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Philina möchte auf keinen Fall Mutter werden. Weshalb andere Frauen ihre persönlichen Freiheiten und denkbaren Karrieren aufgeben, um als Gebärmaschinen herzuhalten, ist ihr unbegreiflich. Sie will ein selbstbestimmtes Leben führen, das nicht durch vereinsamte, schwer erziehbare oder sogar behinderte Kinder belastet wird. Während gleichaltrige Mädchen bereits Hausfrau und Mutter sind, sucht sie nach einem Mann, der – wie sie selbst – keine Kinder haben möchte. Robert scheint die perfekte Wahl zu sein – bis Philina ungeplant schwanger wird ...
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Für meine Freunde Manfredo und Birgit.
Claus Zander
Claus Zander studierte »Elektrische Anlagen« und »Technische Kybernetik«. Ausgestattet mit dem Wissen entwickelte und prüfte er elektrische Stellantriebe für Armaturen und reiste danach für die gleichen Produkte als Wissensvermittler und Verkäufer. Dazu erschien sein Fachbuch »Antriebstechnik für den Stahlwasserbau«.
Zu den Erlebnissen seiner Marinedienstzeit veröffentlichte er das Kinderbuch »Von falschen und richtigen Seemännern«.
Später erschienen Abenteuerausgaben, Kurzgeschichtensammlungen und der Band Liebeserzählungen »Sehnsucht – und dann?«. »Die Sache mit Philina – Machen Kinder glücklich?« ist sein erstes Buch im Auerbach Verlag.
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Deutsche Erstausgabe 11/2022
Copyright © 2022 by Claus Zander
Copyright © 2022 der deutschsprachigen Ausgabe
by Auerbach Verlag, Leipzig,
Oststraße 40 – 44, 04317 Leipzig
Alle Rechte vorbehalten.
Lektorat: Karoline Kühl
Alle Rechte vorbehalten.
Umschlagsgestaltung und -motiv: Annemarie Belabbas unter Verwendung von © xy/stock.adobe.com
Satz: Kim Trank
ISBN: 978-3-948537-13-5
ISBN EPUB: 978-3-948537-28-9
1. Auflage 2022
www.auerbach-verlag.de
Philina und Maria kamen normalerweise bestens miteinander aus. Deshalb waren sie auch direkt nach ihrem neunzehnten Geburtstag zusammen nach Teneriffa geflogen. Urlaub. Endlich Urlaub! Den hatten sie sich ihrer Meinung nach gründlich verdient. Das Abitur geschafft und sechs Semester Betriebswirtschaftslehre gebucht. Heute waren sie von ihrem Hotel in Los Christianos mit einem Linienbus bis Playa de las Americas gefahren, hatten sich schöne Unterkünfte angesehen, einen Flohmarkt besucht und sich in einer Edel-Mall hübsche Dinge zeigen lassen. Eine Strandbar verführte sie zu einem Cocktail und ihre langen gebräunten Beine der Sonne entgegenzustrecken.
Jetzt endlich hatten sie ihr Tagesziel an der Costa Adeje erreicht. Von der Uferpromenade führte die Calle Gran Bretana bergauf zum Hotel Jardin Tropical. Daneben stand eine hübsche Palmengruppe, die Philina gern fotografieren wollte. Auch hatten Freundinnen von dem Luxushotel geschwärmt. Unten, nahe der Meeresbrandung gab es eine langgestreckte Wasserstelle, deren Ufer in geschwungenen Linien den reichlich vorhandenen Palmen auswichen. Alles sah sehr natürlich aus und konnte zum Träumen verführen. Darauf starrte Maria begierig, wie auch viele andere Gäste.
Von dort näherte sich ihnen ein junges Paar. Sie war Mutter und trug ihr Baby in einem Gurt an der Brust. Auch sie fanden den Ausblick toll und sahen sich nach einer Sitzgelegenheit um. An die Pools zu gelangen, war Hotelfremden verwehrt. Aber ein abseits liegender Baumstamm lud zum Verweilen ein. Angestrengt stöhnend ließ sich die junge Frau mit aufgerichtetem Rücken nieder, wobei ihr der Begleiter behilflich war. Alsbald löste sie den Tragegurt, öffnete ihre Bluse und gab dem Baby eine pralle Brust.
Schon auf den Flughäfen und im Flugzeug hatten Philina und Maria Mütter mit nur wenige Monate alten Kleinstkindern beobachtet, denen sie offenbar so früh wie möglich einen wichtigen Teil der Welt zeigen wollten. Man weiß ja auch, etwas größere Kinder können nicht zeitig genug mit Fremdsprachen vertraut gemacht werden. Da lernt es sich am Besten.
Maria sah flüchtig zu Philina, was wohl Entschuldigung heischen sollte, schob die langen schwarzen Haare zur Seite und bat die junge Mutter, die nicht viel älter als sie selbst sein konnte, Platz nehmen zu dürfen. Geradezu verliebt beobachtete sie den Stillvorgang. Philina ließ sich das eine Weile gefallen, dann zischte sie: »Ich gehe!«
Maria nickte und murmelte, ohne den Kopf zu wenden: »Jaha.«
Philina hakte die Daumen unter die Gurte des kleinen Rucksacks und nahm eilig den Berg in Angriff. Der Anstieg zog sich über geschätzte dreihundert Meter. Ihre Pantoletten schlappten laut auf den Gehwegplatten. Aber Schuhe von anderen Spazierenden oder Eilenden machten auch Geräusche. Ihre schwarz-roten Haare waren so kurz, dass man glauben konnte, sie hätten sich aus Wut aufgerichtet. Sie ballte die Hände zu Fäusten. Ihren verbissenen Gesichtsausdruck hätte sie jetzt nicht sehen wollen. Weshalb sind sie denn zusammen gereist? Selber schuld! So etwas hätte sie sich gleich denken können. Maria, die besessene Mutter in spe! Auf halbem Wege war ein Keuchen hinter ihr. Sie lächelte. Ein Überholvorgang? Dem werde ich es zeigen! Sie legte einen Schritt zu. Die Atemgeräusche wurden leiser. Klangen dann aber gleichmäßig, sogar verhaltener. Er gab sich bestimmt mit seiner Niederlage zufrieden. Plötzlich wie abgeschnitten: Stille! War er stehen geblieben? Einer Eingebung folgend, schwang sie sich auf der Stelle herum. Da startete fünf Meter hinter ihr ein mittelgroßer südländischer Typ in Richtung eines Seitenganges. In der Hand ihr Portemonnaie! Sie schleuderte blitzschnell ihre Sandalen zur Seite, sprintete dem Dieb hinterher und sprang ihm auf den Rücken. Er versuchte, sich abzufangen, schlug aber lang hin, alle Gliedmaßen weit von sich gestreckt. Sie warf sich auf ihn, landete mit den Knien in seiner Nierengegend, sodass er laut aufstöhnte. An den langen Haaren zog sie seinen Kopf und knallte ihn auf die Gehwegplatten. Ihre Geldbörse mit den Papieren hielt er krampfhaft in der Linken. Während er sich mit blutender Nase aufrichtete, sah sie ihm schon beinahe mitleidig zu. Sie nahm ihm ihr Lederetui ab und zischte: »Scher dich zum Teufel!«, worauf er davonstolperte. Kurz entschlossen lief sie ihm nach, rief: »Warte!« Zögernd verharrte er. Sie zog ein sauberes Taschentuch aus ihrem offenstehenden Rucksack und herrschte ihn an: »Wisch dir die Nase ab!«
Maria meinte später: »Den hättest du der Polizei melden müssen.« Doch, da war Philinas Wut längst verraucht. Sie konnte jetzt herzhaft lachen, weil sie beim Wort Polizei sofort an ihre Kindheit denken musste.
