Die Riesinnen - Hannah Häffner - E-Book

Die Riesinnen E-Book

Hannah Häffner

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Beschreibung

»›Die Riesinnen‹ saugen einen auf der ersten Seite ein, und am Ende dieses Drei-Generationen-Porträts großer Frauen wird man atemlos ausgespuckt. Wüst, wild, bewegend und voller Poesie.« DORIS KNECHT

»Mager ist sie, wie ein Kleiderhaken, zurechtgebogen zu Menschenform. Dünn und stark und langgestreckt: Keine ist größer als sie, im Dorf nicht, und auch nicht im nächsten. Dazu die Kupferwollehaare, die wütend nach dem Himmel greifen. Wer sie sieht, weiß, wer sie ist, man weiß es sofort, und sie hasst es, hasst es, hasst es. Vielleicht hätte sie es, an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit, auch lieben können, aber das geht nicht, nicht hier.«

Wittenmoos, ein kleines Dorf im Schwarzwald, ist die Heimat dreier Frauen. Groß und dünn überragen sie alle anderen und wollen so gar nicht in die Dorfgemeinschaft passen. Und doch sind sie hier verwurzelt und müssen ihren eigenen Weg in den engen Grenzen des Dorfes finden. Liese, die still und unerbittlich die Metzgerei führt. Cora, ihre Tochter, die Wütende, die ausbrechen wird und lernen muss, dass Heimkehr keine Niederlage ist. Und Eva, Coras Tochter, die den Wald so sehr liebt und sich dessen erst bewusst werden muss.

In dunkler, satter, aber auch zarter Poesie erzählt Hannah Häffner mit stilistischer Präzision, feinem Humor und einer subtilen Beobachtungsgabe die Geschichte dreier Frauen, die sich von den 60-er Jahren bis in unsere Zeit spannt. Ein lange nachhallender Roman über die Sehnsucht nach Freiheit und Wurzeln, über Mütter und Töchter und über die Kraft der Natur.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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DREI FRAUEN, DREI GENERATIONEN. EIGENSINNIG SIND SIE, DIE RIESINNEN, KNORRIG, STARK UND WILD.

Wittenmoos, ein kleines Dorf im Schwarzwald, ist die Heimat dreier Frauen. Groß und dünn überragen sie alle anderen und wollen so gar nicht in die Dorfgemeinschaft passen. Und doch sind sie hier verwurzelt und müssen ihren eigenen Weg in den engen Grenzen des Dorfes finden. Liese, die nach dem Tod ihres Mannes still und unerbittlich die Metzgerei führt. Cora, ihre Tochter, die Wütende, die ausbrechen wird und lernen muss, dass Heimkehr keine Niederlage ist. Und Eva, Coras Tochter, die den Wald liebt und sich dessen erst bewusst werden muss.

In dunkler, satter, aber auch zarter Poesie erzählt Hannah Häffner mit stilistischer Präzision, feinem Humor und subtiler Beobachtungsgabe eine unvergessliche Geschichte, die sich von den 60er-Jahren bis in unsere Zeit spannt.

Ein lange nachhallender Roman über die Sehnsucht nach Freiheit und Wurzeln, über Mütter und Töchter und über die Kraft der Natur.

HANNAH HÄFFNER wurde 1985 in Heidelberg geboren. Nach ihrem Studium der Politikwissenschaften begann sie, als Werbetexterin zu arbeiten und sich parallel dazu verstärkt dem Schreiben zu widmen. Heute lebt sie mit ihrer Familie als freie Texterin und Schriftstellerin in der Nähe von Stuttgart.

»›Die Riesinnen‹ saugen einen auf der ersten Seite ein, und am Ende dieses Drei-Generationen-Porträts großer Frauen wird man atemlos ausgespuckt. Wüst, wild, bewegend und voller Poesie.« DORIS KNECHT

»›Heimat ist ein Wort, das ihr nicht über die Lippen kommt, aber in den Knochen steckt es ihr schon.‹ – Hannah Häffner hat eine literarische Parabel über Heimat und Ferne, über Nähe und Distanz geschaffen, deren unter der Oberfläche lauernde Dunkelheit gleichsam berührt und mitreißt. Liese, Cora und Eva – unvergessliche Figuren mit Tiefe, Herzenswärme und Visionen. Ich freue mich darauf, unseren Kund:innen bald von diesem Text vorschwärmen zu dürfen. Sicher ein Jahreshighlight 2026.« MARKUS SCHNEIDER, Buchandlung Taube, Marbach

www.penguin-verlag.de

Hannah Häffner

Die Riesinnen

ROMAN

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

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Copyright © 2026 Penguin Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)

Umschlaggestaltung: buxdesign I Lisa Höfner unter Verwendung eines Motivs von AdobeStock

Umschlagillustration: © plainpicture / Ruth Botzenhardt

Satz: satz-bau Leingärtner, Nabburg

ISBN 978-3-641-34106-0V002

www.penguin-verlag.de

1

Die Dunkelheit ist sprichwörtlich und wild. Sie türmt sich in den Wolken, die über dem Tal liegen, und streckt sich weit bis an die Zipfel des Himmels. Sie kommt mit dem Wind und verschlingt den hellen Tag, dringt bis in die Häuser, bis in die Zimmer, die Köpfe. Sie verschwimmt mit dem Schwarz des Waldes, der vor ihr die Waffen streckt, sich ihr hingibt, denn mit ihr kann selbst er nicht mithalten, nicht einmal er.

Bald werden die Blitze fallen wie glänzende Nadeln, und in den ersten Häusern gehen schon die Lichter an, sogar beim alten Rombach, der sich sonst die Augen kaputtspart, auf Teufel komm raus. Lichter, obwohl erst Nachmittag ist, und außerdem Sommer, also ist es etwas Besonderes.

Kaum jemand ist noch auf den Straßen, die meisten sind so klug gewesen, das Gewitter am Himmel kommen zu sehen, und die, die nicht so klug gewesen sind, haben es zumindest in den Knochen gespürt, oder im Gedärm. So etwas lernt man hier, weil Gewitter hier eben etwas anderes sind als in der Stadt, wo man einfach die Fenster zumacht. Hier kommen Gewitter von allen Seiten und schlagen dir mit ihrer Wucht die Luft aus den Lungen, werfen dich gegen Wände, schütteln dich. Hier hat man noch Respekt vor ihnen.

Wittenmoos liegt in einer schmalen, länglichen Senke, eine Pfütze von einem Dorf. Die Häuser drängen sich entlang der Hauptstraße, die sich ungefähr in der Mitte zu einem nierenförmigen Platz auswölbt. Einige Höfe brechen aus der Ordnung, liegen vor den Linien, riesig und schwarz, den abgeflachten First in die Stirn gedrückt, das Holz im richtigen Mond gehauen. Sie sind ihr eigenes Dorf, ihre eigene Welt, und man kommt sich winzig und vergänglich vor, wenn man vor ihnen steht oder in ihnen lebt, denn das ist der Sinn der Sache. Sie sind ewig, sie sind gemacht, um dem Wald die Stirn zu bieten oder sich auf seine Seite zu schlagen, so genau weiß man das nicht.

Dieser Wald, der von den Flanken ewig heranrollt, in einem Schwarz, das seinen Launen folgt. Mal ist es dunkelgrün, mal schmutzig grau, mal reines, abgrundtiefes Schwarz, die Abwesenheit aller Farben. Dieser Wald, den man nicht aus sich herausbekommt, auch wenn man ihn verlässt. Der wurzelt, unter dem Herzen, hinter den Lungen, und man hört ihn deiner Sprache an und sieht ihn in deinen Augen.

Auf der Straße geht eine schmale, großgewachsene Gestalt, um die die Dunkelheit einen Bogen zu schlagen scheint, denn sie leuchtet. Ihr rostblondes krauses Haar, die helle Haut, verwischt zu einem hellen, vibrierenden Tupfen.

Wer sie laufen sieht – wie die Frau vom Merzenbecher, die beim Zwiebelschneiden aus dem Fenster nach den Wolken schaut –, denkt sich ›Geh schneller, Mädel, schneller‹, aber Lieselotte geht nicht schneller, sie will nicht, sie schwitzt schon, und der Rock scheuert. Sie sieht nicht auf, folgt mit dem Blick der Grenze zwischen Straße und struppigem grauem Grün.

