische und Fischkonserven in Japan. Tratsch aus dem Weltdorf, der kurzweilig ablenkt von allem, was wirklich passiert. Jetzt zum Beispiel: von Erna.

Noch mehr Ablenkungen gefällig? Yeti vielleicht, der wiederum Spuren setzende Schneemensch, Fünflinge irgendwo, ein Öltank, der auslief und Grundwasser in Gefahr bringt, ein Drache, wie der von Loch Ness, ein blutendes Madonnenbild oder Typhus in Neapel, eine kecke Unterschlagung mit Flucht nach Südamerika, eine Playboy-und-Starlet-Hochzeit (Vermählung ist immer gut), ein krasses Unrecht, über das man sich herrlich empören kann, weil’s einem einzelnen widerfuhr (um besser über Unrecht, das unauffällig vielen widerfährt, hinweggehen zu können?). Was noch? Die Wiederkunft Satans, dem in schwarzen Messen gehuldigt wird, mitternachts in schottischen Schloßkapellen? Ist etwa ein Krebsheilmittel entdeckt, ein Todesstrahlenwerfer erfunden worden? Oder die Pille, um hundertfünfzig Jahre alt werden zu können? Oder ein Wasserhahn, der zwanzig Jahre lang funktioniert? Wird Parapsychologie die Rätsel der Psychokinese lösen? Sind astronautische Wesen oder gar Götter von anderen Himmelskörpern gesichtet worden? Nein, nichts. Weder Wunder noch Zeichen, auch keine – Riesin.

Hoffte ich wohl, im »Blick« eine Meldung über Erna zu finden? Sogar die Leserbriefe gehe ich durch, wer weiß, ob nicht jemand eine Beobachtung gemacht hat, die Erna betreffen könnte. In diesem Fall hätte man annehmen dürfen, daß Überprüf- und Mitteilbares passiert ist und deshalb Aussicht besteht, die Riesin doch noch in die Ordnung (ins Chaos?) sonstiger Begebenheiten einreihen zu können.

Ein noch jüngerer Mann, der gegenüber am gleichen Tisch sein Bier trinkt und freundlich gegrüßt hat, als er sich setzte, betrachtet mich unverhohlen, hätte wohl Lust, ein Gespräch in Gang zu bringen. Doch mag ich jetzt nicht, hab’ unwillkürlich meine introvertierteste Miene aufgesetzt. Auch die Lust auf Meringue mit Schlagrahm, eben noch heftig, ist vergangen, Café crème genügt, ist plötzlich zu viel schon. Verbrenne die Zunge daran, so überstürzt will ich trinken, um zurückkehren zu können in meine einsame Wohnung.

Kaum zu Hause – um aufzuräumen, das Bett zu machen: Ordnungstrieb – summt das Telefon. Liselott Schüpfheim.

Endlich, seufzt sie. Seit weiß nicht wie lange versuche ich schon, dich zu erreichen. Hab’ kaum ein Auge zutun können, so gräßlich ist alles, so unvorstellbar.

Ja, mein Nacken schmerzt noch immer, sage ich, doch sie achtet nicht darauf und artikuliert ihr Entsetzen in drei langsam hingemurmelten Wörtern, die von neuem verwirren, erschrecken: VERSPEIST, GEFRESSEN, VERSCHLUNGEN! Bisher, merke ich jetzt, haben sich meine Gedanken nur mit der Riesin beschäftigt, kaum mit Egon, schon gar nicht mit seinem Schicksal. Und noch einmal, wie mechanisch, in einer Art Trance, murmelt Liselott: VERSPEIST, GEFRESSEN, VERSCHLUNGEN!

Aber gesehen hast du ja nichts, wende ich ein, niemand hat etwas gesehen.

Egons Schrei, sagt sie tonlos, was hast du dir gedacht bei seinem Schrei?

Ein Lust-, ein Triumphschrei scheints gewesen zu sein. Klar. Und weiter?

Weiter nichts, einfach so: eine Art Orgasmus in Form eines Schreis.

Und dann, danach? Sie schluchzt, glaube ich, schnupft, muß ganz durcheinander sein: Sofort, du, ich hab es sofort gewußt, begann am ganzen Leibe zu zittern und werde das furchtbare Bild nicht mehr los, es sitzt in meinem Gehirn, es macht mich kaputt.

Was für ein Bild?

