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"In der Weizenkorn-Legende steckt viel Wahres. Schach ist nicht nur ein Spiel. Schach hat eine Seele. Es ist eine Lebensphilosophie, die diese Welt besser machen könnte." Diese Zeilen schrieb Lilli als Widmung in ein Buch mit Schachpartien großer Meister und Turnieren und schenkte es Rudi zum Geburtstag. Es sind drei Lehren, die der Legende von der Erfindung des Schachspiels einen tieferen Sinn geben. In diesem Buch unternimmt der Autor den Versuch, in einer Schach-Legende neuerer Zeit diese Lehren mit Leben zu erfüllen und Wirklichkeit werden zu lassen. Ein Obdachloser und ein reicher Privatier, zwei Männer, die in ihrer gesellschaftlichen Stellung unterschiedlicher nicht sein können, einigen sich auf eine "Rochade". Im Schach ein Doppelzug, bei dem König und Turm gleichzeitig bewegt werden. Im "Schachzug des Jahrhunderts" ein Rollentausch mit weitreichenden Folgen.
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Seitenzahl: 217
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Gewidmet meiner Tochter Cordula und meinem Schwiegersohn Stefan. Ohne sie wäre dieses Buch so nie geschrieben worden.
Vom Schachspiel hat man gesagt, dass das Leben zu kurz sei, um es zu beherrschen.
Aber das ist ein Fehler des Lebens, nicht des Schachspiels.
Irving Chernev
Vorwort
Eröffnung
Zug um Zug
Die Rochade
Endspiel
Nachwort
Die „Rochade“ ist kein Schachbuch. Auch kein Lehrbuch, keine Regelkunde und kein Nachschlagewerk für das königliche Spiel Schach.
Und doch spielt Schach im vorliegenden Buch eine nicht unbedeutende Rolle. Denn dieses Spiel aller Spiele ist der Anlass für den „Schachzug des Jahrhunderts“.
Die dabei handelnden Personen sind frei erfunden. Und doch ist nicht auszuschließen, dass es Menschen gab und gibt, die ähnliche Lebens- und Schicksalswege auf dem „Schachbrett des Lebens“ durchlebt haben.
Für sie und alle, die ohne Vorurteile für Toleranz und Menschlichkeit eintreten, wurde dieses Buch geschrieben. Aber auch für die Menschen, die diese Werte noch nicht verinnerlicht haben.
Die Erfindung des Schachspiels und die Weizenkorn-Legende
Die Figuren
Ein weiser Brahmane, klug und diplomatisch
Ein unmenschlicher Herrscher, reich und wandlungsfähig
Ein schlitzohriger Minister, gerissen und berechnend
Das Schachfeld
Ein Palast in Indien im 3. oder 4. Jahrhundert nach Christus
Die Legende
Ein weiser Brahmane wollte einem unmenschlichen Herrscher eine Lehre erteilen, um ihn zu einem menschlicheren Verhalten gegenüber seinen Untertanen zu bewegen. Darum erfand der Weise das Schachspiel. Der Herrscher begriff den tieferen Sinn des Spiels sofort und war fortan milde zu seinem Volk gestimmt. Er verbreitete das Schachspiel im ganzen Land, von wo aus es den Siegeszug um die Welt antrat.
Weil dem Herrscher das Spiel so gut gefiel, gewährte er dem Erfinder einen Wunsch. Er ließ seine Schatzkammer öffnen und bot ihm unendlichen Reichtum. Aber der weise Brahmane verlangte weder Gold noch Edelsteine. Vielmehr wollte er auf das Erste der vierundsechzig Felder ein Weizenkorn, auf das Zweite zwei, auf das Dritte vier und auf jedes weitere Feld die doppelte Anzahl Körner des vorherigen Feldes. Der Herrscher gewährte ihm die Bitte, war jedoch erstaunt, ja sogar beleidigt, über diesen bescheidenen Wunsch. Er hatte nicht bedacht, dass die verlangte Menge unvorstellbar ist. So viel Weizen konnte nicht aufgebracht und der Wunsch des weisen Brahmanen nicht erfüllt werden.
Nur durch den Rat eines schlitzohrigen Ministers konnte sich der Herrscher aus dieser Misere befreien. Der Minister hatte geraten, den Weisen die Körner zählen zu lassen. Es wären achtzehn Trillionen, vierhundertsechsundvierzig Billiarden, siebenhundertvierundvierzig Billionen, dreiundsiebzig Milliarden, siebenhundertneun Millionen, fünfhunderteinundfünfzigtausend sechshundertfünfzehn Körner gewesen. Wie lange der Weise zählte und ob er das überhaupt tat, ist nicht bekannt.
