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Jamuna ist stets auf Suche nach Intensität und Nähe. Sie heiratet Arno erst, nachdem beide die Ehegebote unterschrieben haben: Für immer ehrlich will sie mit Arno leben, ohne die Liebe zu anderen zu verleugnen. Selbstbewusst erträgt er ihre Geschichten bis sie zur Ehe-bedrohlichen Sache anwachsen. Jamuna versucht auf riskante Weise, ihn von ihrer Ansicht über die Ehe zu überzeugen. Doch Arno fordert sie mit neuen Regeln über "Die Sache mit uns" heraus!
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Seitenzahl: 178
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Die Ehe kommt für Jamuna nur in Frage, wenn sie absolut ehrlich gelebt wird, dem Partner und sich selbst gegenüber. Sie heiratet Arno erst, nachdem er ihren Ehegeboten zugestimmt hat, die ihnen außereheliche Beziehungen erlauben. Arno sieht Jamunas polyamore Wünsche als vorübergehende Phase an, die er selbstsicher überstehen will
Doch an ihrem fünften Hochzeitstag ändert er ihre Ehegebote: Um wenigstens die Illusion einer monogamen Liebe zu haben, soll Jamuna nicht mehr von ihren Geschichten erzählen, es sei denn, sie weiten sich zu Sachen aus, die Folgen für ihre Ehe haben. Nun gerät ihr Leben miteinander und mit ihren Freunden ins Wanken. Jamuna versucht auf ungewöhnliche Art, Arno von ihrer Ansicht über die Ehe zu überzeugen. Daraufhin überrascht Arno sie vor ihrem siebten Hochzeitstag mit neuen Regeln über »Die Sache mit uns«.
Prolog
Am fünften Hochzeitstag
Der Freund im Baum
Suche nach Nähe
Suche nach einer Aufgabe
Schlichte Dinge
Kontrollierte Sünde
Insel der guten Gedanken
Die Geschichte mit Heiner
Zufriedenheit
Nur Suppe
Schweigen
Glück
Die Geschichte mit Ole
Das Eigene
Die Sache mit Ole
Sehnsucht
Das Kartenhaus
Auf der Wippe
Am sechsten Hochzeitstag
Stillstand
Das Geschenk
Tanzstunden
Die Sache mit Paula
Neue Gebote
Ehrlichkeit
Am siebten Hochzeitstag
Der Mann ihrer Mutter
Abschied vom Baum
Ein neuer Vertrag
Die Sache mit uns
Wenn du mich liebst, wenn du
nach mir seufzt, sanfter Hirte,
schmerzt mich dein Schmerz,
liebe ich deine Liebe.
Aber wenn du glaubst, dass ich
meine Liebe nur dir erwidern muss,
dann, Hirtenknabe, unterliegst du
leicht einer Täuschung.
Eine schöne, purpurfarbene Rose
wird Silvia heute wählen;
ihrer Dornen wegen
wird sie sie jedoch morgen verachten.
Aber der Männer Rat
werde ich nicht befolgen.
Nur weil ich die Lilie liebe,
werde ich die anderen Blumen nicht verachten.
»Se tu m’ami, se sospiri«
Text: Paolo Antonio Rolli (1687–1765)
Übersetzung: Bertram Kottmann (www.recmusic.org/lieder)
Komponist: Alessandro Parisotti (1853–1913)
Meine Mutter nannte mich Jamuna. In der indischen Mythologie ist Jamuna die erste Frau der Menschheit – nicht etwa aus einer männlichen Rippe geformt, sondern gleichwertig zu ihrem Zwillingsbruder.
»Willst du meine Frau werden«, fragte mich Arno und schaute auf seine Hände, durch die unentwegt Sand rieselte. Wir kannten und liebten uns erst seit zwei Wochen! Ein Heiratsanschlag! Arno war das erste und letzte Mal in seinem Leben nervös. Und ich? Ich wusste, dass ich nicht für die Ehe taugte. Heiraten war für das ganze Leben oder überflüssig.