Der Schweiß rollt ihr die Kanten der Knochen entlang, denn mager ist sie, wie ein Kleiderhaken, zurechtgebogen zu Menschenform. Dünn und stark und langgestreckt, mit spitzen Schultern, mit Füßen, für die man keine Schuhe findet. Keine ist größer als sie, im Dorf nicht, und auch nicht im nächsten. Die anderen Frauen sind zart und irgendwie kompakt, als hielte die Welt ihre Schätze beisammen. Nur Lieselotte hat sie auseinanderlaufen lassen, von der Erde weg, dazu die Kupferwollehaare, die wütend nach dem Himmel greifen. Wer sie sieht, weiß, wer sie ist, man weiß es sofort, und sie hasst es, hasst es, hasst es. Vielleicht hätte sie es, an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit, auch lieben können, aber das geht nicht, nicht hier. Hier kann sie nie etwas anderes sein als das, was sie ihr nachrufen, die Rotzgören, mit den verschwitzten Hemden und den grasfleckigen Knien.

Woanders, vielleicht, hätte jemand die Stellen geküsst, an denen sich die Sommersprossen zum Gewimmel verdichten, hätte die blauwurzelnden Adern auf der Innenseite der dünnen weißen Arme mit schwieligen Fingern gestreichelt. Woanders, vielleicht. Stattdessen ist da Bernhard, der sie hinnimmt, mit diesem Gleichmut, der ganze Welten ersticken, unter sich begraben könnte.

Sie hätte vielleicht doch früher aufbrechen sollen. Das Gewitter ist eines, das es ernstmeint.

In der rechten Hand trägt sie den Korb. Mit der linken Hand, die in ihrer Rocktasche steckt, hält sie die Münzen, die heimlichen, so fest, dass ihr die Kanten in die Handfläche schneiden. Viel ist es nicht, siebzehn Pfennige, aber es ist auch nicht nichts. Es warten schon sechsunddreißig Mark und elf Pfennige in der flachen Diamalt-Blechdose, eingeschlagen in ein Stofftaschentuch, damit nichts klappert. Sie versteckt die Dose immer wieder neu. Wenn Bernhard sie fände, wäre es peinlich, aber er ist nicht das Problem. Wäre es nur er, wäre die Schublade mit ihrer Unterwäsche gerade recht, oder die Besenkammer, als ob er jemals auch nur einen Blick hineinwerfen würde.

Nein, seine Mutter ist es. Margret, die eine Heilige sein will, so gerne eine wäre, aber in Wahrheit nur lästig ist. Sie ist kein schlechter Mensch, aber sie klebt an den Dingen, klebt an der Luft, man wird sie nie wieder los, sie ist einfach überall, bis man nur noch schreien möchte. Sie wird das Geld irgendwann finden, das steht fest. Sie wird das Geld finden und Dinge daraus schließen, die nicht weit von der Realität entfernt sind, denn Margret ist eine Pest, aber dumm ist sie nicht.

Liese schafft es, vor dem Regen. Sie schlägt die Tür zu mit dem ersten Donner und stellt den Korb in die Küche. Nur das, was wir nicht selber haben, hörst du, Liese, und sie weiß es, natürlich. Nur das, was sie nicht selber haben. Sie haben Gemüse und Früchte aus dem Garten, Eier von den nervösen Hühnern hinterm Haus, und Fleisch bringt Bernhard aus der Metzgerei. Also bleibt nicht so viel, um hier und da ein paar Pfennige einzustecken.

Heute war der Essig im Angebot, ausgerechnet. Sie möchte sich über das Geld freuen, aber es ist doch lächerlich, was denkt sie denn, wohin das führt?

Sie zieht sich ihre Kittelschürze über. Dann steigt sie auf einen Stuhl und holt die Blechdose hinter dem Nähkasten hervor, der immer ganz oben auf dem Schrank steht. Sie wickelt das Geld aus dem Taschentuch und baut kleine Türme aus den Münzen. Die siebzehn Pfennige von heute sind ein eigener kleiner Turm.

Sechsunddreißig Mark und achtundzwanzig Pfennige.

Lachhaft. Nicht in einer Welt hundertmal kleiner als diese käme sie damit weit. Und selbst wenn sie weit käme, was sollte sie dort, an dem weit entfernten Ort, denn tun?

Sechsunddreißig Mark und achtundzwanzig Pfennige, während draußen das Gewitter die Welt auslöschen möchte.

Sie will nicht darüber nachdenken, wie viel Geld es schon sein könnte.

Früher, in einem Leben, das sie nun nicht mal mehr erkennen würde, ist sie jeden Morgen um fünf mit dem Bus zum Krankenhaus. Jeden Tag diese Traurigkeit, die einen wie eine Keule erwischte, vermischt mit dem Geruch nach Urin, Desinfektionsmittel und Heimweh.

Jeden Monat ein wenig Geld, das nichts aufwiegen konnte, aber immerhin hatte sie damals sparen können, nur um dann jeden Pfennig für ihr Hochzeitskleid und den kratzigen Schleier auszugeben, in ihrer Dummheit.

Ein langes weißes Kleid aus dickem, glänzendem Stoff, dazu ein kleiner Strauß, Schleierkraut und Maiglöckchen, ein kitzelndes Schleifenband im Haar. Weiße, unbequeme Schuhe. Sie hatte geschwitzt und kleine Lichtpunkte gesehen, dazwischen immer wieder wohlmeinende Gesichter, Nicken, Schulterklopfen, Glückwunsch, Gratulation, und nichts davon hatte in diesem Moment einen Sinn ergeben. Nichts davon ergibt heute einen Sinn.

Schritte auf der Eingangstreppe lassen sie hochfahren, und sie wischt eilig die Münzen mit dem Arm von der Wachstuchdecke in ihren Schoß, schlägt die Falten ihres Rocks darüber, aber es ist nur Mina, die dem Regen getrotzt hat.

»Es wird schon schwächer«, sagt sie, fährt sich mit dem nassen Ärmel über die Stirn und sieht aus dem Fenster, um zu schauen, wie sehr sie die Wahrheit biegt.

»Glaub ich dir nicht.«

»Stimmt auch nicht«, sagt Mina und lacht leise. Draußen ist die Welt am Ende, am Ertrinken.

Sie kennen sich schon immer. Die längste Zeit, die sie nicht miteinander gesprochen haben, waren zwei Tage und ein halber im Sommer 55, da waren sie sechzehn, und selbst das ist ein Missverständnis gewesen.

In Minas Locken hängen und zittern die Tropfen, ihr Mantel ist dunkel vor Nässe. Sie wirft ihn auf die Eckbank und setzt sich. Schaut Liese zu, die das Geld aus ihren Rockfalten klaubt, schaut mit dieser Geduld, die einen manchmal wütend machen kann.

»Warum tust du das überhaupt?«, fragt sie dann. Sie hat keinen Grund, Liese zu verletzen, sie will es wirklich wissen.

»Wieso? Weil es so wenig ist?«

»Nicht weil es wenig ist. Weil du nicht gehen wirst, Liese, bestimmt nicht.«

Sie sagt es zärtlich. Mina nimmt die Dinge, wie sie sind, nimmt sie mit ihrer Schwere und ihrer fast schon komischen Aussichtslosigkeit, und Liese wünscht sich manchmal, sie könnte ihr etwas vormachen.

Natürlich tut es weh. Der Gedanke, der keine Wahrheit sein soll und doch eine ist. Wo soll sie hin? Sie war doch noch nicht einmal über Freiburg hinaus. Sie kennt Berlin, vom Hören und Reden, und weiß, dass es nach Stuttgart nicht so weit ist.

Das ist es. Mehr bleibt nicht. Alle Wege, in ihren Gedanken, führen weg von hier, nur um in sinnlosen Schleifen und Biegungen wieder genau dort zu enden, wo sie begonnen haben, vor ihren Füßen nämlich, und sie zählt stur weiter ihre Pfennige, einfach so.

»Jetzt sei nicht so.« Mina stößt sie unter dem Tisch mit dem Fuß.

»Wie bin ich denn?«

»Na bockig eben.«

»Ich bin nicht bockig.« Liese wickelt die Münzen in das Tuch. Es ist schon ganz fleckig vom Dreck der Hände, durch die die Münzen gegangen sind.

»Dann still. Sei nicht so still.«

Liese erklärt Mina, dass sie nicht still ist, nur nachdenklich. Und dass es schon stimmt, sie wird nicht gehen. Wohin auch.

Sie würde Mina gerne sagen, wie sehr sie recht hat. Aber sie kann es nicht, immer wenn sie nach den Worten sucht, werden sie glitschig, winden sich durch ihren Mund wie Aale.

Stattdessen drehen sie gemeinsam die Bohnen durch, die Liese am Morgen gepflückt hat, vor dem Regen. Sie befestigen das kleine Gerät mit der Kurbel an der Tischplatte und drehen die Bohnen in Stücke, der grüne Geruch klebt sich an ihre Finger, hängt im ganzen Haus.

