Die Säntisbahn - Andri Peer - E-Book

Die Säntisbahn E-Book

Andri Peer

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Beschreibung

Ein Schreibatelier an der UMass (University of Massachussets) Dartmouth im Jahr 2043. Die Teilnehmer wissen vorher nicht, welche Aufgabenstellung sie erwartet. Fast immer geht es dabei auch um spannende interkulturelle Aspekte, ohne dass jedoch mit dem erhobenen Zeigefinger gearbeitet wird. Indirekt können die Geschichten wohl auch als Aufforderung zur Integration verstanden werden, zumal Eigenheiten verschiedener Kulturen – insbesondere auch der Umgang mit Sexualität – beleuchtet werden. Immer jedoch wird das Gemeinsame hervorgehoben und nicht das Trennende gesucht. Dass Freud und Leid nicht zu kurz kommen, macht das Lesen zu einem durchgehenden Vergnügen. Die Idee, die Geschichten in der Zukunft anzusiedeln, eröffnet schließlich ein weiteres reizvolles Feld.

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Seitenzahl: 486

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2023 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99107-777-0

ISBN e-book: 978-3-99107-778-7

Lektorat: Leon Haußmann

Umschlagfoto: Andri Peer

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

1 Orchesterprobe für Poesie

Der Bericht über das Frühlings-Schreibatelier an derUniversity of Massachusettsin Dartmouth MA US geriet zu einem Sammelband von Erzählungen, die untereinander so eng verschränkt sind, dass man den Verdacht hegen könnte, es handle sich um das Werk einer einzigen Autorin oder eines einzigen Autors. Das Gegenteil ist der Fall. Die Zahl der Teilnehmer hat in jenem Frühjahr 2043 den historischen Höchststand von 248 erreicht. Normalerweise archiviert die Universität die Produkte ihrer Schreibateliers in digitalisierter Form und liefert den Teilnehmenden, deren Erzeugnisse von den Leitenden als besonders wertvoll bezeichnet wurden, kostenlos zehn gediegen ausgedruckte, in Sky gebundene und mit dem feierlichen Siegel der Universität und dem Namen des/der Verfasser/in in Goldlettern geschmückte Exemplare. Das trägt in einem Fach, das die Mehrheit der Bevölkerung für zumindest überflüssig hält, mehr zum Image der Universität als zu jenem der Schreibenden bei. Letzteren geht es zumeist nur darum, auf möglichst schmerzlosem Weg eine Handvoll Credits für den Bachelorabschluss zu ergattern.

Die Frage ist berechtigt, warum sich eine kleine Universität wie Dartmouth einen so überflüssigen Luxus leistet, wenn sie die Spesen für die eigentlichen Zukunftsfächer, als da sind Engineering, Marine Science & Technology, Business & Law, nur mühsam berappen kann. Nun, Darthmouth ist eine Filiale der um einen Faktor 10 größeren und bekanntenUniversity of Massachusettsin Boston, und sie ist als Experimentaluniversität konzipiert, die auch Abteilungen wie das College of Arts & Sciences, eine Abteilung für Continuing Education von der Wiege zur Bahre und eine medizinische Pflegerinnenschule unterhält, die ihre Absolventinnen zu echten Partnerinnen der Ärzte machen und damit zur Entlastung und Regenerierung des geschundenen amerikanischen Spitalwesens beitragen will. Kunst hat mit allem zu tun, und alle Fächer entsprechen letztlich dem, was im Mittelalter als Künste unterrichtet wurde, vom Studium der Klassiker bis zu jenem der Mathematik und der Astronomie. Und vor allem: in Darthmouth werden auf mächtigen, hochvernetzten Computern alle Lehrfilme ebenso wie die Grundlagen für allgemein anerkannte Fernprüfungen organisiert und verarbeitet, welche die Uni von Boston zu einer der bekannteren Fernuniversitäten gemacht haben, wo man sich ein allgemein anerkanntes Diplom ohne Präsenzunterricht und ohne Anreise zu Prüfungen erwerben kann. That’s the true future, dear Watson! Wer’s nicht glaubt, kauft sich für gutes Geld an der Trump University einen Doktor in Patiencenlegen und hängt das von Siegeln übersäte Diplom in seine Lounge.

Ungewöhnlich sind auch die Sponsoren, die es möglich machen, für die Leitung der Schreibateliers jeweils bekannte, englischsprachige, ausländische Schriftsteller aus Europa, Indien, Japan oder Afrika einzuladen, zum Teil auch solche, die daneben noch in ihrer lokalen Muttersprache publizieren. In einem Land, in dem ein guter Teil der Bevölkerung nicht einmal weiß, dass es außer Amerikanisch noch weitere weltweit verbreitete Sprachen gibt, ist das keineswegs selbstverständlich. Im Fall von Fatima, meiner Frau, und mir ging der schrullige Sponsor, der an der englischen Übersetzung unserer zweihändig geschriebenen Science-Fiction-Krimis den Narren gefressen hatte, noch einen Schritt weiter. Wir sprechen zwar beide leidlich Englisch, Fatimas Muttersprachen aber sind syrisch-libanesisches Arabisch, Ivrit (ihr Vater war israelischer Konsul in Damaskus), und Italienisch (die Sprache ihres Kindermädchens, dem in ihrer noblen Familie die Erziehung der Kleinen bis zu ihrem 6. Lebensjahr fast vollständig überlassen wurde). Ich nenne mich Andri Peer, meine Mutter stammt von nach Frankreich ausgewanderten Winzern ab, daheim sprach sie Französisch, der Vater mit mir Suaheli und ich mit den Kindern in Zürich Schweizerdeutsch. Vater war Übersetzer in der Schweizer Niederlassung eines biozertifizierten Gewürzproduktions- und Handelsunternehmens auf der Gewürzinsel Sansibar und wollte um jeden Preis, dass ich an der Uni Zürich Wirtschaftswissenschaft studiere, was ich ihm zuliebe getan habe. Dass ich heimlich Gedichte auf Züritüütsch schrieb, ahnte er nicht und er zeigte mir seine schönsten runden Kulleraugen, als ich ihm ein Exemplar des DialektkrimisEm Chrigi sin Sackhägelauf den Schreibtisch legte, mit dem ich unter dem Kunstnamen Andri Peer beimZytglogge Verlageinen Großerfolg gelandet hatte. Nachdem er mich lange nachdenklich angesehen hatte, sagte er so etwas wie„Ikiwa unaweza kupata pesa kutoka kwa hiyo, basi andika riwaya za upelelezi“ – Wenn du davon leben kannst, dann schreib halt Kriminalromane. Er war weiterhin lieb zu mir wie zu einem kleinen Buben, hat aber nur noch Französisch mit mir gesprochen. Die Hoffnung, dass ich ihm einmal nachfolgen werde, hatte er aufgegeben. So ist auch mein Kisuaheli verblasst und ich habe in Freiburg im Üechtland französische Literatur und Philosophie studiert. Bis zu meiner Masterprüfung hat Vater bezahlt, dann hat er, glaube ich, mich und Mutter vergessen und ist nach Afrika zurück. Gegenwärtig gebe ich in Freiburg im Üechtland Vorlesungen über Literatur der französischsprachigen Schweiz. Gegen Ende des Studiums lernte ich meine zukünftige Frau Fatima (mit ihrem vollen Namen Fatima Bné Muhammad ibn Achmad Abu Nureddin) kennen und lieben, die anfänglich für ein Doktorat über arabische Dichtung aus vormuslimischer Zeit angereist war, in Genf unterrichten wollte, jetzt in Freiburg/Fribourg Komparatistik unterrichtet und daneben Jahr für Jahr vierhändig mit mir einen Krimi veröffentlicht, der meistens ziemlich hohe Auflagen erreicht.La Tuerie de Petershamheißt der letzte, in den Editions Amalhée erschienene, der in le Havre, Petersham MA USA und Mali spielt. Unsere beiden Kinder sind noch klein (3 und 5 Jahre), so mussten wir uns kein Gewissen machen, sie ihrem schulischen Milieu und ihren Spielkameraden zu entfremden, als wir den Ruf erhielten, an der University of Dartmouth als Gastdozenten für zwei Semester den Deutsch- und Französischunterricht zu übernehmen und dabei auch abwechselnd Schreibateliers zu veranstalten.

