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Eigentlich ...wollte Gabriel vor 2000 Jahren nur mal eben auf der Erde die Werbetrommel rühren... ...wollte Melly Brommer nur diesen süßen Typen vom Supermarkt ansprechen. ...wollte Carl einfach nur ein wenig Karriere machen. ...wollte Frau Dr. Schabbach von Graupen-Aiching nur ihren Patienten helfen. Und eigentlich kommt irgendwie alles anders als gedacht. Ein Buch wie kein Zweites, voll mit absurden Situationen, unglaublichen Charakteren und einer Überspitztheit wie Buntstifte in der ersten Klasse. Neu, anders, revolutionär.
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Seitenzahl: 867
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Die Ringe des Herrn
erdacht und geschrieben von:
Monduras
Juni 2013 bis August 2015
42699 Solingen
Dieses Buch widme ich vor allem MIR
und meinen wundervollen Kindern, Ben und Lisa,
und meiner Frau Jessica
und allen, die mich kennen
und allen, die dieses Buch gekauft haben
bzw. kaufen werden müssen
und natürlich
Jesus!
Sehr geehrter Leser!
Alle in diesem Buch geschilderten Handlungen und Personen sind nicht frei erfunden, sondern beruhen, bis aufs kleinste Detail, auf eigenen Erfahrungen, wahren Begebenheit und den Überzeugungen des Autors. Ähnlich- und Gemeinsamkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind keinesfalls zufällig und absolut beabsichtigt.
Dem Autor fantasievolles Geschwafel, überspitzte Darstellung oder Irrealismus vorzuwerfen, gilt als Verleumdung und kann mit einer Geldbuße von 10.000.000.000.000.000 Euro, 23facher, lebenslänglicher Haft und/oder einer Woche Nachmittagsfernsehen geahndet werden.
Inhalt
Prolog
HokusPokus
Vom Regenbogen keine Spur
Die 11 a.m. Runde
Gut im Schätzen
Unterbrechung der Kühlkette
Eisbär vor Pinguinnest
Eine Akte sagt gar nichts
Einheitstag
Wie im Streichelzoo
Mit etwas Droge ist der Anfang leichter
An der Garderobe zum Irrenhaus
Der Typ mit dem Hirn
Der Fleck muss weg
Jünger, Jünger, Jünger – wer braucht so viele Jünger?
Diabolisches Eichhörnchen
Weitflächig im Radkasten
Unterwäsche und ein Hemd
Die Spatzen pfeifen es von den Dächern
Ohne größere Zwischenfälle
1900mm
Fließende Grenzen
Eine halbe Stunde Helium
Die Falle schnappt zu
Ohne Marke
Noch mal davongekommen
Der Fall des Zwergmenschen
Das Treffen
Mäusefalle
Fang den Frosch
Die Versammlung
Kalt wie Pinguinfüße
Einlauf auf Rollen
Fels in der Brandung
1,72m Teppichboden
Hundehaufen am Hosenbein
Erkenntnis im Glas
Alte Freunde
Bis vor die Filtertüten
Bitterer Geschmack und ein KLICK
Orakel mich
Vision
Kuckuck
Leider verblasst die Farbe so schnell
et cetera PP
Knacken wie Froschschenkel
Intelligenz zum Einatmen
Herrenhandtasche
Feiafahsagreiungffefeffeffohaghe
Flötenirma
25 Jahre Wüste
Mein Schatz
Golfball auf Hoden
Scampi in Kräutersauce
In Ermangelung an Optionen
Angrenzender Rachenraum
Auf der Jagd nach Mr. Bodyswitch
Ein dunkles Geheimnis
Kurzstreckenraketen und Hühnerbrühe
Trocken wie Marsstaub
Ohne Rücksicht auf empfindliche Mägen
Lieber Rasten als Rosten
666km3 3D-Labyrinth
Der Tod einer Wanderratte
Einmal Schnitzel und zurück
Offener Farbeimer
Blutige Rache
Vorsicht, Ende!
Las Vegetables
HVTGVSTXYZ
Geheimtreffen Codename Brunnen
Prospekt Rot-weiß
Bonjoir
Lecker nach Schuss
Rollentausch in unter drei Sekunden
Papas Papierexpress
Lieblingstennissocken
Ein Quäntchen Sexappeal
Wasndashierfürnpalaver
Weißer Brei
Stur wie ein Bergziegenbock
Pilzsuppe und Doppelkinn
66.666 Besucher und vier Kakerlaken
Kitty Cobra
Senffarbener Polyesterpulli
Epilog
Die verlorenen Kapitel – The lost Chapters
Quellenverzeichnis
Die mondurassche Grammatik
Es war einmal … Tock, Tock, Tock.
Er atmete tief durch, verlagerte sein Gewicht von einem auf das andere Bein und wartete. Und wartete. Und wartete. Für einen wie ihn wäre das Warten eigentlich kein Problem. Wer unsterblich ist, dem sollte Zeit egal sein. Zeit war eine Erfindung für die Menschen, damit sie sich ihrer Vergänglichkeit bewusst wurden. Hier oben brauchten sie so etwas nicht. Und trotzdem schien es ihm nun unerträglich, auf diesen Wurm von einem Bediensteten zu warten. Sollte das Haus Gottes nicht eigentlich für jedermann zugänglich sein? Oder wenigstens für seine engsten Vertrauten? So wie früher? Nochmalig holte er die riesige Pranke unter dem roten Umhang hervor, hämmerte gegen das alte Holz und schimmerte mit seiner goldenen Rüstung umher.
TOCK, TOCK, TOCK
Die schweren, 6m hohen Türen erzitterten unter der unnatürlichen Kraft seiner Faust und der Widerhall verteilte sich donnernd im schlossartigen Eingangsbereich des Hauses. Endlich hörte man Jemanden herannahen. Dieser Jemand versuchte mit strammem, marschierendem Gleichschritt, nicht zu schnell und nicht zu langsam, die Macht des Türöffners und dessen Überheblichkeit auszudrücken. Leider verursachten die viel zu kleinen Absätzen einen zu lächerlich hohen Ton, um wirklich ernst genommen zu werden. Schließlich kamen hinter dem kunstvoll geschnitzten Holzportal die Schuhe und dessen Träger mit einem einvernehmlichen Klickklack zum Stehen. Eine Sichtluke in Augenhöhe eines mittelgroßen Menschenwesens wurde geöffnet und es erklang das übliche, lang gezogene:
„Jooah? Werrr begehrrt Einlass?“ Gabriel glotzte, wie immer, in den Sehschlitz. Sein Gegenüber musterte Gabb mit ausdrucksloser Miene und ebensolchem Seitenscheitel von oben bis unten, wieder hinauf, wieder runter und wieder aufwärts. Dieser Kerl ging ihm wahrlich auf die Nerven.
Mit dementsprechenden Gesichtsausdruck sprach der Engel ruhig, aber bestimmend:
„Mach schon auf. Du sollst sowieso jedem öffnen, also lass stecken und spiel dich nicht so auf, Mann.“ Mit der flachen Hand begann er gegen das Tor zu drücken. Ohne Erfolg.
„Nöcht so hastig, röder Borsche! Noch sötze öch am längerön Höbel. An mir kommt nömand so einfach vorrrbei, do Harfennymphe, do!“ Widerwillig klickte das Schloss unter dem Daumendruck des Türstehers, der nun blitzartig unter starkem Holzzerren in Schweiß ausbrach. Gabb half ungeduldig nach und drückte von außen. Er hatte schon genug Zeit verschwendet. Der männliche Mensch, gekleidet in seinem üblichen Dienstmädchen-Lackkleid und den glitzernden 12cm Pumps, fiel aufgrund der plötzlichen Leichtigkeit, mit der sich die Tür öffnete, übel nach hinten über. Direkt auf das Endstück seines Organs für Grobausscheidungen. Eventuell war es auch das des Denkvermögens, es machte sich jedoch niemand die Mühe, das herauszufinden. Jedenfalls zog er sich dabei eine grässliche Laufmasche zu. Als er sie entdeckte, verzog Mrs. Seitenscheitel säuerlich das stummelbärtige Gesicht. Gabriel schaute auf ihn hinab:
„Wäre ich kein Engel, würde ich dich zerdrücken wie eine Made! Überspanne den Bogen nicht, Hitler-CHEN“, raunzte Gabb, sichtlich angezornt.
„Wöre ich noch an dörr Macht, wörrde ich dö Himmelsscharen im Blitzkrög öberrennen. Ihr halben Höhnchen, ihr!“ sprach es und verzog sich, klickklack, hinterteilreibend, ins Körbchen unter der Treppe, um seine Wunden zu lecken. Und die Nylons zu wechseln.
„Tss“, zischte Gabb nur und drosselte den für Engel eigentlich untypischen Adrenalinanflug mit leichtem Gesumme einer Wagneroper, während sich die Schritte seiner schweren Stiefel rasch entfernten.
„Ah, tritt näher, ich habe dich erwartet“, sprach der bärtige Mann auf seinem mit Schnitzereien übersäten Holzsessel sitzend. Ritterlich trat Gabb vor, kniete sich rüstungsklappernd auf den dicken, dicht gewebten Teppich und verbeugte sich, wie vor einem kronenlosen König.
„Aber, aber, Gabriel. Bitte nicht so förmlich!“ meinte der Mann, dessen Alter nicht in Zeit auszudrücken war und streckte ihm die offene Handfläche entgegen. Der Engel ließ sich hochhelfen und machte ein grimmiges Gesicht. „Schlechte Laune?“, bemerkte sein Gegenüber.
