Die Sagen der Stadt Leipzig. - Ferdinand Backhaus - E-Book

Die Sagen der Stadt Leipzig. E-Book

Ferdinand Backhaus

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Beschreibung

= Digitale Neufassung für eBook-Reader = Backhaus: "Jede Stadt von nur einiger Bedeutsamkeit oder ehrwürdigen Alters hat mehr oder weniger ihre Legenden, ihre Wahrzeichen, oder sonst bezeichnende Namen für bekannte Orte oder Gegenstände, an welche sich teils Sagen knüpfen lassen..."

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Seitenzahl: 180

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Die Sagen der Stadt Leipzig.

Die Sagen der Stadt Leipzig.Technische AnmerkungenVorrede.Einleitung.Die heilige Brücke.Das Ritterloch.Das Brautwehr.Ritter Georg.Lieschens Büsche.Poniatowski oder die Elster.Impressum

Die Sagen der Stadt Leipzig.

Erinnerung an Leipzig

Nach geschichtlichen Überlieferungen

mitgeteilt von Ferdinand Backhaus.

-

Leipzig, 1844.

Verlag von Heinrich Hunger.

Digitale Neufassung des altdeutschen Originals

von Gerik Chirlek

Technische Anmerkungen

Die vorliegende digitale Neufassung des altdeutschen Originals erfolgte im Hinblick auf eine möglichst komfortable Verwendbarkeit auf eBook Readern. Dabei wurde versucht, den Schreibstil des Verfassers möglichst unverändert zu übernehmen, um den Sprachgebrauch der damaligen Zeit zu erhalten. 

Vorrede.

Jede Stadt von nur einiger Bedeutsamkeit oder ehrwürdigen Alters hat mehr oder weniger ihre Legenden, ihre Wahrzeichen oder sonst bezeichnende Namen für bekannte Orte oder Gegenstände, an welche sich teils Sagen knüpfen lassen, teils schon gründen, die durch Tradition von Geschlecht auf Geschlecht, gleich alten Gebräuchen und Gesetzen, fortgepflanzt und erhalten werden, mögen sie ihren Ursprung von kriegerischen oder dem Familienleben entnommenen Begebenheiten herleiten.

Auch Leipzig hat deren mehrere, gewiss der Erhaltung werte. Und wie könnte dies wohl bei einer Stadt anders der Fall sein, deren klassischen Boden kein Jahrhundert ohne ein welthistorisches Ereignis begrüßte? Wohin sich das Auge wendet, finden wir Stoff zu ernsten Betrachtungen, stoßen wir auf Vorfälle, die entweder mittelbar oder unmittelbar Einfluss auf ihre Gestaltung selbst oder sogar auf das gesamte Deutschland hatten. In Merseburg ruht des unglücklichen Gegenkaisers rechte Hand, bei Lützen zeigte noch vor wenigen Jahren der einfache Feldstein ernst mahnend auf den verheerenden Dreißigjährigen Krieg. Ebenso gewichtig erinnert der anspruchslose Kegel auf Breitenfelds Fluren an denselben Zeitabschnitt. Nicht minder fordern die heiligen Stätten den menschlichen Geist zu tieferen Betrachtungen auf, denn wer könnte die Kirche des heiligen Petrus betreten, ohne an Tetzel, wer die Schwellen des Thomasdomes überschreiten, ohne an Dietzmann und Friedrich mit der gebissenen Wange zu denken?

Rufen nicht mit inhaltsschweren Worten die Auen von Probsthaide [sic: Probsthaida] sowie Liebertwolkwitz und die Schädel unter Schwarzenbergs Denkstein die Periode der neuesten Geschichte gleichfalls lebhaft in das Gedächtnis zurück? Klagen nicht noch heutzutage die Geister Poniatowskis und des untergegangenen Polenreiches wehmütig an den Ufern der Elster, und hat schon irgendjemand den Schleier von dem Grab im Connewitzer Holz gelüftet?

