Die Rotte - Marcus Fischer - E-Book

Die Rotte E-Book

Marcus Fischer

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Beschreibung

»Psychogramm eines Dorfes« Elfi Reisinger, eine junge Bäuerin, lebt Anfang der 1970er Jahre mit ihren Eltern auf einem kleinen Hof in der Rotte Ferchkogel, einer abgelegenen Siedlung im Voralpenland. Ihr Vater verschwindet eines Nachts, die Gendarmerie geht von Selbstmord aus. Durch den Tod des Bauern verschiebt sich das Gefüge in der Rotte. Die anderen im Dorf trauen den beiden Frauen nicht zu, den ärmlichen Hof weiterzuführen. Der Nachbar will den Grund für einen Spottpreis kaufen und setzt die Frauen immer mehr unter Druck. Als mit Elfis Hochzeit endlich wieder ein Mann an den Hof kommt, spitzt sich die Lage weiter zu und Elfi muss einen Weg finden, um sich aus diesem Machtgefüge zu befreien. Es ist der unvergleichliche Sound von Marcus Fischer, der die Abgründe eines Provinzdorfes in seiner beiläufigen Brutalität zutage bringt. Die Erzählstimme ist mal einfühlsam, fast liebevoll, dann wieder spitzzüngig, immer dicht an ihren Figuren: fesselnd und berührend.

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Seitenzahl: 317

Veröffentlichungsjahr: 2022

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leykam:seit 1585

Marcus Fischer

DIE ROTTE

ROMAN

leykam:Belletristik

Die Rotte Ferchkogel am See

Weil man bei einer Frau immer fragt, warum. So hat man sich auch bei der Elfi gefragt. Wenn ein Mann so ist, glaubt man von Haus aus, man weiß eh. Aber bei einer Frau muss es schon was geben, was sie dorthin gebracht hat. Als wenn es beim Mann sowieso da ist, das Ungute. Oder wenn einer eigen ist. Warum es bei der Elfi jetzt so gekommen ist, da hat jeder seine Geschichte im Kopf gehabt, oben in der Rotte Ferchkogel in den Voralpen.

Warum sie nicht mehr runter ist vom Hof. Versiegelt war der, sogar unters Hoftor und hinten in die Löcher beim Stadl hat sie Fetzen gestopft, dass keiner hereinschauen hat können. Manchmal hat man sie von der Straße aus hinterm Vorhang am Fenster sitzen sehen, wenn drinnen Licht war. Meistens wars aber eh finster.

Dass sie schon immer einen Boscher gehabt hat, die Elfi, haben die einen gesagt. Brauchst dir nur den Vater anschauen, schwermütig war der sein Lebtag schon und hat sich am Ende was angetan. Dann gibts andere, die sagen, dass einer zu ihr rein ist. So ungut, wie sie schauen dabei, kann man sich denken, was war. Aber was weiß man? Und dann gibts die, die sagen, es waren die Bauern, die sie dorthin getrieben haben. Weil sie ihr den Grund nehmen haben wollen. Aber ob man sich darum gleich einsperrt?

Wennst heute die Jungen fragst, was mit der Elfi war, scherts keinen mehr. Ist ja schon eine ganz andere Zeit. Und für die Gäste schüttet man gern die Gräben zu. Setzt ein Gastgeberlächeln auf, weil man ja auf Freundlichkeit und Reinlichkeit aus ist. Am Hof, auf der Gasse und im Gesicht. Seit ein paar Jahren kommen sie jetzt schon herauf in die Rotte Ferchkogel am Ferchkogelsee, im Herbst die Wandergäste und die Badegäste im Sommer. Aber angefangen hat alles im Winter. Und eisig war der im Jahr 1972.

Inhalt

KAPITEL 01.

KAPITEL 02.

KAPITEL 03.

KAPITEL 04.

KAPITEL 05.

01.

Vom Hochschwab ist ein trockener, kalter Wind herübergekommen. Die ganze Nacht hat es gestürmt gehabt, Schneewehen bis übers Dach sind an den fünf Höfen gelegen in der Rotte Ferchkogel. Im ersten Licht ist der Schneepflug gefahren, unten vom See herauf, Kehre um Kehre, und die Funken sind geflogen in der Dämmerung, wenn er zu tief rein ist mit dem Pflugstahl in die steinige Straße.

Wach war sie schon lange, die Reisinger Elfi. Hat gehorcht. Wie der Pflug heraufkommt und die Viecher mit den Ketten scheppern drüben im Stall. Wie die Mutter „Öha“ dazwischenruft und ihnen das Heu vorn in die Tröge schmeißt. Dass sie den Vater gestern nicht mehr heimkommen hat hören, ist der Elfi durch den Kopf. Da ist sie auf, hat sich die Weste übergeworfen, ist in die Schlapfen und raus über den kalten Gang zum Zimmer. Manchmal ist er liegen geblieben bis in den Vormittag. Dass er sich so gehen hat lassen, hat die Mutter fuchsig gemacht. Weil sie nicht glauben hat können, was der Doktor gesagt hat drüben in Anger: dass er die Schwere hat. Wie sie leise die Tür aufgemacht hat zum Zimmer, ist die Tuchent glatt auf dem Bett gelegen und das Polster aufrecht gestanden am Kopfende.

Oft ist er schon fortgeblieben. Auch über Nacht. In seinem Bienenhaus habens ihn dann gefunden im Föhrengrund. Gesessen ist er dort und hat sich nicht gerührt. Als wenn er grad aufgewacht wär, so hat er dreingeschaut. Oder in der Saukanzel im Revier. Manchmal ist er von selber heimgekommen, manchmal haben sie ihn suchen müssen. Aber bei so einem Wetter ist er noch nie raus.