„Du weißt warum, Vater. Aber ich kann diesen Hitler einfach nicht ab. Warum umgibst du dich mit diesem ...“
„Schluss jetzt“, unterbrach ihn der Bärtige, harsch. „Du kennst die Antwort bereits. Ich gab sie dir ein Duzend Mal. Er hat seine Lektionen zu lernen und ich schicke ihn nicht wieder herunter, bis er ein wenig Demut zeigt. Leute wie er bedürfen spezieller Aufmerksamkeit wie herrenlose Hunde. Für ihn ist es schier unerträglich, hier bei mir dienen zu müssen.“ Dabei machte er eine ausladende Handbewegung. „Du weißt ja: Hölle ist kein Ort. Hölle ist ein Zustand. Aber nun genug davon!“
Gabb nickte und schluckte seine Kommentare herunter. So viel hatte er ihn noch nie reden hören und er empfand das als schlechtes Zeichen. „Warum bist du wirklich hier?“, fragte der Vater aller Dinge, stand auf und öffnete die Tür zu einem der Flure. „Komm, wir gehen ein Stück…“ Sie traten hinaus.
„Ich muss mir dir sprechen, Vater! Es geht um die Menschen“ hob Gabriel an.
„Die Menschen? Was ist mit ihnen. Wieder Krieg, Aufruhr, Krankheit, Ungehorsam und Apfeldiebstahl?“ Ein sanftes Lächeln umspielte den weißhaarumrahmten Mund.
„Vater!“ entrüstete sich der gerüstete Gabb, um dem Gespräch die Wichtigkeit wiederzugeben, die es nachdrücklich und mit erhobenem Zeigefinger verlangte.
„Du weißt, dass ich sie im Blick habe. Aber was bereitet dir Kopfzerbrechen, mein Erzengel?“, meinte Vater ernster. Am Ende des Ganges erreichten sie eine breite Marmortreppe in Weiß, die ins nächste Geschoss des Hauses führte. Hier war er noch nie gewesen. Irgendwie war das Haus ohnehin immer ein wenig anders, wenn er es besuchte. Die Bilder und Pflanzen wechselten, leere Rüstungen rüsteten vor sich hin, standen mal hier und mal dort, manchmal auch da drüben. Der Teppichstrich war mal nach vorne, mal nach hinten gebürstet und die Fenster kamen unregelmäßig in Abstand und Größe. Die einzige Konstante war der Ausblick. Blauer Himmel, weiße Wölkchen. Eigenartig. Aber deshalb war er nicht hergekommen.
„Du weißt, ich war eine Zeit lang unten und habe sie beobachtet. Die Menschen sind in religiöser Hinsicht gespaltener und uneiniger denn je. Es wird scheinbar immer schlimmer. Sie beten irgendwelche Götzen an, verlieren sich im Atheismus oder wechseln von hier nach dort und zurück!“ Es kam keine Reaktion. Der Vater hörte lediglich zu. Mit erbarmungsloser Geduld. Er war ein guter Zuhörer. Für einige auf Erden, ein zu Guter, mit einem Quäntchen Ignoranz. Vielleicht auch mehr. „Ihnen fehlt etwas, verstehst du?“, fragte Gabb. Nach der direkten Ansprache nickte der Bärtige leicht, erwiderte aber immer noch nichts. Gabriel fühlte sich bestätigt und sprach einfach weiter, während sie mehrfach abbogen, Treppen nahmen, wieder abbogen. Gang um Gang, Flur um Flur brachten sie hinter sich und er erzählte und Vater schwieg.
„…und zwar brauchen sie etwas, woran sie glauben können, was ihnen Hoffnung in dieser schweren Zeit gibt. Ehrlich gesagt befürchte ich, dass sie immer weiter ins Chaos abdriften. Darin versinken.“ Plötzlich stockte Gabriel, denn eine Tür trat ihnen in den Weg, die vorher nicht dort gestanden hatte. Mit massiver Zarge und Wand im Schlepptau. Der Engel hätte es beschwören können, dass sie zuvor definitiv nicht da gewesen war. Der Bärtige riss ihn aus den Gedanken:
„Und? Weiter?“ Fordernd wanderten die buschigen Augenbrauen herauf, dann ergriff er die Klinke, ein leichtes Knarzen ertönte und sie betraten ein Schlafzimmer. Es hätte genauso gut ein Tanzsaal sein können. Auf dem gebohnerten Holzboden spiegelte sich die durch hohe Fensterflügel hereinfallende Sonne. Die Wände waren mit fein gearbeitetem Holz vertäfelt und inmitten der Halle stand ein riesiges Doppelbett, an dessen Fußende, in einigem Abstand, ein reich verzierter, alter Doppeltürschrank aufgestellt war. Er wirkte viel zu klein und verloren, von Holzwürmern malträtier und leicht verzogen bis unfreundlich. Der Alte hielt darauf zu, woraufhin sich dessen Türen automatisch brummknarrend öffneten. Mit sofortiger Wirkung verdunkelte sich der Raum, eine unnatürliche Kälte breitete sich aus und Gabriel, der neben dem Alten Aufstellung genommen hatte, starrte in die tiefste Schwärze, die er je erblickt hatte. Selbst das Licht auf dem Boden kroch vor diesem Schrank einige Meter zurück und dem Erzengel schauderte. Dem Alten machte es scheinbar nichts aus, er war ja auch der Allmächtige. So stand er da und dachte und ein schrecklicher Laut drang aus dem Möbelstück heraus. Es war, wie wenn Kleiderbügel auf der Stange hin-und hergeschoben werden und für Gabriels empfindsame Ohren klang es wie sterbende Kakerlakenkinder, die nach einem Schulausflug zur nahegelegenen Müllhalde von einem Dreirad überfahren werden. Kopfschmerzen quälten ihn und ihm wurde übel. Einige Sekunden später, Nebelschwaden waberten bereits aus den offenen Türen zu Boden und verteilte sich zu ihren Füssen, reichte eine grünlich schimmernde Hand ein Kleidungsstück aus der Schwärze. An den knochigen Fingern hingen Fetzen toten Fleisches grau und fahl herunter. Der Vater warf das bunte Hemd aufs Bett hinter sich. Die Hand verschwand, der Vorgang wiederholte sich. Gabriel schluckte seine Gedanken mitsamt Galle herunter und redete unbeirrt weiter:
„Die Menschen brauchen einen Strohhalm an den sie sich klammern können. Und ich habe eine Idee, mit dessen Hilfe wir das bewerkstelligen.“ Bei diesem Ausspruch schaute der Alte ihn an und unterbrach die Wäschezeremonie:
„Aha ... wir also …“ So hätte das Gespräch eigentlich nicht ablaufen sollen, dachte der Engel betrübt. Irgendwie erwartete er mehr Begeisterung vom Vater der Schöpfung, dem Meister aller Dinge. Denn immerhin ging es um seinen Ruf als Gott, als allmächtiges Wesen und seine Wirkung auf Erden usw. Trotzdem oder vor allem deswegen malte Gabriel weiter an dem Bild:
„Ich denke mir das so: Ich gehe nochmals runter. Aber nicht allein. Ich erbitte deinen Sohn.“
„Was? G-Junior?“ Vater drehte sich entrüstet um, hielt ein buntes Kurzarmhemd in der einen und eine extrem enge, weiße Schwimmshorts in der anderen Hand. Dabei blickte er in Gabbs tiefschwarz gefrorene Augen, dessen ausdruckslose Miene keinen Zweifel daran ließ, wie ernst es ihm war. Sein Gegenüber wechselte zu erstaunt und verwundert, dann zu amüsiert. Er bedeutete ihm, fortzufahren.
„Also, ich nehme deinen Sohn mit hinunter und leite ihn an. Mit meinem Marketingwissen und der Galionsfigur ‚Gottes Sohn‘ sind wir hervorragend aufgestellt und Positionieren dich göttlicher denn je bei den Un- und Falschgläubigen. Nicht umsonst hast du mir meinen Posten übertragen und mich aus der Poststelle herausgeholt, stimmt’s?“ Keine Antwort. Erst jetzt bemerkte Gabriel die Geschäftigkeit des Vaters. Kleidungsstück um Kleidungsstück wanderte auf den Haufen, Socken, Unterwäsche… Mit flüchtigem Blick sah er einen kleinen, gelben Heiligenschein auf den weißen Slippern. Hoffte er zumindest und verdrängte den Gedanken. Unvermittelt ließ sich der Alte auf die Bettkante sinken und schien zu überlegen. Wieder packte Gabb dieser erzengeluntypische Anflug von Adrenalin zwischen den beiden großen Zehen. Seine Flügelspitzen bogen sich nach oben und die Nackenhaare am Ansatz, fochten die Schlacht von Gettysburg, die erst Jahrhunderte später stattfinden sollte. Dann schaute Vater auf und meinte:
„Ich weiß nicht so recht… Gottes Sohn auf Erden?“ Oh nein. Er hielt den Plan für zu gewagt und tollkühn, dachte der Engel. Tief einatmend straffte er sich zum letzten Gefecht:
„Marketing ist alles, Vater“, sprach er eindringlich. „Ich sage dir, es muss etwas passieren. Jetzt. Mein Plan ist bonbonsicher1. Ich mache GJ zum Messias. Zum Heilsbringer. Mit allem was dazu gehört. Die Leute werden ihn lieben und in Scharen seinen Worten und Taten erliegen. Das Konzept, was ich entwickelt habe, ist grandios. Und wenn alles glattgeht, wirst du ihr einziger Gott werden und die Welt wird zu einem besseren Ort. Zudem lernt dein Sohnemann noch gehörig etwas dazu und ich kann dir meine Treue und Gefolgschaft mit einer 'göttlichen Mission' untermauern. Eine glatte Win-win-Situation!“ Diesmal lächelte der Alte und die Falten in seinem Gesicht strafften sich freundlich um die Augen.
„Aber Gabriel. Du musst mir nichts beweisen. Du bist ein tüchtiger Engel, das weiß ich. Die Idee mit Gott-Junior finde ich übrigens gar nicht schlecht!“ Innerlich gingen in Gabb die Wunderkerzen an. Am liebsten hätte er den Vater umarmt, hielt sich aber zurück. „Ich sage dir aber etwas!“ Schlagartig verfinsterte sich des Engels Miene. Gott sprach beruhigend weiter:
„Wenn du diese göttliche Mission antrittst, bist du auf dich allein gestellt. Denn ich bin jetzt erst mal im Urlaub!“ Sogleich stand er auf, dachte sich eine Tasche aus dem Schrank, die ihm die verrottete Hand sogleich reichte und begann ein paar Sachen vom Bett hinein zu stopfen. Gabbs kantige Kinnlade klappte mehrfach herunter und herauf wie Koikarpfenschnappatmung.