Das erste Atelier durfte ich durchführen und beschloss, es neu zu gestalten. Meine Vorgänger hatten es jeweils als Lernveranstaltung konzipiert und gegen Mitte des vorangehenden Semesters die Aufgaben festgelegt: „Lesen Sie von Schriftsteller(in) A Werk A1pp. x – y, von Schriftsteller(in) B Werk B1usw., das Ganze im Umfang von mehreren Hundert Seiten, die kaum jemand durchblätterte (die Fleißigen verschafften sich einen Überblick dank Wikipedia). Ein Seminarvormittag verlief dann etwa so: Startschuss um 08:30: „Stellen Sie sich vor, Sie wären Mark Twain 120 Jahre später, studieren hier, treten morgens aus ihrem Campusgebäude hinaus, schlendern durch die Parkanlagen, beobachten aufmerksam Kommilitonen und Professoren, die kreuz und quer zu verschiedenen Bestimmungsorten eilen und machen sich ein paar Notizen zu Gedanken, die Ihnen gekommen sind.“ Mittagspause 11:45–13:30. Nachmittags bis 17 Uhr liest jeder seine Sätzchen vor, keiner zu klein, um ein Twainchen zu sein, man korrigiert sich gegenseitig Rechtschreibung, Wortstellung und Vokabular, in der letzten halben Stunde gibt der Dozent Bemerkungen zu Rhythmik, Stil und Lokalfarbe von sich und verteilt die Aufgaben für den nächsten Tag. Zensuren gibt’s keine, nur Präsenzatteste, die man für die begehrten Credits braucht. Nichts gegen unsere Vorgänger, sie taten, was man von ihnen erwartete. Wir durften und wollten es anders machen, trafen erst kurz vor Semesterbeginn ein und konnten nur einen Titel durchgeben. Wer von uns beiden die Veranstaltung leiten würde, stand noch nicht einmal fest. Also haben wir folgenden Titel gewählt:Let the soul write and the hills will sing. Dazu ein kurzes Statement und eine Anleitung:

„Be aware that all great deeds began with a dream. In the coming weeks, take half an hour at least once a day to dream in a relaxed way and say to yourself: ‚Right now I am doing something very beautiful and very useful. Life is a miracle‘!“

Unserem freundlichen Sponsor ließen wir die Aufgabenstellung per Fax zukommen und er war so begeistert, dass er bei einer jungen Künstlerin ein Plakat im Straßenformat bestellte: eine Art Paradiesgarten in angedeuteten, tanzenden, pastellfarbenen Figuren, die wie Scherenschnitte von Mathis in Raum schweben und nach den Worten des Titels zu haschen scheinen. Hundert solche Plakate wurden auf dem Campus verteilt und verursachten einen großen Wirbel. Rektor, Counceler und unsere zukünftigen Kollegen waren leicht verwirrt, die hochwohllöblichen Vertreter verschiedener Lokalkirchen, von den Lutheranern bis zu den Heiligen Jesu Christi der letzten Tage, klopften die Worte ab, um zu kontrollieren, ob sie allenfalls unchristliche Wertvorstellungen offenbaren möchten und beschlossen am Ende, sie als fromm zu bewerten,inasmuchvon der Seele die Rede war und eine friedliche Trauer um das verlorene Paradies als der Tau einer wohltuenden Reue interpretiert werden könne und somit als Vorbereitung auf den Empfang des Heiligen Geistes.Consequentlybestand kein Grund zu Beunruhigung. Die Undergraduates schließlich, deren Hormone noch im Rhythmus der Spätadoleszenz brausten, liessen sich die Aufforderung zum Träumen nicht zweimal sagen und hingen ihren üblichen Tagträumen nach. Einige malten sich bereits lustvoll praktische Übungen dazu aus.

Die Ausschreibung sollte nichts über die vorgeschlagenen Themen verraten, daher der poetisch-verrückte Titel:Lass die Seele schreiben und die Hügel werden singen(Let the soul write and the hills will sing), von welchem Dichter schon wieder? Wir wissen es nicht, es war eine gemeinsame Inspiration, nach Stunden eingehender Diskussion nach dem Prinzip der freischwebenden Aufmerksamkeit unter Ausschaltung jeder gezielten Intention. Autsch! Wenn das mal gut geht … Es ist aber die Technik, mit der wir vierhändig schreiben, tief konzentriert und ganz an das Schreiben hingegeben wie ein Pianist und eine Geigerin, die gerade eine späte Sonate von Buxtehude oder Hindemith interpretieren. Der Rest ist Geschenk und schweißtreibender Fleiß: der Plot muss ein Clockwork Orange sein, die Sprache präzise, geschliffen und zugleich so durchscheinend, dass sich die Lesenden widerstandlos in eine andere Welt tragen lassen. Nun, ganz auf dieser Höhe der Kunst haben wir uns mit den Undergraduates in Dartmouth natürlich nicht bewegt, vor allem, weil sie sich zur Eröffnung in Scharen in einem der größten Vorlesungssäle drängten und ziemlich unruhig waren. Ich hab’s dann so formuliert:

„Ladies and Gentlemen! Ich bitte um Ruhe. Sie sollen ein bisschen mehr haben von dieser Veranstaltung alsa few lousy credits, also seien Sie bitte still, sonst hören Sie sich nicht einmal mehr denken. Wir werden streng arbeiten. Träumen ist kein Kinderspiel! Verteilen Sie sich bitte in den folgenden 12 Räumen (Liste an der Tafel), und zwar so, dass niemand dem anderen beim Schreiben zusehen kann. Schweigen Sie wie Mönche. Ich werden mit ein paar Assistenten von Raum zu Raum gehen und kontrollieren. Folgendes ist Ihre Aufgabe: Sie versuchen sich an ein Geschehen zu erinnern, bei dem sie ein so starkes Gefühl erlebt haben, sei es Freude, Lust, oder Scham, Trauer, Verzweiflung, dass es alle Ihre bisherigen Erfahrungen gesprengt hat, Sie keine Worte dafür fanden, Ihren Zustand auch niemand mitteilen wollten, weil er zu intim war, zu empfindlich gegen jede grobe Berührung von außen. Um wirklich zum damaligen Zustand zurückzufinden, denken Sie ganz konkret an Gerüche, Farben, Wärme- und Kälteempfindungen, Geräusche, versuchen Sie, soviel wie möglich davon zurückzurufen. Wenn Sie finden, sie hätten ein Optimum erreicht, dann nehmen Sie wieder Abstand und versuchen Sie, in ein paar Sätzen dieses Erlebnis für sich, und nur für sich zu beschreiben. Niemand wird je Ihre Notizen sehen, niemandem werden Sie davon berichten, das sind Sie, das ist Ihr Innerstes, ein Abbild Ihrer Seele, ein Heiligtum! Und als Symbol dafür werden wir um 11:30 im Parkrondell zusammentreten, wo ein kleines Feuer brennen wird, und jedes wird kurz vortreten und seine Notizen in das Feuer werfen, damit das Geheimnis auf immer besiegelt ist. Am Nachmittag, nach der Pause, notieren Sie von 13:30 bis 14:00 Uhr jedes eine Liste von Kommilitonen und Kommilitoninnen, mit denen Sie gerne eine Geschichte erfinden möchten. Sie können sich dabei mit anderen absprechen, es darf aber nicht laut werden in Ihrem Raum.“

Als ich meine Pappenheimer um 14 Uhr wieder im großen Saal vor mir sah, war die Spannung auf der Haut fühlbar. Der Vormittag hatte sie aufgewühlt, die feierliche Verbrennungszeremonie hatte daraus ein Ritual gemacht, jetzt kam die Stunde der Gemeinschaft. Ich vermute, dass sich die Vorstellungen je nach Naturell zwischen dem Kabinengespräch einer Baseballmannschaft vor dem Auftritt und dem gemeinsamen Singen von Gospels bewegten. Daraus musste nun etwas Greifbares werden:

„Sie haben es verstanden: jetzt kommt der Übergang zu Gemeinschaftsarbeit. Aber auch das will vorbereitet sein, zunächst wieder jedes für sich: Wer in eine Gemeinschaft eintritt, bringt eine Gabe mit, etwas Wertvolles, wenn’s geht. Versuchen Sie, Ihr Erlebnis vom Vormittag in eine Kunstfigur hineinzulegen, die in einer ganz anderen Welt lebt, anders heißt, vielleicht sogar eine andere Sprache spricht, die niemand mit Ihnen identifizieren kann, und die jetzt ein Tagebuch schreibt. Sie verfassen eine Skizze, die folgendes enthält: · Den Plot: Was erlebt diese Person mit anderen? · Ein Personenverzeichnis: Mit wem zusammen erlebt sie das? · Ein minimalistisches Drehbuch: Rahmenhandlung zur Orientierung für die Lesenden/Dauer des Geschehens/Darstellungsweise: Notizen? Aus der Erinnerung notierte Dialoge? Einführung eines späteren Verlegers?“

Das war schon wieder eine völlig neue Aufgabe, so etwas hatte noch nie jemand von diesen jungen Menschen verlangt, auch wenn vermutlich nicht wenige von ihnen tatsächlich ein Tagebuch führten. Und es war auch eine recht umfangreiche Aufgabe, die ich ihnen gleich in handliche Teile portioniert habe: Sie hatten 3½ Tage Zeit. Die kleinen Skripte konnten sie direkt in ihren Laptop schreiben und mit einem Schlüssel anonymisiert laufend auf den Campuscomputer laden. Sie beschlossen selber, wann sie ihr Skript zur Einsicht freigeben wollten, spätestens bis Freitag 18:00. Es gehört zur Aufgabe, dem Projekt einen möglichst ansprechenden Titel zu gehen. Bei Eingabe eines vereinbarten Codes konnte jede/r diese Liste auf seinen eigenen Bildschirm rufen, und wenn ihr/ihm ein Titel besonders gefiel, ihn anklicken und damit das entsprechende Skript lesen. Am Montagvormittag der folgenden Woche galt es, an die Zentrale die Nummern jener Verfasser/innen (2–4) zu melden, mit denen man gerne gemeinsam schreiben möchte. Ein Algorithmus, nicht unähnlich jenem, mit denen man aus den Anforderungen des Programms, den verfügbaren Dozenten, deren Wünschen, den Vorlieben der Studenten und den vorhandenen Räumlichkeiten einen Stundenplan zusammenstellt, würde dann die Gruppen zusammenstellen, diesmal mit den realen Namen der Beteiligten. Das würde für Überraschungen sorgen und machte das Ganze für die Lernenden äußerst spannend. Und tatsächlich, sie gaben sich Mühe wie noch nie in einem Schreibatelier, das wurde mir später von vielen bestätigt. Auf Vorschlag der Teilnehmenden einigten wir uns übrigens darauf, dass alle Erzählungen am gleichen geographischen Ort stattfinden würden, der allen gleichermaßen unbekannt war, nämlich Kanton und Stadt Zürich. Wir haben auf dem Web zahlreiche Fotografien, ein Lexikon und eine Grammatik des Zürichdeutschen sowie ein geschickt aufgebautes BändchenZüritüütsch i drüü Täägverfügbar gemacht. Das war für die jungen Leute eine besonders exotische Sprache, aber doch leichter zu handhaben als Chinesisch.