Bis unter die Fenster ist im Hof der Schnee gelegen. Da hat sich die Elfi einen Weg geschaufelt zur Hoftür hin. Windig wars noch immer und leicht wie Stroh ist ihr der Schnee von der Schaufel geflogen. Ist raus bei der Tür und hat nach ihm geschaut. Grau ist der Firnbichlerhof unten an der Straße gelegen, nur im Stall war schon Licht. Rufen hat sie nicht wollen, ist ja gleich geredet worden. Ist am Haus vorbei bergseitig zum Obstgarten hin, ob sie Stiefelspuren findet. Da hat sie den Baum gesehen: Als wenn ihn wer mit der Axt auseinandergehauen hätt, so ist der Stamm von der alten Kirsche im Schnee gelegen. Aber keine Spur vom Vater. Einmal ist sie um den ganzen Hof und der Schnee ist ihr rein bei den Gummistiefeln. Wie sie zurück ist ins Haus, ist die Mutter in der Küche gestanden.

- Fort ist er wieder, hat sie gesagt. Und dass sie sich keine Sorgen mehr um ihn macht.

- Bei so einem Wetter ist er noch nie fort.

- Wird schon wiederkommen.

- Und wenn was passiert ist? Dass er immer noch wiedergekommen ist, hat die Mutter gesagt, und dass die Elfi jetzt den Stall machen soll.

Um zwölf sind sie beim Essen gesessen. Die Elfi am Sessel, die Mutter auf der Bank. Zwischen ihnen der Platz am Kopfende vom Tisch war leer. Ein Tischtuch haben sie aufgedeckt gehabt, weil Stefanitag war.

- Was willst machen, wenn er nicht kommt, hat die Mutter gesagt, die Hände gefaltet und angefangen zu beten. Kein Wort haben sie beim Essen geredet. Erst wie die Teller mit der Suppe leer waren, hat die Mutter angefangen. Dass sie mit ihm ihr Unglück geheiratet hat und dass er ihr nur Sorgen gebracht hat. Die Elfi ist aufgestanden und zum Herd, hat das Krenfleisch aufgetragen und den Sterz, damit Ruhe ist. Und so wars auch. Nur die Uhr hat man ticken hören draußen im Vorhaus.

Vom ersten Bissen an hat die Elfi das Metallische auf der Zunge gehabt. Hat gewusst, dass das Fleisch gut ist, nur der Mund halt nicht, darum hat sies nicht runtergebracht. Hat gekaut, bis es ein Klumpen war, den hat sie in die Hand fallen lassen. Gleich hat die Mutter rübergegriffen und ihr das Stück Fleisch vom Teller genommen.

- Kann ichs gleich den Sauen geben.

Der Elfi wars recht. Ein bissl was vom Sterz hat sie gegessen. Dass ihr nicht gut ist, hat sie gesagt. Wie die Mutter fertig war, hat die Elfi abgetragen und ist gleich rauf zur alten Schneebergerin. Den Hof in der Kehre oberhalb hat sie gehabt. Dass über die Feiertage ihr Sohn, der Walter, zu Besuch war, hat die Elfi gewusst. Ein Jäger war er, wie der Vater, und wie sie ihm erzählt hat, dass sie ihn suchen, ist er gleich auf, hat sich eingepackt und ist raus.

Oben in den Wolken hats noch immer gestürmt, aber herunten wars still und ab und zu ist die Sonne rausgekommen, wie der Walter von der Straße rüber ist in den Wald. Bis über die Knie ist er eingesunken im Schnee. Wenn er Fährten gesehen hat, dann nur frische, die anderen waren verweht. Dass der Vater bei dem Sturm in der Kanzel übernachtet, hat er sich nicht vorstellen können. Aber eigen war er, der Reisinger Hannes. Manchmal hat man ihn anreden können und er hat einen angeschaut von so weit her, als wenn er einen gar nicht kennt. Dass ihn nichts freut, hat er gesagt. Da hat ihm der Walter oft zugeredet, dass ihn das nicht wundert, wenn man da heroben schwermütig wird in der Rotte.

Die kleine Lichtung hat er erreicht gehabt, oben beim Bach, wo die Saufütterung gestanden ist. Den Futtertrog hat der Sturm umgeweht gehabt und überall sind die Kukuruzkörndl gelegen. Dass die Sauen eine Freud haben werden, hat er sich gedacht und ist weitergestapft zur Kanzel. Ein Holzbalken ist heruntergehangen von oben. Gleich hat er geschaut, ob er vielleicht runtergestürzt ist, aber glatt ist der Schnee um den Hochstand gelegen.

Immer wieder hat er ihn gerufen und gehorcht. Ein paar Krähen sind aufgeflogen und haben geschrien. Dann ist er über die Leiter zur Kanzel rauf. Die Polster sind drinnen durcheinandergelegen, von Mäusen zerfressen, dass überall der Schaumgummi rausgekommen ist. Draußen ist es schon dämmrig geworden, wie er über die Lichtung geschaut hat. Am unteren Ende hats eine Fichte umgerissen gehabt, quer über dem Schwarzbach ist sie gelegen, Treibholz und Reisig haben sich da schon verfangen gehabt und den Bach aufgestaut, so ist er hin.

Tief und ruhig war das Wasser an der Stelle. Von der Böschung oben ist die Fichte heruntergehangen, die Äste wie Gräten im Bach. Da hat er ihn liegen sehen. Die Strömung ist ihm übers Gesicht gelaufen und hat ihm die Haare zum See hin gekämmt und den Anorak aufgebläht und wieder zusammenfallen lassen. Weiß war die Haut, nur einen schwarzen Strich hat man gesehen auf den Augen und den Lippen. Vielleicht hat er darum auch so hinschauen können. Weil er was Friedliches gehabt hat, der Hannes, dort unten am Grund.

