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Du kannst dir deine Familie nicht aussuchen, aber du kannst probieren, sie auf deine Seite zu ziehen ...
Es ist Rillas Hochzeitstag – der schönste Tag in ihrem Leben. Doch warum ist die junge Londonerin dann fast erleichtert, als noch vor der Trauung ein Polizist auftaucht, um sie wegen Ladendiebstahls abzuführen? Irgendwie läuft in Rillas Leben alles schief, und wenn sie darüber nachgrübelt, warum, landen ihre Gedanken immer bei ihrer älteren Schwester: Rose, die verschwand, als Rilla noch ein Kind war. Rilla beschließt, endlich herauszufinden, was damals mit Rose geschah, doch sie hat ihre Rechnung ohne die GIF gemacht – ihre “Große Indische Familie”, deren Einmischungsversuche sie schon ihr Leben lang auf Schritt und Tritt begleiten. Wie gut, dass es Simon gibt, Rillas liebenswerten Verlobten, und ihre Cousine Jharna, die sie vor den Spontanbesuchen der GIF warnt. Doch auf der Suche nach ihrer Schwester und nach sich selbst erkennt Rilla schon bald, dass man manche Wege allein gehen muss, um am Ziel anzukommen.
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Seitenzahl: 463
Veröffentlichungsjahr: 2021
Buch
Es ist Rillas Hochzeitstag – der schönste Tag in ihrem Leben. Doch warum ist die junge Londonerin dann fast erleichtert, als noch vor der Trauung ein Polizist auftaucht, um sie wegen Ladendiebstahls abzuführen? Irgendwie läuft in Rillas Leben alles schief, und wenn sie darüber nachgrübelt, warum, landen ihre Gedanken immer bei ihrer älteren Schwester: Rose, die verschwand, als Rilla noch ein Kind war. Rilla beschließt, endlich herauszufinden, was damals mit Rose geschah, doch sie hat ihre Rechnung ohne die GIF gemacht – ihre »Große Indische Familie«, deren Einmischungsversuche sie schon ihr Leben lang auf Schritt und Tritt begleiten. Wie gut, dass es Simon gibt, Rillas liebenswerten Verlobten, und ihre Cousine Jharna, die sie vor den Spontanbesuchen der GIF warnt. Doch auf der Suche nach ihrer Schwester und nach sich selbst erkennt Rilla schon bald, dass man manche Wege allein gehen muss, um am Ziel anzukommen.
Die Autorin
Amita Murray lebte in London, Delhi und Kalifornien und hatte bereits Jobs als Tänzerin, Kunstjournalistin, Moderedakteurin, PR-Assistentin und Organisatorin von Junggesellinnenabschieden, bevor sie beschloss, Romanautorin zu werden. Sie beschäftigt sich gern mit den komischen und den tragischen Aspekten kultureller Begegnungen. Außerdem arbeitet sie als Bloggerin für die Huffington Post, gibt Kurse in Kreativem Schreiben und Yoga-Workshops.
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Amita Murray
Die Sache mit meiner Schwester
Roman
Aus dem Englischen von Babette Schröder
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »The Trouble with Rose« bei HarperCollins Publishers, London.Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.Copyright © der Originalausgabe 2019 by Amita MurrayCopyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2020 by Blanvalet Verlag, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 MünchenRedaktion: Margit von CossartUmschlaggestaltung: Favoritbuero, MünchenUmschlagmotiv: Minoru Furuse/Imagezoo/Getty Images; Shutterstock.com (Liudmyla Matviiets; chuckstock)AF · Herstellung: samSatz: Vornehm Mediengestaltung GmbH, MünchenISBN978-3-641-23119-4V001www.blanvalet.de
1 Hochzeitstag
Am Nachmittag ihres Hochzeitstages denkt eine Braut normalerweise an all die Dinge, die das Leben künftig für sie bereithält: Liebe, Freude, Romantik, alberne kleine Streitereien mit ihrem Seelenverwandten, die mit einer Versöhnung enden – vorzugsweise im Bett – , an die grenzenlose Harmonie, den endlosen Spaß und die unzähligen Stunden, die sie einfach nur untätig in den Armen der Liebe ihres Lebens verbringen wird. Sie stellt sich vor, dass von nun an alles vollkommen sein wird. Sie wird glücklich sein, Angst, Reizbarkeit, Gesichtsbehaarung und eine generelle Neigung zu leichter Erregbarkeit sind vergessen. Kurzum, sie wird zu einer besseren, erwachseneren Ausgabe ihrer selbst.
Sie weiß, dass dieser herrliche Zustand mit einem riesengroßen Stück Torte beginnen wird, gefolgt von einer heißen Liebesnacht, hoffentlich auf einer fernen tropischen Insel, auf der keiner ihrer zahlreichen Verwandten anrufen, ihr Textnachrichten schicken, twittern oder sie sonst wie erreichen kann. Am Nachmittag ihres Hochzeitstages befindet sich eine Braut normalerweise nicht auf einer Polizeiwache hinter Gittern und wartet darauf, dass ihre Anwältin sie herausholt, damit die umfangreiche Verwandtschaft ihr erklären kann, was in ihrem Leben alles schiefgelaufen ist. Ich sage nicht, dass dies in der Geschichte der Hochzeiten noch niemals vorgekommen ist, ich sage nur, es ist selten.
Bevor ich euch von meiner Hochzeit berichte, sollte ich eine kleine Anmerkung bezüglich meiner riesigen Verwandtschaft vorausschicken. Geht es in dieser Geschichte um sie, fragt ihr? Nein, eigentlich nicht. Ist sie immer da, hat sie zu allem eine Meinung, und kann man sie einfach nicht ignorieren?
Na ja. Ja und nein.
Es leben so viele meiner Cousins und Cousinen, Tanten und Onkel in London, dass ich bei jedem Inder und jeder Inderin, denen ich begegne, genau hinsehen muss, ob es kein Verwandter ist. Meine Verwandten sind nämlich ziemlich schnell beleidigt, das müsst ihr wissen, ehe ich mit meiner Geschichte fortfahre. Sie führen Buch darüber, wer ihnen regelmäßig aus ihrem Leben berichtet und sie um Ratschläge bittet. Wer sie zu welchem Ereignis einlädt und wer ihnen zu Diwali, dem hinduistischen Lichterfest, eine Schachtel Champagnertrüffel schickt oder nur eine mit normalen indischen Süßigkeiten. Und sie verschicken gern Textnachrichten.
Liebe Rilla, hoffentlich gefällt dir der 150-teilige NutriBullet, den ich dir geschickt habe. Die Marke ist deutlich besser als der dreiteilige Mixer von Tante Parul. Vielen Dank für die Champagnertrüffel. Da ich keinen Alkohol trinke (wie du weißt), habe ich sie meiner Putzfrau geschenkt. Du hast bestimmt zu viel zu tun, um uns zu besuchen (hast du schon einen Job gefunden?), aber ich dachte, ich erinnere dich daran, dass unser Haus auch dein Haus ist. Vergiss deine Familie nicht. Alles Gute, deine …
Alles in allem ist es somit besser, jedem Inder, dem man begegnet, ins Gesicht zu schauen, um sicherzugehen, dass man keinen der GIF (Großen Indischen Familie) versehentlich übersieht. Oder, wie in meinem Fall, damit man sich unter Umständen schnell aus dem Staub machen kann. Klar, da beinahe jeder Zweite in London mehr oder weniger wie ein Inder aussieht, kann das dazu führen, dass man an allen Ecken Gespenster sieht und zum Nervenbündel wird.
Meine GIF bildet den Hintergrund von einfach allem. Sie ist die Tapete und die Möbel, die Fahrstuhlmusik, die Themse, der Londoner Verkehr, die Umweltverschmutzung und die Klimaerwärmung in einem. Sie ist immer da, und im Allgemeinen stört sie. Und egal, wie sehr man sich einbildet, mit ihr zurechtkommen zu können – in Wahrheit ist das unmöglich.
Kommen wir nun zum eigentlichen Thema, der Geschichte von der Braut, die am Tag ihrer Hochzeit festgenommen wurde. Ich erzähle sie euch genau so, wie sie sich zugetragen hat. Oder zumindest fast. Was beinahe genauso gut ist.
Die Hochzeit findet in Bloomington House statt, einem Landgut in der Nähe von Cambridge, dessen weitläufige Backsteinmauern malerisch in einem Wald aus Holzapfel und Eschen liegen. Auf dem Rasen treiben an diesem Tag Wolkenschatten ein Versteckspiel, die Bäume, die im schwachen Frühlingslicht erwachen, zittern nackt im Wind, und ihre Spiegelungen spielen Bockspringen mit den Kois im Teich. Neben dem Teich befindet sich ein japanischer Meditationsgarten, dessen Architekt an die Invasion von Aliens gedacht haben muss, denn von einer Seite zur anderen verlaufen nach Größe geordnete Getreidekreise.