Soweit die Legende von der Erfindung des Schachspiels.
***
Ein Mann im fortgeschrittenen Alter und von kräftiger Statur wickelte ein Schachbrett in eine Decke, steckte das Kästchen mit den dazugehörigen Figuren und ein Schachbuch mit Spielen großer Meister bei bedeutenden Turnieren in einen Rucksack. Diese wenigen Habseligkeiten aus einem früheren Leben waren ihm noch geblieben. Sie stellten für ihn unschätzbare Kostbarkeiten dar und er hütete sie wie seinen Augapfel. Die „Weizenkorn-Legende“, die er als Kind zum ersten Mal hörte, hatte in ihm die Liebe zum Schachspiel geweckt.
Das schäbige Brett und die abgegriffenen Steine hatte er während seiner Schulzeit auf einen Flohmarkt erstanden. Das Schachbuch war ein Geschenk seiner Frau aus einer glücklichen Zeit.
Der Mann schaute ein letztes Mal in den Spiegel. Ein Gesicht, vom Leben und vom Schicksal gezeichnet, blickte ihn trotzig an. Mit einer Handbewegung wischte er das Spiegelbild fort. Er schulterte den Rucksack, griff nach zwei Plastiktüten, klemmte sich das Bündel mit dem Schachbrett unter den Arm und verließ das Haus, in dem er jahrelang gewohnt hatte. Er wusste nicht, dass er es nie wieder betreten sollte.
Ein Industrieller machte eines der größten Geschäfte in seiner Firmengeschichte. Er ließ in Indien unter unmenschlichen Bedingungen und zu einem Hungerlohn T-Shirts in allen Farben und Größen mit dem Aufdruck „Pecunia Non Olet“ von Frauen und Kindern fertigen und vermarktete sie weltweit für einen Dollar das Stück. Der Umsatz war enorm, sein Gewinn riesig. Getrieben von der Vision, einer der reichsten Männer der Welt zu werden, agierte er am Markt. Für Hobbys, Kinder und ein geregeltes Familienleben blieb ihm keine Zeit. All dies wäre nur hinderlich, so seine Argumentation und quasi Selbstentschuldigung, um seine Vision zu verwirklichen.
Aber er war ein Spieler! Die Spielkasinos der großen weiten Welt hatten es ihm angetan und Jetons jeglicher Wertigkeit zogen ihn magisch an. Dagegen war Poker für ihn ein Fremdwort, obwohl er oft bei Verhandlungen gepokert hatte.
Und noch etwas gab es, was er nicht gelernt hatte. Er konnte nicht Schach spielen. Und das wurmte ihn, denn er beherrschte die Strategie im Geschäftsleben meisterhaft wie kein Zweiter. Warum er das Schachspielen nie gelernt hatte, wusste er nicht. Vielleicht hatte er dafür einfach keine Zeit oder es ergab sich keine Gelegenheit.
Noch konnte dieser Unternehmer nicht ahnen, dass gerade dieses königliche Spiel sein Denken und Handeln in nicht allzu ferner Zukunft maßgeblich verändern würde.
***
Eine Schach-Legende neuerer Zeit
Die Figuren
Ein unfreiwilliger Obdachloser, Hausbesetzer und begeisterter Schachspieler
Ein skrupelloser Privatier, überzeugter Egoist, zweimal geschieden und immer noch reich
Ein halbfreiwilliger Obdachloser, Gelegenheitsarbeiter und freiheitsliebender Sprengstoffexperte
Ein freiwilliger Obdachloser, Taxifahrer, Rauschgiftschmuggler und verkrachter Weltschauspieler
Ein menschenfreundlicher Einwanderer, türkischer Friseur, kinderlieb und unverbesserlicher Optimist
Eine freigiebige Gymnasiastin, unfreiwillige Beichtgängerin, ehrgeizig und charakterstark
Das Schachfeld
Eine große Stadt in Deutschland mit einem Freilandschachfeld im Stadtpark, einem Rathaus, einem Supermarkt, einer Großbäckerei, einem städtischen Theater, einer Polizeistation, einer Strafvollzugsanstalt, mehreren Kneipen und Diskotheken, einem Hauptbahnhof, einem Friseursalon, einer Ausländerbehörde, einem schwedischen Möbelhaus, einem Flugplatz, einem städtischen Krankenhaus, einem Waldfriedhof, einer idyllischen Flusslandschaft, einer Versicherungsagentur, mehreren Banken, einem internationalen Hotel, einer Kleidersammelstelle vom Deutschen Roten Kreuz, einem leerstehenden Haus, einer Plattenbauwohnung und einem luxuriösen Appartement.
