7,99 €
Die Geschichte einer Roma-Familie, genauer eines Jungen namens Roman, der seinen Weg zum Licht und zur Liebe findet.
Das E-Book Die Romanescus wird angeboten von R.G. Fischer Verlag und wurde mit folgenden Begriffen kategorisiert:
Roma, Liebe, Junge
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 249
Veröffentlichungsjahr: 2011
Andreas Weckel
R. G. Fischer Verlag
eBookMedia.biz
978-3-8301-1514-4 PDF
978-3-8301-1515-1 Kindle
978-3-8301-1516-8 ePub
Copyright © 2011 by R. G. Fischer Verlag
Alle Rechte vorbehalten
Hergestellt mit IGP:FLIP von Infogrid Pacific Pte. Ltd.
Die Romanescus,
die Geschichte einer Roma - Familie,
genauer eines Jungen namens Roman,
der seinen Weg zum Licht und zur Liebe findet
1. Kapitel
Die Änderung des Aufenthaltsortes, ständig wechselnde Landschaften, wunderbare Gefühle, welche erreichen des Himmels Gestade ... !
Eine Landstraße, welche sich zwischen leuchtende geheimnisumwitterte, mit fantastischem Leben erfüllte Wälder hindurchschlängelt und die Städte und Dörfer miteinander verbindet, gibt es in jedem Land dieser Erde, auch innerhalb des tropischen Wechselklimas unweit des Äquators, in welchem noch urzeitliche Nashörner oder dickhäutige - liebenswerte - Elefanten das Gestrüpp des Tropenwaldes durchstreifen; sie ist der Ort, nach welchem man sich sehnt, wenn einem im zwischenmenschlichen Bereich nichts Positives blüht, wenn einem dort nur Ablehnung und Hass entgegenschlagen. Zugleich steht sie aber auch für eine prägende Sinnverwandtschaft: die Freizügigkeit in den Lüften, eine schrankenlose weiße Wolkenlandschaft unter einem diamantenen Himmel, die einem das Empfinden mitteilt, man sei dem Olymp der Götter um ein gutes Stück näher gerückt, als könne man ihn fast sehen, ja ihn bereits greifen. Doch der Gott der Menschen, der bleibt den Sterblichen auch dort oben verborgen, ebenso wie im grenzenlosen Weltall, von wo aus sich ein Hurrikan im Golf von Mexiko ausnimmt, wie ein winziges rotierendes Lüftchen. Dennoch ist er überall anwesend, in allem zugegen, was war, was ist und was sein wird zwischen den Menschen unseres blauen Planeten. Und genau dies ist das wundersame und wunderbare Geheimnis der Sinti und Roma, und all der derjenigen, die sich ihnen bereits gedanklich anschließen, denn wo manches Mal eine feste ländliche Anbindung fehlt, dort wird sie ausgeglichen durch ein großes Gefühl zwischen den miteinander lebenden Menschen, durch ein Gefühl, welches das Böse nicht trennt, nie trennen wird. Niemals tue diesen Menschen ein Unrecht an, denn es wird dich in diesem Fall ereilen eine furchtbare Strafe seitens der höchsten göttlichen Instanz!
In einer Zeit, in der beinahe alle Menschen sesshaft geworden sind und das Multikulturelle die Metropolen der Welt erfreulicherweise immer mehr bestimmt, sie wesentlich farbenfroher und offener gestaltet, gilt es, neue Ziele zu bestimmen und dies kann in einer technisierten Welt wie der vorliegenden nur den Erhalt der ungeheuren Vielfalt des Lebens bedeuten. Die Eisaufbauten im Norden und Süden des Erdballs schmelzen in einem Ausmaß, dass schon nach gut 100 Jahren, also bereits im Jahre 2111, keine Gletscher mehr die Gebirge in Europa bedecken werden und dennoch erfolgt keine einzige markante Aktivität in die richtige Richtung, um diesen erschreckenden Vorgang zu stoppen. Es ist wie wenn ein diktatorischer Justizapparat eine falsche Entscheidung gefällt hat und diese nun mit allen - vor allem rechtswidrigen - Mitteln zu rechtfertigen versucht, obgleich es keine Rechtfertigung für diese Entscheidung gibt und durch diese Versuche der Apparat selbst schon ad absurdum geführt wird. Man kann nicht sagen, dass dieses Phänomen der Ignoranz neu für die menschliche Spezies ist, im Gegenteil: die Geschichte der Menschen wird durch diese Eigenschaft mehr als nur ein wenig geprägt, wenn man an das furchtbare Abschlachten von Menschen in zwei völlig sinnlosen Weltkriegen denkt. Aber vielleicht ist es auch