Ein Festungsgraben der Verteidigungsanlage – bestehend aus einer Menge Schutzwällen und Kasematten aus Napoleons Zeiten – war an einer Stelle zu einem größeren Teich ausgeufert. An den Sonnenseiten der Wälle fing Philina mit den Jungen Eidechsen. Anfangs hatte sie das Aquarium von ihrem Vater weiterführen dürfen, weil der als Montageleiter sehr oft unterwegs war. Die trägen Fische langweilten sie aber bald. Die wollte sie loswerden, überlegte ernsthaft, die Wasserheizung hochzudrehen, bis sie kochten. Ihre damalige Freundin Sibylle, die eigentlich keine Fische mehr brauchte, bekam einen Weinanfall. Als Philina sie lebend in den Abort schütten und somit ihrer Freiheit zuführen wollte, erbarmte sie sich schließlich und übernahm sie in ihr schon reichlich fischgefülltes Becken. Philina entdeckte während des Besuchs einer Reptilien- und Amphibienpräsentation ihr Interesse für Kriechtiere. Und das große Aquarium wartete auf seine Weiternutzung. So jagte sie mit den Freunden Eidechsen, auch mal einen kleinen Frosch und versorgte die Tiere mit Fliegen, Regenwürmern und was sich sonst noch anbot. Einer der Jungen machte sich bei der Jagd an ihrem im Deckel gelochten Schuhkarton mit der Beute zu schaffen, wollte wohl die flinken Tierchen freilassen. Da warf sie sich entschlossen auf ihn; beide kullerten über den Rasen, den Hang hinab. Sie versuchte, ihn in den Schwitzkasten zu nehmen, drückte dabei aber mächtig auf die Nase, dass Blut floss.
»Polizei! Polizei!«, rief da der Geschädigte und machte einen Riesenlärm, bis endlich alle Freunde um ihn herumstanden und sich beinahe kranklachten.
Philina schwang ihren Rucksack auf die Tischplatte und schlenderte gleich weiter in die hintere Fensterecke des Klassenzimmers. Dort standen die Mädchen locker beieinander und winkten sie heran. Hier trafen sie sich, um geheimes Außerschulisches zu besprechen. Kally folgte ihr und fragte lässig in die Runde: »Hallo Mädels, was macht die Liebe?«
Einige kicherten verhalten; Alina winkte ab. »Kannst gehen. Das ist nichts für Kinder.«
Kally prustete mit dicken Backen, wurde aber abgedrängt.
»Worum geht’s?«, wollte Philina wissen.
»Kinderkriegen«, antwortete Alina kurz und sah ihr in die Augen.
»Kinderkriegen?«, wiederholte Philina gedehnt. »Seht her!« Sie legte die Hände auf ihre flachen Brüste. »Ich bin selbst noch ein Kind.« Eine Hand presste sie an ihren Schoß und barmte: »Eine Jungfrau bin ich auch noch.«
Die Umstehenden lachten und Alina pflichtete ihr bei: »Ja, du vielleicht.« Zwei Mädchen gackerten belustigt. »Ich wollte nur sagen«, holte sie aus, »meine Schwester ist schon einmal Mutter – alles okay ... damals! –, hat jetzt ihr zweites Kind geboren. Einen Jungen.« Sie hob die rechte Hand. »Bei ihm sind – das hat mit dem Rhesusfaktor zu tun – Zeige- und Mittelfinger zusammengewachsen.«
»Iii!«, rief die kleine Judith aus und eine andere sagte grinsend: »Ausgerechnet der Stinkefinger.«
Philina schüttelte sich. Wobei nicht klar war, weshalb.
»Man hat sie aber sofort beruhigt«, erklärte Alina, »die Finger können in ein paar Jahren leicht getrennt werden.«
»Schon«, wandte Judith ein, »aber wie sieht das aus!« Jetzt streckte sie ihre Hand und führte eine Bleistiftspitze die angenommene Trennlinie entlang. »Wenn hier geschnitten wird, bleiben oben und unten Kanten. Sie runden sich zwar noch etwas, aber niemals so wie zwischen normal gewachsenen Fingern.«
Die Mädchen blickten unsicher zu Boden oder hilfesuchend Alina an, bis eines fragte: »Konnte man das nicht vor der Geburt feststellen?«
»Ich glaube nicht«, entgegnete Alina und trat auf sie zu. »Und, wenn es früh genug feststellbar gewesen wäre, würdest du deshalb auf das Kind verzichten wollen?«
Als eine Antwort ausblieb, berichtete Maria: »Eine Freundin meiner Mutti hat einen Jungen geboren, dem auf einer Seite zwei Rippen fehlen. Und das hat sie gewusst. Rechtzeitig!« Sie sah sich beschwörend in der Gruppe um. »Jetzt ist er bereits groß. Ein bisschen gehandicapt bleibt er schon; das ist nicht zu leugnen. Er achtet aber sehr darauf, gerade und aufrecht zu stehen und zu gehen. Das erreicht er auch durch Trainieren der Muskeln mit Krafttraining.« Nach einer Weile fügte sie leise hinzu: »Und den würde ich ohne Bedenken heiraten!«
Heute nahm Philina mit dem Fahrrad die Abkürzung am Festungsgraben entlang und hielt auf einem Hügel an. Das Wetter war so mild nach den vielen kalten Regentagen wie lange nicht. Am Fuß des erwärmten Hanges hockte ein Angler. Sie schlenderte auf ihn zu und grüßte frech: »Petri Heil! Na, beißen sie?«
Der Angler dankte, sprang auf, ohne sich umzudrehen und zog mit der Rute einen zappelnden Fisch aus dem Wasser.
»Oh, ich habe Ihnen Glück gebracht.«
Der Mittzwanzigjährige wandte sich, in die Sonne blinzelnd, zu ihr hin und schmunzelte. »Leider nützt er mir gar nichts. Der ist viel zu klein. Den hole ich mir, wenn er fetter ist.« Er zog die Plötze vom Haken und warf sie weit hinaus ins Wasser zurück. Als er einen weiteren Wurm aus einer Blechbüchse fingerte, trat sie näher heran, um besser sehen zu können.
Er bat: »Halte die Büchse. Ich zeig es dir.«
»Bei der Wärme kann ich das wohl auch«, murmelte sie mit Blick auf seinen freien Oberkörper und streifte ihre Bluse ab. Darunter trug sie einen Bikini.
Er nahm den Haken in die Linke und den Regenwurm in die Rechte. »Jetzt wird der Wurm am Kopfende ...« Er kicherte. »Vielleicht ist es auch der Hintern ... aufgespießt und bis ganz oben auf den Haken gezogen und geschoben.«
Philina tänzelte schon kribbelig. »Das will ich auch«, bettelte sie. Der Angler gab ihr seine zweite Angel und ließ sie selbst das Kunststück ausführen.
Er sah zu, wie konzentriert sie dabei vorging. »Du bist sehr hübsch«, sagte er.
»Ich weiß«, antwortete sie, während sie ihr Werk vollendete.
Er nahm ihr die Rute ab und warf mit Schwung den Köder weit hinaus.
»Das kann jetzt dauern«, meinte er und setzte sich auf den Rasen. Als sie bald danach einen Biss beobachteten, kurbelte sie die Sehne auf die Angelrolle und präsentierte ihm den Fang. Er strahlte über den schnellen und beeindruckenden Erfolg und sagte: »Oh, dafür könnte ich dich küssen.«
»Tu es doch.« Sie kniete sich neben ihn hinunter und ließ sich willig auf den jetzt auf dem Rücken Liegenden ziehen.