Aber alle diese Begebenheiten sind auf der Geschichte basierend, meine Erzählungen sollen sich, eine ausgenommen, lediglich auf Schilderungen aus dem Familienleben beschränken. Vergeblich werdet Ihr, geehrte Leser, nach ergötzenden Bildern, nach heiteren Phantasiegebilden suchen. Keine rosigen Gestalten werden Euch zauberähnlich umschweben, sondern meist nur düstere Gestalten werdet Ihr in diesen Sagen erblicken. Zu tief ist es in unserer Natur begründet, zu fest mit unserem ganzen Sein verknüpft, lieber dem Ergreifenden als dem Ergötzenden zu lauschen, und aus diesem Grund unumstößliche Wahrheit, dass sich vor allem -- das Grausige erhält.

Wo gäbe es eine Sage, die uns ausschließlich mit freundlichen Erscheinungen wohltuend entgegenträte? Solcher Zauber entspringt nur aus Märchen. Zwar ist jedes Märchen eine Sage, aber aus lieblichem Stoff gewoben. Sagen, auf wirkliche Begebenheiten begründet, sind düster und ergreifend wie der dunkle Schoß der Erde, der die in ihnen Beteiligten deckt.

Woher nun aber noch die Gier und Lust nach Sagen? Aus der Lust, die der Unlust entspringt, die in dem Ungewöhnlichen, in dem Erschütternden sich gefällt. Den bösen Dämonen, welche die Begebenheiten hervorriefen, verdanken wir ihre Erhaltung und das einzige Gute, was wir ihnen verdanken, ist eben -- ihre Erhaltung.

Der Verfasser.

Einleitung.

Den Stoff zur »Sage von der Heiligen Brücke« sowohl als den Stoff zum »Ritterloch« und dem »Brautwehr« erzählte mir ein alter Fischer, mit welchem ich oft in das Bad fuhr. Oft begleitete ich auch denselben auf seinem kleinen Fahrzeug während seiner Fischzüge, und diesen Streifereien verdanke ich die getreue Kenntnis der Örtlichkeit. Kein Nebenarm der vielen kleinen Flüsse, die unsere Stadt umgeben, kein Graben, in welchen der Kahn einfahren konnte, blieb von dem alten Mann ununtersucht. Seine mannigfachen Erfahrungen, die er in seinem viel bewegten Leben zu machen Gelegenheit gehabt hatte, so wie seine eigentümliche Art zu erzählen, füllten manche Stunde auf das Angenehmste aus und gehören zu denen, an welche ich stets mit Vergnügen denken werde.

Es liegt in der Natur der Sache, dass sich vorzüglich alle die Sagen, welche mehr oder weniger mit unseren Flüssen in Verbindung stehen, sich in dem Mund jener Leute, wenn auch nur mangelhaft, erhalten haben, deren Beschäftigung es nur mit jenem nassen Element zu tun hat. Selbst vielen jüngeren Fischern unserer Tage sind diese Sagen nicht ganz unbekannt, aber ihren Vorfahren haben wir lediglich die Erhaltung derselben zuzuschreiben.

In Betreff der Heiligen Brücke lässt sich mit ziemlicher Gewissheit annehmen, dass diese Sage auf einer wirklichen Begebenheit beruhe und nicht als etwas bloß »Gesagtes« anzusehen sei. Sind auch einzelne Nebenumstände durch ein dichterisches Gewand verändert oder durch die Länge der Zeit unwillkürlich umgeformt, so kann es dessen ungeachtet nur von Interesse für die Bewohner unserer Stadt sein, das noch Vorhandene so aufgezeichnet zu finden, wie es sich durch Tradition im Mund des Volks erhalten hat.

