Die Robbenfrau - Ava Sandström - E-Book

Die Robbenfrau E-Book

Ava Sandström

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Beschreibung

Die raue Natur der Färöer und eine uralte nordische Sage, die eine junge Frau in ihren Bann zieht ...  »Die Robbenfrau« erzählt von einer Insel, geprägt von starken Frauen und geformt von Wellen und Wind, und von der alles umfassenden Legende der Robbenfrau Was bedeutet Familie für mich? Dieser Frage stellt sich die neunzehnjährige Kendra, nachdem sie ihr Elternhaus und ihre Heimatstadt im Streit fluchtartig verlässt. Ohne Ziel fährt sie per Anhalter los und landet schließlich auf den Färöern, wo sie in einer von wilder Natur und dem unberechenbaren Wetter des Nordatlantiks geprägten Umgebung ein ganz neues familiäres Miteinander erfährt. Das traditionsreiche Leben und die Nähe der Menschen zueinander ziehen Kendra an, irritieren sie aber gleichzeitig auch. Schließlich ist es die sagenumwobene Statue der Robbenfrau, der Kendra seltsam zu gleichen scheint, die sie tief in die Mythen des Landes führt und ihr hilft, die eigene Herkunft neu zu bewerten. Ava Sandström erzählt psychologisch vielschichtig vom Suchen und Ankommen, der Sehnsucht nach Freiheit und Unabhängigkeit, von Identität und Gemeinschaft und von der Kraft der Frauen. Ihr Sinnsuche-Roman ist auch eine bewegende Familiengeschichte und eine Hommage an die spektakuläre raue Natur der Färöer.

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Seitenzahl: 495

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Ava Sandström

Die Robbenfrau

Roman

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Was bedeutet Familie für mich? Dieser Frage stellt sich die neunzehnjährige Kendra, nachdem sie ihr Elternhaus und ihre Heimatstadt im Streit fluchtartig verlässt. Ohne Ziel fährt sie per Anhalter los und landet schließlich auf den Färöern, wo sie in einer von wilder Natur und dem unberechenbaren Wetter des Nordatlantiks geprägten Umgebung ein ganz neues familiäres Miteinander erfährt. Das traditionsreiche Leben und die Nähe der Menschen zueinander ziehen Kendra an, irritieren sie aber gleichzeitig auch. Schließlich ist es die sagenumwobene Statue der Robbenfrau, der Kendra seltsam zu gleichen scheint, die sie tief in die Mythen des Landes führt und ihr hilft, die eigene Herkunft neu zu bewerten.

Inhaltsübersicht

Widmung

1. Katrin

2. Thomas

3. Kendra

4. Thomas

5. Kendra

6. Katrin

7. Amalia

8. Kendra

9. Katrin

10. Thomas

11. Thomas

12. Katrin

13. Kendra

14. Amalia

15. Thomas

16. Kendra

17. Katrin

18. Amalia

19. Kendra

20. Thomas

21. Katrin

22. Kendra

23. Amalia

24. Kendra

25. Thomas

26. Katrin

27. Thomas

28. Kendra

29. Amalia

30. Thomas

31. Katrin

Nachwort und Danksagung

Quellen und Weiterführende Literatur

Erwachsen zu werden bedeutet, einige Illusionen zu verlieren und sich einige andere anzueignen.Virginia Woolf

1. Katrin

Hannover

Fast lautlos fiel die massive Haustür hinter ihr ins Schloss, und die Geräusche der Straße verloren sich ebenso wie die drückende Hitze des Sommernachmittags. Erleichtert atmete sie auf, ignorierte wie immer die Tür des Lifts zu ihrer Rechten und stieg die geschwungene Treppe hinauf, obwohl der Kasten ihres Cellos schwer wog und ihre Bluse unter dem Rucksack längst feucht auf ihrer Haut klebte. Seit sie Anfang des Jahres die letzte Rate für die Wohnung im zweiten Stock des Altbaus überwiesen hatten, fühlte es sich anders an, nach Hause zu kommen, und sie freute sich jeden Tag aufs Neue daran.

An einem verregneten Novembertag vor fünfundzwanzig Jahren hatten sie die Wohnung das erste Mal betreten. Lachend waren sie durch die Zimmerfluchten gerannt, hatten sich über die alten Bäder und die Einrichtung der Speisekammer amüsiert, über die steinernen Balkonbrüstungen gelehnt und das Efeu bewundert, das sie später verfluchten. Der Kaufpreis für die sechs Zimmer hatte ihre damaligen finanziellen Verhältnisse bei Weitem überschritten und die Renovierung sie über zwei Jahre gezwungen, auf einer Baustelle zu leben. Aber sie hatten das Abenteuer gewagt und waren mit einem ganz besonderen Zuhause belohnt worden. Katrins Herz schlug nach wie vor höher, wenn sie daran zurückdachte. Auch an diesem Spätnachmittag. Die Wohnung war ihr Nest, ihr Rückzugsort vor einer Welt, die sie immer weniger verstand. Pandemie, Klimawandel, Krieg. Sie las keine Nachrichten mehr, versuchte anders als Thomas, der sich schon mit dem ersten Kaffee am Morgen einen Überblick verschaffte, auszublenden, was geschah. Doch das Ignorieren des Zeitgeschehens war nicht immer möglich. In den Gesichtern und der Haltung der Menschen spiegelte sich die Aufregung der Medien, und die Gespräche, die sie zwangsläufig in der Straßenbahn oder den Pausen der Proben mithörte, mündeten häufig in einem der ungeliebten Themen, als hätte man sie nicht schon tausendfach durchdiskutiert. Und als wäre das alles nicht schlimm genug, waren sie noch von Thomas’ Vergangenheit eingeholt worden.

Die Gedanken an das Leben draußen und die damit verbundenen Ängste verloren sich, sobald die Wohnungstür aufschwang. Konnte man Ruhe und Frieden einatmen? Beim Anblick der geschliffenen Dielen und des durch die bodentiefen Fenster hereinfallenden sanften Lichts ließ sich die Anspannung tatsächlich abstreifen wie die Sandalen von den Füßen und der Rucksack von den Schultern. Sie stellte ihr Cello im Musikzimmer ab und wusch sich die Hände in der Gästetoilette, bevor sie durch den langen Flur in die am Ende gelegene Küche ging, um den Kaffeeautomaten anzustellen. Die Blätter des Ahornbaums vor den Fenstern warfen tanzende Schatten über den Tisch und das antike Büfett von Thomas’ Großmutter. Leise summte Katrin die Melodie des letzten Satzes des Concerto grosso, das sie heute geprobt hatten. Als Reminiszenz an ihren bekanntesten Kapellmeister spielten sie im Staatsorchester nach langer Abstinenz wieder Händel. Sie hatte die klaren Klänge des Barocks vermisst, ebenso wie die feierliche Stimmung, die der Musik dieses Komponisten zu eigen war. Doch die Probe hatte sie auch ermüdet. Die Arbeit war fordernd gewesen und ihre Konzentration nicht die beste, allein ihre langjährige Erfahrung hatte sie vor gröberen Fehlern bewahrt.

Nun ließ der Duft des frisch gebrühten Espressos ihre Lebensgeister jedoch wieder erwachen. Mit der Tasse in der Hand schlenderte sie in Richtung Wohnzimmer und kickte im Flur gedankenverloren ein paar Sportschuhe von Kendra unter das Regal. Ihre Tochter würde vermutlich nie lernen, Ordnung zu halten, zumindest nicht im elterlichen Haushalt. In ihrem Zimmer sah es meistens aus, als wäre eine Bombe aus Bekleidung und Schulsachen explodiert, und auch in der übrigen Wohnung ließ sie alles stehen und liegen, was sie nicht mehr brauchte. Für Thomas war Kendra ein permanenter Quell des Ärgers. Anfangs, als ihr Verhalten mit dem Fortschreiten der Pubertät allmählich eskalierte, versuchte Katrin noch zu vermitteln, war dem Temperament der beiden jedoch nicht gewachsen. Die ständigen Streitereien trafen mit dem Einsetzen ihrer Wechseljahre zusammen, und zusätzlich gequält von Dünnhäutigkeit, Nervosität und Schlafstörungen, fühlte sie sich bald völlig überfordert, zumal sie während dieser Zeit durch einen Dirigentenwechsel auch beruflichen Spannungen ausgesetzt war. Thomas hatte nicht offen opponiert, als sie ihm mitgeteilt hatte, dass sie sich professionelle Hilfe suchen wollte, aber seine Skepsis war dennoch offensichtlich gewesen. Er hielt nicht viel von Seelenklempnern, die in der Vergangenheit ihrer Patienten rumstochern, um sich selbst eine Daseinsberechtigung zu geben. Damit zielte er vor allem auf seine ältere Schwester Birgit ab, die eine Psychotherapiepraxis leitete und zu der er sich, warum auch immer, in ständiger Konkurrenz befand. Katrin konnte diese Abneigung nie wirklich nachvollziehen, wenngleich sie Birgits Leben in der von Altachtundsechzigern geprägten Wohngemeinschaft auf einem Bauernhof als durchaus exzentrisch empfand.

