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Franziska Laur erzählt das Leben von vier Generationen einer Familiendynastie. Ihrer eigenen Familie, die ein Stück Schweizer Zeitgeschichte geprägt hat. Das Buch handelt von in Traditionen gefangenen Patriarchen und von in ihrer Verlorenheit einsamen Nachkommen. Von ihrem Urgrossvater Ernst Laur, dem «Bauerngeneral», der seine Männer in den Kampf gegen die streikenden Arbeiter sandte, ihrem Grossvater Rudolf «Ruedi» Laur-Belart, dem Hüter des Silberschatzes von Augusta Raurica, ihrem mit seinem Leben hadernden Vater Arnold Laur, der im Mittelpunkt dieser Familiengeschichte steht, und ihren beiden Brüdern, die in den 68er-Jahren zu politischen Ikonen wurden und dabei starben. Es ist eine nahezu «buddenbrooksche» Familiensaga, die durch ein Jahrhundert Schweizer Geschichte führt: vom Aufstieg der Bauern während des ersten Weltkriegs, von der Niederschlagung des Generalstreiks, über den Zweiten Weltkrieg, als General Guisan in Basel weilte und Bomben einschlugen, bis hin zum Aufkommen von Industrie und allgemeinem Wohlstand und dem Niedergang der Familie.
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Seitenzahl: 444
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Cover
Schmutztitel
Impressum
Titel
Prolog
Der General kommt nach Basel
Kriegsweihnachten und noch mehr Ängste
Auf dem Land in Effingen
Zwischen Bierglas und Stahlhelm
Papa verhandelt
«Chlyne, fürcht di nid!»
Gedeckter Tisch
Noch mehr Helden
Die Erfolge
Arnold findet die Antwort
Im Internat
Der Plan Wahlen
Der Kampf
Das Kriegsende naht
25 Jahre Ruedi und Alice
Freude und Bomben
Goldene Hochzeit
Im Bäbistübli
Ein Leben als Buchhändler
Frauen und die letzte Hoffnung
Dem Teufel entkommen
Reise nach England
Zu den Wurzeln
In die Arme einer Schönheit
Helli
Der Eklat
Der Unfall
Prost Aernscht
Die Geburt
Das Leben mit meinem Vater
Abbildungen
Alice
Wie die Grossmutter den Grossvater nahm
Die Wandervögel
Gescheiterte Flucht
Der grosse Streik von 1918
Nanna stirbt
Vera entdeckt Hollywood
Bittere Pille
Rudolf findet einen Schatz
Das Jugendfest
Ernst zieht Bilanz
Die zwei Brüder
Papa stirbt
Der Schock
Alice
Zwischen Himmel und Hölle
Revolution – geliebt und gehasst
Der Rausch der Revolution
«Das ist unser Haus»
Ein Tod, viele Tote
Ein Traum wird wahr
Die Revolution frisst ihre Kinder
Im Sog der Liebe
Durchbruch der Frauen
Knast
Tod an der Florastrasse
Arnold kann nicht mehr schlucken
Spurlos verschwunden
Das schwarze Loch
Über das Buch
Über die Autorin
Franziska Laur
Die Schatten der Ahnen
Autorin und Verlag danken für die Unterstützung:
Stadt Rheinfelden
Kulturstiftung der Credit Suisse Aargau
Der Zytglogge Verlag wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2021–2024 unterstützt.
© 2022 Zytglogge Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, BaselAlle Rechte vorbehaltenLektorat: Gregor Szyndler, www.korrigieren.biz
Franziska Laur
Die Schatten der Ahnen
Niedergang einer Schweizer Familiendynastie
Hundertzwanzig Jahre sind eine lange Zeit – und doch ein Wimpernschlag in der Geschichte der Menschheit. Vor hundertzwanzig Jahren stand das Haus schon, in dem ich lebe, und die gewaltige Trauerbuche in meinem Garten ebenfalls. Innert hundertzwanzig Jahren haben wir die Entwicklung des Lichts, der Elektronik und der medialen Technik gesehen, zwei Weltkriege durchlitten und Menschen gezeugt, die anstatt mit Liebe mit Grauen im Herzen aufwachsen mussten. Traumata wurden als schicksalshaft hingenommen, Missbrauch von Kindern (ob physischer oder psychischer Art) war an der Tagesordnung und ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft zu sein galt als Pflicht.
Die Schweiz war ein sichererer Hafen als jeder andere in Europa, und obwohl die Attacken auf die Integrität abweichender Lebensformen nicht so offensichtlich brutal waren, hinterliessen sie Versehrte.
Dieses Buch erzählt die Geschichte dieses Landes und seiner Menschen von damals. Es ist auch die Geschichte meiner Familie, in der man sich geborgen fühlen konnte – jedoch auch erdrückt.
Arnold, mein Vater, wäre ein guter Philosoph gewesen, ein Historiker, ein Grübler. Doch er hatte das Pech, als Kind erfolgreicher Ahnen zur Welt gekommen zu sein, und er hatte das Pech, Kind eines Vaters gewesen zu sein, der meinte, mit Formen könne man den Sohn zu dem erfolgreichen Mann machen, den er sich so sehr wünschte. Und als es mit ihm nicht klappte, versuchte er meine Brüder zu formen, die sich in die wilden 68er- und 70er-Jahre flüchteten. Doch die Jugendbewegung war geprägt vom Rausch der Drogen, und dies kostete sie das Leben – den einen früher, den anderen später.
Ruedi rückte an einem nebligen Septembertag im Jahr 1939 ein – Grenzschutz. In seiner grauen Uniform stand Arnolds Vater stramm neben der Mutter, die unglücklich aussah. Arnold selber war nicht traurig, immerhin war sein Vater jetzt damit beschäftigt, selbst ein Mann zu sein und konnte nicht mehr ständig an ihm herumzerren. Und natürlich sprach Ruedi, der mein Grossvater war – und Arnold mein Vater –, wieder so einen Heldensatz: «Für unsere Schweiz fürchten wir vorläufig nichts und wenn es doch sein sollte, dann werden wir sterben, aber nicht die Schweiz.» Die Mutter brach fast in Tränen aus, Arnold sah es ihr an. Doch auch sie war eben sehr empfänglich für Heldentum, schliesslich sind ganz viele ihrer Verwandten Soldaten und Hauptmänner geworden.
Am nächsten Tag ging er mit seinem Freund Wolf in die Stadt. Er war etwas älter als Arnold, und er überragte ihn um einen Kopf. Mein Vater Arnold war noch ein Kind, damals, als er durch die Strassen voller Menschen lief. Die Mobilmachung hatte begonnen, und alle Frauen brachten ihre Männer zum Zug, noch nie hatten die zwei Freunde in Basel so viele Leute auf einem Haufen gesehen. Wolf ging voraus und bahnte einen Weg, wegen ihm kamen sie überhaupt vorwärts. Überall wurde gehämmert und gebohrt, auf der Mittleren Brücke hatten Soldaten Stacheldrahtverschläge aufgestellt und Eisenpfeiler in den Boden versenkt, am Rheinsprung auf der Grossbasler Seite hatten sie mit Sandsäcken eine Barrikade gebaut. Wolf stolperte über einen Tornister, der am Boden lag und fiel hin. Als er wieder hochkam, schimpfte er wie ein Rohrspatz, es sei ihm verleidet, diese vielen Leute, und überhaupt, er habe Hunger. Gut, sie setzten sich an den Rhein. Rucksack runter, die Brote ausgepackt, die Thermoskanne mit Tee ebenfalls.
Ja, der Wolf, wenn Arnold ihn nicht gehabt hätte, so wäre er schlecht dran gewesen – noch schlechter, könnte man wohl sagen. Wolf half ihm auch auf dem Schulhof, wenn ihn die Kinder hänselten, wenn sie ihn Brillenmonster riefen oder Mamiditti. Dann packte er einen der Schreihälse und drückte ihm so lange die Arme auf dem Rücken zusammen, bis er um Gnade flehte und versprach, nie mehr zu spotten. Bis zum nächsten Mal!