Als es so weit war, dass die eigentliche Schreibarbeit beginnen konnte, habe ich ihnen noch ein Beispiel aus einer anderen Kunstgattung mitgegeben:

„Ihr alle kennt Grandma Moses, die Tochter armer Bauern, die fast ein Leben lang als Magd gearbeitet hat, keine Zeit hatte, um das zu tun, was sie am liebsten tat: den Alltag malen und die Menschen um sich herum. Doch als sie endlich mit 75 ihrer Leidenschaft folgen durfte, schuf sie ein Bild nach dem andern, von denen heute Dutzende in den größten Museen hängen und die alle unzähligen Menschen Trost und Freude gebracht haben. Geschrieben hat sie auch, eine Autobiographie, ähnlich eindrücklich wie sie malte. Nun, in jedem von euch steckt eine Grandma Moses. Macht euch gegenseitig Mut, streitet nicht, helft einander, geht mit den Beiträgen der anderen ebenso sorgsam wie mit euren um, und ich wandle jetzt einen Satz, ihr wisst gleich, wo ich ihn gestohlen habe: Wo zwei oder drei oder vier in ihrem Namen beisammen sind, dort wird Grandma Moses mitten unter ihnen sein. Zusammen mit den Damen und Herren Assistenten zirkuliere ich in allen Räumen und stehe euch jederzeit zur Verfügung.“

Die Studierenden haben sich faszinieren lassen und sich danach schwungvoll an die Arbeit gemacht. Es wurde hingebungsvoll diskutiert, eifrig gearbeitet, oft gelacht, mit nachdenklichen Pausen dazwischen, und alle Teilnehmenden kamen sich so nahe, wie sie es noch nie in einem Seminar erlebt hatten. Einzelspieler fanden zu kleinen Kammerorchestern zusammen, das Schreibatelier wurde zu einer Orchesterprobe für Poesie. Als die Erzählungen abschließend von jeder Autorengruppe vor allen anderen vorgelesen und dann sogar in der Aula Magna vor rund 800 Zuhörenden Auszüge rezitiert wurden, hatte niemand das Gefühl, sich ausgeliefert zu haben und sich schämen zu müssen und allen war bewusst, dass da etwas sehr Wertvolles entstanden war.

Das haben alle bestätigt, und erst daraufhin habe ich das Manuskript, das Sie nun in Händen halten, für eine Publikation auf Englisch, Französisch und Deutsch freigegeben und dafür als Verleger die Verantwortung übernommen. Auch die von mir anfänglich beinahe als Traum geäußerte Vorstellung, dass die 7 Erzählungen, die Ihnen hier vorliegen, aus einer einzigen Hand zu stammen scheinen, ist m. E. weitgehend erfüllt. Fatima und ich betrachten den kleinen Band als echte, wenn auch bescheidene Literatur. Und daraus ziehe ich zum Abschluss eine didaktische Erkenntnis: Traue jungen Menschen ehrlich etwas zu, dann werden sie deine Erwartungen übertreffen.

Ich wünsche Ihnen eine angenehme Lektüre!

2 Die Besenkammer

Zwei afghanische Straßenwischer am Bürkliplatz in Zürich. Sie leben in einem Durchgangslager (ein Luftschutzbunker am Stadtrand von Zürich) und dürfen im Rahmen eines Beschäftigungsprogramms Reinigungsarbeiten verrichten, für die sie ein bescheidenes Sackgeld beziehen. Es reicht, um ihren Angehörigen 100 Franken im Monat zu überweisen, was dort beinahe ihre Familie nährt …

Mahdokht(der Ältere der beiden, graues Gesicht unter einer grauen Mähne, das Arbeitsgewand hängt schlaff herab, aber die Arme blicken muskulös und sehnig unter den kurzen Ärmeln hervor; hat gerade Besen, Rechen und Stielschaufel aus dem Verschlag geholt). – Reich mir die Thermosflasche. Ohne Kaffee gibt’s mich nicht.

Benafscha(leuchtend rote Baskenmütze. Spuckt aus.): – „Die Blätter! Phaah!“ dreht das Visier nach hinten.

Ma – Was, die Blätter?

Be – Liegen immer noch herum. Rechts, der Haufen, den Sven zusammengewischt hat und den der Morgenwind verweht.

Ma – Oktober, was willst du? Da gibt’s halt immer Wind am Morgen.

Be – Ja, schon, aber warum hat sie der andere nicht in die Kompostwanne geschaufelt? Wie sieht das aus? Man könnte meinen, wir geben nie einen Besenstreich.

Ma – Eben, ich sag› dir, uns nehmen sie noch dran, und dann ist es für eine Weile aus mit Ausgang.

Be – Ändert auch nicht viel.

Ma – Ändert alles: 80 m2mit Drahtgeflecht darum herum. Hier kannst du kilometerweit schauen und gehen, und vor dir ist erst noch der See.

Be – Im Lager gibt’s den Morgenspaziergang, da hast du auch Bewegung.

Ma – Ja, Morgenspaziergang! Qua, qua, qua, fünf Schrittchen, wieder stehen bleiben, qua, qua, qua … Da eine Kuh streicheln, die den Kopf über den Elektrozaun streckt und einem fast die Hand nach Salz abbeisst, dort einem Sennenhund schmeicheln: „Du bist aber ein ganz Lieber, ja, du wirst mich schon nicht beissen, nicht wahr? Streichel, streichel, streichel, ich sag’s ja, ich kann’s mit Hunden“, und sich unterdessen den Steiss im Morgennebel abfrieren, um am Schluss in der Runde („War es so gut für euch?“) schön brav „Ja, ja, ja“ sagen? Nein, danke schön!

Be – Hast du was Besseres?

Ma – Das ist es ja, es gibt nichts Besseres. Wenn du dich verweigerst, heißt es gleich: „Mahdokht, das ist gar nicht gut, du bist unkooperativ. Komm jetzt, sei nicht so. Nein, ich habe dich nicht am Arm gezogen, ich habe dich nur eingeladen, sofort mitzukommen, aber natürlich, du kannst dich weigern, du hast das Recht dazu, ich muss dann einfach die Lagerleitung informieren, und das hat natürlich Konsequenzen. Wie gesagt, es ist dein freier Entscheid, du bist frei, selbstverständlich, wir sind hier in der Schweiz, nicht bei den Ben Ladens, das wäre ja noch schöner.“

Be – Und wenn der Herr Lagerleiter kommt, heute, morgen oder in zehn Tagen, dann erklärt er dir noch einmal, das habe natürlich Konsequenzen, aber es sei dein freier Entscheid. Einfach, weil sie ja auf die Disziplin achten müssen, bekommst du bis auf weiteres keine Post mehr und musst dein Handy abgeben. „Versetzen Sie sich doch auch einmal in unsere Situation. Ihr habt es gut, ihr habt Kost und Logis in einem der modernsten Schweizer Bunker, und erst noch alle paar Tage eine Gratisfahrt ins Stadtzentrum, ihr könnt den halben Tag telefonieren, und das bisschen Wischen, mit dem ihr euch ein gutes Sackgeld, ein sehr gutes Sackgeld muss ich sagen, dazuverdient, könnt ihr für Endlosgespräche mit euren Kumpanen im Ben Ladenland verpulvern, während wir hier ununterbrochen dran sind: Zählen, organisieren, bestellen, kontrollieren, ermahnen, Deutschstunden erteilen, die euch anscheinend nicht interessieren … Ja, wir sind den ganzen Tag dran, unsere Arbeit ist wirklich erschöpfend, wenn ihr wüsstet … Und die Verantwortung, die Verantwortung! Die drückt einem die Schultern ab, hättet ihr nie gedacht, was? Bis man auch nur einen von euch assimiliert hat, bekommt man graue Haare!

Ma – Hat er dir auch einmal die Lagerordnungspredigt gehalten?

Be – Reich mir lieber die Thermos.

Ma – Weil, wenn du die 5 Seiten Lagerordnung nicht mehr in deinem Schaft im Schlafraum liegen hast, hast du Anrecht auf eine halbstündige Predigt: Verlust der Papiere gleich 1 Woche ohne Handy. Rekurs möglich, aber der Rekurs geht 20 Tage und gilt als erschwerender Umstand bei der abschließenden Verhandlung über Asyl oder Flugzeug zurück.

Be – Hör› auf oder ich gieß› dir den Kaffee über die Schnauze: bei mir gibt’s am Schluss sowieso nur noch Flugzeug oder untertauchen.

