Die Schattenlosen - Hasan Ali Toptaş - E-Book

Die Schattenlosen E-Book

Hasan Ali Toptaş

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Beschreibung

Ein Lehrling verschwindet aus dem Frisörsalon. Auch das schöne Mädchen Güvercin ist verschollen – hat der Dorftrottel sie entführt? Das spurlose Verschwinden greift um sich wie eine Epidemie. Schon berichtet die Provinzpresse in fetten Schlagzeilen über den Skandal. Ein Albtraum legt sich über das Dorf. Oder ist dieses Verwirrspiel nur die Erfindung eines in Geschichten vernarrten Kunden, der im Spiegel des Frisörsalons seine Fantasie spielen lässt? »Die Schattenlosen« ist ein Roman mit einer magischen Sogkraft, der oszilliert zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Traum und Wirklichkeit. Mit seiner Sprachgewalt ist er die Überraschung der türkischen Literatur in den letzten Jahren.

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Seitenzahl: 348

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Über dieses Buch

Ein Lehrling verschwindet aus dem Frisörsalon. Auch das schöne Mädchen Güvercin ist verschollen – hat der Dorftrottel sie entführt? Ein Albtraum legt sich über das Dorf. Oder ist dieses Verwirrspiel nur die Erfindung eines in Geschichten vernarrten Kunden, der im Spiegel des Frisörsalons seine Fantasie spielen lässt?

Zur Webseite mit allen Informationen zu diesem Buch.

Hasan Ali Toptaş (*1958) gilt als urwüchsiges Erzähltalent mit einer magischen Beziehung zur türkischen Sprache, der er in seiner klaren Prosa poetische Qualitäten abzugewinnen vermag. 2006 wurde er mit dem Orhan-Kemal-Preis, dem angesehensten Literaturpreis der Türkei, ausgezeichnet.

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Gerhard Meier (*1957) studierte Romanistik und Germanistik. Seit 1986 lebt er bei Lyon, wo er literarische Werke aus dem Französischen und aus dem Türkischen (Hasan Ali Toptas, Orhan Pamuk, Murat Uyurkulak) überträgt. 2014 wurde er mit dem Paul-Celan-Preis ausgezeichnet.

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Dieses Buch gibt es in folgenden Ausgaben: Hardcover, Taschenbuch, E-Book (EPUB) – Ihre Ausgabe, E-Book (Apple-Geräte), E-Book (Kindle)

Mehr Informationen, Pressestimmen und Dokumente finden Sie auch im Anhang.

Hasan Ali Toptaş

Die Schattenlosen

Roman

Aus dem Türkischen von Gerhard Meier

Türkische Bibliothek

E-Book-Ausgabe

Unionsverlag

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Impressum

Die Originalausgabe erschien 1995 unter dem Titel Gölgesizler beim Verlag Adam Yayınları.

Originaltitel: Gölgesizler (Istanbul, 1995)

© by Hasan Ali Toptaş 1994

© by Unionsverlag, Zürich 2024

Alle Rechte vorbehalten

Umschlag: Selçuk Demirel, Hut (1990)

Umschlaggestaltung: Martina Heuer

ISBN 978-3-293-30385-0

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Version vom 27.07.2024, 02:42h

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Inhaltsverzeichnis

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Über dieses Buch

Titelseite

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Inhaltsverzeichnis

DIE SCHATTENLOSEN

1 – Der Frisör hob einen Augenblick lang die Scherenspitze …2 – Dann sah er zum Bürgermeister hinüber, der gerade …3 – Der Frisör stand am Fenster und sah mit …4 – Als der Bürgermeister am nächsten Morgen die Augen …5 – Als der Frisör den Blick von der Straße …6 – Während der Bürgermeister bedächtig sein Hemd zuknöpfte …7 – Nun war der Mann mit der pechschwarzen Gebetskette …8 – Der Frisör hatte seinen Stuhl ans Fenster gestellt …9 – Als der Wächter atemlos am Bürgermeisteramt anlangte …10 – Als der Lehrling hinausgegangen war, um die Rasierklingen …11 – Als der Bürgermeister durch die Tür trat …12 – Obwohl schon geraume Zeit verstrichen war, hatte der …13 – Dede Musa mit seinem mächtigen Bart hatte sein …14 – Als die Bürgermeistersfrau Schritte hörte, schaute sie auf …15 – Der Frisör blickte unverwandt auf den Mann im …16 – Als die Tür aufging, sprang der Wächter sofort …17 – Der Lehrling war noch immer nicht zurück18 – Am nächsten Tag wankte gegen Mittag Cennets Sohn …19 – Seit der Frisör fort war, herrschte in dem …20 – Als Wochen später Cennets Sohn in den Frisörladen …21 – Der Mann im Frisörsessel hatte die Augen geöffnet …22 – Mit einer Zigarette in der Hand, deren Rauch …23 – Als befinde er sich in einem Traum …24 – Ein paar Tage nachdem der Bürgermeister in die …25 – Ich zuckte auf meinem Stuhl zusammen, als sei …26 – Die Hände des immer wieder einnickenden Imams sahen …27 – In der dröhnenden Stille des Frisörladens war ich …28 – Ramazan wurde noch am gleichen Tag nach dem …29 – Ich saß noch immer alleine auf dem Stuhl …30 – Als gegen Mitternacht an die Tür des Frisörladens …31 – Als es dämmerte, gingen die Straßenlaternen an …32 – Der Frisör war der Letzte gewesen, mit dem …33 – Jene Nacht war eine ganz besondere Nacht …34 – Der Wächter stand den Leuten gegenüber, die sich …35 – Zu so später Nachtstunde ist es sicherlich töricht …36 – Am nächsten Morgen ließen die Leute aus dem …37 – Ich hatte den Frisörladen verlassen und machte mich …38 – Losgebunden wurde der Bürgermeister vom Frisör39 – Ich fand zwar ein Café für Frühaufsteher …40 – Reşit hatte sich das Mausergewehr auf den Schoß …41 – Als ich meinen Tee ausgetrunken hatte, war das …42 – Da Cennet wusste, dass ihr Sohn seit Tagen …43 – Schon vor einer ganzen Weile hatte ich das …44 – Als der erste Schnee auf das Dorf fiel …45 – Es tagte schon fast, als ich noch immer …46 – Als die Männer sich im Morgengrauen unter der …47 – Als ich vor dem Haus ankam, in dem …NachwortWorterklärungenZur Aussprache des TürkischenUmschlagmotiv