Es wurde dann doch sehr gemütlich, als sie vom Rheinufer aus das Gewusel auf der Brücke und in der Stadt beobachten konnten. Die Menschen sausten herum wie in einem Haufen Ameisen, wenn man mit einem Stock im Bau gestochert hat. Solche Ameisenburgen sah Arnold immer wieder in Effingen, und sein Vater sagte stets, das seien hochintelligente Tiere, jedes kenne ganz genau seinen Platz und wisse, was zu tun sei, sie seien fleissig und würden von morgens früh bis abends spät arbeiten. Allerdings wusste Arnold nicht, ob das wirklich so erstrebenswert war, denn das würde ja heissen, dass das Leben ganz genau vorgeplant ist, und keine kleine Ameise könnte je etwas anderes machen als das, was ihr zusteht. Das war für ihn ein trauriger Gedanke. Doch eben, die Menschen in der Stadt sausten auch herum, als ob sie nicht anders könnten. Da tat es unheimlich gut, einfach friedlich dazusitzen und die Käsebrote zu essen, die Lina zubereitet hatte. Vielleicht sollte man sich nicht immer wie eine Ameise benehmen, dachte der Elfjährige.
Als sie die Freie Strasse herunterliefen, kamen sie zur Schlüsselzunft. Dort war Ruedi häufig, weil er Mitglied in so einer Zunft war – und wenn man dazugehöre, so habe man mehr Verpflichtungen den Obrigkeiten gegenüber, aber auch mehr Ehre, so hatte ihm das sein Vater erklärt. Ganz viele Leute säumten die Strasse und schon das fanden Wolf und Arnold komisch. Sie wurden neugierig. Wolf zögerte wieder nicht lange und schlug mit seinen langen Armen ganz schnell eine Schneise, damit sie auf die Strasse blicken konnten. Da sahen sie einen bärtigen Mann im schwarzen Anzug mit weissem Hemd und Krawatte. Eine Hand hatte er in den Kittelsack gesteckt und die andere hing herunter. Irgendwie wirkte er, als ob er sich in seinen Kleidern nicht so richtig wohlfühlen würde, und er lächelte auch nicht. Wie sie später erfuhren, war das der Regierungspräsident, der Im Hof hiess. Doch der wirklich wichtige Mann schien der an seiner Seite zu sein. Er grüsste ständig mit erhobener Hand am Käppi die Menschen, die ihm zujubelten. Am Käppi prangten ganz viele Ornamente und Girlanden mit goldenem Faden eingestickt, und am Kragen des grauen Tuchs waren silberne Sterne. Der Waffenrock war schneidig, und die goldenen Knöpfe sahen auch sehr schick aus, und richtig gut war, dass er mit einem einfachen braunen Ledergurt gegürtet war, sonst hätte er wohl affektiert ausgesehen. Einzig die Hosen wirkten komisch, ganz pludrig, das war wohl so, weil die Beine bis satt unter dem Knie in engen Reitstiefeln steckten.
Das war General Guisan, wie sie später hörten. Er hatte die Besichtigungsfahrt durch die schweizerischen Grenzgebiete in Basel begonnen. Die Herren liefen Richtung Marktplatz, während überall von den Balkonen herunter und aus der Zuschauermenge heraus Blumen flogen. Beim Rathaus erwartete sie die Ehrenwache der Basler Territorialtruppen.
Schon 14 Tage war es her, seitdem die Schweizer Generalmobilmachung begonnen hatte, und immer noch war in Basel alles auf den Beinen. Jetzt strömten die Auslandschweizer ins Land. Die Mutter weinte öfters, weil sie sich um den Vater sorgte, und auf der elsässischen wie auf der badischen Seite des Rheins waren ständig Truppen zu sehen. Die Grenzübergänge nach Deutschland waren gesperrt, nur durch den Wald oben bei Riehen kam man noch ins Land hinein. «Die eiserne Hand» heisst der Wald dort, weil der Grenzverlauf die Form einer Hand hat. Schweizer hatten kein Interesse daran, hinüberzugehen und manchmal kamen aus entgegengesetzter Richtung Deutsche, es waren wohl Juden. Das klappte am Anfang noch, doch dann passten die Grenzwächter besser auf, damit niemand mehr hereinkam.
Doch eben, das Mueti machte Arnold Angst. Einmal konnte er einen Blick auf einen Brief werfen, den sie gerade an den Vater schrieb: «Ich kann nicht schlafen. Ich bin bestimmt keine Stauffacherin, ihr Pathos liegt mir fern, und doch bin ich überzeugt, dass ihre Haltung heute für uns die einzige Rettung ist, wenn wir ohne Fronvögte davonkommen sollen. Doch unter der dünnen Schicht von Mut lebe ich in einer grossen Angst, Angst um alles, in erster Linie um dich.»
Dann schrieb sie noch, dass man jetzt schon zwanzig gute Jahre habe zusammen verbringen können und wie schön es wäre, zusammen alt zu werden. Arnold begriff nicht ganz, weshalb dies nicht mehr möglich sein sollte. Schliesslich führten ja die Deutschen Krieg und nicht die Schweizer, und in der Schule sagten die Lehrer immer wieder: «Wir in der Schweiz müssten keine Angst haben.» Doch anscheinend hatte seine Mutter, die sonst so Mutige, eben doch Angst. Sie schrieb: «Ob wir überleben, das weiss niemand! Viel reden davon nützt nichts, sein bisschen Mut zusammennehmen und auf die Zähne beissen, das ist das Einzige, was uns bleibt.»
Was ist ein Fronvogt? Wolf wusste es auch nicht. Obwohl Arnold eigentlich ein Angsthase war, das wusste er ja selber, zog es ihn vom Hügel des Bruderholz herab. Sie liefen durch die Strassen der Stadt, die sich bis vor Kurzem noch hatte sicher fühlen dürfen und die doch morgen schon belagert werden konnte. Doch die Baslerinnen und Basler waren zum Häuserkampf entschlossen. Aus einem Dachstock sahen sie den Lauf eines Maschinengewehrs, fünf Männer kippten vor einer Tankstelle einen Tramwagen um, damit der Feind nicht an das Benzin kommen konnte, die Sprengung des Elsässer-Tunnels wurde vorbereitet, 500 Sperren und Stellungen wurden errichtet. Da tat Wolf einen Schrei, dass er fast auf den Asphalt gefallen wäre: «Das ist der Krieg!» – «Das ist die Verteidigung gegen das kriegerische Deutschland», berichtigte ihn Arnold, der das in der Zeitung gelesen hatte – er las sie jetzt jeden Morgen. «Vielleicht kommen auch die Franzosen», sagte Wolf.
Manchmal durfte der Vater abends nach Hause kommen, dann umarmte er seinen kleinen Sohn. «Es ist keine Umarmung, die wohltut», sagte Arnold zu Wolf. «Er umklammert mich, wie wenn er zu lange hätte schwimmen müssen und nicht mehr kann und sich an irgend etwas halten muss.»
Wenn der Vater Briefe schrieb, schimmerte ebenfalls die Angst durch:
«Wir standen an einem Abgrund, einem Verderben speienden, unheimlichen Abgrund, das Gewehr in der Hand, die Kugel im Lauf. Wir horchten in die Nacht hinaus und erwarteten sie. Im Geist hatten wir zuvor alles durchkostet, was ein Krieg an Elend und Kummer über unser Land bringen kann. Wir standen am Abgrund und sahen andere hineinstürzen, Holland und Belgien.» Er schrieb von tagelang näherkommenden Kanonaden, die die Stadt erzittern liessen, von brennenden Häusern nahe der Grenze, vom Übertritt von Tausenden von Polen und von der Kapitulation Frankreichs.
Die Familie musste Weihnachten ohne ihn feiern. General Guisan hatte einen Brief geschickt, in dem er mitteilte, dass jeder Offizier, Unteroffizier und Soldat dieses heilige Familienfest fern von seinem Heim verbringen müsse. Er schrieb, wie wichtig es sei, an die Grösse der Aufgabe zu denken und daran, dass die Männer unter den Waffen stehen würden, um jene, die ihnen lieb sind, zu schützen. «Vermindert Euren Eifer nicht. Bleibt diszipliniert und zuverlässig, entschlossen und geduldig. Seid stolz, Soldaten zu sein!»
Arnold fand das alles etwas übertrieben. Diese Heldengesänge, die Frauen, die in die Messe liefen, um für die Soldaten zu stricken und Weihnachtspakete zu schnüren, die Mutter, diese grosse, starke, aufrechte Mutter, die jetzt so grosse Angst hatte und sich nach dem Vater sehnte. Doch es war etwas los, es war nicht mehr die alltägliche Routine mit dem Vater, der strahlend am Morgentisch sass und verkündete, er würde jetzt speisen wie ein Kaiser, dann zu Mittag essen wie ein König und schliesslich abends wie ein Bettler. Kein Vater, der ihm seine Reden vorlas, die er vor dem Grossen Rat halten wollte oder der ihm von Kriegshelden und Eroberern erzählte. Die Gründung der Colonia Raurica durch Lucius Munatius Plancus vor 2000 Jahren war ja ganz interessant, doch Arnold tobte lieber mit Wolf durchs Haus und neckte seine Schwestern.