Mit der Kaffeetasse in der Hand trat sie auf den Balkon hinaus. Eine Amsel sang gegen den Verkehrslärm an, der zum Feierabend hin kurzfristig anschwoll, um dann völlig abzuebben, und Katrin dachte an das letzte Gespräch mit ihrer Therapeutin zurück. Sie hatten sich über ihre Probleme mit Kendra unterhalten, ihren jugendlichen Starrsinn und ihre aufbrausende Art. Das große Thema des Loslassens. Das ganze Leben bestand daraus. Es war eine Erkenntnis, die sie intellektuell nachvollziehen konnte. Emotional gelang es ihr nicht. Die Angst um ihre neunzehnjährige Tochter blockierte sie, sie wollte kontrollieren, wo sie nicht durfte, und es mangelte ihr an Vertrauen. Ihrer Meinung nach fehlte Kendra ein gesundes Maß an Besonnenheit und Ehrgeiz. Sie war in dieser Hinsicht anders als ihr um zehn Jahre älterer Bruder Benjamin, der schon als Kind genau wusste, was er wollte, und mit einem Fleiß daran arbeitete, es zu erreichen, sodass es kein Wunder war, dass er später sein Jurastudium inklusive des zweiten Staatsexamens innerhalb von nur sieben Jahren bewältigte. Auch Thomas war wahnsinnig stolz auf seinen Überflieger, wie er seinen Sohn gern liebevoll nannte. Katrins Blick verlor sich im Grün der Bäume des Stadtwalds auf der anderen Straßenseite. Als Benni noch zu Hause wohnte, joggte er jeden Morgen vor der Schule dort, und wenn sie vom Fenster aus beobachtete, wie er mit langen, kräftigen Schritten unter den Bäumen verschwand, jedes Wetter ignorierend, war sie jedes Mal dankbar für das unkomplizierte Leben mit ihm. Er musste nie daran erinnert werden, seine Hausaufgaben zu erledigen, und vor wichtigen Prüfungen lernte er, statt zu feiern.

Katrin nippte an ihrem Espresso, blickte auf die Straße hinunter und zählte aus alter Gewohnheit die Fahrräder, die am Zaun angekettet waren. Kendras Rad lehnte ganz rechts an einem Pfosten. Katrin runzelte die Stirn. Ihre Tochter hasste es, weite Strecken zu Fuß zu gehen. Wenn sie das Haus verließ, nahm sie ihr Fahrrad mit. Katrin stellte ihre Tasse auf dem Balkontisch ab und eilte durch das weitläufige Wohnzimmer und den Flur. Sie hatte die Hand schon auf dem Griff von Kendras Tür, zog sie dann aber doch zurück und klopfte. Keine Reaktion. Sie klopfte ein weiteres Mal. Ein ungutes Gefühl beschlich Katrin. Vor zwei Tagen erst hatte Kendra im Rahmen einer Abschlussfeier ihr Abiturzeugnis erhalten. Nach der Feier war Kendra mit nach Hause gekommen, um sich dann aber gleich wieder zu verabschieden. Seither hatten sie sich nicht mehr gesehen. Das war nicht ungewöhnlich, nach Abschluss der mündlichen Prüfungen bestand für Kendra kein Grund, früh aufzustehen, und meistens schlief sie noch, wenn ihre Eltern das Haus verließen. Abends kehrte sie häufig erst wieder zurück, wenn diese schon im Bett waren. Aber bisweilen hatte Katrin den Verdacht, dass Kendra ihnen – und ganz besonders Thomas – bewusst aus dem Weg ging.

Sie öffnete die Zimmertür und sah sich mit dem gewohnten Chaos konfrontiert. Schmutzige und saubere Wäsche lag auf Bett und Boden verstreut, dazwischen der Umschlag mit dem Abschlusszeugnis beinahe achtlos hingeworfen. Kendras Notendurchschnitt reichte nicht für ihren Wunschstudiengang Biologie. Darüber waren sie sich alle schon seit Monaten im Klaren gewesen. Aber vielleicht war es ihr erst jetzt beim Anblick des Zeugnisses wirklich bewusst geworden. Auf dem Schreibtisch stapelten sich noch ein paar Schulbücher. Katrin blickte sich suchend um. Kendras Umhängetasche fehlte. Sie eilte hinaus und öffnete den Schuhschrank. Auch die Sneakers ihrer Tochter waren nicht da. Ebenso wenig ihre Flipflops und die Sommerjacke, die normalerweise in der Garderobe hing. Katrin spürte, wie ihr der Schweiß ausbrach. Aber warum? Es war nicht ungewöhnlich, dass Kendra für ein, zwei Tage bei ihrem Freund untertauchte oder einer Freundin, ohne es vorher anzukündigen. Warum beunruhigte es sie dann jetzt?

Katrin suchte ihr Telefon aus dem Rucksack heraus und überprüfte die eingegangenen Nachrichten. Von Kendra war keine dabei. Sie wählte die Nummer ihrer Tochter, erreichte aber nur ihre Mailbox. Kendra war ganz sicher bei Max oder Nina. Sie murmelte es wie ein Mantra vor sich hin, während sie erneut in das Zimmer ihrer Tochter trat. Etwas war anders. Sie hätte nicht sagen können, was es war. Aber etwas war anders. Fühlte sich anders an.

Ihr Blick fiel auf die Pinnwand, die neben Kendras Schreibtisch an der Wand hing. Zwischen alten Festivalbändern, Gutscheinen und dem Stundenplan des letzten Winterhalbjahrs entdeckte sie ein Foto von ihrer Tochter, Max und Nina. Kendra stand in der Mitte und lachte in die Kamera, Max und Nina hatten sich ihr zugewandt und küssten sie auf die Wange. Katrin kannte das Foto nicht, und ihr wurde bewusst, wie sehr sie sich entfremdet hatten und wie wenig Kendra sie an ihrem Leben teilhaben ließ.

Wie in so vielen anderen Familien hatte die Pandemie auch in der ihren Spuren hinterlassen, Schulschließungen und Homeoffice-Zwang hatten Konflikte verschärft. Kendra hatte sich in dieser Zeit oft tagelang in ihrem Zimmer eingeschlossen, manchmal war sie nicht einmal zu den gemeinsamen Mahlzeiten erschienen. Da die Schwimmhallen geschlossen waren, fuhr sie frühmorgens stundenlang mit ihrem Rennrad durch die verlassenen Straßen der Stadt. Die gemeinsame Wohnung war trotz ihrer Größe dennoch zu klein geworden.

Katrin nahm das Foto von der Pinnwand und betrachtete es genauer. Ihre Tochter sah glücklich aus, unbeschwert. Kendra war keine Schönheit im klassischen Sinn, aber sie hatte ein ausdrucksstarkes Gesicht mit einem ausgeprägten Schmollmund und einem für eine Frau fast zu kantigen Unterkiefer, dessen vermeintliche Entschlossenheit dem weichen Blick ihrer blauen Augen widersprach. Niemand hätte sie unbedingt für Mutter und Tochter gehalten. Dank ihres regelmäßigen Schwimmtrainings hatte Kendra einen muskulösen Körper. Schon seit Kindertagen war sie Vereinsmitglied von Hannover 96 und hatte es immerhin zu einigen Erfolgen gebracht. Zumindest in dieser Hinsicht besaß sie eine gewisse Ähnlichkeit mit ihrem Bruder.

Wo war ihre Tochter jetzt?

Da Privatsphäre in ihrer Familie einen hohen Stellenwert innehatte, zögerte Katrin, Kendras Zimmer zu durchsuchen. Doch dann entdeckte sie das Tablet ihrer Tochter unter dem Bett. Als sie es darunter hervorfischte, fand sie eine Schachtel, die sie Kendra zu Zeiten, als ihr das Taschengeld noch in bar ausgezahlt worden war, zum Geschenk gemacht hatte. Es überraschte sie zu sehen, dass Kendra sie nach wie vor nutzte. Katrin fand darin Kaufbelege und ein kleines mit Ein- und Ausgaben gefülltes Notizbuch. Das hätte sie ihrer Tochter nicht zugetraut. Der letzte Eintrag war erst zwei Wochen alt. Kendra hatte ihrem Ersparten fünfzig Euro hinzugefügt und schlussendlich über eine Summe von vierhundertfünfundachtzig Euro in bar verfügt. Und nun waren sowohl das Geld als auch ihre Tochter verschwunden.

Bevor Katrin wusste, was sie tat, hatte sie bereits Max’ Nummer gewählt. Er reagierte seltsam distanziert und gab vor, Kendra seit der Zeugnisvergabe vor zwei Tagen nicht mehr gesehen zu haben. Und noch während sie mit ihm sprach, erinnerte sich Katrin, dass er und Kendra während der ganzen Feierlichkeiten auf Abstand geblieben waren. Sie hatte diesem Umstand an jenem Tag weiter keine Bedeutung zugemessen, jetzt zog sie jedoch ihre Schlüsse. Hastig verabschiedete sie sich und rief Nina an.

»Was ist bei Max und Kendra los?«

Kendras beste Freundin zögerte. »Sie haben sich wohl verkracht.« Und nein, auch sie hatte Kendra seit der Feier nicht mehr gesehen.

Katrin sank auf das Bett ihrer Tochter. Wieder blickte sie auf die Fotografie in ihrer Hand. Was war geschehen? Wo war Kendra, wenn nicht bei Max oder Nina? Das Herz schlug ihr mit einem Mal bis zum Hals. War ihrer Tochter etwas zugestoßen? Hatte sie sich in ihrer Sturheit in eine gefährliche Situation begeben, sich mit Menschen eingelassen, die ihr schaden konnten? Sie spürte, wie ihre Hände vor Aufregung feucht wurden. Sie musste … Ja, was? Bei der Polizei anrufen. Nein. Zuerst mit Thomas sprechen. Mit zitternden Fingern wählte sie seine Nummer. Es dauerte ewig, bis das Freizeichen ertönte.

Thomas hatte sein Mobiltelefon immer auf dem Schreibtisch liegen; wenn er in seinem Büro war, würde er sofort rangehen. Und so war es auch. »Katrin, was ist los?« Er klang überrascht und besorgt. Er schätzte es nicht, während der Arbeit unterbrochen zu werden, daher gab es eine unausgesprochene Vereinbarung zwischen ihnen, dass sie nur anrief, wenn ein wichtiger, unaufschiebbarer Grund vorlag, weshalb er natürlich alarmiert war, sobald er ihre Nummer auf dem Display erkannte.

