Die Rosenbergs - Gerd Lehner - E-Book

Die Rosenbergs E-Book

Gerd Lehner

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Beschreibung

Als Sohn eines adligen Bankiers und eines schwedischen Kindermädchens kämpft Sven von Rosenberg um die Anerkennung der Familie. Dabei begegnen ihm statt echter Werte nur Macht, Korruption und Gier. Währenddessen steuert die Dynastie unausweichlich auf eine Katastrophe zu ...

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Seitenzahl: 513

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Buchbeschreibung:

Als Sohn eines adligen Bankiers und eines schwedischen Kindermädchens kämpft Sven von Rosenberg um die Anerkennung der Familie. Dabei begegnen ihm statt echter Werte nur Macht, Korruption und Gier. Währenddessen steuert die Dynastie unausweichlich auf eine Katastrophe zu ...

Über den Autor:

Gerd Lehner, geboren 1951 in Frankfurt am Main, Diplombetriebswirt, lebt seit über 20 Jahren in der Schweiz und ist dort, nach Führungspositionen in der Finanzbranche, als unabhängiger Vermögensverwalter und Coach tätig.

Er ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und vier Enkelkinder. Seine Hobbys sind neben dem Schreiben und Golf sein Collie Joko.

Sein Sachbuch "Finanzberater: Die Geheimnisse des Erfolgs aus erster Hand" wurde 2012 auf der Frankfurt Buchmesse vorgestellt. Nach intensivem Studium des Kreativen Schreibens innerhalb einer Roman-Werkstatt veröffentlichte diesen ersten Roman, der hier mit der 2. Auflage erscheint.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Teil 1

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

Teil 2

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

Teil 3

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

Teil 4

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

Epilog

PROLOG

Kronberg im Taunus – März 1959

Nebel verhüllte den Viktoriapark. Letzte Reste von schmutzigem Schnee säumten den Rand der Grünflächen unterhalb der alten Buchen, der nasse Waldboden dünstete den Geruch nach modrigem Holz aus.

Wilhelm von Rosenberg saß auf einer der Bänke und starrte auf das graue Wasser des Schillerweihers, in dem sich die noch kahlen Baumkronen spiegelten. Vor ein paar Tagen hatte er die Leitung der Familienbank von seinem Vater Johannes übernommen. Eigentlich sei er noch zu jung für den Vorstandsvorsitz, so sein alter Herr, aber Wilhelm war Mitte vierzig und fand sich keinesfalls zu jung. Er traute sich durchaus zu, die Übersicht über die Geschäfte zu behalten, und hatte seine Fähigkeiten mehr als einmal unter Beweis gestellt. Doch der Patriarch schien recht behalten zu haben. Jedenfalls seit gestern Abend.

Im Leben der Rosenbergs und folglich in seinem Leben hatte immer nur die Bank gezählt. Seriosität, Verschwiegenheit und Verantwortung. Das, was vermögende Kunden von einem Privatbankier eben erwarten. Und Wilhelm fühlte sich diesen Werten verpflichtet und war bisher bedingungslos seinem Vater darin gefolgt ...

Ich wollte es nicht, Hannerose! Das klingt wie eine Entschuldigung, aber glaub mir, ich wollte es wirklich nicht. Es hat sich ergeben ... es ist einfach so gekommen, ohne dass ... Ich war eben einen Augenblick nicht Herr meiner Sinne.

Würde er sich so billig aus der Affäre ziehen können?

Die Entschuldigung war doch eher unglaubwürdig. Er glaubte sich ja selbst nicht. Er, der Überlegene, allen Lebenssituationen Gewachsene, hatte sich in dieser unentschuldbaren Weise plötzlich nicht im Griff gehabt?

Zehn Jahre waren vergangen, seit er seine Frau auf einem Frühlingsball kennengelernt hatte, zu dem sie für die Betreuung der Rosenbergs zugeteilt war. Sie stammte aus einfachen bürgerlichen Verhältnissen, einer Handwerkerfamilie aus Offenbach, aber ihre vortrefflichen Umgangsformen, zeichneten sie für diese Aufgabe aus. Er hatte sich damals sofort in sie verliebt, in das strahlende Blau ihrer aufgeweckten, klaren Augen und die brünetten, irgendwie strubbeligen Haare. Nachdem sie von ihm schwanger geworden war, heirateten sie wenige Wochen später. Johannes gab ihnen dazu seinen väterlichen Segen und stimmte ohne Widerspruch der Hochzeit zu. Auch Katherina, Wilhelms Mutter, war nicht aus Adelskreisen und dennoch eine geschätzte Baronin von Rosenberg geworden.

Hannerose war ihm eine gute Ehefrau und den Kindern Alex und Babsi eine liebevolle Mutter geworden. So konnte man es sagen, so musste man es sagen. Sie hatte, mit der Unterstützung seiner Mutter, schnell ihre Rolle in der Gesellschaft angenommen und hatte es wie Katherina zu Beliebtheit und Ansehen gebracht.

Dann kam diese Nachricht: Gebärmutterkrebs. Mit zweiunddreißig. Mehrere Operationen, Behandlungen – danach immer wieder Hoffnung. Vergeblich.

Gestern war der grauenvollste Tag! Sie sah so jämmerlich, so bemitleidenswert aus, wie sie halb schlafend, vollgepumpt mit Schmerzmitteln, in ihrem Krankenzimmer lag. Und er fühlte sich hilflos. Er konnte nichts tun. Dann das Gespräch mit dem Chefarzt der Onkologie.

„Leider können wir für Ihre Frau nichts weiter tun, der Tumor hat schon im ganzen Körper Metastasen gebildet. Eine Operation kommt leider zu spät.“

Keine Rettung mehr für Hannerose!

Wilhelm zog sich den schwarzen Hut tiefer ins Gesicht. Er war verwirrt, in der letzten Nacht hatte er kein Auge zugemacht.

Sie hatten sich immer aufeinander verlassen können. Auch wenn er spät nach Hause kam, hatte sie noch auf ihn gewartet, um den abgelaufenen Tag zu besprechen. Nur selten gab es zwischen ihnen Streit. Alle Probleme hatten sie besprochen und gemeinsam gelöst. Sie waren sich einfach einig, in jeder Beziehung ein Paar. Ein solidarisches Paar. Ihm wäre niemals der Gedanke gekommen ... Aber es war doch passiert ... Es tat ihm so leid. Und was würde der alte Herr erst dazu sagen?

Spät am Abend davor war Wilhelm zerschlagen von der Klinik nach Hause in die Villa gekommen, hatte sich in der Bibliothek einen Whiskey eingeschenkt und war in seinen Ledersessel gesunken. Immer wieder hörte er die Worte des Arztes: „Es gibt leider keine Rettung.“

Plötzlich stand Anne neben ihm, das schwedische Kindermädchen. Vermutlich schliefen Alex und Babsi bereits in ihren Zimmern. Es war ihr wohl nicht entgangen, dass etwas Unfassbares vorgefallen sein musste. Sie setzte sich zu ihm, versuchte, ihn zu trösten, begann von sich zu erzählen, als sie vor drei Jahren, mit sechszehn ihre Eltern bei einem Autounfall verloren hatte und schlagartig auf sich alleine gestellt war. Sie sei froh gewesen, bei den Rosenbergs als Au-pair arbeiten zu dürfen. Damals waren Alex sieben und Babsi vier Jahre alt gewesen.

Er hatte bislang mit Anne nur wenig zu tun gehabt, da sich Hannerose und seine Mutter, teilweise auch die Haushälterin Maria, um die Kleinen kümmerten. Anne war ihm nur dann und wann unter die Augen gekommen, doch ihre natürliche Schönheit, ihre blonden Haare, wachen blauen Augen und ihre charmante Art war ihm nicht verborgen geblieben.

Ihre Worte vermittelten ihm das angenehme Gefühl der Vertrautheit. Er fühlte sich plötzlich nicht mehr so allein. Letztlich hatte sie es sogar geschafft, ihn zu beruhigen.

Sie war erst neunzehn, aber es hatte ihm gutgetan. Er brauchte einfach jemanden – und Anne war da gewesen. Sie hatte sich an ihn geschmiegt. Er hatte dabei die Wärme ihres jungen Körpers gefühlt. Wie von selbst war dann alles geschehen. Sanft hatte er ihr blondes, weiches Haar gestreichelt und hatte sie zärtlich auf die Stirn geküsst. Abrupt hatte sie ihn dabei mit ihren blauen Augen angeschaut, unsicher, womöglich sogar ängstlich ... ihre Lippen hatten sich getroffen ... anfangs vorsichtig, zögernd ... dann leidenschaftlich.

Wilhelm strich sich über die Bartstoppeln. Plötzlich sprang er von der Bank auf und folgte ohne ein bestimmtes Ziel dem Kiesweg, der unter seinen Füßen knirschte. Hannerose sollte davon nicht das Geringste erfahren dürfen ... und natürlich auch nicht seine Eltern. Das wäre ein Desaster. Und erst recht nicht seine Kinder – sonst müsste er Anne entlassen. Sie würde unter diesen Umständen nicht mehr im Haus bleiben können. In der Nacht hatten sie sich versprochen, dass niemand etwas erfahren dürfte. Auch waren sie sich einig, dass es nie wieder vorkommen wird.

Wilhelm blieb mitten in einem Feld von Schneeresten stehen. Er wischte sich die Schweißperlen von der Stirn.

Was wäre, wenn sie schwanger ist? Eine unvorstellbare Katastrophe!

Hat sie es vielleicht sogar darauf angelegt? Anne?

Nie! Wir vertrauen ihr doch unsere Kinder an.

Er ging den Weg zum Weiher zurück, immer wieder blieb er stehen und schüttelte den Kopf.