«Von mir aus kann Vater noch eine Weile im Krieg bleiben», sagte er zu Wolf.
«Hey, der ist doch dein Vater und jetzt müsst ihr Weihnachten ohne ihn verbringen.» Wolf hätte noch so gerne das Fest, ja, überhaupt nur noch ein Fest, mit seinem Vater verbracht – doch der lebte nicht mehr und die Mutter musste arbeiten, auch am 24. Dezember musste sie im Kaufhaus stehen und die Kunden bedienen, die hastig noch etwas für ihre Lieben kauften.
«Dort oben auf dem Bruderholz wirst du ein schöneres Weihnachtsfest haben als mit mir alleine», hatte sie zu ihm gesagt und versprochen, sie würde ihn spätabends holen. Wolf hatte schon gesehen, wie sie mit den Tränen kämpfte, und jetzt war sein Herz schwer.
Arnold jedoch hüpfte davon, um Theres an ihren langen Zöpfen zu ziehen.
Das Weihnachtsglöckchen bimmelte wie gewohnt und im Salon war der Baum reich geschmückt mit roten Äpfeln, Puten, silbernen Weihnachtskugeln und Kerzen. Unter den Ästen lagen Geschenke und die Kinder sagten ihr Verslein auf. Arnold hatte Schwierigkeiten, stets hatte er Startschwierigkeiten, wenn er etwas vortragen musste, er wurde bleich, rot, vergass die Worte, stand da und wusste nicht weiter: «Es chunnt ...», half ihm die Mutter, «es chunnt ...», gott sei Dank, es dauerte nicht so lange wie sonst, schon hatte er die Handbremse gelöst: Wenn man im Gange war, dachte er, war es ein Gefühl, wie wenn er im Winter mit dem Davoserli beim Wasserturm den Hügel runterfuhr. Dann musste er nicht mehr denken, die Worte flossen aus ihm hinaus, weich und warm wie das Wasser am Morgen aus dem Hahnen, wenn er endlich die richtige Temperatur und Stärke gemischt hatte.
Er sah in die Runde: Seine Mutter, mit weichem Gesicht, gut im Futter, wie Sämiheiri, der Kutscher in Effingen, sagen würde. Breite Wangenknochen und ein grosser Mund, der sich schmallippig zusammenpresste, wenn sie ärgerlich war. Doch meistens war sie lieb, zu gut war sie, dachte Arnold, manchmal machte sie ihm ein schlechtes Gewissen, wenn sie traurig war, weil er wieder mal etwas angestellt hatte. Auf der Strasse sagten die Nachbarn Frau Professor Laur zu ihr, das mochte sie gar nicht. «Professor ist mein Mann, nicht ich», sagte sie. An diesem Abend war sie in ein schickes Deuxpièces gekleidet, geschneidert aus bedrucktem blauem Stoff. Ihre Haare waren hochgesteckt, die hohe Stirn bedeckten vorwitzige Löckchen, einige schimmerten silbern im Kerzenlicht.
Sie bekommt graues Haar, dachte Arnold. Vielleicht waren es die Sorgen wegen dem Krieg. Sie setzte sich ans Klavier, stimmte «O Tannenbaum» an, sein Vater hatte die Strophen schon vor Jahren umgeschrieben, natürlich, denn er konnte kaum je einen Liedtext sein lassen, wie er war. Beim Mitsingen bliesen alle Tanten, Onkel, Omas und Opas ihre Backen auf. Arnold staunte, welch komische Grimassen ein Mensch macht, wenn er versucht, die richtigen Töne aus der Kehle zu stossen. Es gelang ihnen einigermassen, und alle hatten Tränen in den Augen, als Mutter kurz darauf einen Brief vom fernen Vater vorlas.
«Meine liebe Frau: Noch nie, seitdem wir verheiratet sind, musste ich Dir an Weihnachten einen Brief schreiben. Denn immer waren wir an diesem Tage beisammen. Heute sitze ich in einem abgelegenen Juradörflein als Soldat und kann nicht nach Hause kommen.» Er erinnerte sich an frühere Weihnachten, wenn Alice in den Raum trat mit den Kindern an der Hand, im milden Licht der Weihnachtskerzen: «Da empfand ich es: Du und die Kinder, Ihr seid das Schönste, was ich auf dieser Welt habe.» Er feiere jetzt mit seinen Kollegen Weihnachten und es gehe ja allen gleich: «Der Ernst, mein Freund neben mir, hat vier Kinder zu Hause, die ihren Vater heute nicht sehen, der Fritz, dem seine Frau schon lange gestorben ist, hat seine beiden Kinder zu Verwandten geben müssen, und der Jean, der nicht geheiratet hat, muss seine Mutter, die er alle Weihnachten besuchte, auch allein lassen.» So feiere er im Kreise dieser Genossen und geniesse es, natürlich, doch letzten Endes sei es ein Fest für die Kinder und die Familie: «Wie sollen wir Soldaten, die wir ein raues Handwerk treiben und eine raue Sprache führen, die wir uns täglich auf den Kampf und die Vernichtung vorbereiten, richtig Weihnacht feiern?» Doch eines wisse er genau: Wenn die grossen Herren der Welt gefunden hätten, es sei leicht, die Schweiz einzusacken, so hätten sie es getan. Aus diesem Grund würden sie alle Tag für Tag entschlossen auf dem Posten ausharren: «Wir Männer haben uns zusammengetan und der Welt gezeigt, dass wir bereit sind, uns und unsere Heimstätten zu verteidigen.» Und er sprach von einem grossen Geschenk, das er an diesem Tag erhalten habe: «Die Erkenntnis, dass die Liebe, die uns beide vereinigt, das Schönste ist auf dieser Welt, und dass sie nur umso grösser wird, wenn feindliche Mächte uns trennen wollen.»
Als die Mutter fertig war mit Vorlesen, sah sie verloren auf ihre Hände und plötzlich hörte Arnold einen tiefen Klang, ein Brummen wie von einem Bären vielleicht. Er schaute verblüfft auf und sah sie weinen. Das bestürzte ihn sehr, dieses kehlige Schluchzen, es kam wie aus der Tiefe des Waldes, es klang, als ob sie die Tränen um keinen Preis hätte zulassen wollen, und sie sich doch mit aller Gewalt einen Weg aus ihrem Innersten schaffen würden. Niemand sprach ein Wort, nur Gogo, die liebe, gute Oma, legte die Hand auf den Arm ihrer Tochter und ein beruhigender tiefer Ton entfloh ihrem Mund. Arnold war froh, dass sich seine Mutter schnell wieder fing.
Alice, geborene Belart, gesegnet mit mehreren Grossonkeln, die in verschiedene Schlachten gezogen waren, hatte es sich zur Kür gemacht, den Ängsten ins Gesicht zu sehen und ihnen entgegenzulachen. Doch dieser neue Krieg liess sie fassungslos zurück. Arnold sah zu seinen Schwestern, die ebenfalls erschreckt dreinsahen. Elisabeth, die Älteste, schön und elegant gekleidet in einem wadenlangen Rock aus weich fliessender, grau schimmernder Baumwolle, Vrone, die Scheue, die Männer anzog wie das Licht die Schnaken, Theres, die Kämpferin, die er so gerne an ihren Zöpfen zog, und mit der er Pferde stehlen konnte. Hanneli war noch keine vier Jahre alt. Sie sass auf einem kleinen Stühlchen, hatte von der bewegenden Szene nicht viel mitbekommen, schaute ganz vergessen in den Lichterkranz.
Jetzt ging die Türe auf und Lina schlüpfte herein. Sie war erst seit Kurzem in diesem behäbigen geräumigen Haus mit dem grossen Garten am Batterieweg 164, das Richard Hächler, ein Freund der Familie, gebaut hatte. Kurz nachdem die Familie eingezogen war, hatte Lina vor der Türe gestanden, 18 Jahre alt, ehemals Verdingkind, und sie hatte sich nahtlos in die Familie eingefügt. Sie führte den Haushalt, als hätte sie nie etwas anderes getan, sie liebte die Kinder, wie wenn sie ihre eigenen wären, sie war loyal und respektvoll gegenüber ihren Arbeitgebern.