Seine Stimme zu hören beruhigte sie, löste gleichzeitig aber auch Beklemmung aus. Wenn sie ihre Vermutungen aussprach und ihre Sorge um Kendra mit ihm teilte, würde sie damit ihre Befürchtungen unwiderruflich in die Realität transportieren, und sie fragte sich ein letztes Mal, warum sie so sicher war, dass ihre Tochter nicht einfach nur zum Schwimmen gegangen war und in der nächsten Stunde nach Hause kommen würde.

»Thomas, Kendra ist verschwunden.«

Die Stille am anderen Ende der Leitung währte einen Moment zu lang, und ihre Nervosität wuchs. Dann hörte sie, wie er sich räusperte.

»Wie kommst du darauf?«

»Wie ich darauf komme?« Sie hörte selbst den leicht hysterischen Unterton in ihrer Stimme. »Ihr Fahrrad ist da, aber sie nicht. Ihre Sommerjacke fehlt, ihre Sneakers, ihre Flipflops und …« Sie griff sich mit der Hand an den Hals und schluckte gegen den Kloß, der dort das weitere Sprechen schwer machte, als sie an die Schachtel dachte, die sie unter dem Bett gefunden hatte. »… sie hat ihr gesamtes Bargeld mitgenommen. Vierhundertfünfundachtzig Euro.« Ihre Stimme versagte.

»Katrin, beruhige dich«, bat Thomas, und sie wünschte, er wäre bei ihr, und sie könnte seine Mimik lesen. »Kendra verschwindet seit zwei Jahren regelmäßig für die eine oder andere Nacht und ist bislang immer wieder unversehrt aufgetaucht. Hast du schon mit Max gesprochen?«

»Da ist sie nicht. Sie haben sich zerstritten. Thomas, glaub mir, es ist nicht wie sonst, es ist …« Sie suchte nach Worten, aber das Einzige, das ihr einfiel, war: »Es ist anders.«

»Anders«, wiederholte er, und sie war irritiert von dem spöttischen Unterton in seiner Stimme. Zu ihrer Beklemmung gesellte sich aufkeimender Zorn.

»Thomas, ich erzähle dir gerade, dass unsere Tochter verschwunden ist, und du verlierst dich in Wortklaubereien! Wirklich …«

»Katrin, bitte, so war es nicht gemeint. Was ist mit Nina?«

»Von ihr weiß ich, dass Kendra und Max sich zerstritten haben.«

»Hast du schon versucht, Kendra selbst anzurufen?«

»Natürlich, aber da geht nur die Mailbox ran.«

»Immerhin hat sie jetzt eine.«

Katrin schwieg.

»Wir sollten nicht überstürzt handeln«, fuhr er fort. »Ich bin in weniger als zwei Stunden zu Hause, dann können wir alles besprechen. Und vielleicht …« Er brach ab.

»Und vielleicht hat sich dann alles schon erledigt, wolltest du das sagen?« Sie atmete tief durch. »Du hältst mich für hysterisch, Thomas, aber das bin ich nicht. Ich bin einfach nur in Sorge.«

Sie legte in diesem letzten Satz die Betonung auf jedes Wort, als könne sie ihrem Mann auf diese Weise noch einmal die besondere Bedeutung ihres Anrufs vermitteln. Dann beendete sie das Gespräch, ohne auf eine weitere Antwort zu warten. Sie kannte ihn. Auf überbordende Emotionen reagierte er seit jeher mit Sarkasmus. Diese Inkompatibilität war seit ihrer ersten Begegnung ein Stolperstein, dennoch waren sie ein Paar geworden und lebten nun seit fast dreißig Jahren miteinander, weil es ihnen gelungen war, trotz ihres unterschiedlichen Temperaments in der Regel auf einer vernünftigen Basis zu kommunizieren. Wenn sie ehrlich mit sich war, war es in den letzten Jahren schwieriger geworden, waren ihre Debatten und Diskussionen einer Schweigsamkeit gewichen, die drückend sein konnte, vor allem wenn sie sich wortlos am Tisch gegenübersaßen, vermeintlich jeder in seine eigenen Gedanken vertieft. Aber war das nicht normal in einer langjährigen Ehe wie der ihren?

2. Thomas

Hannover

Unschlüssig starrte er auf das Display seines Smartphones. Das als Hintergrundbild eingerichtete Club-Logo seines Lieblingsvereins Hannover 96, von dem er bei jeder passenden Gelegenheit behauptete, nur Sympathisant und kein Fan zu sein, hatte sich längst wieder über die Darstellung der Telefon-App gelegt, doch Katrins Stimme klang ihm noch immer im Ohr.

Kendra ist weg.

Hatte sie das wirklich genau so gesagt?

Er wusste es nicht mehr. Seine Gedanken flogen durcheinander, die ursprüngliche Formulierung hatte sich verloren, und wie so oft in solchen Momenten erwies sich die Erinnerung als trügerisch. Vielleicht auch, weil er die Situation in seiner spontanen Erwiderung auf Katrins besorgte Äußerung heruntergespielt hatte. Dabei konnte er nicht einmal mehr sagen, ob dies geschehen war, um seine Frau oder eher sich selbst zu beruhigen. Er wollte einfach nicht glauben, dass Kendra tatsächlich weg war. Selbst als es noch möglich gewesen war, relativ vernünftig mit seiner Tochter zu kommunizieren, war es häufiger geschehen, dass sie Stunden später als vereinbart nach Hause gekommen oder gleich eine ganze Nacht bei einer Freundin geblieben war, ohne ihre Eltern vorher darüber zu informieren. Weder ernsthafte Aussprachen noch Drohungen hatten dieses Verhalten ändern können. Dennoch ließ ihn der Anruf nicht los. Er legte das Handy ab und versuchte, den aufdringlich blinkenden Cursor des Siebenundzwanzig-Zoll-Monitors auf seinem Schreibtisch zu ignorieren. Er musste heute noch einen Redebeitrag liefern, doch seine Konzentration war verloren. Ziellos ließ er den Blick über die mit Büchern und Akten gefüllten Regale seines Büros in der Staatskanzlei gleiten, ohne sie zu sehen. Nur am Rande nahm er den Kunstdruck der herbstlichen niedersächsischen Eichbaumallee wahr, der in einigem Abstand neben verschiedenen, seine Karriere widerspiegelnden Dokumenten und Fotos die schlichte weiße Wand schmückte. Konnte es sein, dass Katrins Sorge begründet war? Er erinnerte sich nicht daran, dass Kendra in letzter Zeit anders als sonst gewesen wäre. Aber wann hatte er das letzte Mal mit ihr gesprochen, ohne dass sie in Streit geraten waren? Er hatte das Abfallen ihrer schulischen Leistungen als besorgniserregend empfunden und in dieser Hinsicht in den vergangenen Wochen, wenn nicht sogar Monaten, kein Blatt vor den Mund genommen. Kendra war nach diesen Auseinandersetzungen meistens wutentbrannt aus der elterlichen Wohnung gestürmt, und danach war in der Regel tagelang kein Gespräch möglich gewesen. Letztlich hatte sie das Abitur geschafft, aber das Ergebnis war so knapp, dass niemand im Nachhinein sagen konnte, ob sie die Hürde aufgrund ihrer Leistungen genommen hatte oder weil das Lehrerkollegium Gnade vor Recht walten ließ, um sich nicht noch ein weiteres Jahr mit ihr herumärgern zu müssen. Und so war eingetreten, wovor er seine Tochter stets gewarnt hatte: Ihr Abschluss erfüllte nicht die Anforderungen für das ersehnte Biologiestudium, was überaus ärgerlich war. Und darüber hinaus vielleicht auch der Grund für die Distanz, die sie suchte.

Thomas war überzeugt, in seinem Leben nur deshalb so viel erreicht zu haben, weil er unbenommen manch glücklicher Fügung seine Ziele schon früh konsequent und diszipliniert im Auge behalten hatte. Eine solche Einstellung hätte er sich auch von seiner Tochter gewünscht. Dann würde sie ebenfalls eines Tages ein so geräumiges und komfortables Büro als Zeugnis ihres beruflichen Erfolges zu ihrer Verfügung haben und zufrieden auf eine gehobene Position wie die seine blicken können, weit genug von der des Staatssekretärs entfernt, um ausreichende Handlungsfreiheiten zu besitzen, und nah genug, um auf die Weiterentwicklung seiner Karriere Einfluss nehmen zu können. Aber seine Tochter war nicht wie er.

Katrin hatte behauptet, etwas wäre anders diesmal. Zwar reagierte sie meist emotionaler und für seinen Geschmack eine kleine Nuance zu künstlich auf Kendras Eskapaden, insbesondere dann, wenn er mit ihr zugleich weitere Meinungsverschiedenheiten auszufechten hatte, doch nach fast siebenundzwanzig Jahren Ehe konnte Thomas die Vielfältigkeit ihrer Reaktionen insoweit einschätzen, dass das soeben beendete kurze Gespräch umso alarmierender auf ihn wirkte, je länger er darüber nachdachte.

