Die Rosa-Hellblau-Falle - Almut Schnerring - E-Book

Die Rosa-Hellblau-Falle E-Book

Almut Schnerring

0,0
13,99 €

Beschreibung

Rollenklischees im Familienalltag - und wie man ihnen entkommt Rosa ist für Mädchen, hellblau für Jungs, nach diesem Prinzip sind ganze Kaufhausabteilungen geordnet. Lego hat gerade eine neue Mädchen-Spielsteinreihe auf den Markt gebracht, für die Jungs gibt es eigene Cyber-Raketen-Roboterwelten. Als emanzipierter Erwachsener hat man Geschlechterklischees längst für überwunden gehalten, doch Eltern werden derzeit wieder unerbittlich mit ihnen konfrontiert. Alles nur gut gemeint und kein Problem? Sind Geschlechterunterschiede nicht vielleicht wirklich angeboren und damit eine Lebensrealität? Almut Schnerring und Sascha Verlan, selbst Eltern kleiner Kinder, beschäftigen sich mit den Rollenklischees, die derzeit wieder fröhlich ins Kraut schießen, eine ganze Produktindustrie am Leben halten und sich zunehmend in den Köpfen der Betroffenen festsetzen. Witzig und pointiert beschreiben sie Szenen aus dem Familienalltag, hören sich in Kindertagesstätten um, diskutieren mit Marketingstrategen, Genderforschern, Pädagogen und, natürlich, mit anderen Eltern. Wie würden unsere Kinder aufwachsen, wenn die Klischeefallen und Schubladen nicht immer wieder bedient würden? Ein Aufruf zum Widerstand, der ganz konkrete Tipps bietet, wie sich die Genderfalle im Alltag umschiffen lässt. »Dem Sohn ein rosa Ü-Ei gekauft. War ein Fernglas drin. Jetzt ist er stinksauer. Er wollte eine Elfe.« @DASNUF(TWITTER)

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 348

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Almut Schnerring/Sascha Verlan

DIE ROSA-HELLBLAU-FALLE

Für eine Kindheit ohne Rollenklischees

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Verlag Antje Kunstmann

INHALT

Einleitung

1   Mathe ist kein BauchgefühlWarum Klischees so beharrlich sind

2   Von Beginn an zwei WeltenWarum wir schon vor der Geburt Unterschiede machen

3   »Du wärst jetzt wohl mal die Mutter«Rollenklischees im Kindergarten – und wie es anders geht

4   Wir GatekeeperIm Spielzeugland der Marketingstrategen

5   Strammer Max und ElfentrankWas Ernährung mit dem Geschlecht zu tun hat

6   Nachmittage zwischen Blutgrätsche und Prinzessinnen-CupDas Rollenbild vom echten Kerl

7   »Mann redet, Frau nackig«Geschlechterrollen in den Medien

8   Hilfe für BildungsverliererAllein oder zusammen – wie Schulen weiterführen

9   Zwischen fünf und SexKörperbilder

10 Wenn die Fachmännin mehr Manpower brauchtSprache der Macht und Macht der Sprache

11 SchlussBraunäugige und Blauäugige

Dank

Literatur

Anmerkungen

EINLEITUNG

Wer im Kaufhaus in die Spielzeugabteilung hinauffährt, taucht in einer zweigeteilten Welt wieder auf. Ein ganzes Stockwerk ist unterteilt in zwei Zonen: Auf der einen Seite markieren Blassrosa und Pink, »was Mädchen mögen«. Auf der anderen Seite sind die Verpackungen vorwiegend schwarz und dunkelblau und kennzeichnen das Spielzeugreich der Jungen. Links sind die Regale gefüllt mit pastellfarbenen Pferden, glitzernden Feen, kuscheligen Kuscheltieren, Mini-Küchen und allem, worauf die Puppen nicht verzichten können. Rechts blicken wilde Monster, Ritter und bewaffnete Science-Fiction-Kämpfer durch die Plastikfenster der Spielzeugschachteln, und es stapeln sich die Bausätze für Fahrzeuge und Maschinen. Auf einem ganzen Stockwerk spiegeln sich die traditionellen Rollenzuschreibungen wider, von denen wir glaubten, sie in den vergangenen Jahrzehnten überwunden zu haben.

Hier werden keine Klischees reproduziert oder gar verstärkt, sagen die Marketingstrateg_innen1 der Spielzeugindustrie, hier werden einfach die natürlichen Grundbedürfnisse von Jungen und Mädchen befriedigt. Und sie behaupten, ganz genau zu wissen, was »typisch männlich« und »typisch weiblich« ist. Zwar besteht darüber in der Wissenschaft keinesfalls Einigkeit, und weder Evolutionsbiolog_innen noch Genderwissenschaftler_innen würden allgemeingültige Aussagen dieser Art unterschreiben, aber solange dort noch geforscht wird und Uneinigkeit herrscht, lassen sich Behauptungen wie »Ritter suchen den Wettbewerb, Prinzessinnen wollen dazugehören«2 so erfolgreich verkaufen, dass Eltern und Kinder das zweifelhafte Glück haben, täglich mit einem Überangebot an Waren konfrontiert zu werden, die jeweils ein Geschlecht ausschließen. Rosa Überraschungseier sind »nur für Mädchen«, Capri-Sonne wirbt für einen ›Elfentrank‹, der »speziell auf die Wünsche von Mädchen zugeschnitten« sei. Dagegen werden Turnbeutel mit Dinosauriern ganz selbstverständlich mit Fotos von coolen Jungs beworben, im S. Fischer Verlag gibt es eine Buchreihe »Nur für Jungs«, und auch Lego-City richtet sich an Jungen, denn bei denen »geht’s eher darum, den Schwächling zu besiegen oder auszuschließen«3, wie Dirk Engehausen, Europachef von Lego, sein Wissen um die Grundbedürfnisse der Jungen in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau zusammenfasst.

Warum die Marketing- und Konsumgüterindustrie so auf die Unterschiede zwischen den Geschlechtern pocht, ist leicht nachzuvollziehen. Es lassen sich eben mehr Waren verkaufen, wenn Spielsachen, Zimmereinrichtungen, Bücher und andere Medien, wenn Kleidung, Schulbedarf und auch Freizeitinteressen unserer Töchter nicht gut, zumindest nicht gut genug sind für unsere Söhne und umgekehrt. Im Idealfall bringt das den doppelten Umsatz. Da verwundert es kaum, dass auch die Lebensmittelindustrie ein Stück vom Kuchen abhaben will und inzwischen verstärkt auf Gendermarketing setzt. Dies kommt alles mit dem in der Werbung verbreiteten Augenzwinkern daher und suggeriert, dass wir doch alle Bescheid wissen, dass wir die eigentlichen Klischees längst überwunden haben und ganz befreit damit spielen können. Gerne glauben wir Erwachsenen, dass wir mit den Werbebotschaften gut umgehen können, dass wir den Überblick behalten, uns nicht manipulieren lassen, doch nicht »von denen«. Aber gilt das auch für unsere Kinder? Und bleiben wir selbst wirklich so unbeeinflusst von all den Rollenklischees, mit denen wir tagtäglich konfrontiert werden? Sorgt nicht allein die schiere Menge an Klischeefiguren in Werbung, Film und Literatur dafür, dass sich unser Blick auf die Welt verändert, dass uns inzwischen normal erscheint, was wir bei genauerem Hinweisen gar nicht haben wollen für uns und unsere Kinder?

