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Wegen einer pubertären Auseinandersetzung mit einem 45-jährigen Arbeitskollegen den sexuellen Horizont der Beziehung erweitern? Die Menschen hatten schon bessere, aber auch deutlich schlechtere Ideen. Das denkt sich auch Sören und ernennt sich kurzerhand zum Revolutionär seines heimischen Sexlebens. Doch wie so viele Helden der Menschheitsgeschichte kann man an den kleinsten Dingen scheitern.
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Seitenzahl: 58
Veröffentlichungsjahr: 2022
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KAPITEL EINS
KAPITEL ZWEI
KAPITEL DREI
KAPITEL VIER
KAPITEL FÜNF
KAPITEL SECHS
KAPITEL SIEBEN
KAPITEL ACHT
KAPITEL NEUN
KAPITEL ZEHN
KAPITEL ELF
KAPITEL ZWÖLF
KAPITEL DREIZEHN
Paketstatus: Abgeholt und auf dem Weg zu Ihnen. Diese E-Mail las Sören an diesem Samstagmittag nun zum vierten Mal und verfolgte akribisch den kleinen roten Punkt, der sich quälend langsam durch die Nachbarschaft schlängelte.
Er legte das Handy weg und versuchte, sich weiter auf das Fußballspiel im Fernsehen zu konzentrieren. Bochum vs. Hertha. Eine Persiflage auf jedes ernst zu nehmende Bundesligaspiel.
Seit er am Mittwoch die Bestellung getätigt hatte, aktualisierte er stündlich den Sendungsverlauf der kostbaren Fracht und wunderte sich über sich selbst. Was als Übersprungshandlung aus einer Auseinandersetzung mit einem Arbeitskollegen begann, hatte sich in der Folge zu einer fixen Idee gewandelt, die ihm einen perfekten Geburtstag bescheren sollte.
Während er dabei zusah, wie gleich zwei Spieler hintereinander einen falschen Einwurf machten, wanderten seine Gedanken noch mal zurück zum vergangenen Mittwoch und der „Unterhaltung“ mit Andy, die alles ins Rollen brachte.
„Ich schwöre euch, die Frauen stehen drauf, wenn man ihnen beim Vögeln so richtig auf den Arsch haut. Ich hatte da neulich so eine Italienerin. Die ist gleich voll abgegangen.“
Lautes Gelächter, Zustimmung, einige klatschten.
Was nach einem typischen „Oktoberfest-ich-hatte-schon-vier-Maß“-Vortrag spätpubertierender Junggesellenabschiedler klingt, kommt von Andreas ‚Andy‘ Regner, 45, frisch geschieden, und findet in der Kantine der Seidler AG statt.
Um 13:15 Uhr am Currywurst-Mittwoch, an dem in der Mittagspause mehr los ist als an einem Black Friday im Elektronikfachhandel.
Sören schüttelte den Kopf und schaute sich kurz um, ob nicht eine der vielen Kolleginnen diesen peinlichen Monolog mitbekommen hatte und ihn jetzt womöglich in Sippenhaft nahm – am Tisch der Perversen, an dem er unfreiwillig saß. Dabei blickte er Andy versehentlich direkt in die Augen.
„Na, Schmitti, überlegst du, wie du deiner Alten in der Missionarsstellung auf den Arsch hauen kannst? Mehr geht bei dir in der Kiste doch nicht ab.“
Einfach ignorieren. Auf solche Spiele lässt du dich gar nicht erst ein.
Doch, statt die Lust zu verlieren, schien das Schweigen Andy weiter anzustacheln.
„Schatz, heute ist Donnerstag, da wollten wir doch immer Sex haben“, sagte er mit einer hohen Stimme, mit der er offensichtlich Sörens Frau nachahmen wollte.
„Ach, mein Hase“, diesmal tiefer, also in der Rolle von Sören, „ich muss doch morgen früh raus. Die Lehmann-Schadenregulierung. Weißt du doch.
Vielleicht, wenn wir schnell machen. Dann ein bisschen Petting, bisschen Missionar, und das nennt der Sösö dann Sexleben.“
Andy schloss mit einem schmierigen Lachen und schaute sich triumphierend am Sechsertisch um. Alle lachten. Natürlich.
Was für ein aufgeblasener Fick-Heini. Der Prototyp einer Midlife-Crisis, mit einem Dieter Bohlen-artigen Modegeschmack und der entsprechenden unnatürlich ledernen Gesichtsfarbe. Laut, aufdringlich und immer an der Grenze zur sexuellen Belästigung. In 20 Jahren long-time in Thailand, an der Hand zwei junge Mädchen als billiger Abklatsch eines Hugh Hefner. Aber in diesem Moment nicht gänzlich auf dem Holzweg.