Nach einem langen Kuss fragte er: »Wollen wir es machen?« Dabei streichelte er sie.
»Ich möchte gern ... Mit neun oder zehn haben wir uns schon mal so übereinandergelegt oder hintereinander gekniet und dabei umschlungen. Bei Möhre auf der Couch. Paarweise. So wie wir das im elterlichen Schlafzimmer oder Fernsehen mitgekriegt haben. Badesachen ausgezogen und dann nackt. Aber in dem Alter ging ja noch nichts. Das war bloß so angedeutet. Die Umstehenden haben andauernd gekichert und gelacht.« Später hat es dann einer aus den höheren Klassen richtig mit mir gemacht. Daran habe ich nur noch den Schmerz und Blut in Erinnerung. Deshalb wäre ich froh, wenn ich das alles loswerden könnte ...«
Er drückte ihr seine warme Hand auf die Schulter und sagte: »Es passiert ja auch nichts. Ich habe einen Gummi mit. Und es wird auch nicht wehtun.«
»Meinen Ersten habe ich gefragt, ob ich bei der Entjungferung schwanger werden könne. Das hat er praktisch verneint. Es passiere nur ganz selten.«
Der Angler zog seine Hose aus. Während er sich von ihr wegdrehte, rutschte sie schnell näher.
»Ich will das sehen.«
Er bewegte sich wieder auf den Rücken. Sie guckte genau hin, wie er das Kondom auf seine Peniskuppe legte und mit Daumen und Zeigefinger herunterrollte. Als das – wohl durch Schieflage – ins Stocken geriet, half sie ihm mit beiden Händen, wie sie es in der Schule auf einem Besenstiel geübt hatten.
Er fragte noch einmal: »Und, du bist wirklich einverstanden?«
Sie nickte heftig. »In der Klasse, die Jungs sind alle doof. Wenn Sex nur angedeutet wird, kichern sie schon oder kommen mit markigen Sprüchen wie: Dann erscheint Lukas mit seinem Prügel! Einer ist dabei, ein Großer, Schlanker, Ruhiger. Den hebe ich mir auf zum Heiraten.«
Mehr als ein Drücken verspürte sie nicht. Hinterher fand sie, obwohl sie etwas verkrampft war, alles wunderbar. Vor allem, weil es endlich richtig passiert war. Jetzt konnte sie wirklich mitreden! Sie fragte, ob sie sich wieder treffen könnten.
»Lieber nicht«, antwortete er, »auf die Fische und mich warten zu Hause mein Sohn und meine Frau.«
Als Philina ihre Hausaufgaben erledigt hatte, verließ sie die Wohnung in Richtung Bushaltestelle. Da traf man immer Bekannte. Die Wartehalle galt als Jugendclubersatz. Schon auf dem Weg dorthin begegnete ihr der ewig strubblige Möhre mit Senta an der Leine. Er schlug vor, die reich begrünte Nebenstraße in Richtung neuer Kirche zu gehen. An der Haltestelle sei noch nichts los und autofreie Straßen gefielen der Schäferhündin besser.
Warum nicht, dachte Philina. Sie mochte große Hunde und Senta hielt sich offenbar gern in ihrer Nähe auf. Schon, weil sie immer einmal ihren Hals kraulte. »Na, was machst du so«, fragte sie, um ein Gespräch in Gang zu bringen, »was willst du einmal werden?«
Möhre sog tief die Luft ein, bevor er antwortete: »Ich werde wohl die Tischlerei unseres Vaters übernehmen. Dazu gehören fünfzehn Beschäftigte. Aufträge ohne Ende. Ich freue mich drauf.«
»Oh, cool«, sagte Philina, »so etwas hört man selten.«
»Eigentlich sollte ja mein Bruder Locker den Betrieb leiten, aber er will nicht.«
»Warum denn nicht? Was treibt er so?«
»Zirkus. Er ist Artist.«
Philina wirkte wie elektrisiert. »Tatsächlich? In welchem Zirkus? Was macht er da? Wie lange schon?«
Möhre sah sie verwundert an. »Ist was?«
Sie setzten sich auf die Bank neben dem Kirchenportal. Drinnen spielte jemand Orgel. Philina schluckte. Sollte sie von ihren geheimsten Wünschen erzählen? Nachdenklich sah sie Möhre in die Augen. »Du kannst schweigen?«
Er nickte. Ihm konnte sie wohl wirklich vertrauen. »Ich will abhauen.«
Er antwortete nicht, wartete geduldig auf Erklärendes.
Philina, sonst immer die Selbstsicherheit, wand sich, knetete ihre Hände. Schließlich sagte sie: »Mit fünfzehn hast du doch alles drauf, was man zum Leben braucht. Mehr können sie dir zu Hause nicht beibringen. Allenfalls Schnörkel. Das mit der Schule – ewig lange noch – ist mir nichts. Es muss auch Abkürzungen geben, um etwas zu erreichen.« Als Möhre immer noch nicht reagierte, fuhr sie fort: »Guck mal die Popsänger an. Wenn sie Glück haben, werden sie in unserem Alter entdeckt, sagen: Schule bye-bye!, und landen auf der großen Bühne in Los Angeles oder sonst wo. Den Models oder auch den Fußballern geht es doch genauso. Nach ein paar Jahren wissen sie nicht mehr, wohin mit der Kohle.«
Sie saß auf ihren Händen und schurrte mit den Schuhen im Kies.
»Ich will einen Schlussstrich unter mein bisheriges Leben ziehen. Ein Familienleben, das eigentlich gar keins ist. Vater reist ständig als Monteur und was weiß ich um die Welt. Mutter versucht, Parfüm zu verkaufen. ‚Heute Abend machen wir es uns schön‘, hat sie mir oft schon als Kind morgens zum Abschied versprochen. Wenn sie später als erhofft nach Hause kam, weckte sie mich auf der Couch. Vor Hunger war ich eingeschlafen. Im Arm hielt ich noch das Stoffkamel, das blöken konnte. Mein Vater hatte es mir aus Kuwait mitgebracht. Genauso wie das Glas mit Originalwüstensand, das über meinem Bett im Regal steht. Schwester Ulrike wurde schon früh an unsere Oma ausgeliehen und wohnte danach im Internat. Alle vier sind wir so gut wie nie zusammen ...« Sie sah ihn herausfordernd an. »Wir haben schon längst alles gelernt, was wir zum Leben brauchen. Stimmt doch. Oder nicht?«
»Und was willst du machen?«, fragte Möhre. »Das Leben ist hart.« Jetzt schmunzelte er über seine Weisheit.
»Ich bin gut in Sport, besonders Turnen, Gymnastik. Da stehe ich immer auf eins plus. Zurzeit spiele ich Handball, schon einige Male in einer höheren Altersstufe. Ich will auch nicht auf den Kanaren kellnern oder in Paris die Bardame machen. Es muss schon etwas Richtiges, aber auch Besonderes sein.«
»Und, da denkst du an Zirkus?«, fragte Möhre.
Philina zog die Schultern hoch. »Jetzt, wo du es gesagt hast ... Es könnten auch Varieté oder irgendwelche Shows sein. Auf das Abitur pfeife ich gern.«
»Ehrlich gesagt, das geht mir zu weit. Aber Locker kommt demnächst. Ich vermittle dir gern ein Beratungsgespräch.« Da fiel Philina ihm um den Hals und drückte den Verblüfften an sich.