Was aber für die Wirklichkeit der ersten Sage spricht, ist folgende in Vogels Annalen vom Jahre 1522 ausgezeichnete Stelle:

»Dieses Jahr ist zu Leipzig eine wohlgestaltete Jungfrau, eine Wernerin von Geschlecht, wegen frühzeitigen Absterbens ihres vertrauten Bräutigams N. N. in große Betrübnis gesetzt worden, sogar, dass sie sich resolviert, weil durch den Tod dieser ihr Bräutigam entrissen worden, wollte sie Zeit ihres Lebens nicht wieder heiraten, sondern in das Kloster gehen und eine Nonne werden. Diese unbedachtsame Rede hat sie bald daraus gereut, deswegen sie Absolution dieser Gelübde bei ihrem Beichtvater begehrt, aber nicht erhalten können, sondern ist in das Nonnenkloster zu St. Georgen vor dem Peterstor gewiesen worden. Kurz darauf ist sie zu Fall kommen.«

Aus letzteren Worten ergibt sich deutlich, dass sie nicht durch ihren Bräutigam zu Fall gekommen ist, sondern wahrscheinlich durch Mönche, deren Leben damals fast durchgängig ein sittenloses*) war, oder durch irgendeinen Dritten. So weitschweifig aber die alten Chronisten in Nebensachen waren, so kurz und unzuverlässig waren sie fast immer in der Hauptsache.

*) vgl. Gretschel: »Kirchliche Zustände von Leipzig«, S. 216-217, wo Herzog Georg sich auf dem Wormser Reichstag also ausgesprochen haben soll:

»Die Priester zitierten die Weiber, gleich als ob sie Amtswegen mit ihnen zu handeln hätten und hernach, wenn sie dieselben in ihrer Gewalt hätten, nötigten sie die ehrlichsten Weiber zum Ehebruch.«

Schon 1498 wurden zu Leipzig die Barfüßermönche wegen ihres Mutwillens ausgejagt, und die Vicaristen statt ihrer eingesetzt. Vgl. Kritzinger: »Die Geschichte der Stadt Leipzig«, 1778, S. 4.

Wenn ich Namen und Zeit verändert habe, so geschah dies lediglich, weil es mir geeigneter schien, um alsdann die Sage selbst in ein romantischeres Gewand einkleiden und so umfassender und dem lesenden Publikum genügender darbieten zu können.

Die heilige Brücke.

1.

In jener Zeit, als erst die städtischen Behörden sich allmählich auszubilden und ihren Wirkungskreis festzustellen begannen, wo leider zu oft das Recht des Stärkeren gewichtiger wo als der gerechteste richterliche Ausspruch, damals war Leipzig noch eine, freilich nur nach damaligen Begriffen, befestigte Stadt. War es auch in den meisten Beziehungen anders, so war es doch wiederum in vielen anderen Stücken ebenso wie heutzutage, sowohl in Bezug auf Zeitumstände als auf Gesinnungen der Menschen. Die meisten wünschten Ruhe und Frieden, die wenigsten fanden beides, aber nicht eher, als am Rande des Grabes. Trat auch bisweilen eine kleine Pause der Erholung ein, so wurde sie nur zu bald wieder durch das Klirren ritterlicher Sporen unterbrochen.