Aber sie hätte mich abwehren können, wenn sie es nicht auch gewollt hätte. Oder hat sie es am Ende beabsichtigt? Liebt sie mich vielleicht insgeheim ...

Wilhelm befand sich in einer verdammt heiklen Lage. Die Folgen waren nicht abzusehen. Alles würde um ihn herum zusammenbrechen: seine Familie, das Vertrauen der Kunden, sein Renommee innerhalb der Gesellschaft.

... und für das Amt des Verbandspräsidenten bräuchte er sich erst gar nicht aufstellen lassen.

Seine Kehle war plötzlich wie ausgetrocknet. Es war noch schlimmer. Wie naiv war er eigentlich? Wäre seine Lage für sie nicht eine einmalige Gelegenheit ...? Er sah schon die Schlagzeilen vor sich:

‚Mittelloses schwedisches Au-pair von Bankvorstand vergewaltigt!‘

Teil 1

1. KAPITEL

Villa Rosenberg, Königstein – 15. Juli 1959

Es war ein schwüler Sommertag. Das Gewitter zog östlich von Königstein nach Bad Homburg. Der Regen hatte aufgehört. Allmählich leerte sich der überfüllte Friedhof. Scheinbar alle Königsteiner waren gekommen, Prominente aus allen Teilen des Landes hatten an der Beisetzung von Hannerose von Rosenberg teilgenommen. Sie hatten eine große Persönlichkeit verloren, die sich mit unermüdlichem Engagement in der Stiftung für bedürftige Mütter und Frauen eingesetzt habe, eine Dame der Gesellschaft mit großem Herz, waren die Worte des Ministerpräsidenten am Grab gewesen. Jetzt bewegten sich die Limousinen mit den geladenen Gästen die Limburger Straße hinunter zur Villa Rosenberg.

Der Himmel klarte auf. Durch die Äste der Buchen, die hinter dem Königsteiner Kreisel emporragten, blinkten die ersten Sonnenstrahlen. Wilhelm von Rosenberg bog mit dem schwarzen Mercedes 220 SE von der Bundesstraße in den Johannes-von-Rosenberg-Weg. Die schmale Auffahrt führte durch ein steinernes Tor in den Park, zog in sanftem Bogen an uralten Eichen, Buchen und hohen Tannen vorbei und mündete in einer mit Birken bewachsenen Allee. An deren Ende lag inmitten scheinbar endloser Grünflächen, die ein schmaler Bach bewässerte, nun von der Augustsonne bestrahlt, wie in einem rosa Kleid, die Villa Rosenberg.

Wilhelm lenkte die schwarze Limousine, in der er seine Eltern chauffierte, vor die Eingangstür. Kein Wort hatten sie auf der Fahrt miteinander gesprochen, zu sehr war Wilhelm in seinen Gedanken noch bei der Grabrede.

Jeden Tag hatte er sie in den letzten Monaten besucht, im Krankenhaus in Höchst oder in der onkologischen Fachklinik in Bad Homburg, in der dann auch ihr Leidensweg zu Ende war.

In dieser Zeit hatte sich Anne im Hause um die Kinder gekümmert und darüber hinaus Maria in der Hausarbeit unterstützt. Wilhelm versuchte, zu Anne einen innigen Kontakt zu vermeiden, was sie ihm dadurch erleichterte, da sie alle anstehenden Fragen des Haushalts entweder mit seiner Mutter oder Maria besprach. Ihre Bemerkung vor etwa zwei Monaten veränderte jedoch die scheinbar verhaltene Beziehung zwischen ihnen: Sie fragte ihn, und eben nicht seine Mutter, ob sie einen halben Tag freinehmen könnte, da sie sich genötigt sah, ihren Frauenarzt aufzusuchen ...

Aber sie hatte sich damals nicht mehr bei ihm gemeldet. Allerdings war Anne auch nicht mehr auf ihn zugekommen. Die gemeinsame Nacht schien, ohne Folgen geblieben zu sein.

Als er aus dem Wagen stieg und seinen Eltern heraus half, sprang ihm der Deutsche Schäferhund Arcor wedelnd mit angelegten Ohren entgegen, drückte, wie immer, den Kopf zwischen die Beine seines Herrchens, um sich die ersehnten Streicheleinheiten abzuholen.

Vom Parkplatz eilte Luggi Berger, der Gestütmeister, auf sie zu. Gemeinsam mit Wilhelms Vater hatte er nach dem Krieg in der Nähe von Königstein das Vollblutgestüt Rosenhof aufgebaut. Dieser Besitz erfüllte den Patriarchen der Familie Rosenberg mit Stolz, da seine Pferde zu den besten des Landes zählten.

„Lassen Sie nur, Herr Baron. Ich nehme Arco mit ins Gestüt. Bitte entschuldigen Sie, dass ich nicht zum Essen bleiben kann. Herr Güskens und sein Stallmeister wollen sich gleich Sirakos ansehen. Ich hoffe, dass er ihn bei seinen großrahmigen Stuten einsetzen kann.”

„Das geht schon in Ordnung, Luggi. Ich weiß Bescheid.” Wilhelm und sein Vater sahen in Güskens Engagement in der Pferdezucht Vorteile für ihre Bank, da er mit seiner Stimme innerhalb des Präsidiums des Bankenverbandes bedeutenden Einfluss ausüben kann.

Als Luggi in seinem Jeep davon fuhr, trafen gerade die ersten Trauergäste ein.

Hinter verschlossenen Türen tröstete die alte Baronin Katherina von Rosenberg ihre Haushälterin Maria. Der Rote Salon war so genannt, aufgrund seiner roten, mit Samt überzogenen Sitzmöbel und der dunkelrot gemusterten Wandteppiche, die einer der Rosenbergs vor fast hundert Jahren als Geschenk von einem indischen Radschah überreicht bekommen hatte. Zwei Geweihe, die Johannes als Jagdtrophäen von einer Einladung zur Hirschjagd, die sein Freund Baron von Isny jährlich in den Wäldern des Allgäus veranstaltete, zierten die Wände.

Die Baronin setzte sich als Vorstand der Stiftung seit vielen Jahren für Frauen und Mütter ein, die durch den Krieg in Mitleidenschaft gezogen waren, und erhielt da- bei sogar die Unterstützung vom Bundespräsidenten. Die Frankfurter Gesellschaft würdigte ihre Arbeit besonders, wie sie dies bei jedem öffentlichen Auftreten wohlwollend zur Kenntnis nahm.

Aufgrund der zahlreichen eingeladenen prominenten Gäste hatte sie ihr elegantes schwarzes Kleid mit dem alten kostbaren Schmuck angelegt sowie ihr langes graues Haar hochgesteckt.

Vor zwölf Jahren hatte sie Maria eingestellt, seitdem lag ihr die kleine rundliche Hausangestellte am Herzen, die nach dem Krieg aus Ostpreußen nach Frankfurt geflüchtet war, um dort eine Anstellung als Krankenschwester zu erhalten. Katherina lernte sie durch die Stiftung kennen und verpflichtete sie sofort als Haushälterin, um sowohl auch ihre Erfahrung in der Krankenpflege für die Familie zu nutzen.

Katherina hatte Maria weinend, im schwarzen Rock mit weißer Schürze und schwarz-weißen Rüschen, zur Küche gehen sehen. Sie hielt sie an, nahm sie in den Arm und streichelte ihr über das dunkle Haar, das von ersten grauen Strähnen durchzogen war.

„Es ist gerade erst ein halbes Jahr her, als uns die gnädige Frau von dem Tumorbefund berichtet hat. Aber viel zu spät. Trotzdem hat sie noch lange vier Monate in Kliniken kämpfen müssen ... sie war doch noch viel zu jung, um zu sterben.”

Auch Katherina musste sich ihrer Tränen erwehren und trocknete Marias Wangen mit einem weißen Taschentuch.

„Maria, der Herr hat seine Gründe, die wir nicht immer erkennen können.”

„Ja, aber die Kinder, Frau Baronin. Sie sind doch noch zu klein, um das zu verstehen.”

„Ich weiß, Maria. Das ist für unsere Kleinen sehr hart. Gott sei Dank haben sie die Anne. Sie kümmert sich fürsorglich um sie.”

Maria sah mit besorgter Miene ihrer Herrin auf.

„Was ist, wenn Anne auch nicht mehr da ist? Dann haben die beiden niemand mehr. Ich meine, natürlich sind wir auch noch da, ... aber eine junge ... Entschuldigung, Frau Baronin...”

„Warum sollte Anne nicht mehr zugegen sein, Maria? Anne verlässt uns nicht. Mittlerweile kann sie fast akzentfreies Deutsch. Ihr geht es doch bei uns sehr gut.”

„Nur, hm ... Ich meine, wenn sie zurück nach Schweden geht - zu ihrem Mann.” Verlegen strich Maria über ihre Schürze.

„Wie ‚zu ihrem Mann‘? Das verstehe ich nicht, Maria. Anne ist doch nicht verheiratet und zudem erst neun- zehn!”

„... aber schon schwanger!”, fügte Maria hinzu, als schienen ihr die Worte herauszurutschen.

„Was? Schwanger? Unsere Anne? Woher weißt du denn das?”

Katherina war in dieser Hinsicht nichts aufgefallen, obwohl sie jeden Tag mit Anne zu tun hatte.

„Ich weiß es nicht ..., aber ich sehe es einfach. Sie versucht es zwar, mit ihren weiten Kleidern zu kaschieren, nur, die sind im Sommer doch viel zu warm ... Trotzdem ist mir die kleine Wölbung nicht entgangen. Ich vermute: vierter oder fünfter Monat. Außerdem hat sie sich auf der Toilette übergeben müssen.”

Maria ereiferte sich bei der Aufzählung ihrer Beobachtungen dermaßen, dass sie ihre Tränen scheinbar vergessen hatte.