Kendra hatte ihnen vom Tag ihrer Geburt an, nein, eigentlich schon vorher Probleme bereitet. Bereits während der Schwangerschaft hatte Katrin sich gequält, war oft im Krankenhaus gewesen und mit den Nerven schon am Ende, bevor ihre Tochter überhaupt geboren war. Danach waren sie beide gar nicht mehr zur Ruhe gekommen. Kendra war ein Schreikind gewesen – und geblieben. Ganz im Gegensatz zu Benjamin. Der war irgendwie mitgelaufen. Unkompliziert und unspektakulär. Vielleicht lag es daran, dass er einfach passiert war. Völlig ungeplant. Thomas musste wider Willen lächeln, als er daran zurückdachte, wie überrascht er damals war, plötzlich ein eigenes Kind im Arm zu halten, während er selbst noch mitten im Studium stand. Obwohl sie schon zwei Jahre zusammen waren und ihre Beziehung sich immer weiter festigte, hatten Katrin und er keine Gedanken an Hochzeit, Ehe und Familienplanung verschwendet, und auf einmal fand mit Schwangerschaft, Kind und Staatsexamen gefühlt alles gleichzeitig statt. Die für Katrins Geschmack viel zu unspektakuläre Hochzeit pressten sie elf Monate nach Benjamins Geburt mehr oder weniger in den Kalender, und in so mancher Nachbetrachtung fragte sich Thomas, wie das alles gelingen konnte. Woher hatten sie damals die Energie genommen, wo doch heute manchmal schon der Einkauf kurz vor dem Wochenende ihnen große Kraftanstrengungen abverlangte? Viel von dieser Tatkraft hatte sich vermutlich aus ihren gemeinsamen Perspektiven gespeist. Sie hatten Pläne, Wünsche gehabt … Was war davon übrig geblieben?

Ein leises Klopfen an seiner halb geöffneten Bürotür und ein um Aufmerksamkeit werbendes Räuspern einer weiblichen Stimme brachten Thomas abrupt in die Realität seines Arbeitsumfeldes zurück. Hastig wandte er den Blick zur Tür, doch es dauerte einen Moment, bis er die im Schein der Korridorbeleuchtung vor ihm stehende Person erkannte.

Ein kaum wahrnehmbares Zucken in den Mundwinkeln von Jessika Altmann, der persönlichen Referentin des Staatssekretärs, deutete darauf hin, dass seine Reaktion sie amüsierte.

»Störe ich?«, fragte sie, obwohl es nicht ihre Art war, ein Gespräch mit einer Vorrede oder einem Intro zu beginnen, wie Thomas bereits bei früheren Begegnungen festgestellt hatte. Selbst einen Gruß empfand sie als Zeitverschwendung, es sei denn, protokollarische Pflichten oder einfache Höflichkeit erforderten dies.

»Sie stören ganz und gar nicht!«, erwiderte er eilends. »Was kann ich für Sie tun?«

»Ich hatte soeben ein Gespräch mit Ihrem Referatsleiter, war also sowieso im Haus …«, begann Jessika, unterbrach sich jedoch sogleich selbst, die Lippen leicht aufeinandergepresst, als überlege sie, wie sie den begonnenen Satz fortsetzen sollte. Ihre Mimik erinnerte Thomas spontan an Kendra, die schon als kleines Mädchen ein ähnliches Gesicht gezogen hatte, wenn sie etwas erreichen wollte und noch nicht wusste, wie sie ihre Eltern am besten überzeugen konnte. Er hatte bis heute nicht herausgefunden, ob seine Tochter diese Geste bewusst einsetzte oder es sich um einen natürlichen Reflex handelte.

»Es hat eine unvorhergesehene Änderung bezüglich Ihres Redebeitrags gegeben«, fuhr Jessika in entschuldigendem Tonfall fort. »Statt der bislang vorgesehenen zwei Minuten benötigen wir nun vier. Dafür haben Sie allerdings auch einen Tag mehr Zeit, da die Präsentation unseres Chefs auf Anfang nächster Woche verschoben worden ist.«

Während sie sprach, trat sie in sein Büro, und Thomas versuchte, den Blick auf ihr makelloses Gesicht zu konzentrieren, das von einem wilden Schopf halblanger dunkelblonder Haare eingerahmt wurde. Dennoch kam er nicht umhin, ihren eng anliegenden ärmellosen Strickpullover mit dem schmalen Stehkragen zu registrieren, der ihren trainierten Oberkörper betonte und ihre gut geformten Arme zur Geltung brachte. Als er sich neulich aus der Teeküche einen Kaffee geholt hatte, war er ungewollt Ohrenzeuge eines Gesprächs zweier Sachbearbeiterinnen geworden, wonach die Assistentin angeblich schon als junge Frau all ihre finanziellen Mittel und jede Minute ihrer Freizeit dafür investiert hatte, in Form zu bleiben. Mit Faszination hatten die beiden Damen gemutmaßt, dass die Frau Altmann selbst jetzt mit knapp vierzig wohl noch immer nahezu jede Trendsportart ausprobiere.

Thomas gab nicht viel auf Tratsch. Er hielt sich lieber an Fakten, wenn es darum ging, sich ein Urteil zu bilden, doch diese unbelegte Information war in seinem Gedächtnis haften geblieben. Sicher nicht ganz zufällig. Jessika Altmann beschäftigte ihn, seit sie vor wenigen Monaten in die Funktion der persönlichen Assistentin des Staatssekretärs berufen und sofort mit einem Übermaß verschiedener Aufgaben überschüttet worden war, was sie jedoch nicht davon abgehalten hatte, sich umgehend mit allen Bereichen und Mitarbeitern der Staatskanzlei vertraut zu machen und ihre eigene Marke zu setzen. Er fühlte sich von ihr gleichzeitig herausgefordert und angespornt; wäre er zwanzig Jahre jünger gewesen, hätte er nicht nur in beruflicher Hinsicht versucht, sich mit ihr zu messen.

»Wollen wir uns kurz setzen, um meine neue Freiheit inhaltlich zu besprechen?« Er hörte selbst seinen leicht ironischen Unterton und wies auf die Sitzgelegenheiten unter dem Fenster.

Sie zögerte, und an der Art, wie sie ihn dabei ansah, fragte er sich, wie viel sich von seinen letzten Gedanken in seiner Mimik gespiegelt hatte.

»Das wird nicht nötig sein«, erwiderte sie dann jedoch mit angedeutetem Lächeln. »Für Ihre Inhalte haben Sie völlig freie Hand. Möglicherweise komme ich zur Anpassung der Übergänge von Ihrem Teil zu den anderen Textbausteinen auf Sie zurück, aber das können wir auch telefonisch erledigen.«

Die leise Enttäuschung, die ihre Ablehnung in ihm auslöste, irritierte ihn. Ihr Kontakt hatte sich bislang auf nur wenige und in der Regel dienstliche Gespräche beschränkt, dennoch war ihm aufgefallen, dass sie eine gewisse spontane Sympathie für ihn zu hegen schien. Das streichelte sein Ego, beunruhigte ihn jedoch auch, was wiederum dazu führte, dass er sich häufig distanzierter gab als nötig. Heute war sie es, die den Abstand wahrte. Es war wie ein Tanz.

»Okay«, bemerkte er daher abschließend. »So machen wir es.«

Ein letztes flüchtiges Lächeln, und schon war sie verschwunden. Er lauschte ihren verhallenden Schritten, während sein Blick auf sein Smartphone fiel, das er bei Jessikas Ankunft neben seine Tastatur gelegt hatte. Was er in den vergangenen Minuten erfolgreich verdrängt hatte, war damit sofort wieder präsent, und erneut stellte er sich die Frage, wie seine Kinder so unterschiedlich in ihren Charakteren sein konnten und woher Kendra ihr aufbegehrendes Wesen haben mochte. Vererbungslehre war nicht sein Steckenpferd, er wusste aber wohl, dass zumindest ein Teil der menschlichen Eigenschaften genetisch bedingt war und über Generationen hinweg weitergegeben werden konnte, denn weder von ihm noch von Katrin konnte ihre Tochter diesen Wesenszug haben. Es war frustrierend, wie wenig Einfluss sie auf Kendra besaßen. Aber wem vertraute sie dann? Wer hatte ihr all die Flausen in den Kopf gesetzt, die sie in ihren Argumentationen vorbrachte? Wer hatte ihr ins Ohr geflüstert, dass sie frei war und nur dem folgen musste, wonach ihr der Sinn stand, dass Ziele überflüssig waren, da sich meistens doch alles von selbst regelte?

Nicht zum ersten Mal dachte er in diesem Zusammenhang an seine Schwester Birgit und den peinlichen Streit auf der letzten Familienfeier. Kendra hatte wieder einmal ihre ganz eigene Meinung zu einem Vorschlag seinerseits gehabt, worauf Thomas zugegebenermaßen nicht sehr taktvoll reagiert hatte. Nach Kendras theaterreifem Abgang, für den er fragende, missbilligende bis zornige Blicke von verschiedenen Seiten auf sich gezogen hatte, war es Birgit gewesen, die seine Tochter wieder eingefangen und sich mit ihr in größtmöglicher Distanz zu ihm ans andere Ende der langen Tafel gesetzt hatte. Nur zu gut erinnerte er sich daran, wie seine dürre rothaarige Schwester in ihrem wallenden bunten Gewand schützend einen Arm um Kendra gelegt und auf sie eingeredet hatte und wie seine Tochter, ohne ihn aus den Augen zu lassen, mit tränenverschleiertem Blick schweigend gelauscht und hin und wieder genickt hatte. Birgits Intervention war ihm wie das motivierende Einreden einer Trainerin auf ihre Elevin erschienen, bevor diese einen Auftritt zu bestehen hatte, bei der es um alles oder nichts ging. Doch das eigentlich Schmerzhafte an der Situation war der Umstand, dass er sich nicht erinnern konnte, wann Kendra Katrin oder ihm in der früheren Vergangenheit mit solcher Hingabe gelauscht hätte. Sich wie Katrin Birgit gegenüber dankbar zu zeigen war ihm nicht möglich gewesen. Ihre Beziehung war zu belastet für ein unkompliziertes Miteinander. Zu allem, was Thomas wichtig war, schien seine Schwester vorsätzlich eine kritisierende Position einzunehmen, und nicht selten, und die Erinnerungen reichten zurück bis in seine Kindheitstage, hatte sich Thomas von dem hypnotischen Blick seiner älteren Schwester dabei regelrecht durchleuchtet gefühlt. Bis heute gelang es ihr, ihn damit zu verunsichern.