Ein ganzes Leben lang Arno kennenlernen? Ja! Man stolpert immer nur nach vorne, nie zurück. Noch nie hatte ich einen Mann verlassen. Ich wusste gar nicht, wie das geht. Kam eher eine neue Liebe dazu. Ich kramte in der Badetasche nach einem Kuli, riss eine leere Seite aus meinem Roman und schrieb:
Ibiza, 21.August 1992
Unsere Ehegebote
Wir sind frei und handeln jederzeit
nach unseren Gefühlen.
Wir sind ehrlich zueinander
und erzählen uns alles!
Keiner hat Anspruch auf täglich warme Küche.
Keine Kinder vor dem 32. Geburtstag!
Keine Muskelshirts und Netzhemden!
Arno zog sich lachend das Netzhemd über den Kopf, schleuderte es Richtung Meer und setzte seine Unterschrift neben meine. Ich hatte tatsächlich einen Mann gefunden, der meine Vorstellungen von der Ehe teilte! Damals fühlte ich mich so frei, als ob die Gebote das Glück unserer Ehe garantieren. Und heute? Er liebt mich auf seine Art und ich ihn mehr als andere.
Jamuna geht auf einen leeren Tisch im Villa Cuba zu und hängt ihren Blazer über die Stuhllehne. Am Nachbartisch sitzt eine Frau, deren Himbeerrote Lippen nicht zu ihren müden Augen passen. Sie scheint vergeblich auf ihre Verabredung zu warten.
Der Wirt bringt Jamuna einen Chai Latte, nimmt eine Schachtel mit langen Streichhölzern aus der Hosentasche und zündet die Kerzen eines hüfthohen Metallbaumes an. Sie lächeln sich kurz an, kennen sich. Jamuna bestellt einen Gambas-Salat in Orangen-Minze-Vinagrette für sich, Fleischbällchen in Tomatensoße für Arno und eine Flasche Sekt.
Die Flammen der Kerzen tauchen den Raum in selbstverständliche Geborgenheit. Jamuna beobachtet, wie das Wachs auf den Boden tropft. Sie sitzt gerne alleine im Café, fühlt die Geschichten der Gäste und erholt sich dabei von ihren eigenen. Verabredet sie sich zu zweit, konzentriert sie sich ganz auf ihr Gegenüber. Wo sind Gespräche ehrlicher als im Café und bringen das Wesentliche zwischen beiden hervor? Zwischen Freundinnen, Noch-Nicht-Geliebten oder Doch-Nicht-Geliebten, zwischen Töchtern und Vätern, sogar zwischen Ehepaaren. Die öffentliche Kulisse des Cafés garantiert Respekt, ohne den Streiterei in Geschrei oder sinnliche Blicke in körperlichen Verwicklungen enden würden. Spontane Ehrlichkeit bei angemessener Selbstkontrolle. Könnte Jamuna andere Menschen nur in Cafés treffen, wäre ihr Leben einfacher.
Mit langen Schritten kommt Arno auf sie zu. Jamuna bestaunt seinen Anzug. Zu Hause bekommt sie ihren Mann nur in alten T-Shirts zu sehen, die ihm gestanden hatten, als sie noch locker über seine Hüfte fielen. Ihr Blick bleibt an seinen dunklen Stoppelhaaren hängen. Noch mit achtzig würden sie ihm einen Hauch von Verwegenheit andichten.
Jamuna hört Arno genau zu, was er ihr von der Umstrukturierung seiner Bank erzählt, bis die Bedienung das Essen und den Sekt bringt. Sie stoßen auf ihr gemeinsames Wohl an, beginnen zu essen und dann erst hält Jamuna den Moment für passend.
»Zu unserem fünften Hochzeitstag möchte ich die Ehegebote ändern«.
»Ich wusste nicht, dass du sie noch ernst nimmst. Wir waren ziemlich knülle damals.«
»Wegen der Gebote habe ich dir von Jannis und Kurt erzählt«.
»Und von Hajo. Ach ja, Ehrlichkeit ist dir besonders wichtig.«
»Uns, Arno«.
»Dafür brauche ich keinen Vertrag«.