„Hm ... und du meinst, dass der Vater des Kindes in Schweden ...?”

Sofort hob Maria beide Hände abwehrend in die Höhe.

„Ich weiß es nicht. Aber sie war doch dieses Jahr über eine Woche in ihrer Heimat. Da könnte doch ...?”

Das stimmt. Sie war in Schweden ..., überlegte Katherina und antwortete entschlossen:

„Ich werde noch heute mit ihr reden. Das will ich jetzt genau wissen.” Ihren Zeigefinger erhebend ergänzte sie:

„Und du Maria, sprichst mit niemand darüber! Hast du mich verstanden?”

Rechts unter dem Giebeldach befanden sich die Räume der Kinder. In Alex‘ Zimmer herrschte wieder einmal das Chaos. Auf der alten Liege sitzend versuchte Anne, beide Kinder zu beruhigen. Quer unter dem Schreibtisch lag ein Reitstiefel, der andere stand noch am Schrank. Ein geöffneter Füller, dessen Tinte vermutlich längst eingetrocknet war, lag neben dem Schulheft, daneben ein Atlas und das aufgeschlagene Lexikon. Nach dem Aufstehen hatte Alex seinen Schlafanzug wieder einfach auf dem Fußboden liegengelassen, scheinbar in Erwartung, dass ihn Anne schon wegräumen würde.

Alex war ein intelligenter Junge, in seiner Auffassungsgabe weiterentwickelt als andere Neunjährige, wie Anne von seinem Klassenlehrer erfahren hatte. Auch gab es in der Schule sonst keine Probleme. Auch seine Hausaufgaben erledigte er stets korrekt.

Aber sein Benehmen, vor allem ihr und Babsi gegenüber, war zeitweise respektlos und flegelhaft. Anne hoffte, dass sich das im Laufe der Jahre geben würde. Leider orientierte sich der Kleine zu stark an seinem Großvater, der zurzeit das einzige Vorbild für Alex zu sein schien. Außerdem war seine Handschrift teilweise ein Gekrakel. War das ausreichend, um sich über die Entwicklung seines Charakters zu sorgen?

Nach der Beerdigung trug Anne ihr langes blondes Haar wieder bequem offen. Auf dieser weichen Liege saß sie unbequem. Sie raffte ihr weites Kleid zusammen.

Annes Vater hatte sie als Kind oft ihrer schlecht leserlichen Schrift wegen ermahnt und darauf hingewiesen, dass man den Charakter eines Kindes auch an dessen Handschrift erkennen könnte.

„So wie man denkt, handelt man auch“, hörte sie dabei ihren Vater reden.

Wenn sie nur heute mit ihm sprechen könnte.

Was würde er ihr raten? Wie sollte sie sich verhalten?

Babsi weinte. Die 6-Jährige schmiegte sich an sie, um scheinbar ihrem Bruder keine Chance geben zu wollen, etwas von Annes Nähe abzugeben. Daraufhin setzte sich Alex auf die andere Seite. Offenbar hatte er an diesem Tag keine Lust auf Streit.

Anne tat, als hätte sie sein Getue übersehen, und bat ihn ebenso zu sich. Danach nahm sie beide Kinder in ihre Arme. Babsi hatte zwischenzeitlich aufgehört zu weinen und wischte sich ihr Näschen mit dem Ärmel ihres neuen Pullovers ab. Als Anne ihr ein Taschentuch reichen wollte, nahm es ihr Alex sofort aus der Hand, um sofort kräftig hinein zu schnäuzen.

Alex‘ Verhalten ignorierend beugte sich Anne zu den Kindern herunter, um mit ihrem Finger nach draußen zu zeigen.

„Schaut her. Eure Mami ist gar nicht so weit weg. Sie sieht euch von ganz oben, aus dem Himmel, und passt auf euch auf.”

„Wie kann sie uns sehen, Anne? Das geht doch nicht. Da ist doch das Dach dazwischen?”, kritisierte sie Alex und zog dabei die Augenbrauen zusammen.

„Wenn Anne das sagt, dann ist es auch so, gell

Anne?”

„Bei uns in Schweden sagt man, dass die Seele eines Verstorbenen überall hingehen kann, und kann so durch Wände und Dächer gucken. Ja, manche behaupten, dass die Seele sogar in eine andere Person hineinschlüpfen kann.”

Anne war stolz, dass sie den Kindern diese schwedische Mystik einigermaßen in deutscher Sprache erklären konnte. Mit ihren neunzehn Jahren hatte sie bereits einige tragische Erlebnisse verarbeiten müssen.

Annes Eltern lebten nicht mehr. Vor sieben Jahren waren sie bei einem schrecklichen Unfall ums Leben gekommen. Von nun an musste sie danach in einer kleinen winzig kleinen Wohnung bei ihrer Stockholmer Tante leben. Damals hatte sich Anne als Ziel gesetzt, irgendwann einmal in die weite Welt zu reisen und nie mehr von Existenzängsten und Geldsorgen getrieben zu werden. Nie woll- te sie arm und von ihrer Tante abhängig bleiben, oder, falls auch ihr etwas passieren sollte, sogar in ein Heim gesteckt werden. Sie hatte sich geschworen, jede Chance zu nutzen, um das zu verhindern.

Mit sechszehn war sie als Au-pair-Mädchen nach Hamburg gegangen. Zwei Jahre später wurde sie dann an die Rosenbergs nach Königstein weiterempfohlen. In einer derartig feinen Villa leben zu können, war für Anne immer ein Traum gewesen. Jede Woche wuchs in ihr die Überzeugung, alles zu geben, um sich eine unbeschwerte Zukunft zu sichern - wo immer es sei.

„Anne, hörst du mich denn nicht?”, zupfte Babsi ihr am Ärmel.

„Was willst du denn wissen, Babsi?”

„Ich will wissen, ... ob Mami auch in mich hineinschlüpfen kann.”

„Oder vielleicht in mich?”, fügte Alex hinzu, als er gerade den Zeigerfinger aus seinem Nasenloch holte. Babsi schaute verärgert zu ihm hinüber.

„Nein, Alex, das geht gar nicht. Du bist doch ein Junge. Da kann später nur der Opa in dich hineinkriechen. - Der wird aber komisch dreinschauen, wenn du in der Nase bohrst. Dann gibt‘s Zirkus!”

„Das mit dem Nasenbohren gehört sich für einen Herrn von Rosenberg wirklich nicht, Alex!”, tadelte ihn Anne. Dann schob sie beide Kinder schmunzelnd von der Liege.

„Ihr seid vielleicht schon schwer. Das tut meinem Bauch nicht gut. - Da fällt mir ein, wir haben noch nichts gegessen. Jetzt gehen wir wieder hinunter zu Maria. Sonst ist für uns nichts mehr übrig. So, ab nach unten, ihr beiden!”

„Halt! Nicht so schnell, liebes Madl.”

Auf dem letzten Treppenabsatz zur Eingangshalle hielt sie Kurt an ihren Schultern und küsste sanft ihre Wange. Anne mochte diese lockere, humorvolle Art des Bayern und hatte für die jungen Reiterinnen im Gestüt Verständnis, die sich in den erfolgreichen und gut aussehenden Jockey verliebten. Wenn seine weißen Zähne unter dem braunen Schnurrbart hervor strahlten, wirkte er auf viele junge Frauen unwiderstehlich. Vollkommen konnte sich Anne Kurts Charme ebenfalls nicht entziehen. Er gehörte einfach zu ihrer Generation, liebte die gleiche Musik. Aber er war doch nur ein Jockey ...

Im Gestüt war es kein Geheimnis, dass sich wegen ihm oftmals hübsche Mädchen aus der Umgebung um eine Stelle als Aushilfsreiterin bewarben. Anne ärgerte sich manchmal darüber, dass Kurt wohl jedem dahergelaufenen Rock Komplimente machte. Sagte er ihnen das Gleiche wie zu ihr? Wahrscheinlich hatte er nie etwas anbrennen lassen.

Kurt war zwar kein großer Mann, aber auch kein Winzling. Um als Jockey viele und interessante Ritte annehmen zu können, durfte er nicht mehr als vierundfünfzig Kilo wiegen und das zusammen mit Kleidung, Stiefel und dem kleinen Rennsattel. Ein derart niedriges Gewicht erreichte er in der Rennsaison durch regelmäßige Saunabesuche sowie um die Hälfte reduzierte Mahlzeiten. Trotz alledem verfügte er in den Armen über ausreichende Kraft, um einen Vollbluthengst zu zügeln und ihn im Zielspurt freizulassen. Die Rosenbergs waren mit den Leistungen ihres Stalljockeys sehr zufrieden. Immerhin belegte er in der Jahresrangliste der besten Jockeys Deutschlands zurzeit Rang drei.

Einmal behauptete Kurt, sie hätte einen ‚offenen Blick‘. Nach ihrem damaligen Unverständnis erklärte er ihr, dass man bei jungen Pferden daran den Charakter ein- schätzen konnte. Anne machte ihm danach deutlich, dass dieser Vergleich nicht gerade schmeichelhaft war und sie für sich eine andere Karriere, als die eines Rennpferdes vorstellte.

Mit der Zeit hatte sie sich an Kurts flapsige Sprüche gewöhnt und konnte damit gut umgehen. Manche unterhaltsamen Abende hatten sie miteinander erlebt.

„Ich hab eine Überraschung für dich!”, sang er ihr ins Ohr, indem er das ‚r‘ in seiner bayerischen Art besonders lang mit der Zunge rollte.

„Was denn für eine Überraschung?”

Anne lächelte über seinen Annäherungsversuch.

„Rosen ...”, sagte er ihr mit geschürzten Lippen.