In dieser romantischen Szenerie parken seit einiger Zeit ziemlich viele Wagen und spucken meine zahlreichen Verwandten in ihrem farbenfrohen Glanz aus. Sie stecken sich die Schleppen der Saris fest, tragen sorgsam eleganten weinroten Lippenstift auf, klimpern mit ihren Armreifen und plappern ununterbrochen. Das beobachte ich von einem Fenster im Hinterzimmer aus, in dem ich warte. Wie lange dauert es, bis alle zur Trauung in der Scheune sind? Ich blicke über die Anlage. Es sind zu viele, das ist das Problem. Ständig bleiben sie stehen, bewundern lautstark und mit großen Gesten die Aussicht, das Landhaus, den Park, das Wetter, die Kleidung der anderen, Schmuck, Teint, Frisur, Maniküre, das Gesamtwerk. Selbst ihnen zuzusehen ist erschöpfend. Ich wende mich ab, laufe durchs Zimmer und stemme die Hände in die Hüften. Warum ist dieses Kleid bloß so eng? Ich verrenke mich nach den Knöpfen auf meinem Rücken, kann in dem Mieder, das mich kaum atmen lässt, die Arme jedoch nicht weit genug ausstrecken.
Bald ist es vorbei. Bald ist es vorbei. Was ist hier los? Warum ist es so heiß hier drin? Mit den Händen fächere ich mir Luft zu, doch das hilft nicht.
Ich blicke mich um. Anders als der mit Laternen beleuchtete Garten und der Saal für das Hochzeitsmahl, der auf meine Bitte hin mit den verschiedensten Rosenarten geschmückt ist – roten, pinkfarbenen, Kohlrosen, gelben, weißen, Hot Cocoa … – , ist das Hinterzimmer, in dem ich warte, nüchtern weiß gestrichen und wenig inspirierend. Auf der einen Seite stehen aufgerollte Yogamatten und übereinandergestapelte Stühle. Durch eine Klappe in der Wand sieht man in die frisch gestrichene Küche, auf deren Arbeitsplatte ein Spiderman ohne Kopf steht, den zweifellos ein Kind vergessen hat. An der Korkpinnwand hängt Werbung für Yogakurse, ein Flyer des örtlichen Blumenladens und der einer Hundesitterin, deren bester Freund seit ihrem dritten Lebensjahr stets ein Hund gewesen ist. Ein Aufruf der Heilsarmee, Kleider zu spenden, eine Telefonnummer, die man anrufen soll, wenn man eine vermisste Person sieht, und eine andere für Menschen mit Gonorrhö.
Während ich sie betrachte, bekomme ich nur schwer Luft. Wieder sehe ich aus dem Fenster. Die Verwandtenschar nimmt ab, doch einige lungern noch vor der Scheune herum. Na los, los, los, flüstere ich. Mit meinem durchdringenden Blick versuche ich sie dazu zu bringen, sich schneller zu bewegen und mir ein bisschen Raum zum Nachdenken zu lassen. Und vielleicht zum Atmen.
Mein Spiegelbild starrt mich an, die kleinen bronzefarbenen Reifen in den Ohren und der Kranz aus pink- und orangefarbenen Blüten um meinen Kopf wirken plötzlich unpassend, als gehörten sie zu jemand anderem. Mein silberfarbenes Kleid ist nur unscharf in der Fensterscheibe zu erkennen. Warum habe ich Silber gewählt? Es passt nicht zu meinem Teint, lässt mich blass aussehen. Mein schwarzes Haar ist hochgesteckt, doch einige Strähnen treten bereits die Flucht an. In meinen Augen liegt ein irrer Ausdruck.
Lege ich die Stirn immer so in Falten?
Ich versuche, die Haut zu entspannen, doch beinahe umgehend ziehen sich die Augenbrauen wieder zusammen.
Es ist so wenig Sauerstoff im Raum! Ich keuche. Schließlich verschwinden auch die letzten Verwandten durch das Scheunentor, über dem wie der geschmückte Schweif eines Dressurpferdes eine Glyzinie hängt. Jetzt oder nie. Ich kämpfe mit dem Fensterriegel. Er klemmt. Das Fenster ist erst kürzlich frisch gestrichen worden. Ich lehne mich dagegen und versuche, den Riegel zu bewegen, ziehe einen Schuh aus und benutze ihn als Hammer, klammere mich mit den Fingern daran, doch das Fenster rührt sich nicht vom Fleck. Nicht ein klitzekleines bisschen. Ich brauche einen Keil, etwas, das ich in den Spalt unter dem Fenster schieben kann, um die dicke Farbschicht aufzubrechen, die alles verklebt hat. Suchend sehe ich mich um. Nichts. Nichts!
Es klopft an der Tür. Verwandtschaft? Mein Verlobter? Eine gerichtliche Vorladung? Mit pochendem Herzen fixiere ich die Tür und gehe langsam auf sie zu, um zu öffnen. Davor steht ein Polizist.
»Sie müssen bitte mitkommen, Miss«, sagt er.
Aufgelöst sehe ich an ihm vorbei auf die Verbindungstür zur Scheune. Dort soll ich jeden Augenblick hindurchschreiten. Ich blicke den Polizisten an. Das rötliche Haar wurde hastig gekämmt, und in seinem riesengroßen Schnurrbart hängen zwei Croissantkrümel. Ganz offensichtlich hat der Mann beim Frühstück gesessen, als er zu diesem Auftrag beordert wurde.
Ich atme tief ein, strecke die Hände aus und habe ein wachsames Auge auf die Scheunentür.
»Schon in Ordnung, Miss«, sagt der Mann. »Wenn Sie kooperieren, brauchen wir keine Handschellen.«
Der Mann hat die Hände in die Hosentaschen geschoben und ist vollkommen entspannt. Was ist los mit dem Kerl? Er lächelt und wirkt zugleich gelangweilt. Allmählich fühle ich mich ein wenig schwach oder so, als würde ich explodieren. Ich werde dieses Kleid sprengen. Wie Geschosse werden die winzigen Knöpfe auf dem Rücken peng-peng-peng absprengen und durch die Gegend fliegen. Um mich abzukühlen, wedle ich mir mit den Händen etwas Luft zu. Verzweifelt sehe ich den Mann an.
»Bitte, bitte, ich …«
»Aber, aber, Miss, immer mit der Ruhe …«
»Sie verstehen das nicht.«
»Beruhigen Sie sich, Sie müssen sich beruhigen.«
Und dann schreie ich. Mein Schrei schrillt durch die Luft, und der Mann sieht erschrocken aus.
Ich kann gut schreien. Als ich sieben war, hat ein Schauspiellehrer meiner Schwester und mir einen Monat lang beigebracht, wie man schreit. Ich habe nicht viel von meiner Schulzeit behalten – meist habe ich mir alle Mühe gegeben, den anderen zu zeigen, dass ich unbelehrbar war. Ich habe den Unterricht geschwänzt, bin aus der Schule fortgelaufen, habe missmutig mit den Händen in den Taschen dagesessen und kein Wort gesagt, wenn man mir eine Frage gestellt hat, habe mit den Lehrern endlose Debatten über das konformistische Schulsystem geführt – aber ich habe Schreien gelernt.
Der Mann hebt beschwichtigend die Hände. »Aber, aber, Miss, das ist doch nun wirklich nicht nötig.« Noch immer sieht er keinen Grund, mir Handschellen anzulegen. Für ihn ist das nichts Besonderes. Es beleidigt mich ein bisschen, dass ich auf seiner Liste der wichtigen festzunehmenden Verbrecher so weit unten rangiere.
Ich reiße mir die Gerbera vom Kopf, und mit ihnen fällt meine Frisur in sich zusammen. Ein paarmal stampfe ich mit den Füßen auf die Blumen und schreie wieder. Die Verbindungstür zur Scheune wird aufgestoßen, und eine kleine Schar drängt hindurch. Dahinter höre ich ein Surren, das sich wie das eifrige Summen eines Bienenstocks anhört, das jeden Moment in Donnergrollen umschlagen kann.
Meine Eltern, mein Verlobter und seine Eltern versuchen zeitgleich mit meinen Tanten PK und Dharma durch die Tür ins Hinterzimmer zu drängen.
Meine Mutter, Renu Kumar, ist als Erste durch die Tür, kommt geradewegs auf mich zu und packt mich an den Schultern. Ihre Stirn ist tief gefurcht, der pinkfarbene Lippenstift nachlässig aufgetragen und ein wenig verschmiert, der violette Seidensari mit der grünen Borte ist etwas zu weit oben an der Taille festgesteckt, sodass ihre Knöchel hervorlugen.