Wieder allein, konnte sie an nichts anderes denken. Angenommen, Locker könnte sie im Zirkus unterbringen, mit ihr irgendetwas trainieren. Der weiß, was gefragt ist, wo ein Akteur fehlt. Möglich wäre vielleicht auch ein Kurzlehrgang an einer Artistenschule. Sie rieb sich die Hände und ließ ihrer Fantasie immer weiter freien Lauf. In der Folgezeit konnte sie den Gedanken daran nicht loswerden. Sie träumte sogar davon. Eines Nachts schreckte sie hoch. Hatte sie verschlafen? Locker wollte sie abholen. Drei Uhr hatten sie vereinbart. Sie trat ans Fenster. Kein Auto zu sehen! Ein anderes Mal überraschte ihr Vater sie wortlos im Flur. Er wusste, dass sie nicht zu halten war. Auf seinen fragenden Blick antwortete sie, es kommt, wie es kommt. Er hielt ihr mehrere Hunderteuroscheine hin. Sie lehnte ab. Als er sie trotzdem in ihre Reisetasche stecken wollte, stemmte sie sich dagegen, schob die Bettdecke zur Seite und blickte ihrer Mutter in die Augen.
»Aufstehen, Fräulein! Wecker wieder nicht gehört, was. Heute Abend gehst du früher ins Bett!«
Möhre schickte eine SMS: »Locker ist da. Komm vorbei.« Philina zog die Nase kraus. Kurz und geschmacklos, dachte sie. Ausgerechnet jetzt fiel ihr ein, dass Möhres Name von seiner Mohrrüben ähnlichen Gesichtsfarbe herrührte, wie ihr Schulfreund Heiner wusste. Sie drehte sich ein paarmal vor dem Spiegel, bis sie sich fragte: Was ist denn nun, willst du oder nicht? Natürlich wollte sie, musste sich bloß noch ein wenig sammeln. Sie kannte Locker gar nicht. Weshalb wurde er so genannt? Er hatte doch sicher einen richtigen Namen. War er im Umgang mit anderen besonders locker oder war das Locken seine Stärke? Er musste schon frühzeitig aus dem Haus und der Gegend verschwunden sein. Was war er für ein Mensch? Vertrauenswürdig? Sie grübelte. Ausgerechnet sie hatte Hemmungen!
Möhre und Locker spielten Tischtennis im Garten hinter dem Siedlungshaus. Senta saß neben der Platte in Höhe des Netzes. Ihr Kopf schwenkte mit dem Pingpong hin und her. Sie zählte offenbar die Aufschläge. Die beiden unterbrachen sofort ihr Spiel und begrüßten Philina.
»Trinkst du ein Bier mit?«, fragte Locker. Er war ein gebräunter italienischer Typ mit schwarz gelocktem Haar. Ganz anders als der blasse rothaarige Möhre. An den beiden hatten hundertprozentig zwei Väter gearbeitet.
Philina verneinte ohne zu zögern. Einen Schluck Alkohol trank sie sonst kaum einmal und heute schon gar nicht. In den folgenden zukunftsträchtigen Minuten war ein klarer Kopf gefragt. Locker drängte sich zwischen Möhre und sie auf die Gartenbank. Dabei eine Hand freundschaftlich auf der auf ihrem Knie ruhenden Rechten haltend. Auf seine Frage versuchte sie, ihm ihre Vorstellungen oder besser Sehnsüchte darzulegen. Dabei merkte sie, wie unsicher sie war. Ihre Klassenlehrerin Frau Rossau würde vorschlagen: »Das übst du zum nächsten Montag noch einmal.«
Trotzdem hörte er heraus, dass sie nicht länger bei den Eltern bleiben und sich stattdessen in der weiten Welt zu ihrem Vorteil umsehen wollte.
Sie zog die Schultern hoch und räumte ein: »So ähnlich.«
Nach einem geräuschvollen Durchatmen sagte er: »Da du abhauen, also heimlich abreisen willst, kann ich dich nächsten Montag, früh vier Uhr, abholen.« Wohl, um das zu unterstreichen, legte er immer wieder einmal die Hand an ihren nackten Unterarm und rückte näher. »Unser Unternehmen gastiert derzeit in Mitteldeutschland. Von dort aus gehst du mit auf Tournee.«
Philina rieb die Hände zuversichtlich aneinander.
Locker nickte. »Gut. Da wir heimlich arbeiten, werde ich dich in das Heiligtum hineinschleusen.« Dabei breitete er immer wieder die Arme vor ihr aus. Wohl um das Gesagte zu unterstreichen. »Da gibt es diverse Möglichkeiten.«
Wenn er jetzt die Hand auf meinen Oberschenkel legt, verschwinde ich, hatte sie sich vorgenommen.
«Ich werde mit dir trainieren, um zu sehen, was du kannst, wofür du geeignet bist. Jonglieren, ein bisschen Schwebebalken, Ringe ... Wenn du besser bist, vielleicht Seil- und Stangenklettern, Salto ... Möglich ist auch Dressur.« Er sah ihr in die Augen und richtete sich auf. »Na klar! Für die Ziegen wird jemand gesucht. Du stehst in der Arenamitte und knallst mit der Peitsche. Pyramiden bauen und Galopp der Herde; Tempolauf linksherum, rechtsherum. Du könntest locker bei den Ziegen schlafen. Neben dem Stall steht die Kiste mit dem Heu. Angenehm duftig. Da ist viel Platz drin, sehr geräumig. Der Raum reicht locker für zwei.«
Jetzt massierte er mit seiner Hand schon ihr Knie und konnte plötzlich nicht mehr an sich halten. Laut prustete er los und legte seinen Arm um ihre Schulter.
»Pass auf! Du merkst schon, so geht es nicht. Ganz früher vielleicht. Heute musst du irgendwo gemeldet sein. Sonst sucht dich sofort Interpol. Es gibt selbstverständlich Artistenschulen. Die erfolgreichste in Berlin. Bei Eignung ist der Einstieg schon ab der fünften Klasse möglich. Aber auch später – wenn Talent erkennbar ist. Unterrichtet werden Akrobatik, Gymnastik, Tanz, Jonglage, Trapez, Drahtseil – bis zum Abitur. Wenn du spitze bist, baust du dir danach eine eigene Nummer auf und zeigst sie im Zirkus deiner Wahl dem staunenden Publikum. Forderst natürlich eine anständige Gage! Wenn das nichts wird, hilft nur Klinkenputzen in Ferienheimen und Kindergärten.«
Sie nahm alle Entschlusskraft zusammen und fragte: »Und, wozu rätst du mir?«
»Du bist ein tolles Mädchen.« Jetzt rückte er überraschend etwas von ihr ab. »Mach dein Studium, besorg dir einen Job und setze Kinder in die Welt. Das ist das Vernünftigste, was du tun kannst.«
Philina beugte sich zu ihm hinüber und küsste ihn auf den Mund. Sie sprang hoch, winkte beiden mit erhobenen Händen zu und lief vom Hof.
»Und vor allem«, rief er ihr nach, »mach dich locker!«
Als sie Heiner traf, sah sie ihn freudestrahlend an. Sie mochte den Schulfreund. Nicht nur wegen seiner Veranlagung: Er konnte prima singen. Bekam immer seine Eins im Musikunterricht. Tolles Talent für einen Knabenchor.
Einmal holte die Clique Philina von zu Hause ab. Zweigeschossiger Vorkriegsblock. Die Siedlung, gebaut für die Arbeiter einer Rüstungsfirma. Den Zulieferer eines Flugzeugwerkes. Vier Wohnungen pro Eingang. Und das dreimal nebeneinander in einem Block. Alles hellhörig. Sie hatten von unten geklingelt.