Wie von Andy behauptet, war Missionar seine Lieblingsstellung. Er liebte seine Frau und ihre Nähe beim Sex, und konnte nie etwas damit anfangen, sie unpersönlich „von hinten zu nehmen“. Doch das würde er diesem Schmierlappen von Kollegen sicher nicht stecken. Also freestyle:
„Missionieren ist so was von 19. Jahrhundert“, hörte er sich sagen und spann sich gleichzeitig eine lässige und cool wirkende Antwort zurecht. „Wir stehen eher so auf Sextoys. Du weißt schon.“
Lässig verschränkte er die Arme hinter seinem Kopf und lehnte sich zurück. Das, so hatte er es im Bestseller „Menschen lesen“ von Joe Navarro gelesen, zeugte von Selbstbewusstsein. Raum einnehmen. Sein Gegenüber einschüchtern. Doch, während seine Körpersprache – wie er hoffte – Dominanz ausstrahlte, schalt er sich innerlich.
Sextoys, was für eine dumme Idee! Was weißt du denn über Sextoys?! Genauso gut hättest du über Motorräder reden können – peinlich!
Bei Andy schien die Aussage jedoch das Interesse geweckt zu haben:
„Unser kleiner Sösö spielt also gerne mit Sachen? Womit denn so? Einem Umschnalldildo und dann schön Pegging-Vollgas?“
Pegging, was soll das denn schon wieder sein? Hatte er noch nie gehört. Doch Andys Gesichtsausdruck, ein kindisch-vorfreudiges „Papa-setzt-sich-gleich-auf-ein-Furzkissen“-Grinsen war Warnung genug, nicht auf dieses Thema einzugehen. Trotzdem hatte er keine Ahnung, was ein passendes Sextoy sein könnte.
Dildos? Nein, zu vulgär.
Vibrator? Doch eher was für Frauen.
Ein Analplug? Gott bewahre!
Dann Geistesblitz. Donnerstag, 23:15 Uhr, RTL2, die Reportage: Sexschaukel. Das ist es! Das hat Stil.
„Sexschaukel!“ rief er so laut, dass er einige böse Blicke kassierte und nun gewiss bei allen als fester Bestandteil dieses Tisches galt. „Sexschaukel“, wiederholte er leiser. „Wir benutzen eine Sexschaukel. Dauernd. Geht gar nicht mehr ohne. Hast du das schon mal gemacht, Andy? Mit deiner kleinen Italienerin?“
Schach und, dem langen Schweigen von Andy nach zu urteilen, wohl auch matt. Doch noch ein guter Tag, dachte er, pickte mit einer kleinen harten Pommes eine größere auf, versenkte die Kombination in Mayo und schob sie sich genüsslich in den Mund.
Die Kollegen Hauser, Bohrmeister, Peters und Ungül starrten derweil wie Collegeboys hoch zu ihrem heroisierten Quarterback, verwirrt, dass ihr sonst um keinen Spruch verlegener Rädelsführer nichts Schlagfertiges zu erwidern wusste.
„Pfffff“, machte er, kratzte sich am Kopf und versuchte fieberhaft, einen coolen Spruch aus seinen Gehirnwindungen zu pressen.
Erbärmlich.
„Ich glaube dir kein Wort. Du bist doch dumm, wie ’n Sack Suppe und blöd genug, dich an deiner eigenen Krawatte zu erhängen, wenn sie dir deine Frau nicht jeden Morgen binden würde. Da kriegst du doch keine Schaukel an die Decke, geschweige denn, den Schwanz in deine Frau.“
Vom Quarterback zu „Du bist doch voll selber blöd“ in 30 Sekunden. Wie traurig. Auch seine Fans reagierten lediglich mit vereinzelten unaufrichtigen Lachern. Ein höfliches Publikum bei einem Open Mic, das dem Comedian auf der Bühne nicht komplett den Traum von einer Stand-up-Karriere ruinieren will.
„Wenn du meinst. Ich für meinen Teil muss jetzt arbeiten. Lehmann wartet“, antwortete Sören trocken und stand auf.
Schnell, um nicht doch noch unter eines der Räder von Andys momentan angekratzten Monstertruck-Egos zu geraten, nahm er sein Tablett und wandte sich ab.
Wie erwartet, hatte Andy noch nicht aufgegeben:
„Dann zeig doch mal ein Bild, du Möchtegern-Casanova“, rief er ihm hinterher „Behaupten kann das ja jeder.“
Doch selbst das konnte Sören nicht mehr aus der Ruhe bringen.
„Jaja, zeige ich dir nächste Woche. Wenn du es nötig hast“, antwortete er und verschwand Richtung Ausgang. Bereit, Andy als Trottel dastehen zu lassen und sich wirklich eine Sexschaukel in den Keller zu hängen. Schließlich hatte er damals in der Studenten-WG einen Boxsack an die Decke gedübelt. Kein Problem.
Fasziniert klickte sich Sören durch die Welt von Amorelie.de. Einer Welt, mit der er vorher nicht das Geringste zu tun hatte.