Ma – Untertauchen? Kannste gar nicht.

Be – Kannste sehr wohl: 90 000 bis 250 000 in der Schweiz, im Kanton Zürich rund 20 000, die Kirchen bieten eine Anlaufstelle, die SPAZ, die hilft wirklich. Wenn die Sans Papiers in Zürich streiken und die Predigerkirche besetzen, kriegt auch der Stadtrat rote Köpfe und sucht eine Verhandlungslösung, auch wenn du für die in Bern schon längstens im Flugzeug nach Karachi oder Kabul sitzen solltest.

Ma – Karachi oder Kabul oder Kandahar, mach endlich die Thermos raus … Na also … Wuallachi!1Das Gebräu ist nur noch lau!

Be – Kommt davon, wenn man über den Morgenspaziergang lästert.

Ma (wirft Benfscha in einer Bewegung Besen, Rechen und Stielschaufel zu, beugt sich nochmals über den Werkzeugkasten, um sein Set zu holen, klemmt es unter den Arm, spuckt in die Hände, fasst den Besen, wirbelt ihn in die Luft wie ein Fahnenschwinger, fängt ihn geschickt auf und setzt in der gleichen Bewegung zum Kehren an):– Alhamdulillahi2, kehren wir den Müll zusammen, sonst kommen wir dran.

Be – Tu› doch nicht so, als ob sie uns ständig beobachten. Für die braven Schweizer sind afghanische Straßenwischer unsichtbar, so was schaut man doch nicht an.

Ma – Und was passiert, wenn wir bis Mittag nicht alles Laub in unserem Revier zusammengefegt haben, wurst ob es windstill ist oder ständig neue Blätter von den Platanen herunterfallen? Ich sage dir, was passiert: Die schmeißen uns in die Besentruhe und setzen sich drauf!

Be – Soll ich dir was sagen? Du hast Verfolgungswahn. Vor den Peshmerga hast du keine Angst mehr gehabt. Vor den Amerikanern hast du dich nicht gefürchtet. Über die pakistanischen Gendarmen hast du gelacht, vor dem pakistanischen Militär die Schultern gezuckt; wenn sie hinter uns her geballert haben, bist zwischen den Geschossen gehüpft und hast ‚in shah‘ allahu3gebrummt. Kaum stehst du am Ufer der Zürisees, zitterst du wie die Blätter an den Platanen. Dich hat’s erwischt, jabunnaja4!

Ma – Mich hat’s erwischt und du kriegst gleich auf den Arsch, wenn du nicht aufhörst zu quatschen und anfängst du arbeiten!

Be (beginnt, lustlos zu wischen und unterbricht gleich wieder) – Mann, mehr als in die Isolationszelle sperren können sie uns nicht. Eingesperrter als sonst ist das kaum.

Ma (Wischt zügig, mit kraftvollen Bewegungen) – Aber kälter!

Be (Äfft den Aufseher nach): – Spiel doch nicht so den Hosenscheißer, das schadet der Gesundheit, sage ich dir. Du musst auch einmal lernen, Opfer für deine Überzeugungen zu bringen. Das ist gut für deine Assimilation, nicht wahr, das wirst du doch verstehen, oder? Denk› an die Verantwortung, die den armen Herrn Aufseher zu Boden drückt, und press dir eine Träne heraus, wenn du kannst.

Ma – Grr! Red› nicht so mit einem Hund, der aus dem Zwinger will. Falsche Freunde überlebst du, mit Feinden kann man verhandeln, Maulaffen wie dich lernt man ertragen, aber gegen Hunde, die aus dem Zwinger wollen, bist du machtlos.

Be – Meinst du? Dann schau das mal an! (Geht zum Besenkasten, öffnet ihn, kramt unter den Werkzeugen und zieht einen elektrischen Laubbläser mit Kabelrolle hervor, schließt den Kasten, geht mit der Rolle zur Kabelbuchse, zieht einen Schlüssel aus der Hosentasche, entriegelt die Klappe der Kabelbuchse, steckt den Stecker hinein, entrollt das Kabel bis zur Bürkliwiese, auf der die beiden gerade stehen, setzt den professionellen Bläser in Gang und wirbelt einen breiten Kometenstreifen von Blättern über der Wiese auf, der sich am Rand wieder kunstvoll zu einem dichten Laubhaufen besammelt.)

Ma (Hat mit offenem Mund zugeschaut): – Mann, als Gauner bis du effizient, du findest immer einen, der dir beim Schummeln hilft.

Be – Kein Mensch wird erfahren, dass wir das Gelumpe nicht von Hand zusammengekehrt haben; dem Werkzeugmeister hab’ ich libanesischen Hanf vom Besten verschafft, damit er die Rheumaschmerzen seiner Frau lindern kann, ohne beim Kantonsarzt für jede Dosis eine Bewilligung einzuholen und die Rechnung der Kantonsapotheke zahlen zu müssen; der hilft uns sicher und ist mir ewig dankbar!

Ma – Also gut, Alhamdulillahi, blas das gute Laub zusammen und dann grabschen wir es mit den Händen und tragen es in die Kompostgrube.

Be – Wozu willst du es mit den Händen zusammenklauben, wenn wir eine Bodenlaubschaufel haben, die uns das Bücken erspart?

Ma – Damit wir mit gutem Gewissen sagen können, wir hätten manuell gearbeitet, und damit wir die Regenwürmer in der Grube nicht erschrecken.

Be – Die Regenwürmer nicht erschrecken? Hast du die auch schon mit deiner Verfolgungsangst angesteckt?

Ma – Quatsch! Wenn du mit einer großen, dunklen Bodenlaubschaufel über die Grube fährst, legen sie sich flach, statt dich zu begrüßen.

Be – Bei dir ist eine Schraube locker. Regenwürmer kriechen, winden sich, bohren Löcher in den Boden. Davon, dass sie Männchen machen, wenn du deinen Dreck reinschmeißt, habe ich noch nie gehört.

Ma – Tun sie aber, du Ignorant, und weißt du warum? Weil Laub ein hochwertiger Kompost ist, und wenn der Deckel zuklappt und wieder luftdicht ist, dann packen die anaeroben Bakterien zu und machen daraus Alkohol, Blätterschnaps, damit du das mit deinem Holzkopf fassen kannst. Die Würmer saufen sich voll, und vollgesoffene Würmer strecken den Oberleib bolzengerade aus dem Humus.

Be – Ana … was Bakterien?

Ma – Anaerob, ohne Luft! Die Würmer könne ohne Luft fressen, saufen, rülpsen und Männchen machen. Hat mir der Werkzeugmeister erklärt, das ist ein ganz heller Kopf, der liest in jeder freien Minute und bildet sich weiter, nicht wie gewisse Schafziegel aus Afghanistan, die weder mit den Händen noch mit dem Kopf arbeiten wollen.

Be – Also, das mit den saufenden Würmern, das leuchtet mir eigentlich noch ein. Ich war einmal auf der Oktoberwiese, „Papierln einsammeln“, als afghanischer Kuli, bevor sie mich in die Schweiz abgeschoben haben, weil hier vor fünf Jahren ein Ururonkel von mir gelebt hat, der unterdessen nach New York abgehauen ist. Und natürlich habe ich dasoozopft is! gehört und auch einMoassgeschluckt…

Ma – Du Säufer!

Be – Quatsch, das Zeug ist so dünn, das geht dir gleich wieder als Pisse vorne raus, da würde nicht einmal der Prophet von harrar5sprechen.

Ma – Ich halte es lieber mit dem Gewissen als mit dem Bier. Versprochen ist versprochen, Handarbeit ist Handarbeit und wenn wir sie besonders schnell erledigen, gibt es vielleicht noch einen Zuschlag und vielleicht kann ich mir heimlich eine Imbissbude kaufen und meine Familie herholen.

Be – Ich mag es vielleicht bequem, aber du bist ein hoffnungsloser Träumer!

Ma – Ich habe Visionen und du fragst: „Warum?“ Ich aber träume und frage: „Warum nicht“?

Be – Spruch des Imams?

Ma – Wikipedia, George Bernard Shaw. Könnte von mir sein.

Be – Wiki was? George wer? Könntest du nicht verständlich reden?

Ma – Du solltest mehr lesen als quasseln. Der Imam könnte dir ein Programm zusammenstellen.

Be – Ein Programm wozu?

Ma – Um dich weiterzubilden, du Holzkopf. Weiterbilden ist für einen guten Muslim Pflicht. Wenn alles rennt und du bleibst stehn, fällst du auf den Arsch.

Be – Komm, lass uns lieber das Laub in die Grube schmeißen. Dann versorge ich den Laubbläser, du das Werkzeug, und ich hole uns zwei Bier. Du solltest deine Vorstellungen über harrar auch einmal revidieren. Weiterbilden ist eine Pflicht.

1 Bei Gott!

2 Gott sei Lob, dient u. a. als Antwort auf die Frage „Wie geht’s?“, gleichgültig, ob man antworten oder ausweichen will, als Ermunterung, um mit Allahs Segen etwas zu beginnen, usw. Ein Deutschschweizer würde an dieser Stelle wohl „Gopfertelli“ sagen.

3 So Gott will.

4 Söhnchen: Ein Pendant zu Gevatter, mit dem sich früher Deutsche und Schweizer ansprachen. Kann auch unter Gleichaltrigen gebraucht werden, um Vertrautheit auszudrücken.