Jamuna zieht die Gebote aus der Handtasche, die ohne die Klarsichtfolie nicht aussehen, als seien sie es wert, abgeheftet zu werden. Es kommt nicht auf die Form an, sondern auf den Inhalt, hatte Jamuna ihr Gekrakel auf der abgerissenen Buchseite damals entschuldigt. Doch Arno hatte ihr widersprochen und seinen Finger langsam von den Schulterblättern abwärts über ihre Kurven gezogen und sie eine nach der anderen gelobt, bevor er Jamuna unter sein übergroßes Badehandtuch zog.
Sie lächelt. »Eigentlich sollte man seinen Hochzeitstag vollständig im Bett verbringen.«
»Oder am Strand. Weißt du noch, wie der Wind diesen Wisch vor sich hertrieb? Schade, dass du ihn wieder einfangen musstest«, seufzt er, nimmt die Gebote und liest laut: »Erstens: Wir sind frei und handeln jederzeit nach unseren Gefühlen. Zweitens: Wir sind ehrlich zueinander und erzählen uns alles … Du hast Glück, dass ich zu selbstbewusst bin für die Eifersucht!« unterbricht er sich. Arno schiebt sich ein in rote Soße getränktes Fleischbällchen in den Mund, bemüht, gute Laune zu behalten. »Alleine die Überschrift! Gebote für eine ehrliche Ehe! Wie der Titel eines dieser Bestseller-Ratgeber.«
»Lass uns im siebten Jahr einen schreiben. Wir empfehlen das Aufstellen von Ehegeboten und werden reich«, schlägt Jamuna vor.
»Interessierst Du Dich dann immer noch für andere Männer?«
»Das Besondere ist, dass wir ehrlich sind und es uns daher nicht schadet«, belehrt Jamuna.
»Das Besonders ist, dass du es als dein Recht ansiehst, dich in andere Männer zu verlieben!«
»Das ist auch dein Recht«, entgegnet Jamuna, doch sie weiß, dass sie vor allem ihr Bedürfnis, sich für andere Menschen zu begeistern, schützen will. Mit den Geboten versichert sie Arno auf ehrliche und faire Weise, dass Liebesgeschichten niemals ihre Ehe in Frage stellen können.
»Ich frühstücke lieber jeden Tag Gouda, auch noch in zwanzig Jahren«, erklärt Arno.
»Das kannst du nie wissen …«
»Aber wollen«, belehrt auch Arno und fährt fort »Drittens: Keiner hat Anspruch auf täglich warme Küche… Ein Punkt, den wir überarbeiten könnten«.
»Nicht, solange du selbst nie am Herd stehst«, droht Jamuna. »Über das Zunehmen hätten wir übrigens ein Verbot schreiben sollen.« Jamuna liebt Arnos breite Schultern und kräftigen Beine, doch seinen Bauch verzeiht sie ihm nicht. Üppige Formen schätzt sie nur bei Frauen, die ihre Rundungen anmutig tragen. Sie selbst bekämpft kleinste Wölbungen der Bauchdecke mit strikter Änderung ihrer Essgewohnheiten. Seit ihrem neunundzwanzigsten Geburtstag führt sie heimlich Buch über verzehrte Kuchen, Süßes und die Anzahl der Brotscheiben.
»Warmes Essen hat nicht mehr Kalorien als kaltes.«
»Davon isst du aber mehr. Lieber ab und zu ein tolles Menü und dazwischen fasten!«
»Solange du das nicht bei allem so siehst«, lenkt Arno ab. Er weigert sich, weiter über so Triviales wie sein Gewicht nachzudenken.
»Keine Sorge, Sex ist gut für die Figur.« Sie schaut auf die Uhr. »Du musst gleich los und wir haben noch nicht über das Wesentliche gesprochen!«
»Noch wesentlicher? Also weiter: Viertens: Keine Kinder vor dem zweiunddreißigsten Geburtstag. Das hätten wir geschafft …«
»Na hör mal! Ich bin gerade erst dreißig geworden!«
»Ach ja, mein Alter zählt nicht. Fünftens: Nie wieder Muskelshirts und Netzhemden. Wenn du diesen Punkt ändern willst, besorge ich mir sofort neue!«
»Dann hänge ich Bilder mit Sonnenuntergängen ins Wohnzimmer!«, droht Jamuna. »Arno, weißt du wirklich nicht, was ich meine? Ich möchte ein Kind von dir!«
»Aber Punkt Vier kam doch von dir! Von mir aus hätten wir nie verhüten müssen. Wie schön, dass dir deine Freiheit nicht mehr über alles geht!«
»Dann Pille ade!«, fasst Jamuna zusammen, küsst ihn und steht auf. Sie bringt die Sektflasche zurück an die Theke und bittet den Wirt, das letzte Glas der Frau zu bringen, die alleine am Tisch sitzt und Taschentücher zerknüllt.