»Was ist los? Wer ist dieser Mann? Was soll das?« Sie klingt verzweifelt und sieht mir durchdringend in die Augen.
Dann platzt Simon ins Zimmer. Der graue Anzug mit der maßgeschneiderten burgunderroten Weste, in der eine blaue Paisleykrawatte steckt, steht ihm gut, doch er hat bereits den obersten Hemdknopf geöffnet.
»Ich habe einen Polizisten die Auffahrt heraufkommen sehen! Was ist passiert?«
»Nichts! Überhaupt nichts. Ich …«
»Was machen Sie hier?« Simon starrt den Polizisten an, er wirkt völlig verwirrt.
»Also, Sir, es gibt keinen Grund zur Panik. Ich muss nur mit Miss Kumar sprechen, das ist alles. Auf der Wache.«
»Du weißt doch, dass du sie noch nicht sehen darfst!«
Die Mutter meines Verlobten wedelt mit der Hand und versucht vergeblich, Simon aus dem Zimmer zu befördern. Sie trägt einen stahlblauen Rock und einen langen Mantel mit passendem Hut. Wie immer ist sie sorgfältig zurechtgemacht, doch ihre Wangen sind leicht gerötet, und ihre Perlenkette hängt ein kleines bisschen schief, was ihr ein kesses Aussehen à la Camilla Parker Bowles verleiht. Ganz offensichtlich hat Marie Langton dem Gin heute etwas früh zugesprochen.
»Was soll das alles, Officer?«, schaltet sich mein Vater Manoj Kumar ein und streicht sich das grau melierte Haar zurück, das so perfekt gestylt ist, dass man noch die Spuren des Kamms darin sieht. Er tastet nach dem Kragen seines indischen Sherwani, den die GIF ihn heute zu tragen zwingt. Der in Gold und Weiß gehaltene Mantel ist lang und zu eng für ihn. »Es muss sich um ein Missverständnis handeln. Das können wir im Nu klären.«
Uniformen und Amtsträger bringen meinen Vater dazu, sein vornehmstes Englisch zu sprechen, ohne jeglichen indischen Akzent. In manchen Lebenslagen ist sein keimfreier Akzent durchaus hilfreich. Allerdings nicht in dieser.
»Miss«, sagt der Beamte, ohne meinen Vater zu beachten, »wenn Sie mir ruhig folgen, gibt es kein Aufsehen.«
Er sieht mich vielsagend an. Der Mann will, dass ich ihm unauffällig folge, er will kein Theater, und das nicht aus Bequemlichkeit, das erkenne ich. Er will mich schützen. Wenn er vor meiner Familie und meinen Schwiegereltern nicht zu sagen braucht, weshalb er mich festnimmt, wird er es nicht tun.
Alle starren mich an. Ein Meer aus großen Augen, und alle warten darauf, dass ich etwas sage.
»Es ist so«, ich blicke von Gesicht zu Gesicht, »also ich werde wegen Ladendiebstahls verhaftet. Versteht ihr, was ich sage?«
Ich sage es, als wollte ich einen Song daraus machen. Wäre dies ein Musical, würde ich es singen. Es ist so, passt gut auf, was ich sage! Man nimmt mich fest, weil ich wild bin wie ein Hase! Ein Hase, sagst du? Ein Hase, sage ich! Ein Hase? Ein Hase! Ein Hase? Wenn ich’s euch sage!
Ich glaube, ich werde ohnmächtig. Aufgelöst blicke ich von Gesicht zu Gesicht. Bringt mich hier weg, bringt mich hier weg, will ich sagen, aber kein Wort kommt heraus.
»Das ist doch Unsinn«, sagt mein Vater zu dem Beamten. »Rilla ist ein anständiges Mädchen. So etwas würde sie nie tun.« Er wirkt ehrlich verwirrt. Es ist, als wären meine Teenagerjahre aus seinem Gedächtnis gelöscht.
Doch das Kinn meiner Mutter bebt. Sie zieht ein Taschentuch hervor, das sie in den Ärmel ihres Sari gesteckt hat. Meine Mutter bricht gern in Tränen aus. Auf Familienbildern steht sie stets im Hintergrund und drückt sich ein Taschentuch auf die Augen. Klar, da jedes Familienbild von der GIF überfüllt ist, muss man wie auf einem Wimmelbild ziemlich lange suchen, um sie zu entdecken.
Jetzt klopft ihr mein Vater auf den Rücken und macht beruhigende Geräusche. Es ist meine Hochzeit, ich werde verhaftet, und gerade haben alle erfahren, dass ich eine Kleptomanin bin. Aber nein, mein Vater tröstet meine Mutter. Verkehrte Welt.
»Was ist los, Liebes?«, fragt Simon. Nur für mich hat er sich eine Rose ans Revers seines neuen grauen Anzugs gesteckt, und selbst jetzt sieht er mich liebevoll an. Ich habe einen dicken Kloß im Hals. Ich will ihn nicht verletzen, aber ich weiß, dass ich das tun werde. Er legt mir eine Hand auf die Schulter. Obwohl er nur mittelgroß ist, ist er immer noch ein gutes Stück größer als ich. Sein dunkles Haar fällt ihm genau so in die Stirn, wie ich es mag. »Das ist nur ein Missverständnis, oder? Wir sollten das schnell klären, die Leute warten.«
Simon denkt immer das Beste von mir (und er will auf keinen Fall jemanden warten lassen). Er ist loyal, schert sich nicht um Kleinigkeiten und gerät nur selten mit anderen Menschen aneinander. Womit er so ziemlich das Gegenteil von mir ist.
»Ich habe etwas Dummes angestellt. Es tut mir leid.«
Plötzlich sacken meine Schultern nach unten, und meine Stimme bricht. Das verabscheue ich an mir. Da meint man, eine Situation auf eine bestimmte Art zu meistern, und dann verrät einen der Körper, und es stellt sich heraus, dass man überhaupt nicht mit der Situation klarkommt. Ich merke, dass ich in diesem Moment gern umarmt werden würde, aber das bietet mir niemand an.
»Es wird nicht lange dauern, Sir«, sagt der Polizeibeamte zu Simon. »Wenn Sie jetzt einfach …«
»Wir wollen aber gerade heiraten.« Simon sieht ihn mit finsterer Miene an. »Sie dürfen sie nicht einfach mitnehmen. Was haben Sie überhaupt für Beweise?«
»Ich darf keine Details nennen, Sir.« Der Beamte streicht sich den Schnurrbart glatt.
»Können Sie nicht warten, bis die beiden verheiratet sind?« Flehend ringt meine Mutter die Hände. »Warten Sie doch wenigstens, bis sie verheiratet sind. Bitte, das müssen Sie tun!«
Meine Mutter – die Einzige im Raum, die mich, abgesehen von meiner Schwester Rose, wirklich kennt – hat immer gesagt, dass mich niemand heiraten wird. Ich bin einfach zu unhöflich, tollpatschig, dumm, reserviert, unweiblich und ungepflegt. Jetzt möchte sie unbedingt dafür sorgen, dass ich schnell verheiratet werde, bevor Simon herausfindet, wie ich wirklich bin. Die Sache, von der sie glaubt, dass sie niemals passieren wird, scheint allmählich tatsächlich nie zu passieren. Ihre Wange zuckt verdächtig.
Meine Tante Dharma zählt ihre Perlen. »Ich habe dir doch gesagt, du sollst keinen Termin nehmen, an dem Merkur rückläufig ist. Shani steht im Haus der Ehe.«
Sie trägt eine weite Hose und ein Hemd mitsamt einem leichten chunni, einem Schal, mit dem man den Kopf bedeckt. Ein langer weißer geflochtener Zopf hängt still auf ihrem Rücken. Sie ist mager, ihr Gesicht faltig wie eine Pflaume, und die großen Augen stieren durch eine dicke schwarze Brille. Sie bezeichnet sich selbst als spirituelle Heilerin und arbeitet im örtlichen Meditationszentrum. Sie glaubt, eine glückliche Ehe verdanke sich dem Karma aus einem früheren Leben.
Die andere Tante, Tante PK – eine Journalistin, die immer nur Baumwolle trägt, und zwar lediglich in Beigetönen, sich weder die Augenbrauen zupft noch die Oberlippe oder die Achseln wachst – sieht verärgert aus und sagt, dass jemand dafür bezahlen wird. Damit meint sie, irgendein Mann in einem klimatisierten Büro, der einen Macchiato trinkt und sich dann zum Tennisspielen umzieht. Ihr kurzes drahtiges Haar steht in alle Richtungen vom Kopf ab.