5 Sagt man von Handlungen und Dingen, die Profanen streng verboten sind, z. B. der Konsum von Alkohol und Schweinefleisch. Der Gegenbegriff ist hallal.

3 Heim oder nie

Bühne

Gediegener Schuhladen in der Zürcher Altstadt, geführt von der 4. Generation einer alteingesessenen Zürcher Familie. Ausverkauf, an die 20 Kundinnen im engen Laden, darunter einige ältere Paare. Viele stehen, andere sitzen auf Stühlen, die sich zwischen, vor und gegenüber den Regalen für Selbstwahl befinden (sie enthalten jeweils nur den linken Schuh). Drückende Hitze, trotz der Ventilatoren. Die Inhaberin, zwischen 50 und 60, gedrungen aber sehr beweglich, hat die Augen überall, ermahnt kurz dort eine Verkäuferin, bestärkt da eine andere, gibt Auskunft, überwacht die Kasse, bedient ebenfalls.

Sabine K (Steht schräg vor ihrem Mann Anton, die 1. Verkäuferin sitzt ihm gegenüber und versucht, ihm einen Wanderschuh anzuziehen) – Das ist der fünfte, und in den kommst du ja gar nicht hinein!

Anton K – ‹s’n Rechter, passt schon.

Erste Verkäuferin – Und wenn er Ihnen nachher weh tut?

Dario F (In der anderen Ecke; schwarze Brillantinenmähne schwungvoll nach hinten gekämmt, Cordhose, zwei Smartphones, Knopf im Ohr)–Gesünd, gesünd, meine Orthopéde ist ein Idiot, das ist dosch da alles so ässliisch, isch can misch nich mit diese monstres sseigen.

Zweite Verkäuferin – Finden Sie dieses Paar nicht elegant? In Mailand war es sogar auf dem Laufsteg.

Dario F – Auf die Lof … Isch verstee Sie nisch.

Zweite Verkäuferin – La posseräle.

Inhaberin (nähert sich – zur zweiten Verkäuferin)–Ich übernehme.

Nadine S(Geht zur Kassentheke, ein Fuß in einem gediegenen Schuh mit mittelhohem Absatz, der andere unbeschuht. Schüttelt die Tischglocke) – Ich warte jetzt seit 10 Minuten auf den zweiten Schuh!

Inhaberin (Schaut zu ihr hinüber) – Ich rufe das Untergeschoss, ich habe die Kollegin vorhin gesehen hinuntergehen, um Ihren Schuh zu holen. (Zu Sabine und Ernst K): Entschuldigen Sie einen Moment!

Dritte Verkäuferin (Ihr schmerzverzerrtes Gesicht erscheint auf der Wendeltreppe, die vom Unterschoss heraufkommt. Humpelt) – Entschuldigung, Fuß vertreten.(Leise zu Chefin):Das Aloch hat das Modell MK 7-8955s falsch eingeräumt, es steht auf der Galerie, ich kann nicht mehr hinauf.

Nadine S(Ist nähergekommen und hat mitgehört) – Und ich habe keine Zeit mehr zu warten, mein Zug fährt in 20 Minuten. Adieu!(Knallt einen linken Schuh auf den Boden, reißt die Tür auf, ihre eigenen Schuhe in der Hand, stolpert fast über die 3 Stufen, richtet sich auf, knallt die Tür zu, deren Verglasung bedrohlich klirrt.)

Anton K –(Ist unterdessen mühsam zum gegenüberliegenden Ende des Ladens gehumpelt):Tammisiech! Das Gelump ist mir verleidet! Habt Ihr eigentlich keine anständigen Nagelschuhe in dieser Bude?

Sabine K –(Hat ihn begleitet. Laut): Jetzt reiß› dich zusammen, du bist da nicht zu Hause.

Anton K(Noch lauter) – Du auch nicht, du hast hier nichts zu kommandieren.

Joshua o’Hara(Aus dem Hintergrund) – That’s it! Be brutal, be tough!(Lacht schallend und wirft einen Stuhl um).

Inhaberin(Wirbelt um ihre Absätze, packt eine Schachtel von der Theke und schwenkt sie) – I’ve got your Fae Moon Wolf Native American Style mocassins, Sir, US 14, look here!(Zur 3. Verkäuferin, die blass an der Theke lehnt):Nimm dich zusammen!

Dritte Verkäuferin – Ich glaube, ich habe einen Bänderriss!

Inhaberin – Dann telefoniere dem Notfall, aber geh weg von hier, das macht sich verdammt schlecht vor den Kunden.

Dritte Verkäuferin –(Schnaubt. Die Ladentür fliegt auf, ein Kurier kommt herein, mit einem Turm von Schuhschachteln auf dem Arm, hinter ihm eine knallig geschminkte, überfettete Dame mit einer weiteren Schachtel in den Händen).

Die Dame(laut) – Passen Sie doch auf, Sie haben mich fast überrannt!

Kurier – Was? (Die obersten Pakete fallen herunter auf die Theke, eines springt auf, Schuhe rollen heraus.)

Dritte Verkäuferin –(Kauert bereits mit ihrem Handy hinter der Theke und wartet auf die Verbindung.)

Die Dame(Schreit sie schrill an) – He, Sie, könnten Sie mir eigentlich zuhören, statt hier herumzuhängen?

Kurier(Streckt der Verkäuferin ein Papier entgegen) – Unterschreiben, bitte.

Dritte Verkäuferin (Ziemlich hörbar) – Leck mich!

Joshua o’H – Yeah!(Wirft seinen Cowboyhut in die Luft, ein paar Schuhe fallen aus dem obersten Wandregal neben ihm).

Anton K(Rot angelaufen. Noch lauter) – Tammisiech! Ich hab› jetzt genug von dir, bleib du ihm Laden, wenn du willst, ich geh zum Walti, mich siehst du heute nicht mehr!

Die Erregung breitet sich aus, von überall hört man laute Stimmen:

– He, das Pornokino ist gleich nebenan, vielleicht kommt ihr auf bessere Ideen!

– Fräulein, das ist mir zu laut, man hört sich ja nicht einmal mehr denken, ich komme ein andermal.

– Ich verstehe nicht, wie man uns einen solchen Laden hat empfehlen können!

Inhaberin(Geht mit entschiedenen Schritten in die Mitte, greift sich einen Stuhl, steigt darauf und hält die Hände vor den Mund) – Meine Damen und Herren, das Wetter setzt uns allen zu, es ist viel zu heiß, um etwas Vernünftiges zu tun. Das Haus offeriert Ihnen eine Kiste kühles Mineralwasser, das für unsere Verkäuferinnen vorgesehen war. (Bravorufe.)Graziella, du holst Nachschub in der Blauen Eiche gegenüber. Wer hilft mir, Flaschen und Gläser zu holen? Ein paar unserer jungen Kunden vielleicht?

Die Stimmung ist gekippt, die Kunden beginnen, sich zu unterhalten.

Anton K(Leise, zur 1. Verkäuferin) – Hören Sie, ich nehme dann doch das erste Paar, wie meine Frau gemeint hat, oder, Sabine? Können Sie mir die noch verkaufen?

Dritte Verkäuferin – Wenn Sie’s bis zur Kasse schaffen, doch, ja.

Graziella (zweite Verkäuferin) – Ich gehe über die Gasse, mein Kunde ist abgehauen.

Die eine und der andere kauft noch etwas, zwei Freiwillige helfen ausschenken, um die Verkäuferinnen zu entlasten. Durch die Altstadtgasse hört man ein Cis-Gis Horn näherkommen und vor dem Laden verstummen: die Ambulanz. Die Tür springt wieder auf, zwei Sanitäterinnen kommen in den Laden.

Erste Sanitäterin(sieht auf den ersten Blick die verletzte Verkäuferin) – Haben Sie uns gerufen? Herrschaften, machen Sie bitte Platz!

Jörg W – Läck! Die schicken uns die Hübschesten!

Zweite Sanitäterin – Ihnen hat niemand etwas geschickt, gehen Sie zur Seite, sehen Sie nicht, dass die Frau starke Schmerzen hat?(Schubst ihn mit einer Hand zur Seite. Man hat den Eindruck, die schlanke, aber athletische junge Frau könnte ihn am Nacken packen und wegstellen, wenn es sein müsste.)

Yörg W(erschrickt) – Schon gut, schon gut. Heute herrscht anscheinend Women Power.

Erste Sanitäterin(Stellt ihren Sanitätskoffer neben der Verkäuferin ab) – Wir müssen das Hosenbein aufschneiden, das Knie ist schon stark geschwollen.

Verkäuferin(weint und flüstert) – Morgen wäre mein erstes Date mit …

Inhaberin(ist diskret in ihre Nähe gekommen, ohne die Sanitäterinnen zu behindern, und hält ihr die Hand) – Der soll dich im Spital besuchen, falls du morgen noch dort bist, das ist ein guter Test, ob er etwas wert ist.

Zweite Sanitäterin – Ein Bänderriss ist das nicht, aber für den Meniskus würde ich die Hand nicht ins Feuer legen. Wir geben Ihnen jetzt eine Schmerzspritze, schienen das Bein in leicht gebeugter Stellung und holen dann die Bahre. Wird schon gut werden, an der Uniklinik arbeiten die besten Ärzte.