vielmehr so, dass hinsichtlich der Natur ein irreversibler Prozess eingesetzt hat und wir, die menschliche Spezies beschäftigt sich nun lediglich mit der Kosmetik bezogen auf dessen Auswirkungen: So zählen heute etliche Wissenschaftler den Bestand der Tiere, insbesondere der Meeressäuger, zeichnen ihre Wanderungen über den flüssigen Teil des Planeten auf, wissen dabei jedoch ganz genau - oder es sollte ihnen zumindest bewusst sein -, dass Fauna und Flora infolge der Abschmelzung des Eises erheblicher Schädigung anheim fallen. Eine hierzu vertretene Theorie besagt zwar gerade ein umgedrehtes Phänomen wie das oben beschriebene: Durch die Eisabschmelzung verschwände auch der warme Golfstrom, was auf lange Sicht eine neue Eiszeit hervorrufen werde. Doch in Wahrheit ist die Erwärmung der Atmosphäre durch die Treibhausgase so groß, dass die langsam verschwindende Ozeanzirkulation und das hierdurch hervorgerufene Kälter - Werden in Europa durch die erfolgende Aufheizung noch weit übertroffen wird. Gegenwärtig gilt also Folgendes: So kalt, abstoßend und heuchlerisch der Umgang zwischen vielen Menschen geworden ist, um so mehr erhitzt sich auch die Atmosphäre, gleichsam als könne sie dieses Übermaß an Schlechtigkeit und Dummheit nicht mehr ertragen, als würde sie nicht mehr durch logische und vor allem gütige Überlegungen abgekühlt! Nur noch ein geringer Teil der lebenden Individuen tut wahrhaft etwas Uneigennütziges oder liebt wirklich und einigen dieser wahrhaft gutmütigen Menschen ist dieses Buch gewidmet; es zeichnet ihr Leben nach und für kommende Generationen somit auf. Jener, der über alles gebietet, gibt denen, die entrechtet scheinen, mitunter das höchste Gewicht und verleiht ihrem Zusammensein etwas Magisches, eine Aura, welchen den meisten Einwohnern der Industrienationen fehlt, weil ihnen anderes wichtiger ist, der Drang nach Macht, Ruhm und Geld zum Beispiel.
Der Held dieser Erzählung ist Roman Romanescu, der Sohn von Lucian und Monalie, ein ausgeschlafener Junge von fünfzehn Jahren, der nicht nur im Donaudelta1 lebte, sondern der Gegend in einer besonderen Weise verbunden war, da sein Elternhaus, das heißt das seiner nunmehrigen Erziehungsberechtigten, der Kostelnicus, inmitten der Sümpfe lag, was bei ihm - außer dem tiefen Naturverständnis - auch eine besondere charakterliche Prägung hervorgebracht hatte. Von seiner Statur war er weder besonders groß noch übermäßig muskulös; als schlank, ja sehnig, konnte man ihn sicherlich eher bezeichnen. Ein besonderes Merkmal an ihm war gewiss sein schmaler Kopf, der eine ovale Form besaß und von schwarzem Haar eingerahmt war. Es gibt in England eine Gesellschaft, die nennt sich witzigerweise die Eierköpfe - nicht die abgehobene Royal Society! -; irgendwelche klugen Hirne, die sich zusammengetan haben, um Bedeutendes auszuhecken und deren besonders steile Stirn Ausdruck eines sehr hohen Intelligenzquotienten ist! Wenn Roman von diesem Umstand Kenntnis gehabt hätte, wäre er gleichwohl viel zu bescheiden gewesen, um sich in diese Kategorie von einzigartigen Avantgardisten einzuordnen. Seine Ansichten über die Menschen leitete er primär aus den Beobachtungen ab, die er bereits auf seinem Schulweg erlangte: Jene Wildhüter zum Beispiel, die am Tage schwer bewaffnet und des Nachts mit Infrarot - Nachtsichtgeräten ausgestattet die ausgedehnten Flächen des Donaudeltas mit Luftkissenbooten durchstreiften, sah er vorerst als notwendiges Übel an, denn bei einer derart großen Fläche unberührter Natur musste es natürlich auch einige geben, die auf diese Unberührtheit acht gaben; einen Bewachungsaspekt - den Bewohnern gegenüber - vermochte er hierin seltsamerweise nicht zu erblicken; ihn begeisterte einfach die wirkungsvolle Technik, insbesondere die hohe Geschwindigkeit, mit denen sie über das träge dahin fließende Donauwasser hinwegfegten. Hinter ihren, in einem Metallgitter rotierenden Maschinen wirbelte eine Fontäne aus feinstem Wasserstaub.