Es beschäftigte ihn noch immer, dass Katrin entgegen ihrer Art ihr Telefonat einfach abgebrochen hatte. Er wog kurz ab, sie zurückzurufen, verwarf den Ansatz jedoch sofort wieder. Sein Verhalten war zu oberflächlich und abwehrend gewesen, es war jetzt aber auch nicht hilfreich, einzugestehen, dass er nicht aufmerksam genug zugehört und sie damit nicht ausreichend ernst genommen hatte. Es gab nur eine Lösung. Dank Jessika Altmanns kurzem Besuch war die Dringlichkeit seiner aktuellen Arbeit aufgelöst, und so speicherte er seine unfertige Datei auf dem Server der Staatskanzlei und versetzte seinen Rechner in den Ruhemodus. Sein Rucksack war schnell gepackt, und noch bevor er das Büro verließ, schickte er Katrin eine Textnachricht, dass er seinen Arbeitstag heute früher beenden und in der nächsten halben Stunde zu Hause sein würde. Wenige Augenblicke später nahm er bereits die Treppe nach unten, wobei er aufpassen musste, nicht zu stolpern, da er gleichzeitig mit dem Verschluss seines Fahrradhelms kämpfte.

Als er schließlich die Tür an der Rückseite des Gebäudes aufdrückte, fiel sein Blick auf den komplett belegten Zweiradabstellbereich. Mit einem Seufzen dachte er an die Zeit, als er diesen noch fast allein zur Verfügung gehabt hatte. Neben Coronapandemie und neuem Mobilitätsdenken schien eine moderne Form von Status- und Prestigebewusstsein zu einem Anwachsen der E-Bike-Flotte geführt zu haben, doch trotz seines Interesses an technischen Neuerungen widersetzte er sich schon allein aus sportlichem Aspekt diesem Trend und hatte sich inzwischen damit abgefunden, ständig und bisweilen auch rücksichtslos von untrainiert erscheinenden Nutzern solcher Gefährte überholt zu werden.

Er fischte gerade den Schlüssel für sein mehr als zehn Jahre altes Citytourenrad aus der Tasche seiner leichten Sportjacke, als er aus den Tiefen seines Rucksacks das Klingeln des von allen Mitgliedern seiner Familie genutzten Messengers hörte. Kendra!, war sein erster Gedanke, und ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, riss er sich die Tasche vom Rücken, um mit fahrigen Fingern im Innenfach nach seinem Mobiltelefon zu greifen. Beinahe wäre es ihm beim Herausziehen aus der Hand geglitten. Enttäuschung darüber, dass nicht Kendra geschrieben hatte, und gleichzeitige Erleichterung über Katrins Ich freue mich, dass du früher kommen kannst fuhren ihm durch die Brust. Wenn sie nachhaltig verärgert gewesen wäre, hätte sie nicht geantwortet.

Gleich darauf zwängte er sich zwischen einem ausladenden Bamboo-Cargo Kids Carrier und einem dreckbespritzten grellorangen Alpin-Mountainbike mit unglaublich voluminösen Reifen hindurch, um an das Schloss seines Fahrrads zu gelangen.

Er wählte die Route, von der er annehmen konnte, dass sie um diese Tageszeit die schnellste sein würde, doch die Verkehrslage bremste ihn aus. Erst nachdem er den dicht befahrenen Kreuzungsbereich am Aegidientorplatz hinter sich gelassen hatte, ging es flotter voran, sodass er bald die Eilenriede erreichte. Der letzte Kilometer auf dem Weg nach Hause war normalerweise seine Lieblingsstrecke, doch an diesem Tag hatte Thomas keinen Blick für das sommerliche Grün und die duftende Kulisse des Waldes. Seine Gedanken eilten ihm voraus und drehten sich um das, was ihn zu Hause erwarten würde. Dabei machte sich mehr und mehr Unruhe in ihm breit, weshalb er leicht außer Atem am Ziel ankam, sein Rad über die Straße schob und den Zaun ansteuerte, an dem er schon von Weitem Kendras Fahrrad ausmachen konnte. Er schloss seins daran fest, als könne er damit dazu beitragen, dass seine Tochter wohlbehalten zurückkehrte. Einer spontanen Eingebung folgend, prüfte er die Reifen an Kendras Fahrrad und warf einen Blick auf Kette und Gangschaltung. Alles war funktionsfähig. Als er schließlich beim Abnehmen seines Helms nach oben schaute, sah er Katrin auf dem Balkon des zweiten Obergeschosses der alten Villa. Allein dass sie jetzt dort stand und nicht wie sonst um diese Zeit in ihrem Musikzimmer übte, zeigte ihm die Besonderheit der Situation. Außerdem trug sie trotz der hochsommerlichen Temperaturen ihre knielange Strickjacke und hielt sie mit hochgezogenen Schultern und vor der Brust verschränkten Armen zusammen. Sie wirkte zerbrechlich, wie er sie seit Langem nicht mehr gesehen hatte.

3. Kendra

Dänemark

Fuck!

Fuck!

Fuck!

Wie war sie nur hierhergekommen? Was war passiert? Sie starrte auf den Parkplatz, auf die Autoschlangen an den Zapfsäulen und die Menschentrauben vor der Raststätte. Sie hätte sich keinen schlechteren Zeitpunkt aussuchen können, um an diesem Ort zu sein. Es war früh am Tag und doch schon viel zu warm, zu voll, zu laut. Familien mit Urlaubsgepäck, Geschäftsreisende, Lkw. Niemand hatte einen Blick für sie. Ihr Kopf schmerzte, und der Schweiß sammelte sich bereits unter dem Top zwischen ihren Brüsten. Sie hatte seit drei Tagen keine Gelegenheit zum Duschen gefunden, sich nur notdürftig im Sanitärraum der Raststätte ein wenig Wasser ins Gesicht gespritzt und fühlte sich noch immer wie gerädert von ihrer Nacht auf der Parkbank, auf der sie zu schlafen versucht hatte, weil das einzige Hotel im Ort wegen Personalmangel geschlossen hatte. Trotz zweier übereinandergezogener Sweatshirts hatte sie vor lauter Erschöpfung und Frust jämmerlich gefroren, obwohl es nicht einmal wirklich kalt gewesen war.

Fuck!

Sie beobachtete eine Krähe, die aus einem überquellenden Mülleimer eine noch halb gefüllte Tüte mit dünnen, unappetitlich aussehenden Pommes herauszog, und versuchte, die Gedanken an die vergangene Nacht ebenso zu verdrängen wie alles andere, was sie in diese Lage gebracht hatte. Aber es wollte nicht gelingen. Ebenso wenig, wie sie die sich immer mehr in den Vordergrund drängende Stimme ignorieren konnte, die ihr vorwarf, schlicht und ergreifend überreagiert zu haben. Ja, vielleicht hatte sie das. Aber hätte das nicht auch jede andere an ihrer Stelle? Sie hatte in den vergangenen Wochen nur einstecken müssen. Permanent auf die Fresse gekriegt, wie Nina sagen würde.

Nina.

Verdammte Bitch.

Ihre ehemals beste Freundin. Sie fragte sich, wie lange sie und Max schon … Nein. Lieber nicht darüber nachdenken. Hintergangen zu werden war wirklich das Übelste, was passieren konnte. Was mochten sie hinter ihrem Rücken über sie geredet haben? Wie über ihre Naivität gelacht? Immer und immer wieder hatte sie in den vergangenen Tagen versucht, sich zu erinnern. An die Treffen und die Inhalte ihrer Gespräche in den letzten Wochen, an Zeichen, die sie übersehen, Bemerkungen, die sie überhört hatte. Es war so unglaublich erniedrigend. Vor allem, wenn sie daran dachte, wie eifrig sie Pläne geschmiedet, Vorschläge gemacht hatte für ihre gemeinsame Zeit nach dem Abi. Wir haben nichts gesagt, um dein Abitur nicht zu gefährden. Du warst leistungsmäßig schon nicht so gut drauf. Scheiß drauf, verdammt! Sie fühlte sich gedemütigt und leer. Und dann schwebte über allem noch die Sache mit ihrem Vater. Sie biss sich auf die Lippe, während sie beobachtete, wie sich zu der ersten Krähe eine zweite gesellte, die genauso mit den nun auf dem Boden neben dem Mülleimer ausgebreiteten Essensresten kämpfte. Die Bissen waren zu groß für ihre Schnäbel. Was man ihr in den vergangenen Monaten vor die Füße geworfen hatte, war auch zu groß für sie gewesen, dachte Kendra bitter. Auf den letzten Drücker hatte sie den Sprung in den Landeskader des Schwimmverbandes verpasst und gleich darauf ihr Abitur versemmelt. Dabei hatte bis zum Frühjahr alles so perfekt gepasst. Bis dieses Scheißcorona gekommen war. Unterricht über Zoom. Ewig zu Hause. Es war zum Kotzen gewesen. Natürlich war es ihr nicht gelungen, aufzuholen, was sie in dieser Zeit versäumt hatte. Zwar war das Bestehen des Abschlusses keine Frage, doch der für ein Biologiestudium nötige Notenschnitt war nicht mehr zu erreichen gewesen, weshalb sie sich mit verzweifeltem Elan auf das Schwimmen konzentriert hatte. Doch die für das intensive Training der letzten Monate geopferten Nachmittage und Wochenenden, um für den Landeskader ausgewählt zu werden, hatten sie Max gekostet. Er hatte es nicht ausdrücklich gesagt, aber sie hatte wohl herausgehört, dass Nina einfach mehr für ihn da war. Arschloch. Glaubte er, dass sie nur zu seiner Bespaßung existierte und auf Knopfdruck aus dem Schrank sprang, wenn es ihm gefiel? Tat Nina das, die verdammte Schlampe?