***

Yvo(Ehemann der Inhaberin, kommt nach Ladenschluss von unten herauf. Leise zu seiner Frau) – Sch … eißtag! Ich habe dich bewundert, Anna, unten habe ich alles gehört. Ich bin echt stolz auf dich. Ohne dich hätten wir die Polizei rufen müssen und das wäre ein echter Reputationsschaden geworden. So haben wir nur ein wenig Umsatz verloren.

Anna – Nicht einmal! Sobald der erste Durst gestillt war, haben die Kunden wieder begonnen, munter zu kaufen. Ohne Wasser hätten mehrere einen Hitzeschlag bekommen, das war mir gleich klar, für etwas hat man schließlich in der Feuerwehr Uster gedient!

Yvo – Dort habe ich mich auch in dich verliebt, du warst hinreissend in deiner schneidigen Uniform!

Anna – Komm, wir müssen noch die Abrechnung machen.

Yvo – Mit der Elektronik geht das doch heute alles viel schneller.

Anna – Irgendeine Rechnung ist immer falsch ausgestellt.

Yvo – Könnten wir das nicht irgendwann morgen machen, da unten war die Hitze so grauenhaft, dass Fehler entstanden sind. Ich muss das alles überprüfen und morgen soll es kühler werden.

Luca(der Stift: ist unterdessen auch aus dem Untergeschoss hochgekommen. Zu Yvo)–Ich könnte mithelfen. Sie wissen ja, im Eintippen bin ich gleitig, ich könnte die Korrekturen eingeben für falsch ausgestellte Belege und falsch abgelegte Schuhe im Magazin suchen.

Yvo – Im Treppenrennen bis du ja Champion. Doch, ich wäre froh, wenn du kommst. Geht für dich 10 Uhr?

Luca(nickt und verschwindet) – Bay!

Anna – Wenn ihr morgen noch einmal ran wollt, von mir aus, ich brauche einen vollen Ruhetag.

Yvo – OK, solange du nicht verlangst, dass wir auch noch Inventar machen … Aber ich könnte auch die Abrechnung irgendwann morgen machen, während du dich ausruhst.(Lässt die Rollläden herunter, öffnet ein paar Fenster dahinter, ein leichter Durchzug entsteht, der Kühlung verheißt. Die beiden sitzen eine Weile auf dem Fußboden hinter der Theke. Draußen scheint es auf ein Gewitter hinzugehen. Die Gerüche werden intensiver, es riecht nach Russischleder und gebeiztem Holz, ein zugleich betäubender und besänftigender Duft).

Anna – Manchmal frage ich mich, wozu wir das alles machen. Kinder haben wir keine …

Yvo – Anna! bitte, nicht noch einmal das Thema. Es tut nur beiden weh, und helfen tut es uns schon gar nicht. Geh jetzt nach Hause und ruhe dich aus, ich mache hier noch eine Weile weiter, es ist schon kühler geworden, sicher auch unten, die kühle Luft sinkt herab.

Anna (folgt ihrem Gedankenfaden) – Wir haben qualitätsbewusste, traditionsbewusste Kunden, wir sind gewissermaßen eine Institution, bestens geeignet für Ferienprospekte. Aber können wir so weitermachen? Mit einem Laden, in dem unsere Verkäuferinnen für jeden Kunden drei bis vier Mal hinab und herauf rennen müssen. Und keine automatische Lagerverwaltung, mit der sich viele Fehler vermeiden ließen. Können wir so weitermachen? Wir sollten rasch und gründlich renovieren, ohne das Aussehen zu beeinträchtigen, sonst haben wir den Heimatschutz auf dem Buckel. Dafür reichen uns weder die Zeit noch das Geld. Am Schluss sind wir nur noch ein Stück Altstadtdekor, ein altes Paar in einer alten Traditionsschachtel. Aber leben, leben! … Wen interessiert das schon, ob wir wirklich noch leben? Können wir überhaupt noch „wir zwei“ sagen, oder müssen wir uns im Inventar suchen? Ich möchte einmal heim, in ein richtiges Daheim, nicht nur in eine Regenerierungswerkstatt für den nächsten Tag.

Yvo(hat ihr die Hand auf die Schulter gelegt): – Anna! Was hast du? Das Herz?

Anna(schweigt eine Weile. Hat Tränen in den Augen): – Vielleicht … Ich kann nicht mehr, wenn ich noch länger bleibe, kippe ich um … Mir ist ganz elend … Jetzt heim oder nie …

Yvo – Du machst mir Angst! Nie wieder nach Hause? Anna, ich rufe jetzt unseren Hausarzt, da gibt es keine Diskussion mehr!

Anna – Ja, vielleicht …

Yvo – Dr. Suhner hat für uns auch an einem Samstagnachmittag Zeit, wenn es eilt, und diesmal eilt es.(Legt ihr die Hand auf die Schulter): Anna, ich habe dich lieb, ich lasse dich jetzt nicht allein.

Anna(leise) – Quatsch, ich bin zäh. Ich werde einmal in den Sielen sterben, aber nicht heute und nicht morgen.(Hustet).

Yvo – Aber ich will überhaupt nicht, dass du ständig an den Karren angeschirrt bist und das Gefühl hast, das sei dann einmal das Ende für dich. Montag rufe ich gleich am Vormittag den Geri an, er hat uns ja schon grundsätzlich zugesagt, der kann sicher schon früher anfangen. Und er ist so gut, dass wir von jetzt an einen echten Stellvertreter haben, der uns vollwertig vertritt, wenn eines von uns beiden einmal eine Auszeit braucht. Und he! Hast du vergessen, dass wir in zwei Wochen Ferien haben? In zwei Wochen musst du absolut fit sein, um die Ferien zu genießen! Lang ausschlafen, am Vormittag als Touristen durch die Stadt bummeln und shoppen, in einem Kaffee am See oder an der Limmat dinieren, nachmittags mit dem Ruderboot oder mit einem Traditionsdampfer auf dem See, Abendessen bei Candle Light, und nachts ausgiebig Zeit um zu …

Anna – Ja, jetzt Ferien …(Ihre Stimme geht in ein kaum hörbares Flüstern über). Jetzt oder nie …

Yvo – Anna, um Himmels willen! Wo ist die verdammte Nummer von Dr. Suhner gespeichert? Anna, bleib jetzt wach, du segelst mir doch nicht ab?

Anna hat einen bläulichen Schimmer auf den Lippen, sie atmet kaum noch hörbar. Draußen fallen die ersten Tropfen, es riecht nach verbranntem Feuerstein, nasser Erde und Kompost, ein Blitz durchzuckt den Himmel, gefolgt von einem nicht mehr abbrechenden Feuerwerk von weiteren Blitzen auf dem Hintergrund einer dumpf grollenden, endlosen Salve von Donnerschlägen. Die ersten Tropfen überraschen die Menschenmenge, die sich dicht gedrängt durch die Altstadtgasse schiebt. Bald prasselt ein ergrimmter Regenschauer auf die Pflastersteine und die wenigen Regenschirme, die sich öffnen wie erschreckte Tauben. Ein Dunstschleier breitet sich über Gasse und Häuser aus, die Menschen fliehen erschreckt in alle Richtungen, zum nahen Hauptbahnhof, zur nächsten Tramhaltestelle, unter die Portale der Altstadthäuser. Ein paar Junge lachen und lassen sich tanzend durchnässen wie weiland die Fair Lady. Der Trommelregen durchfurcht die Limmat, die sich in pastellfarbene Längsstreifen auflöst, als würde sie demnächst wie ein Schwarm bunter Drachen zum Wolkenhimmel aufschweben. Die Regenschwaden klopfen auf den See und verwandeln ihn in perlmuttfarbenen Taubenflaum. Zürich erschaudert und ahnt die ersten Nebelschwaden an den Flanken des Albis und der Lägern. Ende und Anfang, alles scheint möglich.

4 Die Gartenbank

22. März (grüner Donnerstag) 2040

Heute war ein wunderbarer Vormittag, ich bin mit Mae ihr Brautkleid einkaufen gegangen. Eigentlich finde ich es ja ein wenig früh, die Hochzeit ist erst Ende Mai. Wie, wenn sie bis dann ihren Geschmack ändert, oder Mark das Kleid nicht nach seinem Gusto findet? Wie auch immer, ich wollte dabei sein. Zum Glück konnte ich Mae davon überzeugen, nicht in einen Laden an der Seefeldstraße zu gehen, wie alle ihre Freundinnen, ja, wie überhaupt die ganze Zürcher Schickeria. Ich habe mich natürlich im Voraus umgeschaut und am Kreuzplatz, gleich neben dem Swisscom Shop, ein Geschäft entdeckt, das mich beeindruckt hat. Nicht unbedingt der Name:Happy Wedding, aber das Angebot und, ich muss es zugeben, die Inhaberin. Eine Jemenitin, Salima Abul-Hasan as-Said, die so viel Mut, Intelligenz und Geschäftssinn bewiesen hat, dass sie sich der Tutel ihrer wohlhabenden Familie entziehen und hier in Zürich einen höchst erfolgreichen Laden gründen konnte. Deutsch hat sie heimlich schon in Jemen gelernt und spricht es fließend, Schweizerdeutsch versteht sie einwandfrei und beginnt es auch schon zwischendurch zu sprechen. Was mich aber am meisten beeindruckt hat, ist ihre Schönheit, ich gebe es zu. Die kommt für mich gerade zur rechten Zeit! Seit Karin mir eines Tages ex abrupto erklärt hat, sie kenne interessantere Männer als solche, die nur Informatik und die NZZ im Kopf hätten, und einer von denen wolle sie jetzt heiraten und das wolle sie auch, sie werde die Scheidung einreichen, seit jenem Tag also gönne ich mir auch etwas Abwechslung, zusätzlich zur NZZ, mit jüngeren Schönheiten, und meine Tochter Mae hat als moderne junge Frau nichts dagegen. Nur gegen meine letzte, Molly („Wie kann man nur so heißen?“) hat sie immer gestänkert: sie sei viel zu besitzergreifend – und damit hat sie recht behalten. Molly wollte heiraten und Kinder, aber subito. Natürlich könnte auch die Tochter eines jemenitischen Klans besitzergreifend sein, anderseits ist ja Salima aus eben diesem Klan ausgebrochen und hat alle Bande gekappt. Aber um mit ihr Kontakt aufzunehmen, brauche ich die Hilfe einer weiblichen Intuition, sprich Mae, und die hat auch schon zugesagt, falls Salima sie überzeugt.