In derselben Zeit, von welcher wir jetzt erzählen wollen, lebte Hans Burkhardt, ein reicher Rauchwarenhändler. Wer seine Eltern gewesen und wo er eigentlich herstammte, hat niemand erfahren. Er war vor vielen Jahren als Kürschnergeselle eingewandert, hatte sich später etabliert und dann die einzige Tochter seines Meisters geheiratet, deren Mitgift den Grund zu seinem großen Reichtum legte. Viele Jahre hatte er als ein ruhiger, ordentlicher, aber ebenso verschlossener Mann an der Seite seiner Gattin, wie es schien, in glücklicher Ehe verlebt, ohne dass sich ihm je eine Aussicht auf Nachkommen, die er so sehnlich gewünscht, gezeigt hätte. Alles, was man damals anwendete, um diesen Segen des Himmels zu erlangen, war von ihm getan worden, doch vergeblich. Nur eins hatte er stets absichtlich gemieden, nämlich ein Kind für das Kloster zu bestimmen. Als ihm aber fast jede Hoffnung schwand, entschloss er sich auch dazu, jedoch vorsichtig genug, nur für den Fall, dass das Erstgeborene ein Mädchen sei. Und wer sollte es glauben, was alle früheren Gelübde nicht bewirkt hatten, vermochte das letzte, denn schon nach einem Vierteljahr hatte er die Gewissheit, dass sich seine Ehefrau in gesegneten Leibesumständen befand. War die Ehe im Anfang zu unfruchtbar, so ward sie im ersten Wochenbett doppelt ergiebig, denn seine Gattin gebar ihm Zwillingstöchter. Blühend und munter schlugen sie die Augen auf, während die Mutter die ihrigen auf ewig schloss. Mit ihrem Leben bezahlte sie die Mutterfreuden. Trostlos stand der Vater an ihrem Sarg, zum ersten Mal weinend, vielleicht zum ersten Mal einsehend, was es heiße, eine tugendhafte Hausfrau zu verlieren. Doch die Zeit lindert jeden Schmerz, auch Burkhardt schien bald über seine Töchter die Mutter vergessen zu haben. Theodore nannte er die eine, Ferdinande die andere. Fast so gleichzeitig, wie sie sich dem Schoß der Mutter entwunden hatten, nahmen sie gleichmäßig am Körper, am Geist, aber auch an der täuschendsten Ähnlichkeit zu. So unter der speziellen Aufsicht des Vaters und der Leitung einer würdigen Matrone, die mit ihnen von mütterlicher Seite verwandt war, erreichten sie das zehnte Jahr. Wohl fiel dem Vater, der nun recht eigentliches Vergnügen und väterliche Freude an seinen Kindern empfand, sein Gelübde schwer auf das Herz. Aber wie konnte er es wagen, sich einem heiligen Versprechen zu entziehen? Womit wäre er imstande gewesen, eine Geistlichkeit zu versöhnen, die, von seinem Gelübde unterrichtet, sich niemals dazu verstanden haben würde, ihn desselben zu entbinden, da mit dieser klösterlichen Vermählung zugleich die Aussicht auf einen großen Erwerb verknüpft war? So mit sich selbst uneinig, kämpfte er in seinem Inneren einen harten Kampf.

Doch welche von beiden Töchtern sollte er wählen? Ihnen selbst die Wahl zu überlassen, wäre bei ihrer Jugend unstatthaft gewesen. Das Los durfte nicht entscheiden, denn er hatte die Erstgeborene auserkoren. Und welche von beiden war die Erstgeborene? Fast gleichzeitig begrüßten sie den Tag ihres Lebens, erst in dem Bettchen hatte er sie beide zusammen gesehen und in seiner Vaterfreude vergessen, darnach zu fragen, welche zuerst das Licht der Welt erblickt habe. Später verhinderte ihn der Kummer über den Verlust seiner Gattin daran. Und jetzt waren die beiden einzigen, die allein darüber hätten Gewissheit geben können, nicht mehr am Leben, die Mutter und die Kindsmutter.

In dieser Verlegenheit, in dieser großen Angst seines Herzens, fasste er den Entschluss, Theodoren der Kirche zu weihen. »Sie«, so sagte und überredete er sich selbst, »ist gewiss die Ältere, das Ungefähr entscheidet ja fast immer günstig und schon der Name leistet mir die sicherste Gewähr dafür.«

Noch war sie viel zu jung, um in ihren künftigen Beruf klare Einsicht haben zu können, deshalb unterwarf sie sich willig dem Ausspruch ihres Vaters, der sie stets mit Milde und Liebe behandelt hatte, und ließ sich getrost und ruhig nach dem Ort ihrer Bestimmung, dem nahen Nonnenkloster (jetzt: Nonnenmühle) führen, um dort von der Priorin vorläufig für ihre künftige Bestimmung vorbereitet zu werden.

Der Vater aber hatte sich so sehr an beide Kinder gewöhnt, dass er, notgedrungen das eine verlierend, freiwillig auf die Gesellschaft des anderen verzichtete. Demzufolge entsendete er Ferdinanden zu einer Verwandten nach Altenburg mit dem festen Vorsatz, nur beide zusammen und auf gleich lange Zeit wiederzusehen.

2.