Und dann war da noch Papa, Arnolds Grossvater, alle nannten ihn Papa, ob Sohn, Enkelin oder Urenkel, ja, er hatte anfangs Bedenken: «Viel zu hübsch, die Kleine, blond, blauäugig, das kann nicht gut gehen.» Doch mittlerweile hatte er ihre Tüchtigkeit durchaus schätzen gelernt.
Papa hatte sich soeben mit seiner Frau Sophie von Brugg, wo er gelebt und als «Bauernkönig» gearbeitet hatte, auf den Landsitz nach Effingen zurückgezogen. Er war kleiner als seine Frau, mit langem weissem Bart, Bäuchlein und der Ausstrahlung des erfolgsverwöhnten Volksredners. Er trug stets ein Gilet, aus dessen Täschchen er manchmal die goldene Uhr zog, um die Zeit zu überprüfen.
So manches Mal hatte Arnold seinen Grossvater vor Menschenmassen reden gehört, Papa war berühmt für seine gewaltigen Ansprachen, und Vater nahm Arnold gerne mit, damit er, wie er sagte, höre und sehe, wie ein grosser Redner auftritt. Sein Vater wollte gerne einen Helden aus ihm machen, das spürte er ständig. Doch an diesem Weihnachtstag war er nicht da, und der Grossvater, sonst häufig unzufrieden mit ihm, liess ihn in Ruhe. So fand er, es sei das schönste Weihnachtsfest der vergangenen Jahre, auch wenn seine Mutter so traurig war.
Als die Nachricht von der Zuspitzung des Krieges im Westen kam, wurden Arnold und Wolf nervös.
«Was ist das denn? Die wollen doch nicht auch uns an den Kragen?», sagte Arnold.
«Nö, glaube ich nicht. Wir sind denen zu unbequem. Immerhin sind unsere Grenzen ja doppelt und dreifach bewacht», sagte Wolf.
«Unbequem? Wir sind kleiner als Belgien oder Holland. Sieh nur, was denen geschieht!»
Arnold musste ständig an die Briefe denken, die sein Vater geschrieben hatte. Die Mutter sagte ja immer, er solle, wenn er Angst habe, einfach an etwas Lustiges denken. Doch das ist schwierig, wenn grad gar nichts Lustiges passiert, und seine Gedanken konnte er nicht gut steuern. In seinem Kopf schmorte und brodelte es dann wie eine Suppe, die auf dem Herd immer weiter köcherlet, bis sie irgendwann anbrennt.
«Beginn des totalen Krieges im Westen», titelte die «National-Zeitung», «Alle holländischen Flughäfen bombardiert – Bomben auf die Flugplätze in Lyon und Brüssel».
Tapfer wehrten sich die Holländer und Kronprinzessin Juliana und Königin Wilhelmine, beide weiss gekleidet, stolz und aufrecht, hielten Stellung, sprachen vom Durchhalten und von Einigkeit. Tatsächlich meldete das Zentrumsquartier der holländischen Armee, dass sechs deutsche Flugzeuge abgeschossen worden seien. Es nützte alles nichts! Belgien, Holland und Luxemburg mussten kapitulieren und danach ersuchte auch Frankreich um Waffenstillstand. «Mit schwerem Herzen sehe ich mich gezwungen, Euch zu sagen: Wir müssen den Kampf aufgeben», sprach Ministerpräsident Marschall Pétain in einer Radioansprache zum französischen Volk.
Heruntergekommene, traurige ausländische Soldaten flüchteten in die jurassischen Grenzorte; Mütter drängten sich in Scharen an der Grenze, die Kleinen an der Hand oder in den Armen; alte Menschen auf Karren, ihre letzte Habe mit sich führend. Arnold und Wolf gingen mit der Mutter mit, als sie in den Jura fuhren, um den Vater zu besuchen, der kurzzeitig entlang der französischen Grenze eingesetzt worden war.
«Das ist aber still hier», sagte Arnold und blickte auf die mächtigen Wettertannen und weiten Matten, wo friedlich die Freibergerpferde weideten. Sie sahen Farmen, auf denen grauhäutige, müde Männer im Hof sassen und an ihrer Zigarre zogen. Erst als Vater fragte, ob sie zufrieden seien, glitt ein Leuchten über ihr Gesicht und einer sagte: «Ah, les Suisses! Nous nous souviendrons!» Dann jedoch erlosch ihr Lächeln wieder, sie dachten an die Ungewissheit ihres Schicksals und an das ihrer Angehörigen in der Heimat. Viele standen am Ufer des Doubs: Mit kleinen Kindern in den Armen hatten sie bei Nacht die kalten Fluten durchschwommen. Einer weinte; er hatte das Wasser auf dem Rücken durchschwommen, auf die Brust gebunden einen drei Monate alten Säugling – als er erschöpft, aber heil ankam, war das winzige Wesen tot.
Mittlerweile hatte Regen eingesetzt und der Hauptmann erbot sich, Alice und die zwei Buben zum Bahnhof zu fahren. Unterwegs kamen sie an einer halben Armee vorbei. Es waren Neuankömmlinge, denen nur die Wahl blieb zwischen Tod oder Gefangenschaft und Internierung in der Schweiz. Es war eine endlose Kolonne. Sie fuhren im Schneckentempo an den Männern vorbei, Kilometer um Kilometer – die Kolonne hörte nicht auf. Der Regen prasselte auf die müden Körper der Soldaten, die sich alle Mühe gaben, eine stramme Haltung zu bewahren, und er prasselte auf die Rücken von Pferden, die nichts mehr waren als Haut und Knochen und die, von ihren Reitern oder Führern nicht gehindert, jeden zehnten Schritt stehen blieben und gierig in Richtung Strassenbord drängten, um einen Büschel des saftigen Juragrases zu ergattern. Alle paar Hundert Meter stand ein Zivilistentrupp am Strassenrand, Frauen, Mädchen, Pfadfinder. Sie streckten den fremden Soldaten eine Zigarette oder ein Stück Brot entgegen. Gierig bissen sie in die weichen Teile, als hätten sie seit Tagen nichts mehr gehabt.
Arnold stupste Wolf an: «Du, ich glaub, ich schmeiss nie mehr ein Brot in den Strassengraben.»
Der kicherte: «Ja, wir werdens denen bringen.»
Doch wenn sie auch ihre Spässe machten – die abgezehrten, grauen Gesichter, die hoffnungslosen Augen, die gebrochenen Gestalten gingen ihnen nicht mehr aus dem Kopf.
Als Basel immer mehr zum Heerlager wurde, schickte Alice die Buben aufs Land. Effingen, das war für Arnold Kirschenpflücken an sirrend heissen Julitagen auf dem Rugen, Forellen von Hand fangen, Verstecken spielen bei einbrechender Dunkelheit an langen Sommerabenden und Brotteig kneten, bis die Schweisstropfen rinnen. Er erzählte Wolf von dem Reim, den er und seine Schwestern im vergangenen Jahr beim Kirschenlesen erfunden hatten: «Gebt Raum, Ihr Völker, unserem Schritt! Wir sind die letzten Friesen. Wir tragen keinen König mit, wir tragen zwei Korb Kriesen.»
Sie fuhren mit dem Postauto vom Effinger Bahnhof ins Dorf. Als sie um die letzte Kurve der geschwungenen Dorfstrasse kamen, sahen sie dort Nanna stehen. Sie drückte Arnold an ihre warme weiche Brust, und über ihre Schulter hinweg sah er den Hund Schreck, an seiner Lefze hingen Schleimschlieren. Seine Grossmutter gab Wolf die Hand und führte die zwei Buben ins Haus, tischte dicke Scheiben warmes Brot auf, Speck mit glänzender Schwarte und eingelegte Essiggurken. Nanna hatte zwar einen bösen Rücken und darum mehrere Angestellte für Haus und Hof, doch das Kommando in der Küche führte sie, und dazu gehörte das Brotbacken. Arnold hatte einmal einen Blick auf das Heft geworfen, in das sie geschrieben hatte, welches Mehl wo gekauft werden muss, 50 bis 60 Kilogramm davon, welche Konsistenz es haben muss, was alles bereitgestellt sein soll, auch das Taschentuch fehlte nicht, um die Schweisstropfen beim Kneten abzuwischen – und es war wichtig, wie die Holzbeigen ausgerichtet sein sollen, damit der Ofen die richtige Hitze hatte.