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1

Der Frisör hob einen Augenblick lang die Scherenspitze hoch in die Luft wie ein Glas, als ob er mir zuprosten wolle, und rief: »Einen schönen guten Morgen!«

Vielleicht sagte das auch sein Lehrling, bloß hörte man bei dem nichts, sondern sah nur seinen Mund auf- und zuklappen. Der Junge tänzelte um den Frisörstuhl herum und ließ sich keine einzige Bewegung seines Meisters entgehen. Der schien mit seiner klappernden Schere irgendeine fremde Melodie zu spielen, und nach der tanzte der Lehrling unentwegt. Nur ab und zu sah er sich nach den stumm in der Ecke wartenden Männern um. Das mochten die Zuschauer sein, deren Blicke den Tanzschritten des Lehrlings folgten und deren Ohren und Herzen dem Klappern der Schere lauschten.

Da verstummte das Geklapper mit einem Mal. Der frisch frisierte Mann erhob sich wie ein Häuflein Elend, das der Tanz übel zugerichtet hatte, aus dem Frisörstuhl und zog seine Jacke an. Er drückte dem Lehrling ein Trinkgeld in die Hand und sagte zum Frisör: »Bin ganz verzagt. Hat wieder nichts geholfen …«

Als der Mann zur Tür hinausging, sah der Frisör ihm noch eine Weile wortlos nach. Dann drehte er sich zu den Kunden um. Ein Mann mit einer pechschwarzen Gebetskette in der Hand ließ zum Zeichen, dass nun wohl er an der Reihe sei, einen Ruck durch seinen Körper gehen. Dies aber nahm der Frisör nicht wahr, und falls doch, so ignorierte er es, und als wollte er noch einmal unterstreichen, wer hier der Tanzmeister sei, sagte er zu dem Mann mit dem Ziegenbart neben mir: »Bitte schön.«

»Auf zum nächsten Tanz«, dachte ich mir. Der Kunde erhob sich schweigend und ging auf den Frisörstuhl zu, wo der Lehrling schon mit einem Handtuch bereitstand. Der Frisör suchte ein Rasiermesser auf dem Ladentisch aus und schielte dabei in den Spiegel, in dem er den Ziegenbärtigen kommen sah. In seinem Blick blitzte es wie aus Henkersäuglein auf.

»Diesmal scheint es ein blutiger Tanz zu werden«, durchfuhr es mich. Nun klapperte die pechschwarze Gebetskette, deren Perlen, vom Zorn eines übergangenen Mannes gerührt, zitternd aneinander prallten. Jetzt wurde mit einem neuen Instrument aufgespielt, und die Heftigkeit, mit der hier geklappert wurde, passte zu einem blutigen Tanz auch viel besser. Alles war bereit: Der Ziegenbärtige hatte wie ein stummes Opfer auf dem Stuhl Platz genommen, der Frisör eine Klinge ausgewählt und der Lehrling dem Kunden ein weißes Tuch umgebunden und ihm dessen Enden bis über die Knie gezogen, vielleicht wegen des bald herumspritzenden Blutes?

Es folgte eine tiefe Stille.

»Warum sagen Sie denn gar nichts?«, fragte der Frisör.

Hastig suchte ich nach seinen Augen: Sie blickten aus dem Spiegel keinen anderen als mich an.

»Was soll ich denn sagen?«, fragte ich unruhig wie jemand, der sich auf einen blutigen Tanz gefasst macht.

»Na irgendetwas«, sagte er. »Hauptsache, Sie erzählen uns was.«

Das war eine Art Vorverhör; schon bevor man auf dem Frisörstuhl saß, wollte er das eine oder andere aus einem herauskitzeln. Ich sah, wie es in seinem Blick immer wieder wie aus Henkersaugen aufblitzte.

»Ob Sie wieder einen Roman schreiben, zum Beispiel.«

»Ja«, antwortete ich wortkarg. Gleich darauf schweiften meine Augen zu dem Bild, das der Frisör gemalt und über dem Spiegel aufgehängt hatte. Es war eine Kohlezeichnung, eine riesige Taube. Vom vielen Zigarettenrauch war die Zeichnung schon ganz vergilbt, und die Ränder hatten sich gebogen.

»Und wie heißt er?«

Unsere Blicke trafen sich im Spiegel.

»Der Roman?«, fragte ich geistesabwesend zurück. »Das weiß ich noch nicht.«

Die pechschwarze Gebetskette verstummte plötzlich. Der Frisör ließ den Rasierpinsel herabsinken und sah mit großen Henkersaugen auf die Straße hinaus. Es war, als erhebe sich sein Blick über sämtliche Straßen der Stadt und ginge ganz weit in die Ferne, hinter die Berge, an irgendeinen Ort. Vielleicht war dort der Teil des Frisörs, der nicht mehr in ihn hineinpasste, und er saß nun in irgendeinem Dorf, in seiner Frisörskluft, in genauso einem Laden, wandte hin und wieder den Kopf und schaute zu uns herüber.

2

Dann sah er zum Bürgermeister hinüber, der gerade über den Dorfplatz ging. Die beiden winkten sich aus der Ferne zu.

»Du gehörst jetzt auch zu diesem Dorf«, dachte der Bürgermeister und lächelte dabei vor sich hin. Bei diesem Lächeln wurde ihm auf dem Heimweg leicht ums Herz, und es ließ ihn all die Mühen vergessen, die der Wahlkampf ihn gekostet hatte. Als er durch die Flügeltür in den Hof seines Hauses trat, war seine Frau gerade dabei, Kopfsalat mit Olivenöl zu beträufeln.

»Und, hast du gewonnen?«, fragte sie und vergaß dabei ganz die Hand über dem Salat.

Der Bürgermeister riss sich den Hut vom Kopf und schleuderte ihn zur Tür.