Die Romanescus und das rumänische Land stellten eine besondere Einheit dar: sowohl Lucian als auch Monalie waren in staatlichen Gesellschaften des Donaudeltas beschäftigt und genossen den Umgang mit ihren Kollegen, wenngleich nicht zu verhehlen war, dass sie eine Sonderstellung einnahmen, welche durch ihre Herkunft bedingt war und die ihnen von manchen ihrer Freunde mitunter vorgehalten wurde, insbesondere wenn es einen speziellen Anlass dazu gab, zum Beispiel einer dieser „Experten heimischer Verhältnisse“ einem jener hölzernen Wagen auf einer Landstraße in Richtung Hauptstadt begegnet war und dies dann im Rahmen eines Gesprächs anzubringen sich bemüßigt fühlte, und zwar dergestalt:
,So mochte es auch den Romanescus dereinst ergehen, in ihren Wägelchen nomadisierend umherziehend, ständig verschiedensten Repressionen ausgesetzt, gleichsam nirgendwo zu Haus und doch überall gehasst, für alles verantwortlich gemacht, ständig unterwegs, um dem Ergreifen durch die Behörden zu entschlüpfen, sich schützend innerhalb ihrer eigenen Völkergemeinschaft, dem Leben frönend, singend und tanzend, angefeuert durch den Primas, den Musikus, der aufspielt zum unverwechselbaren Zigeunerklange, begleitet durch Zymbal und Klarinette. Doch jetzt gehören sie ja zu uns und müssen nicht mehr in ihren bunten Trachten im Lande umherziehen sowie in teuren Devisen - Restaurants fremder Länder für einen kleinen Heller tätig sein!’ So oder ähnlich hörten sich die Äußerungen der törichten Kollegen von Lucian und Monalie an, die im Übrigen angesichts solcher Einfalt meistens schweigsam waren. Sie sahen über solche Äußerungen hinweg, um nicht noch mehr Aufmerksamkeit zu erregen. Am wichtigsten waren ihnen jedoch ihre gesicherte berufliche Stellung und ihre Wohnung in Chilia Veche, welche ihnen - in ihrer Einheit - ein normales Leben gewährleisteten. Besonders stolz waren sie auf ihren Sohn Roman, der aufgrund seiner schnellen Auffassungsgabe Großes zu werden versprach. Deshalb wurde ihm auch eine gewisse schulische Förderung zu teil, die in kleineren Begünstigungen im Verlauf des Schulalltages gipfelte. Kam er zum Beispiel aus irgendeinem Grunde zu spät zum Unterricht, so verlangte man von ihm nicht zwangsnotwendig einen Nachweis für sein unentschuldigtes Fehlen, sondern er begab sich in der Stunde - es mochte sich hierbei auch um die zweite oder dritte handeln -, die er durch sein Eintreten sogar kurzzeitig unterbrach, einfach ganz leise zu seinem Platz, um dem Unterrichtsstoff, für den er sich immer sehr zu interessieren pflegte, aufmerksam zu folgen. Sein unorthodoxes Vorgehen dieser Zeit wurde durch zwei nicht zu vernachlässigende Aspekte begünstigt, erstens: es musste sich bei der Lehrerin, die er durch sein Erscheinen störte, um eine Person handeln, die er sehr mochte (und die ihn mochte) und zweitens musste er sich für seine Schulkameraden eine passende Ausrede einfallen lassen, die er ihnen dann in der Pause sehr überzeugend vortrug, denn nichts hassen die Schulkameraden so sehr, wie schlechter behandelt zu werden als ein ihnen im Schulalltag an und für sich Gleichgestellter. Da Roman jedoch ein typischer Einzelgänger war, fiel es ihm nicht schwer, sich etwas Passendes auszudenken und weil es in seiner Klasse niemanden gab, den er durch ein solches Verhalten verletzte, stellte dies auch in seinen Augen keine Indiskretion dar und seine Vertrauenspersonen unter den Lehrerinnen tolerierten sein Handeln wegen der überragenden Fähigkeiten, die er ständig an den Tag legte. Stand etwa eine Klausur an, in der die Vokabeln der russischen Sprache getestet wurden und erfuhr er hiervon kurz vor dem Unterricht, so nahm er sich das Lehrbuch auf den entsprechenden Seiten zur Hand und prägte sich deren Inhalt innerhalb von drei bis vier Minuten wie ein Mensch gewordener Daten - Scanner ein, um als Resultat seiner Arbeit die Bestnote zu erzielen, ein Umstand, der eine seiner früheren Nachbarinnen fast zur Weißglut brachte, weil sie sich mindestens einen ganzen Nachmittag des Vortages auf den Test vorbereitet hatte und in der Bewertung im Ergebnis sogar eine Note schlechter lag als ihr Gegenpart Roman. Nichts können zum pausenlosen Lernen veranlagte Schülerinnen bzw. Schüler, die zumeist mit einem enormen Ehrgeiz behaftet sind, so schwer verstehen, wie wenn jemand besser ist als sie, obgleich dieser den ganzen Nachmittag des Vortages nur mit Träumereien verbrachte.