So wie den Reisenden ein geheimes Grauen, ein unheimliches Gefühl beim schnellen und unerwarteten Wechsel paradiesischer Gefilde mit wüsten, unwegsamen und wilden Gegenden befällt, so bemeisterte sich ein solches auch Theodorens, als sie die väterliche Wohnung mit dem Kloster tauschte. Es war ihr, als komme sie aus einem Palast in einen Kerker, als umschwebe sie plötzlich am hellen Tag ein Dunkel der Nacht. Gewohnheit, sagt man, ist die zweite Natur. In vielen Fällen dürfte aber die Richtigkeit dieses Sprichworts wohl in Zweifel zu ziehen sein. Auch an Theodoren wurde es zu Schanden, denn niemals fand sie sich heimisch in den klösterlichen Mauern, niemals konnte sie vertraut mit denselben werden, was umso mehr auffallen muss, da sie in so zartem Alter demselben übergeben wurde. Freilich mochte dazu der Umgang mit den alten Nonnen und der Äbtissin, einer grämlichen, von Vorurteilen eingenommenen Dame, nicht wenig dazu beitragen. Die Ungebundenheit ihres früheren Lebens, ihr feuriges, lebendiges Temperament, das nie gehemmt wurde, solange es sich in den Grenzen des Anstandes und der Artigkeit bewegte, sah sich plötzlich in Fesseln geschlagen, die für sie umso drückender wurden, als sie von dem allen weder einen Grund einzusehen vermochte, noch, sooft sie auch darüber nachdachte, Vorteil daraus für sich erwachsen sah.

Wir werden später sehen, welch einen verderblichen Einfluss eine solche Erziehung auf ein jugendliches Gemüt ausüben musste, welches mit einem hellen Geist einen großen Hang zur Schwärmerei verband. Der Kontrast zwischen ihrem früheren und jetzigen Leben wurde für sie noch fühlbarer durch die Briefe ihrer Schwester, in welchen ihr dieselbe alle unschuldigen Freuden ihres Jugendlebens mit einer Heiterkeit und einem Frohsinn mitteilte, aus denen ein Herz und eine Seele hervorleuchteten, die einen Engel geschmückt haben würden. So blieben denn der sonst so fröhlichen und lebenslustigen Theodore nichts als Klagen, Klagen über ein Leben, welches fast den Stempel der Verdammnis an sich trug, Klagen über ein drückendes Dasein, das sie weder verschuldet, noch verdient hatte, Klagen über eine gemordete Jugend, die klang- und teilnahmslos an kalten Wänden widerhallten.

Bei so verschiedenen Lebensarten war den Schwestern das Alter herangerückt, welches die Grenzscheide zwischen dem Kind und der Jungfrau bezeichnet. Beide waren körperlich in üppiger Fülle fortgewachsen und zu einer Reife gelangt, die auf mehr Jahre deuten ließ als sie wirklich zählten. In geistiger Hinsicht war denselben jedoch ganz vorzüglich Theodore vorausgeeilt. Feurig und lebhaft war sie überhaupt von Natur, wie hätte es da wohl anders kommen können, als es späterhin kam? Wurde sie in ihrer Einsamkeit nicht gleichsam zu geistiger Tätigkeit gezwungen? Und diese Einsamkeit wurde für sie die Grundlage allen Unglücks. Einsamkeit verschließt das Herz gegen unsere Nebenmenschen, sie verleitet zu Ungerechtigkeiten, sie lehrt uns unsere Mitmenschen entbehren und verachten, sie verschlechtert den Bösewicht im Kerker und macht aus Mönchen und Nonnen Heuchler, selbst Tiere werden durch sie misstrauisch und scheu. Theodoren entriss sie Vertrauen und Zutrauen.

Wie ganz anders dagegen befand sich Ferdinande. Aufs Neue der mütterlichen Sorgfalt einer Freundin übergeben, die weder an Herzensgüte noch lobenswerter Häuslichkeit der Verwandten im väterlichen Haus etwas nachgab, würde sie im Ganzen genommen eine Veränderung ihrer Lage gar nicht wahrgenommen haben, hätte sie nicht des Vaters gewohntes Angesicht entbehren müssen.