Die Legende
An einem Freilandschachfeld im Stadtpark, wo sich Obdachlose die Zeit mit Schachspielen vertreiben, tauchte eines Tages ein Privatier auf und fragte einen der Obdachlosen, ob er ihm das Schachspielen beibringen könne. Er habe schon manches im Leben probiert. Aber Schach spielen könne er nicht, möchte es aber von ihm, und nur von ihm, lernen.
Eine mehr als ungewöhnliche Bitte, denn beide Männer, abgesehen von Alter und Statur, konnten nicht nur wegen ihrer Äußerlichkeiten wie Kleidung, Haarschnitt und Bart, sondern maßgeblich wegen ihrer gesellschaftlichen Stellung, unterschiedlicher nicht sein.
Nach reiflicher Überlegung und angeregt durch die „Schachpartie des Jahrhunderts“, Byrne – Fischer, New York 1956, machte der Obdachlose dem Privatier ein Angebot. Er schlug eine „Rochade“ vor. Beim Schach ein Doppelzug von König und Turm, die bei diesem Zug in etwa ihre Positionen tauschen. Im vorliegenden Fall ein Rollentausch. Ein Tausch ihrer Positionen, eine „Rochade“ ihrer gesellschaftlichen Stellung, jedoch auf absehbare Zeit. Nur unter dieser Bedingung wäre der Obdachlose bereit, den Privatier im Schachspiel zu unterrichten. Ein mehr als ungewöhnlicher Vorschlag.
Hier tut sich unwillkürlich eine Parallele zu der „Schachpartie des Jahrhunderts“ mit der verpassten Chance für eine Rochade auf. Hätte Byrne im 11. Zug nicht Lf4-g5 gespielt, sondern mit Lf1-e2 die Rochade vorbereitet, wäre diese Partie anders verlaufen und hätte vielleicht einen anderen Ausgang genommen. So setzte ein schwarzer Turm den weißen König nach 41 Zügen matt.
Hätten sich nicht ein Obdachloser und ein Privatier auf eine „Rochade“, den „Schachzug des Jahrhunderts“ geeinigt, wäre nicht nur ihr Leben, sondern auch das von vielen weiteren Personen anders verlaufen.
Denn mit ihrer „Rochade“ sollte eine Schach-Legende neuerer Zeit Wirklichkeit werden.
***
Rudi kroch in seinen schäbigen, an vielen Stellen abgewetzten Schlafsack. Zuvor hatte er sich eine Flasche Bier genehmigt und begonnen, die Partie Donald Byrne gegen Bobby Fischer nachzuspielen. Er hatte nach dem 11. Zug von Weiß Lf4-g5 die Partie abgebrochen. Er dachte noch, dass dieser Zug ein Fehler war, denn Weiß hätte besser Lf1-e2 spielen sollen, um eine Rochade vorzubereiten. Aber dann übermannte ihn plötzlich die Müdigkeit, sodass er sich nicht mehr auf das Spiel konzentrieren konnte. Er schob das Schachbrett beiseite, löschte die Kerze und schloss die Augen. Aber der Schlaf wollte nicht kommen. Die Bilder der Vergangenheit stiegen aus der Nacht. Sein bisheriges Leben zog wie ein Film an ihm vorbei.
Die Geschichte des Rudi Turm
Der Turm ist eine starke Figur und kann alle Felder des Schachbretts erreichen. Der Turm – ein Fels in der Brandung!
Rudi war einer der Obdachlosen dieser Stadt und lebte seit Jahren auf der Straße. Nur zufällig hatte er das leerstehende Haus entdeckt, als er sich auf der Suche nach Pfandflaschen in dieses abgelegene Viertel verirrte.