„Du sollst mir doch keine Blumen schenken,

Kurt. Das möchte ich nicht!”

Weitere Komplikationen konnte Anne nun wirklich nicht gebrauchen.

„... für den Staatsanwalt. Du musst mi a mal ausreden lassen. Ihr feschen Schwedinnen glaubt, nur weil sie a bisserl Deutsch verstehen, schon nach dem ersten Wort den ganzen Satz zu erkennen. ‚Rosen für den Staatsanwalt‘ ist der Knüller der Kinosaison. I hab zwei Karten - nur für uns zwoa.”

Dabei schaute Kurt sie mit einem verschmitzten Lächeln an, sodass seine Zähne blinkten.

„Okay. - Das klingt schon besser. Wann gehen wir?”

Anne versuchte, lässig zur reagieren, obwohl sie sich darüber sehr freute, zumal der Film bereits gute Kritiken erhalten hatte.

„Wir fahr‘n mit meinem Käfer nach Höchst. Die Karten sind für übermorgen Abend um halbe Neune. Des passt doch hoffentlich?”

„Morgen ist mir zu kurz nach der Beerdigung. Übermorgen ist besser. Ich muss erst mit der Baronin und Maria reden. Wir können jetzt unmöglich die Kinder alleine lassen. - Sag, wieso kauft sich ein Champion Jockey nicht ein gutes Auto?”

„He, der Käfer ist a guets Auto. Gefallt er dir net?”

„Ich meine zum Beispiel einen schwedischen

Volvo - einer mit Gurte.”

„Was Gurte? Muss man bei euch das Auto wie einen Elch ziehen?”

„Blödmann. Die sind für die Sicherheit, dass man nicht mit dem Kopf gegen die Scheibe knallt, falls ein Fahrer besser reiten kann als Autofahren. Volvo hat dafür sogar einen Orden gekriegt. Das hat der Käfer bestimmt nicht bekommen.”

„Bis übermorgen ... so schnell liefern selbst die Schweden keine Autos aus. Deshalb müssen wir eben mit meinem Käfer vorliebnehmen, gell?”

„Wir reden später darüber.”

Wie sie durch die geöffneten Türen des Weißen Salons sehen konnte, begann Baron Johannes offenbar eine Rede zu halten.

Gleich würde er beginnen. Wilhelm erwartete mit den Kindern die Ansprache des alten Herrn, als er Katherina unauffällig zum freien Stuhl zu seiner Linken beorderte. Sie schlich an den Gästen vorbei, die sich bereits der Sitzordnung entsprechend an der Tafel niedergelassen hatten.

Der rot gemusterte Teppich unterstrich dem Weißen Salon seine edle Wirkung. Der größte Saal des Hauses wurde nur für große Empfänge oder besondere Anlässe geöffnet. Die Ahnenbilder der Rosenbergs, Urkunden und Fotos siegreicher Pferde dekorierten seine Wände, neben zwei weißen stuckverzierten Säulen, zwischen denen jeder Gast durch die Terrassentür hindurch einen freien Blick in den Park hatte. Bei klarer Sicht waren sogar die ersten Häuser von Frankfurt zu sehen.

Wilhelm beobachtete seine Mutter und bemerkte ihren kritischen Blick hinüber zu Anne und Kurt, als diese als Letzte den Salon betraten. In dem Moment hievte sein 74-jähriger Vater und Patriarch der Familie seinen massigen Körper vom Stuhl, um mit Klopfen des Kaffeelöffels an ein Weinglas endlich seine Rede zu beginnen.

Wilhelm ärgerte sich über seinen Vater, zumal nach dem Brauch er, als der Mann der Verstorbenen, eine Rede zu halten hätte und nicht der Schwiegervater. Sein Vater nutzte gerne jede Gelegenheit, auch wenn es sich um eine Beerdigung handelt, sich in Szene zu setzen, vor allem wenn illustre Gäste, wie der hessische Ministerpräsident anwesend war. Nur was wollte er denn heute sagen? Würde er nicht wieder eine seiner oftmals peinlichen politischen Grundsatzreden halten wollen? Jedoch schien er irgendetwas Besonderes vorzuhaben, so förmlich, wie er sich gab.

Unter den Geladenen befanden sich ebenso die Vorsitzende der Mütterstiftung sowie die Vorstandssprecher der drei Geschäftsbanken Frankfurts. Besonders freute sich Wilhelm über den Besuch seines Freundes und Kollegen aus München, Max von Isny. Der nur vier Jahre ältere Grauhaarige mit dem gebräunten Teint und der sonoren bayerischen Stimme teilte mit ihm die Leidenschaft für die Vollblutzucht. Gelegentlich vertrat er sehr loyal auch seinen Vater in der Funktion als Präsident des Bankenverbandes.

Den Kölner Bankier Güskens hatte er auf dem Friedhof gesehen, besichtigte aber im Moment im Gestüt Sirakos und wird sich danach wahrscheinlich den Gästen anschließen. Nur der Konkurrent aus Hamburg, Hans Jensen von der Hansa Bank, fehlte. Mit seiner Aufwartung hatte Wilhelm auch nicht gerechnet. Mittels einer schriftlichen Kondolenz hatte er sich für seine Abwesenheit entschuldigt.

„Mein lieber Sohn, liebe Katherina, sehr geehrter Herr Ministerpräsident, verehrte Gäste”, begann sein Vater mit tiefer Stimme, „es ist für mich ein sehr trauriger Anlass, Sie heute zu begrüßen. Wir danken Ihnen, dass Sie unserer Einladung gefolgt sind. - Für dich Wilhelm ist dieser Tag mit besonderem Schmerz verbunden. In den letzten Monaten hast du sehr leiden müssen, da der Abschied von deiner Frau Hannerose immer wahrscheinlicher wurde ...“

Nach seinen Einführungsworten bat er Wilhelm, zu ihm zu kommen. Da er sowieso bereits neben ihm saß, empfand Wilhelm es als eine Aufforderung, sich von seinem Platz zu erheben.

Was kam jetzt?

„Lieber Wilhelm. Du hast nicht nur in diesen schweren Zeiten bewiesen, dass du als Mann wie ein Fels in der Brandung stehst. Deine Familie, wie auch die Bank, hat sich immer auf dich verlassen können. Ich werde in diesem Jahr fünfundsiebzig, Zeit, mich zurückzuziehen. In den letzten Jahren hatte ich sowieso mehr unter dem Regiment meiner lieben Frau gestanden.”

Alle schmunzelten, obwohl der Scherz nicht dem Anlass nach passend war. Wilhelms Mutter beantwortete es mit der Geste des Beschimpfens mittels ihres Zeigefingers.

„Ich habe mich entschieden. Heute möchte es Ihnen allen mitteilen: Mein Sohn Wilhelm wird mich von heute an als Oberhaupt der Familie Rosenberg ablösen!”

Wie bitte?

Wilhelm war darüber sehr überrascht, auch seine Mutter schien davon nichts gewusst zu haben. Sein Vater jedoch genoss seine unerwartete Entscheidung.

„Lieber Wilhelm, ich übergebe dir als Zeichen des Patrons unserer Familie meinen Rosenring ...” Sein Vater versuchte, ihn vom linken Ringfinger abzustreichen - jedoch ohne Erfolg.

„Maria, bring mir bitte Wasser und Seife - und dann bereite den Sekt vor. Darauf müssen wir doch anstoßen, nicht wahr, meine Damen und Herren! - Sie sehen, liebe Gäste: Ich trage den Ring so lange, dass er anscheinend ein Teil von mir geworden ist. Wilhelm, hoffentlich geht es bei dir dann leichter, wenn du ihn später einmal unserem Alex übergeben wirst. - Ich möchte den Bankvertretern hier im Saal auch mitteilen, dass ich zur nächsten Versammlung des Bankenverbandes meinen Sohn Wilhelm zu meinem Nachfolger für das Amt des Präsidenten vorschlagen werde.”

Fühlten sich die Herren damit nicht wie vorn den Kopf geschlagen? Wilhelm empfand, dass man mit seinen Präsidiumskollegen nicht so umgehen konnte.

Alle Gäste applaudierten und erhoben sich von ihren Plätzen. Wilhelm lächelte und bedankte sich höflich für die Zustimmung. Dabei vernahm er die Bemerkung seiner Mutter:

„Das mit Alex als Nachfolger hättest du dir auch verkneifen können. Der Kleine kommt schon früh genug unter Druck. Außerdem ist heute die Beerdigung deiner Schwiegertochter und keine Sitzung.”

Wilhelm wusste, dass sich sein Vater von seiner Mutter viel gefallen ließ, wenn nicht gerade fremde Menschen anwesend waren. So raunzte er zurück: „Ein Rosenberg spürt keinen Druck. Du kennst meine Einstellung: Ein Guter hält‘s aus - und um einen Schlechten ist‘s nicht schade!”

Nachdem Maria ihm Seife und Wasser gereicht hatte, gelang es Johannes endlich, den Ring abzustreifen und ihn Wilhelm an seinen linken Ringfinger zu stecken. Danach umarmte ihn sein Vater und wünschte ihm auf die Schulter klopfend alles Gute.

Alex strahlte seinen Vater an, als er sich wieder neben ihn setzte. Wilhelm streichelte seinem freudestrahlenden Sohn über seine roten Haare, als er neben ihm Platz nahm.

Wilhelm hoffte, dass die verfrühte Bemerkung seines Vaters auf Alex keinen negativen Einfluss ausübte. Mit seinen erzkonservativen Geschichten beeinflusste der Alte den Kleinen bereits mehr, als für ihn hilfreich wäre.