Sie ließ sich Zeit, kam gemächlich mit dem reichlich laut gestellten Rekorder die Treppe herunter und sang dazu. Mit zehn hat man so was drauf! Als sie die unterste Stufe erreichte, riss der Nachbar seine Tür auf und brüllte: »Stell sofort das Ding aus! Ich habe dir schon hundertmal gesagt ...«
»Und, ich habe Ihnen schon tausendmal geantwortet«, schrie sie zurück, »dass mich das einen Scheißdreck interessiert. Sie haben mir überhaupt nichts zu sagen!«
Die vor der Haustür wartenden Freunde hatten beeindruckt die Köpfe eingezogen und verschwanden stumm mit ihrer zwar jüngeren, aber beinahe alle überragenden Freundin.
Nur Heiner war größer. Er meinte: »Mal ehrlich, vor dir muss ich ständig neu den Hut ziehen. Du bist eine echte Perle. Schimpfen kannst du überzeugender als jeder andere.«
Philina freute sich. Dabei war das längst nicht immer so. Zu Jungs zog es sie eigentlich schon lange mehr, weil in der Gegend kaum Mädchen wohnten. Und die wenigen mit ihrem Puppengehabe ... Bloß einmal hatten die Freunde sie sitzen lassen. Mit fünf oder sechs. Da wollten die Großen und Größeren eines Tages zum See am Kanal baden gehen. Zu Fuß über die Feldwege! Nachmittags! Sieben Kilometer! Eine Tour! Da standen alle um sie herum. Ein kräftiger Zwölfjähriger wollte sie auf den Schultern tragen. Aber Rudi, der fünfzehnjährige rothaarige Anführer, schüttelte den Kopf. »No, no, das wird nix!«
Wer weiß, wofür es gut war, denn ihre Mutter hatte immer streng gefordert: Abmelden, wenn du verschwinden willst! Und wenn wir nicht daheim sind, bleib unbedingt in Hausnähe!
Da hatten die anderen Jungs noch getröstet: Bleib hier, Baby!, und ihr über das Haar gestrichen. Wenn sie später an so etwas dachte, sagte sie sich, dass sie für die wilden Jungs immer eine Art Maskottchen gewesen sein muss, auf das sie stolz waren und aufpassen wollten.
Heute, wo sie wieder zusammengetroffen waren, fragte Heiner: »Warum lachst du?«, und verlangte nach Kaugummi.
Sie hakte sich bei ihm unter, nahm ihren zwischen die Zähne und ließ ihn die herausragende Hälfte abbeißen. Dann erklärte sie: »Ich habe mir eben einen Zahn ziehen lassen.«
Auf ihren Bericht zog Heiner sie erfreut an sich und sagte: »Es gibt also wirklich noch vernünftige Menschen außer mir.«
Erst in den Federn kam sie noch einmal auf die ganze Geschichte. Es war schon komisch, manchmal war sie total von einer Sache überzeugt, dass es kein Halten gab. Unbedingt von zu Hause auszubrechen war so etwas. Aber im Bett wurde sie weicher. Sie hatte die dazugehörige Frage recherchiert. »Thema Schulabbrecher. Abitur sausen lassen? Dann kannst du zum Beispiel als Tagelöhner auf den Bau«, schrieb ein irgendwie Betroffener. »Da geht es eigentlich nur noch bergab.«
Mit ihrem Vater verhielt es sich so: Er war beruflich viel unterwegs, kam manchmal wochenlang nicht nach Europa. Dann wieder jeden Tag nach Hause, aber erst abends spät, wenn sie bereits schlief.
»Schreib auf, wenn du etwas brauchst«, hatte er deshalb geraten. Daran hatte sie sich gehalten. Einmal ging es um eine Schatztruhe für ihren Schmuck, das Silberkettchen mit dem Zwillingsmedaillon von Tante Alwine aus Kaufungen zum Beispiel, ein anderes Mal um ein Futterhäuschen für die Wintervögel. Eben solche kleineren Dinge. Ein oder zwei Tage später stand das Gewünschte morgens an ihrem Bett. Das Stärkste war der Beiwagen für ihren Roller. Die Aktion dauerte etwas länger, wurde aber ein Renner und von allen Freunden bewundert. Heiner raste mit ihr bei jeder Gelegenheit – mit dem Mund Motorgeräusche erzeugend – ein paar Runden um den Häuserblock. Sie kniete, windschlüpfrig gebeugt, im Beiwagen und klammerte sich an der Haltestange fest. Glücklich winkte sie dabei mit Papierfähnchen den Straßenpassanten zu. Sie sah zum nachtdunklen Fenster. Und jetzt wollte sie heimlich von so einem Vater weg? Wütend warf sie sich auf die Seite.
Zum Gymnasium nahm Philina in den kalten Monaten den Bus. Für besseres Wetter hatte sie aber schon ihr Trekkingrad bereitgemacht. Zwei Haltestellen weiter stieg Maria ein und setzte sich zu ihr.
»Weißt du schon das Neueste?«, forschte sofort die Freundin.
Philina sah lächelnd aus dem Fenster. »Na, du wirst es mir gleich erzählen. Oder?« Sie wandte sich ihr wieder zu.
»Vanessa ist schwanger«, platzte Maria heraus.
Philina lehnte sich betroffen zurück. Beinahe hätte sie sich erkundigt, wie das möglich sein könne. Stattdessen fragte sie: »Vanessa wird es aber wegmachen lassen? Na klar. Muss sie!«
»Will sie nicht. Dabei fällt die Geburt genau in die Abi-Prüfungen. Dann ist sie achtzehn.«
»Ist sie denn verrückt. Das kann ihre Zukunft ruinieren. Das Problem elegant zu lösen, ist heutzutage ganz einfach.«
»Du bist immer gegen ein Kind. Wenn es bei mir passieren sollte, würde ich die Geburt auf keinen Fall verhindern.«
»Und die vielen Untersuchungen!«, mahnte Philina. »Was das für Zeit in Anspruch nimmt ...«
»Man kann Prüfungstermine verschieben. Und wenn sie ein Jahr wiederholen müsste, wäre das auch Nebensache. Außerdem: Wir sind jung. Da muss bloß das Wichtigste getestet werden.«
»Mein Gott, bist du naiv. Als wenn es nur um das Abi ginge. Das ganze Leben verpfuscht man sich mit einer Mutterschaft. Da gibt es erst einmal die Risiken in der langen Zeit der Schwangerschaft. Schon die ersten drei Monate überleben längst nicht alle Embryos. Dann noch die sechsmonatige Wachstumsphase im Mutterleib mit allen möglichen Einschlägen von drinnen und draußen. Nicht umsonst heißt es, die Schwangere ist guter Hoffnung. Weiß sie denn, wie die Entbindung verläuft? Ist die Nabelschnur verheddert? Wie lange bleibt das Baby im Geburtskanal? Genügt der Sauerstoff, das Gehirn ausreichend zu versorgen? Ein Kaiserschnitt muss helfen. Aber das ist alles nichts gegen die folgenden zwanzig Jahre und vielleicht noch viel mehr, die es dir zur Last fällt.« Philina presste ihre Tasche an die Brust und starrte ziellos zum Fenster hinaus. »Für mich steht fest: Ich will kein Kind!« Nach kurzem Nachdenken fügte sie hinzu: »Da kannst du dir nie sicher sein, dass du das ungeschoren überlebst. Die Attacken können von allen Seiten kommen.«
»Wie kann man nur so Schlimmes denken! Andere freuen sich darauf. Fahren nach Gottweißwohin, um sich befruchten zu lassen ...«
»Damit sie den Rachen vollkriegen, werden es dann – wie schon eingetreten – statt einem womöglich Vierlinge.«