Zuvor hatte er dem Leergutautomaten eines großen Supermarktes seine „gesammelten Schätze“ übereignet und beim Einlösen des Leergutbons auf ein Lächeln der hübschen Verkäuferin an der Kasse gehofft, aber vergebens. Freundliche Worte hatte Rudi sowieso nicht erwartet, aber vielleicht doch wenigstens ein mitfühlendes Lächeln. Aber die junge Frau hatte keine Notiz von ihm genommen. Sie hatte, wie es schien, nur für einen Moment mit unbewegter Miene die Luft angehalten, als sie ihm die paar Münzen zuschob, die nicht einmal für eine Flasche Bier gereicht hätten.
Die verschlossene Hintertür zu öffnen, war kein Problem gewesen. Zum Glück hatte die altmodische Tür kein Sicherheitsschloss, und er konnte sie mit einem Dietrich leicht öffnen.
Nachdem er das Haus von oben bis unten gründlich in Augenschein genommen hatte, beschloss er spontan, in einem der Erdgeschossräume sein Nachtlager einzurichten. Eine schäbige Matratze war auch noch vorhanden. Außerdem konnte er hier seine wenigen Habseligkeiten unterbringen. Wie lange das wohl so gehen könnte, war ihm erst einmal egal. Er lebte von heute auf morgen in den Tag hinein. Er hatte auch kein Problem damit, dass das Wasser abgestellt war und die Elektrik nicht funktionierte. Hauptsache, er hatte für die Nacht ein Dach über dem Kopf und musste nicht auf einer der Parkbänke schlafen. Natürlich würde er keinem der anderen Penner seine Bleibe verraten, denn dann hätte er sicher bald den einen oder anderen Schlafgenossen am Hals. Bei denen konnte man nie sicher sein, ob die auch immer ehrlich und nicht auf seine bescheidene Habe scharf waren.
Als zweites Kind eines Seemanns und einer Krankenschwester, musste seine Mutter ihn und seine zwei Jahre ältere Schwester allein durchbringen, was in der Nachkriegszeit trotz Wirtschaftswunder nicht immer einfach war. Seinen Vater, einen stets fröhlichen Menschen mit breiten Schultern und sonnenverbranntem Gesicht, kannte er nur von Bildern. Ihn erreichte die Nachricht von der Geburt des Sohnes nicht mehr. Wenige Tage vor der Niederkunft seiner Frau fand er den Seemannstod. Sein Schiff war bei einem schweren Nord-West-Sturm in der Nordsee gesunken. Niemand konnte gerettet werden.
Der heranwachsende Rudi lernte schon früh, für sich selbst zu sorgen. Zugegeben, nicht immer legal, aber nie kriminell. In der Schule war er ein eher mittelmäßiger Schüler. Nur im Rechnen gehörte er zu den Besten. Und er konnte logisch denken.
Schon in Klasse eins oder war es in Klasse zwei, so genau wusste er das nicht mehr, entdeckte er die Liebe zum Schachspiel. Sein Mathematiklehrer, ein begeisterter Anhänger dieses Spiels, wollte einen Schachzirkel ins Leben rufen und das Interesse seiner Schüler für dieses königliche Spiel wecken. Und so erzählte er Rudi und seinen Mitschülern in einer der Unterrichtsstunden die ihm bekannte Geschichte von der Erfindung des Schachspiels und der „Weizenkorn-Legende“. Rudi hatte fasziniert der Erzählung gelauscht und war, ohne lange zu überlegen, zur nächsten Schachstunde erschienen. Es war der Anfang einer großen Leidenschaft. Während die anderen Jungen nach der Schule johlend auf der Straße herumtobten, saß er nun stundenlang am Tisch in der Wohnküche und spielte Schachpartien auf einem Schachbrett nach, das er nebst den dazugehörenden Figuren für ein paar Groschen auf einem Trödelmarkt aufgetrieben hatte.
Nach Abschluss der Schule begann er eine Lehre als Baumaschinist. Sein Chef bescheinigte ihm gute Arbeit, hohe Einsatzbereitschaft und ein höfliches Auftreten und bot ihm nach Beendigung der Lehrzeit eine Stelle als Baggerfahrer an. Nun verdiente er gutes Geld und hätte sich bestimmt ein neues Schachbrett leisten können. Aber aus irgendeinem Grund, den er selbst nicht benennen konnte, wollte er sich von seinem alten Brett nicht trennen.