Die Türen zum Park wurden geöffnet. Mittlerweile befleckten nur noch vereinzelte Wölkchen den blauen Himmel über Königstein. Die Sonne strahlte mit zurückgewonnener Kraft auf die viereckigen Kacheln der Terrasse. Während Maria die Tabletts mit Sektgläsern zu den Gästen hinausbrachte, spannte das Bedienungspersonal die vier großflächigen weißen Sonnenschirme auf.

„Alex, gehst du ein Stück mit uns?”

Freudig sprang er zu seinem Großvater. Die gemeinsamen Spaziergänge mit ihm, ob im Park oder im Taunus, waren immer reich an spannenden Geschichten von früher, vom Adel und manchmal sogar vom Krieg. Heute begleiteten ihn obendrein noch prominente Gäste: der Herr Ministerpräsident, Onkel Max von Isny, der berühmte Rennfahrer Hermann Graf von Eppstein und der dicke Kölner Bankier Güskens.

Gemessenen Schrittes und versucht den Rhythmus zu halten, ging er unmittelbar neben seinem Großvater her. Ihm war bewusst, dass sein Opa Johannes stolz auf ihn war, denn er hatte es ihm mehrmals gesagt. Zum Beispiel, als sie im Gestüt zusammen die Herde der jungen Hengste angesehen hatten. Nur die Besten würden Sieger und wiederum nur die Allerbesten davon, würden wiederum Hengste zeugen dürfen, hatte er ihm beigebracht. So wie Großvater und Vater würde Alex einmal die alte Tradition der Familie Rosenberg bewahren und fortsetzen.

Er sog die frische Taunusluft tief in seine Lungen, als könnte darin die besondere Stärkung für Helden zu finden sein. Auch wenn sein Blick hinauf zu seinem Großvater zeitweise durch die intensive Sonne geblendet war, spürte er die Souveränität und das Charisma des Patriarchen bis zu ihm herunter.

Großvater wusste bestimmt, dass trotz Mutters, weitere wichtige Aufgaben zu erledigen waren. Oft sagte er den anderen, dass das getan werden müsse, was notwendig war. Alex hatte von ihm gelernt, dass er ein Aufschieben nicht duldete. Diese Einstellung erwartete er auch von ihm, was die Schule anging. Alex würde ihn nie enttäuschen.

Nach jedem Wetterumschwung hinkte sein Großvater leicht, verursacht durch einen Reitunfall vor fast zwanzig Jahren, wie er Alex einmal anvertraute. Auch heute war es für ihn offensichtlich nicht leicht, vollkommen ohne Schmerzen zu gehen.

„Das letzte Mal hatten wir uns bei der Meisterschaftsfeier der Eintracht gesehen”, erinnerte Graf Eppstein Johannes. Alex wusste, dass sich Großvater nicht so sehr für Fußball interessierte, aber das Finale zwischen Frankfurt und Offenbach hatte er sich nicht entgehen lassen. Alex hatte ihn sogar zum Spiel nach Berlin begleiten dürfen. Für ihn war es der erste Flug in seinem Leben und viel wichtiger als der Fußball. Auch die Geschichten am Brandenburger Tor, die ihm sein Großvater von den Preußen erzählt hatte, fand er spannender. Jedoch war Graf Eppstein durch und durch Sportler und hatte wohl nichts anderes im Kopf als Pokale.

„Das nächste Mal schaffen es vielleicht die Nürnberger und die Sechziger”, scherzte Onkel Max, auch wenn Alex den Zusammenhang gar nicht verstand. Johannes nannte Max von Isny einen wahren Freund, der selbst dann nicht neidisch war, wenn einige seiner vermögenden Kunden ihre Konten von München zur Rosenberg Bank nach Frankfurt wechselten. Wenn es um das Präsidium des Bankenverbandes ging, schimpfte sein Großvater immer nur auf die Norddeutschen und Jensen, diesem bürgerlichen Bankier in Hamburg. Ihm warf er fehlendes Gespür für Tradition vor und nannte ihn sogar geldgierig. Alex‘ Vater war stolz, dass Großvater Jensen bei der letzten Wahl klar geschlagen hatte. Deshalb überraschte es Johannes nicht, dass der fiese Verlierer nicht zur Beerdigung gekommen war. Das hatte Alex heute Mittag beim Essen mitgehört.

Am tiefsten Punkt des Weges unterhalb der Villa, umgeben von alten Eichen, Buchen und Birken, hielten sie an.

„Ihre Rede fand ich besonders emotional von Rosenberg”, lobte ihn der Ministerpräsident. „Sie wären auch ein erfolgreicher Politiker gewesen, vermutlich aber in der falschen Partei.”

Johannes lachte.

„Gut, dass ich einen anderen Weg eingeschlagen habe. In den letzten vierzig Jahren waren die Resultate unserer Regierung nicht gerade erfreulich, nicht wahr?”

„Nun, aber Herr Baron, seit dem Wiederaufbau läuft es doch gut. Wir haben eine junge Demokratie, ein Wirtschaftswunder, auch zufriedene Banken”, erwiderte der sozialdemokratische Spitzenpolitiker.

„Meine Herren, freuen wir uns nicht zu früh”, warnte Großvater Johannes mit erhobenem Zeigefinger. „Die Russen werfen immer noch ein Auge auf uns. Es ist noch nicht lange her, da haben sie mit einigen Revoluzzern diese schöne Karibikinsel Kuba erobert. Direkt vor der Haustür der Amis. Wenn das nur gut geht.”

Großvater hatte immer recht, da war sich Alex sehr sicher, auch wenn er nicht verstand, was Kuba mit Deutschland zu tun hatte.

Graf Eppstein blieb stehen und schaute Johannes kritisch an. Fast jeden Monat lachte er von den Titelseiten irgendwelcher Illustrierten herunter. Seine Familie, die Autobauer, gehörten zu den besten Kunden der Bank. Alex wusste, dass sein Wort für seinen Großvater etwas bedeutete.

„Glauben Sie wirklich, dass es wegen Kuba Probleme gibt? Die haben doch nichts, wofür es sich zu kämpfen lohnt.”

„Ich traue den Russen auch nicht”, pflichtete Max von Isny Großvater bei. „Da sind mir die Amerikaner viel lieber.”

Opa Johannes war einfach der Klügste von allen, stellte Alex zufrieden fest.

„Lieber Max, die Amerikaner kenne ich seit meiner Gefangenschaft. Über die brauchst du mir nichts zu erzählen. Geh nur hinunter nach Höchst und sehe dir die besoffenen Neger an. Denen brennt die Aggression in ihren Augen. Bei jedem Bierfest gibt‘s ein paar Tote, das kann doch niemand bestreiten. Die Rassenkonflikte haben die Amis nicht im Griff und dann kennen sie nur ihre eigenen Vorteile. Von wegen Freunde und ... wir haben euch vom Hitler befreit. Wir sind doch immer noch ein besetztes Land ohne einen Friedensvertrag. Wenn die Russen damals nicht so weit nach Westen einmarschiert wären, hätten die Amis sich doch aus dem Krieg rausgehalten. Nicht mal den Engländern hätten sie geholfen. Aber Kuba liegt vor ihrer eigenen Küste und da fackeln sie nicht lange, um die Bolschewisten zu vertreiben.”

„Aber Baron! Sie reden von unseren Freunden. Was wären wir denn ohne die Amerikaner heute?”, korrigierte ihn der Landespolitiker. Alex schaute ihn grimmig an. Gab es jetzt noch einen Streit? Für Alex schien der Spaziergang jetzt richtig interessant zu werden.

„Also ich war erst dieses Jahr drüben in den Staaten”, mischte sich jetzt der Graf in die Diskussion ein. „Die leben ihren amerikanischen Traum: Jeder ist seines Glückes Schmied. Außerdem sind die alle so gut drauf und positiv. Da können wir uns mal eine Scheibe davon abschneiden. Die Amerikaner haben sich sogar an unserer Fabrik beteiligt. Die wissen ganz genau, was sie wollen.”

„Ich bin ja froh, dass wir nicht die Roten hier haben”, stellte Johannes fest und fügte mit einem Blick auf den Ministerpräsidenten hinzu: „Pardon, nichts gegen die Sozialdemokraten, aber ich meine die Kommunisten, die heute in der Zone regieren. Weil wir unser zerbombtes Land wieder aufgebaut haben, geht es uns gut. Trotzdem ärgere ich mich über diese alliierten Besetzer hier bei uns im Westen. Die glauben anscheinend, sie könnten unsere alte Kultur durch die ihre ersetzen. Deutschland ist doch stolz auf seine Dichter und Denker. Gerade hier in Frankfurt ehren wir Goethe ...”

„Das ist ja richtig. Das tun wir alle. Auch die Amerikaner verneigen sich vor unserer Kultur”, erwiderte der Ministerpräsident, dem die Diskussion anscheinend auf die Nerven ging.

„Trotzdem müssen wir heute englische Ausdrücke lernen. Irgendwann wird unsere Jugend nur noch englische oder amerikanische Musik hören und deren Autoren lesen. Die deutsche Kunst wird in den Läden vermodern. Passt auf, dass unser Stolz erhalten bleibt. Seid euch auch nicht zu sicher, dass sich die Amis für Berlin ins Zeug schmeißen. - Herr Güskens, haben Sie sich eigentlich für unseren Hengst entschieden?”

Alex bewunderte seinen Großvater, wie er geschickt das Thema wechselte.

„Ja. Er sieht prächtig aus. Ich habe schon mit

Herrn Berger einen Termin vereinbart.”

„Schön. Sie werden es nicht bereuen, glauben Sie einem alten Pferdenarren, wie mir.”

„Ich würde auch gerne eine Stute schicken,

Johannes”,meldete sich Max von Isny an.

„Natürlich, Max. Deine M-Linie verträgt das Blut unseres Sirakos hervorragend. Vielleicht erreichst du damit mal wieder die Erfolge zu Zeiten des Braunen Bandes. Damals gab es in Deutschland die beste Pferdezucht.”