Es war unglaublich. Ihr ganzes Leben zerbrach, sicher Geglaubtes löste sich auf, und was sie auch anfasste, misslang. Wer in diesem verdammten Universum war sauer auf sie und zeigte es ihr auf diese Weise? Genau diese Frage hatte sie ihrer Tante Birgit gestellt, die sie vor ein paar Tagen zufällig in der Stadt getroffen hatte. Spontan hatten sie sich einen Coffee to go geholt und ziemlich lange geredet. Es war das erste Mal gewesen, dass sie außer mit Max und Nina überhaupt mit jemandem über sich sprach. Sie ging mit ihren Gefühlen und Sorgen nicht gern hausieren. Aber Birgit brauchte sie nur anzusehen, um zu wissen, wie sie sich fühlte. Warum konnten ihre Eltern das nicht? Früher hatte sie immer angenommen, dass Benjamin der Grund dafür war. Klar, er hatte so eine Art, dass man ihn mögen musste, auch sie konnte sich seinem Charme nur schwer entziehen, obwohl sie vor Eifersucht auf ihn manchmal nachts nicht schlafen konnte. Sie war nicht wie er. Und würde es auch nie sein. Nicht so freundlich, nicht so klug, nicht so fleißig. Vor allem ihr Vater hatte sie genau das spüren lassen. Zumindest fühlte es sich so an. Und Mama war keine Hilfe gewesen. Noch nie. Später erst, viel zu spät, hatte sie begriffen, dass es gar nicht Bennis Fähigkeiten waren, warum er der Liebling der Eltern war, sondern der Fakt, dass er ihnen mit seiner Art das Leben leicht machte. Um ihn musste man sich nicht kümmern. Benni kümmerte sich um sich selbst und hatte sich damit maximale Unabhängigkeit von den Eltern verschafft. Sie konnte sich nicht erinnern, dass sie bei ihm jemals etwas hinterfragt hätten. Dieses Vertrauen hatte sie nie genossen, aber den Vergleich mit einem solchen Bruder konnte sie nur verlieren, sosehr sie sich auch anstrengte. Nun gut. Das war Geschichte. Sie hatte sich vorerst aus dieser Familie verabschiedet, in der sich jeder nur für sich selbst interessierte. Und wenn sie irgendwann in die Wohnung zurückkehrte, dann bloß, um ihre restlichen Sachen dort abzuholen. Dennoch gab ihr der Gedanke an ihr Zuhause einen unerwarteten Stich. Als Benni ausgezogen war, hatten ihre Eltern sein Zimmer in ein Büro und Gästezimmer umgewandelt. Was war für ihre vier Wände geplant? Sie versuchte das Bild ihres ausgeräumten Zimmers zu verdrängen, die Vorstellung, dass ihre Mutter neue Vorhänge dafür aussuchte und Farben für die Tapeten.

Vielleicht wäre es einfacher, wenn sie eine Idee für ihre unmittelbare Zukunft hätte. Aber da war nichts. Wenn sie über die nächsten Monate ihres Lebens nachdachte, fühlte sie sich, als stünde sie am Rand einer Wüste, die sich weit und öde vor ihr ausbreitete. In den vergangenen Jahren hatte es mit dem Erreichen des Abiturs stets ein Ziel gegeben, dem sich alles unterordnete. Mit dem Rhythmus aus Schule, Ferien und Lernen eine unbeeinflussbare Routine. Und nun? Ein neuer Lebensabschnitt erwartet euch, hatte der Schulleiter auf der Entlassfeier gesagt. Super. Sie hatte ihn nicht erwarten können, diesen neuen Lebensabschnitt, hatte in den vergangenen Wochen davon geträumt, was sie erleben würde zusammen mit Max und Nina, und nun war alles dahin.

»Manchmal muss die Schale erst ganz leer werden, bevor sie wieder neu gefüllt werden kann«, hatte Birgit gesagt. Ihre Tante sprach gern so verklausuliert esoterisch, was ganz schön nerven konnte. Aber sie meinte es ehrlich. Und sie interessierte sich wirklich für einen. Nicht nur kurz zwischen Morgenkaffee und Frühstücksnachrichten. Sie nahm sich Zeit und hörte zu. Im Gegensatz zu ihren Eltern. Wenn man sie fragen würde, welchen Satz sie von ihnen während ihrer Kindheit und Jugend am häufigsten gehört hatte, würde sie spontan antworten können: Nicht jetzt, Kendra.

Die Krähen am Mülleimer flogen mit einem missmutigen Krächzen auf, als sich ein junges Pärchen mit einem Hund näherte. Kendra runzelte die Stirn, während sie beobachtete, wie sich der Hund, selbst kaum größer als die Vögel, gierig auf die Pommes stürzte. Die Frau am Ende seiner Leine zog ihn hastig weiter, fing Kendras Blick auf und lächelte beinahe entschuldigend, dabei flatterten ihre stark geschminkten Lider aufgeregt. Kendra verzog ihr Gesicht zu einem Grinsen und sah dem Pärchen nach, während es auf einen silbergrauen Pkw mit dänischem Kennzeichen zuging. Kurz war sie versucht, aufzuspringen, um die beiden zu bitten, dass sie sie bis zum nächsten Bahnhof mitnahmen, wo sie in einen Zug zurück steigen könnte, aber sie beherrschte sich. Sie würde nicht aufgeben. Noch nicht. Es war noch früh am Morgen.

Bislang war ihre Hoffnung fehlgeschlagen, auf der weitläufigen Raststätte eine Mitfahrgelegenheit zu finden. Vielleicht war es die zweitbeste Idee gewesen, sich nach Norden statt nach Süden zu wenden. Vielleicht wäre es in der anderen Richtung einfacher gewesen und sie schon sicher jenseits der Alpen und in Italien. Stattdessen saß sie zwischen all den ankommenden und abfahrenden Fahrzeugen, die Menschen transportierten, die sich nicht einen Deut um sie und ihre Befindlichkeiten scherten. Aber sie würde durchhalten. Punkt.

Lustlos zog sie ihr Handy aus der Tasche, um es auf neue Nachrichten zu checken. Seit ihrer Abreise aus Hannover hatte sie es auf stumm gestellt. Ihre Mutter hatte versucht, sie anzurufen, und ihr eine Mitteilung geschickt. Natürlich. Nina gleich mehrere. Auch klar. Sie las nichts davon und ließ sie genauso unbeantwortet wie die Frage aus der WhatsApp-Gruppe ihres Teams bei Hannover 96, warum sie nicht wie verabredet in die Schwimmhalle zur Trainingseinheit gekommen sei. Von Max nur Schweigen. Sie öffnete die Kamera und blickte auf ihr eigenes Konterfei auf dem Bildschirm. Die hinter ihr stehende Sonne zauberte einen Halo um ihren Kopf, der wie ein Heiligenschein wirkte, dahinter war verschwommen das Gebäude der Raststätte zu erkennen. Sie setzte ihr Insta-Gesicht auf und drückte auf »Aufnahme«. Das Bild war perfekt. Durch das Gegenlicht waren weder Müdigkeit noch Schweiß zu erkennen, und ihr Lächeln strahlte im Wettstreit mit der Sonne. Tatsächlich sah sie aus, als hätte sie gerade die beste Zeit ihres Lebens. Ohne länger darüber nachzudenken, tippte sie auf »Teilen«, setzte ein lachendes Emoji und einen Fuckfinger unter das Foto und schickte es an Nina.

Von der hinter einem Saum aus Bäumen liegenden Autobahn drang das Rauschen des Verkehrs wie ein ständig an- und abschwellender Wasserfall herüber. Rein statistisch gesehen musste irgendwann jemand aus diesem nie versiegenden Strom ausscheren und sie mitnehmen. Aber vielleicht musste sie dafür einfach mehr Initiative ergreifen. Sie stand auf und schulterte ihren Rucksack. Die Krähen, die längst zurückgekehrt waren, beäugten sie misstrauisch, flogen aber nicht auf. Kendra stöhnte, als die Tragegurte des Rucksacks auf ihre nackten Schultern drückten. Sie hätte nie gedacht, dass ein paar Klamotten, Schuhe und ein bisschen Kosmetik so schwer sein konnten. Als sie die lange Reihe der Lkw passierte, spürte sie die Blicke einer Gruppe von Fahrern auf sich, die im Schatten eines der großen Fahrzeuge beieinanderstanden und rauchten. Wortfetzen erreichten sie, die sie nicht verstand. Ein Blick auf die Kennzeichen bestätigte sie. Alles Männer aus Polen. Langsam ging sie weiter. Zwischen den Lkw stand ein alter Mercedestransporter, der zum Wohnmobil umgebaut war. Die Schiebetür an der Seite war geöffnet, und eine junge Frau saß darin. Sie hatte lange, bis über ihren Rücken fallende Dreadlocks und einige Piercings auf der Oberlippe und an der Nase.

»Hey«, rief sie, als sie Kendra erblickte. »Immer noch keinen Lift bekommen?«

Kendra blieb erstaunt stehen.