»Und ob!«, rief er. »Sie haben mich wiedergewählt!«

Dann stieg er die Leiter hinauf, die zum Flachdach führte, und setzte sich mit untergeschlagenen Beinen neben den Kamin. Auf einem Tablett vor ihm streckte ein gebratenes Hühnchen in Tomatensauce die Beinchen in die Luft, daneben warteten eingelegte Paprikaschoten, ein Salzstreuer, extradünnes Fladenbrot und Rakı. Alle vier Jahre ließ er sich dieses Mahl zusammenstellen, setzte sich dann alleine hin und feierte seinen Sieg. Er schaute mit zusammengekniffenen Augen auf das im Schatten der Felsen liegende Dorf, und so lange, bis die Dunkelheit die Lehmdächer ganz und gar verschlungen hatte, tauchte er seinen Schnurrbart in den Rakı. Das half aber nichts: Statt zu grünen und zu blühen, wurde der Schnurrbart von Jahr zu Jahr grauer.

Es gibt doch wahrhaftig kein so schmählich von Gott und dem Staat verlassenes Dorf wie dieses, dachte der Bürgermeister; und jedes Mal wenn er zum Trinken ansetzte, blieb sein Blick an den in Finsternis gehüllten Felsen hängen. Obgleich er wusste, dass er dort nichts sehen würde, wäre er am liebsten auf den höchsten Punkt hinaufgestiegen, um sich am Anblick der dahinter liegenden Wälder, Almen und Weiden zu ergötzen. Dann wandte er den Blick zur Ebene hin und sah lange zum fernen Horizont. Dabei kamen ihm so absurde Gedanken wie der, dass man diese Berge womöglich abtragen müsste, um Gott oder den Staat dazu zu bringen, diesem Dorf auch nur einen einzigen Blick zu schenken. Das dünkte ihn dann aber doch eine Gotteslästerung, sodass er zur Abbitte die Namen sämtlicher Propheten herunterleierte, die ihm gerade einfielen, vom Händler bis zum Schmied und vom Ringer bis zum Arzt. Vielleicht brauchte er ja gar nicht so viel zu saufen, denn über kurz oder lang würde der Staat ganz ungebeten seine Aufwartung machen und mitten in der Ebene seine ganze Kraft walten lassen. Dann würde der Staat sich sagen, da muss es doch irgendwo ein Dorf geben, wo ich meine Fahne wehen lassen und mich noch weiter entfalten kann, und er würde sich vor dem Bürgermeisterbüro aufpflanzen. Über dieses plötzliche Wunder würden vermutlich die weißbärtigen Alten am meisten staunen, denn die hatten schon in ihrer Kindheit gehört, dass der Bau von Bewässerungskanälen bevorstehe. Jahrelang erzählte man sich das. Es hieß sogar, am Vorabend irgendwelcher Wahlen seien einmal Parlamentsabgeordnete in die Ebene gekommen und hätten darüber beratschlagt, ob besagte Kanäle nun eher hier oder vielmehr da zu verlaufen hätten, und zur Bekräftigung seien dann sogar Pflöcke eingeschlagen und Schnüre gespannt worden. Aus dem Dorf hatte zwar niemand diese Männer gesehen, doch wäre das ohnehin nur schwer möglich gewesen, denn bis vom Dorf jemand zu Fuß bis dorthin gelangt wäre, hätten die Abgeordneten schon längst wieder ihre Autos bestiegen und wären zurück in die Hauptstadt gefahren.

Schnell kippte er wieder ein Glas und strich sich dann den Schnurrbart. Er atmete nun schwer, und es fröstelte ihn. Erst knöpfte er seine Jacke zu und kauerte sich zusammen, dann machte er sie doch wieder auf und versuchte sich aufrecht hinzusetzen.

Irgendwann fand er sich in den Armen seiner Frau und seines Sohnes wieder. Sie standen an der Leiter. Seine Frau sagte gar nichts, doch sein Sohn knurrte hin und wieder kopfschüttelnd etwas vor sich hin. Der Bürgermeister verstand nicht, was sein Sohn da murrte, und versuchte nur, sich immer wieder nach hinten zu beugen und ihm ins Gesicht zu sehen. Beim Hinabsteigen gelang ihm auch das nicht mehr, und atemlos ließ er seinen Kopf vornüberfallen. Bevor sie ihn ins Bett legten, kotzte er sich die Seele aus dem Leib. Er würgte Tomatenscheiben heraus, und aus den Mundwinkeln hingen ihm Fetzen von Salatblättern. Er stierte mit Kalbsaugen vor sich hin, hielt sich mit der einen Hand den Bauch und griff mit der anderen ins Leere. Als er endlich den Kopf auf sein Kissen bettete, atmete er tief durch. Ihm war, als hätte er die ganze Nacht über auf dem Dach Rakı getrunken.

Als Letztes sagte er noch: »Vor heute Abend braucht ihr mich gar nicht zu wecken.«

3

Der Frisör stand am Fenster und sah mit den Henkersäuglein in seinem Blick noch immer auf den Dorfplatz hinaus.

Seit er hier war, hatte er außer dem Allernotwendigsten praktisch nichts gesagt. Selbst wenn er hätte reden wollen, wäre ihm nichts eingefallen, denn die Vergangenheit war aus seinem Gedächtnis gelöscht. Er wusste lediglich noch, dass er in weite Ferne gezogen und aus noch weiterer Ferne hierher gekommen war. Wo jedoch diese Ferne lag und ob er von dort aus freien Stücken in dieses Dorf gekommen war und zu welchem Zweck er sich überhaupt auf den Weg gemacht hatte, all das vermochte er nicht zu sagen. Er hatte sich dazu schon hunderte von Gedanken gemacht und sie alle wieder getötet. »Vielleicht habe ich ja vorher in einer Stadt gewohnt«, sagte er eines Tages, »in einem Haus mit Balkon auf den Garten hinaus, mit einer traumhaften Frau und Kindern. Und einem Laden natürlich, falls ich dort auch Frisör war. An einer belebten Straßenecke. Und mit Kunden: jungen, alten, geschwätzigen, stillen … Und Sorgen. Und den Sorgen meiner Kunden im Kopf. Konnte nicht und wollte nicht und durfte nicht und hatte nicht …«

»Vielleicht ist mir das auf die Nerven gegangen«, dachte er. Hatte er sich in die Berge aufgemacht, um den Klauen der Stadt zu entgehen? Hatte er eines Abends in der Dämmerung einfach seine Scheren und Spiegel und all die Rasiermesser in einen Koffer gepackt und war mutterseelenalleine aufgebrochen? War er wie in Trance durch die Nächte gezogen, durch die Berge und die Ebenen, ohne ein Ziel vor Augen zu haben? Und hatte er geahnt, dass Cıngıl Nuri, der einzige Frisör dieses Dorfes, seinen Beruf aufgeben würde, und war daraufhin von den Bergen herunter bis vor das Bürgermeisteramt gekommen?