Es geschah auch, dass man ihn als Sportler für die Kinder- und Jugendspartakiade berief, weil er gleich Sokrates nicht nur ein guter Denker, sondern auch ein guter Sportler war. Dies betraf insbesondere die Leichtathletik, denn er zeigte sich stets als ein hervorragender Läufer, mit einer Ausdauer, die jeden seiner Gegner bei einem Dreitausendmeterlauf die Geduld förmlich verlieren ließ. Gleich einer Gazelle lief er gleich zu Beginn des Rennens allen davon, während diese noch versuchten, sich die Kräfte für die Schlussstrecke aufzuheben, um erst auf den letzten hundert Metern ihr Tempo anzuziehen. Und da Rumänien mit seinen Sportlern im Ausland glänzen musste - anderes zum Glänzen gab es ja kaum -, schickte man nur die Besten zu den Wettkämpfen, vorausgesetzt, dass sie durch ihr Verhalten nicht gar zu sehr aus dem Rahmen fielen und zu jener Zeit konnte man Roman in diese Kategorie sich angenehm Verhaltender problemlos einordnen. Diese kleinen Vorzüge für Romans Talente dauerten solange, bis er sich auch im gefühlsmäßigen Bereich erlaubte, Erfolg zu haben. In diesem Augenblick hörte das Verständnis seiner Mitschüler bezogen auf seine Person auf und es begann die Eifersucht um sich zu greifen, welche sich zunächst nur in Winzigkeiten äußerte; doch zumeist sind es die Winzigkeiten, die innerhalb langer Zeiträume schließlich zu großen Dingen, ja zu enormen Hindernissen zu werden pflegen und schließlich das Leben eines bis dahin vollkommenen zufriedenen Menschen vollständig hinabreißen und wenn es dem Betroffenen später gelingt, das ganze Rad zurückzudrehen, dann staunt er plötzlich wie klein und unbedeutend doch der ursprüngliche Anlass für den einstigen Niedergang war. Im Fall von Roman schließlich lag es an seiner enormen Beliebtheit bei Frauen und gleichaltrigen Mädchen, diese konnten ihm seine männlichen Feinde, deren Ruf - mit seiner steigenden Beliebtheit bei dem schwachen Geschlecht - ins Bodenlose fiel, nicht verzeihen, zumal zu seinen Verehrerinnen auch eine Lehrerin der allgemein bildenden Oberschule gehörte, die ihre Zuneigung zunächst nicht offen ausdrückte, weshalb es am Anfang lediglich in Form von lieben Blicken während des Unterrichts geschah. Erst einige Zeit später wurde mehr daraus und irgendwann wusste es die ganze Klasse, kurz darauf sogar der Direktor, der dem örtlichen Chef der Direktion I des rumänischen Geheimdienstes Securitate, zuständig für die Kontrolle und Unterdrückung der Andersdenkenden im Lande, pflichtgemäß Meldung zu machen sich verpflichtet fühlte. Alles endete - niemand konnte das letztendlich voraussehen - tragisch, mit dem Tode von Gabriela Dimitrescu, und mit dem vorläufigen Verschwinden von Roman aus dem Ortsbild von Chilia Veche, einer im Jahre 600 vor Christus von den Griechen gegründeten Siedlung.
Der tödliche Unfall hinsichtlich seiner früheren Lehrerin, Gabriela Dimitrescu, der das Ergebnis einer Schussverletzung seitens eines sie verfolgenden Securisten war, wurde in erster Linie seinen Eltern und deren staatsfernen Auffassungen zugeschrieben, insbesondere weil dem Ereignis eine unüberlegte Flucht der Kompromittierten in die Sümpfe des Donaudeltas vorausging, so dass man beschloss, ihn für zwei Jahre in einem Heim für schwer Erziehbare in Bucureşti unterzubringen und ihn auf diese Weise seinen unmittelbaren Erziehungsberechtigten zu entreißen. In einer anderen Umgebung würde es sicherlich gelingen, wieder vollständigen Einfluss auf ihn zu bekommen, so sagte man sich staatlicherseits. Erst nach Ablauf dieser Frist kam er frei und wurde an den Leiter des Polytechnischen Instituts „Anna Pauker“ ausgeliefert. Dieser war ein gewisser Jean Vǎnculescu, der im weiteren Sinne, das heißt der Befehlsstruktur der Securitate gemäß, verantwortlich für den Tod von Gabriela war, doch das wusste Roman zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Er zeichnete ebenso verantwortlich für die Leitung des Fischkombinates, der Fischereikooperative im Donaudelta, eine nicht ungewöhnliche Ämterhäufung bei privilegierten Parteikadern der Rumänischen Arbeiterpartei.
Das war - kurz umrissen - die Vorgeschichte von Romans Leben, deren Darlegung jedoch zwingend erforderlich war, weil der Leser den Werdegang unseres Helden und seine zu Tage tretenden Emotionen sonst nicht voll und ganz verstehen wird.
1 Das Donaudelta (größtes grenzüberschreitendes Naturschutzgebiet Europas): 1991 ernannte die UNESCO das 5000 km² umfassende Ökosystem zum Weltkulturerbe.