Mina hält mit beiden Händen die Maschine, die nicht ganz festsitzt und bei jedem Dreher der hölzernen Kurbel verrutschen will. Sie schaut Liese zu, die schwitzt und die Lippen zusammenbeißt. Vielleicht drehen sie in vierzig Jahren noch gemeinsam Bohnen durch, vielleicht nie wieder. Liese wirkt immer so, als sei sie fast schon weg, aber nur in Gedanken. Als sei es der Sinn des Lebens, sich nicht festhalten zu lassen, nur um dann nicht zu wissen, wohin sie denn gehen soll.

Sie wechseln einen Blick, und Liese verdreht die Augen. Sie mag es nicht, wenn Mina wehmütig wird.

Als Bernhard am Abend nach Hause kommt, steht die Fuhre Bohnen schon eingekocht im Keller, elf Gläser in Reih und Glied, beschriftet in Lieses schönster Schrift, die so hübsch und ordentlich ist, dass selbst Margret nichts daran auszusetzen hätte. Liese schämt sich dafür, dass sie fast schon ein bisschen stolz ist. Ihr Werk. Nichts, aber immerhin ihr Werk. Eingekochte Bohnen.

Bernhard sagt nichts, nickt aber, als sie ihm davon erzählt. Was soll sie sonst auch sagen?

Sie kann ihn riechen. Nicht ihn, er hat keinen Geruch, aber die Metzgerei. In die Luft gestäubtes Blut, metallene Haken, klamme, steife Gummischürzen. Das wird er nicht los, nie wieder, aber es scheint ihn selbst nicht zu stören, er merkt es sicher nicht einmal.

Für sie ist es eine feine, rostfarbene Wolke, die ihn zu aller Zeit umgibt, selbst wenn er schläft. Sie macht sich Sorgen, dass irgendwann das ganze Haus so riecht, dass irgendwann ihre Kinder so riechen, und nicht nach Puder und saurer Milch. Was, wenn sie selbst so riecht und es nicht bemerkt? Sie hofft, jemand würde es ihr sagen.

»Was gibt’s?«, will er wissen, dabei stehen die Koteletts mit den Klößen allzu offensichtlich auf dem Tisch.

»Kotelett mit Klößen.« Sie tut ihm zur Sicherheit noch etwas mehr Soße auf.

Er setzt sich, sie setzt sich zu ihm. Er beugt den Kopf, um zu beten, dann zu essen, und ihr fällt wieder auf, wie weit der Haaransatz schon nach hinten gewandert ist, dabei ist er doch erst sechsundzwanzig. Vom Vater hat er das geerbt, aber man darf ihn nicht darauf ansprechen, sonst wird er bös.

In den blanken Ecken ist die Haut braungebrannt, zwischen den schwarzen Stoppeln leuchtet sie weiß hervor. Bernhard wird dunkelbraun in der Sonne. Sie sieht daneben immer aus wie ein frisch gebleichtes Tischtuch.

Wenn ihr nur etwas einfallen würde, das sie erzählen kann, aber da ist nichts. Nichts, was ihn interessieren könnte. Nichts, was ihn etwas angeht.

Sie müssten sich lieben, das haben sie sich vor Gott versprochen, oder nicht? Und das ist es jetzt, das soll es jetzt gewesen sein.

»Den Haschi haben sie gekündigt.« Das sagt er, als wären sie, die den Haschi gekündigt haben, nicht seine Eltern gewesen. Bernhard tut gerne so, als wäre er einer von denen, von ihnen, dabei wird er die Metzgerei erben, wenn die Zeit gekommen ist, und den Schlachtbetrieb dazu.

»Den Stefan Haschberger? Wieso?«

Sie mag den Haschi, oder hat ihn gemocht. Wenn sie dem Bernhard etwas hat bringen müssen, war er nett zu ihr, und auf dem Betriebsfest auch. Er ist leiser als die anderen, nicht so derb.

Bernhard zuckt mit den Schultern. Er will es ihr nicht sagen. Sein Vater bespricht mit seiner Mutter die geschäftlichen Dinge. Bernhard bespricht mit seiner Frau nichts. Wenn sie ihn fragt, wie es läuft, im Geschäft, dann schaut er nur. Wie soll es schon laufen? Gut. Fleisch brauchen die Leut immer.

Bernhard isst die Koteletts und die Klöße. Den Teller räumt Liese weg und spült ihn gleich.

Sie fragt noch einmal nach dem Haschi, aber Bernhard zuckt nur mit den Schultern. Was der Haschi jetzt macht, weiß er auch nicht, oder er will es nicht sagen. Der Haschi ist jetzt eben einfach weg, er ist eh nicht von hier gewesen.

Liese zieht ihr Altefrauen-Nachthemd an, das man nicht anders bezeichnen kann, beim besten Willen nicht. Es ist rosafarben, mit weiß besticktem Kragen.

Es sollte wohl bis zu den Knöcheln reichen, ihr reicht es immerhin bis zu den Schienbeinen. Sie beugt sich nach unten und lässt sich das kalte Wasser über die Hände laufen. Die Venen im Weiß ihrer Unterarme treten noch blauer hervor. Sie lässt das Wasser laufen, bis es wehtut.

Sie muss es jemandem sagen. Bernhard hat alles Recht, oder etwa nicht? Hat es selbst dorthin getan, das Ding.

Das Ding bringt sie zur Verzweiflung, so sehr, dass sie einfach versucht, nicht darüber nachzudenken. Tut so, als wäre es nicht da, als wäre da nur leerer Bauch, aber es klappt nicht immer.

Sie hat gedacht, dass es sie wütend machen müsste, stattdessen ist da etwas. Etwas ganz kleines Zärtliches.

Sie will das doch gar nicht. Sie will nicht bleiben müssen, deswegen.

Andererseits: Was glaubt sie, wer sie ist? Sie ist doch gar nicht mutig. Kind hin oder her, sie haut nicht ab, sie braucht nur den Plan, die Möglichkeit, um nicht verrückt zu werden.

Aber jetzt ist es eben da. Also, zumindest ist es Fakt, vorausgesetzt, sie hat richtig gezählt, und das hat sie. Vierundsiebzig Tage, ohne dass sie geblutet hat. Das geht nicht einfach so.

Sie sollte es ihm sagen, irgendwann wird er es ohnehin bemerken. Selbst er. Aber sie mag das Gefühl, dass es ihres ist, ihres allein. Sie wird es bald genug teilen müssen.

Bernhard sieht sie stehen, vom Bett aus. Sieht das Rechteck aus Badezimmerlicht, alle drei Sekunden ein Flackern, das müsste er richten, dringend. Sieht die rosa Absurdität und denkt sich, dass Liese eine Gute ist. Trägt das Hemd, das seine Mutter ihr geschenkt hat, ohne Murren. Eine Gute.

Sie ist nicht schön, das nicht. Aber ordentlich, und sie steht fest, mit beiden Beinen, das ist wichtig hier heroben. Nicht jeder ist für den Schwarzwald gemacht, aber Liese ist von hier, genau wie er.

Er weiß, dass manche über sie lachen, hört es doch selbst. Das Knochengerüst. Ob es wohl klappert, wenn er über sie rübergeht? Hat einer der Lehrlinge gefragt, ohne zu merken, dass Bernhard hinter ihm steht. Bernhard hat so getan, als hätte er ihn nicht gehört. Er mag es nicht, wenn alle ihn ansehen.

Liese löscht das Licht. Die Dielen knarren sacht, als sie ins Schlafzimmer kommt und ins Bett steigt. Sie deckt sich zu und schaut in die Schatten, die sich über ihr ausbreiten. Sie könnte es ihm sagen.

Die Wolldecke ist so kratzig, dass sie es durch das dünne Laken spürt. Sie hasst diese Decke.

Bernhard atmet ruhig, aber noch nicht so ruhig, wie er es tut, wenn er schläft. Meistens liegt er noch ungefähr zehn Minuten wach, nachdem er sich ins Bett gelegt hat. Sie wollte ihn schon lange einmal fragen, was er in diesen Minuten tut. Ob er nachdenkt, oder betet, oder einfach wartet. Aber irgendwie hat sie den Zeitpunkt verpasst. Jetzt wäre es doch lächerlich, oder nicht? Jetzt kommt es ihr so vor, als müsste sie es auf magische Weise einfach wissen.

»Bernhard?«

Neben ihrer Stimme klingt alles andere plötzlich noch so viel leiser.

Er schnauft neben ihr. »Was ist?«

Sie reden normalerweise nicht mehr, wenn sie das Licht schon gelöscht haben.

Liese zögert kurz. Soll sie jetzt? Aber sie will nicht.

»Ach, nichts.«

Sie kann es nicht sehen, aber sie weiß, dass Bernhard nickt.

»Gute Nacht.«

»Gute Nacht.«

Kurz darauf ist er eingeschlafen.