Viele Eltern sind von den allgegenwärtigen Geschlechterklischees genervt und nicht länger bereit, die Trennung der Kinderwelt in Rosa und Hellblau hinzunehmen. Nur lassen sie sich nicht so einfach ausblenden. Wer die Spielzeugabteilung erfolgreich umschifft hat, wird zwischen Schuhregalen wieder darauf aufmerksam gemacht. Wer beim Schulranzenkauf die Schmetterlinge und Roboter hinter sich gelassen hat, sieht sich im Sportverein beim »Prinzessinnen-Cup« wieder damit konfrontiert. Wenn Kinder aber ständig von Klischees umgeben sind, können wir dann wirklich noch behaupten, sie hätten eine freie Wahl?

Das Verhältnis der Geschlechter bietet seit Jahrzehnten konfliktreichen Gesprächsstoff unter Wissenschaftlern, in Politik und Medien, im Freundeskreis, auf dem Elternabend. Es gibt radikale Ansichten darüber, was sich verändern sollte, und ebenso traditionsbewusste Meinungen, was es unbedingt zu bewahren gilt. Doch egal welche der angebotenen Positionen Eltern selbst einnehmen, in einem Punkt sind wir uns scheinbar alle einig: Unsere Kinder sollen unabhängig von ihrem Geschlecht die gleichen Chancen haben, sich zu entwickeln. Unser Grundgesetz garantiert in Artikel 2 allen das Recht auf eine freie Entfaltung ihrer Persönlichkeit. Und in Artikel 3 steht: »Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.« Die Europäische Union hat ihre Strategie, die Chancengleichheit für Frauen und Männer in Institutionen, Organisationen und Politik zu verwirklichen, unter dem sperrigen Begriff ›Gender Mainstreaming‹ zusammengefasst und 1997 im Amsterdamer Vertrag verankert. ›Gender Mainstreaming‹ gilt seitdem für alle Mitgliedsstaaten als verbindliches Prinzip. Ziel ist es, »bei allen gesellschaftlichen Vorhaben die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern von vornherein und regelmäßig zu berücksichtigen, da es keine geschlechtsneutrale Wirklichkeit gibt«4, wie das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend auf seinen Internetseiten erklärt.

Es herrscht also ein allgemeiner Grundkonsens darüber, Kinder unabhängig von ihrem Geschlecht gleichberechtigt zu behandeln und zu erziehen, wir leben schließlich im 21. Jahrhundert, und das Thema Gleichstellung ist nicht neu. Es ist im Gegenteil so alltäglich geworden, dass sich eine gleichberechtigte Behandlung unserer Kinder auf den ersten Blick gar nicht als Problem darstellt. Schon unsere Eltern waren darauf bedacht, Jungen auch mal eine Puppe und Mädchen einen Technikbaukasten zu schenken. Und wir Eltern von heute sind ja die Kinder dieser 1970er- und 80er-Jahre, in denen die Gleichbehandlung der Geschlechter hoch im Kurs stand, ebenso der Glaube daran, die gesellschaftlichen (Macht-)Verhältnisse nachhaltig verändern zu können. Doch je tiefer dieser allgemeine Konsens Eingang gefunden hat in die deutsche und europäische Gesetzgebung, desto stärker wuchsen Unbehagen und Widerstand gerade auch bei Menschen, die eigentlich eine gleichberechtigte Erziehung befürworten. Und je vielfältiger sich die Rollenangebote und Familienmodelle entwickelten, je fließender die Grenzen, je größer also die tatsächliche Wahlfreiheit wurde für Frauen wie für Männer, desto stärker wurde zugleich das Bedürfnis nach klarer Abgrenzung, nach deutlichen Regeln und damit verbundener Sicherheit für das eigene Handeln. Deshalb wird das Konzept des ›Gender Mainstreaming‹ in der aktuellen Diskussion von vielen nicht länger als ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer geschlechter-gerechten Welt betrachtet. Das Anliegen, Frauen und Männern, Jungen und Mädchen dieselben Chancen zu ermöglichen, wird gern als Gleichmacherei abqualifiziert; von Umerziehung ist die Rede, wenn die geschlechtliche Zuordnung von Eigenschaften und Interessengebieten infrage gestellt wird. So ist es schwierig geworden, das Wort ›Gender‹ überhaupt zu verwenden, ohne sich gleich dem Vorwurf auszusetzen, evolutionsbiologische Forschungsergebnisse zu ignorieren. Auf der anderen Seite wird allerdings kaum jemand bestreiten, dass unser Verhalten und unsere Interessen durch die Gesellschaft beeinflusst werden, in die wir hineinwachsen.

Es ist ein ewiges Hin und Her: Biologie oder Sozialwissenschaften, Hormone oder Umwelteinflüsse, Frauen gegen Männer, Gene oder erzieherische Verantwortung, Jungen gegen Mädchen. Es ist ein Gegeneinander, das nicht weiterführt, sondern uns im Gegenteil anfällig macht für die Einflüsterungen der Konsumgüterindustrie. Es macht uns manipulierbar bis in unser eigenes Selbstverständnis hinein, und es schränkt die Möglichkeiten unserer Kinder empfindlich ein, ihre Persönlichkeit frei zu entfalten. Deshalb schreiben wir dieses Buch, gemeinsam als Mutter und Vater von drei Schulkindern, zwei Töchtern und einem Sohn, weil wir der Überzeugung sind, dass wir den Weg zu einer geschlechtergerechten Gesellschaft nur gemeinsam gehen können, als Väter und Mütter, für unsere Töchter und Söhne, als Männer und Frauen für eine Gesellschaft, in die wir unsere Kinder gerne hineinwachsen sehen und in der wir selbst gerne alt werden möchten. Wir sind überzeugt, dass uns der aktuelle Fokus in Forschung und Marketing, nämlich die Unterschiede zwischen den Geschlechtern zu betonen, immer weiter auseinanderführt.

Wir wollen stattdessen nach den Gemeinsamkeiten suchen, nach den Überschneidungen, nach dem, was uns verbindet. Wir wollen unseren Kindern nicht zwei Alternativen anbieten, sondern tausend. Wir wollen nicht länger in die Vergangenheit schauen und nach Verantwortlichkeiten suchen, wer wann was verschuldet oder zu welchem Zeitpunkt versäumt hat. Wir wollen uns nicht länger mit einer – oft hypothetischen – grauen Vorzeit beschäftigen, um unsere heutige zu verstehen. Wir wollen nach vorne schauen und uns Gedanken machen, was wir heute bewirken können, um dem Ideal einer geschlechtergerechten Erziehung ein Stück näher zu kommen. Die Frage ist also nicht, wie es dazu kam, dass wir so verschieden sind, die Frage lautet: Wollen wir an diesem Zustand etwas verändern? Wer in der jetzigen Situation, in der Gleichstellung von Mädchen und Jungen, von Männern und Frauen Verbesserungspotenzial sieht, hat allen Anlass, sich über gesellschaftliche Einflüsse Gedanken zu machen. Und da sich die Menschen in Deutschland darauf verständigt haben, Hundekacke in Plastiktüten aufzusammeln und zum nächsten Mülleimer zu tragen, sich eine ganze Infrastruktur um Hundekacktüten entwickeln konnte in den letzten Jahren, da sollte es doch möglich sein, unser Zusammenleben auch an entscheidenderer Stelle zu verändern!

Geschlechtsneutral oder geschlechtergerecht?