Rasch ist er zurück in die Rotte. Am Reisingerhof hat ihm die Mutter aufgemacht, hat ihn angeschaut und schon gewusst, was war.

- Lisbeth, hat er angefangen, aber sie hat sich gleich umgedreht und ist in die Küche. Und wie sie herinnengesessen sind, hat sie den Kopf geschüttelt, als würd sie gleich losschimpfen mit ihrem Mann, was ihm einfällt. Dass er schon die Gendarmerie gerufen hat, hat der Walter gesagt. Die Lisbeth hat genickt, ist auf und hat den Schnaps geholt. Zwischen ihnen ist die Flasche gestanden und zwei Stamperl daneben.

Wie sie fertig war hinten im Stall mit dem Ausmisten, die Viecher gemolken waren und ihr Futter gehabt haben, ist die Elfi rauf ins Vorhaus, hat sich die Gummistiefel ausgezogen und die Fetzen von den Füßen gewickelt. Da hat sie schon die Stimmen gehört in der Küche. Und wie sie den Walter sitzen hat sehen mit der Mutter und die zwei Stamperln zwischen ihnen, sind die Sekunden schon langsamer geworden. Und schärfer als sonst hat sie alles gesehen. Dass der Walter im Anorak herinnengesessen und die Haube vor ihm auf dem Tisch gelegen ist. Dass die Mutter kerzengerade dagesessen ist, mit kleinen Augen und einem Mund, als wollt sie losschreien.

- Der Vater ist tot, hat sie gesagt und die Augen hat sie nicht gehoben dabei.

Der Walter hat die Elfi angeschaut, wie sie hergekommen ist zum Tisch. Als wenn er sie halten hat wollen mit dem Blick.

- Im Bach hat er ihn gefunden, hat die Mutter gesagt und den Kopf geschüttelt.

Ans Ende von der Bank hat sich die Elfi gesetzt. Da war es schon am Rutschen in ihr. Wie ein Hang, der sich löst, herunterstürzt und in sich zusammenfällt. Unten liegt man, ein Haufen Erdreich, und nichts rührt sich mehr.

Der Vater.

Dass es ihm leidtut, hat der Walter gesagt, aber da war ein Rieseln und Klingeln in ihren Ohren, dass sie ihn gar nicht gehört hat. Im Kopf ist sie herumgerannt. Hat ihn liegen sehen im Bett, als wenn er heimgekommen wär. Und dann im Bach unten. Gleich ist sie weg. Am Vortag hat sie ihn das letzte Mal gesehen gehabt, wie sie rein ist in die Werkstatt, ihn zum Essen holen. Am Reparieren war er und hat die Schweißbrille heruntergenommen. Dass er nichts mag und später kommt, hat er gesagt. Und dann hat er sie angeschaut, länger als sonst. Aber vielleicht hat sie sich das auch nur gedacht, jetzt, wo alles langsamer geworden ist.

Dass ihn der Baum vielleicht erschlagen hat, beim Sturm in der Nacht, hat der Walter gesagt. Da hats geklopft an der Tür und die Schneebergerin ist herinnengestanden in der Küche und hinter ihr zwei Gendarmen. Die hat man heroben noch nie gesehen gehabt. Salutiert haben sie, ein bissl schlampert, mit den Schirmkapperln auf dem Kopf in ihren grauen Uniformen, und haben gefragt, wer den Reisinger Hannes gefunden hat. Ganz amtlich haben sie daraufhin den Walter aufgefordert, sie zum Toten zu führen.

Gleich hat er die Haube genommen und zu dritt sind sie raus in die Kälte und die Dunkelheit und die Gendarmen haben ihre Lampen aufgedreht. Die Elfi hat ihnen nachgeschaut, eine ganze Zeit hat man die Lichtkegel noch über die Hänge wedeln sehen, bis sie verschwunden sind hinter der Kehre.

Durch den Wald sind sie gestapft und die Gendarmen haben geflucht, weil ihnen oben der Schnee rein ist bei den Schuhen. Wie sie dann zum Schwarzbach gekommen sind, hat der Walter die Haube abgenommen wie in der Kirche. Und dann sind die Lampen auf die Suche gegangen, haben den Stamm von der Fichte abgeleuchtet in dem dunklen Wasser. Der Walter hat sich hingehockelt am Ufer, dass er besser unter den Baum schauen kann. Ob sie an der richtigen Stelle sind, hat der eine Gendarm ihn gefragt.

- Sicher, hat der Walter gesagt, aber sicher war er sich da schon lang nicht mehr, weil er im Lichtkegel Steine gesehen hat und Äste, die sich in der Strömung bewegen. Aber der Hannes war fort.

Dass es ihn fortgetragen haben muss, in den See raus, haben die Gendarmen gesagt, wie sie wieder herinnen waren in der Küche. Auf die Frage, ob er eine Waffe gehabt hat, ist die Lisbeth mit ihnen ins Zimmer, hat den Schlüssel vom Waffenschrank unter dem ausgestopften Murmeltier herausgeholt und aufgesperrt. Ein Schrotgewehr ist dringestanden im Kasten und eine Flinte. Unten in der Lade, mit grünem Filz war die ausgelegt, ist der Gürtel mit den Schrotpatronen für die Treibjagd gelegen. Mittendrin war der Platz, wo die Pistole hingehört hat. Und der war leer.

- Habs gewusst, hat die Mutter gesagt.

Ob sie oder die Tochter einen Waffenschein hat, hat der eine Gendarm gefragt. Da hat ihn die Lisbeth angeschaut, als wenn er nicht richtig wär im Kopf. Dass sie die Waffen abgeben muss, hat er daraufhin gesagt, wenn der Mann wirklich tot ist.