Ich atme tief ein. Ich stehe das durch, ich habe schon Schlimmeres durchgestanden. Und das ist nicht das erste Mal, dass ich festgenommen werde. Doch die weißen Zimmerwände scheinen näher zu rücken. Zwischen der Tür und mir stehen zu viele Menschen. Ohne Hoffnung blicke ich zum Fenster. Und in diesem Moment betritt Rose den Raum.
Rose. Meine wunderschöne Schwester Rose trägt ein langes Silberkleid – Silber ist eindeutig ihre Farbe, nicht meine. Das wundervolle Haar schwärzer als schwarz, die Augen kohlrabenschwarz, der Mund eine Rosenknospe, kommt sie als strahlende Erscheinung auf mich zu und nimmt mich in den Arm. Ich schlucke. Eine Träne stiehlt sich aus meinem Auge, verschwindet jedoch in Roses Haar – oder sie wischt sie für mich fort, weil sie weiß, dass ich es gar nicht mag, wenn mich jemand weinen sieht. So ist Rose, sie wusste, dass ich in den Arm genommen werden wollte. Niemand anders wusste das. Aber sie.
Jetzt rückt sie von mir ab und sieht mir in die Augen. »Es wird alles gut. Okay? Okay?«
Wieder schlucke ich und nicke. Dann atme ich tief durch.
Sie legt mir eine Hand auf die Wange. »Das ist kein Drama. Da stehst du drüber.«
»Wir besorgen einen Anwalt«, schaltet sich Simons Vater John Langton ein.
Er ist klein und kräftig gebaut, das Haar so ordentlich geschnitten, dass alle Strähnen exakt die gleiche Länge haben. Seine Augen sind hellgrau, nicht dunkelblau wie die von Simon und seiner Mutter, und es scheint, als würde er durch mich hindurchsehen.
»Du bist Anwalt«, erinnert ihn Simon.
»Wir besorgen einen Anwalt«, wiederholt sein Vater.
Auf der Polizeiwache geht alles ganz schnell. Da die Ware, die ich geklaut habe, keine zweihundert Pfund wert ist, erklärt man mir, dass ich mit einer polizeilichen Verwarnung davonkomme. Wenn ich mich darauf einlasse, zählt dies jedoch als Schuldspruch, und ich gelte als vorbestraft. (Ich bin zwar früher auch schon mal verhaftet worden, doch damals war ich noch minderjährig und habe keinen Eintrag ins Strafregister erhalten.)
Als der Beamte, der mich verhört, die Verwarnung vorschlägt, sage ich: »Ich werde darüber nachdenken.« Mein ganzes Leben lang habe ich darauf gewartet, diese Worte zu sagen. Ich berate mich mit meiner Anwältin und nehme die Verwarnung sowie den Eintrag ins Strafregister in Kauf. Als wir herauskommen, erklärt mir die Anwältin (die mir mein Fastschwiegervater besorgt hat), eine Frau mittleren Alters namens Gudrun mit der Statur eines Rottweilers, ich solle mein Leben in den Griff bekommen.
»Werden Sie erwachsen. Machen Sie eine Therapie. Das nächste Mal bekommen Sie ein Bußgeld oder sitzen ein. Und es wird ziemlich schwer, einen Job zu finden. Klar?«
Vor der Polizeiwache warten diverse Verwandte, um mich abzuholen. Simon läuft auf und ab und ignoriert die anderen. Als er mich sieht, eilt er sofort auf mich zu und zieht mich in seine Arme. Er drückt mich fest an sich. Ich lasse es steif geschehen, und obwohl ich seinen Herzschlag spüre, habe ich das Gefühl, ihn jetzt nicht berühren zu können.
Schließlich rückt er von mir ab und sucht meinen Blick. »Wir können es immer noch tun, Rilla. Erst wollten sie uns keinen anderen Termin geben, aber am Ende haben sie eingelenkt. Lass es uns jetzt gleich tun. Okay?«
Noch immer sieht er mich an, als wäre ich der wichtigste Mensch auf der Welt für ihn. Er hat Jackett und Krawatte abgelegt und wahrscheinlich keine Ahnung, wo beides ist. Das liebe ich an ihm. Ich liebe ihn dafür, dass es ihm egal ist, wo sein Kram ist.
»Simon«, flüstere ich. »Ich habe geklaut. Verstehst du das nicht? Das ist nicht normal.«
»Du stehst unter einem ziemlichen Druck. Die Hochzeit und die Angst davor, dass du deinen Master nicht schaffen wirst. So etwas kommt vor. Bei vielen Leuten.« Er sieht mir tief in die Augen. »Wenn du einfach einen Schritt nach dem anderen machst, ist es bald vorbei. Dann können wir uns mit dem Rest befassen.«
»Verstehst du das nicht?« Meine Stimme bricht. »Ich kann das nicht. Ich bin … ich bin noch nicht so weit.«
»Du willst die Hochzeit verschieben? Okay, okay, pass auf, das können wir auch machen. Wir tun, was immer du willst. Was immer du brauchst.«
Er sieht mich forschend an und versucht, beruhigend zu klingen, doch ich sehe ihm an, dass all das für ihn keinen Sinn ergibt. Dass er nichts begreift.
Stumm schaue ich ihm in die Augen. Wie kann ich es ihm erklären? Wie finde ich Worte für etwas, das ich selbst nicht ganz verstehe?
Ich schüttle den Kopf. »Es ist so, Simon«, platze ich schließlich heraus, »ich kann das nicht durchziehen. Es funktioniert nicht.«
»Ich hab’s ja gleich gesagt«, schaltet sich meine Mutter ein, und Tränen laufen ihr über die Wangen.
Irgendwie entkomme ich allen. Ich glaube, weil ich »Lasst mich in Ruhe!« schreie und in der U-Bahn-Station verschwinde, ehe mich jemand aufhalten kann. Immer noch im silbernen Hochzeitskleid steige ich in irgendeine Bahn, halte mich mit aller Macht fest und zwinge jeden, der es wagt, mich anzusehen, den Blick abzuwenden. Nachdem einige Stationen vorbeigerauscht sind, steige ich irgendwo aus. Ich laufe aus der U-Bahn-Station, lande auf einer Parkbank, beuge mich nach vorn, lege das Gesicht in die Hände und ringe um Atem.
Ich sagte, ich sei allen entkommen, doch das stimmt nicht, denn Rose ist bei mir.
Ich setze mich auf. »Ich habe es verbockt. Immer muss ich alles verbocken. Rose, warum kann ich nichts richtig machen?« Die Tränen, die ich schon den ganzen Vormittag zurückgehalten habe, laufen mir jetzt übers Gesicht.
Meine Schwester nimmt meine Hand. Sitzt ganz still da und hält sie einfach nur fest. Manchmal ist es mir unheimlich, dass sie immer weiß, was ich brauche. Vielleicht gewöhnt man sich so sehr aneinander, wenn man zusammen aufwächst, dass man jede Regung zu deuten weiß. Jede Geste hat einen Code, jede Stimmung, jedes Schulterhängen, jedes Abwenden. Meine Schwester kann diesen Code lesen. Sie weiß, was ich brauche, ehe es mir selbst bewusst ist.
Nach einer Weile geht der Weinkrampf vorbei, und ich sitze schniefend und mit roter Nase da.
»Ich glaube, du wusstest, dass ich mit ihm Schluss machen würde«, sage ich jetzt. Ich sehe sie nicht an. Das muss ich nicht, ich weiß auch so, was sie für ein Gesicht macht. Sie antwortet nicht.
Mit leerem Blick starre ich in der Gegend herum, wo das Leben ganz normal weiterzugehen scheint. Am Ufer eines Ententeichs sitzt majestätisch ein Schwan, während sein Partner auf dem Wasser seine Runden dreht. Das Papier von einem KitKat liegt neben einem überfüllten Abfallkorb, der in der Sonne nach toter Ratte riecht. Die Bank, auf der ich sitze, ist Lady Cornelia North gewidmet, die sie der Kommune 1986 geschenkt hat. Rote Busse säumen den Park, Eltern mit dunklen Schatten unter den Augen schieben mit entschlossener Miene Buggys vor sich her, eine Joggerin, die in schnellem Schritt an mir vorbeikommt, spricht mit sich selbst.
Ich schließe fest die Augen.
»Ich glaube, ich wusste es«, sagt Rose.
»Ich bin ein hoffnungsloser Fall.« Wieder stütze ich das Gesicht in die Hände. »Ich verbocke alles.«
»Aber warum das hier, Rilla? Ich dachte, Simon wäre der Richtige.«
Ich reiße den Kopf hoch. »Er kennt mich doch kaum. Er meint, ich wäre perfekt. Das Gegenteil ist der Fall. Du weißt das! Es hätte nicht funktioniert. Wie hätte es jemals funktionieren sollen?«
»Was, wenn ich dir den schönsten Kranz der Welt mache, Prinzessin Multan, meine Rosenkönigin, Prinzessin der Herzen?« Roses Stimme wird voller, lauter. Als würde sie auf einer Bühne sprechen.