Maria ließ sich nicht beirren und beendete ihren angefangenen Satz: » ... suchen Leihmütter oder adoptieren Kinder.«
Selbstverständlich setzen sich einige gründlich mit der Frage auseinander, sind unendlich enttäuscht, wenn es ihnen nicht gelingt. »Aber was denken denn die meisten Leute mit Kinderwunsch? Erst mal machen; das Großziehen wird schon irgendwie funktionieren. Andere haben das auch hingekriegt. Und was die können, packen wir schon lange. Sie bedenken einfach nicht, was da alles schiefgehen kann. Angenommen, die Geburt verläuft gut. Es ist endlich draußen. Geschrien hat es auch. Dann wird geguckt. Ist alles dran? Nichts zusammengewachsen, was getrennt gehört? Ist der Rücken von oben bis unten geschlossen? Ist es mongoloid? Reicht das? Was sich später noch alles einstellen kann, will ich nicht einmal andeuten.«
»Dann hättest du auch nicht geboren werden dürfen!«
»Zumindest habe ich das nicht zu verantworten.« Philina zog die Schultern hoch. Auf Marias heftiges Kopfschütteln erklärte sie: »Außerdem: Am schlimmsten sind vielleicht nicht mal irgendwelche körperlichen Mängel, sondern die lebenslangen Belästigungen, Enttäuschungen, wenn nicht gar Bedrohungen durch Kinder.«
Maria ließ nicht locker. »Du erinnerst dich an Kafka, den auch du schätzt. ‚Glück ist, an der Wiege deines Kindes deinem Partner gegenüber zu sitzen!‘ Ist das nicht schön?«
Und energisch an Philina gewandt, schimpfte sie: »Alter Schwarzseher!«
Die Freundin murmelte: »Glaub du mal an solche Märchen!«
Sie fuhren wortlos bis zur nächsten Haltestelle. Vor dem Aussteigen unterstrich Maria noch: »Ich würde es mir sogar ohne Partner überlegen. Wenn ich es nicht wenigstens versuchen würde, müsste ich mir das ewig vorhalten, könnte es nie verzeihen. Denn später, nach der Menopause, hätte ich absolut keine Chance mehr. Das würde ich mir bis in alle Ewigkeiten vorwerfen!«
Das letzte Jahr am Gymnasium hatte Philina noch einmal einen richtigen Lernschub verpasst. Es heißt ja immer, Kleinkinder lernen am Besten, gewissermaßen im Vorbeiflug. Ganz so zeigte es sich bei ihr nicht. Aber sie lernte sehr interessiert. Wenn im Fach Deutsch Literatur mit Dostojewski angesagt war oder Tolstoi, dann las sie nicht nur die vorgegebene schmale Novelle, sondern verschlang auch noch »Schuld und Sühne« und »Anna Karenina«. Mathematik und Physik waren sowieso ihre Lieblingsfächer. Das hatte sie bestimmt von ihrem Vater, dem Ingenieur. Der war Techniker durch und durch. Aber zum gefühlsmäßig Wichtigsten entwickelte sich für sie irgendwann Geschichte. Und zwar Frauengeschichte. Für eine Belegarbeit wählte sie die »Suffragetten«, den Kampf der englischen Frauen um die Gleichberechtigung um 1900. 1918 hatten sie das Wahlrecht erkämpft. Sie mochte kämpferische Frauen. Ganz gleich auf welchem Gebiet. Kleopatra in der Politik. Später Jenny Marx. Die Aufklärerin Erika Mann und die mexikanische Malerin Frida Kahlo. Die CDs von der schwarzen Mahalia Jackson besaß sie alle. Was die Sängerin wegen ihrer Hautfarbe erdulden musste! Wenn Philina in einem Film auf eine der starken Frauen stieß, hätte sie schreien können vor Begeisterung. Dieser Drang zur Selbstbestimmung dominierte auch ihr Handeln. Eigentlich machte sie alles, was sie anfasste, ganz intensiv.
Schließlich kam die Qual der Wahl auf sie zu. Drei Mitschüler hatten Ärzte als Eltern. Sogar paarweise. Hatten sich schon als Studenten zusammengetan. Natürlich strebte auch der Nachwuchs das Medizinstudium an. Wenn nicht freiwillig, wurde vielleicht nachgeholfen. Kinder von Handwerksmeistern mit eigenen Tischlereien und Elektroinstallationsbetrieben waren auch darunter und wollten Einschlägiges studieren.
Sie wussten wenigstens gleich, wo es langging. Als Philinas sehr umgänglicher Doktor Fill – der kluge Philosoph – neben anderen sie überraschend fragte, was sie denn studieren wolle und ob er helfen könne, antwortete sie nur zögerlich und ganz leise, einer ersten Eingebung folgend: »Sehr gern Biologie und da wieder Zoologie.« Ausschlaggebend für die Wahl war immer noch ihre Beschäftigung mit Kleintieren wie Eidechsen und ihr Interesse für Schlangen, von denen sie zwar nie eine besessen hatte, aber immer noch von ihren Bewegungen, ihrem Verhalten und ihrem gesamten Wesen fasziniert war. Latein sei für sie kein Problem. Es wäre auch vielseitig anwendbar.
Einige Schüler hatten die Tuschelei jedoch mitbekommen. Jedenfalls rief Carsten von hinten: »Ohne Arbeitsplatzzusage würde ich da keinesfalls ein Studium beginnen.«
Doktor Fill fragte erstaunt zurück: »Weshalb sind Sie da so sicher?«
»Bevor mal ein Zoodirektor den Hut nimmt, das dauert. Und sonstige Tätigkeiten ... na ja! Mein Vater ist alle paar Jahre auf der Suche.«
Inzwischen hatte Philina sich noch einmal an Doktor Fill gewandt: »Am allerliebsten, da wird mir zwar immer abgeraten, würde ich Archäologie studieren.«
»Aaa! Ins Mumienkabinett!«, rief jetzt Kally von der Fensterfront. Er hatte sofort die Lacher auf seiner Seite.
»Warum denn?«, wollte Doktor Fill von ihr wissen.
Philina zögerte, modellierte mit den Händen irgendwelche Figuren in die Luft. »Es ist das Rätselhafte. Bei Ausgrabungen werden irgendwelche Scherben und Tonreste gefunden. Was war das einmal? Der eine sieht die Stücke in einer Figur, der andere in einer Amphore ... Also weitersuchen. Dann wird ein Grab gefunden oder am Ende der Keller eines Hauses. Ringsum weitere Häuser ... eine ganze Stadt ...«
Da brachte sich Bessie ein. »Ich weiß, die Menschheitsgeschichte muss neu geschrieben werden ... Trümmer, Knochen! Vielleicht noch die Keilschrift der Sumerer? Das ist alles so was verdammt Spezielles. Wer braucht das denn? Die paar freien Stellen, die es in ganz Deutschland für ordentliche Positionen gibt, kannst du an einer Hand abzählen. Das ist wie Konzertharfe spielen. Mit dem Job verdienst du nur in Ausnahmefällen, bei anständigen Engagements annähernd richtig. Und eines Tages taucht eine junge hübsche Tussi auf, da sagt der Dirigent zu dir: ‚Ähm, tut mir leid: bla-bla-bla!‘«
Schließlich kam ihr Corinna zu Hilfe: »Wenn dir nichts Vernünftiges einfällt, Schwester« – so sagte sie immer, wenn sie meinte, helfen zu müssen und einen Tipp gab –, »dann mach BWL! Sechs Semester Betriebswirtschaftslehre, die reißt du auf einer ... na ja ... runter. Damit kannst du alles erreichen: Abteilungsleiterin, Direktorin, Ministerin. Genügt das?«
Philina lachte erlöst auf. »Das mach ich!« Und Corinna wurde ihre Freundin.