Menschen mögen Geheimnisse, wenn es denn ihre eigenen sind. Geheimnisse sind wie Haustiere, man kann sie hegen und füttern und sich an ihnen erfreuen, und sie gehorchen niemandem sonst. Lieses Geheimnis ist wie eine fette, zufriedene Katze mit langem Fell, die in Sonnenflecken liegt und nichts als guten Käse isst.

Liese will sie nicht hergeben, aber sie muss, der Bauch wächst doch. Sie ist so dünn, darum wird man es bald sehen. Wenn der Wind ihr Kleid erfasst und gegen ihren Körper drückt, sieht man es schon jetzt. Jemandem wird es auffallen, nicht Bernhard, aber jemandem, und der wird etwas sagen, und Bernhard wird wütend sein, dass er noch nichts davon weiß.

Sie sagt es ihm erst zwei Wochen später. Sie haben den Garten gegossen und Beeren gepflückt. Es ist ein heißer Freitagabend. Lieses Arme sind ganz zerkratzt, ihr Scheitel brennt von der späten Sonne, und ihr Nacken schmerzt.

Sie hat zwei Eimer voller Beeren zu ihren Füßen stehen, lässt die Arme hängen. Bernhard kommt den Pfad zwischen den Beeten entlang, trägt leere Gießkannen zum Haus zurück.

In diesem Augenblick weiß es Liese einfach. Dass es nichts ändert. Dass sie es ihm ebenso gut sagen kann. Und darum sagt sie es, gegen das Licht, mit zusammengekniffenen Augen, den Arm schützend über der Stirn.

»Weißt du, Bernhard, wir bekommen ein Kind.«

Er stellt die Gießkannen ab, vorsichtig. Sie kann sein Gesicht so schwer erkennen, alles gleißt, und er sagt auch nichts.

Er kommt zu ihr herüber und stellt sich neben sie. Sie kann riechen, wie verschwitzt er ist, und riecht auch die Erde an seinen Stiefeln.

Er steht neben ihr und atmet heftig. »Das ist gut, oder nicht?«

Was fragt er sie das?

»Ja, das ist gut.« Sie weiß es doch auch nicht.

»Wann kommt es denn?«

Liese zuckt mit den Schultern. Darüber hat sie noch gar nicht nachgedacht. Sie hat sich nur damit beschäftigt, dass das Kind jetzt da ist, wo es ist, nicht damit, dass es von dort auch irgendwann wegmuss.

»Im neuen Jahr. Hoffentlich dann, wenn schon kein Schnee mehr liegt.«

Der letzte Winter ist schlimm gewesen, der schlimmste. Hoffentlich wird der nächste weniger hart.

Bernhard steht da und schaut. Sie weiß nicht, ob er zufrieden ist. Sein Gesicht glänzt vom Schweiß und ist ganz rot unter der Bräune.

Schließlich nickt er. »Ich bringe die Gießkannen in den Schuppen.«

Liese nickt auch. Die Gießkannen in den Schuppen, unbedingt.

Später brät sie Blutwurst. Als sie die dicken Scheiben in das Fett kippt, zischt es wütend. Sie merkt, wie übel ihr von dem Geruch wird, und da ist es fast schon zu spät. Sie rennt zur Toilette und erbricht alles, was vom Tag in ihr ist.

Sie spült sich den Mund aus, schaut sich im Spiegel an. Sie müsste sich fragen, wer das da ist, aber sie erkennt sich. Erkennt sich, obwohl sie grau ist im Gesicht, und auch sonst ganz verändert aussieht. Aber sie ist Liese, immer noch, nichts und niemand sonst, das ist offensichtlich.

Als sie wiederkommt, ist die Blutwurst fast verbrannt, aber Bernhard isst sie trotzdem, dazu drei dicke Scheiben Brot mit Butter und Salz. Es macht wohl hungrig, wenn alles sich ändert.

Liese schaut ihm zu, um nichts in der Welt könnte sie jetzt etwas essen. Sie ist ja schon froh, dass sie nicht wieder brechen muss vom Zusehen.

»Ob es ein Junge wird?«, fragt Bernhard und legt das Besteck weg.

Liese nickt. »Vielleicht.« Vielleicht auch nicht, denkt sie. Es ärgert sie, dass er so etwas fragt, auch wenn es sie nicht überrascht. Sie weiß doch, was er will, er hat es ihr selbst gesagt.

Erst ein Junge, danach ist es egal. Droben auf dem Spazierweg war das, noch bevor sie verheiratet waren, und er hat den Blick über das Tal geschickt, als wäre es seines, die Brust breit von einem Kind, das es noch nicht einmal gab.

Jetzt fragt sich Liese, was wohl wird, wenn es ein Mädchen ist. Tief unter ihrem Brustbein fühlt sie den Stolz auf ihr Mädchen, das es ebenso wenig gibt wie Bernhards Jungen. Stolz wird sie sein, da kann Bernhard sich auf den Kopf stellen.

Margret Riessberger sieht ihren Sohn zuerst. Sieht, wie er seine Schultern hält, anders als sonst, gerader, und da weiß sie es schon. Sie kommen über den Hof, Liese direkt hinter ihm, aber auf sie muss sie gar nicht schauen.

Sie macht das Fenster zu und legt das Deckchen, das sie gerade ausgeschüttelt hat, auf den Tisch. Dann setzt sie sich.

Ein Enkelkind. Liese ist vierundzwanzig. Da wird es Zeit.

»Wilhelm«, ruft Margret. »Komm!«

Sie hört, wie unten die Tür geht. Sie kommen die Treppe herauf, in die Stube, und jetzt sieht sie es an allem, nicht nur an seinen Schultern.

Als Wilhelm endlich da ist, sagen sie es. Sagt es Bernhard. »Wir bekommen ein Kind.«

Und Margret tut so, als hätte sie es nicht gewusst.

Wilhelm besteht darauf, dass etwas auf den Tisch muss, und Margret schüttet Tobler-Schokoladentäfelchen in eine Schale und setzt Kaffee auf. Wer kommt denn an einem Samstagvormittag mit so einer Nachricht, wenn niemand Kuchen dahat? Sie hätte den Braten für den Sonntag, aber der braucht doch Stunden.

Ein Enkelkind.

Margret trägt die Schokolädchen in die Stube und stellt sie entschuldigend auf den Tisch.

Liese sieht schmal und müde aus. Da ist eine Wölbung unter ihrem Kleid, aber vielleicht bildet sich Margret das auch nur ein. Bernhard dagegen wirkt wach und stolz. »Vielleicht wird es ein Bub«, sagt er und schaut zu seinem Vater hinüber. Wilhelm nickt und versucht sich an Wohlwollen.

Das hat Bernhard schon immer gewollt, das weiß Margret. Dass der Vater nicht enttäuscht ist. Aber Wilhelm hat es ihm nicht leicht gemacht, Wilhelm macht es nie jemandem leicht, das ist einfach so.

Liese setzt sich zu Babett ans Fenster. »Wir bekommen ein Kind, Babettchen.«

Babett antwortet nicht, alles andere wäre ein Wunder. Babett ist der schönste Mensch, den Lieselotte kennt. Sie hat unheimlich glattes hellbraunes Haar. Die Augen sanft, in nassem Kieselgrün, dazu ein abgrundtiefes Leuchten, das über allem liegt.

Aber sie spricht eben nicht, gar nicht, hat sie nie. Als hätte der liebe Gott eine besonders grausame Form von ausgleichender Gerechtigkeit walten lassen.

Es hat wohl keinen Grund gegeben, nichts, worauf man es schieben, was man hätte verfluchen können. Keine rätselhafte Krankheit, kein Unfall. Babett ist, wie sie ist, ganz von allein und schon immer.

Liese mag Babett sehr gern. Margret erzählt immer, wie sie das Babettchen adoptiert haben, sie gefällt sich darin. Sie sagt, sie hat es einfach nicht ertragen können, den Gedanken an das kleine Mädchen im Heim, die Tochter einer entfernten Cousine. Manchmal muss man einfach Gutes tun, auch wenn es einem viel abverlangt, sagt Margret, und dass sie erst glücklich gewesen ist, wie sie die Babett zu sich geholt haben.

Liese denkt, dass Margret kein guter Mensch ist, sondern nur einer sein will.

Das Babettchen sagt nichts, wie immer, aber Liese glaubt, dass sie ein Lächeln sieht.

Sie nimmt Babetts kühle, weiche Hand, und zusammen schauen sie zum Fenster hinaus.

Lieses Mutter freut sich auch.

»Ach«, sagt sie und legt ihre Hände um das Gesicht ihrer Tochter. »Ach, Liese.«

Sie schüttelt auch Bernhard die Hand und sagt: »Wenn der Vater das erleben könnte.«

Liese schaut weg, sie kann das nicht hören. Ihr Vater ist schon lange tot, aber sie kann es immer noch nicht hören.