- Was soll er sonst sein, hat die Lisbeth gesagt und aus dem Kopfschütteln ist sie gar nicht mehr rausgekommen. Über den Hannes. Und das Unglück. Und das, was jetzt werden soll mit dem Hof.

12. FEBER 1975

Wacht auf mit offenen Augen. Als wenn sie schon lang munter wär, die Elfi. Aber hinter den Augen, da hat sie geschlafen. Liegt oft nur im Halbschlaf im Zimmer in der Nacht. Bis es sie reißt, weil sie im Traum wo runtergefallen ist oder ihr einer nach ist. Atmet schwer, als wenn ihr was auf der Brust hockt. Holt Luft. Atmet aus. Sieht den Hauch im Zimmer. Macht die Augen zu und denkt zurück. An den Tag, der stecken geblieben ist in ihr. Stecken geblieben ist der in ihr und nichts kommt mehr nach seitdem.

- Darfst nicht hindenken, sagt sie sich. Horcht, ob sich was tut. Vorn auf der Straße. Im Stall. Aber nur der Wind weht ums Haus, schlägt die Äste von den Obstbäumen gegen die Regenrinne. Seit zwei Tagen geht der Föhn und der Schnee rutscht vom Dach, in einem fort ist das Schmelzwasser geronnen und noch immer rieselt und tropft es im Hof. Im Vorhaus hört sie die Uhr.

- Vier wirds sein. Eins nach dem anderen kommt hereinmarschiert, was sie tun muss, was sie längst schon hätt tun müssen, und alles sauft sich an im Schädel mit einer Schwere und drückt ihr gegen die Stirn.

- Darfst nicht liegen bleiben.

Setzt sich auf. Wartet, bis das Blut nachgekommen ist, und steht auf. Licht macht sie keins. Soll keiner hereinschauen. Weiß eh, wo alles steht. Geht am Ehebett vorbei, wie zwei Sautröge steht das Trumm im Schlafzimmer. Wie ihr Franz tot war, haben sie es rausgetragen und eine Holztür hereingebracht, auf den alten Tisch haben sie die gelegt, ein Leintuch drüber, dort haben sie ihn aufgebahrt. Mit einem Polster unterm Kopf und dem Hochzeitsanzug an. Die ganze Nacht hat sie Leichenwache gehalten, bis in die Früh ist sie gesessen. Hat mit ihm reden wollen. Aber nichts ist gekommen. Auch die Urli war still. Und der Vater. Als wenn alle weg wären von ihr. „Sprich nur ein Wort, so wird meine Seele.“ Aber still wars, die ganze Nacht. Und seither.

Legt sich die Wollwesten übers Nachthemd und geht in die Küche. Sauer riecht es herinnen. Setzt sich auf die Bank am Tisch. Kalt ist es.

Ein Rauschen hat sie in den Augen. Wartet, bis sie sich gewöhnt haben. Aber ganz gewöhnen sie sich nie. Streuen Helles herein, kleine Lichtflankerl. Legt die Hände in den Schoß, streckt die Finger aus, gleich ziehen sie sich wieder zusammen.

- Musst was tun.

Wie eine schwarze Tuchent liegt die Dunkelheit auf dem Herd, der Kredenz, der Abwasch. Mit der Zeit kommen graue Schatten heraus. Die Töpfe, die Reindln, das Geschirr, alles steht heraußen.

Dass sie sich zammreißen muss, sagt sie sich. Dass sie zammräumen muss. Überall, im Haus, draußen im Hof, bei den Viechern im Stall, bei den Sauen, im Stadl hinten. Und gleich fällt sie zusammen in ihr, die Kraft. Als wenn sie ein Loch hätt irgendwo und die Luft ihr ausgeht. Ein Loch, groß wie sie selber.

Steht auf, geht ins Vorhaus, schaut auf die Uhr. Halb vier ist es. Zieht an der Kette mit den Tannenzapfen bis zum Anschlag. Geht ins Zimmer, nach dem Buben schauen. Setzt sich wieder zum Tisch in der Küche. Einen Tee sollt sie sich machen.

Legt Kienholz auf die Glut, gleich schießt es im Herd. Davor stehen die Schuhe mit dem Zeitungspapier drin. Holt die feuchten Fetzen heraus, streicht sie aus und legt sie aufs Anheizpapier. Fährt mit der Hand rein, nass sind die Schuhe noch von gestern. Sieht, wie sie gestanden ist auf dem See, in der Nacht, vorn an der Stelle, wo der Schwarzbach hereinfließt von oben. Wie das Wasser gestiegen ist auf dem Eis und hereingekommen ist bei den Schuhen. Als wenn ihr wer die Knochen quetscht, so hat das Eiswasser geschmerzt. Dann ist sie heim.

Dass sie die Schuhe einfetten wird, wenn sie trocken sind, denkt sie. Und schüttelt den Kopf. Von draußen drückt der Sturm gegen das Fenster, dass es heult in den Flügeln. Mit einer Kraft legt er sich dagegen, als wollt er herein. Sie schaut zum Vorhang, wie er hin- und hergeht unten am Saum.

- Soll er kommen. Zieht den Vorhang auf die Seite und macht das Fenster auf.

Am ersten Samstag nach dem Stefanitag sind sie unten gesessen am Firnbichlerhof. Auf eine Jause hat die Firnbichler Martha die Rotte eingeladen gehabt. Weil sies grad so schwer haben, die Lisbeth und die Elfi, wegen dem Vater. Alle haben sich hergerichtet gehabt, die Männer in frischen Hemden und einem Rock drüber und die Frauen wie für die Kirche. So sind sie gesessen in der Küche: Der Firnbichler und seine Martha, der Gernot, der Tierarzt in der Rotte, die alte Schneebergerin und die Lisbeth mit der Elfi.