Wie sie ihn, wie sie … sich Egon zuführt.

Von neuem schluchzt sie, schnupft. Aus dem Hintergrund redet ihr eine männliche Stimme leise zu. Wer mag das sein, sie ist doch geschieden? Als Egons orgiastischer Schrei uns einholte, gestern, hatte ich ihn gleichfalls als gräßlich, als Zumutung empfunden, versuchte ihn deshalb so rasch wie möglich mit Whiskys, Menschen, Gerede wieder auszulöschen. Dadurch bin ich dem Zwang ausgewichen, mir etwas vorstellen zu müssen. Ich versuche, Liselott das Bild, von dem sie besessen scheint, auszureden: schließlich hat sie ja keine Beweise dafür, daß es zugegangen ist wie sie glaubt, daß es habe zugehen müssen.

Und du, sagt sie, hast du etwa Beweise dafür, daß es nicht so zugegangen ist?

Jetzt nicht, doch will ich versuchen, der Sache nachzugehen, ich glaube, ich werde den Weg dorthin wieder finden. Noch heute werde ich gehen.

Auch Liselott hat etwas getan, sie hat Egon angerufen, nicht ein einziges Mal nur, verschiedene Male schon hat sie’s versucht. Umsonst. Niemand hat sich gemeldet.

Sollten wir nicht die Polizei alarmieren? fragt sie.

Wenn du willst, ich halte dich nicht davon ab, doch wie denkst du dir das? Was willst du der Polizei erzählen?

Das weiß auch sie nicht. Sie schneuzt sich, ratlos: Etwas sollten wir aber unternehmen.

Ich verspreche hinzugehen, nachzuforschen, wie gesagt, noch bevor der Abend da ist.

Ah, wie ein solcher Entschluß, wenn einmal gefaßt, beruhigen kann! (Ich: man wird, verdammt, der Sache doch auf die Schliche kommen können! Sie: gottlob, daß jemand da ist, der etwas unternimmt!)

Mitkommen? Neinnein, sie sei in einem Zustand, in dem sie sich nirgends zeigen dürfe, verheult, verschnupft, wackelig in den Knien. Stehe sie auf, gleich werde ihr trümmlig. Unmöglich, verzeih, begreif. Daß ich der Sache nachgehen wolle, sei wahnsinnig lieb, beruhige sie, obgleich wohl Egon nicht mehr zu retten sei. Sie erbat umgehend Bericht, zu welcher Tages- oder Nachtstunde immer, und ich versprach’s.

Gestern das Fest …

So ein Mordswolfshunger gestern nach Schinken, Speck, nach Bauernbrot, Wurst oder Käse, nach Bündnerfleisch, Gurke, nach Gaumenreiz, Beißen, Kauen, Verschlucken, Verdauen, nach Einverleibung und Weltverzehr, nach Magenlust, Darmvergnügen, je später es war, desto früher es wurde, bei leer gegessenen Tischen, Tablaren, Eis- und Küchenschränken, bis die Wünsche, durch Weine, Schnäpse vollends enthemmt, sich in Bildern purer Vergeudung erregten, wo Nideltorten oder Meringuen, die niemand mehr mag, wie von selber durch Zimmer segeln, um Ecken fliegen, an Wände klatschen, auf Köpfe, Frisuren spritzen, Charlot- und andere Filme von damals – remember –, wenn einmal die Schlacht so richtig in Gang gekommen mit Gebrüll, Gekreisch und jähem Verstummen, sobald ein Gesicht, sekundenlang zur Sahnelandschaft erstarrte, bis Rache ihr Zepter wütender schwang, erschrocken Aufgesprungene torkelten, fielen, zappelten, Tische samt Tellern, Gläsern, Flaschen, Schüsseln umgekippt sind, während noch immer süßweiche Geschosse flitzten, flatschten, zerfledderten an Hüten, Möbeln, Nasen, und Frauen sich hinter Kommoden duckten, unter die Tische krochen, oder wie Aphroditen dem Nidelmeer entstiegen, gloriose Beauties inmitten kosmophagischer Orgie, zuweilen begann das elektrische Klavier zu klimpern, gratis und franko, niemand hatte es mit einer Münze gefüttert, Wunder über Wunder inmitten von Inflationen und Arbeitslosigkeiten, Verschwendung, wo andere Hunger litten, beinahe wie heute, oder ist’s heutzutage noch schlimmer, und irgendein happy end dann, Finis Ende Fin End –