„Urlaub?“, säuselte er irgendwann mühsam heraus, während Vater ein Teleskop aus dem Schrank empfing und ein weiteres abgrundtief hässliches Hawaii-Hemd in den Koffer warf.
„Ja, Urlaub. Zuerst habe ich morgen noch eine Götter-Konferenz und dann.“ Er machte eine bedeutungsvoll, kryptische Handbewegung. „Ab in den Urlaub. Ich bin aber nicht lange weg“, sagte er beschwichtigend. „Nur so um die 2000 Erdenjahre oder so. Mal sehen. Hier laufen die Dinge ohnehin wie geschmiert. Michael und ihr anderen …“, er klopfte seinem Engel bedeutsam auf die muskulöse, panzerbewehrte Schulter, „… ihr kriegt das schon hin!“ Gabb stand wie angewurzelt da. Vater macht Urlaub? Wie, jetzt, gleich oder wie oder was?
„Ja, aber!“ hörte er sich selbst mit dem vollen Druck seiner Stimme sagen. Inzwischen dachte sich Gott immer kuriosere Dinge aus dem kleinen Schrank. Die Totenhand hatte alle Knochen voll zu tun. Nicht nur, dass das Möbelstück alle Dinge beherbergte, die sich der Allmächtige erdachte, nein, auch seine Tasche nahm brav alles in sich auf, was ihm vorgeworfen wurde. Hätte Gabriel genauer hingesehen, hätte er die klierigen2 Augen am rechten, unteren Rand aus dem Leder glotzen sehen. So verschwanden die ungeheuersten Dinge im schwarzen Lederschlund. Skier, Snowboard, Kuckucksuhr, ein Biber, zwei selbstgetöpferte Obstschalen in undefinierbarer Farbenpracht, Kreuzworträtselbücher in 20facher Ausführung, eine Dose Mais, eine Dose Erbsen&Möhren, Petrischalen, ein Elektronenmikroskop, zweifelhaft aussehende Bananenstauden, eine alte Matratze, und und und.
„Nichts aber. Ich habe die Sache zwar nicht durchdacht, warum auch, ich bin der Allmächtige, aber ich mache Urlaub. Oder zweifelst du mich an?“ Wow. Der Alte wurde jetzt richtiggehend knatschig. Er fühlte sich wohl angegriffen, dachte Gabb.
„Schau dir das an!“ meinte Gott und ließ sich einen Flyer aus dem Schrank reichen. Als ihn Gabriel entgegennahm, klebte ein alter Fingernagel daran, den er sichtlich angewidert zurück in den Schrank schnipste.
'Wenn Sie als Gott mal so richtig abspannen wollen, besuchen Sie doch unseren Freizeit- und Erholungspark im Anderomeda 8 Nebel.'
„Das ist nicht dein ...“, rutschte ihm heraus, erstarrte jedoch sogleich.
„... Ernst?“ Unterbrach ihn der Vater. Jetzt ziemlich laut und pikiert. "Und ob!“
Gabb blickte auf den Videoflyer. Kleine Filmchen zeigten u. a. die lustige Nebelrutsche, auf der sich Jung und Alt fröhlich lachend mit Eisenschlitten die Gliedmaßen abfuhren und wieder heilten. Kopfschüttelnd verurteilte er Vaters Urlaubsentscheidung und wurde deshalb nervös. Doch was sollte er tun? Gott sagen er dürfe nicht tun, was er wollte? Sicher nicht. Und letztlich: Was machte es für einen Unterschied für seinen Plan. Er und GJ wären ohnehin auf der Erde und würden sich, zumindest für 1, 2 Jahrhunderte die Erdenzeit vertreiben, während hier oben alles seinen gewohnten Gang ging, stand, saß, aß und schlief.
„Ok“, sagte er dann und atmete tief durch. Gerade schob Vater einen dicken Stahlträger in seine Tasche, über dessen Bedeutung und Nutzen sich Gabb schon längst keine Gedanken mehr machte.
„Ist noch was?“, stöhnte Vater schwer beschäftigt und mühte sich mit dem rot lackierten, tonnenschweren Ding ab.
„Ähm, wenn du so fragst ...“ Der Götterbote richtete sich innerlich ein wenig auf und brachte es dann hervor:
„Wenn ich G-Junior mitnehme, dann brauchen wir einen von Wollums Ringen. Ohne den Ring können wir nicht das Ausrichten, was mir vorschwebt!“
„Und das wäre?“, fragte sein Gegenüber, während dieser eine 4m Nordmanntanne mit roher Gewalt in die kleine Öffnung der Ledertasche zwängte. Vollständig geschmückt, versteht sich.
„Naja, Wasser in Wein verwandeln, auf dem Wasser laufen, Kranke heilen, Windräder reparieren. Das Übliche eben!“ Gab Gabb an. Mit hochgezogenen Augenbrauen wartete er die Antwort ab und sah gerade die Spitze des Baumes verschwinden, als Vater sich herumdrehte und ihm einen kleinen Gegenstand in die offene Hand legte.
„Du bist mir für den Ring verantwortlich. Also gib gut darauf Acht. In den falschen Händen kann er zum Albtraum werden.“
Ehrerbietig kniete der Engel sich hin, neigte den Kopf und sprach:
„Hab Dank, Vater! Ich wünsche dir einen schönen Urlaub.“ Dann rappelte er sich hoch und verließ festen Schrittes den Raum.
Plötzlich stand er da. Von Dunkelheit und dichtem, aufsteigendem Nebel umgeben. Ein beißender Geruch nach erhitztem Metall, verbranntem Holz und Erbrochenem stieg ihm in die Nase. Hüstelnd sah er sich zaghaft um.
Überall lagen, teilweise noch glühende, Gesteinsbrocken verstreut. Sand, ein paar verkohlte Pflanzen auf rußgeschwärztem Boden. Und mittendrin: er. Was war hier bloß geschehen. Er griff sich an dem Kopf. Schmerzwellen durchfuhren ihn wie 12,5Tonner, die den Asphalt der äußeren Hirnrinde plattwalzten. Wie in Trance verging die eine und andere Minute. Er machte ein paar Schritte, fragte sich noch, warum er inmitten dieser Katastrophe stand, dann stolperte er und gab sich im Zeitlupentempo mit geschlossenen Augen der Erdanziehung hin.
Als er die Augen wieder aufschlug, war der meiste Rauch verschwunden. Restschwaden spielte mit dem Wind Fangen, zerfaserten, lösten sich auf. Wieder musste er husten, drückte sich mit den Armen nach oben und spürte, wie ihn bei jeder Bewegung stechende Schmerzen in Gliedern und Gelenken in der Realität willkommen hießen. Seine Haut war an zahlreichen Stellen auf- und teilweise abgeschürft. Ansonsten war er unversehrt geblieben. Ein Wunder, wenn man sich das Ausmaß dieses, was auch immer, hier betrachtete. Langsam traten zwischen den Wolken die Sterne hervor, funkelten am Himmel und der halbe Mond spendete ihm Licht. Die Umgebung klarte auf. Scheinbar befand er sich inmitten eines riesigen Kraters. Um ihn herum ging es nur bergauf und ihm wurde schwindelig, als er sich im Kreise drehte. Die Erkenntnis traf ihn wie ein Wattebausch: Er hat keinen blassen Schimmer wer und wo er war, geschweige denn, was mit ihm geschehen sein mochte.
Ein seltsames Gefühl kroch an ihm hoch. Er konnte nicht genau sagen woran es lag, aber sein Körper kam ihm irgendwie unvertraut vor. Mochte ihm nicht richtig passen, als hätte er ihn sich nur ausgeliehen. Die schmutzigen, unbeschuhten Füße drückten mit dem darüber verwachsenen Beinoberkörperarmkopfgeäst mit etwa 100 Kilogramm auf den Boden ein. Der Rest seiner weißlichen Haut schimmerte unnatürlich silbern im Mondlicht. Das schwere, schwammige Fleisch seiner Gestalt reagierte merkwürdig verzögert auf seine gedanklichen Anweisungen. Zudem belastete ihn jede Bewegung, jede Drehung, jedes Bücken, jedes Strecken. Es liegt sicher am Schock, redete er sich ein. Oder etwa nicht? Zweifel befielen ihn wie Flöhe den Zwergmolch. Das Atmen fiel ihm plötzlich schwer. Er keuchte, hyperventilierte vor sich hin, hielt abrupt seinen Atem an und starrte mit unverhohlenem Entsetzen an sich herunter. Es fiel ihm wie Schuppen von den Fischlenden.
Er war ... Er war NACKT!
Die Embryonalstellung brachte nach einigen Minuten etwas Ruhe in die verfahrene Situation. Nachdem er drei Mal bis 33 gezählt hatte, öffnete er zaghaft die Augen. Die Hoffnung, alles sei ein böser Traum gewesen, aus dem er nun aufwachte, stellte sich als Irrglaube heraus. Notgedrungen, er konnte ja nicht ewig hier herumliegen, setzte er sich auf. Die Dunkelheit war in jedem Fall sein Vorteil. Zudem hatte den Vorfall scheinbar noch niemand bemerkt. Es kam niemand angelaufen oder lief aufgeregt umher, um die unglaubliche Story von dem blassen, sich zu später Stunde in völliger Nacktheit befindlichen Typen im Krater auszulassen.
Wird es jedoch erst einmal hell, stehe ich dumm da. Ein Bild, welches er sich lieber nicht ausmalte.