Was jedoch die Natur ihrer Schwester versagt hatte, ward bei ihr zur zweiten Natur, die Gewohnheit, und so fühlte sie sich denn in kurzer Zeit recht behaglich in ihrer neuen Lage. Während ihre geliebte Schwester seufzend in ihrer Zelle saß, befand sie sich an der Seite ihrer Muhme in irgendeiner frohen Gesellschaft, im Kreise junger Männer, welche mit der Artigkeit der Gebildeten ihres Geschlechts bereits anfingen, der sich entfaltenden Jungfrau zarte Schmeicheleien zu sagen. Wie wohltuend waren solche Gesellschaften und solche Gespräche für Ferdinanden, und aus welchem Grund hätte sie wohl der Schwester ihr Glück verschweigen oder Erfahrungen verheimlichen sollen, die ihr so wohltaten? Wohlgemeinte, aber unheilbringende Briefe! Welchen Einfluss übtet ihr auf das empfängliche, feurige Herz der eingeschlossenen Theodore! Ihr brachtet ihr zuerst einen Begriff von dem bei, was sie zu entbehren berufen war. Ihr schlosst ihr geistiges Auge auf und zeigtet ihr gleichsam in einem Spiegel das, was man ihr gewaltsam entrissen hatte, obgleich sie es nur erst in aufkeimender Ahnung besaß. Verderblicher hatten nicht der giftigsten Rede Worte auf ein empfängliches weibliches Herz wirken können als hier die unschuldigen, wohlgemeinten Briefe einer liebenden Schwester.

Mit dem Beginn ihres jungfräulichen Alters begann auch eine strengere Lebensart für sie. Was man dem Kind erlaubt hatte, konnte man der Jungfrau nicht mehr gestatten. Was der Laienschwester zustand, durfte die Novize nicht wagen, die der Nonnenschleier ehe baldigst für immer der Welt entziehen sollte.

Forderten auch die Gesetze ein Leben, wie es jetzt begann, so liefen sie doch als unerlaubte Vorschriften den Ansichten Theodorens schnurstracks entgegen, denn jetzt fühlte sie tief in ihrem Innersten, dass der freie Wille eines jeden das erste, das natürlichste Gesetz sei. Wagte sie selbst nach dieser Überzeugung noch nicht ihren Vater zu verdammen, so hatte sie doch von jetzt an aufgehört, ihn zu lieben. Alles dies fühlte sie, müsse man an alles setzen, die Freiheit aber stehe vor allem oben an. Das strenge Leben hielt sie für unverdiente Strafe, ernste Ermahnungen für Härte. Beides trug nicht wenig dazu bei, ihren festen Sinn in einen unbeugsamen umzuwandeln.

3.

Nach ziemlich fünf Jahren schlug zum ersten Mal die Stunde des Wiedersehens. Das Vaterherz hatte nicht länger schweigen können. Mit aller Stärke väterlicher Liebe sehnte es sich nach dem Anblick der geliebten Töchter, darum beschied er Ferdinanden aus Altenburg zu sich und eilte mit ihr an die Pforten des Klosters. Wenige Minuten nachher lagen sich die Schwestern in den Armen.

Wie ganz anders ist ein solches Begegnen, wenn es von allen Seiten ein freudig- und sehnsüchtig-erwartetes genannt wird. Stumm, wie der Vorwurf ihres Inneren für ihren Vater, gab sich Theodore den Liebkosungen desselben hin, Tränen, das heilige Blut der Augen, strömten über ihre Wangen beim Umfangen der Schwester. Ferdinande verstand ihre Klage ohne Worte. Theodore hatte in einem Augenblick ihr zukünftiges Leben des Elends ermessen und empfunden, während sie in der Schwester Augen des Lebens Glück las, auf welches sie verzichten sollte. Ihr erzwungenes Lächeln kündete Selbstverleugnung und Resignation an, Ferdinandens verklärter Zug die innerste Zufriedenheit mit sich und der Welt. Ach, nur zu bald lüftete sich der Zukunft trügerischer Schleier und zeigte der Glücklichen höhnend des Lebens Tücken! Stumm, wie der Empfang gewesen, wurde der Abschied, aber wie schnell kündeten sich die Folgen dieses Wiedersehens an.