Von alledem wusste er rein gar nichts.

Vielleicht lebte er ja auch noch immer in einer Stadt und war hier in seinem Laden und hatte den Seifen und Cremegerüchen den Rücken gekehrt und sah auf die Straße hinaus. Oder in weite, weite Fernen, die der Ziegenbärtige von seinem Frisörstuhl aus nicht sehen konnte.

4

Als der Bürgermeister am nächsten Morgen die Augen öffnete, beugte sich seine Frau über das Bett und sagte: »Steh auf, los, Reşit will mit dir reden.«

Es war noch wie ein Traum. Um die Beine seiner Frau strich eine langschwänzige, braune Katze. Ihre Augen waren zwei Feuerbrunnen.

»Er soll warten. Ich komme gleich.«

Solch glutsprühende Katzenaugen hatte er doch irgendwo schon mal gesehen. »Wann war das bloß?«, fragte er sich. Er fasste sich an die Stirn und richtete sich auf. Es fiel ihm nicht ein. Als seine Frau und die Katze das Zimmer verließen, schaute er ihnen lange nach. Dabei strich er sich fortwährend über den Schnurrbart, als ließe sich damit der Anisgeruch vertreiben, der ihm aus der Nase strömte.

Plötzlich erstarrte er. Jetzt wusste er wieder, wann er solche Katzenglut gesehen hatte. Als er vor sechzehn Jahren zum ersten Mal Bürgermeister geworden war, stand am folgenden Morgen beim Aufwachen ebenfalls seine Frau vor ihm. Das heißt, als seine Frau hatte er sie nicht sofort erkannt, eigentlich hatte sich nur ein verschwommener Schatten über sein Bett gebeugt und genau wie jetzt gesagt: »Steh auf, los, die Frau von Cıngıl Nuri will mit dir reden.«

Damals hatte er nicht gesagt, sie solle warten, sondern war, ganz aufgeregt über seine erste Amtshandlung, schnell aufgestanden und hatte sich angezogen. Draußen im Hof hatte die Frau von Cıngıl Nuri ihn sogleich flehend an den Händen gefasst, und ihre drei Kinder hatten furchtsam zu ihm emporgeblickt.

Zuerst war der Bürgermeister verdutzt gewesen und hatte aus lauter Verlegenheit nicht recht gewusst, wohin mit seinen Händen. Dann aber hatte er sich gesagt, dass es ihm als Bürgermeister am allerwenigsten anstand, sich über irgendetwas in diesem Dorf zu wundern, und hatte sein Erstaunen hinter Zigarettenqualm verborgen und den Kindern aufmunternd zugelächelt.

Die Frau hatte in ihrem Kummer ihre Knie geradezu platt geschlagen. Nun stand sie mit zerrauftem Haar und verheulten Augen vor dem Bürgermeister und berichtete, ihr Mann sei am Abend zuvor mit den Worten »Mir schnürt sich die Seele zusammen« aus dem Haus gegangen und noch immer nicht zurückgekehrt. Die Kinder hatten sich indes zu beiden Seiten der Mutter aufgestellt, und für den Bürgermeister sah das Ganze aus wie eine Gebetskette mit vier Perlen, der nur noch die große Abschlussperle fehlte.

Dann hatte die Frau erzählt, was ihr Mann gestern gegessen und was er geredet habe, wie er beim Heimkommen aus dem Laden zu den Vögeln am Himmel hinaufgesehen habe, wie und warum er gleich an der Haustür seine Tochter geohrfeigt habe und was er für ein Hemd getragen habe, als er vor sich hin seufzte und sich ihm die Seele zusammenschnürte. Dann hatte sie gefragt, wo ihr Mann denn jetzt sein könne, ob ihn nicht jemand umgebracht und in den Bach geworfen habe oder ob er jetzt den Geiern zum Fraß diene oder einen Felsen hinabgestürzt sei oder irgendwo draußen hilflos herumirre.

Der Bürgermeister hatte sich das alles geduldig und abwägend angehört, als hätte er sein Lebtag noch nichts anderes gemacht, als Bürgermeister zu sein. Er steckte sich dabei eine Zigarette nach der anderen an und war in dichten Rauch gehüllt. Dass von den Leuten aus diesem Dorf, die nirgendwo anders zu verschwinden pflegten als in ihrem Grab, jemand sich so einfach aus dem Staub gemacht haben sollte, mochte er nicht so recht glauben. Bestimmt war Cıngıl Nuri lediglich irgendwo hängen geblieben, bei einem Saufgelage etwa, dort war er dann eingeschlafen, und in Bälde, spätestens gegen Mittag, würde er wieder auftauchen, sein Geschäft aufsperren und den Leuten aus dem Dorf wieder die Haare schneiden wie eh und je. Dennoch war der Bürgermeister an jenem Tag auf das Dach geklettert und zwischen den Kuhfladen, die dort zum Trocknen lagen, herumgestiegen, als könne er Nuri von dort oben erspähen, hinter von Adlergeschrei widerhallenden Felsen oder jenseits einer sich unter schauerlichen Klagetönen erstreckenden, gelben Ebene. Unten dann hatte er höchst überflüssigerweise einem Kalb die Stirn gestreichelt. Als er wieder zu Cıngıl Nuris Frau ging, hatte er darüber nachgedacht, wohin er an Nuris Stelle – wenn sich ihm die Seele auf Nadelöhrgröße zusammengeschnürt hätte – unter Zurücklassung dieser Frau und der drei Kinder wohl gegangen wäre. Der bloße Gedanke hatte ihm Angst eingeflößt und in ihm eine große Leere hinterlassen. Da war ihm klar geworden, dass er sich in den zweiundvierzig Jahren, die er nun schon hier lebte, derartig an jeden Stein und jeden Klumpen Erde dieses Dorfes gewöhnt hatte, an das Hundegebell und den Mistgeruch und sogar an das Pfeifen des Windes und das Knistern des Heus, dass er mit Haut und Haaren, mit Leib und Seele hierher gehörte und selbst dann nicht von hier fortgehen könnte, wenn er es tatsächlich wollte. Daraufhin hatte er es aufgegeben, sich in Nuri zu versetzen, und war in seine eigene Haut zurückgeschlüpft, hatte wieder seine eigene Miene voller Sorgenfalten, seine eigenen Augen und müden Gesichtszüge aufgesetzt und die Frau gefragt: »Was meinst du denn, wo er sein könnte?«