Mit Kloß im Hals kam er zu der Erkenntnis, die Dinge, wohl oder übel, selbst in die Hand nehmen zu müssen. Eine Formulierung, die nicht recht passen wollte. Er musste dringend etwas zum Anziehen finden, oder zumindest etwas zum Bedecken. Und los ging‘s. Auf der Suche nach etwas Abdeckmaterial, bewegte er sich in geduckter Haltung in eine beliebige Richtung. Änderte diese, suchte weiter, änderte sie abermals. Eine kleine Echse huschte über seinen Weg. Aber selbst wenn er sie dazu brächte sich festzuklammern ... sie wäre einfach zu winzig und hatte zudem zu spitze Krallen. So verscheuchte er den Gedanken und die Echse. Schließlich musste er aufgeben. Außer ein paar trockenen Zweigen und viel Sand, gab es hier nichts, was sich zur Verhüllung seines Lendenbereichs eignete.
Nach kurzem Überlegen fasste er sich ein Herz, einen neuen Plan und schon erhob er sich zu voller Größe, wie der evolutionäre Uraffe beim ersten aufrechten Gang. Aber der hatte wenigstens Buschbewuchs zwischen den Beinen. In seinem Fall schirmten seine Hände das Offensichtliche mehr schlecht als recht ab, doch was sollte er sonst tun? Er brauchte Kleidung und das schnell. Ein Blick in die Ferne brachte auch keine neuen Erkenntnisse. Weit und breit keine Stadt, kein Dorf, Stall, Hotel oder Golfplatz zu entdecken. Nur Sand und Steine schlecht ausgeleuchtet in allen Richtungen. Wie sehr er sich auch anstrengte. Wohin sollte er nun gehen? Letztlich entschied sich für irgendeine Richtung. Im schlechtesten Fall lief er weiter in die Wüste hinein, im Besten, fand er jemanden, der ihm weiterhelfen konnte. Und dann entschied er sich um und für den besten Fall.
„Hey Mann, haste das auch gesehen? Dies mächtige Feuer, was vom Himmel gefallen is?“
Erschrocken stolperte er mit den Armen rudernd zurück und landete auf Staub und Stein. Wie aus dem Nichts war ein alter, klappriger Mann aus der Dunkelheit aufgetaucht und stand auf seinen Hirtenstab gestützt da. In Sekundenschnelle aus dem Boden gewachsen. Stocksteif und von der Erhabenheit eines alten, sehnigen Geißbocks auf seinem Lieblingsfelsen. Sein Herz raste und hämmerte in seinem Brustkorb gegen die Rippen.
„Haben Sie mich erschreckt, Mann“, gab er keuchend zurück und stützte sich auf die wunden Knie. Er hatte den bittersüßen Atem des Alten immer noch in der Nase und sog nun hastig die kühle Nachtluft durch die geweiteten Nasenlöcher ein.
Der Mond schob einige der Wolken beiseite und erhellte die Umgebung ein wenig mehr. In diesem Moment ließ der Alte seinen Silberblick schweifen, verharrte und schüttelte dann verständnislos den Kopf.
„Was bist ‘n du für einer? Zieh dir mal was an! Unappetitlich…“ Mehr zu sich selbst als zu dem Nackten, murmelte er: „Ich bin nur noch von Verrückten umgeben. Der Typ hat wohl nicht mehr alle Schäfchen beisammen.“ Ohne dass der Nackte etwas entgegnen konnte, erstrahlte plötzlich vor ihnen eine Lichtgestalt. Sie schwebte circa 30 cm über dem staubigen Boden und ihr gleißender Schein überflutete sie wie zehn Sonnen. Es brannte in ihren Augäpfeln, doch sie konnten nicht umhin die Gestalt unverhohlen anzustarren. Offenmundig standen sie, von Angst gelähmt, reglos da und waren vollkommen vereinnahmt von diesem Moment der Erleuchtung. Mit zur Seite ausgestreckten Armen und nach oben gerichtetem Gesicht wiegte die Gestalt leicht im Wind. Sie trug einen goldenen Brustpanzer und weiße, wallende Tücher um die Hüften. Wie ein riesiges Kreuz stand sie in der klaren Luft des Abends, erhaben an den schwarzen Hintergrund genagelt.
Mit einem Male klappten hinter ihr zwei mächtige Flügel zu beiden Seiten nach oben. Sie maßen sicherlich etwa 3m von Spitze zu Spitze. Die Schwingen ließen den Engel, was es zweifelsohne war, noch imposanter und furchteinflößender, doch eventuell etwas übertrieben, wirken. Die zwei nächtlichen Wanderer vergaßen vollständig das Atmen, als der Engel sie aus silbernen Augen anstarrte und mit ausdrucksloser Miene zu ihnen sprach:
„Fürchtet euch nicht!“ Weiter kam er nicht, denn der Alte brach augenblicklich an seinem Stock zusammen, legte sich ungeschickt, in äußerst verkrümmter Haltung in den Sand und verstarb auf der Stelle. Engel und übergewichtiger Nackedei drehten gemeinsam die Köpfe zu ihm hin. Die von Magie und Mystik durchzogene Stimmung war dahin.
Besorgt stieg der Engel herab, das Leuchten verschwand und nun wirkte er, von den Flügeln mal abgesehen, wie ein ganz normaler Mensch, mit einem Hang zu protzigem Goldschmuck.
„Verdammt, nicht schon wieder“, sagte er in die kleiner gewordene Runde hinein. „Nicht, dass du mir auch abtrittst.“ Vergeblich tippte er mit seinem Finger auf die Stirn des Toten, doch nichts geschah. Sie schauten sich an, dann wieder auf den Toten und wieder sich gegenseitig. Die vorherige Angst des Menschen war verflogen. Vielmehr war er misslaunig, mit einem stetig wachsenden Wutpotenzial. Einige Sekunden später platzte es heraus.
„Schon wieder? Schon wieder? Was soll das heißen. Passiert dir das öfter?“
„Kein Grund zur Panik!“ meinte der Engel beschwichtigend, hob die mächtigen Hände und trat einen Schritt zurück. „Ich übe noch. So viel hatte ich mit den Menschen auch noch nicht zu tun! Hätte ja nicht ahnen können, dass ...“
Pummelchen packte den fast zwei Köpfe größeren Engel an der Rüstung und schüttelte diesen, ohne an mögliche Konsequenzen zu denken. Mit Sicherheit konnte dieser göttliche Gesandte ihn mit einem Lichtstrahl ins Jenseits befördern oder in einen Wurm verwandeln oder schlimmeres. Doch darüber dachte er jetzt nicht nach, beschimpfte und riss an ihm, was das Zeug hielt:
„Du hast ihn getötet, für deine 'Seht her, ich bin ein Gottgesandter und ihr müsst ehrfürchtig vor mir niederknien-Show'? Du hast sie wohl nicht mehr alle, was? Ein durchgeknallter Engel, nachts in der Wüste von, ach was weiß ich, wo wir hier sind. Und er 'übt noch' und es 'konnte ja keiner ahnen'!“ Plötzlich ließ er den Engel los und äffte diesen nach, während die Gestalt auf ihn herab schaute und eine Weile wartete. Dem Engel war die Situation sichtlich unangenehm und er ließ den wohlgenährten Menschling gewähren. Es brauchte einige Zeit, dann erwachte der Mensch scheinbar aus seinem Fluchdelirium. Wieder im Hier und Jetzt angekommen, schaute er sich um und ihm fiel wieder ein, dass er gar nicht wusste wo er und wer er war. Mit nacktem Hintern setzte sich resignierend auf einen Felsen. Der Engel setzte sich neben ihn. Sie ließen noch etwas stille Zeit vergehen. Der Mond schaute auf sie herab und ein Schaf kam herüber gelaufen. Sie kraulten es abwechselnd und dann meinte der Mensch:
„Hast du wenigstens was zum Anziehen dabei?“
„Zufällig ja!“ Der Engel griff sich mit einer Hand an den Rücken und reichte dem Mann eine grobe Tunika aus Leinen und Leder-Sandalen im Standard-Design. Dabei hoffte er, das weit geschnittene Kleidchen würde nicht so sehr spannen, hatte er doch mit einem etwas schlankeren Herrn gerechnet. Doch es ging, wie sich zeigte.
„Nun, da wir einen schlechten Start hatten, möchte ich mich erst einmal vorstellen. Gestatten: Gabriel, Erzengel, Bote Gottes und sein Marketing-Berater! Aber du kannst mich auch Gabb nennen!“
„Marke-was?“, fragte der frisch gebackene Tunikist.
„Du wirst gleich verstehen“, sprach der Engel und trat einen Schritt näher an den Mann, der bereits jetzt mit einem Stein in der Sandale kämpfte. Argwöhnisch wich er jedoch zurück:
„Nicht schon wieder so ein HokusPokus!“
„Nein, nein. Versprochen“, meinte Gabriel und begann zuerst schwächlich, ja regelrecht zaghaft und dann immer stärker zu leuchten. Seine silbernen Augen wirkten spiegelglatt und wie in Stein gemeißelt. Sie ließen jede Art von Mitgefühl vermissen. Hart, starr und ausdruckslos. Dann trat der Engel noch näher an ihn heran. Mit einer abrupten Bewegung in enormer Geschwindigkeit und einer Behändigkeit, die man dem Engel gar nicht zugetraute hätte, schnappte er zu und umarmte den überraschten Menschen. Dieser wusste gar nicht wie ihm geschah. Wie paralysiert stand er in der Umarmung der engelischen Schlange und spürte dessen unglaubliche Wärme. Eigentlich hätte der goldene, etwas zu dick auftragende Brustpanzer kühl sein müssen, doch mit Nichten. Vielmehr fühlte er sich wohlig warm und weich, fast flüssig auf seiner Wange an. Ihn umfing ein behagliches Gefühl. Als sich die federbewehrten Flügel vollständig um sie schlossen, durchfuhren ihn, außer dem Gedanken, dass sie, für einen unbeteiligten Betrachter einen durchaus homosexuellen Eindruck machten, die Erinnerung. Er schloss die Augen und vor ihm bildeten sich unglaubliche Bilder einer Umgebung und seiner Existenz, die er niemals hätte erahnen können. Pulsierende Lichtwellen ließen die Adern seines menschlichen Körpers anschwellen und sein Herz pumpte seine Vergangenheit in jeden Winkel seines Seins. Es war ein Gefühl von nach Hause kommen. Der Knoten der Unkenntnis über sich selbst zerbarst unter dem Druck der Erinnerungen. Irgendwann sackte er schwach zusammen und Gabb legte ihn behutsam ab.