Jamuna geht durch das Villenviertel hinauf zu den Schillerwiesen, die sich bis zum Fuß des Hainbergs erstrecken. Sie steuert auf eine grüne Blätterwand am Ostrand der Wiese zu. Undurchdringlich wie ein Vorhang fällt sie zur Erde herab, als würde sie eine ganze Bühne hinter sich verbergen.
Jamuna bedauert, dass sich ihr Park bei der ersten Hitze mit Leuten füllt. Sie kommt täglich her, nicht nur, wenn die Sonne einen schönen Teint verspricht oder der schattige Bachlauf lockt. Vor zehn Jahren schon hatte sie hier ganze Nachmittage mit Gila über das erste Semester und die neue Stadt gesprochen. Doch zwischen medizinischen Vorlesungen, Labor und Bibliothek war ihrer Schulfreundin bald die nötige Muße verloren gegangen und Jamuna blieb alleine zurück im Park. Persönliche Gespräche gehörten für Jamuna zum Tag sowie Milch zum Kaffee, während ihre Kommilitonen aus dem Betriebswirtschaftsstudium sie nicht brauchten. Jamuna bemühte sich vergeblich, den Eifer zu teilen, mit dem Gila studierte oder andere Studenten sich in großen Gruppen tummelten.
Um die wesentlichen Fragen nicht zu vergessen, versorgt sich Jamuna seit damals regelmäßig mit Romanen. Sie erzählen in hundertfachen Variationen über Liebe, Leidenschaft, Sinn und Suche. Kein Ort erscheint ihr für diese Lektüre geeigneter als die Bank vor dem schützenden Laubvorhang in der Anonymität des Parks. Selbst als sie ihren ersten Job antrat und vom Büro zur Wohnung einen Umweg in Kauf nehmen musste, kam sie täglich nach der Arbeit hierher. Ihre Lesestunde verbringt sie nur bei schlechtem Wetter in der nahen Hainberg-Schenke. Gewohnheiten strukturieren das Leben, daher hält Jamuna an Zeiten und Orten genauso fest wie an lieb gewonnenen Menschen.
Bevor Jamuna sich heute auf die Bank setzt, taucht sie zwischen den Blättern hindurch und bestaunt den dahinterliegenden dämmrigen Raum. Er wird durch vierzehn Stämme eines einzigen Baumes geformt, die sich in kahler Schönheit nach allen Seiten strecken. Architekten hätten sie nicht eindrucksvoller anordnen können. Der grasfreie Boden darunter sorgt für kühle Ruhe. Aus Gewohnheit sucht Jamuna das Geäst nach Heiner ab, obwohl er seit einem Jahr durch Südamerika reist. Ihr fallen seine baumelnden Beine ein, die sie damals als erstes von ihm bemerkt hatte.
In ihrem dritten Herbst in Göttingen, die ersten Blätter waren bereits gefallen, sah Jamuna die lehmigen Wanderschuhe zwischen den Ästen schon vom Weg aus. Ohne sich zu setzen umkreiste sie den Baum weitläufig und fand heraus, dass die Beine zu einem jungen Mann mit halblangen dunkelblonden Haaren gehörten. Schräg über ihm hing ein buntgewebter Rucksack über einem dicken Zweig. Er hatte einen Arm an einem Ast verankert, in der anderen Hand hielt er ein Buch.
Am nächsten Tag lag er vornüber auf dem unteren, fast horizontalen Stamm, die Ellenbogen aufgestützt und Jamuna konnte den Buchtitel lesen: Vanuatu. Ein Name, den sie nur vom Stadt-Land-Fluss-Spielen kannte. Von nun an begegnete sie Heiner täglich, als wären sie verabredet. Er las auf dem Baum, sie auf der Bank davor. Sie wechselten kein Wort.