Sie sitzen um den Küchentisch, und die Mutter redet aufgeregt und presst sich die Hand auf die Brust.

Bernhard fühlt sich nicht wohl, das merkt Liese. Bald sagt sie, dass sie gehen müssen, und die Mutter umarmt sie fest.

An einem kühlen Sonntag ist er dann da, der erste Tritt, oder der erste Fauststoß, genau weiß Liese es nicht.

Der Himmel ist wasserfarbenblau und wolkenlos, die Wälder sind zackenscharf gezeichnet, die Wiesen noch sommergrün. Ein Tag, der warm sein müsste, wenn man aus dem Fenster blickt, der einen aber mit seiner klaren, frischen Luft erwischt und frösteln lässt, wenn man vor die Tür geht.

Sie beschließt, den alten Spazierweg hinaufzugehen. Nicht den mit den Richtungsweisern, hoch hinauf zum Aussichtspunkt, den die Ausflügler mit Vesper und Wanderstock gehen und sich sehr einheimisch dabei vorkommen. Auch nicht den zur Kapelle, denn da läuft man Gefahr, eine verwaiste Soldatenmutter mit einem Bündel schon etwas welker Rosen zu treffen, die ihre Blumen und Sorgen dem gekreuzigten Jesu zu Füßen legen will, und die, wenn sie einmal ein Gespräch begonnen hat, kein Ende findet.

Auf dem alten Spazierweg, den Lieselotte liebt, trifft man niemanden, er ist mühselig und, wenn man nicht weiß, wo man suchen muss, ohne Reiz.

Lieselotte geht eilig durchs Dorf. Sie hat keine Lust, irgendwelche Nichtigkeiten auszutauschen, und sie glaubt auch, dass Bernhard es nicht gut findet, wenn sie alleine auf rutschigen Wegen herumspaziert. Er muss es also nicht gerade erfahren.

Hinter der Scheune vom Stöckerhof, am Bombenloch, zweigt der Weg links ab und verzieht sich rasch hinter die Bäume, die auf dieser Seite tief ins Tal hineinragen. Der Weg windet sich den Schattenhang hinauf; das Laub wird vom Tau auch im Sommer kaum trocken und raschelt nicht, sondern dämpft ihre Schritte wie ein nasser Teppich.

Eine vermooste Quelle macht auf halber Strecke den Weg sumpfig, sodass man achtgeben muss, nicht mit dem Schuh steckenzubleiben. Es riecht feucht und nach mehreren Sommern gleichzeitig. Nach dem vergorenen Laub und den rottenden Nüssen der letzten Jahre, nach den dunkelgrünen Blättern und den jungen Flechten der letzten Wochen. Die Luft legt sich mild um Lieselotte, wie ein feiner, von Waldgeruch schwerer Sprühnebel. Links und rechts vom Pfad stehen die Bäume dicht und dunkel, es hat so etwas Ursprüngliches, auch wenn der Wald längst nicht mehr der ist, der er mal war, der er sein sollte. Abgeholzt haben sie ihn, ohne nachzudenken, und was ihr jetzt über den Kopf wächst und sich hoch droben fast zu einem Tunnel schließt, der alles Licht aussperrt, ist bloß ein reuiger Versuch, ihn zu alter Stärke zu bewegen. Von Menschenhand gepflanzte Fichten, gesetzt, um die ausufernden kahlen Stellen zu füllen, auf dass der Wald nicht ganz auseinanderfällt und zu bloßen Bäumen wird.

Man sieht es nicht, das Künstliche, der Wald hat sich seine Ungezähmtheit zurückgeholt. Wild und stur ist er, aber Liese findet ihn nicht bedrohlich. Ist er nicht. Nicht, wenn man ihn respektiert. Es ist, als hätte das dunkle Grün bei allen Schatten eine Wärme in sich. Man geht nicht verloren, im Wald, man wird bloß ein Teil von ihm.

Wenn man fast ganz oben angekommen ist, muss man nach dem großen Doppelstumpf vom Weg abzweigen und einem unsichtbaren, unter Gestrüpp verborgenen Trampelpfad folgen. Dann gelangt man zu einer morschen Bank, für die sich das Tal in seiner ganzen Weite öffnet.

Liese setzt sich, schwer atmend, der Weg hinauf strengt sie nun viel mehr an. Die Sonne malt durch die schwankenden Zweige hindurch scheckiges Licht um sie herum. Bis in die Ferne kann sie schauen, und es ist tröstlich, dass es so etwas wie die Ferne überhaupt gibt.

Auf ihrer Oberlippe hat sich kalter Schweiß gesammelt, und kalt rinnt er ihr auch den Rücken hinab. Sie liebt dieses Gefühl. Liebt es, dass sie niemand hier sieht. Dass sie sich selbst so vorkommt wie etwas, das schon ewig hier wächst und einfach dazugehört. Dass es still ist und doch nicht still, mit all dem Geraschel und Getrappel, dem Kriechen und Umschlingen, mit dem Wind, der weich über die zittrigen Blätter fährt, die noch grün sind und doch längst wissen, dass ihr Ende nicht mehr so weit ist.

Von der morschen, feuchten Bank wird ihr der Rock klamm, aber es kümmert sie nicht. Für einen Augenblick ist sie aufgehoben.

Sie weiß nicht, wie lange sie dort oben sitzt. Etwas länger als sonst vielleicht, sie will den Ort doch dem kleinen Wesen in sich zeigen, damit es ihn wiedererkennt, wenn es dann auf dieser Welt ist. Ob es den Wald spürt und hört? Die Friedlichkeit, die sie erfasst, spürt es ganz sicher.

Auf dem Weg nach unten, kurz bevor sie die ersten Höfe erreicht, sieht sie den Franz Eschbach. Mit ihm spricht man nicht. Man sagt Guten Tag, mehr nicht, auch wenn Liese nicht so genau weiß, warum. Die Eschbachs sind nicht von hier, aber das allein ist es nicht, da ist noch mehr, aber keiner redet darüber. Es gibt andere Leut, die auch nicht recht dazugehören, vor allem die Ausgebombten, die damals aus Freiburg hochgezogen sind, aber sogar zu ihnen ist man netter als zu den Eschbachs.

Seit der alte Eschbach tot ist, sind da nur noch der Franz und seine Mutter.

Sie haben den alten Ketterer-Hof, der schon lange nicht mehr den Ketterern gehört, die Ketterer sind ausgestorben.

Man sieht den Franz Holz machen und die Hühner füttern, den Mist wegbringen und das Dach reparieren. All das, wenn er nicht im Sägewerk arbeitet, zu dem er bei Wind und Wetter mit seinem alten Rad strampelt.

Der Franz ist groß und breit. Er hat krauses Haar und dunkle Augen, und manche Kinder behaupten, dass sie Angst haben vor ihm. Als hätten sie sich das selbst ausgedacht, was sie natürlich nicht haben.

Der Traktor steht auf dem weichen Weg. Der Franz lädt Holz auf den Hänger, der schon fast voll ist. Seine Hose starrt vor Dreck, und an den Stiefeln klebt er auch. Die dunklen Haare wachsen aus dem Hemdkragen den Nacken hoch, das ist ihr vorher noch nie aufgefallen. Der Bart ist zu lang.

Sie muss an ihm vorbei und nickt ihm zu.

»Guten Tag, Liese.« Mehr sagt er nicht.

Natürlich weiß er, wer sie ist, jeder weiß hier, wer jeder ist.

Sie grüßt zurück. »Guten Tag.«

Er wischt sich mit dem Ärmel über die Stirn und schnauft. »Hab noch ein paar große Stücke. Kannst du mit anpacken?«

Sie starrt ihn an. Glaubt er wirklich, dass sie ihm hilft?

»Ein Scherz.« Er schaut sie an, als sei er nicht sicher, ob sie geistig bei Kräften ist.

Ein Scherz. Sie spürt, wie ihr Gesicht rot anläuft. »Natürlich. Ich dachte nur …«

»Vergiss es, Liese. Ein Scherz, mehr nicht.« Er stellt einen Fuß auf den Tritt und langt nach oben, um sich auf den Bock zu ziehen.

»Soll ich dich mit runternehmen?«

»Nein, danke.«

»Bist du sicher?«

Natürlich ist sie sich sicher.

Er lässt den Traktor noch nicht an, schaut erst noch. »Warst du alleine droben?«

»Ja, war ich.«

Was will er von ihr?

»Ist schön da«, sagt er, fast schon ernst. »Ich mag den Blick.«

»Heute war er ganz gut. Aber im Herbst ist es noch schöner da.« Das ist ihr so rausgerutscht.