Die heißen Sonnenstrahlen weckten ihn. Das Blinzeln mit Sand im Auge gestaltete sich schwierig und schmecken tat er auch nicht besonders. Mühselig entfernte er die Körnchen und glaubte einen ungemein seltsamen Traum gehabt zu haben, als Gabb in einiger Entfernung über die Düne kam. Er setze sich auf und lehnte im Schatten an einen Felsen. Die nackten Füße im heißen Sand. Müdigkeit schlief noch auf seiner Brust. Er wollte sie nicht wecken. Plötzlich befiehl ihn die Erinnerung an letzte Nacht wie eine hungrige Hyäne das Aasbüffet. Der alte Mann, das Schaf, mit Gabb kuscheln, die Erkenntnis der Sohn Gottes zu sein, ohnmächtig werden, mit Sand in der Kehle aufwachen ... Er zuckte zusammen. Moment mal! Sohn Gottes? Was? Wie kam er denn darauf? Er grübelt angestrengt und fand in seinem Kopf einen ganzen Honigpott voll Vergangenheit. Er war Zeit seines Lebens im Himmel gewesen. In Gedanken schritt er durch das hohe Himmelstor, am Ende der gigantischen Rolltreppe. Weiße Wolken umflossen ihn und bildeten über und unter ihm einen wahrhaft himmlischen 3D Effekt im gesamten Farbspektrum. Auf einigen standen Villen aus weißem Marmor, aus verschiedenen, teilweise noch nicht angebrochenen Erdepochen. Andere trugen Schwimmbäder, Kindergärten, Spielwiesen für Hunde, Lamas und AlbinoChamäleons mit einem Hang zur Telekinese. Es gab aber auch Nurhundewiesenwolken und Nurkatzenkratzbäumewolken. Wieder andere beherbergten kleine Meere mit großen Dinosaurierfischen, große Seen mit kleinen Goldfischen. Dschungel ohne Rodungsarbeiten, Steppen ohne Steppenwölfe, Wüsten mit Ordnung oder wüst durcheinander, Dünenlandschaften vor ausgetrockneten Meeren oder riesige Steinhaufen aus Steinen, zwischen denen sich Steinsalze auf den nächsten Regen freuten. Zur Unterhaltung oder Beschäftigung der zahlreichen Bewohner gab es Konzerthallen, Stadien, Vergnügungsparks, Bibliotheken, Universitäten und Verwaltungsgebäude für die ehemaligen Beamten, die das ‚Arbeiten‘ nicht lassen konnten. Forschungseinrichtungen, Telefonzellen um sich bei irdischen Seancen einzuklinken usw. usw. Es gab nichts, was es nicht gab. Zudem verschmolzen die Wolken miteinander, bildeten andersartige Gebilde, Gebäude und Landschaften. Ein wilder Reigen in immer neuen und aufregenden Formen, die jede Sekunde zum Erlebnis machten. Dann trennten sie sich wieder, um sich erneut zu gestalten.
Dazwischen Harfe spielende Engelskinder, die Erzengel und natürlich die Ex-Erdies, die Verstorbenen von unten. Jedem wurde jeder Wunsch aus den Gedanken gelesen und materialisierte sich. Jeder schuf sich hier sein eigenes Himmelreich. Bei all den Überlegungen wurde ihm schwer ums Herz. Er hatte alles, was er brauchte, um sich die Zeit zu vertreiben. Sein 360Grad Fernseher mit der Gedanken-Spielekonsole und dem Foodprinter, mit dem man sich alles was man gerade haben wollte, ausdrucken konnte. Seine Freunde, die sich zu Besuch dachten oder zu denen er sich dachte. Konzerte, ferne Welten, Spaß! Jahrhunderte mussten so vergangen sein. Das Einzige, was ihm jedoch nicht einfiel, war, wie er in Dreiantigottesnamen hierhergekommen war. Dann kam ihm Vater in den Sinn, der ihm mehr als einmal prophezeit hatte, dass sein Herumlungern irgendwann ein Ende haben würde. Er müsse erwachsen werden, hatte er gesagt. Doch er, Gott-Junior oder GJ, hatte immer müde gelächelt. Schließlich hatte Vater wohl doch sein Vorhaben in die Tat umgesetzt, dachte er bitter.
„Wie geht’s heute?“, riss ihn Gabb plötzlich aus seinen Überlegungen. Gekleidet in handelsübliche Tunika und Sandalen, trug er einen Turban auf dem Kopf und hielt einen Eimer in der Hand. Von den mächtigen Flügeln war nichts zu erkennen. Er sah ohnehin verändert aus. Während er ihn gestern Nacht noch wie ein Hüne um zwei Köpfe überragt hatte, schien er kleiner, schmächtiger und menschenähnlicher denn je. GJ zog die Augenbrauen hoch und starrte den Engel misslaunig an.
„Irgendetwas nicht in Ordnung?“, fragte dieser, stellte den Eimer ab und hockte sich neben ihn.
„In Ordnung?“, gab GJ zurück. „Nichts ist in Ordnung. Was soll das Ganze hier? Was ist mit mir geschehen? Hast du das alles hier eingefädelt?“ Er machte eine umfassende Handbewegung. Der Engel antwortet:
„Ja und Nein!“ GJ schnaubte verächtlich:
„Das habe ich mir gedacht! Genauso kenne ich euch Erzengel. Ihr kommt immer direkt auf den Punkt!“ Gabb:
„Du erinnerst dich?“
Eine Pause entstand. GJ machte es spannend.
„Ja“, gab er dann zu, „ich erinnere mich. An mein wunderbares, sorgenfreies Leben, den Himmel und alles was ich nun, dank DIR, nicht mehr habe.“
„Dem Herrn sei Dank. Hab ich es also doch geschafft!“ freute sich der Engel. GJ aber:
„Geschafft mich mächtig sauer zu machen? Oder mir die Erinnerung zurückzugeben?“
„Das mit der Erinnerung, natürlich. Wie gesagt, ich übe noch. Bin noch nicht lange göttlicher Bote im Dienste des Herrn!“
„Hm. Na dann“, war das Einzige, was GJ dazu erwiderte. Er hatte im Moment keine große Lust sich die Lebensgeschichte von Gabb erzählen zu lassen. Und dann begann Gabb zu erzählen. Über Gott und seinen Plan ihn auf Erden erfolgreicher zu vermarkten und:
„..naja, dann habe ich dich, nachdem ich dich betäubt hatte, einfach in die himmlische Luftschleuse gesteckt und ZACK!“
„Du hast WAS?“ GJ stand auf und beugte sich mit geballter Faust über sein Gegenüber. Dieser Engel erweckte Empfindungen, die er noch nie zuvor in sich hatte aufkochen lassen.
„Na irgendwie musste ich dich doch hierher bekommen. Du bist Teil des Ganzen. Du machst mit!“, erklärte sich Gabb nicht im Mindesten eingeschüchtert, dafür aber selbstüberzeugt.
„Ich mache gar nichts mit. Ich… ich… ich fasse es nicht. Und Vater hat sein Einverständnis gegeben? Tss. Das sieht ihm ähnlich.“ GJ drehte sich weg. Er hatte so eine Wut im Bauch, dass er sich kaum zu beherrschen wusste. Dass dieser Engel sich den ganzen Mist ausgedacht hatte, war schon schlimm genug. Wahrscheinlich wollte er sich damit bei Vater profilieren oder so was. Von wegen: 'Schau her, Gott, du hast den Richtigen für diesen Job ausgewählt. Wenn mein Vorgänger so eine Pfeife gewesen ist, ich bin es nicht'. Aber das es auf seine Kosten, hinter seinem Rücken und mit Vaters Absegnung geschah. Das war zu viel. Er machte einen Satz und sprang dem Engel unvermittelt vor die Linse. Ganz dicht vors Gesicht. Sie waren nur wenige Zentimeter voneinander entfernt und jeder spiegelte sich, unnatürlich gekrümmt, wie im Spiegelkabinett, wo die dicke Frau für ein paar Stunden mal so richtig Model spielen kann, in der Pupille des anderen. Die Luft knisterte zwischen ihnen und GJ zischte wie ein Ameisenbär beim Mittagsschlaf:
„Und jetzt ... bringst du mich wieder hoch, hast du verstanden?“ Ein Zähneknirschen schnitt sich durch die entstandene Stille. Selbst die Grille ward nun stille. Gabb unterdrückte das Blinzeln, hielt den Atem an und sagte langsam und bedächtig, mit ruhigem Ton:
„Ja und Nein!“ GJ schloss bedächtig die Augen, zwang seinen quadratischen Gefühlsklumpen herunter und richtete sich gemächlich auf. Gabb setzte nach:
„Also, ähm, verstanden hab ich schon, aber ... das mit dem zurückbringen ist so ne Sache.“
Der Sohn Gottes brauchte einige Sekunden um sich zu fangen. Er hatte es geahnt. Tief in seinem Innersten hatte er es geahnt. So schnell kam er aus dieser Nummer nicht heraus. Ohne ein weiteres Wort kletterte er auf einen großen Felsen, legte den Kopf in den Nacken und begann aus vollem Halse an zu schreien:
„VATER. Hol mich sofort hier raus, verdammt. Das kannst du mir nicht antun.“ Nichts geschah.