Unter Tränen erwidere ich: »Dann würde ich dich vielleicht heiraten, Rup. Heißt du wirklich so?«
Sanft wischt Rose mir die Tränen fort, dann verneigt sie sich ironisch. »Natürlich, meine Prinzessin, ich bin es, Rup Singh. Einst war ich ein Prinz. Eine Hexe hat mich in einen Bürgerlichen verwandelt. Ich warte auf die Liebe einer Prinzessin, die mich in mein wahres Ich zurückverwandelt.« Rose spricht wieder mit normaler Stimme. Als würde sie sich an die Szene erinnern und sie vor ihrem inneren Auge sehen. »Und jetzt sitzt du auf dem Balkon und wartest auf den Kranz. Du kämmst dir das wunderschöne schwarze Haar. Deine Wangen leuchten rosig. Du fasst dir mit deinen zarten Händen ans Herz. Mit Nachtigallenstimme singst du für deinen Geliebten. Für mich.«
»Meinen Geliebten mit dunkelbraunen Wangen und rauen Händen«, sage ich. »Aber ich liebe dich trotzdem. Und du kehrst mit dem schönsten Kranz der Welt zurück. Aus Rosen, Ringelblumen, Jasmin und Zinnien. Der Anhänger in der Mitte ist aus einer Schmetterlingsorchidee. Die wertvollste Blume der Welt für die schönste Prinzessin. Geschickt wie ein Äffchen kletterst du das Spalier vor meinem Fenster hinauf. Du überreichst mir den Blütenkranz. Ich gebe dir einen Kuss und verspreche dir, dich zu heiraten.«
»Und ich verwandle mich in ein Mädchen«, sagt Rose. Wir lachen. Mein Lachen klingt etwas brüchig, aber wenigstens ist es ein Lachen. »Ich verwandle mich in ein kleines verrücktes braunes Mädchen«, fährt meine Schwester fort. »Hässlich und dürr, gerissen und schlau. Weil die Hexe, die mich verzaubert hat, nicht einen Prinzen, sondern eine Prinzessin verzaubert hat. Jetzt bin ich zurück. Ich bin nicht Rup, sondern Rupa Singh.«
»Oh, okay«, sage ich leise und schaue jetzt in ihr Gesicht, das vor meinen Augen schimmert. »Ich habe versprochen, dich zu heiraten, also heirate ich dich.«
»Du nimmst mich zu deiner Partnerin?«, fragt Rose. »Auch wenn ich eine Frau bin?«
»Niemand ist perfekt«, sage ich.
Wir lachen. Lachen über dieses Stück, das wir besser kennen als irgendetwas, das wir jemals gesagt haben. Weil wir es tausendmal geübt und hundertmal aufgeführt haben. Als ich sieben war und Rose neun.
»Rose«, flüstere ich. »Rose.« Schweigend sitzen wir zusammen. Ich habe Angst, die Stille zu durchbrechen, Angst, dass der Moment vorübergeht. »Ich glaube nicht, dass ich weiß, wie«, sage ich schließlich. Die Worte drängen aus mir heraus. »Verstehst du nicht? Ich glaube nicht, dass ich weiß, wie das geht. Ich weiß nicht, wie man mit jemandem zusammenlebt. Ich wusste es noch nie.« Verzweifelt starre ich vor mich hin und suche nach etwas, das nicht da ist. Rose sagt nichts. »Dorthin muss ich zurück, stimmt’s?«, frage ich leise. »Ich muss zurückkehren. Zu Prinzessin Multan und Rup Singh. In die Wohnzimmer in Tooting und Wembley, Harrow und Hampstead. Dorthin muss ich zurückgehen.«
Rose antwortet nicht. Das muss sie auch nicht. Sie weiß genauso gut wie ich, dass man, um zu lieben, an die Orte zurückkehren muss, an denen man zu lieben gelernt hat.
2 Finde den Unterschied
Die Geschichte meines Hochzeitstages ist vergleichbar mit zwei Zeichnungen, in denen man die Unterschiede finden muss. Wenn man die zwei Bilder nebeneinanderhält – das eine echt, das andere fast echt – , wird man tatsächlich Unterschiede entdecken. Gehen wir die Liste durch.
1. Ich habe behauptet, das Hinterzimmer, in dem ich wartete, das mit den Yogamatten und Stühlen, das Hinterzimmer von Bloomington House, einem Anwesen in Cambridgeshire, sei weiß gestrichen gewesen. Tatsächlich glaube ich, dass es eierschalenblau war.
2. Ich sagte, dass der Name des Anwesens Bloomington House sei, in Wahrheit heißt es Bloomington Manor.
3. Tante PK, die Feministin, trug nicht ausschließlich Beige. Wenn ich zurückdenke, sehe ich vor meinem inneren Auge, dass sie einen ochsenblutroten Schal umgebunden hatte. Entweder wollte sich Tante PK Mühe geben – zur Hochzeit ein bisschen Farbe –, oder sie wollte damit etwas aussagen.
Ich kann mir vorstellen, dass sie sagen wollte: »Du bist Inderin und heiratest in einem silbernen Kleid? Solltest du nicht Rot tragen? Was bist du? Eine Weiße?«
Vielleicht hat ihr eine Tante den Schal gestrickt und sie unter Druck gesetzt, damit sie ihn trägt.
4. Das Taschentuch meiner Mutter steckte diesmal nicht in ihrem Ärmel, sondern in der grünen Schleppe oder im Pallu ihres Sari. Sie hatte sich Mühe gegeben, auch wenn sie sicher gewesen war, dass die Hochzeit nicht zustande kommen würde, wie sie mir später erklären sollte.
5. Meine Schultern sackten nicht nach unten, als ich vor Simon und meiner Familie stand. Wenn ich das eigentliche Bild genau betrachte, das echte, nicht das fast echte, ziehe ich die Schultern nach oben. Das ist meine Abwehrhaltung, auf die meine Mutter mich stets sofort hinweist. »Das ist nicht attraktiv, Rilla, so will dich keiner heiraten.«
6. Ich habe behauptet, Tante Dharma hätte gesagt, Merkur stehe im fünften Haus. Aber so wenig, wie ich darüber weiß, hätte sie sagen können, die Statue des Savannah Bird Girl habe im Park mit einem Buckelwal geschlafen. Ich habe keine Ahnung, was genau sie gesagt hat, aber es hatte sicher etwas damit zu tun, dass ein Planet unseres Sonnensystems dasjenige meiner Häuser störe, das für die Ehe zuständig sei.
7. Als Simons Vater sagte, dass wir uns einen Anwalt besorgen sollten, und Simon ihn daran erinnerte, dass er Anwalt ist, flüsterte Simons Vater vernehmlich: »Ich lasse mich nicht in dein Drama hineinziehen. Und wenn du nur ein bisschen Verstand hättest, würdest du das auch nicht tun.« Simons Vater hasst mich nicht. Aber für ihn hat jemand, der schon einmal verhaftet wurde, nichts in der Familie Langton zu suchen. Das beschmutzt den Familiennamen. Obwohl … Nein, ich glaube nicht, dass er sich um den Familiennamen sorgt. Vielmehr verursacht ihm die Tatsache, dass man Unmoral durchblicken lässt oder zumindest, dass man nicht weiß, was sich gehört, geradezu körperliche Übelkeit. Was Hypothekenmakler bei Menschen mit einer schlechten Bonitätsauskunft empfinden, empfindet Simons Vater bei mir. Simon hätte ihm nicht erzählen sollen, dass ich schon einmal festgenommen wurde, meint ihr? Nun, das hat er nicht. Das war ich. Als ich ihm das erste Mal begegnete, was zwei Monate her ist. Damals kannten Simon und ich uns vier Monate. Jetzt hebt ihr skeptisch die Augenbrauen. Ein bisschen früh, um das Aufgebot zu bestellen, findet ihr? Na ja, vielleicht habt ihr recht, wir kommen später noch darauf zurück, versprochen.
8. Simon ist zu nett, um mich daran zu erinnern, dass die Kommission mich verwarnt hat. Wenn es mit meiner Masterarbeit nicht vorangeht, bin ich raus. Raus, raus, raus. Für immer. Er ist einfach immer zu nett, und deshalb habe ich ihm das noch gar nicht erzählt. Ich hätte es schon noch getan, aber ich habe es noch nicht. Er konnte mich gar nicht daran erinnern, selbst wenn er gewollt hätte.