Aber was gehört zu einer geschlechtergerechten Erziehung, was bedeutet das im Detail? Wie können wir den allgemeinen Wunsch, unsere Kinder gleichberechtigt zu erziehen, konkret umsetzen? Denn rosa und hellblaue Fallen tun sich überall auf im Alltag mit Kindern. Die Zweiteilung ist uns so geläufig, dass wir die allgegenwärtige Zuordnung und die Betonung des Geschlechts gar nicht mehr wahrnehmen. Opa sagt zu Simon: »Toll, mit kurzen Haaren siehst du wieder aus wie ein richtiger Junge.« Natürlich möchte Simon »richtig« sein, er weiß jetzt: Lange Haare sind nichts für Jungen. In der Krabbelgruppe sagt eine Mutter mit Blick auf den halbjährigen Finn: »Ooch, guck, der flirtet schon mit mir, wie süß!«, und die vierjährige Svea soll nicht ohne Bikini-Oberteil ins Wasser. – Was bewegt uns dazu, Begriffe, Kleidung und Symbole von Erotik und Sexualität in die ersten Lebensjahre unserer Kinder vorzuverlegen? Es ist naheliegend, dass wir Rollenvorstellungen, mit denen wir selbst aufgewachsen sind, zunächst einmal an unsere Kinder weitergeben: Beim Familienausflug mit der Klasse spazieren 25 Kinder durch den Wald: »Annika, du machst deine Jacke schmutzig, wenn du so den Hang runterrutschst«; aber: »Los, Max, geh doch auch auf die Baumstämme hoch, du bist doch ein guter Kletterer!« Nacherzählt klingen solche Bemerkungen wie längst überholte Klischees, doch wer einmal darauf achtet, wird überrascht sein, wie viele davon unsere Kinder jeden Tag zu hören bekommen, beiläufig, unachtsam und ohne bösen Willen. Und wer einmal damit angefangen hat, die Zuschreibungen zu hinterfragen, merkt, dass ein »gleich behandeln« gar nicht möglich ist, obwohl viele Eltern ihr eigenes Erziehen genau so beschreiben würden. Da es aber keine geschlechtsneutrale Wirklichkeit gibt, kann es auch keine geschlechtsneutrale Erziehung geben. Eine geschlechtergerechte5 oder geschlechtersensible dagegen schon. Dazu gehört, dass Erwachsene Unterschiede wahrnehmen und mehr noch, dass sie sich bewusst sind, selbst Unterschiede zu machen.

Geschlechterrollen sind historisch gewachsen und daher veränderbar. Wer sich ein gerechtes Miteinander unabhängig vom Geschlecht wünscht, ist gefordert, sein eigenes Mitwirken an den Regeln unserer Welt aufzuspüren, eine Welt, die auf Zweigeschlechtlichkeit in allen Bereichen Wert legt und in der Heterosexualität als Norm gilt. Das bedeutet, einen Blick dafür zu entwickeln, ob im eigenen Alltag bestehende Verhältnisse stabilisiert werden oder ob eine kritische Auseinandersetzung und damit Veränderung möglich ist. Eine Erziehung, die Sohn oder Tochter gleiche Chancen vermitteln möchte, ist untrennbar verknüpft mit unseren Vorstellungen darüber, wie Frauen und Männer in Zukunft zusammenleben sollen und was wir unseren Kindern dafür mit auf den Weg geben wollen. Sie ist verknüpft mit Fragen zur Rollenverteilung in den Familien und der aktuellen Debatte über die Frauenquote und über die Benachteiligung von Jungen durch unser Bildungssystem. Mit der Diskussion über Pädophilie im Zuge der sexuellen Befreiung in den 70er-Jahren und dem heute selbstverständlichen Warenangebot von Push-up-BHs und Stringtangas in Größe 116. Mit der zunehmenden Unzufriedenheit kleiner Mädchen mit ihrem eigenen Körper und nicht zuletzt der #aufschrei-Debatte.

Die Rollenklischees der Kinderwelt infrage zu stellen, ist kein Nischenthema für überambitionierte Eltern, sondern die Voraussetzung für ein gleichwertiges Miteinander aller. Sie geht uns alle an, weil unsere Entscheidungen die Zukunft unserer Kinder mitbestimmen und weil die Entscheidungen, die wir im Alltag mit Kindern treffen, deren Weltbild mit prägen. Dabei ist es egal, ob es unsere eigenen Kinder sind oder die Kinder von Freunden, Nachbarn, die Kinder von Fremden, ob wir Kinder als unsere Kund_innen betrachten, als Zielgruppe oder als Publikum. Wir alle haben Einfluss darauf, weil wir als Erwachsene die Lebensumwelt der Kinder gestalten durch Werbung, Geschichten und Filme, durch Spielzeug- und Freizeitangebote, durch Kleidungs- und Ernährungsgewohnheiten, durch unser alltägliches Zusammen- und Vorleben.

Den Einstieg ins Thema beginnen wir deshalb mit zwei Beispielen, »Mädchen und Mathematik« – »Jungen und Einfühlungsvermögen«, da hier offensichtlich wird, wie klassische Vorstellungen die Wahlmöglichkeiten unserer Kinder einschränken und zugleich Einfluss haben auf unser Zusammenleben als Erwachsene. Dann blicken wir in verschiedene Themenbereiche, die im Aufwachsen eines Kindes eine Rolle spielen. In jedem dieser Bereiche begegnen Kinder Zuordnungen zum einen oder anderen Geschlecht, die sie in ihrer Wahlfreiheit einschränken. Das beginnt schon vor der Geburt: Als zukünftige Eltern beeinflussen wir die Welt unserer Söhne und Töchter durch unsere Haltung und unsere Vorstellungen vom ungeborenen Kind. Wird sie rosa oder hellblau? Warum nicht auch gelb oder regenbogenfarbig? Wir haben die Kita Sonnenblume in der Nähe von Köln besucht und uns mit Susanne Wunderer getroffen, die Fortbildungen zu gendersensibler Pädagogik in Kindertagesstätten durchführt.

Von Werbung und Marketing werden Mädchen und Jungen immer stärker in Klischees gepresst. Ein Besuch in der Spielzeugwelt von Kuschel-Einhorn, G-Force-Heroes und Prinzessinnen-Laptop soll Antworten darauf liefern, welchen Einfluss die hier vermittelten Bilder haben. Welche Rolle spielen Barbie, High Heels, Prinzessinnenkostüme? Und haben die Rollenklischees der Werbung Einfluss auf das Körperbild unserer Kinder? Mit Stevie Schmiedel vom Verein Pinkstinks haben wir über pinkfarbenes Spielzeug und sexualisierte Werbung gesprochen.

Männersenf und Frauenbier, Elfentrank und rosa Überraschungseier: Verändert Gendermarketing unsere Essgewohnheiten? Haben unterschiedliche Freizeit- und Bewegungsangebote für Mädchen und Jungen Einfluss auf den eigenen Körper? Und wie sieht es mit Filmen, Büchern und Computerspielen aus, die sich an Jungen und Mädchen richten? Frauen gehen zur Vorsorge, Männer zur Reparatur; Mädchen wollen Topmodel werden, Jungen träumen von sich als Spitzensportler. Welchen Einfluss hat die Schule auf die spätere Berufswahl unserer Kinder, was bringen der Girls’ und Boys’ Day, und welche Botschaft kommt bei Mädchen und Jungen durch monoedukativen Unterricht an? Welches Bild der Welt vermitteln wir Kindern über die Sprache? Wir haben uns mit Lann Hornscheidt, Professorin für Gender Studies und Sprachanalyse, unterhalten, um mehr zu erfahren über Sprache und Macht. Nils Pickert, Journalist, Teilzeitrockträger und Vollzeitfeminist, hat uns erzählt, warum seiner Meinung nach in unserer Gesellschaft Individualität großgeschrieben wird und trotzdem nicht jeder und jede sein darf, wie er oder sie möchte.

Es ist aber umständlich, jedes Mal die weibliche Form mit zu berücksichtigen, und ein rosa Kinderzimmer ist doch hübsch! Lasst doch die Kinder in Ruhe, die komplizierten Regeln des Erwachsenenlebens kommen früh genug – Einwände, das Thema in den ersten Jahren noch ruhen zu lassen, gibt es genug. Doch wer geschlechterstereotypen Vorstellungen nichts entgegenzusetzen hat, bringt sie zwangsläufig immer wieder neu hervor. Diesen Kreislauf gilt es im Interesse unserer Kinder zu durchbrechen. Denn am Ende des Tages lässt sich alles auf einzelne Ereignisse zurückführen, in denen wir und andere Menschen Entscheidungen treffen, Aussagen machen und handeln. Manchmal genügt es, den Blickwinkel ein klein wenig zu verschieben. Noch mal genauer zuzuhören beim nächsten Kindergeburtstag, etwas genauer nachzufragen, wenn wir unsere Kinder abholen in der Kindertagesstätte, und etwas länger zu zögern beim nächsten Einkauf in Rosa oder Hellblau. Und plötzlich wird klar, dass wir Einfluss haben; wir können uns und unser Umfeld verändern. In den kleinen Augenblicken des Alltags haben wir die Entscheidungsfreiheit, da ergeben sich Handlungsspielräume, in denen wir selbstbewusst agieren können.

1  MATHE IST KEIN BAUCHGEFÜHL

Warum Klischees so beharrlich sind

Luca, unsere Jüngste, sitzt über ihren Mathehausaufgaben und kritzelt schlampig über die Kästchen auf dem Arbeitsblatt. Acht sollen blau werden, fünf bekommen noch etwas Rot ab, da wirft sie ihre Buntstifte hin: »Dreizehn! Das ist doch voll baby!« Arbeitsblätter mit roten und blauen Kästchen begleiten sie durchs erste Schuljahr, und wir begleiten eine genervte Erstklässlerin durch ihre ersten Matheerfahrungen. Anfangs hatte sich Luca mit einer Begeisterung in die Welt der Zahlen gestürzt, die uns Eltern und ihre älteren Geschwister fast überforderte. Kein Spaziergang, kein Mittagessen, kein Einschlafen ohne neue Aufgaben, plus und minus, mehrteilig und gemischt; wer gerade in Reichweite war, von dem wollte sie neues Rechenfutter. Als Hausaufgaben bekam sie weiterhin Blätter mit Kästchen zum Ausmalen und mit Äpfeln und Birnen zum Einkreisen, alles im Zahlenraum bis 20. Zu Hause fing sie inzwischen an, mit Kay das kleine Einmaleins zu lernen. Für sie ein Riesenspaß, für Kay, den Drittklässler, für den das regulärer Unterrichtsstoff war, eher frustrierend. Deshalb wollten wir uns beim Elternsprechtag mit der Lehrerin darüber austauschen in der Hoffnung, dass sie Luca mit neuen Herausforderungen den Spaß an der Mathematik bewahren und ihr die Langeweile nehmen würde. Leider klärte sie uns stattdessen über ihre Erfahrungen mit Hochbegabten auf, und Luca, das sei sicher, ist ja nicht hochbegabt. Gut, das war zwar nicht unser Anliegen, aber offenbar waren wir durch unsere leise Kritik an den Kästchen direkt in die Kategorie ›überambitionierte Eltern‹ gerutscht, sodass sie meinte, uns erst einmal den Wind aus den Segeln nehmen zu müssen. Außerdem, gab sie uns noch mit auf den Weg, müssten Kinder in einer heterogenen Klasse lernen, dass sich nicht alles immer nach ihnen richtet. Warten zu können sei auch eine Tugend.

Ja, natürlich, man könnte das als Luxusproblem überambitionierter Eltern abtun: Mensch, seid doch zufrieden! Ist doch prima, dass sie in Mathe keine Probleme hat, ist ja nicht selbstverständlich … für ein Mädchen – oder wie? Wahrscheinlich sah die Lehrerin in uns Exemplare der aktuell kritisierten »Helikoptereltern«. »Zu viel Kontrolle« steht derzeit nämlich ganz oben auf der Liste der elterlichen Verfehlungen. Unlängst haben wir unsere Kinder zu Tyrannen erzogen, weil wir keine Grenzen setzten, jetzt droht die Überbehütung. Im vorliegenden Fall wäre die entsprechende Empfehlung also: abhaken, laufen lassen. Langweilt sie sich eben in Mathe, sie wird bestimmt bald etwas anderes finden, das sie ausfüllt. Deutsch oder Englisch vielleicht? Fachbereiche also, in denen sie vielleicht mehr Zuspruch bekommt? Weil Mädchen doch so gerne lesen und Sprachen überhaupt …? Wir waren jedenfalls überrascht, dass in Zeiten, in denen sich alle Welt mehr weibliche Begeisterung für die naturwissenschaftlichen Fächer wünscht, für Mathematik und Informatik, keine positivere Rückmeldung kam. Stattdessen lautete die Lösung der Lehrerin: Luca solle sich eben schneller durchs Mathebuch arbeiten mit der zweifelhaften Belohnung, im zweiten Band weitermachen zu können, sobald sie fertig wäre. Jetzt, ein Jahr später, findet Luca Mathe so blöd wie ihre Schulfreundinnen auch. Ihre Begeisterung ist erstickt im hundert Seiten dicken Mathebuch und in vielen Kommentaren von Großeltern und Eltern von Freunden und Freundinnen: »Das kannst du schon rechnen? So ein kleines Mädchen, das ist aber toll!« Oder: »Interessant, dass sie sich so für Zahlen interessiert, ist ja sonst nicht so ’n Mädchending.« Im Einzelnen ist nichts davon schlimm und schon gar nicht böse gemeint, in der Summe aber hat es seine Wirkung nicht verfehlt.

Mit Kays Klassenlehrerin hatten wir ein ähnliches Gespräch, allerdings ging da die Initiative von ihr aus. Sie hätte manchmal den Eindruck, er sei vielleicht unterfordert in der Schule, wie wir das denn sehen würden. Und obwohl wir uns darüber noch gar keine Gedanken gemacht hatten und auch keinen Handlungsbedarf sahen, versprach sie, in Zukunft genauer darauf zu achten, dass er im Unterricht und in den Hausaufgaben genügend Herausforderungen findet. Zwei verschiedene Grundschullehrerinnen, zwei gegensätzliche Erlebnisse – es mag sein, dass das Thema Geschlecht nur zufällig dazukam. Für uns lag allerdings der Gedanke nahe, dass diese Neigung vieler Lehrer_innen und Eltern eine Rolle spielte, Jungen ganz allgemein für intelligenter zu halten, insbesondere in Mathematik1. Viel lieber hätten wir unser persönliches kleines Luxusproblem damit, aber unsere Tochter ist kein Einzelfall. Die Erwartungshaltung geht eben nicht davon aus, dass sich Mädchen für Mathematik und Physik interessieren, allgemeiner Konsens ist noch immer das Gegenteil. Und diese gesellschaftliche Übereinkunft hat direkte Auswirkungen auf das Selbstbild unserer Kinder. Sie führt dazu, dass Mädchen insgesamt ihre Matheleistungen geringer einschätzen als Jungen, selbst wenn sie gleich gute oder sogar bessere Noten in der Schule haben. Ein Satz wie »Das kann ich sowieso nicht!« kommt bei Mädchen viel früher, und das Blatt mit einer kniffligen Matheaufgabe wird oft schon zerknüllt, noch bevor eine wirklich zu rechnen begonnen hat. Und da wir das irgendwie ja auch erwarten, wird es allzu schnell entschuldigt – liegt ihr eben nicht. Jungen dagegen lernen schon bald, dass man mit einem selbstverständlichen Grundoptimismus weit kommen kann: »Passt schon!« ist die Haltung, mit der sich ein Matheaufgabenblatt leichter und schneller bearbeiten lässt. Die positive Selbsteinschätzung im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich nimmt bei Jungen mit zunehmendem Alter immer weiter zu, während die der Mädchen abnimmt2. Und auch die Pisa-Studie von 2013 ergab erneut: »Selbst da, wo Jungen und Mädchen gleiche Ergebnisse haben, sind Mädchen der Mathematik gegenüber negativer eingestellt. Ihr Vertrauen in die eigenen mathematischen Fähigkeiten ist geringer.«3 Eine sich selbst erfüllende Prophezeiung also: »Jungs sind gut in Mathe. Und weil ich ein Junge bin, gehöre ich dazu.« Auf der anderen Seite: »Mädchen sind schlecht in Mathe. Weil ich ein Mädchen bin, kann ich so gut also gar nicht sein.« Warum sind Schulen, obwohl das Problem seit Jahrzehnten diskutiert wird, hier noch nicht weitergekommen? Wie kann sich ein für alle frustrierendes Klischee bloß so lange halten?

Die Macht der Rollenklischees

Es gibt eine ganze Reihe von Untersuchungen, die den Einfluss stereotyper Ansichten auf das Selbstbild und auf die Leistungen von Erwachsenen nachweisen. Claude M. Steele von der Stanford University, Kalifornien, nutzte den Begriff ›Stereotype Threat‹ zum ersten Mal, als er 1995 in mehreren Experimenten nachweisen konnte, dass schwarze College-Studierende in Tests schlechter abschnitten, wenn sie zuvor auf ihre Hautfarbe hingewiesen wurden4. Fiel dieser Hinweis weg, schnitten sie gleich gut und besser ab als die übrigen Teilnehmenden. Später teilte er Testpersonen in zwei Gruppen auf, die in ihren mathematischen Leistungen vergleichbar waren. Der einen Gruppe wurde gesagt, dass Männer und Frauen bei diesem Mathetest bisher immer sehr unterschiedlich abgeschnitten hätten, bei der anderen Gruppe gab es keinen Hinweis zum Geschlecht. In der ersten Gruppe fiel das Ergebnis der Frauen deutlich schlechter aus als in der Kontrollgruppe. Und eine Folgestudie5 zeigte, dass dieser Effekt noch zunimmt, je größer die mathematischen Kenntnisse der Teilnehmenden sind und je wichtiger sie ihre Fähigkeiten und damit auch die Testergebnisse nehmen. Die Aufgaben dieses Mathetests stammten aus dem Graduate Record Examination Test, den US-amerikanische Student_innen absolvieren müssen, wenn sie an einer Universität Naturwissenschaften studieren wollen. Die Stereotypbedrohung wirkte in diesem Experiment gleich in zweierlei Hinsicht. Das negative Vorurteil beeinflusst die Teilnehmerinnen in ihren Leistungen, denn ein Teil ihrer kognitiven Leistungsfähigkeit ist permanent damit beschäftigt, die negativen und störenden Gedanken zu unterdrücken. Hinzu kam in diesem Fall die Angst, durch das eigene Scheitern die negativen Vorurteile zu bestätigen oder gar zu verstärken. Weil die getesteten Frauen sich in ihrem Selbstverständnis als lebenden Gegenbeweis für dieses Stereotyp fühlten, waren ihre Versagensängste entsprechend größer. Beide Faktoren sind nicht gerade geeignet, gute Leistungen bei einem Mathetest zu erzielen. Trotzdem schnitten die beteiligten Frauen unter Stereotypbedrohung nicht schlechter ab als die übrigen Teilnehmenden. Das überraschende Ergebnis war, dass die Frauen in der Gruppe ohne die Bedrohung durch Stereotype signifikant besser waren als alle anderen Teilnehmenden. Das führte die Forscher_innen zu der Schlussfolgerung, dass der Graduate Record Examination Test, wie auch viele andere Prüfungen, üblicherweise in einem Szenario stattfinden, das die eigentlichen Fähigkeiten der Studentinnen unterdrückt. In diesem Zusammenhang betrachtet, bekommt der subjektive Eindruck vieler Frauen, in vergleichbaren Situationen mehr leisten zu müssen als ein Mann, um die gleiche Anerkennung zu bekommen, eine ganz neue Bedeutung.

Trotz einer Fülle von Studien zur Wirkung von negativen Vorurteilen und Stereotypien und obwohl deren Ergebnisse seit Mitte der 1990er-Jahre regelmäßig veröffentlicht werden, haben sie wenig Einfluss auf unser Urteilen im Alltag, auf unsere Einschätzung von weiblichen und männlichen Misserfolgen im mathematischen beziehungsweise sprachlichen Bereich und darüber hinaus. In Online-Diskussionen melden sich Skeptiker_innen in der Regel mit persönlichen Anekdoten zu Wort, um damit die Ergebnisse von Studien zu widerlegen. Und selbst im Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung wischt Bettina Weiguny die Forschung von mehreren Jahrzehnten mit einem Satz vom Tisch: »Ich hab da so meine Zweifel. Mein Mann rechnet nämlich auch lieber als ich.« Und fügt hinzu, ihre älteste Tochter komme ganz nach ihr: »Wahrscheinlichkeitsrechnung ist bei uns ein Bauchgefühl.«6 Ein Bauchgefühl, das weitervererbt wird? Solche Alltagstheorien, die wir aus unseren persönlichen Erfahrungen heraus entwickeln, reichen oft schon aus, uns davon zu überzeugen, dass die wissenschaftlichen Untersuchungen relativ sind, fehlerhaft, ja geradezu manipulierend. Und da wir in der Regel selbst keine Statistiken erstellen, glauben wir dann gar keiner mehr, sondern vertrauen ganz auf unseren persönlichen Erfahrungsschatz.

Diese Alltagstheorien werden gestützt durch den sogenannten ›confirmation bias‹. Dieser ›Bestätigungsfehler‹ bezeichnet in der Psychologie die menschliche Tendenz, Informationen bevorzugt dann wahrzunehmen und zu erinnern, wenn sie unsere eigene Meinung bestätigen. Informationen, die ihr widersprechen, vergessen wir schneller wieder oder nehmen sie gar nicht erst als relevant wahr. »Es hört doch jeder nur, was er versteht«, befand Johann Wolfgang von Goethe, und bis heute leuchten uns besonders die Beispiele ein, die unser eigenes Weltbild untermauern. So fallen uns immer wieder Beispiele ein, in denen Männer bei handwerklich-technischen Arbeiten irgendwie doch geschickter sind oder bei einer mathematischen Herausforderung schneller zum Ergebnis kommen. Die Beispiele scheinen unsere Ansicht zu bestätigen und liefern immer wieder netten Gesprächsstoff unter Freund_innen. Ob sie sich nun statistisch belegen oder mit Studien widerlegen lassen, spielt dann keine Rolle mehr. Der ›Bestätigungsfehler‹ wirkt umso stärker, je unangenehmer es uns ist, das eigene Selbstverständnis, die eigenen Erfahrungen und die eigenen Überzeugungen auf den Prüfstand zu stellen. Es ist eben beunruhigend, wenn das eigene Weltbild ins Wanken gerät. Und ein bisschen Traditionsbewusstsein kann doch nicht schaden, zumal es das Leben entschieden einfacher macht. Für wen eigentlich? Für Frauen, die sich für Maschinenbau interessieren? Für Männer, die in Grundschulen arbeiten? Für Jungen, die sich ein Puppenhaus wünschen, und Mädchen, die gerne mit lautem Motorengeräusch durch den Kindergarten brausen?

Botschaften zwischen den Zeilen, unterschwellige Bilder, die Frauen auf ihre geschlechtliche Zugehörigkeit hinweisen und klischeehaftes Verhalten damit verknüpfen, können schon ausreichen, um als psychische Bremse zu wirken auf Frauen, die sich in einem Feld behaupten wollen, das typischerweise Männern zugeschrieben wird. Das kann zum Beispiel eines der zahlreichen Plakate sein, die einem auf dem Weg zur Arbeit einen Bikini oder eine Versicherung verkaufen wollen, oder ein Spot auf dem Infoscreen am Bahnhof, in dem eine total gut gelaunte Langhaarige vor Freude über das tolle neue Deo auf ihrem Bett auf und ab hüpft. Wer auf dem Weg zu einem Bewerbungsgespräch oder Vertragsverhandlungen ist, wird dadurch in seiner Selbsteinschätzung beeinflusst. Und je stärker Rollenklischees auf Plakaten oder in Werbespots bedient werden, desto schlechter schneiden Frauen ab, wenn sie im Anschluss ihre mathematischen Fähigkeiten in einem Test beweisen sollen7.

Eine Forschungsarbeit der Harvard Universität8 belegte die unterschiedlichen Wirkungsweisen des ›Stereotype Threat‹ anhand von zwei auch in den USA verbreiteten Vorurteilen, dass nämlich erstens Frauen schlechter sind in Mathematik als Männer und zweitens Menschen asiatischer Herkunft über besonders gute mathematische Fähigkeiten verfügen. In diesem Test schnitten Studentinnen mit asiatischen Wurzeln besser ab als die Kontrollgruppe, wenn sie im Vorfeld auf ihre ethnische Herkunft hingewiesen wurden. Das in diesem Fall positive Vorurteil wirkte also beflügelnd. Wurden die Studentinnen allerdings auf ihr Geschlecht aufmerksam gemacht, waren ihre Ergebnisse deutlich schlechter. In den USA fordern Wissenschaftler_innen deshalb, das Kreuzchen für männlich und weiblich oder auch Angaben zum ethnischen Hintergrund erst im Anschluss an einen Test abzufragen, um einer Stereotypbedrohung vorzubeugen.

Mit dem Geschlecht verknüpfte Vorurteile führen also dazu, dass die Unterschiede zwischen Frauen und Männern in Studien oft größer ausfallen, als sie eigentlich sind, weil eine Gruppe möglicherweise durch das in ihrem Fall positive Vorurteil motiviert wird, während die andere Gruppe gegen die negativen Vorurteile ankämpfen muss und damit weniger kognitive Kapazitäten für die eigentlichen Aufgaben frei hat. Ein Problem, das jeden Menschen betrifft, da jeder in einzelnen Bereichen seines Lebens mit negativen Vorurteilen konfrontiert wird. Schließlich lernen wir von Anfang an, in Kategorien zu denken, und nutzen sie als Abkürzungen und Entscheidungshilfen. Aussagen, die wir häufig hören, können wir zuverlässiger wieder abrufen. Und die Assoziationen, die wir mit bestimmten sozialen Gruppen verknüpfen – Alte, Reiche, Blauäugige, Blondinen –, beinhalten ein spezifisches Wissen über die Machtverhältnisse in unserer Kultur und Gesellschaft. Über die Richtigkeit dieser Assoziationen ist damit allerdings noch nichts gesagt, betont der Sozialpsychologe Jens Förster in seinem Buch »Kleine Einführung in das Schubladendenken«: »Wenn mir bei ›alt‹ das Wort ›vergesslich‹ und nicht ›schlau‹ einfällt, dann hängt das vor allem damit zusammen, was mich unsere Gesellschaft über die Gruppe der älteren Menschen lehrt.«9 In China dagegen haben die Menschen großen Respekt vor dem Alter, sie assoziieren damit die Begriffe ›aktiv‹, ›weise‹ und ›wichtig‹. Und wie bei den oben genannten Beispielen zur Stereotypbedrohung hat auch hier die Erwartungshaltung der Umwelt Einfluss auf die Leistung des Einzelnen: »Alte Amerikaner schneiden in Gedächtnistests weitaus schlechter ab als junge Amerikaner. Alte Chinesen hingegen nicht. Die Gedächtnisleistungen von jungen und alten Chinesen unterscheiden sich in diesen Studien tatsächlich kaum!«10

Wenn eine Gesellschaft verinnerlicht hat, bei Jungen und Männern eher an mathematische Fähigkeiten zu denken als an Sprachbegabung, dann ist dem also nur schwer zu entkommen. Das beobachteten auch die Psychologen Beate Seibt und Jens Förster11, als sie innerhalb einer Untersuchung vorgaben, die Sprachfähigkeit der Teilnehmenden zu testen. Der identische Test wurde für die eine Gruppe auf dem Deckblatt als Aufgabe beschrieben, »die sprachlichen Fähigkeiten von Männern und Frauen« zu testen, in der anderen Gruppe fehlte diese Zusatzangabe. Die männlichen Teilnehmenden der ersten Gruppe brauchten für den Test deutlich länger, die Frauen waren entsprechend schneller. Die stereotypbedrohten Männer wollten die Aufgabe nicht nur gut und schnell lösen, sie wollten vor allem keine Fehler machen und brauchten deshalb entsprechend mehr Zeit. Dieser Fehlervermeidungsmodus ist eine weitere Auswirkung der Stereotypbedrohung mit weitreichenden Folgen, besonders wenn es darum geht, kreative Lösungen zu finden. Mit dem »Ziegelsteinexperiment« konnten die beiden Forscher_innen zeigen, dass Menschen unter Stereotypbedrohung kaum in der Lage sind, kreative Ideen zu entwickeln. Die Teilnehmenden sollten alle denkbaren Ideen sammeln, wie sie einen Ziegelstein verwenden würden. In stereotypbedrohten Gruppen kamen dann Antworten wie: »Dinge bauen, werfen«, während in der nicht bedrohten Gruppe Überlegungen entstanden wie: »um zu zeigen, dass ich auch nur einer von vielen Ziegelsteinen in der Mauer bin«12.