„VATER!!! Allmächtiger, Herr aller Dinge, Erschaffer dieser Welt…“, usw. usw. So ging es eine ganze Weile, während die Sonne über den Himmel wanderte. Gabbs kleiner Einwand wurde mit rüden Blicken zerschmettert. Und so überließ er ihn seinen unbelehrbaren, lauthalsigen Schreien. Es variierte von Zeit zu Zeit, mit mehr oder weniger eingeschobenen Pausen, mal lauter, mal leiser, mal schriller und heiser, mal dumpfer, mal stumpfer, mit Flehen, über Betteln, Verwünschungen und Flüchen, bis hin zu Wimmern, Weinen, Stampfen, Drohen und allem, was ein Kind seinen Eltern noch so antun kann. Der Engel hielt sich strikt zurück und machte sich so seine Gedanken. Junior war ihm ein wenig zu unbeherrscht. Zudem hatte Gabb keine große Lust seinem neu gewonnenem, menschlichen Körper Schmerzen zufügen zu lassen. Sollte sich der göttliche Knabe erst einmal austoben. Später könnten sie mit ihrer Unterhaltung fortfahren. Dann würde er ihm auch endlich unterbreiten, dass Vater im Urlaub sei, was er ihm bereits vor Stunden hatte sagen wollen. Wenn er sich wieder beruhigt hatte, Hunger bekam und die Ausweglosigkeit seiner Situation begriff, würde Gabb ihm unmissverständlich klar machen, dass es definitiv besser sei, ihm und seinem Plan zu folgen, als sich hier unten 2000 Jahre die Zeit mit Steine sammeln oder Nationen versklaven zu vertreiben. Gabb wollte die Menschheit nachhaltig beeinflussen, ihnen ihren Gott näher bringen. Sie bekehren, oder zumindest das schlichte, schwierige Leben ein wenig erleichtern. Ihnen eine andere, bessere Sicht auf die Dinge bescheren. Das würde nicht nur Gott gefallen, sondern er würde sich einen sicheren Platz in der ehrenvollen Riege der Erzengel sichern. Seine Probezeit, so hatte er es mit Gott vereinbart, endete mit dessen Rückkehr aus dem Urlaub. Würde er dieses Sohn-Gottes-auf-Erden-Ding durchziehen, war er drin.
Er schaute herüber zu GJ. Dieser keuchte, auf die Hände gestützt, auf dem Felsen herum. Seine Wut schwand mit jedem Schweißtropfen der ihm aus den überanstrengten, Fettporen sickerte. Gabb spürte es instinktiv, nicht nur am Geschmack, der in der Luft lag. Ganz unvermittelt überspülte ihn eine Welle von Zweifeln. Als er den jungen GJ dort oben auf seinem Felsen knien sah, malte er sich plötzlich aus, wie es wäre, wenn die ganze Sache hier schief ginge. Was, wenn der Junge doch nicht mitmachte. Wenn der Sturkopf eigene Vorstellungen hatte, wie er seine Zeit verbringen sollte. Würde sich dann sein Plan ändern? Würde ihm der Junge, der wahrlich Gottes Sohn war, sogar seinen Plan sabotieren? Eigene Leute um sich scharen und einen ganz anderen Missionsgedanken säen? Gabb schüttelte den Kopf. So weit durfte es nicht kommen und er wischte die Gedanken fort, wie die Krümelreste des Kuchens von Tante Tilly auf der akkurat gehäkelten Tischdecke im zweiten Stock einer überaus teuren Seniorenresidenz um 1907 herum.
Aus dem Schatten des Felsens heraustretend, packte Gabb den Eimer und stiefelte hinauf zu GJ. Die nachmittägliche Sonne brannte noch immer stark vom Himmel. Wortlos griff er zu der Kelle im Eimer und reichte ihm das frische, kühle Wasser aus dem Brunnen. GJ schaute krebsgrimmig, nahm jedoch dankbar die Kelle, wie eine Friedenspfeife, entgegen und trank hastig mit tiefen Schlucken. Erst jetzt spürte er wie durstig er eigentlich war und was Durst bedeutete.
„Noch eine!“ presste er im Flüsterton heraus. Er hatte sich heiser geschrien. Gabb reichte ihm den ganzen Eimer.
„Trink. Das wird dir guttun. Dieser Körper ist anders, als alles, was du bisher gekannt hast. Er ist ein zerbrechliches Gefäß und du musst ihm ab und an Ruhe geben, damit er sich erholen kann!“
GJ nickte, plötzlich müde und träge.
„Lange können wir nicht mehr hier bleiben, die Sonne geht bereits unter und wir haben noch einen ordentlichen Weg vor uns.“ Auch das nahm der Junge einfach so hin. Seine Schimpftiraden hatten etwas für sich gehabt, dachte der Engel. Eine Stunde später brachen sie gemeinsam auf und es sollte ein denkwürdiger Abend werden.
Die Sonne war bereits lange untergegangen und der Weg hatte sich doch als weiter herausgestellt, als Gabb vermutete. Beziehungsweise hatte GJ länger gebraucht. Keuchend schlurfte der Junge hinter dem Engel her und zog schlangenspuren durch den Sand. Die Wut war vollständig verflogen. Vielmehr hatte er sich im Laufe der letzten Stunden grundlegend gewandelt. Als sie losgingen wurde Gabb schnell klar, was für ein Typ GJ eigentlich war. Es hätte ihm von vornherein auffallen müssen, da der Körper eines Himmelbewohners auf Erden sich aus dessen Vorstellung und Charakter bildete. Wenn er sich den Knaben genauer ansah, schien er recht klein geraten, dafür Übergewichtig. Schwabbelig, mit einem Schritt zum Weichkäse treten. Seine unreine Haut vervollständigte das Bild von schlechter Ernährung und zu wenig körperlicher Betätigung. Für den Himmel hat das allemal ausgereicht, aber für die Mission, die sie hier vor sich hatten…
Aber eins nach dem anderen, dachte sich Gabb, als er den Jungen weiter antrieb:
„Komm schon, es ist nicht mehr weit! Hoffentlich sind wir nicht zu spät!“ Schweißnasse Haarsträhnen klebten GJ im Gesicht und er tropfte wie das Leck in der Titanic.
„Zu spät?“, hauchte er. „Wofür?“
„Wirst du dann sehen!“ erwiderte Gabb und zog den Sohn Gottes über die nächste Düne. Der Mond stand glücklicherweise am Himmel und ließ das Ziel erkennen.
„Da!“ GJ kniff die Augen zusammen. Kurzsichtig schien er auch zu sein, denn er konnte nichts erkennen.
„Wo? Was?“ Hätte Gabb ihn nicht gezogen, wäre er auf der Stelle zusammen gebrochen und eingeschlafen. Die Nachtluft verwandelte ihren Atem in kleine Schäfchenwolken vor ihren Gesichtern, aber dafür hatte GJ keine Augen. Völlig erschöpft kam er an einem alten Bretterverschlag, mitten im Nirgendwo an und Gabb klopfte vehement an die Tür:
„Hallo?“ Wehklagen und heftiges Atmen durchdrangen die groben Bretter der Hütte. Gabb hämmerte wieder. Das Stöhnen wurde zu Schreien und wieder zu heftigem Durchatmen. Aber niemand machte auf. Noch einmal schlug Gabb auf die Tür ein. Plötzlich wurde sie aufgerissen und ein breitschultriger Mann mit einem langen Messer, blutigen Fingern und roten Schlieren an Gesicht und Gewand erschien im Eingang.
„Was denn?!“ spuckte er ruppig, wartete nicht auf die Antwort, sondern drehte sich auf der Stelle um und verschwand wieder. Das Innere wurde von einer kleinen Feuerstelle erleuchtet, während sich Esel und Schafe gerade gute Nacht sagten. Aufgrund der natürlichen Artenvielfalt und verschiedener ethnischer Herkunft, wie der dazugehörigen, nicht vorhandenen Schulbildung, verstanden sie einander nicht, wussten aber alle was gemeint war. Gabb und GJ steckten die Köpfe herein. Der Wahnsinnige war GJ nicht geheuer und was ging hier überhaupt vor? Seine Sinne standen auf ‚OBACHT‘! Auf einem Strohhaufen in der Ecke lag eine, vor Blut nur so triefende Frau, vollständig entblößt, untenherum, wie sich unschwer erkennen ließ. Sogleich machte er einen Schritt zurück. In seinem Mund wurde sein Keuchen, durch einen Magensäure-Mittagessen-Mischmasch, gewürzt mit scharfem Unterton im rechten Zungenbereich, ersetzt.
„Steht nicht so herum. Wenn ihr schon da seid, könnt ihr mithelfen“, bellte der Metzger, der sich bereits wieder vor die Öffnung der Frau begeben hatte und mit dem Messer zu schneiden begann. Sein Rücken verdeckte die Arbeit, doch im gleichen Augenblick begann die Frau wieder vor Schmerzen zu stöhnen. GJ schüttelte schreckstarr den Kopf. Wobei sollten sie helfen? Beim Ausweiden oder der Zubereitung??? Was war das hier nur für ein kranker Mist? Während Gabb langsam näher trat, machte der Junge kehrt und übergab seinen Mageninhalt in den Sand zu seinen Füssen. Mehrfach.
Gabb wusste indes Bescheid. Er, der zwar von Menschengeburt gelesen, jedoch nie eine miterlebt hatte, legte ihre Taschen ab und trat vorsichtig zu der Schwangeren.
„Geht es Ihnen gut, Maria?“, fragte er vorsichtig.
„ICH KRIEGE EIN KIND, MANN. SEH‘ ICH AUS ALS OB‘S MIR GUT GEHT?“, keifte die Frau, von heftigen Wehen geschüttelt und gestoßen. Zu spät!?! Wir sind sogar zu früh. Das hatte ich mir aber anders vorgestellt, murmelte Gabb. Die Frau schrie nur:
„WAS?“
„Ähm, nichts!“ erwiderte er und hockte sich, um ihre hingestreckte Hand zu halten.
„Der Kopf ist bereits zu sehen!“ sagte der Mann vorm Kanal und schaute in die Runde, während er mit den Händen zu helfen versuchte.