2. Kapitel
Wenn der Wind eines Unwetters mit einer Geschwindigkeit von über zweihundert Stundenkilometern stürmt, mitleidlose Fluten sich über traumhaft angelegte Gärten ergießen, um tonnenschwere Gegenstände mit sich fortzureißen, dann ist das Sehnen nach einem Ort, der einer solchen Naturgewalt gewachsen ist, ungeheuer groß. Und die Hauptfigur dieser Geschichte besaß eine solche Zufluchtstätte, wie sie mitunter auch in Gesellschaftssystemen, die der totalen Überwachung anheim fallen, existieren. Er selbst nannte sie das Haus am Fluss, welches insbesondere dadurch seine Geborgenheit erhielt, dass es von anderen Menschen der Gegend gemieden wurde, weil man mutmaßte, dort geschähen durch den menschlichen Verstand nicht erklärbare Dinge! Der Platz, an dem das aus vielen unterschiedlich geformten Basaltsteinen errichtete Anwesen stand, war zudem sehr abgelegen, grenzte unmittelbar an einen in Europa einmaligen Lianenwald an, gehörte gleichsam noch zu ihm und war somit Bestandteil einer einzigartigen Natur, zu der auch Raubtiere wie Wölfe gehörten, die zu einer zusätzlichen Sicherung gegen äußere Angriffe wurden. An einem natürlichen Kanal, etwa zwanzig Schritte vom Haus entfernt, befand sich eine Anlegestelle mit einem etwa zehn Meter langen Steg, an dem nur ein Motorboot kontinuierlich vertäut war, dem man, da es von einer tarnenden Plane überzogen war, allerdings nicht ansah, wie schnell es wirklich war: es gewährleistete bei etwaigen Fluchten immerhin eine Geschwindigkeit von bis zu 50 Knoten; dies verdankte es einer vorgenommenen Leistungssteigerung seitens seines einstigen Besitzers. Dieser hatte die sozialistische Mangelwirtschaft dazu benutzt, einen kleinen Schmuggelring von diesem Ort aus zu betreiben. Es wurden von diesem Spitzbuben über jene Schifffahrtslinie, die über den Brațul Sulina, den mittleren und für Hochseeschiffe tauglichen Hauptarm des Donaudeltas, führt und als Verbindung zur großen Welt dient, aber auch mehrere Schwarzmeerhäfen Rumäniens berührt, westliche Konsumgüter ins Land gebracht, welche er dann auf den Schwarzmärkten des Landes, insbesondere jenen in der Hauptstadt Bucureşti, sehr teuer gegen harte Devisen veräußerte. Bis zu einem bestimmten Grad seiner Tätigkeit hatte er dazu wohl die Erlaubnis der örtlichen Sicherheitskräfte der Securitate erlangt. Er musste ihre Mitglieder nur mit einigen dieser Konsumwaren, wozu zum Beispiel hochwertige Hifi - Geräte der Marke Sony, Sharp und Ähnliches gehörten, entlohnen. Dies ging solange gut, bis sich ein Rivale, der keinen direkten Zugang zu diesem Kreis hatte, in der Hauptstadt beschwerte, wo eine ganze Abteilung der Securitate, nämlich Direktion II - zuständig für die akribische Kontrolle der Wirtschaft - aufgeschreckt wurde. Dies hatte eine groß angelegte Säuberungsaktion im Delta zur Folge, der sogar etliche Angestellte der internationalen Schifffahrtsrute zum Opfer fielen. Dragowan P., der Schmugglerkönig, wie man ihn im Donaudelta wegen seiner Betätigungen nannte, wurde schließlich verhaftet und zu mehreren Jahren Zuchthaus verurteilt. Sein einstiger Zufluchtsort hingegen blieb einstweilen verweist. Man hatte alle Fenster und Türen hermetisch mit Holz und Stahl verschlossen, damit unliebsame Besucher, die doch hierher fänden, von dem Gebäude durch sein Aussehen ferngehalten würden. Die Securitate hatte, um jeglichen Verkehr zu diesem Teilstück des Urwaldes auszuschließen, zudem das Gerücht verbreitet, es bestünde eine radioaktive Kontamination, was in der Bevölkerung beinahe zu panikartigen Fluchtreaktionen geführt hätte. Nur Roman und einigen „hoffnungslosen“ Intelligenzlern schien dieses Gerücht vollkommen unsinnig zu sein, insbesondere weil bei einer Korrektheit dieser verbreiteten Meinung größere Landstriche verseucht worden wären. Auch stimmte die Höhe der angegebenen Becquerel - Zahlen als Ausdruck für das Maß der Versuchung nicht. Es war zwar auch schon vorgekommen, dass radioaktiv verseuchte Lebensmittel zur Zeit der Tschernobylkatastrophe, insbesondere das kontaminierte Fleisch von Nutztieren, an die Einwohner des Dakerlandes ausgegeben wurden, doch dass man Menschen in einem geschützten Landstrich wie dem Donaudelta für längere wohnen ließ, obgleich es mit krebserregenden Substanzen vollständig durchsetzt war, das schien aus der Sicht der genauer Nachdenkenden selbst für Rumäniens skrupellose Führung ungewöhnlich, ja ausgeschlossen, zu sein. Es konnte sich also bloß um glatte Lügen handeln, die von dem Haupthelden dieses Geschehens auch bald als solche entlarvt wurden, doch dazu später.