Die Standuhr tickte in der grossen Stube in Effingen, als die Buben dasassen und ihre Zähne in das weiche Brot mit der knusprigen Rinde versenkten. Das Pendel schlug hin und her, hin und her.
Arnold wusste nicht viel zu sagen, jedenfalls nicht seinen Grosseltern, doch Nanna redete drauflos, wohl um die Stille zu verscheuchen. «Denk, eine Frau aus dem Dorf sagte mir kürzlich ganz verlegen, der alte Friedensrichter gehe um. Sie sei ihm begegnet; er sei von der Mühle her durch die Matten heraufgekommen», und Arnold fragte sich, ob Nanna sich überhaupt selbst zuhörte, so schnell sprach sie.
«Ich beruhigte sie und sagte, es sei wohl möglich, dass mein Grossvater ab und zu nachsehen komme, ob die Effinger ihre Äcker in Ordnung halten und ob es recht zu- und hergehe. Dazu habe er alle Rechte, nachdem er 30 Jahre lang die Zügel in der Gemeinde geführt hat. Ich gehe sicher auch einmal um, schaue, wies meinen Lieben geht und ob sie mir nicht etwa zu Unzeiten Bäume umtun oder Guggèren aufs Haus setzen.»
Sie stand auf, goss den Jungen Most nach, bernsteinfarben war er und süss schmeckte er und noch immer sprach sie, dieses Mal vom Bezirkssängertag in Thalheim. «Da war ein alter Sänger ab dem Bözberg, der keine Zähne mehr hatte und mit den Pilgern wenigstens den Refrain mitsang.»
Sie begann, das Lied nachzusingen: «Warte du loses Mädchen, warte, ich nehm dich ums Hälschen», sie kicherte beim Gedanken, dass der Greis vom Bözberg versuchte, die blühenden stattlichen Mädchen am Hals zu nehmen. «Die hättens ihm wohl gezeigt.»
Arnold betrachtete das Bäuchlein von Papa. Seine Schwester Elisabeth hatte einmal fein säuberlich aufgeschrieben, was der Grossvater stets mit sich trägt. Auf 61 Dinge war sie gekommen: Brillen, Messer, Nähzeug, Etui mit Knöpfen, Nadeln, Schlüsseln und Goldstücken, Stift mit Farben, Gummi, Tintenlappen, Füllfeder, Block, Zentimeter, Fernröhrchen, die jeweils neueste Nummer der «Bauernzeitung», Sprüche für Fremdenbücher, das Betäubungsmittel Pantopon, Jodstift, Zahnwegpulver und vieles mehr. Wo er das wohl alles aufbewahrte? Er fragte ihn.
«Diese Zeiten sind vorbei, mein Junge», sagte er. «Das war damals, als ich stets auf Reisen war. Heute bin ich sesshaft geworden.»
Arnold wusste, dass der Grossvater ein wichtiger Mann gewesen war – und immer noch war. Damals, das war, als er flammende Reden gehalten hatte: «Überhaupt ist alles unbäuerliche Wesen abzulehnen. Wir sollten die guten Eigenschaften und Sitten des Bauers entwickeln und veredeln, sie aber nicht durch städtische Gewohnheiten ersetzen.»
Oder als er an einem Julitag auf der Bühne des Bundesplatzes gestanden und gerufen hatte: «Einst haben die Bauern unser Volk von ausländischen Feinden befreit und das Land gerettet. Heute rufen wir sie gegen einen inneren Feind zum Kampfe.»
Arnold war mit seinem Vater dabei gewesen und hatte gefragt: «Wen meint er denn mit innerem Feind?» – «Die Städter, die Sozialisten», hatte sein Vater kurz geantwortet. Arnold verstand das nicht, doch er spürte gut, wann man keine weiteren Fragen stellen sollte.
Sein Grossvater hatte zum Schluss die Arme auf das Rednerpult gestützt, den Blick über die vor ihm versammelten Bauern schweifen lassen und das Zeichen für das Lied gegeben, sein Lied, geschrieben in langen Nächten der Schlaflosigkeit. Ein Fiedler hatte die Geige unter das Kinn geklemmt, den Bogen wie ein Stierkämpfer den Degen gehoben und ihn über die Saiten gezogen. Dann begannen die Männer zu singen, jung und alt, gross und klein, die Hüte hatten sie abgenommen und hielten sie in ihren gekreuzten Händen vor dem Bauch: «Dem Bauernstand gilt unser höchstes Streben, für ihn zu kämpfen, das ist unser Ziel ...»
Arnold hatte das schon sehr erhaben gefunden, ein klein wenig gruselte es ihn auch, er wusste nicht warum, doch diese Männer, die so gläubig an den Worten seines Grossvaters hingen, machten ihm fast etwas Angst, wie der Pfarrer Widmer in der Kirche, wenn er den Zeigefinger drohend erhob, seine Stimme anschwellen liess, dabei ein Gemeindemitglied ins Auge fasste und ihm die Leviten las.
Zum Glück hatte er Wolf – Wolf, den Treuen, Wolf, den Traurigen. Er dachte wohl stets an dessen Mutter, die nach einer schrecklichen Flucht aus Deutschland mit Wolf in einer engen Wohnung in Basel Unterkunft gefunden hatte. Sie liebte ihr einziges Kind, doch sie konnte ihn nicht bei sich haben, nein, das ging nicht, sie war dankbar, dass die Pro Juventute sich seiner angenommen und ihn an diese Professorenfamilie vermittelt hatte. «Da gehts dir gut, Hans. Da hast du wenigstens genug zu essen», sagte sie zu ihm, denn eigentlich hiess er ja Hans.
Jetzt ging er im Effinger Haus ein und aus wie ein Schatten, niemandem im Weg, niemandem im Herzen. Was ihm geheissen wurde, erledigte er geschickt und schnell, doch am Liebsten erforschte er mit Arnold zusammen die Räume, den Estrich, die Scheune, die stillgelegten Ställe und die Trotte. Dort stiessen sie auf ein Schaukelpferd, die Hülle eines Fohlens, ausgestopft mit Stroh, die Mähne nur noch spärliche Härchen auf blankem Fell, die Rollstühle der verstorbenen Tante Lina mit riesigen schlanken Rädern, überzogen mit Spinnfäden, eine lange Zweierschaukel, die laut knarrte, wenn sie darauf stiegen und sich gegenseitig durch Ruckeln vom Sitz zu schütteln versuchten, auf Pfeilspiele, längst vergessene Karten mit Hinweisen auf verborgene Plätze in den weitläufigen Wäldern der Juraausläufer und auf alte Roben und Hüte.
Es war ein sonniger Tag, als sie die Anhöhe hinauf in Richtung Bözberg marschierten, und wenn sie sich umgewandt hätten, so hätten sie das Tal gesehen und die Juraberge, die als wackere Wächter über dem Ländchen standen. Doch Wolf und Arnold hatten keinen Blick für die Lieblichkeit der Natur, sie hatten andere Sorgen. «Hey Freund, sieh mal, dieser Stacheldrahtverhau», sagte Arnold. «Das Militär hat hier ja richtig gewütet.»
Tatsächlich hatten die Soldaten beim Familienwald in den Langenbuchen eine Sperrzone an der Bözbergstrasse errichtet. «Halt», rief einer. «Wohin des Wegs?»
«Wir wollten mal eben in den Wald. Das ist unser Wald», sagte Arnold.
Der Soldat lachte rau. «Die Zeiten haben sich geändert, mein Junge. Jetzt sind wir da.» Ein zweiter Mann war neben ihn getreten.
«Mach den Jungs keine Angst, Fritz», sagte er. Er griff in seine Umhängetasche und zog Schokolade und Biskuits hervor.
«Da. Doch geht nicht weiter, sonst wirds gefährlich.» Erst jetzt sahen die zwei Knaben die Schussschneise für den in den Felsen gebauten Bunker.
«Jetzt aber ab mit euch, wenn Henri wüsste, dass da zwei vorwitzige Bengel sind, würde er euch ungespitzt in den Boden schlagen», sagte der freundliche der beiden Soldaten. Bevor sich Arnold und Wolf trollten, warfen sie einen Blick auf ein Schützenloch und eine Kiste Handgranaten.
«Wer ist denn Henri?», fragte Wolf.
«Henri Guisan, du Depp, der General.»
Sie schlitterten den Abhang hinunter, auf dem Hosenboden bis zum Sagi-Mühli-Bächli. Dort machten sie es sich bequem.