Die Frau hatte lange zum Himmel hinaufgeschaut und die Frage des Bürgermeisters gleichsam an Gott weitergegeben, aber keine Antwort erhalten, oder nur eine, die sie nicht gehört hatte. Da hatte der Bürgermeister im Blick der Frau eine tiefe Leere wahrgenommen und in späteren Jahren oft an diesen Blick gedacht und sich gar eingebildet, er könne aus den Augen einer jeden Frau diese durch das Verschwinden eines Mannes hervorgerufene Leere herauslesen. Er begann sogar jungen Mädchen, deren Brüste gerade mal die Fülle einer Apfelhälfte erreicht hatten, aufmerksam in die Augen zu schauen, um herauszufinden, ob diese Leere nicht etwa schon von Geburt an vorhanden war.

Allüberall wurde Nuri an diesem Tag gesucht und jeder nach ihm gefragt, doch fand sich nicht der geringste Anhaltspunkt. Nuri war weg, als hätte hier noch nie so einer gelebt, als hätte niemand dieses Namens im Dorf jahrelang ein Frisörgeschäft betrieben. Sogar sein Gesicht war plötzlich vergessen. Wie war seine Nase gewesen, hatte er Augen gehabt und damit gesehen und einen Mund, mit dem er aß und trank? Keiner wusste es mehr zu sagen. Der einzige Beweis für seine Existenz war daher sein Laden, der jedoch zusehends verstaubte und verfiel. Wenn man zum Fenster hineinsah, war kaum noch etwas zu erkennen; die Scheren, Rasiermesser, Handtücher, die Spiegel und der Geruch nach Seife und Kölnischwasser, all das war nicht mehr in dem Laden, sondern nur noch im Gedächtnis jener, die sich daran erinnern konnten.

Die dicklippigen Zigeunerinnen, die damals ins Dorf kamen und von Tür zu Tür gingen, hatten das Verschwinden Nuris mit in ihre Bündel geschnürt und in die Nachbardörfer getragen. Und dann hatte es plötzlich geheißen, wenn überhaupt jemand Nuri finde, dann die Zigeuner. Ob das nun jemand aus dem Dorf oder einer der Zigeuner selbst gesagt hatte, ließ sich nicht mehr feststellen. Vielleicht war es auch jemand, den niemand gesehen hatte und niemand kannte. Mal wurde behauptet, es sei ein Mann gewesen, mit einem behaarten Leberfleck auf der Wange, und er habe geistesabwesend in die Ferne geblickt. Die Frauen aber erzählten, es sei eine Frau gewesen, und von wegen in die Ferne blicken! Direkt auf den Boden habe sie gestarrt und dabei gesagt, wenn überhaupt jemand Nuri finde, dann die Zigeunerinnen.

Als die Zigeuner mit ihren Pferdewagen wieder kamen, war deshalb bei Jung und Alt Hoffnung aufgekeimt, und alle waren zu den schwarzen Zelten vor dem Dorf gelaufen. Die Frauen tuschelten mit den Zigeunerinnen, während ihre Gatten die Zigeunermänner mit ihren verwegen schief sitzenden Hüten und den hochgezwirbelten Schnurrbärten ins Kaffeehaus oder zu sich nach Hause luden, wo dann draußen im Hof krügeweise Wein getrunken wurde, rotkämmige Hähne dran glauben mussten und Lämmer geschlachtet wurden. Die dunklen Frauen mit den vollen Lippen kamen aus ihren Zelten hervor und verteilten sich über das Dorf, strömten von den Straßen hinein in die Höfe, von dort in die Häuser, in die Küchen gar und bis in den Schatten, den die Truhen mit der Aussteuer warfen. Über Nuri jedoch brachte man nichts in Erfahrung.

Neue Hoffnung wurde lebendig, als man des Verzinners ansichtig wurde, der jeden Sommer mit einem Zweig Bergsafran hinter dem Ohr wiegenden Schrittes seinen räudigen Esel in das Dorf trieb und dort seine Gerätschaften aufbaute. Noch bevor der Mann seinen Esel abladen konnte, wurde er mit Fragen bestürmt. Ob er denn da, wo er durchgekommen sei, in den Bergen, in den Hochebenen, in den Dörfern der Flüchtlinge, nicht irgendetwas von Nuri gehört habe? Doch als ob der Verzinner den vielen Glanz, den seiner Hände Arbeit hervorbrachte, ausgleichen wollte, hüllte er sich in finsteres Schweigen. Nachdem er hunderten von kupfernen Töpfen, Schüsseln, Löffeln und Trinkkellen wieder zu herrschaftlichem Glanz verholfen hatte, packte er seine Sachen zusammen und machte sich auf den Weg. Dass er, und sei es auch nur ganz am Rande, mit dem Verschwinden eines Mannes in Zusammenhang gebracht wurde und noch dazu nicht das Geringste ausrichten konnte, machte ihn so betroffen, dass er in einem fort vor sich hin seufzte. Beim Abschied sagte er noch zum Dorfwächter: »Jetzt gehe ich dorthin, wo ich lebe.«