Später schämte sie sich wegen dieses Auftritts bei Doktor Fill. Das war einer Gymnasiumabsolventin unwürdig! Weshalb hatte sie denn nicht noch Schriftstellerin als Wunschberuf genannt, wo sie sich bereits an Kurzgeschichten versucht hatte. Oder Philosophin, nach ihrem Interesse für starken Frauen aus der älteren und jüngeren Geschichte. Sie war, schlicht gesagt, noch nicht entschlossen genug, sich auf einen einzigen beruflichen Werdegang festzulegen. Aber vielleicht war BWL wirklich die Lösung für sie.
»Vater fünfzig, Mutter zweiundfünfzig, Ulrike dreißig«, murmelte Philina vor sich hin. Ihr Vater beging seinen runden Geburtstag und ihre Halbschwester hatte tatsächlich ihr Kommen zugesagt. Am wenigsten erbaut davon war ihre Mutter. Sie legte auch fest, dass in einem Restaurant gegessen werde. Im »Lindenweiler« hatte sie sofort gebucht. Auf der Bowlingbahn könnten die Gäste sogar die Nacht durch weiterkegeln – sie lachte spitzbübisch – und in der dazugehörigen Pension in aller Ruhe ausschlafen. »In unserer kleinen Wohnung ist das alles nicht zu stemmen«, behauptete sie mit vorwurfsvollem Blick auf ihren Mann. »Wenn du deinen Fünfzigsten schon mit einem Riesenpomp begehen musst, ist das so.«
Die letzte große Familienzusammenkunft hatte vor drei Jahren stattgefunden. Nach dem Riesenkrach am Ende hatte der Vater entschieden, das vorläufig nicht wieder ertragen zu können, dabei hoffend, dass in der Zwischenzeit die Beteiligten eventuell reifen würden.
Die dunkelblonde Ulrike erschien mit ihrem Freund Bertram, einem großen, gut aussehenden Fünfunddreißigjährigen. Schon bei der Begrüßung fiel sie ihrem Stiefvater um den Hals und war den Tränen nah. Ihre Mutter begrüßte sie wortlos mit angedeutetem Wangendrücken links-rechts. Philina zog sie sanft zu sich heran. Zwischen den Verwandten wuselten und drängten sich noch einige Nachbarn und Kollegen, sodass alles ziemlich entspannt aussah.
Philina schlich später um ihre Schwester herum, suchte Blickkontakt herzustellen und konnte sie endlich mit einem Teller erlesener Pralinen in den offenen Pavillon im Garten locken. Die Kissen lagen noch draußen. Es war ein schöner Altweibersommertag. Sie verharrten überrascht und sahen auf einen kräftigen Grünspecht, der auf dem Rasen gelandet war und wie wild auf ein Stück Holz einhackte. Was suchte er nur, steckte ein Braten in dem Aststück? Lachend setzten sie sich.
»Große Schwester«, sagte Philina zu der Älteren, »wir konnten uns ja noch nie vernünftig miteinander unterhalten. Aber seit einiger Zeit bin ich selber groß. Denke ich jedenfalls.«
Ulrike versuchte abzuwiegeln. »Was erwartest du? Ich bin nichts Besonderes.« Aufblickend fragte sie: »Du studierst jetzt?«
»Ich beginne demnächst. BWL.«
»Schön! Sicher interessant!«
»Das werde ich in Erfahrung bringen.«
Daraufhin schmunzelte jede auf ihre Art. Ulrike lenkte schließlich ein: »Also gut, du weißt ...« Sie sah sich noch einmal prüfend zum Balkon hin um. »Ich habe einen anderen Vater als du. Mutter ging nach ihrer Trennung wieder auf die Suche. Jedoch, mit Kind wollte sie keiner. Da ließ sie mich bei der Großmutter, worauf es mit unserem jetzigen Vater – der ja eigentlich deiner ist – geklappt hat.«
»Der hätte euch ganz bestimmt beide genommen.«
»Jetzt wissen wir das. Aber sie wollte kein Risiko eingehen. Als später alles unter Dach und Fach war und du anrücktest, erwies sich, dass die Wohnung hier für vier Personen zu wenig Platz bot. Also drehte sie alles, wie es ihr passte. Du hier, aber ich blieb bei Oma.« Sie drehte an den Enden ihres Halstuchs. »Manchmal habe ich Tag und Nacht geheult. So ausgestoßen!« Dann richtete sie sich auf, sah ihrer Schwester lächelnd in die Augen und sagte: »Aber du siehst ja, ich bin auch so großgeworden.«
Philina lehnte sich zurück. »Ich habe mir immer eine Schwester gewünscht.«
»Ich bin zehn Jahre älter als du!«
»Das wäre mir doch egal gewesen.« Lachend fügte sie hinzu: »Davon hätte ich nur profitieren können. So musste ich mir die Kerle ohne Hilfe vom Leib halten.« Sie rückte näher an Ulrike heran und ließ sich in den Arm nehmen.
»Und wie ging es nach der Schule mit dir weiter?«
»Ich habe ebenfalls studiert. Journalismus. Sechs Semester. So wie du. ‚Bachelor of Arts‘ lautet der offizielle Abschluss.«
»Toll. Das könnte mir auch gefallen.«
Ulrike sah sie prüfend an. »Sicher wäre das etwas für dich: recherchieren, interviewen, moderieren ... Zur Ausbildung gehören Fremdsprachen, das Praktikum ... Anfangs haben wir noch kleine Brötchen gebacken. In irgendeiner Provinzstadt waren auf der Straße Leute auszuquetschen. Was sie vom örtlichen Fußballverein halten, wie die Jugendarbeit funktioniert und ob es Probleme irgendwelcher Art gibt – mit dem Bürgermeister, mit der Gesundheit, mit der Versorgung. Das wurde bewertet und einige Tageszeitungen haben etwas gedruckt. Dann wollten wir ja einen Arbeitsplatz, mussten uns also bewerben. Das kommt auf dich genauso zu!« Sie hob einen Zeigefinger. »Ich hatte ein bisschen Glück und erhielt von einer Illustrierten einen Vertrag. Es hieß, ich träfe den Geschmack der Leserschaft. Dann lernte ich Bertram näher kennen. Er ist fünf Jahre älter als ich, hat das gleiche studiert und war schon früher untergekommen. Wir waren glücklich. Aber bald wurde ich schwanger.« Sie löste sich von Philina und hob hilflos die Hände. »Was sollte ich denn tun? Ich wollte es haben. Mit sechsundzwanzig bekam ich Max ... Das weißt du ja alles ... Ein ganz lieber Kerl.« Sie legte erneut ihren Arm um Philina. »Ein paar Monate hatten wir ihn, dann wurde uns die Traumaufgabe angeboten. Südafrika! Allmonatlich Exklusivberichte für ein Politmagazin zu liefern.« Sie blickte Philina fest an. »Verstehst du das? Bertram und ich sind Vollblutjournalisten! Wir mussten das machen! Obwohl sich schnell zeigte: Der Job kann rau sein!« Sie sah Philina in die Augen. »In deinem Büro sitzt du kaum einmal ... Lebst vorwiegend auf der Straße, siehst schlimme Wohnviertel und Arbeitsbedingungen, zwängst dich in fürchterliche Quartiere ... Aber nicht nur ... Du bekommst, gar nicht weit davon, auch das komplette Gegenteil zu sehen. Fragst dich, wie können solche Unterschiede möglich sein?«
»Und Max?«
»Ja, wie das hinkriegen? Das war die große Frage. Wir haben alles versucht. Wir durften ihn ja nicht mitnehmen. Oma konnte und wollte wohl auch nicht mehr. Und unsere Mutter ... Sie brauche ihre Freiheit! Natürlich ist das nachvollziehbar, aber ...« Sie sah hinüber zum Haus. »Nichts war machbar.« Sie ließ ihre Arme hängen. »Wir haben ihn zur Adoption freigegeben!«
Philina schlug sich eine Hand auf den Mund.