In der darauffolgenden Woche, noch bevor Jamuna Der Baron auf den Bäumen ausgelesen hatte, fing es an zu nieseln. Wäre es ein Sturzregen gewesen, hätte sie sich schnell unter das überstehende Dach des nahen Jerôme-Tempels gerettet. Für solche Fälle hatte sie ein Geschirrhandtuch in der Tasche, um ihre Bank wieder trocken zu wischen. Aber dieses Mal würde es sich einregnen. So stülpte sie sich eine Schirmmütze auf die streichholzkurzen Haare und rannte auf ihren hohen Stiefeln über den Rasen zur Schenke.
Wenige Minuten später schritt er im Holzfällerhemd durch die Tür. Ohne seinen Baum wirkte er erwachsener. Er ging auf Jamuna zu, griff nach dem Stuhl neben ihr, obwohl fast alle Tische frei waren, und fragte:
»… du hast doch nichts dagegen? Es flüchten bestimmt noch mehr Leute ins Trockene. Wenn wir beide lesen, wird uns keiner stören.« Er strich seine nassen Haare nach hinten und schaute sie an.
Jamuna nickte und sah in ihr Buch.
Von da an achteten sie darauf, dass sie ihre Gegenwart niemals mit weiteren Menschen teilten. Während der kommenden Regentage begannen sie, abwechselnd ihre Getränke zu zahlen. Nachdem Jamuna ihm eines Tages den üblichen Tomatensaft im Voraus bestellte, verriet ihr Heiner, dass er Tomatensaft sonst nur im Flugzeug tränke und unter Fernweh litt.
»Warum liest du auf dem Baum?«, traute sich Jamuna zu fragen.
»Durch den Abstand zur Erde sehe ich das Wesentliche«.
Beglückt widersprach Jamuna. »Das Wesentliche finde ich durch Nähe! Gerade der Abstand macht alles gleich«.
Seitdem unterbrachen sie sich beim Lesen, wann immer sie sich über Wesentliches austauschen wollten. Heiner kletterte nur noch auf die Stämme, die zu Jamunas Bank hinüberwuchsen.
Die alte Frau auf der Parkbank holt Jamuna in die Gegenwart zurück. Jamuna spürt, dass sie reden will und schaut demonstrativ in ihr Buch. Meine Bank, meine Lesezeit, konzentriert sie sich. Es hilft. Die Frau hebt ihre Tasche auf und schlurft über den Weg davon. Jamuna streckt die Beine aus und denkt über ihr Buch nach: Liebe in den Zeiten der Cholera… Nachdem sich der Kolumbianer Florentino Ariza jahrelang keusch nach seiner Angebeteten verzehrt, berauscht er sich anschließend ebenso maßlos an den Freuden der weiblichen Vielfalt. Das eine wie das andere soll ihm helfen, seine Verlassenheit zu ertragen. Erst im Alter findet er bei seiner Jugendliebe Zuflucht. Seine Sehnsucht löst sich in ihrer Bestimmung auf.
Jamuna sehnt sich danach, für eine Liebe zu leben. Doch südamerikanische Leidenschaft kann sie nicht aufbringen, weder für Keuschheit, noch für Treue oder die ewige Abfolge von Abenteuern. Sie beeilt sich, wieder in ihr Buch zu sehen, bevor ihre Lesezeit abläuft.
»Verweile, verweile«, flüstert Jamuna, als sie Unruhe in der Luftröhre aufsteigen fühlt. Seitdem sie dieses Wort gefunden hat, gehört es zu ihren liebsten. Es soll ihr Achtsamkeit für den Moment geben, steht in ihrem neuen Ratgeber, den sie wegen Arnos Spottlust nie zu Hause herumliegen lässt.
Die Nachmittagssonne wärmt ihre schmalen Knöchel. Jamuna legt ihr Buch aufgeklappt auf die Bank und beugt sich nach vorn. Langsam krempelt sie ihre weiten Hosenbeine bis über die Knie. »Verweile, verweile …«
Ein Schatten fällt auf Jamunas Beine. Erschrocken schaut sie hoch.