Doch erst als der Verzinner schon den Mühlbach überquerte, begriff der Wächter, was er damit gemeint hatte, und erstarrte verblüfft. »Ja lebt er denn an mehreren Orten zugleich?«

Der Verzinner war noch keine Woche fort, als bei der Mühle, mit einem Zylinderhut auf dem Kopf und einem dunkelbraunen Esel, der Färber auftauchte. Unter der gleißenden Sonne sah man Färber und Esel, mal größer, mal kleiner, auf das Dorf zuschreiten. Nach einer Weile glich der Färber in der flimmernden Hitze immer mehr seinem Esel, und unter ziemlichem Gewackel seiner großen Ohren stieg er zum Bachlauf hinab. Als sie in die Ebene kamen, war plötzlich der Esel der Färber; er hatte den Zylinder auf, und seinem Maul entströmte Zigarettenrauch. So gingen sie eine Weile nebeneinander her. Als sie im Dorf ankamen, waren sie todmüde. An der Platane auf dem Dorfplatz trennten sie sich; da war der Färber wieder Färber und der Esel Esel. Die Männer vor dem Kaffeehaus wiesen dem Färber sogleich einen Platz zu, während der mit zwei Farbkesseln beladene Esel wie jedes Jahr unter den Maulbeerbaum trottete und nach Eselsart die Ohren hängen ließ.

Kaum saß der Färber, da erkundigte er sich nach Cıngıl Nuri, und jeder erzählte das, was er wusste. In der Hoffnung, nun werde man von ihm mehr erfahren, wurden die Stühle gerückt. Doch der Färber hatte lediglich von Nuris Verschwinden gehört und wusste sonst gar nichts. Das musste er eigentlich auch nicht, und dennoch blickten ihn flehende Augen an. Und als er am nächsten Tag unter seinen Farbkesseln Feuer entfachte, kam Nuris Frau mit ihren drei Kindern, baute sich vor ihm auf und wollte lange, lange nicht weichen. Der Färber, der die im Winter gesponnene Wolle für gewöhnlich in Flaggenrot, Paradiesgrün, Türkisblau oder Pechschwarz färbte, entschied sich daher diesmal zu Ehren Nuris für eine Fehlfarbe.

Schließlich kündigte der Bürgermeister an, er werde die Sache höheren Orts melden, damit sich Polizei und Militär auf eine Suchaktion begeben. Dann schwang er sich aufs Pferd und ritt in die Kreisstadt. Damit aber verschwand Nuri endgültig, und sein verwaister Frisörsalon verstaubte noch ein wenig rascher. Die Dorfbewohner harrten auf ihren Flachdächern tagelang der Rückkehr des Bürgermeisters und schauten von morgens bis abends in Richtung Stadt. Nuris Frau wiederum stellte sich vor, wie der Bürgermeister durch Berg und Tal, über Stock und Stein unterwegs war, und eines Tages setzte sie sich auf den Steinhaufen vor seinem Haus und sah zu der wehenden Fahne auf dem Dach empor. In deren Farbe erkannte sie, groß und mächtig, den Staat, was sie mächtig erschauern ließ. Ob nun aus Furcht oder aus Freude, war ungewiss; falls es Freude war, so furchtsame Freude, falls Furcht, so freudvolle Furcht.

Als nach einer langen Zeit, die den Dorfbewohnern wie tausend Jahre vorkam, der Bürgermeister aus der Kreisstadt zurückkehrte, sagte er zu der Frau mit einer Stimme, die so müde klang wie sein Pferd: »Geschafft. Nun geht alles seinen Gang.«

Allenorts habe er Bericht erstattet, in jeder Behörde sein Sprüchlein aufgesagt, Nuris Verschwinden überall zu Protokoll gegeben und registrieren lassen, und außerdem habe er in allen Kaffeehäusern, Gasthäusern und Badehäusern, die es in der Kreisstadt nur gab, die ganze Geschichte erzählt. Es wisse nun wirklich jeder über alles Bescheid, und Nuris Verschwinden sei von jedermann geradezu verinnerlicht. Nun heiße es, geduldig abzuwarten, und in Bälde schon werde auf roten Schwingen eine frohe Botschaft eintreffen.

Da freute sich Nuris Frau so sehr, als sei ihr Mann schon gefunden. Schluchzend wuselte sie um ihre Kinder herum und herzte und drückte sie hundertmal. Nach wie vor aber ging sie jeden Tag zum Haus des Bürgermeisters, setzte sich auf den Steinhaufen und sah zur Fahne hoch. Der Staat, den sie in jener Farbe wahrnahm, stand ihr nun noch deutlicher vor Augen. Manchmal war ihr, als sitze sie in seinem Schatten, und aufgeregt stand sie dann auf und streckte den Kopf vor, um zu sehen, was sich hinter seiner Fassade verbarg. Nun, es lag ein großer Saal dahinter, in dämmrigem Licht. Darin saßen um einen langen Tisch langgesichtige Schreiber und notierten den Namen ihres Gatten. Die Stifte, die sie in Händen hielten, waren lang wie Hirtenstäbe und blitzten beim Schreiben immer wieder auf. Dann wurden die Papiere gestempelt, mit einem Stempel aber, der ungleich größer war als der Stempel des Bürgermeisters. So groß nämlich war er, dass er als der Großvater aller Stempel gelten durfte, und was mit ihm gestempelt war, durfte der Mensch nicht einmal mit seinem Schatten berühren.

Dann wurden die Papiere in Umschläge gesteckt. Vor der Tür nahmen spitzgesichtige Boten die Umschläge entgegen und schoben sie in ihre Taschen, bis auf einen Umschlag, der vergessen worden war und nun inmitten des Saales, in dem die Boten mit den Flügeln schlugen, herrenlos herumlag. Nuris Frau geriet in Aufregung, denn gerade in diesem Umschlag konnte doch das Nuri betreffende Papier sein, und als sie einige Schritte darauf zuging, stand ihr plötzlich der Bürgermeister gegenüber, der soeben aus dem Haus getreten war.

Ihm zufolge war alles nur noch eine Frage von Tagen.

Wieder ging leise die Tür auf; die Katze streckte ihre Zunge heraus wie ein rotes Taschentuch und leckte sich.