«Was denkst du, haben wir noch lange Krieg?», fragte Wolf.
«Ich weiss nicht, die scheinen ja recht wild zu sein, die Deutschen», sagte Arnold.
«Was willst du eigentlich später tun?»
«Ach, ich denke, ich werde Schriftsteller.»
«Wow, das ist ja echt gross. Wie wird man denn so was?»
«Ich beginne einfach mal zu schreiben», sagte Arnold. «Meine Eltern wollen ja, dass ich ebenfalls Professor werde wie der Vater und der Grossvater. Das werde ich sicher nie.»
«Das weisst du doch noch nicht.»
«Doch, das weiss ich. Weil ich nämlich gar nicht werden will wie sie, und weil ich die Schnauze voll habe von dem Heldengeschwätz und den Gedichten, die mein Vater ständig schreibt, und von seinem Gerede über Ehre und Pflicht und Ordnung und Wille.»
Die Worte waren wie ein Sprudel aus ihm herausgeflossen, wie diese neuen Getränke mit Kohlensäure, die man öffnet und dann zischt es. Sie hatten ja so was nie im Haus, der Vater hielt das Hahnenwasser hoch: «Der Quell der Seligkeit und der Reinheit», sprach er und hielt feierlich sein Glas in die Höhe. «Seht nur, wie sauber, da lob ich die reine, redliche Schweiz!»
Doch bei der lustigen Tante Miez gab es das manchmal, einmal hatten sie sogar ein Coca-Cola zu trinken bekommen, Arnold erinnerte sich immer noch an den erfrischenden Geschmack mit der leichten Bitternote.
«Oha, da hat es dich ja recht erwischt», sagte Wolf und streckte seine langen Beine behaglich im Gras aus.
«Wie erwischt? Ich mag einfach nicht mehr andauernd hören, wie toll die alle sind und was sie alles erreicht haben.»
«Sie scheinen recht erfolgreich zu sein.»
«Wenn Erfolg heisst, so zu sein, dann verzichte ich.»
Sie erhoben sich und liefen nach Hause, den schmalen Weg am Hang entlang, überquerten die Bözbergstrasse, trabten die Dorfstrasse entlang, winkten dem Murer-Marei zu, dem guten, alten, und sie kamen zu dem grossen Haus, das einst ein Schulhaus gewesen war, mitsamt stattlicher Pappel, Kiesplatz, Trotte und Trottwiese.
Im Haus war mittlerweile Onkel Ernst eingetroffen, und er frischte das Leben in Effingen eindeutig auf. «Bis gestern steckte ich in der blauen Waschuniform mit Stahlhelm und Gasmaske und hiess nicht mehr Ernst Laur, sondern Laur Ernst, Luftschutzkompanie Thalwil, Beobachtungsposten Etzliberg», erzählte er abends beim lodernden Kaminfeuer im Bäbistübli.
Der «Etzliberg» war kein Berg und beobachten tat der junge Ernst dort wohl nur sein Bierglas, denn es handelte sich dabei um die Wirtschaft am Ende des Höhenweges. Und nur zwei Minuten vom Etzliberg entfernt wohnte seine Familie, sodass er den Wachdienst jeweils zum Ausflug mit den Liebsten ausbauen konnte: «In der Mitte der mit dem Suppenhafen, sprich: mit dem Helm auf dem Kopf, am Arm die vaterländisch gehobene Gattin und an der Hand und vorn und hinten die drei Kinder.»
Der Beobachtungsposten selbst sei in der guten Stube einer Frau Niggel eingerichtet, eine hausgräuliche Folterkammer, berichtete er. «Dort vollbrachte ich meine Beobachtungen. Die Aufgabe bestand darin, Bombeneinschläge anzuvisieren und sofort telefonisch die Richtzahl dem Luftschutzkommando zu melden.»
Da Adolfs Bomben jedoch ausblieben, bestand der Dienst faktisch in einer Art militärischer Ehrenhaft.
Arnold fand Onkel Ernst die lustigste Person in der Familie, doch er wusste, dass er auch Ernstes zustande brachte. Er hatte das Heimatwerk und den Trachtenverband gegründet und die Leitung übernommen. Dies spülte jedoch kaum Geld in die Haushaltskasse. Arnold hatte seine Frau, die liebe Tante Agnes, hin und wieder sagen hören, ihr Mann habe mehr Idealismus im Kopf als Noten im Portemonnaie – dabei war er ja Jurist und hätte bei einer festen Anstellung oder mit einer eigenen Kanzlei sicher viel verdienen können. Doch sie musste sich gar die Weihnachtsgans für die Familie vom Mund absparen.
Er habe sich im Bunker stundenlang selbst angeschaut in seiner blauen Montur und der Bollismütze, erzählte der Onkel weiter. Er sei schliesslich zum Schluss gekommen, dass er nicht des Krieges wegen dort sei, sondern weil er die Trachtenfestkasse des von ihm organisierten eidgenössischen Trachtenfestes habe stehlen wollen und jetzt als Sträfling der Gerechtigkeit Genüge tat. Er kicherte dabei und Arnold merkte schnell, dass er nur Spässe machte.
Es war ein witziger Abend, doch Arnold wusste, dass seine grösseren Schwestern den Onkel nicht so lustig fanden, weil er sich als Präsident der Schweizerischen Trachtenvereinigung herablassend über die Bubiköpfe der Frauen äusserte, die damals modern waren. Er forderte Zöpfe aus Kunsthaar für die Bubiköpfe. Dies sei nötig, um eine Tracht anständig zu tragen. Und vor dem Eidgenössischen Trachtenfest hatte er im Blatt «Schweizertracht» geschrieben: «Gefärbte Lippen und gemalte Augenbrauen wollen wir nicht sehen.»
Trotzdem brannten viele Schweizerinnen und Schweizer darauf, Trachten zu tragen, denn sie hatten damals wohl Angst, ihre Heimat und gleich noch sich selbst zu verlieren. Sie fühlten sich nämlich eingeklemmt zwischen Hitlerdeutschland und Mussolinis Italien, was sie ja auch waren – und so gab ihnen diese alte Tradition etwas Halt. Nanna trug sogar Tracht, wenn sie in ihrem Bauerngarten in Effingen die Blumen pflegte, sie nähte diese Kleidung, sie beriet Frauen, wenn es um Trachten ging, und Arnold und Wolf spotteten ab und zu, jetzt hätten auch die Frauen ihre Uniform entdeckt. Manchmal schlichen sie in die Nähstube und kleideten sich selbst in die strammen Samthosen der Männertracht oder zwängten sich unter Kichern in einen bestickten Rock.
Ernst erzählte im Bäbistübli beim wärmenden Feuer immer noch vom Krieg oder vielmehr davon, dass man ihn in Zürich gar nicht bemerke. Das Wetter sei schön, der See blau, die Ufer seien voller Blumen, die Häuser fahnengeschmückt und an der Landi esse man Küechli und Käseschnitten wie immer. Die Hausfrauen hätten sich beruhigt und das junge Geflügel protestiere, dass man am Abend im Dörfli nicht mehr tanzen könne. Auf dem Schifflibach jodelten sie wieder, die Schwebebahn schwebte, die zwanzig Verkäuferinnen des Heimatwerks lächelten und der Umsatz klettere täglich hundert bis zweihundert Franken bergaufwärts und sei bald gar höher als während der goldenen Friedenszeit. Alle wollten sie die schönen gewobenen Schals, Decken und Töpfereien der Schweizer Bauern.
Ernst übernachtete dort, der lustige Ernst, er hatte sich immer mehr ins Zeug geredet und sein Gläschen Cognac immer wieder nachgefüllt.
Am Morgen nach dem Frühstück besuchte er die Truppen, die sich im Haus und im Dorf eingerichtet hatten. Er machte den Clown, salutierte, beschwerte sich, dass deren Uniformen die schneidigeren seien als seine und er amüsierte sämtliche Soldaten. In der Scheune befand sich das Waffenmagazin. Täglich zerlegten und reinigten die Mannen vor dem Haus und auf der Matte die Maschinengewehre.
Im Ruedibeth-Hüsli wohnte ein Zugführer, im grossen Haus der Hauptmann. Das Sämiheiri-Haus beherbergte das Krankenzimmer, den Zahnarzt und die Sattlerei. Im Unterdorf lag die Mitrailleur-Kp-IV/56, im Oberdorf die Mitrailleur-Kp-III/56. Im Haus bauten Handwerker unter der Kellertreppe ein festes Verlies mit Eisentüre. Hier sollten bei einer nötig werdenden Flucht die Familienbilder und andere Kostbarkeiten feuersicher verstaut werden. Doch an der Westfront blieb zunächst alles ruhig.