Wer sich gegen negative Vorurteile behaupten muss, hat es im entsprechenden Bereich schwerer. Handwerkliche, mathematische und technische Interessen sind für Mädchen immer noch mit dem Stempel ›Ausnahme‹ verbunden. Sich in einem solchen Bereich dennoch durchzusetzen, bedeutet für ein Mädchen oder eine Frau, sich selbst und den anderen jeden Tag aufs Neue beweisen müssen, dass sie es dennoch kann, dass die Klischees nicht zutreffen, die Schublade klemmt. Die gute Nachricht ist, dass wir der Wirkung von Stereotypbedrohungen nicht vollkommen ausgeliefert sind: Sie verschwindet, wenn die Betroffenen überzeugt sind, dass die Vorurteile gar nicht zutreffen. Und genau darin liegt die Chance, diesen Kreislauf zu durchbrechen, den wir bislang mit traditionellen Rollenbildern in Gang halten, eine Chance für uns Eltern, für die Kinder, für unsere Gesellschaft. Denn schließlich bedeutet die negative Verknüpfung von Frauen und mathematisch-naturwissenschaftlichen Interessen nicht nur eine Einschränkung für jede einzelne Betroffene, sondern schadet unserer gesamten Wirtschaft. Politik und Medien haben dieses Problem längst erkannt, doch statt das enge Korsett der Rollenstereotype aufzulösen, werden sie in vielen Kampagnen immer wieder neu hergestellt. Der poppige Spot zum Beispiel, mit dem die EU–Kommission im Jahr 2012 Mädchen für naturwissenschaftliche Berufe begeistern wollte, tritt genau in diese Falle: »Science: It’s a Girl Thing«13, behaupten die Macher_innen, um dann drei topgestylte, schlanke Mädchen im Mini und auf High Heels zwischen Reagenzgläsern und Bunsenbrennern posen zu lassen. Im Chemielabor der EU wird mit Puder und Nagellack experimentiert, begleitet von Mädchenkichern und dem prüfenden Blick eines Mannes im Weißkittel. Hier werden Klischees aufgefahren, die im Ergebnis das Gegenteil dessen bewirken, was eigentlich Sinn und Zweck der Kampagne war, nämlich junge Frauen für die Naturwissenschaften zu begeistern.

Empathie und der Gender Care Gap

Das erschwerte Vorankommen von Mädchen und Frauen im technisch-naturwissenschaftlichen Umfeld ist einer der Gründe, die zum ›Gender Pay Gap‹ führen, der Tatsache also, dass Männer im Schnitt 22 Prozent mehr verdienen als Frauen14. Während das Thema der unterschiedlichen Entlohnung von Männern und Frauen alljährlich am ›Equal Pay Day‹ von Politik und Medien aufgegriffen wird, ist der ›Gender Care Gap‹ noch kaum im öffentlichen Bewusstsein angekommen, obwohl er mindestens ebenso starke Verwerfungen in der Gesellschaft bewirkt: Über 80 Prozent der Care-Arbeit, also der Fürsorgearbeiten in unserer Gesellschaft, werden von Frauen geleistet15, nämlich Erziehung und Betreuung der Kinder, Pflege von Alten und Kranken, von Menschen mit Behinderung und so weiter. Das gilt sowohl für den privaten, familiären Bereich – in dem vorwiegend unentgeltlich gearbeitet wird – als auch für das medizinisch pflegerische Berufsfeld. Frauen arbeiten in diesem Bereich also viermal so viel wie Männer.

Auch hier spielt die Stereotypbedrohung eine große Rolle und macht es den wenigen Männern in diesem Bereich unnötig schwer. Das nur selten hinterfragte Klischee dahinter lautet, Männer seien weniger empathisch als Frauen. Eine Alltagstheorie, die Harald Martenstein in seinem umstrittenen Zeit-Artikel »Schlecht, schlechter, Geschlecht« mit einer längst widerlegten Studie zu untermauern versuchte: »Wenn auf Fotos Gesichter zu sehen sind, traurige oder fröhliche, dann entschlüsseln Männer die Emotionen der abgebildeten Personen im Durchschnitt schlechter.«16 Er vergisst zu erwähnen, dass nach neueren Erkenntnissen in dieser wie in allen anderen Studien das Setting mit über die Aussage entscheidet: Genderbezogene Informationen können das Ergebnis eines solchen Tests beeinflussen. Je offensichtlicher es nämlich für die Proband_innen ist, dass ein Test mit Empathie zu tun hat, umso größer wird der Vorsprung der Frauen. Deshalb tragen auch Tests wenig zur Aufklärung bei, in denen Teilnehmende ihre Empathiefähigkeit selbst einschätzen sollen, etwa mit Feststellungen wie: »Ich kann gut erkennen, wann jemand ein Gespräch anfangen will.« Sie sind ebenso nichtssagend wie subjektive Einschätzungen über mathematische Kompetenzen: »Ich beherrsche die Regeln der Wahrscheinlichkeitsrechnung.« Deshalb käme wohl auch niemand auf die Idee, sie auf diesem Wege abzufragen. Tatsächlich hat sich gezeigt, dass »Selbstbeobachtungsdaten zur sozialen Sensitivität«17 praktisch untauglich sind, wenn es darum geht, gute oder schlechte Menschenkenner zu identifizieren. Trotzdem baut der britische Psychologe Simon Baron-Cohen auf Fragebogen-Tests dieser Art seine Thesen vom höheren Empathiequotienten des weiblichen Gehirns auf, um dann selbst zu dem Schluss zu gelangen, dass nicht einmal 50 Prozent der Frauen ein »weibliches Gehirn« hätten18. Er belegt damit vor allem eines: dass nämlich Frauen und Männer sich vor allem darin unterscheiden, wie empathisch sie anderen und sich selbst gegenüber erscheinen wollen. Über ihre tatsächliche Empathiefähigkeit ist damit noch nichts gesagt.

Tatsächlich verschwindet die viel beschriebene männliche Gefühlslosigkeit, sobald Empathie als lohnendes Ziel erscheint. Wenn im Vorfeld eines Tests das besondere weibliche Einfühlungsvermögen betont wurde, schnitten die Männer tatsächlich schlechter ab. Schien das Geschlecht aber keine Rolle zu spielen und wurde stattdessen für jede richtige Antwort eine Bezahlung in Aussicht gestellt, wie in einem Experiment der University of Oregon19, dann war dieser Unterschied plötzlich nicht mehr festzustellen. Wenn es sich lohnt, empathisch zu sein, sind Männer also sehr wohl dazu in der Lage. Im Alltag dagegen scheint sich Empathie für Männer nicht auszuzahlen. Dafür gibt es kein ironiefreies Schulterklopfen, keine ideelle Anerkennung, stattdessen ernten Erzieher aufgrund ihrer Berufswahl und Lebenshaltung diskriminierende Kommentare, und selbst Autori_nnen von Büchern und Artikeln über den »neuen Mann« sprechen über Luschen und Waschlappen und fordern mehr Coolness, Geld und Statussymbole20. Auch für die Mehrheit der Männer kommt also im Alltag wie auch in Empathietests die Stereotypbedrohung zum Tragen, und trotzdem gibt es nach wie vor Forscher_innen, die im Gehirn oder im Hormonhaushalt der Menschen nach Ursachen für diesen angeblichen Empathieunterschied suchen. Und von »weiblicher Intuition« sprechen wir weiterhin, als sei sie angeboren. Die Neuropsychiaterin Louann Brizendine ist sogar überzeugt, dass Frauen sich quasi von Geburt an in andere hineinversetzen, mitfühlen, wenn nicht sogar Gedanken lesen können, wie sie in ihrem Buch »Das weibliche Gehirn« schreibt: »Zu vermuten, was ein anderer Mensch denkt oder fühlt, bedeutet im Wesentlichen, Gedanken zu lesen. Und letztlich ist das weibliche Gehirn talentiert darin, Gedanken, Überzeugungen und Absichten anderer aufgrund von kleinsten Hinweisen schnell einschätzen zu können.«21