Je näher die Stunde von Theodorens Einkleidung heranrückte, desto seltener wurde der Briefwechsel beider Schwestern. Ferdinande vermied das Schreiben, um der Schwester mit ihren heiteren Lebensansichten nicht zu nahe zu treten, Theodore, um der Schwester Frohsinn nicht zu trüben.

In sich gekehrt und verschlossen lebte Theodore, kämpfend zwischen kindlicher Pflicht und Liebe, lebend-tot, wie von einem schmerzlichen Traum umfangen, heiter dagegen und in gemischten Kreisen, umgeben von trauten Freundinnen, Ferdinande ihr noch ungetrübtes Jugendleben.

Beider Umgebungen vollendeten und bildeten ihre Charaktere aus, treue Abbilder der Erziehung.

Endlich nahte die Stunde, die Theodoren zum letzten Mal als Novize erblickte. -- Die Einkleidung war erfolgt. -- Des Klosters Glocken verkündeten dumpf hallend den bürgerlichen Tod des lieblichsten Mädchens. Dem künftigen Beruf ihres Geschlechts war sie für immer entrückt. Aber kein friedlicher Genius hatte über dieser Stunde geschwebt, sondern eine rächende Nemesis, damit es die Zukunft verkünde, dass solche Opfer Gott nicht wohlgefällig, solche Erwählte nicht die wahren Priesterinnen wären, sondern des Menschen freier Wille allein seinen Beruf bestimmen müsse, dass weder ein Vater seinem Kind noch der Mächtige dem Unterdrückten, weder durch Gewalt noch durch Gelübde eine Bahn vorzeichnen dürfe, die er sich nicht selbst erwählte.

Gesenkten Hauptes saß Theodore, nicht eine kindlich Betende, sondern einer Büßenden ähnlich, in ihrer Zelle, nur scheinbar das Auge auf das aufgeschlagene Buch heftend oder mit dem düstermelancholischen Blick weit in die Ebene hinausschauend. Mühsam unterdrückte sie die Seufzer, die mechanisch sich ihrer ahnungsvollen Brust entwanden. Niemals verlebte sie ihre Stunden in Gemeinschaft mit den Nonnen, diejenigen ausgenommen, in welchen die Mahlzeit oder die Gebete nach den vorgeschriebenen Ordensregeln gehalten werden mussten. Ihre einzige Erholung bestand in der Beschäftigung mit sich selbst.

Obgleich sie recht gut wusste, dass sie von nun an für immer ihrer Freiheit beraubt war, schmiedete sie ausschließlich doch nur an Plänen zur Wiedererlangung derselben. Ihre Freiheit, so hatte sie sich feierlich in jener Stunde gelobt, in welcher man ihr den Schleier als symbolisches Zeichen ihrer Vermählung mit der Kirche über ihr Haupt zog, strebte sie wiederzuerringen, koste es, was es wolle, und sollte sie dieselbe nur für wenige Monde mit ihrem Leben erkaufen. Noch einmal frei in Gottes freier, herrlicher Natur zu schwelgen, ungebunden alle Räume, wie ihre nimmer ruhende Phantasie zu durchlaufen, das müsse sie, das hatte sie sich unverbrüchlich geschworen.

Jede Stunde, die ihr angehörte, brachte sie daher an den Ufern der Pleiße in einer Laube zu, wo sie ungesehen Augenzeuge von dem sein konnte, was rings um sie her sich zutrug. Links schweifte das Auge über die anmutigen Wiesen nach den Auen Lindenaus, begrenzt von schattigem Wald und dem freundlichen Kukturm (jetzt: Kuhturm). Unmittelbar vor ihrem Gesichtskreis dehnten sich die Wiesen der Pleißenburg, traulich umschlungen von den Armen der alten und der neuen Pleiße, die der Burg den Namen gegeben. Rechts breiteten sich die Ebenen von Connewitz aus, wo auf fruchtbaren Fluren das Korn im Strahl der allbelebenden Sonne beim Anbrechen und Scheiden des Tages golden glänzte, denn damals raubten noch dem Kloster die Häuser der jetzigen Petersvorstadt die freie Aussicht nicht.