Papa befand sich unterdessen in Berlin an Wirtschaftsverhandlungen mit Deutschland. Deutschland? Arnold war verwirrt. «Warum verhandelt Papa denn mit Deutschland? Ist Hitler nicht auch unser Feind?», schrieb er nach Hause. Er bekam zwar auf seine belanglosen Fragen Antworten, doch nicht auf diese eine, ihm wichtige. So fragte er Nanna. «Ach Junge, das ist höhere Politik, das muss dich noch nicht kümmern.»
Doch es kümmerte ihn, er hörte diesen Adolf Hitler im Radio, seine blecherne, geisselnde Stimme, seine zornigen Worte, und er war ihm unheimlich.
«Hey Noldi, denk nicht an diesen Schnauzkaspar. Hier in der Schweiz ist alles gut», sagte Wolf. Doch ihm war selbst nicht wohl. Die Mutter hatte zwar nicht viel darüber gesprochen, aber er hatte in Deutschland die Angst in ihren Augen gesehen und manchmal sah er sie immer noch.
Arnold spürte, Hitler war ein Unruhestifter, und es gab auch in der Schweiz immer Menschen, die Unruhe wollten, manchmal waren es mehr, manchmal weniger. Jetzt schien es die Zeit für mehr zu sein. In der Schule hatten einige der Buben Hitler bewundert und gesagt, sie fänden es an der Zeit, dass in Deutschland ein starker Mann an der Macht sei. Sie hatten wohl nur die Worte der Eltern nachgeplappert, doch Arnold fand es deswegen nicht weniger gfürchig.
«Komm, wir suchen nach Unterlagen, Briefen, Notizen. Ich muss wissen, was mein Grossvater in Deutschland macht. Ich muss wissen, ob er wirklich so rein und gut ist, wie er immer tut.»
In den folgenden Tagen begannen sie das grosse Haus systematisch zu durchsuchen, öffneten die grossen schweren Koffer im Estrich und machten sich danach auf, das Studierzimmer zu inspizieren. Da mussten sie jeweils warten, bis die Luft rein war, bis Nanna am Spazierengehen und Marta in der Küche beschäftigt war. Sie fanden reiche Beute, doch sie mussten sich mühsam durch die Unterlagen kämpfen, die viele Details aus der Jugend von Papa enthielten.
1871 war er zur Welt gekommen, an der Missionsstrasse in Basel. Soeben hatten 87’000 französische Soldaten der Bourbaki-Armee in der Schweiz Zuflucht gefunden. Bei Neuchâtel seien sie über die Grenze gekommen, zerlumpt, erschöpft und krank, stand in den Memoiren. Sie hatten keinen Rappen und verkauften ihre Pferde. Auch die Familie erstand eines. Man taufte es auf den Namen Bourbaki und kutschierte mit ihm manchmal am Sonntag ins Badische zu Verwandten.
Basel nahm viele dieser abgezehrten Soldaten auf, doch sie brachten die Blattern mit. Eine Epidemie brach aus und noch lange sah man in der Stadt Menschen mit pockennarbigen Gesichtern, weil sie als kleine Kinder die Krankheit gehabt hatten.
«In Basel wurde damals noch viel mehr gestorben als heute», lasen die Buben in der krakeligen Schrift des alten Mannes. Vor dem Fenster des Studierzimmers schaukelten die Zweige des alten Birnbaums sachte im Wind, auf der Matte suchten die Enten nach Schnecken. Die Jungs senkten ihre Köpfe wieder über die vergilbten Blätter. Es habe auch immer wieder Typhusepidemien gegeben.
«Man gab jedoch den Patienten nichts zu trinken, in der irrigen Meinung, ihnen mit Getränken zu schaden. Meine Grossmutter war daran erkrankt und wenn die Türe zufällig offenstand und er am Krankenzimmer vorbeiging, flehte sie: ‹Erneste, je t’en prie, donne-moi à boire.› Doch ich durfte ihr nichts zu trinken geben und so verdurstete sie langsam.»
Arnold liess das Buch sinken: «Unglaublich, die liessen sie einfach verdursten.»
Er dachte an seine Mutter, die ihm erst recht viel Tee und Säfte gab, wenn er krank war und sagte, das spüle alle bösen Keime aus dem Körper. Und damals gab man gar nichts. Wie schrecklich, ein solcher Tod! Sie lauschten Richtung Küche und Gang. Alles ruhig. Sie lasen weiter.
Der Grossvater schien sich in Basel, dieser aufstrebenden Industriestadt, nie recht wohl gefühlt zu haben. Er war ein schwieriges Kind, unruhig, unfolgsam. Die Familie wohnte in einem Haus mit grossem Garten, der sich bis zum Spalenring erstreckte. Dort fuhr die Elsässerbahn. Im Stadtgraben beim St. Johanns-Tor hatten die Bürger der Innenstadt ihre Gärtlein mit Blumen und Obstbäumen bepflanzt, die Frauen sassen am Nachmittag mit ihren Handarbeiten zusammen vor den Häusern und erzählten sich die Stadtchronik oder Spukgeschichten aus dem früheren Basel.
Die alte, geschundene Emma, drei Kinder hatte sie verloren an die Krankheit, sechs hatten überlebt und ihr Mann war ein Taugenichts, vertrank das wenige Geld, das er einnahm. Ja, wenn er Emma nicht hätte, die Tüchtige, Arbeitsame, dann hätte das Totenglöcklein für ihre Kinderlein noch viel öfters klingeln müssen – sie waren jetzt schon nichts als Haut und Knochen. Doch ein Schwätzchen mit den Nachbarinnen liess sie sich nicht nehmen. Sie habe die verstorbene Frau Merian mit eigenen Augen in ihrem Wohnhause herumwandern sehen, die «richi Frau Maria», erzählte sie.
Aufregung herrschte, wenn die Klingelberger Buben in die Schlacht gegen die Santihansler zogen. Die tapfere Schwester Else marschierte als Amazone mit und verteidigte ihre Brüder. Der Rhein, damals ungezähmt, rauschte jedes Jahr zur Zeit der Schneeschmelze in den Alpen daher, führte Bäume und tote Tiere mit sich, trat über die Ufer und rüttelte an der alten Rheinbrücke. Es war noch die von Bischof Heinrich erbaute: auf Grossbasler Seite aus Holz, auf Kleinbasler Seite aus Stein. Auch der Birsig konnte wild werden. Im Jahr 1876 trat er über die Ufer und auf dem Fischmarkt verkehrte man mit Schiffen. Doch weil der Birsig damals teils offen durch die Stadt lief, flossen die Abwässer der am Flusse gelegenen Häuser in die Strassen hinein und verseuchten das Wasser, das zum Trinken in kleinen Brunnen gefasst wurde.
Einmal habe Papas Mutter beschlossen, den Kindern ein Lämmchen zu schenken, schneeweiss und mit einem hellblauen Band um den Hals, stand in den Notizen. Ernsts Vater schrieb pflichtgetreu an Meister Mani vom Hof Ullmatt und bat, ein solches zu schicken. Als er drei Tage später durch die Missionsstrasse ins Spitalbüro ging, sah er einen bäurischen Blusenmann ein junges Schaf vor sich hertreiben. Ihm schwante etwas, und er fragte den Bauernknecht, wohin er mit dem Schaf wolle. «Zum Spitalverwalter Laur», war die Antwort. Das war nun freilich kein schneeweisses Lämmlein, sondern ein ziemlich grosser Hammel der kräftigen Bergrasse, der mit seinem Kopf auch mal zustossen konnte, wenn ihm etwas nicht passte. Doch die Kinder liebten ihn, und er war ihnen ergeben wie ein Hund. Im Herbst allerdings wanderte er den letzten Weg der meisten Nutztiere und erschien den Winter durch in Form von Würsten, Braten und Gulasch auf dem Esstisch, von denen sich Ernst standhaft zu essen weigerte.