– ja genau: auch ich bin in jenen Jahren geboren worden, wer säh’ mir das an inmitten von Fata Morganas, die trinkendem Hunger entspringen! Ein Heuschreckenfest, die Platten, die Schränke leergegessen, gefressen, die Därme so wenig belastet, daß wir gleich zu schweben, zu fliegen beginnen oder mit dem Kopf nach unten spazieren, die Zimmerdecke unter den Gummisohlen und Silberabsätzen, warum nicht, und lautlos danach durch Spiegel gleiten, das Blut des Poeten sickern sehen, aus Schläfe, Herz oder Handgelenk, wie damals, als der Knabe, empört, weil er ausgesperrt worden war, die Scheibe des Terrassenfensters durchschlagen hat, knapp neben der Pulsader – hier, die Narbe ist noch zu sehen, zwei Millimeter und ich wäre ein Frühvollendeter jetzt, doch heiter ist Madame La Mort vorübergegangen, hat lächelnd gewinkt, an einem sonnigen Nachmittag war’s. Mir ist, sie sei eine überaus schöne Frau gewesen, habe einen hellen Hut getragen, mit leichtem wippenden Rand –

– im Weiß ist eine Auflösung, die Liebe bedeutet und Tod –

– und ein anderer Film, auch, der meine Nerven gestimmt hat, nicht von Cocteau diesmal, »La nuit porte conseil«, was – glaube ich – heißt, die Nacht bringt Rat. Ich weiß nicht mehr, welchen und ob überhaupt, nur daß die Stimmung dieselbe war wie jetzt immer mehr zwischen Nacht und Frühe, wenn alles bleich und im Übergang ist, Erschöpfung sich unerklärlich verwandelt in überempfindliche Wachheit, und was sich einstellt, ist permanente Erleuchtung, nur ohne Inhalt –

– genau, mir kommt’s dabei vor, als schicke die Sonne sich an, zuerst in unseren Köpfen und Körpern aufzugehen: Erleuchtung als physischer Vorgang, der Nerven und Sinne wunderbar öffnet und schärft, uns wehrlos und durchlässig macht sozusagen –

– nana, seit wann trägt Viviane eine Brille, randlos dazu, oder ist sie es nicht, und tanzt da eine, die tut, als wäre sie Vivi, dabei sitzt diese mit einem Glatzkopf zusammen und nimmt einen Zug aus dessen Riesenzigarre.

Doch wenn sie hustet, scheint sie es nicht mehr zu sein, was, merke, nicht dagegen spricht, daß sie es eben noch war. Verwandlung ist alles oder beinahe –

– ist imstande – Viviane, meine ich – und stellt sich als Izabel vor, Begleiterin einst eines schottischen Schmetterlingsforschers im brasilianischen Urwald, was tatbeständlich nicht stimmt und dennoch auf seltsame Weise wahr wird, wenn sie’s erzählt, so daß man nicht sagen kann, sie lüge. Jedenfalls weiß ich dank Vivibel, daß es Horitis gibt dort, Indianer heute noch in der Steinzeit. Feiern Feste, wo Frauen zum Rhythmus der Trommeln ohne Unterbruch bis zur Erschöpfung tanzen. Also, da habe auch lzabel mitgetanzt, habe weitergetanzt, als die letzten der über hundert Horitifrauen aus dem Tanzkreis getaumelt seien, erledigt und fertig, sie aber habe noch immer getanzt, als spät der Vollmond über den schwarzen Wald stieg. So ungefähr. Und dann hätten die Indianer Izabel vorgeschlagen, bei ihnen zu bleiben. Der Schmetterlingsschotte kehrte allein nach Rio zurück, sie jedoch habe, so Izabel-Viviane, als Dschungeltänzerin die glücklichste Zeit ihres Lebens gehabt, sei im Triumph von einem Nachbarstamm zum andern geleitet worden, um tanzend die Finger der Trommler zum Glühen zu bringen, stell dir das vor, dabei hat sie diese Geschichte aufgeschnappt, irgendwo, sie verschlingt solche Sachen, verleibt, was phantastisch ist, sich ein mit unersättlichem Appetit, wird selber Izabel und glaubt allen Ernstes, in zarte Lianen gewickelt, auf Blättern und Moos vor Steinzeitindianern getanzt zu haben, Gast im Ehrenzelte des Häuptlings, mit Helikoptern gesucht von Brasiliens Polizei und Reportern. Einmal war auch die Rede von einem Film, mit Viviane in der Hauptrolle als Dschungeltänzerin, obgleich sie schon nicht mehr die jüngste ist. Fragmente zu einem Drehbuch sollen auch vorgelegen haben, und vielleicht hat sie die ganze Geschichte überhaupt erst dem Drehbuch entnommen, mit der ihr irgendein Filmfritz hat imponieren wollen –