Viele Menschen suchten nach den entbehrungsreichen Kriegsjahren Zerstreuung. Besonders junge Leute wollten Spaß. Auf einer der vielen Tanzveranstaltungen, die nach dem Krieg wieder in Mode gekommen waren, lernte er Lilli kennen und verliebte sich auf den ersten Blick in sie. Er hatte all seinen Mut zusammengenommen und sie zum Tanz aufgefordert, obwohl er beileibe kein guter Tänzer war. Aber offenbar spielte das für sie keine Rolle. „Liebe und Vertrauen sind die Schlüssel zum Glück“, hatte sie gesagt, und seine Liebe wurde erwidert. Und so trafen sie sich in der Folgezeit häufig.
Als sie heirateten, konnten sie sich einen bescheidenen Wohlstand leisten. Eine gemütliche Wohnung in einer der Neubauten, die nach Kriegsende wie Pilze aus dem Boden schossen, wurde ihr Heim. Lilli war für ihn die erste Frau und die Liebe seines Lebens.
Ihre Hochzeitsreise führte sie an die Nordsee. Sie wollten für zwei Wochen ein Zimmer in einer Pension mieten, aber durch einen glücklichen Zufall kam alles anders. Rudi war noch nie am Meer und sofort von Ebbe und Flut sowie der herben Schönheit dieser Landschaft begeistert. Und er dachte an seinen Vater, der in der unendlichen Weite des Meeres seine letzte Ruhe gefunden hatte. Als sie über die Strandpromenade spazierten, standen sie plötzlich vor einem Freilandschachfeld, das in den Dünensand gebaut worden war und auf dem gerade gespielt wurde.
„Toll, diese Idee. Ein Freilandschach. Für jedermann zugänglich“, dachte Rudi. Er schaute interessiert den Kontrahenten zu und vertiefte sich in das Spiel. Der ältere der beiden war am Zug, der jüngere im Vorteil und sah sich schon als Sieger. Jedenfalls seiner Körpersprache nach zu urteilen. Aber mit einem entscheidenden Zug hätte der ältere das Spiel offenhalten können.
Der wollte schon nach einem Bauern greifen, als Rudi ungewollt ein „So-nicht“ entfuhr. Überrascht schaute der ältere der Spieler Rudi an. „Können Sie Schach spielen? Wie würden Sie denn setzen?“, fragte er. „Eigentlich darf ich mich ja nicht einmischen und das ‚So-nicht‘ ist mir unabsichtlich rausgerutscht. Aber wenn ich nun schon mal gefragt werde? Ist ja nur Freizeitschach, kein Turnier. Ich würde Ihnen raten, die Rochade zu spielen. Sicher sehen Sie selbst, dass dadurch Ihr König durch zwei Bauern geschützt ist und der Turm in eine bessere Position gebracht wird.“ Der Ältere überlegte kurz, dankte für den Rat und spielte die Rochade. Am Ende ging das Spiel remis aus.
„Darf ich Sie und Ihre Frau auf einen Kaffee einladen?“ Der Fremde hatte sich an das Paar gewandt. „Sie würden mir eine große Freude machen. Übrigens nochmals danke. Es hat mir schon gutgetan, dass ich gegen diesen Großtuer nicht verloren habe. Eigentlich kenne ich den gar nicht. Ich saß dort am Schachfeld, und er hat mich zu diesem Spiel herausgefordert. Na ja, ich hatte Zeit.“
Rudi, überrascht von der Einladung und unschlüssig, sah Lilli an, und als die unmerklich nickte, stimmte er letztlich zu. Kurze Zeit später saßen sie in einem gemütlichen Strandcafé. Die Unterhaltung war lebhaft. Der Fremde erzählte ihnen, dass er jedes Jahr seinen Urlaub am Meer verbringe und nun noch zwei Tage hier im Badeort drangehängt habe. Er käme von seinem Freund, der auf einer kleinen, der Küste vorgelagerten Insel wohne. Der vermiete in seinem Katen ein gemütliches Ferienzimmer. Es sei ja gerade frei geworden. Ob sie nicht Lust hätten, dort ein paar Ferientage zu verbringen. Er könne das arrangieren. Er kenne auch einen Fischer, der sie mit seinem Boot übersetzt und wieder abholt.