„HOL ES ENDLICH RAUS, JOSEF. MACH SCHON!“ krächzte die Frau, während sie mit lautem AH und OH Gebrüll presste und Gabbs Hand umklammerte, sie quetschte und ihre scharfen Fingernägel darin vergrub. Josef gab ihr die Kräuter, die er soeben geschnitten hatte.
„Hier nimm das! Und jetzt mach … es kommt, Maria … es kommt …“ spornte er seine Frau an. GJ revidierte seine Meinung über den angeblichen Kannibalen, blieb aber für nach der Geburt auf alles vorbereitet. Im Augenblick kam er sich hilflos und verloren vor, trat aber nun ebenfalls ein. Den Mund am Ärmel abwischend, blieb er stehen und schwitze den Boden voll. Unfähig etwas zu sagen oder zu tun, versuchte er nicht auf den Geburtsvorgang zu starren, sondern schaute sich zaghaft um. Ein Stall, so viel war sicher.
Zwei Esel, zwei Schafe, zwei Hühner. Zwei Ratten huschten vorbei. Es dauerte einen Augenblick, bis er es realisiert hatte, dann sträubten sich die Nackenhaare. Ratten? Auch das noch. Er würde im Stehen schlafen müssen. Sein rettungsringbehafteter Körper würde ihm etwas anderes erzählen. An eine Wand gelehnt legte er sein weißliches Fleisch zu Boden und schaute sich argwöhnisch um, während er die Geburtsgeräusche zu verdrängen suchte. Das ging eine Weile gut, doch ein gewaltiger Plopp brachte nicht nur neue Geräusche mit sich, sondern die blut-, schweiß- und tränige Luft wurde, wie die Innenausstattung, mit umherspritzendem Fruchtwasser angereichert. Sofort meldete sich GJs leerer Magen und zog sich auf Fingernagelgröße zusammen.
Während das Baby langsam das Schreien einstellte und genüsslich an des Mutters Busen naschte, brachte GJ noch immer sein übel riechendes Stroh raus.
„Nimm dies hier auch mit!“ scherzte Gabb und zeigte auf den blutig, wässrigen Strohbrei vor der völlig erschöpften Frau. Josef lachte höhnisch. Dafür fingen sie sich vernichtende Blicke ein:
„Äußerst komisch, wirklich!“ Josef bettete das schlafende Kind behutsam in die Krippe und legte Feuerholz nach. Alles war glatt gelaufen, für eine Stallgeburt im Jahre 0. Dem Herrn sei Dank.
Als sie so beisammen um das knisternde Feuer saßen und aßen, erzählte Josef seine Geschichte:
„Jede verdammte Herberge brechend voll!“ schmatzte er und schob noch was Brot nach. „Die Halsabschneider haben doch gesehn, wie prall Maria aussah. Sicher wollten sie ihre groben Laken nicht besudeln. Für ein paar Münzen hätte aber jeder von Ihnen die Beine breitgemacht, wetten?“ Josef lachte verbittert in sich hinein. Verständnisvoll nickte Gabb zustimmend, während Josef weitersprach „… und da sind wir hier untergekommen.“ Er nahm einen Schluck aus dem Wasserschlauch. „Immerhin.“ Eine Pause entstand und plötzlich meldete sich GJ zu Wort:
„Wie geht es ihr?“ Josef stand auf und ging zu seiner Frau herüber:
„Sie schläft!“ Als er zurückkam wandte er sich an Gabb: „Ach übrigens: Habt Dank!“
Bevor dieser etwas sagen konnte, klopfte es an der Tür. Ein aufgeregtes Geplapper in hoher Stimmlage war zu hören:
„Das ist das falsche Haus, wenn man überhaupt von einem Haus sprechen kann, liebe Freunde. Das sieht mir sehr nach einem heruntergekommenen Schuppen oder Stall aus, und der Besitzer dieser Hütte hat sicher keine Lust, dass wir hier mitternächtlich, mir nichts dir nichts, aufkreuzen und dort einzudringen gedenken. Wer weiß, was er daherinnen gelagert hat und wir haben ihn nicht mal um Erlaubnis …“ Weiter kam der Blubbernde nicht.
Josef riss die Tür auf und drängte die Neuankömmlinge vor sich her:
„RUHE!“ flüsterschrie er dem dicklichen Klopfer auf die ledrige Gesichtshaut. Dabei tippte er mit spitzem Finger in die wulstige Schulter, die jeden Widerstand aufgab und den Finger aufnahm bis zum Mittelgelenk. „Mein Neugeborenes schläft und IHR“, Josef schaute in die Runde der Drei, „werdet es nicht wecken, VERSTANDEN?“ Die drei Reisenden waren vollkommen überrascht, ob dieser rüden Begrüßung, da sie doch zur Geburt des Heilands gekommen waren. Der Klopfer machte den Mund als erster auf:
„Guata Mann, mia san von sehr woit komma um …“
„Das ist mir vollkommen egal. Wir sind überbelegt und ...“ Ein hochgewachsener, schlaksiger Mann mit tiefschwarzer Hautfarbe unterbrach Josef, unter Zuhilfenahme eines bedeutungsvollen Räusperns:
„HRHRM. Bitte, bitte“, beschwichtigte er den muskulösen, neu gebackenen Vater. „Wir haben Geschenke dabei!“ Gabb und GJ streckten die Köpfe aus dem Eingang. Und die Nummer zog. Sobald diese Worte fielen, schwenkte Josefs Stimmung um und er entspannte sichtlich. Bei seinem aufhellenden Gesicht, lockerten die drei Gestalten auch auf und der Dicke begann Neuem:
„Mia san also von sehr woit her, un san komma ums Kindle zum sehe.“
Josef kräuselte die Stirn:
„Woher wisst ihr vom … Kindle?“
Der kleine, drahtige meldete sich nun und schoss die Worte in die Nacht hinein:
„Das ist so, uns ist ein Engel erschienen und der meinte so: FÜRCHTET EUCH NICHT.“
GJ drehte Gabb fragend den Kopf zu. Schmunzelnd zuckte der mit den Schultern.
„…der hat uns erst auf den Trichter gebracht, loszuziehen, weil er meinte, wir könnten uns den Heiland ansehen, den König der Juden, den Erlöser, den …“
Der Wuchtige führte fort, da der Drahtige nach Luft schnappte. Solche Gelegenheiten ergaben sich nicht allzu oft:
„I sollt Ausschau holtn nd da hob i voageschtern die Steanschnuppn gsehn. Is nich weit von hia niadakumme. Da hammas sackerl packt un san loasganga un hia glandt! In Bethlem.“ Mit kurzem Finger auf den Stall zeigend. Josef legte ihm versöhnlich den Arm um die Schulter:
„Um noch mal auf die Geschenke zu sprechen zu kommen.“
„Erst das Kind, dann die Geschenke! So lautet der Deal!“ diktierte der schwarze Mann in seinen lang gezogenen Seidenkleidern, die mit jedem Schritt raschelten, wie noch nicht erfundene Plastiktragetaschen. Mit hochgezogenen Augenbrauen und steifem Gesicht schaute er von oben herab auf Josef. Die Art, wie er mit ihm sprach, schmeckte diesem überhaupt nicht, aber mit der Aussicht auf Geschenke, hoffentlich waren sie wertvoll und reichhaltig, hielt er sich zurück und gab sein Einverständnis. Sollten sich die drei Kuriositäten den Jungen ruhig ansehen, aus welchem Grund auch immer. Und dann sobald wie möglich verschwinden. Viel zu befürchten hatte er von ihnen ohnehin nicht, da er mehrfach körperlich überlegen war:
„Aber leise, ihr feinen Herren“, vor allem an das Plappermaul gewandt. So traten die Drei, Weisen wie sie sich bezeichneten, ein und beschauten sich das Neugeborene, wie es schlief und schlummerte. In Seligkeit und Anmut, wie einer von ihnen sich einbildete.
Als sie sich sattgesehen hatten und wieder draußen waren, übergaben sie ihm drei Bündel mit „Kostbarkeiten“ und verabschiedeten sich freudestrahlend. Aber nicht in die Richtung, aus der sie gekommen waren, sondern nahmen einen anderen Weg, um ihre Spuren zu verwischen. In Wahrheit hatte sie der Herrscher des Landes, Herodes, geschickt, der sich wegen des „Königs der Juden“ mächtig in die Hose machte. Die Story vom Engel hatten sie von einigen ortsansässigen Hirten aufgeschnappt. Sie erschien ihnen viel erfolgversprechender, um das Kind zu Gesicht zu bekommen. Die Wahrheit hätte unnötige Fragen aufgeworfen.
Zufrieden über ihren Erfolg und völlig übermüdet stapften die drei Weisen weiter durchs Ödland, direkt in die Arme ihres Gebieters, wie sich später herausstellen sollte.
„WAS?“ Josef war außer sich. Er schleuderte ein Bündel nach dem anderen in eine Ecke des Stalls. Der linke Esel wackelte bereits mit dem Ohr und das rechte Schaf öffnete ein müdes Auge. Es stank erbärmlich in der Unterkunft.
„Weihrauch, Myrre und Minze? GESCHENKE? Diese … diese …“ Josef lief rotbraunviolett an, atmete dann aus und sog die Luft wie ein Wahnsinniger in sich auf. Im Stall entstand ein Sekundenvakuum. Das Baby begann zu schreien und Maria, die gerade aufgewacht war, herrschte ihren Mann an:
„JOSEF, jetzt ist Schluss. Du hast bereits das Baby geweckt. WAS um alles in der Welt ist denn los?“ Während die drei Weisen zur Besichtigung gekommen waren, hatte sie tief und fest geschlafen und wurde nun von einem tollwütigen Ehemann aus dem Schlaf gerissen. Josef hielt wieder den Atem an und gab Maria das kleine Häufchen Mensch auf den Arm. Dann stürmte er heraus in die Nacht. Das Baby schlief binnen kürzester Zeit wieder ein.