An dieser Stelle muss eingefügt werden, dass sich Roman nach seiner Entlassung aus dem Bukarester Erziehungsheim „Gheorghe Dej“ vollkommen gegenüber jeglicher Einflussnahme anderer Menschen verschloss, sich umfänglichen Wanderungen und Bootsfahrten in die Gegend des meerwärts gelegenen Teils des Deltas widmete, ja sich diesen förmlich verschrieb, wo er, aufgrund der Auseinandersetzung mit seiner natürlichen Umgebung, den Wildtieren wie den im Rudel jagenden Wölfen zum Beispiel, zu einem brillanten Taktiker wurde. Alle positiven Eigenschaften verlagerten sich gleichsam in den Untergrund seines gütigen Wesens - ohne jedoch von dort zu verschwinden - und wurden nur bei seltenen Gelegenheiten offenkundig, wo sie dann ans Tageslicht traten, meist wenn niemand zugegen war, er sich also seiner positiven Gefühlsaufwallungen nicht schämen musste. An die Öffentlichkeit traten stattdessen im Alltag perfekte Verteidigungstechniken, mit denen er seine Gegner zumeist in die Irre führte. All dies war ein zusätzliches Resultat seines Aufenthaltes im „Gheorghe Dej“, wo er monatelang in einem einsamen Zimmer, einer düstern Zelle, dahinvegetiert hatte, bevor man auch ihm einmal einen Freigang ermöglichte, bei dem er auf umzäunten Rasenplätzen mit Subjekten zusammentraf, die man guten Gewissens als jugendliche, aussichtsreiche Straftäter bezeichnen konnte.
Das Blockhaus der Kostelnicus, in dem er seit seiner Freilassung lebte, war nur über einen kilometerlangen schmalen Steg aus Holzbohlen, welcher auf dem sumpfigen Terrain ruhte, zu erreichen, der, wenn sich die Wetterlage durch einen vom Schwarzen Meer kommenden Wind auszeichnete, noch dazu regelmäßig überschwemmt war, da die Wassermassen sich dann im Donaudelta stauten. Vor etwa einem Jahr hatte man ihn aus dem Kinder- und Erziehungsheim „Gheorghe Dej“ entlassen und einer neuen Familie quasi zugeteilt. Seine unmittelbaren leiblichen Verwandten durfte er bereits während seines zweijährigen Aufenthaltes in dem streng gesicherten Besitztum, im Stadtteil Rahova, am Rande von Bucureşti, nicht mehr sehen. Der Kontakt zu ihnen wurde ihm strengstens untersagt und ihre Besuche gänzlich unterbunden. Man zwang den zweiundvierzigjährigen Lucian und die achtunddreißigjährige Monalie dazu, in einen anderen Distrikt des Landes umzusiedeln (was einer Deportation gleichkam!), irgendwo an die ungarische Grenze, in Siebenbürgen, wo sie den Anfeindungen der dort lebenden Magyaren ausgesetzt waren, weil die rumänische Regierung diese unterdrückte und jene den Druck gern an andere Bevölkerungsschichten oder Minderheiten weitergaben. Die Behörden benötigten für die vorgenannten Maßnahmen augenscheinlich auch keine spezielle Erlaubnis, sondern sie nahmen sich einfach jene Kompetenz für die Zerstörung familiärer Beziehungen. Zunächst schien ihm dies auch nichts auszumachen, da der Verlust von Gabriela Dimitrescu, der von ihm geliebten Bezugsperson, welche bis zu seiner Internierung sein Leben mehr als nur ein wenig bestimmt hatte, ihn mehr schmerzte als alles andere, er ihr Nichterscheinen gefühlsmäßig nicht verkraftete. Erst als er sich wieder in Freiheit, das heißt außerhalb des Erziehungsheims befand, bemerkte er dass etwas Anderes, ihm ebenfalls Wohlvertrautes nicht mehr vorhanden war!