Das Angebot schien verlockend. Das Seebad war ihnen sowieso viel zu laut und zu voll von Menschen. Sie suchten Ruhe und Natur für ihre Zweisamkeit. Also stimmten sie nach kurzer Beratung zu und wenige Stunden später saßen sie in einem Fischerboot, das sie bei der einsetzenden Flut und einem atemberaubenden Sonnenuntergang auf die Insel brachte. Ein weißhaariger Mann mit Bart, eine Seemannsmütze auf dem Kopf und eine Pfeife im Mund, empfing sie an der Anlegestelle. Er heiße Fiete Jensen und freue sich über ihr Kommen. Er lud ihr Gepäck in einen Bollerwagen und fuhr mit ihnen zu dem mit Schilfrohr gedeckten Häuschen hinter den Dünen. „Machen Sie es sich bequem. In einer halben Stunde gibt es Abendbrot. Nichts Besonderes, nur Labskaus. Aber seien Sie heute Abend meine Gäste. Es ist schön, Gesellschaft zu haben.“
Und nach dem gemeinsamen Abendessen erzählte er bei einem kühlen, friesisch herben Pils seinen Gästen, dass er als Kapitän alle Weltmeere befahren und sich auf dieser Insel zur Ruhe gesetzt habe. Er sei jetzt in seinem vorletzten Hafen eingelaufen und mit sich und dem Leben im Reinen. Eine Frau habe er nicht gehabt. Er wollte keiner ein Leben als Seemannswitwe zumuten, denn er war nur mit großem Glück vor Kap Horn einer Katastrophe entronnen. Manchmal bedaure er zwar, dass er nicht geheiratet habe, aber dafür sei es nun zu spät. Dann steckte er sich seine Pfeife an und blickte gedankenverloren den Rauchwölkchen hinterher. Aber kurze Zeit später hatte er sich wieder gefangen und fragte Lilli und Rudi nach ihren Berufen. Als Rudi ihm erzählte, dass er Baggerfahrer sei, lachte er und meinte, dass er ja eigentlich auch Kapitän sei. Nur dass er nicht ein Schiff, sondern einen Bagger führe. Und er gratulierte Lilli zu ihrem Beruf als Hebamme, denn sie habe das große Glück, oft das Wunder der Geburt eines neuen Lebens zu erleben. Spontan hob er sein Glas und prostete den beiden zu. „Auf euch, ihr Landratten.“
Die Tage auf der Insel vergingen wie im Traum. Sie genossen die Ruhe, die nur vom Rauschen des Windes und dem Tosen der Wellen unterbrochen wurde und planten ihre gemeinsame Zukunft. Lilli sagte ihm, dass sie seine Schachleidenschaft teile. So manches Mal hatte sie schon mit dem Gedanken gespielt, ihm ein neues Brett und passende Steine zu kaufen, aber das Vorhaben immer wieder verworfen, weil sie wusste, wie sehr er an seinem alten Schachbrett hing. Zwar ermunterte sie ihn, auch mal an einem Turnier teilzunehmen, aber Rudi war unschlüssig und gestand ihr das auch. „Ich glaube, ich bin zu schüchtern und habe Angst, mich in der Öffentlichkeit zu blamieren. Vielleicht später einmal.“
Sie machten lange Spaziergänge in der Dünenlandschaft, badeten im Meer und liebten sich am Strand. Nur Sonne, Mond und Sterne sahen ihr Glück. Es hätte vollkommener nicht sein können.
Aber alles hat einmal ein Ende. Auch ihr Aufenthalt am Meer. Das Leben ist wie Ebbe und Flut, ein Kommen und Gehen, ein Werden und Vergehen. Das mussten auch sie erfahren. Sie wollten ihr Glück festhalten. Doch der letzte Urlaubstag war angebrochen, und die Wirklichkeit forderte ihr Recht. Ein letzter Spaziergang am Strand. Dann sollten sie Fiete Jensen und die Insel ihres Glücks verlassen. Der Fischer brachte sie in die Wirklichkeit zurück.