»Reşit wartet noch immer draußen«, sagte die Frau des Bürgermeisters. »Wann kommst du denn endlich?«

Der Bürgermeister zog sich das Unterhemd mit dem Erbrochenen vom Leib und warf es an die Wand.

»Ich komme ja schon«, rief er ungehalten. »Der soll gefälligst warten!«

5

Als der Frisör den Blick von der Straße abwandte und sich wieder dem Ziegenbärtigen widmete, hatte er noch immer diesen Henkersblick.

»Ihnen wachsen ja die Haare schon in den Bart hinein«, sagte er in einem Ton, der über seinen Blick hinwegtäuschen sollte.

Der Ziegenbärtige gab keine Antwort. Als fürchte er, sich im Spiegel zu sehen, saß er mit geschlossenen Augen da. Er tat so, als wäre nicht er es, dem die Haare in den Bart hineinwuchsen, weil ein Teil von ihm an einem ganz anderen Ort lebte und ein anderer Teil hier im Frisörstuhl vor sich hin döste. Als der Frisör jedoch zur Schere griff und kurz damit schnippte, wachte der Mann auf.

»Schneiden Sie nur vom Schnurrbart weg, was mir in den Mund wächst«, sagte er und sah dabei auf die Taubenzeichung über dem Spiegel. »Haben Sie das gezeichnet?«

»Ja, aber das habe ich Ihnen schon einmal gesagt. Jedes Mal fragen Sie mich danach.«

Der Ziegenbärtige saß stumm da wie ein gescholtenes Kind. Sein Blick glitt von der Zeichnung zurück in den Spiegel. Der Lehrling holte hinter einem Vorhang einen Besen hervor und fegte die auf den Boden gefallenen Haare zusammen.

»Halt«, rief da der Ziegenbärtige. »Halt!«

Der Lehrling erstarrte. Mit aufgerissenen Augen blickte er den Ziegenbärtigen an, der aus dem Frisörstuhl aufstand. Wem der Ausruf eigentlich gegolten hatte, war niemandem klar.

Hastig ging der Mann auf die Tür zu, doch bevor er sich ins Straßengetümmel stürzte, drehte er sich noch einmal um. »Geld gibts keins, draußen ist alles voller Skelette«, sagte er zum Frisör.

Der Frisör nickte. Wehmütig sah er dem Ziegenbärtigen nach, der sich durch die Autos schlängelte und schließlich um die Ecke bog. Dem Frisör schien irgendetwas zu fehlen.

»Wer war denn das?«, fragte ich scheu.

»Nuri heißt er«, antwortete der Frisör, »aber woher und was er ist, weiß ich auch nicht.«

6

Während der Bürgermeister bedächtig sein Hemd zuknöpfte, schritt er zum Fenster und sah müden Auges auf das Dorf hinaus, das in der Sonne dalag wie ein verwundetes weißes Tier, das gleich zu atmen aufhört. Haus um Haus, Straße um Straße wurde von einem Schauer durchfahren. Als plötzlich das Knarzen eines Ochsenkarrens laut wurde, flog aus einem Maulbeerbaum ein Spatzenschwarm auf, der sich gleich danach zweiteilte, worauf die eine Hälfte der Spatzen wie ein Platzregen in irgendeinen Hof einfiel, während die andere auf das Haus von Cıngıl Nuri zuhielt.

In jenem Haus hatte es eines Abends eine Zusammenkunft gegeben. Wohl um das Auffinden ihres Mannes zu erleichtern, hatte Nuris Frau in den Zimmerecken zwei Öllämpchen aufgestellt, deren Rauch sich zu den Maiskolben hinaufkringelte, die von der Decke herabhingen. Nuris Verwandte nahmen auf den Polsterbänken Platz. Die Alten strichen sich immer wieder sorgenvoll über den Bart. Manche starrten in Gedanken versunken auf die Öllämpchen, während andere anscheinend der Meinung waren, je schwungvoller sie ihre Gebetskette durch die Finger gleiten ließen, desto schneller würde es in der Angelegenheit zu einer Lösung kommen. Nuris Frau klagte darüber, der Bürgermeister nehme die Sache nicht mehr ernst. Seit er die Behörden unterrichtet habe, fühle er sich nicht mehr zuständig. Es sei sogar so, dass er in der Kreisstadt nicht einmal mehr nachfrage. Und das Gerücht gehe um, dass er Nuris leer stehenden Frisiersalon einem Frisör aus einem Nachbardorf überlassen wolle. Was auch immer zu tun sei, müssten sie daher selbst in die Hand nehmen, und daher sei es nötig, alles noch einmal zu besprechen und zu einem handfesten Beschluss zu kommen.

Die Umsitzenden lauschten versonnen den Worten der Frau und wiegten die Häupter. Im Rhythmus ihrer Bewegungen wurden die Schatten an den Wänden mal kürzer, mal länger, und es schien, als hielten die Schatten selbst miteinander Zwiesprache, um in ihrer eigenen Welt nach einem anderen Nuri zu suchen.

Das Treffen dauerte, bis die ersten Hähne krähten. Als die Kinder sich der Reihe nach an der Wand zum Schlafen hinkauerten, ergriffen die weißbärtigen Alten das Wort. Einer von ihnen führte Beispiele aus der Geschichte des Dorfes an und sprach über längst vergessene Tote. Einige nickten dazu. Dann machte sich ein anderer daran, die gleichen Vorkommnisse noch einmal zu erzählen, diesmal in aller Ausführlichkeit. Die Zuhörer folgten seiner spröden Stimme in eine vergangene Zeit. Dort erlebten sie inmitten ihrer Großväter eine bislang verborgene Seite ihres Dorfes. Indes verblieben sie nicht lange dort, denn die spröde Stimme rief sie wieder zusammen und holte sie in das Zimmer zurück. Ihre Kleider waren blutverschmiert. Verblüfft schauten sie sich an, und voller Entsetzen wurde ihnen auf einmal klar, welch tiefe Geheimnisse Nuris Verschwinden womöglich barg.