„Ob er sich die Vögel von gerade schnappen will?“, flüsterte GJ. „Und was war das eigentlich mit dem ‚Fürchtet euch nicht‘ von dem die Weisen gesprochen haben!“ Eigentlich hatte Gabb keine große Lust sich zu erklären, entschied sich aber dagegen. Wenn alles nach Plan lief, hatte er in ein paar Minuten einen Partner. Und mit einem Partner teilte man:
„Ich weiß nicht, wo sie’s her haben. Habe nur ein paar Hirten in der Nähe Bescheid gesagt. Ist aber keiner umgefallen…“ grinste er achselzuckend. Der Junge war nicht amüsiert, aber informiert.
Er schaute zu Maria herüber. Diese schien weniger impulsiv als ihr Mann und genau die richtige Ansprechpartnerin für sein Anliegen:
„Maria?“
„Ja, Gabb?“ Ihre Blicke trafen sich und GJ fiel sofort die Vertrautheit darin auf. Eine Geburt schweißte wohl zusammen.
„Wie heißt eigentlich euer kleiner Sohn, der Fratz?“
„Ich bin für Jesus, obwohl es Josef nicht gefällt. Aber wir Frauen wissen uns durchzusetzten.“ Sie lächelte verschmitzt.
„So ist es wohl.“ Gabriel stapfte in die Ecke und holte die drei Bündel. In Kombination rochen sie schlimmer als Schafmist bei 40 Grad im Schatten unter dem Kopfkissen.
„Deshalb regt sich Josef so mächtig auf. Während ihr geschlafen habt, kamen drei Weisen aus dem Morgenland und wollten euren Sohn betrachten. Sie sagten es sei der Heiland/König der Juden und sie bringen Geschenke mit. Josef ließ sie ein und hoffte auf etwas Einträglicheres, als dies hier, möchte ich meinen.“
Maria staunte: „König der Juden und Heiland?“ In ihrem Gehirn knarzten hörbar die Zahnräder, dann fuhr sie fort. „Das könnte wahrlich unangenehme bis tödliche Verwicklungen mit sich bringen. Politisch ist das für eine Familie unseres Standes völlig untragbar. Wie sollen wir den Angriff eines politischen Gegners oder dessen Attentätern verhindern, geschweige denn adäquat zurückschlagen, um unsere gesellschaftliche Stellung, die wir zweifelsohne gar nicht erst besitzen, zu halten und zu verteidigen? Wer verbreitet einen solchen überaus gefährlichen Unsinn?“
Mit offenen Mündern saßen unsere zwei Helden in dem verdreckten Stall in Bethlehem und konnten die Redegewandtheit dieser einfachen Handwerksgattin kaum fassen. Gabb fasste sich als erster, GJ an den Kopf und kratzte:
„Ich habe keine Ahnung“, log der Engel. Unvermittelt kam Josef herein und setzte sich neben Maria aufs Stroh, wobei er sich die rechte Hand massierte. Sie sah geschwollen aus.
„Was ist mit deiner Hand, Josef?“, fragte Maria besorgt.
„Nichts, bin hingefallen“, gab er beiläufig an. „Was läuft hier?“ Er schaute in die Runde. Maria sprach ernst:
„Irgendwer verbreitet, unser Sohn wäre der Erlöser!“ Josef lachte leicht:
„Das haben die drei Wichtigtuer von gerade auch gesagt. Und Geschenke haben sie deshalb mitgebracht. Kräutergedöns.“ Er machte eine wegwerfende Handbewegung. „Habs ihnen auch redlich gedankt.“ Er grinste verschmitzt. Maria machte ein besorgtes Gesicht:
„Es werden noch mehr kommen, Josef.“
„Denen danke ich dann auch!“ gab der breitschultrige Mann an.
„Josef. Das ist eine gefährliche Entwicklung. Wir …“ Gabriel unterbrach die Diskussion:
„Freunde? Ich habe des Rätsels Lösung.“ Maria, Josef, sowie GJ und die Tiere waren gespannt. Mit einem behänden Griff in eine seiner Taschen, förderte der Engel eine ganze Handvoll Goldmünzen zu Tage. Josef funkelten die Augen. Maria setzte sich auf.
„Das“, er wedelte mit dem Minzesäckchen, „nehme ich an mich. Dafür lasse ich euch das Gold, im Austausch für …“ Er wurde rüde unterbrochen.
„Nein, kommt auf gar keinen Fall in Frage!“ Maria umklammerte ihr Neugeborenes und drehte es von Gabb weg. Josef ballte grimmig die Faust und wollte gerade aufstehen. Der Engel hob beschwichtigend die Hände:
„Aber nein! Heiße ich Rumpelstilzchen?“ Der Witz kam nicht an. Keiner kannte einen Rumpelirgendwas. Er fuhr fort. Die Eltern entspannten sich.
„Das Gold ist für den Namen!“
Nun waren sie baff:
„Jesus?“, fragte Maria. Josef kam nicht mehr mit und grinste nur noch, den Blick auf das Goldbündel gerichtet. Gabb hielt sich an die Frau.
„Jesus von Nazareth, ja. Nenne deinen Sohn wie du willst, aber nicht Jesus. Wenn dich jemand nach Jesus fragt, sagst du, es wäre eine Zwillingsgeburt gewesen und der Heiland sei bei einer Tante in Babylon oder Jericho, oder so was. Die drei Weisen brachten euch Weihrauch, Myrre und GOLD. Deshalb der plötzliche Reichtum. Kauft euch ein schönes Haus und zieht euren Sohn in Ruhe groß. Sie werden zu euch kommen und immer wieder Fragen stellen. Antwortet, euer Sohn Jesus kommt bei Zeiten wieder! Mehr nicht. Alles klar?“
Maria überlegte kurz, wurde aber sogleich von Josef unterbrochen. Das Glitzern in seiner Iris war wie Pulverschnee.
„Jap, so wird’s gemacht. Jericho, alles klar!“ Fordernd winkte er den Beutel heran, der sogleich den Besitzer wechselte. Josefs Aufmerksamkeit verlor sich im Sack. Wie schön sie klimperten!
Maria war scheinbar überstimmt, fragte jedoch:
„Warum?“ Josef antwortete statt dem Namenskäufer:
„Warum, warum. Muss denn immer alles hinterfragt werden? Der ehrenwerte Herr möchte den Namen“ Josef musste mitten im Satz wie ein Wahnsinniger kichern. Es war zu verrückt, der Typ hatte gerade einen Namen für Gold gekauft… „haben und bezahlt dafür in Gold. Was genau ist das Problem? Zudem wollten wir ohnehin keinen Jesus…“ Maria machte eine sauertöpfische Miene, erwiderte aber nichts mehr. Schließlich reckte Gabb die Arme in Luft und gebot ein:
„Es ist spät, wir sollten nun alle schlafen gehen!“ Dem hatte Niemand etwas hinzuzufügen. Wieder nickten sich Schaf und Esel zu. Nun verstand der schweigsame GJ gar nichts mehr. Warum das Ganze und was habe ich damit zu tun und was ist mit den Ratten und und und. Doch sein schlaffer Körper scherte sich nicht um irgendwelche Bedenken und schlief unverzüglich ein.
Der nächste Tag begann mit einer zünftigen Mahlzeit für Groß und Klein. Gabb zauberte frisches Brot aus seiner Tasche, machte Minz-Pfannkuchen und Minztee und Maria ließ die Brüste für Nicht-Jesus kreisen. Alle freuten sich über die Sonne, die seit nunmehr 288 Tagen ununterbrochen schien, und genossen die staubig trockene Luft, die in jede Ritze des Stalls hineinzog. GJ erwachte mit Kopfschmerzen.
„Aufstehen, Sonnenschein!“ Der Engel war bester Laune.
Der Sohn Gottes grummelte in den 2 Tagebart und drehte sich einmal mehr herum. So frühes Aufstehen, gepaart mit guter Laune war ihm unverständlich und –erträglich.
Nach dem Essen brachen die beiden Abenteurer wieder auf. Josef kauerte wie ein Leprechaun in einer Ecke und bewachte seinen Sack voll Gold. Vom Regenbogen keine Spur.
Gabb umarmte Maria und flüsterte:
„Bleibt bei der Geschichte. Es ist zu eurer eigenen Sicherheit!“
Dann strich er dem Neugeborenen über die Wange. Unbemerkt drang ein bisschen Engelsenergie durch die zarte Haut ein. Der Junge würde für lange Zeit von Krankheit verschont bleiben, wie sich später herausstellen sollte.
GJ verabschiedete sich artig und schob sich alsbald ebenso mühselig wie gestern durch den Sand.
„Und jetzt kannst du mir mal erklären, was da eigentlich abgegangen ist!“
„Ich gratuliere“, sagte der Engel grinsend. „Du bist nun ein richtiger Mensch, Jesus. Ab heute bist du Jesus von Nazareth!“
„Er is jetzt da! Wo möchten Sie ihn hin haben?“ Ein Koloss von Mann, eingezwängt in einen weißen XXXXL Kittel (die gab es nicht größer), hielt die Türklinken der 5m hohen Doppeltür in Händen, als ob es die eines Puppenhauses wären. Der gigantische Kopf runzelte 60 cm Stirn in Falten. Der Rest von ihm wartete auf Anweisung und schaltete ab.
An ihrem XXL Palisander-Schreibtisch ihres XXXL Büros, saß Frau Doktor Schabbach von Graupen-Aiching und studierte ein paar Akten. In der einen Ecke des Altbau-Raumes stand eine moderne Sitzgruppe mit der obligatorischen Couch auf einem schneeweißen Teppich. Eine Chrom-Standlampe spendete kaltes Weißlicht. Die andere Ecke füllte ein kleiner Coffee-Bereich mit Vollautomat und einem Stand-Bistrotisch, ebenfalls in Chrom gehalten. Neueste Entdeckung aus den N.U.S.A.3