Wieder im Alltag angekommen, hatte Lilli ein Buch mit Schachpartien großer Meister aufgetrieben. Das schenkte sie Rudi zum Geburtstag, drei Zeilen als Widmung:
„In der Weizenkorn-Legende steckt viel Wahres. Schach ist nicht nur ein Spiel, Schach hat eine Seele. Es ist eine Lebensphilosophie, die diese Welt besser machen könnte.“
Als er das las, brachte er vor Rührung und Überraschung keinen Ton heraus. Dann drückte er sie fest an sich und wollte gar nicht von ihr lassen. „Das hatte sie geschrieben? Was hatte er doch für eine kluge Frau.“
Immer noch unter dem Eindruck ihres Geschenkes und mit dem Gedanken an das Schachfeld im Seebad, machte Rudi seinem Chef den Vorschlag, sich bei der Stadtverwaltung für den Bau eines Freilandschachs im Stadtpark zu bewerben. Die Idee war ihm schon im Seebad an der Nordsee gekommen und spukte seitdem in seinem Kopf herum. Der Bürgermeister stimmte dem Vorschlag zu, setzte ihn auf der nächsten Stadtratssitzung durch, und die Stadt beauftragte Rudis Chef mit der Ausführung. Rudi fuhr seinen Bagger in den Park, um die Grube für den Unterbau des Schachfeldes auszuheben. Er war damit schon fast fertig und freute sich auf den Feierabend, als plötzlich die Baggerschaufel gegen etwas Großes stieß. Zuerst glaubte er, dass es sich um einen Findling handele. Schon oft hatte er große Steine vor der Baggerschaufel. Er wollte schon die Schaufel etwas tiefer ansetzen, stieg dann aber doch vom Bagger, um sich das Hindernis genauer anzusehen und traute seinen Augen nicht. Da lag sie vor ihm, die Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg. Er hatte ein Riesenglück, dass dieser Blindgänger bei den Baggerarbeiten nicht explodierte. Der Zünder war unbeschädigt geblieben, und Rudi war noch einmal mit dem Leben davongekommen. Der Kampfmittelbeseitigungsdienst übernahm das Risiko des Entschärfens.
Froh über die gute Nachricht, dass ihrem geliebten Mann nichts passiert war, umarmte Lilli ihn und flüsterte ihm ins Ohr, dass sie ein Kind erwarte. Er konnte sein Glück kaum fassen. Er war dem Tod von der Schippe gesprungen und jetzt wurde er auch noch Vater. So viel Glück auf einmal durfte es doch nicht geben.
Das Schachfeld war fertig, und da gerade Bürgermeisterwahlen anstanden, ließ es sich der amtierende Bürgermeister nicht nehmen, es durch ein öffentliches Spiel einzuweihen. Er selbst wollte einer der Schachpartner sein. Regionalfernsehen und Presse waren eingeladen. Der Bau des Schachfeldes sollte als seine besondere Leistung in der vergangenen Amtszeit herausgestellt werden. Rudi wurde gefragt, ob er nicht Lust hätte, gegen den Bürgermeister zu spielen. Er lehnte ab. Er wollte diesen Rummel nicht. Also musste ein anderer Schachpartner her, der aber leicht zu finden war. Den lockte die Zurschaustellung seiner Persönlichkeit in der Öffentlichkeit, was aber gründlich daneben ging. Der Regisseur war ein Parteifreund des Bürgermeisters. Im Fernsehbeitrag war der Schachpartner des Bürgermeisters eine Randfigur und nur kurz im Bild, der Bürgermeister selbst fast die gesamte Spieldauer. Doch letztlich verlor der nicht nur das Spiel, sondern auch die Wahlen. Bei der Schachpartie hätte er eine Rochade und keinen Damenabtausch spielen sollen. Und von den Wählern wurde er wegen Vetternwirtschaft und schlechter Finanzen abgestraft. Infolge der explodierenden Kosten beim Bau des neuen Rathauses musste das städtische Theater schließen. Das Rathaus war für ihn wichtiger als ein Schauspielhaus. Für Kultur war kein Geld mehr in der Stadtkasse.
Als letzte Vorstellung spielte das Ensemble Hamlet. Die attraktive, erst achtzehnjährige Johanna Frei überzeugte als Ophelia, Tochter des Polonius. Und als Marcellus, einer der Offiziere, ansetzte: „Etwas ist faul …“ und bewusst eine kleine Pause machte, sprang plötzlich einer der Besucher im Parkett auf und ergänzte spontan, für alle unüberhörbar „… in unserer Stadt“.
Das Publikum raste. Die Vorstellung musste für Minuten unterbrochen werden. Trotz ihrer nicht zu beneidenden Situation konnten die Schauspieler vor Lachen und Applaus nicht weiterspielen. Neben dem Bürgermeister waren viele Honoratioren und Vertreter aus Politik und Wirtschaft anwesend und wurden Zeuge dieses Schauspiels. Doch der, dem die Botschaft galt, war unter Protest aufgesprungen und hatte seinen Platz in der Loge fluchtartig verlassen. Er wurde von den anwesenden Theaterbesuchern mit Pfiffen verabschiedet. Als Rudi davon hörte, war er im Nachhinein froh, nicht gegen den ausgepfiffenen Chef der Stadtverwaltung gespielt zu haben.