Hier in dieser Laube auf grüner Moosbank, umrankt von Immortellen und Rosen, lauschte sie den murmelnden Wellen, verursacht durch den Fall eines nahen Wehres, die sich ohne Unterlass sanft zwischen grünenden Ufern*) zu ihren Füßen hinschlängelten, sie zu begrüßen. Da saß sie, eine zweite Heloise, Sehnsucht in der Brust, Liebe, -- nein.

*) Die Wiesen der heutigen Nonnenmühle und des Riedelschen Gartens.

Teurer Unglücksname, werde nimmer

Von verstummter Lippe mehr gehört!

Birg dich da ins Dunkel, wo noch immer

Liebe gegen Andacht sich empört!

Schreib' ihn nicht! -- Doch ach, was hilft mein Wehren?

Rasche Hand, du schriebst ihn ja schon hin!

Löscht ihn wieder aus, ihr meine Zähren,

Und entsündigt die Verräterin.

Ach, die Arme, die vor Schuld erbanget,

Schluchzt und weint umsonst, umsonst ihr Ach.

Was gebieterisch das Herz verlanget,

Schreibt die Hand nur allzu willig nach.

(Popes Heloise)

Und so war es. Was ihr Herz verlangte, das fand sich, fand sich in der Gestalt eines blühenden Jünglings, der oft auf schaukelndem Kahn in Träumen versunken, ruhig den Wellen die Führung seines kleinen Fahrzeuges überließ. Mochte sie auch den Atem zurückhalten und die Seufzer in der Brust zerdrücken, der scheinbar träumende und schwärmerische Jüngling hatte sie doch erblickt. Ihrem Schicksal konnte sie nicht entgehen. Jedem Menschen schlägt seine Stunde im Glück oder in der Liebe oder in beiden' zugleich. Wie sehr sie sich auch bemühte, den Blicken des Jünglings zu entfliehen, wie sehr auch Adolph, dies war sein Name, dem Drang des Herzens zu widerstehen sich bestrebte, umsonst! Nicht die drohende Gefahr, nicht die Furcht vor der Strafe des Verbotenen, noch das heilige Gewand, welches stumm auf die Unmöglichkeit irgendeiner Hoffnung hindeutete, waren imstande eine Neigung zu besiegen, die ebenso schnell entstanden als zum Riesen emporgewachsen war.

Nicht Buße, nicht Gebete und Gesänge, nicht Fasten noch Tränen, welche Tag und Nacht ihre rosigen Wangen benetzten, waren vermögend, ihrer Pulse rasche Schläge zu besänftigen. Jeder Windzug hauchte ihr den teuren Namen in das Ohr, jede Welle schrieb ihn zitternd auf dem flüchtigen Element, jeder Donnerschlag verkündete ihr laut mahnend seinen Namen und ihr Verbrechen.

Aber mächtiger als Sturm und Donner, kräftiger als der Wille, unbesiegbar ist die Liebe. Erst schüchtern, dann mutig, zuletzt tollkühn, so Adolph. Erst schwankend, dann unwandelbar und treu und unerschütterlich, so Theodore. Jede Blume ward ein Brief, jedes Blatt ein Buch, jeder Laut eine Rede. Wenige Nadelstiche durch Blätter gestochen genügten statt langer Mitteilungen, einige Zeichen statt langer Gespräche. Ach, diese Briefe waren ja anfangs die einzigen Zeugen ihrer Liebe, die heiligen Schwüre der Treue, der Unverbrüchlichkeit des Schweigens.

Darum schreib', Geliebter meiner Seele,

Schreib' mir alles, alles ohne Scheu,

Dass mein Schmerz dem deinen sich vermähle,

Dass ich Deiner Seufzer Echo sei!

Diese Macht entzogen ja der Armen

Ihr Geschick und ihre Feinde nie.

Könntest wohl, entneigter dem Erbarmen,

Du mir mehr entzieh’n, als sie?

Noch sind sie mein eigen diese Zähren,

Wozu spart' ich sonst die Zähren noch?

Wollt' ich sie der Liebe nicht gewähren.