Nach der letzten Kurve führte der Weg wieder unter prächtigen Eichen und Buchen durch die Wiese mit ihren zirpenden Grillen entlang, bergauf zur Villa. Mit dem gleißenden Licht, das durch die Zweige aufblitzte, trat die rotgelbe Fassade majestätisch hervor. Mit den kleinen Giebeln und dem Wehrtürmchen auf der linken Seite, das durch rundes Dach gekrönt war, wirkte die Villa wie ein Königsthron. Still schienen die Gäste das Rauschen und Blubbern des Baches zu genießen, wenn das Wasser über Schwellen aus Holz und Stein schwappte, während ihre Blicke auf das prächtige Anwesen gerichtet waren.

Seinen Großvater beobachtend, legte Alex die Hände auf den Rücken und schritt erhaben zurück auf die Terrasse.

Die Herren haben bestimmt blöd geschaut, als Opa verkündet hat, dass er einmal Vaters Nachfolger sein wird. Aber das war doch völlig normal. Er war nun mal der einzige Stammhalter der Familie. Babsi ist ein Mädchen und die zählt dabei natürlich nicht.

Der Zeitpunkt war dafür ungeeignet. Die Ernennung zum Patriarchen hätte sein Vater nicht mit der Hannerose Beerdigung verbinden dürfen. Trotzdem nahm Wilhelm auf der Terrasse die letzten Gratulationen seiner Gäste entgegengenommen. Sein Vater könnte stolz sein, so einen würdigen Nachfolger als Familienoberhaupt zu haben, waren die schmeichelnden Worte des Ministerpräsidenten. Wilhelm war sich nicht sicher, aber er glaubte, sogar bei seinem Vater eine kleine Träne gesehen zu haben, als er ihm nach der Ringübergabe auf die Schulter klopfte.

Graf Eppstein hatte ihm vielversprechend eine weitere gute Zusammenarbeit gewünscht. Wilhelm bedankte sich und wusste, diese ‚Zusammenarbeit‘ könnte Millionen wert sein. Wenn er erst einmal der Präsident des Verbandes war, traute er sich zu, derartig potente Kunden auch im Ausland gewinnen zu können, da man dort wieder zunehmend den jüngeren deutschen Unternehmern vertraute. Zwar hatte die Familie durch die alten Kontakte seines Vaters national profitiert, aber hinter der Grenze ließ die Wirkung dieser Geschäftsbeziehungen nach. Aber das sollte sich nun Ende des Jahres ändern, wenn mit seiner Wahl zum Verbandspräsidenten auch dieser Stab von seinem Alten Herrn auf ihn weitergereicht würde.

Seine Mutter, kam, Anne am Arm führend, mit besorgter Miene auf ihn zu.

„Wir müssen reden, Wilhelm.“

Wilhelm nickte den Gästen noch freundlich zu, und sie entfernten sich ein Stück auf den Rasen hinter der Terrasse.

Erwartungsvoll schaute er beide Frauen an.

„So nun ist auch mein Sohn dabei. Jetzt können wir reden“, sagte Katherina zu Anne.

Fragend schaute Anne Wilhelms Mutter an. Offenbar wusste auch sie nicht, worum es gehen sollte. Wilhelm hatte auch keine Ahnung. In Fragen der Kinder wurde er doch sonst nie mit einbezogen. Es musste dann Alex oder Babsi betreffen. Nach der Beerdigung waren sie mit Anne gleich hoch in ein Kinderzimmer verschwunden.

Wilhelm sah in Annes blaue Augen. Da war nichts von der gewohnten Selbstsicherheit des Kindermädchens zu sehen. Ihre Augen flackerten leicht vor Nervosität.

Nein. Jetzt hatte er

Angst. Seine Mutter

behielt das Wort.

„Ich möchte ganz offen sein: Wie man feststellen kann, bist du in guter Hoffnung? Stimmt das, Anne?“

Wilhelm fühlte sich wie vor den Kopf gestoßen. Er glaubte, in der Art, wie sie fragte, einen bissigen Unterton vernommen zu haben. Er spürte Schweißperlen auf seiner Stirn.

Wieso habe ich denn nichts bemerkt?

Anne riss sich zusammen und schien wieder konzentriert.

„Was ist ‚in guter Hoffnung‘? Ich verstehe nicht ...“

„Das bedeutet bei uns in Deutschland, dass du schwanger bist. Das ist doch so, nicht wahr?“

Katherinas Blick haftete auf Annes Bauch. Anne strich verlegen über ihr weites schwarzes Kleid, als wollte sie eine Wölbung glätten, bemerkte aber nicht, dass sie nun diese dadurch erst recht betonte.

Annes Blick traf Wilhelm aus gerötetem Gesicht kurz, aber tief.

Sag nichts, Anne, bitte sag nichts!

Was wird sie nur antworten?

Wie konnte er verhindern, dass sie sich

verplapperte, ihn und sich selbst unsäglich ins

Dilemma hineinritt?

Aber sie gab sich selbstbewusst, richtete sich auf und schaute lächelnd, ja glücklich, seine Mutter an.

„Ja, Baronin. Ich werde dieses Jahr ein Baby bekommen.“

Wieder der tiefe Blick in seine Augen – und das

glückliche Lächeln. Ihre blauen Augen strahlten.

Doch Katherina gab sich mit der Antwort noch nicht zufrieden.

„Mich geht das zwar nichts an, aber ... in

Anbetracht unserer familiären Situation ... ich meine ...”

„Was für eine Situation meinen Sie,

Baronin?“ Annes Stimme zitterte.

„Alex und Babsi brauchen natürlich weiterhin eine Bezugsperson, nachdem sie nun so früh ihre Mutter verloren haben. Verstehst du das, Anne?“

„Ja, natürlich. Das verstehe ich sehr gut.“

Wilhelm wurde ungehalten.

„Aber Mutter, was hat die Schwangerschaft denn damit zu tun?”

„Mir geht es darum: Ich möchte wissen, ob Anne nach Schweden zurückgehen will.” Und zu

Anne gewandt:

„Ich kann mir nämlich gut vorstellen, dass du mit deinem Kind ... und dem Vater des Kindes eine Familie gründen willst. Das ist doch nur natürlich ...”

„Ich gehe nicht nach Schweden!”

Resolut unterbrach Anne ihre Chefin, die offenbar mit dieser Reaktion nicht gerechnet hatte.

„Aber der Vater ... ich meine ... ist er nicht ein ...

Schwede?”

Hilfe suchend schaute Anne zu Wilhelm hinüber. Der verstand nun nichts mehr. War nun er - doch nicht ...?

„Entschuldigen Sie Baronin, aber das ist privat. Mein Baby wird ein schwedischer Junge - oder ein schwedisches Mädchen sein. Gut. Bei uns in Schweden muss man zwar einen Mann haben, um ein Kind zu bekommen, aber später ist das dann nicht mehr unbedingt notwendig.”

Wilhelm war

beeindruckt. Mutig.

So hatte er nie mit seiner Mutter geredet.

Doch er kannte ihre Meinung.

„Nun, ja, im Norden gibt es andere Sitten und Gebräuche als bei uns. Wir als Katholiken haben dazu eine andere Meinung. Aber darüber will ich mit dir nicht diskutieren.”

„Soll ich das Haus verlassen? Wegen meines Kindes?” Annes Augen hatten sich mit Tränen gefüllt. Jeden Moment würden sie überlaufen.

„Anne, es tut mir leid. Selbstverständlich toleriere ich dein Privatleben. Aber wie kannst du dich um unsere Kinder kümmern, wenn du selbst ein Baby zu versorgen hast? Das geht nicht, das musst du doch einsehen.”

Sie darf Anne doch nicht vor die Tür setzen?

Wahrscheinlich noch mit einem Rosenberg unter dem Herzen?

Wilhelm verschränkte seine Arme. Er sah den Skandal, unmittelbar auf sich zu kommen. Anne würde sich das nie gefallen lassen. Bedrückt spielte Wilhelm mit seinem linken Daumen am Siegelring mit dem Familienwappen der Rosenbergs, den er seit dem Mittag tragen durfte. Was er wert war, würde sich jetzt herausstellen.

„Das kann Anne schon, Mutter. Sie ist das beste Kindermädchen für meine Kinder. Außerdem wird Alex bald neun und Babsi sechs. Ich möchte, dass Anne bleibt. Unbedingt!”

Katherina zuckte zusammen, doch augenblicklich schien sie sich zu besinnen und fügte sich, wie es die Tradition der Rosenbergs verlangte.

„Gut. Du bist jetzt das Familienoberhaupt und musst wissen, was du tust.” Damit beendete seine Mutter das Gespräch und ging erhobenen Hauptes zurück ins Haus.

Wilhelm fühlte sich unwohl, aber das musste sein.

In diesem Moment rannte Babsi über den Rasen auf ihren Vater zu und drückte sich an seine Beine. Sie schaute zu ihm hoch.

„Papi, schau doch nicht so traurig. - Wenn ich einmal groß bin, heirate ich dich. Dann bist du nicht mehr alleine.“ Kichernd versteckte sie ihr Gesicht in Wilhelms Anzugsjacke.

Mit vertrauter Miene flüsterte Wilhelm Anne zu:

„Nachher gehen wir eine Runde im Park. Da bereden wir alles, in Ordnung?“, flüsterte Wilhelm Anne zu.

„Ja. Vielen Dank, Herr Baron.” Im Weggehen wischte sie sich die Tränen aus den Augen.