Still wars erst eine Zeit am Tisch. Da ist die Firnbichler Martha auf und hat die Biskuitroulade gebracht, und wie dann alle das Süße im Mund gehabt haben und den Kaffee, haben sie angefangen.

Wie das passieren hat können, dass er ihnen fortgetrieben ist, hat der Firnbichler wissen wollen. Wieso man einen liegen lasst im Wasser, hat er gefragt.

- Sei froh, dass der Walter ihn gefunden hat, sonst wüsst ma heut noch nicht, was mit ihm ist, hat die alte Schneebergerin gesagt, langsam hat sie gesprochen und mit ihren schweren Augen hat sie ihn angeschaut. Sogar herinnen hat sie ihr Kopftuch aufgehabt.

- Außerdem darfst ihn nicht anrühren, wennst einen Toten findest, hat der Gernot gesagt.

- Wie den Vater der Schlag getroffen hat, haben wir ihn hereingeholt von der Straße. Da kann mir kein Gendarm was anschaffen, die Martha drauf, und der Firnbichler hat genickt dazu. Neben der Schneebergerin ist die Elfi auf der Bank gesessen und hat sich angelehnt bei ihr.

- Mit einem gscheiten Steckn hätt er ihn schon rausgekriegt, hat der Firnbichler gesagt, aber dann ist das Bild im Zimmer gestanden vom Hannes auf dem Steckn wie ein ersoffenes Wild.

- Was gschehn is, is gschehn, hat die Schneebergerin gesagt.

- Und was hätts genutzt? Der Hannes ist tot, ob er jetzt im Bach liegt oder im See, hat der Gernot gesagt, da ist der Firnbichler aufgestanden und rüber in die Speis.

- Wissts schon was?, hat die Martha die Lisbeth gefragt. Alle haben sie jetzt zu ihr geschaut. An der Tischecke ist sie gesessen und ihre Biskuitroulade hat sie noch nicht angerührt gehabt. Und wie sie nichts gesagt hat, sind die Augen zur Elfi. Heiß ist ihr geworden, wie alle hergeschaut haben zu ihr.

- Bist sehr am Vater gehangen, gell, hat die Martha zu ihr gesagt, als wenn sie mit einem Kind reden würd. Da hat die Elfi genickt, aber angeschaut hat sie sie nicht.

- Daschossen hat er sich, hat die Lisbeth gesagt. Am Schwarzbach unten, dann hats ihn in den See rausgetragen unters Eis, sagen die Gendarmen.

Der Firnbichler hat den roten Doppler in die Mitte gestellt, gleich hat er die Runde gemacht und jeder hat sich eingeschenkt.

- Aufn Hannes!, hat er gesagt und alle haben sie die Gläser gehoben, aber angestoßen haben sie nicht. Und dann wars still am Tisch, die einen haben in ihren Wein geschaut, die anderen auf das gestickte Tischtuch mit der Plastikdecke drüber. Bis der Gernot angefangen hat.

- Nie hast mit ihm gestritten, hat er gesagt mit einer Stimme, ein bissl wie der Pfarrer drüben in Anger. Und wenns was gegeben hat, hat man sichs ausgeredet.

Da hat die Lisbeth den Mund verzogen. Dass er viel zu gutmütig war, hat sie gedacht, und viel zu oft nachgegeben hat. Fest angeschaut hat sie ihn, wie er dasitzt und schön daherredet über den Hannes. Grad der Gernot.

- Ein feiner Mensch war er, dein Vater, hat er zur Elfi gesagt. Glaub mir, ich hab Sachen gesehen. Wirst ja auch als Tierarzt gerufen, wenn was passiert und der Doktor nicht da ist. Stell dir vor, du hättst ihn am Hof wo gefunden. Der hat schon gewusst, was er tut. Dass er euch das erspart.

Da hat die Elfi ihn gesehen, wie er draußen liegt im See, unterm Eis. Hat den Kopf geschüttelt und die Tränen sind ihr in den Augen gestanden. Gleich hat der Gernot seine Hand auf ihre gelegt und ihr sein Sacktuch hingeschoben.

- Normal liegts nicht in unserer Hand, aber muss jeder mit sich ausmachen, hat die Martha gesagt, dann ist sie mit dem Mund runter zur Gabel mit dem Biskuit drauf und hat weitergegessen.

- Was soll er mit sich ausmachen, wenn er tot ist?, hat die Lisbeth gesagt und ist aufgestanden, hat den Doppler beim Hals genommen und zur Martha rübergeschaut. Die hat sich aufgerichtet, als wenn sie ausweichen hätt müssen.

- Was machts jetzt mit dem Hof?, hat der Firnbichler die Lisbeth gefragt.

- Hab bis jetzt auch alles ich gemacht, mit der Elfi.

- Und wer macht euch die Felder?

Da sind der Lisbeth die Augen klein geworden und das Blut ist ihr in die Wangen.

- Da bleibt alles, wie es ist, und nix wird verkauft.

- Redt ja keiner vom Verkaufen. Könnts ja auch verpachten, hat der Firnbichler gesagt.

- Es bleibt, wies ist.

- Gut ist der Biskuit, hat die Schneebergerin gesagt und alle haben sie genickt der Reihe nach, nur die Lisbeth nicht.

- Er hat ja nur helfen wollen, hat die Martha gesagt, und wieder hat die Lisbeth die Mundwinkel verzogen, sind eh schon ordentlich nach unten gehangen, von Haus aus.