Die ihm zugeteilten neuen Erziehungsberechtigten jedoch, die gegenüber der Obrigkeit sehr unterwürfig auftraten, ja von dieser die Weisung zur Beaufsichtigung des nunmehr fünfzehnjährigen Jungen erhalten hatten, galten als sehr zuverlässig, was die Linie der Partei anging. Vasile Kostelnicu, ein Mann mit tief in den Höhlen liegenden Augen, einem fleischigen Gesicht sowie spärlichem Haarwuchs, der täglich in schmutzigen Sachen einherging, war der Chef einer aus drei Schiffen bestehenden Ausflugslinie des Deltareviers, welche ihren Sitz in Tulcea hatte und nur für hohe Parteikader der Rumänischen Arbeiterpartei zuständig war. Seine Frau Ghita besaß im Gegensatz zu ihrem Mann keine richtige Schulausbildung, dennoch schien alles was sie sagte gleichsam gesetzmäßig zu sein, so bestimmt wurde es von ihr im täglichen Leben vorgetragen, obgleich es der inhaltlichen Tiefe ermangelte. Ihre stechenden Augen, welche unter derbem dunkelblondem Haar hervorlugten, machten sie für Roman zu einer fürchtenswerten Person; sie wurde als Fachangestellte im Fischkombinat des Donaudeltas, das seinen Hauptsitz ebenfalls in Tulcea hatte und in einer riesigen blechernen Halle residierte, beschäftigt. Die Kostelnicus sollte ihn als Exsträfling - wie bereits erwähnt - permanent kontrollieren, was Roman oft sehr aufregte, doch mit der Zeit gewöhnte er sich an diese Form des überwachten Lebens, nahm die beteiligten Personen als Mitwirkende an einem gemeinsamen Schachspiel, in dem es gegen jeden einzelnen von ihnen einen entsprechenden Zug zu machen galt. Und da der Mensch ein Wesen ist, welches - sich an seinen Gewohnheiten orientierend - ständig dazulernt, akzeptierte man auch sehr bald sein eigenwilliges Auftreten in dem neuen „familiären“ Wirkungskreis, nicht jedoch ohne nervige Äußerungen zu tätigen, welche Roman als intelligenten Menschen allerdings kalt ließen. Er ließ auch nicht anmerken, dass sich die Einstellung seiner neuen Kameraden in der Schule, die er vom Sehen her im Ort Chilia Veche bereits von früher kannte, fast befehlsgemäß geändert hatte, weil man wusste, dass er nunmehr zu den Unterprivilegierten dieses sozialistischen Systems gehörte. Freude mussten ihm aufgrund der vorgenannten Umstände andere Dinge bereiten und man soll es nicht für möglich halten, aber es gab tatsächlich Erfreuliches in seinem Leben. Er verfasste in seiner Freizeit beispielsweise lyrische Schriften, was er sich im Erziehungsheim „Gheorghe Dej“ in einsamen Stunden selbst beigebracht hatte. Der Grund war der, dass der Tod von Gabriela Dimitrescu für ihn von solcher Bedeutung war, dass er ihn in irgendeiner Form durch Niederschreiben von Gedanken bewältigen musste. Roman stand, als er nach einer gewissen Zeit, seiner melancholischen Veranlagung gemäß, dem Gefühlsüberschuss nicht mehr durch bloße Körperbewegungen Herr werden konnte, vor der Wahl, seinen Geist aufzugeben oder seinen drängenden Emotionen auf andere Weise zu begegnen. Und wie viele Menschen, die Ernstes, schwer zu Bewältigendes, erlebten, griff er zur Feder, um sich durch das schriftliche Fixieren der Tatsachen davon zu befreien. Drei, seiner insoweit entstandenen von großem Talent zeugenden Werke seien hier, damit der Leser sich selbst ein Bild über Romans überragende Fähigkeiten machen kann, eingefügt:
Göttlicher Irrtum
Weiser Prometheus, naiver Prometheus,
wähntest Du des Feuers züngelnde Flamme
brächte Eintracht unter die von Dir geschaffenen Wesen, denen Du einhauchtest Deinen göttlichen Atem?
Du erhelltest dadurch das menschliche Dasein,
doch warst Du zugleich der Ursprung
für das Streben nach materiellem Fortkommen.
Vergaßest Du,
dass das vergängliche Menschlein
- statt dem Augenblick und damit seinem Glücke zu huldigen - danach trachtet, Werte zu besitzen,
ja seinen konkurrierenden Nebenmann zu vernichten
und nicht wie es das Ziel Deines uneigennützigen Bestrebens war, eine vergängliche,
im völligen Gegensatz zur monarchistisch geprägten, göttlichen Ordnung des Olymps stehende Ordnung zu errichten.
Dein Werk zeitigte in seiner Folge nichtsdestotrotz die größten Errungenschaften, großartige
Ergebnisse menschlichen Geistes,
das Feuer erhellte die Seelen „Deiner“
menschlichen Geschöpfe
und ihr Gehirn erschuf ein komplexes Werk
kreativer Entfaltung.
Und nun?
An den Fels geschmiedet,
in die Zukunft blickend beim Schließen
Deiner Lider,
ein göttlicher Gigant, dessen pochendes Herz - für seine Wesen schlagend -,
jeden Tag aufs Neue dem Leib entrissen wird,
durch den von Zeus entsandten Vogel,
dem unersättlichen, machtgierigen Sohn längst
verstoßener Titanen,
welch göttlicher Augenblick?!
Der Sinn dieses Gedichtes lässt sich wie folgt erklären: Roman betrachtete sich bereits seit frühester Kindheit als eine Art Seher (und er war es mitunter in bestimmten Situationen auch), was ein großartiges Lebenselixier für ihn bedeutete, denn hieraus erwuchs für ihn eine gedankliche Überlegenheit, die er oft gegenüber Gleichaltrigen ausprobiert und die, als sein Leben noch in normalen Bahnen verlief, seine eigentliche Stärke gegenüber den aggressiven Schulkameraden dargestellt hatte.