9. Dieser Punkt ist euch vermutlich sofort aufgefallen, er ist ziemlich offensichtlich. Ich bin mir sicher, ihr habt es gleich bemerkt. Meine Schwester Rose ist die Prinzessin, groß, hellhäutig und einfach wunderschön mit ihrem strahlenden Teint. Deshalb ist in dem kleinen Stück, das wir auf der Parkbank nachgespielt haben, Rose natürlich Prinzessin Multan, die so leicht wie eine Blume ist, aus deren Mund jedes Wort wie Vogelgesang klingt, deren Schönheit von derart dichten Hainen geschützt wird, dass nur der mutigste Prinz hindurchgelangt. Schön und freundlich, beseelt und empfindsam, das ist meine Schwester. Ich bin Rup Singh, ihr Verehrer, eine Walnuss, und ich hoffe, dass mein Geschick beim Flechten von Blumenkränzen sie darüber hinwegsehen lässt, dass ich hässlich bin und ein Mädchen. In dem Theaterstück, das wir als Kinder aufführten, war Rose die Prinzessin und ich der Verehrer. Das habe ich in der Szene auf der Parkbank umgedreht.
10. Natürlich war Rose weder bei der Hochzeit noch auf der Parkbank dabei. Das letzte Mal habe ich sie vor siebzehn Jahren gesehen. Dennoch bedeutet das nicht, dass sie mich nicht von allen Menschen auf der Welt am besten kennt. Und dass sie nicht genau diese Dinge gesagt und getan hätte, wenn sie dort gewesen wäre.
3 Der Morgen danach
Am nächsten Morgen erwache ich aus einem Traum, an den ich mich nicht erinnern kann. Zunächst weiß ich nicht, wo ich bin, und gerate in Panik. Verwirrt sehe ich mich um, dann nehmen die Sachen in meinem Zimmer allmählich Kontur an. Die dicken Holzbalken, die die Dachkammer in Schlaf- und Badezimmer unterteilen, die Lichterketten über dem Bett. Ein blaues Poster von Massive Attack, auf dem Unfinished Symphony steht, hängt an einer Wand, daneben ein Druck von Miró, auf dem ein Hund eine Leiter zum Mond findet. Durch das große Fenster an der gegenüberliegenden Wand sehe ich den von Bäumen gesäumten Park. Zwei Kinder spielen auf dem Spielplatz Himmel und Hölle, ein Mann bläst Blätter umher, und auf einer Bank sitzt ein Joker in einem violetten, etwas mitgenommenen Mantel mit einer Bierflasche in der Hand, die übertrieben rot bemalten Lippen verschmiert. Anzüglich sieht er in die Ferne, anscheinend direkt zu mir.
Ich springe aus dem Bett, ziehe die Verdunkelungsvorhänge zu und lasse keinen einzigen Lichtstrahl ins Zimmer. Den Kopf fest gegen die Fäuste gepresst, umklammre ich die Vorhänge, damit sie ja nicht wieder aufspringen. Mit halb geschlossenen Augen drehe ich mich um.
Welche böse Überraschungen warten noch auf mich? Auf dem gemütlichen Sessel mit den roten Streifen, den ich vor einigen Wochen aus einem Kofferraum gezerrt und mit Simon drei Treppen hochgehievt habe, liegt mein abgelegtes Hochzeitskleid. Es sieht aus, als wäre es nie getragen worden, als hätte es rasch jegliche Erinnerung an mich ausgelöscht. Keine Welle oder Falte, kein abgerissener Knopf erinnert mich daran, wie es hätte sein können, wenn Simon es mir letzte Nacht ausgezogen hätte.
Ich schiebe es unters Bett, doch jetzt starrt mich der Sessel vorwurfsvoll an. Er scheint zu murmeln: Warum hast du das getan, Rilla, warum hast du das getan? Ich laufe zum Bett, ziehe die Decke herunter und werfe sie über den Sessel, kann aber immer noch die Form erkennen. Mit dem Gesicht nach unten schmeiße ich mich aufs Bett. So kann ich die Dinge im Zimmer nicht mehr sehen und bin deshalb sicherer, doch jetzt kehrt ausschnittsweise der Traum in meine Gedanken zurück, und erneut schnürt sich mir die Kehle zu. In meinem Traum trägt Simon ein orangefarbenes T-Shirt mit der Aufschrift GOBAHAMAS. Ich trage ungefähr das, was ich jetzt anhabe, ein Tanktop und eine geblümte Pyjamahose. Ich weiß nicht, was ich zu dem Traum-Simon gesagt oder was ich getan habe, aber er wirkt irgendwie trotzig. So sieht er aus, wenn wir uns streiten – der Kiefer angespannt, die ozeanblauen Augen distanziert und unnahbar. Er wird mir niemals vergeben. Er sollte mir niemals vergeben. Mit verschränkten Armen steht meine Mutter hinter ihm. »Das machst du immer«, sagt sie, »immer stößt du die Menschen weg. Ich habe es ja gleich gesagt. Ich habe es dir gesagt!« Und dann fällt es mir wieder ein. Da war noch jemand anderes in meinem Traum, er stand hinter meiner Mutter und sah mich mit traurigen Augen an. Ein Hund. Roses und mein Hund, Gus-Gus. Ich schnappe nach Luft. Gus-Gus, wann habe ich das letzte Mal von Gus-Gus geträumt?
Die Erinnerung an den Traum raubt mir die Luft, deshalb springe ich aus dem Bett, raffe mein Haar mit einer Spange zusammen und beginne aufzuräumen. Ich muss aufräumen. Wenn ich nicht etwas tue, drehe ich durch. Überall liegt Krempel herum. Eigentlich sollten hier fertig gepackte Kartons bereitstehen, für den Umzug in die Wohnung in Crystal Palace, in die Simon und ich ziehen wollen – wollten. Doch so weit bin ich nicht gekommen. Ich hatte nur schon Sachen aus Schränken und Schubladen gezogen und sie angeschaut. Ich hebe sie auf, lege sie zusammen und verstaue sie wieder in den Schubladen. Das ist eine gute Aufgabe, das könnte ich stundenlang machen. Für den Rest meines Lebens.
Als ich mit der ersten Schublade halb fertig bin, klingelt unser Telefon. Es ist meine Mutter. Ich schließe die Augen und hoffe, dass sie mich in Ruhe lässt. Meine Eltern sind die letzten Menschen, mit denen ich jetzt reden will, aber meine Mutter lässt nicht locker. Nach dem siebten ignorierten Anruf tippe ich auf die grüne Taste.
»Rilla«, sagt sie und verzichtet auf eine Begrüßung, »was machst du?« Sie meint nicht in diesem Moment in meinem Zimmer, sondern allgemein mit meinem Leben. »Warum musst du immer alles kaputtmachen?«
»Ich will nicht darüber reden«, murmle ich. Gereizt schiebe ich einige Haarsträhnen zurück, die sich aus der Spange gelöst haben.
»Was willst du damit erreichen? Simon zeigen, dass du rücksichtslos und egoistisch bist? Er wird herausfinden, wie du wirklich bist, Rilla, verstehst du das denn nicht? Und was dann?« Ihre Stimme hat einen panischen Unterton, sie klingt eine Spur verzweifelt. »Du bist fünfundzwanzig. Wann wirst du erwachsen? Bist du noch da? Hörst du mir zu? Du kannst die Menschen nicht behandeln, als wären sie nichts, das kannst du einfach nicht!«
»Ach ja?« Ich knirsche mit den Zähnen. »Du hast immer gesagt, darin wäre ich richtig gut.« Den Hörer zwischen Ohr und Schulter geklemmt schlage ich auf ein T-Shirt, um es zu glätten, und schleudere es in eine Schublade.
»Meinst du, Simon nimmt dich noch, nach dem, was du getan hast? Wie sollen wir ihm je wieder unter die Augen treten?«
Wir?
»Habe ich gesagt, dass ich will, dass er mich noch nimmt?« Ich tue so, als würde ich den Hörer ein paarmal auf den Boden schlagen. »Habe ich das gesagt?«
»Wir wollen doch nur, dass du glücklich bist. Was ist daran falsch? Sag mir, was daran falsch ist.«
»Ihr wollt, dass ich glücklich bin?«, wiederhole ich langsam. »Nun, das ist zu viel, Mum. Ich würde mal sagen, das ist genau das, was ihr niemals wolltet.«
Jetzt atmet meine Mutter schwer, ich höre es. Ich schließe fest die Augen, doch das vertraute Gefühl der Schuld schleicht heran.
Mein Vater übernimmt den Hörer, und im Hintergrund höre ich Mum sagen: »Ich weiß nicht, was er an ihr findet, Manoj, wirklich nicht!«
»Rilla, warum hast du deine Mutter verärgert? Müssen eure Gespräche immer so enden?«, fragt Dad. Er klingt nicht verärgert, einfach nur wie mein Dad – müde und resigniert. Ich stelle mir vor, wie er sich mit Daumen und Zeigefinger erschöpft die Augen reibt.