»Ich hab dich beobachtet, als ich mir die Beine vertreten hab, und meinem Freund gesagt: Wenn das Mädel da immer noch steht, wenn wir weiterfahren, nehmen wir sie mit. Also, wie sieht es aus?«

Kendra wusste trotz ihrer eigentlichen Schlagfertigkeit nicht so schnell, was sie sagen sollte. »Ja, also, das wäre echt cool …« Sie trat näher, blickte in leuchtend grüne Augen, die sie an die ihrer Tante Birgit erinnerten, und in ein sommersprossiges, hübsches Gesicht. »Woher weißt du, dass ich Deutsche bin?«

Die junge Frau lachte auf. »Du hast einen Deuter-Rucksack. Egal, wo ich bis jetzt unterwegs war, die Deutschen vor Ort hatten immer einen Deuter-Rucksack.« Sie stand auf und wischte sich die Hände an ihren olivfarbenen Shorts ab. Dann streckte sie Kendra ihre Rechte hin. »Ich bin Jana.«

»Kendra«, stellte Kendra sich vor und blickte auf Janas lange gebräunte Beine. »Wo fahrt ihr hin?«

»Wir fahren bis Hirtshals. Weiter nördlich geht es nicht in Dänemark. Wo willst du hin?«

Kendra zuckte mit den Schultern. »Vielleicht bis Aarhus.« Als sie in Dänemark angekommen war, hatte sie beim Googeln einiges über die Stadt gelesen, was ihr spontan gefallen hatte.

»Ja, klar, kein Problem, schau, da kommt Dennis …«

Kendra drehte sich um und entdeckte einen jungen Mann, der für Surfboards hätte Werbung machen können. Er sah unglaublich lässig aus in seinen Shorts und dem ärmellosen T-Shirt, war braun gebrannt und gerade so muskulös wie nötig. Auch er hatte Dreadlocks, die im Nacken zusammengebunden waren. Seine Flipflops machten ihrem Namen geräuschmäßig alle Ehre. In den Händen hielt er zwei große, anderthalb Liter fassende Wasserflaschen.

»Verdammt teuer, das Zeug hier.« Er reichte die Flaschen Jana, die damit gleich in dem Bus verschwand. Dann wandte er sich Kendra zu, und zwar mit dem unwiderstehlichsten Lächeln, das sie je gesehen hatte. »Hi, du willst wohl bei uns mitfahren, oder?«

Sie spürte, wie sie rot wurde. »Ja, das wäre toll. Ich bin Kendra.«

»Dennis.« Er berührte flüchtig ihren Arm und lugte in den Wagen. »Schaffst du Platz für die junge Dame?«

»Bin schon dabei«, hörte Kendra Janas Stimme, gleich darauf tauchte sie wieder auf. »Wenn ihr wollt, kann es losgehen.«

Dennis zog einen Beutel aus seiner Hosentasche und zwinkerte den beiden Frauen zu. »Nicht so hastig. Lass uns vorher noch eine Begrüßungstüte rauchen.« Er musterte Kendra von oben bis unten. »Du siehst aus, als ob du ein bisschen Entspannung gebrauchen könntest.«

Wow, dachte Kendra nur. Hatte sie sich eben noch über fehlendes Glück beklagt? Hier fügte sich doch gerade alles. Sie dachte an das Foto, das sie vor wenigen Minuten an Nina geschickt hatte. Wie es aussah, würde sie wirklich gleich die beste Zeit ihres Lebens haben! Behutsam setzte sie ihren Rucksack ab. Jana machte in der geöffneten Schiebetür Platz für sie, gleich darauf erfüllte der Geruch von gutem Gras die Luft. So funktioniert es nicht, Kendra, warnte eine vertraute Stimme in ihrem Hinterkopf. Vielleicht, gab sie zurück, aber es ist mir gerade scheißegal.

Das Marihuana stieg ihr schnell zu Kopf, sie hatte in der letzten Zeit wegen des Trainings nur selten geraucht. Aber jetzt fühlte es sich gut an. Die Sonne nervte nicht mehr, auch die Hitze nicht. Für den Moment war alles entspannt. Sie lehnte sich zurück und schloss die Augen.

»Gutes Zeug, was?«, hörte sie Dennis’ Stimme.

Sie lächelte, ohne die Augen zu öffnen. »Super.«

Wie immer bekam die Zeit eine neue Qualität, wenn sie etwas geraucht hatte. Auch jetzt hätte sie im Nachhinein nicht sagen können, wie lange sie dort in der Sonne neben Jana gesessen hatte, bis Dennis sie mit der Bemerkung »Auf geht’s, Mädels!« schließlich hochjagte. Es hätten Minuten, aber auch Stunden sein können, und nach allem, was gewesen war, war es angenehm unbedeutend.

Der Bus war eigentlich nur für zwei Reisende ausgebaut, aber sie fand gleich hinter den Vordersitzen eine Ecke, wo sie es sich bequem machen konnte. Dennis lenkte den Wagen gemächlich vom Rastplatz und ordnete sich auf der rechten Spur ein.

Jana suchte auf ihrem Handy nach Musik. »Was wollt ihr hören?«

»Egal, Hauptsache, was Gechilltes«, forderte Dennis.

Gleich darauf zogen sphärische Tranceklänge durch den Bus, gerade laut genug, um das Motorengeräusch zu übertönen, jedoch ohne die Gespräche zu unterbinden, die sich vom Allgemeinen bald in spezifischere Gefilde bewegten. Kendra erfuhr, dass Jana und Dennis schon seit anderthalb Jahren gemeinsam unterwegs waren. Gerade kamen sie aus Spanien und Portugal zurück.

»Das ist im Sommer einfach zu heiß da unten. Da zieht es uns dann doch eher in den Norden.« Dennis wippte im Beat der Musik.

»Und wo wollt ihr nun hin?«

»Island.«

»Island?« Kendra war überrascht. »Könnt ihr da den Bus mitnehmen?«

Jana lachte auf. »Es fährt eine Fähre von Hirtshals nach Seyðisfjörður in Island, das ist etwa siebenhundert Kilometer nordöstlich von Reykjavík. Ein winziger Ort.« Sie lachte.

»Ja, krass. Und wovon finanziert ihr eure Reisen?«

Jana öffnete eine Tüte Gummibärchen und schob sich eine Handvoll in den Mund. »Wir haben einen Blog und dazu ziemlich viele Follower auf YouTube und Insta und inzwischen genug Werbeeinnahmen, die uns das Reisen ermöglichen.« Sie reichte Kendra die Süßigkeiten. »Und du, was treibt dich in die Welt?«

Kendra erzählte zögernd von ihrem Abitur und murmelte etwas von einer Auszeit, die sie sich nehmen wollte.

»Stress zu Hause?«, hakte Dennis nach.

Sie zuckte mit den Schultern. »Wie man es nimmt.«

»So hat es bei mir auch mal angefangen.« Jana sah sie mitfühlend an. »Dann hab ich Dennis kennengelernt.«

»Echt?«, entfuhr es Kendra gegen ihren Willen.

»Du glaubst gar nicht, wie viele junge Leute sich nach dem Abi erst einmal aus dem Staub machen. Klar, die meisten kommen zurück, aber …« Sie zuckte mit den Schultern.

Kendra rieb sich die Nase. Wenn es so einfach wäre. Sie war versucht, ihr ganzes Elend hinauszuposaunen, zu erzählen, was sie wirklich bewegte. Wovon das Herz voll ist, läuft der Mund über, sagte Tante Birgit immer. Eigentlich war es bei ihr nicht so. Aber im Moment war einfach alles zu viel. Doch sie konnte sich bremsen.

»Wir kommen gleich nach Aarhus. Ist eine der nächsten Abfahrten.« Jana drehte sich zu ihr um. »Eigentlich schade, dass wir nur so kurz miteinander unterwegs sind.«

Dennis warf ihr im Rückspiegel einen Blick zu. »Wenn du nichts Besseres vorhast, kannst du mit nach Island kommen«, mischte er sich ein.

»Genau.« Kendra lachte unsicher auf. »Netter Scherz.«

Aber zu ihrer Überraschung meinte er es ernst. »Nein, ehrlich. Du brauchst nicht einmal ein Ticket. Wir sind schon oft mit Fähren unterwegs gewesen, und unser Bus ist noch nie kontrolliert worden. Du bleibst einfach hinten drin, bis wir an Bord sind, und kommst dann ganz cool mit in unsere Kabine.«

Kendras Herz schlug plötzlich schneller. Island. Sie versuchte sich zu erinnern, was sie über das Land im Nordatlantik wusste. Nahezu nichts. Außer dass es dort eine Elfenbeauftragte in der Regierung gab, was sie in der Schule erfahren hatte, als sie im Erdkundekurs in der Mittelstufe mal einen Isländer zu Gast gehabt hatten. Und dann war da dieser Vulkanausbruch gewesen, der europaweit den ganzen Flugverkehr lahmgelegt hatte. Völlig abgefahren. Aber … warum nicht? Immerhin war es weit genug weg von Hannover.

»Also, wenn das wirklich ernst gemeint ist von euch …«

»Absolut. Mit einem solchen Angebot würde ich nie einen Spaß machen.«

Kendra nickte und versuchte ihren vor Aufregung plötzlich trockenen Hals zu ignorieren. »Na, dann …«

»… haben wir einen Deal«, lachte Dennis. »Gib mir fünf, Mädchen!« Ohne den Blick von der Straße zu nehmen, hielt er ihr die aufgerichtete Hand hin, und Kendra schlug ein.

»Darauf musst du uns noch eine Tüte bauen, Jana.«

»Unbedingt.« Jana griff nach dem auf der Konsole liegenden Beutel mit dem Gras, Tabak und den Blättchen.