»Sprichst du mit dir selbst? So zerstreut kenne ich dich gar nicht!«
Schnell lässt Jamuna den Hosenstoff fallen. Ihre hellen Beine sind ihr peinlich neben Heiners braungebrannter Haut. Er küsst sie auf die Wange. Jamuna überspielt ihre Wiedersehensfreude und redet hastig drauf los, als hätte sie ihn erst gestern gesehen. »Ich wiederhole das Wort Verweilen, wie von meinem Achtsamkeitsbuch empfohlen«. Sie sieht auf Heiners volle Lippen, die wohlmeinende Überlegenheit ausdrücken.
»Hast Du es etwa eilig?«
»Meine Gedanken jagen. Ich kann mich kaum auf mein Buch konzentrieren.
»Wohin jagen sie denn?« Er setzt sich neben sie.
»Zu dem, was ich tun muss: Gilas Veröffentlichungen korrigieren, Lisas Geburtstag organisieren, meine Tante anrufen… Selbst die Projektindikatoren gehen mir nicht aus dem Kopf.«
»Vielleicht ist der Roman langweilig. Du solltest dich nicht zwingen, alle zu Ende zu lesen«, rät Heiner.
»Wärst du früher zurückgekommen, hätte ich mir das Geld für den Ratgeber sparen können.«
»Und noch einen Rat: Reserviere dir täglich eine feste Zeit für deine Erledigungen«.
»Danke. Steht auch drin. Und dass ich sie notieren soll. Egal, belangloser Kram! Berichte lieber aus deinem exotischen Leben!«
Er schaut auf ihr Buch. »Beschäftigst du dich immer noch mit Liebe und Leiden? Deine Ehe scheint dir nicht zu schaden. Sieht man übrigens!«
»Und du?« Jamuna dreht seine linke Hand mit Buch zu sich heran und liest: »Galeano: Die offenen Adern Lateinamerikas. Du sammelst noch immer Länder, Revolutionen und Hungersnöte!«
»Besser als Affären!«
Sie lacht.
Die alte Frau hat den Tempel umrundet und kehrt zurück. Jamuna lächelt ihr zu, doch die Frau starrt an ihr vorbei.
»Erzähl schon«, drängelt Jamuna, dreht sich zur Seite und stellt ihre angezogenen Beine zwischen sich und Heiner auf die Bank, um ihn in Ruhe ansehen zu können.
»Ich war fünf Monate in Argentinien«, beginnt Heiner. »Jeder Argentinier fragte mich sofort, ob ich nicht auch finde, dass sein Land die schönsten Frauen der Welt hat!«
»Du willst mich eifersüchtig machen, aber ich bin frei von diesem Laster«, sagt Jamuna. »Bist du viel gereist?«
»Von Iguazú bis Feuerland! Ich bin durch Tausende von Pinguinen spaziert und habe am südlichen Ende der Pan Americana den leckersten Kakao meines Lebens getrunken!«
Jamuna entspannt sich, haftet sich an seine Augen und saugt ihn auf. Unwillkürlich schaut Heiner weg und erinnert Jamuna daran, dass sich Erwachsene nicht mit so einem unmittelbaren Blick ansehen dürfen. Jamuna übt, diesen Blick zu vermeiden, hat aber nicht immer Lust dazu. Sie kennt die Reaktionen: Die einen fühlen sich bedrängt oder peinlich berührt, selbst Arno. Die anderen verstehen ihren Blick als Einladung zum Flirt, der sie folgen, bevor Jamuna sie wieder ausladen kann. Nur wenige verstehen ihn als Aufforderung zur Wahrhaftigkeit.
»Bei Córdoba habe ich auf einer Finca gearbeitet«, erzählt Heiner weiter. »Erst zogen wir Höhenlinien für den Terrassenanbau, dann pflanzten wir Bäume auf die Weiden. Ich habe viel über Agroforstsysteme gelernt, nur dieses Mal nicht von einem Professor, sondern von den Bauern.«
»Haben sie dich bezahlt?«
»Sie gaben mir einen Platz für meine Hängematte und Empanadas: gefüllte Teigtaschen in allen Variationen. Selbst in Deutschland brauche ich kaum Geld, nur einen Unterschlupf«.