»Sag du’s mir, Dad.«
»Rilla, beta …«
»Tut mir leid«, murmle ich. »Ich lege jetzt auf. Tut mir leid, okay? Nur bitte, ruft mich nicht ständig an, okay?«
Als ich auflege, fällt mein Blick auf mein Handy, und ich sehe, dass ich diverse Anrufe von Simon verpasst habe, weil es lautlos gestellt war – einige letzte Nacht, weitere heute Morgen. Ich habe auch eine Textnachricht. Bitte ruf mich an. Ich will nur wissen, ob es dir gut geht.
Ich kämpfe mit den Tränen. Nicht jetzt, Rilla. Das ist nicht der richtige Zeitpunkt. Mit dem Handrücken wische ich mir durchs Gesicht.
Ich räume wie eine Besessene auf. Ich darf nicht an Simon denken. Ich darf nicht an Simon denken und nicht an meine Mutter. Und ich darf ganz sicher nicht an Gus-Gus denken.
Nach einer Stunde gebe ich den Versuch auf, mein Zimmer in Ordnung zu bringen, und gehe langsam hinunter ins Wohnzimmer. Mein Mitbewohner Federico sitzt in der Stellung des Kindes auf dem Boden und schaut durch das Fenster eines viktorianischen Miniaturhauses.
Die Wohnung, die ich mir mit Federico teile, liegt in einem Haus mit zwei weiteren Wohnungen in Lewisham. Als ich vor drei Jahren mein Masterstudium begonnen habe, bin ich in der Uni am Schwarzen Brett auf einen Aushang gestoßen, mit dem ein Mitbewohner gesucht wurde. Nach einigen Details zur Wohnung las ich: »Auch wenn du sonst jeden hasst, mich wirst du lieben!« Wir trafen uns auf dem Campus und sprachen lange über amerikanische Politik, den Musikproduzenten Simon Cowell und Energydrinks (und wie wenig wir alle diese Dinge leiden können). Ich erzählte ihm von meinem Lieblingsmexikaner, und er erklärte mir, wenn ich bei ihm wohnen wolle, werde er mir alle zwei Wochen Nachos machen (ganz und gar selbst gemacht). Eine Woche später zog ich ein.
Als ich das Wohnzimmer betrete, knarrt eine Diele unter meinem Gewicht, die vier Wände von Federicos Modellhaus klappen zusammen, und das Dach fällt herunter.
»Uff«, sagt Federico und setzt sich auf. Seine Locken stehen wirr vom Kopf ab, er trägt eine rote Trainingshose, auf der HOHOHOE steht. Neben ihm im Aschenbecher liegt ein Joint, und aus seinem Smartphone wabern tibetanische Gesänge. »Musst du wie ein Wasserbüffel hier hereintrampeln?«
Federico hat eine Leidenschaft für Stadtmodelle entwickelt und versucht, das San Francisco nachzubauen, wie es zu Beginn des 20. Jahrhunderts ausgesehen hat. Bisher gibt es zwei viktorianische Häuser, ein rosafarbenes und eins in Flieder, einige Straßenlaternen, einen Briefkasten und eine Straße – momentan sieht es eher wie ein postapokalyptisches San Francisco aus, überall brechen Gebäude zusammen, alles ist grau und schmutzig, ziemlich steampunkmäßig.
»Wenn du es besser hinbekommen hättest, wäre das nicht passiert«, gebe ich gereizt zurück.
»Bereust du es jetzt?«, fragt er, beugt sich wieder nach vorn, richtet eine Wand nach der anderen wieder auf. Sein Blick ist so dunkel und durchdringend, dass seine Augen wirken, als hätte er Eyeliner benutzt.
Ich lasse mich aufs Fenstersims plumpsen. »Nein«, sage ich. »Nein, tu ich nicht.«
»Okay«, erwidert Federico. »Freut mich, dass du glücklich mit deiner Entscheidung bist. Das muss sich gut anfühlen.«
Federico stammt aus Mexiko, ist klein und drahtig und hat einen wilden Lockenschopf, der aussieht, wie aus seinem Kopf herausexplodiert. Er hat ein Doktorandenstipendium für Musikwissenschaften an der Trinity. An der Columbia ist er auch angenommen worden, doch aus Protest gegen die Politik der amerikanischen Regierung hat er entschieden, nach London zu ziehen. (Außerdem hat er kein Visum erhalten.) Ist Federico sarkastisch, spricht er in genau demselben Tonfall, wie wenn er es nicht ist, weshalb manchmal schwer einzuschätzen ist, was er ernst meint. Momentan ist es mir allerdings sonnenklar. Ich starre ihn wütend an. Nach einigen Minuten fällt mir endlich eine passende Antwort ein.
»Ach was, und du meinst, du könntest besser mit Beziehungen umgehen?« Ha, jetzt hab ich dir’s aber gegeben, Federico!
Er verdreht die Augen. »Was anderes fällt dir nicht ein? Ich habe nie gesagt, dass ich besser mit Beziehungen umgehen kann. Aber jemandem vor dem Standesbeamten den Laufpass zu geben … Trotzdem, solange du glücklich bist …« Er hält eine der Wände des Modellhauses hoch, dreht sie andersherum. Gedankenverloren kratzt er sich an dem C-und-D-Tattoo auf der rechten Schulter, dann stöhnt er und kramt in seinem winzigen Werkzeugkasten.
»Glück wird überschätzt.« Ich betrachte meine Hände, die kurzen Nägel hat eine Tante für die Hochzeit mit durchsichtigem Nagellack auf Hochglanz gebracht. »Kannst du dich an eine Zeit in deinem Leben erinnern, in der du richtig glücklich warst?«
»Willst du damit sagen, das könnte ich nicht?«, fragt Federico, wühlt in dem Werkzeugkasten, nimmt Dinge heraus und legt sie wieder zurück. »Das ist wirklich tragisch, chica.«
In meinem Kopf steigt eine Erinnerung auf. Meine Schwester Rose jagt mich kreuz und quer durchs Haus. Hilflos kichernd verstecke ich mich in Schränken, hinter Vorhängen, unter Stühlen und Tischen und werde durchgekitzelt, bis ich nicht mehr weiß, wo oben und unten ist. Das hilflose Kichern, die Rufe »Hör auf, Rose! Rose, hör auf!« klingen in meinen Ohren wider. Ich sehe Roses Gesicht vor mir, als sie sich über mich beugt, um sich davon zu überzeugen, dass ich wirklich will, dass sie aufhört. Was ich nicht will. Sie macht weiter, und ich laufe kreischend durchs Haus.
Ja, ich möchte Ja sagen, ich kann mich an eine Zeit in meinem Leben erinnern, in der ich wirklich glücklich war. Ich spüre es noch, also muss es real gewesen sein. Es ist nur sehr lange her, damals war ich noch ein anderer Mensch.
Ich hebe ein Kissen auf und drücke es gegen meine Augen. Das sind überflüssige Erinnerungen. Ich brauche sie nicht, und ich will sie nicht haben. Ich darf sie nicht haben.
»Jeder kann glücklich sein«, sagt Federico. »Und jetzt sieh dir an, was du mit Simon gemacht hast …«
»Können wir über etwas anderes reden?«, frage ich in das Kissen.
Warum können die Leute nicht über etwas, über irgendetwas anderes reden? Ich schließe die Augen, aber Simons Gesicht scheint sich in die Innenseite meiner Augenlider eingebrannt zu haben, denn ich sehe ihn, auch wenn sie fest geschlossen sind. Und anders als in meinem Traum sieht er nicht trotzig aus. Bis zum Nachmittag unserer Hochzeit, als ich ihm erklärte, dass ich nicht mehr mit ihm zusammen sein könne, hat er mich nie so angesehen.
Er sieht aus, als könnte er nicht verstehen, was ich sage. Er sieht verloren aus.
»Schlechtes Karma, jemanden vor dem Standesbeamten stehen zu lassen. Und wenn du das schon tust, sag ihm wenigstens, warum.«
»Im Ernst, Federico, hör auf.«
»Mit Verdrängen ist niemandem geholfen, chica.«
Ich tauche hinter meinem Kissen auf und zische: »Ich weiß, du spielst gern den Therapeuten. Aber wie kommt es, dass wir nie über dich sprechen? Warum überlegst du nicht mal, warum deine Beziehungen nicht funktionieren? Wovor du Angst hast?«
Im letzten Jahr hatte Federico vier Freunde. Jetzt ist er mit jemandem zusammen, den er mag, aber sie scheinen ständig aneinanderzugeraten. Wenn ich das Thema wechseln und den Spieß umdrehen kann, lässt er mich vielleicht in Ruhe. Vielleicht habe ich dann das Gefühl, dass nicht nur ich gestört bin.