In der Morgendämmerung gingen sie nach und nach auseinander wie vom Wind verwehte Silben des Gebetsrufes. Durch halbdunkle Straßen gelangten sie nach Hause und legten sich zu unruhigem Schlaf nieder. Am späten Vormittag erwachten sie, tranken höchstens noch einen Salbeitee, packten dann in ihre Satteltaschen etwas Brot, Käse und Unterwäsche und machten sich auf die Suche nach Nuri.

Der Bürgermeister schärfte ihnen bei der Abreise ein, sie sollten, falls ihr Weg sie in die Kreisstadt führe, nur ja nicht bei irgendeiner Behörde nach Nuri fragen. Zum einen sei das gar nicht nötig, und zum anderen könne es unverhoffte Folgen zeitigen, wenn man die Herren Beamten überflüssigerweise behellige. So sei nun mal der Staat, mit Sturheit komme man da nicht weiter. Überhaupt gebärde sich der Staat eher wie ein Fünfzehnjähriger: Wenn er an einer Sache erst mal die Lust verloren habe, würdige er sie fortan keines Blickes mehr. Sie sollten deshalb keinesfalls bei irgendeinem Amt vorstellig werden. Ohnehin habe er ja überall Bescheid gesagt und bei jeder Behörde alles zu Protokoll gegeben, dessen sollten sie versichert sein. Wenn sie schon unbedingt nach Nuri fragen wollten, dann sollten sie dies doch in den Gasthäusern, den Kaffeehäusern, den Badehäusern und den Herbergen tun. Und bei den Frisören natürlich, schließlich sei Nuri selbst Frisör, da höre man doch voneinander. Außerdem seien die Frisöre sattsam als geschwätziges Völkchen bekannt, das überall das Gras wachsen höre. Und noch etwas: Wenn sie sich nach Nuri erkundigten, dann sei es ratsam, ihn nicht mehr so zu beschreiben, wie sie ihn in Erinnerung hätten. Seit seinem Verschwinden seien so viele Jahre ins Land gegangen, dass er sich vollkommen verändert haben könne. Das gleiche Hemd wie damals trage er ohnehin nicht mehr, aber vielleicht seien jetzt auch seine Nase, sein Mund, seine Haare, sein Bart oder auch sein Blick nicht mehr wie damals. Denkbar sei sogar, dass man ihn gerade deswegen bisher nicht gefunden habe.

Die Aufbrechenden nickten stumm. Dann bestiegen sie ihre Pferde und Esel und sahen mit halbherziger Hoffnung zu den Bergen jenseits der Ebene. Deswegen wohl lastete ihnen schon bei der Abreise die Müdigkeit der Rückkehr auf den Schultern.

Es vergingen daraufhin Wochen, Monate, Jahre. Zwei-, drei- mal pro Monat kam mit dem Motorrad ein Briefträger aus der Kreisstadt ins Dorf und überbrachte die von den Männern aufgegebenen Telegramme. Der fuhr dann, ohne irgendjemanden anzusehen, ein paar Mal um die Platane auf dem Dorfplatz herum, tauchte dann aus der von ihm verursachten Staubwolke auf und fragte träge nach dem Bürgermeister. Das ganze Dorf geriet in Aufregung, wenn der Briefträger kam; auf dem Dorfplatz ging es binnen kurzem zu wie an einem Festtag, und wer auf dem Feld arbeitete, ließ alles stehen und liegen und eilte herbei. Dennoch hielt sich nie einer der Briefträger länger in dem Dorf auf. Kaum hatten sie das Telegramm übergeben, da schwangen sie sich schon wieder auf ihr Motorrad, fuhren noch eine kurze Runde um die Platane und brausten davon. Als fürchteten sie, für Nuris Schicksal verantwortlich gemacht zu werden, brachen sie immer auf, noch bevor das Telegramm gelesen und die Nachricht im Dorfe verbreitet werden konnte, und wenn sie so eilig davonfuhren, drehten sie sich nicht einmal mehr um. Die von alledem gänzlich unbetroffenen Kinder spielten dann jedes Mal noch monatelang mit den hinterlassenen Radspuren und machten das Geräusch eines Motorrads nach, während sie um die Platane rannten. Meist war es dann Cennets Sohn, der sie davonscheuchte, indem er wie ein riesiges Kind unter sie fuhr und einem jeden bis nach Hause hinterherlief.

Der Bürgermeister hielt diese Telegramme für fatal. Anstatt in den Köpfen der Leute Verwirrung zu stiften, hätten die Nuri-Sucher besser gar nicht schreiben sollen. Durch jede neue Nachricht wurden nämlich die bis dahin eingetroffenen Telegramme Lügen gestraft, und manchmal taten die Widersprüche sich sogar zwischen dem ersten und dem letzten Wort ein und desselben Telegramms auf. Man wusste im Dorf nicht mehr, woran man sich halten sollte. Der Dorfwächter indes hatte eine gewisse Meisterschaft darin entwickelt, die Telegramme zu einander in Beziehung zu setzen. Dazu muss gesagt werden, dass er sie hunderte von Malen las. Nuris Frau bewahrte jedes Telegramm an ihrem Busen auf, als wäre es ein wahrhaftiges Stück ihres Mannes, und wenn ihr gerade danach war, ließ sie sich die Nachrichten vom Wächter vorlesen.

Mittlerweile mochten an die drei Jahre vergangen sein. Nachdem die Männer, die einst aufgebrochen waren, um Nuri zu suchen, ihr damaliges Ich irgendwo verschleudert hatten, kehrten sie eines Tages mit zerfurchter Stirn, hängenden Schultern und verwelkten Hoffnungen ins Dorf zurück. Es war nichts aus ihnen herauszubringen, gerade so, als seien sie all diese Zeit über nirgends hingegangen und hätten nichts gesehen, oder aber als seien sie zwar irgendwo hingegangen, aber zurückgekommen seien nicht etwa sie selbst, sondern andere in ihrer Gestalt. Vielleicht waren die Rückkehrer nur noch Teil ihres einstigen Ich und damit trauriges Abbild ihrer selbst. Nuris Frau jedenfalls war ganz durcheinander und wusste nicht, wen sie nun was fragen sollte, sodass sie wie ein Huhn mit drei Küken flügelschlagend von einer Tür zur anderen huschte.