Wenige Wochen nach der Einweihung des Schachfeldes zogen dunkle Wolken am Horizont auf. Es begann damit, dass Lilli starke Schmerzen bekam und in das städtische Krankenhaus eingewiesen wurde. Trotz aller ärztlicher Kunst und obwohl sie als Hebamme vielen Kindern auf dem Weg ins Leben geholfen hatte und über genügend Erfahrung bei Schwangerschaften verfügte, verlor sie ihr ungeborenes Kind. Ihr beider Kinderwunsch zerplatzte mit der Fehlgeburt wie eine Seifenblase. Ihre Ehe sollte kinderlos bleiben. Nach ärztlicher Diagnose konnte sie keine Kinder mehr bekommen.
Doch damit nicht genug. Während einer Routineuntersuchung wurde bei ihr Krebs diagnostiziert. Die heimtückische Krankheit hatte sich bereits unbemerkt im ganzen Körper ausgebreitet und Heilung war nicht mehr möglich. Lilli fand auf dem stillen Anger des Waldfriedhofs ihre letzte Ruhe. Und da seine Schwester vor zwei Jahren an der gleichen Krankheit gestorben war und seine Mutter auch nicht mehr lebte, stand Rudi plötzlich ohne Familie und Beistand da.
Der Schmerz über den Verlust seiner geliebten Frau zerriss ihm fast das Herz. Sicher, er war von Natur aus ein verschlossener Mensch, ja vielleicht sogar ein Einzelgänger. Aber nun zog er sich ganz in sein Inneres zurück. Auch die Liebe zum Schachspiel half ihm nicht über den Kummer hinweg. Rudi Turm, sonst immer stark, begann zu wanken.
Die Einsamkeit war erdrückend. Er konnte sie nicht ertragen und fiel in ein tiefes Loch. Er suchte Trost im Alkohol und begann zu trinken. Erst waren es nur ein paar Bier nach Feierabend in der Kneipe an der Ecke, wo er Abend für Abend allein an einem Tisch in einer Nische saß und erst wenn der Wirt die Stühle zum Feierabend hochstellte, das Lokal verließ. Die unmissverständlichen Blicke und Annäherungsversuche der Kellnerin ignorierte er, obwohl er sie sympathisch fand und schon des Öfteren daran gedacht hatte, sie nach Hause zu bringen, um der Einsamkeit zu entfliehen. Aber dann war da plötzlich das Bild seiner verstorbenen Frau, und er kam sich treulos vor.
Bald reichte Bier nicht mehr, um seinen Kummer zu ertränken. Und obwohl er schon mehrmals versucht hatte, dem Teufel Alkohol zu entfliehen, geriet er immer tiefer in die Hölle der Abhängigkeit. Er griff zu härteren Sachen und trank auch während der Arbeit. Aber Baggerführer und Alkohol passen nun einmal nicht zusammen, und da seine Trinkerei nicht unbemerkt blieb, folgte nach zwei Abmahnungen unweigerlich die Kündigung. Der Abgrund, der sich vor Rudi auftat, wurde tiefer und tiefer. Und da er keine Hilfe suchte, konnte er auch nicht auf Hilfe hoffen.
Eine neue Arbeitsstelle fand er nicht, so sehr er sich auch bemühte. Niemand wollte einen Trinker einstellen. Inzwischen hatte das Pfandhaus schon reichlich an ihm verdient. Nur sein altes Schachbrett hütete er, aller finanziellen Misere zum Trotz, wie seinen Augapfel. Weil er die fälligen Rechnungen nicht mehr bezahlen konnte, wurden Wasser und Strom abgestellt. Und als ihm nach mehreren Monaten Mietschulden auch noch die Wohnung gekündigt wurde, war er endgültig in diesem Teufelskreis gefangen. Ohne Arbeit keine Wohnung, ohne Wohnung keine Arbeit. Rudi landete auf der Straße.
Seine ganze Habe passte in einen Rucksack und zwei Plastiktüten, als er nach einer Zwangsräumung die Wohnung verlassen musste. Als Letztes schnappte er sich noch sein Schachbrett, das er in eine Decke eingeschlagen hatte und sich unter den Arm klemmte. So wurde er einer der Obdachlosen dieser Stadt, auf Almosen angewiesen, verachtet oder bemitleidet. Er spielte kurzzeitig mit dem Gedanken, sich von dieser Welt zu verabschieden, aber dazu fehlte ihm der Mut.