Die weitere Argumentation wird damit zum Selbstläufer: Wenn Frauen empathiefähiger sind, ihnen der einfühlsame Umgang mit Kindern also quasi angeboren ist, dann versteht es sich von selbst, dass es ihnen leichter fallen muss, im Job kürzerzutreten und sich mehr als ihre Männer um die Kinder zu kümmern. Und im Spiel von Mädchen finden wir dann oft eine ziemlich exakte Rollenbeschreibung ihrer Mütter wieder, sie kochen und pflegen, sie trösten und backen, sie kommunizieren und machen sich hübsch. Jungen dagegen spielen nicht ›Vater sein‹, sie spielen auch nicht ›Vater bei der Arbeit‹, sie spielen Indianerburg oder Aliens oder Neandertal. Viele Frauen amüsierten sich darüber, seien nachsichtig und inkonsequent, beobachtet Melitta Walter, die seit vielen Jahren den Alltag in Kitas begleitet und Erzieher_innen berät. In ihrem Aufsatz »Geschlechtergerechte Erziehung ohne reale Frauen- und Männervorbilder?« schreibt sie weiter: »Erwachsene unterstützen dieses auftrumpfende Verhalten, denn was ein richtiger Mann werden soll, der muss die Rolle des ›starken‹ Geschlechts schließlich ausprobieren können.«22 Unreflektiert würden Jungen so in klassischen Rollenmustern unterstützt.

Mitgefühl, sich in andere hineinversetzen und sich selbst in Worten und Emotionen ausdrücken zu können, wird Jungen dagegen selten nahegelegt. Der Soziologe und Familientherapeut Paul Suer fordert deshalb, dass wir unser Bild davon, wie Jungen zu sein haben, korrigieren. Ein neues, sozusagen ›menschliches‹ Jungenbild könne so aussehen: »Jungen, die weinen, sind authentisch. Sie leben ihre Gefühle und sind mit sich im Einklang. Jungen, die ihre weichen Seiten zeigen und leben, sind liebenswert. Sie finden leichter Freunde und werden besser verstanden. Jungen, die ihren Körper achten, gehen sorgfältig mit ihm um und schützen ihn vor Überlastung.«23

Pflegeberufe haben kein positives Image

Doch woher sollte dieses neue Bild kommen, auf welcher Basis könnte es entstehen? Das Rollenbild, das die Erwachsenenwelt in Werbung, Medien und Freizeitangeboten bereithält, sieht diesen Aspekt jedenfalls nicht vor. Die Botschaften von James Bond, Darth Vader und Megatron sind in der Kinderwelt längst angekommen: James Bond kennen Zweitklässler wenn noch nicht vom eigenen, so doch vom Smartphone des Freundes, Star-Wars-Motive gibt es jedes Jahr auf den Schulranzen für die nächste Erstklässlergeneration, und die Kampfmaschinen des Actionfilms »Transformers« stehen schon bei Fünfjährigen hoch im Kurs. Den Mythos vom harten Mann haben wir also keineswegs hinter uns gelassen: kämpfen, zerstören, auslöschen, vernichten sind durchaus gängige Vokabeln auf einem Kindergeburtstag. Wer von der Spielplatzbank aus manches Kriegsspiel beobachtet, weiß, dass es vonseiten der Eltern kaum Einschränkungen gibt: »So sind sie eben, die Jungs« legitimiert die Sandbombe im Kragen oder die Schaufel auf dem Kopf des Gegners. Ist ein Mädchen Teil der Kriegswirren, sind die Reaktionen der Erwachsenen sehr viel klarer und strenger, als wenn ein Junge der Auslöser war. Die Annahme, dass wir es hier mit etwas Unabänderlichem zu tun haben, führt dazu, dass Jungen »nicht deutlich genug vermittelt [wird], welche gesellschaftlichen Spielregeln einer Demokratie zuträglich sind und mit welchen Verhaltensweisen Gewalt und Schrecken verbreitet werden«24, kritisiert Melitta Walter. Denn selbst da, wo Männer humanitäre Hilfe leisten, wo es um Mitgefühl geht, Hilfeleistung und Schutz, wo Kommunikationsfähigkeiten gefragt sind, werden diese Eigenschaften nicht als erstrebenswert herausgestellt. Die Bundeswehr zum Beispiel hat sich entschieden, diese Aspekte ihrer Aufgabe erst gar nicht in ihren letzten Imagefilm25 aufzunehmen, sie setzt lieber auf das Image des harten Mannes. Um die ›richtigen‹ Jungs unter den jungen Männern zu finden, ist der Film unterlegt mit harter Rockmusik und jaulenden Gitarren im Wechsel mit der deutschen Nationalhymne. Dazu Bilder aus der Heimat, die es in der Fremde zu verteidigen gilt, explodierende Granaten, Staub und Rauchfontänen, dazwischen Soldaten, die Spalier stehen, Bomben abwerfen, kraftvoll Hände schütteln und schwer bewaffnet durchs Gelände rennen. Düsenjäger und Panzer, Adrenalin und Testosteron, Kriegsschiffe und Raketen – der Clip macht klar: Soldat sein bedeutet kämpfen, und Kämpfen macht Spaß. Männer lieben eben, was hart macht, und Frauen ergänzen das prima, sind sie doch einfühlsam und kümmern sich um andere, sie helfen eben gerne.

Sei es der EU-Spot, der Mädchen in naturwissenschaftlich-technische Gefilde locken möchte, die Imagekampagne der Bundeswehr oder viele weitere Beispiele aus Werbung, Film und Marketing, hier wie dort werden Frauen und Männer auf Klischees reduziert. Die Begründung lautet in allen Fällen: Wir wollen die Menschen in ihren jeweiligen Lebenswelten ansprechen, sie dort abholen. Wofür und wohin? Etwa um dann gemeinsam in eine geschlechtergerechte Welt voranzuschreiten? Wohl eher, um uns ungeniert zur Kasse zu begleiten. Denn dafür ist das Insistieren auf den Unterschieden zwischen Männern und Frauen ein probates Mittel. Am Ende wundern wir uns dann, warum unsere erwachsen gewordenen Kinder weiterhin getrennte Wege gehen, sowohl in der Rollenaufteilung in den Familien, im Beruf als auch in der Persönlichkeitsentwicklung, zum Nachteil für alle.

Mädchen und Mathematik, Jungen und Einfühlungsvermögen, beide Beispiele zeigen nicht nur, dass wir die Wahlfreiheit unserer Kinder einschränken, dass wir die Möglichkeiten dieser Welt, aus denen sie frei auswählen könnten, vorsortieren in rosa und hellblau, dass wir Erwachsenen es sind, die vorgeben, welche Interessen wir den Mädchen zugestehen und welche unserer Ansicht nach männlich genug sind. Dabei ist die heutige Elterngeneration doch der Beweis, dass Rollenzuschreibungen flexibel sind, dass sie sich im Lauf der Zeit wandeln können. Immerhin war noch Mitte der 1970er-Jahre die Hälfte der Eltern der Ansicht, eine Frau sei nur dazu da, sich um ihren Mann, ihre Kinder und den Haushalt zu kümmern, wie es das österreichische Kanzleramt in seinem »Bericht über die Situation der Frau«26 1975 zusammenfasste.