Ulrike nickte. »Wir waren ja soo jung, hätten noch viele Kinder haben können. Das können wir nach wie vor. Trotzdem, die Zweifel an unserer Entscheidung kommen immer wieder hoch. Zum Glück sind die Adoptiveltern ganz tolle, aufgeschlossene Menschen. Zehn Jahre älter als wir. Sie haben Max von vornherein erklärt, er habe zwei Mütter und zwei Väter. Wir dürfen ihn besuchen, schreiben Karten und schicken Pakete.«
»Ist das nicht noch schlimmer als ein radikaler Schnitt?«, fragte Philina.
Ulrike seufzte und zerrte an ihrem Tuch. »Die Frage, wie es weitergeht, ist unser Trauma. Denn die Adoption ist unwiderruflich. Endgültig!«
Mit einem Knall flog im Wohnblock die Kellertür auf. Bertram stürmte heraus. »Hab ich euch endlich gefunden!« Er nahm Philina in die Arme. »Schwägerin, ich begrüße dich noch einmal ganz herzlich. Wir haben noch kein sinnvolles Wort miteinander gewechselt. Wie geht es dir? Hast du schon einen Freund?«
Philina sah ihn lächelnd an, ließ seine männliche Euphorie abklingen.
Schließlich antwortete sie: »Hallo Afrikaner! Ich beneide euch!«
Er zog einen Gartenstuhl heran und setzte sich. »Ja, das war einmal. Du weißt doch, alles hat ein Ende.« Er sah zu Ulrike hin, die ihm mit einer Geste antwortete. »Ach, so weit seid ihr noch nicht vorangekommen.«
Ulrike wandte sich Philina zu. »Man hat nach vier Jahren unseren Vertrag nicht verlängert. Es gäbe andere Brennpunkte auf dieser Welt. Aber die hätte man journalistisch bereits vergeben. Wir mussten also wieder von vorn beginnen. Bloß womit?«
Jetzt übernahm Bertram die Erklärung. »Wir haben überlegt: Was wissen wir; was können wir? Da blieben neben Journalismus nur Fremdsprachen. Ein bisschen Französisch, etwas Italienisch, aber eigentlich nur Englisch. Das kann doch jeder, dachten wir.«
»Ewig zu zweifeln nützt nichts, habe ich mich starkgemacht«, warf nun wieder Ulrike ein, »wir müssen es versuchen! Es schien uns anfangs unwahrscheinlich schwierig. Aber nach und nach fanden wir heraus, dass es für deutsch-englisches Dolmetschen und auch in Gegenrichtung einen eher bescheidenen, aber interessanten Markt gibt.«
»Aha«, meinte Philina erstaunt.
Bertram erklärte darauf: »Englisch und Englisch ist zweierlei. Was so auf der Straße und in den Kneipen gesprochen wird, ist für eine gehobenere Ebene nicht zu gebrauchen. Und da kamen wir als Anglisten im Nebenfach ins Gespräch. Wir haben in den USA auf kleineren Meetings gedolmetscht und Betriebsanleitungen für alle möglichen Produkte übersetzt. In Long Beach, südlich von Los Angeles, haben wir seitdem eine Wohnung. Und dann ...«
Ulrike unterbrach ihn ungeduldig: »Wir düsen um die Welt. Anfangs haben wir uns mit jedem Fliegendreck abgegeben. Aber jetzt sind wir wählerisch. Qualität zahlt sich aus! Auf der letzten Winterolympiade hatten wir reichlich Arbeit; auf Hawaii gab es einen großen Auftrag vom Tourismusverband und in Seattle an der Westküste der Staaten, an der Grenze zu Kanada waren wir auf dem Weltkongress der Hopfenbauern dabei.«
»Stell dir vor«, warf Bertram vergnügt ein. »Wir hatten ausgerechnet die Bayern als Partner, mussten also aus dem Bayrischen ins Deutsche und dann ins Amerikanische und zurück übersetzen.«
»Ja, und nach einem Jahr straffer Arbeitszeit«, erklärte Ulrike stolz, »genehmigen wir uns ein Vierteljahr Auszeit. Einfach nichts tun. Nur von Erspartem leben. Bevor wir uns erneut auf Arbeitssuche begeben.«
»Leben allerdings vom Feinsten«, betonte Bertram. »Wir verdrängen alles, lassen nichts Belastendes an uns heran. Dann haben wir den Himmel auf Erden.«
Als man sie vom Balkon aus heraufrief, eilte Bertram vorweg.
Er habe Durst. Ulrike hielt Philina am Arm zurück. »Denkst du wirklich, ich könnte irgendwann Max vergessen? Ausgerechnet ich. Das Omakind! Bertram beschwichtigt zwar, wie es seine Art ist, weitere Kinder könnten wir uns immer noch anschaffen. Er brenne schon darauf. Aber wann? Wann und wo werden wir wirklich sesshaft?« Sie sah auf ihre Hände. »Jetzt kann ich wenigstens schon mal darüber sprechen. Bisher bin ich dir und anderen aus dem Weg gegangen, wenn das Thema aufkam. Bei Vaters Geburtstag vor drei Jahren kochte das Problem richtig hoch und führte beinahe zum Zerwürfnis.«
Philina fasste ihre Hand und sagte: »Schon deshalb meine ich, es gibt nur einen realistischen Weg: Kein Kind! Man darf sich kein Kind anschaffen. Lass das meinetwegen andere, die Spaß daran haben und nichts weiter vorhaben, besorgen.«
Ulrike sinnierte. »Das ist wahrscheinlich richtig ... aber ... ich weiß nicht ...«
Endlich ertönte der Halbzeitpfiff. Philina spielte Rechtsaußen. Manchmal auch Rückraum rechts. Drei Tore hatte sie schon erzielt; ihre Leistung entsprach somit gutem Mittelfeld. Damit konnte sie zufrieden sein, aber nach dem Zusammenprall in der fünfundzwanzigsten Minute mit ihrer Gegenspielerin hatte sie die Pause herbeigesehnt. Sie waren beide in Hüfthöhe aneinander geknallt. Sie sah hinüber. Die rote Sechs ging auch etwas verkrampft und hielt sich die linke Seite ihres Beckens.
Natürlich hatte die Trainerin das Geschehen beobachtet. Sie legte im Gehen ihren Arm um Philinas Schulter und schlug vor: »Wir sind heute gut aufgestellt, kannst nach der Halbzeitpause erst mal auf der Bank bleiben.«
Ruckartig befreite sich Philina. »Kommt gar nicht infrage! Das ist mein Tag heute. Nach dem Warmspielen eben, folgt jetzt ein Feuerwerk!«
Die Trainerin klopfte ihr auf die Schulter. So kannte sie ihre neben Mareile zweitbeste Akteurin. Damit erübrigte sich jedes weitere Wort.
Nach dem eingefahrenen Sieg und anschließendem Duschen schlenderten die Mädchen durch die ehemalige Bahnreparaturhalle, die Platz für vier gleich große rechteckige Flächen bot, dem Ausgang zu. Drei der Felder wurden für Ballspiele – Hand-, Basket-, Volley- und manchmal auch Fußball – genutzt. Im Feld vier lag eine große Matte für Judokämpfe. Sie blieben etwas davor an einem Boxring stehen. Ein gut Zwanzigjähriger trieb seinen halbwüchsigen Sparringpartner durch den Ring. Der »Kampf« war offensichtlich zu ungleich, sodass der Trainer einen Austausch gegen einen schwereren Partner vornahm.