Just in diesem Moment kamen sie an der Abfahrt Aarhus-Zentrum vorbei. Kendra blickte auf das grüne Verkehrsschild mit den weißen Buchstaben und verspürte kurz Unsicherheit. Tat sie das Richtige? Aber noch bevor sie die Frage zu Ende gedacht hatte, verwarf sie ihre Zweifel. Was wäre die Alternative? Zurückgehen und sich allem stellen? »Was wollt ihr dafür haben, dass ihr mich mitnehmt?«

»Vielleicht gibst du auf der Fähre mal ein Essen oder ein Frühstück aus, dann passt das schon. Kannst du dir das leisten?«

Kendra nickte, während Jana ihr den Joint reichte. Sie besaß nicht viel Bargeld, aber vor wenigen Wochen hatte ihr Bankinstitut fast zehntausend Euro auf ihr Konto überwiesen – das gesamte Guthaben aus dem Ausbildungssparvertrag, den ihre Eltern für sie abgeschlossen hatten. Er war mit ihrem neunzehnten Geburtstag im Mai fällig gewesen, und das Guthaben konnte sie über ihre Kreditkarte abrufen.

Ihre Eltern hatten viel Wert darauf gelegt, dass sie und Benni früh ein eigenes Konto besaßen, um nicht nur mit Geld, sondern auch mit den Gepflogenheiten der Geldinstitute umgehen zu lernen. Besonders Nina hatte oft neidisch auf die Kreditkarte geblickt, die sie mit dem achtzehnten Geburtstag von ihren Eltern bekommen hatte. Du hast dafür einen Führerschein, hatte sie damals gekontert. Doch das war für Nina kein Ersatz gewesen. Du warst nur zu faul, einen zu machen, hatte sie Kendra vorgeworfen, und jetzt bin ich der Depp, der nichts trinken darf, weil ich euch alle kutschieren muss, wenn wir mal aus der Stadt rausfahren. Kendra schmunzelte in der Erinnerung. Nina war doch sowieso ständig die gewesen, die sich um alles kümmerte. Kendra hatte nie eingesehen, einen Führerschein zu machen, auch wenn ihre Eltern sie lange dazu gedrängt hatten. In einer Großstadt benötigte sie kein Auto. Wie oft schon hatte sie beobachtet, dass sie mit dem Fahrrad schneller zum Ziel kam als so mancher Autofahrer, der durch Stau und Ampelphasen gebremst wurde. Und aufs Land würde sie ganz sicher nicht ziehen.

Sie lehnte sich zurück und vertrieb die Gedanken an Nina, Geld und Autos aus ihrem Kopf. Das Gras machte sie müde. Vielleicht war es auch der fehlende Schlaf der vergangenen Nacht. Immer wieder fielen ihr die Augen zu, bis sie schließlich vom monotonen Rumpeln des Fahrzeugs und durch die lauter gedrehte Musik in den Schlaf getragen wurde.

4. Thomas

Hannover

Zwei Stufen auf einmal nehmend, eilte er die Treppe hinauf, wobei er sich des Helms und des Rucksacks bereits entledigte. Als er den zweiten Stock erreichte, sah er Katrin in der geöffneten Wohnungstür stehen. Nervös knetete sie die Hände vor ihrem Körper, ihre Augen waren vom Weinen gerötet. Er eilte auf sie zu, und anstelle des flüchtigen Kusses, den sie normalerweise zur Begrüßung austauschten, zog er sie in seine Arme. Aufschluchzend drückte sie sich eng an ihn, er nahm den Geruch ihres Haars wahr und ihrer Haut und stellte zu seinem Erstaunen fest, dass er sich nicht erinnern konnte, wann sie sich das letzte Mal so nah gewesen waren. Nach einer Weile schob er sie sanft von sich, um ihr in die Augen schauen zu können.

»Beruhige dich, Katrin. Wir sollten jetzt mit klarem Kopf gemeinsam überlegen, was wir als Nächstes tun müssen.« Behutsam dirigierte er sie in die Wohnung und stieß die Tür mit dem Fuß zu. »Als Erstes würde ich mich gern in Kendras Zimmer umschauen.«

Katrin nickte stumm und trat zur Seite, sodass er seine Sachen ablegen konnte.

Thomas drückte kurz ihren Arm, bevor er das Zimmer seiner Tochter am Ende des Flurs ansteuerte. Die Tür war nur angelehnt, das hohe Fenster ließ trotz der Nordost-Ausrichtung des Raumes an diesem Nachmittag viel Licht hinein, sodass sich alles deutlich abzeichnete. Er konnte nicht sagen, wie lange er diesen Raum nicht mehr betreten hatte, doch das sich bietende Bild vermittelte ihm den Eindruck, als sei es erst gestern gewesen, denn diese ausgesuchte Komposition der Unordnung kannte er von seiner Tochter seit Jahren. Tatsächlich schien es, als hätte Kendra gerade den Raum verlassen, um jeden Moment wieder zur Tür hereinzukommen. Wo also waren die Zeichen der Flucht, der andauernden Abwesenheit, die Katrin zu sehen vermeinte? Wonach sollte er schauen? Auf welches Detail sich konzentrieren?

»Was für ein Dreckstall!«, entfuhr es ihm kaum hörbar, als er trotz aller Vorsicht auf eine angebrochene Tüte Chips trat und sich ihr Inhalt knisternd unter seinem Fuß verteilte.

»Was hast du erwartet? Du kennst doch Kendra!«

Er wandte sich um. Katrin war ihm gefolgt und stand mit erneut vor dem Körper verschränkten Armen in der Tür. Er verbiss sich eine spontane Replik, denn beim Anblick des Zimmers musste er sich fragen, ob er seine Tochter wirklich kannte. Er nahm ihr Tablet, das wie weggeworfen am Fußende des zerwühlten Bettes lag, und schaltete es ein. Vom Sperrbildschirm sprang ihn eine große schwarze 96 in einem grünen Kreis an. Er war völlig überrascht. Blumen, Bäume, Landschaften, Tiere, Freunde hätte er erwartet, aber nicht das Zeichen des größten Sportvereins der Stadt, seines Fußballclubs. Kommentarlos hielt er das Display in Katrins Richtung, doch auch sie zuckte nur mit den Schultern. »Ist es nicht auch das Logo ihres Schwimmvereins?«

Thomas nickte nachdenklich. »Weißt du das Kennwort?«

Mit zusammengepressten Lippen schüttelte sie den Kopf.

Natürlich nicht. Wie sollte sie. Kendra hatte kaum etwas mit ihnen geteilt, dann sicher auch nicht das Kennwort ihres Tablets. Behutsam legte er das Gerät auf das Bett zurück und ließ den Blick weiter durch das Zimmer schweifen. An der Pinnwand registrierte er zahllose kleine Merkzettel, unter die sich Fotos, alte Konzerttickets und Magnetpins mischten. Er wies darauf, während er sich erneut zu Katrin umwandte. »Die hast du vermutlich schon alle durchgeschaut?«

Sie nickte. »Es ist nichts dabei, was Aufschluss über ihren Verbleib geben könnte.«

»So wie in ihrem ganzen Zimmer nicht.« Er sah sie nachdenklich an. »Und dass sie ihr Fahrrad hiergelassen und ihr Bargeld mitgenommen hat, halte ich, ehrlich gesagt, auch nicht für den ultimativen Beweis, dass sie wirklich verschwunden ist. Es ist allenfalls ein Indiz, das sich aber auch als Zufall erweisen könnte.«

»Willst du mir etwa unterstellen, dass ich …« Die Ader an ihrem Hals begann zu pochen, wie immer, wenn sie sich aufregte.

Er machte eine beschwichtigende Geste. Seit sie in die Wechseljahre gekommen war, war sie bisweilen sehr unberechenbar in ihren Stimmungsschwankungen. Ungewollt erschienen vor seinem inneren Auge ein durchtrainierter Oberkörper und das flüchtige Lächeln eines dezent geschminkten Mundes.

»Du sagtest, es fehlten noch andere Dinge?«

Katrin schluckte. Der Ausbruch war ihr offenbar unangenehm. »Ich glaube, es fehlen einige Kleidungsstücke, die Kendra besonders mag. Ich kann aber nicht genau sagen, welche und wie viele.« Dann schlug sie sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. »Ich habe noch überhaupt nicht nachgeschaut, ob sie eine Tasche oder ihren Rucksack mitgenommen hat!« Und schon war sie fort. Es brauchte keine nähere Erklärung, er wusste auch so, dass sie den Stauraum neben der Dachterrasse durchsuchen würde.

Er blieb in Kendras Zimmer zurück und starrte auf den Schreibtisch seiner Tochter, doch das Chaos um ihn herum blockierte jeden klaren Gedanken und hielt ihn davon ab, über weitere Schritte nachzudenken. Entschlossen zog er die Tür hinter sich zu und ging durch den langen Flur in Richtung der am anderen Ende gelegenen Küche, um sich ein Glas Wasser zu holen. Von der Straße drang die Sirene eines Einsatzfahrzeuges herauf. Wenn sie nichts weiter fanden, wenn Kendra tatsächlich verschwunden war und blieb, würden sie die Polizei einschalten müssen. Der Gedanke war unangenehm. Er ließ die Schiebetür zum Wohnzimmer langsam zur Seite gleiten und stellte das Glas aus Gewohnheit auf seinem Platz an dem massiven Esstisch ab, der ausladend den Teil des Raumes beherrschte, der in den dreifenstrigen runden Erker überging, und trat an eins der Fenster. Er liebte es, von hier den Blick über den unmittelbar an der gegenüberliegenden Straßenseite liegenden Stadtwald schweifen zu lassen. Manchmal fragte er sich, ob es dieser Ausblick gewesen war, der maßgeblich seine Kaufentscheidung für die Wohnung beeinflusst hatte.