Eine ganze Zeit wars draufhin wieder still. Bis der Gernot von der Seuche angefangen hat, überall ist jetzt von der geredet worden, im Fernseher, im Radio, im Wirtshaus. Dass man achtgeben muss, hat er gesagt, weils im Mariazellerland drüben schon Fälle gegeben hat und sie ein paar Hundert Viecher keulen haben müssen. Dass er keinen Schmarrn daherreden soll, der Firnbichler drauf, weil das alles Zuchtbetriebe waren, und dass die Seuche nie und nimmer heraufkommt zu ihnen. So haben sie weitergeredet und hin und her ist es gegangen. Bis die Schneebergerin aufgestanden ist. Dass sie müd ist, hat sie gesagt, sich bedankt und allen der Reihe nach die Hand gegeben. Gleich ist die Lisbeth auch auf, hat gesagt, dass sie den Stall machen müssen, und die Elfi ist ihr nach.

Am Tag drauf hats geklopft in der Früh an der Tür vom Vorhaus, dass die Scheibe gescheppert hat. Die Elfi ist raus zum Aufsperren, ist die Martha dagestanden mit einer Güte in den Augen.

- Wir fahren in die Kirche, wollts mit? Da hat die Elfi geschaut. Im Sommer sind die Mutter und sie immer zu Fuß rüber nach Anger in die Kirche. Eine halbe Stunde ist man gegangen, den Weg durch den Föhrengrund runter zum Bach und dann den Buchenwald rauf. Aber im Winter sind sie daheimgeblieben. Oft hat sie sich gedacht, dass der Firnbichler ja was sagen könnt. Oder die Martha. Weil sie ein Auto gehabt haben. Und jetzt ist sie dagestanden.

- Sicher, hat die Elfi gesagt, ist rein in die Küche zur Mutter und die Martha ihr gleich nach, hereinstolziert ist sie.

- Geh bitte, hat sie zur Lisbeth gesagt, wie die sich bedanken hat wollen, wir fahren ja so und so. Und so sind sie im roten Kadett vom Firnbichler Erwin nach Anger.

Hinten am Eingang in dem niedrigen Vorraum von der Kirche sind die Männer gestanden, die Alten in ihren Mänteln mit dem Hut in der Hand und die Jungen mit dem frischen Hemd unter der Jacke, viel zu dünn waren die angezogen, dass man gleich gewusst hat, noch vor der Predigt sitzen die schon drüben beim Brückenwirt. Auch der Firnbichler ist hinten geblieben.

Die Martha aber ist vor zu ihrem Platz und die Lisbeth mit der Elfi ihr hinten nach. Eng sind die Leute gestanden im Gang, fast bis zur Kanzel, weils ja der erste Sonntag im neuen Jahr war. Ungern haben sie einen durchgehen lassen, manche sind zu Fleiß stehen geblieben, weil die Messe ja gleich angefangen hat, und wer so spät kommt, dem wirds schwer gemacht. Aber immer forscher hat die Martha „Tschuldigts, tschuldigts“ gesagt, da haben sich die Köpfe umgedreht und wie sie gesehen haben, wer gekommen ist, sind sie auf die Seite, dass die drei durchgehen haben können wie durch ein Spalier, und die Augen sind ihnen nach, der Lisbeth und der Elfi. Grad waren sie auf ihrem Platz, da hat die Orgel mit einer Wucht angefangen zu spielen, und der Pfarrer mit den Ministranten ist heraus aus der Sakristei und hin zum Altar.

Der Elfi war wohl in der Kirche. Kalt war die Luft und schwer, der Weihrauch ist ihr in die Nase gestiegen und hat sie ausgefüllt mit jedem Atemzug, so hat sie die Augen zugemacht. Ob sie mehr nach dem Vater hätt schauen müssen, hat sie gedacht. Weil die Mutter es schon lang nicht mehr gemacht hat. Und wie der Pfarrer von der Erlösung durch den Herrn Jesus geredet hat, hat sie ihn drüben stehen sehen. Hat dran denken müssen, wie er ihr gesagt hat, dass es für alle einen Platz gibt im Himmel. Auch für die ärgsten Sünder. Dann werden auch die Selbstmörder ihren Platz haben, hat sie gedacht und für ihn mitgesprochen. „Ich habe gesündigt, in Gedanken, Worten und Werken …“ Die Martha neben ihr war immer ein Wort schneller, dass es sie manchmal herausgebracht hat, „… durch meine Schuld, durch meine Schuld, durch meine große Schuld.“ Und laut hat sie mitgesprochen, als wenn sie der ganzen Gemeinde vorbeten würd. „Darum bitte ich die selige Jungfrau Maria und alle Engel und Heiligen …“ Ob sie will, dass der Herr Pfarrer sie heraushört, hat die Elfi gedacht, „…für mich zu beten bei Gott, unserem Herrn.“

Beim ersten Gesang hat sie die Augen wieder aufgemacht. Hat die Gesichter gesehen. Die Trafikantin aus Anger, hergeschaut hat die, dass ihr anders geworden ist. Gleich ist sie ins Gotteslob rein. Hat sich beim Singen jedes Wort einzeln angeschaut, als wenn sie sich reinbohren könnt in das Papier und drin verschwinden.

Nach dem Glaubensbekenntnis sind die Fürbitten gekommen. Die ersten hat immer der Messdiener vorgelesen. Und dann, das hats noch nicht lang gegeben, hat sich auch aus der Gemeinde wer melden können. Steht auf einmal die Martha neben ihr auf.

- Herr, wir bitten dich, vergib denen, die in Sünde von uns geschieden sind, und nimm auch sie auf in deine Güte.

Laut und inbrünstig hat mans in der alten Wehrkirche hören können:

- Wir bitten dich, erhöre uns!

Die Augen hat sie nicht gehoben, die Elfi, wie sie nachher zur Kommunion gegangen ist. Nicht zu den anderen und auch nicht zum Pfarrer, wie er ihr die Hostie auf die Zunge gelegt hat. Hat genickt, sich umgedreht und ist zurück zur Bank, hat den Kopf über die gefalteten Hände gebeugt und den pickerten Teig am Gaumen gespürt.