An meine liebe Mutter
Du lebst neben uns
und doch lebst Du für uns,
Du bist weit von uns,
doch ein Teil von Dir, Deine Gedanken,
weilt ständig bei uns,
sie sind dem äußeren Anschein nach nicht fassbar,
ihrer Kraft und Intensität vermag dies allerdings nichts anzuhaben, sondern scheint sie
nur noch zu vergrößern,
so dass sie uns schützen und behüten,
trotz der Tatsache, dass Du weilst in der Fremde,
gar umgeben bist von gebirgiger Kulisse.
Diese Liebe ist mit nichts vergleichbar,
geschweige denn bezahlbar,
ich möchte sie deshalb nicht missen,
ohne sie erschiene mein Leben eintönig und
farblos, so dass mein Dasein dadurch - in nicht zu beschreibendem Ausmaß- erhellt wird!
Eine von Romans Hauptanziehungspunkten im Leben war - wie bei vielen sensiblen Menschen - seine Mutter, so dass er ihrer häufig gedachte, sie zum Inhalt seiner ständigen Sorgen machte, dies auch deshalb, weil die moralische Gestalt der Mutter, noch viel mehr im Mittelpunkt der Roma - Familien steht als dies bei anderen Volksgruppen der Fall ist, so dass er auch ihr ein eigenes Gedicht gewidmet hatte, was seine Liebe zu ihr besonders zur Geltung brachte.
Und da er sich nach dem Tode von Gabriela, seinem gefühlsmäßigen Gegenpol, dem christlichen Glauben zugewandt hatte, musste er sein morgendliches Verhalten beziehungsweise die damit verbundenen Verrichtungen, die auch seiner neuen Religion dienten, zum Thema eines lyrischen Stückes machen:
Das Frühstücksgebet
Der Morgen ist leise;
er bringt Gedanken, die reifen zu Plänen,
mächtigen Gebäuden aus durchsichtigem Stoffe!
Der Abend ist ebenfalls leise;
man legt sich zur Ruh
und nichts ist um einen,
außer das eigene Schnaufen, das eines
friedlichen Schläfers, eines eifrigen Wälzers von
Vergangenem und seinen Eruptionen,
welches einen begleitet bis tief in die Nacht.
Vergeht diese,
so schließt sich der Kreis
und es dämmert erneut der Morgen, rot glühend.
Aus dem Vorgenannten ergibt sich ganz klar, wohin sich Romans Gedanken während seiner Gefangenschaft wandten, um den Gefühlen wieder jenen inneren Halt zu geben, welcher so unabdingbar ist für das tägliche Leben. Doch Lyrik allein bildete in den vielen traurigen Stunden im „Gheorghe Dej“ nicht den Hauptinhalt seines Daseins, denn die Mitinsassen im Heim blieben nicht still, sondern versuchten ständig, ihn in ihre Raufereien hineinzuzwingen, so dass er genötigt war, an ihren Kampfspielen teilzunehmen. Wenngleich man betonen muss, dass es sich nicht um Kampfspiele im eigentlichen Sinne handelte, sondern - jedenfalls nach außen hin - um herkömmliche Fußballmatches. Doch was zwischen den schwer erziehbaren Jungendlichen daraus wurde, kann tatsächlich nur mit einer Kampfsportart verglichen werden, schon weil die Turniere auf einem fast zu Stein gewordenen Sandbelag ausgetragen und von Heranwachsenden betrieben wurden, von denen manche bereits im Alter unter achtzehn Jahren einen Menschen auf dem Gewissen oder ihn zumindest krankenhausreif geprügelt hatten, auch wenn es bei einigen Fällen unter Außerachtlassung der im Verkehr erforderlichen Sorgfalt geschah, das heißt das Mordwerkzeug unbeabsichtigt seinen Weg ins Ziel fand. Zumeist waren es also Jugendliche, bei denen man oftmals am Tage - wie man gemeinhin zu sagen pflegt - das Weiße im Auge sehen konnte, vorausgesetzt es trat eine Situation ein, welche sie erregte, dann waren sie von niemandem zu stoppen. Die Spiele im Rahmen des „Unterrichts zur körperlichen Ertüchtigung“ arteten daher in regelrechte Schlachten aus, bei denen diejenige Mannschaft gewann, welche sich nicht durch das vorgetäuscht gewichtige Auftreten der stärksten Hauptvertreter des Gegners bluffen ließ, sondern mit kühlem Kopf den Ball im gegnerischen Tor versenkte. Der Schrei, der sich dann den Kehlen der siegerischen Mannschaft am Schluss des Spiels entrang, war der von freigelassenen Gefangenen; bevor sie von der Vertretern der Sicherheitskräfte (im Volksmund auch die rote Gestapo genannt) wieder in den geschlossenen Trakt geführt wurden, wo jeder ein eigenes von außen zu verschließendes Zimmerchen hatte, in dem nur das Notwendigste Platz hatte; anderes zu haben, war den Insassen ja ohnehin nicht gestattet.