Er zuckt die Schultern, nimmt ein Werkzeug und feilt an einer der Wände herum. »Ich stoße keine Menschen zurück. Ich bin nicht mit Absicht gemein.«
Ich beiße die Zähne zusammen. »Ich auch nicht – vielleicht gefällt es deinen Freunden ja nicht, dass du so tust, als wärst du hetero«, schnappe ich.
Schweigen. Federico hält mit der Arbeit inne, sein Gesicht zeigt kaum eine Regung. Sein Kiefer knackt, mehr nicht.
Am liebsten möchte ich mir die Zunge herausreißen. Mich aufsetzen und mir ein paar Ohrfeigen verpassen. Was ist los mit mir? Es ist, als würden die Worte unkontrolliert aus meinem Mund platzen.
»Sorry. Okay? Es tut mir leid. Das hätte ich nicht sagen sollen.« Ich verspüre den albernen Impuls zu fragen: Hast du mich noch lieb? Bitte sag, dass du mich noch lieb hast. Aber so etwas sage ich nie, und ich sage es auch jetzt nicht. Obwohl ich es gerade ganz gut vertragen könnte, wenn mich jemand lieb hätte.
Nach einer ganzen Weile rührt sich Federico. Er steckt die vier Wände des Modellhauses zusammen, dann nimmt er eine und schneidet ein Rechteck für ein Fenster aus. Irgendwie schafft er es nicht, alle vier Seiten auf dieselbe Länge zu bringen, weshalb das Fenster immer größer und größer wird. Ich sehe ihm bei seiner Beschäftigung eine Zeit lang zu. Er spricht nicht mehr mit mir. Vielmehr tut er so, als wäre ich gar nicht da. Ich seufze und lasse ihn in Ruhe.
Vor unserem Haus befindet sich eine einsame Veranda, auf der sich nur selten jemand aufhält. Dort zu sitzen birgt das Risiko, mit jemandem in Kontakt zu kommen, deshalb meidet sie jeder Hausbewohner, und das ist mir nur recht. Manchmal lasse ich zur Verdeutlichung ein Paar stinkender Socken dort zurück. Jetzt gehe ich hinunter, falle auf den Schaukelsessel, der dort hängt, und ziehe die Knie an die Brust. Ich weiß nicht, ob ich Simons Gesicht niemals wiedersehen möchte oder ob ich mir nichts sehnlicher wünsche, als dass er jetzt herkommt.
Aus der Erdgeschosswohnung dringt ein klägliches Schrumm-Schrumm-Schrumm. Unser Nachbar von unten, Phil (ein angehender Lehrer), will in einer Mariachi-Kapelle mitspielen, und Federico bringt ihm das Vihuela-Spiel bei. Ich presse mir die Hände auf die Ohren. Auf der anderen Seite der Straße graben Arbeiter den Park um. Das machen sie schon seit Wochen, und die Anwohner haben sich bei der Stadt beschwert, weil der Lärm angeblich ihren Kindern schadet. Dies muss die lauteste Straße der Welt sein.
Ich blicke in die Ferne. Dort fährt mein Nachbar Earl auf seinem Elektromobil. Earls Elektromobil ist die Cecil Turtle unter den Fahrzeugen. Es ist so langsam, dass ich Hallo sagen, ins Haus springen, den Kessel aufsetzen, mir einen Vanille-Chai zubereiten, wieder nach draußen kommen, den ganzen Becher trinken und mich von ihm verabschieden kann, bevor er wieder aus meinem Blickfeld verschwindet. Als er mich heute Morgen bemerkt, sieht er zweimal hin. Jupp, ich bin noch da. Ich bin nicht auf dem Weg in mein glückliches neues Leben mit Simon.
»Wenn du was erreichen willst, musst du das Haus verlassen, Rilla!«, ruft Earl, als er in Zeitlupe vorbeischleicht.
Ich kräusle den Mund. »Ich war schon immer besser darin, mich nicht vom Fleck zu rühren, Earl. Das ist das Problem.«
Im Vorbeigleiten weht sein schneeweißer Haarschopf sanft im Wind.
In dem Moment merke ich, dass ich eine Nachricht auf dem Handy habe. 20 Minuten, steht dort.
Einen Moment bin ich wie gelähmt. Ich starre auf die Nachricht, als würde ich die Worte nicht verstehen.
Sie stammt von meiner Cousine Jharna und wurde vor achtzehn Minuten geschickt. Das bedeutet, dass mir noch zwei Minuten bleiben, bis die GIF eintrifft. Ich springe auf, laufe hinein, flitze die Treppe hinauf und direkt in mein Zimmer unterm Dach. Dort verbarrikadiere ich die Tür von innen, indem ich die Kommode davorschiebe und ungefähr ein Dutzend Bücher obendrauf packe. Dann setze ich mich in den gestreiften Sessel, ziehe die Decke über mich und schließe fest die Augen. Die GIF ist auf dem Weg zu mir.
4 Mittagsrunde
Zwei Minuten, nachdem ich in meinem Zimmer verschwunden bin, tauchen meine Eltern, eine Tante und ein Onkel sowie Jharna auf. Federico lässt sie herein. Ich kann sie unten im Wohnzimmer hören. Das ist in Ordnung. Sollen sie dort sitzen und mit Federico plaudern, so lange sie wollen. Es gibt absolut keinen Grund für mich, das Zimmer zu verlassen. Ich werde ein Buch lesen. Ich nehme eins von der Kommode und starre auf die Worte. Es ist eins der Bücher, die ich mir für meine Masterarbeit besorgt habe: Roland Barthes schreibt über die Liebe. Dass wir im Leben Millionen von Menschen begegnen, wir von all jenen aber nur einen wirklich lieben. Ich schlage das Buch zu. Einen von Millionen! Seine Arithmetik ist eindeutig falsch, das ist das Problem mit Barthes. Wie könnte irgendjemand bei so einer Trefferquote die Liebe finden? Der Mann ist verrückt!
Ich schaue auf die Wanduhr. Dann hieve ich mich aus dem Sessel, kauere mich hin und lege das Ohr auf den Boden. Es ist merkwürdig, dass die GIF schon eine Viertelstunde da ist, sich aber niemand die Mühe gemacht hat heraufzukommen und an meine Tür zu klopfen. Na ja, das ist mir nur recht. Was ich brauche, ist etwas Bewegung. Ich bin so unruhig, dass ich Angst habe, etwas kaputtzumachen. Ich laufe auf und ab, mache ein paar Push-ups an der Wand und jogge durchs Zimmer.
Es klingelt. Sofort liege ich wieder auf dem Boden und presse das Ohr dagegen. Einige Minuten kann ich nichts hören. Jemand, wahrscheinlich Federico, ist nach unten an die Haustür gelaufen und dann, diesmal langsamer, wieder heraufgekommen. Einige Ausrufe, gefolgt von Stille. Und dann rieche ich es: Der unverwechselbare Duft von Teig mit Käse weht zu mir herauf. Diese hinterlistigen Mistkerle haben Pizza bestellt!
Ich springe auf und blicke aus dem Fenster. In der Ferne sehe ich den Mann vom Lieferservice. Er ist von unserem örtlichen Pizzadienst, und die machen richtig gute Pizzen. Es gibt die übliche mit Peperoni und Hähnchenwurst und Farmhaus, aber auch Ziegenkäse und karamellisierte Zwiebeln, Butternusskürbis und würzigen Bacon. Mein Magen knurrt lang und anhaltend. Plötzlich will ich unbedingt eine Pizza. Seit gestern habe ich nichts außer Federicos Grünkohlchips und Tonicwater zu mir genommen. Bei dem Gedanken, was ich Simon angetan habe, dreht sich mir der Magen um, doch jetzt überkommt mich der Hunger. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich meine GIF kauen höre. Weitere fünf Minuten laufe ich im Zimmer umher. Verflixt! Wie ich sie hasse!
Ich beuge mich dem Unvermeidlichen und gehe langsam nach unten in unser Wohnzimmer, wo sich eine kleine Armee zu tummeln scheint.
»Bring sie zur Vernunft, Männer mögen es nicht, wenn man sich ihrer zu sicher ist«, sagt meine Tante Pinky, kaum dass sie mich sieht, und kaut geräuschvoll.
Ich stürze mich auf irgendeine Pizzaschachtel und schlinge ein großes Stück mit zwei Bissen hinunter. Ich schließe die Augen. Das ist das Köstlichste, was ich jemals gegessen habe. Scharfe Wurst. Sie ist so gut, dass mich ein Schaudern überläuft.
Ich wende mich zu der versammelten Gesellschaft um. »Hey, Tante Pinky, Onkel Jat«, ich winke ihnen zu, verschlinge noch ein Pizzastück und nehme mir ein weiteres.