»…bei alleinstehenden Frauen.«
»Die werden selten. Und länger als drei Wochen halte ich es nie aus!« Heiner lacht.
»Bei mir waren es zwei, eine habe ich also gut«, flirtet Jamuna.
»Du bist nicht alleine und bekommst als Ausgleich etwas Besseres!«
»Und was?«
»Treue.«
Jamuna lacht überrascht auf. »Woran erkennt man die Treue eines Mannes, der sich elf Monate im Jahr im Ausland herumtreibt?«
»Dass er den zwölften mit dir verbringt!«
»Und erwartet, dass ich Zeit für ihn habe!«
»Es ist nicht meine Schuld, dass du geheiratet hast! Ich habe ältere Rechte!«
»Als ob es ein Recht auf Freundschaft gäbe!«, weist sie ihn zurecht.
»Du kennst nur das Recht auf Freiheit! Wie lebt es sich nach deinen Ehegeboten?«
»Danke gut. Warum sollen Verheiratete sich nicht frei und anderen nah fühlen?«, fragte Jamuna.
»Geht das nur im Bett?«
»Sind Mann und Frau sich nah, ist es unnatürlich, das auszulassen«.
»Gerade deshalb können verheiratete Frauen den Männern freier begegnen.«
»Aber die Hormone bleiben die gleichen ….«
»… und müssen immer als Ausrede herhalten«.
»Ich brauche keine Ausrede, wenn ich ehrlich bin«.
Heiner stemmt sich mit den Armen an der Rückenlehne hoch und stellt seine Füße auf die Bank. »Deine Ehrlichkeit zerstört jedes Ideal von wahrer Liebe«, behauptet er.
»Und die Liebe zu Dritten ist nicht wahr?«, hält sie dagegen. »Schon in der Bibel steht Liebe deinen Nächsten!«
»Da fällt mir ein anderes Gebot ein: Du sollst nicht Ehe …«
»Warum sollte die Ehe brechen?«
»Nichts als Theorie,« höhnt Heiner.
»Dann frage doch deine Praxis-erfahrene Freundin! Nach einer gemeinsamen Nacht laden sie mich in ihre Welt ein….« und ich darf in ihre Seelen blicken…führte sie nur in Gedanken fort, denn sie wusste, wie kitschig sich das anhört.
»Mit Sex zum wahren Leben!« deklamiert Heiner belustigt.
Weil Jamuna so ein Thema nicht gerne mit aufsehendem Blick bespricht, klettert sie neben ihn auf die Rückenlehne der Bank, stellt ihre nackten Füße neben seine dicken Stiefel und fasst zusammen: »Du brauchst eben neue Länder und ich neue Menschen, um mich am Leben zu fühlen.«
»Versuche lieber, eine Aufgabe zu finden, um für andere Menschen wichtig zu sein«, schlägt Heiner einen ernsten Tonfall an.
»Im Gegensatz zu dir arbeite ich schon lange in meinem Beruf!«, verteidigt sich Jamuna.
»Und langweilst dich seit vier Jahren. Projekte am Schreibtisch erfinden ist keine Aufgabe!«
»Ich moderiere Gruppen beim Planen ihrer Projekte!«
»Und schreibst Projektanträge, von dessen Umsetzung du nichts mehr hörst. Warum guckst du dich nicht endlich nach etwas Richtigem um?«
»So wie du? Du suchst eine Aufgabe und fliehst vor Beziehungen!«, kontert Jamuna gereizt. Sie sind keine halbe Stunde zusammen und streiten schon. Muss er immer an ihr herumkritisieren?
»Ich brauche eben nur wenige Menschen!«
»Wen denn? Du hattest noch nicht einmal eine Freundin«, beharrt Jamuna.
»Doch, dich. Wir kennen uns fast acht Jahre!«
»Ich meine eine Frau, mit der du lebst.«
»Mit der du schläfst, wolltest du sagen. Ich lasse mich doch von dir nicht in die Sammlung aufnehmen.«