2. KAPITEL

Bank Rosenberg, Frankfurt/M 05. Dezember 1961

Das sah für ihn gut aus. Richard Weber hatte die Notiz mit seinen Einschätzungen zur Wahl auf Wilhelms wuchtigen Eichenschreibtisch gelegt. Vor zehn Jahren hatte sein Vater das Bürogebäude der Bank Rosenberg in der Taunusanlage, in der Nähe der Alten Oper, erworben. Hier fanden seitdem alle Sitzungen des Präsidiums des Bankenverbandes statt. In seinem Büro bereitete sich Wilhelm auf die erste Teilnahme vor.

Er musste sich beeilen, denn er hatte sich verspätet. Gemeinsam mit Anne und Babsi feierten sie noch zu Hause bei Kaffee und Kuchen Svens zweiten Geburtstag. Katherina hatte sich entschuldigt, da sie in Begleitung von Alex Johannes im Krankenhaus besuchen wollte. Es sah nicht gut um ihn aus und Wilhelms Mutter wollte unbedingt mit ihm noch viel seiner vermutlich letzten Wochen verbringen.

Als Wilhelm ins Büro gefahren war, hatte sich Anne mit den beiden Kindern auf den Weg zum Gestüt gemacht. Sven durfte sich heute zum ersten Mal auf Babsis Pony setzen.

Niemand wusste davon. Svens Vaterschaft war weiterhin ein streng behütetes Geheimnis zwischen Anne und ihm. Wilhelm wollte unbedingt jede geschäftliche Benachteiligung vermeiden. So fiel es ihm immer noch schwer, Sven als eigenes Fleisch und Blut wahrzunehmen, selbst wenn das Kind auf seinem Schoß saß und er seinen Kinderduft einatmete. Anne hatte er nach der Geburt so auch in seiner Eigenschaft als Familienober- haupt der Rosenbergs besucht. Da ihn aber seine Mutter und Maria ins Krankenhaus begleiteten, konnte er seine Herzlichkeit der Glückwünsche nur eingeschränkt ausdrücken. Auch konnte er nicht einfach das Kind in den Arm nehmen, wie er es als Vater normalerweise tun würde. Anne hatte jedoch sein Verhalten verstanden und akzeptiert. Nach zwei Jahren war zwischen ihm und Sven immer noch keine Ähnlichkeit zu erkennen. Dies galt auch zu seinen Halbgeschwistern. Sven war blond wie ein Schwede aber mit braunen Augen, während Alex rötliche und Babsi dunkle zottelige Haare hatten.

Prokurist Weber, wie üblich in blauem Sakko und grauer Flanellhose, begrüßte Wilhelm kurz, um ohne Umschweife sofort mit dem Thema beginnen zu können. Hinter den dicken Brillengläsern bewegten sich seine aufgeweckten Augen hin und her. Ihm entging nichts, was für die Bank von Bedeutung sein könnte. Leider litt er seit seiner Jugend an den Händen unter einem Hautausschlag, weshalb er tunlichst den Handschlag bei der Begrüßung vermied.

Frau Kessler lief ihm hinterher, um Kaffee und Kekse zu servieren. Wilhelms Sekretärin hatte es sich offenbar seit Hanneroses Tod zur Aufgabe gemacht, ihn mit Süßigkeiten zu verwöhnen, auf die er bei seinem derzeitigen Übergewicht lieber verzichten sollte.

Der zentrale Tagesordnungspunkt am 14. Dezember war die Neuwahl des Präsidenten. Da Wilhelms Vater aufgrund seines Gesundheitszustandes nicht an der Sitzung teilnehmen konnte, übernahm automatisch Max von Isny die Leitung, stand jedoch für das höchste Amt des Bankenverbandes nicht zur Verfügung. Er unter- stützte seit Jahren uneingeschränkt die Rosenbergs, so- dass auch Wilhelm davon zukünftig ausgehen konnte.

„Wie ich von Baron von Isny gehört habe, wurde mit Hans Jensen von der Hansa Bank plötzlich noch ein zwei- ter Kandidat und Konkurrent vorgeschlagen. Mir ist das vollkommen unverständlich, zumal es bisher die Tradition des Verbandes war, dass immer der Patriarch der Familie Rosenberg dem Präsidium vorsaß. Umso mehr ist diese Kandidatur von Jensen eine Unverschämtheit. Gut, aber die haben schon ein paar Mal eine Abstimmung verloren. Vielleicht stehen Sie auf das.”

„Warum tut er das? Was glauben Sie, Weber, steckt dahinter?”

„Ich vermute, dass ihn die Geschäftsbanken bestärken. Denen sind die Privatbanken schon immer ein Dorn im Auge. Nachdem sie sich vermehrt mit der Finanzierung des Exports eine goldene Nase verdienen, wollen sie nun auch noch ins Passivgeschäft der Vermögensverwaltung einsteigen.”

Dass dies die Bankenwelt verändern könnte, befürchtete Wilhelm seit Jahren. Aktiengesellschaften mit anonymen Inhabern könnten mit ihrem Kapital die privat haftenden Bankiers ersetzen. Gleichzeitig wäre das in der Branche eine Verschiebung der Bedeutung vom selbst- ständigen Adel zum angestellten Manager. Vor dieser Entwicklung hatte sein Vater immer gewarnt. Die Verantwortung für das Geld der Kunden würde so einer anonymen Masse von Angestellten und Bürgern über- tragen werden. „Wenn‘s brennt, ziehen die dann ihren Schwanz ein”, hatte er das Problem in seiner direkten Art umschrieben.

„Also ich habe mir das alles einmal genau angesehen, Herr Baron. Mit einer Mehrheit von fünf zu zwei oder sogar sechs zu eins sollten wir doch rechnen können. Gegen Sie wird außer Jensen vielleicht noch Harry Klein von der Frankfurter Bank votieren. Aber München mit Baron von Isny, Peter Weiss von der Leipziger Bank, Düsseldorf mit Severin Koch von der Handelsbank und der Kölner Güskens sind bestimmt auf Ihrer Seite.“

„Wenn Sie da nur recht behalten, lieber Herr Weber. Wenn aber die Geschäftsbanken zusammenhalten? Dann wären Handelsbank, Frankfurter und die Leipziger Bank auf Jensens Seite. Damit würde er mit einer Stimme Mehrheit zum Präsidenten gewählt.”

„Ich hatte heute ein Telefonat mit meinem Kollegen von der Leipziger Bank um die Ecke. Also die drücken Ihnen die Daumen. So würde es im schlimmsten Fall vier zu drei für Sie ausgehen.”

Wilhelm schnaufte durch. Er musste diese Wahl unbedingt gewinnen. Sein Vater wäre sehr enttäuscht, wenn er der erste Rosenberg wäre, der die Fäden der Macht aus der Hand geben würde.

Krankenhaus, Höchst

Die Onkologie war im hinteren der dreigeschossigen Gebäude auf dem Areal des Höchster Klinikums, abseits der Hospitalstraße, untergebracht.

Die Mischung aus Desinfektionsmittel und abgestandenen Essensresten schlug Wilhelm auf den Magen. Irgendwie war es zu spüren, dass möglicherweise heute in diesen Räumen ein Mensch gestorben war, sinnierte er beim Betreten des Aufzugs. Begleitet von einer jungen Krankenschwester, in blauem Kleid, weißer Schürze und Häubchen, fuhr er in den dritten Stock. Wilhelm bewunderte diese Menschen, die teilweise Tag und Nacht einen derartig anstrengenden Beruf ausübten. Hier kam tatsächlich die Bezeichnung Beruf von Berufung. Die Aufgabe eines Bankiers war dagegen leicht und dazu extrem besser bezahlt.

Bevor er das Einzelzimmer seines Vaters betrat, steckte er sich einen Zwanzigmarkschein in die Anzugstasche, den er später dem Personal als kleine Anerkennung zu- stecken wollte.

Dreimal musste sich Wilhelms Vater einer langen Operation unterziehen, jedoch ohne Erfolg. Für eine Genesung gab es keine Chance mehr. Der Prostatakrebs hatte sich bereits in allen Organen ausgebreitet.

Siebenundvierzig Jahre waren Wilhelms Eltern verheiratet. Die Hochzeit zwischen dem Freiherrn von Rosenberg und der aus bescheidenen Verhältnissen stammenden bürgerlichen, Katherina, war zu dieser Zeit kein gesellschaftliches Ereignis. Neun Monate später wurde Wilhelm geboren. Sein Vater hatte zwar jüdische Vorfahren, religiös war er jedoch nicht. Um Problemen während des Hitlerregimes auszuweichen, konvertierte er schon bald zum katholischen Glauben. Nach dem Krieg nutzte er als Vermögensverwalter die wirtschaftliche Entwicklung in der Bundesrepublik, fädelte geschickt alte Beziehungen so ein, dass sich die Bank Rosenberg zu einer der bedeutendsten Banken des Landes entfaltete.

Nun litt Wilhelms Vater, der immer mit Kraft und Elan seine Ziele verfolgt hatte, unter seiner Hilflosigkeit hier im Krankenhaus. Von fremden Menschen, selbst bei der körperlichen Hygiene, abhängig zu sein, fand er demütigend, wie er es in der letzten Woche Wilhelm gestanden hatte. Wenn es schon zu Ende gehen musste, dann sollte es schneller gehen, wie er es formuliert hatte.

Heute hatte sich Wilhelm bereits auf eine erneute Verschlechterung des Zustandes eingestellt. Und trotzdem fühlte er sich beim Anblick seines alten Herrn tief betroffen. Vom Habitus der einst so starken Persönlichkeit war nichts mehr übrig. Abgemagert, nur noch aus Haut und Knochen bestehend, lag er an Schläuchen angeschlossen vor ihm. Der Versuch eines Lächelns aus dem kleinen gelblichen Gesicht.

Seine Mutter wahrte die Haltung.