- So schön hat er heut geredet, der Herr Pfarrer, hat die Martha gesagt, wie sie wieder im Auto gesessen sind, hinten die Lisbeth und die Elfi. Die gestreute Straße sind sie raufgefahren rüber in die Rotte.

- Die Fürbitte hättst dir sparen können, Martha, hat die Lisbeth gesagt. Da ist der Erwin langsamer geworden am Steuer und die Martha hat sie angeschaut durch den Spiegel überm Beifahrersitz.

- Wenn sich der Hannes versündigt hat, muss man für ihn beten, Lisbeth. Da wär die Elfi am liebsten auf der Stelle raus aus dem Auto.

- Beten kannst für ihn, so vielst willst, Martha. Aber brauchst dich nicht wichtigmachen in der Kirche, hat die Lisbeth gesagt.

Und dann hat man nur das Knistern vom Basalt unten am Auto gehört. Bis sich die Martha umgedreht hat und ihr wieder die Güte in den Augen gestanden ist.

- Weiß eh, dassd es schwer hast, Lisbeth. Ich hab ihm nur was Gutes tun wollen, dem Hannes, hat sie gesagt und gelächelt, dass die Lisbeth den Kopf weggedreht und aus dem Fenster geschaut hat, bis sie daheim waren.

Still wars an dem Wintertag, nur die Ketten an den Hälsen von den Viechern haben geklirrt, wie die Elfi vorn zwischen den Kuhschädeln gestanden ist im Stall. Hat das Malmen in den Mäulern gehört, wie sie das Heu in die Tröge geschmissen hat. Als wenn die Schädel hohl wären, so laut war das Kauen. Da ist ihr Blick an dem Fenster oben in der Mauer hängen geblieben. Im Eck hat der Schnee eine Lücke gelassen, wo Licht hereingekommen ist in den dunklen Stall. Oft ist ihr das jetzt passiert in den Wochen. Dass sie ins Leere geschaut hat. Weil sies nicht glauben hat können. Dass sich der Schneeberger Walter vielleicht geirrt hat, hat sie gedacht. Dass er gar nicht genau sehen hat können, wer da unten gelegen ist im Wasser. Ob der Vater vielleicht einfach weg ist in der Nacht. Und irgendwann im Vorhaus steht und sagt, jetzt gehts mir wieder gut.

- Tu weiter, sonst kann ichs gleich allein machen, ist die Mutter sie angefahren, hat die nächste Gabel Futter in die Tröge geschmissen und war schon wieder auf dem Weg zum Silo. Wie die Elfi dann zu ihr nach hinten in den Stadl ist, hat sie sie am Arm gepackt.

- Fangst mir nicht wieder zum Spinnen an! Die Elfi ist einen Schritt zurück, hat sich aus ihrem Griff gedreht und sie angestarrt.

- Wennst mir wieder spinnert wirst, Elfi, ich sags dir, da ist die Hand von der Mutter schon in der Luft gestanden.

Wie die Reisinger Großmutter gestorben ist, die Urli, hat die Elfi so eine Zeit gehabt. In einem Zimmer mit ihr hat sie geschlafen. Die Urli im Bett und sie auf dem Diwan. In der Früh ist sie rüber zu ihr und hat ihr zugehört, wie sie erzählt hat aus dem Leben. Und von drüben. Wo der Opa wartet. Manchmal ist ihr die Urli dann unterm Nachthemd über den Rücken gefahren mit der Hand und hat gesucht. Um die Schulterblätter herum, bis sies gefunden hat. Dort, wo man selber nicht hinkommt. Eine kleine Mulde im Schulterblatt.

- Bei den Kindern spürt mans noch, hat sie gesagt und ganz leicht mit dem Finger gedrückt, bis die Elfi sie auch gespürt hat. Die Stelle, wo früher, bevor sie auf die Welt gekommen ist und noch ein Engerl war, die Flügel angewachsen waren.

Wie die Urli gestorben ist, am Nachmittag hat sie sich hingelegt gehabt und ist nicht mehr aufgewacht, haben sie sie in ihrem Zimmer aufgebahrt und bis auf den Kopf ist alles unter dem weißen Tuch gelegen. Zwei Tage ist die Elfi bei ihr gesessen. Eingeschlafen ist sie neben ihr im Sitzen, aber keiner hat sie fortgebracht von dort. Und nach dem Begräbnis hat sie sich ins Bett von der Urli gelegt und hat nicht mehr aufstehen wollen. Erst hat die Mutter ihr gedroht und wie das nichts genützt hat, hat sie sie an den Armen herausgezerrt aus dem Bett. Am Boden ist sie gelegen im Zimmer. Aber wie willst einen zwingen, dass er auf den Beinen steht? Angeschrien hat sie sie und geschlagen, nichts hats genützt. Irgendwann hat die Mutter dann aufgegeben.

Untertags hat die Elfi geschlafen und in der Nacht war sie wach. Hat mit der Urli geredet, sie gefragt, wies drüben ist. Hat gehorcht. Und gelacht, in die Stille hinein. Einmal hat die Mutter gelauscht. Ob sie zu ihr nach drüben kommen kann, hat die Elfi die Urli gefragt, in einem Bettelton. Da ist die Mutter rein ins Zimmer. Aufrecht ist die Elfi im Bett gesessen in ihrem Nachthemd mit offenen Augen, als wenn sie ganz woanders wär. Einen Schreck hat die Mutter gekriegt, dass ihr der Zorn vergangen ist wegen der Spinnerei. Dass sie sich niederlegen soll, hat sie gesagt, aber keinen Millimeter hat sich die Elfi gerührt. Wie die Mutter dann raus ist bei der Tür und noch einmal gehorcht hat, ist es wieder losgegangen mit dem Reden.