– ein rosa Vulkan, ich schwöre dir, von weitem sah es aus, als entstiegen dem Krater immer von neuem Puderwolken, rosarote Puderwolken, nein, kein Lichtphänomen, es muß an der Beschaffenheit des Erd- und Lavamaterials gelegen haben, am frühen Nachmittag war’s, die Erde ist voll Wunder und Exotismen, auch in der Nähe, man muß nur Augen haben, jetzt allerdings kann ich die meinen nur mit Mühe noch offen halten –

– und wo sind wir verblieben? Bei der Rechtswissenschaft? Wissenschaft welchen Rechts? Recht gegen Unrecht, das Recht, eine Brille besitzen zu dürfen. Das Recht auf Besitz schlechthin. Haben Besitzlose auch Rechte? Nein, zum Schlafen leg’ ich die Brille ab. Das Recht auf Schlaf ist in der Fachliteratur noch wenig behandelt worden, das Recht auf Träume noch kaum ins Blickfeld der Jurisprudenz gerückt, einer konservativen Wissenschaft, unvermeidlicherweise vielleicht. Und das Recht auf Verwandlung, wer garantiert uns das? Fällt mir wohl ein, weil heute schon morgen, spät schon früh ist, die Zeit, wo sich alles verwandelt. Fühle mich plötzlich ganz vif, als wäre ich nicht mehr der von gestern, der schläfrig war, ich habe mich zu einem andern gemausert und kann nur staunen, wie leicht das geht –

– komm. Oder bleib. Oder geh. Oder mach, was du willst. Oder trink. Oder tanz. Und »Schleber« hat einer an der Theke gesagt. Vielleicht auch »Schlebr«, könnte auch »Schlöber« gewesen sein, und salutierte sich selber im Barspiegel zu, schnitt sich Grimassen und hat gefragt, wer ist das dort, wie kommt der hierher, ich sähe lieber den Weihnachtsmann, den Clay Regazzoni, das Ursi Andress, Besitzerin schöner Mobilien und Immobilien, man reiche mir einen Engel, bitte noch einen Engel, und Rundine hinter der Theke stellte ihm einen hin und sagte, der wird Ihnen Flügel geben. Unter der Theke lag Egon, lag zusammengekauert, ein Hündchen, das leise jaulte, wenn’s Tritte gab – und ich trat ihn gerne, mir machte das Spaß wie den andern auch – und später kroch Egon um die Theke herum, um sich Rundine zu Füßen zu legen, sich von ihren Schühlein kitzeln oder treten zu lassen –

– in Schüpfheim? Ah ja, die Landschaft ist mir geläufig, ich hätte dich gleich erkennen sollen, verzeih, vergib, es ging jemand weg und du bist gekommen, ich merkte das kaum, auch hast du ja einen neuen Kopf, das ist, mit all den anderen Übergängen, verwirrend, ich komme mir schon wie abwesend vor, unterwegs durch tundrische Landschaft, vor mir das Licht im Osten, das unermeßliche Lächeln. Man erlebt das selten genug, dieses ambivalente Gefühl, ganz passiv und dennoch in unerhörte Abenteuer verwickelt zu sein, wenn der Morgen im Nervensystem zu dämmern beginnt, noch lange bevor die Sonne aus einem Berg hervorbricht, um Feuer und Licht zu speien –

– dann aber, dann müßte man tanzen können, weißt du, mit Armen zum Gebet erhoben. Oder sich niederwerfen, murmelnd, singend, was weiß ich, wie damals auf den grünen Hügeln und Höckern in Schüpfheim –

– Modiglianityp würde ich sagen, mit Bernsteinpupillen, wäre ich Maler, am liebsten wäre ich Maler geworden, konventionell und figürlich, doch leider fehlt mir jede Begabung dazu, und ich frage mich, wieso man am liebsten wäre, wozu einem alle Voraussetzungen fehlen –