„Na, mein Liebster. Du musst mehr zu dir nehmen. Oder schmeckt dir das Essen hier nicht. Soll ich denen mal Beine machen?” Katherina streichelte Johannes tröstend über den Kopf. Tränen liefen seinem Vater über die knochigen Wangen. Abseits am Fenster stand Alex, betrachtete seinen Großvater mit rotem Kopf, scheinbar gegen aufkommende Übelkeit kämpfend.

„Wilhelm, was gibt es Neues?”, fragte ihn sein Vater mit brüchiger Stimme. Wilhelm setzte sich auf die Bettkante, um ihn besser zu verstehen.

Er tat, was er immer tun musste. Er berichtete seinem Vater von den Bankgeschäften, als gäbe es in diesem Moment nichts Wichtigeres.

„Es läuft alles bestens. Nächste Woche werde ich im Präsidium zu deinem Nachfolger gewählt.”

„Das ist gut so, mein Lieber. Pass aber auf Jensen und den Kölner auf. Wie heißt der noch mal, der ...? Na, du weißt schon ... Der meint nicht immer, was er sagt.”

Dann musste er husten. Katherina gab ihrem Mann die Tasse Tee.

„Du meinst den Güskens, Vater? Wieso? Der ist doch als Züchter bei uns Kunde und sollte dankbar sein.”

„Ja, so heißt er. Den haben wir doch schon ein paar Mal ...”, dann musste Johannes wieder husten, „... weil wir ihm in Baden-Baden einen Preis ... vor der Nase ... weggeschnappt haben.”

Wilhelm glaubte, ein zufriedenes Lächeln zu erkennen.

Seine matten Augen schienen wieder etwas zu glänzen.

„Müsst ihr denn heute über das Geschäft reden?”, schimpfte Katherina und warf ihrem Sohn einen ernsten Blick zu.

„Mach dir keine Sorgen. Wir haben alles im

Griff.”

„Dann musst du dir ... Schweiz ... hm, über die Schweiz Gedanken machen, Wilhelm. Wenn die Russen kommen ..., fliehen die Kunden aus dem Land, ... ihr Geld zuerst.

- In meinem Kalender sind einige wichtige Schweizer eingetragen. ... gründe dort eine Niederlassung, ... dann bleibst du von deutschen Politikern unabhängig. - Das ist wichtig, mein Junge!”

Wilhelm hatte es nicht überhört. Sein Vater sprach plötzlich nicht mehr von wir - er bezog sich nicht mehrein.

„Hm, gut. Ich werde mich mal umsehen, Vater.”

„Wilhelm, du musst mir etwas versprechen. -

Katherina hör‘ du bitte auch zu.”

Er forderte seine Frau dazu auf, sich ebenso auf das Bett zu setzen. Er sprach leise, beinahe flüsternd.

„Ich möchte, dass du wieder heiratest ... es ist für einen Mann nicht gut, wenn er zu lange alleine ist. - Du hast viel Verantwortung ... und die Kinder brauchen wieder eine Mutter ...”

Wilhelm war diese Wendung des Gesprächs unangenehm, zumal Alex vielleicht mithören konnte. Auch Katherina schaute sich nach ihrem Enkel um.

„Vater, das wird schon. Ich muss nur die Richtige finden. Im Moment habe ich dazu keine Zeit.”

Daraufhin bekam Johannes beim Versuch zu lachen wieder einen Hustenanfall. Er tätschelte die Hand seines Sohnes und fügte hinzu:

„Bitte denke daran, was dein alter Herr dir geraten hat: ... Für bestimmte Dinge hat ein Mann immer Zeit.”

„Nun, Johannes, lass doch Wilhelm seine Sache alleine entscheiden. Wenn er überall dein Nachfolger ist, dann wird er dir als Mann auch nicht nachstehen. Er ist immerhin dein Sohn!”

Wilhelm bemerkte, dass sein Vater eingeschlafen war. Seine Kraft reichte offensichtlich nur noch für kurze Besuche aus.

Grandhotel, Frankfurt - 14. Dezember 1961

Der in roter Uniform livrierte Portier des Grandhotels begrüßte Wilhelm wie einen Stammgast, obwohl er im ersten Luxushotel der Stadt selten übernachtete. In dieser noblen Adresse traf man sich gerne mit Geschäftspartnern zu Gesprächen oder bei einem feinen Dinner.

Der Prunk vergangener Zeiten wurde dem Gast bereits beim Betreten der Empfangshalle bewusst. Wilhelm erinnerte sich noch gut an die Wiederöffnung des Hotels, das im Krieg durch Bombenangriffe ziemlich zerstört gewesen war.

Da erblickte er ihn. Hubert Güskens hatte sich in einen der wuchtigen roten Sessel hingefläzt. Vermutlich bereitete ihm sein dicker Bauch in dieser Position Probleme. Noch bevor er den Bund seiner Hose öffnen konnte, ging Wilhelm auf ihn zu.

„Herr Güskens, hatten Sie eine angenehme Reise?”

„Schönen guten Tag, Herr Baron. Ja, vielen Dank. Ich habe heute Nachmittag hier schon einen Kaffee getrunken und einen leckeren Kuchen gegessen. Hm, da gibt es aber feine Sachen, kann ich Ihnen sagen.”

„Schön. Ich habe für uns im Restaurant einen netten Tisch reservieren lassen, wenn es Ihnen recht ist, Herr Güskens.”

Während Wilhelm zum Restaurant vorausging bemühte sich der kleine, dicke Bankier die Ziehharmonikafalten der engen zerknitterten Hosenbeine nach unten zu ziehen. Außerdem hatte er wohl kurz vor ihrem Treffen seine Ausdünstungen mit überreichlich süßlichem Rasierwasser zu kaschieren versucht. Nicht der starke Dialekt, sondern seine ungepflegte, obszöne Wortwahl, missfiel Wilhelm an dem Kollegen. Trotzdem war er als Bankier bei Unternehmern seiner Region gefragt. Dagegen unterhielten Anleger aus Düsseldorf und Essen ihre Depots eher bei der Bank Rosenberg, wie Wilhelm mit Genugtuung feststellen konnte.

Auf dem Weg zum reservierten Tisch passierten sie einen der vielen Spiegel. In seinem neuen maßgeschneiderten dunkelblauen Anzug und weißem Hemd wirkte er dynamischer als der sechs Jahre jüngere Güskens. Zu- frieden, mit gestärktem Rücken, strich sich Wilhelm über die immerzu abstehenden dicken Augenbrauen. Mit einem Martini Blanco eröffnete Wilhelm das Gespräch. Nur der Gedanke, dass dieser Flegel für seine Wahl zum Präsidenten morgen entscheidend sein könnte, brüskierte ihn. Er musste da durch. So zwang sich Wilhelm zu einem Lächeln.

„Was macht denn das Sirakos-Fohlen? Entwickelt es sich zu Ihrer Zufriedenheit, Herr Güskens?”

Vor zwei Jahren hatte er eine Stute von Sirakos decken lassen. Güskens interessierte sich neben den Kundengeldern nur noch für Rennpferde - und schöne Frauen. Beide dürften ihn ein Vermögen kosten, vermutete Wilhelm.

„Luigi geht es prächtig. Entsprechend zeigt er sich in der Herde. Das wird bestimmt ein Guter.”

Güskens strahlte und trank einen großen Schluck. Bisher hatte er aber kein Rennen, an dem Pferde vom Rosenhof am Start waren, gewinnen können. Darüber hinaus hatte er Fehler begangen, die ein Gestütbesitzer nie tun sollte: Er gab auf allen drei Risikofeldern des Turfs Geld aus: Zucht, Rennen und Wetten. Das konnte auf Dauer nicht gut gehen. Als Präsident des Verbandes der Vollblutzüchter war es Wilhelm möglich, derartige Details einzusehen.

„Das würde mich sehr freuen, Herr Güskens. Dasitzen wir ja in einem Boot.”

Als Züchter verdiente er bei jedem Renngewinn

Luigis mit.

„Danke. - Wie geht es Ihrem Vater, Herr Baron? Nun steht morgen eine wichtige Wahl an. Sie sind doch zuversichtlich, oder?”

Dieses Schlitzohr durfte Wilhelm wirklich nicht unterschätzen. Das sah sein alter Herr richtig. Er war eben ein Fuchs.

„Meinem Vater geht es nicht gut, deshalb kann er die morgige Sitzung nicht leiten. Das übernimmt für ihn Baron von Isny. Was die Wahl angeht: Warten wir es ab, entschieden ist noch nichts. - Aber, da Sie gerade auf Wahlen zu sprechen kommen - im nächsten Frühjahr wird in Baden-Baden wieder über den Präsidenten der Vollblutzüchter abgestimmt. Darüber würde ich gerne mit Ihnen sprechen, Herr Güskens.”

Scheinbar neugierig stellte Güskens sein Glas ab.

„Mal angenommen, ich würde morgen von den Bankiers gewählt werden, dann kann ich im Mai bei den Vollblutzüchtern nicht auch noch kandidieren, obwohl beide sehr ehrenvolle Aufgaben sind. Aber der Aufwand wäre für mich zu viel. - Wäre die Position des Präsidenten der Vollblutzüchter nicht eine Aufgabe für Sie, Herr Güskens?”

Ohne ihn anzusehen, zu müssen, spürte Wilhelm die Begeisterung des Kölners.

„Äh ... Ich weiß nicht, Herr Baron. Da gibt es doch bestimmt noch andere ...”

„Natürlich. Das würden einige Herren gerne werden. Aber wir brauchen frisches Blut. Das gilt nicht nur für die Zucht, sondern auch für dieses Präsidium. Aus meiner Sicht sind Sie der geeignete Kandidat dafür. Sie können das. Ich würde Sie, wenn Sie möchten, in die Aufgaben einarbeiten. - Und? Interessiert?”