Seit dem Tag hat die Elfi aber bei der Mutter im Bett schlafen müssen und der Vater hat sich rüber ins Zimmer von der Urli gelegt. Und wenn sie sich aufgesetzt hat und wieder mit dem Reden angefangen hat, hat die Mutter sie gepackt, an den Schultern gebeutelt und fest in die Matratze gedrückt. Dass sie endlich aufhören soll mit der Spinnerei. Seither hat sie nur noch im Stillen geredet mit der Urli.

- Weißt genau, von was ich red, hat die Mutter gesagt und die Hand ist noch immer in der Luft gewesen. In ihren Augen ist das „Wehe!“ gestanden. Wenn das explodiert ist, sind die Schläge gekommen. Ein Zittern ist der Elfi in den Knochen gesessen. Hat den Kopf eingezogen und ist an der Mutter vorbei.

- Ich schwörs dir, du fangst eine, wennst mir wieder zum Spinnen anfangst, hat sie ihr gedroht.

Mit einer Wucht hat die Elfi die Gabel ins Heu gestochen und ein Büschel herausgeholt, hat sich umgedreht und ist auf die Mutter zu: die Gabel auf der Schulter, mit dem Stiel voran und einer Kraft im Schritt, dass die Mutter ganz schnell auf die Seite gehen hat müssen.

- Ich sags dir!, hat sie ihr nachgerufen, da war die Elfi schon drinnen im Stall mit dem Heu bei den Viechern.

Ende Februar ist der Föhn gekommen. Zwölf Grad hats gehabt zu Mittag, und jetzt schon den dritten Tag hintereinander. Ein Samstag wars, da hats die Elfi nicht mehr ausgehalten und ist runter zum See.

Warm und pickig war die Luft und die Sonne ist hinter den Schmierwolken gestanden. Angeschwollen war der Schwarzbach vom Schmelzwasser und mit so einer Kraft ist er heruntergekommen vom Berg, dass er eine Schneise in den gefrorenen See gefressen hat. Schwarzwasser haben sies genannt. Links und rechts haben sie lange Bretter und Pfosten ausgelegt gehabt, dass keiner reinstürzt. Weils vor Jahren einmal einen Wintergast erwischt hat. Dort ist sie jetzt raus auf den See. Im Schatten ist noch ein Firnpelz gelegen, der hat geknirscht, wie sie die ersten Schritte über die Eisdecke gemacht hat. Hat gehorcht, obs wo kracht. Wurlig sind die Wellen im Schwarzwasser hinausgelaufen, wie sie näher hin ist zum Wasser.

Hat an den Gernot gedacht. Wie er bei ihr heroben war. Nach der Feuerwehrübung. Einen Fetzn hat er gehabt. Und ein batzweiches Herz, dass es ihm schon bei den Augen herausgekommen ist. In der braunen Uniform ist er dagesessen in der Küche, die Mutter war bei der Schneebergerin. Dass es ihm so nahgeht. Mit ihr, der Elfi. Da hat sie schon geglaubt, sie hört nicht recht. Zwanzig Jahre älter ist er als sie und verheiratet mit der Eva. Und dann hat er gleich „wegen dem Vater“ gesagt, und sie hat genickt. Dass er ihr was sagen muss, aber nicht weiß, wie. Einen Schluck vom Most hat er genommen, den sie ihm hingestellt gehabt hat. Dann ist er sich mit der Hand über den Mund gefahren.

- Wir haben ein bissl gefeiert drüben in Anger, musst entschuldigen. Glasig hat er sie angeschaut dabei. Ich sags grad heraus, hat er gesagt und die Lippen vorgestülpt, als wenn sich die Wörter schon sammeln im Mund.

Dass sie ihn gefunden haben, den Vater, hat sie gedacht. Und mit einem Schlag ist ihr heiß geworden im Gesicht.

- Siehst, drum tu ich mir so schwer, hat er gesagt, als wenn er reinschauen könnt in sie. Dann hat er seine Hand auf ihre gelegt und Luft geholt.

- Wenn einer einmal unten ist im See, kommt er nicht mehr herauf. Da hats zwei, drei Grad. Wie im Kühlhaus liegt er dort. Und was meinst, wie viele unten liegen.

Warum sie dann den Sohn vom Schmied gefunden haben, hat sie gedacht, wie sie jetzt weitergegangen ist übers Eis neben dem Schwarzwasser. Der ist auch wieder heraufgekommen von unten. Die Urli hat ihr von dem erzählt gehabt. Dass ihn der Schlag getroffen hat, wie er reingesprungen ist zeitig im Frühjahr. Zwei Tage später haben sie ihn herausgeholt. Am Ufer in den Pflanzen ist er gelegen, mit dem nackerten Buckel nach oben.

Langsam ist sie weiter. Hat gehorcht. Und geschaut, ob sich was tut im Eis. Da hat sie was liegen sehen. Ist über einen Pfosten gestiegen und näher hin. Ein Stofffleck im Wasser, als wenn er auf der Stelle flattern würd. Dass es ein Fetzen vom Anorak ist, denkt sie und sieht den Rücken schon liegen im Eis. Aber hell ist der Stoff, da erkennt sie die gelbe Haube vom Vater.

Geht auf die Knie und kriecht vor. Knirschen tuts unter ihr, die Kälte spürt sie auf den Kniescheiben. Auf einmal kracht es und ein Sprung schießt durch die Eisdecke mit einem Pfiff. Rührt sich nicht. Schaut, ob sie den Riss sehen kann. Beugt sich vor, spürt, ob sich was senkt. Legt sich aufs Eis und reißt an dem Zipfel, bis sie ihn heraußen hat.