Ostersonntag, 1. April

Ein Sonntag, wie ich ihn liebe: frei sein und es gemütlich nehmen. Am Vormittag eine Stunde Fitness im Studio: als 45-Jähriger muss man schon ordentlich etwas tun, um für jüngere Frauen „interessant“ zu bleiben. Dann das Mittagessen am Kaminfeuer: Rösti, Cervelats und ein Malzbier von Feldschlösschen Rheinfelden … Mae und ihr Zukünftiger sind heute im Toggenburg, seiner Heimatlandschaft, und ich habe Zeit für mein Tagebuch. Ich weiß nicht einmal, ob der Nachmittag und Abend reichen werden, so viel ist gestern passiert.

Schon der Vormittag war reich befrachtet. Mae war von dem Geschäft an der Forchstraße sofort begeistert und noch mehr von der Inhaberin. Die hat ihr mit sicherem Instinkt aus ihrem umfangreichen LagerdasBrautkleid hervorgeholt, das Mae fast umgeworfen hat – vor Begeisterung.

„So eines, meinte die Inhaberin, hat noch keine Ihrer Freundinnen je getragen und wird es auch nie tragen, wenn sie nicht bei mir Kundin wird. Sie dürfen ruhig für mich werben, Mae, es wird auch für Sie etwas abfallen, das kann ich Ihnen versichern. Überhaupt könnte ich Ihre Unterstützung als Geschäftsanwältin gut gebrauchen.“

Dass Mae mit 28 bereits Partnerin in einer der renommiertesten Zürcher Geschäftskanzleien ist, hatte sie Salima Abul-Hasan as-Said (so ihr voller Name) schon vorher mitgeteilt, und Salima war davon tief beeindruckt:

„Ich schätze, wir sind uns ähnlich in Bezug auf Tatkraft und Energie, und Sie sind genau die Anwältin, die ich suche. Jemandem, der es mit 28 bereits in eine solche Position geschafft hat, traue ich noch viel mehr zu. Wissen Sie, es ist auch eine Gefahr dabei: dass Sie zusammen mit anderen brillanten Partnern schwierige Fälle brillant gewinnen und sich mit der Zeit in einer brillanten Routine so bequem einrichten, dass Ihnen gar nichts anderes mehr einfällt. Mein Prinzip war immer: Alle vier Jahre seine Karriere bilanzieren und wenn nötig einen radikalen Wechsel vollziehen. Damit bin ich sehr gut gefahren. Wenn Sie Ihrer Intuition trauen und Ihrem Instinkt folgen, können Sie es noch viel weiter bringen.

– Es weit bringen tönt gut, aber können Sie mir etwas genauer skizzieren, wohin der Weg führen soll?

– Dieses Geschäft an der Forchstraße ist erst der Anfang, ich habe schon für zwei weitere Lokale Mietverträge in der Tasche, darunter eines an der Bahnhofstraße, das lasse ich mich etwas kosten. Wenn man siegen will, müsse man klotzen, nicht kleckern, hat ein deutscher Stratege einmal geschrieben. Die Kleider lasse ich im Jemen in Handarbeit fertigen, vom Spinnen mit Spinnrocken, vom Weben mit mechanischem Webstuhl nach traditionellen Mustern über das Färben mit traditionellen jemenitischen Farbstoffen zum Zuschneiden und Handnähen bis zum Verpacken, alles wird von Hutifrauen auf dem Land gemacht, sonst wäre es unbezahlbar. Anderseits zahle ich den Frauen ein für die lokalen Verhältnisse mehr als anständiges Gehalt. Sie müssen wissen, dass in meiner Familie immermit dem großen Schöpflöffel gerührt wird … Sagt man so auf Deutsch?

– Fast: mit der großen Kelle angerührt.

– Also mit der großen Kelle angerührt wird. Wenn mein Vater in Jemen eine neue Handelskette gründet, und das tut er alle vier bis fünf Jahre, dann will er mindestens auch noch in New York und in Paris Filialen haben. Ich werde es ähnlich halten, das ist das einzige, was ich von ihm übernehme. Sie werden Ihrer Kanzlei interessante Aufträge zuschanzen können.

– Gehen wir doch schrittweise vor: Sie können mich als Anwältin für die Eröffnung ihrer zwei neuen Filialen buchen, ich regle Ihnen den Papierkram und setze meine Kontakte zu den Behörden ein, damit es schneller geht. Dann sehen wir bald einmal, ob wir gegenseitig mit unserer Arbeit zufrieden sind.“

Ich habe die ganze Zeit diskret beiseite gestanden und genau zugehört, von mir als Vater wurde ja schließlich nichts anderes erwartet, als dass ich zahle. Im Stillen habe ich aber gedacht: „Wie wäre es, Salima, wenn wir beide versuchen würden, auch ins Geschäft zu kommen und dabei Schritt für Schritt beurteilen würden, ob wir miteinander zufrieden sind?“

Auf der Straße hat Mae dann versprochen, sie werden mir helfen:

„Die musst du warm behalten! Ich werde dir gerne dabei helfen, eine erste Begegnung anzubahnen, zum Beispiel im Starbucks, das ist ja nur ein paar Schritte von ihrem Geschäft entfernt: einfach und diskret, eine kurze Kaffeepause. Den Rest musst du selbst besorgen.

– Einverstanden, aber dann musst du als Anstandswauwau dabei sein, sonst, schätze ich, lässt sich unsere Salima nicht einmal zu einem grünen Tee einladen.“

***

Soweit der Vormittag. Der Nachmittag war dann etwas ganz anderes, mit einer Note von tragischer Bedrückung und sogar einem Anflug von Gewalttätigkeit, aber doch nicht so, dass er für mich nicht sehr interessant gewesen wäre. Ich mag brenzlige Situationen, sie haben etwas Prickelndes und sehr Lehrreiches, man entdeckt sich selbst darin auch immer wieder neu. Und dazu manchmal einen der Zeitgenossen, für die ich nun einmal ein Faible habe. Durch irgendeinen blödsinnigen Zufall aus der Bahn geworfen, in der Gosse gelandet, von unserer ach so ordentlichen Gesellschaft gemieden wie die Pest, als stinkender Lumpen behandelt.

Und dabei steckt in ihnen ein Potential, das nur auf eine winzige Weichenstellung in die gute Richtung wartet, um sich urplötzlich zu entfalten, eine Königin der Nacht, die sich den befruchtenden Insekten während einer Stunde darbietet und dann ein Jahr bis zum nächsten Mal warten muss – oder vielleicht nie mehr befruchtet wird. Dieser selige Augenblick, dieserKairos, in dem wir die verborgene Lichtseite eines Menschen sekundenschnell erahnen, das ist es, was mich immer wieder fasziniert, und wenn ich hier ein klein wenig mithelfen kann, ein wenig Pollen mit dem achtsamen Pinsel auf die Blütennarbe streuen darf, habe ich das starke Gefühl, zumindest dieses eine Mal nützlich gewesen zu sein. Sekundenschnell ging es allerdings bei dem Zeitgenossen, dem ich am Nachmittag des 25. März begegnet bin, beileibe nicht, aber am Ende, nach vielen Rückschlägen, Zweifeln, Geduldsproben ging es eben doch und ich habe dabei einen meiner besten Freunde gewonnen. So, und jetzt der Reihe nach! Abschweifen tut gut, aber mit Maß.

Nach dem Einkauf des Brautkleids habe ich mich von Mae verabschiedet und bin mit der guten alten (jetzt allerdings nietnagelneuen) Forchbahn bis Zollikerberg gefahren, für eine Besprechung mit dem Besitzer einer renommierten Bäckerei. Früher genügte es, ein paar vor Ort nach Familienrezepten erstellte Spezialitäten anzubieten, um zu einem beliebten Ausflugsziel der besseren und besten Zürcher Bürgergesellschaft zu werden und einen ordentlichen Gewinn einzufahren. Heute, wo sich die Gestehungskosten auf allen Gebieten verteuert haben, muss man mindestens eine Kette von Einzelläden bilden, um das Rennen durchhalten zu können. Wenn man aber zugleich die alte Qualität garantieren will, und damit auch, dass in allen Gliedern der Kette aus dem gemeinsam gekauften Rohmaterial mit der gleichen Sorgfalt nach den gleichen Rezepten zur gleichen Zeit die gleichen Spezialitäten erzeugt und höchstens zwei oder drei, die länger haltbar sind, zentral bereitet und mit einer perfekten Logistik verteilt werden, braucht es einen enormen Organisationsgrad, in welchem die Elektronik eine zentrale Stellung einnimmt. Hier beginnt dann meine Rolle.