»Im Herbst. Ganz genau.« Er schaut sie an, als sei sie vielleicht doch nicht verrückt.

Er wartet, bis sie ein paar Schritte entfernt ist, dann erst fährt er los und an ihr vorbei.

Sie ist zu lange fortgeblieben. Sie muss sich beeilen. Das Essen, denkt sie. Sie geht zügig, aber bedacht, will auf keinen Fall ausrutschen.

Auf den Stufen vor dem Haus bleibt sie kurz stehen und atmet sich zur Ruhe. Ihr ist kühl, obwohl sie schwitzt, ihre Hände und Beine sind ganz kalt.

Sie zieht die Strickjacke fester um sich, als von drunter jemand die Maschen ausbeult. Nur ganz kurz. Hat sie sich das eingebildet? Nein, da war etwas, ganz bestimmt. Kein fester Stoß, ein Anstupsen vielmehr, vorsichtig und vogelleicht. Mama, bist du da.

Ja, ich bin da, denkt Lieselotte und legt die Hände auf die Stelle. Glück, nichts anderes kann es sein, gräbt sich von ganz tief innen unter ihre Haut, bis in die Fingerspitzen. Hell und breit fließt es jetzt.

Ihr Kind ist da. Sie ist nicht allein. Nicht in ihrem Körper, nicht auf der Welt.

Alle wissen es jetzt, wissen es längst. Es ist auch nicht mehr zu übersehen.

Die Riesin bekommt ein Kind, das ist die Neuigkeit, für ein paar Tage, bis sie im Handumdrehen zur Normalität geworden ist.

Die Riesin.

Sie weiß schon, dass sie sie so nennen. Riessberger, Riesin, wen wundert es.

Die Riesin bekommt ein Kind, ob es wohl ein Zwerg wird?

Redet ihr nur, denkt Liese sich. Sie ist viel zu beschäftigt, um etwas auf das Geschwätz der Leute zu geben. Sie muss nachdenken.

Das Leben hat ein Davor und ein Danach verpasst bekommen, und das Danach ist so groß, so unendlich, dass ihr Kopf es einfach nicht begreifen will.

Sie fragt sich, woran sie merken soll, dass es kommt. Als sie die Hebamme darauf anspricht, schüttelt die den Kopf. »Fragen habt ihr«, sagt sie, als müssten Lieselotte und all die anderen irgendwoher wissen, wie es geht, dabei hat ihnen keiner was gesagt, nie sagt ihnen jemand etwas.

Das Einzige, was sie weiß, ist, dass sie nicht sterben wird. Frauen sterben, wenn sie Kinder bekommen, gar nicht so selten. Minas Cousine ist im Kindsbett gestorben, und eine Nachbarin, an Weihnachten ist es drei Jahre her.

Aber Liese wird nicht sterben. Sie kann den Gedanken nicht ertragen, dass ihr Kind mit Bernhard alleine am Tisch sitzt. Dass dieses Schweigen sein Leben wird, sein Morgen, sein Mittag, sein Abend. Niemals. Also wird Liese überleben, das steht fest.

Der Winter ist so kalt, so lang, dass man ihn gerade noch übersteht, ohne verrückt zu werden.

Das ist übrigens die größte Lüge: der Geruch von Tauwetter, den man tief in der Kehle wahrnimmt, metallisch und gläsern zugleich, verbranntes und wieder feucht gewordenes Holz. Er ist eine Verheißung von Glück, das es nicht geben wird, denn auch wenn der Schnee fort ist, ist alles, was darunter zum Vorschein kommt, nicht besser als das, was davon zu Beginn des Winters zugedeckt wurde.

Es ist alles so, wie es vorher war, auch wenn sich jetzt alles ändert.

Das Kind kommt, als der Schnee noch liegt. Mager und blind wie ein Winterkätzchen raunzt es in ihren Armen.

Ein Mädchen.

Die Hebamme nabelt es ab und nimmt es mit. Die Mutter weint und schluchzt, als sie es ihr wiederbringt, gewaschen und in eine Decke gewickelt, die winzigen lila Fäuste vors Gesicht gepresst, in Abwehr gegen das Licht und die Welt.

»Schön ist sie«, sagt die Mutter. »So schön.«

Lieselotte will sie einfach nur betrachten, aber sie nehmen sie ihr wieder weg, bringen sie zu Bernhard. Es dauert nur Minuten, dann sind sie wieder da. Lieselotte weiß, warum.

Ein Mädchen.

So leicht, dass man es kaum spürt, auf dem Arm, auf der Welt. Dünn und lang. Vogelknochen, Vogelgesicht.

»Einen Namen müsste sie haben«, sagt die Hebamme mahnend. Ihr Gesicht verschwimmt über dem grauen, strengen Kragen ihres Kleids.

Lieselotte fällt nichts ein. Sie hat sich vorher Namen überlegt, natürlich, aber jetzt ist es etwas anderes. Jetzt geht es nicht einfach um ein Kind, sondern um dieses Kind.

Was kann man da falsch machen?

So viel.

Bloß nicht Margret, denkt sie. Bloß nicht.

Aber dann weiß sie es.

»Cornelia«, sagt sie. Es klingt stark und weich. »Cornelia.«

2

Es ist doch keine Cornelia. Das wird mit jedem runzeligen Blick deutlich, mit jedem wütenden, schnappenden Schrei. Eine Cornelia kann unmöglich so fest Lieselottes Daumen umklammern, und so ist aus Cornelia bald eine Cora geworden, das passt viel besser.

»Cora, Cora, Cora«, summt Lieselotte leise, wenn sie sich in der Nacht mit tropfenden, schweren Brüsten über das Bettchen beugt, weil wieder irgendetwas nicht stimmt. Weil irgendetwas dieses winzige Mädchen dazu bringt, laut und anhaltend zu greinen. Was es ist, findet Lieselotte nicht heraus. Vielleicht ist es auch nichts, vielleicht muss der Lärm einfach aus diesem kleinen, vor Wut krampfenden Körper hinaus. Cora schleudert die Wut in die Welt, sie hat ja so viel davon.

Lieselotte liebt sie trotzdem, unbeirrt. Sie hält das widerspenstige, dürre Bündel an ihre Brust gedrückt, voller Liebe, die Cora gar nicht will. An guten Tagen nimmt sie sie huldvoll hin, an schlechten macht sie sie nur noch wütender.

Lieselotte bleibt ruhig, ohne zu verstehen, wie das sein kann. Sie müsste irgendwann die Beherrschung verlieren, aber das passiert nicht. Es fühlt sich an, als wäre sie unter Wasser. Alles ist etwas langsamer, aber so, wie es sein soll. Sie ist der See, in den Cora hineinschreien kann, so laut und solange sie will.

Bernhard erträgt Cora nicht, nichts an ihr, das hört man seiner Stimme an, die an den Rändern knittert. Er mag nicht, dass es so laut ist, dass die Windeln stinken, die Liese in einem großen Topf auskocht, dem größten, den sie hat finden können. Dass Cora im Schwall spuckt, bis alles an Liese und alles im Haus sauer riecht.

Ohne dass er es sagt, weiß Liese auch, dass er Coras rote Haare nicht mag, die sie von Liese hat, ganz genau die gleichen, als hätte die Natur bei Liese abgemalt. Ein Mädchen, und dann noch so eines. Liese streichelt über Coras feste Kupferlocken. Sie ist eben, wie sie ist. Liese schwört sich, nicht eine Sekunde darüber nachzudenken, ob es auch hätte anders kommen können.

Cora hört mit dem Schreien auf, als sie auf den Tag genau zehn Monate alt ist. Es ist, als hätte sie plötzlich entdeckt, dass die Welt doch gar nicht so abgrundtief schlecht ist wie vermutet. Liese zieht ihr hübsche Kleidchen an, und weiche, kleine Schuhe mit Blümchen auf den Riemen. Sie schaut, dass Cora gewaschen und satt ist, wenn Bernhard nach Hause kommt, und dann setzt sie sie ihm auf den Schoß, wenn auch Bernhard satt ist, damit er die Arme um sie legen und sie bewundern kann, aber er tut weder das eine noch das andere. Er schaut nur, und Cora windet sich, rutscht von seinem Schoß zu Boden und findet Liese.

Bernhard ist offensichtlich ein Möbelstück in Coras Welt, und sie tut nicht so, als wäre es anders. Sie pendelt sich stets Richtung Liese ein, streckt ihr die Zweigärmlein entgegen.

Sie bleibt bei Lieses Mutter auf dem Arm, die gurrt und kleine Lieder singt, und sie mag Mina, die sich mit ihr ans Fenster stellt und schaut, was draußen so passiert. Aber Liese ist der Mittelpunkt von allem. Von Liese aus macht sie sich auf, die Dinge zu erkunden, die ihr erkundenswert vorkommen, zu Liese kehrt sie zurück.

Als Mina Liese unter vielen halben Sätzen und Tränen eröffnet, dass der Peter endlich um ihre Hand angehalten hat und dass sie Wittenmoos verlässt, wird Lieses und Coras Welt noch ein wenig kleiner. Aber das stört sie nicht weiter, Cora nicht, weil sie an Welten ohnehin andere Maßstäbe legt, und Liese nicht, weil sie Cora hat. Cora ist alles, was sie braucht.

Bernhard dagegen hat die Hoffnung nicht aufgegeben, dass er den Sohn noch bekommt, ohne den er nicht sein kann, wer er so dringend sein möchte. Bald jede dritte Nacht tastet er unter der Decke nach Lieses Körper, der nach der Schwangerschaft längst zu seiner alten Knochigkeit zurückgefunden hat. Der Körper lässt die Dinge passieren, ist einfach ein paar Minuten lang, gnädigerweise, nicht Lieses Körper.

Aber nichts geschieht. Bernhard beschuldigt Liese, Dinge getan zu haben, aber hat sie nicht, bestimmt nicht. Es geschieht einfach nichts, vielleicht, denkt sich Liese, weil das Schicksal weiß, dass sie schon das Kind hat, das sie braucht. Und Bernhard zählt für das Schicksal zum Glück nicht.

Jeden Monat freut sich Liese über das Blut in der Unterhose. Sie braucht niemanden sonst.

Bei Bernhard ist es anders. Cora macht es ihm aber auch nicht leicht, das sieht Liese ein. Sie läuft jetzt, spricht mit ihrer kleinen, wasserklaren Stimme aus, was sie denkt, aber »Vater« sagt sie nicht. Mutter, Mutter, Mutter, ja. Aber niemals Vater.

Sie begrüßt Bernhard höflich, wenn er nach Hause kommt, wie Liese es ihr aufträgt. Sie balanciert mit vor Anstrengung runzeliger Stirn das Brotkörbchen zu ihm an den Tisch, aber eben Liese zuliebe, daraus macht sie keinen Hehl.

Sonst ist sie eher wild, und das scheint Bernhard noch wütender zu machen. Sie muss sich bewegen, muss alles untersuchen, Dinge gehen zu Bruch. Isst, als Liese nicht schaut, ein ganzes Erdbeerbeet leer. Dazu wird sie immer dünner und länger, die roten Locken werden immer rotlockiger, und so nimmt sie Bernhard auch noch die Möglichkeit, sie wenigstens herzuzeigen. Nicht einmal dazu ist sie gut.

Margret tut so, als sei nichts. Sie bindet Cora Schleifen ins Haar und zieht ihr bunte Kleider an. Sie schimpft, wenn Cora rennt, und schimpft, wenn Cora sich schmutzig macht. Liese fragt sich, wann ihre Schwiegermutter aufgeben wird.

Bernhard wird ruppiger, in den Nächten. Liese schaut an seinem Kopf vorbei an die Decke, die plötzlich drei Stockwerke hoch scheint, und lässt es geschehen. Soll es doch geschehen. Was sollte sie dagegen tun?

Dafür sind die Vormittage wunderschön. Sie sind zu zweit, nur Cora und sie, die Decken haben die normale Höhe, die Wände kommen nicht näher, und sie machen sich Pfannkuchen oder Marmeladenbrote. Sie machen zusammen die Wäsche, fegen zusammen den Hof.

Sie spazieren durchs Dorf, und Liese hat das Gefühl, dass Coras Hand in ihrer die Dinge über die Gebühr verändert. Als wäre die ganze Welt in ein anderes Licht getaucht, eines, in dem die Nachbarin Brester und die Nachbarin Dreispring unscharf werden und ihr falsches Geschwätz zu Gesumm verwäscht.

Cora hat etwas an sich, das Liese den Rücken strecken lässt.

Sobald sie größer ist, das weiß Liese schon, nimmt sie sie mit in den Wald, die Hänge hinauf, zum Vögel-Beobachten, Stöcke-Schnitzen, Steine-im-Weiher-Versenken. Cora wird es lieben. Sie ist für den Wald gemacht, ist gemacht, um in ihm zu leuchten. Sie wird sich nicht schrecken lassen von dunklem Gehölz und Dornen, von Asseln und Spinnen. So ist sie nicht. Sie wird den Wald unter die Lupe nehmen, ihn prüfen, so wie er sie prüft, und dann werden sie Verbündete sein, auf Gedeih und Verderb, auf ewig. Das sieht man in Coras wettergrauen Augen, man spürt es in ihrem festen Griff.

»Mutter«, sagt sie jetzt, am Fenster auf einem Stuhl stehend. Es ist ein klarer Tag Anfang August. »Mutter, schau!«

Liese schaut und sieht im Garten einen Schwarm Vögel, der sich über die Johannisbeeren hermacht, die in diesem Jahr so üppig hängen. Liese könnte hinausgehen und sie verscheuchen, aber das tut sie nicht. Sie steht neben Cora, und gemeinsam schauen sie zu, wie die Vögel nichts übrig lassen, nichts, was man noch pflücken müsste.

Cora ist klug genug, so etwas nie Bernhard zu erzählen. Man muss es ihr nicht beibringen, sie weiß es einfach. Es ist wie ein Pakt zwischen ihnen, der mit Cora in Lieses Bauch gewachsen und dann zur Welt gekommen ist. Sie beide, kein Wort zu anderen.

Wenn Cora am Abend nicht schlafen kann, lässt Liese die Tür ein Stück offen, obwohl Bernhard das nicht mag. Wenn Cora von Bernhard hungrig zu Bett geschickt wird, hat Liese in den Falten ihres Rocks eine Scheibe Brot versteckt, wenn sie geht, um das Licht zu löschen. Und wenn Geschirr am Tag zu Bruch geht, dann war es Liese, selbstverständlich war es Liese. Was soll Bernhard dazu auch sagen, außer dass Liese eine ungeschickte Gans sei.

Sie sind zu zweit. Es gibt keinen Grund, diesen Vorteil nicht zu nutzen.

Als Cora noch ein bisschen größer ist, schickt Liese sie zum Spielen nach draußen. Sie weiß es eigentlich besser, aber irgendetwas in ihr kann nicht anders. Sie will so gern, dass Cora Freunde findet.

Cora bemüht sich. Sie stellt sich zu den anderen Kindern, wenn sie sich auf der Straße versammeln, lauscht angestrengt, wenn der Anführer die Parolen ausgibt, wer Räuber zu sein hat und wer Gendarm. Sie macht alles mit, ist auch noch Gendarm, wenn alle anderen längst weg sind, sich zusammen in ein Gebüsch geschlagen oder das Interesse verloren haben.

Sie versucht es, versucht es wirklich. Wenn einer sie haut, wandert ihr Blick zum Haus, zu Liese hinüber, aber sie knickt nicht ein, rennt nicht zur Mutter.

Wenn der Regen einsetzt und sich alle zerstreuen, zu dritt, zu viert in die Häuser, zu warmer Milch, bleibt Cora über und sieht sich um.

Es sticht in Lieses Herz. Sie hasst diese Kinder, hasst sie dafür, dass sie mit ihren fünf, sechs Jahren schon ein Bluthundsgespür dafür haben, wer dazu geboren ist, dazuzugehören, und wer nicht.

Cora ist keine von ihnen. Sie darf mitspielen von ihren Gnaden, darf Äpfel klauen, wenn es Äpfel zu klauen gilt, darf die Wut von der Dreispring kassieren, deren Äpfel es immer sind. Aber wenn es vorbei ist, ist es vorbei, dann darf man nicht nach einer Erklärung fragen.

Wenn sich alle Mädchen an den Händen fassen, will keine Coras Hand, und Liese verbeißt sich die Tränen. Trotzdem weiß sie, dass sie es weiter versuchen müssen. Sie will, dass sie es wenigstens versuchen.

Als Cora sechs ist, schlägt Bernhard seine Tochter zum ersten Mal. Sie hat ihre Milch umgestoßen, mehr ist es nicht, aber es ist mehr für Bernhard. Seine große Hand erwischt Cora aus dem Nichts, und auch Liese, die es geahnt hat und dennoch Hoffnung hatte. Danach ist der Bann gebrochen, der Cora zuvor geschützt hat.

Bernhard nimmt den Teppichklopfer her, als Cora versehentlich die Küche unter Wasser setzt.

Liese kann nichts tun, aber sie kann den Teppichklopfer in einer leeren Regentonne verbrennen, und das tut sie auch. Klopft sie die Teppiche halt mit der Hand.

Hintereinander verbrennt sie noch einen Rührlöffel, einen Besenstiel, eine Reisigrute, und vergräbt außerdem eine Gürtelschnalle.

Irgendwann wird es Bernhard zu dumm. Er schlägt Cora mit der Hand, schlägt sie wegen Nichtigkeiten, und wenn er sie über den Stuhl legt, kniet sich Liese neben sie, dagegen kann Bernhard nichts machen.

Es tut deswegen nicht weniger weh, das weiß Liese wohl, aber sie will Cora wenigstens nah sein. Und sie hofft, dass ihre Tochter ihr vielleicht eher verzeiht.

Cora straft alle menschlichen Erwartungen Lügen, lässt sich keine Angst in den Körper prügeln. Sie bleibt störrisch, zu ihrem eigenen Glück und Nachteil. Liese versucht, sie zu schützen, so gut sie kann, und dazu gehört auch der Versuch, Cora unsichtbar werden zu lassen, und still, aber Cora wird nichts davon.

Liese fragt sich, ob sie es hätte wissen müssen. Dass Bernhard so wird. Die Antwort treibt sie in den Nächten um: Natürlich hätte sie.

Wenn man Bernhard kennt – und das tut sie, sie kennt ihn besser, als ihm lieb sein kann –, weiß man auch, dass es nur einen gibt, der für ihn zählt.

Nicht an Gott richtet er sich aus, sondern am Nicken seines Vaters. An dessen Wohlwollen, das dieser so sparsam dosiert, als müsste er teuer dafür bezahlen.

Wenn die Dinge so laufen, dass sie dem Vater nicht gefallen können, wenn sie Bernhard aus den Händen rinnen, sosehr er sich auch müht, dann bleibt ihm doch nicht viel mehr. Irgendwo muss sie hin, die Verzweiflung, oder nicht?

Liese hätte es kommen sehen müssen, hat es aber nicht kommen sehen wollen. Zu einem großen Teil hasst sie sich dafür, und zu einem kleinen ist sie glücklich darüber, denn hätte sie es kommen sehen, gäbe es jetzt keine Cora.

Im September kommt Cora in die Schule. Liese ist nervös und knöpft drei Mal Coras Kleid falsch zu, und dann vergisst sie auch noch ihre Strickjacke, die gelbe. Immerhin hat sie daran gedacht, das Geschenk, das sie für Cora gekauft hat, zu verpacken und ihr auf den Nachttisch zu legen. Sie hat es nicht heimlich gekauft, sie hat dem Bernhard nur nichts davon erzählt. Sie findet schon, dass das ein Unterschied ist. Es ist ein Märchenbuch mit wunderschönen Bildern. Liese weiß, dass Cora überglücklich sein wird. Sie wird das Buch wie einen Schatz behandeln.

Auf dem Weg zur Schule hält Cora ihre Hand fest umklammert. Der Ranzen sieht riesig aus, steht links und rechts weit über.

Bernhard sagt nichts. Er geht neben Liese, gerader Rücken, und Liese fällt auf, dass sein Hemd am Bauch spannt. Er grüßt nickend, wohlwollende leere Worte fliegen ihnen zu, ist doch was Besonderes, dieser Tag.

Bernhard sieht aus wie jemand, den Liese noch nie gesehen hat. Als hätte sich alles an ihm über Nacht neu zusammengesetzt. Wer ist der Mann. Sie fragt sich, wie es so hat kommen können, wie alles so hat kommen können. Ob es so vielleicht einfach sein soll.

Cora klammert fester, sie will nicht.

Als der Rektor seine Ansprache beendet hat, muss Liese Coras Finger lösen. Sie braucht alle Kraft dafür.

Cora weint, und Liese flüstert hektisch. Keine Sorge, ich hol dich dann, schau, die anderen Kinder, das wird nett. Dabei sind die anderen Kinder die Pest, als wüsste Liese das nicht.

Cora weint immer noch und Liese schwitzt. Sie schaut nach Bernhard.

Cora schlingt ihre Arme um Lieses Hals, ihr letzter Versuch. Liese macht sich los, sie muss doch, und dann schiebt sie Cora zu den anderen. Geh schon, es wird alles gut werden, und Liese schämt sich für ihre Lügen.

Bernhard schweigt noch immer, aber anders. Dass es sich so aufführen muss, das Kind. Er muss es nicht einmal sagen.

Liese stellt sich neben ihn und winkt, wie alle Mütter winken.

Dann sind die Kinder verschwunden.

Liese merkt, dass ihr die Tränen laufen. Sie gibt Cora nicht gern her, sie wird es nicht leicht haben. Sie werden es beide nicht leicht haben, Cora mit den anderen Kindern und Liese ohne Cora.

Liese wischt sich mit dem Taschentuch übers Gesicht. Bernhard hat nichts bemerkt, oder er tut so. So oder so ist Liese dankbar.

Und dann ist da noch der Franz.

Seit sie sich auf dem Weg zum Wald hoch begegnet sind, Liese mit Cora im Bauch und Franz mit dem Holz und dem Trecker, sehen sie sich öfter. Liese kann nicht sagen, ob das so ist, weil der Franz es drauf anlegt, oder ob sie selbst es drauf anlegt, ohne es vor sich zuzugeben. Sie sitzen in der Kirche hintereinander, sie warten schweigend, aber nebeneinander auf den Bus.

Es ist für Liese tröstlich zu wissen, dass der Franz existiert. Mehr will sie gar nicht.

Einmal treffen sie sich, als Liese mit der noch winzigen Cora im Kinderwagen durchs Dorf fährt. Sie bleiben stehen und wechseln ein paar Worte, statt sich nur zu grüßen. Liese weiß nicht, wieso, weiß nur, dass es die Runde machen wird.

Franz sagt etwas über den zu warmen Frühling, und dann beugt er sich über den Kinderwagen und sagt: »Donnerwetter, eine kleine Schönheit.«

Liese muss plötzlich fast weinen, obwohl es doch sehr dreist ist. Sie glaubt es ihm, weil sie es glauben will, und weil sonst nie jemand so etwas sagt. Die meisten runzeln nur die Stirn und sagen Glückwunsch und Hauptsache gesund.

Sie dankt Franz, und er grinst sein zufriedenes Grinsen, das Gott weiß woher kommt, wenn man doch bedenkt, dass er niemanden hat, außer seine Mutter, die nicht mehr ganz richtig ist im Kopf.

Einen Tag später sehen sie sich, wieder zufällig. Guten Morgen und so weiter, und Liese hat das Gefühl, dass Franz ein, zwei Grad wärmer ist als andere Menschen. Er ist groß und kräftig und wärmt seine Umgebung auf wie ein von der Sonne beschienener Felsen am Ackerrand.

Irgendwann steht Franz in der Schlange vor der Poststelle hinter ihr, und sie spürt ein Kratzen an der Hand, die in der Rocktasche steckt. Mit der rechten umklammert sie Coras kleine Hand, aber die linke steckt in der Tasche und bekommt etwas in die Handfläche geschoben, einen gefalteten Zettel. Nur ein paar nette Worte, nichts Anzügliches.

Liese liest sie und liest sie wieder. Dass er sie gerne sehen würde, um zu reden. Dass er ihr Lächeln mag, dabei erinnert sie sich nicht daran, ihn angelächelt zu haben.

Verrückt. Vollkommen verrückt. Dass er das schreibt. Dass sie es liest. Dass sie den Zettel aufbewahrt, bei den gesparten Münzen, in ein extra Tuch gewickelt. Wenn der Bernhard das findet, dann.

Es steht kein Name darunter, den Franz würde es nicht treffen, aber sie, weil sie mit unbekannten Namenlosen Briefe schreibt und dann auch noch die Dreistigkeit besitzt, sie aufzubewahren.

Sie tut es trotzdem, liest heimlich. Einmal in der Nacht liest sie, und ihr kommen die Tränen, machen ihr die Kehle eng, laufen ihr die Wangen hinunter in den Kragen.

Allein dass jemand sie gesehen hat.

Sie muss oft an den Franz denken, daran, wie er schaut, diese Zuversicht. An die Hände mit den Schwielen, an sein breites Kreuz im fadenscheinigen Hemd. An die Fältchen um die Augen, in deren Vertiefung die Haut zwei Töne heller ist als drum herum.

Dumm ist sie. Dumm ist er.

Sie weiß ja noch nicht einmal, wovon sie träumen soll. Dass der Franz sie heiratet? Sie ist bereits verheiratet, sie hat ein Kind, was soll das also? Da gibt es keinen Weg hinaus.

Dass der Franz sie einfach so liebt? Davon hätt doch keiner was, sie nicht, er nicht, außer halt die Traurigkeit.

Es gibt nichts zu wünschen. Und schon gar nichts zu hoffen. Franz ist Franz, und Liese ist Liese. Da gibt es nichts dazwischen....Ende der Leseprobe