Papas Mutter war eine strenge Frau. Mit zusammengebissenen Zähnen ging sie ihrer Pflicht nach, von morgens früh bis abends spät. Dieser Sohn machte ihr schwer zu schaffen, sie liess ihn auf Scheithölzern knien, sie sperrte ihn in die Besenkammer, sie zog ihm die Ohren lang und doch wollte er nicht gehorchen. Seine Lehrer hielten ebenfalls nicht viel von ihm: In seinen Zeugnissen im Untergymnasium stand: «vorlaut», «beständig unruhig», «unaufrichtig», «schreibt ab». Und sie liessen ihn zweimal durch die Klasse fallen.
Ernst war unglücklich. Ihn störten die vielen Menschen in der Stadt, die lauten Maschinen, die Autos und später die Sozialisten. So ging er mit 15 Jahren auf ein Rebgut nach Lausanne, um auf dem Land zu arbeiten, und er entschloss sich danach, die Landwirtschaftliche Schule Strickhof in Zürich zu absolvieren.
Direktor Jakob Lutz mochte zwar Städter nicht, denn «meist hoffen sie, im Studium der Landwirtschaft ihr Eldorado zu finden». Doch der Junge beendete die Ausbildung, machte Praktika auf Landgütern, schrieb schon als 18-Jähriger Artikel und verfasste ein Büchlein namens: «Stallmist, Jauche und Kompost», das sich gut verkaufte. Dann konnte er den Vater überreden, dass er ihm die ETH finanzierte.
«All mein Denken und Sinnen ist darauf gerichtet, nicht nur ein tüchtiger Mann zu werden, sondern auch einmal auf das Wohlergehen der schweizerischen Landwirtschaft einwirken zu können», schrieb er damals in sein Tagebuch.
Doch wenn seine Mutter auf Besuch nach Basel kam, sagte sie: «Aus dir wird nichts. Du findest ja deine Abwechslung nur im Wirtshaus, spielst Karten und trinkst.» Da verdoppelte er seine Anstrengungen: Er wollte Herr über seine Leidenschaften werden, den Körper, die Zunge und den Geist gänzlich kontrollieren. Er wollte der bedeutendste Agrarpolitiker Europas werden – das alles schrieb er fein säuberlich auf.
Nirgends fanden Arnold und Wolf einen Hinweis darauf, dass etwas krumm gelaufen war in der Karriere des berühmten Grossvaters.
Dass er berühmt war, dieser kleine Mann mit dem langen weissen Bart, das konnten Wolf und Arnold an allen Enden und Ecken des grossen Hauses sehen: Bücher von ihm und über ihn, Zeitungsartikel, in denen die Rede war von seinen «ausserordentlich grossen Arbeiten und Kämpfen», von seinem «ausserordentlichen Talent, die Bauernsame zu organisieren», von seinen «ausserordentlichen Verdiensten beim Abschluss der Handelsverträge in ganz Europa und der Wahrung der Interessen der schweizerischen Landwirtschaft». Es waren Jubelchöre aus allen Ecken der Schweiz und aus dem Ausland, und Arnold und Wolf fanden es ziemlich übertrieben.
«Puh, das ist aber ein toller Hecht», sagte Wolf ratlos und Arnold schwieg, weil er sich überhaupt immer bedrückt fühlte, wenn jemand so gelobt wurde. Er hätte lieber die Dinge über seinen Grossvater erfahren, die dieser gerne für sich behalten hätte, die nicht so heldenhaft waren, die er eigentlich verheimlichte und doch in einer verborgenen Ecke notiert hatte. So lasen sie weiter, durchforschten jeden Winkel in diesem riesigen Haus, das schon so vieles gesehen hatte.
Sie erfuhren, dass Ernst in Brugg Landwirtschaftslehrer geworden war und im Wirtshaus zum Sternen das Wirtstöchterchen Sophie kennengelernt hatte.
«Nanna!», dachte Arnold und ein Schatten legte sich über sein Herz. Kalt konnte seine Grossmutter sein, gebieterisch, und dann wieder so grossherzig. Er las, dass sie und ihre Schwester Lina die Mutter früh verloren hatten und dass Lina an einer Nervenentzündung erkrankt und gelähmt war. Die Schwestern waren oft in Effingen beim Grossvater, Friedensrichter Weibel. Und da ihre verstorbene Mutter das einzige Kind von Jakob Weibel gewesen war, erbten die Mädchen schliesslich das Anwesen.
Nanna war jung und sie war unerschrocken – schon damals. Als ihr Ehemann angefragt wurde, ob er beim neu gegründeten Bauernsekretariat die Stelle als Vorsteher annehmen wolle, sagte er ja. Nein, sagte Sophie. Nicht, wenn es bedeute, dass die Familie nach Bern ziehen müsse. Sie wollte Brugg und ihre behinderte Schwester Lina nicht verlassen – und dann war ja noch Effingen, das sie damals als Feriendomizil nutzten.
So begannen Verhandlungen – lange, zähe Verhandlungen zwischen Ernst und den Delegierten des Ausschusses. Ihm wurde zugestanden, zwei Tage von Brugg aus arbeiten zu können, vier Tage pro Woche musste er in Bern sein.
Doch noch musste ihn die Nationalversammlung wählen. Blass, jedoch unverdrossen stand der 27-Jährige, schon damals mit Bart, klein von Statur, im Nationalratssaal in Bern. Sein Blick fiel auf diese Männer, die allesamt schon bald den Zenit ihres Einflusses und der Mitbestimmung überschritten haben würden. Ältere Herren, mit schütterem Haar die meisten, die Hüte hatten sie beim Pförtner abgegeben, den Gehstock mitgenommen, schöne Stöcke mit silbernen Knäufen in Löwenform, einige hatten sich ihr Wappen oder ihren Namen darauf eingravieren lassen.
«Ist er nicht zu jung?», fragte einer aus der Runde und klopfte mit dem Stock auf den edlen Kassettenboden.
«Das ist ein Fehler, der sich mit jedem Tag bessert», sagte der Vorsitzende.
Schliesslich gaben alle Ernst ihre Stimme. Da rief ihm Nationalrat Joseph Gisi zu: «Chlyne, fürcht di nid, en erschrockene Ma isch im Himmel nid sicher!»
Das war vor vier Jahrzehnten gewesen. Jetzt war Papa ein dickbäuchiges Männchen, mit seinem weissen Bart und der Denkerstirn jedoch immer noch imposant und vom Bundesrat gefragt für Verhandlungen mit den Nachbarländern. Und die Vertreter der verschiedenen Familienzweige aus allen Ecken und Enden der Schweiz waren in diesen Kriegszeiten froh, dass ihre Kinder in Effingen in Sicherheit waren. Die assen sich am reich gedeckten Tisch satt und tollten mit der Gans Lisette, den Enten, dem Esel und den Hunden über die Matte um die Wette. Ringsum blühten Tausende von Narzissen und Primeln, und Nanna war bester Laune. Sie war keine Schönheit im klassischen Sinn: Sie schielte und neigte früh zu Korpulenz. Und doch zog sie alle Blicke auf sich, wenn sie wie eine Königin den Raum betrat – und sie war furchtlos, immer und in jeder Situation und in diesen Kriegszeiten ganz besonders. Ihr schien der Gedanke, mit den Effinger Frauen, Kindern und Kegeln per Ochsenwagen über die Thalemerhöhe fliehen zu müssen, etwas Bestechendes zu haben, auch wenn das Murer-Marei auf seinem Bänkchen in der Dorfstrasse düster orakelte, es würden alle in der Hölle landen, wenn es so weitergehe, denn die Deutschen seien gnadenlos.
Nanna war offenbar im Stillen der Meinung, wenn man erst einmal ennet der Schenkenburg sei, werde für d’Frau Profässer schon ein Auto oder ein reservierter Eisenbahnplatz vorhanden sein, sie zeigte keinerlei Anzeichen von Angst oder Fluchtgedanken. Sie war der Typ Mensch, der erst auf Befehl, also im allgemeinen Weltuntergang, von dannen zieht und auf keinen Fall vorher. Nein, zur Evakuierung blieb ihr keine Zeit. Dafür gab es in Effingen einfach immer zu viel zu tun. Und sei es auch nur eine vom alten Nobs seiner Frau an den Kopf geworfene Bierflasche, die zuerst noch moralisch ausgeputzt und erledigt werden musste. Und als sie erfuhr, dass die kleine Emma aus dem Kästal nicht zur Schule ging, weil der Weg zu weit für ihre kurzen Beinchen war, um über Mittag nach Hause zu kommen, nahm sie sie kurzerhand zu sich zum Essen und jetzt ging es eben auch im Effinger Haus ein und aus.