Erwarten Sie von mir keine Namen, weder von Firmen noch von Personen, die nicht zu meinem engeren Freundes- und Bekanntenkreis gehören, und auch dann mit viel Diskretion. Schleichwerbung kommt bei mir nicht in Frage, die verdirbt auf die Länge das Geschäft. Also, ich bin mit dem Eigentümer besagter Bäckereikette im Gespräch, und wie es der Zufall so will, kommt das Gespräch auch auf dasHappy Weddingund seine Besitzerin. Und da meint nun mein Bäcker, die würde er auch noch heiraten, wenn er frei wäre. Und mit einem raschen Blick zu mir hinüber:

„Sie haben ja auch Augen im Kopf, und einen Riecher für besondere Begabungen und sind jetzt, wenn ich richtig informiert bin, wieder ledig, oder?

– So, so, ja da gehen offenbar die Informationen rasch herum. Aber ich denke, wir sollten bei unserem Geschäft bleiben, ich offeriere Ihnen wie üblich eine pfannenfertige Lösung, die Sie nach Belieben testen und an der Sie Änderungswünsche anbringen können, bis sie perfekt sitzt. Einverstanden? Soll ich Ihnen nächste Woche einen Vorvertrag schicken?“

Ich lasse mir doch von den Leuten nicht in die Karten blicken, das geht die einen feuchten Dreck an, wen ich attraktiv und hochbegabt finde oder nicht; falls es so weit kommt, werden sie immer noch früh genug informiert. Aber ich fühle mich natürlich in meiner Meinung über Salima verstärkt und kann es kaum erwarten, mit ihr grünen Tee zu trinken …

Zunächst aber habe ich eine ganz andere Begegnung. Auf der Rückfahrt mit der Forchbahn zum Stadelhoferplatz (ich will dort den 15er nehmen und beim Zentral dann den 46er nach Höngg, wo ich wohne) sehe ich einen zerlumpten Clochard mit einem Papiersack voll Bierdosen, denen er fleissig zuspricht, während er die leeren auf den Boden schmeißt, wo sie scheppernd herumrollen. Er sitzt, den Hut bis zur Nase hinuntergezogen, auf einem Sitz direkt bei einem der Ausgänge, flucht laut vor sich hin und gestikuliert wild mit den Fäusten, wobei er von Zeit zu ZeitSauhundschreit. Offenbar will er zur Alkiszene auf dem Stadelhoferplatz. Für nicht Zürcher: Vor dem Bahnhof Stadelhofen und dessen Vorplatz liegt der wunderschöne, langgezogene Stadelhoferplatz, mit Kies bedeckt und umgeben von mächtigen Rosskastanienbäumen und Platanen, die bis zu den Dachfirsten der umgebenden, nicht gerade niedrigen Gebäude aufragen. Am unteren Ende befindet sich der kleine, gusseiserne Originalbrunnen, der zuerst in der Pariser Weltausstellung von 1900 prangte. Ein dichter Strom von Fußgängern strömt in allen Richtungen darüber, und die Schienen von zwei Tramlinien und der Forchbahn umrunden ihn, letztere mit ihrer Endhaltestelle. Ein Straßenkaffee dehnt an schönen Sommertagen seine Terrasse auf den Platz aus. Zwei, manchmal drei Bänke bleiben aber einer kleinen Alkoholikerszene reserviert, denAlkis, wie sie hier heißen. Nach ein paar Polizeirazzien einer eindrücklichen Nulltoleranzrunde der Stadtregierung haben sie gelernt, sich unauffällig zu verhalten und niemand zu belästigen.

Das Vorhaben, am Stadelhofer unauffällig auszusteigen und sich zu seiner Clique zu gesellen, misslang aber unserem Clochard gründlich. Er war eben aufgestanden, um auszusteigen und hielt sich krampfhaft an der Haltestange fest, um sein schwankendes Gleichgewicht irgendwie zu retten, da ergoß sich ein grünbrauner Niagara stinkender Kotze aus seinem Maul auf den Boden der Forchbahn. In wenigen Sekunden waren die beiden Abteile, die auf die Ausstiegsplattform mündeten, in einen geruchlichen Augiasstall verwandelt. Die Passagiere versuchten, mit wagemutigen Schritten über die Jauche zu hüpfen oder, wenn sie dazu nicht in der Lage waren, trippelnd die wenigen Stellen zu suchen, die nicht mit der allerdicksten Schicht bedeckt waren. Einzelne fluchten lauthals („ausrotten sollte man sie“), unser Clochard fluchte mannhaft zurück und mutete sich dabei offenkundig zu viel zu, denn er glitt auf dem Ausstiegstrittbrett aus und fiel, eine Fußspitze gefährlich zwischen Trittbrett und Gehsteig eingeklemmt, der Länge nach auf die Schnauze, die er sich ziemlich blutig schlug, da er die rudernden Arme nicht rechtzeitig auf den Boden bekam, um den Fall zu dämpfen.

Mir war die Gefahr – offenbar als einzigem – sofort klar: Der Bahnführer konnte ihn nicht sehen, bei gedrängtem Fahrplan stieg er nicht einmal zu einer kurzen Zigarettenpause aus und die Seitenspiegel reichten nicht bis hinten am Zug an die Räder heran. Es hätte also sein können, dass er losfuhr und der eingeklemmte Fuß wäre zwischen den Rädern und dem Randstein zermalmt worden, bevor ein Warnsignal im Führerstand aufgeleuchtet hätte. Ich überwand daher meinen Ekel und bemühte mich, den Fuß des Clochards herauszuziehen, begleitet von einigen spöttischen Zwischenrufen wie „Pass auf, wasch dich im Brunnen, sonst kannst du nicht mal mehr eine Nigerianerin am Sihlquai aufgabeln“ und „Lassen Sie den doch krepieren, das ist bloss natürliche Selektion!“ Manchmal finde ich wirklich, meine sauberen Zeitgenossen stinken ärger als ein verkotzter Vagabund.

Wie dem auch sei, mein Lumpazivagabundus kam wieder auf seine schwankenden Hinterbeine, torkelte zum nächsten Laternenpfahl, drehte sich um und grölte mir ein lautes „Sauhund!“ zu, ehe er bis zur nächsten Alkibank weiterschwankte, wo er mit lautem Geschrei empfangen wurde. Was dann geschah, weiß ich nicht, mir war die Lust vergangen, zurückzuschauen, und ich eilte bis zum nahen Bellevue, um den 15er erst dort zu nehmen und nicht bis zu seiner Ankunft am gleichen Fußsteig warten zu müssen, wo der undankbare Zeitgenosse ausgestiegen war. Wenn man aufgrund von Überzeugungen handelt, muss man zuweilen auch Verluste wegstecken können.Tant pis, ich hatte nun einmal dem Falschen geholfen, das sollte mir nicht einen Tag verderben, der so gut begonnen hatte und für dessen angenehmes Ende ich schon sorgen würde. Und das tue ich eben jetzt im Kino Radium, das auch an einem Ostersonntag offen ist und gerade eine Rückschau auf die Filmkarriere von Akita Kurosawa gibt. Heute sind die unsterblichensieben Samuraian der Reihe, in der Pause klappere ich diese Worte in mein Tablett. Wenn das kein gutes Erlebnis ist!

Donnerstag, 5. April

Mae hat mir am Telefon gesagt, mit Salima gehe es nicht so schnell, wie wir gemeint hätten; nicht, weil sie prüde sei, manchmal müsse sogar sie, Mae, erröten, wenn sieunter wybersprächen und Salima ganz ungeschminkt ihre Ansichten zur Sexualität äußere. Offenbar sind moderne Araberinnen schon in einer Befreiungsphase angekommen, die wir gerade erst betreten. Nur haben sie gelernt, das perfekt vor ihren konservativen Zeitgenossen und -genossinnen zu verbergen: „In Sanaa besteigen wir das Flugzeug mit Trippelschrittchen auf der Gangway, ganz in schwarz gehüllt, Gesicht hinter dem Nikab verborgen, gesenkten Hauptes. Kaum in der Kabine, ziehen wir uns ungeniert aus – deshalb hat die Kuwait Airways auch reine Frauenflüge organisiert –, schlüpfen in kurze, hautenge, tief ausgeschnittene Röckchen und dann geht es an ein hingebungsvolles Schminken, für das die Fluggesellschaft bereits die erlesensten Kosmetika bereitgestellt hat. Im Grunde genommen weiß das jedermann, aber die Mullahsmüssenes nicht wissen, und das genügt: Was im Harem passiert, entzieht sich ihrer Kompetenz, sie haben ihre Aufsichtspflicht erledigt.“ Ja, also, es hat nichts mit Prüderie zu tun, wenn Salima bei allen Kontakten vorsichtig ist. Bei mir ist es nur so rasch gegangen, weil sie mich intuitiv sofort ins Herz geschlossen hat, da handelt sie jeweils blitzschnell: